20.01.2018


THE JOHN BUTLER TRIO - Live At St. Gallen 
(Lava Records 7567-93525-2, 2006)

John Butler wurde am 1. April 1975 im kalifornischen Torrance geboren. Nachdem seine Familie zwischenzeitlich in Los Angeles lebte, zog sie 1986 wieder in das australische Heimatland seines Vaters. Fortan wohnte die Familie in Pinjarra, einem kleinen Dorf im Westen von Australien. Nachdem John Butler sein Kunststudium abgebrochen hatte, war er zunächst als Strassenmusiker aktiv. Im Jahre 1998 gründete er das John Butler Trio, welches fortan mit wechselnder Besetzung auftrat. 2003 kamen Shannon Birchall (Bassist, Melbourne) und Michael Barker (Schlagzeuger, Neuseeland) hinzu. "Live At St. Gallen" ist eine Doppel-CD, die unter sehr glücklichen, wenn nicht gar einmaligen Umständen und Zufällen zustande gekommen ist. Und das ging so: Das John Butler Trio sollte am St. Galler Open Air am 3. Juli 2005 auftreten. Der gebuchte Termin und die Zeit des Auftritts waren längst festgelegt. Die Band und ihre Crew reiste in St. Gallen an, glücklicherweise etwas früher als geplant. Vor der Band sollte eine andere Gruppe an dem Open Air auftreten, die jedoch in Zürich-Kloten am Zoll festhing und nicht pünktlich in St. Gallen sein würde, um ihren Auftritt rechtzeitig bestreiten zu können. Der Veranstalter kontaktierte daraufhin das bereits anwesende John Butler Trio und fragte nach, ob die Musiker eventuell schon früher auf die Bühne gehen würden, im Gegenzug dafür aber länger spielen könnten ? Nach kurzer Absprache erklärte sich die Band einverstanden und spielte einen ganz phantastischen Gig, der aufgrund der Umstände fast doppelt so lang ausfiel als geplant. Da das John Butler Trio ein grosses Faible für lange Jams hat, kam ihnen dieser Zufall natürlich zugute. Die Band konnte dadurch viel freier und ausgedehnter jammen. Die tolle Open Air Stimmung und das begeisterte Publikum tat ein übriges, um aus einem kurzen Auftritt ein begeisterndes Konzert zu bestreiten.

Was die Band allerdings nicht wusste: Ihr Auftritt wurde live mitgeschnitten, was eigentlich als Aufnahme der Gruppe geplant war, die vor dem John Butler Trio hätte auftreten sollen. Da diese nun durch das John Butler Trio ersetzt wurde, liess man die Bandmaschinen kurzerhand laufen und hielt so völlig ungeplant einen grossartigen Auftritt auf Band fest, der so in dieser Form sonst wohl nie das Licht der Tonträger-Welt erblickt hätte. Gemäss John Butler war dieser erste und etwas spezielle Gig in der Schweiz das unangefochtene Highlight ihrer gesamten damaligen Tour. Gross war also auch die Freude, als man nach dem gelungenen Konzert erfuhr, dass der Schweizer Radiosender DRS3 den kompletten Gig aufgenommen hatte, und man entschloss sich kurzerhand, eine Doppel Live-CD von diesem Abend zu veröffentlichen.

Aufgezeichnet von Patrick Müller und produziert von Ron Kurz gelang dem australischen Trio mit dieser Live Doppel CD nach dem ein Jahr zuvor veröffentlichten Studioalbum "Sunrise Over Sea" letztlich der internationale Durchbruch, denn die Aufnahme bietet eine enorme Spielfreude, eine reduzierte Instrumentierung auf höchst dynamische Art gespielt und selbstverständlich jede Menge hervorragender Songs, allesamt aus der Feder von John Butler, von denen die beiden auf dem "Sunrise Over Sea" erstmals präsentierten Stücke "Betterman" und "Treat Yo Mama" die intensivsten und beeindruckendsten sein dürften. Vor allem das auf fast 17 Minuten ausgedehnte Jam-Stück "Betterman" ist erstklassig gespielt und fängt die Stimmung und die Interaktion zwischen Band und Publikum am eindrücklichsten ein. Aber auch die jeweils über zehn Minuten langen "Take" und "Ocean" sind brilliant und wurden von der Band an normalen Konzerten zu jener Zeit kaum je so lange gespielt. Das tolle sonnige Wetter und das enthusiastische Publikum führten letztlich dazu, dass sich das Trio in einen wahren Spielrausch hineinspielte, der beim anhören dieser Platte sehr schön nachempfunden werden kann.

John Butler spielte an dem Konzert verschiedene Arten von Saiteninstrumenten, meistens jedoch eine verstärkte 11-saitige akustische Gitarre, sowie Banjo, Lap Steel Gitarre und Perkussion. Ihm zur Seite standen mit Shannon Birchall ein versierter und sehr abwechslungsreich agierender Bassist, der wahlweise den akustischen oder den elektrischen Bass spielte, sowie der äusserst rhythmusbetonte und herrlich locker groovende Schlagzeuger Michael Barker. Als wären die Umstände dieser Einspielung nicht schon interessant genug, so ist es auch noch das Album, von dem John Butler bis heute am meisten Exemplare hat verkaufen können, was nicht zuletzt auch dem Renomée des St. Galler Open Air zuträglich war, das spätestens seit dieser hervorragenden Live-Veröffentlichung weltweit bekannt geworden ist. Eine ganz dicke Empfehlung für alle Musikfans, die sich von einem Live-Auftritt einmal so richtig packen und treiben lassen wollen. Zwischen Folk-Rock und leicht staubigem Wüstensound bietet das John Butler Trio hier eine packende und äusserst intensive und dynamische Mixtur prächtiger, ab und an leicht anpsychedelisierter Sommermusik.


Im Jahre 2007 hatte die Band einen Auftritt beim 'Live Earth' Konzert in Sydney. Bekannt wurde John Butler unter anderem für sein virtuoses Lapsteel-Spiel (Gitarre liegt auf den Oberschenkeln) beziehungsweise dafür, dass er meist mit 'open tunings', bei welchem die Gitarre in einem Akkord gestimmt ist, spielt. Am 23. März 2009 gab John Butler auf der offiziellen Band-Homepage bekannt, dass er sich im April von seinen damaligen Bandmitgliedern trennen werde. Die Gründe hierfür seien rein künstlerisch. 2009 stiessen der auf Malta geborene Nicky Bomba, der bereits 2004 bei den Aufnahmen zu dem Studioalbum "Sunrise Over Sea" beteiligt war (Schlagzeuger, Melbourne) und Byron Luiters (Bassist, Sydney) zum Trio und stellten mit John Butler als Leadsänger die aktuelle Besetzung dar. John Butler gründete ausserdem mit einem Freund sein eigenes Plattenlabel Jarrah Records. Das Label wurde benannt nach einer südaustralischen Eukalyptusart. Neben dem John Butler Trio veröffentlichten auch The Waifs ihre Platten bei Jarrah Records.


19.01.2018


JON LORD - Sarabande (Purple Records TPSA 7516, 1976)

Jon Lord war in erster Linie als Gründungsmitglied der Hardrock Band Deep Purple bekannt. Der Musiker galt als einer der Wegbereiter der Kombination von Rock mit Klassik. Sowohl sein Vater als auch seine Tante waren Performance-Künstler, die ihr Talent als Duo mit einer lokalen Tanzgruppe zur Aufführung brachten. Erste musikalische Aktivitäten entwickelte Lord am Klavier der Familie, an dem er ab dem Alter von fünf Jahren klassischen Unterricht bekam. Als Teenager beeindruckte ihn die musikalische Performance von Jazz-Organisten wie Jimmy Smith, und die von Pionieren des Rock'n'Roll-Pianos, wie Jerry Lee Lewis. Im Alter von 19 Jahren zog Jon Lord 1960 nach London, wo er an der Central School of Speech and Drama Schauspiel studierte. Als sich 1963 davon das Drama Centre London abspaltete, wechselte Lord mit anderen Lehrern und Schülern dorthin und schloss dort 1964 sein Studium ab. Von der Musik des Swinging London angezogen, begann Lord in diversen Jazz- und Rhythm & Blues-Combos zu spielen, die überwiegend in kleineren Kneipen und als Clubgigs in der Region London auftraten. Erste Erfolge konnte er mit der Bill Ashton Combo feiern, einer Jazzgruppe, die sich nach dem Saxophonspieler benannte. 1963 wechselte Jon Lord zu der von Derek Griffiths geleiteten Band Red Blood And His Bluesicians, was ihm ermöglichte, an seine erste elektrische Orgel zu kommen. Nach eigener Aussage war er in der Aufnahme des Kinks-Hits "You Really Got Me" als Pianist zu hören.

Die nächsten Jahre erspielte sich Jon Lord die Fähigkeiten zum Profimusiker. Er trat als Organist den bluesig-rockigeren Artwoods bei, deren Bandleader Art Wood, der ältere Bruder des späteren Rolling Stone Ronnie Wood, war. Die Artwoods veröffentlichten mehrere Singles und EPs, darunter das heutige Sammlerstück "Art Gallery", traten in Fernseh- und Radiosendungen auf und hatten viele Auftritte, schafften jedoch keine Hitparadenplatzierung, sodass sie sich bald wieder auflösten, nachdem ihr letzter Versuch, die Charts unter dem Pseudonym St. Valentine’s Day Massacre zu erreichen, ebenfalls scheiterte. Ronnie Wood nahm mit Jon Lord später drei Instrumentalnummern unter dem Namen Santa Barbara Machine Head auf. The Flower Pot Men, die eher ein Gesangsensemble waren und einen psychedelischen Hit hatten, waren für eine gebuchte Tournee auf Musikersuche und engagierten Jon Lord sowie Nick Simper und den Schlagzeuger Carlo Little, der bei den Screaming Lord Sutch’s Savages bereits an Ritchie Blackmores Seite spielte. Kurz darauf gründeten Jon Lord und Ritchie Blackmore Deep Purple, auch Nick Simper wurde als Bassist engagiert. Zwischen 1968 und 1976 galten Deep Purple als eine der populärsten und kreativsten Bands, wobei Jon Lords virtuoses Hammond-Orgelspiel massgeblichen Anteil hatte. Zwischen den Aufnahmen diverser Hardrockalben und zahlreichen Welttourneen mit Deep Purple fand er immer wieder Zeit für Soloprojekte. Zeitweise mit Unterstützung durch Deep Purple, wie 1969 bei "Concerto for Group and Orchestra" oder in Form von Soloalben wie "Gemini Suite", verband er Rockmusik mit klassischer Musik. Für den Film 'The Last Rebel' (1971) schrieb er mit Tony Ashton die Musik, die von Ashton, Gardner & Dyke eingespielt wurde.

"Sarabande" war eines seiner stärksten Soloalben, das vom 3. bis 6. September 1975 in Oer-Erkenschwick, laut Covertext 'in der Nähe von Düsseldorf' mit der Philharmonia Hungarica unter der Leitung von Eberhard Schoener aufgenommen wurde. Es erschien im Jahre 1976. Jon Lord knüpfte hier an die musikalische Form der Suite aus der Barockmusik eines Johann Sebastian Bach an. Jeder Track erinnerte an einen barocken Tanz: Fantasie, Sarabande, Aria, Gigue, Bourrée, Pavane, Caprice. Lord gelang damit eines der kompaktesten und stimmigsten Rock-Alben in Verbindung mit klassischer Musik. Unter den Kompositionen für Orchester und Rockband, die Jon Lord in den 70er Jahren schrieb, bildete "Sarabande" den Schlusspunkt. Das gleichnamige Album gilt bei vielen als sein gelungenster Versuch, zwischen den beiden Klangkörpern zu vermitteln. Dafür liessen sich auch durchaus Argumente finden: Die Musik auf "Sarabande" wirkte nicht so zerrissen wie auf den früheren Platten. Statt auf symphonische Dramatik setzte Lord nun auf eine entspannte Abfolge von Stücken und Stimmungen im Geiste einer barocken Tanzsuite. Die Rockband agierte dabei wesentlich geschmeidiger und weniger poltrig als die diversen Besetzungen, die er bis dahin verwendet hatte. Dafür waren nicht zuletzt Pete York am Schlagzeug und das spätere Police-Mitglied Andy Summers als Gitarrist verantwortlich.

Dass das Album bei Rockfans besser ankam, lag wohl hauptsächlich daran, dass der Hörer wesentlich leichter überblicken konnte, wo er sich gerade befand. Insbesondere die häufigen, oft auch ziemlich simplen Ostinato-Figuren (sprich: Riffs) erleichterten den Zugang. Lords "Gigue", "Bourrée", "Pavane" und die weiteren 'Tanzstile' hatten insgesamt doch nur bedingt etwas mit den barocken Vorbildern zu tun. Was die Suite aber tatsächlich mit dem Barock verband, war die rhythmische Motorik, die hier viel ausgeprägter in Erscheinung trat als bei Lords früheren Werken "Windows", "Gemini Suite" oder dem "Concerto for Group and Orchestra". Die Verschmelzung zwischen klassischer Thematik und Rockmusik gelang hier auf symbiotische Weise. Das Titelstück bediente sich hörbar bei David Brubecks "Take Five", indem sich das Stück von einem 5/4 in einen 3/4-Takt wendete.

Nachdem sich seine Stammband Deep Purple 1976 das erste Mal aufgelöst hatte, gründeten Jon Lord, Ian Paice und Tony Ashton danach die Gruppe Paice Ashton Lord, die 1977 das Album "Malice In Wonderland" veröffentlichte. Nach einer Tournee und noch während der Vorbereitungen für ein weiteres Album lösten sich Paice Ashton Lord schon 1978 wieder auf. Jon Lord wurde daraufhin Keyboarder bei David Coverdales Whitesnake, wohin ihm 1979 auch der ehemalige Deep Purple Schlagzeuger Ian Paice folgte. Während der erfolgreichen Jahre bei Whitesnake gastierte Jon Lord auf diversen Alben von Cozy Powell, Graham Bonnet und vielen anderen und nahm mit "Before I Forget" ein weiteres Soloalbum auf. Jon Lord, der Whitesnake 1984 zu Gunsten eines Neubeginns mit Deep Purple verlassen hatte, nahm mit der Gruppe weitere sechs Alben auf und gastierte mit ihr weltweit. 2002 trennten sich Deep Purple erneut und Jon Lord widmete sich nun ausgiebig diverser Solo-Projekte. Sein letztes Konzert mit Deep Purple gab er am 19. September 2002 in Ipswich (England).

2003, er gastierte gerade für einige Monate mit Stücken seines vorletzten Soloalbums "Pictured Within" in Australien, gab Lord zusammen mit der lokalen Bluesband The Hoochie Coochie Men im Sydney Opera House ein Konzert, das später auf CD sowie auf DVD erschien. Sein 2005 erschienenes Album "Beyond The Notes" bestand aus genreübergreifenden eigenwilligen Kompositionen. Auf ihm war auch das Stück "The Sun Will Shine Again" zu finden, das Lord für die ehemalige Abba-Sängerin Anni-Frid Lyngstad schrieb und mit dem sich die schwedische Sängerin erstmals seit acht Jahren wieder live zeigte. Zuletzt komponierte Jon Lord zwei weitere klassische Werke: Das "Durham Concerto", das er 2007 zusammen mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra in der Kathedrale von Durham gab, war eine Auftragskomposition anlässlich des 175-jährigen Jubiläums der University of Durham. "Boom Of The Tingling Strings" wurde 2008 zusammen mit dem Queensland Orchestra in Queensland uraufgeführt. Am 9. August 2011  - er war gerade mit dem Jon Lord Blues Project auf Tournee - teilte Lord der Öffentlichkeit mit, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs leide. Weiter sagte er alle Konzerte für das folgende Jahr ab. Am 16. Juli 2012 verstarb Jon Lord im Alter von 71 Jahren an den Folgen der Krankheit in London. Bis zum Schluss hatte er im Studio an seinem letzten Album gearbeitet und auch noch der Abmischung beigewohnt. Nur wenige Tage vor seinem Tod wurde das Projekt fertiggestellt.




18.01.2018


EUGENE McDANIELS - Headless Heroes Of The Apocalypse
(Atlantic Records SD 8281, 1971)

Der äusserst vielseitige Musiker Eugene McDaniels war für mich immer schon eine der interessantesten Entdeckungen aus dem Bereich Soul, Folk, Psychedelik-Jazz, oder wie immer man diese mitunter etwas seltsame Musik auch nennen soll. Natürlich ist auch Eugene McDaniels die klassischen Stationen einer Musikerkarriere gegangen: Gospelchor als Kind, dann Soulsänger und schliesslich Hippie. Er hat sich vor allem textlich mitunter weit hinausgelehnt, sodass dieses 1971 veröffentlichte Album sogar im Weissen Haus diskutiert wurde. Der Legende nach soll kein Geringerer als der damalige amerikanische Vizepräsident Spiro Agnew höchstpersönlich bei Atlantic Records insistiert haben. Genützt hat es indes wohl nichts und heute gilt das Werk als Kultalbum besonders unter Hip Hoppern, die sich wohl zig Teilen dieses Albums bedient haben und im Laufe der Jahre etliche Samples verwendeten.

Musikalisch kann ich diese äusserst vielfältige Platte kaum festmachen und das wird der Grund sein, warum sie mir so gut gefällt. Nicht nur diese LP übrigens, auch Eugene McDaniels' Vorgänger, das ein Jahr zuvor veröffentlichte Album "Outlaw": Genauso textlich bissig wie musikalisch aussergewöhnlich. Eine der Aussagen von Eugene McDaniels ist bezeichnend und die zieht sich wie ein roter Faden zumindest durch diese beiden Platten:

"We have killed the very earth beneath our feet...yet we still kill each other and speak of the future".

McDaniels bezog sich mit diesem Statement natürlich auf die damaligen weltweiten Konfliktherde, so eine Aussage ist aber auch heute noch brandaktuell. Mit Mitmusikern wie beispielsweise Miroslav Vitous oder Alphonse Mouzon hat er auch kompetente Begleiter hier, und obschon es sich um eine Platte eines Musikers handelt, hat man an vielen Stellen des Albums den Eindruck, dass es sich hierbei um das Werk einer gleichberechtigten Band handelt. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass Eugene McDaniels oft nur spricht, rezitiert. Sein Singsang ist manchmal eher wie Beiwerk eingefügt in die Musik, wodurch meiner Meinung nach die Texte gleich noch einmal zusätzliches Gewicht erhalten, weil sie manchmal schon fast in einer Art mahnendem Prediger-Stil vorgetragen werden: Eindringlich und nachhaltig.


Eugene Booker McDaniels begann schon als kleines Kind im Kirchenchor zu singen, und mit elf Jahren wurde er Mitglied in einem Gospelquartett. Er wuchs in Omaha, Nebraska, auf und studierte am dortigen Musik-Konservatorium. Als das Gospelquartett nach New York ging, wurde McDaniels Leiter der Gruppe. 1954 siedelte McDaniels nach Los Angeles um, wo er sich in den Jazzclubs schnell einen guten Namen als Jazzsänger machte. Seinen ersten Plattenvertrag schloss McDaniels im Jahre 1960 bei Liberty Records ab, wo Tommy Gerret sein Produzent wurde, der ihn mit Werken aus dem Brill Building unter anderem von Burt Bacharach und Carole King versorgte. Im Frühjahr 1961 konnte McDaniels, dessen Vorname auf den Plattenlabels mit Gene angegeben wurde, mit dem Popsong auf seiner dritten Single "A Hundred Pounds Of Clay" einen Spitzenhit landen, der ihn bis auf den dritten Platz der amerikanischen Charts brachte. Im Herbst desselben Jahres kam er mit "Tower Of Strength" auf den fünften Platz. Die Plattenerfolge dauerten bis in das Jahr 1963, in dieser Zeit konnten sich die Platten von Gene McDaniels sieben Mal in den Top 100 platzieren. 1962 spielte er zusammen mit Chubby Checker, Gene Vincent und Del Shannon in dem britischen Film 'It’s Trad Dad' mit, in dem auch sein "Song Another Tear Falls" vorkam. Eine Tournee durch Australien verlief unbefriedigend, und so konzentrierte sich McDaniels weiter auf seine Plattenproduktionen.

1965 lief sein Plattenvertrag bei Liberty aus und nach zwei erfolglosen Plattenaufnahmen bei Columbia Records liess er sich erneut in New York nieder und machte wieder Jazzmusik, unter anderem mit Herbie Hancock. 1967 ging McDaniels für zwei Jahre nach Europa und betätigte sich dort als Songschreiber. Diese Tätigkeit bestimmte seine Karriere auch nach der Rückkehr in die Staaten. Er schloss mit der Plattenfirma Atlantic Records einen Vertrag als Sänger und Komponist ab, hatte dabei aber erst im Jahre 1974 mit dem von Roberta Flack gesungenen Titel "Feel Like Makin‘ Love" einen Nummer 1 Hit. Zwischen 1974 und 1979 war McDaniels auch als Produzent aktiv und arbeitete mit mehreren namhaften Solisten wie etwa Nancy Wilson oder Gladys Knight zusammen. 1996 gründete er zusammen mit Carolyn E. Thompson eine eigene Firma, die Numoon Disc Company.

Seine beiden frühen Platten, die er für Atlantic Records aufgenommen hatte, sowohl "Outlaw" (unter anderem mit Mother Hen, Ron Carter, Eric Weisberg und Hugh McCracken) als auch die "Headless Heroes Of The Apocalypse" sind unbedingt empfehlenswert. Aufgrund der Wichtigkeit für die spätere Musikszene und der bisweilen stark polarisierenden subversiven Songtexte würde ich aber die "Headless Heroes" bevorzugen. Musikalisch sind beide gleichermassen spannend und aussergewöhnlich und von stilistischer Vielfalt. Neben Einflüssen zeittypischer Folkmusik streift Eugene McDaniels auch die psychedelische Musik der Hippiezeit und experimentiert gerne auch mit der Tanzmusik der Schwarzen, streut in unnachahmlicher Weise Soul- und Jazz-Muster in die Songs ein, die durch diese aussergewöhnlichen Essenzen in ihrer Gesamtheit eine Vielseitigkeit erfahren, die damals nicht unüblich war, weil stilistische und kompositorische Grenzen längst aufgebrochen waren.
Gene McDaniels starb am 29. Juli 2011 nach kurzer Krankheit im Alter von 76 Jahren in seinem Haus in Kittery Point.



17.01.2018


WALLENSTEIN - Cosmic Century (Kosmische Musik KM 58.006, 1973)
 
Im Spätherbst 1971 gründete der Kunststudent und klassisch ausgebildete Musiker Jürgen Dollase die Rockgruppe Blitzkrieg. Mit ihm rüsteten der amerikanische Gitarrist Bill Barone, der holländische Bassist Jerry Berkers und der deutsche Schlagzeuger Harald Grosskopf die Truppe auf. Noch vor dem Jahresende 1971 spielte das so entstandene Quartett die vier Themen der ersten Langspielplatte ein. Da eine britische Band den Gruppennamen Blitzkrieg ebenfalls für sich beanspruchte, entschied sich Jürgen Dollase für den Albumtitel "Blitzkrieg" und den neuen Bandnamen Wallenstein, nach dem gleichnamigen Feldherrn aus dem 30jährigen Krieg. Zwar kam bei "Blitzkrieg" manches schon von anderen Gruppen bekannt vor, das Ganze war aber sehr virtuos gespielt und zeigte auf, wozu die Rockmusik fähig sein konnte, wenn andere Musikrichtungen (hier vorzugsweise Klassik bis zu den modernen Im- und Expressionisten) nicht nur collagenhaft eingebaut, sondern in den Kompositionen weiterverarbeitet wurden. Dollase schuf aus dem Geist der Klassik eine Musik, die sich nur gelegentlich gewisser Formprinzipien der Musiktradition bediente.

Im Frühsommer 1972 nahmen Dollase, Barone, Berkers und Grosskopf das zweite Album "Mother Universe" auf, für dessen Plattenhülle die Grossmutter Dollases abgelichtet wurde. Die französische Popzeitschrift Best kürte "Mother Universe" zur LP des Monats, mit der Begründung, dass die Musik von Wallenstein einmalig seki, weil es der Band perfekt gelänge, eine Synthese von reiner, melodischer Musik und hartem, brutalem Rock und unfassbaren, an Wahnsinn grenzenden Empfindungen zu kredenzen. Innerlich zeigten sich Wallenstein jedoch immer wieder zerrisssen, und auch der grosse Durchbruch war nicht zu schaffen gewesen, weshalb sich der Bassist Jerry Berkers, der mit "Unterwegs" eine eigene Platte veröffentlichte, sich von Wallenstein trennte und in der Folge nur noch solo auftrat. In den nächsten Monaten gastierten Wallenstein mit der Show wie bei Alice Cooper - lackierte Fingernägel, geschminkte Gesichter (Pressetext) als Trio in der Schweiz und in Frankreich. TV-Auftritte im französischen, österreichischen und Schweizer Fernsehen schlossen sich an. Durch die Sendung 'Klatschmohn' und ein 70-minütiges WDR-Porträt wurden Wallenstein auch in Deutschland am Fernsehen vorgestellt. Vom Mai bis zum August 1973 bediente Dieter Meier den Wallenstein-Bass, danach kam Jürgen Pluta in die Band. Im Juni wurde der Geiger Joachim Reiser als fünftes Wallenstein-Mitglied integriert. Mit Pluta und Reiser spielten Wallenstein am 16. September 1973 auf dem German Rock Festival in Krefeld und waren dort eine der grossen Attraktionen. Noch im selben Jahr erschien "Cosmic Century", das dritte Wallenstein-Album und das erste Werk des Symphonischen Rock Orchester Wallenstein.

Nach langer Besinnungszeit spielten Wallenstein als letzte Gruppe des Labels Kosmische Musik im Januar 1975 das Album "Stories, Songs & Symphonies" ein, mit dem Bandchef Jürgen Dollase eine eigene Idee von allverbindender Musik zu verwirklichen suchte. Das Ergebnis, eine unharmonische Mischung aus Klassik, Jazz und Rock, fand jedoch beim Publikum keinen Anklang. Mitte 1975 verliess der Gitarrist Bill Barone die Band in Richtung USA, und auch der Schlagzeuger Harald Grosskopf (später gelegentlich Mitspieler von Klaus Schulze) trennte sich von Wallenstein. Mit den neuen Mitspielern Gerd Klöcker (Gitarre) und Nicky Gebhard (Schlagzeug) erschienen Wallenstein im Herbst 1975 auf einer sehr erfolgreichen Frankreichtournee. Im Frühjahr 1976 verabschiedete sich auch der Geiger Joachim Reiser. Danach wurde es wieder still um Wallenstein. Erst eine Herbsttournee - zu der auch ein gelungener Auftritt beim 'First Dortmunder Rockdream Festival' am 2. Oktober jenes Jahres gehörte - brachte die Band wieder ins Gespräch.

Musikalisch neu gewandet stellten sich Jürgen Dollase (Keyboards), Gerd Klöcker (Gitarre), Jürgen Pluta (Bass) und Nicky Gebhard (Schlagzeug) von Mitte April bis Ende Juni auf einer Deutschlandtournee vor, zu der auch ein Auftritt beim Deutschrock-Festival in Krefeld an Pfingsten gehörte. Auf der gleichzeitig erschienenen LP "No More Love" (dem auf der Plattenhülle abgebildeten Paar fehlten jegliche Geschlechtsteile) stellte sich das Quartett befreit vom Pathos vergangener Tage vor, blieb aber musikalisch flau und konzeptlos. Nach einem Konzert in Hildesheim am 26. Mai 1978 entliess Jürgen Dollase alle Mitspieler und bereitete mit neuen Musikern einen Richtungs- und Stilwandel vor. Mit Joachim 'Kim' Merz (Gesang), Pete Brough (Gitarre), Michael Dommers (Gesang), Terry Park (Bass) und Charly Terstappen (Schlagzeug) nahm er bereits Mitte 1978 zehn Eigenkompositionen auf, die mit den relativ kopflastigen ersten vier Wallenstein-Produktionen nicht zu vergleichen waren. Die Langspielplatte "Charline" machte deutlich, dass sich Wallenstein für einen kommerzielleren Weg mit gradlinigem Rock, einfacher Melodieführung und mehrstimmigen Gesang entschieden hatten.

Am 10. November stellte sich die neue Wallenstein-Besetzung mit dem aktuellen Pop/Rock-Repertoire erstmals öffentlich in der Mönchengladbacher Kaiser Friedrich-Halle vor. Ihr Auftritt am 7. Dezember beim Dortmunder 'Sound & Music Festival' wurde vom WDR aufgezeichnet und in der Rockpalast-Sendung vom 27.Dezember 1978 ausgestrahlt. Nach einer Frühjahrstournee 1979, bei welcher die Gruppe gefeiert wurde wie sonst nur ausländische Bands (Zeitschrift Pop), und einem Auftritt in der Musiksendung 'Disco' kam die Gruppe zu ihrem ersten und einzigen Singlehit: "Charline" kletterte bis auf Rang 17 in den deutschen Popcharts. Im Sog des Single-Erfolges gaben Wallenstein 1979 mehr als 200 Konzerte, so auch etwa am 12. August 1979 auf dem Loreley-Festival und dem Festival in Pforzheim. Dazu kam am 10. August 1979 ein TV-Auftritt in der Sendung 'Szene'. Auch die im Oktober veröffentlichte LP "Blue Eyed Boys" entstand nach dem neuen Dollase-Konzept: "Eine straight spielende Rhythmussektion, ein prägender Lead-Gesang und ein hervorragender Satzgesang". Der gefällig arrangierte und durchsichtig produzierte Pop-Rock war kommerziell überaus erfolgreich. So verkaufte auch die Single-Auskopplung "Don't Let It Be" mehr als 10000 Exemplare.

Ab 1.1.1980 waren Wallenstein bei EMI unter Vertrag. Dort erschien bereits im März das Album "Fräulein"; bestückt laut der Zeitschrift Musik Express mit Pop sauberster Machart. Die Band promotete das neue Songmaterial auf einer grossen Deutschlandtournee und besuchte, gemeinsam mit den Scorpions, auch die Benelux-Länder, Frankreich, Österreich und die Schweiz. Zwischenzeitlich setzte sich der Gitarrist Pete Brough ab, um in Südafrika ein Mitglied der Gruppe Clout zu heiraten. Jürgen Dollase, Texter, Komponist und Produzent aller Wallenstein-Werke, war 1980 Gastdozent an der Pädagogischen Hochschule Aachen. Mit der gegen Ende 1980 veröffentlichten Single "Lady In Blue" kam es zum ersten kommerziellen Einbruch. Auch das Album "Sssss ... top", obwohl deutlich Rock-orientierter konzipiert und weitgehend spieltechnisch hervorragend gestaltet, konnte am schwindenden Hörerinteresse nichts ändern. Von März bis Juni 1981 gingen Wallenstein letztmalig auf Tournee. Dann wurde die Band, wie zahlreiche andere auch, von der Neuen Deutschen Welle überspült. Mit englischen Texten, erkannte Dollase, war nichts mehr zu machen. Die 1982 gestarteten Versuche mit deutschen Textzeilen blieben in der Schublade. Ende 1982 schloss Dollase das Kapitel Wallenstein ab: "Ich denke gern daran zurück, weil ich immer von dieser Musik gelebt habe. Aber nun bin ich froh, dass Schluss ist".


Anfang der 80er Jahre erwachte Jürgen Dollase's Faible fürs Kochen und Geniessen durch einen Besuch in dem Pariser Künstler-Restaurant La Coupole. Daneben widmete er sich ab 1988 intensiv der Malerei, zeigte jedoch seine Ölgemälde keinem Galeristen. Seit etwa 1993 wuchs auch sein Interesse am Kochen. Johannes Gross, der damalige Herausgeber der Zeitschrift Capital, ermutigte ihn in den 90er Jahren zu Publikationen auf dem Gebiet der Gastronomiekritik. Bald darauf begann er mit seiner Tätigkeit als Restaurantkritiker. Er arbeitete unter anderem mit den Meisterköchen Hans Stefan Steinheuer und Ingo Holland zusammen an einem Buchprojekt sowie 2007 mit Joachim Wissler für eine Kochdokumentation im Fernsehen. Dollase veröffentlicht seit 1999 regelmässig gastrosophische Kolumnen und Artikel. Den Anfang machten von 1999 bis 2004 kulinarische Texte und Gastronomiekritiken auf der Seite Stil des Feuilletons der FAZ. Von 2004 bis 2016 schrieb er dort die wöchentliche Kolumne 'Geschmacksache'. Seit 2002 schreibt Dollase auch für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Gastronomiekritiken (Kolumne 'Hier spricht der Gast') und Serien wie 'Das besondere Restaurant'.

Von 2010 bis 2014 kamen eine kulinarische iPhone-App, von 2010 bis Ende 2015 die Online-Kolumne Esspapier (mit einer wöchentlichen Buchrezension) dazu. Neben der Arbeit für die FAZ schrieb Dollase für den Feinschmecker von 2002 bis 2010 die Serie 'Küchengeheimnisse', deren Rezepte und Analysen teilweise im Feinschmecker-Bookazine Nr. 9 (mit Harald Wohlfahrt) zu finden sind. Ebenfalls im 'Feinschmecker' schrieb er von 2002 bis 2010 die Kolumne 'Wiederbesucht'. In der Kunstzeitung erschien von 2007 bis 2008 die dem Schaffen von Spitzenköchen gewidmete Serie 'Telleranalyse' und von 2008 bis 2009 die Serie 'Fast Forward', die die Kochavantgarde untersuchte. 2008 begann Dollase auch die Zusammenarbeit mit der neu in deutscher Sprache erschienenen Weinzeitschrift 'Fine European Wine Magazin' mit der Serie 'Wein und Speisen'. Seit 2009 schreibt er für das vierteljährlich erscheinende, von Fotograf Thomas Ruhl herausgegebene Magazin 'Port Culinaire' eine Serie über die Avantgarde-Küche.





16.01.2018


ELMER CITY RAMBLING DOGS - Jam It! (Dog Dirt Records DD1, 1975)

Von allen obskuren Platten in meiner Sammlung ist das eine der skurrilsten und kuriosesten, weil fast nichts stimmt, was man über diese lokale Band aus Elmer (New Jersey) an Informationen findet. Da wird von einer Biker Rock Band geschrieben, von massenhaftem Alkoholgenuss während der Plattenaufnahmen und auch sonst von ziemlich exzessivem Rock'n'Roll. Die Realität sieht wesentlich nüchterner aus. Die Band, welche stilistisch irgendwo im Countryrock- oder Southern Rock-Bereich angesiedelt ist, war keine professionelle Band, sondern eher semiprofessionell, wenn nicht gar eine Amateur- oder Feierabend-Truppe. Allerdings mit einem schon ansprechenden Approach. Was bei der Band natürlich das Augenfälligste war: Die Plattenhülle war extrem geschmacklos, obwohl sie als Comic eine gute Gattung macht. Dazu das eigene Plattenlabel: Hundescheisse Records - inklusive Hundeköttel als Firmenlogo auf der LP (!). Die Musiker müssen wirklich einen sehr seltsamen Bezug zu Hunden gehabt haben, als sie dieses Konzept auf die Beine stellten. Man kann das weder mit Humor, noch mit Satire, aber auch nicht mit sowas wie zynischer Frank Zappa-Attitüde erklären. Das Cover ist irgendwie einfach seltsam.

Konträr zu diesem optischen Ersteindruck steht dann allerdings die Musik der Band, die alles andere als amateurmässig klingt. Da waren schon Könner am Werk, die ihr Handwerk verstanden. Sänger Teeny Tar, Gitarrist James Rowland, Keyboarder Ritchie Verrill und Mike Masciarelli wurden bei diesen Aufnahmen unterstützt unter anderem vom Pennsauken Cricket Glee Club, was immer auch deren Einsatz war. Ausserdem steht der Name Eddie Harris als Mitproduzent auf dem Backcover der Platte. Ob es sich hierbei allerdings um den bekannten Jazz-Musiker selben Namens handelt, ist ungewiss, aber eher unwahrscheinlich.

Die Platte bietet so einige musikalische Highlights, wie etwa "Queenie", "The Prowler" oder den "Jailhouse Blues", die einen sehr süffigen Bluesrock zeigen, der auch einige Elemente des Swamp Rocks bietet. Vergleiche etwa mit der Band Potliquor aus Louisiana drängen sich auf, jedoch halten sich die bluesigen Töne bei den Dogs eher in Grenzen. Mehrheitlich wird, wie es der Titel der LP suggeriert gejammt; und auch wenn die Platte ganze vier Monate Aufnahmezeit ausweist (von Januar bis März plus August 1975), so klingt sie doch eher livemässig, was dem Charakter der Songs natürlich überhaupt nicht schadet. Im Gegenteil: die Musik wirkt dadurch ehrlicher und vor allem sehr direkt. Hier wurde auf jeden Fall nichts überproduziert, und wenn man sich die Songs anhört, dann dürfte die Band live nicht gross anders geklungen haben. Dieser Live-Charakter in den Stücken gefällt mir sehr gut.

Die Band konnte Anfang 1976 auch im legendären CBGB's auftreten, vielleicht auch deswegen, weil sie stilistisch wandelbar war und sich einem bestimmten Publikum anzupassen verstanden, was ebenfalls ein Indiz für eine Amateurband ist. Profis spielen ihr Ding und zeigen dabei mitunter wenig stilistischen Spielraum. Die originale Vinyl LP wird immer wieder mal relativ preiswert angeboten. Neuwertige oder gar noch ungeöffnete Exemplare haben inzwischen jedoch die 50 Euro-Marke deutlich überschritten.





15.01.2018


THE CHURCH - The Blurred Crusade (Parlophone Records PCSO 7585, 1982)

Eine der schönsten Alternative Rock-Platten mit echtem Jingle Jangle-Flair kam 1982 von der australischen Alternative Rockband The Church, die teils in allerbester Byrds-Manier diesen unverschämt lockeren, fluffigen 60er Jahre Rock-Sound mit den Tamburinen, akustischen und nicht effektüberladenen elektrischen Gitarren und mehrstimmigen Gesangsarrangements auf unwiderstehliche Art beinahe wiederbelebte. Am 22. Februar 1982 veröffentlicht, war dies das zweite Album der Gruppe, die anfänglich unter dem Banner der New Wave einen erdigen und sehr melodiösen Alternative Rock Cocktail mixte, der zwar einerseits zeitgemäss, andererseits aber auch unglaublich zeitlos wirkte. Schon auf dem Erstlingswerk, dem anfänglich nur in Australien und den USA veröffentlichten Album "Of Skins And Heart", das später auch im Rest der Welt unter dem schlichten Titel "The Church" vertrieben wurde, spielte die Band diesen Sound, der bald weltweit viele Fans begeistern würde. Gegründet wurde die Band 1980, spielte erste Gigs mehrheitlich im Raum Sydney, schuf sich aber innert kürzester Zeit eine beachtliche Fangemeinde und es dauerte nicht lange, dass die Gruppe einen Plattenvertrag ergattern konnte, der zu den Aufnahmen für das erste Album führte, das auch gleich nach der Veröffentlichung in die Top 30 gelangte. Die ausgekoppelte erste Single "The Unguarded Moment" erreichte gar Rang 22 in den australischen Charts. Schon das zweite Album "The Blurred Crusade" erklomm die Top 10 und die Single "Almost With You" schaffte es auf Platz 21. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Band aus dem Leadsänger, Gitarristen, Bassisten und Keyboarder Steve Kilbey, dem Lead Gitarristen Peter Koppes, dem Gitarristen Marty Willson-Piper und dem Schlagzeuger Richard Ploog, der den ausgeschiedenen Original-Drummer Nick Ward ersetzt hatte.

Die Band präsentierte mit ihrem Album "The Blurred Crusade" zu einer Zeit, in welcher es chic wurde, synthetische Klänge zu produzieren, mehrheitlich mit elektronischen Keyboards und Schlaginstrumenten zu experimentieren ein Album, das so ziemlich konträr zu diesen angesagten musikalischen Strömungen stand. Das Album klang äusserst bodenständig, erinnerte frappant an die Byrds ("Almost With You", "Just For You"), verströmte aber auch das Rock-Flair etwa von Tom Petty & The Heartbreakers, so etwa in den Stücken "Field Of Mars" oder "You Took". Hauptsongschreiber war Steve Kilbey, der stets auf eine warme und erdige Umsetzung seiner Kompositionen wert legte und dabei vor allem den eingesetzten Gitarren möglichst wenig Effekte beimischte, um einen unverzerrten reinen Klang (das typische Jingle Jangle Feeling) zu erzielen. Gerade diese Schlichtheit in der instrumentalen Umsetzung macht die Platte wohl letztlich so zeitlos. Sie könnte aufgrund der Song-Arrangements gleichermassen von Ende der 60er Jahre stammen, wie sie beispielsweise auch erst dieses Jahr hätte erschienen sein können. Solche Musik damals zu produzieren war sicherlich nicht ganz einfach, da viele Plattenfirmen, Toningenieure und auch Musiker gerne mit den neuesten technischen Möglichkeiten experimentieren wollten. Der Begriff Alternative Rock hat ja bis heute nichts von seinem leicht negativen Beigeschmack verloren, wonach es sich dabei um Musik handeln könnte, die vielleicht nicht für Jedermann's Geschmack gemacht ist. Schon deshalb würde ich persönlich die Band The Church nicht wirklich als alternative Rock Band bezeichnen, denn dafür sind ihre Stücke einfach insgesamt zu eingängig, zu leichtfüssig und zu bodenständig.


Beim zweiten Album "The Blurred Crusade" war erneut, wie bereits beim Debutalbum, Bob Clearmountain wieder der Mixer und er trat diesmal auch als Produzent auf. Es war dabei musikalisch und stilistisch von einer Konsistenz und Komplexität, auf die das Vorgängeralbum nicht annähernd hingedeutet hatte. Die Lieder waren sehr gut abgemischt, die Gitarrenarrangements anspruchsvoller und die Komposition ausgefeilter. Richard Ploogs weiches Schlagzeugspiel, das mehr Betonung auf die Toms legte, passte wesentlich besser zum sich entwickelnden Bandstil als das seines Vorgängers. Mit "Almost With You" gab es zudem die zweite Hit-Single der Band, die in den australischen Charts bis auf Platz 21 kletterte − sicherlich eines der typischsten Lieder von The Church aus dieser Phase. Aufgrund des erneuten Erfolges ging die Band auf eine zweite Australien-Tournee. Auch in Europa erschien das Album und verkaufte sich so gut, dass Ende 1982 die erste mehrmonatige Tour durch Europa startete. Die Band hatte 1982 ausserdem fünf Demostücke für ihr US-amerikanisches Label Capitol Records aufgenommen, das "The Blurred Crusade" nicht veröffentlicht hatte und weitere Aufnahmen der Band hören wollte. Dort konnte man mit diesen Demos jedoch nichts anfangen und liess die Band fallen. Steve Kilbey wollte die Lieder aber trotzdem veröffentlichen und so erschien Ende 1982 in Australien die EP "Sing-Songs". Im Vergleich zu "The Blurred Crusade" war diese EP eher spartanischer instrumentiert und abgemischt. Die EP ging mehr oder weniger unter, wurde später aber zu einer der meistgesuchten Platten der Band. Drei Stücke schafften es im Laufe der Jahre auf Compilations, aber erst 2001 waren mit der Veröffentlichung der CD "Sing-Songs / Remote Luxury / Persia" alle Stücke wieder auf einem Tonträger in der ursprünglichen Reihenfolge erwerbbar.

Im Mai 1983 wurde "Seance" veröffentlicht, das dritte Album der Band. The Church produzierte erstmals selbst, der Mix jedoch wurde von Nick Launay durchgeführt. Er mischte über das Schlagzeug, vor allem über die Snare, einen leicht verzerrten, stakkatoartigen Sound, mit dem die Band nicht zufrieden war. Sie forderten Launay auf, die Stücke neu abzumischen, der diese Effekte aber nur ein bisschen zurückdrehte. Man kann das besonders bei der Single "Electric Lash" sehr deutlich hören. Richard Ploog fand den Sound scheusslich und die Band soll dazu gesagt haben, dass das Resultat nicht The Church wäre. Es enthielt aber zum Beispiel mit "Now I Wonder Why" und "Fly" trotzdem einige Lieder, die als absolut typisch für The Church galten. Insgesamt kam das Album nicht so gut an wie die Vorgängeralben, weil es düsterer und kryptischer war. Es verkaufte sich schlechter und die Käufer fingen an, das Interesse an der Band zu verlieren. Die Musikpresse in Europa und den USA jedoch war begeistert und das Creem Magazine in den USA betitelte die Band als eine der besten der Welt.

Steve Kilbey schrieb für "Seance" den Hauptteil der Songs und hatte dafür insgesamt zwanzig Stücke zu Hause auf seiner 4-Spur-Maschine aufgenommen. Er ermutigte die anderen Bandmitglieder jedoch, eigene Songs zu komponieren. Ihm war klar, dass es auf die Dauer nicht gut gehen kann, wenn die anderen Bandmitglieder immer gesagt bekommen, was sie spielen sollen. Am Ende gelangte aber trotzdem nur ein Stück auf das Album, das nicht nur von ihm geschrieben war: das sehr experimentelle "Travel by Thought". Kilbey und Willson-Piper hatten für dieses Album auch das Stück "10,000 Miles" gemeinsam komponiert, es wurde vom Plattenlabel jedoch als unbrauchbar angesehen, was Kilbey sehr verärgerte, da er das Stück als essentiellen Bestandteil des Albums ansah. Später kam es dann aber doch noch auf dem Album "Remote Luxury" heraus. 1984 wurden die beiden EPs "Remote Luxury" und "Persia" in Australien veröffentlicht, waren jedoch kommerziell nicht sonderlich erfolgreich. Im Vergleich zu "Seance" waren die Lieder nicht so düster, sondern poppiger und wurden durch die Keyboards des Gastmusikers Craig Hooper ergänzt. Mit "No Explanation" gab es sogar so etwas wie einen fröhlichen, lockeren Sommersong. "Maybe These Boys" war wiederum eines der atypischsten Stücke der Band und wurde in Fankreisen und von der Band als misslungen angesehen. Wieder wurden fast alle Stücke nur von Kilbey geschrieben.


Ausserhalb Australiens kamen diese beiden EPs zusammen als ein Album heraus, das den Titel "Remote Luxury" trug. In den USA war das die erste Veröffentlichung seit dem Debütalbum. Aufgrund des dort geweckten Interesses folgte die erste Tournee durch die USA im Oktober/November 1984. In New York und Los Angeles kamen jeweils 1000 Besucher pro Auftritt, an anderen Orten dagegen teilweise nur 50. Die Tour endete daher finanziell verlustreich. Insgesamt war die Band 1984 auf ihrem ersten kleineren Tiefpunkt angelangt. Die Erfolge der ersten beiden Alben hatten sich nicht wiederholen lassen und die Kreativität der Band liess nach. Steve Kilbey war der Ansicht, "Seance" und "Remote Luxury" hätten bessere Alben werden können, als sie es tatsächlich waren. Sein Songwriting sei damals schlechter geworden, die Band habe schlechter gespielt und sie seien in einem Meer von Apathie und nachlassendem Enthusiasmus versunken. 1985 wurde es dann zunächst ruhig um die Band. Die einzelnen Bandmitglieder verbrachten ihre Zeit in Stockholm, Sydney und auf Jamaika. So war die einzige Veröffentlichung des Jahres das erste Solowerk von Steve Kilbey: die Single "This Asphalt Eden". 1986 erschien mit "Heyday" eine Platte, mit der eine Vollendung des individuellen Stils angestrebt war. Übersetzt bedeutete der Titel etwa Blütezeit oder Hochgefühl und drückte damit treffend aus, dass die Band mit diesem Album ihre volle Kreativität wiedererlangt hatte. Zum ersten Mal wurden fast alle Lieder von der Band gemeinsam geschrieben. Produzent Peter Walsh hatte die Stilelemente geschickt zusammengemischt und einen sehr warmen, organischen Sound produziert. Unterstrichen wurde dies mit dem Ersatz der Keyboards durch echte Streicher und Bläser. Viele Feinheiten der Stücke erschlossen sich erst nach mehrmaligem Anhören. Aus künstlerischer Sicht war es das bis dahin ausgereifteste Album der Band und stilistisch ebnete es den Weg für die nachfolgenden Platten.

Nachdem das Album auch in Europa und den USA herausgekommen war, wurde es von der dortigen Musikpresse als Klassiker bezeichnet. Im April 1986 begann die Band eine mehrmonatige Tournee durch diese Gebiete. Dabei verliess Marty Willson-Piper für eine Woche die Band, sodass der Auftritt am 10. Juni 1986 in Hamburg ohne ihn stattfand. Die Gründe dafür waren Spannungen innerhalb der Band, die sich aufgrund vieler kleiner Frustrationen während der langen Europa-Tournee aufgebaut hatten. Auch dieses Album war in Australien kommerziell nicht erfolgreich genug und als Folge davon liess EMI die Band fallen. Die Pläne des Plattenlabels für ein Live-Doppelalbum namens "Bootleg" wurden ebenfalls gestrichen. Die Situation der Band stellte sich in Australien als zunehmend schwierig heraus. Sie waren in den USA und Europa zu dem Zeitpunkt wesentlich erfolgreicher. Ein Wunsch der Band war es schon seit längerem gewesen, in Europa aufzunehmen − nicht aufgrund besserer technischer Möglichkeiten, sondern wegen der anderen Atmosphäre. Und mit dem Verlust des Vertrages mit EMI ergab sich nun die Möglichkeit, wenn auch nicht in Europa, so doch in den USA: Arista Records nahm die Band 1987 für vier Alben unter Vertrag. Auch andere Plattenlabel hatten Interesse gezeigt, das Angebot von Arista war für die Band jedoch am attraktivsten.

1988 war das Jahr des grossen kommerziellen Erfolges der Band. Mit dem Album "Starfish" und der Single "Under The Milky Way" gelang ihr der bisher grösste Hit, der weltweit in verschiedensten Charts vertreten war. Die Single war und ist eines der zugänglichsten Lieder, das die Band je geschrieben hat, und kam auch bei einer breiteren Masse an Hörern an. In den USA war es ein Dauerbrenner bei den College-Radiosendern. 1989 wurde es als beste Single mit dem ARIA-Award der Australian Recording Industry Association ausgezeichnet. Der warme, weiche Mix des Liedes kombinierte die sonore Stimme Kilbeys geschickt mit der eingängigen Akkordfolge der Akustikgitarre, dem zurückhaltenden Schlagzeug und der verspielten E-Gitarre. Die ansonsten eher kryptischen Texte Kilbeys erwiesen sich hier als Glücksfall: Der Refrain war mit dem Text "Wish I knew what you were looking for, might have known what you would find" einerseits offen und interpretierbar. Andererseits hatte er aufgrund seiner Einfachheit sowie der Bilder und Emotionen, die beim Hörer ausgelöst werden konnten, einen hohen Wiedererkennungs- und Identifikationswert. Dieser grosse Erfolg kam überraschend, auch wenn die Produzenten das Potential des Liedes erkannt und ihm besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Kilbey hatte mehrfach betont, dass er nicht gezielt Hits schreiben könne. Wenn er wüsste wie es ginge, würde er es tun. Und als er es mal versucht habe, sei es ein totaler Misserfolg gewesen. Er weigerte sich jedoch zu sagen, welches Album und welche Stücke er damit meinte.

Das Album wurde in Los Angeles von Waddy Wachtel und Greg Ladanyi produziert, aufgenommen und abgemischt. Die Zusammenarbeit mit ihnen war für die Band eine grosse Herausforderung, da es eine Reihe von Konfliktebenen gab. Kilbey: "Das war australische Hippies gegen Westküsten-Leute, die genau wissen, wie sie die Dinge erledigt haben wollen. Wir waren undisziplinierter als ihnen lieb war". Kilbey sah das aber nicht als Nachteil an, sondern als eine aufgrund dieser Konflikte fruchtbare Zusammenarbeit, die das Album sehr positiv beeinflusst hätte: "Ich glaube nicht, dass wir die besten Freunde wurden. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist das Album. Die Idee war, all ihr Wissen zu nutzen, um das Album zu machen, das wir schon immer machen wollten". Sie waren durch die Produzenten auch dazu gebracht worden, Techniken zu benutzen, die sie vorher vermieden hatten. Unter anderem musste Steve Kilbey Gesangsunterricht nehmen, was seiner Stimme sehr zugutekam. Rückblickend hielt Kilbey diese Gesangsstunden für sehr wichtig, weil er dadurch eine Menge darüber lernte, was er mit seiner Stimme machen konnte. Er sei bis dahin davon ausgegangen, alles über Gesang zu wissen und nichts dazulernen zu können, sodass er durch diese Erfahrung auch für andere Bereiche eine neue Offenheit an den Tag legte. Der Aufenthalt der Band in Los Angeles war ein weiterer Aspekt, der das Album stark beeinflusst hatte. Dazu Steve Kilbey: "The Church kamen nach Los Angeles und lehnten sich gegen den Ort auf, weil uns niemand wirklich mochte. Ich hasste, wo wir lebten, ich hasste dieses scheussliche rote Auto, mit dem ich auf der falschen Strassenseite herumfahren musste. Ich hasste, dass niemand zu Fuss unterwegs war, und ich vermisste mein Zuhause". Und weiter: "Ein Grossteil der Texte von "Reptile", "Lost", "Destination" und "North, South, East, West" war davon beeinflusst.“

Im Vergleich zu den Vorgängeralben konzentrierte sich der Sound von "Starfish" wieder deutlicher auf die Gitarren. Kilbey: "Die elektrische Gitarre ist das ausdrucksstärkste Instrument, das es gibt. Die ganzen Keyboards, Bläser und Streicher haben unsere vorherigen Alben ruiniert". Die Produktion dauerte länger als bei den anderen Alben und die Aufnahmen wurden nach einer langen Probephase von vier Wochen überwiegend live durchgeführt. Ziel war es, den dynamischen Live-Sound der Band so gut wie möglich einzufangen. Aus Sicht der Band wurde dieses Ziel nur zum Teil erreicht. Willson-Piper sagte dazu, dass der entscheidende Unterschied zwischen einem echten Live-Auftritt und dem Versuch, eine entsprechende Atmosphäre auf einem Studioalbum herzustellen, die Tatsache sei, dort zu sein − den Auftritt in dem Moment zu sehen und zu hören, in dem er geschieht. Den Mix des Albums hielt die Band insgesamt für nicht so gelungen, da dieser relativ simpel und nicht mehrschichtig war.Beflügelt vom "Starfish"-Erfolg ging die Band nach einer äusserst aufreibenden, neunmonatigen Welttournee wieder ins Studio. Arista Records erwartete ein ebenso erfolgreiches Nachfolgealbum. War "Under The Milky Way" ein Zufallshit, so wurde diesmal genauer geplant. Der ehemalige Led Zeppelin Bassist und Arrangeur John Paul Jones war an die Band herangetreten und erklärte sich bereit, zu produzieren. Jones galt bereits als höchst innovativer, anspruchsvoller Produzent, der sich auch entsprechend rar machte. Die Band war begeistert, doch die Plattenfirma untersagte ihnen, mit Jones zu arbeiten. Da man den Erfolg von "Starfish" reproduzieren wollte, sollten The Church erneut im kalifornischen Los Angeles mit Waddy Wachtel aufnehmen.

Das neu entstandene Songmaterial unterschied sich deutlich von den "Starfish"-Stücken. Es dominierte natürlich wieder das Zusammenspiel der Gitarristen. Statt der dichten, psychedelischen Arrangements auf "Starfish" erschienen die neuen Stücke durchsichtiger, sparsamer arrangiert. Verstärkt setzten sie Akustikgitarren ein, was zu einem insgesamt sanfteren Klang führte. Dieser wurde jedoch auf einigen Songs mit Ambient-Klangeffekten angereichert, die aus einem David Lynch Film hätten stammen können: klirrendes Metall, Windrauschen und quietschende Maschinenteile. Steve Kilbeys Texte hatten diesmal jedoch eine ganz andere Färbung als die von Fernweh und Geheimnis geprägten Texte des Vorgängeralbums. Das Eröffnungsstück "Pharoah" war eine pechschwarze, kaum verklausulierte Auseinandersetzung mit den Erfolgsmechanismen der Musikbranche. Auch auf anderen Stücken liess sich ein resignierender Ton feststellen ("Monday Morning"). Dazu kamen von Science Fiction ("Essence") und Drogen ("Terra Nova Cain") inspirierte Passagen, die Kilbey frei assoziativ verknüpfte. Während der Aufnahmen zu dem Album, das "Gold Afternoon Fix" heissen sollte, wurde mehr und mehr deutlich, dass Schlagzeuger Richard Ploog zu einem Unsicherheitsfaktor geworden war. Alle Bandmitglieder hatten nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Drogen im kreativen Prozess von The Church eine wichtige Rolle spielten. Ploogs Drogenabhängigkeit und ein sich rapide verschlechterndes Verhältnis zu Kilbey führten dazu, dass er von den Aufnahmen praktisch ausgeschlossen wurde. Ploog wurde nicht durch einen Session-Schlagzeuger oder eine neue Festbesetzung ersetzt, sondern Wachtel liess seine Schlagzeug-Sounds sampeln. Aus den digital gespeicherten Drumsounds wurde auf den meisten Liedern die Schlagzeugspur konstruiert. Der offizielle Standpunkt der Band war später, dass auch die anderen Mitglieder eher widerwillig an die Arbeit gegangen waren: Willson-Piper war im Begriff, Vater zu werden, und Kilbey war von Beziehungsproblemen gebeutelt.

Das Ergebnis dieser Widrigkeiten war eine Platte, die weder den Erfolgserwartungen noch den Ansprüchen der Band gerecht wurde. "Gold Afternoon Fix" warf mit "Metropolis" und dem zynischen "You’re Still Beautiful" zwei kleinere Hits ab, die jedoch beide nicht im Entferntesten an den Erfolg von "Under The Milky Way" und "Starfish" anschliessen konnten. Trotzdem wurden allein in den USA mehr als 200000 Exemplare des Albums verkauft. Der starke geschäftliche Druck und die privaten Probleme hatten aber ihre Spuren hinterlassen. Bandinterviews aus dieser Zeit zeigten dazu mehr als einmal eine äusserst gereizte Band. Vor allem Steve Kilbey vergraulte durch seine schlichte Weigerung, längere und zusammenhängende Antworten auf Fragen zu geben, zahlreiche Journalisten, was in einem gemischten Presse-Echo resultierte. Nach der Veröffentlichung ging die Band gut zwei Jahre lang auf Tournee. Richard Ploogs Platz am Schlagzeug übernahm der Patti Smith-Schlagzeuger Jay Dee Daugherty (Smiths Karriere hatte seit 1988 geruht). Kilbey bewertete "Gold Afternoon Fix" schon bald darauf als eine sehr gewöhnliche, uninspirierte Platte. "Sie war irgendwie zusammengeschustert und wir haben sie mit einem Produzenten gemacht, mit dem wir eigentlich nicht arbeiten wollten, wir waren an einem Ort, an dem wir nicht sein wollten; so ist das alles auseinandergefallen und sie war ganz einfach eine miserable Platte".

Die Arbeit am Folgealbum gestaltete sich nach dem Desaster von "Gold Afternoon Fix" sehr entspannt. Da der Erfolgsdruck nach der kommerziell enttäuschenden Platte eher niedrig war und die Band nicht mehr um jeden Preis einen Hit landen musste, liess man sie im Wesentlichen unbeobachtet. Jeden Tag traf man sich im Studio 301 in Sydney und improvisierte. Aus einer Vielzahl von Fragmenten, Ideen und Akkordwechseln kristallisierten sich einzelne Songs heraus, an denen dann gefeilt wurde. Willson-Piper schlug dazu vor, die Lieder mit kryptischen Ein-Wort-Namen zu benennen, die dem Hörer schon beim Lesen zum Herstellen von Assoziationen anregen sollten. Über die Improvisationen führte der schottische Produzent Gavin MacKillop Aufsicht. Die Bandmitglieder äusserten sich schon während der Arbeit sehr zufrieden mit Songmaterial und Produktion. Nach drei Monaten war das Album fertiggestellt. Der mysteriöse Titel "Priest=Aura" war zufällig entstanden: Ein spanisch sprechender weiblicher Fan hatte sich mit Kilbey unterhalten und ihm fiel auf, dass die Frau ein englisches Vokabelheft führte, in dem "priest = cura" eingetragen war. Kilbey hatte cura, das spanische Wort für Priester schlicht falsch als aura gelesen. Da die Betitelung der Songs ohnehin frei assoziativ war und Kilbey die Rolle des ungesteuerten Zufalls bei der Entstehung von Texten und Musik stets betonte, passte "Priest=Aura" ins Konzept. "Priest=Aura" übertraf in den Dimensionen jedes bis dahin entstandene The Church Album. Es enthielt 14 Songs mit einer durchschnittlichen Spieldauer von gut sechs Minuten, darunter das ausufernde, neunminütige Noise-Experiment "Chaos". MacKillop hatte die Band dazu angeregt, die Stücke in absoluter Freiheit aufzubauen und ermutigte sie zu Experimenten. Nicht zu unterschätzen ist der kreative Input von Jay Dee Daugherty, der nicht nur Schlagzeug, sondern auch Bass und Keyboardstimmen beitrug. Sein Spiel unterschied sich massiv von Richard Ploogs recht geradlinigem Stil. Daugherty verwendete das Schlagzeug wie ein orchestrales Instrument und spielte sehr detailreich, mit vielen Off-Beats und zahlreichen Perkussionsinstrumenten, was die ausgefeilten Gitarrensätze von Koppes und Willson-Piper ergänzte.


Willson-Pipers Spiel hatte eine neue Qualität erreicht, möglicherweise bedingt durch seine Erfahrungen mit der Gruppe All About Eve, bei der er seit 1991 festes Bandmitglied war. Auf deren 91er Album "Touched by Jesus" arbeitete Willson-Piper bei zwei Stücken mit David Gilmour zusammen, was diesen Entwicklungssprung erklären könnte. Um auch als Sologitarrist einen orchestralen Sound zu erreichen, hatte Willson-Piper auf "Priest=Aura" mit verschiedensten Effektgeräten experimentiert. Besonders auffällig ist der Einsatz eines Volume-Pedals, mit dem er Einzelnoten und Akkorde stufenlos ein- und ausblenden konnte und das auf dem Album stilbildend ist. Koppes sorgte hingegen für einen elegischen, streicherartigen Hintergrund und düster-rockige Rhythmen. Vom Standpunkt eines Major-Labels musste "Priest=Aura" im Vergleich zu "Starfish" als Flop gelten. Die Band selbst bezeichnete die Platte jedoch noch heute unverändert als künstlerischen Triumph und definitives The Church Album. Obwohl die Konzerte recht erfolgreich waren, sollte es bald nach "Priest=Aura" zum grössten Einschnitt der Bandgeschichte kommen. Angesichts der desolaten Finanzlage war Daugherty nicht dazu bereit, festes Mitglied zu werden. Nach der Tour stieg auch Gründungsmitglied Peter Koppes aus. Kilbey mutmasste: "Er hatte genug. Er hatte die Nase voll. Was letztendlich den Ausschlag gab war, dass wir getourt sind und es war komplett ausverkauft. Jede Nacht ausverkauft. Und dann beenden wir die Tour, es ist trotzdem kein Geld da und Peter fragt sich ‚Warum mach ich das eigentlich ?‘ Ich meine auch, dass er glaubte, einen Durchbruch als Solokünstler schaffen zu können, aber ich denke nicht, dass das so gelaufen ist, wie er sich das ausgedacht hatte". Einen weiteren sehr wichtigen Grund für den Ausstieg sah Kilbey in der unterschiedlichen Rezeption der Persönlichkeiten von Koppes und Willson-Piper und wie sich dies in Rezensionen und Artikeln niederschlug. Koppes war der eher ruhige und zurückhaltende Typ, während der Showman Willson-Piper vor allem live auf der Bühne auffälliger war. Konkret zeigte sich diese Rezeption in den Liner Notes zu dem Best Of Album "Almost Yesterday", in denen Koppes vorgehalten wurde, er wäre während der ersten Alben in einer Blues-Band besser aufgehoben und Willson-Piper der entscheidende Gitarrist gewesen. Kilbey betonte, dass gerade Koppes in der Anfangszeit der mit Abstand fähigste Musiker von ihnen gewesen sei. Schrieb Kilbey die Songs, war Koppes der Hauptverantwortliche für das Arrangement der früheren Platten.

Zunächst wurde wieder eine Phase mit vielen Soloprojekten eingelegt. Koppes versuchte sich an einer Solokarriere und scharte eine neue Band namens The Well um sich. Mit The Well verwirklichte er nach dem hochkomplexen "Priest=Aura" eher simple, psychedelische Rocksongs. Willson-Piper nahm mit All About Eve das Album "Ultraviolet" auf. Es führte die psychedelischen Experimente von "Priest=Aura" fort, verband sie mit Shoegazing-Elementen und bedeutete für All About Eve den kommerziellen Tod. Kilbey arbeitete mit Grant McLennan an einem zweiten Jack Frost Album namens "Snow Job", das erst 1996 erschien. Kilbey und Willson-Piper beschlossen, The Church als Zwei Mann-Projekt unter Einbeziehung von Gastmusikern weiterzuführen. Immer noch mit einem Plattenvertrag im Rücken, bauten sie Songs auf einem neuen Prinzip auf. Jeder Musiker spielte eine Vielzahl von Spuren ein, von denen schliesslich eher etwas subtrahiert wurde. Diese Arbeitsmethode verglichen die Musiker mit der Schaffensweise eines Bildhauers. Sie strebten eine Neuerfindung des The Church Sounds an, offen für unterschiedliche Stile, freie Songstrukturen und unkonventionelle Instrumentierungen. Marty Willson-Pipers Jugendfreund Andy Dare Mason, der schon dessen Soloalben produziert hatte, ergänzte das Produktionsteam. Zahlreiche Sessionmusiker erweiterten die Klangpalette. Folgenreich sollte die Berufung des neuseeländischen Schlagzeugers Tim Powles sein, der schon beim Jack Frost Projekt getrommelt hatte und später festes Mitglied von The Church werden sollte. Obwohl "Sometime Anywhere" von der Kritik weitgehend positiv aufgenommen wurde, wurde die Fangemeinde durch die Dominanz elektronischer Experimente eher abgeschreckt. Einen Gegensatz zum komplexen Sound der Platte bildete die Tournee. Ursprünglich waren ausgewachsene Konzerte mit Kilbey, Willson-Piper und Gastmusikern an Klavier, Schlagzeug und Violine geplant. Nachdem absehbar war, dass auch "Sometime Anywhere" floppen sollte, war die Band jedoch ihren Plattenvertrag und die finanzielle Unterstützung los. Kilbey und Willson-Piper zogen daher als Akustikgitarren-Duo durch kleinere Clubs und Kneipen.

Nach dem Verlust des Plattenvertrages schienen The Church am Ende zu sein. Kilbey und Willson-Piper begannen jedoch auch ohne Vertrag mit neuen Aufnahmen. Das Konzept eines Kernduos mit Gastmusikern wurde fortgesetzt und führte 1996 zu der Veröffentlichung des Albums "Magician Among The Spirits" auf dem eigenen Label Deep Karma. An diesem Album wirkten unter anderem die Utungan Percussionists, die Geigerin Linda Neil und wiederum Tim Powles mit. Dass Peter Koppes bei drei Songs als Gastmusiker und Co-Autor aufgeführt war, löste in Fankreisen Spekulationen über eine Rückkehr des Gitarristen aus. "Magician Among The Spirits" wurde von Steve Kilbey als ein Haufen Schrott bezeichnet. Das Album wies aber deutlich auf eine erneute Rückkehr zu gitarrendominierten Arrangements hin. Neu war der stärkere Krautrock-Einfluss. Das Titelstück von gut einer Viertelstunde Laufzeit kombinierte psychedelische Gitarrenklänge mit Ambient-Music. Die Platte enthielt erstmals seit 1982 eine Coverversion: mit "Ritz" nahmen The Church ihre Variante eines Steve Harley-Songs auf. Der Produzent Simon Polinski, der sich vor allem mit der Aboriginal-Band Yothu Yindi einen Namen gemacht hatte, produzierte dieses Gitarrenalbum im Grunde wie eine Ambient-Platte. Aufsehen erregte vor allem die Single "Comedown", die an den reinen Gitarrenklang der Blurred Crusade-Ära erinnerte. Das Album war schon allein dadurch zum Scheitern verurteilt, dass es über praktisch keinen Vertrieb ausserhalb Australiens verfügte. In Amerika und Europa war die Platte schon kurz nach Veröffentlichung wieder aus den Katalogen gestrichen worden. Der amerikanische Vertrieb machte pleite, sodass die Band um zahlreiche Kopien der CD kam, ohne bezahlt zu werden. Insgesamt lieferte die Band 25000 CDs an den amerikanischen Vertrieb, wofür sie 250000 australische Dollar bekommen sollte. Die genauen Zahlen der Verluste für die Band sind nicht offiziell bekannt, gingen aber mindestens in die zehntausende und beliefen sich möglicherweise auf bis zu 200000 australische Dollar. Für eine kleine Band wie The Church bedeutete dies fast den Todesstoss.

Insgesamt befand sich die Band, oder was davon übrig war, zu diesem Zeitpunkt am absoluten Tiefpunkt ihrer Karriere. Dazu Kilbey im Mai 1996: "Dies könnte sehr gut das Ende sein. Die Dinge brechen auseinander. Der Kern zerfällt. Unser Management, die ganze Sache ist zusammengebrochen. Wir haben keinen Plattenvertrag. Man schuldet uns sehr viel Geld und wir sind pleite. Wir versuchen über Anwälte, dieses Geld wiederzubekommen. Marty und ich haben keinen Kontakt mehr. Niemand managt uns im Moment. Dies könnte also wirklich das letzte Album gewesen sein". "Magician Among The Spirits" galt als Werk des Übergangs. Zum einen war Peter Koppes wieder in der Band präsent, zum anderen stellte sich immer deutlicher heraus, dass Tim Powles permanentes Mitglied geworden war und ein Schritt zurück vom Projekt zur Band möglich wäre. Die ungünstigen Umstände stellten diese Entwicklungen jedoch vorerst in Frage. Erneut folgte eine aktive, von Soloarbeiten ausgefüllte Phase. Der Workaholic Willson-Piper arbeitete innerhalb eines Jahres mit Brix Smith (The Fall, Adult Net), Linda Perry (4 Non Blondes), Cinerama und dem eigenen Projekt Seeing Stars (in der Besetzung von All About Eve ohne Sängerin Julianne Regan). Dazwischen entstanden Songs für ein Soloalbum. Kilbey schrieb den Soundtrack für den australischen Film 'Blackrock' und nahm mit seinem Bruder Russell ein Ambient-Album namens "Gilt Trip" auf. Folgenreicher sollte ein Projekt werden, welches im Prinzip The Church ohne Marty Willson-Piper war. Zusammen mit Tim Powles und Peter Koppes nahm Kilbey in wenigen Sessions genügend Material für eine komplette CD auf, die 1997 unter dem Bandnamen The Refo:mation und dem exzentrischen Titel "Pharmakoi/Distance-Crunching Honchos With Echo Units" erschien. "PDCHWEU", wie die CD in Fankreisen genannt wird, bündelte die ausufernden psychedelischen Experimente von "Magician Among The Spirits" in knapperen Songs. Peter Koppes erhielt viel Raum für sein Gitarrenspiel und zeigte, dass sein filigraner, klangflächenbetonter Stil durchaus ein Album zu tragen vermochte. Nach Aussage Kilbeys wurde dieses Album nur aus Freundlichkeit gegenüber Willson-Piper nicht unter dem Namen The Church veröffentlicht.

Es war vor allem Schlagzeuger Tim Powles, der die Band überzeugte, wieder zusammenzuarbeiten, und aktiv die Spannungen zwischen den Mitgliedern zu beseitigen versuchte. Koppes und Willson-Piper hatten Differenzen, da zumeist Willson-Piper im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand. Und auch Kilbey und Willson-Piper hatten ihre Zusammenarbeit beendet. Mehrere erfolgreiche Konzerte in voller, elektrischer Besetzung folgten, doch Steve Kilbey gab dennoch das bevorstehende Ende der Band bekannt: Ein würdiges Abschlussalbum sollte es geben und The Church damit endgültig aufgelöst werden. Dieses Album sollte laut Kilbey ihr "Dark Side of the Moon" werden und trug den Arbeitstitel "Au Revoir Por Favor". Das Abschiedskonzert in Sydney war jedoch ein so durchschlagender Erfolg, dass vom Ende der Band nicht mehr die Rede war. Das entstehende Album sollte zunächst "Bastard Universe" heissen, was Willson-Piper aber zu negativ war. Man entschied sich schliesslich für den Titel "Hologram Of Allah". Aus Sorge über eine mögliche Fatwa wurde der Titel dann noch einmal in "Hologram Of Baal" geändert. Das Album war die erste selbstproduzierte Platte (Tim Powles hatte Erfahrungen als Produzent gesammelt und war im Begriff, sein eigenes Studio aufzubauen). "Hologram Of Baal" bedeutete eine Rückkehr zum klassischen, songorientierten The Church Sound, nahm aber verstärkt Einflüsse der 70er Jahre mit auf. Diese Platte enthielt mit "Glow Worm" nach 18 Jahren Bandgeschichte das erste reine Liebeslied aus Kilbeys Feder. Eine limitierte Auflage enthielt die fast achtzigminütige Bonus-CD "Bastard Universe" – eine mitgeschnittene Jam Session, die an den psychedelischen Progressive- und Krautrock der 70er Jahre erinnerte.

Nicht einmal ein Jahr später erschien die nächste Platte: das Cover-Album "Box Of Birds". Coverversionen waren bis auf zwei Ausnahmen auf den regulären Alben nicht vertreten; auf Konzerten spielten The Church aber nicht selten Versionen fremder Songs, etwa T. Rex’ "Life’s A Gas", Patti Smiths "Dancing Barefoot", Neil Youngs "Cortez The Killer" oder Hawkwinds "Silver Machine". Eigentlich hatten sie ein Live-Album geplant, ausserdem sollten zwei Coverversionen exklusiv im Fanzine 'North, South, East and West' veröffentlicht werden. Nachdem die Live-Platte trotz vorhandenen Materials nicht realisiert worden war, beschloss die Band, weitere acht Coversongs aufzunehmen und ein komplettes Album zu veröffentlichen. Die ungewöhnliche Auswahl der Songs warf ein überraschendes Licht auf Lieblingsplatten und Einflüsse: psychedelische Musik der 60er und 70er Jahre, Glam, Post Punk und Progressive Rock. Die ausgewählten Künstler: The Sensational Alex Harvey Band, The Beatles, Ultravox, Iggy Pop, Mott The Hoople, Hawkwind, Neil Young, Kevin Ayers, Television, The Monkees. "Box Of Birds" verfügte über zehn verschiedene, von Fans gestaltet Covermotive. Die Tournee wurde weitergeführt. Dabei erschien im Oktober 1999 Steve Kilbey nicht zu einem Konzert im New Yorker Ballroom. Er war verhaftet worden, als er versuchte, auf der Strasse Heroin zu kaufen. Die übrigen Bandmitglieder spielten das Konzert trotzdem: Willson-Piper spielte ein kurzes Solo-Set, dann traten die übrigen Musiker auf; ein Roadie übernahm die Bassparts und Willson-Piper improvisierte sich durch Kilbeys Texte. Kilbey verbrachte eine Nacht im Gefängnis und wurde dazu verurteilt, einen Tag lang die U Bahn-Stationen in Manhattan zu säubern. "Jeder alternde Rockstar sollte doch mindestens einmal wegen Drogen eingesessen haben", äusserte sich Kilbey später.

Die Aufnahmen zum folgenden Studioalbum gestalteten sich ausgesprochen langwierig, da die Musiker wieder zahlreiche Projekte verfolgten. Willson-Piper trat erneut mit den reformierten All About Eve auf; die Neuauflage war jedoch nur kurzlebig und führte aufgrund künstlerischer und persönlicher Differenzen zu keinem neuen Studiomaterial. Dazu veröffentlichte er nach fünf Jahren sein Soloalbum "Hanging Out In Heaven". Auch Koppes trat mit einem ruhigen, sparsam arrangierten Album namens "Simple Intent" hervor. Erst im Januar 2002 erschien das nächste reguläre Album von The Church, "After Everything Now This". Teils in Schweden, teils in Australien aufgenommen, war es wesentlich ruhiger gehalten als die Vorgänger. Die Musiker experimentierten mit sphärischen Klangflächen, die durch zahlreiche Effekte ganz allein mit den Gitarren realisiert worden waren. Erneut gingen The Church auf Welttournee; jedoch verzichteten sie im Wesentlichen auf E-Gitarren und spielten mit verstärkten, effektbeladenen Akustikgitarren und dem Gastpianisten David Lane. Tim Powles arbeitete zusammen mit Künstlern aus Sydney an Remixen sämtlicher Songs von "After Everything Now This", die Ende 2002 als "Parallel Universe" erschienen (eine zweite CD enthielt Restmaterial der Aufnahmesessions). Zurück in Australien gingen sie unmittelbar an die Produktion eines weiteren Albums, das bereits im Herbst 2003 in Australien veröffentlicht wurde: "Forget Yourself". Dieses Album reflektierte beinahe sämtliche von The Church bis dahin gepflegten Stil-Spielarten in dreizehn Liedern. Insgesamt war der Klang deutlich härter und rauer, da "Forget Yourself" nach den üblichen vorausgehenden Improvisationen so gut wie live mit nur wenigen Overdubs aufgenommen wurde. Die Kritik hob den frischen, monumentalen Klang und die enzyklopädische und doch ökonomische Verwendung ungewöhnlicher Gitarreneffekte hervor.


Bei Live-Auftritten oder im Studio wurde inzwischen gelegentlich die gewohnte Instrumenten- und Rollenverteilung aufgelöst und die Instrumente getauscht. Als Beispiel seien die Aufnahmen zu "Forget Yourself" genannt, wo bei "Sealine" eine Gitarre vom Schlagzeuger Tim Powles gespielt wurde und bei "Maya" Gitarrist Marty Willson-Piper das Schlagzeug bediente. Ein weiteres Beispiel sei die Tournee 2002, dort wurde beim Stück "Magician Among The Spirits" der Bass von Marty Willson-Piper gespielt und eine Gitarre von Kilbey. The Church hatten seit 2001 mit dem amerikanischen Marketing-Professor und The Church-Fan Kevin Lane Keller zusammengearbeitet, der die bis dahin desaströs gemanagte Band in ihren geschäftlichen Strategien beriet. Sie nutzen seither die Stärken des Independent-Systems, die sie mit neuen Vertriebswegen über das Internet kombinierten. Dazu wurde auf eine grössere Konzertpräsenz, mannigfaltige Projekte und die Konzentration auf das Stammland Australien gesetzt. Hinzu kamen von nun an zahlreiche Veröffentlichungen, die die regulären Studioalben begleiteten: die Jam Session Platte "Jammed" mit zwei langen Improvisationen, die Outtake-Sammlung "Beside Yourself" (die dennoch mit komplett neuen Songs aufgewertet wurde) und das Akustikalbum "El momento descuidado" (schlechtes Spanisch für den Titel ihres ersten Hits, "The Unguarded Moment"). "El momento descuidado" war dabei keine blosse Unplugged-Platte. In akustischer, kammermusikalischer Besetzung wurden vielmehr verschiedene Songs aus zwanzig Jahren zum Teil radikal umgebaut. Erstmals interpretierten sie auch wieder "The Unguarded Moment" (freilich in stark veränderter Form), obwohl sie sich von dem Song schon in den 80er Jahren distanziert hatten. In rein akustischer Besetzung, mit Peter Koppes am Klavier, spielten sie Ende 2004 mehrere ausgesprochen erfolgreiche Konzerte. 2005 wurde "El momento descuidado" in der Kategorie Best Adult Contemporary Album für die australischen ARIA-Awards nominiert, gewann jedoch nicht.

Ende 2005 erschien das Album "Back With Two Beasts", das als Nachfolger zu "Jammed" auch mit dem Untertitel "Jammed II" angekündigt worden war. Im Gegensatz zu "Jammed" enthielten die Stücke jedoch Gesang und beschränkten sich, bis auf eine Ausnahme, auf Liedlängen von unter sieben Minuten. Obwohl die Instrumente tatsächlich in Jam-Sessions aufgenommen worden waren, fiel dies bei den Stücken kaum auf, da ihre Struktur sich deutlicher an diejenige der regulären Alben anlehnte und weniger den für Jam-Sessions typischen Charakter des Zufälligen hatte. Die Überraschung in der Fangemeinde darüber, mit "Back with Two Beasts" von Aufbau und Klang eher ein reguläres Album in der Hand zu haben, war sehr gross und sie nahm es enthusiastisch auf. Es war, genau wie zuvor "Jammed", nur im Online-Shop der Band erhältlich und auf 1000 Exemplare limitiert. Die Band trat bei der Eröffnungsfeier der Commonwealth Games 2006 in Melbourne auf, bei der sie eine zusammen mit dem Melbourne Symphony Orchestra aufgenommene Version von "Under The Milky Way" spielten. Die Eröffnungsfeier wurde in vielen Ländern live im Fernsehen übertragen. Schätzungsweise über eine Milliarde Menschen schauten zu. Diese Version des Liedes wurde gleichzeitig auf einer CD names "Melbourne 2006: Commonwealth Games Opening Ceremony" veröffentlicht, die die Musik dieser Eröffnungsfeier enthielt. Am 17. April 2006 wurde das neue Studioalbum "Uninvited, Like the Clouds" veröffentlicht. Vorab erschien die "Block" EP, die es zunächst nur im Online-Shop auf der Homepage der Band gab. Als offizielle Radiosingle wurde "Easy" ausgekoppelt. Anfang Februar 2007 erschien mit "El momento siguiente" die Fortsetzung der akustischen Reihe. Die Besetzung wurde durch die Begleitband The Mood Maidens erweitert, darunter Amanda Brown, ehemals Geigerin bei den Go-Betweens. Zeitgleich zur Veröffentlichung ging die Band auf eine grössere Australien-Tour. Im April 2007 folgte eine ausgedehnte Europa-Tour, die im Gegensatz zu vielen Auftritten seit 2002 nicht semi-akustisch, sondern wieder elektrifiziert ablief.

Erstmals nahm die Band auch Lieder auf, die explizit als Soundtrack für einen Film gedacht waren. Der Buch-Autor Jeff VanderMeer hatte die Band für seinen 15-minütigen Kurzfilm 'Shriek' gewinnen können, der auf dem gleichnamigen Buch des Autors basiert und im August 2007 online und frei verfügbar veröffentlicht wurde. Erst deutlich später, in den letzten Tagen des Jahres 2008, wurde der Soundtrack unter dem Titel "Shriek: Excerpts from the Soundtrack" veröffentlicht, wobei eine Vermarktung als Soundtrack zum Buch (anstatt zum Film) stattfand. Im Juli 2007 erschien die Doppel CD-Kompilation "Deep In The Shallows". Im Gegensatz zu allen vorhergehenden Kompilationen, die sich meist als Best Of verstanden und vom persönlichen Geschmack des jeweiligen Zusammenstellers der Kompilation geprägt waren, enthielt "Deep In The Shallows" nichts anderes als alle A-Seiten der Singles von 1980 bis 2006. Dabei entsprachen die meisten Lieder genau der Version, wie sie auch auf dem jeweiligen Album erschienen war. Vereinzelt existierten jedoch Versionen, die extra für die Single-Veröffentlichung neu abgemischt oder gekürzt worden waren. Diese zum Teil äusserst raren Versionen wurden − falls existent − anstatt der Album-Version in die Kompilation aufgenommen. Im Einzelnen waren das "She Never Said", "When You Were Mine", "Ripple", "Louisiana", "Song In Space", "Unified Field" und "Easy". Das Booklet war aufwändig gestaltet und enthielt neben vielen Fotos eine fünfseitige Hommage an die Band, geschrieben von David Fricke, einem Redakteur des Musik Magazins Rolling Stone. Im September 2008 wurde das Stück "Under The Milky Way" von den Lesern des The Weekend Australian Magazine zum besten australischen Song der letzten 20 Jahre gewählt. Nachdem die Band mit Unorthodox Records zunächst ihr eigenes Label gegründet hatte, setzte im Februar 2009 die "Coffee Hounds" EP den Startpunkt für eine Reihe weiterer Veröffentlichungen in diesem Jahr. Die EP enthielt eine Cover-Version des Liedes "Hounds Of Love" von Kate Bush, das The Church in den Jahren vorher oft live gespielt hatten.

Kurze Zeit später wurde im März 2009 erstmals das nächste reguläre Album von The Church namens "Untitled #23" auf der zu diesem Zeitpunkt stattfindenden Tournee der Band in Australien verkauft. Die Veröffentlichung des Albums erfolgte am 4. April in Australien und am 12. Mai in den USA. Kurz zuvor erschien die "Pangea" EP (März 2009) als erste Single des neuen Albums, es folgten die "Operetta" EP (November 2009) und die "Deadman’s Hand" EP (April 2010). Im Jahr ihres dreissigjährigen Bestehens wurden The Church am 27. Oktober 2010 in die ARIA Hall of Fame aufgenommen. Ihr dreissigjähriges Jubiläum feierte die Band am 10. April 2011 mit einem erfolgreichen Konzert in der Sydney Opera, bei dem sie von einem Symphonieorchester begleitet und professionell gefilmt wurde. Im Mai 2014 erschien das Konzert als erstes offizielles Live-Album der Band auf Doppel-CD und DVD. Nachdem sich die Bandmitglieder zuvor ihren diversen Solo- und Seitenprojekten gewidmet hatten, gab Steve Kilbey im November 2013 die Arbeit an einem neuen Album bekannt. Ohne die genauere Nennung von Gründen erklärte er zudem, dass Marty Willson-Piper nicht zur Verfügung stände und durch den ehemaligen Powderfinger-Gitarristen Ian Haug ersetzt werden würde. Im September 2014 wurde die Veröffentlichung des Albums "Further/Deeper" auf der Website der Band für den 17. Oktober 2014 angekündigt. Am 27. Juni 2017 wurde mit der Vorabveröffentlichung des Videos für einen neuen Songs namens "Another Century" auf der Webseite der Band ein neues Album angekündigt, dessen Veröffentlichung am 6. Oktober 2017 unter dem Namen "Man Woman Life Death Infinity" erfolgte. Die Besetzung war dieselbe wie beim Vorgängeralbum.


Viele der älteren Alben von The Church wurden zu späteren Zeitpunkten neu aufgelegt, wobei sie zum Teil remastert und um Bonus-CDs erweitert wurden, die zusätzliche Musikvideos oder B-Seiten enthielten. Die Band hat im Laufe ihrer Geschichte nur wenige Chartplatzierungen erreicht, die bekannteste und erfolgreichste davon gelang mit der Single "Under The Milky Way" im Jahre 1988. Abgesehen davon haben es noch einige weitere Alben und Singles in diverse Charts geschafft. "The Blurred Crusade" wirkt heute, rückblickend betrachtet, noch immer wie ein Fels in der Brandung, wie ein zeitloses, hoch melodiöses Werk in einer immer schneller vergänglichen Musikwelt. Es ist eine dieser Platten, von der man noch in 20 Jahren schwärmen wird, weil sie immer noch aktuell klingt, vor allem aber auch, weil sie kompositorisch 10 wahre Perlen präsentiert, deren Glanz wundervoll weiter scheint und die keiner hörbaren Alterung unterliegen. Wundervoll.






14.01.2018



MAGMA - Mekanïk Destruktïw Kommandöh (Vertigo Records 6499 729, 1973)

Im Jahre 1969 vom klassisch ausgebildeten französichen Musiker Christian Vander gegründet, war die Gruppe Magma etwas völlig Neues, das nicht nur in Kreisen der Progressiven Rockmusik, sondern auch im avantgardistischen Umfeld und innerhalb der E-Musik für Furore sorgte, denn zur Musik, die vom Stil her ein wenig an den Jazz/Rock-Stil der englischen Gruppe The Soft Machine erinnerte, gehörte eine eigene, von Vander ersonnene Kunstsprache. Die Lingua des in seiner Phantasie popularisierten Planeten Kobaia artikulierte sich wie eine rückwärts gesprochene Mixtur aus deutschen und slawischen Sprachfetzen. Ein ganzes musikalisches Stilumfeld war geschaffen. Es nannte sich fortan "Zeuhl". Die Musik Magmas erzählte Mythen von dem fiktiven Planeten Kobaïa, der von ausgewanderten Erdenbewohnern kolonisiert wurde. Die beiden ersten Alben der Band beschrieben dabei die Reise nach Kobaïa, die Erleuchtung und die Rückkehr der Astronauten auf eine dem Untergang geweihte Erde. Erlösung versprach der Glaube an eine 'Kreuhn Kohrman' genannte Lichtgestalt, die die Menschheit aus dem 'Theusz Hamtaahk', dem Zeitalter des Hasses, führen würde. Die Trilogie "Theusz Hamtaahk" beschrieb eine Konfrontation zwischen Erdenbürgern und Kobaïanern, die zweite Trilogie aus den Alben "Köhntarkösz", "K.A" und "Ëmëhntëhtt-Rê" berichtete von einer Verbindung des frühen Ägypten mit den Kobaïanern. Die Mythologie war stark von dem esoterischen Buch 'Urantia' beeinflusst, einer Art Pseudo-Bibel, die religiöse Elemente unterschiedlichsten Ursprungs mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Science Fiction verbindet.

Christian Vander und Klaus Blasquiz entwickelten die Kunstsprache Kobaïanisch, in der die meisten Texte der Band vorgetragen werden. Auch trugen die Mitglieder der Gruppe oft kobaïanische Namen, darunter Zebëhn Straïn dë Ğeuštaah (Christian Vander), Klötsz Zaspïaahk (Klaus Blasquiz) oder Ẁahrğenuhr Reuğhelem/ësteh (Bassist Jannick Top). Daneben waren die Texte auf den Plattenhüllen ebenfalls oft in der Sprache des Planeten verfasst. Auch die Genrebezeichnung 'Zeuhl' ist dem Kobaïanischen entlehnt. 'Zeuhl' oder 'Zeuhl Wortz' bedeutet 'himmlische Musik', 'Musik der allumfassenden Macht'. Kobaïanisch (oder eine seiner Varianten) wurde über die Jahre zum wichtigen Stilmerkmal des 'Zeuhl', auch bei anderen Bands wie etwa Weidorje, Koenjihyakkei, Zoïkhem oder Ruins. Christian Vander sah sich selbst und sein musikalisches Konzept relativ nahe an dem Universum von Nico, der Künstlerin von Velvet Underground und hatte für seine kosmische Musik auch ein allumfassendes Konzept: Eine Art totale Kunst, absolute Kommunikation, wie sie beispielsweise auch für den Bau der Pyramiden massgebend war. Musikalisch war Vander's Konzept etwas völlig Neues, denn es vereinte völlig unterschiedliche Musikstile und ethnische Besonderheiten, die bis dato weder von Jazz-, noch von Rockmusikern aufgegriffen worden waren. So wurden die von Jazzmusiker John Coltrane entwickelte Splitterphrasierungstechnik ("Sheets Of Sound") mit den melodie- und kontrapunktfeindlichen Harmonie- und Rhythmusakzentuierungen kombiniert. Dazu kamen Voodoo Rhythmen, Chor-Einsätze, jenen der russischen Oper nicht unähnlich, sowie verschiedenste Blues- und teils exotische folkloristische Elemente.

Die Musik von Magma wurde von der Rhythmusgruppe um Christian Vander dominiert, die von E-Piano und Bläsern unterstützt wurden. Im Laufe der Bandentwicklung blieb die Gruppe dieser Klangmischung treu, der Gesangspart entwickelte sich dabei immer mehr in Richtung ekstatischem, komplexem mehrstimmigen Chorgesang, sodass gleichzeitig bis zu sechs Sängerinnen und Sänger beteiligt waren. Die Besetzung der Band hatte sich somit oft verändert. Praktisch auf jedem Album unterschied sich die Besetzung mehr oder weniger stark von der der vorherigen Veröffentlichung. Die einzigen personellen Konstanten waren und sind Stella (seit 1973) und Christian Vander, dessen Schlagzeugstil bis heute die meisten Stücke dominiert, der die meiste Musik komponiert hat und der auch häufig als Sänger in Erscheinung trat. Sein Schlagzeugspiel ist stark vom Jazz-Schlagzeuger Elvin Jones beeinflusst. Die stark von monolithischer rhythmischer Komplexität und geringer melodischer Modulation geprägte Musik Magmas zeichnete sich von Beginn an durch ausgeprägte Einflüsse von Carl Orff (auf musikalischer Ebene) und John Coltrane (auf spiritueller Ebene, wie Vander betonte) aus. Kennzeichnend für Magma wurden lange Kompositionen mit vertrackter Rhythmik, die den philosophischen und futuristischen Inhalt weniger mit Science Fiction Klängen, sondern mehr in theatralischer und emotionaler Form umsetzten.

Das Album "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" erschien als dritter Output der Band im Jahre 1973 und war eher ein Misserfolg, denn die beiden Alben davor verkauften sich besser, sie waren auch noch näher an bekannten Jazz-Mustern ausgerichtet. Allerdings war die Musik auf diesem Album erstmals nicht mehr ganz so sperrig, sodass sie auch einem breiteren Publikum zugänglich war. Heute gilt dieses Werk als so etwas wie die kommerzielle Geburt von Magma, weshalb der Band fortan mehr Gewichtung und Aufmerksamkeit zuteil wurde. Das Album gilt heute als das Bekannteste der Band. Es umfasst nur eine eigentliche Komposition, welche in mehrere Abschnitte unterteilt ist. Der Schwerpunkt lag ursprünglich auf längeren Klavierpassagen und ausgedehnten Chorgesängen, was die Plattenfirma allerdings ablehnte, weil der Wunsch nach mehr Nähe zur Rockmusik gewünscht war. So schrieb Vander die Musik zu "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" teilweise um und berücksichtigte nun für die finale Fassung, welche dann auch veröffentlicht wurde, mehr elektrisch verstärkte Instrumente wie E-Gitarren und ausserdem einen satteren Bläsersatz, womit er das ganze Werk wesentlich energetischer ausrichtete. Die Platte erfordert viel Bereitschaft, Neues und Ungewöhnliches entdecken zu wollen und wirkt vielleicht im ersten Hördurchgang recht wild und sperrig. Hat man allerdings einmal den Zugang zu Christian Vander's Welt gefunden, lässt sie einem nicht mehr los. Die Stücke des Albums "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" wurden ausnahmslos von Christian Vander komponiert. Das Album wurde in der Besetzung Christian Vander, Top, Blasquiz, Manderlier, Garber, Olmos, Lasry, Stella Vander und vier weiteren Sängerinnen eingespielt. Das Werk war ein Konzeptalbum, das in 7 Sätze unterteilt war, und wurde von vielen als das Meisterwerk der Band betrachtet. Das Musikmagazin 'eclipsed' wählte "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" auf den 28. Platz seiner Liste der 150 wichtigsten Progressive Rock Alben. Im Juni 2015 wählten Redakteure des Magazins Rolling Stone das Album auf Platz 24 der 50 besten Progressive Rock Alben aller Zeiten. Die französische Ausgabe listete 2010 das Album auf Platz 33 der 100 besten französischen Rock-Alben.

Im April 1974 nahmen C. und S. Vander, Blasquiz und Top das Album "Wurdah Ïtah" auf, auf dem die letztendliche Version der Filmmusik zum Film 'Tristan et Yseult' von Yvan Lagrange zu hören war. Ursprünglich als Soloalbum von Christian Vander erschienen, gehört es heute zum Repertoire von Magma. Auch als Konzeptalbum konzipiert war das Album "Köhntarkösz" von 1974, zu dem Jannick Top das Stück "Ork Alarm" beitrug. Alle anderen Stücke des von C. und S. Vander, Top, Blasquiz, Bikialo, Michel Graillier (Piano) und Brian Godding (Gitarre) eingespielten Albums waren Kompositionen von Christian Vander. Die Aufnahmen erfolgten im Mai 1974. Für jene, die in den frühen 70er Jahren keine Gelegenheit hatten, die Band live zu erleben, veröffentlichten Magma im Jahre 1975 eine Live Doppel-LP, die unter dem Namen "Magma Live" erschien. Die Aufnahmen für dieses Album wurden zwischen dem 1. und 5. Juni 1975 in der Taverne de l´Olympia in Paris gemacht. Zu hören waren S. und C. Vander, Klaus Blasquiz, Bernard Paganotti am Bass, Gabriel Federow an der Gitarre, Benoit Wîdemann und Jean-Pol Asseline an den Keyboards und der damals 19-Jährige Didier Lockwood an der Geige. Die beiden Stücke "Hhai" und "Lihns" waren vorher noch auf keinem Studioalbum zu hören.

1976 erschien das Album "Üdü Ẁüdü" mit C. und S. Vander, Top, Blasquiz, Paganotti, Graillier, Lisa Deluxe und Catherine Szpira (beide Gesang), Pierre Dutour (Trompete) und Alain Hatot (Saxophone, Flöte). Auf dieser Platte fand sich die Top-Komposition "De Futura". Die Aufnahmen erfolgten im Mai 1976. Zu dieser Zeit existierten Magma nur noch virtuell, da sich die Band vorher aufgelöst hatte. Ursprünglich erschien "Üdü Ẁüdü" daher auch unter der Bezeichnung "Vandertop". Das Album "Inédits" wurde 1977 veröffentlicht. Es enthielt Live-Mitschnitte verschiedener Formationen von Magma zwischen 1972 und 1975. Zu hören waren bislang unveröffentlichte Stücke, die bis dahin nie von einer Studiobesetzung eingespielt wurden, aber zum regelmässigen Live-Repertoire der Band gehörten. Das Cover des Albums "Attahk" von 1978, das musikalisch getragener, streckenweise fast schon sakral erschien, entwarf H. R. Giger. Produzent und Toningenieur war wieder Laurent Thibault. Die Besetzung bestand aus S. und C. Vander, Garber, Wîdeman, Deluxe, Blasquiz, Guy Delacroix (Bass), Tony Russo (Trompete) und Jacques Bolognesi (Posaune). Christian Vander fungierte zum ersten Mal als Leadsänger, Blasquiz als Backgroundsänger. Aus diesem Album wurde zu Werbezwecken eine Single mit den Stücken "Last Seven Minutes" und "Spiritual" ausgekoppelt.

Im Winter 1978/79 löste sich die Band zum zweiten mal auf. Zum zehnjährigen Bandjubiläum fanden vom 9. bis 11. Juni 1980 mehrere Konzerte mit Musikern aus den verschiedenen früheren Besetzungen und dem damals aktuellen Line-up statt. Die beiden dabei entstandenen, "Retrospektïw I - II" und "Retrospektïw III" betitelten Alben von 1981 enthielten Aufnahmen dieser Jubiläumskonzerte. Eine stabile Besetzung bildete sich allerdings auch jetzt nicht heraus, feste Mitglieder blieben lediglich Christian und Stella Vander, Benoît Wideman, die Bassisten Jean-Luc Chevalier und Dominique Bertram (die zur gleichen Zeit zu zweit Bass spielten) der Sänger Guy Khalifa und die Sängerin Lisa Deluxe. Das 1984 erschienene Studioalbum "Merci" enthielt erstmals Anklänge an Disco und Funk. Es wurde von Christian und Stella Vander, Wideman, Khalifa, Deluxe, dem Schlagzeuger Francois Laizeau und dem Bassisten Marc Eliard eingespielt und von Bläsersätzen und weiteren bei einzelnen Stücken unterstützt. Die Texte waren nur noch partiell in Kobaïanisch, meist jedoch englisch und französisch. Aussergewöhnlich für dieses Album war auch, dass Christian Vander sich neben der Produktion auf Perkussion, Gesang, Celesta, Keyboards und Klavier beschränkte und seinen angestammten Platz am Schlagzeug Leizeau überliess. Trotz der mitunter quirligen Melodien wurde im Pressetext darauf hingewiesen, dass die Stücke von "Merci" alle den Tod zum Thema hätten. Mit "Ooh Ooh Baby", dem funkigsten und vielleicht in der gesamten Bandgeschichte am wenigsten charakteristischen Titel, wurde auch erstmals eine Single nicht zur Promotion ausgekoppelt, die jedoch keinen kommerziellen Erfolg hatte. Auf der B-Seite war das Stück "Otis" zu hören.

In der Folgezeit erschienen zahlreiche Alben von anderen Projekten Christian Vanders wie dem Christian Vander Trio (Jazz), Welcome (Jazz), Fusion (Fusion, Jazzrock), Offering oder Les Voix de Magma, bei denen auch Musiker von Magma beteiligt waren. Die beiden letztgenannten Projekte fügten sich klanglich nahtlos in das Magma-Gesamtwerk ein. Ausserdem veröffentlichte Christian Vander Soloaufnahmen. 1987 gründeten Francis Linon, der Tontechniker von Magma, und Stella Vander die Plattenfirma Seventh Records. Unter dem Namen Magma erschienen für über zehn Jahre allerdings lediglich nachveröffentlichte Live-Aufnahmen aus den 70er und frühen 80er Jahren. Die einzige Ausnahme bildete das bereits erwähnte Album "Mekanïk Kommandöh," das 1989 erschien. 1996 formierte Christian Vander Magma neu, nachdem ein Freund ihm anbot, eine Tournee zu organisieren, wenn er wieder eine Band zusammenstellen würde. Die Band, die im Dezember desselben Jahres durch Frankreich tourte, bestand aus C. und S. Vander, Simon Goubert (Schlagzeug), Isabelle Feuillebois (Gesang), Philippe Bussonet (Bass), Franck Vedel und Jean- Francois Déat (Keyboards) sowie dem Sänger Bertrand Cardiet. 1997 schied Simon Goubert aus, der Pianist Pierre-Michel Sivadier, der auch schon bei Offering spielte, stiess hinzu. Zur zweiten Jahreshälfte schieden Vedel und Déat aus, Emmanuel Borghi (Keyboards) und James Mac Gaw (Gitarre) ergänzten die Band. 1998 erschien mit der Single "Floe Essi" / "Ektah" erstmals seit 1984 neu eingespieltes Material der Band.

Im Jahr 2000 feierten Magma das 30-jährige Bandjubiläum. In Paris im Trianon fanden im Mai zwei Konzerte statt, bei denen erstmals die komplette "Theusz Hamtaahk"-Trilogie aus "Theusz Hamtaahk", "Wurdah Ïtah" und "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" von derselben Band aufgeführt wurden. Dies geschah in der Besetzung C. und S. Vander, Feuillebois, Mac Gaw, Borghi, Bussonnet, Antoine Paganotti (Gesang, Piano) und Jean-Christophe Gamet (Gesang). Unterstützt wurde die Band teilweise von Julie Vander und Claude Lamamy (Gesang) bei "Wurdah Itah", beziehungsweise einem Bläsersatz bei "Mekanïk Destruktïw Kommandöh". Die Aufnahmen wurden als dreifaches CD-Set veröffentlicht. Im Jahre 2004 legten Magma mit "K.A" dann ein neues Album vor, das ein Stück aus den 70er Jahren rekonstruierte und daher stilistisch direkt an die klassische Phase der Band Mitte der 70er Jahre anschloss (und erneut kobaïanische Texte aufwies). Die kurz darauf erfolgte Veröffentlichung "Uber Kommandoh" war eine nicht autorisierte Kompilation. Ab 2006 setzte die Gruppe ihr Rekonstruktionswerk fort und arbeitete an "Emëhntëht-Rê", einem albumfüllenden Stück, das 2009 ihre zweite Alben-Trilogie vervollständigte.

Im Februar 2008 verliessen die Paganotti-Geschwister und Emmanuel Borghi die Band aus persönlichen Gründen, wurden aber bei "Emëhntëht-Rê" ebenso als Gastmusiker geführt wie auch Claude Lamamy, Marcus Linon (Sohn von Stella Vander und Francis Linon) und Pierre-Michel Sivadier. Die Hauptbesetzung bildeten C. u. S. Vander, Feuillebois, Hervé Aknin (Gesang), Benoît Alziary (Vibraphon), Mac Gaw, Bruno Ruder (Fender Rhodes) und Bussonnet. Diese Besetzung war es auch, die im Jahre 2012 "Félicité Thösz" einspielte. Hierbei handelte es sich um ein Album aus neueren Kompositionen aus den Jahren 1992 und 1993, sowie 2001 und 2002, die aber erst seit 2009 bei Konzerten von Magma zu hören waren. Bei den beiden nachfolgenden Studio-Minialben "Rïah Sahïltaahk" (2014) und "Šlag Tanz" (2015) ersetzte Jéremie Ternoy Bruno Ruder. Im Juli 2015 gab James Mac Gaw bekannt, an Krebs erkrankt zu sein. Im Juli 2016 spielten Rudy Blas Gitarre und Jérôme Martineau-Ricotti Keyboards, die restliche Besetzung blieb gleich. Die Gruppe um Christian und Stella Vander ist auch heute noch aktiv.