23.04.2018


DR. JOHN - Creole Moon (Blue Note Records 7243 5 34591 2 3, 2001)

Schon als Jugendlicher interessierte sich der als Malcolm 'Mac' John Rebennack Jr. geborene Dr. John für Rhythm'n'Blues-Musik und gründete eine High School Band (The Spades) mit Jerry Byrne als Sänger. Rebennack wurde einer der ersten weissen Musiker, der regelmässig bei Rhythm'n'Blues-Sessions in New Orleans spielte und als fester Studiomusiker bei dem legendären Plattenlabel Ace Records arbeitete. Zu seinen wichtigsten Einflüssen gehört Professor Longhair. Seine ersten Aufnahmen für Ace spielte er zusammen mit Huey 'Piano' Smith ("Rockin’ Pneumonia") und Frankie Ford ("Sea Cruise") ein, die heutzutage von Plattensammlern als Raritäten gehandelt werden. Bis 1962 war er in New Orleans, dann in Los Angeles in verschiedenen Bands aktiv und an vielen Produktionen anderer Musiker wie Frank Zappa, den Rolling Stones, Phil Spector, Sam Cooke, Aretha Franklin, Canned Heat ("Living The Blues") oder Sonny and Cher beteiligt. 1977 arbeitete er gemeinsam mit Van Morrison an dessen Comebackalbum "A Period Of Transition". Im Rahmen dieses Albums wirkte er als Arrangeur und Musiker mit. Im selben Jahr absolvierten die beiden eine Reihe gemeinsamer Auftritte, die in einem Fernseh-Special gipfelten.

Seinen ersten grossen Erfolg hatte Dr. John im Jahre 1968 mit dem Album "Gris-Gris", einer recht unheimlich klingenden Mischung aus Voodoo-Zaubersprüchen, Rhythm'n'Blues und kreolischer Soulmusik. Bereits seit seiner Kindheit war er von Zauberamuletten und eigenen nekromantischen Phantasien umgeben, die seinen Aussagen nach durch seine Familie animiert gewesen sein sollen. Seine Grossmutter soll beispielsweise Telekinese beherrscht haben und beizeiten selbst im Raum geschwebt haben. Mit farbenprächtigen, pittoresken Bühnenauftritten stilisierte er sich als 'Dr. John (Creaux) The Night Tripper' zu einer Ikone des Psychedelic Rock. Einige seiner Rock-Liturgien erhielten dabei eine besonders hypnotische Spannung, da er seine Stimme bewusst heiser und mit Flüster- und Krächzsequenzen einsetzte, wie zum Beispiel im Song "I Walk On Guilded Splinters". Mit seinen weiteren Studioalben "Babylon", "Remedies" und "The Sun, Moon And Herbs" setzte er die Wiederbelebung und Aktualisierung der musikalischen Einflüsse seiner Heimatstadt fort. Das nächste Album, "Gumbo", kündigte Rebennack's Abwendung von seinem extravaganten Lebensstil an, die sich mit den nachfolgenden Werken "In The Right Place" und "Desitively Bonnaroo" fortsetzte. Nach diesem ersten Höhepunkt seines Erfolgs und vielen kreativen und hektischen Jahren nahm Dr. Johns Produktivität qualitativ und quantitativ zunächst einmal ab. Die folgenden, in einer weniger frenetischen Kadenz veröffentlichten Alben fanden nicht viele Käufer. Alle seine Versuche, sich juristisch gegen nicht autorisierte Aufnahmen ("Anytime, Anyplace" oder "The Nashville Sessions") zur Wehr zu setzen, scheiterten.

Die schöpferische Pause endete 1981 mit dem Erscheinen der Platte "Dr. John Plays Mac Rebennack", einer Sammlung von Titeln, die der Musiker alleine mit seinem Klavier aufgenommen hatte und die er in "The Brightest Smile In Town" weiter ausbaute. Seither veröffentlichte er in unregelmässigen Abständen weitere Alben, die er fast ausschliesslich selbst komponierte. Daneben arbeitete er mit zahlreichen Bluesmusikern wie Charles Brown, The Simpsons, Willy DeVille, aber auch mit Jazzmusikern (Maria Muldaur, Lillian Boutté, Bennie Wallace oder Chris Barber) sowie mit Rockmusikern wie Mick Jagger und Eric Clapton zusammen. Er trat in Martin Scorsese's Film 'The Last Waltz' auf, einer Verfilmung des Abschiedskonzerts der legendären Rockband Bob Dylan's, The Band, von 1977, ebenso wie auch im Film 'Blues Brothers 2000'. Darüber hinaus komponierte er Musik für Werbespots und -clips (Jingles) und sang den Titelsong für die Fernsehserie 'Blossom'. Mit dem 1995 erschienenen Album "Afterglow" wurde seine Liebe zum Jazz deutlich; Jazz-Standards aus den 30er- und 40er-Jahren prägten das Album.

2001 veröffentlichte Dr. John das Werk "Creole Moon". Der alte Meister Dr. John hatte eine Platte mit Bluesfunk oder Funkblues, ganz wie man möchte, herausgegeben, die einfach gut unterhielt. Er bot hier keine Innovationen, aber schöne Songs zwischen Blues, Funk und ein wenig bodenständigem Rock. Letzteres äusserte sich in fetten, relativ geraden Rhythmen und einem durchgehenden Bass, wobei meist die Bluesharmonik vorhanden war. Alles in allem war dem alten Herrn erneut eine gute Platte gelungen. Sie enthielt zwar keine Funk- oder Blues-Revolutionen, aber interessante musikalische Geschichten. Diese wurden meist eher etwas ruhiger und getragener erzählt. Trotzdem vermittelten die Stücke unterschiedliche Stimmungen, wodurch sie nicht langweilig wurden und der Spass beim Anhören stets erhalten blieb.

Dr. John sang den Song "Cruella DeVille" für den Disney Film 'Hundertundein Dalmatiner'. Im Jahre 2009 gab es eine weitere Zusammenarbeit mit Disney: Das Eröffnungslied "Down in New Orleans" aus dem Zeichentrick-Film 'Küss den Frosch' wurde von Dr. John interpretiert. Die Musikgruppe Emerson Lake And Palmer entnahm dem Text von Dr. John's Song "Right Place, Wrong Time" die Wortschöpfung "Brain Salad Surgery" für ihr gleichnamiges Album aus dem Jahre 1973. 2007 wurde Dr. John in die Blues Hall of Fame aufgenommen und 2011 in die Rock and Roll Hall of Fame, im selben Jahr erhielt er den Blues Music Award als bester Klavierspieler. Das legendäre Debütalbum "Gris-Gris" (1968) wurde in die Wire-Liste The Wire’s '100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)' aufgenommen. Es belegte zudem Platz 143 in der Liste der 500 besten Alben aller Zeiten des Rolling Stones und wurde von Pitchfork Media auf Platz 162 der 200 besten Alben der 60er Jahre gewählt. Sein Album "Locked Down" wurde 2013 mit dem Grammy Award für das beste Blues Album des Jahres ausgezeichnet.









22.04.2018


GREAT WHITE - Shot In The Dark (Capitol Records CDP 7 48466 2, 1986)

Great White und Jack Russell’s Great White sind zwei US-amerikanische Hard Rock Bands aus Südkalifornien. Great White hatten ihre erfolgreichste Phase Mitte bis Ende der 80er Jahre; seit 2011 besteht um den ehemaligen Sänger und Great White Bandgründer Jack Russell daneben eine neue Band mit dem Namen Jack Russell’s Great White. Great White geriet im Jahre 2003 in die Schlagzeilen, als aufgrund einer Feuertragödie bei einem ihrer Konzerte in Rhode Island hundert Menschen starben. Great White entstanden im Jahre 1982 in Huntington Beach aus den Überresten der L.A. Club Band Dante Fox in der Besetzung Jack Russell (Gesang), Mark Kendall (Gitarre), Lorne Black (Bass) und Gary Holland (Schlagzeug). Sie unterschrieben bei EMI Records ihren ersten Plattenvertrag. Das von Michael Wagener produzierte Debütalbum erschien 1984. Die Verkäufe waren relativ schwach, weswegen EMI das Interesse an der Band verlor.

Richtig in Schwung kam die Karriere der Band erst 1986 mit dem selbstfinanzierten Album "Shot In The Dark", worauf Great White von Capitol Records, einer Tochterfirma der EMI, unter Vertrag genommen wurde. Zur Band gehörten zu diesem Zeitpunkt der Sänger Jack Russell, der Gitarrist Mark Kendall, der Schlagzeuger Audie Desbrow und der Bassist Lorne Black. Die Platte kam bis in Top 100 der US-Albumcharts. Das darauffolgende Album "Once Bitten" erschien 1987 in zwei verschiedenen Auflagen in den USA und Europa. In Europa enthielt das Album auch Songs des damals hier nicht erhältlichen Platte "Shot In The Dark". Support Tourneen für Night Ranger und Twisted Sister steigerten den Bekanntheitsgrad der Band. Die beiden Singles "Rock Me" und "Save Your Love" trugen ebenfalls dazu bei, dass das nächste Album "Twice Shy" der Band 1989 zum Durchbruch verhalf. Die Platte erreichte Doppelplatinstatus in den USA. Für den Song "Once Bitten Twice Shy" wurde die Band für einen Grammy nominiert.

Das Nachfolgealbum "Hooked", veröffentlicht im Jahre 1991, verkaufte sich ebenfalls gut, bevor es, nicht zuletzt auch aufgrund der einsetzenden Grunge-Bewegung, mit der Popularität der Band abwärts ging. Bereits ab 1992 sank der Stern der Band. Das Album "Psycho City" konnte den Erfolg der Vorgänger nicht erreichen und die Band verlor daraufhin ihren Plattenvertrag bei Capitol Records. Die nächste Platte "Sail Away" erschien 1994 bei Zoo Entertainment und floppte ebenso wie die beiden nächsten Studioalben "Let It Rock" aus dem Jahre 1996 und "You Can’t Get There From Here" von 1999. Zwischenzeitlich traten Great White immer öfter auch als Coverband in Aktion. 1998 veröffentlichten sie mit "Great Zeppelin" ein Led Zeppelin Tribute Album und 2002 ein weiteres Coveralbum namens "The Final Cuts". Darüber hinaus kam im Jahr 2000 mit "Latest And Greatest" auch noch eine Platte auf den Markt, auf der sich die Band selbst coverte und einige ihrer alten Songs neu einspielte.

Auflösungsgerüchte und Besetzungswechsel taten ihr Übriges, um am Image der Band zu kratzen. Trotzdem tourte die Band in regelmässigen Abständen durch die Lande. 2000 feuerte man Sean Mc Nabb und Audie Desbrow. Desbrow beschwerte sich, dass er nicht bezahlt wurde. Der Tiefpunkt ihrer Karriere war zweifellos der 20. Februar 2003, als bei einem Konzert im Club The Station in West Warwick, Rhode Island, ein Feuer ausbrach. Die eingesetzte Pyrotechnik setzte die mit Styropor verkleidete Decke des Clubs in Flammen und löste einen Brand aus, der sich rasend schnell ausbreitete. Durch das Feuer, Rauchvergiftungen und eine Massenpanik starben 100 Menschen, darunter der Bandgitarrist Ty Longley. Bei der darauffolgenden Gerichtsverhandlung war die Band ebenfalls angeklagt, wurde aber in allen Punkten freigesprochen. Der Manager der Band, dem man die Verantwortung für die Lichtshow anlastete, wurde zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt, aber nach vier Jahren entlassen. Great White rief nach dem Unglück den The Station Family Fund ins Leben und sammelte durch Veröffentlichungen und Konzerte Geld für die Hinterbliebenen der Opfer.

Im Dezember 2006 gab die Band in der Besetzung Jack Russel (Gesang), Mark Kendall (Gitarre), Michael Lardie (Gitarre, Keyboards), Sean McNabb (Bass) und Audie Desbrow (Schlagzeug) das Comeback bekannt. Zum 25-jährigen Bandjubiläum tourte man im Folgejahr zunächst durch Nordamerika. Das neue Studioalbum "Back To The Rhythm" wurde in den USA am 17. Juli und in Europa am 31. August 2007 veröffentlicht. 2009 erschien dann das Album "Rising". 2010 wurde Terry Ilous der neue Sänger der Band. 2012 erschien mit dem neuen Sänger das Album "Elation". Nachdem sich Jack Russell von einigen gesundheitlichen Problemen wieder erholt hatte, gründete er im Dezember 2011 eine komplett neu zusammengestellte Band mit dem Namen Jack Russell’s Great White.







21.04.2018


TED NUGENT & THE AMBOY DUKES - Tooth Fang & Claw
(Discreet Records DS 2203, 1974)

Die Amboy Dukes waren eine amerikanische Rockband, die 1963 in Chicago, Illinois und später in Detroit, Michigan gegründet wurde. Sie waren bekannt als sogenanntes 'One Hit Wonder' mit der einzigen Hit-Single "Journey To The Center Of The Mind". Der Name der Band stammte vom Titel eines Romans von Irving Shulman. In Grossbritannien wurden die Platten der Gruppe unter dem Namen The American Amboy Dukes veröffentlicht, weil eine britische Gruppe mit dem gleichen Namen bereits existierte. Die Band hatte in ihren aktiven Jahren eine Reihe von personellen Veränderungen durchgemacht, die einzige Konstante war der Leadgitarrist und Komponist Ted Nugent. Die Band wurde zu Nugent's Backing Band, bevor er 1975 den Namen aufgab und nur noch unter seinem eigenen Namen in Erscheinung trat. Die Band trug zu den Grundlagen von Heavy Metal und Progressive Rock bei. Die stilistischen Hauptmerkmale der Gruppe waren Psychedelic Rock, Acid Rock und Hard Rock.

Ted Nugent, der kreative Kopf der Amboy Dukes, geboren und aufgewachsen in Detroit, trat bereits im Jahre 1958 im Alter von 10 Jahren auf. Er spielte von 1960 bis 1962 in der Band The Royal High Boys und später in der Gruppe The Lourds. Nugent spielte mit den Lourds bis er mit seiner Familie nach Illinois zog, wo er daraufhin die Amboy Dukes in der Gegend von Chicago im Jahre 1964 gründete. Später zogen die Musiker in Nugent's Heimatstadt Detroit um. Nugent's früher Gitarrenstil mit seiner 'Signatur Gibson Byrdland', die er stets hoch auf seiner Brust trug, wurde zu einem ikonischen Spielstil, der ihn durch diese Eigentümlichkeit visuell stark von anderen Gitarristen unterschied. Er kombinierte dies mit einer natürlichen Virtuosität und einer rasenden Spielweise und fügte seinem ungewöhnlichen visuellen Ansatz eine klangliche Differenzierung hinzu. Dies gab ihm einen Vorteil als Performance-Künstler. Nugent's Wertschätzung für seine Gitarre inspirierte ihn dazu, den Song "Flight Of The Byrd" zu komponieren, der als Single und Teil ihres beliebtesten Albums "Journey To The Center Of The Mind" veröffentlicht wurde.

Die Musik der Amboy Dukes bestand zunächst in Blues-beeinflusstem Hardrock und wies Ähnlichkeiten mit den ebenfalls aus Detroit stammenden MC5 auf. Später zeigten die Amboy Dukes eine Hinwendung zum Psychedelic Rock. Das selbstbetitelte Debütalbum erschien 1967 bei Bob Shads Label Mainstream Records. Ein erster Hit war die Big Joe Williams-Coverversion "Baby Please Don’t Go". Ihren grössten Erfolg hatte die Band 1968 mit dem Song "Journey To The Center Of The Mind". Bis 1975 veröffentlichten die Amboy Dukes insgesamt sieben Alben. Nugent wurde im Laufe dieser Zeit zur dominierenden Figur der Amboy Dukes. Nachdem Keyboarder Andy Solomon 1971 als letztes Originalmitglied die Dukes verlassen hatte, stellte Nugent mit Bassist Rob Grange und Schlagzeuger Vic Mastrianni eine neue Besetzung unter dem Namen Ted Nugent & The Amboy Dukes zusammen, in der allerdings Nugent eindeutig den Ton angab. Eine Besonderheit dieser Zeit stellt das ausschliesslich live eingespielte Album "Survival Of The Fittest" dar, das bis auf einen Titel neue Songs enthielt. Darüber hinaus war die gesamte B-Seite des Albums vom 20-minütigen "Prodigal Man" belegt. Durch zahlreiche Besetzungswechsel waren auf diesem Album die psychedelischen und bluesrockigen Einflüsse fast völlig verschwunden.

Das 1973er Album "Call Of The Wild" enthielt neben den nunmehr typischen Hardrock Songs eine Coverversion von Chuck Berry's "Maybelline" und auf Seite 2 einen kurzen Slow Blues namens "Rot Glut". Die grösste Überraschung bestand allerdings in der knapp sieben Minuten langen atmosphärischen Ballade "Below The Belt", auf der sogar eine Flöte zum Einsatz kam. Dieses Stück erinnerte eher an die psychedelischen Anfangszeiten der Amboy Dukes. Auf dem 1974er Album "Tooth, Fang & Claw" waren die herausragenden Tracks das sehr von Nugent's Sologitarre dominierte zehnminütige Instrumental "Hibernation" und "The Great White Buffalo". Im Text dazu beklagte Nugent die Ausrottung der Büffel durch die Weissen, die damit den Indianern ihre Lebensgrundlage nahmen. Diese beiden letzten Amboy Dukes Alben waren trotz gelegentlicher Schwächen stilprägend für die späteren Nugent-Soloalben.

"Tooth Fang & Claw" war das siebte und letzte Album von Ted Nugent und The Amboy Dukes. Es war deren zweite Veröffentlichung auf dem Discreet-Label. Die Band bestand zu diesem Zeitpunkt aus Nugent, sowie Rob Grange am Bass und Vic Mastrianni am Schlagzeug. Das Album bot zahlreiche rockmusikalische Höhepunkte, von denen das Stück "Hibernation" das vielleicht beste war und zeigte auf dem Plattencover (Vorder- und Rückseite) Nugent's Vorliebe für die Jagd und den Rock'n'Roll. Das rückseitige Plattencover zeigte ihn, wie er hart vor einem Verstärkerstapel neben einer Wildschwein-Trophäe spielte. "The Great White Buffalo" war eine der tragenden Säulen in Nugent's musikalischem Schaffen und wurde auf diesem Album erstmals veröffentlicht. In einem Interview mit der Zeitschrift Classic Rock Revisited erklärte er, wie er und Rob Grange die Songidee entwickelten: "Dies war ein weiterer magischer Moment wie der ursprüngliche musikalische Ausbruch von so vielen meiner Songs. Dieser erstaunliche Song brach spontan während einer Aufnahmesession um 1972 aus", sagte Nugent.

Ausserdem sehr kernig war seine rasante und wilde Version von "Maybellene", einem Klassiker von Chuck Berry aus dem Jahre 1955. Der Titel wurde oft zitiert von Nugent in den späten 70er Jahren als ein wichtiger Einfluss auf sein Spiel auf der Gitarre. Einer der wenigen ruhigen Momente in Ted Nugent's musikalischem Schaffen in jener Zeit war das Stück "Sasha", das der Musiker seiner damals neugeborenen Tochter widmete. Da das weltweit operierende Plattenlabel Warner Brothers das Album "Tooth Fang & Claw" weltweit vertrieb, begann Ted Nugent's Musik kontinuierlich, die Märkte und die Fans in Übersee zu erreichen, aber seine Tantiemen entsprachen bei weitem nicht seinen Erwartungen. Der Discreet Manager und Besitzer Frank Zappa berichtete über äusserst mittelmässige Verkäufe. Ende Oktober 1974 trat der Rhythmus-Gitarrist Derek St. Holmes der Band bei, zumindest für eine der letzten Shows der Amboy Dukes an der Northeastern Illinois University in Chicago. Im Jahre 1975 verliess Nugent das Discreet-Label und unterschrieb einen neuen Plattenvertrag bei Epic Records. Er arbeitet mit dem Produzenten Tom Werman und den Aerosmith-Managern Leber/Krebs zusammen, die seine Live-Tourneen zu kommerziell erfolgreichen Events werden liessen. Das einzige Mitglied der Amboy Dukes, das mit Ted Nugent in seiner Solokarriere fortfuhr, war der Bassist Rob Grange. Nugent's Band umfasste im weiteren auch Derek St.Holmes an Gesang und Gitarre und den Schlagzeuger Clifford Davies. Nugent startete eine erfolgreiche Solokarriere und schloss sich Ende der 80er Jahre der Damn Yankees Supergroup an.

Vor allem das 1978 veröffentlichte Live-Doppelalbum "Double Live Gonzo" galt als Symbol für die schiere Kraft und Spielfreude, die Nugent für seine Fans seit jeher ausstrahlte. Viele Songs, die man von den Studioalben kannte, entfalteten in ihren Live-Versionen zusätzliche Energie. Zahlreiche Songs wurden durch Improvisationen und Soloeinlagen enorm verlängert und erreichten auf diesem Livealbum maximal das Vierfache ihrer Studiolänge. Nach 1978 schien Nugent's künstlerische Kreativität nachzulassen. Eine ständig wechselnde Besetzung und die in den Augen vieler Fans zu starke Anbiederung an Trends verhindern konsequente Arbeit. Durch den Einsatz von als klebrig empfundenen New Wave Keyboards verlor Nugent in den Augen der Fans seine musikalische Identität. 1989 stellte er daher seine Solokarriere zurück und schloss sich den Damn Yankees an. Deren Musik bewegte sich im Hair-Metal und ähnelte der von Bon Jovi. Nach zwei Alben lösten sie sich 1993 auf. 1995 kehrte Nugent als Solokünstler zurück; er veröffentlichte ein Album, das mit dem Titel Spirit Of The Wild" an die alten Zeiten anknüpfen sollte. Die Kritiken fielen durchwegs positiv aus. 1997 und 2001 folgten zwei Livealben. "Live At Hammersmith" von 1997 enthielt alte Aufnahmen aus dem Jahre 1979, die Nugent's ehemaliges Label anlässlich seiner 'Wiedergeburt' herausbrachte. Das Album reichte jedoch nicht an "Double Live Gonzo" heran. "Full Bluntal Nugity" von 2001 dokumentierte in Trio-Besetzung Nugent's alte Stärke und enthielt mit "Fred Bear" sogar einen Song für Akustikgitarre.

Das Album "Craveman" von 2002 war Nugent's nächstes studiomusikalisches Lebenszeichen. Auf diesem Album verarbeitete er in einigen Songs textlich und musikalisch auch Einflüsse des Nu Metal. Seitdem befand sich Nugent wiederholt auf Tourneen und gab in aller Welt Konzerte, unter anderem auf dem Sweden Rock Festival im Jahre 2006, von dem es auch einen Konzertmitschnitt auf CD und DVD gab. Seine bisher letzten Veröffentlichungen waren das Studioalbum "Love Grenade" von 2007 und die DVD "Motor City Mayhem", einem Konzertmitschnitt seines angeblich 6000. Konzertes, aufgenommen am 4. Juli 2008 im DTE Energy Music Centre in Detroit. 2008 war Ted Nugent in dem amerikanischen Action Klamauk Film 'Beer for My Horses' als durchgeknallter Hilfssheriff zu sehen. Seit den 2000er Jahren war Nugent (obwohl er seine Rockkarriere fortsetzte) ​​auch ein prominenter Aktivist, sowohl für die Jagd als auch für die konservative Politik. Für Kontroversen sorgten auch immer wieder seine dezidierten Meinungsäusserungen bezüglich dem Tragen von Waffen. Er gehört auch der National Rifle Organisation an.

Wegen seiner politischen Ansichten geriet Nugent seit den frühen 90er Jahren immer wieder in die Kritik. Er gilt als erklärter und aktiver Gegner jeglicher Genuss- und Rauschmittel sowie Drogen. Schon bei den Amboy Dukes entwickelte Nugent eine starke Ablehnung gegen Drogen und nannte Drogenkonsum unmoralisch. Darin war er sehr konsequent und entliess bisweilen drogenkonsumierende Bandmitglieder. In den frühen 90er Jahren wurde Nugent Sprecher des 'Drug Abuse Resistance Education Program' (D.A.R.E.), einer 1983 gegründeten Organisation, die umstrittene Lehrgänge zur Drogenprävention für Schüler anbot. In jüngerer Zeit attackierte er verbal andere drogenkonsumierende Musiker wie Ozzy Osbourne oder Dimebag Darrell.

Aufgrund seiner Jagdleidenschaft hatte ihm die US-Punkband Goldfinger das Lied "FTN" (steht für "Fuck Ted Nugent") gewidmet. In dem Lied kritisierte die Band Ted Nugent's Liebe zur Jagd und zum Rodeo, ausserdem wird er als führendes Mitglied der NRA kritisiert. Textauszug: "He thinks he’ll get the girls by killing little squirrels" (zu deutsch: "Er glaubt, er kriegt die Mädchen, indem er kleine Eichhörnchen tötet"). Nugent vertritt konservative Ansichten und verbreitet diese offen. Er betont die klassische Rollenverteilung in der Familie und gilt als ausgesprochener Familienmensch. Er sieht sich als Patriot, der auf eigenen Konzerten auch gerne eine US-Flagge aufhängt, unterstützt offen die Republikanische Partei und wohnt in der Nähe von George W. Bush's Ranch in Crawford, Texas. Auf seinem Anwesen nimmt er junge Soldaten auf, die im Irak verwundet wurden. Er möchte ihnen die Möglichkeit geben, sich auf seinen weitläufigen Ländereien zu erholen. Er sieht das als Dienst für sein Land an. Scharf angegriffen wurde er von Teilen der amerikanischen Presse als bekannt wurde, dass er sich vor dem Dienst im Vietnam gedrückt habe. In diesem Zusammenhang wurde er als 'Draft Dodger' ('Drückeberger') bezeichnet. In einigen Zeitungsinterviews machte er kontroverse Aussagen. Ein Interview der Independent gab an, dass Nugent Homosexualität verabscheue, und nannte ihn einen 'Law and Order Fanatiker'.







20.04.2018


BACAMARTE - Depois Do Fim (Som-Arte Records SALP-001, 1983)

Es war das Jahr 1983, die Zeit, als der klassische progressive Rock von vielen Experten praktisch für tot erklärt wurde. Das Gegenteil war der Fall, bloss schafften es viele gute Bands aus diesem musikalisch stets spannenden Bereich nur selten, eine gewisse Popularität zu erlangen, geschweige denn viele Platten zu vekaufen, und insbesondere fehlte vielen Bands und Musikern eine gut geölte Promotion-Maschinerie, sodass eine grössere Hörerschaft hätte erreicht werden können. Es gab auch in den sehr synthetischen 80er Jahren viele hervorragende und erinnerungswürdige Ausnahmen, wie zum Beispiel die leider nur wenig bekannte brasilianische Band Bacamarte, die mit dem Album "Depois Do Fim" einen wahren Genre-Klassiker schuf. Die Band existierte während zehn Jahren, wurde im Jahre 1974 von drei ehemaligen Schulfreunden gegründet. Die Gruppe bestand allerdings nicht sehr lange, und erst nach drei Jahren wurde sie schliesslich reformiert und hatte nun auch Bestand. Der Multi-Instrumentalist Mario Neto, der unter anderem die elektrischen und akustischen Gitarren, das Piano, viele weitere Keyboards, den Bass, das Schlagzeug und sogar den Gesang beherrschte, scharte neue Musiker um sich herum und begann mit dem Schreiben der Songs zum Album "Depois Do Fim".

Bereits 1978 waren die Titel zum Album fixfertig eingespielt und abgemischt, jedoch dauerte es weitere fünf Jahre, bevor die LP überhaupt erstmalig erscheinen konnte. Zu dem Zeitpunkt der Einspielung der Songs war gerade eine andere Art von Musikkultur angesagt, sodass Neto seine Stücke mehr oder weniger gewollt oder bewusst zurückhielt, da er sich von einer Veröffentlichung eher wenig Erfolg versprach. Erst im Jahre 1982 überredete ihn ein Freund, das Tape mit den originalen Songs einem Radiomoderator zu übergeben, der einige Stücke der späteren Platte ausgiebig im brasilianischen Rockradio spielte. Damit wuchs das Interesse der Zuhörer, was schliesslich dann doch noch zu einer Veröffentlichung der Songs führte. 

Die Musik auf diesem Bacamarte Album ist reich und symphonisch, von wundervollen Keyboardsounds und einer ausgezeichneten Flöte geprägt, die den durch die Bank weg grossartigen Kompositionen stets etwas Erhabenes verleihen. Die Band bezieht ihren grössten Einfluss von der klassischen italienischen Schule des Progressive Rock. Ihre Titel tragen die Handschrift vieler italienischer Prog Bands wie etwa Locanda Del Fate, Premiata Forneria Marconi und Quella Vecchia Locanda. Auch die guten alten Banco standen Pate. 

Das Album wird durch "UFO" mit einigen schönen Akkorden, gespielt von einer akustischen Gitarre eröffnet. Die Musik gleicht einer Art musikalischem Ständchen, das von Flötenklängen wunderbar gesüsst wird. Danach nimmt die Band Fahrt auf und rockt sehr anmachend, bietet mit einem opulenten und fast majestätischen Synthesizer den Einstieg in die Symphonik Rock Welt von Bacamarte. Ein Auftakt nach Mass. "Smog Alado" zeigt deutliche Einflüsse von Jethro Tull, Camel und Emerson Lake & Palmer. Der Gesang von Jane Duboc erinnert hier stark an Annie Haslam und verströmt damit den angenehmen Geist von Renaissance, klingt sehr symphonisch und eingängig. Das Stück "Miragem" eröffnet mit einigen wundervollen orientalischen Elementen und entwickelt sich zu einem veritablen Rock, toll gesungen, bis eine herrliche Flöte kurzzeitig die Dominanz im Song übernimmt, bevor die wie eine Lokomotive ruhig dahintuckernde Rhythmusgitarre diesen wundersamen Track zu Ende rollt.

Weiter geht es mit dem musikalischen Kleinod "Passaro De Luz". Ein Lied, speziell für die Stimme von Jane Duboc gemacht, eine träumerische und angenehm entspannte Nummer, getragen von akustischen Gitarrenklängen, ein idealer Song, um die Platte, die bislang nur Fahrt aufgenommen hat, für einen kurzen Moment angenehm zu entschleunigen. "Cano", noch ein eher kurzes Lied auf dem Album, bedeutet mehr oder weniger ein gegenseitiger instrumentaler Austausch und ist ein an Dynamik wieder zunehmendes Potpurri an Gitarren-, Keyboard- und Flötensounds. Der Longtrack "Ultimo Entardecer" ist der längste Song auf dem Album und klingt episch, ausufernd und besticht durch ein ausgefeiltes Arrangement, das sich über mehrere verschiedene klangliche Ebenen ausbreitet. Ein herrliches Stück, das perfekt den Symphonischen Rock der 70er Jahre noch einmal nachzeichnet, ohne dabei jedoch irgendwie antiquiert zu wirken. Vielmehr werden hier einige Spannungsbögen aufgebaut, die sich ineinander verzahnen und am Ende in einem wundersamen Amalgam aus lieblicher Stimme, mondändem Klavier und expressionistischer Gitarre verschmelzen. Der mit Anbstand beste Titel auf diesem tollen Werk. Textlich werden Tod, Wahnsinn, Angst und Hoffnung zum Ausdruck gebracht - musikalisch sind diese vier Stimmungen perfekt umgesetzt, man spürt diese verschiedenen Empfindungen in jeder gespielten Note. 

Das kurze, an einen waschechten Bossa Nova erinnernde Intermezzo "Controversia" erinnert entfernt an eine lockere Jam Session, wirkt entspannend und bereitet den Hörer vor auf das Titelstück "Depois Do Fim" ("Nach dem Ende"), einer wiederum grossartigen, echten Symphonie, die diesen Begriff auch wirklich verdient. Hier wird wieder mit der ganz grossen musikalischen Kelle angerührt. Die Grundstimmung des Stücks ist düster, energetisch und behandelt die Thematik des Endes aller Zeitalter, der sogenannten Apokalypse. Ein beeindruckendes und sehr dynamisches Stück, das nachhaltig wirkt. "Mirante Das Estrelas", der letzte Song, wirkt insgesamt wie eine Reprise, weil sie den gesamten Inhalt des Albums , Stück für Stück noch einmal zusammenfasst, wie ein Puzzle, dass schlussendlich mit dem richtigen Aneinanderreihen der einzelnen Teilchen, gelöst werden kann. Alle Melodien und Akkorde, die zuvor bei den Stücken auf dem Album zu hören waren, werden noch einmal in einem rasanten Potpurri wiederbelebt. Die melancholische und fast traurige Stimmungsfarbe am Ende des Songs mündet schliesslich in einen letzten langen Ton der Ruhe und des Friedens. 

"Depois Do Fim" ist ein wahres Juwel, das den Progressive Rock Liebhaber begeistern kann. Es ist auf jeden Fall eine Platte, die ausserhalb Brasiliens, von wo die Band stammte, wesentlich mehr Liebhaber hatte als im eigenen Land, weshalb dieses Werk bis zum heutigen Tag immer wieder einmal aufgelegt wurde, zuletzt als CD gar in Japan (!).




19.04.2018


THE OZARK MOUNTAIN DAREDEVILS - The Car Over The Lake Album 
(A&M Records SP-4549, 1975)

Nach dem immensen Erfolg ihres 1974er Albums "It'll Shine When It Shines" und der überaus erfolgreichen Single "Jackie Blue", die bis auf Rang 3 der Billboard Hitliste schoss, erwartete Jedermann einen ähnlichen weiteren Coup der Band aus Springfield, Missouri. Stattdessen überraschte die Gruppe im Folgejahr mit einem weitaus vielseitigeren Werk, das bislang nicht eingesetzte exotische Instrumente wie beispielsweise eine Oboe ("Gypsy Forest"), Cembalo und Blockflöte ("Whippoorwill") oder ein Spinett ("Mr. Powell") präsentierte. Diese zusätzlichen Klangfarben halfen auch wesentlich mit, dem urwüchsigen Country Rock der Gruppe noch einmal eine neue musikalische Würze zu vermitteln, die dadurch sowohl in Poprock-Richtung, wie auch in Richtung Folk Rock liebäugelte. In seiner Gesamtheit war dieses Werk dadurch einiges anspruchsvoller arrangiert als der Vorgänger, kompositorisch war es eine hörbare Weiterentwicklung.

Die Besetzung der Band war dieselbe wie beim erfolgreichen Vorgänger "It'll Shine When It Shines" und produziert wurde das Album von David Anderle, der bereits für das 1973 erschienene Debutalbum der Band verantwortlich zeichnete. Alleine: Einen Single Hit wie den Nummer 3-Hit "Jackie Blue" konnte das melodieselige Sextett nicht wiederholen. Die aus dem Album ausgekoppelten Singles "If I Only Knew" und "Thin Ice" verfehlten die Charts, und eine dritte Single "Keep On Churnin'" schaffte es nicht über den Promotional-Status hinaus. Dieser kommerziell eher als Misserfolg zu bezeichnende Umstand steht in einem ziemlich grossen Widerspruch zur Qualität der Musik auf dem Album, das immerhin einen noch sehr respektablen Rang 57 in der amerikanischen Hitparade erreichte. Die Platte fiel durch ihr herrlich surreal wirkende Plattencover auf. Das Bild wurde von der Band noch zu College-Zeiten als Konzertplakat verwendet und der Titel der LP ergab sich schlicht und einfach aus der visuellen Aufmachung des Plakats: A Car over a Lake. Den allerersten originalen Pressungen der LP wurde eine rote Flexi-Disk EP mit drei Songs beigelegt, die nicht auf dem originalen Album, aber auch nicht auf Singles zu finden waren. Die drei Titel dieser Flexi - "Establish Yourself", "Time Warp" und "Journey To The Center Of Your Heart" wurden erst im Jahre 2002 auf der remasterten CD-Variante der Platte berücksichtigt. Die Flexi trug den passenden Titel "The Little Red Record", weil sie rot gefärbt war.

Es gibt einige musikalische Highlights zu hören, welche die Platte insgesamt zu ihrer vielleicht besten, auf jeden Fall aber kreativsten Arbeit machen. Nach dem perfekten Einstieg in die Platte mit einem zeittypischen Country-Rock'n'Roll ("Keep On Churnin'") folgt mit dem zweiten Stück "If I Only Knew" aus der gemeinsamen Feder von Larry Lee und Steve Cash ein erster Höhepunkt: Der beschwingte Americana-Song mit edlem Pop-Appeal glänzt durch wunderschöne Harmonien und zeugt von einem sicheren Händchen für extravagante Arrangements, das hier mit dem Einsatz der Flöte und einem Cembalo für tolle Akzente sorgt. "Leatherwood" ist eine typische Ozark Mountain Daredevils-Nummer: Gefühlvoller Country Poprock mit prägnanter Melodie und stimmungsvollen Wechseln zwischen Dur- und Mol-Akkorden. "Cobblestone Mountain", geschrieben von Steve Cash, präsentiert dessen sonore Stimme und erinnert ein bisschen an ein Kinderlied, auch, was die textliche Botschaft angeht. Der lockere Groove des Stücks "Mr. Powell" mit dem Querflöten-Solo und der Spinett-Einleitung beweist ebenfalls eindrücklich, wie ausgefuchst man eine an sich einfache Melodie arrangieren kann, um sie zu etwas Besonderm wachsen zu lassen. Da ist soviel Sehnsucht und Lieblichkeit drin, die alleine durch diese beiden aussergewöhnlichen Instrumente erzeugt wird. Auch die weiteren Titel wie das von einer herrlichen Oboe dominierte "Gypsy Forest", das üppig arrangierte "Whippoorwill" oder der schunkelige English Waltz "Out On The Sea" sind durchwegs Songs auf sehr hohem kompositorischem Niveau.

Die Ozarks standen sich bezüglich ihrer Karriere stets selber im Weg. Ihnen war eine harmonische Verbundenheit mit ihrer Heimat und das gemeinschaftliche Leben in einer bäuerlichen Gemeinschaft stets wichtiger als irgendein kommerzieller Erfolg, weshalb sie sich auch konsequent scheuten, längere Tourneen zu absolvieren, oder gar andere Kontinente mit ihrer Musik zu beehren, was natürlich schade ist. Andererseits zeugt es auch von einer grossen Bodenständigkeit und einem aussergewöhnlichen Charakter, sich den Verlockungen des grossen Erfolges nicht zu ergeben, nur um vielleicht eine kurze Zeit lang einen gewissen Ruhm feiern zu können und irgendwann womöglich eine harte Bruchlandung zu machen, wenn der Erfolg irgendwann dünner wird oder ganz ausbleibt.

In kommerzieller Hinsicht war also die 1974er Single "Jackie Blue" der erfolgreichste Moment in der Karriere der Ozark Mountain Daredevils. Klasse Platten haben sie aber der "The Car Over The Lake Album" noch mindestens ein halbes Dutzend folgen lassen, die allesamt sehr hörenswert sind. Schwache Musik hat die Band nämlich zu keinem Zeitpunkt abgeliefert. Die Gruppe trennte sich offiziell nie, veröffentlichte auch in unregelmässigen Abständen immer wieder mal eine Platte - kam aber letztlich nur noch sporadisch zu Auftritten zusammen - meist in der näheren Umgebung von Springfield Missouri. Bis heute sind alle Musiker dort zuhause, auch wenn sie heute nicht mehr in einer Kommunen-ähnlichen Gemeinschaft leben.





17.04.2018


THRICE MICE - Thrice Mice! (Philips 6305 104, 1971)

Infiziert vom Fieber der Beatles-Mania beschlossen die Brüder Rainer und Werner von Gosen im Frühsommer 1966, eine Beat-Band zu gründen. In Flensburg geboren und in Hamburg aufgewachsen, besuchten sie dort das Alexander von Humboldt-Gymnasium im Ortsteil Harburg. Rainer und Werner, beide musikalisch durch Klavierunterricht vorgebildet, übernahmen Bass und Gitarre, ihr Mitschüler und Freund Arno Bredehöft spielte das Schlagzeug. Der Name Thrice Mice (dreimal Mäuse) liess auf ein gewisses Understatement schliessen, wollten die Jungs doch in die erste Liga der damaligen Bandszene aufsteigen. Möglichkeiten dazu boten die zu diesem Zeitpunkt überall stattfindenden Beat-Wettstreite, an denen die Band mit grossem Erfolg teilnahm.

Im August 1966 gewann sie den ersten Preis der Beat Band Battle der Hamburger Gymnasien. Veranstaltet vom Gymnasium Hamburg-Alsterdorf setzten sie sich gegen sechs weitere Konkurrenz-Bands durch. Das Hamburger Abendblatt fand für diese Veranstaltung folgende Schlagzeilen: "Dem Musiklehrer war die Beat-Schlacht zu laut" und "Schiedsrichter sass vor der Tür!". Im Verlauf des Artikels vom 24.August 1966 hiess es weiter: "Ohrenbetäubende Beat-Musik, ohrenbetäubender Beifall, 7 Beat-Bands aus Hamburger Gymnasien kämpften im Schweisse ihres Angesichtes um den ersten Preis der Beat Band Battle. Die Aula kochte. Nur einer schlich sich während der Schlacht aus der Tür. Dem Musiklehrer war es zu laut geworden. Dabei sollte er als sachverständiges Jurymitglied Preisrichter spielen. Das tat er auch, aber mit Distanz. Er setzte sich im Flur vor der Aula auf eine Bank und liess die Musik dort auf sich wirken. Als dann nach zwei Stunden der Lärm im Saal verebbt war, fällte er in aller Ruhe seinen Spruch. Sieger der Schlacht in der Aula: The Thrice Mice vom Humboldt-Gymnasium in Harburg".

Bemerkenswert war, dass Thrice Mice, obwohl nicht Schüler des veranstaltenden Gymnasiums, trotzdem siegten und die Bands des heimischen Gymnasiums auf die Plätze verwiesen. Dies war ein erster Hinweis auf den Ehrgeiz und das Können der drei Jungs. Der Sieg bei der Beat Battle brachte ihnen Ansehen in der auch zu diesem Zeitpunkt schon vielfältigen und bandreichen Hamburger Szene. Die Anerkennung erfuhr einen weiteren Höhepunkt, als Thrice Mice auch als Sieger im Beat-Wettstreit der Harburger Anzeigen und Nachrichten, einer grossen Hamburger Lokalzeitung, hervorgingen. Die Veranstaltung fand im Februar 1967 in der Harburger Friedrich Ebert-Halle vor ungefähr 1200 Zuschauern statt. 24 Bands waren angetreten. Thrice Mice siegten mit fast der Hälfte der Stimmen des Publikums und ein Jurymitglied, delegiert vom Hamburger Starclub, erklärte: "Für mich haben Thrice Mice am besten gespielt".

Die Veranstaltung fand ihr kongeniales Presseecho und der Musikkritiker Willi Hofmann versuchte sich an einer soziologischen und kulturhistorischen Erklärung: "Man muss betonen, dass der Gedanke, von solch offizieller Warte, wie es die Presse heute ist, zu der Volksbewegung des Beat Stellung zu nehmen, ausserordentlich zu begrüssen ist. Wie alle Volksbewegungen kommt der Strom von unten, von den undifferenzierten und schlichten Bewusstseinslagen. Das Naturereignis Beat ist ein riesiger Protest gegen die Zerfaserung der modernen Jazz-Musik, gegen alles Alte und Morsche und gegen Zwang und jegliches Korsett. Es funktioniert wie die Posaunen von Jericho, und es ist ein Wunder, dass die Ebert-Halle bei dem Lärm keinen Schaden nahm. Es ist auch ein Sieg des elektrischen Stromes, den man bekanntlich mühelos verstärken kann und in dem die Singstimmen untergehen, es ist uralte Magie und moderne Technik, Ekstase und Monotonie zugleich. In der stilistischen Enge der wenigen Akkorde und Rhythmen unterscheiden sich die Bands durch die persönliche Leistung. Das pausenlos Hämmernde und das Grelle entspricht der Pop-Art in der Malerei, ein Protest gegen alle pintige Leisetreterei. Keine Rede von Schwüle, es ist der Ausdruck des ganz Direkten ohne jede Umschweife, echtes Zeichen der Zeit doch im Wesen uralt. Die Jugend im Saal konsumierte den Lärm meist mit tiefernsten Gesichtern".

Ob die anwesenden Fans dies genauso empfanden darf bezweifelt werden. Jedenfalls fanden Rainer und Werner von Gosen nach der Veranstaltung vor ihrer Haustür Tulpen, die ihnen junge Anhängerinnen als Zeichen ihrer Verehrung gestreut hatten. Dies war jedoch nicht der einzige Lohn der schweisstreibenden Arbeit. Als Preis hatte der Veranstalter für die vier erstplatzierten Bands die Möglichkeit einer Schallplattenaufnahme ausgelobt, einer EP, auf der sie sich jeweils mit einem Titel präsentieren durften. Trice Mice entschieden sich für die Eigenkomposition "An Invitation". Dieser Titel, der in seiner Art etwas an The Who erinnerte, gab der Band die Möglichkeit, sich professionell durch Vorlage eines Tonträgers weiter nach oben zu arbeiten. Die EP wurde soäter zu einer sehr gesuchten Rarität. Die lokalen Erfolge der Band hielten an und Thrice Mice mussten eine Menge von Auftritten absolvieren, betreut vom dritten von Gosen-Bruder, Jürgen, der als Roadmanager der Band half. Ein Bruch in der Bandgeschichte erfolgte, als Werner von Gosen 1968 zur Bundeswehr eingezogen wurde. Arno Bredehöft erhielt zu diesem Zeitpunkt ein Angebot der Beathovens und verliess die Band für ungefähr ein Jahr. Als Ersatz kamen Gerhard Adlung als neuer Schlagzeuger und Hans-Hermann Jäger an der Orgel in die Band. Nach Beendigung des Wehrdienstes stieg Werner von Gosen wieder in die Band ein; Arno Bredehöft kehrte ebenfalls wieder zurück. Die Urbesetzung spielte wieder zusammen.

Die Band war sich zu diesem Zeitpunkt allerdings bewusst, dass die Dreierbesetzung ihrer Musik bestimmte Grenzen setzte, die nur durch weitere Bandmitglieder überwunden werden konnten. Mit Karl-Heinz Blumenberg (Gesang, Altsaxophon, Perkussion, Querflöte, Gitarre), Wolfgang Buhre (Tenor-, Alt- und Sopransaxophon, Klarinette und Perkussion) und Wolfram Minnemann (Orgel, Klavier, Gitarre) fanden sich drei kongeniale Mitstreiter. Alle Drei verfügten bereits über erhebliche musikalische Erfahrungen. Karl-Heinz Blumenberg hatte zuvor Jazz, Skiffle und Folklore gespielt; Wolfgang Buhre kam vom Jazz und hatte schon mit Chris Barber und Monty Sunshine sowie Albert Nicholas, einem berühmten Klarinettisten, Musik gemacht; Wolfram Minnemann, ebenfalls vom Jazz kommend, hatte zuvor mit einigen Mitgliedern der legendären City Preachers Folklore gespielt. Damit hatte sich die Besetzung gefunden, die Anfang 1971 das gleichnamige Album auf Philips Records veröffentlichte. 

Die musikalischen Lebensläufe der einzelnen Gruppenmitglieder veranschaulichen, welche verschiedenen musikalischen Strömungen und stilistischen Auffassungen nun unter einen gemeinsamen Hut gebracht werden mussten. Die Gruppe erarbeitete sich die Titel im Kollektiv. Nachdem in der Anfangszeit die übliche Beat- und Popmusik gespielt, dann sich am Soul versucht wurde, war dies nun Makulatur. Die Band sah durch das Nachspielen internationaler Hits die konsequente Linie zur eigenen Musik beeinträchtigt. Im Promotionstext der Rolling News ihrer damaligen Plattenfirma wurde der aktuelle Zustand zutreffend wiedergegeben. Dort hiess: "Heute stützt sich die Thrice Mice' Musik auf eine mittelschwere Rock-Basis, die allerdings sehr variabel ausgelegt ist. Jazzeinflüsse sind unverkennbar, ein klassisches Motiv lieferte ihnen ihren grossen Reisser "Vivaldi's Revival", mal eine Progressivfärbung, mal eine Blueswendung. Wir wollen uns keinen Stempel aufdrücken lassen, sagen Thrice Mice. Es gibt Gruppen, die erkennt man beispielsweise immer an ihrer Art Rhythmus. Das mag seine Vorteile haben, aber uns würde es einengen. Zumal jeder von uns mindestens zwei Instrumente spielt. Wir sind offen nach allen Seiten, und wir finden, dass wir dadurch eine Menge mehr ausdrücken können".

Wie sich das äussert, zeigte die Thrice Mice LP. Sie enthielt vier Stücke. Zunächst das erfolgreiche "Vivaldi". Dann "Jo Joe", die eigenwillige Lebensphilosophie eines Mannes, gegenwartsbezogen, aber ebenso sprunghaft wie diese Gegenwart. Für das dritte Opus stand eine Idee von Joachim Ringelnatz Pate: "Fancy Desire", die Geschichte vom Reh im Park, dass sich als Gipsfigur entpuppt. Und dann "Torekov", ein Stück mit einer ganz eigenartigen Story. Einige Mitglieder von Thrice Mice campierten in Schweden und freundeten sich dort mit einer hübschen Finnin an, die immer, wenn sie zärtlich wurde, in englischer Sprache die unwahrscheinlichsten Dinge erzählte. Die Erzählungen dieser Finnin verarbeite die Gruppe zum Textgerüst des Titels "Torekov", benannt nach dem Ort, wo damals die Zelte standen. Die Aufnahmen zum Album fanden im November und Dezember 1970 in den renommierten Windrose Dumont Studios in Hamburg statt. Zuvor hatte sich die Band auch überregional einen Namen gemacht. So trat sie als eine der wenigen deutschen Bands Ostern 1970 beim Pop- und Bluesfestival in der Hamburger Ernst Merck Halle auf, wo ihnen über 10000 Fans zujubelten.

Noch gigantischer war ihr Auftritt beim legendären Fehmarn-Festival vom 4. bis 6. September 1970, wo auch der letzte Live-Auftritt von Jimi Hendrix vor dessen Tod stattfand, als sie vor 25000 begeisterten Fans spielten. Der berühmte Alexis Korner hatte sie angekündigt und wenige Minuten später vor Begeisterung bei ihnen mitgespielt. Von diesem Auftritt wurden später zwei Titel für eine Wiederveröffentlichung des Albums auf CD verwendet, das beim Label Long Hair Music erschien. Thrice Mice hofften ihren Status als semi-professionelle Band mit dem ersten Album zu verbessern. Anfang 1972 läutete sich jedoch das Ende der Band ein, als Rainer von Gosen aus beruflichen Gründen nach Frankfurt verzog. Die verbliebenen Gruppenmitglieder versuchten mit wechselnden Besetzungen Thrice Mice am Leben zu erhalten, letztlich wurde aber die Auflösung der Band beschlossen. Werner von Gosen und Karl-Heinz Blumenberg spielten mit Altona zwei Alben ein. Nach Beendigung seines Engagements bei der Gruppe Altona kehrte auch Werner von Gosen dem Musikbusiness den Rücken. Karl-Heinz Blumenberg war später mit der Band Leinemann erfolgreich; Wolfgang Buhre blieb als Musiker aktiv; Wolfgang Minnemann verschlug es nach Portugal und Arno Bredehöft verstarb.





16.04.2018


ET CETERA - Et Cetera (Global Records 6306 901, 1971)

Der Musiker Wolfgang Dauner aus Stuttgart gilt als einer der wenigen weltweit anerkannten deutschen Jazzmusiker. Bereits als Kind früh auf dem Klavier geschult, machte er interessanterweise seinen Abschluss an der Musikhochschule Stuttgart im Fach Trompete. Seine grosse Liebe blieb aber das Klavier. Die Präferenz für zeitgenössischen Jazz führte 1963 zur Gründung der ersten eigenen Gruppe: Das Wolfgang Dauner Trio mit Eberhard Weber am Bass und Fred Braceful am Schlagzeug. Musikern, mit denen er noch bis weit in die 70er Jahre zusammenarbeitete. Die Bedeutung Dauners für den modernen Jazz und Jazzrock in Deutschland kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie ist vergleichbar mit der Pionierarbeit, die Miles Davis in den USA für den Jazz und Jazzrock geleistet hat. Aufgrund seiner Mitwirkung in verschiedenen Jazzbands während der frühen 60er Jahre war Dauner schon Veteran der Jazzszene, bevor er seine eigene Band gründete. Die ersten von ihm veröffentlichten Alben waren dem experimentellen modernen Jazz zuzuordnen, beeinflusst von Bill Evans, Steve Lacy, Sun Ra und anderen. Seine bis 1969 erschienenen Alben sprachen in erster Linie reine Jazzfans an. 

Die Blüte der psychedelischen Musik um 1968/69 schuf neue Möglichkeiten. Dauner, mit einigen der besten jungen Jazzmusiker an seiner Seite, hatte genug vom ins klischeehafte abdriftende Spiel des Jazz, was zum damaligen Zeitpunkt überwiegend stattfand und nahm sich vor, sämtliche vorhandenen Regeln zu brechen. Was die Gruppe Faust wenige Jahre später für die Rockmusik bedeutete, liessen Dauner und seine Musiker dem Jazz widerfahren. Erstes Ergebnis war das aussergewöhnliche Album "Für", erschienen im Sommer 1969, das nicht mehr dem Jazz zuzuordnen war, sondern ein Experiment vorantrieb mit dem einzigen Ziel, Grenzen zu überschreiten: Die musikalische Revolution ihrer selbst Willen. Noch radikaler war die Veränderung, im Vergleich zu den vorherigen Produktionen, welche die Musik, nun dem Wolfgang Dauner Quintett geschuldet, auf dem Werk "The Oimels", Anfang 1970 den Fans bescherte. Wolfgang Dauner und seine Mitstreiter präsentierten sich hier als Psychedelic-Jazz-Pop-Band. Neben der von den Psychedelic-Fans so geliebten verzerrten Gitarre, Sitar-Klängen und anderen Freak-Outs zogen die fünf Musiker alle Register, ihre Vorstellungen von Psychedelic-Pop zu Gehör zu bringen.

Die Jahre 1969 und 1970 waren für Wolfgang Dauner und seine wechselnden Mitstreiter ein musikalischer Jungbrunnen, der im Ergebnis acht Alben hervorbrachte, welche unter wechselnden Bandnamen (Wolfgang Dauner Quintett, Wolfgang Dauner Group oder Et Cetera) auf verschiedenen Labels veröffentlicht wurden. Für Freunde der progressiven Rockmusik allemal hörenswert waren insbesondere die Alben "Rischka's Soul" (eingespielt 1969, veröffentlicht 1972) und "Et Cetera" (1971). Die Besetzung, die "The Oimels" einspielte, hatte sich für "Et Cetera" nur geringfügig geändert. Statt des zweiten Gitarristen Pierre Cavalli spielte diesmal Dauners langjähriger Weggefährte, Fred Braceful als weiterer Schlagzeuger neben Roland Wittich mit. Auch die 1972 erschienene LP "Knirsch" (mit Jon Hisemann und Larry Coryell) und das 1973 erschienene Live-Doppelalbum, ebenfalls unter dem Bandnamen Et Cetera, waren für die Freunde der progressiven Rockmusik absolut hörenswert. Die Leser der Zeitschrift Sounds wählten Wolfgang Dauner 1972 zum Musiker des Jahres. 

Der Musiker Siegfried 'Sigi' Schwab aus Ludwigshafen am Rhein, entwickelte bereits in der Kindheit einen starken Drang zum Musizieren. Seine Instrumente waren der Kontrabass und die Gitarre. Mit 16 Jahren nahm er an der Musikhochschule in Mannheim für beide Instrumente ein Studium auf. Sein musikalisches Interesse galt sowohl der klassischen Musik als auch dem Jazz. Schon sehr früh war der brasilianische Gitarrist Laurindo Almeida sein musikalisches Vorbild. Schwab spielte zunächst in lokalen Bands, betätigte sich schon früh als Studiomusiker (etwa für Wolfgang Laudt und Erwin Lehn) und wurde nach seinem Wechsel nach Berlin festes Mitglied der Rias-Berlin Big-Band. 1967 erschien in den USA und in Europa seine erste Soloplatte, für Schwab eine sehr interessante Erfahrung neben seiner Tätigkeit als Studiospezialist noch in einer völlig anderen Musikszene Erfahrungen zu sammeln. Der Zusammenarbeit bei The Oimels und Et Cetera ging ein Zusammenspiel auf dem Gulda Festival in Ossiach, Kärnten, Österreich voraus. Die damalige Band bestand aus Jean Luc Ponty, Sigi Schwab, Wolfgang Dauner, Eberhard Weber und Fred Braceful. Et Cetera war, wenn man so will, die Nachfolgeband des Wolfgang Dauner Quintetts. Aus heutiger Sicht empfindet Schwab The Oimels als einen ganz wichtigen Zwischenschritt auf dem Weg zu Et Cetera, der ersten Jazz Freerock Band der 68er-Nachfolge, dem damaligen modernsten und provozierendsten Ensemble. 

Neben seinen eigenen Projekten oder als festes Bandmitglied verschiedenster Formationen wie Embryo auf den Alben "Father, Son And Holy Ghost" von 1972 und "Rocksession" von 1973 hatte Sigi Schwab in unzähligen Produktionen unterschiedlichster Art (vom Schlager bis zum experimentellen Jazz) als Studiomusiker mitgewirkt. Daneben komponierte er Fernseh-, Film- und Bühnenmusik. Seine Filmmusik zu 'Vampyros Lesbos - Erbin des Dracula' (1971) wurde in den späten 90er Jahren mit dem Untertitel 'Sexadalic Danceparty' erfolgreich neu als CD aufgelegt und der Titel "The Lion & The Cucumber" wurde unter anderem in Quentin Tarantino's Film 'Jacky Brown' verwendet. Auch die Aufnahmen zu 'The Vampires of Dartmoor' sind in Fan-Kreisen heiss begehrt. Sigi Schwab blieb später in verschiedenen musikalischen Projekten äusserst aktiv. Der Spagat zwischen Klassikszene und moderner improvisierender Musik war sein Lebensthema geblieben. Ebenso wie Dauner lehnte er eine Unterscheidung zwischen E- und U-Musik völlig ab: "Es gibt nur eine universelle Musiksprache, natürlich mit feinen Verästelungen und in allen denkbaren Achsen".

Eberhard Weber aus Stuttgart gilt ebenfalls als herausragende Persönlichkeit der Jazz-Szene und geniesst internationale Anerkennung. Er spielte mit Gary Burton, der Pat Metheny Group und Jan Garbarek. Weber kam ebenfalls schon als Kind zur Musik. Sein Vater lehrte ihn im Alter von 6 Jahren, Cello zu spielen. Als Mitglied des Schulorchesters wurde er von seinem Musiklehrer ermutigt, auf den Kontrabass umzusteigen. Zunächst darin geübt, den Kontrabass auf klassische Weise mit einem Bogen zu spielen, trainierte er aufgrund seines steigenden Interesses an der Jazz-Musik auch immer mehr die Zupftechnik. Weber spielte in mehreren Schulbands und entschied sich schliesslich, das Cello-Spiel gänzlich zu Gunsten des Bass aufzugeben. 

1960 traf Weber mit Wolfgang Dauner zusammen, spielte mit ihm zahlreiche Alben ein, sodass es nur folgerichtig war, dass er bei den bahnbrechenden Projekten The Oimels und danach auch bei Et Cetera dabei war. Die Zusammenarbeit mit Dauner riss praktisch niemals völlig ab, jedoch beschritten beide seit 1973, dem Erscheinungsjahr von Weber's erfolgreichem Album "The Colours Of Chloe" ihre eigenen Wege und kamen nur noch gelegentlich für gemeinsame Projekte zusammen. Weber arbeitete mit dem Gitarristen Volker Kriegel und für kurze Zeit mit dem New Dave Pike Set zusammen. Anknüpfend an sein Soloalbum "The Colours Of Chloe" gründete er wenig später die Band Colours mit Rainer Brüninghaus und Charlie Mariano. Nach fast acht erfolgreichen Jahren mit Colours sah Weber keine Möglichkeiten mehr, diese durch kreativen, musikalischen Diskurs voranzutreiben. Nach eigener Aussage wollte er auf keinen Fall bereits Dagewesenes wiederholen, nur um die Band am Leben zu halten. Colours lösten sich 1981 auf. Ab 1982 wurde Weber ständiges Mitglied der Band des norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek und arbeitete bis Ende der 90er Jahre mit ihm zusammen. Seit 1985 gab Weber ausserdem Solokonzerte, bei denen er sich elektronischer Klangvervielfältiger bediente, die sein Spiel aufnahmen und es in veränderter Geschwindigkeit und Modulation wieder ausgaben. Weber kann auf eine umfangreichen Diskografie verweisen und war als Gastmusiker bei den verschiedensten Produktionen (unter anderem mit Kate Bush) beteiligt.

Fred Braceful, ursprünglich aus Detroit, verstorben 1995 in München, studierte am Konservatorium in Chicago Klavier, spielte zu dieser Zeit aber bereits in der Band seines Vaters Schlagzeug. Als Soldat der US Armee kam er Ende der 50er Jahre nach Deutschland und liess sich nach Beendigung des Militärdienstes in Stuttgart nieder. Dort lernte er Wolfgang Dauner kennen, zu dessen Trio er seit 1963 gehörte. Unter anderem spielte er mit Dauner auf den Alben "Free Action", "Für“, "Rischka`s Soul", "Output", "Et Cetera", "Knirsch" und "Et Cetera Live" mit, war also fast bei allen Projekten Dauner's bis dahin mitbeteiligt. Wie damals üblich, war Fred Braceful nicht an eine Band gebunden, sondern spielte auch noch mit vielen anderen bekannten Jazzmusikern, wie etwa Dollar Brand, Hans Koller, Albert Mangelsdorff, Manfred Schoof und zahlreichen Weiteren. 1973 gründete Braceful mit dem Gitarristen und Bassisten Andy Goldner und dem Keyboarder Thomas Balluf die Gruppe Exmagma. Exmagma spielten drei Alben ein, stilistisch irgendwo zwischen Jazzrock und Avantgarde. 1976 war er Mitbegründer von Moira. Auf dem Album der Band hatte er allerdings nicht mitgewirkt. Anfang der 80er Jahre zog er nach München und gründete dort sein eigenes Trio, wobei er zusätzlich noch mit anderen Musikern zusammen spielte. Soweit bekannt, war seine letzte Aufnahme die Einspielung der CD "Langsames Blau" mit dem Trio des Saxophonisten Michael Hornstein. 

Die Freeman-Brüder schrieben in ihrer sehr empfehlenswerten Enzyklopädie 'The Crack In The Cosmic Egg' über Wolfgang Dauner und Et Cetera: Als ständiger Auslöser musikalischer Revolutionen heckte Wolfgang Dauner äusserst sorgfältig eine der raffiniertesten Schwindeleien in der Geschichte des Krautrocks aus. Er schaffte es, seine bereits seit längerer Zeit bestehende Band unter dem Namen Et Cetera als neue Band zu vermarkten mit einem psychedelischen Cover als Blickfang der gleichzeitig veröffentlichten LP auf dem absichtlich Hinweise auf die Musiker fehlten. So kam es, dass das Album, obwohl auf Global Records, ein auf die Veröffentlichung von Jazz spezialisiertes Label erschienen, dem Rockmusik-Markt mit einem entsprechend grösseren Käuferkreis zugeordnet wurde und überraschend zum Verkaufsschlager avancierte. Trotz seiner radikalen Mischung aus Rock, Jazz, Weltmusik und Avantgarde zog das Album erstaunlicherweise grosse Aufmerksamkeit auf sich. Die Leser der Zeitschrift Sounds wählten 1971 Et Cetera auf Platz 1 der Rubrik Newcomer des Jahres, obwohl die Band schon seit 1968 unter verschiedenen Namen existierte und bereits mehrere Alben eingespielt hatte. Ein Auftritt der Band im Beatclub am 24.Juli 1971 brachte dann alles ans Licht.

Das Album "Et Cetera" enthält eine aussergewöhnliche Mischung verschiedener musikalischer Einflüsse irgendwo zwischen instrumentalen Amon Düül II, Embryo und Dauner's eigenem Klassiker "Output", arabischer und indischer Musik, für die in erster Linie Sigi Schwab mit seinem grossen Instrumentarium verantwortlich zeichnet, und ungewöhnliche Avantgarde Elemente, insbesondere von Dauner's ringmodulierten Keyboards. All dies summiert sich zu einem Potpourri mit vielen Überraschungen, nicht zuletzt auch durch Fred Braceful's ungewöhnlicher Rezitation in "Lady Blue", die zu Vergleichen mit Malcolm Mooney's (Gruppe Can) Sprechgesang veranlasste. Die Freeman-Brüder zählen das Werk "Et Cetera" zu ihrer 'The Krautrock Top 100' Liste.


15.04.2018


BRIAN DAVISON'S EVERY WHICH WAY - Brian Davison's Every Which Way
(Charisma Records CAS 1021, 1970)

Für viele Freunde der progressiven Rockmusik blieb das leider einzige Album Brian Davison’s "Every Which Way" ein Geheimtipp. Obwohl Brian Davison als Schlagzeuger von The Nice über mehrere Jahre Weltruhm und höchste Anerkennung genoss, blieb "Every Which Way" eher im Verborgenen. Das Album, am 25.September 1970 veröffentlicht, wurde zwar in nahezu allen relevanten Ländern auf den Markt gebracht. Die eher mässigen Verkaufszahlen bestätigten allerdings die Vermutung, dass der Glanz von The Nice nicht auf die Band abstrahlte. Dies galt übrigens auch für die Projekte der anderen The Nice-Mitglieder Lee Jackson und David O’List. Auch deren Veröffentlichungen als Jackson Heights und Jet blieb der Erfolg versagt. Lediglich Keith Emerson startete mit Emerson Lake & Palmer durch. Doch das war eine andere Geschichte. 

Zuvor hatten Emerson und Jackson mit Gary Farr And The T. Bones gespielt, Emerson auch kurzfristig noch bei den V.I.P., bevor sich das Quartett Keith Emerson, Brian Davison, Lee Jackson und David O’List gleichzeitig als Backingband der Popsängerin P. P. Arnold und als The Nice formierten. Bei Konzerten traten sie gleichzeitig als The Nice im Vorprogramm und als Begleitband der Sängerin auf. Das Plattenlabel Immediate Records wurde auf die Band aufmerksam und verschaffte ihr einen Plattenvertrag im Oktober 1967. Noch im selben Jahr erschien die erste LP der Band. Weitere Alben folgten. Die Band feierte weltweit grosse Erfolge. Anfang 1970 lösten sich The Nice auf. Davison legte erst einmal eine Pause ein, um sich über sein weiteres Musiker-Dasein klar zu werden. Im Frühsommer 1970 fanden sich dann binnen kurzer Zeit die fünf Bandmitglieder des neuen Projekts Every Which Way zusammen. In einem Interview im Melody Maker vom 08 August 1970 erzählte Brian Davison, wie die Band zusammenfand: "Alles fing damit an, dass ich mir während der Zeit, als ich mit The Nice auf Tournee war, bewusst wurde, welche Musik mir wirklich gefällt. Ich traf verschiedene Leute auf meinen Reisen und schätzte ihre Musik. Es war nicht so, dass ich mir die Leute bewusst für eine künftige Band ausgesucht hatte, aber nachdem sich The Nice aufgelöst hatten, erinnerte ich mich wieder an sie. Alan hatte ich schon immer gemocht. Er ist einer der lebendigsten Bassisten, die ich je gehört habe. Dann haben wir ein oder zwei Sologitarristen ausprobiert, aber diese passten nicht so recht zur Band, so dass Alan meinte, dass wir es mit John, den er bereits kannte, versuchen sollten. John hat sich echt gut bei uns eingeführt".

In einem zweiten Interview vom 31.10.1970 sagt er: "Ich hatte keine spezielle Band im Kopf, als sich The Nice auflösten. Ich habe es langsam angehen lassen, und das ist auch der einzige Weg, wie man etwas erreichen kann. Zuerst habe ich an die Leute gedacht, von denen ich wusste, dass sie gute Musiker sind. Ich glaube Graham Bell und Jeff Peach waren die ersten. Ich wusste, dass Graham ein sehr guter Sänger ist und Jeff habe ich anlässlich verschiedener Auftritte spielen gehört. Das grösste Problem war, einen Gitarristen zu finden. In den letzten 5 Monaten haben wir das Album aufgenommen und der Kern der Band steht, aber was die Auftrittsmöglichkeiten angeht, ist alles sehr enttäuschend. Wenn du lediglich hier und da einen Auftritt hast, fehlt die Ausgewogenheit, obwohl alle Auftritte bisher mit der Ausnahme desjenigen im Marquee gut waren. Als wir das Album aufgenommen haben, lief alles so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Aber wir müssen weiter voran kommen. Wenn wir stetig weiterarbeiten können, wird alles noch viel besser. Live spielen wir das gesamte Album und zusätzlich das Stück "Days Of 49" von Bob Dylan". 

Es ist auffällig, dass die Band innerhalb kürzester Zeit in der Lage war, ein dermassen spannungsreiches und sehr eigenständiges Album aufzunehmen. Ein dem Sound der "Every Which Way" LP vergleichbares Album dürfte nicht existieren. Mit der speziellen Auswahl seiner Mitmusiker hatte Brian einen Sound geschaffen mit vielen gefälligen kleinen Nuancen und Anspielungen, geprägt von erstklassigem Gesang und den Soli der Gitarre und der Blasinstrumente, angetrieben von einer kraftvollen Rhythmusgruppe. Musikalisch hatten sie den magischen Kompromiss zwischen unterhaltsam und verbindlich gefunden, wobei das erste Anhören nur ein Appetitanreger sein konnte und noch nicht alle Kostbarkeiten erkennen liess. Die Band gewährte Graham Bell, früher bei der Band Skip Bifferty aktiv, die Möglichkeit, seine bis dato unterschätzten Gesangs- und Kompositionstalente zum Ausdruck zu bringen. Tatsache war, dass Graham Bell auch die meisten der Songs des Albums komponiert hatte. Brian Davison hierzu: "Ich habe der Band gesagt, dass, wenn sie eine Idee haben, sollen sie sie niederschreiben. Es sollte nicht alles von einer Quelle herrühren. Über die Jahre haben sich eine Menge Ideen angesammelt und nun gibt es eine konkrete Möglichkeit, diese zu verwirklichen".

Brian Davison hatte eine freundliche und verbindliche Art. In seinen Ansichten und Aussagen war er jedoch nicht kompromissbereit. Nach der Auflösung von The Nice blieb er stur: Er sagte nichts über die Gründe der Auflösung, noch wie er sich danach fühlte: "Es wäre nur sinnlose Zeitverschwendung darüber zu reden. Die Band gibt’s nicht mehr und damit hat es sich". In seinem Interview in der Ausgabe des Melody Maker vom 31.Oktober 1970 hatte Brian Davison vielleicht schon eine Ahnung, dass die Band nur kurzlebig sein würde. Insbesondere beklagte er fehlende Auftrittsmöglichkeiten. Ein Auftrittsplan, der nur von vier Auftritten in fünf Monaten zeugte, tat selbst einer unbekannten Band weh. Aber wenn man Brian Davison war und gerade eine neue Band gegründet hatte mit der Absicht, volle Pulle loszulegen, war es noch schlimmer. Das Leben eines Musikers verlief nicht immer glücklich und der Bandleader hatte die Aufgabe, Enttäuschungen soweit wie möglich zu kompensieren, wie irritierende kleine Ungeschicklichkeiten wieetwa jenes, dass bei der LP das Albumlabel auf die falsche Seite gepresst wurde, wie es tatsächlich passierte.

Nach der Auflösung der Band wechselte der Sänger Graham Bell zu Arc, aus der später Bell & Arc hervorgingen, die bereits 1971 ein Album auf Charisma Records veröffentlichten. In dieser Band traf Graham Bell wieder auf seine alten Kollegen der Band Skip Bifferty. Nach deren Auflösung 1972 machte Bell als Solokünstler weiter. Brian Davison liess sich mit neuen Bandprojekten etwas Zeit und gründete erst wieder im August 1973 zusammen mit seinen ehemaligen Nice-Mitstreitern Lee Jackson und dem Keyboarder Patrick Moraz die Band Refugee, die stark an The Nice erinnerten. Auch diese Formation hielt nicht lange durch, da Patrick Moraz im August 1974 Rick Wakeman bei Yes ersetzte. Brian Davison arbeitete anschliessend als Session-Musiker. Im Frühjahr 2006 war er mit den reformierten Nice auf Tournee. Sogenannte 'Supergruppen' leiden häufig darunter, dass sie so super und berühmt sind. Nur wenige behalten die Bodenhaftung und finden aus der Einbahnstrasse des riesigen Hypes wieder heraus. Typisch für die anderen ist, dass sie sich zurückziehen und sich mit möglichst vielen Gleichgesinnten umgeben. Jeder Egomane will verhätschelt sein oder geht es vielleicht am Ende doch nur ums Geld ?

Der Schein oder Anschein von Grösse verkauft sich eben bestens, meist aber auf Kosten der Musik, die dem Hype nicht gerecht wird. Glücklicherweise gibt es aber auch Ausnahmen, wofür das vorliegende Album das beste Beispiel ist. Nachdem sich The Nice aufgelöst und zwei Mitglieder (Keith Emerson und Lee Jackson) bereits neue Bands gegründet hatten, machte Brian Davison das einzig richtige, nämlich in Ruhe nachzudenken und die Lage zu analysieren. Nachdenken darüber, was er tun wollte und wohin es sich zu orientieren galt. Nach und nach schloss er sich mit einigen Freunden zu einer neuen Band zusammen und "Every Which Way", sowohl Band wie Album, war genau das Richtige. Es gab keinen Hit auf dem Album. Das war auch nicht anders gewollt. Fünf Leute spielten zusammen und gaben ihr Bestes. Als Bandleader hätte Brian das Recht gehabt, die Band als Mittel zur Präsentation seines Schlagzeugspiels zu nutzen. Aber das war nicht seine Art. Dafür war er zu diszipliniert; als Musiker hatte er sich unter Kontrolle. Graham Bell komponierte die meisten Titel des Albums. Er hätte also auch die Richtung bestimmen können. Tat er aber nicht. Jeff Peach spielte hervorragend Saxophon und Flöte: Hätte also sein Album werden können. Wurde es aber nicht. Es war auch nicht Allan Cartwright's oder John Hedleys’s Album. Staddessen war es ein richtiges Band-Album. Die Band spielte darauf eine leise Musik. Spannend erklang sie aus den hohen Wattzahlen der Lautsprecher. Akustikgitarre, Gesang und Sopransaxophon vermischten sich, nahmen Gestalt an und schufen einen Rhythmus und eine Atmosphäre, in der jeder nahm und gab. Der Schlussteil von Graham Bell’s "Castle Sand" war so phantastisch, dass er nur in absolut stiller Konzentration wahrgenommen werden sollte. Und selbst dann konnte man beim ersten Hören des Titels die Hälfte seiner Schönheit und seines Aufbaus nicht mitkriegen. 

Das Album war so konzipiert, dass man es häufig hören musste, um die ganze Schönheit der Musik mitzubekommen. Was Brian Davison angeht, so hatte er meiner Meinung nach nie besser gespielt als auf diesem Album und zeigte grösstes Einfühlungsvermögen für das Spiel der anderen Bandmitglieder. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das war eine Gruppe. Das Album war bestimmt kein Superalbum. Hier gab es keine Superstars. Die Musik war in vielfacher Hinsicht umfassender, gleichzeitig aber auch entspannter als das, was viele sogenannte 'Supergroups' bieten. Sie erforderte ein konzentriertes Zuhören. Aber wenn einmal ein Zugang zu ihr gefunden war, würde sie bleiben und den Zuhörer berühren, weit über den Zeitraum hinaus, als die Musik mancher so genannter 'Supergruppen'. Zwischen der Band und der Plattenfirma gab es erhebliche Meinungsunterschiede darüber, in welche Richtung sich die Musik entwickeln sollte. Das war letztlich ebenfalls mit ein Grund dafür, weshalb sich Every Which Way schon nach kurzer Zeit wieder trennten: So viele Talente, die unterschiedlicher kaum sein konnten, und die dennoch ihre eigenen Ego's nicht in den Vordergrund stellen wollten zugunsten einer vielleicht eher unspektakulären, dafür aber umso mehr einer wundervollen, in sich stimmigen und sehr unaufdringlichen Musik. Ein wahres Kleinod, das für mich immer schon einen ganz wichtigen Stellenwert in der Rockgeschichte darstellt.









14.04.2018


PROCOL HARUM - Grand Hotel (Chrysalis Records CHR 1037, 1973)

Die meisten der Musiker, die sich später bei Procol Harum zusammenfanden, hatten schon zuvor als The Paramounts einige Beat- und Rhythm & Blues-Singles aufgenommen. Gary Brooker und Keith Reid gründeten Procol Harum 1967. Der Bandname soll durch die Falschschreibung aufgrund der telefonischen Übermittlung eines Katzennamens Procul Harum entstanden sein. In Ermangelung einer korrekten Erklärung dieses Katzennamens legte man dem Bandnamen einen lateinischen Ursprung zugrunde, hier für 'fern von hier und jetzt', wobei die korrekte Übersetzung 'procul his' lauten müsste. Procol Harum wurden im Frühjahr 1967 vor allem mit einem Song weltberühmt, nämlich "A Whiter Shade Of Pale", das kurz nach seiner Veröffentlichung als Single 2,5 Millionen Mal und seitdem weltweit mindestens 6 Millionen Mal verkauft wurde. Dieser Erfolg traf die Autoren Brooker und Reid völlig unvorbereitet. Einen wesentlichen Anteil am Erfolg dieses Songs hatte das an Johann Sebastian Bach orientierte Hammond-Orgelspiel von Matthew Fisher. Als Komponisten galten lange Zeit nur Brooker und Reid, bevor Ende 2006 ein britisches Gericht Matthew Fisher einen Teil der Urheberrechte zuschrieb.

Es folgten weitere Hits wie "Homburg" und "A Salty Dog". Auch in den 70er Jahren hatten Procol Harum Erfolg, unter anderem mit dem Album "Grand Hotel", ihrem sechsten Studioalbum, auf welchem Christiane Legrand als Gastsolistin sang. "Grand Hotel" war so etwas wie eine Tour de Force für Procol Harum. Die Aufnahmen zum Album begannen im April 1972 zu einem Zeitpunkt , als die Band gerade eine Renaissance erlebte. Procol Harum's Live-Konzert mit dem Edmonton Symphony Orchestra war auf Platz 5 der amerikanischen Albumcharts und ihre Single "Conquistador" auf Platz 16 gestiegen und die Band war wieder überall im Gespräch. In den nächsten 18 Monaten folgten spezielle Orchesterkonzerte mit Procol Harum, die mit dem Los Angeles Philharmonic in der Hollywood Bowl stattfanden, weitere mit The London Philharmonic im Londoner Rainbow Theater , und einige auf einer Tour durch deutschsprachige Länder mit dem Münchner Symphonie Orchester. Dabei spielte die Band auch bereits orchestrierte Fassungen von Songs aus dem bevorstehenden "Grand Hotel", was das Interesse an dem Album zusätzlich befeuerte.

Veröffentlicht im März 1973 präsentierte "Grand Hotel" als neues Bandmitglied den Gitarristen Mick Grabham in einer Besetzung, welche für die Hälfte dieses Jahrzehnts konstant bleiben würde. Grabham dachte so sehr an Procol Harum, dass er die Gelegenheit ausschlug, dem ehemaligen Free-Künstler Andy Fraser und seiner Band beizutreten. Die britische Musikpresse schwärmte von dem Album. Aber war es ein Konzeptalbum ? Das Cover zeigte die Band vor dem Grand Hotel am Genfersee in der Schweiz, was darauf hindeutete, dass es sich durchaus um ein Konzeptalbum handeln könnte. In Wahrheit spiegelte es nur den epischen Titel wieder, der darauf zu hören war und den Procol Harum unbedingt als Titelsong verstanden haben wollten. Der Melody Maker-Rezensent Richard Williams fand, dass der Titelsong seinem Anspruch gerecht werden würde und bewertete das Album sehr gut. Auch die Fans goûtierten das Album und kauften es. Mit "A Souvenir Of London" wurde auch eine Single ausgekoppelt, die recht erfolgreich war. Das Album erreichte in den USA den Rang 21 in den Billboard Hot 100 Charts.

Was sofort auffiel: "Grand Hotel" signalisierte einen Richtungswechsel für die Band. Der Gitarrist Dave Ball, der im Vorjahr für das Live-Album der Band beigetreten war, verliess kurz nach dem Fotoshooting des Covers für das geplante Album die Band. Das Coverdesign wurde danach manipuliert: Grabham's Kopf lag schliesslich auf der Vorder- und Rückseite des Albums auf Ball's Körper. Obwohl die Band in den vergangenen Jahren erhebliche personelle Veränderungen durchgemacht hatte, ging die Band mit dieser Besetzung in die stabilste Phase. Die Single "A Souvenir Of London" wurde von der BBC wegen ihres Hinweises auf Geschlechtskrankheiten in den Texten des Liedes verboten. Reid behauptete hingegen, dass sowohl der Songtext wie auch die Melodie durch einen Besuch in einem Souvenirladen in der Nähe von George Martin's Air Studios inspiriert war. "Fast jedes Album hat mindestens einen Comic-Song, und dieser war ein bisschen ironisch", sagte Reid im Rahmen eines Interviews für die CD-Neuauflage von "Grand Hotel" schliesslich im Jahre 2009.

Die Besetzung der Gruppe Procol Harum wechselte in den nachfolgenden Jahren bis auf Brooker, Wilson und Reid häufig. Die Band veröffentlichte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1977 zehn Alben. Sie zeichnete sich immer wieder durch einfallsreiche, oft an der klassischen Musik orientierte Kompositionen aus. Daneben fanden sich im Werk von Procol Harum aber auch immer wieder Songs, die stark im Blues verwurzelt waren. 1991 fanden sich Procol Harum erneut zusammen, mit Mark Brzezicki, dem ehemaligen Big Country-Schlagzeuger, der auch bei den Bands The Cult und Ultravox tätig gewesen war, anstelle des 1990 verstorbenen B. J. Wilson, und blieb auch weiterhin eine sehr erfolgreiche Live-Band. Auch im Studio wurde die Gruppe wieder aktiv. In der aktuellen Besetzung spielen neben Gary Brooker auch Geoff Whitehorn (Gitarre), Josh Phillips (Orgel), Geoff Dunn (Schlagzeug) und Matt Pegg (Bass). Der legendäre britische Musiker und Lyriker Pete Brown schreibt nun die Songtexte für Procol Harum, die im Jahre 2017 wieder ein bemerkenswertes Album mit dem Titel "Novum" veröffentlicht haben.