May 31, 2016


JIM CAPALDI - Whale Meat Again (Island Records ILPS 9254, 1974)

Als der ehemalige Schlagzeuger der Jazz Rock Gruppe TRAFFIC zwei Jahre nach seinem Solo Debutalbum "Oh How We Danced" im Juni 1974 mit diesem songorientierten, perfekt eingespielten Album aufwartete, staunten nicht wenige Musikhörer über die neu eingeschlagene musikalische Richtung, die noch stärker als sein Debutalbum auf den typischen Westcoast- und Soul/Funk-orientierten Rock ausgerichtet war und dadurch praktisch den ganzen Jazz Rock Stil von TRAFFIC verloren hatte. Hier war spätestens jetzt ein hervorragender Singer/Songwriter am Start, der in den folgenden Jahren etliche ähnlich klingende Alben auf den Markt bringen sollte, von denen so einige auch kleinere bis mittlere Hits abwerfen würden. Auf dem Album "Whale Meat Again", einem gelungenen Wortspiel, das eigentlich "We'll Meet Again" meinte, präsentierte Jim Capaldi acht hervorragend durchkomponierte und clever arrangierte musikalische Perlen, die von grosser Abwechslung geprägt waren. Allerdings blieb der Musiker auch mit diesem zweiten Album noch weit hinter den kommerziellen Erwartungen, doch es war offensichtlich, dass es Capaldi, der vom Schlagzeuger nunmehr zum Sänger mutiert war, schon bald zu einem Hit gereichen würde. Schon im Folgejahr gelang ihm dies mit der Single "Love Hurts", die bis auf Platz 4 in den Charts hochkletterte.

Geboren am 2. August 1944 in Evesham Worcestershire (England) im Herzen der britischen Midlands und in eine äusserst musikalische Familie hineingeboren, lernte Jim Capaldi über das Klavier schon bald das Schlagzeug zu spielen und war schon als Teenager in verschiedenen Formationen als Drummer tätig, so etwa in den Bands The Hellions, The Revolution und The Deep Feeling, bevor er die Rolle als Schlagzeuger in der gemeinsam mit dem Keyboarder Steve Winwood neu gegründeten Formation Traffic übernahm. Dave Mason und Chris Wood waren die weiteren Gründungsmitglieder dieser Band, die ihren Fokus schnell auf den Mid- bis End-60er Jazz Rock legte und rasch zu einem Top Act der britischen Musikszene avancierte, nicht zuletzt dank der exzellenten Arbeit von Steve Winwood, der durch sein Keyboardspiel und seinen hervorragenden Gesang überzeugte. Ausserdem spielten die bislang in diversen Bands gemachten Erfahrungen eine grosse Rolle. Winwood kam von der Spencer Davis Group und verstand es, zu dem Jazz Rock auch Psychedelische Pop- und Rock-Elemente in den Sound einfliessen zu lassen, auch Folk britischer Ausprägung und teils fernöstlich anmutende Themen gehörten von Anfang an zu einem wichtigen Stilmittel von TRAFFIC und somit würde man heutzutags vielleicht durchaus richtig liegen mit der Vermutung, dass die Gruppe eventuell eine der ersten sogenannten World Music Bands war, so vielfältig wie sich ihre Musik präsentierte. Mit dem definitiven Aus der Gruppe begannen sowohl Steve Winwood wie auch Jim Capaldi intensiv mit ihren eigenen Solo-Karrieren, für die der Schlagzeuger Capaldi ja bereits 1972 den Grundstein mit seinem ersten Soloalbum gelegt hatte.

Mit einer hervorragend zusammengestellten Begleitband aus hochkarätigen Studio- und Live-Musikern gestaltete Jim Capaldi sein zweites Album "Whale Meat Again". Zu den Musikern gehörten das Rhythmus-Fundament David Hood (Bass) und Roger Hawkins (Schlagzeug), ausserdem die beiden brillianten Gitarristen Pete Carr, Jimmy Johnson und Bubs White, die Keyboarder Barry Beckett, Steve Winwood, Rabbit Bundrick und Chris Stainton, Jean Roussell an der Klarinette, Remi Kabaka und Rebop Kwaku Baah an den Percussions sowie die legendären Muscle Shoals Horns. Was vor allem auffiel waren die hervorragenden Komöpositionen, die allesamt aus der Feder von Jim Capaldi stammten, was seinen ausgezeichneten Ruf nicht nur als versierter Schlagzeuger, sondern auch als Songwriter bestätigte. Ausserdem verfügte Capaldi über eine überaus angenehme und charismatische Stimme, die klar und fest war und in seiner Eigentümlichkeit die Songtexte ideal zu transportieren wusste. 

Der Opener "It's Allright" schaffte als Singleauskopplung auch gleich den Sprung in die amerikanischen Charts mit seinem wundervollen, sehr zurückhaltend arrangierten und von der brillianten akustischen Gitarre von Pete Carr dominierten und dem romantischen, mit einer Steel Drum untermalten schwebend-leichten Karibik-Feeling. Dieser Song entstand unter dem positiven und nachhaltigen Eindruck, den die Reisen in die Karibik und viele Treffen mit Bob Marley und anderen Reggae-Musikern in Jim Capaldi hinterlassen hatten. Capaldi komponierte unter anderem den Song "This Is Reggae Music", den die Band Zap Pow einspielte und der zu einer der bekanntesten Hymnen der Reggae-Musik avancierte. 

Der Titelsong "Whale Meat Again" nahm sich den illegalen Walfang zum Thema, geriet zur politischen und sozialkritischen Anklage und übte einen scharfen Fingerzeig auch in Richtung Umweltpolitik. Die Muscle Shoals Horns spielten zu dem recht rockigen Song einen scharfen Bläsersatz und gaben dem Titel damit seinen ganz eigenen Feel. Zum ersten Höhepunkt gestaltete sich danach die Rock-Ballade "Yellow Sun", ein träumerisches Stück gefühlvolle Rockmusik, das ich mit zum besten zähle, was zu Mitte der 70er Jahre in diesem Bereich zu hören war. Der Longtrack mit dem hervorragend gespielten Dobro und der Slide Gitarre von Pete Carr und einem erhabenen Klaviersolo von Barry Beckett ist bis heute das meiner Meinung nach schönste Stück, das Capaldi geschrieben hat.

Weitere Höhepunkte auf diesem Album sind auf jeden Fall der schleichend groovende funky Rock "Low Rider" mit seinem perfekt inzenierten Streicher-Sound. Die Geigen-Arrangements bei diesem tollen Stück vermitteln sehr viel Soul-Feeling und werden sowohl als Untermalung, wie auch als Fills eingesetzt, was dem Stück insgesamt eine ziemliche Dramatik verleiht, die äusserst spannend wirkt. Dazu erneut ein hervorragendes Gitarren-Solo von Pete Carr sowie eine treibende Wah Wah Rhythmusgitarre, gespielt von Jimmy Johnson. Auf jeden Fall eines der grossen Highlights hier ist auch der Funk Rock Titel "Summer Is Fading", der sich als einschmeichelndes grooviges Strandfeeling ankündigt, in seiner Dramaturgie jedoch konsequent aufbaut und schliesslich in einem perkussiven Gewitter entlädt, wobei auch die Rhythmik angehoben wird. Ein regelrechtes Feuerwerk, getragen von sehr viel Perkussion und prägnant  in Szene gesetzt durch die perfekte Arbeit von Steve Winwood an der Orgel, der hier auch den Bass spielte. Hauptverantwortlich für den treibenden Perkussions-Groove war hierbei Rebop Kwaku Baah, der auch schon zu Zeiten von TRAFFIC mit Winwood und Capaldi zusammengearbeitet hatte.

"Whale Meat Again" ist ein perfekt produziertes, ausgeklügelt arrangiertes und von hochkarätigen Songs durchflutetes Album, das bis heute erhältlich ist, da es als CD mehrfach wiederveröffentlicht wurde. Dadurch besteht die Möglichkeit, dieses hervorragende Werk auch noch nach 42 Jahren zu entdecken, was sich ganz bestimmt lohnt. Das Album hatte Jim Capaldi selbst produziert. Der Musiker starb 60 jährig am 28. Januar 2005 an Krebs.

May 29, 2016


PHIL LESH & FRIENDS - There And Back Again (Columbia Records CK 86624, 2002)

Einen musikalischen Einstand nach Mass gelang dem Bassisten von Grateful Dead mit diesem in jeder Hinsicht perfekten Jam-Album, das hierzulande ausser den brettharten Dead Heads, zu denen ich mich seit einigen Jahren durchaus auch zähle, leider kaum Jemand beachtet hatte, als es erschien. Dabei hätte alleine die Liste der beteiligten Musiker aufhorchen lassen müssen. Ein wahres Stelldichein des "Who Is Who" der amerikanischen Jam-Szene brillierte hier mit einem exquisiten Projekt, das sämtlichen stilistischen Schattierungen der Künstler gerecht wurde, die sich hier als Team mit ihren ganz eigenen Grooves, Roots und Fähigkeiten mit einbringen konnten. Phil Lesh, Gründungsmitglied, Bassist und Sänger der legendären Grateful Dead verpflichtete für dieses erste Album "mit Freunden", dem er später weitere folgen lassen sollte, den exzellenten Gitarristen und Sänger Warren Haynes der Allman Brothers Band und von Gov't Mule. Als weiterer Gitarrist mischte Jimmy Herring mit, bekannt vor allem durch seine Arbeit in der Band Widespread Panic, dazu Keyboarder Bob Barranco, ein hervorragender kalifornischer Session-Musiker sowie der Schlagzeuger John Molo aus der Gruppe The Range von Bruce Hornsby. Dazu gesellte sich der versierte Grateful Dead-Musiker Robert Hunter, der mit seinen Songtexten etliche Songs dieses Albums mit exquisiten Texten versehen hatte.

Es versteht sich von selbst, dass diese hochkarätige Riege nicht vor hatte, das Rad neu zu erfinden. Allerdings gelang dem Musiker Phil Lesh hier etwas, das es so weder auf seinen eigenen späteren Alben, noch auf ähnlichen Projekten der beteiligten Musiker jemals wieder in so perfekter Weise gelang: Die Verschmelzung der stilistischen Vorzüge und Besonerheiten der Allman Brothers Band, von Gov't Mule und von Grateful Dead. Das entspannte Jammen von Grateful Dead erfuhr in diesen Aufnahmen eine fast Westcoast-rockige Spielweise à la Widespread Panic, wobei besonders Gitarrist Warren Haynes mit seiner beseelten Gitarrenarbeit auch stets für ausreichend Bodenhaftung und eine spürbare Bluesrock-Erdung sorgte. Das Ganze hörte sich allerdings durch das gesamte Werk stets locker und flüssig an, sodass man manchmal nicht so recht wusste: Läuft hier jetzt grad eine CD von Gov't Mule oder doch von Grateful Dead ? Für einen grossen Fan dieser Art von Musik wie mich natürlich ein völliges Luxusproblem...

Warme, äusserst transparente und gleichzeitig vielschichtige Klangbilder prägen "There And Back Again", erweitert um teilweise vertrackte, schachtelartig verwobene Rhythmen - man merkt: das Ganze ist aus dem Erbe von Grateful Dead entstanden, so als wenn ebendiese auf Gov't Mule träfen. In der Tat kann man Phil Lesh & Friends als Keimzelle für eine Reformation von The Dead betrachten, da aber alle Mitglieder als äusserst vielbeschäftigte Musiker in ihre eigenen Projekte und Bands involviert waren, kam das Ganze nicht so recht vom Fleck und erledigte sich später deshalb leider von selbst. Das hinderte Phil Lesh allerdings nicht daran, mit anderen hochkarätigen Friends auch weiterhin zu musizieren.

Es empfiehlt sich bei diesem Album, unbedingt nach der limitierten Doppel CD-Version Ausschau zu halten, denn sie hält ein paar ganz wunderbare Zückerchen gegenüber der im Original als Einzel-CD veröffentlichten Platte bereit, die absolut lohnenswert sind. Um das Pferd quasi von hinten aufzuzäumen: Die zweite CD hält mit dem Grateful Dead-Klassiker "Dark Star" eine über 25 1/2 Minuten gejammte Version bereit, die es so in dieser Art kaum woanders zu hören gibt. Besonders hier offenbart sich die enorme Spielfreudigkeit und die hohe Qualität von Warren Haynes als Gitarrist. Er verleiht diesem Klassiker einen nie gehörten neuen Glanz, und dies, obschon er sich relativ dicht am Original hält. Solche prachtvollen Kunststücke sind aber seit jeher von ihm bekannt, besonders, wenn er sich - ebenfalls zumeist unterstützt von hochkarätigen Gastmusikern - mit seiner Band Gov't Mule des immensen Katalogs der Musikgeschichte bedient und Klassiker aus den Bereichen Rock, Jazz und Blues, ja gar Bluegrass und Folk, neu interpretiert. Ebenfalls auf der zweiten CD findet sich eine weitere Top-Grateful Dead Nummer aus der gemeinsamen Feder von Jerry Garcia, Phil Lesh und Robert Hunte: Das märchenhaft schöne "St. Stephen", auch dieses Stück in einer wundervollen sehr fluffigen und einnehmenden Variante.

Die erste und somit originale CD wird mit zwei ungemein gemütlich rockenden Songs aus der Feder von Phil Lesh eröffnet, für die Robert Hunter die Songexte beisteuert: das laidbacke "Celebration", gesungen von Phil Lesh, ist ein perfekter Einstieg und macht sofort klar, dass hier keinerlei Hektik und schon gar keine exhibitionistische Leistungs-Show im Vordergrund stehen soll. Der Tenor lautet: Statt "Seht her, was wir alles können" eher "Seht hier, was für eine coole Zeit wir zusammen haben". Der tolle Satzgesang und Warren Haynes' hervorragende Slide Guitar unterstreichen dies sehr eindrücklich. Dasselbe gilt für die zweite Nummer "Night Of A Thousand Stars" mit seinen von Gitarrist Jimmy Herring perfekt und punktgenau platzierten Licks und Soli. Hier brilliert Warren Haynes mit seinem exquisiten rauchigen und bärenstarken Gesang. Letzterer bietet mit der nachfolgenden, von ihm im Alleingang geschriebenen Ballade "The Real Thing" eine äusserst liebevolle Verneigung vor dem Grateful Dead Musiker Jerry Garcia. Warren Haynes war immer schon ein grosser Fan von Garcia, der ihn und sein ganzes Spektrum als Musiker stark beeinflusst hat.

Auch Jimmy Herring leistet kompositorischen Anteil an diesem sehr demokratisch aufgeteilten Werk im Titel "Again And Again", der dank seiner leicht jazzigen und etwas komplexeren Ausrichtung in Verbindung mit dem fast kanonartigen Dreifach-Leadgesang streckenweise an Jupiter Coyote, aber auch an die jazzigen und oftmals durch hektischen Drive geprägten Dixie Dregs des Gitarristen Steve Morse erinnert. "No More Do I" holt den Zuhörer dann wieder zurück zur Gemütlichkeit. Das von Phil Lesh komponierte Stück ist ein tolles Laidback-Zückerchen, gesungen von Lesh und Haynes. Mit der Nummer "Patchwork Quilt" gibt es anschliessend eine bewährte Gov't Mule Nummer zu hören, die ganz klar auf Warren Haynes' Qualitäten als Gitarrist ausgelegt ist. Dieses Stück spielt er seit vielen Jahren immer wieder regelmässig an Konzerten mit seiner Band.

Einen gehörigen Schuss Funk und Jazz Rock erhalten die nachfolgenden Titel "Liberty" aus der Feder von Jerry Garcia, sowie der "Midnight Train" von Phil Lesh. Als ein wahres Slide Guitar Feuerwerk entpuppt sich das von Bob Barranco gesungene "Leave Me Out Of This". Das Feuerwerk definitiv gezündet wird dann anschliessend beim Stück "Welcome To The Underground", einem wohlbekannten und vielgespielten Stück von Warren Haynes, das hier in dieser Version einen dezenten Reggae-Touch erfährt, welcher die Nummer äusserst tanzbar und sehr geschmeidig klingen lässt. Den Kracher "Rock And Roll Blues" darf man dann getrost als perfekten Rausschmeisser bezeichnen. Das ist einfach Partystimmung pur, die hier vom perfekten Einsatz der Geige, gespielt von Gastmusiker Michael Kang, noch das berühmte Tüpfelchen auf dem i erhält.





May 27, 2016


ASAF AVIDAN & THE MOJOS - The Reckoning (Telmavar Records TMR 002, 2008) 

Der israelische Folk- und Rockmusiker Asaf Avidan, dessen auffälligstes Merkmal seine Falsettstimme ist, wird manchmal wie ein Mix aus Janis Joplin und Robert Plant bezeichnet, was zwar einerseits etwas weit hergeholt scheint, letztlich aber doch gar nicht so schlecht passt. Der Sohn eines israelischen Diplomaten wuchs unter anderem in Jamaika auf. Musikalisch beeinflusst wurde er laut eigener Aussage vor allem durch die umfangreiche Plattensammlung seiner Eltern, in der sich verschiedenste Stilrichtungen fanden. Später kamen auch Platten seines älteren Bruders hinzu, der als Manager eines Plattenladens arbeitete. Als wichtige Einflüsse nennt Asaf Avidan die Bands und Musiker Bob Dylan, Leonard Cohen, Tom Waits, Nirvana, Soundgarden, Pearl Jam, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, The Doors, Radiohead, Muddy Waters, John Lee Hooker und Blind Willie McTell, aber auch klassische Musik, etwa von Chopin und Beethoven als seine wichtigsten Einflüsse.

Nachdem Asaf Avidan als Jugendlicher ein Metallica-Konzert besucht hatte, wünschte er sich ein Schlagzeug, weil er im Spiel des Metallica Schlagzeugers Lars Ulrich seine Leidenschaft für die Rhythmik des Rock entdeckte. Da ein Schlagzeug für die Wohnung zu gross und zu laut war, bekam er eine elektrische Gitarre. Doch über eine Gitarrenstunde kam er nicht hinaus. Erst während des Wehrdienstes holte er sie wieder hervor. Der schmächtige Avidan galt in der Armee als Aussenseiter. Er brachte sich als Autodidakt einige Akkorde bei und schrieb und spielte Lieder, um seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Meist schrieb er dazu Texte, die eine gewisse Traurigkeit als zentrale Botschaft zum Ausdruck brachten. Nachdem er nach Ende seines Wehrdienstes dieses Ventil für seine Emotionen nicht mehr benötigte, legte er die Gitarre allerdings wieder beiseite und studierte Film und Animation. Erst nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin holte er die Gitarre wieder hervor, um die Musik als Ausdrucksmittel zu nutzen und entschied sich, Musiker zu werden. Sechs Lieder, in denen er das Zerbrechen seiner Beziehung verarbeitete, veröffentlichte er 2006 in Israel als Debüt-EP "Now That You're Leaving". Avidan veröffentlichte die EP – wie auch alle weiteren Alben – auf dem eigenen Label Telmavar Records, das er gemeinsam mit seinem Bruder Roie Avidan gründete. Für eine Tour durch Clubs in Israel stellte er mit dem Bassisten Ran Nir, dem Schlagzeuger Yoni Sheleg, dem Gitarristen Roi Peled und der Cellistin Hadas Kleinman eine Band zusammen, die sich Asaf Avidan & the Mojos nannte.

Die Band veröffentlichte 2008 das unfassbar schöne Debutalbum "The Reckoning". Die Reaktionen auf dieses Meisterwerk waren wenig überraschend einhellig positiv und brachten diesem Ausnahmekünstler eine Nominierung als bester israelischer Künstler bei den MTV Europe Music Awards ein. Der Titel "Weak" des Albums "The Reckoning" war Teil des Soundtracks zum Film "The Tree" (2010). Für das Album "The Reckoning" und auch für das ein Jahr später veröffentlichte "Poor Boy/Lucky Man" schlossen Asaf Avidan & the Mojos einen Lizenzvertrag mit Sony/Columbia Records für den Vertrieb der Alben in Europa ab. Dadurch wurde Asaf Avidan auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt. Die Alben wurden mit einiger Verzögerung auch in Deutschland offiziell veröffentlicht ("The Reckoning" im Jahre 2010 und "Poor Boy/Lucky Man" dann 2011). Bei ihren Touren in Israel konnten Asaf Avidan & the Mojos eine beachtliche Fangemeinde gewinnen. Sie füllten bei ihren Auftritten schließlich große Hallen. Ihre Alben erreichten in Israel Goldstatus. Es folgten Auftritte in Europa, unter anderem zwei Auftritte im WDR-Rockpalast. Avidan war zudem im Vorprogramm zahlreicher bekannter Musiker zu hören, so zum Beispiel für den Musiker Morrissey in Tel Aviv im Jahr 2008, für Bob Dylan im Ramat-Gan-Stadion im Juni 2011 oder bei einem Tribute- und Benefizkonzert für die Gruppe The Who in der Carnegie Hall in London.

Ein Teil von Asaf Avidan's "Reckoning Song" fand als Sample-Edit einen Einsatz in dem Remix "One Day" des Berliner Musikers und DJs Wankelmut. "One Day" erfreute sich grosser Beliebtheit auf der Internetplattform SoundCloud und bei YouTube und wurde im Juni 2012 als Single veröffentlicht. Nach sechs Wochen war das Lied in den deutschen Top 10 und nach drei weiteren Wochen erreichte es Platz 1. Daraufhin wurde es auch in den Nachbarländern veröffentlicht und stieg in Österreich und der Schweiz sowie in Belgien, den Niederlanden und später in Italien ebenfalls bis an die Chartspitze. Im August 2012 wurde das Album "The Reckoning", auf dem der Originalsong ursprünglich erschienen ist, mit dem Remix als zusätzlichem Bonus-Track wiederveröffentlicht. Der Re-Release des Albums stieg auf Platz 23 der deutschen Album-Charts ein. Das offizielle Musikvideo zu "One Day" wurde seit der Veröffentlichung auf YouTube über 100 Millionen Mal angesehen.

Seit dem grossen Erfolg des Remixes von DJ Wankelmut ist Asaf Avidan zu einer festen Grösse im Bereich Folkrock avanciert. Sein Debutalbum "The Reckoning" überzeugt durch seinen sehr abwechslungsreichen Mix aus teils catchy Rocknummern wie zum Beispiel "Hangwoman", aber auch durch die grossartigen folkigen Stücke wie "Weak", "Little More Time", "Maybe You Are" und selbstverständlich dem Original des traumhaft schönen "Reckoning Song".


Seine einnehmendsten und berührendsten Augenblicke präsentiert Asaf Avidan, wenn er über gescheiterte Beziehungen resümiert. In solchen Momenten erinnert er gar an die poetische Melancholie eines Leonard Cohen: “They met when he was in a hospital, he whispered "I ain't got no heart" into the room. She said "I'll make you smile again" and made an airplane out of some pretty words put in a spoon. She broke from all his words but she was made of mercury, she'd come together later piece by piece. And it became a game they played, under the blankets In the bed, pretending she was small and he was big. She became so small, he could lift her body and heart and all (“Maybe You Are”)




May 26, 2016


CORKY LAING & FRIENDS - The Secret Sessions
(Pet Rock Records PET CD 60042, 1999 / Originalaufnahmen von 1978)

Corky Laing, der ehemalige Schlagzeuger von MOUNTAIN, frotzelte einmal über diese Aufnahmen, nicht ohne ein Quentchen Ironie: "This record is an assortment of secret sessions. It was so secret that at one time the record company couldn't even find the tapes." Nach seinem nicht gerade sehr erfolgreichen Soloalbum "Makin' It On The Street", das 1976 erschienen war, wollte Corky Laing eine neue Band zusammenstellen, und zwar gemeinsam mit dem ehemaligen Mott The Hoople Captain Ian Hunter. Für die Gitarrenparts wurde dessen langjähriger Mitstreiter und ehemaliger Weggefährte von David Bowie, der stets unterschätzte Saitenkünstler Mick Ronson verpflichtet, den Bass wiederum sollte der ehemalige Mountain-Bassist Felix Pappalardi übernehmen. Zu den Sessions gesellten sich weitere illustre Musiker wie beispielsweise die legendären Leslie West, Todd Rundgren und John Sebastian. Und als wären das noch nicht genug Top-Musiker, kamen auch noch die Superstars Eric Clapton und der Allman Brothers Gitarrist Dickey Betts hinzu.

Natürlich freut man sich als Rock-Fan sehr auf so ein verheissungsvolles Projekt, zumal schon von Beginn weg immer wieder Gerüchte durchsickerten, dass da etwas ganz Grosses in der Mache sei, über das letztlich allerdings auch die bestinformiertesten Insider nur vage Vermutungen anstellen konnten und keiner der zahlreichen Rockjournalisten über wirklich verbindliche Tatsachen zu berichten wusste. Aber alleine die Tatsache, dass Ian Hunter zu dem Zeitpunkt gerade mit seiner eigenen, recht erfolgreichen Solokarriere beschäftigt war, liess selbst den glaubensfreudigsten Fan zweifeln, ob da wirklich was dran war an dieser Geschichte. Corky Laing hingegen musste handeln, denn seine Solokarriere hinkte sehr und lag deutlich hinter den Erwartungen seiner Plattenfirma zurück. Als das Projekt mehr oder minder konkret wurde, kam die Idee, eine quasi "Supergroup" ins Leben zu rufen, von Steve Wax, dem Präsidenten des Plattenlabels Asylum/Elektra, bei welchem Corky Laing unter Vertrag stand. Von Anfang an wurde Ian Hunter als Laing zur Seite stehender Komponist ausgewählt und in der Folge kamen nach und nach die weiteren Musiker hinzu, die zum Teil allerdings lediglich für das eine oder andere Solo rekrutiert wurden. Man darf aber davon ausgehen, dass dabei auch strategische Gedanken eine Rolle gespielt hatten: Eric Clapton, Dickey Betts und Leslie West als Gastmusiker sollten wohl vor allem als zusätzlicher Kaufanreiz für die Platte dienen, was jedoch die Qualität ihrer Darbietungen selbstverständlich nicht schmälert.

Todd Rundgren's Rolle bei diesem Projekt war weitaus tragender und von grösserer Bedeutung, denn seine Passion für Arrangements und perfekte Harmonien schaffte es, aus dem reinen Studioprojekt so etwas wie eine komplette Band-Einheit zu schustern, die zusammen toll fuinktionierte, als hätte sie schon seit Jahren zusammen musiziert. Dabei war die Entstehung der Songs vor allem textlich einigen manchmal äusserst peinlichen Momenten in der langen Karriere von Corky Laing geschuldet. So erinnerte er sich beispielsweise an eine Anekdote, als er Gregg Allman in einem Hotel traf, in welchem er angestiegen war. Nachdem Allman Zoff mit seiner damaligen Freundin Cher hatte: "I remember one night in LA when Gregg Allman came over to my hotel after an argument with Cher. He seemed pissed out of his mind and just kept repeating, the key don't fit that lock anymore." Der Schlüsselsatz dieses ebenso peinlichen wie letztlich humorvollen Ereignisses - the key don't fit that lock anymore - führte zum Song "The Best Thing". Solche Anekdötchen wurden zum zentralen Ausgangspunkt fast jedes Songs, den die illustre Gemeinschaft aufnahm, und das schliesst vor allem auch darauf, dass alle Beteiligten in dem Projekt vor allem auch ein Spass-Unternehmen sahen, das nicht so sehr auf Seriosität und Marktkonformität zugeschnitten war. Dies wiederum passte der Plattenfirma nicht: Sie drehte dem Projekt noch während der Aufnahmen den Geldhahn zu, so dass die wenigen, bereits in Arbeit befindlichen Stücke in Levon Helm's Tonstudio hastig fertiggestellt wurden, woraufhin sich das Allstar-Team mangels weiterer Bezahlung natürlich gleich wieder auflöste.

Die komplett eingespielten insgesamt acht Titel dieser allesamt hervorragenden Aufnahmen verschwanden in der Folge für insgesamt 20 Jahre im Archiv der Plattenfirma, bevor sie unter dem Titel "The Secret Sessions" nach über zwei Dekaden doch noch veröffentlicht wurden. Erwartungsgemäss enthielt die entsprechende CD, welche 1999 beim Independent Label Pet Rock Records erschienen war, im weitesten Sinne eine stilistische Mixtur aus Ian Hunter's typischem Glam-infiszierten Rock, der stellenweise an die guten alten Mott The Hoople erinnerte und an den schwerblütigen Blues-Rock der Gruppe Mountain, was nicht erstaunt, da ja mit Leslie West, dem Gast-Bassisten Felix Pappalardi und Corky Laing die Basis-Gründungsband von Mountain mit am Werk war.

Gut produzierter währschafter Rock der 70er Jahre, zumeist in ziemlich lockere Arrangements verpackt, waren das Ergebnis dieser Sessions, bei denen man sich heute in der Tat nur wundern kann, dass sie von der Plattenfirma damals gekippt wurden. Von der Platte hätten vermutlich schon so einige Exemplare verkauft werden können. Wie es allerdings mit einer entsprechenden Live-Band ausgesehen hätte, ist eine andere Frage. Vielleicht standen auch solche Ueberlegungen im Raum, denn fast alle Beteiligten an dem Projekt hatten ihre eigenen Verpflichtungen, waren überdies nicht "out of business", sondern allesamt recht erfolgreich und mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt. Da wäre wohl eine zusätzliche Tour-Band mit Corky Laing nicht ohne Konzessionen anderswo möglich gewesen und somit wohl letztlich vielleicht auch deshalb gescheitert. Man weiss es nicht, da es ja leider gar nicht erst dazu gekommen ist. 

Am überzeugendsten sind der tolle und groovige Opener "Easy Money", sowie das überlange Stück "Outsider" aus der Feder von Ian Hunter, mit einem exzellenten Leslie West an der Sologitarre. "On My Way To Georgia", eine weitere eher bluesige Nummer präsentierte die beiden Gitarristen Eric Clapton und Dickey Betts in Höchstform, "Growing Old With Rock'n'Roll" wiederum war eine Nummer, wie sie typisch war für Corky Laing, und wie man sie schon von früher von ihm kannte: Sehr autobiographische Züge aufweisend und mit einem tollen Drumming in Bestform. Die CD-Veröffentlichung bietet neben den originalen acht Songs der Sessions als Bonus zwei weitere Titel, von denen einer noch aus Laing's Solo-Album "Makin' It On The Street" von 1977 stamme, nämlich "Growing Old With Rock'n'Roll" und das fabelhaft schöne "On My Way To Georgia", einem der vielleicht schönsten Songs aus der Feder von Ian Hunter. Schliesslich gibt es auf der CD auch noch einen Videoclip des Stücks "The Outsider" zu sehen/hören.




May 25, 2016


999 - Separates (United Artists Records UAG 30209, 1978)

Als dieses zweite Album der britischen Formation 999 im September 1978 erschien, war noch deutlicher als bei ihrem Plattendebut erkennbar, dass sich hinter dieser brillianten vermeintlichen Punk Band eine grossartige Combo verbarg, die sich wesentlich mehr musikalische Qualitäten auf ihre Weste schreiben durfte als blosses Pogo-Gehabe. Im Grunde waren 999 etwa soviel Punk wie die Labelkollegen The Stranglers. Wo Letztere allerdings viel Art Rock Elemente in ihrem Sound zeigten, wiesen 999 eher den bodenständigen Rock'n'Roll der 60er Jahre als stilistisches Merkmal auf. Punk im eigentlichen Sinne war die Band aber auch alleine schon optisch nicht wirklich. Ihr schon fast popperhaftes, eher grellbuntes Erscheinungsbild (das die Gruppe auch auf ihren ersten Plattencovers zeigte) verriet eher eine Nähe zum bunten und flippigen Kunststil eines Andy Warhol. Verwurzelt einerseits im wilden 60's Rock'n'Roll etwa der Kinks, klangen 999 spätestens hier auf diesem zweiten Album schon frappant wie eine ausgewachsene Power Pop Gruppe, die sich vielleicht am ehesten noch mit dem sogenannten Punk der Gruppe The Clash vergleichen liess, ansonsten aber einfach mächtig Dampf machte und unheimlich Spass bereitete.

Gegründet im englischen Northampton, startete die Gruppe unter dem Namen 48 Hours, benannt nach einem gleichnamigen Song der Band The Clash. In 999 benannten sich die Jungs dann um, als sie in London Fuss gefasst hatten und sich in der dortigen Punk-Szene rasch einen Namen als schmutzige, schnelle und rotzige Live-Band schufen. Frontmann Nick Cash (mit gebürtigem Namen Keith Lucas) war kein Unbekannter: Er war schon Mitte der 70er Jahre Mitglied der legendären Combo Kilburn & The High Roads, der Band von Ian Dury gewesen. Im Sog der Punkwelle veröffentlichten 999 im Juli 1977 ihre erste, selbstproduzierte und auf dem eigenen Label Labritain veröffentlichte Single "I'm Alive", die klassische Rock'n'Roll-Muster britischer Prägung erkennen liess, durch den exaltierten Gesang von Nick Cash aber klar ins Punk-Raster passte. Sowohl Fans wie Kritiker mochten diese Single sehr und bescherten der Gruppe alsbald einen gewissen Geheimtipp-Status unter Kennern. Einer dieser Fans war auch der legendäre John Peel, der die Single im Radio rauf und runter nudelte, bis schliesslich auch die Talentscouts von United Artists Records auf die Jungs aufmerksam wurden und ihnen einen Plattenvertrag servierten. Nicht nur hatten 999 oft und erfolgreich im angesagten Punk-Club The Hope & Anchor gespielt, sie waren dort auch mit den Lokalmatadoren The Stranglers aufgetreten, die ebenfalls bei United Artists unter Vertrag standen.

999 bestanden von Anfang an aus Nick Cash, dem Gitarristen Guy Days, dem Bassisten Jon Watson und dem Schlagzeuger Pablo Labritain und spielten in der Folge einige Singles für United Artists ein, die allesamt auffällig bunt daherkamen (meist in farbigem, z.B. grell-grünem Vinyl) und sowohl Punk-, wie Pop-Muster aufwiesen, die ihre Wirkung beim Publikum nicht verfehlten. Schon bei diesen frühen Singles konnte man Elemente des Power Pop Sounds erkennen: "Me And My Desire", "Emergency" oder "Nasty Nasty" verfügten über fast unanständig gute mehrstimmige Refrains, die einfach hängen blieben im Kopf und klar machten, dass hier eine Band am Werk war, die ihren Fokus wesentlich stärker auf Qualität ausgerichtet hatte als auf Stecknadeln.

Eines der typischen Merkmale des britischen Frühpunks war, dass etliche Band zumeist nur einige wenige Singles veröffentlichten (wenn überhaupt), weshalb es schon früh auch etliche Punk Sampler zu kaufen gab, auf denen Bands zu hören waren, die selber kaum je eine grössere Kundschaft erreichen konnten als bestenfalls die brettharten Fans, die an ihre Konzerte pilgerten. Von den grossen Plattenfirmen gab es zumindest zwei, welche je einen kommerziell sehr erfolgreichen Sampler zusammengestellt hatten. Beide erschienen im Frühjahr 1978 und auf beiden waren auch Songs der Gruppe 999 zu hören: Auf Warner Brothers erschien der Sampler "Front Row Festival" und bei Polydor die Zusammenstellung "20 Of Another Kind", beide heute noch als Sammlerobjekte sehr begehrt. 1978 war auch das Jahr von 999: Beide LP's erschienen in diesem Jahr.

Das Debutalbum "999" erschien im März und erreichte lediglich einen Rang 53 in den Charts und war nach einer Woche auch schon wieder verschwunden aus den Listen. Dies bezieht sich ja aber nur auf die Verkaufszahlen - live war die Band weitaus erfolgreicher. Schon im Herbst wurde die zweite LP "Separates" nachgereicht und die war sowohl technisch, wie auch kompositorisch wesentlich ausgereifter als das Debutalbum. Produziert wurde die LP "Separates" von Martin Rushent, dem zu jenem Zeitpunkt bereits legendären Produzenten, der seit den frühen 70er Jahren etliche Meisterwerke der Rockmusik produziert hatte, etwa von Curved Air, Danny Kirwan, Dr. Feelgood, XTC oder den Punk-Vertretern The Buzzcocks und The Stranglers. Die schiere Wucht der Stranglers Produktion "Rattus Norvegicus IV" ist in Ansätzen auch auf dem 999 Album "Separates" zu hören, was die Platte insgesamt noch näher zum Bereich Power Pop schiebt. Punk klang dreckiger, dilettantischer und roher - 999 waren dagegen eher die Rocker mit dem goldenen Herzen und spielten durchaus anspruchsvollen, dennoch druckvollen Sound, der sich letztlich wie ein Amalgam aus The Kinks und The Stranglers anhörte.

"Separates" war gemessen an den Verkaufszahlen ein Misserfolg, die Platte erreichte nicht einmal die Charts. Nur die daraus ausgekoppelte Single "Homicide", ein Titel, der später auch auf zahlreichen Punk-Samplern zu finden war, fand den Weg in die britische Hitparade und bescherte der Band auch einen Auftritt samt entsprechendem Live-Videoclip in der Sendung "Top Of The Pops". Die Gruppe um Nick Cash tourte emsig weiter, spielte auch Tourneen in Amerika, wo ihre LP später unter dem irreführenden Namen "High Energy Plan" dem Publikum mit einer veränderten Tracklist nachgereicht wurde. Nach einem Autounfall von Schlagzeuger Pablo Labritain, der zwischenzeitlich durch Ed Case ersetzt wurde, geriet die Band ein wenig aus der Spur, machte aber wieder ernsthaft weiter, als Pablo Labritain wiedergenesen zur Band zurückkam. Die Gruppe wechselte zu Radar Records und später zu Polydor und danach zu insgesamt 14 (!!) weiteren Kleinstlabels, wo sie kontinuierlich weitere Platten veröffentlichten.

999 sind auch heute noch aktiv und spielen regelmässig unter anderem am alljährlichen britischen Punk Festival "Holidays In The Sun" und begeistern noch immer junge und ältere Punk-Fans mit ihrem sehr unterhaltsamen und auch vielseitigen Power Pop Punk Rock'n'Roll, oder wie imemr man ihren tollen Sound bezeichnen mag. Neben den originalen Bandmitgliedern Cash, Days und Labritain kam mit Arturo Bassick der ehemalige Bassist der Formation The Lurkers neu hinzu. 2016 markiert das 40-jährige Bestehen der Band und wird gefeiert mit einer ausgedehnten Tournee durch England.

"Separates" ist ein kerniges, in seiner Grundstruktur punkiges Power Pop/Rock-Werk, das man sich auch nach fast 40 Jahren noch immer mit viel Spass anhören kann.



May 24, 2016


GYPSY - Antithesis (RCA Records LSP-4775, 1972)

Als die amerikanische Rockband Gypsy 1972 ihr drittes Album veröffentlichte, war die Band um den Sänger und Gitarristen Enrico Rosenbaum bei der Plattenfirma RCA Records gelandet, die versuchte, die Band in eine zeitgemässe, soulige Poprock Richtung zu schicken, ähnlich den Doobie Brothers oder Chicago, die ebenfalls diesen leichtverdaulichen, auch Westcoast-inspirierten Sound sehr erfolgreich spielten. Enrico Rosenbaum führte bereits in den 60er Jahren seine erste Band The Escapades, mit denen er auch schon mal für Chuck Berry den Support Act bestreiten konnte. Seine nächste Band nannte sich The Underbeats, aus denen dann später nach einem Namenswechsel die Gruppe Gypsy entstand. Enrico Rosenbaum, 1944 in Italien geboren, war das Kind von jüdischen Eltern, die den Holocaust in einem Konzentrationslager überlebt hatten und nach dem Krieg nach Amerika übersiedelten. Die Familie lebte hauptsächlich vom Einkommen der Mutter, die als Näherin beschäftigt war, in ihrer freien Zeit aber auch als Sängerin in kleineren und grösseren Clubs auftrat. Enrico's Vater verlor im Krieg sein gesamtes Vermögen an die Nazis und konnte in Amerika aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit nicht mehr Fuss fassen. Während seiner Zeit in der Highschool lernte Enrico Rosenbaum Gitarre zu spielen und formierte auch die eine oder andere Schülerband, bevor er mit den Underbeats als Leadsänger im Grossraum Minneapolis bekannt wurde und zwei lokal sehr erfolgreiche Singles veröffentlichte.

Als die Gruppe sich in Gypsy umbenannt hatte, war sie gleichzeitig auch nach Los Angeles umgezogen, wo sie schon bald als sogenannte Hausband im legendären Club The Whiskey-A-Go-Go als Dauergäste angestellt wurden. Dort spielten sie unter anderem als Einheizer oder manchmal auch als Begleit-Combo etwa für Jimi Hendrix, The Guess Who oder Steppenwolf. Ausserdem waren sie freundschaftlich verbunden mit der Gruppe Chicago, deren Bläser-Sektion auch auf den Alben von Gypsy zu hören war. Die Band unterschrieb einen ersten Plattenvertrag beim Label Metromedia Records und veröffentlichte 1970 ihr erstes Album mit dem Titel "Gypsy". Aussergewöhnlich war, dass es sich bei ihrem Debutalbum um ein Doppelalbum handelte, das später zu einer sehr gesuchten Rarität unter Sammlern mutierte. Es gilt bis heute unter Kritikern als ihr bestes Album, wohl auch, weil es noch viele stilistische Seiten einer Gruppe zeigte, die ihren eigenen Souind noch nicht gefunden hatte und noch auf der Suche war. Entsprechend experimentell und vielseitig präsentierte sich ihre Musik. Ein Jahr später erschien mit "In The Garden" das zweite Werk der Gruppe, das mit dem Longtrack "As Far As You Can See (As Much As You Can Feel)" einen Jam präsentierte, der auch Elemente des Progressive Rock aufwies. Leider verfügte das Plattenlabel Metromedia nur über sehr beschränkte finanzielle Mittel, weshalb beide Platten, sowohl das hervorragende Debutalbum wie auch das zweite Werk "In The Garden" letztlich viel zu wenig promotet werden konnte, sodass der Band ein breiteres Airplay beschieden war.

Die Band wechselte kurz nach der Veröffentlichung von "In The Garden" zum grossen und renommierten Label RCA Records und präsentierte auf der dritten Platte "Antithesis" eine stark veränderte und kompositorisch spürbar straffer gehaltene Mixtur, die sich noch stärker am souligen und leicht funkigen Poprock des Westcoast Stils orientierte. Die kompekten Songs wirkten sehr gut auskomponiert und waren perfekt arrangiert, was angesichts des relativ eng bemessenen Produktions-Budgets erstaunlich ist. Das Jam-Element in den Kompositionen war gänzlich verschwunden. Die Platte überzeugte mit kompaktem Songformat zwischen 3 und 4 Minuten und zeigte eine Band, die homogener und auch geschlossener wirkte als auf den beiden zuvor veröffentlichten Alben.

Beim das Album eröffnenden Titel "Crusader" und dem nachfolgenden "Day After Day" klang die Gruppe ebenso wie frühe Doobie Brothers wie beispielsweise auch bei den Stücken "The Creeper" oder "So Many Promises". Mit dem "Travelin' Minnesota Blues" verneigte sich die Band vor ihrer Heimatstadt Minneapolis, wo ihre Wurzeln lagen und mit dem Track "Money" prangerten sie die Knauserigkeit der Plattenfirmen an, die ungern genügend flüssige Mittel aufbrachten, um die Gruppe zu unterstützen. Ausserdem äusserten sich Enrico Rosenbaum und seine Mitmusiker auch politisch, wie etwa im Titel "Edgar (Don't Hoover Over Me)", einem unmisverständlichen Fingerzeig an die Adresse von J. Edgar Hoover, dem Gründer des FBI und überzeugten Kämpfer gegen den Kommunismus und der späteren Bürgerrechtsbewegung.

Enrico Rosenbaum geriet nach der Veröffentlichung des dritten Gypsy Albums, zusammen mit weiteren Mitgliedern der Band in die Drogenfalle, wurde heroinabhängig und konnte sich von seiner Sucht nicht mehr befreien. Nach einem wenig erfolgreichen Comeback-Versuch verlor er aufgrund seiner Heroinsucht jeglichen Besitz, lebte auf der Strasse und setzte seinem Leben am 10. Dezember 1979 selber ein Ende. Seine künstlerische Hinterlassenschaft ist nicht gross, doch sehr hörenswert, denn sie zeigt eindrücklich den Weg einer Band, die innerhalb von drei Alben einen eigenen Sound definiert hatte, der sich während der gesamten 70er Jahre für andere Vertreter dieser musikalischen Richtung als wahre Goldgrube erwies. Während andere Musiker und Bands mit dieser Soundmixtur das grosse Geld verdienten, blieben Enrico Rosenbaum und seine Truppe aber leider auf der Strecke, ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Bands in den 70er Jahren teilten.



May 22, 2016


BE BOP DELUXE - Modern Music (Harvest Records SHSP 4058, 1976)

Dieses, an der Schwelle zur Punkbewegung veröffentlichte Art Rock Meisterwerk gehört zu den besten, sträflich unterbewerteten Highlights der Rockmusik der 70er Jahre.

Als 1971 der damals 22-jährige Sänger, Songwriter und Gitarrist William (Bill) Nelson aus Wakefield, West Yorkshire / England, ein recht ungelenkes und eher halbherzig produziertes Album namens "Northern Dream" veröffentlichte, war noch nicht abzusehen, dass er nur fünf Jahre später als Leader der faszinierenden Rockband Be Bop Deluxe auf dem Sprung zu einer Weltkarriere sein würde. Nelson gründete die Gruppe im August 1972 mit ein paar alten Schulkumpels, doch erst knapp zwei Jahre später erschien ihr Debütalbum mit dem martialischen, aber völlig irreführenden Titel "Axe Victim". Und plötzlich war da eine Art von Magie. Viel fokussierter und konzentrierter klangen seine neuen Songs, und das Gerüst einer richtigen Band war für die Präsentation seiner vielfältigen Ideen genau die richtige Grundlage.

Bill Nelson wurde zwar vorschnell entweder als Kopie oder als legitimer Nachfolger des damaligen Glam Rock Superstars David Bowie bezeichnet, doch seine künstlerischen Vorstellungen wiesen über derartige journalistische Simplifzierungen weit hinaus. Mit dem Song "Jet Silver And Ahe Dolls Of Venus" machte er sich gar ein wenig über Bowie's Erfolgsalbum "The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars" lustig.

1975 folgte das Album "Futurama" in neuer Besetzung als überzeugender Zweitling, bevor die Karriere von Be Bop Deluxe so richtig in die Gänge zu kommen schien. Mit dem Quartett Bill Nelson, Andrew Clark (Keyboards), Charles Tumahai (Bass) und Simon Fox (Drums) war schliesslich die Idealbesetzung gefunden. Prompt stieg diese im Februar 1976 mit dem Album "Sunburst Finish" erstmals in die englischen Charts ein und kletterte bis in die Top 20, während die Single "Ships In The Night" immerhin den respektablen Platz 23 erreichte. Auch in Amerika war man inzwischen auf die Band aufmerksam geworden (Platz 72 in den Billboard-Charts für das Album). Also wurden die Jungs sogleich für eine US-Tournee verpflichtet. Seine Eindrücke von dem riesigen, technikgläubigen, aber menschlich oberflächlichen Land und sein bis ins Mark schmerzendes Heimweh nach England und seiner dort lebenden Freundin inspirierten Bill Nelson zu vielen Songs und Texten für das bereits im September 1976 folgende vierte Studioalbum "Modern Music", mit dem Be Bop Deluxe der weltweite Durchbruch gelingen sollte.

Auf dieses Ziel wies schon das ikonenhafte Cover-Artwork hin: die vier Musiker verkleidet wie Geschäftsleute in Anzug und Krawatte mit für die 70er-Jahre sehr ordentlichen Frisuren. Und hinter ihnen die Erdkugel, umkreist von einem grellen roten Neon-Schriftzug mit dem Namen Be Bop Deluxe. Musikalisch bot Nelson ganz bewusst bereits eine Menge ironischer Selbstzitate auf und führte damit sein Werk zur frühen Vollendung. Dazu mannigfaltige musikalische Einflüsse von Hendrix über Bowie, T.Rex, Queen und 10cc bis hin zum Electric Light Orchestra. Glam Rock, Art Rock, Folk Rock, Hard Rock, sogar eine Prise Reggae, alles wurde zu einer leckeren Gourmetsuppe miteinander verkocht. Die Songs gingen wie bei einem Konzeptalbum fast alle nahtlos ineinander über, sie sprudelten vor Ideen, blieben dabei aber stets eingängig und immer hoch melodisch; Nelsons Musik war voller Emotionen und doch britisch-trocken bis ins Herz. Und wie nebenbei wurden eine geniale Fake-Radiocollage aus Songs der bisherigen Alben, eine Wettervorhersage, Geräusche aus amerikanischen Ballerkrimis oder Stimmen wie von ausserirdischen Wesen in das musikalische Konzept eingefügt und machten das Ganze damit noch spannender.

Textlich war dies eine abenteuerliche Mischung aus den von Nelson geliebten Science-Fiction-Themen, unverstellt romantischen Lovesongs und der bereits erwähnten Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten von Amerika. "And nothing here is certain, and nothing is the truth. A peep behind the curtain will rob you of your youth" dichtete Nelson für den Eröffnungssong "Orphans Of Babylon". In "Lost In The Neon World" heisst es: "I left my home some time ago, to fight the creatures of the USA". Und das nachfolgende Instrumental-Stück nannte er gar "Dance Of The Uncle Sam Humanoids". So machte man sich bestimmt wenig neue Freunde in God's own country. Man könnte ellenlang über das Gesamtwerk "Modern Music" räsonieren und hätte wahrscheinlich trotzdem noch nicht alle interessanten Details besprochen. Kommerziell wurde "Modern Music" entgegen allen Hoffnungen und Erwartungen aus bis heute unerfindlichen Gründen zu einem Flop. Zwar erreichte das Album Platz 25 in England und - trotz aller textlichen Häme - Platz 84 in den USA, aber das war für ein Album dieser herausragenden Qualität bei weitem zu wenig. Und der Rest der Welt, Deutschland inklusive, zeigte der Band wie schon bei den vorherigen Platten die kalte Schulter.

Für die letzte Be-Bop-Deluxe-Platte "Drastic Plastic", die 1978 erschien, wandten sich Bill Nelson und seine Mitmusiker von ihrem bewährten Sound ab, um sich (seinerzeit stark angesagten) New Wave- und Elektronik-Klängen zu widmen. Das war leider nicht nur musikalisch recht fade, sondern ging auch verkaufsmässig eher nach hinten los, und so löste sich die Band kurze Zeit später ziemlich sang- und klanglos auf. Bill Nelson verabschiedete sich in der Folge aus der Glitzerwelt der Rockmusik und produzierte in seinem Heimstudio in der englischen Provinz einige weitgehend unbeachtete, aber teils tolle Soloalben, auf welchen er mit seinem mittlerweile gut gemixten Sound aus Art Rock- und Elektronik-Elementen überzeugen konnte.




May 20, 2016


THE CARS - The Cars (Elektra Records 6E-135, 1978)

Es mutet durchaus etwas seltsam an, dass in den autoverrückten USA erst Mitte der 70er Jahre überhaupt eine Band auf die Idee kam, sich The Cars zu nennen. Die Gruppe um den charismatischen Leadsänger und Rhythmusgitarristen Ric Ocasek wurde 1976 in Boston gegründet. Als zwei Jahre später ihr Debutalbum erschien, waren Ocasek, Greg Hawkes (Keyboards), Elliot Easton (Leadgitarre), Benjamin Orr (Bass) und David Robinson (Schlagzeug) bereits Mitte zwanzig bis Anfang dreissig, also schon fast so etwas wie musikalische Spätzünder. Das fiel aber eigentlich nicht weiter auf, denn vom optischen Erscheinungsbild her hätte man sie fast alle durchwegs fünf Jahre jünger eingeschätzt. The Cars orientierten sich vordergründig am US-orientierten Rock'n'Roll ihrer Kindheit und Jugend, können aber auch zur aufkeimenden Punk- und New-Wave-Bewegung gezählt werden, die in den USA von Formationen wie den Ramones, Television, den Talking Heads oder auch Blondie geprägt wurde. Was die Gruppe The Cars aber von den Genannten wesentlich unterschied und mit ein Grund für ihren schnellen kommerziellen Erfolg war, liess sich ganz einfach mit dem Namen ihres Produzenten begründen.

Die Manager ihrer Plattenfirma Elektra Records kamen auf die Idee, die fünf Musiker in ein Fluigzeug nach London zu stecken und ihr Debutalbum von der britischen Studiokoryphäe Roy Thomas Baker produzieren zu lassen. Baker hatte sich 1975 mit seiner Arbeit für das erfolgreiche Album "A Night At The Opera" der Gruppe Queen und deren grossen Hit "Bohemian Rhapsody" unsterblich gemacht.

The Cars, die live damals sehr direkt, ja geradezu simpel aufspielten, wirkten auf ihrem Debütalbum teilweise wie eine amerikanische Ausgabe von Queen: Mehrstimmige Chöre und ein wuchtiger Schlagzeug-Sound, der seinerzeit selbst über billige Lautsprecher phantastisch in den Bauch rollte. Gleichzeitig gelang es Baker aber auf sehr einfühlsame Weise, die Wurzeln der Band in das musikalische Gesamtbild zu integrieren: The Cars klangen nicht britisch, sondern sehr amerikanisch. Das Ergebnis dieser transatlantischen Zusammenarbeit war schliesslich so brillant wie verblüffend. Und es garantierte auch einen sofortigen Erfolg: Das Album stieg im August 1978 in die US-Charts ein, erreichte Platz 19 und hielt sich während insgesamt 116 Wochen in den Top 100. Das entspricht unter anderem 35 Wochen mehr als das erfolgreichste Album des Jahres 1978 in den USA, dem legendären Filmsoundtrack zu "Saturday Night Fever" mit den damals toperfolgreichen Bee Gees.

Drei Songs (alle mit der exakt gleichen Lauflänge von 3:44 Minuten) wurden als Singles ausgekoppelt und erreichten Charts-Positionen zwischen Rang 28 und 70: "Just What I Needed", "My Best Friend's Girl" und das unglaublich coole Eröffnungsstück "Good Times Roll". Ric Ocaseks faszinierend einfacher und direkter Gesang krallte sich wohlklingend in den Gehörgängen fest, während bei einigen Songs auch der Bassist Benjamin Orr mit einer wesentlich sanfteren Tonart einen reizvollen Kontrast herbeizuzaubern wusste.

The Cars klangen wie die pulsierende Grosstadt, aus der sie stammten, wiesen in ihrer Spielart allerdings wesentlich weniger der zappeligen Überspanntheit beispielsweise ihrer New Yorker Kollegen Talking Heads auf. Angefangen bei der Simplizität von "I'm In Touch With Your World" (das dem typischen Sound der frühen Talking Heads noch am ehesten entsprach), "Don't Cha Stop" oder "Bye Bye Love" über die erwähnten Single-Hits bis zu den fast episch ausgelegten und toll arrangierten Titeln "You're All I've Got Tonight", "Moving In Stereo" und dem finalen, sich kontinuierlich steigernden "All Mixed Up" darf hier jeder einzelne Song als absolutes Juwel bezeichnet werden.

Das zweite Studioalbum mit dem Titel "Candy-O" erreichte ein Jahr später bereits Platz 3, und in den nächsten Jahren konnte die Band auch mehrere Top-Ten-Platzierungen in den Singlecharts erreichen, auch dank der massiven Unterstützung des 1981 gegründeten Musiksenders MTV. 1984 erreichten die Cars mit ihrem Album "Heartbeat City" und den fünf aus diesem Album ausgekoppelten Singles, von denen vier alleine die Top 20 erreichten, ihren kommerziellen Höhepunkt. Am erfolgreichsten waren die Titel "Drive" (Platz 3 in den USA) sowie "You Might Think" (Platz 7), dessen Video-Clip viel Anerkennung erntete. Wie alle Alben zuvor erhielt auch "Heartbeat City" in den USA den Platin Award Status. Am 13. Juli 1985 traten The Cars beim Live-Aid-Konzert im John-F.-Kennedy-Stadium in Philadelphia auf.

Hierzulande registrierte man eine der intelligentesten amerikanischen Bands leider erst Jahre später, als ihr inzwischen fünftes Album ("Heartbreak City") aufgrund des weltweiten Charts-Erfolges ihrer Single "Drive" bis auf Rang 15 vorstiess. Dass sie zuvor bereits vier exzellente LP's veröffentlicht und in den USA längst Kultstatus besass, war den meisten Musikfans gar nicht bewusst. Ebensowenig wurden bis dato auch Ric Ocasek's absolut empfehlenswerte Soloalben beachtet, denen er seit 1982 etliche weitere folgen liess.

Im Jahre 2006 gründeten Elliot Easton und Greg Hawkes zusammen mit Todd Rundgren (als Sänger und Gitarrist), dem Bassisten Kasim Sulton und dem Schlagzeuger Prairie Prince eine neue Formation unter dem Namen "The New Cars". Es wurde eine Livealbum mit dem Titel "It's Alive" veröffentlicht, das während einer US-Tour der neuen Gruppe aufgenommen wurde und alte Songs mit neuem Klang sowie drei neue Kompositionen präsentierte. 2010 gaben The Cars dann ihre Wiedervereinigung bekannt - mit Ausnahme des inzwischen verstorbenen Benjamin Orr in Originalbesetzung mit Ric Ocasek am Mikrophon. Die Single "Sad Song" wurde im März 2011 veröffentlicht, und am 6. Mai 2011 erschien ein neues Studioalbum mit dem Titel "Move Like This", dem ersten Album seit 24 Jahren. Ihr Debutalbum von 1978 blieb aber bis heute ihr Faszinierendstes, auch, weil es aufgrund seiner perfekten Produktion von Roy Thomas Baker und dem eleganten, in gewisser Weise schon mitten in der Blütezeit des Punk den sich erst später etablierenden New Wave in der Spielart etwa von Ultravox vorwegnahm.







May 19, 2016


ROUGH DIAMOND - Rough Diamond (Island Records ILPS 9490, 1977)


Im Sommer 1976 traf die Rockband Uriah Heep die folgenreiche Entscheidung, ihren Leadsänger David Byron aus der Band zu werfen. Über die Gründe dafür wurde damals vielfältig spekuliert. Eine der hartnäckigsten Thesen zu diesem Rauswurf lieferte die deutsche Zeitschrift "Pop", wonach sich David Byron offenbar mit den restlichen Bandmitgliedern schon länger zerstritten hatte, weil er dem Keyboarder Ken Hensley die Führungsrolle innerhalb der Band streitig machen wollte. Dieser hätte ursprünglich die Reissleine gezogen, indem er während einer Tournee durch Amerika aus der Gruppe gestiegen sei, danach seinen Entschluss rückgängig gemacht habe und stattdessen nach einer Band-Aussprache den aufmüpfigen Sänger entlassen habe. Der wahre Grund für das Ausscheiden von David Byron aus der Gruppe war jedoch wesentlich trivialer und in der Rockwelt häufiger anzutreffen: In Wahrheit hatte der Sänger durch seinen jahrelangen Alkoholmissbrauch und die damit verbundenen Ausfälle sowie seine damit verbundenen, immer häufiger auftretenden Stimmprobleme das Wohlwollen seiner ehemaligen Mitmusiker an den Rand des Erträglichen getrieben.

In der Folge gründete der angekratzte Heldentenor bereits kurze Zeit später eine neue Gruppe, die auf den ersten Blick eigentlich wie eine sogenannte Supergroup anmuten sollte, in Wahrheit aber eher eine Allianz der Verzweifelten war: Gitarrist David "Clem" Clempson (Bakerloo, Colosseum, Humble Pie) war ebenso auf der Suche nach einer neuen musikalischen Betätigung wie der Schlagzeuger Geoff Britton, der in den späten 60er Jahren Mitglied der Gruppe East Of Eden und von August 1974 bis Januar 1975 bei Paul McCartney's Wings mitgespielt hatte. Hinzu kamen mit dem Keyboarder Damon Butcher und dem Bassisten Willie Bath zwei vollkommen unbeschriebene Blätter. Butcher spielte erst in den 90er Jahren als festes und jahrelanges Mitglied bei der Band The Beautiful South mit, während Bassist Willie Bath zusammen mit Butcher nach dem kurzlebigen Projekt von David Byron bei der Gruppe Champion spielte und danach in der Versenkung verschwand.

Das neu formierte Quintett nannte sich Rough Diamond, ging im Dezember 1976 in London ins Studio und nahm sein Debütalbum auf, das nach einem Rechtsstreit mit einer anderen Band mit demselben Namen im März des darauffolgenden Jahres erschien. David Byron liess es sich dabei nicht nehmen, sich im Innencover der Platter noch einmal zu seinem Ende bei Uriah Heep zu äussern, indem er er anmerkte, nicht die Band hätte ihn entlassen, sondern er hätte Uriah Heep verlassen. Nicht gerade die feine Art, aber durchaus die Reaktion einer verschnupften Diva.

Musikalisch liess sich das auf dem Album Gebotene zunächst recht konventionell an: Mit dem Titel "Rock'n'Roll" stellte die Gruppe Rough Diamond einen eher relativ einfach gestrickten Song an den Anfang der Platte. Einen Titel wie diesen hätte man auf einer klassischen Uriah Heep-Platte eher in den hinteren Regionen einer LP finden können, wenn er denn überhaupt für veröffentlichungswürdig erachtet worden wäre. Als Auftakt für ein erstes Album einer neuen Band also eher eine missglückte Wahl. Zudem lieferte ein in den Songeingebautes Saxophon einen zusätzlichen, eher unpassenden Zusatz, den man so in einem Uriah Hepp ohnehin nie gehört hätte. Hier allerdings lag eigentlich bereits der Reiz dieser Platte: Das klang in der Tat nach Neubeginn, es wirkte auch wie eine bewusste Suche nach alternativen Arrangements, um sich möglichst vom Sound der Band, mit welcher David Byron logischerweise noch immer assoziiert wurde, abzuheben.

Das Stück "Lookin' For You" klang dann schon wesentlich lockerer und wirkte aufgrund seines Arrangements wie eine Art Mixtur aus typischen Uriah Heep- und Deep Purple-Sounds, was den Sänger wieder in Richtung klassischem Rock lotste, für den er bekannt war und auch geschätzt wurde. "Lock And Key" überraschte mit einer eher soulig-funky ausgelegten Grundstimmung, wie sie allerdings typisch war bei Rockbands zu Mitte der 70er Jahre. Solch leichte funky Rhythmen fanden sich beispielsweise auch in Titeln von Led Zeppelin ("Trampled Under Foot") oder bei Deep Purple nach dem Ausstieg von Ritchie Blackmore. "Lock And Key" überzeugt vor allem durch ein wunderbares Gitarrensolo von Clem Clempson. Der dem klassischen amerikanischen Westcoast Sound nachempfundene und sich über eine Lauflänge von 7 1/2 Minuten erstreckende "Sea Song" beendete die erste Seite der LP sanft laidback und sehr romantisch, eine Art musikalische Mixtur aus "When A Blind Man Cries" und "Soldier Of Fortune" (Deep Purple). David Byron bestätigte vor allem bei diesem Song, dass seine Stimme sich wieder erholt hatte und e durchaus wieder zu stimmlichen Höchstleistungen fähig war.

Das die zweite LP-Seite beginnende "By the Horn" geriet zu einer Art Southern Rock'n'Roll, welcher genau wie das äusserst entspannt groovende und bluesige "Scared" an eine sehr gemütliche Variante von Uriah Heep erinnerte - wie eigentlich fast alle Songs auf dieser Platte. Besonders die trotz aller Lässigkeit elegant treibende, von einem tollen Klavier begleitete Bluesnummer "Scared" dürfte dabei zum vielleicht besten Song der Platte und somit der Band Rough Diamond geworden sein, denn hier passte auch Byron's Gesang am allerbesten zur Musik, die nunmehr jeglichen Rock-Stress abgelegt hatte. Das nachfolgende "Hobo" kredenzten vor allem Clem Clempson und Damon Butcher zu einer waschechten Jazzrock-, respektive Fusion-Nummer, und das war erneut ein eher unerwarteter Höhepunkt auf dem Album. Eher schräg und auch eher unnötig gerieten die zwei kurzen Minuten des von Damon Butcher hingeworfenen Keyboard-Instrumentals "Link", das den wenig erbaulichen Eindruck vermittelte, Rick Wakeman und Keith Emerson hätten sich mal eben im Tonstudio verirrt. Trotz qualitativ guter Keyboard-Arbeit ein absoluter Fehlschuss auf dieser Platte. Das Instrumental leitete allerdings den die Platte beschliessenden Track "End Of The Line" ein, bei welchem der Gitarrist Clem Clempson noch einmal eindrücklich beweisen konnte, was für ein exzellenter Gitarrist er ist. Auch "End Of The Line" geriet zu einem der besten Darbietungen auf dieser LP.

Die LP "Rough Diamond" war leider nur wenig erfolgreich. In England ging die Platte im aufkeimenden Punk-Fieber völlig unter und in Amerika reüssierte sie - womöglich wegen des leicht amerikanischen Westcoast-Flairs immerhin auf dem respektablen Rang 103 der Billboard Charts. Für einen Musiker mit einer Visitenkarte wie David Byron bedeutete dies allerdings einen klaren Misserfolg. Etwas überraschend war, dass die Platte selbst in der Uriah Heep-Hochburg Deutschland wie Blei in den Regalen liegen blieb. Der Misserfolg entzweite die so hoffnungsvoll gestartete Supergroup sehr schnell. David Byron verliess die Gruppe kurz danach, während der verbliebene Rest ein Album unter dem neuen Bandnamen Champion aufnahm, das ähnlich gut war, sauber produziert und von Garry Bell besungen wurde, jenem bis dato noch unbekannten Sänger, der später als Leadsänger von The Adventures und The Untouchables bekannt werden würde.

David Byron selbst kehrte ein Jahr später mit einem wenig berauschenden Soloalbum namens "Baby Faced Killer" zurück, auf welchem sein ehemaliger Uriah Heep-Kumpel Mick Box die Leadgitarre spielte. Erst 1981 meldete er sich noch einmal mit einem furiosen Rockalbum zurück. Mit seiner neu formierten The David Byron Band veröffentlichte er die hervorragende und leider stark unterbewertete Platte "On The Rocks". Seiner Band gehörte unter anderem Bob Jackson an, der bei Indian Summer und Badfinger bereits exzellente Gitarren- und Keyboardarbeit geleistet hatte.

Unter dem Arbeitstitel "That Was Only Yesterday" nahm David Byron 1984 noch drei Coversongs auf, und zwar den erwähnten Titel aus der Feder von Gary Wright, sowie den Doors Song "Waiting For The Sun" und "Pride And Joy" aus der Feder von Marvin Gaye. Zu einer offiziellen Veröffentlichung kam es indes nicht mehr: David Byron starb am 28. Februar 1985 erst 38 jährig an den Folgen einer Leber-Zirrhose, die sein jahrelanger Alkohol-Missbrauch verursacht hatte. Die EP mit diesen drei Titeln erschien erst 2008.







May 18, 2016



THE FLOWER KINGS - Unfold The Future (Inside Out Music IOMACD 2047, 2002)

Das Universum des Roine Stolt ist eine äusserst kreative Welt für sich. Kaum einer der grossen Musiker aus dem Bereich des progressiven Rocks (auser vielleicht Neal Morse) hat sich in mehr als zwei Jahrzehnten einen so exzellenten Ruf erarbeitet wie der schwedische Gitarrist, Sänger, Textautor und Komponist, der in fast allen denkbaren Stilrichtungen zeitgenössischer Musik von Rock, Pop bis Jazz zuhause ist. Von Ausnahmekünstlern wie ihm braucht man inzwischen nicht einmal mehr Meisterwerke zu erwarten, denn die liefert er seit vielen Jahren schon mit schöner Regelmässigkeit ab und man kann sich durchaus fragen: Woher nimmt dieser Musiker immer wieder diese endlosen neuen Ideen ? Sogenannte Meisterwerke werden in unserer schnellebigen Zeit ja mindestens alle zwei Wochen einmal proklamiert. Umso überraschter ist man dann, wenn sich innerhalb dieser ganzen superlativen Massenware völlig unverhofft tatsächlich ein Juwel findet, das wirklich fast alle Kriterien erfüllt, um als eines dieser Meisterwerke der Rockmusik bezeichnet werden zu können. Das Album "Unfold The Future" der Flower Kings ist zweifelsfrei eines dieser seltenen Werke, denen man auch nach vielen Jahren und unzähligen Hördurchgängen immer noch mit grosser Faszination lauschen kann und immer wieder begeistert ist. Das Album bietet eine endlose Stil- und Klangvielfalt, dargeboten von überragenden Musikern. Das Songwriting ist ebenfalls exzellent, eine unmittelbare emotionale Kraft und ein exorbitantes kompositorisches Niveau gehen Hand in Hand, was dazu führt, dass sowohl Bauch wie Intellekt gleichermassen auf allerhöchstem Level angeregt werden.

Was dieses Werk schon mal als zentrales Element auszeichnet, ist seine enorme stilistische Vielfalt, die von musikalischen Einflüssen etwa von Emerson Lake & Palmer, aber auch Yes oder King Crimson dominiert wird. Allerdings handelt es sich bei "Unfold The Future" keineswegs um ein Album, das dem Retro Rock im weitesten Sinne frönt, denn musikalische Einflüsse sind fast in jedem musikalischen Werk spür-, hör- und fühlbar. Im Falle der Flower Kings sind dies jedoch stets nur Eckpfeiler, denn wie andere Platten dieser Band auch, ist auch "Unfold The Future" ein absolut modernes Progressive Rock Album. Elemente praktisch aller erdenklichen Stilrichtungen von Chanson über Blues bis hin zum Heavy Rock spielt die Band kompetent und immer auch sehr enthusiastisch und entsprechend einnehmend für den Zuhörer. Es ist die Tonsprache der Fusion-Musik, die dem Album ihren Stempel aufdrückt. Man könnte "Unfold the Future" durchaus auch als gelungene Synthese zwischen Jazz und klassischem Progressive Rock bezeichnen. Die Stücke des originalen Doppelalbums rocken, groovt, swingen, driften auch mal in Richtung sphärische Klänge ab. Die Palette der dadurch erzeugten Stimmungen reicht von nordischem Schwermut bis hin zu überdrehtem Humor. Trotz oder gerade wegen dieser ständigen Stilbrüche wirkt das ganze Werk von vorne bis hinten wie aus einem Guss, alles fügt sich harmonisch zu einem wundervollen Gesamtkunstwerk zusammen.

Die Flower Kings bestechen wie auch auf anderen Werken hier vor allem auch durch ihre soundtechnische Bandbreite. Neben den unendlich differenzierten, mal solistischen, mal orchestralen Keyboards kommen reichlich perkussive Instrumente inklusive Marimba, sowie Bläser in Form von Trompeten und Saxophonen zum Einsatz. Die Musik bleibt dabei stets transparent. Trotz der schieren Detailflut vermittelt das Album fast so etwas wie eine Live-Atmosphäre. Die Musiker sprühen vor Spielfreude. Roine Stolt gehört zu den besten Gitarristen überhaupt, nicht weil er durch technische Eskapaden glänzt, sondern weil er wirklich alles spielen kann. Oft klingt er ähnlich wie der Yes-Gitarrist Steve Howe, aber genauso gut beherrscht er die Sprache beispielsweise des Jazz-Fusion Gitarristen Scott Henderson oder gar die Jazz Vibes von John Abercrombie. Jonas Reingold ist dazu der kongeniale Gegenpart am Bass, sein stilistisches und kreatives Spektrum reicht von Chris Squire über Tony Levin bis hin zu Jaco Pastorious. Am Schlagzeug kann der zu diesem Album neu in die Band gekommene Zoltan Csorsz mit seinem fesselnden, stets sehr perkussiv-verspielten Schlagzeugspiel überzeugen.

Der Keyboarder Thomas Bodin gehört ebenfalls zu den ganz grossen Musikern im progressiven Rock. Seine Vorlagen an den verschiedensten Keyboards passen immer hundertprozentig und sind mal verspielt, mal nur erdig, aber stets kreativ und von exquisitem Spiel. Fehlt noch der Sänger Hasse Fröberg, der ebenfalls über ein enormes stimmliches Spektrum verfügt und jedem Stück den individuellen Stempel aufzudrücken vermag. Stellenweise erinnert sein Gesang durchaus an den Gesang von Yes-Sänger Jon Anderson. Er teilt sich den Gesang mit Roine Stolt. Beide Gesangspoeten bestechen durch ihren unter die Haut gehenden, gehaltvoll-erzählerischen Stil der stimmlichen Darbietungen. Und obschon mit Stolt und Fröberg zwei exzellente Sänger in der Gruppe vorhanden sind, leistet die Band sich noch zusätzlich den Luxus, auf die prominente Unterstützung von Gastsänger Daniel Gildenlöw zurückzugreifen.

Einzelne Songs herauszugreifen, hiesse an diesem Gesamtkunstwerk vorbeizureden. Die Flower Kings überfluten den Hörer streckenweise mit den betörendsten Melodien und Harmonien. Die entrückte Schönheit und die unmittelbare Eingängigkeit der Stücke wird aber niemals mit dem Abdriften in banal-belanglose Beliebigkeit oder Sentimentalität erkauft. Und die Jazz-Stücke sind kein Beiwerk, sondern auch an Genre-Masstäben gemessen absolute Weltklasse. Intellektuell veranlagte Hörer können sicher Nächte damit verbringen, zu versuchen, die thematischen Querbezüge und andere kompositorische Finessen zu erfassen. So taucht das Material aus dem ersten Titel, dem über 30 Minuten langen "The Truth Will Set You Free" über die gesamte Platte verstreut immer wieder mal auf, wird variiert, verarbeitet, dient als Grundlage für die eingestreuten Jazzimprovisationen. Was innerhalb der klassischen Musik durchaus gang und gäbe ist, darf in der Rockmusik aufgrund des extrem hohen kompositorischen Niveaus durchaus als exzeptional bezeichnet werden. Das Wichtigste dabei ist, das dies in keinster Weise gezwungen oder gekünstelt wirkt, sondern stets wie selbstverständlich vorgetragen wird.

"Unfold The Future" bedeutet die pure Magie. Auf zwei CDs verteilt findet sich hier kein einziger Song, respektive kein einziger Werk-Teil, der nicht hundertprozentig zu überzeugen vermag. Es ist eines dieser seltenen Werke der Rockmusik, die man auch nach vielen Jahren immer wieder auflegen kann und stets aufs Neue fasziniert ist ob der schieren Flut von Eindrücken, die diese Musik dem Zuhörer vermittelt und hinterlässt. Es ist durchaus möglich, dass Roine Stolt das gemeinsame Projekt TRANSATLANTIC gut genutzt hat, um sich von Neal Morse inspirieren zu lassen und so haben sich die Flower Kings der Klangsprache von Spock's Beard durchaus angenähert. Zusammen mit den Genannten dürfen die Flower Kings auf jeden Fall zur absoluten Elite des modernen Progressive Rock gezählt werden. Sehr empfehlenswert sind ausser diesem Doppelalbum auch ihre Werke "Retropolis", "Stardust We Are",  "Paradox Hotel", "The Sum Of No Evil" und besonders auch das bärenstarke "Banks Of Eden" mit dem über 25 Minuten langen Epos "Numbers".