23.10.2017


CALIGULA'S HORSE - In Contact (Inside Out Music 89854 61982 4, 2017)

Die australische Progressive Rockband Caligula's Horse konnte mit ihrem zeitlos schönen, von melancholischem Gesang, wuchtigen Gitarrensounds und verspielten, rhythmischen Arrangements getragenen Sound, der stellenweise recht viel Metal-Anteil aufwies, schon beim im Jahre 2015 erschienenen Album "Bloom" Liebhaber von Bands wie Karnivool, Haken, Riverside, Leprous oder Pain Of Salvation für sich gewinnen. Ihr in diesem Jahr erschienenes Opus "In Contact", das von Forrester Savell (Karnivool) und Gitarrist Sam Vallen abgemischt und von Jens Bogren (Opeth, Katatonia) gemastert wurde, markierte in diesem Spätsommer einen weiteren künstlerischen Höhepunkt der iahre 2011 gestarteten Karriere der Gruppe. In Australien feierten Caligula's Horse bereits schon zuvor beachtliche Erfolge, tourten mit zahlreichen Genregrössen und schafften mit dem Werk "Bloom" dann auch endlich den Schritt nach Europa. Es war daher kaum verwunderlich, dass Jørgen Munkeby von ihren 2016er-Tourpartnern Shining beim fünfzehnminütigen „Graves“ als Saxofonist zu hören ist. Auch „Will's Song (Let The Colours Run)“ oder „Songs For No One“, eigentlich alle musikalischen und emotionalen Großtaten auf „In Contact“ entwickeln gerade auch aufgrund des sehr persönlichen Konzepts der Lyrics eine Intensität und Gänsehautstimmung, der sich kein Freund von frischem, progressiven Metal entziehen kann. Caligula's Horse scheinen die Herausforderung angenommen zu haben, sich im professionellen Musikgeschäft zu behaupten, und veröffentlichen keine zwei Jahre nach "Bloom" nun mit "In Contact" ihr zweites Album für das Label Inside Out.

Was die genauere stilistische Verortung dieses Albums angeht: Bands entwickeln gelegentlich einen eigenen Stil, den sie fortan pflegen und vielleicht verfeinern oder perfektionieren, aber nur selten mal umschmeissen. Entsprechend sollte es auch nicht überraschen, dass Caligula's Horse auch 2017 weiter auf ihre Stärken, respektive ihr Markenzeichen setzen, ergo auf den ausdrucksstarken Gesang von Jim Grey, das virtuos-sehnsüchtige Gitarrenspiel von Sam Vallen und die versierte Rhythmik von Bassist und Schlagzeuger. Auch kompositorisch loten die Australier weiterhin in diesem recht eigenständigen, stets etwas melancholischen Idiom das Fahrwasser zwischen Progmetal und Alternative Rock aus, weshalb es auch nicht verwundern sollte, dass bereits der Opener "Dream The Dead" an der 10 Minuten-Marke kratzt und kürzere, wenn auch nicht zwingend eingängigere Songs erst in dessen Windschatten untergebracht sind. Fangen wir aber erst mal mit den längeren Stücken an: "Dream The Dead" legt erst mit einer Riffwand und diesen charakteristischen Melodien auf der Gitarre los, ehe es mit einsetzendem Gesang zu weiterhin bewegtem Rhythmus ruhiger wird, sich sogleich aber in der Strophe wieder steigert, sodass der wie immer sehr verschachtelte Refrain an die Intensität des Intros anknüpft. Indes stellt sich heraus, dass die zweite Strophe trotz ähnlicher Begleitung ganz anders gesungen wird als die erste, und der folgende Refrain variiert sein Material ebenfalls, nicht ohne zwischendurch noch mal auf die vorangegangene Strophe zurückzugreifen. Eine anschliessende Ruhepause bereitet dann einen Instrumentalpart vor, der ein paar Phrasen aus den Strophen aufnimmt, und am Ende gibt es noch mal Gesang in Form einer Art Reprise der Strophen und ihrer intensivsten Momente.

"Songs For No One", ebenfalls relativ lang, stellt in gewisser Hinsicht einen Gegenpol dar: Es gibt zwar ebenfalls einen kräftigen Einstieg mit Widerhaken-Riffing, jedoch von Anfang an dominanten Gesang. Dafür nimmt die Intensität während der Strophen hingegen ab, und die auf auf die erste Strophe entsprechend plötzlich folgende Mainstream-Melodie zu rockiger Begleitung erweist sich mitnichten als Refrain, sondern eher als eine Art Bridge. Denn am Ende des Songs, der seine Länge zum Teil auch einem stimmigen ruhigeren, nachdenklichen Part im dritten Viertel verdankt, wird man feststellen, dass "Songs For No One" tatsächlich mit seinem eigentlichen Refrain begann. Hier wird das Pferd verblüffenderweise von hinten aufgezäumt, was man durch die beschriebene Bridge aber sehr schön maskieren konnte und einen verblüffenden Effekt hat.

"Fill My Heart" reicht ebenfalls an die sieben Minuten heran, erweist sich allerdings als durchaus kontroverses Experiment: Loop-Begleitungen und Arpeggio-Gitarren suggerieren eine sich langsam steigernde Halbballade, die in der Tat in ihren Refrains kleinere Spitzen erreicht, zögert diese Punkte aber lange hinaus, sodass das Stück nicht so gut ins Ohr geht wie die umgebenden Songs. Schliesslich noch "Graves": Auf den ersten Blick scheinen sich hier verschiedene Parts abwechselnder Intensität aneinander zu reihen. Genaueres Hinhören ergibt dagegen, dass ein charakteristischer Rhythmus, der bereits im Intro vorgestellt wurde und Motive jeweils um einen Taktschlag verkürzt, sämtliche Passagen eint. Mit einer solchen Art der Verschwägerung erweist sich "Graves" damit wider Erwarten durch die Hintertür doch als konziser Longtrack, der überdies durch spannungsreiche Momente wie den Kontrast von technisch-trockenem Riffing mit einem Saxophonsolo überzeugen kann.

Und die kürzeren Stücke ? Da ist es ebenfalls spannend. Gemässigt ausgefallen ist "The Hands Are The Hardest", das mit übersichtlich arrangiertem Hauptriff und halbballadesker Strophe samt poprockiger Klavier- und Keyboardbegleitungen sowas wie die Hitsingle dieses Albums darstellen könnte - zugleich aber mit hakenschlagender Rhythmik und nicht weiter verfolgten Anflügen von Härte genüsslich irritiert. Hingegen stellt "Will's Song" ein Feuerwerk aus filigranen Einfällen und schwindelerregender Rhythmik dar, in dem der Gesang mal verbindet, mal mit ultrakomplexen mehrstimmigen Arrangements verzückt, dass es in dieser Kürze glatt verschwenderisch wirkt. Ein virtuoser Knaller. Andere Töne schlagen das erst Trip Hop ähnliche, dann balladeske Zwischenstück "Love Conquers All" wiederum mit Loops und das mit akustischen Gitarren dargebotene, trotzdem überarrschend intensive "Capulet" an. Den letzten Punkt schliesslich macht das von einer dramatischen Rezitation mit dem Titel "Inertia And The Weapon Of The Wall" vorbereitete "The Cannon's Mouth", das mit diesem Riffing und aus der Ruhe heraus aufgebauten Strophen Trademarks pflegt, zugleich aber den Refrain dreieinhalb Minuten lang hinauszögert, eher offen endet und mit dieser Spannung ebenfalls im Gedächtnis bleibt.

Im Gesamtergebnis ist damit auch "In Contact" eine aussergewöhnliche Platte geworden, die eingedenk der Mutmassungen aus dem ersten Absatz sowohl professionelle Routine als auch das Bewusstsein um den eigenen Stil demonstriert. Der eigentliche Clou ist unter diesem Aspekt, dass man diese Komponenten nun kombiniert und damit Irrwitz wie eben "Will's Song" oder "The Cannon's Mouth" fabriziert - oder eben überlegt zusammengesetzte Puzzles wie "Graves" oder "Songs For No One". Angesichts dieser Kracher verblassen natürlich Stücke wie "The Hands Are The Hardest" oder "Capulet" ein wenig, umgekehrt kann man diese Stücke aber wohl einmal mehr zu Auflockerungen umdeuten. Das Niveau von "Bloom" hätten Caligula's Horse damit weitestgehend gehalten und ihren Status damit behauptet. So darf es also, und damit wären wir wiederum bei der Einleitung, gerne weitergehen: "In Contact" als zweites Werk dieser aussergewöhnlichen Band lässt nach mehr hoffen. Für mich eine der grössten Ueberraschungen von 2017.





22.10.2017


NEW YORK DOLLS - Too Much Too Soon (Mercury Records SRM-1-1001, 1974)

Ihr Name trug New York und Puppen im Titel, stand aber genauso für dreckigen Rock'n'Roll im Popsong-Format, androgyne Anarchie, Revoluzzertum in Strumpfhosen, Bühnenekstase in High Heels, exzessive Groupiegelage und Drogenexzesse mit Todesfolge. Der ebenso einflussreichen wie legendären Glamrock-Band New York Dolls, obwohl zeitweise in der Obhut des späteren Sex Pistols-Provokateurs Malcom McLaren, waren zwar nur gute drei Jahre im Rampenlicht beschieden, sie sicherte sich aber einige Zeit nach ihrer Auflösung einen unübersehbaren Platz auf dem Rock Olymp, alleine schon des Einflusses wegen, den die Band auf die Jahre später stattfindende Punk-Bewegung ausübte. Die New York Dolls waren die Typen an der Spitze und ganz kurz vor dem Ziel, doch dann fielen sie hin und brachen sich die Beine, konstatierte ihr Sänger David Johansen 30 Jahre später. Das grosse Geld machten später andere Bands, die sich die musikalische Rezeptur der New Yorker Puppen einverleibten: Kiss, Aerosmith, Blondie, die Talking Heads, The Clash und natürlich die The Sex Pistols. Die New York Dolls verkauften letztlich keine Platten, sondern Einfluss, was leider nmur wenig Kohle einbrachte, resümierte David Johansen später seine Erinnerungen. Heute gilt ihr Debütalbum "New York Dolls" mit dem berühmten, in rosa Lippenstift-Farbe verewigten Schriftzug samt den darauf befindlichen Szenehits "Personality Crisis", "Jet Boy" und "Subway Train" ebenso als Klassiker wie "Fun House" von den Stooges oder "Kick Out The Jams" von MC5. Die New York Dolls, das war Halloween, 365 Tage im Jahr, hob Gitarrist Syl Sylvain, der im Februar 1972 Rick Rivets an der Gitarre ablöste, treffend den Spassfaktor seiner Truppe heraus.

Dass es die Band dennoch über den Status einer Fussnote des Glamrock hinaus schaffte, verdankte sie nicht ihren durchweg extravaganten Bühnenoutfits, sondern den Songs, die in ihren besten Momenten dem Bösewicht Rock'n'Roll den Dolch mit einer Wucht ins Herz rammten, dass dem Publikum der Atem stockte. Während die Stooges dem Drang zum ausufernden Krawall meist erlagen, platzierten die New York Dolls ihre Heavy Metal-Riffs in knackige 3 Minuten Songs, die dabei aber keinerlei Berührungsängste mit harmonischen 60s Girl Pop-Anleihen zeitigten, was wiederum die Ramones nachhaltig beeindruckt haben dürfte. Die Gruppe traf sich im Jahre 1971 auf Initiative von Arthur Kane und Rick Rivets, nachdem alle Mitglieder bereits zuvor in anderen Bands aktiv waren. Die Gitarren bedienten Rivets und Johnny Thunders, Kane spielte Bass, Billy Murcia sass am Schlagzeug und David Johansen war Sänger, Harp-Spieler, Fixpunkt und Frauenschwarm in einer Person, was dank seiner an Mick Jagger erinnernden Mimik kein allzu grosses Problem darstellte. Doch erst als Sylvain für Rivets einstieg, fanden die New York Dolls ihren Konzert-Rhythmus in Lower Manhattan. Ihr CBGB's war das Mercer Arts Center, ein Teil des Broadway Central Hotelgebäudes mit mehreren Räumen zur Abendgestaltung und einer gemeinsamen Bar, an der sich alle Besucher trafen. Auch Freakclubs wie Max's Kansas City, durch Velvet Underground zu Ruhm gelangt, rissen sich bald um die neuen Paradiesvögel.

Es dauerte nicht lange, bis das Publikum die Kunde der energetischen Liveshows aus dem Mercer Arts Center in die Strassen des Big Apple hinaustrug. Und auch die Kunde ihrer Outfits: So betrat Sänger Johansen gerne als Greta Garbo verkleidet die Bühne, hing sich aber auch mal dicke Kreuzketten um wie der Dunkelfürst in spe, Ozzy Osbourne. Solcherlei bewusst gesetzte Tabubrüche sorgten für anbetungswürdige Faszination jenseits der Bühne. Parallel dazu wurden erste Vergleiche mit den Rolling Stones und den Yardbirds laut. Ähnlich den genannten 60er Rockheroen integrierten auch die New York Dolls ein paar Coverversionen in ihr Live-Repertoire, etwa von Chuck Berry oder Muddy Waters' "(I'm Your) Hoochie Koochie Man", die aber nur das Sahnehäubchen auf dem Dolls-Kompositionskuchen darstellten. Dass die Plattenfirmen dieses gewinnversprechende Phänomen lieber aus sicherer Distanz betrachteten, war der komplett anarchischen Gesamtausstrahlung der Truppe geschuldet. Dennoch gelang es den Dolls, nur knapp fünf Monate nach Bandgründung in einem New Yorker Studio erste Demos aufzunehmen, die später unter dem Titel "The Mercer Street Sessions" in Umlauf gerieten. Mit dabei bereits die späteren LP-Songs "Frankenstein", "Jet Boy" und natürlich "Personality Crisis".

Kurz darauf brach die Band zu einer England-Tournee mit Rod Stewart auf, von der jedoch nicht alle Mitglieder heimkehrten: der gerade erst 21-jährige Schlagzeuger Billy Murcia starb im November 1972 in London, als er nach Alkohol- und Drogengenuss in der Badewanne ertrank. Als Ersatz kam Jerry Nolan in die Band und nun sollte der Trubel erst richtig losgehen. Dolls-Liveshows besassen zu dieser Zeit längst den Status von Freak Out-Happenings: Ihre männlichen Fans erschienen in metro- bis transsexueller Garderobe und die Heerscharen weiblicher Verehrer schnitten sich ihre Röcke von Woche zu Woche kürzer. Die Plattenfirma Mercury Records zeigte sich schliesslich interessiert am New Yorker Puppenrock und bot der Band einen Vertrag an. Heraus kam das epochale Debüt "New York Dolls", das von Todd Rundgren, der auf Dolls-Konzerten gerne mal komplett in pink (plus Schminke!) einlief, produziert wurde. Doch als das Album im Sommer 1973 in die Läden kam, blieb es trotz überwiegend positiver Beurteilung der Musikkritik ein Ladenhüter. Mehr als Platz 116 der US-Charts schaffte die Platte nicht. Das Folgealbum "Too Much Too Soon" ereilte im Sommer 1974 ein ähnliches Schicksal, mit Platz 167 schnitt es sogar noch ganze 50 Plätze schlechter ab.

"Too Much Too Soon" war die Platte, mit welcher die Dolls erst richtig zufrieden war, denn das Debutalbum klang ihrer Meinung nach nicht gut und professionell genug. Der versierte Produzent Shadow Morton gab "Too Much Too Soon" eine druckvollere und gleichzeitig geschmeidigere Note. Morton hatte eigentlich keine Lust mehr, für grosse Plattenfirmen zu arbeiten, weil er seinen persönlichen Stil nicht wie gewünscht in seine Produktionen einbringen konnte, weshalb er es eigentlich vorzog, eher im Independent Bereich weiterzuarbeiten, doch der Sound der Dolls überzeugte ihn mühelos. Auch die schiere Energie, mit welcher die Musiker ans Werk gingen, beeindruckte Morton, weshalb er die Herausforderung gerne annahm. Das Album wurde schliesslich in den A&R Studios in New York City aufgenommen. Anstatt nur neue Songs aufzunehmen, holten die Dolls ältere Stücke hervor und arrangierten diese neu, insbesondere Songs, die sie zuvor lediglich als Demos eingespielt hatten. Der Leadgitarrist Johnny Thunders schrieb das Stück "Chatterbox", seine erste Aufnahme, auf welcher er den Leadgesang übernahm.

"Too Much Too Soon" erhielt weltweit positive Kritiken, verkaufte sich allerdings entgegen den guten Kritiken eher mittelprächtig. Nach einer problembehafteten Tournee durch die Staaten, welche für negative Schlagzeilen sorgte, kündigte Mercury Racords den Plattenvertrag und die Dolls gingen nach einigen weitgehend erfolglosen Versuchen, weiterhin zu reüssieren, auseinander. "Too Much Too Soon" klang wesentlich erdiger, rockiger und griffiger als das Debutalbum. Trotzdem gelten beide Alben heute als Meilensteine des Glam Rock, die Gruppe selbst hat sich längst Kultstatus verschafft. Ausserdem gelten die New York Dolls inzwischen als einer der wichtigsten Vorreiter des späteren Punkrock. Produzent Shadow Morton war auch später nie um überschäumende Worte verlegen, wenn die Diskussion auf die New York Dolls kam: "The Dolls had energy, sort of a disciplined weirdness. I took them into the room as a challenge. I was bored with the music and the business. The Dolls can certainly snap you out of boredom". "Babylon", "Who Are the Mystery Girls ?", "It's Too Late" und "Human Being" waren Titel des Albums, welche die Band schon 1973 erstmals aufgenommen hatte, auf der LP aber bissiger und kraftvoller klangen.

Die Highlights der Platte aber waren die Coversongs "Stranded In The Jungle" , ein Hit der Cadets aus dem Jahre 1956, Archie Bell's 1969er Hit "There's Gonna Be A Showdown", sowie Sonny Boy Williamson's "Don't Start Me Talkin'". Obwohl Konzerte der New York Dolls nachwievor viele Zuschauer anlockten, wollte sich der Bühnenzauber nicht auf die Albumverkäufe niederschlagen. Mercury hatte bald genug und kündigte dem Quintett noch im selben Jahr. Nun trat Malcolm McLaren auf den Plan. Er kannte die Dolls, seit sie zwei Jahre zuvor in seinen Londoner Modeladen 'Sex' einmarschierten, um absurde Bühnenoutfits abzugreifen. McLaren bot der mittlerweile desillusionierten Band, die zudem ein handfestes Drogenproblem zu bewältigen hatte, seine Dienste als Manager an. Die Dolls sagten zu. McLaren setzte auf die Kraft der Provokation, steckte die Band in rote Lederkostüme und liess sie vor überdimensionalen russischen Flaggen auftreten. Im kommunistenfeindlichen Amerika der kommerzielle Todesstoss. Doch besonders die Drogenexzesse der Musiker Nolan und Thunders setzten der Bandchemie immer mehr zu. Im Sommer 1975 verliessen beide die Band und gründeten mit Richard Hell (später Television) The Heartbreakers, zu deren grössten Hits "Born To Lose" und "Chinese Rocks" zählten.

Johansen und Sylvain feuerten anschliessend zwar auch ihren Manager, doch das Ende der New York Dolls war nicht mehr aufzuhalten. Zwei Jahre spielten die beiden noch mit verschiedenen Musikern unter dem bekannten Banner, bevor die New York Dolls 1977 Geschichte waren. In den 80er Jahren sang David Johansen zeitweise unter dem Pseudonym Buster Poindexter und trat 1985 in einer Folge der TV-Serie Miami Vice als Sänger auf. Syl Sylvain begann eine ähnlich erfolglose Solokarriere wie Johansen. Von den New York Dolls sprach man erst wieder, als der Heartbreakers-Gitarrist Johnny Thunders am 23. April 1991 wie zuvor sein Ex-Kollege Billy Murcia an einer Überdosis Heroin starb. Der 40-jährige Jerry Nolan, der noch an einem Tribute-Konzert für Thunders teilnahm, starb Ende desselben Jahres an den Folgen eines Schlaganfalls. 2004 lag es ausgerechnet am britischen Romancier Morrissey, den inzwischen hochangesehenen, noch lebenden Ur-Punks einen neuen Karriereschub zu versetzen. Morrissey, der stets behauptete, in seiner Jugend Präsident des englischen New York Dolls-Fanclubs gewesen zu sein, lud Johansen, Sylvain und Kane auf das von ihm kuratierte Meltdown Festival in London ein, wo sie mit Hilfe des Libertines-Schlagzeugers Gary Powell, dem Gitarristen Steve Conte und dem Keyboarder Brian Koonin zwei engagierte Auftritte hinlegten. Izzy Stradlin hatte in letzter Minute abgesagt, die Dolls-Gitarre zu spielen. Die beiden Auftritte erschienen in einem Zusammenschnitt auf der DVD "Morrissey Presents: The Return Of The New York Dolls. Live At The Royal Festival Hall".

Den New York Dolls-Mythos fütterte die tragische Tatsache, dass Bassist Arthur Kane wenige Wochen nach der umjubelten Reunion im Alter von 55 Jahren an Leukämie starb. Dennoch nahm die Band ihre übrigen Live-Verpflichtungen in Japan, Europa und Amerika wahr. 2006 schliesslich hörte man, die Band plane tatsächlich ein neues Studioalbum bei Roadrunner Records, ihr erstes seit 1974. Für Kane stand nun Sami Yaffa (Hanoi Rocks) am Bass, am Schlagzeug sass Brian Delaney. Als Produzent heuerte Sänger Johansen wieder Jack Douglas an, der schon das Dolls-Debüt, aber auch alte Aerosmith- und John Lennon-Platten veredelt hatte. Ausserdem war eine schwergewichtige Starbesetzung im Anmarsch: Iggy Pop, Michael Stipe (R.E.M.) und Bo Diddley schauten im Dolls-Studio vorbei. Das Comeback-Werk namens "One Day It Will Please Us To Remember Even This" war jedoch, ähnlich dem Stooges-Versöhnungsalbum "The Weirdness" von 2007, nur eine Fussnote der Musikgeschichte beschieden.









21.10.2017


EELS - Daisies Of The Galaxy (Dreamworks Records 450218-2, 2000)

Hinter dem Bandnamen Eels verbirgt sich in erster Linie der Musiker 'E', der im richtigen Leben Mark Oliver Everett heisst. Da während dessen Schulzeit viele seiner Freunde auch Mark hiessen, nannte man ihn bald nach seinen Initialen 'M.E.' oder später nur noch 'E'. Mark Oliver Everett wurde am 10. April 1963 in Virginia geboren. Er war nach seiner Schwester Elizabeth Ann das zweite Kind des Physikers Dr. Hugh Everett III und Nancy Everett. Hugh Everett gehörte zu den bedeutendsten Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts und begründete die Many Worlds Theory. Im Gegensatz zu seinem Vater zeigte Mark Oliver keinerlei Interesse an Physik oder Mathematik. Er interessierte sich mehr für die Platten seiner Schwester, zum Beispiel für Neil Young's "After The Goldrush", die seine Schwester immer wieder vorspielte. Im Alter von sechs Jahren entdeckte 'E' ein Kinderschlagzeug-Set bei einem Garagenverkauf von Nachbarn und war sofort Feuer und Flamme dafür. Er bettelte bei seinen Eltern, ihm das Schlagzeug zu kaufen, und während der folgenden zehn Jahre spielte er mit grosser Begeisterung jeden einzelnen Tag darauf. Während 'E' in seiner Jugendzeit Probleme mit Drogen und Alkohol hatte und schliesslich sogar ohne Abschluss von der Schule flog, zeigte er in der Musik sehr viel Ehrgeiz. Neben Schlagzeug brachte er sich selbst das Spielen auf der Akustikgitarre bei, schrieb Lieder auf dem Klavier der Familie und nahm Songs mit einem alten Kassettenrekorder auf. 1982, als 'E' 19 Jahre alt war, fand er seinen Vater tot auf dem Bett. Mit nur 51 Jahren war er an einem Herzinfarkt gestorben, verursacht durch übermässiges Rauchen sowie Alkoholkonsum. Im selben Jahr beging seine Elizabeth ihren ersten Selbstmordversuch.

In den 80er Jahren versuchte sich der Musiker und Autodidakt unter dem Kürzel Mark E. in mehreren Bands als Schlagzeuger, darunter in einer Gruppe namens The Toasters und schlussendlich auch als Gitarrist und Songschreiber. Er nahm unzählige Promo-Bänder auf und produzierte schliesslich 1985 sein erstes Album "Bad Dude In Love", welches auf 500 Kopien limitiert war. Mit 24 Jahren packte 'E' seine Sachen, um von Virginia, wo er die Inspiration für seine Musik vermisste, nach Los Angeles aufzubrechen. In den nächsten Jahren kämpfte er sich mit allen möglichen und unmöglichen Jobs durchs Leben,hörte aber nie auf, nebenbei Songs zu schreiben und aufzunehmen. Schliesslich passierte etwas, wovon 'E' schon lange geträumt hatte: Seine Musik wurde entdeckt und er erhielt einen Plattenvertrag bei Polydor Records. So nahm er im Jahre 1992 sein Album "A Man Called (E)" als 'E' auf. Die erste Singleauskopplung "Hello Cruel World" gelangte in die American Alternative-Top Ten und er tourte als Support Act von Tori Amos durch die Vereinigten Staaten. 1993 folgte das nächste Album "Broken Toy Shop", das er wiederum bei Polydor Records veröffentlichte. Allerdings war dieses Album nicht sehr erfolgreich, woraufhin Everett's Plattenvertrag nicht mehr verlängert wurde. Im selben Jahr traf 'E' den Musiker Jonathan 'Butch' Norton, der ihn auf der Broken Toy Shop-Tour begleitete. In den nächsten zwei Jahren ohne Plattenvertrag schrieb 'E' weiterhin jede Menge Songs.

Im Jahre 1995 entschied 'E' schliesslich, seinen Künstlernamen zu ändern. Der Grund dafür lag im musikalischen Wachstum Everetts: Er wurde in Bezug auf Musik und Texte experimentierfreudiger. So wurde aus 'E' schliesslich Eels. Diesen Namen wählte der Musiker deshalb, weil er davon ausging, dass dann seine neuen Alben in den Plattenläden gleich nach seinen ersten beiden eingereiht werden würden. Allerdings vergass er dabei Bands wie zum Beispiel die Eagles. Zusammen mit dem Schlagzeuger Jonathan 'Butch' Norton und dem Bassisten Tommy Walters unterschrieb er dann 1996 einen Vertrag bei Steven Spielberg's Plattenfirma DreamWorks Records und nahm das erste Eels Album "Beautiful Freak" auf. Die beiden Singleauskopplungen "Novocaine For The Soul" und "Susan's House" erreichten die Top Ten. MTV-Nominationen und eine Tour durch Amerika und Europa folgten, auf der sich die Band Eels einen Namen als attraktive Live-Band schaffen konnte. Das Frontcover der Platte "Beautiful Freak" zeigte ein Mädchen mit überdimensional grossen Augen, was einige Fans in spe anzog. So wurde auch Wim Wenders auf Eels aufmerksam und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Einen Tag vor der Veröffentlichung von "Beautiful Freak" beging Everetts Schwester Elizabeth, die schon unzählige Male in der Psychiatrie war, Selbstmord. Etwa zur selben Zeit erkrankte seine Mutter Nancy an Lungenkrebs. Um mit diesen Schicksalsschlägen umgehen zu können, liess sich 'E' auf ein zehntägiges Meditationsprojekt ein, während welchem ihm Schreib- und Sprechverbot erteilt wurde. Nur ein einziges Mal wurde er dabei rückfällig: Auf ein Stück Toilettenpapier schrieb
er die Zeilen "Souljacker can't get my soul, he can hang my neck from the old flagpole, but the souljacker can't get my soul". Daraus wurde einige Jahre später das Stück "Souljacker Part II". Allerdings begriff 'E', dass er ohne Musik nicht leben und die Ereignisse in seiner Familie am besten mit Musik verarbeiten konnte.

1998 veröffentlichten Eels das Album "Electro-Shock Blues", das der Msuiker dann seiner Schwester Elizabeth widmete und für dessen Texte er Gedichte von ihr verwendete. Dieses Album ist bis heute für viele Fans ein Meilenstein, gemessen an allen anderen Platten, welche Eels bis heute veröffentlicht haben. Anfangs mochte "Electro-Shock Blues" sehr düster erscheinen, insbesondere durch Songs wie "Going To Your Funeral Part I", "My Descent Into Madness", "Hospital Food" oder "Elizabeth On The Bathroom Floor". 'E' selbst sah es als das positivste Album, das er realisiert hatte. Positiv nannte er es deshalb, weil er zeigte, dass das Leben zwar tragisch, aber nicht nur tragisch sein kann, dass es nicht selbstverständlich war und man besser heute als morgen zu leben beginnen sollte. Eher negativ wirkte anfangs auch der Song "Dead Of Winter", in welchem sich 'E' von seiner schwerkranken Mutter verabschiedete. Dennoch standen am Ende nicht nur Leid und Verlust, sondern auch Hoffnung: Mit den Worten "Maybe it's time to live" aus dem Song "P.S. You Rock My World" wurde der Zuhörer aus dieser sehr intensiven Atmosphäre wieder in seine eigene Realität entlassen. Diese Songs über Tod und körperliche wie psychische Krankheiten konnten durchaus als Tabubruch gewertet werden, jedoch war das Album nicht nur dieser Thematik wegen etwas Besonderes. 'E' konnte sich auch einen langjährigen Wunsch erfüllen: Er spielte auf demselben Klavier, das Neil Young damals auf seinem Album "After The Goldrush" gespielt hatte. Etwa gleichzeitig zur Veröffentlichung der Platte "Electro-Shock Blues" verliess Tommy Walters aufgrund von Differenzen innerhalb der Band das Trio. 'E' und Butch gingen fortan mit dem Bassisten Adam Siegel auf Tournee.

'E' fasste den Entschluss, sobald wie möglich ein neues Album herauszubringen. Bei der Betrachtung seines aufgenommenen Materials bemerkte er, dass er sowohl sehr dunkle und ernste Songs, aber auch fröhliche geschrieben hatte. Auf dem folgenden Album würde 'E' hauptsächlich die positiveren Songs veröffentlichen. So erschien im Jahre 2000 das Album "Daisies Of The Galaxy". Viele der zuvor geschriebenen ernsteren Songs fanden sich dann zwei Jahre später auf dem Nachfolger "Souljacker" wieder. Schon das Frontcover des Albums "Daisies Of The Galaxy" liess das Werk als Ganzes freundlich wirken: 'E' verwendete dafür bunte und kitschige Bilder aus einem alten Kinderbuch, das er im Nachlass seiner Mutter gefunden hatte. Diese Covergestaltung in Kombination mit bestimmten Textzeilen lösten in der amerikanischen Öffentlichkeit heftige Diskussionen aus. Die Bush-Administration nahm im Wahljahr 2000 den Songtitel "It's A Motherfucker" wörtlich und interpretierte ihn als Aufforderung an Kinder, Beischlaf mit ihren Müttern zu haben. 'E' selbst fand dies lächerlich und veröffentlichte schliesslich eine zweite Version, in der er Text und Titel zu "It's A Monstertrucker" änderte. Trotz aller konservativer Polemik wurde das Album "Daisies Of The Galaxy" ein voller Erfolg.


Der beschwingte Song "I Like Birds" war Everetts Mutter gewidmet, die leidenschaftlich gerne Vögel beobacht hatte. Als erste Single wurde der sogenannte 'Hidden Track' "Mr. E's Beautiful Blues" veröffentlicht, der zu einem internationalen Hit avancierte. Auch die folgende Tournee wurde etwas ganz Besonderes, denn ein Traum von Butch, in dem die Eels mit einem Orchester tourten, wurde wahr. The Eels Orchestra spielte in Amerika, Europa und Australien. Zwar wurden Eels nicht von Peter Buck (R.E.M.) und Grant Lee Phillips, die beide am Album mitgewirkt hatten, begleitet. Aber dafür erhielten sie Verstärkung von der Gastmusikerin Lisa Germano. Im Dezember 2000 kam das limitierte Live-Album "Oh What A Beautiful Morning" heraus, das während der Orchestra-Tour und der darauffolgenden Solo-Tour von Eels mit Fiona Apple aufgenommen wurde. Nach dieser Tour kehrte 'E' vorerst nicht nach Los Angeles zurück, sondern begab sich in eine Klinik in der Nähe von Hamburg. Dort lernte er die russische Zahnärztin Natasha Kovaleva kennen und lieben. Im Januar 2001 heirateten die beiden. Laut 'E' waren die ersten Worte Natashas zu ihm: "Du bist kein schöner Mann!" Leider wurde die Ehe nach nur vier Jahren geschieden.

Das nächste, vierte Album war "Souljacker" (2001), das 'E' schon mehr oder weniger in den Jahren zuvor geschrieben hatte. Als Titel wählte er den Spitznamen eines Serienkillers, der gerade in den USA sein Unwesen trieb und behauptete, nicht nur das Leben seiner Opfer zu nehmen, sondern auch deren Seelen. Musikalisch wurden Eels von John Parish, der an vielen Songs mitgeschrieben hatte, und von Koool G Murder unterstützt. "Souljacker" sollte eigentlich im September 2001 weltweit auf den Markt gebracht werden. Allerdings kam das Album in den USA erst im März 2002 heraus, da das Cover, auf dem 'E' einen langen Bart trug, viele Menschen an 09/11 erinnerte und man daher mit der Veröffentlichung noch zuwarten wollte. Wim Wenders drehte zum Song "Souljacker Part I" das Video in einem ehemaligen Ostberliner Gefängnis. Das Album erhielt durchweg positive Kritiken und wurde von der Times als eines der besten Alben des Jahres gelobt. Auf der sich anschliessenden ausgedehnten Bus Driving Band Rocking-Tour wurde, wie der Name schon verriet, mit der immer grösser werdenden Fangemeinde richtig gerockt. 2002 bewies 'E', dass er ein sehr vielseitiger Mensch sein kann: Nicht nur, dass er viele seiner Songs zu den verschiedensten Soundtracks beisteuerte, er schrieb in diesem Jahr auch den kompletten Soundtrack für den Film 'Levity'. Ebenfalls wurde in diesem Jahr das begehrte Live-Album "Electro-Shock Blues Show" auf den Markt gebracht, das bei einem Konzert im Jahre 1998 mitgeschnitten worden war.

Inzwischen schrieb 'E' wieder an Songs, die später zu dem Album "Blinking Lights And Other Revelations" wurden. Um von diesem intensiven und anstrengenden Schreibprozess eine Pause zu machen, ging er vorerst über zum nächsten Projekt: Bereits ein Jahr später, also 2003, wurde "Shootenanny!" veröffentlicht, das im Studio in nur 10 Tagen live aufgenommen wurde. Tom Waits gefiel dieses Werk so gut, dass er es für den Short List Music Prize 2003 nominierte. In diesem Jahr verliess Butch die Band, was viele Fans sehr bedauerten. Offiziell wurde als Begründung angegeben, dass Butch sich freundschaftlich von 'E' getrennt habe, um für Tracy Chapman Schlagzeug zu spielen. In einem Interview für das Rhythm Magazine sprach Butch jedoch davon, dass er aus finanziellen Gründen gegangen sei. Die Tour of Duty führte Eels durch 80 Städte und mindestens zweimal um die Erde. Mit dabei waren Koool G Murder, Golden Boy, Puddin', der Butch am Schlagzeug ersetzte, sowie The Chet (für einen Teil der US-Tournee). Aber 'E' hatte noch nicht genug: Unter dem Pseudonym MC Honky brachte er das Album "I Am The Messiah" heraus, das im Sommer 2000 entstand. Obwohl 'E' versicherte, nicht MC Honky zu sein, dürfte das eigentlich als Tatsache feststehen. 2004 steuerte 'E' wiederum Songs zu Soundtracks bei, so zum Beispiel für den eigens für den Film 'Shrek 2' geschriebenen Titel "I Need Some Sleep". DreamWorks Records wurde an Universal verkauft und Eels wurden ab da beim zum Universal-Konzern gehörigen Label Vagrant Records verlegt.


Die intensive Arbeit am nächsten Album ging weiter und im April 2005 war es endlich soweit. Die bislang aktuellste Platte von Eels kam auf den Markt: "Blinking Lights And Other Revelations", ein Doppelalbum mit insgesamt 33 Titeln. Dieses Album war nach "Electro-Shock Blues" das persönlichste. Nachdem 'E' auf früheren Alben den Selbstmord seiner Schwester und den Tod seiner Mutter verarbeitete, setzte er sich nun unter anderem mit der Beziehung zu seinem Vater auseinander. Er bezeichnete die Songs als Liebesbrief an das Leben selbst, in all seiner wunderbaren, grausamen Herrlichkeit. Für das Booklet der CD hatte 'E' aus alten Familienphotos ausgewählt. Zudem sparte er nicht an Gastmusikern: So steuerte sein Hund Bobby, Jr. seine Künste zu "Last Time We Spoke" bei, auch Lovin' Spoonful's John Sebastian, Peter Buck von R.E.M und Tom Waits, der wortwörtlich ein Solo bei "Going Fetal" jaulte, waren mit von der Partie. Die Kritiker waren begeistert und bezeichneten das Album als episches Meisterwerk. Das Video zu "Hey Man (Now You're Really Living)" drehte 'E' selbst, während für "Trouble With Dreams" Jesse Dylan hinter der Kamera stand. In diesem Jahr folgte eine Tour der ganz besonderen Art: Zusammen mit Streichmusikern und den Multiinstrumentalisten The Chet und Big Al spielte 'E' wieder in Europa, Australien und den USA auf seiner 'Eels with Strings'-Tour, deren Konzerte von der Kritik begeistert gefeiert wurden. Gleichzeitig erschien das dritte Live-Album von Eels, "Sixteen Tons (Ten Songs)", bei dem es sich um eine Aufnahme der KCRW Session von 2003 handelte und das exklusiv nur an Konzerten verkauft wurde.

Im Februar 2006 kam schliesslich das vierte Live-Album und das erste mit weltweitem Release unter dem Titel "Eels With Strings - Live At Town Hall" als CD und als Konzertfilm auf DVD heraus. Kurz danach beschloss 'E', die Streichinstrumente zuhause zu lassen, und rockte ein zweites Mal zum Album "Blinking Lights And Other Revelations" mit der No Strings Attached-Tour rund um den Globus. Auch diese Tour wurde wieder ein voller Erfolg. 2007 liessen Eels nicht viel von sich hören. Im Sommer steuerten sie einen neuen Song, betitelt "Royal Pain", dem Soundtrack zum dritten Teils von "Shrek" bei. Im November 2007 folgte eine Veröffentlichung ganz anderer Art: Die BBC-Dokumentation 'Parallel Worlds, Parallel Lives' wurde ausgestrahlt. 'E' begab sich auf Spurensuche in seine Kindheit und versuchte, seinen Vater und die von ihm entwickelte Many Worlds Theory besser zu verstehen, die jetzt, nach 50 Jahren, immer mehr an Einfluss gewann. Die Dokumentation war ein sehr persönliches Portrait von 'E' und der Beziehung zu seinem Vater, mit dem er nach viel Verbitterung und Wut nun seinen Frieden geschlossen hatte. Im Januar 2008 erschien Everett's von den Fans mit Spannung erwartete Autobiographie 'Things The Grandchildren Should Know'. Nach 12 Jahren Eels gab es erstmalig ein 'Best Of' Album ("Meet The Eels: Essential Eels Vol.1"), das auch eine DVD mit offiziellen Musikvideos beinhaltete. Dazu kam noch das Album "Useless Trinkets", zwei CDs vollgepackt mit Raritäten, B-Seiten und bisher unveröffentlichtem Material plus einer Live-DVD vom Lollapalooza-Festival 2006. 2008 erschien auch das Doppelalbum "Useless Trinkets". Im Juni 2009 erschien ein weiteres Album, "Hombre Lobo". Im Januar 2010 wurde das achte Studioalbum "End Times" veröffentlicht.


Die Eels haben einen weit verbreiteten Fankreis. Die diversen Welttourneen brachte die Band nach Europa, Australien, Japan und natürlich Amerika. Besonders erfolgreich ist die Band in Grossbritannien und im mittel- bis nordeuropäischen Sprachraum. Es gab Zusammenarbeiten zwischen der Band und den Fans. So wurde zum Beispiel im Jahre 2001 ein Song namens "Hidden Track" aufgenommen, dessen Text nur aus Einsendungen der Fans bestand. Die relativ grosse Fanszene ist auch selbstständig sehr aktiv. So gab es 1999 ein Tribute-Album der Fans, organisiert von der damaligen Fansite The Galaxy. Im Jahre 2006 entstand das zweite Tribute-Album. Das dritte Tribute-Album wurde Ende 2010 veröffentlicht. 'E' veröffentlichte zuletzt in den Jahren 2013 und 2014 zwei weitere Studioalben, "Wonderful, Glorious" und "The Cautionary Tales Of Mark Oliver Everett", sowie 2015 ein weiteres Livealbum unter dem Titel "Royal Albert Hall".









20.10.2017


SAVOY BROWN - Street Corner Talking (Parrot Records PAS 71047, 1971)

Der Savoy Brown Gitarrist, Leader und Gründer Kim Simmonds sah sich zu Beginn des Jahres 1971 der Situation gegenüber gestellt, dass sich seine bis dato exzellent aufspielende Combo verselbständigte, weil sie geschlossen zurücktrat, um die Formation Foghat zu gründen, nachdem sie sich in schneller Folge zunächst Brandywine, anschliessend Hootch und schliesslich Foghat nannte. Dave Peverett, Tony Stevens und Roger Earl, die den Gitarristen noch auf dem vorherigen Album "Looking In" begleitet hatten, strebten eine Karriere an, die mehr im Rock'n'Roll und Boogie Rock beheimatet war, als im zuletzt eher angejazzten Bluesrock ihres Mentors Kim Simmonds. Dieser suchte sich in der Folge neue Mitstreiter und rekrutierte diese zusammen mit seinem Bruder Harry Simmonds, der auch der Manager der Band war. Die erste Savoy Brown Besetzung nach diesem geschlossenen Abgang seiner gesamten Begleitband bestand danach aus dem Sänger Pete Scott und umfasste ausserdem das Bass- und Schlagzeug-Rhythmusgespann von Blodwyn Pig, das zuvor für den ehemaligen Jethro Tull Gitarristen Mick Abrahams tätig war. So bestanden Savoy Brown zum Zeitpunkt der Kompositionsphase zum späteren Album "Street Corner Talking" zunächst aus dem Sänger Pete Scott, dem Gitarristen Kim Simmonds, dem Bassisten Andy Pyle und dem Schlagzeuger Ron Berg.

In dieser Besetzung tourte die Gruppe Savoy Brown vor allem zu Beginn des Jahres 1971 in den Vereinigten Staaten, zusammen mit der Grease Band (der ehemaligen Begleitband von Joe Cocker) und Rod Stewart. Savoy Brown spielten dabei immer als Supporting Acts. Wie auch immer: Für Kim Simmonds erwies sich diese Situation als höchst unbefriedigend, wollte er doch auf jeden Fall als Headliner in Erscheinung treten und nicht nur als Anheizer für berühmte Musiker und/oder Bands herhalten müssen, weshalb er diese neue Inkarnation seiner Gruppe kurze Zeit später erneut auflöste, nur um kurz darauf erneut eine neue Band zusammenzustellen, die seinen Vorstellungen in musikalischer Hinsicht besser entsprach. Nachdem sich zeitgleich auch bei der von Stan Webb angeführten britischen Bluesrock Band Chicken Shack ähnliche Auflösungserscheinungen auftaten, die vor allem aufgrund ihres desillusionierten Chef-Gitarristen entstanden waren, kontaktierte Manager Harry Simmonds die Musiker von Chicken Shack und bot ihnen an, Probesessions mit Kim Simmonds abzuhalten. Dies führte letztlich dazu, dass gleich drei Musiker von Chicken Shack zu Kim Simmonds wechselten, die sogleich das neue Fundament von Simmonds' Band Savoy Brown bildeten: Paul Raymond stieg als zweiter Gitarrist und Keyboarder bei Savoy Brown ein, Andy Silvester als Bassist und Dave Bidwell als Schlagzeuger.

Was noch fehlte, war ein prägnanter Leadsänger. Dieser fand sich in der Person des ehemaligen Idle Race Sängers Dave Walker. Dieser aus Walsall in den West Midlands stammende Sänger hatte ein wesentlich differenzierteres Image als zuvor Chris Youlden und/oder Dave Peverett, welche in den Jahren zuvor als Leadsänger bei Savoy Brown in Erscheinung getreten waren. Dave Walker trug weder einen Hut, noch rauchte er Zigarre auf der Bühne wie Chris Youlden, sondern war einfach ein brillianter Performer mit einer angenehm rauchigen Stimme, und er war vor allem ein exzellenter Frontmann, der Stimmung machte und das Publikum mitzureissen verstand. Walker sang neu einstudierte Bluesklassiker wie etwa den "Wang Dang Doodle" aus der Feder von Willie Dixon mit solcher Inbrunst, als wäre es sein eigener Song gewesen. Auch der Rhythm'n'Blues-Klassiker "I Can't Get Next To You", den die Temptations populär gemacht hatten, erhielt in der Savoy Brown Version einen erneuten Popularitätsschub, der vor allem Paul Raymond's exzellentem Keyboardspiel und selbstverständlich Dave Walker's genialer Vokalarbeit geschuldet war. Dabei standen Paul Raymond's Piano-Variationen in krassem Ggensatz zu jenen von Bob Hall, der einige Jahre zuvor bei Savoy Brown die Tasten gedrückt hatte und der wesentlich puristischer und blueszugewandter gespielt hatte. Paul Raymond hingegen war wesentlich mehr dem Rock zugewandt als dem Blues. Der Good Time Rock'n'Roll hielt damit definitiv Einzug in der Musik von Savoy Brown, und der puristische Blues der Anfangsjahre war weitgehend weggewischt.

Als wäre eine kontinuierlich gleichbleibende Besetzung von Savoy Brown von langer Dauer, konnte man sagen, dass dieses neue Line Up mit einer Beständigkeit von 18 Monaten die stabilste Besetzung in der gesamten Bandhistorie von Savoy Brown darstellte. Die Gruppe veröffentlichte in dieser Zeit drei ihrer absolut stärksten Alben: Das 1971 veröffentlichte Werk "Street Corner Talking", sowie die beiden 1972 veröffentlichten Alben "Hellbound Train" und "Lion's Share". Obwohl sich die Band in kreativer Hinsicht in diesen knapp eineinhalb Jahren äusserst produktiv zeigte, spielte sie trotzdem auch viele Konzerte in den USA, in Kanada und in Europa. Diese drei Alben währende Phase war auch die Zeit von Neil Slaven, der Savoy Brown in dieser Zeit managte und produzierte. Er war Angestellter bei Decca/Deram Records und ein wahrer Bluesologe, also ein grosser Kenner der Blues-Musik. Neil Slaven war auch schon seit längerer Zeit ein persönlicher Freund und Unterstützer von Kim Simmonds und seiner Truppe und schrieb auch die Liner Notes zu einigen von Savoy Brown's bisherigen Alben. Mit ihm als Produzenten und persönlichem Freund gestaltete sich das Erarbeiten der neuen Songs wesentlich lockerer und ungezwungener, denn die Musiker und er verstanden sich grossartig und in erster Linie als Freunde und nicht wie ein Produzent und dessen Schützlinge.

Die Arbeiten am Album "Street Corner Talking" erhielten dann noch eine nicht ganz geplante Verzögerung, weil sich der Bassist Andy Pyle aus der Band verabschiedete und für ihn der ehemalige Chicken Shack Bassist Andy Silvester in die Band kam. Danach fanden die Aufnahmen an vier aufeinanderfolgenden Nächten bei jeweils 12 Stunden Arbeitsdauer statt, und zwar in den renommierten Olympic Studios in London im September 1971. Decca Records veröffentlichte das Album in ihrer Deluxe Veröffentlichungs-Serie, zu erkennen an den Katalognummern-Codes 'TXS', unter welcher Decca unter anderem auch Alben von den Moody Blues veröffentlichte. In den USA erschien das Album ebenfalls als Gatefold-Cover in exzellenter Aufmachung auf dem amerikanischen Decca-Pendant Parrot Records. Eine 'Street Corner'-Szene, designed von dem Maler David Anstey zierte das Cover der Platte. Sieben Songs fanden sich auf dem hervorragend produzierten und abgemischten Werk, darunter fünf eigene Songs plus zwei Covertitel. Diesmal wählten die Musiker vor allem Coversongs aus, die dem neuen Sänger Dave Walker perfekt auf den Leib geschrieben waren: Willie Dixon's "Wang Dang Doodle" und das von Norman Whitfield verfasste Stück "I Can't Get Next To You". Von den Eigenkompositionen überzeugten vor allem die Stücke, in welchen die Band den Rock'n'Roll stärker in den Fokus stellte als die bluesigen Töne, so etwa "Let It Rock", "Tell Mama", das zu einem Konzert-Dauerbrenner im Repertoire der Band bis heute werden sollte, sowie die Nummer "Time Does Tell".

Auf der stilistisch anderen Seite stand der Longtrack "All I Can Do", der zwar fest im bluesigen Rock verankert war, jedoch sehr schöne Jazz-Passagen zeigte, insbesondere in der langen Instrumental-Jam. Dazu kam mit dem Titelstück "Street Corner Talking" gar eine frühe Form von Funkrock, die auf dem Album im Kontext zu den anderen Stücken eine ausserordentlich gute Figur machte. Kurzum: Das Album klang wesentlich offener, stilistisch positiver und weitaus griffiger und vor allem rockiger als der Vorgänger "Looking In", der teilweise noch recht düstere Momente aufwies. "Street Corner Talking" war eine neue Savoy Brown-Welt, die auch näher am kommerziellen Rock angesiedelt war als je zuvor. Dies machte sich auch in den Verkaufszahlen und insbesondere auch in den Charts-Notierungen bemerkbar: Sowohl die ausgekoppelte Single "Tell Mama" (mit dem Stück "Let It Rock" als B-Seite), und auch das Album erreichten in den USA die Billboard Charts. Für das Album erhielten Savoy Brown eine Platin-Auszeichnung und die LP konnte sich während 17 Wochen in den Billboard Charts halten. Höchste Platzierung war Platz 75 am 18. September 1971. Die Single "Tell Mama" stieg am 6. November 1971 in den Billboard Charts ein und schaffte es bis auf Platz 83. Erstaunlicherweise gelang der Band ein Erfolg in dieser Dimension in ihrer Heimat England nicht. Dies führte schliesslich sogar dazu, dass Savoy Brown ihrer Heimat den Rücken drehten und sich in den USA niederliessen.







19.10.2017


McKENNA MENDELSON MAINLINE - Stink (Liberty Records LBS 83251, 1969)

Der kanadische Gitarrist Mike McKenna spielte schon in den 60er Jahren in zwei bedeutenden kanadischen Bands mit. In und um Toronto war er seit Mitte der 60er Jahre in der Gruppe Luke & The Apostles bekannt und sehr geschätzt, bevor er mit der nächsten Truppe mit dem Namen The Ugly Duckings auch ausserhalb Kanadas immer bekannter wurde. Seine nächste musikalische Station führte über ein Musikmagazin, in welchem McKenna eine Anzeige aufschaltete, in welcher er Gleichgesinnte suchte, um eine neue Bluesband zu gründen. Joe Mendelson meldete sich daraufhin bei Mike McKenna, und die beiden begannen damit, ihre gemeinsamen Pläne zur Gründung einer Bluesband in die Praxis umzusetzen. Die beiden Musiker blieben während der ganzen Existenz der Band stets die Basis der Gruppe, weshalb sie sich auch den Namen McKenna Mendelson Mainline zulegten. Der nächste Musiker, den die beiden auswählten, war der ehemalige Bassist der 60s Poprock-Gruppe The Paupers Denny Gerrard, der dann auch gleich seinen Bekannten Tony Nolasco aus Sudbury mitbrachte, mit dem er schon seit einiger Zeit zusammen ein Rhythmus-Fundament gebildet hatte, das perfekt aufeinander abgestimmt klang. Das alles nahm im Sommer 1968 Fahrt auf.

Die Gruppe begann, Songs zu schreiben und umzusetzen und verabschiedete sich dennoch schon bald vom Bassisten Denny Gerrard, der durch Mike Harrison ersetzt wurde, der zuvor bei Grant Smith & The Power beschäftigt gewesen war. In der Folge spielte die Band zahlreiche Konzerte, und eines davon wurde im September 1968 live mitgeschnitten und auf Band festgehalten - eine Session, die später für die Band noch eine wichtige Rolle spielen würde. Durch den sich schnell und erfolgreich etablierenden British Blues Boom angespornt, dislozierten McKenna Mendelson Mainline nach England, wo sie schon kurze Zeit später einen Plattenvertrag ergattern konnten. Nachdem sie beim Label Liberty Records unterzeichnet hatten, jenem Label, das zu United Artists gehörte und bei dem unter anderem auch die erfolgreiche US-Bluesband Canned Heat unter Vertrag stand, erhielten sie die Möglichkeit, immer prominentere Bands und Musiker auf deren Tourneen als Support Act zu begleiten, unter ihnen etwa Led Zeppelin, Fleetwood Mac und andere. Inzwischen etablierte sich die Bands in zahlreichen Club-Auftritten als spontane und intelligente Bluesrock-Combo, die bei weitem nicht einfach durchstrukturierte Bluessongs spielte, sondern sich ihrer Improvisations-Fähigkeiten durchaus bewusst war und entsprechend facettenreich spielten.

Im Juli 1969 führte eine lediglich einen Tag dauernde Aufnahmesession im Tonstudio zur Einspielung eines kompletten Albums, das als erstes Studiowerk "Stink" bei Liberty Records erscheinen sollte. Die Band kehrte zurück nach Kanada und wartete die Veröffentlichung der Platte ab, um sie dann in ihrer Heimat als erstes promoten zu können. Dank ihrem umtriebigen und mit exzellenten Kontakten ausgestatteten Management konnte die Band nach der Veröffentlichung ihres Albums in zahlreichen Ländern mit prominenten Bands und Musikern Konzertauftritte bestreiten, so etwa in England, Holland und Australia mit Grössen wie etwa Rod Stewart, Jeff Beck, Jimi Hendrix und speziell in Kanada mit The Guess Who. Die kanadische Plattenfirma Paragon Records bezeichnete die Gruppe schon bald als 'next big thing' und reichte umgehend die im September 1968 live gespielten Sessions nach, allerdings ohne Einverständnis der Band, was schon kurz darauf zu internen Spannungen inenrhalb der Gruppe führte. Joe Mendelson war mit der Veröffentlichung dieser Session (unter der Bezeichnung "McKenna Mendelson Blues") überhaupt nicht einverstanden, während Mike McKenna dem Ganzen eher gelassen gegenüber stand, sah er darin doch eine weitere Möglichkeit, ein Produkt auf dem Markt zu haben, das den grossen stilistischen Reigen der Gruppe zeigte, auch wenn die Qualität der Aufnahme bei weitem nicht so gut war wie jene des offiziellen Studioalbums "Stink".

In der Folge verliess Joe Mendelson im September 1969 die Gruppe und Rick James von den Myna Birds ersetzte ihn, jedoch lediglich als zeitweiliges Mitglied und auch nur, um eine vertraglich vereinbarte Konzertserie, die zu dem Zeitpunkt von Mendelson's Abgang noch lief, zu beenden. Mike McKenna löste die Gruppe danach sofort auf, um sich einer erneuten Inkarnation der Gruppe Luke & The Apostles zu widmen. Diesem erneuten Versuch mit den alten Bandnamen war jedoch kein Erfolg mehr beschieden, weshalb sich McKenna 1970 wieder mit Joe Mendelson zusammentat, um mit Nolasco und dem Bassisten Zeke Sheppard, der zuvor bei Dutch Mason's Escorts gespielt hatte, am '1970 Scarborough Fair Festival' aufzutreten. Ein knappes Jahr später verkürzte Mike McKenna den Namen der  Band in Mainline und konnte beim Independent Label GRT Records einen neuen Vertrag unterschreiben. GRT Records besassen auch einen Vertrieb in Europa, insbesondere in Deutschland, weshalb die leider nur wenig beachtete Platte "Canada Our Home & Native Land" zwischenzeitlich auch in Deutschland als Import in den Regalen stand.

Stilistisch wurden Mainline immer rockiger und spielten nun rauher und schneller als zuvor, was ihnen insbesondere in den Clubs und Bars in und um Toronto erneut eine treue Fangemeinde bescherte. Das Livealbum "The Mainline Bump'n'Grind Revue: Live At The Victory Theatre", das im Jahre 1972 erschien, zeugte von diesem härteren Gesamtsound, verkaufte sich aber leider nur sehr schlecht. Noch ein weiteres Studiowerk mit dem Titel "No Substitue" folgte, das sich ebenso schlecht verkaufte, bevor sich die Band endgültig trennte. Mendelson nannte sich fortan Mendelson Joe und ging in den technischen Bereich des Musikgeschäfts, indem er andere Bands und Künstler promotete, mit ihnen Aufnahmen tätigte und sie auch managte. Ausserdem fing er an zu malen und trat aktiv in die Lokalpolitik ein. Denny Gerrard spielte danach in zwei recht bekannten Bands mit, nämlich bei Jericho und der Lisa Hartt Band. Zeke Sheppard gründete mit ehemaligen Musikern der Funkrock Band Rhinoceros die Gruppe Blackstone, mit welcher er im Jahre 1973 beim Label GRT Records auch ein vielbeachtetes Album veröffentlichte.

Mike McKenna schuf sich über die Jahre einen legendären Ruf als exzellenter Slide Guitar Spieler, der unter anderem Domenic Troiano bei der kanadischen Legende The Guess Who ersetzte und der letzten Besetzung dieser Band angehörte. In den 90er Jahren gründete er eine weitere Band mit Namen Mike McKenna And Slidewinder mit seinem ehemaligen Mainline Kumpel Denny Gerrard. Im Frühling 1998 traten die teilweise in Originalbesetzung aufspielenden Mainline an einem Classic Rock Revival Festival im Club The Warehouse in Toronto auf - der erste Auftritt nach fast 25 Jahren. Dies führte zu einer erneuten Reunion von Mainline. Die Gruppe spielte allerdings fast nur noch in der Bluesszene von Toronto, und Mainline bestritten auch den allerletzten Konzertauftritt im legendären Club El Mocambo am 4. November 2001, bevor dieser geschichtsträchtige Schuppen für imemr seine Pforten schloss. Der Auftritt an jenem Abend wurde live mitgeschnitten und erschien später beim Plattenlabel Bullseye Records im Jahre 2002.




18.10.2017


JAN GARBAREK - In Praise Of Dreams (ECM Records ECM 1880, 2004)

Der norwegische Saxophonist, Flötist und Keyboarder Jan Garbarek zählt zu den wichtigen zeitgenössischen Jazzmusikern in Europa und gilt mit seinem klaren, asketischen Saxophonton als herausragender Vertreter der skandinavischen Jazz-Szene. Garbarek, der Sohn des ehemaligen polnischen Kriegsgefangenen Czesław Garbarek und der norwegischen Bauerntochter Kari Nilsdotter, war bis zum Alter von sieben Jahren staatenlos. Er wuchs in Oslo auf. Als Musiker war Garbarek Autodidakt. Saxophon lernte er unter dem Einfluss von John Coltrane, den er 1961 im Radio hörte. 1962 gewann er einen Amateurwettbewerb. Bald darauf hatte er eine eigene Band mit Terje Rypdal, Arild Andersen und Jon Christensen.

Als prägende Einflüsse erwähnte Garbarek auch die Begegnung mit George Russell, der beim Molde Jazzfestival Mitte der 60er Jahre spontan auf der Bühne bei Garbarek's Auftritt einsprang, und den Einfluss des Ende der 60er Jahre in Schweden lebenden Don Cherry. Auf Bitten des frühen Weltmusikers Cherry suchte er auch Kontakt zur skandinavischen" Folklore. Mit Russell spielte er auf dessen Bigband-Alben "The Essence Of George Russell (1966), "Othello Ballet Suite" (1967) und "Electronic Sonata For Souls Loved By Nature" (1968). Russell nannte ihn die originärste europäische Stimme seit Django Reinhardt. 1968 war er der norwegische Vertreter auf dem Festival der European Broadcasting Union, wo er unter anderem "Naima" von John Coltrane spielte. Im selben Jahr erhielt er den Buddyprisen. Er machte auch Aufnahmen mit Karin Krog, Georg Riedel und Egil Kapstad.

Sein erstes Album unter eigenem Namen, "Til Vigdis" nahm er 1967 auf.. Ab 1970 tourte er auch in Mitteleuropa. Den künstlerischen Durchbruch erzielte er spätestens mit dem Album "Witchi-Tai-To", erschienen im Jahre 1974 auf dem Jazzzlabel ECM Records, dessen Titelstück von Jim Pepper stammte und über Don Cherry in sein Repertoire kam, sowie Carla Bley's "A.I.R." und Don Cherry's "Desireless". Von 1974 bis 1979 trat Jan Garbarek auch zusammen mit dem Pianisten Keith Jarrett, dem Bassisten Palle Danielsson und dem Schlagzeuger Jon Christensen als Jarrett's European Quartet auf. Auch vertonte er mit den anderen Musikern seines skandinavischen Quartetts Texte von Jan Erik Vold: "HAV" im Jahre 1971 und "Ingentings Bjeller" 1977 und spielte mit weiteren Musikern des ECM-Labels wie Bill Connors, Ralph Towner (Album "Solstice" 1974), Kenny Wheeler oder David Darling zusammen.


Später trat Garbarek zunehmend als Musiker in Projekten mit weltmusikalischem Hintergrund in Erscheinung, aber auch als Jan Garbarek Group mit Rainer Brüninghaus und Eberhard Weber, sowie Manu Katché / Trilok Gurtu / Naná Vasconcelos / Marilyn Mazur. 1982 erhielt er den norwegischen Gammleng-Preis in der Rubrik Jazz. 1986 spielte Jan Garbarek das tragende musikalische Thema in der Filmmusik von Eleni Karaindrou zu dem Film 'Der Bienenzüchter' (O Melissokomos) von Theo Angelopoulos. Garbarek komponierte und spielte die Musik zu den Eröffnungs- und Abschlussfeierlichkeiten der Olympischen Winterspiele von Lillehammer, Norwegen, die im Februar 1994 stattfanden. Die musikalischen Themen wurden teilweise aus der CD "I Took Up The Runes" (1990) aufgegriffen, insbesondere das "Molde Canticle", auch interpretiert von Sissel. 1994 veröffentlichte Garbarek das viel beachtete Bestseller-Album "Officium". Auf der Aufnahme begleitete er mit seinem Saxophon als fünfte Stimme das Hilliard Ensemble bei Werken von der Gregorianik bis zur Renaissance.

2004 dann kam ein weiteres wudnervolles Album in Form des Werks "In Praise Of Dreams", das einerseits traumhaft, aber auch hellwach wirkte. Es war ebenso zukunftweisend wie traditionsreich. Überraschend anders und gerade deshalb konsequent. Vermeintliche Gegensätze, denen Jan Garbarek auf diesem Album jeglichen Dualismus nahm. Der norwegische Saxophonist, der inzwischen zu einem der bekanntesten europäischen Musiker geworden war, war auch in seinem Talent für fortwährende Veränderung unübertroffen. Instinktiv und konzentriert führte die kreative Evolution Garbarek's vom eigenen Jazzquartett Anfang der 60er Jahre in Oslo und ersten Auftritten mit George Russell zu seinen eigenen Ensembles und zu Arbeiten an der Seite von Keith Jarrett, Charlie Haden oder dem Hilliard Ensemble. "In Praise Of Dreams", das er im Trio mit der Bratschistin Kim Kashkashian und dem Schlagzeuger Manu Katché aufgenommen hatte, war nicht nur vor dem Hintergrund dieser einzigartigen Karriere ebenso typisch wie erstaunlich: ein neuer Weg, der so überzeugend wie bezeichnend war. Ein gänzlich anderes, dabei absolut organisches Werk. Ein neuer Klang, der zugleich vertraut wirkte. Ein Trio, das sich im harmonischen Zusammenspiel, in jeder kontrastierenden Klangfarbe einzigartig ergänzet und dabei so selbstverständlich wie vollkommen wirkte.

"As Seen From Above" eröffnete das Album, dem Titel entsprechend, mit schwebender Eleganz. Nach einer knappen Minute setzte zuerst ein Beatloop, später das federnde Schlagwerkzeug Manu Katchés ein, schliesslich verdüsterten sich die anfangs so hellen Harmonien. Immer treibender spielten sich Katché und Garbarek zu, bis sie im Raum verklangen. Szenenwechsel. "In Praise Of Dreams" vermengte die eben eingeführte elektronische Perkussion mit Garbarek's elegischen Linien und dem sanft singenden Bratschenspiel von Kim Kashkashian zu einem modernen Folk-Song. Ein Call and Response-Kanon, bei dem erst Garbarek die tiefen und Kashkashian die höheren Lagen auslotete, dann umgekehrt, bis sie sich auf einer Ebene fanden und immer wieder im Dialog umkreisten.


Auch "One Goes There Alone" zeigte Bratsche und Saxophon im elegischen Wechselspiel von Frage und Antwort, untermalt von Garbarek's Synthesizerakkorden und vom subtilen Rhythmusgeflecht Manu Katchés. "Knot Of Place And Time" entführte die drei Klangkünstler noch weiter in die Tiefen ihrer gegenseitigen Rede und Gegenrede. Dem Garbarek-Solo "If You Go Far Enough", einem nur 39 Sekunden langen Interludium, fügte sich "Scene From Afar" an, wo die sonore Melodieführung der Bratsche von Rufen des Sopranos beantwortet wurde, die sich über das gesamte Klangspektrum des Instruments bewegten. Noch spannender, aber auch einen Deut dunkler klang "Cloud Of Unknowing", dessen treibender ostinater Rhythmus im nächsten Track "Without Visible Sign" von einer Atmosphäre des Mysteriösen abgelöst wurde. Auch "Iceburn" behielt das Rätselhafte, verhangen Poetische bei, aus dem sich die Stimmen herauskristallisierten. Suggestiv und melodiös, fast schon schwärmerisch verlief die "Conversation With A Stone", bei der Katché erneut das Fundament legte, auf dem der Bläser und die Streicherin zum leidenschaftlichen Dialog fanden. Die Geschichte dieses Albums endete mit "A Tale Begun", bei dem Garbarek das Akkordmotiv von "In Praise Of Dreams" aufgriff und in traumhafte Sphären geleitete.

"Ich habe gerne starke Musiker um mich, Musiker mit kontrastierenden Temperamenten, aber komplementären Persönlichkeiten. Wenn ich eine Gruppe zusammenstelle, suche ich nicht nach drei Versionen meiner selbst. Wir sind alle sehr unterschiedlich". Dieser Grundsatz Jan Garbarek's war noch immer so bezeichnend wie damals, als er ihn anlässlich seines Albums "Twelve Moons" formulierte. Schon der erste akustische Eindruck seiner Zusammenarbeit mit der klassischen Bratschistin Kim Kashkashian und dem Pop-Schlagzeuger Manu Katché zeigte, dass hier drei ausserordentliche musikalische Charaktere am Werk waren. Dabei wurden keineswegs Gigantenkämpfe ausgetragen. Hier trafen sich vielmehr drei stilbildende Musiker jenseits kategorischer Einschränkungen, um in der gemeinsamen Arbeit aufzugehen. Bezeichnenderweise "in praise of dreams".

Als wichtiger Einfluss für das Spiel Garbarek's galt, neben den klassischen amerikanischen Jazzgrössen, vor allem die traditionelle norwegische Folklore und die Orientierung am Gesang, die Garbarek's Spiel einen völlig eigenen, unverwechselbaren Sound verlieh und immer noch verleiht. "Die Utopie des unendlichen Atems und des natürlichen Wohlklangs treibt Garbareks Musik an" meinte Ulrich Greiner. Seine Musik sieht Garbarek selbst jedoch nur noch entfernt dem Jazz verwandt. Fast alle Alben Garbarek's erscheinen bei dem deutschen Label ECM – auch seine Beteiligung an Alben anderer Künstler beschränkt sich nahezu vollständig auf das Label. Er ist seit 1970 bei ECM und heute einer der Stars des Labels. Sein Einfluss wirkte auf die ganze skandinavische Jazz-Musikszene prägend. Aufgrund seiner norwegisch-deutschen Beziehung und europäischen Bedeutung im Jazz wurde er im Oktober 2014 mit dem Willy Brandt-Preis ausgezeichnet. Seit 1968 ist Garbarek mit der Autorin Vigdis Garbarek verheiratet und hat seit 1970 eine Tochter, Anja, die ebenfalls Musikerin ist. Jan Garbarek spielt vorwiegend Sopransaxophon, aber auch Tenor- und Bass-Saxophon.

17.10.2017


NECROMANDUS - Orexis Of Death
(Vertigo Records, unveröffentlicht - Originalaufnahmen von 1973)

Der Name Necromandus dürfte höchstens dem beinharten Vertigo Plattensammler ein Begriff gewesen sein, und selbstverständlich den brettharten Black Sabbath Fans, denn der Name Necromandus ist eng mit der Geschichte von Black Sabbath verbunden. Deren Gitarrist Tony Iommi war seinerzeit von Necromandus nämlich so begeistert, dass er dieser Band einen einjährigen Aufenthalt in Birmingham finanzierte und eine Booking-Agentur nur für sie gründete. Gleichzeitig wurden Necromandus von Black Sabbath für deren 'Masters Of Reality'-Tournee als Opening Act verpflichtet und unter Tony Iommi's Supervision konnten die Aufnahmen zu dem Album "Orexis Of Death" realisiert werden. Da Black Sabbath jedoch zum Zeitpunkt der Studioaufnahmen zum Album der Band Necromandus Anfang 1973 überwiegend in Amerika weilten, verschob sich die Veröffentlichung der LP auf Vertigo Records so lange, bis der Gitarrist Baz Dunnery die Band Necromandus verliess und damit ihr Ende einläutete. Die Platte erschien dann erst im Jahre 1991 unter dem Pseudonym Quicksand Dream auf dem winzigen Plattenlabel Reflection des Musikenthusiasten Hugo Chavez in einer sehr kleinen Auflage, die nicht nur sofort vergriffen war, sondern vor allem auch viele Musikkritiker und Musikfans, insbesondere natürlich die Black Sabbath-Sammler begeisterte. Audio Archives, das kleine Independent Plattenlabel von Peter Sarfas, der zuvor bereits mit den spezialisierten Wiederveröffentlichungs-Labels Background Records und Aftermath Records vergessene Perlen der frühen Progressive Rock-Jahre zumeist auf CD erstmalig zugänglich gemacht hatte, veröffentlichte die LP dann erstmals unter dem korrekten Namen Necromandus im Jahre 1996 auf CD, gefolgt von einer noch üppigeren CD-Version auf Rise Above Records, welche noch zusätzliches Live-Material umfasste und im Jahre 2010 erschien.

Selbstverständlich gab und gibt es zahlreiche Bands, die mit Black Sabbath in irgendeiner Weise in Zusammenhang gebracht werden können, doch nur bei ganz Wenigen davon waren die Grossmeister dermassen wichtig für ihren Werdegang wie im Falle von Necromandus. Dazu muss man zunächst zurück in die Mitte der 60er Jahre gehen, als Tony Iommi zusammen mit Bill Ward nach dem Ende der Band Mythology die spätere Gruppe Earth gründete und noch ausreichend Zeit hatte, sich nicht nur um seine eigenen musikalischen Belange zu kümmern. Tony Iommi war in jenen Tagen viel unterwegs und von der lokalen Musik-Szene im nordenglischen Cumbria dermassen angetan, dass er sich dazu entschloss, einer der lokalen Bands mit Namen Necromandus unter die Arme zu greifen. Nicht nur, dass er dieser Band, die sich ebenfalls gegen Ende der 60er Jahre zusammengefunden hatte, zu Auftritten im Raum Birmingham verhalf, er erklärte sich auch noch bereit, das Management für die Gruppe zu übernehmen. Nicht ohne Erfolg, denn noch im Jahre 1973, kurz nachdem Iommi die Band beim Plattenlabel Vertigo Records unter Vertrag bringen konnte, ging es an die Aufnahmen zu ihrem ersten Album "Orexis Of Death". Um Necromandus die nötige Popularität zu verschaffen, spielte Tony Iommi selbst ebenfalls auf dem Album der Gruppe mit, wenn auch nur moderat. Verbunden mit einigen weiteren Support-Gigs für Black Sabbath schien die Karriere von Necromandus geradezu vorgegeben zu sein. Dennoch war kurze Zeit darauf Schluss mit der hoffnungsvollen Karriere von Necromandus.

Der Leadgitarrist Barry 'Baz' Dunnery, der Bruder des späteren It Bites-Frontmannes Francis Dunnery, verliess die Band kurz nach den weiteren Konzerten mit Black Sabbath und das Ende der Formation war besiegelt. Zwar standen die Chancen gar nicht schlecht, dass die Necromandus-Musiker später doch noch hätten bekannt werden können, da Ozzy Osbourne sie für sein Solo-Projekt "Blizzard Of Ozz" gewinnen wollte, doch daraus wurde dann doch nichts, weshalb der Name Necromandus schliesslich ziemlich in Vergessenheit geriet. Auch wenn der Band der grosse Erfolg verwehrt blieb, war das Album "Orexis Of Death", das unveröffentlicht gebliebene Debütwerk, ein beachtliches Werk zwischen damals durchaus aktuellem Hardrock mit progressiven Elementen und beinahe jazzrockigen Ausflügen. Dies vor allem durch die phantastische Gitarrenarbeit Barry Dunnery's. Das Stück "Nightjar" beispielsweise erinnerte gelegentlich an die in Vergessenheit geratenen Stray zu deren frühen Jahre, das folgende "A Black Solitude" begab sich dann auf progressive Pfade, während die Gitarrenläufe im Titel "Gypsy Dancer" im Jazzrock angesiedelt waren. Passend dazu fügte sich der variable und glasklare Gesang Bill Branch's ein, der in einigen Akzentuierungen und Melodien klar an Black Sabbath erinnerte, wobei Necromandus sonst aber eher wenig mit ihren Mentoren gemeinsam hatten.

Necromandus entstanden aus zwei Bands, die bereits in der psychedelischen Aera zu Mitte der 60er Jahre aktiv waren: Jug (die zuvor Pink Dream hiessen) und Heaven, welche beide im Jahre 1968 auseinanderfielen. Musiker aus diesen beiden Formationen gründeten dann die neue Band Hot Spring Water und die setzte sich zusammen aus den ehemaligen Jug-Mitgliedern Bill Branch (Gesang, Mundharmonika) und Barry Dunnery (Gitarre), sowie den beiden vormaligen Heaven-Musikern Dennis McCarten (Bass) und Frank Hall (Schlagzeug). Ihre Set-List war anfänglich noch relativ wenig spektakulär, man hängte sich dem damals gerade aufstrebenden Brtish Blues Boom an und spielte Songs aus der Feder von John Lee Hooker, Sonny Boy Williamson und anderen Grossmeistern des Blues. Schon kurze Zeit später begannen aber vor allem der Sänger Bill Branch und der Gitarrist Barry Dunnery auch damit, eigene Songs zu verfassen, und die drifteten mit der Zeit immer stärker vom traditionellen Blues weg in Richtung progressivem Underground Blues- und Hardrock. In dieser Phase der Gruppe wehte ein musikalischer Tornado durch Konzept, musikalische Ausrichtung und nicht zuletzt auch durch äussere Erkennung. In rascher Folge änderte die Band mehrmals ihren Bandnamen, zuerst nannten sie sich Heavy Hand, dann Taurus, und im Frühjahr 1972 schliesslich Necromandus, nachdem ein erster Vorschlag als Necromancer verworfen worden war. Unter dem neuen Namen folgten einige Auftritte im Juni 1972, unter anderem in Newport, Walsall, Swansea, Bristol, Bradford, Salford und Liverpool.

Necromandus pflegten gut ausgebaute Kontakte zur Liveszene in Cumbria und den West Midlands, und das führte zwangsläufig irgendwann zu Tony Iommi und dessen Vorschlag, die Band Necromandus zu managen. Black Sabbath waren schon zu Zeiten, als sich sich noch Earth nannten einer der Rock-Eckpfeiler in Cumbria. Unter Iommi's Fittichen gingen Necromandus gegen Ende 1972 erstmals in ein Tonstudio, dem lokalen Zello Recording Studio und spielten als erstes Stück die Nummer "Judy Green Rocket" ein, das zwar später keine Berücksichtigung bei den LP-Aufnahmen fand, der Band jedoch den ersehnten Plattenvertrag mit Vertigo Records einbrachte. Der Vertrag umfasste die Veröffentlichung einer LP plus einer Single. Kaum hatte das neue Jahr begonnen, machten sich die Musiker daran, Stücke für die geplante LP aufzunehmen. Dazu ging die Gruppe in die renommierten Marquee Studios und die Morgan Studios, beide in London. Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Tony Iommi mochte die Songs nicht und sagte der Band: "Go away and come up with some better songs".

Die Band nahm sich das sehr zu Herzen und machte sich in den Morgan Studios erneut ans Werk. Da Tony Iommi ab und zu im Studio auftauchte, um sich die Arbeiten der Band anzuhören, griff er schliesslich auch selbst zur Gitarre und steuerte ein klassisches Solo zu einem Song hinzu, den die Band "Orexis Of Death" nannte. Durch den Eingriff von Tony Iommi in den Song veränderte sich dieser von Grund auf und Schlagzeuger Frank Hall schrieb die ganze Nummer schliesslich komplett um. Das geschah im übrigen mit den allermeisten Songs, die für das Album geplant gewesen earen. Sie wurden teilweise komplett neu arrangiert und auch umbenannt. Als Single-Veröffentlichung plante die Band den Titel "Don't Look Down Frank", den sie schliesslich, aus welchen Gründen auch immer, in "Nightjar" umbenannten. Die Band arbeitete überwiegend nachts im Studio, und zeitgleich ging auch die Gruppe Yes in den Morgan Studios ein und aus, da diese gerade Aufnahmen zu ihrem späteren Werk "Tales From Topographic Oceans" tätigten. Dies führte dazu, dass Frank Hall eines nachts den nebenan anwesenden Rick Wakeman fragte, ob er nicht einen kleinen Keyboard-Teil zu einem der Necromandus-Stücke beisteuern würde. Rick Wakeman sagte sofort zu unter der Bedingung: "I'll do it for a crate of Guinness!". Das wiederum wollte Tony Iommi nicht glauben, weshalb er das ablehnte, weil er davon aus ging, dass Rick Wakeman später eine saftige Rechnung stellen würde. Frank Hall blieb allerdings der festen Ueberzeugung, dass Wakeman dieses Piano- und Synthesizer-Teil für ein Guinness gespielt hätte.

Als die Aufnahmen zum Album abgeschlossen waren, übergaben Tony Iommi und Necromandus die Tonbänder der Plattenfirma Vertigo Records zur Beurteilung. Dazu kam es aber nicht, weil die Gruppe immer wieder an den Stücken weiterwerkeln wollte, Titelnamen änderte und auch sonst mit den Aufnahmen nicht richtig zufrieden war. Ueberall sahen die Musiker noch Potential, an ihren Songs zu feilen und abzuändern, was der Plattenfirma natürlich irendwann missfiel. Aus dem Titel "One Fine Lad" wurde "Homicidal Psychopath", und diese Düsterheit, welche die Musiker eindeutig bei Black Sabbath entlehnt hatten, führten schliesslich auch zur Bezeichnung 'The dark princes of Downer Rock', ein Etikett, mit welchem die Band Necromandus gut leben konnte. Entgegen mancher Black Sabbath-Kopien schafften es Necromandus allerdings, nicht nur düster zu klingen, sie bedienten sich weiterer damals angesagter progressiver Elemente, wie man sie beispielsweise auch bei Gruppen wie Gentle Giant, Gravy Train, Gridnolog oder Greenslade finden konnte. Insbesondere das zweiteilige "Mogidisimo", dessen Namen sich vom Anagramm "Iommi is God" ableitete, zeigte das relativ breite stilistische Spektrum der Band sehr schön auf. Auch die Songs "Still Born Beauty", "A Black Solitude" und vor allem das hochkomplexe "Gypsy Dancer" hätten Necromandus ganz bestimmt in die erste Liga der progressiven Rockbands katapultiert, wäre die Platte nur erschienen.

Mit dem Album kurz vor der vermeintlichen Veröffentlichung, gingen Necromandus erneut auf Tournee und präsentierten die Songs des bald erscheinenden Werks. Sie spielten einige Konzerte zusammen mit den Progressive Rockern von Badger als Doppel-Opener für Black Sabbath, danach zusammen mit der noch relativ unbekannten Band Judas Priest als Support Act. Live spielten Necromandus wesentlich härter und rauher als auf den Plattenaufnahmen. Am 30. März 1973 wurde ein Auftritt im Casino Blackpool aufgezeichnet, der danach für fast 40 Jahre in einem Archiv verschwand, bis er im Jahre 2010 von Rise Above Records in einer aufwändigen Deluxe Ausgabe des Studiowerks als Bonus veröffentlicht wurde. Das Schicksal der Band besiegelt war, als sich Tony Iommi aufgrund von vielen Konzerten mit Black Sabbath in den USA, nicht mehr die Zeit nehmen konnte, Necromandus zu promoten in England. Die Plattenfirma Vertigo Records verschob mehrmals die Veröffentlichung der Platte, was schliesslich im Herbst 1973 dazu führte, dass Barry Dunnery die Gruppe verliess und Vertigo Records daraufhin die Reissleine zog und die Veröffentlichung abhakte. Mit dem Ausstieg des Gitarristen Barry Dunnery verlor in der Folge auch Tony Iommi das Interesse an der Band, die sich kurze Zeit später auflöste.

Schlagzeuger Frank Hall erhielt danach eine Offerte von Ex-Deep Purple Glenn Hughes als Drummer für dessen Band Trapeze, die Hall jedoch ablehnte. Zusammen mit Dunnery gründete er später zwei Bands mit Namen Nerves und danach Tantrum, beide ohne nennenswerten Erfolg. 1976 wurden die Musiker von Ozzy Osbourne kontaktiert, der sie für sein Projekt "Blizzard Of Ozz" rekrutieren wollte. Es gab einige vielversprechende gemeinsame Sessions, die jedoch ins Leere führten, weil Ozzy sich dazu entschloss, zu Black Sabbath zurückzukehren. Danach stieg Dunnery bei Violinski, einer Splittergruppe des Electric Light Orchestra, ein, mit welcher er eine Single und ein Album einspielte. Später versuchten die beiden es auch noch bei der Re-Formation der Gruppe Hammerhead, doch auch diesem Unternehmen war langfristig kein Erfolg beschieden. Frank Hall war 2009 schliesslich noch der einzige lebende Necromandus-Musiker und er wagte ein Comeback mit einer komplett neuen Band, die schliesslich im Jahre 2017 auch ein neues, selbstbetiteltes Album aufnahm.

Neben den teilweise durchaus harten, immerzu psychedelischen Rocksounds, hatten die Musiker von Necromandus auch eine zum Art Rock und Progressive Rock tendierende Schlagseite, die ihr Klangbild äusserst abwechslungsreich machte und der Band, unter glücklicheren Vorzeichen, wohl mehr als nur den Durchbruch hätte verschaffen müssen. Das Necromandus-Werk, das inzwischen in mehreren Varianten als restaurierte CD verfügbar ist, kann als interessantes und überaus hörenswertes Stück Rock-Historie bezeichnet werden, das keineswegs nur für einschlägige Black Sabbath-Fans von Interesse sein sollte.




16.10.2017


GRAHAM BOND WITH MAGICK - We Put Our Magick On You
(Vertigo Records 6360 042, 1971)

Graham Bond war ein Waisenkind und wurde von einer Beamtenfamilie adoptiert. Er lernte schon in seinen Jugendjahren verschiedene Tasten- und Blasinstrumente mit grosser Leichtigkeit zu spielen, sein musikalisches Talent war unübersehbar. Seine Adoptiveltern verfolgten den Plan, Graham zu einem Konzertpianisten auszubilden, doch der junge und talentierte Musiker  zeigte eine grosse Affinität zur Jazzmusik. Allerdings war er auch schon in seiner Jugend ein relativ schwieriger Charakter, der vor allem stets im Kampf mit sich selbst stand. Er wollte einerseits ein individuell denkender und von gesellschaftlichen Zwängen befreiter Jazz Bohemian sein und ein wildes und spannendes Leben leben, andererseits aber war er auch ein Romantiker, der von einer grossen künstlerischen Karriere träumte. Dank seines grossen Talents standen die Zeichen dafür auch denkbar gut. Zu Anfang der 60er Jahre war Graham Bond bereits als hoffnungsvoller Saxophonist in England bekannt. Als Mitglied des John Randell Quintetts steigerte sich seine Reputation rasch. 1962 trat Graham Bond der noch jungen Band Blues Incorporated von Alexis Korner bei. Zu dieser Zeit begannen die Musiker auch, die ersten elektronischen Orgeln zu spielen. Ray Charles wurde dabei zum grossen Vorbild von Graham Bond. Sein musikalisches Hauptinteresse wechselte in der Folge vom Jazz zum Blues.

Im Februar 1963 wechselte Graham Bond definitiv vom Saxophon zur Hammond Orgel. Als er Alexis Korner's Blues Incorporated beigetreten war, spielten in jener Phase unter anderem der spätere Cream-Bassist Jack Bruce in der Band mit, ebenso der noch junge Gitarrist John McLaughlin und der später ebenfalls mit Cream weltberühmt werdende Schlagzeuger Ginger Baker. Alle vier Musiker hatten ein grosses gemeinsames Interesse am rauhen und schmutzigen Blues, den sie jedoch mit Jazz-Elementen erweitern wollten. Sie gründeten daraufhin noch ohne den Gitarristen John McLaughlin gemeinsam das Graham Bond Trio und nach dem Beitritt von McLaughlin die Graham Bond Organisation. Der Gitarrist John McLaughlin blieb nur bis im Oktober desselben Jahres in der Formation und wurde durch Dick Heckstall-Smith ersetzt. Zu Beginn des britischen Rhythm & Blues-Booms wurde die Graham Bond Organization durch ihren aggressiv gespielten Sound mit starken Jazz- und Blues-Elementen bekannt. Bond schrieb die meisten Stücke, ermutigte aber die anderen Musiker ebenfalls Material beizusteuern, zum Beispiel "Dick's Instrumental" von Dick Heckstall-Smith sowie "Camels and Elephants" von Ginger Baker. In diesem Stück entwickelte der Schlagzeuger Ideen, die später in sein Paradestück "Toad" eingeflossen sind. Jack Bruce' Mundharmonika-dominierte Version von Peter Chatham's "Train Time" indes wurde später ein fester Bestandteil bei Konzerten von Cream.

Die erste reguläre Aufnahme in Originalbesetzung der Graham Bond Organization wurde unter dem Namen des Sängers Winston G. (Winston Gork) veröffentlicht. Als Schützling des ausgewanderten australischen Produzenten Robert Stigwood, begann Winston seine Karriere unter dem Pseudonym Johnny Apollo. Anfang 1965 waren Winston und The Graham Bond Organization Teil der von Stigwwod organisierten England Tournee mit Chuck Berry als Headliner, die Stigwood grosse Verluste verursachte. Als Partner des gleichen Managements unterstützte The Graham Bond Organization Winston auf der Parlophone-Single "Please Don't Say" / "Like A Baby" (die A-Seite trug den Hinweis 'Arrangement directed by Graham Bond' und die B-Seite den Hinweis 'Arrangement directed by Ginger Baker'). Die Band kam dann bei der Plattenfirma Decca Records unter Vertrag, die ihre Version von Don Covay's "Long Tall Shorty" 1964 veröffentlichte, mit "Long Legged Baby" als B-Seite. Ihre bekannteste Single und zweite Veröffentlichung unter eigenem Namen war "Tammy" / "Wade in the Water", aufgenommen am 4. Januar 1965 in den Olympic Sound Studios in London. Das Stück erschien ebenfalls auf ihrem Debütalbum "The Sound of 65".

Die vierte Single enthielt die Stücke "Lease on Love" / "My Heart's in Little Pieces" (Juli 1965). Das Besondere an der A-Seite ist der Gebrauch eines Mellotron, das Graham Bond auch bei verschiedenen Stücken auf der zweiten LP "There's A Bond Between Us", veröffentlicht im November 1965, spielte. Das Album enthielt ausserdem Studio-Versionen der zwei erwähnten Instrumentalstücke. Die Single und die Album-Stücke galten als erste Pop-Aufnahmen, die ein Mellotron präsentierten. "Lease On Love" war mehr als ein Jahr vor dem ersten England Charts-Hit mit einem Mellotron erschienen (Manfred Mann's "Semi-Detached Suburban Mr James" im Oktober 1966 und mindestens 18 Monate bevor die Beatles das Mellotron mit "Strawberry Fields Forever" im Januar 1967 weltberühmt machten. Die Songs für das zweite Album waren die letzten, die in Originalbesetzung eingespielt wurden, bevor Jack Bruce im August 1965 aus der Band geworfen wurde. Die Gruppe wurde durch exzessiven Drogenmissbrauch und Ginger Baker's Streit mit Jack Bruce zusätzlich belastet. Rückblickend wird vermutet, dass Jack Bruce von Graham Bond mit Ginger Baker ersetzt wurde, um Jack Bruce feuern zu können, der kurzzeitig bei Manfred Mann eingestiegen war. Im Juli 1966 wurden Baker und Bruce dann von Eric Clapton gefragt, zusammen bei Cream zu spielen. Die Band nahm somit ohne Bruce das Stück "St. James Infirmary Blues" am 10. Januar 1966 auf. Der Song wurde in den USA auf dem Label Ascot Records veröffentlicht und fand kaum Beachtung. Bei dem Stück wirkte Mike Falana an der Trompete mit.

Graham Bond besetzte die Organisation mit Jon Hisemann am Schlagzeug neu. Als Trio, Bond, Heckstall-Smith und Hiseman, nahmen sie die Single "You’ve Gotta Have Love Babe" / "I Love You" (beide Stücke komponiert von Graham Bond) am 18 January 1967 für Page One Records auf. Hiseman und Heckstall-Smith wechselten danach zu John Mayall & The Bluesbreakers, um im April 1968 das Album "Bare Wires" aufzunehmen. Danach gründeten sie im Sommer 1968 zusammen mit Tony Reeves am Bass und Dave Greenslade am Keyboard die spätere Progressive Jazzrock Koryphäe Colosseum. Kommerzielle Misserfolge, interne Streitigkeiten und Drogenprobleme brachten die Band dazu, sich Ende 1967 aufzulösen. Jedoch wurde ihr Einfluss schnell mit dem Erfolg von Blues und Progressive Rock sowie steigenden Verkaufszahlen deutlich. Das Doppel-Album "Solid Bond", von Warner Brothers Records im Jahre 1970 veröffentlicht, war eine Kompilation von Live-Aufnahmen des Graham Bond Quartet (Bond, McLaughlin, Bruce und Baker) aus dem Jahre 1963 sowie Studio-Aufnahmen der letzten Besetzung der Graham Bond Organization (Bond, Heckstall-Smith und Hiseman) aus dem Jahre 1966.
 

Von seinen musikalischen Gefährten im Stich gelassen, verliess Graham Bond seine Heimat England und lebte zwei Jahre lang in den USA. Danach kehrte er zurück, spielte mit Ginger Baker’s Air Force zusammen und tourte eine kurze Zeit zusammen mit der Band von Jack Bruce. Anschliessend unterzeichnete er einen neuen Vertrag bei Vertigo Records und lebte zu dieser Zeit vermutlich drogenfrei. Jedoch befasste er sich zunehmend mit Schwarzer Magie. Er heiratete die Sängerin Diane Stewart, die sich wie Graham Bond für Okkultismus und Schwarze Magie interessierte. Zusammen mit dem Bassisten Rick Grech, der zuvor bei der Supergroup Blind Faith spielte und später zu Roger Chapman's Family wechselte, sowie Victor Brox von der Ainsley Dunbar Retalation wurden für das Swirl Label die beiden Alben "Holy Magick" und "We Put Our Magick On You" eingespielt. Beide Werke blieben erfolglos, was schade ist, denn sie hatten durchaus eine relativ neue und interessante Seite von Graham Bond gezeigt: Okkulter Jazz, der nahe am Freejazz angesiedelt war, dominierte zwar das erste Album "Holy Magick", inklusive esoterischer Beschwörungsformeln und allerlei okkultem Kram, der zudem opulent und bisweilen viel zu ausladend arrangiert war. Doch das zweite Album "We ut Our Magick On You" zeigte einen Graham Bond, der sich wieder zurücknahm, zumindest in esoterischer Hinsicht. Dieses Album geriet zu einem hervorragenden bluesig gefärbten Jazzrock-Werk, das durchaus auf der Höhe der Zeit war und sehr viele qualitative Glanzpunkte aufwies.

"We Put Our Magick On You" wie eine signifikante Aenderung gegenüber dem zuvor veröffentlichten "Holy Magick" Album auf: Dieses Werk trug wesentlich mehr östliche Mythologien in den Vordergrund. Zierte bei "Holy Magick" noch die Kultstätte Stonehenge das Plattencover, so stellte Bond nun den Tattwa Symbolismus der Hindu Philosophie in den Vordergrund: Fünf farbige Symbole, die für die vier Elemente plus Aether standen. Musikalisch war dieses Album wesentlich besser als das erste, ging abe leider komplett unter, nachdem sich seine treue Anhängerschaqft zu sehr vom Vorgänger "Holy Magick" abschrecken liess. Graham Bond haderte einmal mehr mit sich selbst, zog nicht zum erstenmal in seiner an eine Achterbahnfahrt erinnernden Karriere konsequenterweise erneut den Stecker und suchte - wieder einmal -  nach einer neuen Herausforderung.

Er fand sie in der Zusammenarbeit mit dem legendären Cream-Texter und Dichter Pete Brown, mit welchem Bond dann kurze Zeit später das Album "Two Heads Are Better Than One" realisierte. Es folgte ein bis 2008 nicht veröffentlichtes Album mit der John Dummer Blues Band, das 1973 aufgenommen, in den Archiven blieb. Seine Ehe mit Diane Stewart war kurz zuvor zu Bruch gegangen, und er suchte erneut einen musikalischen Halt. Nächste Station war seine Gruppe Magus, mit der er aber nur wenige Monate lang spielte und mit ihr auch keine Veröffentlichungen realisieren konnte. Gegen Ende 1973 entdeckte Bond den amerikanischen Singer und Songwriter Mick Lee, mit welchem er gemeinsame Konzerte bestritt, aber ebenfalls keine Aufnahmen tätigte. Pläne, wonach in eine gemeinsame Band auch der ehemalige Traffic-Musiker Chris Wood eintreten sollte, zerschlugen sich ebenso wie eine eventuelle Nachfolge für den Schweizer Keyboarder Patrick Moraz als Ersatz bei der Progressive Rockband Refugee, als Graham Bond sich am 8. Mai 1974 überraschend das Leben nahm, als er sich, finanziell am Ende und ohne künstlerische Anerkennung in der Londoner U-Bahnstation Finsbury Park vor einen einfahrenden Zug stürzte. Graham Bond konnte erst Tage später identifiziert werden. Endgültig geklärt werden konnte das Rätsel um seinen Tod nicht. Graham Bond erhielt posthum noch einmal traurige Bekanntheit, als herauskam, dass er in den letzten Monaten seines Lebens eine sexuelle Beziehung zu seiner Stieftochter gehabt haben soll.