Aug 31, 2017


JOHN MAYALL - Blues Breakers with Eric Clapton (Decca Records LK 4804, 1966)

John Mayall wurde am 29. November 1933 in der englischen Kleinstadt Macclesfield nahe Manchester geboren, weit ab von der schwarzen, US-amerikanischen Blueskultur. Trotzdem kam er schon früh mit der Musik in Berührung, da sein Vater begeisterter Amateur-Jazzmusiker war und ihm im Teenageralter das Spiel auf Gitarre, Banjo und Ukulele beibrachte. Bereits 1950 trat John Mayall in Manchester mit einem Blues-Trio auf. Seine beginnende musikalische Karriere wurde durch den Militärdienst in Korea für drei Jahre unterbrochen. Anschliessend besuchte Mayall ab 1955 die Kunsthochschule, wo er eine Ausbildung zum Graphikdesigner abschloss. Bereits früh in seiner Karriere traf Mayall auf bekannte Musiker. In der 1962 von ihm gegründeten Bluesformation Powerhouse Four, die bald in Blues Syndicate umbenannt wurde, spielte schon der Bassist John McVie. Zu dieser Zeit wurde Alexis Korner auf John Mayall aufmerksam und ermutigte ihn, in London als Musiker zu arbeiten. Mayall stellte seine Band erneut um und präsentierte sie 1963 im Londoner Marquee Club unter dem Namen Bluesbreakers, der lange Bestand haben sollte. Die Besetzung der Bluesbreakers wandelte sich indes ständig, dabei waren grosse Namen wie Eric Clapton, Peter Green und John McVie (beide Mitglieder von Fleetwood Mac) und Mick Taylor (bei den Rolling Stones Nachfolger des verstorbenen Brian Jones) unter den Mitspielern.

"Blues Breakers with Eric Clapton" war das erste Studioalbum nach einer ersten Liveplatte mit dem Titel "John Mayall plays John Mayall". Es erschien 1966 auf dem Decca-Label. Wegen des Beano-Comics, den Eric Clapton auf dem Coverfoto in der Hand hielt, war es auch als Beano-Album bekannt. Im Frühjahr 1965 ersetzte Eric Clapton den bisherigen Musiker Roger Dean als Gitarrist in der Band von John Mayall, nachdem er sich kurz zuvor wegen musikalischer Differenzen von den Yardbirds getrennt hatte. Eric Clapton brach sein Kunststudium an der Londoner Kingston University ab, um sich im Januar 1963 im Alter von 17 Jahren seiner ersten Band, den Roosters anzuschliessen. In dieser Rhythm & Blues-Band lernte er Tom McGuinness kennen. Nach der Auflösung der Gruppe im August 1963 traten Clapton und McGuinness einige Male mit der Beatband Casey Jones & The Engineers auf. Im Oktober 1963 wurde Eric Clapton schliesslich Gitarrist bei den Yardbirds, mit denen er 1965 deren grössten Hit "For Your" Love einspielte. Nach seinem Ausscheiden aus der Gruppe im April 1965 – sie wurde ihm zu kommerziell – schloss er sich den Bluesbreakers von John Mayall an. Er nahm an den Aufnahmen zum Album "Blues Breakers with Eric Clapton" teil. Mitte 1966 verliess Clapton die Bluesbreakers aber bereits wieder und formierte mit Ginger Baker (Schlagzeug) und Jack Bruce (Bass), die beide zuvor bei der Graham Bond Organization gespielt hatten, das Powertrio Cream, welche zur ersten sogenannten 'Supergroup' der Rockmusik werden würde.

Weitere Bandmitglieder bei John Mayall's Blues Breakers waren zum Zeitpunkt der Einspielung dieses Albums der Bassist John McVie sowie der Schlagzeuger Hughie Flint. In dieser Besetzung traf man sich rund ein Jahr später mit dem Produzenten Mike Vernon, dem späteren Begründer des erfolgreichen britischen Blues-Labels Blue Horizon, auf welchem dann unter anderem Chicken Shack und Fleetwood Mac ihre ersten Platten veröffentlichten, dem Toningenieur Gus Dudgeon sowie dem Bariton-Saxophonisten Johnny Almond (später die eine Hälfte des Duos Mark-Almond zusammen mit dem Gitarristen Jon Mark), dem Tenor-Saxophonisten Alan Skidmore und dem Trompeter Dennis Healey in den Decca-Studios im Londoner Stadtteil West Hampstead, um die zwölf Titel für das Werk "Blues Breakers with Eric Clapton" einzuspielen. Am 22. Juli 1966 erschien das Album in Grossbritannien zunächst in einer Mono-Version (LK 4804) und schaffte es innerhalb von nur acht Tagen in die britischen LP-Charts, wo es sich siebzehn Wochen lang halten konnte und bis auf Platz 6 gelangte. Zeitgleich kam das Album in den USA sowohl in der Mono- als auch in einer Stereo-Version auf den Markt, während Decca Records den Stereo-Mix erst im Dezember 1969 auch in Europa zugänglich machte. Der Versuch, durch Single-Auskoppelungen an den überraschenden Erfolg des Albums in Grossbritannien anzuknüpfen, erwies sich beiderseits des Atlantiks als Flop. Auch weitere Singles-Veröffentlichungen mit Nicht-Album-Titeln, wie das Instrumental "Bernard Jenkins" oder "I'm Your Witchdoctor" waren kein Erfolg.

Dem Vernehmen nach gab es bei den Aufnahme-Sessions erheblichen Diskussionsbedarf, da Clapton nicht bereit war, die Lautstärke seines Verstärkers auf die damals in Plattenstudios übliche Einstellung herunterzufahren. Dass er sich dabei gegen Mike Vernon und Gus Dudgeon durchsetzte, trug nicht unerheblich zum Erfolg der Produktion bei. Denn nur so konnte er in der Kombination seiner Gibson Les Paul Gitarre mit einem Marshall JTM 45-Komboverstärker jenen durch Röhren-Verzerrung und Sustain gekennzeichneten Sound erzielen, der für die damalige Zeit äusserst modern und satt daherkam und während Clapton's Zeit bei Cream als 'woman tone' in die Musikgeschichte einging. Zugleich unterstrich er damit die Bedeutung der elektrischen Gitarre als Solo-Instrument und übte einen nachhaltigen Einfluss auf andere Gitarristen seiner Generation aus, die nun gleichfalls zu Les Pauls und Marshall-Verstärkern griffen. Dass sich Clapton für sein Gesangsdebüt Robert Johnsons "Ramblin' On My Mind" aussuchte, war auf seine Verehrung für den Delta-Bluesmann zurückzuführen, dem er 2004 das Tributalbum "Me And Mr. Johnson" widmete. Obwohl Clapton ursprünglich den Titel nicht singen wollte, weil er es sich selbst nicht zutraute, schaffte John Mayall doch ihn zu überreden, erzählte Clapton in seiner 2007 erschienenen Biographie. Clapton's Kooperation mit John Mayall sollte jedoch noch im selben Jahr zu Ende gehen. Mayall musste aus einem Artikel im Melody Maker von der Gründung der Supergroup Cream erfahren. Bei Mayall hatte Clapton Jack Bruce kennengelernt, der kurzzeitig John McVie ersetzte, den Mayall wegen übermässigen Alkoholkonsums aus der Band geworfen hatte. Als Jack Bruce zu Manfred Mann wechselte, holte John Mayall schliesslich John McVie zurück.

"Blues Breakers with Eric Clapton" hatte erheblichen Anteil am europäischen Blues-Boom der 60er-Jahre und unterstrich John Mayalls Ruf als Vater des britischen Blues, aus dessen ständig wechselnden Bluesbreakers-Formationen fortan immer wieder exzellente Musiker hervorgehen sollten. Dass auch diese LP den Grundstein für die Karriere zweier seiner Mitstreiter weit über die Blues-Szene hinaus legen würde, ahnten zu diesem Zeitpunkt allerdings nur Wenige. Einer davon war Decca-Mann und Bluesfan Neil Slaven, der bereits damals Eric Clapton eine grosse Zukunft voraussagte. Aber auch der Bassist John McVie blieb noch für zwei weitere Alben unter anderem mit Peter Green, der Clapton nach dessen Weggang zu Cream ersetzte. Green hatte auch schon 1965 während Clapton's Griechenland-Tournee mit The Glands bei den Bluesbreakers gespielt. Später brachte er es als Mitbegründer von Fleetwood Mac zu Weltruhm. Hughie Flint wurde mit seiner Band McGuinness Flint durch die Single "When I’m Dead And Gone" berühmt. Nachdem er 1979 noch zur Urbesetzung der Blues Band gehört hatte, zog er sich knapp drei Jahre später aus dem Musikleben zurück.

Ursprünglich war, wie schon das Vorgängeralbum, auch ein Livealbum geplant, da die Bluesbreakers damals eine der besten Livebands in London waren, was auch zu den legendären 'Clapton is God'-Graffiti führte. Das Vorhaben wurde nicht durchgeführt, doch es existierten vereinzelte, unter Sammlern sehr begehrte Livemitschnitte der Bluesbreakers aus jener Zeit. Um 1968 wandelte sich der Stil vom reinen, klassischen Blues zu experimentelleren Formen, zum ersten Mal auf dem Album "Blues From Laurel Canyon", das jedoch nicht unter dem Namen der Bluesbreakers entstanden war. Legendär war das mit Jon Mark und Johnny Almond eingespielte Album "The Turning Point" von 1969, auf dem Mayall (ohne seinen Schlagzeuger Keef Hartley) verzerrte Leadgitarre und Keyboards spielte. Es gab Leute, die behaupteten, Mayall sei beim Woodstock-Festival aufgetreten, was er jedoch in mehreren Interviews dementierte. In den 70er Jahren erschienen Alben von sehr unterschiedlichem Charakter. 1979 brannte Mayall's geliebtes Baumhaus im Laurel Canyon ab, wobei zahlreiche Mastertapes und Tagebücher verloren gingen. Als 1982 die Stimmung für Blues auf einem Tiefpunkt war, formierte Mayall für einige Konzerte die alten Bluesbreakers mit Mick Taylor neu und trat ab diesem Zeitpunkt wieder mit traditionellem Bluesbreakers-Sound auf, wobei er sich immer noch als phantasievoller Songwriter zeigte. Er spielte weniger Tasteninstrumente, sondern bevorzugte eine selbstgebaute Gitarre.

Anlässlich seines 40-jährigen Bühnenjubiläums im Jahre 2001 spielte eine Reihe bedeutender Rock- und Bluesmusiker zusammen mit Mayall für das Album "Along For The Ride"; so unter anderem Gary Moore, Chris Rea und Otis Rush. Seinen 70. Geburtstag im Jahre 2003 feierte John Mayall mit einem Konzert der Bluesbreakers in Liverpool, bei dem auch die alten Freunde Eric Clapton, Mick Taylor und der Jazzmusiker Chris Barber auftraten. Bis heute tourt John Mayall mit den Bluesbreakers regelmässig in den USA, in Europa und Australien, wobei er nicht mehr in grossen Konzerthallen, sondern eher in Clubs, aber auch bei den wichtigsten Bluesfestivals auftritt. John Mayalls Werk war in den klassischen Hitparaden nur wenig vertreten, aber bedeutend für die Weiterentwicklung des Blues. Mayall beeinflusste zahlreiche Musiker. Als Auszeichnung erhielt er die Ernennung zum 'Officer of the Order of the British Empire' im Jahr 2005.





Aug 30, 2017


NAPALM DEATH - Scum (Earache Records MOSH 3, 1987)

Der Bassist Nicholas Bullen gründete die Band Napalm Death im Jahre 1981 im Alter von gerade mal 13 Jahren. Massgeblichen Einfluss auf die Musik der Anfangsjahre hatten Bands wie Discharge, Chaos U.K. oder Disorder. Nach verschiedenen Line Up-Wechseln spielte die Band 1986 in der Besetzung Nik Bullen (Bass, Gesang), Justin Broadrick (Gitarre) und Mick Harris (Schlagzeug) die A-Seite des Debütalbums "Scum" ein. Sämtliche Stücke dieser Session stammten aus der Feder von Nicholas Bullen und Justin Broadrick, die jedoch nach den Aufnahmen die Band verliessen. Broadrick gründete die neue Gruppe Godflesh, Bullen begann zu studieren. Anfang 1987 kamen Lee Dorrian (Gesang), Jim Whiteley (Bass) und Bill Steer (Gitarre) hinzu, damit war kein einziges Gründungsmitglied mehr in der Band. Das Quartett nahm erst 1987 die B-Seite des Debütalbums auf, das schliesslich zum Ende desselben Jahres bei Earache Records erscheinen konnte. Bereits bei den 87er Aufnahmen war Shane Embury anwesend, der zunächst als Roadie für die Band tätig war und ab 1988 Jim Whiteley am Bass ersetzte. In dieser Besetzung nahm die Band dann 1988 das zweite Album "From Enslavement To Obliteration" auf, das bis auf Platz 1 der englischen Independent Charts stieg. Doch bis dahin wehte sowohl ein personeller wie ideeller Tornado durch die Band. Noch heute nennen zahlreiche Kritiker fälschlicherweise das Debutalbum "Scum" als die Geburtstunde des Death Metal. Richtig ist eher: "Scum" (englisch für 'Abschaum') gilt als eine der bedeutendsten Grindcore-Alben. Die Aufnahmen zur A-Seite und zur B-Seite der Schallplatte, zwischen denen rund ein Jahr lag, fanden in unterschiedlichen Besetzungen statt. Als einziger Musiker wirkte Schlagzeuger Mick Harris an beiden Seiten mit. Durch die verschiedenen Besetzungen unterschied sich die Musik auf beiden Seiten im Gesang und in der Klangfarbe der Gitarren. Während sich die Lieder der A-Seite ausschliesslich am Hardcore-Punk und Anarcho-Punk orientierten, kamen auf der B-Seite durch die tiefer gestimmten elektrischen Gitarren für den Metal typische Elemente hinzu und der Gesang war stärker verfremdet. Von dem Album wurden im Jahr der Veröffentlichung mehr als 10000 Stück verkauft und es erreichte den respektablen achten Platz der britischen Independent Charts.

Daz Russell, der Promoter des Clubs 'The Mermaid' in Birmingham, hatte Napalm Death zur Hausband des Clubs gemacht. Aufgrund der lokalen Popularität der Band sicherte ihm dieses Arrangement die Besucherzahlen, um genügend Einnahmen für die Gagen auswärtiger Bands zu erzielen. Napalm Death traten daher im Vorprogramm aller Hardcore Punk Bands auf, die Russell seit Ende 1984 für den Club buchte, unter anderen Anti-System, Sacrilege, Heresy, Concrete Sox und The Varukers. Nach der Aufnahme des ersten Demos "Hatred Surge" wurde am Schlagzeug Gründungsmitglied Miles Ratledge im November 1985 durch Mick Harris ersetzt. Dessen Anspruch war es, schneller als alle anderen Schlagzeuger zu spielen. Als Vorbilder nannte er die Perkussion bei Siege und Deep Wound. Der erste Live-Auftritt in dieser Besetzung fand im Januar 1986 mit Amebix und Instigators statt. Durch häufiges Proben verbesserte die Band ihre Fähigkeiten an den Instrumenten. Im März 1986 folgte in den Flick Studios mit "From Enslavement To Obliteration" die Aufnahme eines weiteren Demos, auf dem die Band den Anarcho-Punk des ersten Demos mit Riffs nach dem Vorbild der Schweizer Band Celtic Frost und extrem schnellen Schlagzeugpassagen kombinierte.

Napalm Death beabsichtigte, 1986 ein weiteres Demo aufzunehmen, da noch kein Plattenlabel Interesse an der Band gezeigt hatte. Daz Russell bot ihnen an, dies als Single oder Split bei seinem neu gegründeten Independent-Label Children of the Revolution zu veröffentlichen. In der Besetzung Nicholas Bullen (Growls, Bass), Justin Broadrick (Gitarre) und Mick Harris (Schlagzeug) begaben sich Napalm Death in das Rich Bitch Studio in Birmingham. Dort nahm die Band auf einem 8 Spur-Rekorder zwölf Stücke auf. Die Aufnahmen fanden an zwei Tagen jeweils über Nacht statt, weil das Studio in dieser Zeit statt der regulären zehn nur fünf Pfund je Stunde kostete. Bei den Aufnahmen waren neben der Band und dem Studiopersonal rund 20 Freunde anwesend. Unter ihnen waren die Bands Head Of David und Unseen Terror, die auf der Schallplatte als Produzenten aufgeführt wurden, sowie Damian Thompson von Sacrilege, der Broadrick sein Effektpedal lieh. Die Stücke stammten aus verschiedenen Phasen der Bandentwicklung. Ein Teil der Songs ging auf Ideen von Justin Broadrick aus dem Jahre 1983 zurück, ein weiterer Teil wurde von Broadrick und Ratledge für das 1985er Demo "Hatred Surge" geschrieben. "The Kill", "You Suffer" und "Death By Manipulation" waren auf dem 1986er Demo "From Enslavement To Obliteration" enthalten. Für die Aufnahmen wurden die Titel schneller gespielt als in den ursprünglichen Fassungen, viele Riffs waren Stücken von Chaos UK und Disorder entlehnt. Die Studiokosten von 80 Pfund hatte Russell bezahlt, aber Napalm Death beschlossen, ihm die Masterbänder nicht auszuhändigen, weil er sie für ihre Auftritte im The Mermaid nie bezahlt hatte. Das Demo wurde verschiedenen Plattenlabels zur Veröffentlichung angeboten. Bei Manic Ears Records sollte es als Split-Album mit der Band Atavistic erscheinen, doch der Label-Inhaber Shane Dabinett zog sein Angebot zurück. Von Pushead und dessen Label Pusmort Records erhielten Napalm Death ebenfalls eine Absage.

Nach den Aufnahmen kam es zu Spannungen in der Band. Nicholas Bullen führte dies darauf zurück, dass jedes Bandmitglied gerne die Führungsrolle in der Band übernehmen wollte. Im September 1986 übernahm Jim Whiteley den Bass, Nicholas Bullen trat in der Folge nur noch als Sänger in Erscheinung. Diesen Schritt begründete Bullen mit seinem nachlassenden Interesse an Napalm Death und an der Musik allgemein. Nach einem Konzert in Leeds zusammen mit der Gruppe Sacrilege verliess Gitarrist Broadrick die Band, weil er das Angebot bekommen hatte, bei Head Of David als Schlagzeuger einzusteigen. Ausserdem war diese Band zu dem Zeitpunkt erfolgreicher als Napalm Death und hatte bereits ein Album bei Blast First, dem Plattenlabel der Band Sonic Youth, veröffentlicht. Ersetzt wurde Broadrick zunächst durch den späteren Benediction-Bassisten Frank Healy, bevor der 16-jährige Bill Steer dessen Platz einnahm. Wenig später verliess auch Nicholas Bullen Napalm Death, neuer Sänger wurde Lee Dorrian. Mit der neuen Besetzung wurde die Musik der Band metallischer, ohne dass die Musiker ihre Anarcho Punk-Attitüde vernachlässigen wollten. Ende 1986 kam es zu ersten Kontakten mit Digby Pearson, der gerade die neue Plattenfirma Earache Records gegründet hatte. Obwohl Broadrick bei Napalm Death kein Mitglied mehr war, hatte er die Masterbänder der Aufnahme von August 1986 an Pearson geschickt.

Im März 1987 schlossen Napalm Death eine Vereinbarung mit Digby Pearson. Er kaufte der Band die Masterbänder der Aufnahmen aus dem Jahr 1986 ab und buchte das Rich Bitch Studio, um die B-Seite aufzunehmen. Mick Harris hatte 16 Songs geschrieben, die er gemeinsam mit Bill Steer in dessen Elternhaus in Liverpool bei zwei Proben fertigstellte und einstudierte. Zwei Tracks der B-Seite stammten von Bill Steer, Jim Whiteley war bei einigen Stücken am Arrangement beteiligt. Die Stücke von Harris waren nach Meinung von Whiteley ganz offensichtlich von Repulsions Demo von 1985 (damals noch unter dem Namen Genocide) beeinflusst. Harris hatte sie auf einer Gitarre geschrieben, obwohl er nach eigenen Angaben nicht Gitarre spielen konnte. Er stimmte lediglich die A- und die E-Saiten und entfernte die übrigen Saiten, sodass er die Akkorde im Barrégriff ohne zusätzliches Greifen spielen konnte. Um die Ergebnisse nicht zu vergessen, notierte er sie auf Schmierzetteln und nahm sie mit einem einfachen Kassettenrekorder auf. Die Songtexte schrieb Jim Whiteley, die Gesangspassagen fügte Sänger Lee Dorrian am Abend vor den Aufnahmen in das musikalische Gerüst der Stücke ein. Es gab nur eine rund dreistündige gemeinsame Bandprobe unmittelbar vor dem Beginn des Studioaufenthaltes im Mai 1987. Die Aufnahmen fanden unter Leitung von Toningenieur Mike Ivory statt. Ebenfalls anwesend waren Digby Pearson und Unseen Terror, die schliesslich auf der Schallplatte als Produzenten aufgeführt wurden. Wie schon die Aufnahmen zur A-Seite fanden die Aufnahmen zur B-Seite aus Kostengründen über Nacht statt. Insbesondere für Sänger Lee Dorrian waren die Aufnahmen schwierig, da er das erste Mal in einem Tonstudio war. So musste Mick Harris ihm Zeichen geben, wenn Dorrian mit dem Gesang einsetzen sollte. Mit dem ersten Mix war die Band nicht zufrieden, weil sowohl die Snare als auch die Basstrommel kaum zu hören waren. Pearson organisierte einen letzten Studiotermin, der von 4 bis 8 Uhr morgens stattfand, damit die Aufnahmen noch einmal gemischt werden konnten.

Digby Pearson wollte als Napalm Deaths Debüt kein Minialbum und auch keine Split-LP veröffentlichen, sondern ein vollständiges Album. Allerdings glaubte er nicht, dass die neue Besetzung, die noch nicht lange bestand, in angemessener Zeit genügend Stücke für ein Album schreiben könnte, sodass er entschied, die bislang noch nicht verwerteten Aufnahmen aus dem August 1986 als A-Seite zu verwenden. Die Erwartungen an den kommerziellen Erfolg des Albums waren nicht sehr hoch, da Napalm Death eher eine Randerscheinung im britischen Hardcore war. Aus diesem Grund fiel das Budget für die Produktion sehr gering aus, die Aufnahmen und das Mastering kosteten insgesamt lediglich 200 Pfund. Pearson steckte nahezu seine gesamten bisherigen Einnahmen sowie sein Erspartes in Höhe von insgesamt 2000 Pfund in Aufnahme, Herstellung und Promotion des Albums. Für sein Label war es die dritte Veröffentlichung, bei einem Misserfolg hätte es die Pleite des Labels bedeuten können. Im Juni 1987 erschien das Album in einer Erstauflage von 2000 Stück.

Die Musik des Albums verbiand letztlich Growling mit für den Hardcore-Punk typischen Gitarrenriffs, einem stark verzerrten Bassklang und sehr schnellem Schlagzeugspiel, das durch nur wenige langsamere Abschnitte unterbrochen wurde. Diese Mischung galt als musikalische Definition des Grindcore. Die 28 Titel des Albums hatten eine Gesamtspielzeit von rund 33 Minuten und liessen kein einheitliches Songaufbaumuster erkennen, Melodien waren nur in Bruchstücken vorhanden. Einzige Ausnahme hiervon stellte "Siege Of Power" dar, das als längstes Stück des Albums dem klassischen Wechsel zwischen Strophe und Refrain folgte. Der Gesang war bis zur Unverständlichkeit verfremdet, sodass die Texte im beigelegten Textblatt nachgelesen werden mussten. Von manchen Hörern konnten sie daher nicht als gesungener Text, sondern als weiteres Musikinstrument wahrgenommen werden. Während sich die Tracks der A-Seite ausschliesslich am Hardcore-Punk und Anarcho-Punk orientierten, floss in die Aufnahmen zur B-Seite mit den tiefer gestimmten Gitarren ein für den Metal typisches Element ein. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen beiden Schallplattenseiten war der Gesang, der auf der B-Seite von Lee Dorrian stammte und noch stärker verfremdet war als auf der A-Seite, auf welcher Nicholas Bullen als Sänger zum Einsatz kam. Die Songtexte waren einfache linksgerichtete Botschaften, die sich mit verschiedenen Themen wie Korruption und Rassismus, dem Umweltschutz ("Point Of No Return"), Kapitalismus und Habgier ("Success ?") und sozialen Problemen auseinandersetzen. Mit "Multinational Corporations" und "Instinct Of Survival" wurde die Ausbeutung des Menschen durch internationale Grosskonzerne thematisiert: "Advertise the product you make, Never give but always take. Clingfilmed flesh and genocide, A contented life while millions die". Uebersetzt: Werbung für euer Produkt, Niemals geben, immer nehmen. Abgepacktes Fleisch und Völkermord. Ein zufriedenes Leben, während Millionen sterben". In anderen Songtexten übten Napalm Death Kritik an den politisch Verantwortlichen in Grossbritannien. So bestand der Text von "C.S. (Conservative Shithead)" aus einer Aneinanderreihung von Charaktereigenschaften wie Arroganz und Ignoranz zur Charakterisierung der konservativen Politiker. Allerdings wurden die politischen und sozialkritischen Aussagen durch den bis zur Unverständlichkeit verfremdeten Gesang konterkariert und waren selbst mit Textblatt aufgrund des hohen Tempos kaum nachzuvollziehen.

Das Plattencover wurde von Jeff Walker, dem späteren Bassist der Gruppe Carcass, gestaltet. Er war mit den Musikern von Napalm Death befreundet. Nach dem Ausscheiden von Bullen fragte ihn Mick Harris, ob er für Napalm Death ein Bandlogo und ein Albumcover entwerfen wolle. Harris hatte konkrete Vorstellungen über die Covergestaltung, auf deren Grundlage Walker das Cover entwarf. Er verwendete Elemente, die er auf Flugblättern von Bands gesehen hatte, die Harris als musikalische Vorbilder benannt hatte. So stammten die im unteren Bereich gezeigten Totenschädel von Schallplattencovern der Bands Siege und Dead Kennedys, während die Flügel des menschlichen Skeletts im Hintergrund von Celtic Frost stammten. Die in die Totenschädel eingebetteten Logos bekannter Konzerne wie IBM, Coca Cola und McDonald’s waren eine Vorgabe von Harris. Die Schädel sollten Köpfe darstellen, welche die Roten Khmer ihren Opfern abgeschlagen hatten. Die Gestaltung mit ihrer schonungslosen Darstellung politischer Brutalität stellte die Vorlage für die Plattencover folgender Veröffentlichungen anderer Grindcore-Bands wie Terrorizer oder Brutal Truth dar. Earache Records konnte durch einen Vertrag mit Revolver Records den landesweiten Vertrieb seiner Veröffentlichungen sicherstellen, sodass sich die Erstauflage innerhalb weniger Wochen verkaufte. Zugleich bestritten Napalm Death die erste Tournee der Bandgeschichte gemeinsam mit Ripcord. Den entscheidenden Impuls für den kommerziellen Erfolg von "Scum" legte der Radiomoderator John Peel, indem er Stücke des Albums in seiner Sendung bei BBC Radio 1 spielte und die Band zu einer Peel Session einlud. Am 13. September 1987 nahmen Napalm Death zwölf Stücke mit einer Gesamtspielzeit von 5 Minuten und 40 Sekunden auf (!), die in Peels Sendung am 22. September 1987 erstmals gesendet wurden. Die Ausstrahlung der Sendung verschaffte dem Album überregionale Aufmerksamkeit, sodass Earache Records eine weitere Auflage pressen liess, die sich gut verkaufte und Napalm Death eine Notierung auf Platz 8 der britischen Independent Charts bescherte. Innerhalb weniger Wochen nach der ersten Peel Session sollen in Grossbritannien von dem Album rund 10000 Einheiten verkauft worden sein.

Während die Reaktionen auf das Album nach seiner Veröffentlichung zunächst unentschlossen ausfielen, änderte sich dies nach Ausstrahlung der Peel Sessions im September 1987. Danach wurden sowohl Napalm Death als auch das Album von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Einer Untersuchung von Dietmar Elflein aus dem Jahr 2006 zufolge gehört "Scum" zu den zehn am häufigsten in Literaturquellen und Bestenlisten von Musikzeitschriften genannten Extreme Metal Alben. Natalie J. Purcell schreibt dem Album eine Vorreiterrolle für den europäischen Grindcore zu, und für Ian Christe markiert "Scum" den Höhepunkt eines zehnjährigen Wettkampfs um den schnellsten und härtesten Sound, und weder Schnelligkeit noch Härte konnten ab hier eine Steigerung erfahren. Für ihn war es das radikalste Debüt seit "Kill ’Em All" von Metallica: ein ungebremster, völlig neuartiger Klangangriff voll dichter, wummernder Kakofonien. Das Album gilt als zentrale Veröffentlichung des Grindcore und stellt sowohl in musikalischer als auch in textlicher Hinsicht die Vergegenständlichung des Extremisierungsdiskurses innerhalb der britischen Punk-Szene dar. "Scum" wurde auch in das Referenzwerk '1001 Albums You Must Hear Before You Die' aufgenommen. Manish Agarwal schrieb: "Das bahnbrechende Debüt "Scum" bewies tiefe politische Überzeugungen". Das rund eine Sekunde lange Stück "You Suffer" wiederum wird im Guinness Buch der Rekorde als kürzestes je aufgenommenes Musikstück geführt.

Im Jahre 1989 verliess zunächst Bill Steer die Band, um sich ganz auf seine zweite Band Carcass zu konzentrieren. Auf Grund musikalischer Differenzen stieg wenig später auch Lee Dorrian aus und gründete die Doom Metal Band Cathedral. Ersatz fand man mit Barney Greenway (Gesang, vormals bei Benediction) und dem Amerikaner Jesse Pintado (Gitarre, vormals bei Terrorizer). Anfang 1990 folgte mit Mitch Harris (ehemals Righteous Pigs) ein weiterer Amerikaner. Gezeichnet von diesen raschen Besetzungswechseln, nahm die Band 1990 im auf Death Metal spezialisierten Morrisound Studio in Tampa "Harmony Corruption" auf. Produziert von Scott Burns, fiel das Album sehr Death Metal-lastig aus und erfuhr ein geteiltes Echo. Es folgte eine zweite Peel-Session. Auf Grund der massiven Kritik der Fans an dem mit "Harmony Corruption" eingeschlagenen Stilwechsel nahm die Band 1991 die EP "Mass Appeal Madness" auf, die sich stilistisch wieder mehr am Grindcore orientierte. Der Schlagzeuger Mick Harris verliess Napalm Death 1992 und widmete sich danach Bands wie Naked City und Scorn, seinen Job übernahm der bis dahin weitgehend unbekannte Danny Herrera. Noch im gleichen Jahr veröffentlichten Napalm Death "Utopia Banished", das die mit "Mass Appeal Madness" eingeschlagene Stilkorrektur fortführte. Auf den folgenden Alben "Fear, Emptiness, Despair" und "Diatribes" zeigte sich die Band offen für kleine musikalische Experimente. Sie verzichtete fast gänzlich auf die Grindcore-typische Geschwindigkeit, was ihnen die Möglichkeit eröffnete, mehr rhythmische Elemente einzubauen und so neue Fangruppen zu erschließen. 1995 verliess auch der Sänger Barney Greenway kurzfristig die Band und schloss sich Extreme Noise Terror an. Für kurze Zeit übernahm deren ehemaliger Sänger Phil Vane den Gesang bei Napalm Death. Doch schon nach kurzer Zeit kehrte Greenway zur Band zurück und die Aufnahmen zu "Inside The Torn Apart" konnten abgeschlossen werden. 1996 traten Napalm Death das letzte Mal für die BBC in der 'Friday Rock Show' auf. Diese Aufnahmen wurden 2000 zusammen mit den Titeln aus der John Peel Show unter dem Namen "The Complete Radio One Sessions" veröffentlicht.

Seit "Inside The Torn Apart" war die Besetzung der Band relativ konstant geblieben und Napalm Death veröffentlichten in regelmäßigen Abständen neue Alben. 2004 verliess Jesse Pintado krankheitsbedingt die Band und starb 2006 an den Folgen eines diabetischen Komas. Die Band besetzte die zweite Gitarre nicht mehr und machte, wie in Anfangstagen, mit nur einer Gitarre weiter. Mit "Leaders Not Followers" (1999) und "Leaders Not Followers Part 2" (2004) veröffentlichten Napalm Death zwei Tonträger mit Coverversionen ihrer musikalischen Vorbilder. Unter anderem coverten sie das Stück "Nazi Punks Fuck Off" von den Dead Kennedys, das bei Konzerten bis heute einen festen Platz in der Setlist hat. Auf ihren späteren Alben spielten oft befreundete Musiker mit, unter anderem Jello Biafra und Jeff Walker. Die Band wurde fälschlicherweise oft als Erfinder des Grindcore bezeichnet. Allerdings war sie selbst massgeblich durch die Band Repulsion beeinflusst, deren 1986er Demo "Slaughter Of The Innocent" jedoch erst im Jahre 1989 posthum unter dem Titel "Horrified" als LP veröffentlicht wurde, zwei Jahre nach Napalm Deaths Album "Scum". Das Debütwerk "Scum" war 1987 in punkto Brachialität und Geschwindigkeit wegweisend. Im Laufe der 90er Jahre wurden Napalm Death musikalisch wesentlich gemässigter und wandten sich dem Death Metal zu. Eine beachtliche Anzahl von Death Metal- und Grindcore-Klassikern stammte aus ihrer Feder, wie zum Beispiel "Mass Appeal Madness", "Greed Killing", "Suffer The Children", "Twist The Knife (Slowly)", das auch im Film 'Mortal Kombat' Verwendung fand, oder das nur knapp über einer Sekunde lange "You Suffer".



Aug 26, 2017


THIN LIZZY - Vagabonds Of The Western World (Decca Records SKL 5170, 1973)

Der Name Thin Lizzy entstammte dem britischen Comic-Magazin 'The Beano', in welchem ein weiblicher Roboter mit Namen 'Tin Lizzie' vorkam, und war gleichzeitig eine Anspielung auf das erste seriell gebaute Automobil: die Tin Lizzy der Ford Motor Company. Leicht abgewandelt, und in Anspielung auf den irischen Akzent, bei dem das Wort thin wie tin ausgesprochen wird, wurde der Name als Bandname übernommen. Das markante Logo der Band entstand im Jahre 1973 aus dem Titelschriftzug des Posters zu "The Rocker". Bandleader Phil Lynott war begeistert von dem Bild und als dessen Zeichner Jim Fitzpatrick ihm ein permanentes Logo für die Band vorschlug, wollte er einen Schriftzug im Stil der Buchstaben auf jenem Poster. Das fertige Logo wurde dann für die späteren Band-Alben "Nightlife" (1974) und "Fighting" (1975) verwendet und war danach vor allem als beleuchtete Bühnenrequisite in Gebrauch. Seinen Weg auf ein Plattencover fand es aber erst wieder im Jahre 1983 mit dem Abschiedsalbum "Life:Live". Thin Lizzy's Songs wurden von zahlreichen Rock- und Metal-Bands gecovert, so etwa von Anthrax, Metallica, den Dropkick Murphys, Motörhead, Gamma Ray, Running Wild, Sodom, Skyclad, Celtic Legacy, Glyder, Vader und den Smashing Pumpkins. Zudem war der zweistimmige Leadgitarren-Sound von Thin Lizzy auch Vorlage für Iron Maiden, der sich auch heute noch in vielen ihrer Songs wiederfindet.

Im Dezember 1969 wurde die Band, hervorgehend aus dem Dubliner Duo Orphanage der Schulfreunde Phil Lynott und Brian Downey sowie der Coverband Shades Of Blue des Belfaster Gitarristen Eric Bell, gegründet. In dieser Besetzung hatten Thin Lizzy ihre ersten Auftritte in Irland. Anfang 1970 wurde die Plattenfirma Decca Records, die zuvor schon Van Morrison's Band Them, in der Eric Bell mitgewirkt hatte, unter Vertrag hatten, auf die Band aufmerksam. Thin Lizzy unterschrieben und zogen nach London. Im Januar 1971 spielten sie ihre erste LP "Thin Lizzy" ein, die im Frühjahr veröffentlicht wurde. Im Juni 1971 erschien eine EP, die später als "New Day"-EP bezeichnet wurde. Vielfältige musikalische Einflüsse der drei Komponisten ergaben eine Mischung aus irischer Folklore, Blues, Rhythm and Blues, Pop, Rock und Hardrock. Die zweite LP "Shades Of A Blue Orphanage" von 1972 blieb wie die Vorgänger kommerziell weitgehend erfolglos, brachte ihnen aber eine Tournee im Vorprogramm von Slade ein.

Durch das eher beiläufig aufgenommene und Ende des Jahres 1972 von Decca Records als Single veröffentlichte "Whiskey In The Jar", eine Version eines bekannten irischen Volksliedes, gewann die Band erstmals grössere Aufmerksamkeit. Der Song erreichte Anfang 1973 in der britischen Hitparade den sechsten Platz und war auch in anderen Ländern erfolgreich. Die Band spielte das Lied bei ihren Auftritten nicht, aus Protest gegen die Plattenfirma, die den Song gegen ihren Willen veröffentlicht hatte. Die Folgesingle "Randolph’s Tango" war erfolglos, und auch die dritte LP "Vagabonds Of The Western World" im Spätsommer des Jahres 1973 wurde nur mässig verkauft. Obwohl auf dem Album textlich die Bezüge zu Irland und Mystik erhalten blieben, betonte die Band nun immer stärker den Hardrock, und die folkloristischen Anteile ihrer Anfangszeit gerieten zunehmend in den Hintergrund. Erwähnenswert war an dieser Platte ausserdem das stilprägende psychedelische Cover des irischen Malers Jim Fitzpatrick, der insgesamt sechs LP-Covers der Band gestaltete.

Ende des Jahres folgte als letzte Veröffentlichung mit Eric Bell an der Gitarre die Single "The Rocker". Der Gitarrist verliess wegen der kommerziellen Neuorientierung und aufgrund von Alkoholproblemen die Band am 31. Dezember 1973 nach einem Konzert. Er wurde am folgenden Tag durch Gary Moore ersetzt, der zusammen mit Phil Lynott 1969 der Dubliner Band Skid Row angehört hatte. Nach der Single "Little Darling" von 1974 und während der Aufnahmen zum Album "Nightlife" verliess Moore im Mai die Band wegen bandinterner Differenzen. Er wurde noch im selben Jahr durch Brian Robertson aus Glasgow und Scott Gorham aus Kalifornien ersetzt, die – mit Ausnahme des Songs "Still In Love With You" – die Gitarrenspuren von Gary Moore neu einspielten. Aus der Zeit des zweiten Trios der Bandgeschichte waren daher für lange Zeit neben "Still In Love With You" nur die auf diversen Samplern enthaltenen Songs "Sitamoia" und "Little Darling" erhalten. Erst mit der Wiederveröffentlichung des Albums "Vagabonds Of The Western World" im Jahre 2010 und des Albums "Night Life" 2012 gelangten weitere Songs aus dem Jahre 1974 mit Gary Moore an das Licht der Öffentlichkeit. Thin Lizzy trennten sich im selben Jahr einvernehmlich von Decca Records, die mittlerweile das Interesse an der Band verloren hatten, und wechselten zu Vertigo Records.

In der neuen Besetzung erlebten Thin Lizzy bis 1978 ihre erfolgreichste Zeit. Das Album "Nightlife" von 1974 fiel zwar insgesamt noch sehr ruhig und etwas Soul lastig aus, enthielt mit "It’s Only Money" und "Sha-La-La" aber auch schon den typischen Hardrock mit zwei Leadgitarren, der in den folgenden Jahren dann zum Markenzeichen der Band werden sollte. Trotzdem blieben gelegentliche Ausflüge in die irische Folklore erhalten. Textlich setzte sich Phil Lynott nun immer öfter mit Männlichkeits- und Halbweltthemen auseinander und auf dem Album "Nightlife" trat zudem ein gespaltenes Verhältnis zur katholischen Tradition seiner Heimat zu Tage. Auch in Texten von weiteren Platten befasste er sich mit zwiespältigen Gefühlen und Glaubensfragen. 1975 veröffentlichten Thin Lizzy das Album "Fighting", das deutlich härter als die bisherigen Platten ausfiel und auf dessen Plattencover die Bandmitglieder als Strassenkämpfer posierten.

1976 erschien mit dem Album "Jailbreak" und den daraus ausgekoppelten Singles "The Boys are Back in Town" und "Jailbreak" die bis dahin erfolgreichste Produktion von Thin Lizzy, was den Bekanntheitsgrad der Gruppe erheblich vergrösserte. Weltweit gefeierte Konzerte waren die Folge. Ein Zeugnis ihres Schaffens als Liveband zu dieser Zeit ist die Platte "Live And Dangerous". Noch im selben Jahr wie "Jailbreak" erschien die LP "Johnny The Fox". Während der Tournee durch die USA im Jahre 1977 verletzte sich Brian Robertson an der Hand, was zur Folge hatte, dass er von Januar bis März nicht Gitarre spielen konnte. In dieser Zeit wurde er durch den Rückkehrer Gary Moore ersetzt, der aber noch nicht offizielles Bandmitglied wurde, obwohl Phil Lynott den unzuverlässigen Robertson gerne durch Moore ersetzt hätte, der aber andere Verpflichtungen hatte. Auf der 1977er LP "Bad Reputation" wurden neben dem gewohnten Hardrock auch Einflüsse des Punk und der Discomusik verarbeitet. Die meisten Gitarrenspuren auf dem Album wurden von Scott Gorham eingespielt. Erst kurz vor Abschluss der Aufnahmen zu "Bad Reputation" kam Brian Robertson wieder zur Band.

Ende 1977 arbeitete Gary Moore erneut mit Phil Lynott und Brian Downey zusammen. Als Trio spielten sie überarbeitete Versionen von Songs aus der Zeit von 1970 bis 1974 unter Verwendung der Originalaufnahmen mit Eric Bell ein, die 1979 unter dem Albumtitel "The Continuing Saga Of The Ageing Orphans" veröffentlicht und zum Teil auf den späteren remasterten CD-Ausgaben der ersten drei Alben im Jahre 2010 wiederveröffentlicht wurden. Bei zwei Songs gastierte Midge Ure, ein Freund Phil Lynotts, an der Gitarre. 1978 wurde Gary Moore für den nun definitiv entlassenen Robertson festes Bandmitglied. Im selben Jahr wurde Schlagzeuger Brian Downey wegen gesundheitlicher Probleme vorübergehend durch Mark Nauseef ersetzt. In dieser Besetzung begannen noch im selben Jahr die Aufnahmen zum nächsten Album "Black Rose". Während der Aufnahmen stiess auch Downey wieder zur Band und spielte alle Songs mit ein. "Black Rose" enthielt, insbesondere im epischen Titeltrack, deutliche irisch-traditionelle Einflüsse. Im übrigen wartete das Album mit einigen der grössten Hits von Thin Lizzy auf: "Do Anything You Want To", "Sarah", "With Love" und "Waiting For An Alibi". Nebenher spielten Phil Lynott und Brian Downey 1978 auch mit Gary Moore mehrere aus den "Black Rose"-Sessions hervorgegangene Songs von Moores Soloalbum "Back On The Streets" ein, darunter den von Lynott und Moore geschriebenen Hit "Parisienne Walkways" und den in langsamerer Version gespielten Thin Lizzy Klassiker "Don’t Believe A Word". "Back On The Streets" kann daher als Thin Lizzy Album angesehen werden. Nachdem die drei 1979 noch den von Lynott und Moore geschriebenen Song "Spanish Guitar" und den Lynott-Titel "Jamaican Rum" eingespielt hatten, verliess Gary Moore während der US-Tournee von Thin Lizzy im Juli 1979 die Band. Nachdem Thin Lizzy vier Konzerte als Trio gegeben hatten, wurde kurzfristig Midge Ure als Ersatz für Moore neben Scott Gorham für den Rest der Tournee rekrutiert. Schon bei der anschliessenden Japan-Tournee spielte Ure nur noch die Keyboards, während an seiner Stelle Dave Flett von Manfred Mann’s Earth Band zweiter Gitarrist, aber ebenfalls kein festes Bandmitglied wurde.

1980 wurde Snowy White, der zuvor als Tourmusiker für Pink Floyd aktiv gewesen war, als Nachfolger für Gary Moore engagiert. Phil Lynott brachte im selben Jahr sein Soloalbum "Solo In Soho" heraus. Mit Snowy White nahmen Thin Lizzy 1980 das Album "Chinatown" mit der Hit-Single "Killer On The Loose" und 1981 "Renegade" auf. Durch Snowy White enthielt die Musik der Band mehr Elemente des Blues. Auf der Single "Trouble Boys" / "Memory Pain" befanden sich sogar zwei gecoverte Bluesklassiker, deren Auswahl auf die Vorliebe Whites für den Blues zurückzuführen sein dürfte. Im Anschluss an die Renegade-Tour 1982 verliess White die Band und wurde durch John Sykes ersetzt, der vorher bei den Tygers Of Pan Tang gespielt hatte. Ausserdem kam 1982 Lynotts zweites Soloalbum "The Philip Lynott Album" heraus, welches schlechte Kritiken bekam. Nebenbei unterstützte Lynott U2 in ihrer Anfangsphase. 1983 wurde das wohl härteste Album der Bandgeschichte "Thunder And Lightning" veröffentlicht. John Sykes brachte starke Heavy Metal-Einflüsse in die Musik ein. Zugleich enthielt das Album auch erstmals in erheblichem Umfang Keyboards, die vom vorherigen Tour-Keyboarder Darren Wharton, schon seit Renegade festes Mitglied, eingespielt wurden. Einen kleinen Hit erzielte die Band mit der Single "The Sun Goes Down". Das Album verkaufte sich trotz der vielen Personalwechsel gut.

1983 löste Phil Lynott die Band nach einer ausgiebigen Abschiedstournee und einem grossen Abschiedskonzert in London mit den früheren Gitarristen Eric Bell, Gary Moore und Snowy White als Gastmusikern auf. Der Auftritt wurde auf dem Album "Life:Live" festgehalten. Der vorerst letzte Auftritt der Band fand am 4. September 1983 in Nürnberg statt. Wenig später gründete Phil Lynott die Band Grand Slam, mit der er unter anderem die Songs "Dedication" und "Military Man" schrieb. Nach einer kurzen Tour zerfiel die Gruppe aber wieder. 1985 veröffentlichte Lynott ausserdem mit Gary Moore als Gary Moore & Phil Lynott die Single "Out In The Fields" / "Military Man" mit der von ihm co-komponierten B-Seite, welche bis auf den fünften Platz der britischen Charts gelangte. Seine eigene Single "Nineteen" war indes weniger erfolgreich. Im selben Jahr versuchte Lynott, Thin Lizzy mit Downey am Schlagzeug sowie Gorham und Sykes an den Gitarren wiederzubeleben. Für Januar 1986 war dazu sogar schon ein Studio gebucht, doch die Reformierung der Band kam nicht mehr zustande.

Phil Lynott starb am 4. Januar 1986 in Salisbury, Wiltshire an den Folgen seines langjährigen Drogen- und Alkoholmissbrauchs. Am 17. Mai desselben Jahres kam es im Rahmen des irischen Self Aid Festivals in Dublin zu einer einmaligen Reunion von Thin Lizzy in der Besetzung Gary Moore, Scott Gorham, Brian Downey, Bob Daisley und als Gastmusiker beim Stück "Cowboy Song" Bob Geldof. In das Bewusstsein einer grösseren Öffentlichkeit rückte Thin Lizzy erst wieder, als Metallica 1998 den Hit "Whiskey In The Jar" mit einem dazugehörigen Video-Clip coverten und damit Erfolg hatten. 1999, dreizehn Jahre nach dem Tod von Phil Lynott, kam es zu einem Tribute-Konzert in der Besetzung John Sykes (Gitarre und Gesang), Scott Gorham (Gitarre), Marco Mendoza (Bass), Darren Wharton (Keyboards) und Tommy Aldridge (Schlagzeug). Unter der Führung von John Sykes bestritten er und Scott Gorham bis zum Jahre 2009 mit wechselnden Mitmusikern in loser Folge Konzerte unter dem Namen Thin Lizzy. Von der europäischen Konzertreihe im Jahre 1999 zeugt das 2000 veröffentlichte Live-Album "One Night Only". 2005 organisierte Gary Moore zur Enthüllung einer Phil Lynott Statue in Dublin ein weiteres Tribute-Konzert zum Gedenken an Phil Lynott. Bei dem Konzert wurden vor allem Thin Lizzy Songs aufgeführt. Neben Gary Moore wirkten bei dem Konzert viele ehemalige Thin Lizzy Musiker mit. 2007 waren Thin Lizzy die Hauptgruppe des Rock Hard Festival in Gelsenkirchen. Im Jahr 2008 waren sie als Vorgruppe von Uriah Heep auf Tour. Für 2009 wurden Thin Lizzy als Supportband für die Europa-Tournee von AC/DC gebucht. Kurz vor Beginn der ersten Konzerte verletzte sich aber der Schlagzeuger Tommy Aldridge, wodurch einige Termine abgesagt werden mussten. Am 30. Juni 2009 erklärte Scott Gorham im Internet den Ausstieg von John Sykes.

Nach einer Zeit vorübergehender Lähmung reaktivierte Scott Gorham die Band im Jahre 2010 mit veränderter Besetzung. Mit dabei waren zunächst die früheren Bandmitglieder Brian Downey (Schlagzeug), Darren Wharton (Keyboards) und Marco Mendoza (Bass) sowie die Neulinge Vivian Campbell (Gitarre, von Def Leppard) und Ricky Warwick (Gesang, ex-The Almighty). Der erste Auftritt der neuformierten Band fand am 4. Januar 2011, dem 25. Todestag von Phil Lynott, statt und war zugleich der Auftakt einer Tournee. Nachdem Vivian Campbell zu Def Leppard zurückgekehrt war und anschliessend Richard Fortus (Guns N’ Roses) ein kurzes Gastspiel bei Thin Lizzy gegeben hatte, wurde Damon Johnson (ex-Alice Cooper) 2011 neuer Gitarrist neben Scott Gorham. 2012 begab sich die Band ins Studio, um an einem neuen Album zu arbeiten. Im Oktober des Jahres wurde dann aber verkündet, dass dieses Album aus Respekt vor Phil Lynott unter dem Bandnamen Black Star Riders veröffentlicht werden sollte, da alle Thin Lizzy Werke eng mit Lynott verbunden waren. Es wurden sowohl Konzerte unter dem Namen Black Star Riders als auch als Thin Lizzy angekündigt. Jedoch stiegen Wharton und Downey aus der Band aus, wobei Letzterer durch den Schlagzeuger Jimmy DeGrasso (Y&T, Megadeth, Alice Cooper) ersetzt wurde. Das Album "All Hell Breaks Loose" erschien am 24. Mai 2013. Im Januar 2016 wurde Mikkey Dee als neuer Schlagzeuger angekündigt, dieser war bis Dezember 2015 Mitglied der Band Motörhead, die sich aufgrund des Todes von Frontmann Lemmy Kilmister aufgelöst hatte. Micky Dee musste jedoch seine Teilnahme an den Thin Lizzy Konzerten 2016 und 2017 absagen, sodass an seiner Stelle Scott Travis von Judas Priest als neuer Schlagzeuger verpflichtet wurde. Im April 2016 verkündete die Band die Verpflichtung des neuen Bassisten Tom Hamilton von Aerosmith.





Aug 25, 2017


KLAATU - Endangered Species (Daffodil Records SBA-16060, 1980)

Klaatu waren eine kanadische Progressive Rock-Gruppe, die von 1975 bis 1981 aktiv war. Sie wurde von den drei Musikern John Woloschuk, Dee Long und Terry Draper in Toronto gegründet. Aufsehen erregte die Band zunächst vor allem durch das Gerücht, es handle sich bei Klaatu um eine heimliche Wiedervereinigung der Beatles. Die Verkaufszahlen des ersten Albums waren dementsprechend. In den sechs Jahren ihres Bestehens veröffentlichte die Gruppe fünf Alben. Die wahre Identität der Musiker wurde erst 1980, mit Erscheinen ihres vierten Albums "Endangered Species" bekannt gegeben. Die Ursprünge von Klaatu reichen jedoch bis zum Ende der sechziger Jahre zurück. Die kanadischen Musiker Terry Draper, John Woloschuk und Dee Long begegneten sich anlässlich eines Konzertes in Toronto zum ersten Mal. Alle drei Musiker spielten in unterschiedlichen Bands und arbeiteten 1971 zum ersten Mal gemeinsam unter dem Namen Mudcow. Diese Zusammenarbeit dauerte jedoch nur etwa ein Jahr. Als die Band, zu der noch der Musiker Jamie Bridgman gehörte, auseinanderbrach, entwickelte sich langsam aber sicher das Projekt Klaatu. Terry Brown arbeitete tagsüber in einem Tonstudio in Toronto und nutzte nachts die Räumlichkeiten für Aufnahmen mit Klaatu.

Als erstes Stück nahm die Band den Song "Anus Of Uranus" auf. Zusammen mit dem Titel "Sub Rosa Subway" veröffentlichte die Gruppe ihn 1973 als erste Single in Kanada. Einen nennenswerten Erfolg konnte weder diese noch die folgende Single "Dr. Marvello" mit der B-Seite "For You Girl" erzielen. Erst das Stück "California Jam" konnte bei einigen Radiostationen kleinere Erfolge verbuchen. Dadurch wurde das Plattenlabel Capitol Records auf die Band aufmerksam. Für die erste LP "3:47 EST" griff man auf einige Stücke aus der Frühzeit der Gruppe zurück, sodass die Produktionszeit im Grunde von Januar 1973 bis Januar 1976 reichte. Während der Aufnahmen zu ihrer zweiten Platte "Hope" ab Juni 1976, tauchte erstmals das Beatles-Gerücht auf. Klaatu waren von einem Tag auf den anderen über die Grenzen Kanadas hinaus bekannt. Selbst deutsche Teenagermagazine wie die Bravo, Pop oder der Musikexpress berichteten damals über das Ereignis: Klaatu profitierten von der Veröffentlichung in entscheidendem Masse, nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch. Nun war Geld vorhanden, um das Album "Hope" noch einmal zu überarbeiten. Ein ganzes Jahr, von Juni 1976 bis Juni 1977, konnte sich die Gruppe nun den Aufnahmen widmen. Kurz nach der Fertigstellung des Tonträgers veröffentlichte das Duo The Carpenters eine Coverversion des Songs "Calling Occupants Of Interplanetary Craft" vom ersten Klaatu-Album. Ihre Version konnte sich 9 Wochen lang in den englischen Charts halten und den neunten Platz erreichen. In den USA hingegen kam der Titel nur bis auf Position 32, verblieb jedoch 14 Wochen in den Charts.

Als Klaatu 1976 ihr erstes Album "3:47 EST" veröffentlichten, kamen Gerüchte auf, es handele sich um ein geheimes Projekt der Beatles. Als Anhaltspunkte für die Theorie dienten angebliche Ähnlichkeiten zu deren Sound, besonders auffällig beim Titel "Sub Rosa Subway". Die Stimme des Sängers John Woloschuk erinnerte zudem frappant an jene von Paul McCartney. Das Fehlen jeglicher Informationen zu den Musikern auf dem LP-Cover nährte diese Spekulationen zur Freude der Plattenfirma nur noch zusätzlich. Trotzdem wäre die Veröffentlichung wohl untergegangen, wenn nicht der US-amerikanische Journalist Steve Smith in einer in Providence (Rhode Island) erscheinenden Zeitung die Meinung vertreten hätte, bei Klaatu handle es sich um die Beatles. Er stellte hierbei die These auf, Klaatu seien entweder die Beatles selbst oder die Beatles und befreundete Musiker. In den folgenden Tagen verbreitete sich diese Meldung weltweit. Selbsternannte Beatles-Forscher suchten ähnlich wie sieben Jahre zuvor bei der legendären 'Paul is dead'-Episode nach möglichen Indizien. Diese fanden sich bald. Die Gruppe hatte sich nach der Hauptfigur aus dem Science Fiction Spielfilm 'Der Tag, an dem die Erde stillstand' benannt. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Ex-Beatle Ringo Starr auf dem Cover seines Albums "Goodnight Vienna" eine Szene aus genau diesem Film aufgegriffen und war selbst als Filmfigur 'Klaatu' abgebildet. Dies wurde als Hinweis gedeutet, die Beatles würden sich hinter dem vermeintlichen Band-Pseudonym Klaatu verbergen. Auf der Vorderseite des Plattencovers von "3:47 EST" war eine strahlende Sonne zu sehen, die als Anspielung auf die Beatles-Stücke "Good Day Sunshine" oder "Here Comes The Sun" verstanden werden konnte. Die Rückseite hingegen zeigte mit einer Nachtszene und dem Mond das Gegenstück dazu, sodass man dies als einen Verweis auf "Good Night" vom sogenannten 'Weissen Album' der Beatles interpretieren könnte.

Die Texte auf der Innenhülle zitierten in den Liedern "Sir Bodsworth Rugglesby III" mit "The End" und "Little Neutrino" mit "Good Night" eindeutig zwei Titel aus der späten Schaffensphase der Beatles. Ian Ballon führte in Ausgabe Nr. 13 des Fanzines Beatles Unlimited 150 Beweise für die Beatles-Theorie an. Darunter war die Behauptung, bei der LP "3:47 EST" handle es sich um das als verschollen geltende Album "Hot As Sun", dessen Existenz auf einer fiktiven Geschichte aus dem Rolling Stone beruhte. Spielte man die Platte rückwärts ab, glaubten 'Beatologen' im Lied "Sub Rosa Subway" die geheime Botschaft "It’s Us, it’s the Beeeeeeeatles" zu hören. Zudem sahen einige in diesem Song sowie im Titel "Doctor Marvello" Anspielungen auf die LP "Red Rose Speedway" von Paul McCartney's Wings oder das Stück "Dr. Robert" vom Beatles Album "Revolver". Hinzu kam, dass die Platte bei Capitol Records, dem US-amerikanischen Label der Beatles, erschienen war. Die einzelnen Mitglieder der Beatles schwiegen zu den Gerüchten. Klaatu profitierten stark von der Aufregung um das Album. Allein in den USA über wurden über 300000 Exemplare verkauft. Dies reichte für elf Wochen und Platz 32 als Höchstnotierung in den Billboard Charts. Die gleichzeitig erschienene Single "Sub Rosa Subway" hielt sich sechs Wochen in der Hitparade, konnte jedoch nur Platz 62 erreichen.

Im September 1977 erschien mit "Hope" das zweite Album der Gruppe. Es war als Konzeptalbum angelegt, das die faschistische Diktatur auf einem fremden Planeten schilderte. Von der Grundstruktur war es weitaus düsterer und beklemmender angelegt als die Vorgängerplatte. Sie erinnerte Beatleskenner aufgrund seiner breit angelegten Struktur an die Beatles-Meisterwerke "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" und "Abbey Road". Neben einem künstlerisch hochwertigen Artwork, kennzeichnend für alle Produkte von Klaatu, fanden sich auch wieder die Texte auf dem Innencover. Von näheren Angaben zur Gruppe oder den Komponisten wurde wie beim Debütalbum abgesehen. Dafür wurde in einer Werbung für "Hope" geschickt auf den Mythos um die Band angespielt: 'Klaatu is an English Band from Birmingham, England. Klaatu is four well known musicians attempting to wrap their collaborative work together in a cloak of secrecy'. Wieder waren viele der Meinung, dass die Musiker sich eindeutig nach den Beatles anhören würden. Insbesondere die Stimme erinnerte bei einigen Stücken frappierend an Paul McCartney. Vielleicht, weil das Interesse nachliess, vielleicht auch, weil die Musik anspruchsvoller als das Debütalbum der Gruppe war, blieb Hope nur sieben Wochen in den Top 100 mit einem Platz 83 als Höchstplatzierung.

Obwohl die Musik von Klaatu grossen Anklang bei den Kritikern fand, konnte sich die Band auf dem internationalen Markt nicht behaupten. Der krampfhafte Versuch, für das kommende Album "Sir Army Suit", welches im August 1978 erschien, unbedingt mehrere potentielle Single-Hits zu schreiben, führte zu einem Qualitätsverlust, obwohl die Band von August 1977 bis Mai 1978 ununterbrochen im Studio war. Die Arbeiten wurden jedoch von Spannungen mit dem Produzenten Terry Brown überschattet. Anstelle des Angebots, die Geschichte von "Hope" zu verfilmen, entschied sich die Band, ein Video zum Titel "A Routine Day" zu produzieren. Klaatu verabschiedeten sich mit dieser Platte vom Progressive Rock und vollzogen den Wechsel hin zur Popmusik. Insbesondere der Titel "Dear Christine" entwickelte sich mit der Zeit zu einem Ohrwurm, ging jedoch 1978 in der Discowelle unter. Nach dem Misserfolg des Albums "Sir Army Suit" wollte die Plattenfirma mehr Einfluss auf die Produktion gewinnen.

Für das vierte Album "Endangered Species" wurden ein anderer Produzent, Christopher Bond, und weitere Studiomusiker engagiert. Im Vergleich zu früheren Sessions gestaltete sich die Produktionsphase von September 1979 bis Dezember 1979 geradezu bescheiden. Klaatu konnten ihre Ideen nur noch teilweise umsetzen. Während die Aufnahmen mit den Overdubs der Studiomusiker erweitert wurden, geriet Terry Draper geradezu in die Rolle eines Zuschauers, der auf seiner eigenen Platte nicht mehr spielen durfte. Im Juni 1980 erschien die LP, die zwar musikalisch auf einem neuen Top-Level angesiedelt war, und zwar sowohl kompositorisch wie spielerisch, ohne jedoch einen bleibenden Eindruck beim Publikum zu hinterlassen. Auf dieser Platte, in der es inhaltlich um den Erhalt einer bedrohten Umwelt ging, richteten Klaatu eine von ihnen namentlich unterzeichnete Botschaft an ihre Fans, in der sie diese aufforderten, sich aktiv für den Schutz der Natur einzusetzen. Das Rätsel um die Musiker war damit gelöst. "Endangered Species" erreichte ebenso wie das Vorgängeralbum keine Hitparadenplatzierung in den Top 100.

Capitol Records hatte aufgrund dieser beiden Misserfolge das Interesse an der Band zunächst verloren. Im Frühjahr 1981 gingen die Verantwortlichen der Firma jedoch wieder auf die Musiker zu und boten ihnen einen neuen Vertrag an. Die Band erlangte hierbei ihre künstlerische Freiheit zurück, verpflichtete sich jedoch im Gegenzug dazu, nicht mehr in der Anonymität zu bleiben und auf Tournee zu gehen. Nachdem das fünfte Werk "Magentalane" im Oktober 1981 erschienen war, spielten Klaatu vom 10. bis 24. November mit grossem Erfolg im Vorprogramm der ebenfalls aus Kanada stammenden Band Prism. "Magentalane" galt als etwas virtuoser als die beiden Vorgängeralben, konnte jedoch ebenfalls nicht an die Erfolge der ersten beiden Alben "3:47 EST" und "Hope" anknüpfen. Auf der Innenhülle waren nun zum ersten Mal jene drei Musiker abgebildet, die hinter Klaatu steckten und so gar keine Ähnlichkeit zu den Beatles aufwiesen. Allerdings wurde John Woloschuk als der Sänger mit der 'Paul McCartney-Stimme' identifiziert. Da die Platte nur noch in Kanada erschien, wurde jenseits der Landesgrenzen kaum jemand auf das letzte Werk der Band aufmerksam. Dee Long verliess die Gruppe zu Beginn des Jahres 1982. Nach einer weiteren Tournee mit Sessionmusikern lösten Draper und Woloschuk die Band noch im selben Jahr auf. Capitol Records veröffentlichte zur Tournee 1982 noch den Sampler "Klaasic Klaatu", der 1993 in erweiterter Version als CD unter dem geänderten Titel "Peaks" herausgebracht wurde.

1988 kam es zu einer Wiedervereinigung der Band. Ausgerechnet dort, wo die Geschichte der Beatles ihren Anfang nahm, sollte die Geschichte von Klaatu enden, nämlich in Deutschland, genauer gesagt im deutschen Tatort, der beliebten Krimiserie der ARD. Im Laufe der Zeit hatten die Bandmitglieder einiges an Schulden angehäuft. Da musste ihnen das Angebot wohl gerade recht gekommen sein, für die Folge 'Tödlicher Treff' des Süddeutschen Rundfunks aus dem Jahre 1988 einen neuen Song mit dem Titel "Woman" aufzunehmen. Der Titel erschien in insgesamt drei Fassungen als Single, als Maxi-Single und als Single-CD, kurioserweise bei Polydor, jenem Plattenlabel, auf dem die Beatles gemeinsam mit Tony Sheridan ihre ersten professionellen Stücke eingespielt hatten. "Woman" besass allerdings keine Übereinstimmung mit den gleichnamigen Kompositionen von Paul McCartney und John Lennon. Der Titel hatte auch keinen Erfolg in der deutschen Hitparade, so dass Klaatu sich erneut auflösten. Ausser zum 'Klaatu Kon 2005 – World Contact Day' kam die Band nie wieder zusammen. Terry Draper verabschiedete sich vorläufig von der Musik und arbeitete wieder in seinem Beruf als Dachdecker, John Woloschuk blieb in der Musikindustrie und Dee Long arbeitete in George Martin's Air Studio als Engineer unter anderem mit Paul McCartney zusammen. Zwar waren Klaatu nicht die Beatles und kein Beatle hatte jemals eine Note auf einer Klaatu-LP gespielt. Trotzdem konnte man die Musik von Klaatu als vielseitig, interessant und von der Musik der Beatles stark beeinflusst betrachten.









Aug 24, 2017


OPETH - Heritage (Roadrunner Records 1686-177051, 2011)

Opeth aus Schweden spielten anfänglich Death Metal und zeigten später immer mehr Einflüsse aus Progressive Rock und Progressive Metal. Der Bandname wurde Wilbur Smith's Roman 'Der Sonnenvogel' entnommen, in welchem Opet als Stadt des Mondes übersetzt wurde. Die Bandgründer fügten dem Wort lediglich den Buchstaben 'h' hinzu. Vor der Gründung von Opeth spielten Sänger Mikael Åkerfeldt und Schlagzeuger Anders Nordin mehrere Jahre in der Black und Death Metal Band Eruption. Opeth Gründer David Isberg lernte Åkerfeldt in dieser Zeit kennen und engagierte ihn zunächst als Bassisten. Die anderen Bandmitglieder wussten davon nichts und verliessen im Streit die Band, um ein eigenes Projekt namens Crowley zu gründen und im gleichen Jahr ein Demotape namens "The Gate" einzuspielen. Opeth ersetzte die ausgeschiedenen Musiker durch Gitarrist Andreas Dimeo, Bassist Nick Döring und Schlagzeuger Anders Nordin. Opeth spielten ihr erstes Konzert im Februar 1991 mit Therion, Excruciate and Authorise. Danach verliessen Dimeo und Döring die Band und wurden für das nächste Konzert durch Gitarrist Kim Pettersson und Bassist Johan DeFarfalla ersetzt. Nach dem zweiten Konzert mit At The Gates, Therion, Desecrator, Megaslaughter und Sarcazm verliess DeFarfalla die Band wieder und wurde durch Peter Lindgren ersetzt, der eigentlich Gitarrist war und, nachdem kurze Zeit später Pettersson die Band verliess, an die Gitarre wechselte. Am Bass gab Matthias Ander ein kurzes Gastspiel, dem Stefan Guteklint folgte. Nachdem sich Opeth nach ihrer Gründung zunächst geweigert hatten, Demoaufnahmen einzuspielen, entstanden im Zeitraum von 1991 bis 1994 mehrere Demo-, Proberaum- und Promotionsaufnahmen.

Nachdem die Band 1994 einen Plattenvertrag mit Candlelight Records unterzeichnet hatte, trennte man sich von Guteklint und engagierte DeFarfalla als Studio-Bassisten für die Aufnahmen von "Orchid"; er blieb in der Folge Mitglied von Opeth. Nach der Veröffentlichung des Debütalbums bekamen Opeth die Chance, einige Konzerte in Grossbritannien zu spielen. Im Frühling 1996 wurde das zweite Album "Morningrise" in den schwedischen Unisound Studios aufgenommen und vom Betreiber Dan Swanö produziert. Nach dem Erscheinen gingen Opeth auf ihre erste Europa-Tournee mit Cradle Of Filth. Nach der Tour wurde DeFarfalla gefeuert. Nordin wurde dies mitgeteilt, während er im Urlaub in Brasilien weilte. Er beschloss, dort zu leben, und verliess die Band. Für "My Arms, Your Hearse" fand die Band mit Martin Mendez und Martin Lopez, die beide aus Uruguay stammten, zwei neue Mitglieder, aufgrund von Terminproblemen spielte Åkerfeldt jedoch den Bass auf dem Album ein. Lopez spielte vor Opeth bereits bei Amon Amarth. So wurde im Sommer 1997 dieses dritte Album aufgenommen und anschliessend wieder getourt. Mit dem Konzeptalbum "Still Life" von 1999 zeigten sich Opeth eher von der melancholischen Seite. Im Jahr 2000 wechselte die Band das Label und unterschrieb einen Vertrag mit Music for Nations.

Vor dem Erscheinen von "Blackwater Park" im Jahre 2001 tourten Opeth erneut. In London begegnete Åkerfeldt dem Musiker Steven Wilson und konnte ihn als Produzent für ein neues Album gewinnen. Im Jahr 2002 nahmen Opeth, wieder unter der Regie Wilsons, zeitgleich die beiden Alben "Deliverance" und "Damnation" auf. Ersteres iwar ein hartes Metal-Album, das andere sehr ruhig und ohne gutturalen Gesang. Das Konzept, aus den verschiedenartigen Ideen und Stücken zwei gegensätzliche Alben zu machen, stammte von Jonas Renkse (Katatonia). Music for Nations konnte nur davon überzeugt werden, da die Band einverstanden war, beide Alben bezüglich der Modalitäten ihres Plattenvertrages und der finanziellen Unterstützung durch die Plattenfirma als ein einziges zu behandeln. "Deliverance" erschien im November 2002 und "Damnation" im April 2003. Nach jedem Album folgte eine Tournee. In den Vereinigten Staaten tourte die Band zusammen mit Porcupine Tree. Im Februar 2004 brachten Opeth die DVD "Lamentations – Live at the Shepards Bush Empire" heraus. Auf dieser war das Konzert in London zu sehen, wie auch ein 'Making Of' der beiden vorherigen Studioalben.

Am 29. August 2005 erschien das Album "Ghost Reveries". Die Band war zuvor zu Roadrunner Records gewechselt, da Music for Nations 2004 aufgelöst wurde. Zudem wurde der Keyboarder Per Wiberg, der auf vorherigen Live-Auftritten bereits zur Besetzung gehörte, nun fest in die Band integriert. Auf diesem Album kombinierten Opeth wieder verstärkt Progressive Rock- und Death Metal-Elemente, wobei der Death Metal-Anteil zugunsten von Einflüssen aus dem Psychedelic Rock zurückgeschraubt wurde. Im Vergleich zu den Vorgängeralben war Mikael Åkerfeldt auch nicht mehr alleine für die Kompositionen verantwortlich, sondern hatte Ideen der ganzen Band mit einfliessen lassen. Im Mai 2006 verliess der Schlagzeuger Martin Lopez die Band aus gesundheitlichen Gründen. Seinen Platz als festes Mitglied übernahm kurz darauf Martin Axenrot, welcher zuvor bei Bloodbath aktiv war und bereits früher bei Opeth-Konzerten am Schlagzeug ausgeholfen hatte. Im Mai 2007 veröffentlichte Peter Lindgren einen offenen Brief, in dem er bekannt gab, dass für ihn das Leben mit der Band zu schwer werde, unter anderem wegen der sehr langen Tourneen. Als Ersatz für ihn trat Fredrik Åkesson in seine Fusstapfen, der vorher bei Bands wie Arch Enemy und Krux gespielt hatte. Im Mai 2008 wurde das neunte Studioalbum "Watershed" veröffentlicht.

Im April 2011 gaben Opeth auf ihrer offiziellen Webseite bekannt, dass Keyboarder Per Wiberg die Band im beiderseitigen Einvernehmen verlassen hatte. Dieser wurde später durch Joakim Svalberg, welcher zuerst nur live als Ersatz spielte, ersetzt. Die Keyboard-Parts auf dem im September 2011 erschienenen Album "Heritage" wurden jedoch noch ausschliesslich von Per Wiberg gespielt. Auf "Heritage" liess die Band die früheren Death Metal-Einflüsse völlig hinter sich. Das Album entstand Anfang 2011 in den Atlantis Studios in Stockholm. Von Mikael Åkerfeldt selbst produziert, wurde es von Steven Wilson abgemischt. Janne Hansson war der Toningenieur. Am 1. Dezember 2010 gab die Band bekannt, dass sie in Stockholm ins Studio ging. Bereits im September 2010 hatte Akerfeldt der Presse anlässlich der DVD-Veröffentlichung von "In Live Concert at the Royal Albert Hall" von seinem Schreibprozess für das neue Album berichtet. Das Magazin Rock Hard widmete der Band vorab eine zehnseitige Titelstory und erschien mit einer Extra-CD, die "The Devil's Orchard" von "Heritage" und sechs weitere Live-Stücke vom Rock Hard Festival enthielt.

Rezensionen auf den Babyblauen Seiten fielen überwiegend wohlwollend aus, so wurden vor allem der Mut zum Stilwandel und die handwerkliche Qualität gelobt. Andererseits wurde bemängelt, dass es an Originalität und Höhepunkten fehle. Im Rock Hard Magazin erreichte das Album mit einer Durchschnittsbewertung von 7,5 aus 10 Punkten den achten Platz der monatlichen Magazin-Charts. Holger Stratmann beschrieb Heritage als ein interessantes Album mit leichten Schwächen. Die Musikzeitschrift Eclipsed kürte "Heritage" indes zum Album des Jahres 2011, nachdem es zuvor im Oktober bereits Album des Monats war. Mike Borrink stellte fest, dass Åkerfeldt mit diesem Album wohl am Ende einer langen Reise angekommen sei. Opeth blieben einzigartig und ehrlich. Das Album erreichte mit Platz 9 in Deutschland die erste Top Ten-Platzierung der Band. In den USA kam es auf Platz 19.

Am 22. August 2014 erschien dann das elfte Studioalbum "Pale Communion", welches durch die Gruppe vorab in voller Länge im Internet bereitgestellt wurde. Auf dem Album verfolgten Opeth die mit "Heritage" eingeschlagene musikalische Richtung konsequent weiter und verzichten zu Gunsten melodiöser Progressive Rock-Elemente erneut auf bisherige Death Metal-Stilmittel. Nachdem die Band einen Plattenvertrag mit dem Label Nuclear Blast abgeschlossen hatte, wurde am 30. September 2016 das Studioalbum "Sorceress" veröffentlicht. Als der Gründer David Isberg die Band leitete und Åkerfeldt noch nicht eingestiegen war, orientierte sich die Musik Opeths am Black Metal und klang wie Bathory. Robert Müller vom Magazin Metal Hammer verglich das Debütalbum "Orchid" mit "In The Woods" auf Dope, mit weniger Progressive Rock Elementen und mehr Kerzenlicht, aber genauso üppigen Songs. Die ersten Alben waren im Death Metal verwurzelt, später wurden immer mehr genre-fremde Elemente in die Kompositionen integriert und Opeth wurde oft dem Progressive Metal zugerechnet. Der Musikstil wechselte spätestens ab "My Arms, Your Hearse" innerhalb der komplex strukturierten und oft langen Stücke zwischen brachialen Metal-Passagen und ruhigen, melancholischen Passagen mit balladesken Anklängen. Dieser Gegensatz findet sich in der besonderen Gesangsweise von Åkerfeldt wieder, der zwischen seiner warmen, klaren Gesangsstimme und tiefem Growling variierte. Auf ihrem Album "Watershed" gelang der Band ein humoristisches Spiel. Der Song "Hessian Peel" beinhaltete eine Passage mit rückwärts gesungenem Gesang, der sich umgekehrt als die Textzeile "Wandering in the courtyard. My sweet Satan I see you" offenbarte. Musikgeschichtlich war es eine direkte Referenz auf Led Zeppelin und die Debatten um angeblich versteckte Botschaften in deren "Stairway to Heaven". Mit dem Album "Heritage" liess die Band die früheren Death Metal-Einflüsse völlig hinter sich und bezog sich vor allem auf den Progressive Rock der 70er Jahre. Mit "Pale Communion" und "Sorceress" wurde der Weg fortgesetzt.





Aug 22, 2017


GRAND FUNK - Shinin' On (Capitol Records SWAE-11278, 1974)

Grand Funk Railroad zählten in den frühen 70er Jahren zu den erfolgreichsten Rockbands in den USA. Künstlerisch umstritten, von Zeitgenossen oft wegen eines wenig innovativen, um Effekte bemühten Stils kritisiert, genoss die Band in ihren ersten Jahren dennoch grosses Ansehen bei Musikkonsumenten und übertraf bei einem Konzert am 9. Juli 1971 im New Yorker Shea Stadium den sechs Jahre zuvor aufgestellten Einnahmerekord der Beatles. Die Gründungsmitglieder von Grand Funk Railroad waren der Sänger und Gitarrist Mark Farner und der Schlagzeuger Don Brewer aus Flint, Michigan sowie der Bassist Mel Schacher aus Owosso, ebenfalls im Bundesstaat Michigan. Die drei Musiker kannten sich seit ihren Teenagerjahren. Ihr Einstieg ins Musikgeschäft erfolgte, nachdem Don Brewer den Sänger der Band The Pack kennengelernt hatte, Terry Knight, der ab 1969 das Management von Grand Funk Railroad übernahm. Terry Knight stammte ebenfalls aus Flint und war ein populärer Discjockey einer Radiostation in Detroit. Nachdem er im Alter von 20 Jahren von seinem Sender wegen seiner aufbrausenden Persönlichkeit entlassen wurde, trat er The Pack als Leadsänger bei. Die Band nannte sich später denn auch Terry Knight And The Pack. Don Brewer und Mark Farner schlossen sich ebenfalls The Pack an. Sie brachten es zu einer Reihe lokaler Hits, bis Knights schwieriger Charakter die Band auseinanderfallen liess.

Don Brewer und Mark Farner beschlossen deshalb im Jahre 1968, eine eigene Band zu gründen. Wenig später trat Mel Schacher der Gruppe bei. Brewer verpflichtete Terry Knight, das zunächst noch namenlose Trio zu beraten. Der Anfang 1969 eingeführte Bandname bezog sich auf eine Eisenbahnlinie, die durch Brewers und Farners Heimatstadt Flint verlief. Knight übernahm das Management unter der Bedingung, in allen wichtigen Belangen freie Hand zu haben. Bereits im Frühjahr 1969 organisierte er den ersten Auftritt der Band in Buffalo (New York). In der Folgezeit prägte er alleinverantwortlich und konsequent den Stil der Gruppe und beherrschte deren Entwicklung als Pressesprecher, Verleger, Produzent und Verantwortlicher für die aussergewöhnliche Aufmachung der Band.

Ihren endgültigen Durchbruch erlebten Grand Funk Railroad auf dem Atlanta Pop Festival am 4. Juli 1969, wo sie ohne Gage spielten. Ermutigt durch das grosse Faninteresse, sprach Knight anschliessend bei Plattenfirmen vor und erreichte, dass Capitol Records die Gruppe unter Vertrag nahm. Ihr erstes Album "On Time" wurde zum musikalischen Muster für alle nachfolgenden Werke. Als unmelodisch und zu laut wurde die Musik der Band von vielen Rezensenten geschmäht. Rod Stewart bezeichnete sie einmal als 'the all-time loud white noise' (deutsch: permanentes weisses Rauschen). Trotz der teils massiven Kritik vieler britischer und amerikanischer Rezensenten und Musikzeitschriften spielten Grand Funk Railroad eine Serie von mit goldenen Schallplatten ausgezeichneten Alben ein und traten erfolgreich in den USA und Europa auf.

Der Begriff Heavy Rock war indes äusserst irreführend, da man Parallelen zu der grossen Stilrichtung Heavy Metal vermuten könnte, die bei Grand Funk Railroad jedoch gar nicht existierten. Mit der Stilrichtung Heavy Metal, die erst später entstand, hatte die Band allenfalls die Härte und die Lautstärke gemeinsam. Diese Härte beruhte aber nicht, wie zumeist im Heavy Metal, auf brachialen und aggressiven Riffs und auf einer forcierten Geschwindigkeit, sondern auf dem Groove. Dabei waren das unverwechselbare Markenzeichen der ersten Schaffensphase bis etwa 1972 die Riffs einer Gitarre, die auf dichten, warmen Klang getrimmt war und der ungewöhnlich dominante Part einer ebenfalls warmen und hohen Bassgitarre, der eine äusserst eigenständige und tragende Rolle zuteil wurde. Abgerundet wurde das Ganze durch ein knallhartes und gewaltiges Schlagzeug. Falls man unbedingt den schwierigen Versuch unternehmen mochte, den eigentlich unverwechselbaren Stil der Band zu kategorisieren, kam man diesem noch am nächsten mit einer Mischung aus Hard Rock, Blues, Boogie und einem Schuss Funk und Soul. Die Band schuf auch einige ruhigere Songs, bei denen die warme und klare Stimme von Mark Farner besonders ausgeprägt zur Geltung kam. Das Prägnanteste blieb in dieser Phase aber stets der harte Groove. Das Musikmagazin Rolling Stone bezeichnete die Gruppe als amerikanische Version der Nürnberger Reichsparteitage.

Grand Funk Railroad erreichten die Spitze der US-Albumcharts und wurden ein Jahr nach der Gründung 1969 erstmals mit Gold ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erschienen die ersten Singlehits "Timemachine" und "Mr. Limousinedriver". 1970 verzeichnete die erstaunte Presse sensationelle Verkäufe. Drei Alben erschienen in relativ kruzer Abfolge: "Grand Funk", "Closer To Home" und ein inzwischen zu den besten Live-Werken einer Rockband zählende Doppelalbum "Live Album". Mehrere aufeinander folgende Singlehits machten die Band zum lukrativen Act. Fünf Millionen Dollar Umsatz wurden alleine in diesem einen Jahr verzeichnet. Als 1971 jedes Grand Funk Album garantiert nach Fertigstellung Erfolg und Ruhm brachte, machte Knight die Band mit seinem Verkaufstalent zur absoluten Attraktion in den USA, unter anderem durch zwei ausverkaufte Konzerte im New Yorker Shea Stadium. Die Karten wurden schneller verkauft als bei den Beatles-Konzerten. Während viele Länder dem Grand Funk Fieber verfielen, blieb man in Grossbritannien dem importierten Hard Rock gegenüber jedoch reserviert eingestellt und setzte lieber auf heimische Bands wie Black Sabbath, Led Zeppelin und Deep Purple.

Nach drei Jahren und dem Erscheinen des Albums "E Pluribus Funk" trennten sich Grand Funk Railroad von ihrem Manager Terry Knight. Dieser verklagte sie wegen Vertragsbruch. Höhepunkt des Streits war die Einziehung der Instrumente bei einem Auftritt, was zu einem Aufstand geführt hätte und im letzten Moment abgewendet werden konnte. Der Rechtsstreit um die 55 Millionen Dollar-Klage ging nach jahrelangen Prozessen mit einem Vergleich zu Ende. Craig Frost, ein alter Freund der Gruppe, spielte ab 1972 und dem Album "Phoenix" die Keyboards und wurde endgültig viertes Mitglied ab dem Album "We’re An American Band" (1973), das von Todd Rundgren produziert wurde und mit dem die Härte und der Killergroove endgültig verschwunden waren. Gleichzeitig avancierte "We're An American Band" zu einem weltweiten Hit, was die Gruppe weiter darin bestärkte, den eingeschlagenen neuen musikalischen Kurs hin zu melodiösem Rock beizubehalten und weiter auszubauen.


"Shinin’ On" wurde 1974 fertiggestellt und konnte einen Welt-Hit abwerfen: Eine Coverversion des Songs "Locomotion" von Little Eva. Auf dem Album präsentierten sie etliche geniale Songs, die entgegen späterer Werke dem Zahn der Zeit bis heute gut widerstanden haben. Das Titelstück war ein energetischer Vorwärts-Rock mit einer tollen Orgelarbeit und dem nachwievor sehr energischen Gesang von Mark Farner. "To Get Back In" war wiederum eher der neuen musikalischen Ausrichtung geschuldet, präsentierte eine recht ansprechende Melodie und geriet angenehm zum Mitsingen. Der schleichende und schleppende Blues "Mr. Pretty Boy" wurde von vielen Fans der ersten Stunde als müden Abklatsch früherer Bluesrock-Stücke gewertet, passte ins Gesamtbild der Platte jedoch gut hinein. Aussergewöhnlich war schliesslich der praktisch nur auf einem einzigen Akkord basierende Vorwärts-Rocker "Little Johnny Hooker", der weitgehend von einer im Vordergrund stehenden aggressiven Hammond-Orgel dominiert wurde, und das Album abschloss. Interessant war auch die Cover-Arbeit: Ein 3D-Bild zeigte die Bandmitglieder verzerrt. Zur optimalen Betrachtung wurde jedoch eine 3D-Brille mitgeliefert, welche in das Frontcover eingestanzt worden war (als sogenanntes 'Die-Cut').

Noch im selben Jahr wie "Shinin' On" folgte der Nacholger "All The Girls In The World, Beware" (1974), auf dem Grand Funk Railroad dem Soul einen immer grösseren Einfluss beimassen. Der eigentliche Stilbruch hatte aber bereits mit dem Album "We’re An American Band" stattgefunden, danach hatte man alles, was die Band so einzigartig gemacht hatte, aufgegeben. Bevor 1976 das Werk "Born To Die" veröffentlicht wurde, hatte sich die Band inoffiziell getrennt, sie plante ihr letztes Album. Sie kehrte jedoch zurück, um Frank Zappa einen Dienst zu erweisen, mit dem das Album "Good Singin', Good Playin'" produziert wurde, das 1976 erschien. Im selben Jahr begann Mark Farner auch damit, sich einer Solokarriere zu widmen. Die verbliebenen Mitglieder gründeten das nach ihrer Heimatstadt benannte Trio Flint.

Von 1981 bis 1983 reformierten sich Grand Funk Railroad mit Dennis Bellinger (ohne Mel Schacher) und veröffentlichten ein weiteres Album: "Grand Funk Lives". Die Kritiker des Rolling Stone urteilten harsch ('Grand Funk Lives' wird als eines der peinlichsten Comeback-Alben in die Geschichte eingehen). Trotzdem erschien in dieser Zeit ein weiteres Album mit dem Titel "What’s Funk". Danach setzte Mark Farner seine Solokarriere fort und brachte zahlreiche Alben heraus, die heute nur noch als rare Sammlerstücke zu bekommen sind ("Mark Farner", "No Frills", "Some Kind Of Wonderful", "Just Another Injustice", "Wake Up"). In einer Phase nannte er sich Christian Mark Farner und spielte ausschliesslich bei christlichen Veranstaltungen. Ab 1995 trat er mit Ringo Starr's All Star Band auf und verzeichnete Erfolge mit Kollegen wie John Entwistle von The Who und Billy Preston. 1997 vereinigten sich Grand Funk Railroad erneut mit Mark Farner, um ein Benefizkonzert für die Opfer des Bosnienkriegs zu geben. Eine Doppel-CD mit einem neuartigen Sound, unter der Mitwirkung eines Sinfonieorchesters, mit den Gatmusikern Peter Frampton und Alto Reed, war das Ergebnis dieser Reunion. 1999 erschien das Dreierset "Thirty Years Of Funk" mit allen Erfolgen der Band und einigen bisher unveröffentlichten Stücken.

Mark Farner tourte danach mit der N’r’G Band (Lawrence Buckner, Paul Ojibway, Hubert Crawford) durch die USA. Don Brewer und Mel Schacher entschlossen sich, Grand Funk Railroad weiter bestehen zu lassen und verpflichteten Bruce Kulick (vormals bei Kiss), Tim Cashion (zuvor bei Bob Seger) und Max Carl (Ex-38 Special). Ab dem Jahr 2000 absolvierte die Gruppe ebenfalls zahlreiche Konzerte in den Vereinigten Staaten. Im November 2004 wurde Terry Knight ermordet. Grand Funk Railroad haben in ihrer musikalischen Laufbahn mehr als 20 Millionen Alben verkauft.




Aug 21, 2017


DEAD KENNEDYS - Fresh Fruit For Rotting Vegetables
(Cherry Red Records B RED 10, 1980)

Die Dead Kennedys waren eine der herausragenden Punk Bands aus San Francisco, die von 1978 bis 1986 existierte. Ihre Texte kommentierten mit beissendem Humor die Standpunkte linker und rechter Politik, mitunter auch durchaus angreifend in ihrer Wortwahl. Musikalisch verbanden sie die künstlerischen Elemente des klassischen britischen Punks mit der Energie und Geschwindigkeit des amerikanischen Punk Rocks. Der Bandleader und Frontmann Jello Biafra spielte mit seinem eigenen Plattenlabel Alternative Tentacles eine wichtige Rolle als Sprungbrett für andere Gruppen. Die Dead Kennedys gründeten sich im Juni 1978. Die Band bestand aus Jello Biafra (Sänger), East Bay Ray (Gitarrist), Klaus Flouride (Bassist) und Bruce Schlesinger alias Ted (Schlagzeuger). Anfänglich war auch noch der Gitarrist 6025 (Carlos Cadona) mit dabei, der jedoch bereits wenig später die Band verliess. Die Dead Kennedys spielten einige Konzerte in San Francisco und brachten im Juni 1979 ihre erste Single "California über alles" auf Alternative Tentacles heraus. Auf ihrer folgenden Tour entlang der US-Ostküste rüttelten sie mit ihren energischen Auftritten die dortige Punk-Szene wieder auf, um die es dort zu dem Zeitpunkt bereits stiller geworden war.

Im Herbst 1980 veröffentlichten sie ihre erste LP "Fresh Fruit For Rotting Vegetables". Die Platte erschien über das britische Independent-Label Cherry Red Records und war im Heimatland der Band zunächst nur als Import erhältlich. Das Album gilt heute als Meilenstein der US-amerikanischen Punkgeschichte und als eines der frühen stilprägenden Hardcore Punk Alben. Es war einerseits geprägt durch das für das Erscheinungsjahr sehr hohe Tempo der enthaltenen Musikstücke, andererseits durch die satirischen, gesellschaftskritischen Texte von Leadsänger Jello Biafra. In den durchweg polemischen Songtexten kritisierten und karikierten die Dead Kennedys soziale Ungleichheit. Da sich der Haupt-Songschreiber Jello Biafra und der Rest der Dead Kennedys zerstritten hatten, existierten später zwei Versionen der Entstehungsgeschichte, eine von Biafra und eine vom Rest der Band. An einigen Stellen der folgenden Abschnitte werden daher unterschiedliche Sichtweisen den jeweiligen Personen zugeordnet.

1978 gegründet, suchte die mit Liveauftritten sehr präsente Band Dead Kennedys eine geeignete Plattenfirma. Wegen ihres provokanten Bandnamens gestaltete sich die Suche besonders schwierig. Eine breite Independent-Szene war noch nicht entstanden und nach The Dickies und den Ramones interessierten sich die Major-Labels nicht mehr für US-amerikanische Punkbands. DIY ('Do it yourself') wurde dadurch zu einer der Säulen der noch jungen US-amerikanischen Punkbewegung. Nach der Veröffentlichung der Single "California über alles" durch das bandeigene Label Alternative Tentacles kam bald der Kontakt mit dem Musikagenten Bill Gilliam zustande. Einer festen Buchung der Band für Konzertveranstaltungen stand, auch nach Meinung des zwischenzeitlich ebenfalls kontaktierten Managers von Sham 69, Terry Gordon, jedoch eine nicht ausreichende Menge musikalischen Materials entgegen. Bislang waren lediglich einige Singles und die Kompilation "Live At The Deaf Club" erschienen. Bill Gilliam stellte die Band daraufhin Iain McNay von Cherry Red Records vor, Terry Gordon startete einen Vermittlungsversuch mit Safari Records. Diese hatten jedoch kein Interesse an einer Albumproduktion und so konzentrierte die Band ihre Hoffnungen ausschliesslich auf Cherry Red Records.

Kurze Zeit später schickte die Band eine frühe Fassung ihres Songs "Holiday In Cambodia" an McNay, um dessen Interesse zu wecken. Nach anfänglichen Vorbehalten seitens McNays, unter anderem wegen des provokativen Bandnamens, konnte das von der Band eingereichte und als nächste Single geplante Lied überzeugen. Zur Produktion eines Albums verfügte Cherry Red Records allerdings zunächst nicht über die erforderlichen finanziellen Mittel. Nach Biafras Angaben lagen diese bei 8000, den Auskünften der restlichen Bandmitglieder nach bei 10000 Dollar. Richard Bishop, ein Geschäftspartner McNays von Caroline Records, bot daraufhin seine Unterstützung an. Voraussetzung für das Vorstrecken der benötigten Geldmittel war die vertragliche Einwilligung von McNay und der Band in spezielle Verkaufskonditionen und ein dreimonatiges Exklusiv-Verkaufsrecht für Virgin Records, der Muttergesellschaft von Caroline Records.

Bevor die Arbeiten am Debütalbum begannen, nahm die Gruppe die Single "Holiday In Cambodia" mit der B-Seite "Police Truck" im Tewksbury-Studio in Richmond auf. Als Toningenieur wurde Geza Gedeon, bekannt auch als Geza X, verpflichtet. Er hatte zuvor bereits mit Black Flag und Germs zusammengearbeitet und verfügte als Mitglied der Punkbands Deadbeats und The Bag auch über eigene musikalische Erfahrungen. In den Vereinigten Staaten erschienen die ersten 3000 Exemplare über Optional Records, danach folgte eine zweite Veröffentlichung über Faulty Products, einem Ableger von Miles Copeland IIIs Independent-Label I.R.S. Records. Die ursprünglich vorgesehene Veröffentlichung durch A&M Records scheiterte am Namen der Band, denn Labelgründer Jerry Moss war Ted Kennedy freundschaftlich verbunden. Im Mai 1980 erschien die Single im Vereinigten Königreich, dort bereits über Cherry Red Records. Nach der erfolgreichen Veröffentlichung der Single willigten McNay und Gilliam ein und gaben der Band die 10000 Dollar für die Aufnahme des Albums. East Bay Ray gab später an, dass die Band für das Studio 6000 Dollar einkalkuliert und das restliche Geld unter den vier Bandmitgliedern aufgeteilt habe. Die Band mietete das Studio Mobius Music von Oliver DiCicco in Noe Valley und entschied sich gegen die Verpflichtung von Geza X. Dabei überstimmte sie Jello Biafra, der diesen Produzenten bevorzugte. DiCicco, Musikproduzent und Besitzer des Studios, war lediglich der Toningenieur des Albums, da er wenig Erfahrung mit Punkmusik hatte. Seine vorherigen Produktionen entstammten dem New-Age-Bereich. Da Klaus Flouride berufliche Verpflichtungen hatte, fanden die Aufnahmen nur abends und nachts statt. Das Studio war gerade auf 16 Spur-Technik umgestellt worden und war räumlich sehr eingeschränkt. Die Aufnahme erfolgte auf einem Zwei Zoll 16 Spur-Band. East Bay Ray verwendete für seine elektrische Gitarre des Typs Fender Super Reverb einen DOD Overdrive Vorververstärker und als Hallgerät eine Echoplex aus den 60er Jahren. Ausserdem spielte er eine alte Telecaster mit Seymour- und Humbucker-Pickups, einem Hals im Stratocaster-Stil und einem Steg von Schecter. Jello Biafra verwendete ein Neumann U47 Mikrofon, eine Empfehlung von Geza X. Für den Endmix wurde ein Ampex 351 Zweispurgerät verwendet.

Die Band investierte viel Zeit auf die Vorproduktion. Die Songs waren bereits fertig geschrieben und mussten nur noch eingespielt werden. Die meisten Titel waren nach dem ersten oder zweiten Take fertig. Auf dem Album waren daher nur wenig Overdubs zu hören. Während der Aufnahmen kam es jedoch vermehrt zu Konflikten innerhalb der Band, was sowohl die musikalische als auch die organisatorische Seite der Aufnahme betraf. Insbesondere Jello Biafra und East Bay Ray überwachten die Aufnahmen des Albums und bis heute streiten sich die beiden um den Hauptanteil. Insbesondere Ray fühlte sich hintergangen, da er nach seinem Verständnis zu wenig Kontrolle über die Produktion hatte. Als Produzenten wurde schliesslich im Booklet Norm angegeben, der Name der Siamkatze des Produzenten. East Bay Ray wurde unter seinem bürgerlichen Namen R. Pepperell als Produktionsassistent geführt. Spätere Pressungen enthielten andere Angaben. So wurden neben Norm auch East Bay Ray oder Norm And The Dead Kennedys angegeben. Das Album erschien am 2. September 1980 im Vereinigten Königreich, wobei die Pressung fehlerhaft war. Das eingesetzte Masterband lief zu schnell und es fehlten zudem die tiefen Frequenzen. Im Heimatland der Band war das Album zunächst nur als Import erhältlich, erst 1981 erschien die US-Version über I.R.S. Records.

Wie bereits bei den beiden Vorgänger-Singles handelte es sich musikalisch um schnell gespielten Punkrock, der später als Hardcore Punk definiert wurde. Neben dem frühen Punkrock wurden auch Elemente des Garage Rock, insbesondere der Sonics, des Surf und des Rockabilly in die Musik aufgenommen. Dadurch entstand eine für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Mischung aus traditionellen Rockelementen und Punkrock. Der Gesang von Jello Biafra war für die damalige Zeit ungewöhnlich schrill und erinnerte an ein wütendes Fauchen. Die Texte waren bissig bis bösartig-sarkastisch und aus einer sehr linken Perspektive geschrieben. Dabei wurden nicht nur einzelne Aspekte herausgegriffen, die für die Neue Linke in den Vereinigten Staaten charakteristisch waren, sondern die Kritik richtete sich gegen alle Aspekte des sogenannten American Way of Life und das komplette politische System Amerikas. In den Liedern nahm Jello Biafra oft die andere Position ein und verhöhnte so seine Gegner mit ihren eigenen Worten. Die Produktion war zwar recht dünn, doch die Schnelligkeit und die Verwendung der für Punk ungewöhnlichen Elemente wurden später zum Markenzeichen der Dead Kennedys.

Auf dem Albumcover befand sich ein Schwarzweissfoto, das eine Reihe brennender Autos zeigte. Die Aufnahme stammte von Judith Carlson und wurde für den San Francisco Examiner erstellt. Sie wurde während der sogenannten White Night Riots am 21. Mai 1979 aufgenommen. Die Unruhen brachen aus, nachdem der ehemalige Stadtrat Dan White den Homosexuellen-Aktivisten Harvey Milk sowie George Moscone, den damaligen Bürgermeister von San Francisco, erschossen hatte und zu einer aus Sicht vieler Kritiker zu geringen Haftstrafe von lediglich sieben Jahren verurteilt worden war. Aus den Reihen einer aufgebrachten Menge von annähernd 5000 Personen, die zum Rathaus marschierten, lösten sich einzelne Randalierer heraus und steckten in dieser Nacht mehr als ein Dutzend Polizeiautos in Brand. Bei der Reproduktion des Bildes für die Erstveröffentlichung ging viel von der Qualität verloren. Ursprünglich sollten die Flammen deutlicher dargestellt werden, wozu sie von I.R.S. Records orange eingefärbt wurden. Dies wirkte sich aber auch auf den Rest des Bildes aus, so dass Biafra nicht mehr damit zufrieden war. Cherry Red Records übernahm dann den schwarz-weissen Druck, der auch auf allen späteren Veröffentlichungen Verbreitung fand. Die Wiederveröffentlichung zum 25. Jubiläum des Albums 2005 enthielt eine eingefärbte Version, bei der allerdings nur die Flammen hervorgehoben wurden, so wie es ursprünglich geplant war. Über die Jahre erschienen viele unterschiedliche Varianten des Cover Artworks, die sich in der Helligkeit des Motives sowie in der Farbe des Bandlogos (weiss oder gelb) unterschieden. Auf der Originalversion befand sich zudem der Name des Albums nicht auf dem Schallplattencover, sondern nur auf der Rückseite. Bei einigen späteren Versionen wurde auch dies geändert.

Auf der Rückseite der LP war eine andere Band abgebildet, nämlich Sounds of Sunshine, die Anfang der 70er Jahre einen kleinen Hit mit "Love Means You Never Have To Say You’re Sorry" hatte. Tatsächlich hatte Flouride das Foto irgendwann auf dem Flohmarkt gekauft, ohne dass damals jemand die abgelichtete Band oder den Fotografen hätte zuordnen können. Das Bild wurde mit Totenköpfen und dem Dead Kennedys Logo verziert. Als die Dead Kennedys im Fernsehen gezeigt wurden und dazu immer wieder das Bild vom Backcover abgebildet wurde, wurden ehemalige Sounds of Sunshine-Mitglieder, inzwischen konservative Christen, darauf aufmerksam und klagten gegen die Dead Kennedys. Der Vertrieb I.R.S. Records zahlte schliesslich eine Entschädigung und auf späteren Pressungen wurden einfach die Köpfe der Bandmitglieder entfernt. Dem Album beigefügt war ein Poster mit einer Collage sowie den Texten des Albums. Die Collage wurde von Jello Biafra angefertigt mit etwas Unterstützung von Winston Smith, der auch für das Dead Kennedys Logo und später das Alternative Tentacles Logo verantwortlich zeichnete. Sie basierte auf den zahlreichen Ausschnitten aus Zeitungen und Zeitschriften, die Biafra in seinem Schlafzimmer hängen hatte. Im Wesentlichen beeinflusst wurde der Stil von der britischen Band Crass, allerdings war Biafras Ansatz ein eher politisch-humoristischer.

Bei frühen US-Versionen befand sich zwischen den beiden Songs "Let’s Lynch The Landlord" und "Drug Me" das Stück "Police Truck" und damit die B-Seite der "Holiday In Cambodia" Single. Das Lied wurde erst wieder 1987 auf der Kompilation "Give Me Convenience Or Give Me Death" auf einem Album-Format veröffentlicht. Vom Album existieren mittlerweile mehr als 30 verschiedene Versionen, die sich nicht nur in der Gestaltung, sondern auch in der Songauswahl unterscheiden. Als Bonustracks wurden gelegentlich die verschiedenen Single B-Seiten verwendet. Zum 25-jährigen Jubiläum erschien eine Special 25th Anniversary Edition mit einem 55-minütigen Dokumentarfilm, der Interviews mit verschiedenen Akteuren beinhaltete, darunter Klaus Flouride und East Bay Ray. Dazu wurden einige ältere Liveaufnahmen gezeigt. Einige davon befanden sich auf der Video-Kompilation "Dead Kennedys: The Early Years Live".

Die Songs des Albums im Detail: "Kill The Poor" war die satirische Aufforderung, Arbeitslose und Menschen in Armut durch die Neutronenbombe zu beseitigen, da die Wirkung dieser Waffe nett, schnell, sauber und effektiv ("It’s nice and quick and clean and gets things done") sei und die Gesellschaft so nicht länger durch Wohlfahrtssteuer ("Welfare Tax") belastet werde. Der Songtext wurde häufig mit "A Modest Proposal" von Jonathan Swift in Verbindung gebracht, das eine ähnliche Überzeichnung zum Inhalt hatte. Die Idee stammte jedoch aus einem alten Devo-Interview im Fanzine 'Search & Destroy'. "Kill The Poor" wurde die dritte Singleauskopplung des Albums. B-Seite war der Track "In-Sight". Bei der Single-Version handelte es sich um eine andere Abmischung des Songs. Als Werbeanzeige wurde ein Bild des Parteitags der Conservative Party verwendet, über dem der Singletitel prangte. Durch geschickte Anzeigenschaltung und späte Abgabe erschien das Motiv in einigen Zeitungen und Zeitschriften. Dafür musste sich McNay vor dem Werberat rechtfertigen. Als Konsequenz durfte er die Anzeige nicht wieder verwenden, was aber auch gar nicht seine Absicht war.

"Forward To Death" war ein Text, der sich mit der Sehnsucht nach dem Tod auseinandersetzte. Das lyrische 'Ich' sieht sich als Antagonist zum Rest der Welt. Das Lied stammte von Carlos Cadona (Pseudonym 6025), dem zeitweilig zweiten Gitarristen der Band, der zum Zeitpunkt der Aufnahme aber bereits wieder ausgestiegen war. Der Text war keine Fiktion von Cardona, sondern beschrieb sein damaliges Innenleben. So antwortete er auf die Frage, wie er zu dem Text gekommen sei, dass er oft so deprimiert gewesen sei, er würde sich auf den Tod freuen. Obwohl die ursprüngliche Idee von Cadona stammte, entstand die Musik des Songs letztlich in einer Art Jam, bei dem jeder seine Ideen hinzufügte. "When Ya Get Drafted" kritisierte das Wettrüsten zwischen Ost und West während des Kalten Krieges. Der Text selbst entwarf das Schreckensszenario, dass durch eine Volkszählung alle wehrdienstfähigen US-Amerikaner erfasst wurden, um effizienter Krieg gegen andere Staaten führen zu können. Ursprünglich unter dem Namen "Rhodesia" geschrieben, beinhaltete die erste Textversion noch Motive der Kubakrise, die allerdings von der Band Mercenary bereits aufgegriffen wurde.

Geza X riet Jello Biafra zur Überarbeitung und so wurde der Text allgemeiner gehalten. Der Songtext war geradezu prophetisch, denn im Februar 1980, kurz nach der Überarbeitung, als sie den Song schon live spielten, beschloss Präsident Jimmy Carter eine Erfassung aller wehrdienstfähigen US-Amerikaner, um im Bedarfsfall die Streitkräfte zu vergrössern. "Let’s Lynch The Landlord" forderte satirisch dazu auf, Grundeigentümer zu ermorden, die ihre Immobilien zu Lasten von deren Bewohnern verkommen liessen, um ihren eigenen Profit zu maximieren. Der Text basierte auf Flourides und Biafras Erfahrungen als Mieter. Für das Stück benötigte die Band am meisten Zeit. Zunächst war der Schlagzeugpart sehr schnell, sodass Bruce Slesinger (respektive Ted, wie er in den Credits des Albums benannt war) nicht nachkam. Deshalb wurde das Schlagzeugspiel vereinfacht und der Song damit tanzbar. Der Text wurde im Wesentlichen von Biafras Vorliebe für das Duo Sparks geprägt. Biafra bezeichnete die trockenen, wirklich bescheuerten Texte der Sparks als grossen Einfluss auf sein eigenes Songwriting.

Die Nummer "Drug Me" handelte von einem aussichtslosen Leben, das nur durch Betäubung erträglich wurde. Biafra kritisierte in diesem Songtext, dass viele Mittel der Unterhaltung - der Text nannte unter anderem Fernsehen, Kreuzworträtsel, Zeitschriften und Pornographie - in erster Linie dem Zweck der Betäubung und Abstumpfung dienen würden. Der Riff wurde von "(We Ain’t) Got Nothing Yet" von den Blues Magoos adaptiert. Es handelte sich um eines der schnellsten Stücke aus dem Repertoire der Dead Kennedys und war live kaum zu spielen. Später veröffentlichte die Band Sepultura eine Coverversion. "Your Emotions" handelte von Emotionen, die Menschen zu Monstern machen. Der Text wurde von East Bay Ray geschrieben. Der Basspart von Klaus Flouride war eine Reminiszenz an die Avengers.

Das Stück "Chemical Warfare" kritisierte das Wettrüsten sowie den Einsatz von chemischen Waffen. Der Text schilderte, wie jemand, der illegal an Nervengas gelangt war, Massenmord an den Gästen einer Cocktailparty beging. In das Lied wurde ein Walzer eingebaut, der eine Tanzkapelle auf einer Cocktailparty in einem Country Club imitieren sollte. Die Partygesellschaft wurde von Freunden der Band dargestellt, darunter Barbara Hellbent, Bobby Unrest, ChiChi (damalige Managerin der Dead Kennedys), Curt, Dirk Dirkson (Booker), Eric Boucher (bürgerlicher Name von Jello Biafra), Geoffrey Lyall (bürgerlicher Name von Klaus Flouride), HyJean, Michael Snyder (Journalist und Musikproduzent), Ninotchka (Therese Soder, Sängerin von Feederz und Biafras Ehefrau von 1981 bis 1986) sowie Will Shater und Bruce Calderwood (beide von der Punk Band Flipper).

"California über alles" überzeichnete in grotesker Form die Machtgelüste des kalifornischen Gouverneurs Jerry Brown und unterstellte diesem das Ziel der Installierung eines faschistisch geprägten Regierungssystems in den USA. Die Albumversion war wesentlich schneller, fast in doppelter Geschwindigkeit zur Singleversion, die dafür etwas rauer klang und mehr musikalische Abwechslung bot. "I Kill Children" parodierte einen Psychopathen, der es kaum erwarten konnte, die Kinder der Hörer des Albums zu ermorden. Der Text wurde sehr oft missinterpretiert, da die Hörer den Perspektivwechsel nicht mitmachten und Jello Biafra als lyrisches Ich sahen. Dies sorgte unter anderem dafür, dass Tipper Gore und ihre Zensurbehörde PMRC auf die Band aufmerksam wurden. Tatsächlich nahm Biafra als Basis beziehungsweise als Eröffnungszeile ein Zitat aus einem religiösen Traktat des fundamentalen Christen Jack T. Chick: "God told me to skin you alive" ("Gott hat mir befohlen, dich lebendig zu häuten").

"Stealing People’s Mail" handelte von Leuten, deren Unterhaltung darin bestand, massenhaft Postsendungen zu stehlen, um sich über deren Inhalte zu amüsieren. Biafra wurde beim Songwriting vom Garage Rock der 60er Jahre sowie von The Screamers beeinflusst. "Funland At The Beach" karikierte die allgemeine Sensationslüsternheit für Katastrophenfälle am Beispiel eines Psychopathen, der die Achterbahn in einem Vergnügungspark sabotiert, um sich anschliessend an den verstümmelten Leichen zu erfreuen. Der Text zeigte die emotionale Kälte der Parkbetreiber, die sich mehr um einen Prozess sorgten, als sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Wie bei "Kill The Children" wurde der Text häufig falsch verstanden. Der nächste Track "Ill In The Head" beschrieb wie "Forward To Death" und "Your Emotions" ebenfalls einen düsteren Geisteszustand. Das lyrische Ich war in einem zwiegespaltenen Eindruck und wusste nicht wohin mit sich Es war der einzige Song, auf dem Carlos Cadona zu hören war, der zum Einspielen wieder ins Studio kam, nachdem er die Band einige Monate vorher verlassen hatte. Das Lied hatten er und Biafra zusammen geschrieben. Biafra gab Cadona einen Text, mit dem er selbst unzufrieden war. Cadona überarbeitete ihn. Das Lied enthielt mit einem Wechsel zwischen 13/8 und 11/8 eine für Punk ungewöhnliche Taktart. Cadona war von Neuer Musik beeinflusst und hatte während seines kurzen Beitritts versucht, die Band in diese Richtung zu führen.

"Holiday In Cambodia" wurde ebenfalls in einer anderen Version als die damalige Singleversion eingespielt. Am Anfang war eine Art Schreien zu hören, das durch einen Effekt über das Echoplex von Ray entstand. "Viva Las Vegas" war eine parodistische Coverversion mit leicht geändertem Text und handelte von den Gefahren des Glücksspiels in Las Vegas. Dabei wurde der im Original von Elvis Presley gesungene Text so karikiert, dass neben der Kritik am Glücksspiel auch Presley selbst kritisiert wurde. So tauschte Biafra nur wenige Wörter aus und stellte einige Sätze so um, dass sie für Presley unvorteilhaft endeten. Am Ende wurde dem Protagonisten des Songs Kokainkonsum unterstellt. Hier fand eine Tradition der Dead Kennedys ihren Anfang: die überraschende Coverversion, die nicht zum Gestus und der Musik der Dead Kennedys passte. Fortgesetzt wurde sie unter anderem mit "My Sharona", "I Fought The Law" und "Boris The Spider". Jello Biafra imitierte hier den hohen Gesang von Feargal Sharkey. Ian McNay plante dies als dritte Single ein, da er sich davon hohe Aufmerksamkeit von den britischen Medien versprach. Doch die Band lehnte ab, da sie Befürchtungen hatte, damit als One Hit Wonder zu gelten.

Das Debütalbum erhielt gemischte Kritiken. Am besten schnitt das Album im Vereinigten Königreich ab. So kritisierte Andy Gill von Gang Of Four im New Musical Express die Themen des Albums, die abseitig und nicht mehr als Punk-Varielté seien. Dafür lobte er die Dynamik sowie die Originalität und den Abwechslungsreichtum der Kompositionen. Robert Christgau und Lester Bangs äusserten sich negativ. Christgau bezeichnete Biafras Gesang als Tiny Tim Vibrato und verglich die Musik mit den Stooges. Eine gute Kritik kam dagegen von John Tobler vom Zig Zag Magazine, der vor allem die subtilen Lyrics lobte. In den USA waren die Kritiken verhaltener. So lobte New York Rocker zwar die dynamischen Tracks des Albums, bezeichnete aber die Lyrics zu "I Kill Children" und "Funland At The Beach" als sinnlos und nur für den Schockeffekt geschrieben. Trotz der eher verhaltenen Rezensionen verkaufte sich das Album sehr gut. Bis zum Ende des Jahres konnte Cherry Red Records alleine im Vereinigten Königreich 30000 Stück absetzen. In Finnland, Spanien, Portugal und Australien erreichte es sogar Top 10-Platzierungen. In den britischen Charts erreichte das Album Platz 33.

Die Single "Kill The Poor" platzierte sich auf Rang 49. Zur damaligen Zeit ebnete das Album den Weg für die San Franscisco Punkszene und machte diese sowohl in den USA als auch in Europa populär. Es war zudem einer der Meilensteine des frühen US Hardcores, zusammen mit den ersten Veröffentlichungen von Black Flag, MDC und Bad Brains. Heute gilt das Album als eines der bedeutendsten Werke der Punkmusik sowie als Blaupause für textlich wie musikalisch vielseitigen Punk. Dementsprechend oft wird es auch heute noch zitiert. Insbesondere die beiden Hits "California über alles" sowie "Holiday In Cambodia" wurden recht häufig gecovert. Bei ersterem waren sicherlich die Versionen von der Death Metal Band Six Feet Under sowie von der Independent Rock Band The Delgados hervorzuheben. Von letzterem existieren unter anderem Versionen von Laaz Rockit und Boysetsfire. Serj Tankian und die Foo Fighters spielten auf den MTV Video Music Awards 2007 ebenfalls eine Neuauflage des Songs.

Der Song "I Kill Children", insbesondere der Eröffnungssatz, inspirierte den Künstler Winston Smith zu einem Gemälde mit dem Titel 'God Told Me to Skin You Alive', das später wiederum Verwendung als Artwork beim Green Day Album "Insomniac" fand. Das Album diente zudem als Inspiration für eine ganze Reihe von Künstlern, so bezeichneten unter anderem Dinosaur Jr., Hüsker Dü, The Pixies, Nirvana, The Offspring und Massive Attack das Album als grossen Einfluss. Im Mai 2001 veröffentlichte das US-Musikmagazin Spin das Themenheft '25 Years of Punk' mit einer Liste der '50 Most Essential Punk Records'. Das Album "Fresh Fruit For Rotting Vegetables" stand dort auf Platz 46. Das britische Mojo nannte das Album das musikalisch komplexeste Punkalbum aller Zeiten. Robert Dimery nahm das Album in sein musikalisches Referenzbuch '1001 Albums You Must Hear Before You Die' auf. 2004 erschien eine Liste des deutschen Rolling Stone Magazines, bei dem "Fresh Fruit For Rotting Vegetables" auf Platz 185 geführt wurde. Sowohl auf der Liste des US-amerikanischen Rolling Stone als auch bei der Neuauflage der Liste 2012 fehlte es dagegen.

Der New Musical Express nahm das Album 2013 in seine Liste der 500 besten Alben aller Zeiten auf. Geführt wird es dort auf Platz 365. "Fresh Fruit For Rotting Vegetables" war das einzige Album der Band, dessen Rechte nicht bei Alternative Tentacles lagen, bevor der Rechtsstreit zwischen Jello Biafra und den restlichen Mitgliedern der Dead Kennedys begann. Während des Rechtsstreits ging es insbesondere um falsch berechnete und nicht ausgezahlte Royalties sowie fehlerhafte Urheberrechtsangaben. Ein Punkt war allerdings, dass Biafra den Backkatalog nicht genügend beworben hätte. Als Gegenbeispiel wurde daher Cherry Red Records ausgewählt, die das Album als Digipak mit verschiedenen Bonustracks erneut herausgebracht hatten und damit die Verkäufe von 5000 auf 15000 Stück anheben konnten. Als Folge sprach die Jury den restlichen Mitgliedern die Rechte zur Veröffentlichung aller Alben ausser "Fresh Fruit For Rotting Vegetables" zu.

Am Ende des Jahres 1980, nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung des Debutalbums, trennte die Band sich von Schlagzeuger Ted aus musikalischen Gründen und fand in D. H. Peligro einen Nachfolger. Über die gesamten 80er Jahre tourten sie durch die USA und Europa und schafften sich so weltweit Gefolgschaft in der Undergroundszene. Ihre Musik, aber insbesondere ihre Texte, attackierten unter anderem die religiöse Rechte und Ronald Reagan mit bösem Sarkasmus. Die Veröffentlichung des Albums "Frankenchrist" (1985) rief das damals neu gegründete Parents Music Resource Center (PMRC) auf den Plan, und die Organisation klagte die Band 1986 wegen Verbreitung jugendgefährdender Inhalte an Minderjährige an. Dabei ging es um ein der Schallplatte beigelegtes Poster mit der Zeichnung 'Penis Landscape' des Schweizer Künstlers H. R. Giger. Die Anklage verlangte eine Verurteilung jedes Bandmitglieds zu einem Jahr Gefängnis und 20000 Dollar Strafe. Im Jahr 1987 wurde nach einem dreiwöchigen Prozess die Anklage gegen die Band fallen gelassen. Das Album verschwand in den USA jedoch fast vollständig aus den Plattenläden. Nach der Veröffentlichung der LP "Bedtime For Democracy" gegen Ende des Jahres 1986 erklärten sich die Dead Kennedys für aufgelöst. Jello Biafra blieb weiterhin in der Punk-Bewegung aktiv, pflegt bis heute das Label Alternative Tentacles, gründete unter anderem die Band Lard und brachte einige Spoken Word Alben heraus.

Seit der Auflösung sind die Bandmitglieder zerstritten. Angeblich wollten die restlichen Bandmitglieder den Song "Holiday In Cambodia" für einen Werbespot der Firma Levis Jeans lizenzieren, was Jello Biafra als Ausverkauf seiner Punk-Ideale verstand. Die übrigen Bandmitglieder bestritten dieses Vorhaben jedoch. Des Weiteren ging es in einem Gerichtsverfahren um nicht bezahlte Tantiemen, die den anderen Mitgliedern zugestanden hätten. Der Richter entschied zugunsten der anderen Mitglieder. Die komplette Palette der Dead Kennedys Werke (ausser dem ersten Album "Fresh Fruit For Rotting Vegetables") fiel auf den Rest der Dead Kennedys, die daraufhin das Label Decay gründeten. Der verbliebene Teil der Band, bestehend aus East Bay Ray, Klaus Flouride und dem Inhaber dieses Labels, D.H. Peligro, begann 2001 eine Reunion-Tour unter dem Namen DK Kennedys und ersetzte Biafra durch den Sänger Brandon Cruz. Trotzdem machten sie an verschiedenen Orten Werbung mit Bildern von Jello Biafra, so dass Fans der Band ihr Geld zurückverlangten, als sie feststellten, dass Jello Biafra nicht singen würde.

Jello Biafra distanzierte sich von allen Aktivitäten der DK Kennedys und deren Label Decay, da diese nichts mit dem Geist und der Qualität der Dead Kennedys von vor 1986 zu tun hätten. Am 9. Oktober 2007 wurde ein Best Of Album mit dem Namen "Milking The Sacred Cow" herausgebracht. Es enthielt zwei unveröffentlichte Versionen von "Soup Is Good Food" und "Jock-O-Rama". Cruz' Nachfolger Jeff Penalty verliess die Band im März 2008. Er wurde von dem früheren Wynona Riders Sänger Ron 'Skip' Greer ersetzt. Die Liedzeilen "Weil sie dich verplant haben, kannst du nichts anderes tun als aussteigen und nachdenken" wurden in der bekannten Kurzgeschichte "Im Spiegel" von Margret Steenfatt zitiert. Die Toten Hosen veröffentlichten 2017 eine Coverversion des Songs "California über alles" mit Jello Biafra als Gastsänger. Dieser Song war auf dem Album "Learning English Lesson 2" enthalten.