Jan 26, 2018


MARIANNE FAITHFULL - Broken English
(Island Records 371 173-2, 2013 / Originalaufnahmen von 1979)

Inmitten der ausklingenden Punk-Aera und der aufsteigenden New Wave Welle meldete sich eine damals alte Bekannte mit einem phänomenalen, absolut zeitgeistigen Werk von unglaublicher Schönheit und einer Art bodenständiger Fragilität zurück: Marianne Faithfull, die Rock-Muse aus den 60er Jahren. Ihre manchmal nahe am Wegkippen angesiedelte brüchig-verraucht/verruchte Stimme erklang in einem modernen Soundgewand, für das mehrheitlich Steve Winwood sorgte, der zur damaligen Zeit selber mit zeitgenössischem Synthetik-Sound experimentierte, der in der Folge in sein bis dahin erfolgreichstes Album "Arc Of A Diver" münden würde. War schon diese famose LP immer ein Bestandteil meiner Plattensammlung, so war die 2013 neu aufgelegte Deluxe 2CD Edition eine echte Ueberraschung.

Kurz auf die Tracklists der beiden CDs geschaut, war ich erst etwas skeptisch, warum denn da zweimal dieselben Stücke zu hören sein sollen. Die originale Platte fand ich immer schon wunderbar, und interessant fand ich deshalb die Ueberschrift bei CD 2: "Original Mixes - previously unreleased". Zum ersten Hördurchgang legte ich mir erst die CD1 ein mit dem originalen, klangtechnisch restaurierten Album. Der Klang ist merklich direkter, transparenter auch als auf dem originalen Vinyl Album. Auch klingt das neue Remaster nicht mehr so ganz trocken und steril wie die unremasterte CD-Erstveröffentlichung. Leider dominieren auf der Platte ja viele synthetische Keyboard-Klänge, teils arg  kalte Sounds wie bei vielen Platten aus den 80er Jahren. Remastered aber klingt das sehr viel wärmer, eventuell auch, weil das neue Remaster sehr druckvoll klingt.

Die grosse Ueberraschung kam dann, als ich mir die CD 2 dieses Sets einlegte. Unfassbar, was ich da zu hören bekam. Die "Original Mixes" - das sind exakt die Aufnahmen, die Marianne Faithfull damals veröffentlicht haben wollte, die aber von der Plattenfirma abgelehnt wurden, weil sie zu rockig/punkig ausgerichtet waren. Dem beigelegten umfangreichen Booklet der Doppel-CD ist zu entnehmen, dass Marianne Faithfull damals ziemlich unglücklich darüber war, dass man die originalen Mixdowns der Platte nicht veröffentlichen wollte. Marianne hatte damals eine klasse Begleitband, und zu den Musikern gesellten sich im Studio dann damals angesagte Top-Sessionmusiker, allen voran Steve Winwood, dessen musikalischen Einfluss sich durch die damals veröffentlichte Version hörbar durchzieht.

Ganz anders bei den "Original-Mixes". Die waren so zu Ende gebracht worden, als würde es sich bei der Platte "Broken English" um eine waschechte Post-Punkrock Produktion handeln, was in jedem Fall Faithfull's damaliger Lebensphase entsprach. Sie verkehrte in jenen Tagen viel in Punk-Kreisen und meinte später zu den ursprünglichen Album-Aufnahmen unter anderem: "Punk made the album possible". Umso grösser war ihre Enttäuschung, als Island Records-Labelchef Chris Blackwell den Befehl gab, die Platte glattzubügeln, moderner zu arrangieren und alle Noise-Gitarren weitgehend zu eliminieren, sodass am Ende ein zwar zeitgemässes, aber leider etwas steriles Gebräu aus synthetischem Pop mit einer zugegebenermassen immer noch umwerfenden Frau Faithull am Mikrophon herauskam. Experimenteller New Wave-Sound, wie er typisch war für die damalige Zeit, bestimmte dann das Album. Wenn man den direkten Vergleich zwischen originalem Faithfull-Mix und dem späteren Album-Mix zieht, ist der Gesang der Dame auf dem Album-Mix vielleicht etwas präsenter, klingt eher nach Einzelinterpret, die originalen, nichtveröffentlichten Mixes klingen aber nach "Band" mit Sängerin, sind viel rhythmischer und auch organischer: in der Tat eine waschechte Rock-Platte.

Marianne Faithfull erzählt, dass sie damals dachte "I gave myself permission to make a record that I'd wanted to make for a long time. I was going to die and this might be my last chance to make a record. It's this sense, that fucking hell before I die, I'm going to show you bastards who I am". Faithfull bezeichnete die Platte, als sie herauskam im neuen Klang-Gewand als "overproduced" und bedauerte den Verlust des punkigen Feels der Platte. Sie sagt: "I had a copy of "Broken English" before it was overproduced, and that was a masterpiece. Unfortunately I lost it". Dem Booklet ist zu entnehmen, dass Marianne Faithfull damals mit ihrem Ehemann Ben Brierly in einem Apartment des Chelsea Hotels gewohnt hat. Bei einem Brand in dem Hotel ist dieser Album-Mix verloren gegangen und Faithfull übersiedelte danach nach Amerika.

Der für diese Deluxe Edition verantwortliche Andrew Batt fand schliesslich in den Archiven von Island Records noch ein Exemplar dieses originalen Masters. Das Anhören dieser Version der Platte ist ein Hochgenuss. Alle Songs haben eine ganz andere Charakteristik, allen voran das Titelstück "Broken English", das von den Gitarrensounds mit Stakkato-Riffs geprägt ganz anders klingt als das bekannte "Original". Ein absoluter Volltreffer ist auch das Stück "Why D'Ya Do It", das mit seinen wilden und rotzigen Gitarrenparts klingt, als wäre es von Tom Verlaine gespielt (Television). Das Stück hört sich an, als würde es vom Television-Album "Marquee Moon" stammen. Zudem ist diese Version 2 Minuten länger als die spätere offizielle Version (fast neun Minuten lang). Und dann stellt Euch das allseits bekannte "Ballad Of Lucy Jordan" mit akustischen und elektrischen Gitarren vor, und nicht so hochglanzpoliert im Synthie-Popsound wie man es kennt.

Mein persönliches Fazit: Bei dieser 2013er Deluxe Edition erhält man zum einen ganz sicher die hervorragend klingende remasterte Version eines popmusikalischen Meilensteins. Dazu das gesamte Album in Marianne Faithfull's favorisiertem, ursprünglichen Mix, den ich persönlich wesentlich interessanter finde und der meiner Ansicht nach Marianne Faithfull's Naturell als eigentlicher Rocksängerin gerechter wird. Ebenfalls ein klarer Gewinn sind die 5 zusätzlichen Bonustracks - unter anderem die damalige Maxisingle-Langversion von "Sister Morphine" (6:04). CD 1 wiederum enthält noch ein 12 Minuten langes Promo-Filmchen mit Marianne Faithfull in der Hauptrolle, unterlegt mit drei Songs des Albums. Ein schönes und dieser hervorragenden Künstlerin absolut würdiges Set.

Top-Track für mich persönlich "Why D'Ya Do It".





Jan 23, 2018


OUT OF MY HAIR - Drop The Roof (RCA Records 74321-34837-2, 1996)

Die Band Out Of My Hair bestand aus Simon Eugene, auch bekannt unter seinem Pseudonym Comfort (Gesang, Gitarre, Bass, Klavier, Keyboards), Sean Elliot (Gitarre), Kenny Rumbles (Schlagzeug) und George Muranyi (Keyboards). Ihre Single "Mister Jones" erreichte in den britisachen Charts immerhin den Rang 73. Eine frühe Version der Band wurde von Eugene bereits im Jahre 1991 gegründet. Mit dabei war damals auch Barny C. Rockford, welcher später ein Mitglied der sehr viel bekannteren Band The Auteurs wurde und dort trommelte. Diese frühe Variante der Band absolvierte mehrere Auftritte in England und Holland, ohne jedoch eine Platte zu veröffentlichen. Erst im Herbst 1993, als Simon Eugene befand, dass die Chemie innerhalb der Band nicht stimme ("the chemistry of the band didn't seem right"), entschloss er sich dazu, die Gruppe neu aufzustellen. Elliot verblieb an der Gitarre, Rockford wurde ersetzt durch Kenny Rumbles, Eugene ersetzte auch Jake am Basss und John George kam neu als weiterer Gitarrist in die Band.

Im Juni 1994 wurde die erste Single dieser neu aufgestellten Formation veröffentlicht: "In The Groove Again" mit der B-Seite "River Of Gold". Erst im Spätherbst 1995 folgte auch das entsprechende Album zur Single mit dem Titel "Drop The Roof". Man mag es ja eigentlich nicht so recht glauben, dass es in den 90er Jahren tatsächlich eine so hippieske Band, die zudem noch völlig unbekannt war, schaffte, von einer grossen Plattenfirma unter Vertrag genommen zu werden und erstmal als britische Band in Japan eine LP veröffentlichen durfte - die dann dort auch noch zum Hit wurde. Sowohl hierzulande, wie auch in ihrer Heimat England jedoch kannte niemand dieses hervorragende Quartett aus London, dessen einziges Manko wahrscheinlich die weitgehende Reduktion in instrumentaler Hinsicht war, sodass sie nicht dem Etikett "Brit Pop" entsprach, das der Band von der Plattenfirma aufgedrückt worden war.

Eine erste Single ("Hearts Desire") blieb unbeachtet, ebenso wie das nachfolgend ebenfalls als Single veröffentlichte Titelstück ihrer einzigen LP. Dasselbe Schicksal ereilten sowohl das Album, sowie die beiden ebenfalls aus dem Album ausgekoppelten Singles "Mister Jones" und "Safe Boy", die 1995 nachgereicht wurden. Und obwohl die Band als Support Act selbst mit grossen Stars wie David Bowie, den Barenaked Ladies oder den Crash Test Dummies unterwegs war, ging die Gruppe sang- und klanglos unter und verschwand 1997 von der Bildfläche.

Das war eigentlich schon rätselhaft, denn die Single "In The Groove Again" war genauso wie das Album in Japan ein ziemlicher Erfolg. Warum dieser Erfolg nicht überschwappte auf den heimischen Markt bleibt letztlich unverständlich. Die Kritiker bewerteten das Album nämlich durchaus positiv. Vielleicht war das Quartett um den Bandleader Simon Eugene (Gesang, Gitarre, Bass, Piano), Sean Elliot (Gitarre), Kenny Rumbles (Schlagzeug) und George Muranyi (Keyboards) einfach zu unpopulär mit ihrem zumeist sehr akustisch gehaltenen Hippie-Pop. An den Kompositionen kann es jedoch nicht gelegen haben. Die waren meist von einer schwelgerischen frischen Unbekümmertheit getragen, die vielleicht mit etwas Glück zur perfekten Sommermusik hätte avancieren können.

Neben dem äusserst ohrwurmigen Titelstück sind auch die Tracks "Safe Boy", "I'd Rather Be" und vor allem das wunderbare "Wendy" äusserst hörenswert. Simon Eugene (alias 'Comfort'), der sämtliche Songs geschrieben hat, beweist auf der ganzen Platte ein geschicktes Händchen für Melodien, die in den Gehörgängen hängen bleiben. Die Band fiel mit ihrer reduktiven akustischen Popmusik leider durch jedes gängige Raster, weshalb diese schmucke und angenehme Platte leider weitgehend unbekannt blieb. Out Of My Hair verabschiedeten sich ebenso klammheimlich von der Szene, weil trotz guter Kritiken und einer relativ erfolgreichen Single ("In The Groove Again") kein grösseres Publikum von der Gruppe Notiz nahm. Die Band wurde 1997 aufgelöst.




 

Jan 21, 2018



NEIL ARDLEY - Kaleidoscope Of Rainbows (Gull Records GULP 1018, 1976)

Neil Ardley zeichnete sich in zwei völlig verschiedenen Berufen aus: als Jazz-Komponist und Autor von informativen Büchern für junge Leute; In seiner früheren Rolle als Komponist schrieb und nahm er so gefeierte Alben wie "Le Déjeuner Sur l'Herbe" und "Kaleidoscope Of Rainbows" auf, während er in letzterem mehr als 10 Millionen Bücher weltweit verkaufte. Ardleys grosser Beitrag zum Jazz kam mit der Umgestaltung des grossen Ensembles, vom etablierten Big Band-Format zum flexibleren Jazz-Orchester. Dabei folgte er dem Muster des amerikanischen Komponisten Gil Evans, entwickelte aber bald einen eigenen, höchst eigenständigen Ansatz. In ähnlicher Weise wie auch Evans, entwickelte er eine Art musikalische Information zu präsentieren, in welcher Worte und akustische Illustrationen eine fliessende und dynamische Einheit bildeten. Neil Richard Ardley wurde am 26. Mai 1937 in Carshalton, Surrey, geboren. Er besuchte die Wallington Grammar School und die Bristol University, wo er einen Abschluss in Chemie machte. Er lernte das Klavierspiel ab dem 13. Lebensjahr und spielte während des Studiums in Jazzgruppen, wo er auch kurz das Saxophon übernahm. 1960 zog Ardley nach London, spielte Klavier in der John Williams Big Band und studierte Arrangement und Komposition bei Ray Premru und Bill Russo.

1964 übernahm er die Leitung der Big Band des Baritonsaxophonisten Clive Burrows, nachdem sein Anführer sich der Popgruppe Alan Price Set angeschlossen hatte. Die Band wurde in New Jazz Orchestra (NJO) umbenannt, um sowohl ihren innovativen Ansatz als auch die Jugend ihrer Mitglieder widerzuspiegeln. Ihr Durchschnittsalter lag bei gerade mal 23 Jahren. Das erste Album der Band, "Western Reunion", das im Jahre 1965 erschien, enthüllte Ardleys unverwechselbaren Sound bereits verstörend und faszinierend zugleich in einer ersten embryonalen Form. Vor allem seine Komposition "Shades Of Blue" sollte ein erster markanter Richtungshinweis darstellen für seine kommenden Werke und Projekte. Zu dieser Zeit war Ardley auch der Redaktion der World Book Encyclopedia beigetreten und später nach Hamlyn gezogen, bevor er 1968 freiberuflich tätig wurde, um sich mehr der Musik zu widmen.

Im selben Jahr nahm das NJO sein zweites Album "Le Déjeuner Sur l'Herbe" für das bekannte Jazzlabel Verve Records auf. Dies zeigte Ardleys Konzept bereits vollständig entwickelt: Anstelle der fünf Saxophone der traditionellen Big Band präsentierte das Album eine Gruppe von vier Spielern, die Saxophone, Klarinetten, Flöten und Bassklarinette einsetzten. Das Orchester umfasste auch Französisch Horn, Tuba, Vibraphon und andere unkonventionelle Elemente. Die Vielfalt an Klang und Textur, die Ardley mit diesen Kräften erzeugte, blieb bis heute unübertroffen. In den frühen 70er Jahren wechselte Ardley allmählich vom Komponieren zum Schreiben, seine schriftstellerisch bevorzugten Hauptthemen waren Naturgeschichte (vor allem Vögel), Wissenschaft und Technik, allerdings auch die Musik. Es gab wenige Schulbibliotheken in diesem Jahrzehnt ohne mindestens eine Kopie seiner Bücher 'Atoms and Energy', publiziert im Jahre 1975, 'Die erstaunlichen Welt der Maschinen', erschienen 1977 oder 'Man And Space' von 1978. Das gleiche galt später für seine 'World Of Tomorrow'- und 'Action Science'-Reihe.

In der Zwischenzeit wurde Ardley dem Plattenproduzenten Denis Preston vorgestellt, der die Lansdowne Studios in West-London besass und grosse Erfolge mit Aufnahmen populärer Jazz-Künstler wie Acker Bilk feiern konnte, nachdem er festgestellt hatte, dass das New Jazz Orchestra sich musikalisch zu sehr abgrenzte. Er bot Ardley daher seine professionelle und finanzielle Unterstützung bei zukünftigen Aufnahmen an. Es folgten Ardleys bisher abenteuerlichste Werke, "The Greek Variations" (1969) und "A Symphony Of Amaranths" (1971). Diese erforderten viel grössere instrumentale Ressourcen als das New Jazz Orchestra, einschliesslich Streicher, orchestraler Holzbläser und Harfe, obwohl viele wichtige NJO Mitglieder weiterhin prominente Rollen spielten, darunter etwa der Trompeter Ian Carr (zu jener Zeit mit seiner eigenen Band Nucleus ebenfallls unterwegs), oder auch der renommierte Schlagzeuger John Hiseman (Colosseum), die Saxophonisten Barbara Thomson, Dave Gelly und Don Rendell und der Vibraphonist Frank Ricotti.

Das Album "A Symphony Of Amaranths" stellte den Höhepunkt von Ardleys Arbeit im Jazz-Idiom dar, mit Vertonungen von Gedichten von Yeats, Joyce und Carroll und einer Version von Edward Lears "Dong With The Luminous Nose", vorgetragen von Ivor Cutler. Ab diesem Zeitpunkt wandte sich Ardleys Interesse zunehmend dem Einsatz von Elektronik in der Musik zu. "Kaleidoscope of Rainbows", das Album, dessen Entstehungszeit ganze zwei Jahre von 1973 bis 1975 in Anspruch nahm und "Harmony Of The Spheres" von 1978, die Elektronik mit Live-Auftritten kombinierten, waren beide Hauptwerke und bemerkenswert fortgeschritten für ihre Zeit. Doch die boomende Plattenindustrie, deren enorme Gewinne mit anderen, kommerziell erfolgreichen Künstlern und Bands derart aufwendige und kostspielige Produktionen wie jene von Neil Ardley überhaupt erst möglich machten, gerieten schnell in Verfall, und Ardley fand sich schliesslich ohne einen Plattenvertrag wieder.

Glücklicherweise brachten die 80er Jahre grosse Fortschritte in der Verlagstechnologie, wodurch das Buchdesign flexibler und abenteuerlicher wurde. Ardley widmete sich nun hauptsächlich dem Schreiben und knüpfte eine enge Beziehung zum neuen britischen Verlag Dorling Kindersley. 1988 produzierte er in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Illustrator David Macaulay sein meistverkauftes Buch 'How Things Work'. Dieser bemerkenswerte Band, der das gewaltige Versprechen seines Titels erfüllte, indem er das Wie und Warum von praktisch allem, was sich bewegt, erklärte, gewann sowohl den 'Times Senior Information Book Award' als auch den 'Science Book Prize' 1989. Sein weltweiter Umsatz alleine mit diesem Buchtitel betrug drei Millionen britische Pfund.

Zu Ardleys musikalischer Haupttätigkeit gehörte damals Zyklus, ein elektronisches Jazz-Projekt, dessen CD "Virtual Realities" 1991 erschien. Seine letzte Jazz-Komposition war "On The Four Winds", die 1995 von New Perspectives für den britischen Sender 'Radio Three' aufgeführt wurde. Danach, nachdem er sich einer Reihe von Chören in der Nähe seines Heims in Derbyshire angeschlossen hatte, widmete sich Ardley dem Komponieren von Vokalmusik. Seine "Schöpfungsmesse" wurde 2001 fertiggestellt und aufgeführt und "The Dark Wood" - bisher noch nicht aufgeführt - wurde 2002 fertiggestellt. Ardley zog sich im Jahr 2000 vom aktiven Schreiben zurück; sein letztes Buch 'Energy And Forces' wurde 2002 beim Verlag Oxford University Press veröffentlicht. Neil Ardley war zweimal verheiratet; seine Frau und seine frühere Frau überlebten ihn ebenso wie eine Tochter aus erster Ehe.









Jan 19, 2018


JON LORD - Sarabande (Purple Records TPSA 7516, 1976)

Jon Lord war in erster Linie als Gründungsmitglied der Hardrock Band Deep Purple bekannt. Der Musiker galt als einer der Wegbereiter der Kombination von Rock mit Klassik. Sowohl sein Vater als auch seine Tante waren Performance-Künstler, die ihr Talent als Duo mit einer lokalen Tanzgruppe zur Aufführung brachten. Erste musikalische Aktivitäten entwickelte Lord am Klavier der Familie, an dem er ab dem Alter von fünf Jahren klassischen Unterricht bekam. Als Teenager beeindruckte ihn die musikalische Performance von Jazz-Organisten wie Jimmy Smith, und die von Pionieren des Rock'n'Roll-Pianos, wie Jerry Lee Lewis. Im Alter von 19 Jahren zog Jon Lord 1960 nach London, wo er an der Central School of Speech and Drama Schauspiel studierte. Als sich 1963 davon das Drama Centre London abspaltete, wechselte Lord mit anderen Lehrern und Schülern dorthin und schloss dort 1964 sein Studium ab. Von der Musik des Swinging London angezogen, begann Lord in diversen Jazz- und Rhythm & Blues-Combos zu spielen, die überwiegend in kleineren Kneipen und als Clubgigs in der Region London auftraten. Erste Erfolge konnte er mit der Bill Ashton Combo feiern, einer Jazzgruppe, die sich nach dem Saxophonspieler benannte. 1963 wechselte Jon Lord zu der von Derek Griffiths geleiteten Band Red Blood And His Bluesicians, was ihm ermöglichte, an seine erste elektrische Orgel zu kommen. Nach eigener Aussage war er in der Aufnahme des Kinks-Hits "You Really Got Me" als Pianist zu hören.

Die nächsten Jahre erspielte sich Jon Lord die Fähigkeiten zum Profimusiker. Er trat als Organist den bluesig-rockigeren Artwoods bei, deren Bandleader Art Wood, der ältere Bruder des späteren Rolling Stone Ronnie Wood, war. Die Artwoods veröffentlichten mehrere Singles und EPs, darunter das heutige Sammlerstück "Art Gallery", traten in Fernseh- und Radiosendungen auf und hatten viele Auftritte, schafften jedoch keine Hitparadenplatzierung, sodass sie sich bald wieder auflösten, nachdem ihr letzter Versuch, die Charts unter dem Pseudonym St. Valentine’s Day Massacre zu erreichen, ebenfalls scheiterte. Ronnie Wood nahm mit Jon Lord später drei Instrumentalnummern unter dem Namen Santa Barbara Machine Head auf. The Flower Pot Men, die eher ein Gesangsensemble waren und einen psychedelischen Hit hatten, waren für eine gebuchte Tournee auf Musikersuche und engagierten Jon Lord sowie Nick Simper und den Schlagzeuger Carlo Little, der bei den Screaming Lord Sutch’s Savages bereits an Ritchie Blackmores Seite spielte. Kurz darauf gründeten Jon Lord und Ritchie Blackmore Deep Purple, auch Nick Simper wurde als Bassist engagiert. Zwischen 1968 und 1976 galten Deep Purple als eine der populärsten und kreativsten Bands, wobei Jon Lords virtuoses Hammond-Orgelspiel massgeblichen Anteil hatte. Zwischen den Aufnahmen diverser Hardrockalben und zahlreichen Welttourneen mit Deep Purple fand er immer wieder Zeit für Soloprojekte. Zeitweise mit Unterstützung durch Deep Purple, wie 1969 bei "Concerto for Group and Orchestra" oder in Form von Soloalben wie "Gemini Suite", verband er Rockmusik mit klassischer Musik. Für den Film 'The Last Rebel' (1971) schrieb er mit Tony Ashton die Musik, die von Ashton, Gardner & Dyke eingespielt wurde.

"Sarabande" war eines seiner stärksten Soloalben, das vom 3. bis 6. September 1975 in Oer-Erkenschwick, laut Covertext 'in der Nähe von Düsseldorf' mit der Philharmonia Hungarica unter der Leitung von Eberhard Schoener aufgenommen wurde. Es erschien im Jahre 1976. Jon Lord knüpfte hier an die musikalische Form der Suite aus der Barockmusik eines Johann Sebastian Bach an. Jeder Track erinnerte an einen barocken Tanz: Fantasie, Sarabande, Aria, Gigue, Bourrée, Pavane, Caprice. Lord gelang damit eines der kompaktesten und stimmigsten Rock-Alben in Verbindung mit klassischer Musik. Unter den Kompositionen für Orchester und Rockband, die Jon Lord in den 70er Jahren schrieb, bildete "Sarabande" den Schlusspunkt. Das gleichnamige Album gilt bei vielen als sein gelungenster Versuch, zwischen den beiden Klangkörpern zu vermitteln. Dafür liessen sich auch durchaus Argumente finden: Die Musik auf "Sarabande" wirkte nicht so zerrissen wie auf den früheren Platten. Statt auf symphonische Dramatik setzte Lord nun auf eine entspannte Abfolge von Stücken und Stimmungen im Geiste einer barocken Tanzsuite. Die Rockband agierte dabei wesentlich geschmeidiger und weniger poltrig als die diversen Besetzungen, die er bis dahin verwendet hatte. Dafür waren nicht zuletzt Pete York am Schlagzeug und das spätere Police-Mitglied Andy Summers als Gitarrist verantwortlich.

Dass das Album bei Rockfans besser ankam, lag wohl hauptsächlich daran, dass der Hörer wesentlich leichter überblicken konnte, wo er sich gerade befand. Insbesondere die häufigen, oft auch ziemlich simplen Ostinato-Figuren (sprich: Riffs) erleichterten den Zugang. Lords "Gigue", "Bourrée", "Pavane" und die weiteren 'Tanzstile' hatten insgesamt doch nur bedingt etwas mit den barocken Vorbildern zu tun. Was die Suite aber tatsächlich mit dem Barock verband, war die rhythmische Motorik, die hier viel ausgeprägter in Erscheinung trat als bei Lords früheren Werken "Windows", "Gemini Suite" oder dem "Concerto for Group and Orchestra". Die Verschmelzung zwischen klassischer Thematik und Rockmusik gelang hier auf symbiotische Weise. Das Titelstück bediente sich hörbar bei David Brubecks "Take Five", indem sich das Stück von einem 5/4 in einen 3/4-Takt wendete.

Nachdem sich seine Stammband Deep Purple 1976 das erste Mal aufgelöst hatte, gründeten Jon Lord, Ian Paice und Tony Ashton danach die Gruppe Paice Ashton Lord, die 1977 das Album "Malice In Wonderland" veröffentlichte. Nach einer Tournee und noch während der Vorbereitungen für ein weiteres Album lösten sich Paice Ashton Lord schon 1978 wieder auf. Jon Lord wurde daraufhin Keyboarder bei David Coverdales Whitesnake, wohin ihm 1979 auch der ehemalige Deep Purple Schlagzeuger Ian Paice folgte. Während der erfolgreichen Jahre bei Whitesnake gastierte Jon Lord auf diversen Alben von Cozy Powell, Graham Bonnet und vielen anderen und nahm mit "Before I Forget" ein weiteres Soloalbum auf. Jon Lord, der Whitesnake 1984 zu Gunsten eines Neubeginns mit Deep Purple verlassen hatte, nahm mit der Gruppe weitere sechs Alben auf und gastierte mit ihr weltweit. 2002 trennten sich Deep Purple erneut und Jon Lord widmete sich nun ausgiebig diverser Solo-Projekte. Sein letztes Konzert mit Deep Purple gab er am 19. September 2002 in Ipswich (England).

2003, er gastierte gerade für einige Monate mit Stücken seines vorletzten Soloalbums "Pictured Within" in Australien, gab Lord zusammen mit der lokalen Bluesband The Hoochie Coochie Men im Sydney Opera House ein Konzert, das später auf CD sowie auf DVD erschien. Sein 2005 erschienenes Album "Beyond The Notes" bestand aus genreübergreifenden eigenwilligen Kompositionen. Auf ihm war auch das Stück "The Sun Will Shine Again" zu finden, das Lord für die ehemalige Abba-Sängerin Anni-Frid Lyngstad schrieb und mit dem sich die schwedische Sängerin erstmals seit acht Jahren wieder live zeigte. Zuletzt komponierte Jon Lord zwei weitere klassische Werke: Das "Durham Concerto", das er 2007 zusammen mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra in der Kathedrale von Durham gab, war eine Auftragskomposition anlässlich des 175-jährigen Jubiläums der University of Durham. "Boom Of The Tingling Strings" wurde 2008 zusammen mit dem Queensland Orchestra in Queensland uraufgeführt. Am 9. August 2011  - er war gerade mit dem Jon Lord Blues Project auf Tournee - teilte Lord der Öffentlichkeit mit, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs leide. Weiter sagte er alle Konzerte für das folgende Jahr ab. Am 16. Juli 2012 verstarb Jon Lord im Alter von 71 Jahren an den Folgen der Krankheit in London. Bis zum Schluss hatte er im Studio an seinem letzten Album gearbeitet und auch noch der Abmischung beigewohnt. Nur wenige Tage vor seinem Tod wurde das Projekt fertiggestellt.




Jan 6, 2018


LONG JOHN AND THE KILLER BLUES COLLECTIVE - Heavy Electric Blues
(Outlaw Country Records 0797776781133, 2017)

Ich muss gestehen, dass mich Blues Rock in all seinen verschiedenen Klang- und Spielformen nicht mehr wirklich vom Hocker haut, denn viele mir persönlich äusserst wichtige Zutaten sind in diesem musikalischen Bereich im Laufe der Jahre immer mehr auf der Strecke geblieben. Insbesondere fehlt mir bei modernen Produktionen oft das Herz, die Seele, oder auch nur ganz schlicht eine schlüssige Botschaft. Viele der heutigen Protagonisten, die sich beispielsweise bei den klassischen Vertretern aus den 60er oder 70er Jahren bedienen, vergessen oft, dass es mit der sprichwörtlichen Hauruck-Mentalität alleine nicht getan ist, noch irgendwie beeindruckend ein bisschen trockenen Wüstensand in Arizona aufzuwirbeln, sodass noch irgendjemand interessiert hinschauen würde. Genau aus diesem Grund freue ich mich immer wieder, wenn mich eine neue Combo diesbezüglich eines besseren belehrt und meine Begeisterung für Blues Rock für ein unterhaltsames Dreiviertelstündchen zurückzubringen vermag. Long John And The Killer Blues Collective sind nicht einfach eine Haudruff-Kapelle, wie es sie - gestern wie heute - zuhauf gibt, sondern das Resultat einer fühlbaren persönlichen Verinnerlichung einiger Spielarten des Blues, wie beispielsweise der Heavy Blues, der Rock'n'Roll und - als quasi augen- und ohrenfälligstes Merkmal der Alternative Rock.

Hauptprotagonist des Killer Blues Collective ist Namensgeber Long John, der auch schon ohne sein Kollektiv und auch unter seinem mit dem bürgerlichen Nachnamen versehenen Künstlernamen Long John Laundry einige Aufnahmen veröffentlicht hat, die zumeist den Weg auf Genre-Samplers fanden. Der Sänger, Gitarrist und Mundharmonika-Spieler Long John spielte über die vergangenen fünf Jahre immer wieder mit wechselnden Begleitmusikern zusammen, bis sich ein harter Kern gebildet hatte, der schliesslich zum aktuellen Quartett führte, das neben Long John aus dem Lead Gitarristen Danny Page, dem Bassisten Jules Fly Haffegee und dem Schlagzeuger Pip Mailing besteht. Zu den Aufnahmen zum Debutalbum "Heavy Electric Blues" gesellten sich ausserdem noch einige Gastmusiker, wie die beiden Keyboarder Rob Poyton, der eine herrliche und warme Hammond B3 Orgel beisteuerte, sowie Henri Herbert für einige deftige Klaviereinlagen. Der zusätzliche Gesang von Nicky Price und die tollen und perkussiven Congas von Lee Morley runden das Line-Up ab.

Interessant an der Arbeit zu diesem Debutalbum war vor allem, dass den endgültigen Aufnahmen in Bedfordshire in England viele Probesessions voraus gingen, die in London und Umgebung, aber auch in Prag stattfanden. Diese sogenannten 'Pre-Recordings' zogen sich über eine Zeitspanne von mehr als zwei Jahren, bevor dann die für das Album ausgewählten Songs im Mai 2017 in den Lost Boys Studios in Bedforshire eingespielt wurden. Diese Songs, am Ende elf an der Zahl, klangen schliesslich so gar nicht britisch, und auch nicht unbedingt so, wie sich Long John bis dahin präsentiert hatte. Auf "Heavy Electric Blues" (diesbezüglich vielleicht ein eher irritierender Titel für dieses Werk) überraschte der Musiker und seine Mannschaft mit einem eklektischen Mix aus Howlin' Wolf Blues, Captain Beefheart Schrägness und den Louisiana Voodoo Blues Geschichten von Tom Waits. Die Band ist wesentlich näher am traditionsreichen Swamp Blues, als am typisch britischen Blues Rock. Bis dieses Album endlich Gestalt angenommen hatte, dauerte es jedoch eine gewisse Zeit. Long John selbst sagt hierzu: "We began the journey with myself and Jules Fly aiming to create an original sound and vibe digging deep into our own Blues/Soul/Punk backgrounds and tapping into vintage blues vibes and deep musical roots, triggering my own personal lyrical Journey, leading me down a path to exploring my own inner demons and spiritual thoughts. You could say this album is spiritual, honest and straight from my soul".

Für den Hauptakteur war dies eine Reise ins Unbekannte - was letztendlich genau passieren würde im Tonstudio, das wussten weder er noch sein Mitstreiter eigentlich so richtig. Jeder der Beteiligten versuchte letztendlich, seinen ganz persönlichen Stil mit einzubringen, was letztlich perfekt gelang und wohl auch dem Produzenten Nick Mailing zu verdanken war, der die Aufnahmen äusserst geschickt in eine Richtung lotste, welche der Band einerseits die richtige Street Credibility, andererseits aber auch eine ganz persönliche Note verpasste. Nick Mailing hat schon die Quireboys produziert, und eine gute Portion des herzhaften Punch der Quireboys kann man bei Long John's Debutalbum durchaus heraushören, obschon die Band sehr wohl weiss, dass Lautstärke allein nicht das allgemein gültige Rezept sein konnte und sein wird. Der Bassist Jules Fly Haffegee brachte es auf den Punkt: "We knew we could make a killer album and that's what all these other bands been about: making super-heavy-weight electric blues". Wenn man sich dieses hervorragende Debutalbum dann anhört, merkt man, wie sehr sich die Band um Authentizität bemüht hat und sich konsequent auf die eigenen Qualitäten und Vorlieben konzentrieren konnte, ohne auf irgendwelche Klischees vorschnell hereinzufallen. Das machte schliesslich die Stücke des Albums aus, die sich allesamt wesentlich reifer und abgeklärter anhören als von einem Debutalbum einer noch so jungen Band.

Das Werk startet fulminant mit dem Opener "My Soul Rising", einem hypnotisierenden und archaischen Blues, der recht sparsam arrangiert ist und einigen Songs von Savoy Brown der letzten Jahre ähnelt. John Laundry hat die nötige Körnung an seinen Stimmbändern. Ein bisschen geheimnisvolles Voodoo-Flair kann man schon hier heraushören. Der nachfolgende "Holy Moly Blues" klingt dann wie tiefstes Louisiana - ein klassischer Swamp Blues beinahe schon, mit klaren Reminiszenzen an Captain Beefheart und noch klareren an Dr. John, was vor allem der leichtfüssige Funky Bass von Jules Fly Haffegee bewerkstelligt. Das Album nimmt Fahrt auf mit dem nächsten Song "Preacher's House", einem köstlichen und Stimmung verbreitenden Party-Schmetterer im klassischen Boogie Woogie Stil mit einem herrlich scheppernden Klavier. Dann folgt mit dem "Devil's Train" ein klassischer Boogie, zu welchem es auch ein offizielles Videoclip gibt. Ein rasantes Tempo, mit dem dieser teuflische Zug am Hörer vorbeirast. "Lay Me Down" dann knochentrocken und sehr hart. Das Stück "Deep Water" beginnt als eine Art "Rumble" von Link Wray mit der gleichen langsamen, bedrohlichen Atmosphäre. Dieses Stück fungiert als düsterer Ruhepunkt im gesamten Programm der Platte. Der anschliessende, langsame Blues "Cold Blood Blues" ist die Atempause auf diesem Album. Dieser Blues klingt so, wie man es von einem solchen Titel erwartet: Edle Gitarrenarbeit, gemächliches Tempo, sehr feines Feeling - ein elegantes Stück, das auch einem Eric Clapton gut stehen würde. Ganz anders dann die nächste Nummer "Big Man Got A Fat Chicken": Die beginnt jazzig und nimmt langsam ziemlich dynamisch Fahrt auf, um mit messerscharfen Carving-Gitarren zu überzeugen. Der Sound der Rolling Stones, zu Zeiten von "Gimme Shelter" kommt mir schliesslich in den Sinn, als ich dem funkigen "Hell Is Not No Place To Be" lausche und der überzeugende, schillernde Rocker "Tequila" brettert schliesslich mit voller Geschwindigkeit das Finale dieser beeindruckenden Platte herunter.

Long John und sein Killer Blues Collective schauen grinsend, als der Rauch sich langsam über dem Plattenspieler auflöst. Speziell erwähnenswert ist auch das fabelhafte Cover-Artwork des berühmten Künstlers Johnny Stingray, der das Bild der musikalischen Reise mit seinem höllischen Mal-Stil herrlich in Szene setzen konnte und den Raum und die Zeit dieser Platte perfekt einfing. Jules Fly Haffegee hierzu: "Nicht viele Künstler kommen, nur weil sie mit der Band auf Shows herumhängen und den Tag mit Aufnahmesessions verbringen, in den Genuss einer Zusammenarbeit mit solch einem erfahrenen und legendären Cover-Designer. Johnny Stingray ist ein echter Visionär und sein Stil ist originell und dunkel und perfekt auf den Punkt". Live bietet die Band eine beeindruckende Präsenz. Eine Show, die von der überzeugenden Performance von kraftvollen Predigt-Stimmen und schreienden Gitarren lebt, die von einem phantastisch geerdeten Schlagzeug- und Basskraftwerk gehalten werden. Das ist Live Blues der absolut überzeugenden Art. Für mich sind Long John und sein Killer Blues Collective endlich mal wieder ein neuer Act aus dem Bereich Blues Rock, der mich von A bis Z überzeugt, weil er sehr überzeugend Härte und Dynamik mit Herz und Seele zu verbinden versteht. Ein Rosinchen unter Hunderten von stilistisch ähnlich gelagerten Veröffentlichungen, das es wert ist, entdeckt zu werden.




Jan 5, 2018


THE DEAD BROTHERS - Wunderkammer (Voodoo Rhythm Records VR1231, 2006)

Das vierte Album der Dead Brothers (den Soundtrack zum Tatowierer-Film 'Flammend Herz' eingeschlossen) geriet wahrlich zu ihrem besten und ausgereiftesten Album bis dato. Das Label Voodoo Rhythm Records brachte es auf den Punkt und nannte "Wunderkammer" schlicht 'The White Album of the Dead Brothers'. Die Schweizer Band mit Mitgliedern aus Genf, Bern und Zürich und verwandschaftlichen Wurzeln in Nordafrika und Australien, verband in ihrer "Wunderkammer" auf unnachahmliche Weise eine Rock'n'Roll-Herkunft mit Zigeunermusik, Country, Swing und von verschiedenen Blasinstrumenten geprägte Trauermarsch-Musik, welche einer Begräbniskapelle aus vergangenen Jahrhunderten gut gestanden hätte. Neben Songs, die perfekt ins bekannte Dead Brothers-Repertoire passten, gab es zusätzlich einen griechischen Swing, eine wunderschöne Coverversion des durch Marlene Dietrich bekannt gewordenen Friedrich Holländer-Stücks "Wenn ich mir was wünschen dürfte", sowie zwei vom Neueinsteiger Delaney Davidson komponierte Songs, die genausogut der Feder von Leonard Cohen hätten entstammen könnten.

Die Wurzeln der Dead Brothers ziehen sich sehr weit zurück durch die Musikgeschichte. Seit 20 Jahren graben sie an ihren Gräbern. Punk Rock, Country und Blues sind nur ein Teil ihrer komplexen DNA, die ähnlich veranlagt ist wie die, ihrer nahen Verwandten Cab Calloway, Kurt Weill’s Drei Groschen Oper oder den Grössen der Europäischen Folklore-Instrumentalisten. Einige Bandmitglieder beleben seit Ewigkeiten die Schweizer Folk Szene (Landstrichmusig, Patent Ochsner, Echo, d’Giigemaa), andere wiederum stecken tief in der Theater-, Comedy und Film Szene (Stadt Theater Hannover, les Trois Suisses, 9 Volt Nelly) - Einige sind Orchesterleiter oder Italienische Sänger. Und bevor die Dead Brothers überhaupt zusammenfanden, spielte Dead Alain 17 Jahre bei der Genfer Punk'n'Roll-Band Les Maniacs. Alle finden für ihre Sehnsüchte ein Zuhause in der Musik der Dead Brothers. 1998 öffneten sie Pandoras Box in der Blues und Psycho Swing mit ihrer akustischen Wut verschmolzen. Heute ist ihr Sound überall zu finden: Ob in Werbung für Autos, in Fernsehserien oder Filmen und natürlich bei ihren Konzertenreisen, die inzwischen durch mehr als 20 Länder führten. Gründe genug für die toten Brüder und Schwestern, immer noch an die verlorene Welt zu glauben, von der sie träumen.

In der Ferne schlurft, untermalt von Grillenzirpen, ein karger Rhythmus und nähert sich, als eine traurige Hawaiigitarre einsetzt. "Trust in me and close your eyes". Verführend langsam und unnachgiebig entführt die verzerrte Stimme sein Opfer tief in eine absonderliche Zwischenwelt, wo das süsse Gift einlullt, die Trompete aufbellt, die Orgel zwirbelt und eine verlorene Seele sich widerstandslos hingibt. "Slowly and surely your senses will cease to resist". Die Interpretation von "Trust In Me", wie überhaupt das musikalische Drehbuch der Dead Brothers, kennt anders als das Dschungelbuch, aus dem dieses Lied der Schlange im Original stammt, keine Rettung. Leidenschaftliche Hingabe, lieben, schwelgen, weinen, tanzen, trinken und lachen im Angesicht des Sensemanns stehen beim Hörer und Besucher dieser schillernden Welt auf dem Programm. Als Begräbnisorchester starteten die Dead Brothers 1998 mit Heimbasis Genf ihre Reise ins Jenseits im Rahmen der Rock'n'Roll Parade "Electric Circus". Sie vertilgten unterwegs Hank Williams in einer Rumpelkammer, liehen im Pfandladen ihr Instrumentarium, krachten mit rohem Punk, Delta Blues und europäischen Volksmusiken zusammen, enterten mit Gleichgesinnten das Juraschiff an der Expo und drangen bis in die so genannte Hochkultur als Theaterband vor (unter anderem Bertold Brechts Dreigroschenoper in Basel).

Nach den Alben "Dead Music For Dead People", "Day Of The Dead" und dem instrumentalen Soundtrack zum Dokumentarfilm "Flammend Herz" öffnete das fabulöse Quartett zum vierten Mal den Sarg. Ein Sarg freilich, der sich als unaufgeräumte, kuriose, tiefe und arg verwinkelte Wunderkammer herausstellte. "Wunderkammer" war denn auch der fast schon programmatische Titel des dritten regulären Albums der interkontinentalen Dead Brothers. In jeder Ecke und jedem Winkel lauerten neue Falltüren, die tiefer ins Labyrinth einer funkelnden Unterwelt führten. Einer Unterwelt, die so gar nichts Morbides an sich hatte, eher wie ein abenteuerlicher Spielplatz streunender Melancholiker wirkte und allenfalls mit den Phantasien in Tim Burtons wunderbarem Film 'Corpse Bride' vergleichbar wäre. "Wunderkammer" war das bis dato reichste Album der Dead Brothers. Im Kollektiv schrieben Alain Croubalian, Pierre Omer, Delaney Davidson und Christoph Gantert die Songs des Werks, projizierten eigene Visionen in fremdes Liedgut und schufen vielschichtige Arrangements für ihre von verschiedensten Stilen durchzogene, weltumspannende Musik. Wurde "Dead Music For Dead People" der Legende nach mit nur einem einzigen Mikrophon aufgenommen, loten die Vier nun im freien Spiel mit den Möglichkeiten des Studios neue, tiefe Dimensionen ihrer Musik aus.

Ohne die Rohheit der ersten Alben aufzugeben, pflegten sie in ihrer "Wunderkammer" die Liebe zum musikalischen Detail: Windsägen heulten im Hintergrund, exotische Stimmen tauchten auf, Spelunken-Klaviere malten verschwommene Stimmungsbilder und ergänzten das knorrige Stamm-Instrumentarium der Band (Banjo, Akkordeon, Gitarre, Blasinstrumente, Perkussion) aufs vorzüglichste. Traumwandlerisch eingesetzte Studio-Kniffe und Zitate wirkten nie verschwenderisch, nie beliebig, der multi-instrumentale Charakter der einzelnen Musiker wie auch die Band als Kollektiv gewannen deutlich an Tiefenschärfe. Und so labte sich der Hörer am kaputten, knochentrockenen Punk von "My Baby's White", trank im Bistro zu chaotischem Zigeunerjazz à la Django Reinhardt, stand im grossartigen "Just A Hole" lebensmüde an seinem eigenen Grab und landete in "The Story Of Woody And Bush" in einem staubigen Western Saloon, der sich in eine psychedelische Halluzination auflöste. Kurz: Die rauhen und doch zerbrechlichen, melancholischen und doch lachenden, widerspenstigen und doch einladenden Dead Brothers schlugen dem zagen Alltag einmal mehr ein Schnippchen.

Im Januar 2006 wurde überdies der Film 'He Who's Not Busy Being Born Is Busy Dying' lanciert. Der Regisseur M.A. Littler, der bereits für das Portrait über die musikalische Heimat der Band, dem heimischen Voodoo-Rhythm Label, verantwortlich zeichnete, begab sich dabei mit den Dead Brothers auf die Suche nach dem verbindenden Kern des Universums. Eine ewige Suche, die die vier beseelten, rastlosen Musiker mit ihrem Drang zur Kreation vorläufig in die traumhafte, surreale Wunderkammer führte. Zwischen Gorgol Bordello und Tom Waits fanden die Dead Brothers letztlich ihren Stuhl. In minimalistischem Sound machten sie bombastische Hörerfahrungen möglich. Ihr Album "Dead Music For Dead People" war diesbezüglich schon ein Überraschungserfolg, der auch in Punk Kreise eindringen konnte. Beerdigungsmusik gehört in unserem Alter ja mittlerweile zum Leben, und das ist ja jetzt nicht unbedingt die Art von Musik, die auf Teufel komm raus auf der Suche nach unbeackerten musikalischen Weiden nervt, sondern das sind Musiker, die ganz relaxt das tun, woran sie Freude haben. Damit werden sie Generationen von schlechten Plagiaten zum Vorbild dienen, aber die Dead Brothers sind das Original. File under: Garage, Jazz, Country, Gypsy Punk & Rock'n'Roll. Verwirrt ? Das ist gut so.



Jan 4, 2018


CHET ATKINS WITH TOMMY EMMANUEL -
The Day Finger Pickers Took Over The World
(Columbia Records CK 67915, 1997)

Chet Atkins, als Chester Burton Atkins geboren, auch bekannt als 'Mister Guitar', war ein amerikanischer Countrymusiker, Gitarrist, Schallplattenproduzent und Mitbegründer des sogenannten 'Nashville Sound'. Er wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, darunter 'Best Country Instrumental Performance', 14 Grammys und den 'Lifetime Achievement Award', sowie die Aufnahme in die 'Country Music Hall of Fame'. Atkins wuchs nach der Scheidung der Eltern gemeinsam mit den Geschwistern bei seiner Mutter auf. Seine Brüder Lowell und Jim Atkins, die selbst Gitarre spielten, überredeten ihn, sich an der Geige zu versuchen. Mit neun Jahren tauschte er eine alte Pistole gegen eine Gitarre ein und begann auf dieser zu üben. Sein Vorbild war Merle Travis, dessen rollenden Stil er zu imitieren versuchte. Anders als Travis, der für sein sogenanntes 'Travis-Picking' mit Daumen und Zeigefinger bekannt wurde, benutzte Atkins Daumen, Zeigefinger und Ringfinger für den von ihm gespielten Picking-Stil. Nach seinem Schulabschluss 1941 bekam Atkins ein Engagement als Fiddler in der Bill Carlisle Radioshow in Knoxville, Tennessee. In dieser Zeit spielte er erstmals mit dem Country Comedy-Duo Homer and Jethro zusammen. Einige Jahre später zog er nach Cincinnati und arbeitete dort für eine Radiostation. 1946 schloss er sich der Band von Red Foley an und ging mit ihm nach Nashville. Im selben Jahr nahm er bei Bullet Records, einem kleineren Label in Nashville, seine erste Single auf. Atkins wechselte noch mehrmals Stadt und Radiosender, bevor er 1947 von Steve Sholes, dem Chef der Country Abteilung von RCA Victor Records, unter Vertrag genommen wurde. Atkins war bei einigen frühen Elvis Presley-Aufnahmen im Studio verantwortlich.

Nach langen Jahren des Herumziehens liess er sich Ende der 40er Jahre in Nashville nieder. Hier wurde er schnell zu einem der gefragtesten Session-Gitarristen. Er war unter anderem auf frühen Aufnahmen der Everly Brothers, Hank Williams und Don Gibson zu hören. Von 1949 bis 1950 begleitete er Mother Maybelle and The Carter Family bei Auftritten auf Tournee, im Radio und bei der Grand Ole Opry. Aufgrund seiner hervorragenden Arbeiten bekam er von Steve Sholes mehr und mehr Verantwortung übertragen. Er bekam auch die Chance, eigene Singles und LPs einzuspielen. Diese waren zunächst von wenig Erfolg gekrönt. Seine erste Hitparaden-Platzierung erreichte er 1955 mit dem rein instrumentalen Stück "Mr. Sandman". 1957 wurde er Chef des neueröffneten RCA-Studios in Nashville. Dieses Studio wurde weltbekannt als 'Studio B' und gehört heute zur 'Country Music Hall of Fame'. Chet Atkins war damit zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Countryszene geworden.

Als der Rock'n'Roll die Countrymusik zunehmend in den Hintergrund drängte, wurde Atkins auch als Produzent tätig. Er gehörte zu den Wenigen, die sich dem Niedergang mit neuen Ideen entgegenstemmten. Gemeinsam mit Owen Bradley und anderen entwickelte er den typischen Nashville Sound, mit dem breitere Publikumsschichten erschlossen werden konnten. Der harte Countrysound wurde geglättet und durch aufwändige Arrangements fülliger gemacht. Das Konzept ging auf, die Verkaufszahlen zogen wieder an. Kritiker sahen darin einen Verlust an Originalität und Lebendigkeit der Countrymusik. In den 60er Jahren stieg Chet Atkins zum erfolgreichsten Produzenten Nashvilles auf. Er selbst spielte zahlreiche Langspielplatten mit grösstenteils instrumentaler Musik ein. Darunter waren etliche Duett-Alben mit Stars wie Hank Snow oder Jerry Reed und Merle Travis. 1965 hatte er mit "Yakety Axe" seinen grössten Hit. Er gewann insgesamt 14 Mal den Grammy als Instrumentalist des Jahres und zahlreiche weitere Auszeichnungen. George Harrison sagte einmal, dass es in Liverpool in jenen Jahren nur einen einzigen Gitarristen gab (Colin Manley von den Remo Four), der Chet Atkins Stücke nachspielen konnte.

Nach dem Tod von Steve Sholes im Jahre 1968 stieg Atkins zum Vizepräsidenten der Plattenfirma RCA Victor Records auf. Anfang der 70er Jahre tat er sich erneut mit Homer und Jethro zusammen. Unter dem Namen Nashville String Band wurden mehrere Alben veröffentlicht. 1973 wurde er in die 'Country Music Hall of Fame' aufgenommen. In diesem Jahr erkrankte er schwer und beschloss, seine Tätigkeiten bei RCA Victor Records stark einzuschränken und konzentrierte sich wieder mehr aufs Gitarrespielen. Anfang der 80er Jahre wechselte er zu Columbia Records, da RCA  Victor seinen Jazz-Ambitionen ablehnend gegenüberstand. Auch bei seiner neuen Plattenfirma nahm er gelegentlich Countryalben auf; so entstanden gemeinsam mit dem Gitarristen von Dire Straits, Mark Knopfler, 1988 die LP "C.G.P." (ein Akronym für 'Certified Guitar Player') und 1990 die LP "Neck And Neck". Roger Field, ein Freund von Chet Atkins - er wird in Atkins Buch 'Me and My Guitars' erwähnt - sprach 1991 mit Atkins und machte den Vorschlag, dass dieser Aufnahmen mit einer Sängerin machen solle; er dachte dabei an Mary Ford. Atkins stimmte zu und wählte letztlich Suzy Bogguss als Sängerin.

Von der National Academy of Recording Arts and Sciences erhielt er 1993 für sein Lebenswerk den Lifetime Achievement Award - nur insgesamt etwa zehn Countrymusikern wurde diese Ehre zuteil. Chet Atkins war über fünfzig Jahre lang als Musiker und Produzent aktiv. Als Produzent förderte er die Karrieren zahlreicher Stars. Der Begriff Nashville Sound blieb untrennbar mit seinem Namen verbunden. Sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Studioalbum, "The Day Fingerpickers Took Over The World", nahm er 1997 zusammen mit dem australischen Gitarrenvirtuosen Tommy Emmanuel auf. Emmanuel betrachtete dies als grosse Ehre, da Atkins bereits seit früher Kindheit ein grosses Vorbild für ihn war. Als er 1997 erneut stark erkrankte, zog er sich aus dem aktiven Musikgeschäft zurück. Am 30. Juni 2001 erlag Chet Atkins einem langjährigen Krebsleiden. Bis heute trifft sich die von ihm Ende der 80er Jahre initiierte 'Chet Atkins Appreciation Society' (kurz: 'CAAS'), welche hauptsächlich aus Grössen der Fingerstyle-Szene besteht, jährlich in Nashville. Der Rolling Stone listete Chet Atkins im Jahre 2011 auf Rang 21 der 100 besten Gitarristen aller Zeiten.

Nicht unbedeutend war auch Atkins' Zusammenarbeit mit zwei der grossen amerikanischen Hersteller im Gitarrenbau, Gretsch und Gibson. Gretsch nahm Atkins, der in den 50er Jahren auch das Archtop-Modell von John D'Angelico (1905–1964) für sich entdeckte, 1954 unter Vertrag, um mit ihm deren neue Western-Modelle zu promoten. Ähnlich wie zuvor Les Paul bei Gibson war Atkins nicht nur Namensgeber, sondern konnte bei der Entwicklung dieser Instrumente auch Einfluss auf bestimmte Konstruktionsdetails nehmen. Die nach ihm benannten Signature-Modelle waren 1955 die Chet Atkins Hollow Body und die Chet Atkins Solid Body. Sie wurden 1958 durch die Modelle Tennessean und Country Gentleman ergänzt. Auch wenn Atkins diesen Instrumenten stets die Aura der Countrymusik verliehen hatte, wurden sie doch allesamt klassische Rock'n'Roll Ikonen. Namen wie Eddie Cochran, Duane Eddy, Brian Setzer und George Harrison sind untrennbar mit diesen Gitarren verbunden und bescherten Gretsch über Jahre hinweg hohe Absatzquoten. Als Folge der Übernahme von Gretsch durch Baldwin wurde ab 1972 die Produktion von Brooklyn nach Boneville, Arkansas, verlegt. Bei der damit verbundenen Neuorientierung im Programm trat Atkins mit der Super Chet an. Eine etwas schlichtere Version davon hiess DeLuxe Chet sowie die Dauerbrenner Tennessean, Nashville und Country Gentleman, die in angepasstem Design die Atkins-Modellreihe vervollständigten. Die letzte Innovation, die Atkins zusammen mit Gretsch entwickelte, waren die Modelle Atkins Super Axe und Atkins Axe, die 1976 erschienen. Hierbei handelte es sich um Solidbody-Gitarren, die sich darin unterschieden, dass die Super Axe Phaser und Kompressor als batteriebetriebene Effekte eingebaut hatte, während die Axe als Standardversion auf das Effektboard verzichten musste. Nach 25 Jahren äusserst erfolgreicher Zusammenarbeit trennte sich Atkins 1979 von dem Unternehmen.

William Thomas 'Tommy' Emmanuel aus Muswellbrook, New South Wales ist ein australischer Gitarrist, Schlagzeuger, Bassist und Songwriter. Er wurde bisher zweimal für den Grammy nominiert und gilt als einer der weltbesten Vertreter des sogenannten Fingerstyle, einer speziellen Spieltechnik insbesondere für akustische Gitarre. Sein vielseitiges Repertoire lebt von sehr unterschiedlichen musikalischen Einflüssen, die von der amerikanischen Country-, Folk- und Bluesmusik über Jazz, afrikanische und lateinamerikanische Stile bis hin zu spanischen und klassischen Elementen reichen. Tommy Emmanuel entstammt einer sehr musikalischen Familie und trug bereits im Kindesalter als Gitarrist zu deren Lebensunterhalt bei. Wesentlichen Einfluss auf seine musikalische Entwicklung hatte in den frühen 60er Jahren der Musiker Chet Atkins, zu dem sich später eine enge persönliche Beziehung entwickeln sollte. Als Jugendlicher spielte Emmanuel in den Clubs von Sydney und erlangte als Instrumentalist und leidenschaftlicher Entertainer schnell einen entsprechenden Bekanntheitsgrad, der ihn im Laufe der Jahre mit vielen musikalischen Größen zusammenbrachte. Emmanuel gibt jährlich über 300 Konzerte und produziert darüber hinaus regelmässig auch Platten. Er lebt überwiegend in England und den USA, ist verheiratet und hat drei Töchter.

Tommy Emmanuel ist das vierte von sechs Kindern. Er stammt aus einer musikalisch sehr begabten und aktiven Familie und begann im Alter von vier Jahren Schlagzeug und Gitarre zu spielen. Er lernte autodidaktisch nur nach Gehör und hatte weder Unterricht noch Lernmaterialien. Da der Part des Leadgitarristen bereits mit seinem älteren Bruder Phil besetzt war und seine Mutter darüber hinaus eine Begleitung für ihre Lap Steel-Gitarre benötigte, übernahm er die Rolle des Rhythmusgitarristen in der Familien-Band. Schon mit sechs Jahren spielte er die Gitarre auf nahezu professionellem Niveau. Nach eigener Aussage erhielt seine weitere musikalische Entwicklung im Jahre 1962 durch das erstmalige Hören des Titels "Windy and Warm" von John D. Loudermilk in einer Version von Chet Atkins eine entscheidende Richtung. Kurz nach dem Tod des Vaters im Jahre 1966 entdeckte der australische Countrymusik-Star Buddy Williams Emmanuel und seine Geschwister und nahm sie mit auf Tournee. Nach einiger Zeit wurde diese zwar künstlerisch bemerkenswerte, jedoch sehr unstete Lebensweise der Familie von der australischen Kinderwohlfahrt teilweise unterbunden, um den Kindern einen normalen Schulbesuch zu ermöglichen, der durch die ständigen Tourneen und wechselnden Aufenthaltsorte so nicht möglich war und auch durch den Unterricht der Mutter nicht ersetzt werden konnte.

Während dieser Zeit spielte Emmanuel zusammen mit seinen Geschwistern Chris und Virginia an den Wochenenden in der Band The Trailblazers, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. Die Band gewann zwei fernsehübertragene Talentshows und nahm eine EP auf. Noch als Jugendlicher zog Tommy Emmanuel nach Sydney, um sich ausschliesslich seiner Laufbahn als Gitarrist zu widmen. Er spielte in diversen Clubs der Stadt und verschaffte sich dadurch erste Aufmerksamkeit. Recht schnell wurde er ein gefragter Sessionmusiker für andere, weit bekanntere Protagonisten jener Zeit. Zudem nahm er viele Werbe-Jingles auf und spielte bei Aufnahmen der Gruppe Air Supply von Tiny Tim und Roberta Flack. Kompositionen, die er als Co-Autor verfasst hatte, wurden von Musikern wie Olivia Newton-John, Al Jarreau oder Sheena Easton interpretiert. Von 1985 bis 1988 sowie 1995 spielte er bei Dragon, einer der damals populärsten neuseeländischen Bands. Im Jahr 1987 tourten Dragon zusammen mit Tina Turner auf ihrer Break Every Rule-Tour. Im Laufe der Jahre spielte er mit Kollegen wie Eric Clapton (der Emmanuel für den besten Gitarristen hält, den er jemals gesehen hat), Les Paul, John Denver, John Farnham, Doc Watson, Leo Kottke, Paco De Lucía und vielen anderen namhaften Musikern. Er gehörte zu den Wenigen, die gebeten wurden, zu Michael Jacksons posthum veröffentlichtem und bis dahin unvollständigem Album Michael ein Gitarrensolo auf dem Titel "Much Too Soon" beizusteuern.

Tommy Emmanuel's grosses Vorbild war von Kindheit an Chet Atkins. Mit ihm nahm er 1997 das Album "The Day Finger Pickers Took Over The World" auf, was Emmanuel als eine grosse Ehre empfand. Es wurde 1997 veröffentlicht und brachte ihnen eine Grammy-Nominierung ein. 1999 verlieh Chet Atkins ihm den, gewissermassen von Atkins erfundenen Titel 'Certified Guitar Player' ('C.G.P.') für seine lebenslangen Bemühungen um die Kunst der Fingerstyle-Gitarre, eine Auszeichnung, die zu jener Zeit nur zwei weitere Künstler innehatten, nämlich Jerry Reed und John Knowles. Zusammen mit seinem Bruder Phil Emmanuel, mit dem er über die Jahre hinweg immer wieder unterschiedliche Projekte verfolgt und gemeinsame Konzerte gibt, hatte Emmanuel bei der Abschluss-Gala der Olympischen Spiele 2000 in Sydney seinen bislang grössten Auftritt, der weltweit von rund 2,5 Milliarden Fernsehzuschauern verfolgt wurde, ausser von den US-Amerikanern, deren TV-Sender nach Aussage von Tommy Emmanuel exakt zu diesem Zeitpunkt eine Werbepause machte. Ab 2001 wurde Emmanuel auch in Deutschland zunehmend bekannter. 2005 spielte er zum ersten Mal in Korea, Polen und Kroatien, 2006 in Slowenien und Belgien. Bis heute tourt er durch alle Kontinente und spielt dabei regelmässig mehr als 300 Shows pro Jahr. Darüber hinaus veröffentlicht Emmanuel fast jedes Jahr ein neues Album und bringt Konzert- und Lehr-DVDs heraus. Dies führte mit der Zeit zu gesundheitlichen Problemen, Bluthochdruck und Herzbeschwerden, die jedoch nach eigener Aussage medizinisch eingestellt sind.

2011 absolvierte er die Promotion-Tour zum Album "Little by Little", wie die Studio-Produktion auch, erstmals wieder mit eigener Band. Als Solist spielt er in der Regel ohne Setlist, da er jeden Abend ein anderes Programm präsentieren und damit der jeweiligen Stimmung des Publikums gerecht werden möchte. Tommy Emmanuel selbst nennt seine Spieltechnik schlicht Fingerstyle, vergleichbar dem sogenannten Fingerpicking. Die Begriffe verweisen darauf, dass mehrere Finger (Emmanuel benutzt bei Bedarf alle fünf Finger) der Schlaghand zum Spielen der Saiten eingesetzt werden. Als Grundlage für sein Spiel bezeichnet er dabei die vollkommene Unabhängigkeit des Daumens von den anderen vier Fingern. Dazu verwendet er häufig Thumbpicks (Daumenplektren), um den mit dem Daumen gespielten Basstönen mehr Druck und einen akzentuierteren Klang zu verleihen. Er spielt zudem mit Plektren (Flatpicks), die er auch mit dem Fingerpicking der rechten Hand kombiniert. Diese Technik wird als Hybridpicking oder Chickenpicking bezeichnet und ist vor allem in der Countrymusik verbreitet. Besonders bei ruhigen Stücken verzichtet Emmanuel nicht selten ganz auf Plektren und spielt nur mit den Fingern, um den Ton weicher und voller klingen zu lassen.

Häufig ist das Spiel Emmanuels sehr rhythmisch und synkopiert, was den Titeln einen ausgeprägten Groove verleiht. Sein Gitarrenspiel profitiert von seinem präzisen Timing als Schlagzeug, das er auch bei sehr schnellen und komplizierten Taktfolgen im Stande ist beizubehalten und welches durch ein ständiges Taktschlagen seines meist linken Fusses unterstützt wird. Emmanuel ist in der Lage, innerhalb eines Titels bis zu drei unterschiedliche Instrumentalparts gleichzeitig zu spielen. Dabei nutzt er in der Regel den Daumen seiner rechten Schlaghand für einen Basslauf, Zeige- und Mittelfinger für die Sequenz einer Rhythmusgitarre, sowie den Ringfinger und hin und wieder kleinen Finger für den Melodiepart. Gleichzeitig greifen die Finger der linken Hand die entsprechenden Töne und Akkorde. Diese ebenso verblüffende wie komplizierte Spieltechnik erweckt beim Zuhörer oft den Eindruck, das Lied werde von mehreren Gitarristen gespielt. Ähnlich beeindruckend ist Emmanuels gleichzeitiges Spielen zweier unterschiedlicher Titel. Vorzugsweise spielt Emmanuel auf Westerngitarren des australischen Herstellers Maton und nutzt Verstärker des in Recklinghausen ansässigen Herstellers Audio Electric Research GmbH. Zudem setzt er für besondere Sound-Effekte bei Live-Auftritten ein Hall- und Echogerät ein. Er verwendet 0.12er (light) und 0.13er (medium) Saiten, wechselt jedoch ständig den Hersteller, um einen abwechslungsreicheren Sound zu produzieren. Seinen Instrumenten ist oft anzusehen, dass sie als Arbeitsgeräte dienen. Unter Verwendung verschiedener Hilfsmittel wie Plektren oder Besen kratzt, trommelt und klopft er häufig auf den Gitarren oder dem Gesangsmikrophon, um klangliche Vielfalt und Atmosphäre durch perkussive Elemente zu erzeugen. Auch ist Emmanuels 'Schlagzeug-Solo' auf der Gitarre zwischenzeitlich fester Bestandteil seiner Auftritte.

Die leidenschaftliche Bühnenpräsenz und energetische Performance Emmanuels ist allgemein bekannt. Er gilt zudem als humorvoller und charismatischer, gleichwohl bescheidener Entertainer und pflegt eine herzliche, direkte und offene Kommunikation mit seinem Publikum. Er ist bekannt dafür, dass er sein Wissen und seine Fähigkeiten gerne weitergibt und Anderen vermittelt. Nicht selten baut er deshalb für seine Zuhörer kleinere Gitarrenstunden in seine Konzerte ein oder besucht zu diesem Zweck neben seinem Tour-Alltag Musikschulen und ähnliche Einrichtungen. Auch holt er immer wieder interessierte Gäste aus dem Publikum zu sich auf die Bühne, um mit ihnen gemeinsam das ein oder andere Lied zu intonieren. Neben seinen regelmäßigen öffentlichen Aktivitäten in Sachen Gitarrenunterricht engagiert sich Emmanuel in Australien für das Projekt Kids Under Cover, eine Wohltätigkeits-Organisation, die sozial schwachen und Risiko behafteten Jugendlichen ein Zuhause gibt und eine Schulausbildung ermöglicht. Emmanuels Motivation jährlich über 300 Konzerte zu geben und sich auch anderweitig zu engagieren geht über die reine Möglichkeit zum Broterwerb deutlich hinaus. In vielen seiner Interviews und Äusserungen bringt er ein hohes Mass an Empathie und Mitgefühl gegenüber sozial schwachen und benachteiligten Menschen zum Ausdruck. Er sieht seine Bühnenpräsenz und positive Ausstrahlung als einen von ihm persönlich leistbaren Beitrag, optimistische Gefühle und Stimmungen bei seinen Zuhörern zu erzeugen und ihnen ein Beispiel für eine positive Grundhaltung zu sein. Emmanuel plant deshalb ganz konkret, seine Aktivitäten in dieser Richtung durch noch mehr jährliche Konzerte weiter zu verstärken.






Jan 3, 2018


RIVERSIDE - Eye Of The Soundscape (Inside Out Music IOMLP 465, 2016)

Die polnische Progressive Rock Institution Riverside feierte mit ihrem im September 2015 veröffentlichten Album "Love, Fear And The Time Machine" große Erfolge und stürmten die Hitparade in ihrer Heimat bis zur Spitzenposition, und auch in Holland gelang der Band mit diesem Werk ein Top 5 Hit. In Deutschland erreichte das Werk die Top 20 und in vielen weiteren Ländern wie der Schweiz, in Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, England und den USA konnten Riverside damit grossen Erfolg feiern. Zudem hatten die beiden Vorgängerwerke von Riverside in Polen bereits Goldauszeichnungen erlangt und die Band galt inzwischen weltweit als feste Grösse im Progressive Rock. Doch all diese Triumphe ihrer im Jahre 2001 gestarteten Karriere verblassten jäh, als Anfang 2016 der Gitarrist und Gründer Piotr Grudzinski verstarb. Wie sollte es danach weitergehen, das wurde zur zentralen Frage, denn der typische Sound von Riverside wurde von dem Gitarristen massgeblich mitgeprägt. Die Band reagierte im März 2016, einen Monat nach seinem Tod und gab bekannt, an ihren noch zu Piotrs Lebzeiten getroffenen Veröffentlichungsplänen festzuhalten. So erschien schliesslich am 21. Oktober 2016 mit "Eye Of The Soundscape" ein opulentes, instrumentales Album, das einerseits bisherige Bonustracks von älteren Alben sowie vier neue Stücke umfasste. Aufgrund einer Spielzeit von über 100 Minuten, erschien "Eye Of The Soundscape" als Doppel-CD sowie als Dreifach-LP.

Dieses Album geriet musikalisch ganz anders als ihre Vorgänger, das konnte man auch sofort hören. Nach dem überraschenden Tod von Gitarrist Piotr Grudzinski, der an Herzversagen starb, hätte auch das Ende der Band Riverside besiegelt sein können. Nach einer Bedenkphase entschloss sich Mastermind Mariusz Duda jedoch, das Werk Riverside weiterzuführen. Allerdings, so hatte es der Sänger im Kopf, vielleicht nicht mehr in der gleichen Art und Weise, wie dies auf den letzten fünf regulären Studioalben zu hören gewesen war. Mariusz Duda sagte hierzu selbst, dass er irgendwie das Gefühl hatte, dass das sechste Riverside Album das letzte Kapitel einer Geschichte sein könnte. Dass die folgenden Veröffentlichungen anders klingen würden, einen anderen Charakter erhalten würden. Und diese Umschreibung traf bei "Eye Of The Soundscape" denn auch genau ins Schwarze, denn vom progressiven und düster-metallischen Ton der Gruppe war hier kaum mehr etwas zu hören. Was den Hörer indes erwartete, war fast ausschliesslich elektronische Musik, perfekter Ambient Sound in farbenfrohem Gewand. Es war immer schwierig, komplett ohne Gesang gehaltene Alben zu veröffentlichen, da diese häufig langweilig zu werden drohen, aber bei "Eye Of The Soundcape" liess einen die Stimmung nicht in den Schlaf driften, sondern nahm den Hörer seltsam gefangen. Über fast zehn Jahre hatte die Band an den hier zu hörenden Stücken gesammelt, gewerkelt, gefeilt. Teils handelte es sich um Bonus-Tracks älterer Platten, aber auch um vier neue Stücke, die zusammen mit der nur in Polen veröffentlichten Single "Rainbow Trip" auf über hundert Minuten experimenteller, höchst - aber nicht nur - elektronischer Musik kamen.

Gerade Musik-Begeisterte, die bisher mit der Musik von Riverside nichts anfangen konnten, sollten sich dieses Doppelalbum unbedingt zu Gemüte führen. Mit den eher traurigen Solosachen von Mariusz Duda alias Lunatic Soul hatte das hier Präsentierte ebenfalls nichts zu tun. Ich persönlich hätte nicht gedacht, dass mich Musik mit dem Label 'Ambient' einmal so nachhaltig begeistern könnte, denn zu oft sind solche Projekte, wenn sie denn mal nicht von Brian Eno oder anderen - sehr oft deutschen - klassischen Vertretern, respektive Pionieren dieses musikalischen Gebiets stammen, eher schnell einmal langweilig oder driften in esoterische Belanglosigkeiten ab. Ich wurde im Falle dieses Riverside-Werks indes eines besseren belehrt. Gerade im Hinblick darauf, dass es nicht sicher zu sein schien, in welche musikalische Richtung die Band in der Zukunft würde gehen wollen, kam ein Werk wie "Eye Of The Soundscape" als zumindest eine unglaublich hörenswerte Zwischennote daher, die ebenso faszinierend wie ungewöhnlich wirkte.

Das sechste Riverside-Album präsentierte sich wie das letzte Kapitel einer Story. Zukünftige Alben könnten durchaus anders klingen, einen anderen Charakter haben. Inoffiziell nannte Mariusz Duda die letzten drei Riverside Alben "The Crowd Trilogy". Bevor die Band mit einem neuen Kapitel (und vielleicht einer neuen Trilogie) beginnen wollte, hatte er die Idee, eine Art Begleit-Album zu machen. Ein 'Zwischen-Album'. Ein Album, das Riverside immer aufnehmen wollten. Über Jahre hatten die Musiker eine Menge Material angesammelt, von welchem einiges auf Bonus-CDs veröffentlicht wurde. Duda wusste, dass viele Riverside Hörer diese Stücke noch nicht gehört hatten und daher auch vielleicht nicht wussten, dass Riverside von Anfang an mit Ambient und progressiver Elektro-Musik experimentiert hatten. Und das war immer Teil der musikalischen Riverside-DNA. Also hatte er dem Rest der Band diese Idee vorgeschlagen und die Entscheidung war einstimmig: Riverside entschieden, eine Zusammenfassung all ihrer Instrumental-Stücke und Ambient-Songs zu machen und diese auf einem separaten Werk zu veröffentlichen. Einige dieser Songs würden neu abgemischt werden, damit sie besser klingen, und natürlich würden Riverside auch einige ganz neue Kompositionen präsentieren.

Und genau das war "EyeOf The Soundscape" denn am Ende auch geworden. Das Werk enthielt die fünf "Day Sessions" Songs, die Riverside auf der "Love, Fear And The Time Machine" Bonus-CD erstmals präsentiert hatten ("Heavenland", "Return", "Aether", "Machines" und "Promise"). Dazu kamen beide "Night Sessions"-Tracks von der Bonus-CD von "Shrine Of New Generation Slaves", ein neuer Remix des Songs "Rapid Eye Movement", der auf der Bonus-CD zum gleichnamigen Album und auf der "Schizophrenic Prayer" EP enthalten war. Im weiteren legten Riverside einen neuen Remix des Songs "Rainbow Trip" vor, der ebenfalls auf der "Schizophrenic Prayer" EP enthalten war und zur Vervollständigung dieses Werks auch vier brandneue Songs: "Where The River Flows", "Shine", "Sleepwalkers" und "Eye Of The Soundscape". Bei allen Songs handelte es sich also, wie zuvor schon erwähnt, um instrumentale Stücke, ausser einigen sogenannten Singsang- und Summ-Passagen von Mariusz Duda war also kein Gesang vorhanden. Gerade das stellte ein Novum in der Veröffentlichungs-Historie der Band dar. Die Tatsache, dass es sich bei "Eye Of The Soundscape" um ein rein instrumentales Album handelt, führte natürlich dazu, dass sich der sogenannte 'Ambient'-Charakter des Werks noch viel stärker und damit konsequenter hör- und fühlbar machte.

"Eye Of The Soundscape" war selbstverständlich dem Riverside-Gitarristen Piotr Grudzinski gewidmet, der am 21. Februar 2016 im Alter von 40 Jahren durch plötzlichen Herzstillstand verstorben war. Zudem war Mariusz Duda's Vater im Mai 2016 ebenfalls verstorben. Monatelang war nicht sicher, wie es um die Zukunft der Band Riverside bestellt zu sein schien. Doch glücklicherweise hatte Mariusz Duda letztlich verlauten lassen, dass die Band Mitte November 2016 ihre Biographie unter dem Titel 'High Resolution Dream' vorerst nur in polnischer Sprache veröffentlichen würde und die Gruppe ab Ende Februar 2017 auch wieder auf Tournee gehen würde. Im Frühjahr 2017 wurde dann das fünfte Lunatic Soul-Album veröffentlicht, welches laut Duda das emotionalste der Alben werden sollte. "Eye Of The Soundscape" trug den Zuhörer in abwechslungsreiche, atmosphärische und filigrane Klangwelten und überraschte sowohl die langjährigen Fans der Gruppe, wie auch die Musikkritiker rund um den Globus.





Jan 2, 2018


JOHN ZORN - The Big Gundown (Nonesuch Records 979 139-1, 1986)

Der am 2. September 1953 in New York City geborene John Zorn ist ein amerikanischer Komponist und Bandleader. Er spielt Saxophon und Klarinette. John Zorn arbeitet ausserdem als Musikproduzent, ist Inhaber des Plattenlabels Tzadik und des Veranstaltungslokals Stone Music Lab in Manhattan und hat mit vielen experimentellen Musikern, insbesondere im Bereich Neue Musik und im Jazz, zusammengearbeitet. Zorn spielte als Kind Klavier, Gitarre und Flöte. Während seines Studiums am Webster College erlernte er, beeinflusst durch Anthony Braxton und seinen dortigen Lehrer Oliver Lake, das Saxophonspiel. Anfänglich eher an Neuer Musik interessiert, wandte er sich in den 70er Jahren dem Jazz zu. Er brach die formale Ausbildung ab und kehrte auf dem Umweg über die Westküste nach New York zurück, um sich im Umfeld der Musikszene der Lower East Side auf musikalische Projekte zu konzentrieren. Er verdiente sich während dieser Zeit seinen Lebensunterhalt unter anderem mit Arbeit in einem Schallplattenladen.

Zu seinen frühen Einflüssen gehört, neben Braxton, Eugene Chadbourne und Ornette Coleman, auch Karlheinz Stockhausen. Zorns Musik ist charakterisiert durch die Verarbeitung zahlreicher musikalischer Stile aus verschiedensten Quellen, wie etwa Filmmusik zu Zeichentrickfilmen, Free Jazz, Hardcore oder jüdische Folklore. Zorn kombiniert dabei oft kurze musikalische Sequenzen in collagenartiger Form, teilweise in rasanter Abfolge. 1975 gründete er sein Theatre of Musical Optics und begann zunächst die Zusammenarbeit mit Chadbourne, Tom Cora, Wayne Horvitz, Polly Bradfield und LaDonna Smith. Internationale Anerkennung erreichte er in den 80er Jahren. Während des nächsten Jahrzehnts arbeitete er sowohl in New York als auch in Tokio, wo er viele Werke schrieb und aufführte. 1998 produzierte er das Album "1930" des japanischen Noise-Künstlers Merzbow.

Zorn bekennt sich explizit zu seiner jüdischen Herkunft und verarbeitet in einigen seiner Projekte traditionell jüdische Elemente. Er gründete das Plattenlabel Tzadik. Dabei formulierte er eine neue sogenannte Radical Jewish Culture und verabschiedete ein Manifest über das radikale Judentum seiner Musik, in dem er unter anderem erklärte: "Der Jude ist immer Ursprung einer doppelten Infragestellung gewesen: der Infragestellung des Selbst und der Infragestellung des Anderen. Da ihm nie die Möglichkeit gewährt wird, aufzuhören, jüdisch zu sein, ist er gezwungen, die Frage seiner Identität zu formulieren. Daher ist er von Anbeginn mit dem Diskurs des Anderen konfrontiert, und oft hängt sein Leben davon ab. Mir wurde klar, dass ein Jude jemand ist, der naiv glaubt, dass er, wenn er selbstlos zu seiner Gastkultur beiträgt, akzeptiert werden wird. Aber wir sind die Aussenseiter der Welt. Das ist es, was mich am Stamm anzog: die Kultur des Aussenseitertums".

"The Big Gundown" wurde von September 1984 bis September 1985 von Don Hünerburg für Nonesuch Records aufgenommen, zusammengestellt und 1986 veröffentlicht. Das Album war schon im Titel eine Hommage an den italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone. Es enthielt auf eine radikale Weise verarbeitete Coverversionen von Filmmusiken des Komponisten zu Filmen von Claude Lelouch, Gillo Pontecorvo, Bernardo Bertolucci, Elio Petri und besonders Sergio Leone. Ursprünglich vorgesehener Titel war daher auch "Once Upon A Time In The Lower East Side", als Anspielung auf Leones Klassiker 'Es war einmal in Amerika'. Der letztendlich gewählte Titel des Albums bezog sich auf einen Spaghetti-Western aus dem Jahr 1966, 'The Big Gundown', von Sergio Sollima, mit Lee Van Cleef in der Hauptrolle, zu dem Morricone damals die Musik schrieb. Richard Cook und Brian Morton sahen John Zorn in der Rolle eines künstlerischen Puppenspielers und verglichen ihn mit der Rolle George Martins bei den Aufnahmen der Beatles sowie des frühen Frank Zappa. Sie hielten das Album für in jeder Hinsicht bemerkenswert und zählten es zu den wichtigsten Alben der 80er Jahre. Sie bewerteten das Werk mit der höchsten Punktzahl, zusätzlich aufgewertet durch eine Krone. Guy Peters wertete das Album als Genre-sprengend und eines der risikoreichsten der 80er Jahre. Das Album könne als einer der erfolgreichsten Befürworter des vorherrschenden dekonstruktivistischen Ansatzes in der Literatur und der Musik gewertet werden. John Zorn ging beständig auf der schmalen Grenze zwischen Bewunderung und Nachahmung, was auch eine Konsequenz aus der Ausdrucksstärke des Werkes von Morricone selbst war.

John Zorn wählte bewusst neben Musikern seines regulären Umfeldes aus der New Yorker Jazzfusion- und Artrockavantgarde wie Bill Frisell, Arto Lindsay, Fred Frith und Wayne Horvitz zusätzlich eher dem Jazz-Mainstream oder anderen Genres zuzuordnende Musiker wie den Mundharmonikaspieler Toots Thielemans für den Titel "Poverty" (aus 'One Upon A Time In America'), den Organisten John Patton für seine Interpretation von "Erotico" aus dem Film 'The Burglars' sowie die Sängerin Diamanda Galás und den Gitarristen Vernon Reid für "Metamorfosi" aus, ein Thema aus Elio Petris Film 'Die Arbeiterklasse geht ins Paradies' ('La classe operaia va in paradiso'). "The Big Gundown" legte die Grundlage für nachfolgende Konzeptalben Zorns wie "Spillane" 1987 und "Spy Vs Spy" 1988.

Zorn komponierte weitere Film-Soundtracks und arbeitete für Orchester und Ensembles wie zum Beispiel das Kronos Quartet. Auf seinen Musiklabels Tzadik und Avant hat er eine grosse Fülle von Alben eingespielt und produziert. Sehr viele Werke, die unter Zorns Namen veröffentlicht werden, wurden von ihm lediglich komponiert. So schrieb er mindestens vier verschiedene Songbooks: das Mitte der 90er Jahre entstandene erste "Masada"-Songbook (205 Titel), "Book Of Angels" (2004; 316 Titel), "Book Beriah" (2009) und "The Bagatelles" (2015; 300 Titel). Sie werden nach und nach von verschiedensten Musikern vertont, sowohl von Angehörigen der New Yorker Downtown-Szene als auch von Anderen, wie etwa Pat Metheny. Insbesondere das frühe Schaffen von Zorn zeichneten sich durch Maximalismus aus, in expliziter Opposition zum damals in der Konzertmusik vorherrschenden Minimalismus. Zorns Kompositionen aus dieser Zeit bestanden oft aus kurzen, sprunghaft wechselnden Versatzstücken, die auf unterschiedliche Musiktraditionen (einschliesslich Popmusik und von Animationsfilm-Musik inspirierte Elemente) zurückgriffen. Auch kam in seiner Musik bis in die 90er Jahre hinein Melodie als Strukturelement kaum vor, dies änderte sich vor allem durch das Masada-Quartett, mit dem er auch erstmals Jazz spielte.

In der aktuellen Ausgabe des 'Jazzbuch' wird John Zorn als der herausragende und einflussreichste Jazzmusiker der Gegenwart bezeichnet. Diese Einschätzung ist aber sehr umstritten, weil Zorns Musik sich nicht in erster Linie aus der afro-amerikanischen Musiktradition herleitet. Vielmehr stellt diese nur einen Einfluss unter vielen dar. Zorn lehnt die Bezeichnung Jazzmusiker für sich selbst rigoros ab. Eine sehr grosse Rolle in Zorns Schaffen spielt die Verknüpfung von Musik mit visueller Kunst, einschliesslich der Album-Cover, die oft zu Kontroversen führten. Bei der Erstellung der Cover für seine Tzadik-Veröffentlichungen arbeitete Zorn mit der Designerin Chippy (Heung Heung Chin) zusammen.