Apr 12, 2016


GINGER BAKER'S AIRFORCE - Ginger Baker's Airforce (Polydor 2662 001, 1970)

Es war eine wilde Zeit und es war der Start des Underground, Progressive, Hard und was immer Rock, was sich ab 1968 nach und nach entwickelte. Eine der ersten progressiven Rock Bands dürften CREAM gewesen sein. Mit ihnen fegte ein Tornado durch die Musiklandschaft der ausgehenden 60er Jahre. Er fegte sowohl das fröhlich-naive Hippietum weg, aber auch die psychedelische Musik, die noch ein Jahr zuvor die Musikhörer mit einem Schleier der Glückseligkeit überzog. CREAM indes existierten nicht allzu lange, wie das auch anderen Bands damals erging: Sie kamen, hebelten die bis dato geltenden Gesetze der populären Musik aus und verschwanden wieder. Nach CREAM kamen BLIND FAITH, eine der einflussreichsten und ebenso kurzlebigsten Bands der Rockgeschichte überhaupt: Gerade mal ein bahnbrechendes Album erschien von der Gruppe, die nicht einmal ein Jahr existierte. Trotzdem gilt ihr Werk bis heute als Meisterwerk der Rockgeschichte. In beiden Bands trommelte Ginger Baker, der in einer genauso kurzen Zeitspanne mit seiner eigenen kurzlebigen Band zwei bahnbrechende Alben hinterliess, beide aufgenommen im selben Jahr (1970) und auch sein Bandprojekt war genauso schnell wieder weg von der Bildfläche: Seine beiden Alben mit Airforce gelten als Meilensteine des progressiven Jazz Rock. Doch der Reihe nach...

Ginger Baker spielte zuerst Trompete in der Armee, bevor er, inspiriert durch Ken Colyer und Humphrey Lyttelton, zwei Jazz-Kapazitäten in den 50er Jahren, zum Schlagzeug wechselte. Bereits im Alter von gerade mal 16 Jahren spielte Baker in einer ersten professionellen Band, den Bob Wallis' Storyville Jazz Men. Daraus ergaben sich nach und nach Engagements etwa in den Bands von Jazz-Legende Acker Bilk oder Terry Lightfoot. Aber Baker zeigte auch ein grosses Interesse am aufkeimenden britischen Rhythm'n'Blues, der ihn auch mit bekannten Vertretern des Rock'n'Roll zusammenbrachte, bevor er im Jahre 1962 Alexis Korner's Blues Incorporated beitrat, wo er den Schlagzeug-Posten eines gewissen Charlie Watts übernahm, der zu einer Band namens The Rolling Stones wechselte. Schon im darauffolgenden Jahr verliess Ginger Baker zusammen mit dem Bassisten Jack Bruce und dem Organisten und Saxophonisten Graham Bond die Band von Alexis Korner und sie gründeten gemeinsam die Graham Bond Organization. Hier entwickelte Ginger Baker nun seine später zum Markenzeichen seines Spiels werdende Mixtur aus jazzigen Grooves, die im Rock ihre Bodenhaftung fanden. Wahrscheinlich müsste man heute folgerichtig Ginger Baker als den allerersten Jazz-Rock Fusion Schlagzeuger bezeichnen. Während dreier Jahre spielte Baker in der Graham Bond Organization, bevor er im März 1966 ein Konzert von Eric Clapton sah, der damals bei John Mayall's Bluesbreakers spielte. Nach diesem Auftritt trafen sich die beiden Musiker, nachdem sie sich bereits einige Jahre zuvor persönlich kennengelernt, jedoch nicht zusammen Musik gemacht hatten und erwogen die Möglichkeit, eine gemeinsame Gruppe auf den Weg zu bringen. Da Baker auch gleich den Bassisten präsentieren konnte, war mit Jack Bruce die neue Gruppe, genannt CREAM auch schon beschlossene Sache. Während der nächsten zweieinhalb Jahre waren CREAM die Aufbruch-Band des Rock schlechthin und beeinflussten und veränderten die Musikszene nachhaltig. Zusammen mit der Jimi Hendrix Experience erfanden sie quasi auch eine neue Form der Rock Gruppe: Das sogenannte Power Trio, ein Bandformat, das sich bis heute gehalten hat.

Nachdem CREAM auseinanderfiel, Clapton bereits einige Zeit mit dem ehemaligen Spencer Davis Group-Mitglied und Sänger/Keyboarder von TRAFFIC Steve Winwood zusammenspielte, entstand die kurzlebige Band BLIND FAITH, die mit Rick Grech am Bass und Ginger Baker am Schlagzeug eine Single und ein Album einspielte, jedoch schon nach wenigen Monaten wieder auseinander fiel, weil die Gruppe sofort den Status "Supergroup" verpasst erhielt, und der sensible Eric Clapton eigentlich im Grunde das genaue Gegenteil suchte: Er wollte den Blues spielen, und nicht als Superstar im Rampenlicht stehen. Er schloss sich der Touring Band von Delaney & Bonnie an und gründete 1970 seine nächste Formation DEREK & THE DOMINOS. Ginger Baker nutzte die Chance, vermehrt den Jazz in seine Musik einzubauen und gründete die Band Airforce, zusammen mit Steve Winwood und Rick Grech. 

Zu seiner Airforce stiessen weitere Musiker. So sein alter Freund Graham Bond und der Be Bop Schlagzeuger Phil Seamon. Des weiteren Denny Laine als Sänger und Gitarrist, ehemaliger Sänger bei den Moody Blues, der später zu Paul McCartney's Wings wechselte. Schliesslich kamen noch zwei Bläser hinzu, und zwar der ehemalige TRAFFIC-Saxophonist Chris Wood und der Flötist und Saxophonist Harold McNair, der zuvor in der Band von Folk-Troubadour John Martyn gespielt hatte. Der nigerianische Perkussionist Remi Kabaka und Graham Bond's Ehefrau Diane Stewart plus Jeanette Jacobs als Sängerinnen vervollständigten die Gruppe, die somit als zehnköpfiges Unternehmen an den Start ging. Als Ginger Baker's Airforce bestritt die Band dann lediglich zwei Konzerte, in der Birmingham Town Hall im Januar 1970 und einige Wochen später in der legendären Royal Albert Hall in London. Die Kritiken ihres Auftrittes in Birmingham waren so enthusiastisch ausgefallen, dass Baker sich dazu entschloss, das Konzert in der Royal Albert Hall live mitschneiden zu lassen. So gelangte das Konzert als erste Airforce-Veröffentlichung in Form einer Doppel-LP im Mai 1970 in den Handel. Die als "Airforce One" gemeinhin betitelte Platte kletterte schon nach kurzer Zeit in den Charts bis auf Rang 33 in den USA auf Rang 37 in England, was Baker allerdings eher als einen Misserfolg wertete, war er sich doch mit CREAM und BLIND FAITH schon Top-Platzierungen gewohnt gewesen. 

Dies tut der Qualität der Doppel-LP jedoch keinen Abbruch: Der Auftritt gleicht einem wahren Sound-Spektakel, und das vom legendären Jimmy Miller produzierte und von Andy Johns aufgenommene Konzert sprüht vor Energie, musikalischem Können und vor allem vom genialen Improvisieren. Für das Album steuerte beispielsweise mit dem Opener "Da Da Man" der Flötist und Saxophonist Harold McNair eine starke Nummer bei, die der jazzigen Grundausrichtung von Beginn weg Rechnung trägt. Gefolgt vom traditionellen Bluestitel "Early In The Morning", der sich durch die Beigabe afrikanischer Perkussionsinstrumente als so etwas wie einen Afro-Weltblues präsentierte, geriet die Intensität und grosse Spielfreude in der von Steve Winwood und Ginger Baker gemeinsam geschriebenen Nummer "Don't Care" zu einem ersten kreativen Höhepunkt des Konzertabends. Die Nummer brilliert durch das sehr intensive Saxophon-Trio, gespielt von Chris Wood, Graham Bond und Harold McNair. Baker's Schlagzeug-Orgie "Toad" aus CREAM-Zeiten zeigte sein ganzes rhythmisches Können, bevor der Nigerianer Remi Kabaka mit dem von ihm komponierten "Aiko Biaye" den nächsten Höhepunkt zeigte: Afrikanische Musik, von Baker grandios getrommelt und mit der Perkussion rhythmisch perfekt harmonierend, geriet zu einem wahren Feuerwerk. "Man Of Constant Sorrow" sorgte für den leicht reduzierten Rock-Anteil im Live-Repertoire. Der Traditional wurde von Denny Laine gemeinsam mit Ginger Baker arrangiert und die BLIND FAITH-Nummer "Do What You Like", geschrieben von Rick Grech und Ginger Baker, wurde auch hier in dieser Live-Aufführung zum alles überstrahlenden Titel. Dieses knapp viertelstündige Jam-Stück gehört für mich noch immer zu den allerbesten Jam Songs, die je geschrieben wurden. Hier stimmt einfach alles: Die sexy Rhythmik, die Melodie und die grossartigen langen Instrumental-Darbietungen. Das Konzert und auch das Album findet seinen Abschluss schliesslich im finalen "Doin' It", einer weiteren energetischen und kraftvollen Nummer aus der gemeinsamen Feder von Rick Grech und Ginger Baker. Auch dies ein Stück, das die beiden schon zu Blind Faith Zeiten geschrieben hatten.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Albums hatten Steve Winwood, Rick Grech und Chris Wood die Gruppe bereits verlassen und Ginger Baker komplettierte die Gruppe sogleich mit neuen Musikern. Eine Tournee geriet indes infolge halbleerer Hallen zum finanziellen Fiasko und auch die zweite Airforce LP fand nur mässig Käufer, obwohl auch sie exzellent war. Ginger Baker löste daraufhin die Gruppe auf, reiste nach Afrika und liess sich in Lagos nieder, wo er afrikanische Rhythmik studierte und ein Tonstudio eröffnete. Ginger Baker, als Mensch ein eher schwieriger Charakter, gilt noch heute als einer der besten Schlagzeuger aller Zeiten und sein erstes Album, das er mit Airforce veröffentlicht hat, als Meilenstein.



Apr 11, 2016


THE NEAL MORSE BAND - The Grand Experiment 
(Inside Out Music IOMSECD 414, 2015)

Neal Morse, einer der Mitbegünder der Progressive Rock Band Spock's Beard, ebenso Mitinitiator der Prog Rock Supergroup Transatlantic ist inzwischen eine der Koryphäen des modernen Retro Progressive Rocks geworden. Er hat diesen Musikstil wie kaum ein Anderer entscheidend mitgeprägt - ihn quasi von Mitte der 70er Jahre in die heutige Zeit gerettet. Zuviel der Lorbeeren ? Vielleicht schon, aber wenn man sich diese Musikszene näher betrachtet, so waren es mehrheitlich einzelne Projekte von mehr oder weniger erfolgreichen Bands, die nachhaltig Eindruck hinterliessen. Ein Grossteil der Veröffentlichungen dieses Genres blieb einigen enthusiastischen Fans vorenthalten. Das Gros der Musikhörer interessierte sich kaum dafür. Ganz anders Neal Morse. Seine Bands und Projekte, seine Soloalben und vor allem seine Art, Musik zu komponieren, ist nicht nur eine Art moderne Rückblende, er selber als Musiker, Komponist und Produzent ist auch schon Inspirationsquelle für viele neue Musiker geworden. Er hat also wohl mehr für den Retro Progressive Rock getan als jeder andere Musiker. Dabei entpuppt sich Neal Morse weniger als ein kopflastiger Dramaturg, und technisch-kalte Virtuosität im Stil etwa von Dream Theater wird man bei ihm nur streckenweise finden. Morse ist dafür ein Meister der grossen musikalischen Inszenierungen: Geschlossene Formen, schwelgerische 6/8-Takte, dramatische Septakkorde, pathetische Klimaxe.

Stilistisch sind Morse's Ausrichtungen sehr vielfältig. Komplexe Gesangssätze in der Art von Gentle Giant oder Einflüsse aus lateinamerikanischer Musik, die der Musiker vor allem in seinem frühen Werk präsentierte, oder beatleske Einflüsse, wenn Morse seine schwelgerischsten Momente feiert. Dominierend allerdings zumeist starke Gitarren-Arrangements und jede Menge Keyboards, die ein stilistisch äusserst umfangreiches Terrain abdecken und sich sowohl beim typischen Sound etwa von Emerson Lake & Palmer, als auch von Yes oder King Crimson bedienen. Einen grossen Einfluss auf Morse's jüngeres Werk nimmt aber auf jeden Fall auch der Schlagzeuger Mike Portnoy von Dream Theater, mit dem Morse seit einiger Zeit schon kreativ sehr stark verbunden ist.

Anfang 2015 erschien Morse's Werk "The Grand Experiment", das erste Werk unter dem Namen The Neal Morse Band. Schon alleine dieser Bandname suggeriert, auf was Neal Morse hier seinen Hauptfokus setzte: Ein Gruppenwerk. Eine homogene Einheit, die sowohl bei den Kompositionen, wie auch bei den Arrangements der Titel die Gruppenarbeit als zentralen Ausgangspunkt definiert. Keine Solo-Titel, die von einer Band musikalisch nach festen Vorgaben umgesetzt werden, sondern Titel, die im Kollektiv sowohl geschrieben wie ausgebaut und final in Szene gesetzt werden. Auf diese Art eingespielt, erhält die Musik auf "The Grand Experiment" eine gewisse Nähe zur Musik der Band Transatlantic, denn auch dort gibt es mit Neal Morse nicht ausschliesslich einen Allein-Komponisten - auch bei Transatlantic sind viele Stücke in gemeinsamer Erarbeitung entstanden. Auch der Umstand, dass hier auf diesem Album wiederum Mike Portnoy trommelt, der auch als Schlagzeuger bei Transatlantic spielt, hat bestimmt einen Einfluss auf diese Arbeitsweise gehabt, auch wenn Neal Morse diese zuvor noch nie so konsequent umgesetzt hatte.

Phantastische Songs bietet das Album in jeder Beziehung: Man kann Klänge hören, die einem von Transatlantic vertraut sind, ebenso wie schwelgerische Stücke, die man teilweise von Morse's Soloplatten kennt. Dann wiederum gibt es Momente, die an Spock's Beard erinnern ("The Call") und ebenso an Dream Theater ("Alive Again"). Dass Neal Morse ohne zuvor vorbereitetes Material an die Aufnahmen herangegangen ist, konnten seine Mitmusiker mehr zum finalen Ergebnis beitragen, was der Platte eine gewisse Individualität vermittelt, die in einzelnen Passagen doch vom sonstigen musikalischen Werk Morse's abweicht. So werden zum Beispiel etliche Gesangslinien nicht von Morse selbst, sondern von den Mitmusikern Eric Gillette und Bill Hubauer gesungen, was schon in vokalistischer Hinsicht für einen gewissen  Abwechslungsreichtum sorgt. Ausserdem bietet Morse auch in den Arrangements seinen Mitstreitern viel Mitbestimmungsrecht. Am Ende klingt das Ganze zwar vielleicht doch wieder wie ein Morse-Werk, allerdings nimmt man das als Zuhörer als klare musikalische Weiterentwicklung wahr, auch wenn die Songs an sich recht Morse-typisch sind. So steuern beispielsweise Bill Hubauer mit seinen geschmackvollen Keyboardsounds und seiner Klarinette, sowie Randy George mit seinen virtuosen Bassläufen und seiner Bodhran immer wieder instrumentale Feinheiten hinzu, die den Songs nicht nur dienlich sind, sondern sie auch teils klar mitprägen und ihnen einen wundervollen Feinschliff verpassen.

Wer nun denkt, dass er hier mit progressivem Rock als solchen bedient wird, der irrt. Das grosse Experiment bietet neben klassischem Progressive Rock auch sehr schwelgerische Momente aus dem Pop- und Rockbereich, stilistisch zwischen Mitte der 70er Jahre und heute angesiedelt. Dabei kennt die Gruppe keinerlei Scheuklappen. Sei dies im Opener "The Call", der mit seiner umwerfenden Polymetrik drei Taktarten gleichzeitig präsentiert. Der Song erinnert stark an die Musik der ersten beiden Spock's Beard Alben. Der längste Track des Albums, das fast eine halbe Stunde dauernde "Alive Again" folgt der hohen Progressive Rock-Schule von Dream Theater, bietet innerhalb dieser Suite aber immer wieder Passagen, in welchen der Kenner und Fan etliche Versatzstücke bekannter Bands und Musiker wiederfindet. So zum Beispiel Elemente, die man von Yes oder King Crimson in Erinnerung hat. Bei all der progressiven Ausrichtung überraschen allerdings auch immer wieder diese unverschämt melodiösen Gesangslinien, oft mehrstimmig, und oft von einer Schönheit, wie man sie von den Moody Blues, von Barclay James Harvest, oder durchaus auch von den Beatles her noch kennt. Der Song "Waterfall", eine wundervolle Rockballade, könnte denn auch tatsächlich von einem Barclay James Harvest Album stammen: Die mehrstimmigen Gesangsarrangements erinnern hier sogar an Crosby Stills Nash & Young. Das etwas zu modern geratene sehr rockig ausgelegte Stpck "Agenda" wiederum könnte einem späten Yes-Werk entstammen, etwa aus der Phase "Drama" oder "Tormato". Das Titelstück hingegen rockt geradeaus und bietet insgesamt den geringsten Anteil an progressiven Klängen. Aber auch dieses Rockstück ist natürlich noch um einiges besser als vieles, was andere Rockbands heute so präsentieren. Allen Titeln gemeinsam ist die hervorragende Kompositions-Arbeit, die perfekten Arrangements, die teils sehr komplex, teils aber auch sehr einfach strukturiert zu gefallen wissen. Es ist halt wie so oft bei Neal Morse eine Musik, die nicht schwer konsumierbar ist, sondern auch für Nicht-Progressive Rock Fans sehr unterhaltsam wirkt. Universelle Musik, die einem gewissen Anspruch folgt, aber nicht auf Dauer technisch-kopflastig ermüdet.

Sehr empfehlenswert ist diese musikalische Reise in der sogenannten Deluxe-Variante. Neben einer DVD mit den Videos zu "The Grand Experiment" und "Agenda" und einer Dokumentation, die einen Einblick darüber gewährt, wie das Werk entstanden ist, enthält eine weitere Bonus-CD fünf klasse Songs: Zwei davon, "The Creation" und "Reunion" sind Live-Aufnahmen vom Morsefest 2014 (sie stammen im Original von Neal Morse's Solo-Album "One"), hinzu kommen die Studioaufnahmen "New Jerusalem (Freedom is Coming)" und "Doomsday Destiny". Als echter Geniestreich entpuppt sich der Titel "MacArthur Park", eine Coverversion des Richard Harris Klassikers. Daraus haben die Musiker einen klasse progressiven Rock gebastelt. Neben "Beware of Darkness", "V" und "Momentum" ist "The Grand Experiment" das qualitativ herausragendste Album von Neal Morse bisher. Es unterstreicht seine Fähigkeit, tolle Musik zu schreiben auf eindrückliche Weise, beweist aber auch sein Talent, sich selber zurücknehmen zu können zugunsten eines demokratisch einstudierten und aingespielten Werks, das am Ende trotzdem wieder seine Handschrift trägt. Auch klingt "The Grand Experiment" wesentlich unterhaltsamer als so manches Transatlantic Werk, weil die Verkopftheit fast gänzlich ausgeklammert wurde und stattdessen die grossen und bisweilen recht schwelgerischen Melodien dominieren. Progressive Rock zum mitsingen.



Apr 9, 2016


MANFRED MANN CHAPTER THREE - Manfred Mann Chapter Three 
(Vertigo Records VO 3, 1969)
MANFRED MANN CHAPTER THREE - Volume Two (Vertigo Records 6360 012, 1970)

Manfred Sepse Lubowitz aus Südafrika, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Manfred Mann, war in den 60er Jahren mit seiner Band einer der erfolgreichsten Pop Acts, der zahlreiche Top-Hits landen konnte, von denen nicht weniger als 21 die Top Twenty, die Singles "Doo Wah Diddy Diddy", "Pretty Flamingo", "Mighty Quinn" und die EP's "The One In The Middle", "No Living Without Loving" und "Machines" sogar Platz 1 erreichten. Aus der Sicht von Manfred Mann und seinem langjährigen musikalischen Partner Mike Hugg war dies in künstlerischer und kreativer Hinsicht auf Dauer allerdings frustrierend, denn obwohl die Musiker im Laufe der Zeit eigentlich eher anspruchsvollere Musik produzieren wollten, fühlten sie sich in der Falle des kommerziellen Dreiminuten-Songs gefangen.

Ein kreatives Ausbrechen schien lange Zeit nicht möglich, weshalb sich die beiden Musiker nebenher damit beschäftigten, Jingles für das Fernsehen zu produzieren, was ihnen schliesslich auch die Möglichkeit eröffnete, Filmmusik für TV-Serien und Dokumentarfilm-Projekte zu realisieren. In dieser Eigenschaft arbeiteten Mann und Hugg auch mit weiteren Musikern zusammen und gaben dieser Arbeits-Gruppe den Namen EMANON (No Name rückwärts geschrieben). Dieser Gruppe gehörten neben Manfred Mann und Mike Hugg auch der Saxophonist und Flötenspieler Bernie Living, der Bassist Steve York und der Schlagzeuger Craig Collinge an. Noch im April 1969, als Manfred Mann mit einem weiteren seiner Sunshine Pop-Songs bis auf Rang 8 in der britischen Hitparade vorstiess ("Ragamuffin Man"), gab er parallel dazu am 26. April 1969 sein Debutkonzert unter dem Namen EMANON, die Band erweitert um nicht weniger fünf Musikern, die ausschliesslich Blasinstrumente spielten. Die musikalische Ausrichtung hatte nichts mehr mit einfach strukturierter Popmusik zu tun, vielmehr spielte die Gruppe einen Jazz Rock, der sehr viel freies Jammen beinhaltete und oft bis in kakophonische und disharmonische Ebenen vorstiess - etwas, das zumindest Manfred Mann gar nicht so fremd war, studierte er doch ursprünglich klassische Musik mit Ausbildung am Klavier und arbeitete in seiner Heimat Südafrika als Jazzpianist und Musiklehrer.

Als Manfred Mann 1961 nach England übersiedelte, gründete er zusammen mit dem Schlagzeuger Mike Hugg seine erste Band mit dem Namen MANN HUGG BLUES BROTHERS, der am Mikrophon auch der exzellente Sänger Paul Jones angehörte. Bis 1963 spielte diese erste Band, eigentlich Manfred Mann's Chapter One, einen typisch britischen Rock'n'Roll und Rhythm'n'Blues jener Zeit, der sich ab 1963 mit einer Umbesetzung der Band und der Reduktion auf Manfred Mann als alleinige Bezeichnung und der stilistischen Anpassung an den aufkeimenden Beat quasi als Chapter Two in Mann's History als äusserst erfolgreiche Phase erwies. Bis 1969 der erneute Umbruch stattfand. Als Chapter Three nun auch so benannt, spielte die Gruppe keinen massentauglichen Pop mehr, sondern liess ishc inspirieren vom progressiven Rock, der bei Manfred Mann's Chapter Three geprägt war vom vielseitigen Keyboardspiel Manfred Mann's und den teils kruden und bisweilen recht abstrakten Kompositionen von Mike Hugg, der sich als wahrer Fliessband-Komponist erwies. Angeblich sollen in der nur eineinhalb Jahre währenden Chapter Three Phase Hunderte von Songs entstanden sein, von denen sich die wenigsten bis zu einer fixfertigen und an Konzerten spielbaren Version entwickelten. Die abseitigen Brass-Arrangements, die stellenweise nur schwer konsumierbar waren, standen in krasser Opposition zum davor produzierten Fliessband-Pop der 60er Jahre.

Das musikalische Konzept passte ziemlich genau ins Portfolio des neu gegründeten Philips-Ablegers Vertigo Records.  Mit den Free Form Elementen aus der Jazzmusik harmonierten sie gut mit anderen Label Acts wie beispielsweise Affinity oder Ian Carr's Nucleus, allerdings ohne deren nachhaltiger Qualität. Es mag wohl daran gelegen haben, dass kein richtiger Sänger dafür sorgte, dass die Stücke der Gruppe eventuell "singbarer" geworden wären, denn obwohl Mike Hugg die gesungenen Stücke selber sang, waren sie doch eher als instrumentale Musik vorgesehen und konzipiert. Jedenfalls schreckte diese Musik die meisten der alten Fans ab, die sich weiterhin Hit an Hit erhofften. Die Platte war wenig erfolgreich und erst Jahrzehnte später wiederentdeckt worden von Fans, Sammlern und auch von Musikern. Die Band PRODIGY verwendete zum Beispiel Samples des Chapter Three Stücks "One Way Glass" für ihren eigenen Song "Stand Up". Die Gruppe tourte intensiv in Europa und Amerika, um ihr erstes Album zu promoten. Da sich der Aufmarsch der Fans aber in Grenzen hielt, konnte man dieses Unternehmen schon bald als gescheitert abhaken. Die Musik, mit welcher Chapter Three auf Tournee ging, war einfach nicht für die grossen Massen gedacht: Zehn Bandmitglieder, davon 6 teils exaltierte und dem freien Jazz-Spiel beinahe bedingungslos ergebene Bläser waren einfach zuviel des Konsumierbaren für normal Sterbliche.

Im Frühjahr 1970 startete die Band mit den Aufnahmen zum nächsten Album "Chapter Three Volume Two". Die Besetzung hatte sich geringfügig verändert, die Musik allerdings hörbar weiterentwickelt: Der Anteil an teils schwer verdaulichen, fast atonalen Bläser-Attacken hatte sich drastisch reduziert. Schlagzeuger Craig Collinge verliess noch während der Aufnahmen die Band. Er wurde ersetzt durch Conrad Isidore, den späteren Schlagzeuger der Gruppe Hummingbird und Bruder des Robin Trower-Schlagzeugers Reg Isidore. Auisserdem stiess zu den Aufnahmesessions auch Schlagzeuger Andrew McCulloch dazu, jener Drummer, der danach Michael Giles bei King Crimson ersetzte und auch mit Greenslade, Anthony Phillips und der Gruppe Fields zusammenspielte.

"Volume Two" bot als herausragendsten Song einen über eine Viertelstunde laufenden sehr groovenden Jam mit dem Titel "Happy Being Me", der viel Raum bot für Klaviersoli von Manfred Mann und etliche Bläsereinlagen, die nun aber wesentlich mehr dem Groove dienliche Motive zeigten als nur loses, dem Free Jazz entlehntes Spiel zu zeigen. "Volume Two" wartete auch mit einer Ueberraschung auf: Hier konnte man auch plötzlich teils rein akustisch gehaltene, fast verträumt-liebliche, dem britischen Folk entlehnte Stücke hören, beispielsweise das sich wie durch einen düsteren Schleier anzuhörende "I Ain't Laughing", das der relativ hellen Stimmfarbe von Mike Hugg äusserst gerecht wurde. Auch der später als Single erschienene Track "Virginia" - die einzige von Manfred Mann geschriebene Nummer auf dem Album! -  klang wesentlich griffiger, leichter und auch mit einem leicht verträumten Charakter, wobei sich die Band hier zwischendurch eine rigorose Bläserattacke leistete, die vielleicht nicht wirklich in diesen Song passte, jedoch immerhin als originelle Eruption wahrgenommen wurde. Auf dieser zweiten Platte stammten alle Songs mit Ausnahme von "Virginia" aus der Feder von Mike Hugg, was absolut für seine Qualitäten als Songschreiber sprach, wenn man zum Beispiel diese Songs mit denjenigen der ersten Platte verglich. Mike Hugg war sowohl im Pop, wie im Folk, im Rock und im Jazz gleichermassen sattelfest, komponierte wie ein Berserker und die jammige "Lady Ace", der Opener von "Volume Two" vereinte einige seiner kompositorischen Ausrichtungen in einem Song.

Manfred Mann Chapter Three's zweites Album "Volume Two" erschien am 23. Oktober 1970 in England. In den USA wollte sich Polydor nicht auf das Experiment einlassen, das Album zu veröffentlichen, nachdem die Platte zuvor nur sehr schlecht verkauft werden konnte. Im darauffolgenden Jahr vergrösserten sich die Probleme für die Band auch hinsichtlich der Finanzen. Die 10 Musiker umfassende Gruppe bedeutete alleine schon wöchentliche Fix-Kosten für die Musiker in der Höhe von 2400 Pfund - eine horrende Summe für einen kommerziell nicht erfolgreichen Act. Im Frühjahr 1971 zog Manfred Mann deshalb die Reissleine und suchte eine neue musikalische Ausrichtung für seine Musik. Sein treuer Partner Mike Hugg blieb, auch eine Rumpfgruppe spielte weiterhin mit Manfred Mann, und diese reduzierte Gruppe ging anschliessend ins Tonstudio, um eine weitere LP einzuspielen. "Chapter Three / Volume Three" wurde komplett eingespielt, aber nicht veröffentlicht. Erst in den 90er Jahren fanden sich die originalen Mastertapes der Platte im Archiv einer amerikanischen Plattenfirma wieder, wo sie während über 25 Jahren geschlummert hatten. Drei Songs dieses dritten Albums - "Messin' Up The Land", "Fish" und "Turn You Away From My Door" erschienen später auf einer 4 CDs umfassenden Werkschau von Manfred Mann mit dem Titel "Odds & Sods: Mis-Takes & Out-Takes".

Gerade diese Aufnahmen, die zu einem dritten Album hätten führen sollen, beflügelt die Phantasie der Plattensammler, vor allem jener des Vertigo Swirl Labels. Im originalen Katalog des Labels fehlen bis heute Angaben und Informationen zu den Katalognummern 6360 022 (1970) und 6360 057 (1972). Da die Aufnahmen erst 1971 eingespielt worden sind, könnte es durchaus sein, dass von Vertigo Records eine Veröffentlichung vorgesehen war und eine entsprechende Arbeits-Referenznummer vergeben wurde (möglicherweise also 6360 057), das Label später aber von einer Veröffentlichung Abstand nahm.

Manfred Mann indes arbeitete weiter, schrieb vermehrt eigene Stücke, wie er dies schon länger gewünscht hatte, und ging mit einem neuen musikalischen Projekt an den Start: Der Manfred Mann's Earth Band, einer leicht progressiven Pop und Rock Band, die sich als wesentlich erfolgreicher erwies als sein Chapter Three Unternehmen. Das Markenzeichen der Band waren auch nicht mehr fordernde Bläsersätze, sondern Mann's elegante und bisweilen rockige Hammond Orgel, sowie sein äusserst kreatives Klavierspiel. Mit seiner Earth Band ist Manfred Mann bis heute aktiv.






Apr 8, 2016


COWBOY - Reach For The Sky (ATCO Records SD 33-351, 1970)

Die von Johnny Sandlin produzierte und von Duane Allman protegierte Band COWBOY von Scott Boyer und Tommy Talton wird gerne vergessen, wenn sich die Diskussion um die Gründerjahre des Country Rocks, resp. des Southern Rocks dreht. Deren beide Alben von 1970 ("Reach For The Sky") und 1971 ("5'll Getcha Ten") sind zwei essenzielle Alben der Countryrock Frühzeit. Vieles, was die beiden damals knapp 20 jährigen Musiker Boyer und Talton gespielt hatten, wurde später von vielen Bands und Musikern übernommen und weiterentwickelt. Duane Allman und Chuck Leavell spielten beim zweiten Album "5'll Getcha Ten" als Gäste mit, und Eric Clapton coverte ein paar Jahre später von COWBOY sogar deren Song "Please Be With Me" für sein Erfolgsalbum "461 Ocean Boulevard". Doch der Reihe nach. In den Annalen des Southern Rocks steht das Debutalbum "Reach For The Sky" sowohl als Meilenstein, wie auch als Anomalie innerhalb eines musikalischen Genres, das mit dem Ausbauen des Blues der Allman Brothers seinen Ursprung fand. Die junge und experimentierfreudige Gruppe, einer der allerersten Acts auf dem neugeschaffenen und von den Allman Brothers mitlancierten Capricorn Plattenlabels, stand nicht etwa für den später so erfolgreichen erdigen Sound, der oft in mehrstimmigen Gitarrenpassagen mit rockiger Bodenhaftung sein typisches Erkennungsmerkmal fand, sondern spielte eher verhalten laidback, akustisch und introspektiv. Die grosse Rock-Geste wurde nicht zelebriert. Auch was die Songarrangements anbetrifft, so standen COWBOY nicht für die stiltypischen Jams mit langen Instrumentalpassagen und ausufernden Soli, sondern setzten auf kompakte Songs mit reduziertem Instrumentarium, einer betörend schönen, auf feinen Nuancen basierenden Grundstimmung. Die typisch rurale Musik des Südens: Wenn die Allman Brothers für eine pulsierende Grossstadt stehen würden, dann wären Cowboy ein kleines beschauliches Dorf, irgendwo draussen in den Pampas. 

Trotz ihres jugendlichen Alters hatten die Bandgründer Tommy Talton und Scott Boyer bereits Erfahrungen gesammelt: Talton spielte zuvor bei der Garage Rock Band WE THE PEOPLE, Boyer wiederum war zuerst als Soloartist im Bereich Folkmusik unterwegs, bevor er sich der Folk Rock-Band THE 31st OF FEBRUARY anschloss, in welcher auch die beiden Allman Brüder Duane und Gregg Amman spielten, ausserdem der spätere Allman Brothers Schlagzeuger Butch Trucks. Ein gemeinsamer Freund brachte die beiden Musiker zusammen und nach einem ersten Jammen beschlossen die Beiden, eine gemeinsame Band zu gründen. Hierzu brachte Talton den Bassisten George Clark und den Schlagzeuger Tomm Wynn in die Band, Boyer wiederum hievte den Pianisten Bill Pillmore und den Gitarristen Pete Kowalke mit ins gemeinsame Boot. In dieser Besetzung sah man sich täglich, spilete ausschliesslich miteinander Musik, ass und trank gemeinsam und lebte schon fast kommunenhaft zusammen. Dies begünstigte den Zusammenhalt in der Band enorm: Alle Musiker waren schon nach kurzer Zeit perfekt aufeinander eingespielt. Schon nach ein paar wenigen Monaten erhielt die Band Besuch von Duane Allman, der sich sehr begeistert zeigte von der reizvollen Sound-Mixtur der Gruppe und sie in der Folge mit dem Besitzer des Capricorn Plattenlabels, Phil Walden, zusammenbrachte. Walden seinerseits schickte seinen Produzenten Johnny Sandlin, der zuvor mit Duane und Gregg Allman in der Band HOURGLASS spielte, los, um sich die Band Cowboy anzuhören und sich einen Eindruck zu verschaffen über die Qualität der Musiker und ihrer Songs. Auch Johnny Sandlin war begeistert vom Gehörten und kurz darauf erhielten Cowboy einen Plattenvertrag mit Capricorn Records.

Johnny Sandlin produzierte die erste Platte "Reach For The Sky" im neuen Capricorn Recording Studio in Macon (Georgia). Tommy Talton erinnert sich: "We weren't really thinking in terms of making a certain kind of album or wanting to be a certain type of band. We had the songs, and we let the songs tell us how to play them. The only thing that was discussed was 'Does this harmony sound good ?' or 'What if we make the guitar part like this ?'. We allowed ourselves to be led by the music, and we weren't afraid to get wild and electric or to get quiet and acoustic it that's what the song called for". Im Endeffekt machte es der Mix aus minutiös arrangierten Songs, gepaart mit Stücken, die sehr in ihrer Ursprünglichkeit verblieben und nur ein moderates Arrangement erfuhren.

Das fast intim zu nennende Stück "Livin' In The Country" eröffnete die Platte sehr verhalten, rural und von spröder Eleganz: Ein Countrystück, das weder die Sehnsucht einer wimmernden Steel Gitarre transportierte, noch die Lüpfigkeit von typischem Country aufwies. Das Stück klang eher wie von einer verhaltenen Folk-Band gespielt, mit leisen Zwischentönen, total laidbackem Klavierspiel und tollem mehrstimmigem Gesang. Auf der kompositorischen Seite entpuppte sich vor allem Scott Boyer als der romantische Songschreiber-Part in der Band. Neben dem erwähnten "Livin' In The Country" trugen auch die von ihm geschriebenen Stücke "Song Of Love And Piece", "Use Your Situation" oder "Honey Ain't Nowhere" dieses Leichtfüssige, manchmal auch etwas Melancholische in ihrer Grundstimmung: Gemütliche Musik in Dur und Mol. Dieser Veranda Schaukelstuhl-Romantik gegenüber standen die Songs aus der Feder von Tommy Talton, der nicht nur der Rhythmiker der Band war, sondern auch über eine gesunde Portion Humor verfügte. Seine Lieder, etwa das humorvolle "Everything Here" klang total nach Gartenparty, "Amelia's Earache" zeugte textlich von seinem Sinn für feinfühligen Humor und "Josephine, Beyond Compare" verriet ein sicheres Händchen für gefühlvolle und beeindruckende Songtexte: "She said: They don't know what they're saying, for they speak without no thought. And if their words had been confined, these men could not be taught."

Das beste, gleichermassen eleganteste wie aussergewöhnlich melancholische Stück der Platte war die von Scott Boyer geschriebene Nummer "It's Time", eine traurige Country Rock Ballade, die einige Züge der klassischen Kompositionen von beispielsweise Crosby, Stills, Nash & Young, Gram Parsons oder Gene Clark aufweist. Das Album wurde noch auf dem ATCO Label veröffentlicht, dem Atlantic Records Sub-Label. Es erschien allerdings bereits in der neu lancierten sogenannten "Capricorn Recording Series". Erst spätere Capricorn-Veröffentlichungen erschienen dann unter dem neuen Firmennamen.

Apr 6, 2016


BLODWYN PIG - Ahead Rings Out (Island Records ILPS-9101, 1969)

Jazz Rock (Brass Rock ?), Jazz und hart und trocken gespielter Rock mit Blues-Einschlag - eine ebenso vielseitige, wie interessante Mixtur präsentierte der kurz zuvor bei Jethro Tull ausgestiegene Gitarrist Mick Abrahams mit seiner neuen Band Blodwyn Pig. Als ich damals die LP im Jahre 1974 kaufte, war sie bereits fünf Jahre auf dem Markt und mir fiel mit diesem zeitlichen Abstand als Erstes die stilistische Nähe zu Colosseum auf, vor allem zu deren Alben "Valentyne Suite " und "Daughter Of Time". Allerdings hörte man deutlich den Blues-Hintergrund von Mick Abrahams heraus, der zuvor schon bei Jethro Tull als Gründungsmitglied den Bluesanteil zu deren Album "This Was" (1968) beisteuerte, bevor er kurze Zeit später dort ausstieg, um den Folk-Anteil in der Musik gegen einen starken Jazz-Anteil auszutauschen. Im Saxophonisten Jack Lancaster fand er einen kongenialen Partner, um seine musikalischen Ideen umzusetzen. Lancaster, der äusserst vielseitig begabt war, steuerte neben seinem exzellenten Saxophon-Spiel auch zahlreiche weitere Instrumente in der Musik von Blodwyn Pig bei, so etwa Querflöte und Geige. Andy Pyle und Ron Berg komplettierten das Line Up der Band als erdige und bodenständige Rhythm Section, die in ihrer toughen Spielweise eher dem Rock als dem Jazz folgten.

Alleine aufgrund eines Saxophonisten in der Band von Jazz Rock oder gar Brass Sound zu sprechen, wäre verfehlt. Hier allerdings trugen vor allem die aus der Feder von Gitarrist Mick Abrahams stammenden Titel für ein jazziges Grundfeeling, nachzuhören etwa im Opener "It's Only Love", einem relativ schnellen und hektisch treibenden Rock-Jazz, der praktisch vollständig vom im Vordergrund platzierten Brass Sound lebt. Auch "Sing Me A Song That I Know" ist eine fast jazzige Nummer, die nur über wenig Rock-Anteil verfügt. "See My Way" schlägt in dieselbe Kerbe, und das ist an sich erstaunlich, denn man hört das eher selten, dass sich ein Blues-geschulter Gitarrist zugunsten seiner Vorliebe für Jazz- und Brass-Sounds instrumental so weit zurücknimmt. Andererseits gibt es auf der exzellenten und kurzweiligen Platte auch durchaus grossartige Momente, bei denen die Gitarrenkünste von Mick Abrahams eindrucksvoll zur Geltung kommen. Seine Nummer "Dear Jill", ein herrlich atmosphärischer Blues mit einer akustischen Slide-Gitarre zeigt das ganze Können dieses tollen Gitarristen. Diesen Song hat Mick Abrahams während seiner gesamten Karriere hindurch immer in seinem Live-Programm gehabt, in den 90er Jahren sogar auch noch einmal neu eingespielt, interessanterweise unter dem geänderten Namen "Dear Jane". 

Die mit Abstand besten Stücke der Platte stammen allerdings aus der Feder von Jack Lancaster. Beispielsweise "The Modern Alchemist", ein furioser, extrem dynamisch und schnell gespielter Jazz-Rock, der den Zuhörer aufgrund seiner harten Spielweise extrem fesselt. Bei diesem Stück gibt es phantastische Soloeinlagen zu hören, und das Brass-Leitmotiv bleibt einem unweigerlich im Kopf hängen. Nicht minder interessant ist das Stück "Leave It With Me", ebenfalls komponiert und arrangiert von Jack Lancaster mit einem beseelten integrierten Bass-Solo von Andy Pyle. Der Ueberflieger präsentiert sich dann allerdings für mich ganz klar am Schluss des Albums, in Form des im Kollektiv Abrahams / Lancaster / Pyle geschriebenen "Ain't Ya Comin' Home Babe ?". Das ist ein wahres Feuerwerk an Gitarren- und Saxophon-Dynamik, unterlegt durch ein hartes Bass- und Schlagzeug-Fundament, das sowohl dem Sopran Sax von Lancaster, wie auch der Gitarre von Abrahams einen grossen Raum zum solieren bietet.

Die Platte wurde von Andy Johns, dem Bruder des legendären Glyn Johns, äusserst druckvoll produziert und vom legendären Radiomacher John Peel begeistert promotet. Im Jahr darauf gelang Blodwyn Pig mit dem zweiten Album "Getting To This" in derselben Besetzung erneut ein gutes Album, ebenfalls von Andy Johns produziert. Leider verkaufte es sich nicht mehr so gut wie das Debutalbum, weshalb sich Andy Pyle und Ron Berg kurze Zeit danach in Richtung Savoy Brown verabschiedeten. Jack Lancaster blieb noch eine zeitlang bei Mick Abrahams, der inzwischen seine Band neu aufgestellt und in Mick Abrahams Band umbenannt hatte. Nach zwei gemeinsamen Alben, einem selbstbetitelten quasi Soloalbum und einem unter dem Banner der Mick Abrahams Band veröffentlichten Album namens "At Last" mit den neu zur Band gestossenen Musikern Bob Sargeant (Keyboards), Walt Monaghan (Bass) und Ritchie Dharma (Schlagzeug) war dann aber Schluss. Jack Lancaster schloss sich Pete Brown an und veröffentlichte in späteren Jahren auch Soloalben, während Mick Abrahams nach einer Pause von fast 20 Jahren Anfang der 90er Jahre wieder Platten veröffentlichte. Von da ab allerdings fast ausschliesslich als Blues Gitarrist.


Apr 4, 2016


CONEY HATCH - Coney Hatch (Anthem Records ANR-1-1037, 1982)

Es gibt Platten, zu denen hat man irgendwie ein spezielles Verhältnis. Die erste LP der kanadischen Hard Rock Band Coney Hatch gehört für mich zu diesen Platten. Es ist jedoch nur eine in einer ganzen Reihe von Platten aus Kanada, die mich nachhaltig beeindruckt haben, sodass ich sie mir heute noch anhören kann, als ob es der erste Hördurchgang wäre. Es sind Platten, die sich musikalisch einfach nicht abnutzen, weil sie auf eine ursprüngliche, ja fast schon hausbackene Art und Weise aufgenommen und arrangiert wurden, sodass ihnen jeglicher zeittypische Trend fehlt. Zu einer Zeit, als viele Bands (auch im Bereich des Hard Rock) den Synthesizer entdeckten, da und dort gar mit digitalen Schlagzeugen experimentierten, hielten manche Band stoisch an den altbewährten, traditionellen Arrangements fest, weil sie sich der langen Tradition des klassischen Hard Rocks verpflichtet fühlten. Wenn man sich heute ab und zu Alben aus jener Zeit anhört, und mit der teils grusligen und kalten Musik von Anfang bis Mitte der 80er Jahre konfrontiert wird, dann zupft man sich instinktiv etwas noch Älteres aus dem Regal, weil man einfach mehr erdigen, warmen Sound auflegen will. Die Band Coney Hatch gehört unbedingt zu diesen währschaften, ehrlichen und knackigen Hard Rock Bands der alten Schule. Gesegnet mit dem Talent, perfekte Songs zu schreiben, die trotz ihrer fetten Härte auch immer hochmelodisch bleiben und zum mitsingen animieren, würde ich heute die gebotene Musik auf ihrem Debutalbum als eine Art härtere und trockenere Ausgabe von Loverboy oder Foreigner bezeichnen.

Produziert wurde dieses Debutalbum von Kim Mitchell, dem Gitarristen der legendären kanadischen Band MAX WEBSTER und prominentester Verehrer der Musik dieses Albums ist Steve Harris von Iron Maiden, der dieses Album zu den besten Hard Rock Platten aus Kanada zählt. Diese Musik trug das Etikett "Maple Leaf Mayhem" und stand für den typischen melodiösen Hard Rock aus Kanada, wie ihn neben Coney Hatch auch Max Webster, Triumph, Moxy, April Wine oder Frank Marino mit seiner Band Mahogany Rush spielte. Dabei stand Kanada lange im Schatten des übermächtigen Amerika, und es gab ausser ein paar wenigen Bands, die mit Welthits berühmt wurden (etwa The Guess Who oder deren Nachfolger Bachman Turner Overdrive) nicht sehr viele der "Canuck" Bands, die international grössere Erfolge feiern konnten. England war und ist stärker mit Kanada verbunden, und viele Platten wurden auch in England veröffentlicht, was dazu führte, dass so manch europäischer Musikfan besser über die kanadische Musikszene informiert war als der amerikanische Hörer. Platten von in Kanada sehr erfolgreichen Bands wie Head East, Chilliwack, Trooper oder den Stampeders ("Hit The Road Jack") wurden auch in Europa, oft sogar in Deutschland veröffentlicht.

In Amerika hingegen war alles einfach irgendwie "gross": Grosse Highways, grosse Musik, big Hair, big Women, big Ideas. Geographisch bedingt galten die USA letztlich dennoch als die grosse Verlockung, und so manche kanadische Band machte sich auf, in die Fusstapfen etwa von Ted Nugent, Kiss, REO Speedwagon, Angel oder Blue Öyster Cult zu treten, meist ohne deren Reputation jemals zu erreichen. Dennoch gelang es auch Coney Hatch in den Folgejahren nach dem Debutalbum, in Amerika eine treue und grössere Fangemeinde aufzubauen, obwohl nie ein nennenswerter kommerzieller Erfolg daraus resultierte. Letztlich blieben auch Coney Hatch, wie so manch andere "Canuck" Band auch, ein rein kanadisches Phänomen.

Dass dieses erste Album der Band noch heute so zeitlos rockt ist dem Umstand geschuldet, dass die Musiker zuvor in einer entsprechenden Band gespielt hatten: In Toronto als Cover-Rockband gestartet, hatte man Titel von AC/DC, den Rolling Stones, Aerosmith und Cheap Trick gespielt und Leadsänger Andy Curran erinnert sich, eine Reise nach London gemacht zu haben, eigentlich, um Bands, die er sehr mochte, live zu erleben: Thin Lizzy, Saxon und Accept. Stattdessen kam er von seiner Reise mit Platten von den Sex Pistols, Ultravox und 999 ("Homicide") zurück. Die neu formierte Band Coney Hatch kriegte dann von all diesen Einflüssen einige Häppchen ab: Ein bisschen Punk, viel Riff Rock und eben die grossen Melodien des klassischen kanadischen Hard Rocks. Produzent und Musiker Kim Mitchell nahm mit der Band die Stücke für das Debutalbum auf, das im Juli 1982 erschien. Die Gruppe ging anschliessend auf Tournee in Kanada und den USA, und zwar als Support Act der laufenden "Screaming For Vengeance" Tour von Judas Priest. Die Platte wurde ordentlich verkauft in den USA, in Kanada erhielt sie gar Gold für mehr als 50'000 verkaufte Exemplare. Im Jahr darauf nahmen sie mit "Outta Hand" ihr zweites Album auf und wiederum gingen sie mit einer berühmten Band als Support Act auf Tournee. Diesmal war es die "Piece Of Mind" Tour von Iron Maiden. Da Coney Hatch als Live-Band immer zu überzeugten wussten, konnten sie sich als kompetente und ehrliche Hard Rock Band profilieren.

Die Band bestand aus dem singenden Bassisten Andy Curran, den Gitarristen Carl Dixon und Steve Shelski, sowie Schlagzeuger Dave Ketchum, einem grossen Fan von THE WHO Schlagzeuger Keith Moon, was man auch in seinem harten und dennoch perkussiv-rollenden Drum-Stil an vielen Stellen des Albums heraushören kann. Die gesamte Platte überzeugt durch kernige, perfekt rollende Hard Rock Nummern, von denen vielleicht das schleppende "Stand Up", das riffige "Devil's Deck" und das etwas kommerziell geratene "Hey Operator", das auch als Single in Kanada recht erfolgreich war, die interessantesten sind. Erwähnenswert ist sicherlich auch das wundervolle Plattencover, designed von dem kanadischen Illustrator Martin Springett, der unter anderem auch für Ian Hunter (Debutalbum) oder die Gruppe ARGENT ("Circus") als Gestalter von Plattencovern tätig war.


Apr 3, 2016


MEMO GONZALEZ & THE BLUESCASTERS - Big Time In Big D 
(Continental Blue Heaven Records CBHCD 2008, 2003)

Memo Gonzalez & The Bluescasters swingen wie eine Hängebrücke im Hurricane, deklarierte das britische Musikmagazin Blueprint, während sich das Texas Blues Magazine wunderte: Who are these Guys ? Memo Gonzalez & The Bluescasters sind seit 1995 unterwegs mit ihrer schweisstreibenden Mischung aus Blues, Swing und Rock'n'Roll. Das Quartett um den aus Dallas Texas stammenden Frontmann zählt zu den meistbeschäftigten Bluesbands Europas. Bei über 1000 Auftritten in Clubs und auf internationalen Festivals haben sich Memo Gonzalez & The Bluescasters eine begeisternde Souveränität erspielt, mitreissend festgehalten unter anderem auf dem Konzert-Mitschnitt "Live in the UK".

Die Gruppe steht trotz ihres respektvollen Umgangs mit den Ursprüngen des Blues mit beiden Beinen in der Gegenwart. "Musik spielt immer heute", erklärt Gonzalez. Die Band versteht sich nicht als Jukebox, sondern möchte dieser Musik ihren eigenen Stempel aufdrücken. Die Bandgeschichte beginnt Ende der 80er Jahre, als Kai Strauss die Bluescasters gründet. Bereits in ihren Anfangsjahren wird die Gruppe europaweit zu Festivals eingeladen (Djurs Bluesland/Dänemark, Nottoden Blues Festival/Norwegen, Breminale Bluesfestival, u.a.) und veröffentlicht 1995 ihre erste Platte.

Memo Gonzalez fräst allerdings bereits in den 80er Jahren mit den WEEBADS neue Facetten in den Texas Blues. Die Formation aus Dallas fungiert als Durchlauferhitzer für die Karrieren von Hash Brown, Paul Size, Johnny Moeller, Pat Boyack und natürlich auch Memo Gonzalez, der schon in den letzten Jahren des kalten Krieges gern gesehener Gast auf europäischen und sogar russischen Bühnen ist. Nach einem imposanten Texas Harmonica Rumble im holländischen Utrecht, schlagen die Bluescasters Memo Gonzalez vor, gemeinsam durch Europa zu touren und im darauffolgenden Jahr erscheint das Debut-Album "Let's All Get Drunk And Get Tattooed". Zehn Jahre später und nach zwei weiteren Studioproduktionen beherrscht der XXL-Texaner mit der authentischen Rock'n'Roll-Schmalzlocke spielend jede Bühne und verteidigt seinen Titel als schwergewichtiger Mundharmonika Champion mit jedem Auftritt. 

Kai Strauss wiederum ist ein grossartiger und äusserst vielseitiger Gitarrist, dessen Spiel durchaus auf dem Niveau von zeitgenössischen Amerikanern wie beispielsweise Duke Robillard, Alex Schultz, Rusty Zinn, Charlie Baty und Sean Costello angesiedelt ist. Mit seiner Kraft und atemberaubenden Intensität hat sich der Bandleader der Bluescasters einen festen Platz in den Herzen der grossen Gemeinde der Bluesgitarristen erobert und kann zweifellos als Gitarrist von internationalem Format bezeichnet werden. Das Fachblatt Gitarre & Bass widmet im April 2006 dem trojanischen Bassisten Erkan Özdemir zwei Seiten: In dieser Band spielen ein Jude, ein Moslem, ein Christ und sogar ein Atheist den Blues , sagt Mr. Bass Lover . Gute Musik ist wichtiger als Politik und Religion, denn die Musik gibt uns allen die Chance, den Hass zu überwinden, der Menschen voneinander trennt. Nur das zählt.

Zusammen mit Blues Bottom Erkan Özdemir bildet Schlagzeuger Henk Punter eine Rhythmusgruppe, die Musikfans auf beiden Seiten des Atlantiks mühelos aus den Sitzen reisst. Der Mann aus Amsterdam spielte während seiner Laufbahn u.a. mit Lynwood Slim, Lazy Lester und T-99 und verschafft den Bluescasters endgültig den Nimbus einer 100%-internationalen Top Band. Memo Gonzalez' voluminöse Stimme und seine heulende Mundharmonika treiben jeden einzelnen Song an, legt jedes Gramm seines Lebendgewichts in jeden Ton seines Vortrags. Er glaubt nicht nur an das was er herausruft, Memo Gonzalez ist auch in der Lage, den Rest der Blueswelt von seiner Musik zu überzeugen.

Das vierte offizielle Album der Band "Big Time In Big D" trifft mit seiner Vielseitigkeit den Geschmack so mancher Bluesfans. Neben traditionellen Blues Nummern versteht es die Band immer wieder, mit kleinen und liebevoll arrangierten Details ihrer Musik eine oftmals staubige und knochentrockene Note zu verleihen. In solchen Momenten merkt man Memo Gonzalez seine Heimtat Texas an. Viele perkussive Elemente sind zu hören, den knochentrockenen Desert Blues etwa auf den frühen Z.Z. Top Alben können da durchaus als Vergleich herhalten. Das rythmische "Must Be Love" überzeugt gleich zum Einstieg mit einem unwiderstehlichen lockeren Groove, "Two Headed Woman", "Angel In High Heels" oder auch der ausgedehnte Bluestitel "Wages Of My Sins" klingen erstklassig.

Der charismatische Musiker erinnert sich: "Als ich vor über drei Jahrzehnten in der High School begann, mich für Musik zu interessieren, galt meine Liebe schon den Rhythm & Blues Sounds der lokalen Radiosender". Der Musiker, der in seiner Schulzeit noch nicht als "Three Hundred Pounds of Texas Dynamite" bekannt war, wie er später jedoch genannt wurde. "In all den Jahren hat diese Musik mein Leben verändert und ich bin um die halbe Welt gereist." Memo Gonzalez lebt inzwischen permanent in Deutschland und ist regelmässig live zu erleben.



Apr 2, 2016


MANTIS - Turn Onto Music (Vertigo Records 6414 851, 1973)

Eine der seltensten Platten der Rockmusik kommt von den Fiji Inseln. Die Gruppe Mantis veröffentlichte im Jahre 1973 ihr einziges Album "Turn Onto Music" in Neuseeland auf dem renommierten Vertigo Plattenlabel in einer Auflage von gerade mal 300 Stück. Die LP wurde nicht ausserhalb von Neuseeland vertrieben, sondern lediglich via Mailorder verkauft, die meisten LPs wurden in Neuseeland selber und auf den Fiji Inseln an Konzerten der Gruppe verkauft. Das ist insofern schade, als dass die Band einen überaus professionell klingenden, sehr ansprechenden Mix aus dem Latino Rock etwa von Santana oder Malo spielte, diesen jedoch mit hartem Garagenrock kombinierte, sodass ihre Musik manchmal an die Band Titanic, an einigen Stellen sogar an die Stooges erinnerte. Das Album wurde aufgenommen anlässlich eines Aufenthalts der Band in Wellington, Neuseeland. Die Gruppe spielte dort und in der weiteren Umgebung von Wellington zahlreiche Konzerte und erhoffte sich dadurch, ausserhalb der Fiji Inseln den Sprung nach Australien zu schaffen und damit verbunden Fans weltweit zu erreichen. Daraus wurde leider nichts, die Gruppe verblieb letztlich in ihrer Heimat und löste sich irgendwann auf. Der genaue Zeitpunkt des Auseinanderfallens der Band ist nicht dokumentiert, auch nicht, was aus den einzelnen Bandmitgliedern geworden ist.

Der Lead Gitarrist der Band war der Albino Waisea "Wise" Vatuwaga. Er galt als unbestrittener Gitarrenheld auf den Fiji Inseln, war schon seit den 60er Jahren aktiv und galt in der Hauptstadt Suva als der unbestrittene Lokalmatador. Mit seiner ersten Band, THE DRAGON SWINGERS, war er bis Anfang 1973 aktiv und spielte vorwiegend im Golden Dragon Night Club in Suva, einem Musik Club, geführt von Ken Janson, der bis heute existiert. Einer Filmcrew aus Neuseeland ist es zu verdanken, dass die Band eine Offerte annahm, gemeinsam mit ihr nach Neuseeland zu fliegen und bei einem dort ansässigen Musikveranstalter vorzuspielen. Eddie O'Strange, damals eine der schillerndsten Figuren in Neuseelands Szene, der als Radiomoderator, Plattenproduzent, Orchester-Dirigent, Musiker, Theater-Manager und gar als Drehbuch-Schreiber arbeitete, war von den Jungs der Gruppe Mantis begeistert und vermittelte ihnen Auftritte, zuerst in seinem eigenen Club "Ziggys", später auch in anderen Lokalitäten. Eddie O'Strange ermöglichte der Band schliesslich auch einen Plattenvertrag mit Polygram Records New Zealand. Die Verantwortlichen dort waren begeistert von der grossen Stilvielfalt der Gruppe, die inzwischen von Latino Rock über typischen pazifischen Funk bis zum klassischen Hard Rock reichte. Am Ende spielten Mantis eine hervorragende Platte ein, die auch konzeptionell zu gefallen wusste. Seite 1 der LP zeigte ausschliesslich Coveraufnahmen von bekannteren und unbekannteren Songs, welche die Band teils seit Jahren in ihrem Live-Repertoire hatten.

Die Seite 2 hingegen war ein Meisterwerk: Die 22 Minuten lange instrumentale und sehr perkussiv ausgelegte "Island Suite", eine psychedelisierte und mächtige Funk-/Latin- und Garage-Rock Suite, bestehend aus den drei ineinander fliessenden Teilen "Firewalker", "Back At The Village" und "Hurricane Bebe". Mit viel Fuzz- und Wah Wah-Gitarren, Feedback-Orgien und unbändigen Rhythmen klang diese Suite wie eine Art "Jimi Hendrix trifft auf den Latino Funk von Santana". Eddie O'Strange sorgte mit dem Einsatz eines ARP Synthesizers dafür, dass die Band mit exotischen Stilmitteln experimentierte, unter anderem den Klang eines Theremine modulierte, währenddem die Band die schiere Wucht und zerstörerische Kraft der die Fiji Inseln regelmässig heimsuchenden Hurricanes musikalisch umsetzen wollten. Diese beiden Ausgangs-Ideen sorgten dafür, dass die 22-minütige Suite schliesslich über ihre gesamte Länge gleichbleibend spannend anzuhören war.

Die Coverversionen mussten sich allerdings auch nicht verstecken: Eine herzhaft rockende Version des Stücks "Mississippi Queen" von Leslie West's Mountain, eine kernige soul-rockige Variante von "Shake That Fat" der Gruppe Jo Jo Gunne, dazu den Soul-Klassiker "In The Midnight Hour" von Wilson Pickett. Bob Segarini's Titel "Day And Night" und Bo Diddley's "You Don't Love Me", sowie das aus der Feder des legendären Tommy James (& The Shondells) stammende Titelstück "Turn Onto Music" bildeten zusammen ein sehr unterhaltsam und stilistisch relativ breitgefächertes Programm, das allerdings von den Mantis-Musikern ziemlich aufgepeppt wurde: Ihr Funk- und Rock-Verständnis zauberte aus diesen Stücken ein richtiges Rhythmik-Feuerwerk und mit dem manchmal recht exzessiven Einsatz von Fuzz-Gitarre und Wah Wah Pedal erhielt das Ganze einen ziemlichen Garage Rock-Anstrich, der natürlich toll anzuhören war, 1973 aber so gut wie "totally out of fashion" war.

Die Platte der Band Mantis bleibt eines der unzähligen unbekannt gebliebenen Werke einer enthusiastischen Band, die leider auf der Strecke blieb damals. Ihr Ansinnen, die Musik und ein Stück der Kultur ihrer Heimat in professionell klingende Funk- und Rock-Rhythmen zu verpacken, gelang den fünf Musikern zwar bestens, doch blieben sie leider eine ausschliesslich lokale Erscheinung, die ausserhalb des pazifischen Raums kaum bis gar nicht wahrgenommen wurde. Da ihre einzige Platte allerdings auf dem heute unter Sammlern heiss begehrten Vertigo Label erschienen war, dürfte es in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich mehr Käufer von Nachpressungen oder CD-Varianten des Werks gegeben haben als damals. Infolge der nur geringen Auflage von 300 Exemplaren im Jahre 1973 gehört das Vertigo Original heute zu den teuersten Objekten der Begierde unter Sammlern. Die originale LP in Bestzustand wird inzwischen zu Beträgen weit jenseits der 1000 Euro Marke gehandelt.

http://www.dailymotion.com/video/x23dt3r_mantis-fiji-1973-turn-onto-music-full-album_music