Dec 6, 2017


FEHLFARBEN - Monarchie und Alltag (Welt-Rekord 1C 064.46150, 1980)

Die Gründung der deutschen Band Fehlfarben war zunächst eine reine Ulkidee. Nirgendwo anders als in London hatten die drei Musiker Thomas Schwebel (Gitarre und Gesang), Uwe Jahnke (Gitarre) und Uwe Bauer (Schlagzeug) die Idee einer Formation, welche die jeweils neuesten Wellen schneller reiten sollte als die Engländer. Diese neue Band sollte parallel zu Mittagspause und Materialschlacht inkognito bleiben und mit einer Single starten. Gitarrist Thomas Schwebel, ein eingeschworener Fan der New Yorker Disco-Gruppe Chic, und Sänger Peter Hein, Anhänger der britischen Neo Mod-Band The Jam, gehörten beide der Formation Mittagspause an, laut der Zeitschrift Musik Express der damals ersten Kultgruppe des deutschen New Wave-Undergrounds.

Danach arbeiteten die Musiker mit dem DAF-Bassisten Michael Kemner und dem Materialschlacht-Schlagzeuger Uwe Bauer am Fehlfarben-Konzept. Im November gingen Schwebel, Hein, Bauer und Kemner, um den Der Plan-Saxophonisten Frank Fenstermacher verstärkt, ins Studio, um für ihr selbstfinanziertes und neugegründetes Welt Rekord-Label die Single "Abenteuer und Freiheit" mit der B-Seite "Grosse Liebe / Maxi" aufzunehmen. Das Stück "Grosse Liebe / Maxi" war eine Neubearbeitung des "Industriemärchens" der Solinger Gruppe S.Y.P.H., wo Schwebel noch vor Mittagspause als Songwriter aufgefallen war. Im Januar 1980 veröffentlichte die Band die Single in eigener Regie. In dem aufkeimenden Ska-Revival zierte das Cover ein schwarzweisses Karomuster und tanzende Ska-Männchen. Nach dreiwöchigen Proben folgte der erste Auftritt in Mannheim. Zwischen März und August absolvierten Fehlfarben dann etwa 30 Auftritte in ganz Deutschland und traten auch im Rahmen der Wiener Festwochen auf.

Im Juli hatten Fehlfarben ihre Single inklusive der Rechte an ihrem Welt Rekord-Label an die Plattenindustrie (EMI Electrola Records) verkauft. 3000 Mark erhielten die Musiker dafür. Die Single erschien neu im Vertrieb des Branchenriesen und Fehlfarben gingen zur Produktion neuer Demos ins Studio. Während in der Szene die Skepsis gegenüber der Band, die als erste Gruppe der neuen deutschen Musik den Schritt zur Industrie gegangen war, wuchs, begannen Fehlfarben im Juni 1980 mit den Aufnahmen der ersten LP "Monarchie und Alltag". Mit von der Partie: Der Pyrolator (Gesang und Synthesizer). Schon im Oktober desselben Jahres kam die erste Platte auf den Markt und wurde fast ohne Ausnahme als die wichtigste und massgebendste neue Produktion dieser Tage eingeschätzt. Die Zeitschrift Stereoplay verlieh dem Album "Monarchie und Alltag" das Prädikat 'Die besondere Platte'.


Das Musikmagazin Sounds erkannte in Peter Hein den besten, wichtigsten Songwriter hierzulande: Visionen, Prophezeiungen, leere Lehren werden nicht verbreitet. Hein singt, stammelt, spricht Alltagsprosa. Eines der schönsten Lieder heisst "Paul ist tot", ein sensibler Versuch, Empfindungen aus dem Ratinger Hof zu transportieren. Was bei diversen Deutschrock-Bands schwülstig-bombastisch gerät, entwickelt sich bei Fehlfarben zu einem atmosphärisch-beklemmenden Stück über einen Mikrokosmos, der für sie/uns Universum ist. Zu bedenken gab Sounds damals schon: Wie soll diese Synthese aus Funk / Rock / Punk / Beat / Disco / Avantgarde / Pop-Elementen noch erweitert / verändert werden ? Auch der Musik Express sah in "Monarchie und Alltag" ein vor allem auch textlich reifes Werk und verteilte fünf von möglichen sechs Punkten in der Monatswertung. Im Vorprogramm der britischen Rockband 999 stellten Fehlfarben ihr LP-Programm vor.

Für das Frühjahr 1981 waren die Planungen für eine längere Deutschlandtournee schon abgeschlossen, als Peter Hein und Frank Fenstermacher die Gruppe überraschend verliessen. Nach einer kurzen Phase der Orientierung, wohin die musikalische Reise nun gehen soll, entschloss sich das verbleibende Trio Bauer, Schwebel und Kemner, mit dem Ex-S.Y.P.H. Gitarristen Uwe Jahnke weiterzuarbeiten. Nach nur wenigen Auftritten als Quartett produzierten Fehlfarben eine neue Single mit dem Titel "Das Wort ist draussen", die im Mai 1981 auf den Markt kam. Thomas Schwebel hatte die Gesangsteile und damit ein schweres Erbe angetreten, da für viele Fehlfarben unlösbar mit Peter Hein und dessen ausdrucksstarker Performance verbunden war. 12000 Besucher sahen den neuen Frontmann mit Fehlfarben bei nur zehn Auftritten in Nordrhein-Westfalen. Danach ging die Band für die Aufnahmen der zweiten LP "33 Tage in Ketten" (ein programmatischer Titel, der die Empfindungen der Musiker während der Studiozeit widerspiegelte) ins Studio. Im Juni und Juli entstanden die neuen Titel. Kurz nach Beendigung der Aufnahmen verliess jedoch auch der Bassist Michael Kemner Fehlfarben, um mit Wolfgang Spelmans (Ex- DAF) die Gruppe Mau Mau zu gründen. Mittlerweile hatte sich das Albumdebüt "Monarchie und Alltag" in den deutschen LP-Charts auf Rang 37 plaziert.

Der Song "Ein Jahr (Es geht voran)" vom ersten Album hatte sich ebenfalls zu einer Szene-Hymne gemausert. Es wurde zu dem Song der Hausbesetzer- und Anti Reagan-Bewegung. "Es geht voran" war zu einem geflügelten Wort geworden, diente Sprayern für ihre Graffiti und brachte der Gruppe Fehlfarben den Ruf ein, eine politische Band zu sein, ein moderne Version der Formation Ton Steine Scherben. Der Song und sein Slogan hielten sich beharrlich in der Szene. 1982 verspätet als Single veröffentlicht, wurde "Ein Jahr (Es geht voran)" doch noch zum Hit. Fehlfarben mussten gegen das starke Klischee, die Kategorisierung ankämpfen. Jahnke sagte: "Eine Kultband, die irgendwelche politischen Bewegungen bedient, sind wir schon gar nicht." Ungeachtet der sich anbahnenden Entwicklungen verkrafteten Fehlfarben den neuerlichen Aderlass (Kemner) und teilweise bissige LP-Kritiken, in welchen der Band etwa vorgeworfen wurde, trotz aller Bemühungen um musikalische Neuerungen nicht mehr als die phrasenhafte Wiederholung des Debüt-Albums zu schaffen, insbesondere weil Peter Hein als unersetzbar galt. Das verbleibende Trio verstärkte sich um Rüdiger Sterz (Bass), Ralf Albertini (Saxophon) und die Sängerinnen Olivia Casali und Sylvia Schütze für die Herbsttournee. "33 Tage in Ketten" plazierte sich im November auf Rang 36 der deutschen LP-Charts.

Im Januar und Februar 1982 stand die Produktion der dritten Single auf dem Programm. Für Sterz kam Hans Maahn, genannt HBmann (Bass, Klavier). Die 45er "14 Tage" mit der B-Seite "Feuer an Bord" wurde im März veröffentlicht. Klarer als je zuvor liess sich mit dieser Musik eine Tendenz zum Funk herauskristallisieren. Aus dem zunächst als Manko verstandenen, laufenden Musikerwechsel machte Fehlfarben dann ein Konzept. Nach einer weiteren Tournee durch Deutschland, Österreich und Holland im April und Mai 1982 und einer Rockpalast-Aufzeichnung gingen Bauer, Jahnke und Schwebel zur Produktion von "Glut und Asche" ins EMI Studio in Köln. Über zwei Monate Studiozeit und 23 Musiker waren notwendig, um die neuen Ideen des Fehlfarben-Stamms zu realisieren. Mit Bläsern und Streichern arbeiteten Fehlfarben an einem Konzept, das die deutsche Kritik nach Veröffentlichung Anfang 1983 in einem Atemzug mit solch ausgebufften Produktion aus englischen Studios wie ABC oder Heaven 17 verglich. Im Musik Express setzten die Kritiker die LP deutlich auf Platz 1 der Tippliste und kürten "Glut und Asche" zur "Platte des Monats".


Das Musikmagazin erkannte in dem Werk einen Sound, der für deutsche Verhältnisse ungemein reich und aktionsgeladen war, dabei sinnvoll geordnet und einfach angenehm fürs Ohr. Das galt sowohl für die rein technische Seite als auch für den gelungenen Einsatz von Arrangements mit vielen Gastmusikern, Bläsern und Streichern. "Wir waren mal die Vorreiter, sind dann vergessen worden, und heute wundern sich die Leute, dass es uns noch gibt", kommentierte Bauer die enthusiastischen Reaktionen auf die erste Fehlfarben-LP nach fast zweijähriger LP-Pause relativ sachlich. Das schon aufgrund der '82er Maxi-Single "14 Tage" (die vor allem in England gute Kritiken bekam) von EMI Grossbritannien bekundete Interesse an Fehlfarben wurde mit Veröffentlichung von "Glut und Asche" neu zum Ausdruck gebracht. Drei Titel der LP wurden von Tom Robinson ins Englische übersetzt und synchronisiert, eine Single ("Magnificent Obsession") zur Veröffentlichung auf der Insel vorgesehen und sogar Videos (für die Konzepte erstellt wurden) sollten produziert werden. "Wir waren dreieinhalb Monate in den Startlöchern, doch nichts ist passiert", verwies Uwe Bauer später auf eine interne Verschleppung aufgrund von Uneinigkeit zwischen den EMI-Töchtern Deutschland und England.

Schliesslich hiess es aus England lapidar: Kein Interesse mehr. Auch die Veröffentlichung einer zweiten Maxi-Single für Deutschland, "Agenten", die neu bearbeitet wurde, verzögerte sich so unglücklich, dass die Platte genau in den Sommerferien auf den Markt kam und somit niemand Notiz von ihr nahm. Damit waren Fehlfarben schliesslich kurze Zeit später Geschichte. Das Debutalbum "Monarchie und Alltag" jedoch strahlt bis heute, und gilt inzwischen als eines der besten deutschen Alben überhaupt. Im Jahr 2000, dem 20jährigen Jubiläum von "Monarchie und Alltag", erschien die von Joszi Sorokowski neu gemischte und gemasterte sogenannte 'Edition 2000', die einen Aufsatz von Peter Glaser und ein neues Artwork sowie vier Bonustracks enthielt. Unter anderem waren neben einer Edit-Version von "Paul ist tot", eine Liveaufnahme von "Herrenreiter" aus dem Ratinger Hof und vor allem die beiden frühen Singles "Abenteuer und Freiheit", sowie "Grosse Liebe" enthalten. "Grosse Liebe" war dabei historisch von besonderem Interesse, da es sich im Prinzip um den Song "Industriemädchen" von S.Y.P.H. handelte. Beide Singles waren sehr stark vom Ska geprägt und liessen erahnen, dass Fehlfarben tatsächlich zu Beginn eine von The Clash und The Specials beeinflusste Band waren, bis sie ihre völlig eigene Stimme auf "Monarchie und Alltag" fanden.



No comments:

Post a Comment