20.03.2017

THE ELECTRIC LIGHT ORCHESTRA - ELO 2 (Harvest Records SHVL 806, 1973)

Das zweite Studioalbum des britischen Electric Light Orchestra, das im Januar 1973 erschien, erreichte trotz seines eigentlich völlig unkommerziellen, dichten, komplexen und experimentellen Sounds die Top 35 der britischen Album-Charts. Der Ausstieg von Gründer und Kopf Roy Wood erwies sich als musikalischer Glücksfall, da nun der Weg für die künstlerische Weiterentwicklung von Jeff Lynne und seiner Gruppe frei war. Dies sollte sich in allen fünf Stücken des neuen Albums niederschlagen, die allesamt immer noch wesentlich länger als gewöhnliche Standard-Rocksongs gerieten. Ein Indiz dafür, wie stark Jeff Lynne zum damaligen Zeitpunkt noch von der Progressivrock-Welle beeinflusst war. Auch erhielt der Anteil an Elementen der klassischen Musik erneut einen relativ breiten Raum, was dazu führte, dass die fünf Stücke allesamt durchaus auch als Klassik-Rock bezeichnet werden konnten, obwohl der Songschreiber und Gitarrist Jeff Lynne schon damals durchaus eine sehr Pop- und Rock-orientierte Ausrichtung anstrebte. Die Quintessenz war, dass er beide musikalischen Welten wahrscheinlich nur auf diesem zweiten Album perfekt miteinander verschmelzen konnte: Auf der einen Seite die ausschliesslich durch die eingesetzten Streicher erzielten Bezüge zur klassischen Musik, auf der anderen Seite die bodenständige Pop- und Rockmusik einer Vier-Mann Band mit deutlichen Reminiszenzen an die Beatles, dem Rock'n'Roll ("Roll Over Beethoven") und dem progressiven Rock der damaligen Tage ("From The Sun To The World").

Der opulente und schwerblütige Opener "In Old England Town" eröffnete mit 7 Minuten Spiellänge den kürzesten der fünf Songs des Albums. Gleich dieser Einstand zeigte deutlich kompakter gehaltenere, durchstrukturiertere Kompositionsmerkmale als die noch von Roy Wood weitgehend alleinig bestimmten, teils recht uferlosen und schrägen Jams des Debutalbums. Hier war ein Jeff Lynne am Werk, der nun die volle Alleinkontrolle über sein Glühbirnen-Orchester innehatte: Der Dirigent eines noch immer einmaligen Versuchs, klassische Musik mit Poprock zu verbinden, jetzt jedoch mit klaren Linien, guten Instrumentalpassagen, die sich nicht beissen mussten: Hier verschmolzen Klassik- und Pop/Rock-Strukturen zum erstenmal wirklich hervorragend. Selbst Deep Purple hatten länger gebraucht, um die von Jon Lord lancierten klassischen Elemente mit dem Rocksound der Band zusammenzuführen. Jeff Lynne schien das auf diesem Album mühelos zu gelingen.

Interessanterweise kamen die Fans des Progressive Rock hier ebenfalls voll auf ihre Kosten: Longtracks, Taktwechsel, reichhaltige Instrumentierung und Musiker, die etwas von der Materie verstanden und sich bereitwillig auf ein letztlich überzeugendes Experiment einlassen wollten und konnten. Allen voran vermochten die beiden Boogie-Titel zu überzeugen: "In Old England Town" mit seinem schleppenden Rhythmus und dem  intelligenten Songtext, sowie die pure Spielfreude in "From The Sun To The World". Auf eben diesen beiden Tracks fiddelte noch der Mitbegründer Roy Wood mit, bevor er die Band quasi inmitten der Aufnahmen zu diesem Album verliess und das Feld somit Jeff Lynne als kreativem Kopf der Gruppe, der sämtliche zukünftigen Fäden der Band zog, überliess.

Der nicht minder anspruchsvolle, insgesamt noch leicht schräge Schlusstrack "Kuiama" ist mit 11 Minuten der längste Song in der Geschichte des Electric Light Orchestra. "Kuiama" bietet insgesamt eine gewisse Gemütlichkeit im Ablauf, handelt aber eigentlich von Konflikten und ist auch textlich eine Anklage gegen den Krieg. Das Arrangement wirkt durch den ganzen Song hindurch recht unspektakulär: Der Song ist nicht so sehr auf progressiven Anspruch und klanglich-musikalische Vielfalt ausgelegt. Trotzdem passt er ganz hervorragend auf das Werk und wirkt genauso nachhaltig auf den Zuhörer wie die anderen vier Songs. Mit Ausnahme vielleicht von "Momma", einem kreativen Ausreisser, könnte man sagen. Dieser Song zeigt aber schon eindrücklich die weitere Entwicklung der Gruppe hin zum Hitformat der drei- bis vierminütigen Poprock-Songs, die in den folgenden Jahren vermehrt zu hören sein würden. Auch hier fällt die Gemütlichkeit im Arrangement ein. Sperrig war der Sound des Glühbirnen-Orchesters in der Tat nur auf der ersten, von Roy Wood dominierten Platte der Band. Jeff Lynne hingegen gab dem Orchester ein fast schon familienfreundliches Pop-Gesicht: Anspruch ja, aber wohldosiert - der stärkere Fokus war deutlich hörbar auf den Unterhaltungswert der Platte gerichtet.

Das gipfelte im ursprünglich von Chuck Berry komponierten "Roll Over Beethoven", bis heute wohl einem der grossen Klassiker im Repertoire des Electric Light Orchestra. Diese auch zur Hit-Single avancierte Rock'n'Roll-Hommage mit Elementen von Beethoven's fünfter Symphonie stieg denn auch bis auf Rang 6 in den englischen Charts und wurde weltweit bekannt, vor allem auch in seiner Langversion, die es auf über 8 Minuten Lauflänge und etlicher instrumentaler, sehr dynamisch gespielter Passagen brachte. Ueberdreht, opulent und äusserst packend: So hatte bis dato niemand einen Chuck Berry-Klassiker gecovert. Dessen Klassiker wurde von Beethoven's Fünfter geradezu überrollt, eine perfekte Symbiose von Klassik und klassischem Rock'n'Roll. Die auf Radiotauglichkeit verkürzte Version wurde zum Dauerbrenner in den Radiostationen und live zeigten die Musiker im Verlauf der 70er Jahre zu eben diesem Stück, wie man als Rock'n'Roller auch ein Cello äusserst virtuos malträtieren kann. Klassik-Rock klang nie unterhaltsamer und packender.

Das Album "ELO 2" sollte ursprünglich den Titel "The Lost Planet" tragen, doch dieses Konzept wurde von Jeff Lynne vor der Veröffentlichung gekippt. Das wiederum hing mit dem Weggang von Roy Wood zusammen, der nach seinem Ausscheiden aus der Band sein neues Unternehmen Wizzard ("See My Baby Jive") startete und ebenfalls äusserst erfolgreich war. Auf der Besetzungsliste unerwähnt geblieben, spielte Wood das Cello und den Bass auf den beiden Songs "In Old England Town" und "From The Sun To The World". Die beiden klassisch ausgebildeten Cellisten Colin Walker und Mike Edwards ersetzten Roy Wood, und ausserdem kam Wilfred Gibson mit dazu, der die Violine beisteuerte. Auch der Keyboarder Richard Tandy feierte hier sein Debüt, nachdem er bereits zuvor an Live-Auftritten der Gruppe mit dabei gewesen war und dort jeweils den Bass bediente. Er wurde nunmehr zum festen Bandmitglied. Tandy spielte mit Jeff Lynne bereits zu dessen Zeiten mit The Move als Gitarrist zusammen. Und schliesslich kam auch der Bassist und Sänger Mike De Albuquerque zu seinen ersten Studioaufnahmen hier.

Was heute noch immer eines der eindrücklichsten Merkmale dieser tollen Platte ist: Das Werk war keineswegs irgendwie kommerziell ausgerichtet oder von Jeff Lynne so angedacht. Trotzdem schlug das Werk in England ziemlich ein und erreichte die Top 40, ein Umstand, der ohne einen gleichzeitigen, zündenden Single-Hit damals noch praktisch kaum vorkam. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Jeff Lynne mit dem nachfolgenden Werk "On The Third Day" einen mehr kommerziellen Weg einschlug und damit letztlich - trotz der relativ erfolgreichen Single "Showdown" - weniger erfolgreich war: "On The Third Day" fand den Weg in die Album-Hitlisten nicht. Das Album "ELO 2" erschien mit zwei verschiedenen Plattencovern. In England erschien das Album mit dem Cover wie oben abgebildet und einer im Weltall schwerelos dahinziehenden Glühbirne, wohingegen in den USA das Albumcover eine über einer hügeligen Landschaft schwebende normale Glühbirne am Nachthimmel zeigte, ein eher unspektakuläres Cover, das nicht den schönen Effekt erzielen konnte wie das englische Cover, das einer Idee von Jeff Lynne entstammte. Aus unerfindlichen Gründen wurde die Nummer "Roll Over Beethoven" auf der amerikanischen Version der LP gekürzt, ausserdem wurde der Titel des Stücks "Momma" in "Mama" abgeändert und somit amerikanisiert. Eine gekröpfte instrumentale Version des Openers "In Old England Town" schliesslich wurde für die B-Seite der erst später veröffentlichten Single "Showdown" verwendet. "Showdown" wiederum war nicht auf der LP "Elo 2" vorhanden, und auch auf der späteren Nachfolger-LP "On The Third Day" fand sich die Single nur auf der amerikanischen Version, nicht aber auf der originalen englischen Ausgabe. Auch vom Nachfolgewerk "On The Third Day" gab es zwei sich stark voneinander unterscheidende Plattencover.




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