Mar 17, 2016


RAINBOW RED OXIDIZER - Recorded Lies (Quark Records CATCH-2, 1980)

Rainbow Red Oxidizer - hinter diesem Namen verbarg sich eine wahre Supergroup, die leider nur kurze Zeit existierte, dafür bei mir aber umso nachhaltiger wirkte. Noch heute finde ich ihre einzige Platte schlicht phantastisch, denn sie verband damals, 1980, in genialer Weise drei zentrale Pfeiler meines Musikgeschmacks: Sie spielten Sixties-orientierten Rock, kredenzten diesen druckvoll in perfekter Power Pop-Manier und liessen es sich auch nicht nehmen, allen Stücken, die sie für die Platte wählten, einen frischen New Wave-Wind zu verpassen. Die Band bestand aus dem Leader und Sänger Rainbow Red Oxidizer, der in den 70er Jahren an der Seite von Sky "Sunlight" Saxon musizierte, der Gitarrist Mars Bonfire spielte bei Sparrow und ist der Komponist des weltberühmten Steppenwolf-Songs "Born To Be Wild", der zweite Gitarrist Leon Rubenhold kam von der Outlaw Blues Band, der Bassist Gary "Magic" Marker war bei den Rising Sons und spielte in Captain Beefheart's Magic Band mit und den Schlagzeuger Ed Cassidy kannte man vor allem als Drummer der legendären Band Spirit. Als musikalische Gäste wirkten die Girls der Band Nikki & The Corvettes mit, die als die weiblichen Ramones mit ihrem Bublegum Punk zu gefallen wussten.

Wie es der Titel der Platte schon andeutete, und weil es sich bei der Band letztlich wohl auch eher um ein Spassprojekt handelte, finden sich auf dieser absolut starken Platte etliche Cover-Versionen von relativ bekannten, aber mehrheitlich doch eher wenig bekannten Stücken. So zum Beispiel das als kerniger Power-Pop gerockte Rolling Stones-Stück "Play With Fire", das die Stones 1965 als B-Seite der erfolgreichen Single "The Last Time" veröffentlichten (später auch auf dem Album "Out Of Our Heads". Dabei war das Bemerkenswerte an dem Song, dass er als Komponist den Namen Nanker Phelge auswies - ein Pseudonym, das die Stones zumeist dann verwendeten, wenn sie ein Stück als gesamte Band geschrieben hatten. Dabei waren auf der Originalversion der Stones-Version nur Jagger und Richards zu hören. Phil Spector und Jack Nitzsche waren für die Einspielung der anderen Instrumente verantwortlich. Auch aus dem Country-Klassiker "Rawhide" kredenzten Rainbow Red Oxidizer einen kernigen Rock'n'Roll, genauso wie aus dem Klassiker "Wooly Bully" von Sam The Sham & The Pharaos.

"Elevator Girl"  verströmt ein bisschen Surf-ähnlichen Spirit, was auch daran liegt, dass der new wave'ige Titel instrumental und von der Melodie her Surf-ähnliche Züge aufweist. Herrlich auch die Lennon/McCartney-Adaption von "A Hard Day's Night". Da bleibt definitiv kein Auge trocken. Es ist erstaunlich, dass sich mit den wenigen eigenen Ideen bei den Kompositionen trotzdem so viel Inspiration für fremdgeschriebene Titel vorhanden war. Diese LP macht definitiv Spass. Der New Wave-Anteil ist überschaubar und verhilft den im klassischen Stil des Power-Pop gespielten Rockern lediglich, einen gewissen zeitgeistigen Appeal zu entfalten. Aehnlich klangen zum Beispiel auch Platten etwa von Robert Johnson (dem Rhythm'n'Blues-Musiker, nicht der Blues-Legende selben Namens), der Fabulous Poodles oder einiger typischer Bands und Musiker des legendären Spliff Plattenlabels. 

Daneben spielt die Band auch einige rockige Interpretationen von Songs aus den frühen 60er Jahren, darunter mit "Palisades Park" eine Nummer von Freddy Cannon, den im entsprechenden Garage-Stil gespielten eigenen Titel "Wild Beast Planet Ruler" (herrlich dieses Hundekläffer-Intro!) und "When You Walk Into The Room" von Jackie DeShannon aus dem Jahre 1963. Schliesslich macht die Band aus dem souligen Popsong "Do You Love Me" von The Contours (1962) ebenfalls ihre eigene Vorstellung dessen, was sie unter einem Liebeslied versteht.

Dass all das Spassige an diesem Album nicht für eine länger anhaltende Karriere würde ausreichen, war vermutlich allen Beteiligten klar. Dass sich speziell in Deutschland mit Uwe Tessnow's LINE-Label auch hierzulande ein Vertrieb für die Platte fand, ist wunderbar. Wieviele Freaks sich diese Platte allerdings zugelegt haben, weiss ich nicht. Viele können's aber nicht gewesen sein. Es sei denn, es gäbe mehr solch spinnerte Freaks wie mich als ich annehme.

Die Beteiligten waren auch nach Rainbow Red Oxidizer weiterhin äusserst aktiv. Leader Rainbow Red Oxidizer, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Michael Neall heisst, aber Pseudonyme wie etwa Rainbow Starburst oder Rainbow Neal verwendet hat, liess Yahowa, resp. Ya Ho Wa 13 wieder aufleben, nachdem er dort bereits seit den 70er Jahren aktiv war. Mars Bonfire schloss sich der Band von Sky "Sunlight" Saxon an, wo er auch wieder auf Rainbow Neal stiess und an der Reunion von Saxon's legendärer Gruppe The Seeds beteiligt war. Ed Cassidy spielte sporadisch mit Spirit weiter, traf auf Merrell Fankhauser und gründete später mit ihm auch die Fankhauser Cassidy Band, welche jedoch nicht über ein Album hinaus kam. Der stets in schwarz gekleidete Musiker starb am 6. Dezember 2012. Ueber weitere Aktivitäten des Gitarristen Leon Rubenhold und des Bassisten Gary "Magic" Marker ist wenig bekannt. Rubenhold macht inzwischen Solomusik und arbeitet als Gitarren- und Mundharmonika-Lehrer und Marker arbeitete als Sessionmusiker, Toningenieur und Produzent, bevor er am 8. Dezember 2015 verstarb.


Mar 16, 2016


VARIOUS ARTISTS - White Mansions (A Tale From The American Civil War 1861-1865) (A&M Records SP-6004, 1978)

Ein Abriss der amerikanischen Geschichte des Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 war das Konzept einer von Produzent Glyn Johns musikalisch umgesetzten Geschichte aus der Feder von Paul Kennerley, der auch sämtliche Songs zu dem Album komponierte. Für das ehrgeizige Projekt konnte eine Handvoll erlesener Musiker aus dem Country- und Rock-Bereich rekrutiert werden, was dazu führte, dass bei diesem prachtvollen Album eigentlich alles stimmte: Geschichte, Gestaltung und musikalische Umsetzung. Bei "White Mansions" handelt es sich um eines der wenigen Konzept-Werke aus dem erweiterten Umfeld der Country-, resp. Country Rock-Musik, dem eine Story aus der amerikanischen Geschichte zugrunde liegt. Ein Konzept, das in ähnlichen Varianten meist eher aus dem Bereich der Rockmusik hätte vermutet werden können.

Der Sezessionskrieg oder Amerikanische Bürgerkrieg war der von 1861 bis 1865 währende militärische Konflikt zwischen den aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen, in der Konföderation vereinigten Südstaaten und den in der Union verbliebenen Nordstaaten (Unionsstaaten). Ursache war eine tiefe wirtschaftliche, soziale und politische Spaltung zwischen den Nord- und den Südstaaten, die sich vor allem in der Sklavereifrage öffnete und sich seit etwa 1830 immer weiter vertieft hatte. Als Reaktion auf die Wahl Abraham Lincolns – obwohl nur gemässigter Sklavereigegner – zum US-Präsidenten traten im Winter 1860/61 die meisten Südstaaten aus der Union aus. Der Krieg begann am 12. April 1861 mit der Beschiessung von Fort Sumter durch die Konföderierten. Er endete im Wesentlichen mit der Kapitulation der konföderierten Nord-Virginia-Armee in Appomattox Court House am 9. April 1865. Die letzten Truppen der Konföderierten kapitulierten am 23. Juni 1865 in Texas. Nach dem Sieg des Nordens wurden die Südstaaten im Rahmen der sogenannten "Reconstruction" wieder in die Union aufgenommen. Die wichtigsten Folgen des Krieges waren die Stärkung der Zentralmacht und die endgültige Abschaffung der Sklaverei in den USA, sowie die verstärkte Ausrichtung des Landes als Industriestaat.

Dieser Krieg diente Paul Kennerley als Vorlage zu einer musikalischen Geschichte, in welcher die beteiligten Musiker in ihren Liedern jeweils verschiedene Charakteren darstellten und es wurde versucht, den Bürgerkrieg aus der Sicht von Menschen aus den Südstaaten abzubilden und zu verarbeiten. Der ursprüngliche Werbeberater Paul Kennerley wurde erstmals musikalisch aktiv im Jahre 1972, als er mit der Rockband Holy Roller im soeben neu eröffneten Manor Studio in Monmouth (das später weltberühmt wurde unter anderem als Geburtsstätte von Mike Oldfield's "Tubular Bells") Stücke aufnahm, die im Grunde erste Demoversionen des später erscheinenden Konzeptalbums waren. Dabei standen ihm beispielsweise Tom Newman oder Philip Newell zur Seite - zwei Musiker, die zu den Studiomusikern des Manor Houses gehörten. Tom Newman sang sämtliche Songs dieses Demo-Tapes, mit welchem Paul Kennerley später auf die Suche nach einer Plattenfirma ging. Doch erst knapp 6 Jahre später war Kennerley erfolgreich. Die Geschichte inzwischen perfekt auskomponiert und durcharrangiert, zeigte sich das sowohl in England, wie auch in Amerika aktive Plattenlabel A&M Records interessiert, das Projekt professionell umzusetzen und zu veröffentlichen. Dazu wurde Produzent Glyn Johns aufgeboten, jener Produzent, der schon Alben für die Eagles, oder auch für Led Zeppelin realisiert hatte. Zu der Zeit, als er die Aufgabe übernahm, das "White Mansions" Projekt umzusetzen, war er gerade sehr erfolgreich als Produzent von Eric Clapton, mit welchem er die beiden Alben "Slowhand" und "Backless" realisiert hatte und kommerziell zwei Volltreffer landete. Was lag dabei näher, als Eric Clapton in dieses Projekt miteinzubeziehen ?

Neben Eric Clapton bot Glyn Johns auch einen seiner persönlichen Lieblingsmusiker auf: Waylon Jennings. Der Country Outlaw war begeistert von diesem Projekt, reflektierte es doch mit seinem geschichtlichen Hintergrund auch ein stückweit seiner eigenen familiären Wurzeln - Jennings wuchs als Farmers-Sohn in Texas auf. Ausserdem wurde die damalige Freundin von Waylon Jennings, Jessi Colter, in das Projekt miteinbezogen. Die einst mit Rock'n'Roll-Legende Duane Eddy verheiratete Countrysängerin war zu der Zeit ebenfalls als Künstlerin sehr erfolgreich, ebenso wie die Country Rock Band The Ozark Mountain Daredevils, welche mit John Dillon und Steve Cash zwei weitere Charakteren für die Geschichte stellten. In ihrer Eigenschaft als typische Südstaatler jener Tage agierten sie auf der Platte als Polly Ann Stafford (Jessi Colter), Tochter eines Diplomaten und Kriegsversehrten-Krankenschwester. Waylon Jennings trat in der Geschichte als "The Drifter" auf, der weise Mann, der nicht aktiv als Soldat am Bürgerkrieg teilnehmen konnte, von Ort zu Ort zog und die Bevölkerung jeweils über die neuesten politischen und kriegerischen Geschehnisse informierte. Als "The Drifter" führt Waylon Jennings nicht nur als Sänger, sondern auch als "Narrator", also als Erzähler durch die Geschichte. Mit seiner tiefen und warmen, sonoren und sehr einnehmenden Stimme eine perfekte Wahl für diese Rolle. Der Gitarrist und Sänger John Dillon übernahm die Rolle des Matthew J. Fuller, ein Baumwoll-Farmer und typischer Vertreter der Südstaaten-Aristokratie und sein Band-Kumpel bei den Ozark Mountain Daredevils, Steve Cash verkörperte als Caleb Stone einen rassistischen Gelegenheitsarbeiter ohne Beruf, ohne Land und ohne Geld, der sein Schicksal mit den Schwarzen im Süden teilte, als Aufseher auf Baumwollplantagen jedoch in rassistischer Weise die schwarzen Feldarbeiter drangsalierte und verhöhnte und sie quasi verantwortlich machte für sein eigenes Scheitern.

Die Musik zur Geschichte wurde eingespielt von den vier Hauptakteuren, unter Mithilfe von Eric Clapton, der die Slide- und die Resonatorgitarre beisteuerte, ausserdem Bernie Leadon, dem Gitarristen der Eagles und der Flying Burrito Brothers, dem Keyboarder Tim Hinkley (Jody Grind, Snafu, Vinegar Joe), dem Bassisten Dave Markee (Greenslade, Magna Carta) und dem Schlagzeuger Henry Spinetti (Gerry Rafferty, Pete Townshend). Obwohl das ganze Projekt perfekt umgesetzt war, die Akteure hervorragend performten und dem Album mit ihren detailverliebten und glaubwürdig umgesetzten Geschichten der Einzelschicksale der Charakteren unzählige Glanzlichter schenkten, geriet das Unternehmen zu einem grossen kommerziellen Flop, der auch von den Musikkritikern mehrheitlich negativ beurteilt wurde.

Zwei Jahre später versuchte der Initiant Paul Kennerley mit einem weiteren geschichtsträchtigen Epos über das Leben von Jesse James erneut ein Konzeptalbum, aber auch das stellte sich trotz erneuter Starbesetzung als musikalischer Misserfolg heraus. "The Legend Of Jesse James" wurde mit Top-Stars wie Johnny Cash, Emmylou Harris (mit der Paul Kennerley einige Zeit verheiratet war), Charlie Daniels, Albert Lee und Levon Helm wie sein Vorgänger "White Mansions" äusserst prominent besetzt - die Geschichte war wiederum sehr gut ausgedacht, die Songs klasse, aber erreichten das Publikum nicht wie erhofft. Desillusionieren liess sich Paul Kennerley deswegen jedoch nicht, riss aber in späteren Jahren keine eigenen Projekte mehr an und arbeitete vorwiegend als Songschreiber im Bereich der Countrymusik, und in dieser Eigenschaft war er sehr erfolgreich. Er komponierte Songs unter anderem für Tanya Tucker, The Judds, Juice Newton oder Patty Loveless. Mit einem eigenen Soloalbum reüssierte er ebenfalls. 1989 erschien sein einziges eigenens Mini 5 Song-Album mit dem Titel "Misery With A Beat", das leider ebenfalls komplett unterging.

Wer sich für beide Konzeptwerke von Paul Kennerley interessiert, dem sei die zwei CD-Variante empfohlen, welche sowohl "White Mansions", als auch den Nachfolger "The Legend Of Jesse James" bietet (Mercury Nashville Records 540791, 1999).


Mar 15, 2016


KALA - Kala (Bradleys Records BRADL1002, 1973)

Kala ist ein Wort aus dem Sanskrit und bedeutet "Zeit". In vielen östlichen Kulturen gilt das Wort Zeit seit jeher als Inbegriff allen Schaffens, als Sinnbild für die Ewigkeit, die Natur, die Schöpfung und die Weisheit. Dieses Verständnis für östliche Mystik findet sich in musikalischer Form auch in der britischen Band Quintessence, einer stilistisch sehr vielfältig agierenden Gruppe, die in der Zeit von 1969 bis 1972 fünf entsprechend fernöstlich angehauchte Platten eingespielt hat, die sich daneben auch westlicher Einflüsse aus Jazz, Rock und der Psychedelik bediente. Nachdem die Gruppe Quintessence aus recht fragwürdigen Gründen ihre Aktivitäten aprupt einstellte, bildete sich eine Nachfolger-Band um den Sänger Phil 'Shiva' Jones und den Gitarristen Dave 'Maha Dev' Codling, mit dem Namen Kala. Vier Musiker der Gruppe Quintessence überwarfen sich 1972 mit dem amerikanischen Veranstalter ihrer Konzerte in den USA, weigerten sich, an einem Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall aufzutreten, nachdem ihre Forderung nach einer höheren Vorauszahlung der Gage verweigert worden war. Dies wiederum hatte zur Folge, dass der Besitzer von Island Records, Chris Blackwell, den Vertrag mit der Band auflöste, was zum Ende der Gruppe Quintessence führte.

Der musikalische Neubeginn der beiden übriggebliebenen Musiker Jones und Godling Anfang 1973 war indes nicht wirklich erfolgreich, was schade ist, denn auch mit Kala ging eine Band an den Start, die sich der fernöstlichen Elemente bediente, insgesamt jedoch eher weltlichere Musik präsentierte. Zu den immer noch vorhandenen mystischen Elementen, welche einige Stücke deutlich dominierten und sehr an die Musik von Quintessence erinnerte, gesellten sich bei Kala auch sehr bodenständige, leicht jazzig arrangierte Rock-Songs, die zwar bisweilen etwas gewöhnungsbedürftig klangen, weil sie nicht die Musik darstellten, die man sich von den beiden Musikern bis anhin gewohnt war, doch waren sie zumindest im Hier und Jetzt arrangiert, atmeten durchaus den damaligen Zeitgeist und man könnte auch schon fast von kommerziellen Momenten sprechen, denn typisch progressive Momente sind auf dem einzigen Album der Band nur äusserst spärlich zu finden, was die Platte in meinen Augen aber leichter und zugänglicher macht.

Klares Highlight der Platte ist allerdings dann doch der Titel "Meditations", der noch stark an den Sound von Quintessence angelehnt ist. Was hier begeistert, sind einmal die Geige, die eine folkigen Note in das Stück bringt und ausserdem der Gesang von Gastsängerin Carol Grimes, jener Musikerin, die später für Virgin Records eine Handvoll exquisiter Blues- und Folkrock-Alben einspielte (besonders schön: ihr 1975er Album "Warm Blood"), und die mit ihrer eigenen Band Delivery recht bekannt war im Umfeld der Canterbury-Szene. Auch der Titel "Honey Of Love" bot von der musikalischen Atmosphärik her den Sound der Gruppe Quintessence.

Auf der anderen Seite finden sich auf dem Album allerdings auch durchaus neue Sounds, die weitab vom fernöstlichen Stil angesiedelt sind: der von der britischen Folkrock-Band Daddy Longlegs stammende Musiker Peter Arnesen etwa, der mit seinem Klavierspiel durchaus zu gefallen weiss, sehr viel Bodenhaftung in die Stücke bringt und insgesamt der Musik einen eher rockigen Touch verleiht. Insbesondere in Stücken wie "Pearl" oder "Still Got Time" klingt das dann schon fast wie ein Mix aus den Faces und beispielsweise Lindisfarne oder Decameron. Mit Les Nicol gehörte der Band Kala denn auch ein Gitarrist an, der im Rock zuhause war. Er spielte zuvor bei Ray Owen's Moon (der Band des kurzzeitigen Juicy Lucy-Sängers) und Methuselah (Vorbote der späteren Band Amazing Blondel), bevor er 1974 als Gitarrist mit Pavlov's Dog auch kommerziell erfolgreich musizierte. Auch der Gast-Keyboarder David Skinner sorgte für interessante Momente in der Musik von Kala, indem der spätere Mitmusiker in Phil Manzanera's Band 801 etwa dem Opener "Travelling Home" angenehm jazzige Tupfer verlieh.

Der manchmal leidlich in Richtung Bigband tendierende Kala Sound, die eher weltlich ausgelegte rockige Ausrichtung und die nur wenig ausgeprägten fernöstlichen Elemente sorgten beim Publikum für Irritation, wahrscheinlich deshalb, weil man sich mehr Nähe zum Vorgänger ausgemacht hatte. So war der Platte leider kaum nennenswerte Beachtung beschieden, weshalb nach einigen wenigen Konzerten bereits Schluss war für die Band. Während Sänger Phil 'Shiva' Jones und Gitarrist Dave 'Maha Dev' Codling mit Kala experimentierten, spielten die verbliebenen Quintessence-Musiker noch unregelmässig zusammen bis weit in die 80er Jahre, bevor Jones die Band Quintessence für einen Auftritt am Glastonbury Festival in England reaktivierte.

Obwohl das Album Kala am Ende vielleicht ein bisschen wie ein musikalischer Gemischtwarenladen klingt, sind kompositorisch und arrangementmässig doch etliche Glanzstücke zu hören, denen man die hohe musikalische Kompetenz der Beteiligten anmerkt. Ein längst vergessenes Stück Musik, das man dank einer umfassenden CD-Wiederveröffentlichung ("After Quintessence: The Complete Kala Recordings" Hux Records HUX115, 2010) noch einmal neu entdecken kann.

Mar 14, 2016


GERRY LOCKRAN - Wun (Polydor Records 2383 122, 1972)

Der am 19. Juli 1942 als Gerald Cranston Frederick Loughran in der indischen Yeotmal Provinz geborene Blues-, Folk- und Rock-Sänger mit seiner sehr prägnanten Stimme war eines von acht Kindern einer Familie aus Damoh am Fusse des Himalayas. Ursprünglich aus England im Jahre 1800 nach Indien emigriert, kehrte die Familie nach dem Tod des Vaters 1949 wieder zurück nach England.

Dort begann Gerry Lockran ab 1961 in unterschiedlichen Bands zu spielen, die sowohl einen Bezug zur britischen Skiffle-Musik hatten, jedoch auch der aufkeimenden Beatmusik verpflichtet waren. Als Gitarrist und Sänger der Gruppen "The Hornets" und "Wally Whyton and The Vipers" verdiente er sich erste Sporen ab, tat sich ab 1963 mit den zwei jungen Bluesmusikern Cliff Aungier und Royd Rivers zusammen und begann ab da, sich dem traditionellen Blues etwa eines Big Bill Broonzy zu widmen, der ihn sehr zu seiner eigenen Musik inspirierte. Der schon damals relativ bekannte englische Folk Gitarrist John Renbourn erinnert sich, dass Gerry Lockran's Gitarrenspiel einen wichtigen Einfluss darstellt, der ihn zu seiner eigenen Spielweise der Gitarre inspiriert hat: "Lockran was a great player and a great guy who took me under his wing and gave me a platform". Im April 1965 änderte der Musiker seinen Nachnamen Loughran in den Künstlernamen Lockran.

Zu der Zeit spielte er viele Konzerte in wechselnden Besetzungen. Darunter befanden sich auch Konzerte, die im Rahmen einer Package Tour unter der Bezeichnung "Kings of the Blues" gemeinsame Auftritte mit Long John Baldry, Alexis Korner und Duffy Power beinhalteten. Am 6. August 1965 eröffnete Lockran, zusammen mit seinen musikalischen Freunden Aungier and Rivers den Folk und Blues Club "Folksville" in London, der sich zu einem der grossen Geheimtipps der britischen Folk- und Bluesmusik entwickelte und dem Musiker 1966 auch einen Plattenvertrag bescherte, nachdem Talentscouts auf den Club und die dort auftretenden meist noch unbekannten und sehr talentierten Bands aufmerksam geworden waren und regelmässig Ausschau nach zukünftigen Stars hielten.

Lockran's erstes Album "Hold On - I'm Coming!" erschien im selben Jahr und darauf waren inzwischen schon die bekannten Folkmusiker Danny Thompson, Terry Cox und Ray Warleigh zu hören. Im Jahr darauf erschien mit dem zweiten Album "Blues Vendetta" ein zum momentanen musikalischen Trend sehr gut passendes Blues-, Rock- und Folk-Album, das im Rahmen des "British Blues Revival" auf reges Interesse stiess und sich auch relativ gut verkaufen konnte. Gerry Lockran konnte dank der vielen Musiker, die er dank seines Musik Clubs kennenlernte, viele Kontakte knüpfen und pflegen, und so erstaunt es nicht, dass er seine Mitstreiter immer sorgfältiger auswählte und auch immer professioneller agieren konnte. 1971 traf er in Nigel Thomas einen Produzenten, der bereits mit Bands und Künstlern wie Joe Cocker, der Grease Band, den Faces, Chris Stainton und Juicy Lucy einige erfolgreiche Alben auf den Weg gebracht hatte. Während der beiden folgenden Jahre war Gerry Lockran deshalb stets auch live mit den Genannten unterwegs, und zwar sowohl in Europa, wie auch in Amerika. 40 Auftritte konnte er so alleine als Support Act auf Joe Cocker's US- und Kanada Tour 1972 und 1973 bestreiten, was ihm bald ein relativ grosses Renomée bescherte.

Während dieser Zeit nahm Gerry Lockran mit "Wun" auch ein weiteres Album auf, bei welchem Lockran instrumentale Unterstützung von Ronnie Wood, Neil Hubbard, Alan Spenner, Andy Pyle, Ron Berg, Chris Mercer, Bruce Rowland und Cliff Aungier erhielt, was das Album zu einem wahren Highlight des britischen Blues Rock werden liess.

Trotz exzessivem Tourens in Europa und Amerika gelang es jedoch nicht, das Album einigermassen gewinnbringend an die Fans zu bringen, weshalb die Plattenfirma Polydor den Musiker nach diesem einen Album wieder fallen liess. Dabei fanden sich auf dieser Platte etliche tolle Songs von herausragender Qualität, wie zum Beispiel den Opener "Father To Your Children", auf welchem der damals noch relativ unbekannte Gitarrist Bryn Haworth eine exzellente Gitarre spielte. Auf "Maybe Not Up" und "Tired Neal Groans" fielen vor allem die fetten Bass/Schlagzeug-Fundamente von Andy Pyle und Ron Berg auf, die beide von Blodywn Pig kamen und unmittelbar nach diesen Aufnahmen zu einer neuen Inkarnation von Savoy Brown wechselten und dort auf deren LP's "Lion's Share" und "Jack The Toad" mitspielten. Speziell im Song "Maybe Not Up" konnte auch Saxophonist Chris Mercer glänzen. Der ehemalige Mistreiter von John Mayall und der Band Juicy Lucy steuerte ein phantastisches Saxophon-Spiel bei,  das dem Titel eine perfekte angejazzte Form gab.  Mit Gitarrist Neil Hubbard, Bassist Alan Spenner und Schlagzeuger Bruce Rowland spielten beim Stück "Stop On The Red" ausserdem eine Abordnung der damals aktuellen Begleitband von Joe Cocker. Bei dem Stück steuerte der damalige Faces- und zukünftige Rolling Stones-Gitarrist Ronnie Wood eine exzellente Slide Gitarre bei.

1976 erschien noch ein weiteres Album von Gerry Lockran mit dem Titel "Rags To Gladrags" mit den Musikern Mick Ralphs, Henry McCulloch, Philipp Chen, Pete Wingfield und Mel Collins, das leider völlig unbeachtet blieb, obwohl es genauso interessant und kompetent gespielt war.

Danach führte Gerry Lockran's Weg kontinuierlich zurück zu seinen Roots, und sein finales Album "Cushioned for a Soft Ride Inside" im Jahre 1982 spielte er mit Hans Theessink ein - ein subtiles und stilles Folk- und Bluesalbum, weitestgehend akustisch. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits einen Herzinfarkt hinter sich, den er im Jahr zuvor erlitten hatte, was es ihm verunmöglichte, seine linke Hand weiterhin zu gebrauchen. Ein schwerer Schicksalsschlag, von dem sich der Sänger und Gitarrist nicht mehr erholte. Ein weiterer Herzinfarkt kostete ihn am 17. November 1987 das Leben.

Mar 13, 2016


NAVARRO - Listen (Capitol Records ST-11670, 1977)

Navarro war eine Band, die aus dem glücklichen Umstand heraus, dass sie die Musikerin Carole King einige Zeit begleiten konnte, selber zu einem Plattenvertrag gelangte und insgesamt drei Alben veröffentlichen konnte, die im weitesten Sinne einen luftig-leichten, aber sehr einnehmenden Westcoast-Sound zelebrierte, der viel Pop-Appeal besass, jedoch auch dezent funkige und soulige Klänge und sogar da und dort durchschimmerndes Latin Fieber bot. Insgesamt eine musikalische Mixtur, die mehr als nur hörenswert war. Bekanntester Musiker in der Band Navarro war der Gitarrist, Pianist und Sänger Robert McEntee. Geboren in New Jersey, spielte McEntee zuerst Surf-Musik, entdeckte dann die Rolling Stones, die Beatles und die Byrds und lernte viel von der Musik dieser Bands. Schliesslich kam er zur Akustikgitarre (speziell dem Fingerpicking), wie sie für die Musik der Folkbewegung der 60er Jahre (Dylan, Tom Rush, Tom Paxton, Crosby Stills and Nash, Judy Collins) typisch war. Später spielte er zusammen mit Gitarrist Marc Ribot einige Jahre auf der High School klassischen Rock'n'Roll. Da kam er auch zum ersten Mal mit den Roots des Rock'n'Roll in Kontakt. Die meisten der Songs waren aus den 50er und 60er Jahren, und obwohl er sie aus dem Radio kannte, hatte er bis dahin nie gelernt, wie man die Songs spielte. Nach seinem Abschluss an der High School zog er nach Boulder, Colorado und gab Gitarrenunterricht in einem Musikladen. Während seiner Zeit in Boulder musizierte er in diversen Bluegrass-Bands und spielte jede Menge Fiddle-Songs, viele alte Stücke aus den frühen Tagen der Country Music.

1973 übersiedelte Robert McEntee nach Texas, wo er Bass in dem Akustik-Trio "Timberline Rose" spielte. Dieses Trio spielte einen relativ aussergewöhnlichen, vom Jazz beeinflussten Folk, eine Art "Mose Allison trifft auf Bob Wills". Währenddessen kam er in Kontakt mit der aufblühenden Texas "Progressive Country"-Szene und spielte mit Jerry Jeff Walker, Willie Nelson und anderen, die in der Umgebung von Austin lebten. Dabei machte er auch die Bekanntschaft von Mark Hallman aus Colorado, der in einem Folk-Duo spielte. Sie taten sich zusammen und traten in Bars, Folk Clubs und auf Festivals auf. Manchmal buchten sie einen grossen Raum über einer Bar hoch in den Bergen ausserhalb von Boulder, sie promoteten diese Konzerte wochenlang vorher und hatten ein ausverkauftes Haus. Die Leute kamen wegen der Musik. Es war einer dieser Auftritte, als ihr Freund Dan Fogelberg mit Carole King vorbeischaute, die gerade in den Caribou Ranch Studios eine neue Platte für die berühmte Künstlerin aufnahmen. Carole King war sofort Feuer und Flamme für die Band, die da spielte und nahm sie als Begleitcombo mit nach Los Angeles.

Dort angekommen, bekam die Gruppe auch gleich einen Plattenvertrag bei Capitol Records angeboten, nachdem sie neben Aufnahmen für Carole King auch einige eigene Stücke nebenher als Demos produziert hatte. In den folgenden drei Jahren nahm die Band unter dem neuen Namen Navarro insgesamt drei Alben auf, bei welchen Carole King auch immer mit von der Partie war. "Listen" war das zweite dieser drei Alben, denn zuvor war die Band noch unter Vertrag bei Ode Records, für die sie ein Album abliefern musste, das allerdings weitgehend unbekannt geblieben ist. Das für Capitol eingespielte Album "Listen" erschien zeitgleich mit Carole King's LP "Simple Things". Beide Alben schafften zwar wie erwartet grosses Airplay, wobei die Band Navarro klar von dem Umstand profitierte, dass sie als Begleitband für Carole King bereits bekannt war, allerdings war King's Platte am Ende natürlich weitaus erfolgreicher. Carole King bezeichnete später die gemeinsame Zeit mit den Musikern der Band Navarro als eine ihrer besten musikalischen Phasen. Auch auf dem Nachfolger "Welcome Home" spielten die Musiker von Navarro wieder mit, und wiederum wurde fast zeitgleich auch ein weiteres Navarro-Album veröffentlicht mit dem Titel "Straight To The Heart", das gegenüber der "Listen" etwas mehr Country Rock-Appeal aufwies, einen Musikstil, den Robert McEntee später noch verfeinern würde.

Navarro begleiteten Carole King auf drei Tourneen in den USA, ehe sich mit dem Tod von Carole's Mann alles änderte. Carole King zog sich sofort vom öffentlichen Leben zurück und benötigte daher auch keine Begleitband mehr. Bis 1982, als Robert McEntee erneut mit der Musikerin durch Europa tourte. Sie traten zusammen in der David Letterman Show auf und bestritten Konzerte mit James Taylor und David Sanborn in den frühen 80er Jahren. Die Band Navarro selbst trennte sich mehrmals und raufte sich dann doch wieder zusammen, blieb letztlich in Boulder, Colorado hängen, in der Stadt, in der sie einst von Carole King entdeckt wurde. Robert McEntee schuf mit dem Album "Listen" ein sehr schönes, stimmiges Werk voller kalifornischem Sonnenschein, das wie kaum ein anderes das Prädikat "laidback" absolut verdient hat.

Titel wie "Caught In The Door" mit dem fluffigen Piano-Spiel von Carole King vermag genauso zu begeistern wie etwa die Stücke "New Born Highway", "Both Ends Of The Game", "One Of These Days" oder "Laying My Life Down", in welchem Carole King wiederum tolle Akzente setzt, diesmal mit ihrem Begleitgesang. James Tuttle's beseelte Slide Gitarre setzte etliche Glanzpunkte auf diesem Album. Der Gitarrist spielte später in der Band von Joe Ely. Norm Kinney, langjähriger Toningenieur und Produzent von Carole King zeichnete für die perfekte Aufnahme und den glasklaren Mixdown des Albums "Listen" verantwortlich.

Robert McEntee wechselte nach dem Split der Band Navarro zusammen mit dem Gitarristen Mark Hallman zur Band von Dan Fogelberg, den er einige Jahre begleitete, bevor er als Solokünstler in Erscheinung trat und mit Alben wie zum Beispiel dem hervorragenden Debutalbum "Preserving The Eror", auf welchem er mit sehr prominenten und kompetenten Begleitmusikern wie Mark Andes (Canned Heat, Spirit, Jo Jo Gunne, Firefall, Heart), David Grissom (John Mellencamp, Joe Ely), Rafael O'Malley (BoDeans, Charlie Sexton, A-Ha), Michael Ramos (BoDeans, The Rembrandts), Gene Elders (George Strait, Lyle Lovett) und Dan Fogelberg vorwiegend im Americana- und Roots Rock Bereich musizierte, dem Musikstil, der heute etabliert ist und der heute rückwirkend betrachtet durchaus auch auf die Musik von Navarro zutreffen würde.



Mar 11, 2016


BLUE MONDAY - Murdered By Love (Kent Records 9001/2, 1986)

Als ich 1986 dieses einmalig tolle Blues Doppelalbum kaufte, war mir nicht bewusst, um wen es sich dabei eigentlich handelte. Ich fand nur, dass das eine der besten Bluesplatten war, die ich in vielen Jahren gehört hatte. Dabei konnte ich so gut wie gar keine Informationen zu der Band finden. Die Musikpresse ignorierte Platte und Band genauso wie die einschlägigen Fachläden, in welchen man die Band nicht kannte. Einzig mein Plattenladen des Vertrauens hatte sie als unangeforderte Neuheitenlieferung erhalten gehabt und ich hatte sie mir nach kurzem Reinhören unter den Nagel gerissen. An meiner Begeisterung hat sich in den vergangenen 30 Jahren überhaupt nichts geändert. Noch immer lege ich meinen Bluesfreunden gerne diese im Original als Doppelalbum erschienene Trouvaille auf, denn sie ist für mich bis heute die geniale Bluesplatte geblieben, die sie zum Zeitpunkt des Kaufs gewesen ist. Eines der herausstechendsten Merkmale dieser Band ist der Umstand, dass sie in ständig wechselnder Besetzung unterwegs war und mit zahlreichen Berühmtheiten der Blues- und Rockszene, die jeweils als Gastmusiker hinzukamen, auftrat. So finden sich unter anderem prominente Namen wie Dave Mason, John Hall und Larry Hoppen (beide von der Band Orleans), Dickey Betts (The Allman Brothers), Steve Forbert, Billy Burnett, Tanya Tucker, Lenny Breau, John Prine, Jimmie Fadden (Nitty Gritty Dirt Band),  Jimmy Nalls (Sea Level), Pam Tillis, Musiker der Neville Brothers Band oder auch Jamie Oldaker aus Eric Clapton's Band im ständig wechselnden Line-Up der Gruppe.

Die beiden Musiker Roguie Ray und Eddie Blakely waren indes die beiden einzigen Konstanten der Band, die von Anfang an immer mit an Bord der Truppe waren und somit eigentlich als die beiden 'Leader of the Pack' bezeichnet werden können. Roguie Ray, ein Mundharmonika-Spieler vor dem Herrn und mit einer überaus warmen und rauchigen Blues-Stimme gesegnet war ab Mitte der 70er Jahre in der Band von Billy Joe Shaver aktiv und einige Zeit als Sideman des legendären Bluesmusikers Muddy Waters in dessen Band unterwegs, während Gitarrist Eddie Blakely vor allem im Bereich der Country- und Country Rock-Musik aktiv war, unter anderem als Studiomusiker für J.J. Cale, aber auch an der Seite von Johnny Cash, Tammy Wynette, B.J. Thomas und Marc O'Conner als Songschreiber, Musiker, Arrangeur und Produzent. Die beiden Musiker frönten nebenher stets ihrer gemeinsamen Leidenschaft für den Blues in all seinen Facetten und beschlossen zu Beginn der 80er Jahre, eine komplette, vollwertige Blues Rock Band zu formieren, um ihre Leidenschaft für den Blues auf die Bühne zu bringen. Unter der Bezeichnung The Blue Monday Band ging das am Ende zum Septett herangewachsene Team an den Start.

Zu den beiden Musikern Ray und Blakely gesellte sich als weiterer Gitarrist Billy Earl McClelland, der auf Platten von Tony Joe White, Dr. Hook, Ronnie Spector und Willie Nelson zu hören ist. Mit Johnny Neel kam ein Keyboarder hinzu, der aus dem Umfeld der Allman Brothers kam, später auch bei Gregg Allman in der Band spielte, ausserdem der Band Gov't Mule von Warren Haynes und den Allman Brothers angehörte. Der Saxophonist Jim Greasy wiederum spielte bei den Temptations, den Four Tops und bot ein bisweilen stark experimentelles Saxophon-Spiel, das seinen Ursprung nicht selten in der freien Jazz-Improvisation hatte. Der Bassist Dave Pomeroy wiederum stand in den musikalischen Diensten von Country-Legende Don Williams, war mit der Scratch Band unterwegs und begleitete Guy Clark auf Konzerten und im Studio für dessen Platten ebenso wie die Rockabilly-Legende Sleepy LaBeef. Schliesslich der Schlagzeuger Danny "The Major" Boles, eine Legende aus Nashville. Der Musiker hat auf zahlreichen Platten mitgewirkt, was Sideman unter anderem von Tracey Nelson, Marty Robbins und Kinky Friedman, hat aber auch eigene Platten aufgenommen, auf denen dann zum Beispiel auch schon mal Duane Eddy oder Warner Hodges mitspielten.

Dank der vielen Connections, welche die Musiker alleine schon durch ihre Engagements für so viele prominente Musiker aufwiesen, war es relativ einfach, für ein gemeinsames Plattenprojekt eine interessierte Firma zu finden. Das Label Kent, ein altehrwürdiges Blueslabel, das schon in den späten 50er Jahren aktiv war, bot die Möglichkeit, eine Platte aufzunehmen. Das Interessante dabei war, dass die Band dafür bis auf eine Ausnahme ("The Thrill Is Gone") ausschliesslich eigene Kompositionen aufnahm, ein Umstand, der eher als ungewöhnlich angesehen werden darf, da die Band ja zumeist mit prominenten Gastmusikern spielte, und dabei dann vor allem Titel aus deren Repertoire zum Besten gab. Umso erstaunlicher ist dann auch die Qualität der Songs auf diesem Doppelalbum, die den Bluesrahmen bei weitem sprengen. Seien dies Ausflüge in den Jazz, längere klassische Jam Titel oder gar ziemlich aus der Hüfte schiessende Swing-Nummern: Immer wirken die Songs wie echte Originale und keineswegs wie Plagiate, die sich im Repertoire einer Bluesband üblicherweise finden. Die Platte startet mit einem fetten und schleppenden Bluesrock mit dem Titel "Murdered By Love", einer Story mit viel Witz, Polizeisirenen und unglaublichen Solis vor allem des Gitarristen Eddie Blakely. Der Song zerzaust in der Mitte in ein Jazz-Spiel und kommt als bluesrockende Furie wieder zurück - ein herrlicher Song, der mächtig in den Bauch geht. 

"The Thrill Is Gone" ist genauso hörenswert wie der Rest der Sammlung von insgesamt 12 Titeln. Als einzige Fremdkomposition wirkt sie vielleicht ein wenig glattpoliert, was ihr aber auch eine gewisse Eleganz verleiht.  Blues à la discrétion dann beim knapp 10 Minuten langen "Old Fashioned Funny Feeling", der mit viel Humor, spassigem Rooster-Hicksen und beseeltem Solieren eine Spannung über die gesamte Lauflänge bietet, ohne langweilig zu werden. Das groovige "What Do You Want" könnte von der Spielart und der Rhythmik her gut auch von der Climax Blues Band stammen. "Bad Is Bad", "She's Gone", "I'm The Blues": alles richtig toll gespielte und sehr abwechslungsreich in Szene gesetzte Bluestitel, die jeweils jedem der Bandmitglieder auch kompositorische Credits bieten. Dadurch wird natürlich die Vielseitigkeit gefördert, sind doch die einzelnen Musiker doch allesamt in den verschiedensten Musikstilen beheimatet. Beim Blues treffen sie sich hier und finden immer zueinander, sei es beim rocken, beim swingen oder beim bluesen.

Einer der wundervollsten Songs ist die dieses Doppelalbum beschiessende, von einer traumhaft schönen Hammond Orgel dominierte Blues-Ballade "Nothin' Left But The Blues", wiederum aus der Feder von Eddie Blakely. Dieser Song alleine hätte eigentlich ein Hit werden müssen. Doch daraus ist leider nichts geworden damals. "Murdered By Love" blieb dadurch ein erstklassiger Geheimtipp, über den der Musikkritiker Kelly Delaney schrieb: "The album "Murdered By Love" leaps far beyond mere commerciality and into the realm of pure , unadulterated art. Like the Blues itself, this is a record made to last". Das ist es in der Tat auch für mich: Ein Blues Album für die Ewigkeit.

Mar 10, 2016


JIM CROCE - You Don't Mess Around With Jim (ABC Records ABCX-756, 1972)

Man mag hinterher immer spekulieren, was ein Musiker der Welt wohl noch so alles an wundervollen Songs und Alben hätte schenken können, würde ihn ein früher Tod nicht aus dem Leben gerissen haben. Jim Croce starb bereits im Alter von gerade mal 30 Jahren beim Absturz eines Kleinflugzeugs, und seine musikalische Hinterlassenschaft ist nicht üppig. Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte der Singer-Songwriter lediglich vier Alben, bevor ihn sein Schicksal ereilte. Jim Croce kam Anfang der 60er Jahre in Berührung mit der damaligen Folkmusik und seine frühen Inspirationen gehen zurück auf die Musik von Woody Guthrie, Ramblin' Jack Elliott und Bob Dylan. Er studierte an der Villanova University in Pennsylvania, wo auch spätere Folk-Barden wie Lenny Bruce oder Lord Buckley immatrikuliert waren. Dort spielte er auch zum erstenmal in einer Band mit dem Namen The Spires mit, löste sich aber mit dem Abgang der Uni von ihr und tingelte vorerst als Solokünstler durch die Clubs und Coffee Houses für ein paar Dollars. Dabei landete er unter anderem auch im bekannten Folk-Mekka Greenwich Village in New York und erlangte grössere Aufmerksamkeit durch seine Adaptionen der Songs von Ian & Sylvia Tyson, Gordon Lightfoot, Joan Baez und seinen ersten eigenen Kompositionen. Seine treueste Fangemeinde fand er allerdings - wieder zurück in seinem Umfeld - in einer Bar namens The Riddle Paddock in Lima, Pennsylvania, wo eine immer zahlreicher werdende Schar von Fans aus allen gesellschaftlichen Schichten seine Songs schätzen lernten. 1966 heiratete Jim Croce seine Freundin Ingrid und machte auch mit ihr zusammen Folkmusik, die wiederum den gemeinsamen Freund Tommy West so sehr beeindruckte, dass er vorschlug, das Duo möge doch nach New York umziehen, was die beiden dann auch taten. Dies bescherte ihnen schon kurze Zeit später einen Plattenvertrag mit dem renommierten Capitol Label. Unter dem Namen Ingrid and Jim Croce und produziert von Nik Venet, der auch schon Platten der Beach Boys, Fred Neil und John Stewart produziert hatte, erschien 1969 das leider kaum promotete Album "Croce" (Capitol Records ST-315), das sich dementsprechend auch kaum verkaufen konnte. Auf dem Album spielte auch der später recht erfolgreiche Eric Weissberg ("Duelling Banjos") mit, ausserdem John Stockfish aus der Band von Gordon Lightfoot und der Geiger Harry Katzman, der in den 50er Jahren schon dem Glenn Miller Orchester angehörte.

Aufgrund der sehr mageren Verkäufe der LP zog das Ehepaar Croce wieder um und zurück nach Pennsylvania. Dort lernte Jim Croce in der Folge den Gitarristen Maury Muehleisen kennen, der ebenfalls für Capitol ein wenig beachtetes Album ("Gingerbread") eingespielt hatte und im Februar 1971 schickten die beiden erneut ein Demo Tape an den Produzenten Tommy West, nachdem Ehefrau Ingrid sich vom aktiven Musikmachen zurückgezogen hatte, weil sie Nachwuchs erwartete. Dieses Demo Tape beinhaltete schon frühe Versionen einiger der später auf dem ersten Soloalbum von Jim Croce erscheinenden Songs wie zum Beispiel "Operator (That's Not The Way It Feels)", "Walkin' Back To Georgia", "You Don't Mess Around With Jim" und "Time In A Bottle". Tommy West hielt die Songs für so stark, dass er prompt einen Plattenvertrag an Land ziehen konnte, diesmal mit dem Label ABC Records.

Das im Mai 1972 erschienene Album "You Don't Mess Around With Jim" profitierte vom gerade angesagten musikalischen Trend, denn einige Singer/Songwriter feierten zu dem Zeitpunkt gerade grosse Erfolge und belegten die vordersten Charts-Plätze, wie zum Beispiel James Taylor, Carly Simon, Neil Young oder auch Carole King, deren LP "Tapestry" in aller Munde war und einige musikalische Parallelen zu Jim's Debutalbum aufwies. Aufgrund des sehr bescheidenen Budgets, mit welchem die Platte produziert wurde, mussten auf zahlreiche Arrangement-Schmückungen verzichtet werden, weil schlicht das Geld fehlte, eine Streichergruppe oder zusätzliche Musiker bezahlen zu können. Genau dies aber tat der Musik auf dem Album sehr gut, denn diese Schlichtheit der Songs, die reduzierten bis spartanischen Arrangements verliehen den Songs eine warme und herzliche Atmosphäre. Trotzdem wirkten die Titel reif und erwachsen und boten nicht den schalen Geschmack von amateurhafter Lagerfeuer-Romantik. Es war vor allem die angenehme und von einem hohen Wiedererkennungswert geprägte Stimme Croce's, die seinen Liedern eine gewisse Eleganz verlieh, ausserdem sah er ziemlich gut aus - wie ein Mix aus Johnny Rivers und Frank Zappa. 

Da die Platte auch noch enorm vielseitig klang, verfehlte sie ihr Ziel nicht und fand deshalb ziemlich viele Abnehmer. Im Sommer 1972 erreichte die LP Platz 1 der amerikanischen Charts und die ausgekoppelte Single "Time In A Bottle" - eine von Jim Croce's einfühlsamsten, intimsten und am spartanischsten instrumentierte Ballade, erklomm ebenfalls die Hitliste und landete auf Platz 1. Jim Croce hatte es geschafft. Plötzlich gehörte er zu den ganz Grossen im Musikgeschäft und noch während seine erste LP in den Charts stand (insgesamt für nicht weniger als 93 Wochen übrigens!) begann er, neue Songs vorzubereiten für sein nachfolgendes Album "Life And Times", das im Frühjahr 1973 erschien und mit "Bad Bad Leroy Brown" erneut einen Nummer 1-Single Hit abwarf. 

Am 20. September 1973, einen Tag vor der Veröffentlichung seines nächsten Albums "I Got A Name" kam Jim Croce zusammen mit seinem Freund und Gitarristen Maury Muehleisen, drei weiteren Passagieren und dem Piloten in einem gecharterten Flugzeug ums Leben. Der Flug sollte die Musiker von Louisiana nach Sherman im Bundesstaat Texas bringen, wo am Abend ein Konzert geplant war, als das Kleinflugzeug trotz klarer Sicht einige Baumwipfel streifte und in der Folge abstürzte. Später kamen Vermutungen auf, der Pilot habe eventuell einen Herzinfarkt erlitten. 

Noch heute klingen die Songs von Jim Croce auffallend frisch und unverbraucht. Sie haben keine Patina angesetzt, die Songtexte wirken immer noch nach, auch weil sie in sehr zeitloser Art und Weise von Alltagsgeschichten erzählen, die stets berühren und vereinnehmen.

'Cause I've been wasted and I've over-tasted all the things that life gave to me.
And I've been trusted, abused and busted, and I've been taken by those close to me.

(aus "Hey Tomorrow")

Mar 7, 2016


QUATERMASS - Quatermass (Harvest Records SHVL 775, 1970)

Es war die aufkeimende Zeit des progressiven Rocks, als mit Bands wie Emerson Lake & Palmer, Dr. Z oder Quatermass drei Gruppen in Erscheinung traten, deren auffälligstes Merkmal das Fehlen eines Gitarristen war. Alle drei Bands arbeiteten als Trio in der Besetzung Keyboards, Bass und Schlagzeug und sorgten so mit ihren jeweiligen Platten für erhöhte Aufmerksamkeit bei den Zuhörern. Während Emerson Lake & Palmer zur Weltkarriere ansetzten, Dr. Z ein Begriff unter Sammlern blieb, hallte der Name Quatermass immerhin noch eine lange Zeit nach, zumindest, was ihre Aktivitäten anbelangt. Denn ausser ihrer damals einzigen Platte, setzte die Band doch immerhin zu einem Comeback an, das zwar personell fast genauso interessant war wie ihre Anfangstage, doch letztlich ebenso erfolglos und musikalisch von eher bescheidener Qualität. Ihr Song "Black Sheep Of The Family" wurde einige Jahre später von Ritchie Blackmore für seine Band Rainbow gecovert und es halten sich hartnäckige Gerüchte, wonach der endgültige Abschied bei Deep Purple auch dem Umstand geschuldet war, dass Blackmore diesen Coversong nicht bei Deep Purple einbringen konnte - die anderen Musiker ihn ablehnten. Wer weiss...

Quatermass bestanden aus dem Keyboarder Pete Robinson, dem Bassisten John Gustafson und Schlagzeuger Mick Underwood. Alle drei waren zum Zeitpunkt dieser gemeinsamen Bandgründung längst bekannte Grössen im Musikgeschäft, die bereits lange Jahre in diversen bekannten und unbekannten Gruppen ihre Erfahrungen machen konnten. So spielte beispielsweise Keyboarder Pete Robinson zuvor im Orchester von Don Ellis, bei Mick Farren (The Deviants) und Chris Farlowe, während Bassist John Frederick Gustafson als "Little Johnny" Gustafson schon seit den frühen 60er Jahren bei The Big Three, den Merseybeats oder der Spencer Davis Group spielte. Schlagzeuger Mick Underwood wiederum war schon ab 1960 bei den Outlaws, einer Band, in welcher auch später erfolgreiche Musiker wie Ritchie Blackmore und Chas Hodges mitspielten. Aussredem gehörte Mick Underwood der Gruppe Episode Six an, die später zu Deep Purple mutierte und der Ian Gillan und Roger Glover angehörten.

Die Musik auf dem selbstbetitelten Album von Quatermass, auf dem englischen Progressive Label Harvest erschienen, war ein zeittypisches Abbild der sich verschmelzenden Musikstile der ausgehenden 60er Jahre und der sich abzeichnenden progressiven Aera, in welcher Jazz neben Blues, Rock und letzten Anteilen der psychedelischen Pop- und Beatmusik durchaus nebeneinander und miteinander harmonieren konnten. Schon der Opener "Black Sheep Of The Family" war zwar als Hammond-Rock ähnlich Deep Purple arrangiert, wies aber noch die typischen Stilelemente der Spätsechziger Beatmusik auf, wie sie zum Beispiel auch die Spencer Davis Group einige Jahre zuvor populär gemacht hatte. Das nachfolgende, extrem spannend aufgebaute und perfekt dem "leise/laut"-Prinzip folgende überlange Bluesstück "Post War Saturday Echo" wies indes eine unverkennbare Nähe zu den frühen Pink Floyd der Post Syd Barrett-Aera auf, was im Falle von Quatermass (übrigens bei all ihren Songs) noch an hör- und fühlbarer Dramatik gewann, weil kein Gitarrist für etwaige solistische Höhepunkte sorgte, sondern die Keyboards - allen voran die hervorragende Hammondorgel - zu Dynamikausbrüchen ansetzte, sobald die Gesangslinie ihren Part beendet. Diesem Muster folgten auch die weiteren Stücke des Albums, von denen etwa das im Tempo stark forcierte "Gemini" aus der Feder von Fat Mattress-Sänger Steve Hammond, der ausser diesem Titel auch die Songs "Black Sheep Of The Family" und "Make Up Your Mind" komponiert hatte, mit wuchtigen Hammond-Ausbrüchen zu gefallen wusste. 

Ausser dem Trio Robinson/Gustafson/Underwood spielten als Gäste auf diesem Album auch eine Cellisten-Gruppe unter der Leitung von Paul Buckmaster (Third Ear Band, Bee Gees) mit, ausserdem gleich drei vorwiegend im Jazz-Bereich tätige Bassisten (Arthur Watts, Frank Clarke und Joe Mudele), sowie die Streicher aus "Tony Gilbert's Sounds Orchestral", einem 21-köpfigen Orchester, das vor allem im Bereich Filmmusik (u.a. James Bond!) aktiv war. 

Bekannt ist die Platte Quatermass natürlich vor allem auch wegen ihres optisch hervorragend gelungenen Cover Artworks von Hipgnosis, einer ebenso surrealen wie visionären Abbildung von Moderne und Archäologie, mit mehreren Flugsauriern zwischen zwei bedrohlich wirkenden Häuserfronten.

Obgleich die Platte von Quatermass schon zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung zu einer der Besten des Harvest Labels gezählt wurde, konnte sie nur mässig verkauft werden, was bestimmt auch daran lag, dass eine Singleveröffentlichung mit zwei Titeln, die nicht auf der LP vertreten waren, ebenfalls floppte ("One Blind Mice"/"Punting"). Ende 1971 trennte sich das Trio. Während Schlagzeuger Mick Underwood sich der britischen Rockband Strapps anschloss, die ebenfalls auf dem Harvest Label einige Platten veröffentlichte, spielte er später auch in der Band von Ian Gillan, als dieser Deep Purple verlassen hatte. In der Ian Gillan Band spielte dann auch Bassist John Gustafson mit, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten. Die beiden Quatermass-Musiker trafen sich nicht mehr in einem gemeinsamen Musikprojekt. John Gustafson wurde dann später auch Mitglied von Roxy Music, spielte mit dieser Band auch drei LPs ein. Der Keyboarder Pete Robinson wiederum wurde zum gefragten und vielgebuchten Studiomusiker, der auf vielen hervorragenden Platten zu hören war, beispielsweise von Stomu Yamashta's Red Buddha Theatre, Sun Treader oder Al Jarreau. Ab Mitte der 80er Jahre schrieb er auch Filmmusik zu etlichen erfolgreichen Kinofilmen.

Unter dem Bandnamen Quatermass II lancierte Mick Underwood die Band 1994 noch einmal und versuchte ein Comeback, zusammen mit dem ehemaligen Deep Purple-Musiker Nick Simper. Bassist John Gustafsson spielte bei zwei Stücken auf dem im Jahre 1997 erschienenen Album "Long Road" mit, ebenso Don Airey, der Keyboarder von unter anderem Rainbow und später auch Deep Purple, plus den beiden Gitarristen Gary Davis und Bart Foley. Natürlich war die Musik auf diesem Comeback-Album anders als jene des Debutalbums. Es waren aber nicht nur die beiden Gitarren, die den Sound veränderten, es lag auch an den bisweilen ziemlich dürftigen Kompositionen, dass das Comeback nicht den erhofften Erfolg brachte. Folgerichtig war dieser Reunion-Band, der eigentlich nur der originale Schlagzeuger Mick Underwood angehörte, nur eine sehr überschaubare Zeit der Existenz beschieden, und 1999 war nach einigen Live-Auftritten Sense.

Mar 5, 2016


DOG SOLDIER - Dog Soldier (United Artists Records UAS 29769, 1975)

Dog Soldier war ein leider nur sehr kurzlebiges Bandprojekt des Schlagzeugers Keef (Keith) Hartley, der schon seit Anfang der 60er Jahre von seiner britischen Heimat Lancashire aus bereits als Jugendlicher in diversen Bands trommelte, bevor er mit den Thunderbeats einen Auftritt als Support Act für die Beatles bestreiten konnte. Da die Beatles zu der Zeit gerade einen neuen Schlagzeuger in der Person von Ringo Starr bekommen hatten, wurde der Posten in Ringo's ehemaliger Band Rory Storm & The Hurricanes frei. Keef Hartley nutzte diese Gelegenheit und stieg bei der Band ein, vor allem, weil ihn die 10 Pfund Wochengage reizten. Mit den Hurricanes zog Keef Hartley in der Folge auch bis nach Hamburg in den legendären Star Club. Das war Ende 1963. Dort schloss er sich einer weiteren kurzlebigen Band mit Namen Freddie Starr & The Starr Boys an, die aber bereits Mitte 1964 auseinander fiel. Hartley ging zurück nach London und meldete sich auf eine Anzeige in der Musikzeitschrift Melody Maker: "Drummer wanted for Rhythm'n'Blues Band". Ein gewisser Art Wood suchte für seine Band einen Schlagzeuger. Hartley bekam den Posten und wurde Mitglied der Band The Artwoods. Art Wood war übrigens der Bruder von Ronnie Wood (Faces, später Rolling Stones) und der Band gehörte auch der spätere Deep Purple-Keyboarder Jon Lord an. Mit den Artwoods spielte Hartley bis Mitte 1967, als er - wiederum als Bewerbung auf eine Anzeige - Schlagzeuger bei John Mayall wurde. Zu der Zeit wehte ein regelrechter personeller Tornado durch John Mayall's Band und so spielte Keef Hartley in der kurzen Zeit zwischen Mitte 1967 und Mitte 1968 unter anderem mit späteren Top-Musikern wie Mick Taylor, Andy Fraser, John McVie und Dick Heckstall-Smith zusammen, die alle später mit Bands wie den Rolling Stones, Free, Fleetwood Mac und Colosseum Karriere machten. So gesehen war John Maeef Hartley erhoffte.

Einen ersten Anlauf dazu unternahm Hartley noch im Jahr 1968, als er mit dem Bassisten Gary Thain, der später Mitglied von Uriah Heep wurde, sowie den zukünftigen FREE Musikern Paul Rodgers und Paul Kossoff einige Songs im Tonstudio einspielte und diese dem Besitzer des renommierten Blueslabels Chess Records vorlegte. Leider ergab sich daraus keine Möglichkeit einer Veröffentlichung, weshalb Hartley das Bandprojekt wieder fallen liess. 1969 unternahm er einen weiteren Versuch, eine eigene Band zu gründen, und diesmal waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt. Für seine Keef Hartley Band fand er in dem Bassisten Gary Thain, dem Gitarristen Spit James, dem Keyboarder Peter Dines und dem Sänger Owen Finnegan seine ersten musikalischen Bandpartner, mit denen er für das Deram-Label schon bald die erste LP "Halfbreed" einspielen sollte. Die Plattenfirma war allerdings der Meinung, dass der Gesang von Owen Finnegan nicht professionell genug sei, weshalb die Band nach einem anderen Sänger Ausschau hielt. Nachdem mit Sam Holland ein weiterer Sänger nicht zufriedenstellend agierte, trat als endgültiger Gesangskandidat Miller Anderson in die Band ein. Mit ihm wurde die LP dann aufgenommen und veröffentlicht.

Keef Hartley spielte zusammen mit dem Sänger Miller Anderson in nur etwas mehr als zwei Jahren beeindruckende 5 Langspielplatten ein, von denen keine qualitativ auch nur annähernd das Mittelmass streifte. Alle waren sie sehr professionell aufgenommen, musikalisch äusserst vielseitig, mal mehr bluesorientiert, dann wieder mit erhöhtem Jazz-Anteil, auch soulig und bisweilen recht funky, aber insgesamt auch immer nahe am progressiven Rock jener Zeit angelehnt. Nachdem ein insgesamt 13-köpfiges Ensemble das sehr jazzorientierte Album "Little Big Band" veröffentlichte und auch live erfolgreich aufführte, verliess Miller Anderson die Band, um eine Solokarriere einzuschlagen, die jedoch nach nur einem Album (ebenfalls für Deram Records) schon wieder beendet war. Miller Anderson stieg später bei Savoy Brown ein und sang und spielte Gitarre auf deren Album "Boogie Brothers". Seine weiteren musikalischen Stationen umfassten auch Prominenz wie beispielsweise T. Rex, Blood, Sweat & Tears, Mountain und die Spencer Davis Group, mit denen er vor allem live unterwegs war. Keef Hartley selber löste seine Band nach einem eigentlichen Soloalbum, das er 1973 veröffentlichte und das den Titel "Lancashire Hustler" trug, auf und arbeitete unter anderem für die Bluessängerin Dana Gillespie, den Singer/Songwriter Michael Chapman und die Gruppe Vinegar Joe um Robert Palmer und Elkie Brooks, bevor er Mitte 1974 wieder eine eigene Band am Start hatte: Dog Soldier.

Zusammen mit seinem früheren Bandkumpel Miller Anderson, sowie dem ehemaligen Artwoods-Gitarristen Derek Griffiths und zwei weitern Musikern - Paul Bliss am Bass und Mel Simpson an den Keyboards - startete die Band mit viel Hoffnung. Einen bemerkenswerten und überaus erfolgreicher Auftritt zusammen mit Jess Roden in der Reihe "BBC Radio 1 In Concert" nährte die Hoffnung, bald auch eine Plattenfirma zu finden, für die man ein Album einspielen könnte. Dies schien zunächst von Erfolg gekrönt zu sein, als nämlich United Artists grünes Licht für Aufnahmen gab. Doch noch während die neue Gruppe um Keef Hartley damit beschäftigt war, im legendären Island Aufnahmestudio in der Basing Street in London vom 18. November bis 15. Dezember 1974 neue Titel zu arrangieren und aufzunehmen, wurde seitens der Plattenfirma, der es nicht rosig ging und die ernsthaft ums Ueberleben kämpfte, regelrecht Druck auf die Musiker ausgeübt, ihre Aufnahmen müssten sehr kommerziell sein und das zu veröffentlichende Album müsste auf jeden Fall einen Hit abwerfen - das vorgeschossene Budget für die Aufnahmen müsste unter allen Umständen auch wieder eingespielt werden, ansonsten man die Band fallen liesse. Es geht daher das Gerücht, dass die Band unter diesem Druck von ihrem eigentlichen Sound ziemlich abwich und unter enormem Druck versuchte, einen einigermassen radiofreundlichen Rock einzuspielen, der hoffentlich den Massengeschmack treffen würde.

Der Schuss ging erwartungsgemäss nach hinten los. Während das Album trotz aller widrigen Umstände in der Entstehung ein perfekt klingendes, wohlarrangiertes und ausgeklügeltes Stück Rockmusik geworden war, liess es sich kaum verkaufen. Die Musiker wollten es allen recht machen und genau das war der entscheidende Punkt: Es klang beliebig, nicht mehr eigenständig genug und obwohl kompositorisch wie instrumental alle Stücke des Albums zu gefallen wussten, hörten Experten in fast jedem Song ein vermeintliches "Original". So wurde das Stück "Several People" etwa mit dem typischen Groove der Doobie Brothers verglichen, "Long And Lonely Night als eine Anbiederung an den klassischen Westcoast Sound verstanden, "You Are My Spark" die gewollt-ungewollte Nähe zum Sound der Gruppe Moby Grape angedichtet, das 11 Minuten lange "Looks Like Rain" als kläglicher Versuch, mit Pink Floyd-Elementen zu experimentieren  - alle natürlich mit einem jeweils negativen Beigeschmack, was den tollen Stücken jedoch überhaupt nicht gerecht wird.

Nichtsdestotrotz ist Dog Soldier ein hervorragendes und abwechslungsreiches Album geworden, das einer völlig verfehlten Politik eines vor dem finanziellen Abgrund stehenden Plattenlabels zum Opfer fiel. Auch die weitere Existenz der Band stand unter keinem günstigen Stern. Nachdem die Platte veröffentlicht wurde, sollte sie durch Konzerte auch promoted werden. Aufgrund einer Erkrankung des Sängers Miller Anderson mussten jedoch etliche Auftritte abgesagt werden. Die Gruppe spielte während Miller Anderson's Abwesenheit wiederum ausschliesslich ältere Keef Hartley Stücke ein und wollte diese auch live präsentieren. Darüber zerstritten sich alle Beteiligten jedoch und nachdem Miller Anderson sich in Richtung Savoy Brown verabschiedete, fiel die Gruppe auseinander, nachdem sie alles in allem nicht einmal ein Jahr existiert hatte.

Zurück bleibt ein extrem gut gespieltes, sehr vielseitiges und trotzdem leider fast gänzlich übersehenes Rock Album, das rückwirkend betrachtet wohl eines der Interessantesten des Jahres 1975 gewesen ist.

Mar 1, 2016


JOE FARRELL - Upon This Rock (CTI Records CTI 6042, 1974)

In den 60er Jahren begleitete der Saxophonist Joe Farrell (bürgerlicher Name Joseph Carl Firrantello) etliche Jazz-Grössen wie Maynard Ferguson, Charles Mingus, Jaki Byard, das Thad Jones / Mel Lewis Orchester sowie Elvin Jones, an dessen Seite Farrell vor allem als Solist viele Freiräume genoss, die ihn kontinuierlich bekannter machten. Es dauerte nicht allzu lange, und Joe Farrell war in ganz Amerika bekannt für sein hervorragendes Spiel am Saxophon und an der Flöte. Farrell wurde in der Folge auch stets von sehr bekannten Jazzmusikern für Studioaufnahmen gebucht, weshalb man ihn noch bevor er eigentlich Solowerke veröffentlichte, schon auf zahlreichen Platten unter anderem von Herbie Hancock, Jimmy Smith oder Stanley Turrentine hören konnte, wobei ihm auch die Rock Musik durchaus nicht suspekt war, wie Aufnahmen beispielsweise für Santana, die Rascals oder The Band beweisen.

Der legendäre Jazz-Produzent Creed Taylor, der schon Alben mit George Benson und Antonio Carlos Jobim produziert und Joe Farrell für die entsprechenden Aufnahmen aufgeboten hatte, muss wohl viel Talent und kreatives Können aus Farrell's Spiel herausgehört haben, weshalb er ihn für sein eigenes Label CTI Records kurzerhand auch als Solokünstler unter Vertrag nahm. Nun war er nicht mehr nur kompetenter Sideman für populäre Jazz-Musiker, sondern konnte eigene Platten einspielen und veröffentlichten. Creed Taylor produzierte Joe Farrell’s Debut Album "Joe Farrell Quartet" (auch bekannt unter der Bezeichnung "Song Of The Wind Supersession") für das CTI Label im Jahre 1970 und produzierte mit dem Album etwas Einzigartiges und extrem gut Konsumierbares, was das spätere "Fusion"-Etikett bereits vorwegnahm. Die Platte erschien ziemlich zeitgleich mit zwei weiteren typischen Fusion-Alben, und zwar Freddie Hubbard's "Red Clay" und Stanley Turrentine's "Sugar". Auf beiden spielten hervorragende Musiker mit, mit denen auch Joe Farrell bereits Aufnahmen getätigt hatte.

Bemerkenswert und ein eindrücklicher Beweis für das grosse Vertrauen, das Creed Taylor in die Qualitäten von Joe Farrell setzte war der Umstand, dass er für Farrell und dessen Debut Album vier ausgesuchte Topmusiker aufbot, und zwar den Pianisten Chick Corea, den Gitarristen John McLaughlin, Bassist Dave Holland und den Schlagzeuger Jack DeJohnette. Das Ergebnis war beeindruckend, spielerisch hervorragend und ein Paradebeispiel für geniale Jazzmusik. "Mr. Farrell", so schrieb der Musikkritiker John S. Wilson, "builds broiling, jabbing solos that flow in an essentially melodic fashion despite a steady interjection of startling turns and quirks. At times, his lines pile up in such quicksilver fashion that he sounds like an entire band in himself".

Während Joe Farrell trotz dieses bemerkenswerten Einstands nicht der Jazz-Star wurde, der er eigentlich hätte sein können - ja müssen, nahm der unter Musikerfreunden hochgeschätzte Künstler weitere Alben auf, die ihn auf der ganzen Welt populär machten: das 1971 erschienene Zweitwerk "Outback" mit unter anderem Elvin Jones, Chick Corea und Airto Moreira, "Moon Germs" 1972 mit Herbie Hancock, Stanley Clark und Jack DeJohnette, "Penny Arcade" 1974 mit dem Jazz-Gitarristen Joe Beck, Herbie Hancock, Herb Bushler und Steve Gadd und im selben Jahr auch die LP "Upon This Rock".

Hier spielte er zusammen mit Gitarrist Joe Beck, Bassist Herb Bushler und den Schlagzeugern Jim Madison und Steve Gadd, sowie dem Perkussionisten Don Alias und Herbie Hancock (auf dem Stück "I Won't Be Back") eine Platte ein, die zum allgemeinen Fusion-Touch auch noch eine besondere Gitarren-Note erhielt, die dank des beseelten Jammens von Joe Beck sogar kleinere Rock-Elemente aufwies. Insgesamt sind diese die Rockmusik streifenden Gitarren-Sprenkel jedoch eher minim - ich würde "Upon This Rock" trotzdem als klassische Fusion-Scheibe bezeichnen. Alle vier hier gespielten Stücke sind enorm einehmend gespielt, sie sind auch sehr abwechslungsreich und geprägt von den hervorragenden Soloarbeiten von Joe Farrell und Joe Beck.

Der legendäre Toningenieur Rudy Van Gelder, der etliche Platten von Joe Farrell und viele des Labels CTI Records aufgenommen hatte, sorgte auch hier bei diesem Album für einen glasklaren, offenen und sehr transparenten Gesamtsound, für den auch andere von ihm eingespielte Platten bekannt sind. Rudy Van Gelder war der langjährige Hausproduzent des Blue Note Labels und war in dieser Eigenschaft für fast alle Aufnahmen der späten 50er sowie der 60er Jahre auf diesem Label verantwortlich.

Joe Farrell zeigt sich hier in der Rolle des Solisten gleichwohl wie als Sideman, wenn er zum Beispiel Joe Beck's ausladenden Gitarrenausflüge dezent und wohldosiert unterstützt. Aber auch bei den Stücken, die von Farrell dominiert werden, kommen die perfekten und punktgenau platzierten Einlagen etwa von Herbie Hancock oder von Joe Beck treffsicher und jederzeit sehr elegant und durchdacht. Die in ihrer Grundstruktur recht funky ausgelegte Jazzplatte beweist eindrücklich, dass diese Art von Musik durchaus auch unterhaltsam, harmonisch und Jedermann zugänglich sein kann. Fast alles Attribute, denen von überzeugten Jazzmusikern bisweilen etwas argwöhnisch begegnet wird.