Apr 27, 2020


THE PSYCHO SISTERS - Up On The Chair, Beatrice
(RockBeat Records ROC-3242, 2014)

Hinter den Psycho Sisters verbergen sich zwei sehr verdiente und äusserst beliebte Musikerinnen, die seit langem bestens befreundet und inzwischen sogar verschwägert sind. Als erfahrene Mittfünfzigerinnen haben sie sich jetzt an ihre gemeinsamen Anfänge erinnert, über 20 Jahre alte Songs aus der Schatzkiste hervorgeholt und in ein zeitgemässes Indie Pop/Rock-meets-Americana/Roots-Gewand gekleidet. Susan Cowsill und Vicki Peterson heissen die beiden Protagonistinnen - für ihr (tatsächlich!) allererstes Duoalbum haben sie auf genau den klangvollen Markennamen zurückgegriffen, mit dem sie zu Beginn der 90er Jahre in der Szene von Los Angeles bekannt wurden: The Psycho Sisters. Ihr spätes Debütwerk heisst "Up On The Chair, Beatrice" und bedeutet für die beiden Frauen die Vollendung eines offenen Kapitels, bietet aber auch realistische Chancen auf mehr in der Zukunft.

Susan Cowsill gehörte bereits als Kinderstar mit 8 Jahren zu den Cowsills, einer Familienband (mit 5 Brüdern und der Mutter), die in den 60er Jahren etliche Hits verbuchen konnte, wie zum Beispiel "The Rain, The Park And Other Things", "Indian Lake" und eine Version von "Hair". Allerdings sollte es bis zum Beginn der 90er Jahre dauern, bis sie musikalisch auf eigenen Beinen stand und ihre Karriere selbstbewusster plante. Vicki Peterson wiederum gründete Anfang der 80er Jahre zusammen mit ihrer Schwester Debbi und Leadsängerin Susanna Hoffs die legendären Bangles - eine der erfolgreichsten und langlebigsten Girl Groups überhaupt mit Welthits für die Ewigkeit von "Manic Monday" bis "Walk Like An Egyptian". Nach deren Auflösung trafen sich Cowsill und Peterson eher zufällig und merkten sofort, dass sich ihre beiden Stimmen geradezu traumhaft ergänzten - eben wie bei richtigen Schwestern. Fortan agierten sie unter dem geheimnisvollen Namen Psycho Sisters, gehörten schnell zum Inner Circle der angesagten Indie Rock / L.A. Scene und sangen auf Alben von Steve Wynn, Chris Cacavas, Giant Sand, Jolene, The Kennedys, Jules Shear und vielen weiteren. Mit Steve Wynn und Howe Gelb's Truppe tourten sie sogar durch die Staaten und Europa. Zuviel Action jedenfalls für eine eigene Karriere und so blieb es zunächst beim Planen, Träumen, Songs schreiben und gemeinsamen Singen. Psycho Sisters-Auftritte beschränkten sich auf wenige Club Dates und exklusive Einzel-Gigs.

Die Jahre 1992 bis 1994 waren geprägt von grossen Veränderungen. Cowsill heiratete Peter Holsapple (Ex-dB's) und wurde zusammen mit Peterson festes Mitglied seiner kultigen Supergroup, den Continental Drifters. Gemeinsam siedelte die potente Band von Kalifornien nach New Orleans und trat einen, wenn auch nicht gerade kommerziellen, so doch in jedem Fall künstlerischen Siegeszug besonders in Europa an. Zwischen 1995 und 2001 veröffentlichten die Continental Drifters fünf Alben - sie alle waren gespickt mit überragenden Beiträgen von Susan Cowsill und Vicki Peterson, die nicht selten zu den Highlights zählten, wie "Desperate Love", "Spring Day In Ohio", "Way Of The World", "The Rain Song", "Watermark" und "Who We Are, Where We Live".

Kurz vor dem internationalen Durchbruch lösten sich die Continental Drifters Ende 2001 überraschend auf. Doch interne Dissonanzen, die Scheidung von Holsapple und Cowsill und allgemeine Depressionen wegen 9/11 waren Gründe, weshalb die Band das Handtuch warf. Susan Cowsill widmete sich in New Orleans ihrer Solo-Laufbahn, ihre beiden Studioalben "Just Believe It" (2004) und "Lighthouse" (2010) waren nur mässig erfolgreich. Vicki Peterson war in gleich mehrere Bangles-Reunions involviert, musikalisch ambitioniert, aber längst nicht mehr so erfolgreich wie zuvor. Seit 2012 bildeten die beiden Musikerinnen dann aber wieder ein festes Team, nach einem Bandnamen mussten sie nicht lange suchen: Die Psycho Sisters waren zurück, um ihre angefangene Arbeit von damals endlich zu vollenden.

Die 10 Songs von "Up On The Chair, Beatrice" bilden eine clevere Mixtur aus nostalgischer Retrospektive und dem Zeitgeist von heute. Ihre Musik aus der Ära von Anfang der 90er Jahre zu reanimieren bedeutete für Cowsill und Peterson eine spannende Rolle rückwärts in die Lebensphase von Frauen Mitte 30, gespielt und gesungen mit der geballten Erfahrung von weiteren 22 Lebensjahren obendrauf. 2014 begaben sie sich ins legendäre Dockside Studio in Maurice, Louisiana unter die Fittiche von Recording Engineer Tony Daigle, der in einschlägigen Kreisen wohlbekannt ist und Platten von Beauloseil, den Holmes Brothers, der Derek Trucks Band, B.B. King und auch Sonny Landreth aufgenommen hatte - was formal also dieselben Rahmenbedingungen ausmachte, wie schon beim letzten Continental Drifters-Album "Better Day". Die Begleitmusiker im Studio wurden demokratisch ausgewählt: Keyboarder Janson Lohmeyer und die Craft-Brüder (Sam/Geige, Jack/Cello) spielten bei der Susan Cowsill Band, Bassist Derrick Anderson kam von den Bangles. Vicki Peterson übernahm alle wichtigen Gitarrenparts, elektrisch und akustisch. Den Job als Drummer teilten sich Cowsill's Gatte Russ Broussard und ihr Bruder John Cowsill, gleichzeitig Peterson's Ehemann.

Blieb also alles ganz harmonisch in der Familie, was sich deutlich hörbar auf die sehr organisch zusammengestellte Musik auswirkte. Eingerahmt von den Coversongs "Heather Says", geschrieben von von Judi Pulver und Waddy Wachtel, aus dem Cowsills-Album "On My Side" von 1971 und Harry Nilsson's Titel "Cuddlin' Toy" von der 1967er Monkees-LP "Pisces, Aquarius, Capricorn & Jones Ltd." präsentierten die beiden Frauen ein sehr dynamisches, abwechslungsreiches Programm zwischen Post Paisley Underground, 60s Garage Beat, Folk Rock, Louisiana Roots und Power Pop. Auf "Timberline" hörte man klassischen Indie Pop mit einer härteren Note, "Never Never Boys" bot herrlichen Jingle Jangle Rickenbacker Sound und "Numb" sumpfig-flirrenden, von Fiddle und Cello getriebenen Electric Folk Rock. Bei "Gone Fishin'" kam deutliches Louisiana Big Easy-Feeling auf, während "Wish You" mit seinen komplizierten Streicherarrangements düsteren, vertrackten Indie Rock/Pop transportierte. Auch "This Painting" wurde vehement von Sam Craft's rockiger Geige bestimmt, "Fun To Lie" bott 60s infiltrierten Mitsing-Beat. Und der schnelle, quirlige Pop von Peter Holsapple's Stück "What Do You Want From Me" wirkte wie eine erfrischende Sommerbrise.

"Up On The Chair, Beatrice" ist sicher eine der ganz besonderen Platten aus dem Bereich Singer/Songwriter. Es ist auch ein absolut zeitloses und perfekt gelungenes Comeback-, resp. Reunion-Album zweier hervorragender Musikerinnen.




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