Mar 20, 2018


BETTY DAVIS - Betty Davis (Just Sunshine Records JSS-5, 1973)

Gnadenlos funky, beängstigend selbstbewusst, extrem sexy: Betty Davis war eine Vorkämpferin für moderne Pop-Diven. Sie revolutionierte das Frauenbild ihrer Zeit, verhalf Miles Davis zu einem breiteren Musikgeschmack und dem Free Jazz zu einigen bitter nötigen neuen Einflüssen. Sie bereitete den Weg für Madonna oder Beyoncé, entwarf den Prototyp der selbstbestimmten Frau im Musikgeschäft und nahm nicht zuletzt einige der aufregendsten Platten der 70er Jahre auf. Mehr als drei Jahrzehnte später lebte Betty Davis zurückgezogen in einer kleinen Wohnung in der Nähe von Pittsburgh, gescheitert, verbittert und nahezu vergessen von der Welt, ein weiteres Beispiel für die Ungerechtigkeit der Popgeschichte. Sowohl das Debütalbum "Betty Davis" von 1973 als auch das ein Jahr später erschienene "They Say I'm Different" wurden vor ein paar Jahren neu aufgelegt, mit liebevoll gestalteten Booklets und ausführlichen Liner Notes versehen. Von da an konnte man sie wieder vermehrt hören, nachdem ihre originalen Vinylalben lediglich noch bei Kennern und Liebhabern, die um die Qualitäten dieser aussergewöhnlichen und couragierten Musikerin wussten, aus den Lautsprechern dröhnten.

Die Totaloperation, die Betty Davis dem Funk verpasste: Sie stöhnte und spuckte, quietschte und fauchte, kratzte und biss sich durch Songs, deren textliche Offenheit nur von ihrer gesanglichen Radikalität übertroffen wurden. Während sich eine Combo aus einigen der damals besten Studiomusikern durch schwerblütige, vom Blues geprägte Funk-Rhythmen pflügte, etablierte Betty Davis in Stücken wie "Anti Love Song" oder "You Won't See Me In The Morning" das Bild einer sexuell selbstbewussten Frau, die Geschlechterrollen umkehrte und die in den 70er Jahren vorherrschenden Frauenbilder zertrümmerte. Im Vergleich wirkten nicht nur die Bemühungen von Zeitgenossinnen wie Cher, sondern selbst die ihrer Nachfolgerinnen wie Christina Aguilera, Kelis oder Peaches fast handzahm. "Sie war die erste Madonna", meinte Carlos Santana später einmal über Betty Davis.

Betty Davis war eine Vorreiterin und musste die Konsequenzen dieser Rolle ertragen. Im Radio wurden ihre Songs nicht gespielt, vor Auftritten, die sie bisweilen im Negligé bestritt, hatte sie oft mit Boykottaufrufen christlicher Gruppen zu kämpfen. Schon ihr Lebensstil widersprach allen gesellschaftlichen Konventionen: Sie war befreundet mit Jimi Hendrix und Marc Bolan, Affären mit Hugh Masekela, Eric Clapton und Robert Palmer wurden ihr nachgesagt. 1966 heiratete sie, damals noch ein Model namens Betty Mabry, einen gewissen Miles Davis und machte ihn mit der Musik von Jimi Hendrix und Sly Stone bekannt. Die Ehe wurde nach nicht einmal einem Jahr wieder geschieden, aber den Einfluss seiner zweiten Frau auf sein Schaffen gab Miles Davis als stets nicht zu unterschätzen an. Noch 15 Jahre später nahm er das von seiner Ex-Frau inspirierte "Back Seat Betty" auf. Zu diesem Zeitpunkt war Betty Davis' eigene Karriere schon wieder beendet. Drei Alben lang war sie ihrer Zeit voraus, der kommerzielle Erfolg blieb aus. Ein viertes blieb gleich im Archiv der Plattenfirma und wurde niemals veröffentlicht. Ein weitere Platte finanzierte sie 1979 selbst: sie floppte. Anfang der 80er Jahre verschwand sie von der Bildfläche, Gerüchten zufolge erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Das Musikgeschäft war noch nicht reif für ihre Ideen. Betty Davis wollte, ungewöhnlich für die 70er Jahre, für schwarze Musik und erst recht für eine Frau, die totale Kontrolle über ihr Werk behalten. Sie rekrutierte ihre Bands selbst, darunter die legendären Bläser von Tower Of Power, und für ihr zweites Album "They Say I'm Different" übernahm sie sogar den Produzentenposten.

Über fast drei Jahrzehnte hinweg war Betty Davis nur als Zitat in Hip Hop-Tracks von Bewunderern wie Talib Kweli, Ludacris oder Ice Cube zu hören, die einzelne ihrer Songs gesampelt hatten. Ihr Werk war, wenn überhaupt, bislang meist nur in seltsamen Zusammenstellungen erhältlich, bis das Plattenlabel Light in the Attic die beiden ersten Alben neu herausbrachte. Das Plattenlabel war in Seattle beheimatet und grub so geschmackssicher und ausdauernd in den Tiefen der Popgeschichte wie kaum ein anderes. Betrieben wurde Light In The Attic damals aus dem Souterrain eines unauffälligen weissen Hauses im eher beschaulichen Bezirk Phinney Ridge, wenige Meilen nördlich von Seattles Downtown. Hier war man von der Hightech-Innenstadt, der Heimat von Microsoft, Amazon, Starbucks und Boeing, ebenso weit entfernt wie von der ehemaligen Grunge-Metropole, die Bands wie Nirvana hervorbrachte. Die drei Teilhaber und bis zu drei Praktikanten von Light In The Attic drängten sich oft bis Mitternacht in zweieinhalb viel zu engen Kellerräumen, die auch noch als Lager dienten.


Doch nach fast fünf Jahren rentierte sich die Selbstausbeutung: "Wir wachsen", sagte Gründer Matt Sullivan und meinte auch zu wissen, woran das lag: "Wir sind einzigartig, aber nicht nur in Seattle, sondern weltweit." Tatsächlich: Light In The Attic veröffentlichte Soul und Rock, Rap und Pop, aktuelle Bands und liebevoll gestaltete Wiederveröffentlichungen. Zum Label-Katalog gehörte die von Kritikern verehrte psychedelische Hardrock-Band The Black Angels aus Texas ebenso wie eine Neuauflage des Soundtracks des legendären Blaxploitation-Pornofilms "Lialeh" oder die ersten Alben der Last Poets, die bereits in den frühen 70er Jahren quasi den Rap erfanden.

"Wir fühlen uns wie Forscher", erzählte Sullivan damals, "wir sind wie Bibliothekare, wir wollen die Vergangenheit bewahren". Dazu gehörte viel Kleinarbeit, denn mit dem Aufspüren der vergrabenen Schätze war es zumeist nicht getan. Es folgte ein oft enervierender Kleinkrieg mit Labels und Vertrieben, Nachlassverwaltern und Verwandten um Rechte und Tantiemen, unbezahlte Rechnungen und nie erfüllte Forderungen, bis eine Wiederveröffentlichung erscheinen konnte. Aber die Arbeit lohnte sich am Ende immer: So fanden die vergessene New Yorker Popband The Free Design auf Light In The Attic ebenso eine neue Heimat wie die britische Singer-Songwriterin Karen Dalton, die von einem Grossteil der Nu-, Weird- und Strange-Folk Szene als prägender Einfluss entdeckt wurde. Und schliesslich auch Betty Davis. Die lebte, nahezu mittellos, in ihrem Apartment in Homestead, einem Vorort von Pittsburgh, und musste von Sullivan erst mühevoll überzeugt werden, ihre Zustimmung zur Wiederauflage ihrer Platten zu geben. Nun konnte sie immerhin auf ein paar Tantiemen hoffen. Vor allem aber fügten sich die liebevoll gestalteten Neuveröffentlichungen der Funk-Klassiker nahtlos ein in einen makellosen Label-Katalog, der nach vergessenen historischen Meilensteinen suchte, ohne die Gegenwart zu vergessen. Und da draussen gab es noch viel mehr zu entdecken, sagte Sullivan, versunkene Schätze aus fernen Zeiten.

Der Regisseur Phil Cox hatte die einflussreiche Musikerin für ein Doku-Porträt aufgespürt. Vor rund 50 Jahren begann die kompromisslose Funk- und Soulpionierin damit, das Frauenbild jener Zeit zu revolutionieren und auch das Selbstbewusstsein der afroamerikanischen Bevölkerung zu steigern. Carlos Santana nannte sie damals ehrfurchtsvoll 'Black Panther Woman'. Künstlerisch übte sie nicht nur nachhaltigen Einfluss auf ihren kurzzeitigen Ehemann Miles Davis aus. Auch spätere Musiker gleich welchen Geschlechts und welcher Hautfarbe hatten der ausserordentlichen Frau viel zu verdanken. Aber als später Künstler wie Madonna, Prince oder Amy Winehouse auf die Bühne traten, hatte sich Betty Davis längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Phil Cox' Dokumentarfilm 'Betty Davis - The Queen Of Funk' war eine beeindruckende filmische Hommage an Betty Davis und ihre absolut hervorragenden Begleitmusiker.




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