Apr 23, 2016


NEIL - Neil's Heavy Concept Album (WEA Records 240 524-1, 1984)

Die von Frank Zappa schelmisch, provokativ und vielleicht auch ketzerisch in einem Albumtitel gestellte Frage "Does Humor Belong In Music" findet bis heute immer wieder seinen Weg zu teils kontrovers geführten Diskussionen, wonach die generelle Frage, ob Musik grundsätzlich etwas Ernsthaftes sein muss, um als seriös angesehen zu werden, oder ob Schalk, Derbheit oder offene Satire an sich durchaus auch als ernstzunehmender Bestandteil eines musikalischen Gesamtkonzepts verstanden werden kann, ohne dass dabei automatisch ein künstlerisches Werk herabgewürdigt wird. Wer würde zum Beispiel auf die Idee kommen, die Musik der legendären Monkees als Nonsens zu klassifizieren, indem er lediglich die humoristische Komponente als alleinigen künstlerischen Wert in den zu beurteilenden Fokus stellen würde ? Oder was wäre mit der feinsinnigen Satire eines Randy Newman ? Die Verwendung von Elementen des Humors, der Satire bis zum Nonsens ist letztlich auch in der populären Musik legitim und sollte daher - gerade auch im popgeschichtlichen Konsens - nicht bloss als niedere Unterhaltung von eingeschränktem kreativem Wert verpönt werden. Etwas ketzerisch könnte man mutmassen, dass eine humoristische Komponente in der Populärmusik äquivalent zum Intellekt eines Künstlers steht, denn vielmals kennen nur geistlose Menschen keinen Humor, oder ? Dass es Bands, Musiker und entsprechende Platten gibt, über die man lachen kann, sie aber trotzdem als künstlerisch wertvolle und seriöse Unterhaltung begreift, beweisen zum Beispiel Gruppen wie die Bonzo Dog Doo Dah Band oder die britische Comedytruppe Monty Phyton, die mit ihren Plattenveröffentlichungen viele Käufer begeisterten. Es gab beispielsweise in den USA einen Musiker namens Ray Stevens, der im Grunde nicht wirklich als Komödiant wahrgenommen wurde, der aber mit einer humoristischen Nummer bis auf Platz 1 der Charts emporschoss ("The Streak"), in welcher er die in den 70er Jahren eine zeitlang weitverbreitete Angewohnheit einiger Menschen besang, die hierzulande gemeinhin als "flitzen" bekannt war: Splitternackt über ein Fussballfeld zu rennen, oder auch mitten auf einer belebten Strasse, vornehmlich um die Menschen zu belustigen und weniger, um einem exhibitionistischen Trieb zu folgen. Der Song wurde zu Ray Stevens' grösstem Hit, weshalb er die humoristische Komponente bei all seinen weiteren musikalischen Projekten stets mit einbaute. Humor bietet also langfristig betrachtet auch eine grosse Nachhaltigkeit: Platten, die uns zum lachen bringen, legen wir uns vielleicht öfters auf als Platten, die uns betrüblich stimmen. Eigentlich eine schöne Ueberlegung.

Neil's "Heavy Concept Album" ist ein solch humoristisches Album, das allerdings künstlerisch und musikalisch dermassen perfekt umgesetzt worden ist, dass es einem schwerfällt, das Werk noch als Comedy im klassischen Sinne zu bewerten. Hinter Neil verbirgt sich der Brite Nigel Planer, ein 1953 in London geborener Schauspieler, Comedian, Theaterautor und Novelist, der eine äusserst seriöse Ausbildung an der University Of Sussex und der London Academy Of Music And Dramatic Art genoss. Er trat ausserdem in vielen Musicals auf, so war er etwa in den Aufführungen von "Evita", "We Will Rock You" oder "Charlie And The Chocolate Factory" zu sehen. Neben seinen ernsthaften Rollen spielte Planer aber auch schon früh gerne und oft und auch recht erfolgreich in der Sparte Comedy, dabei agierte er alleine, aber auch zu zweit oder in einem ganzen Team. Das Erfolgreichste dieser Teams etablierte sich als The Young Ones und feierte in der gleichnamigen BBC Comedy-Sendung grosse Erfolge. Dieser Erfolg hat das weitere Schaffen des Künstlers nachhaltig beeinflusst: Er begann, Nonsens-Schriften zu verfassen, etwa "Neil's Book Of The Dead", eine Persiflage auf das Tibetanische Totenbuch, das sich ebenso gut verkaufte wie die weiteren Bücher "Faking It" und "The Right Man". Planer arbeitete im weiteren auch - wiederum auf der ernsthaften Seite seinen Schaffens angesiedelt - als Erzähler der von ihm gesprochenen und kommentierten Hörbücher der Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett. 

But most of all: Nigel Planer war Neil. Der Hippie mit dem goldenen Herzen, dem alles misslingt, der in die abenteuerlichsten Situationen gerät, dauernd eins auf den Kopf kriegt, dabei immer liebenswürdig verkifft und herzerweichend verwahrlost daherschlurft, dass man ihn einfach in die Arme schliessen will. Die Rolle als langer Lulatsch im verbeulten Trenchcoat verkörperte er bereits erfolgreich in der Comedy-Serie "The Young Ones", und in diese Rolle schlüpfte er auch als Musiker. Die Idee, überhaupt eine Platte aufzunehmen, war dem Umstand geschuldet, dass es damals in England durchaus nicht unüblich war, einer Rock Band als Support Act etwas Amüsantes zur Stimmungsmache voranzustellen. Allan MacGowan, ein Konzertagent, buchte Nigel Planer ab und an für solche Vorprogramme, die Planer dann auch zusammen mit Peter Richardson unter dem Duett-Namen The Outer Limits bestritt. Unter anderem absolvierte das Duo in dieser Eigenschaft einige Konzerte zusammen mit Dexy's Midnight Runners. Nigel Planer solo wiederum trat unter seinem Pseudonym Neil auch als Support Act für Marillion auf. Zu dem Zeitpunkt wurde offen über eine Single mit Marillion verhandelt, jedoch wurde daraus letztlich nichts. Stattdessen kam ein Kontakt mit Dave Stewart zustande. Dieser Allroundkünstler und Perfektionist trug einen klingenden Namen im vereinigten Königreich, denn er spielte schon seit vielen Jahren in der Canterbury-Szene etwa bei The National Health und Hatfield & The North mit, ausserdem war er eines der Gründungsmitglieder der Formation Egg ("The Civil Surface"). Als erste Single wählte Nigel Planer den Traffic-Klassiker "Hole In My Shoe" und spielte ihn mit einer auserlesenen Crew britischer Topmusiker ein. Die Single schlug ein wie eine Bombe: Platz 2 in den englischen Charts, nur übertroffen von Frankie Goes To Hollywood's "Two Tribes", was Nigel Planer sich, ganz britisches Understatement, letztlich überhaupt nicht erklären konnte: "I have absolutely no idea why Neil was a success".

Der unerwartete Erfolg der Single führte schliesslich auch zur Ueberzeugung, dass dieser Hippie Neil unbedingt auch ein Album aufnehmen und veröffentlichen sollte. Warner Brothers gab erneut grünes Licht, und Neil versammelte wiederum exzellente Topmusiker um sich, handverlesen vom umtriebigen Dave Stewart, dem die Idee zugrunde lag, zwar einerseits ein Comedyalbum aufzunehmen, andererseits aber auch qualitativ ein so hohes und perfektes Level zu erreichen, dass die Platte auch musikalisch überzeugen konnte und nicht einfach nur als Spassprojekt durchgehen würde. Dazu holte Stewart für die Aufnahmen als weitere Musikerin die Sängerin und Gitarristin Barbara Gaskin (ehemals bei Spirogyra), mit der er selber schon seit einiger Zeit erfolgreich musizierte. Dazu gesellte sich der Gitarrist Jakko Jakszyk, der mit Dave Stewart zusammen bei der New Wave-Combo Rapid Eye Movement spielte und der später zu King Crimson wechseln sollte. Auch mit von der Partie waren die beiden Schlagzeuger Pip Pyle (Gong, Soft Heap, Hatfield & The North) und Gavin Harrison (Porcupine Tree, Steven Wilson, Blackfield, King Crimson). Als speziellen Rock-Schlagzeuger für eine Black Sabbath-Persiflage ("Lentil Nightmare") verpflichtete er ausserdem den hervorragenden Bryson Graham, den ehemaligen Spooky Tooth-Trommler.

Insbesondere Jakszyk erinnert sich gerne an die Zeit damals: "We were all big fans of the Neil character. You have to remember we were all big fans of "The Young Ones" in general. That show was a really important part of the brave new world of comedy back then. It didn't felt like it was part of the mainstream. It felt like it belonged to us." Nigel Planer verkörperte in seiner Figur als Hippie-Loser Neil einen Archetypus, der in den Hoffnungen, Wünschen und Träumen, ja im Bewusstsein vieler Briten existent war. Man fühlte einfach mit der Figur Neil mit, wenn er wieder mal völlig unschuldig in die unmöglichste Situation geriet, und sich aus einem harmlosen Fauxpas ein Grande Desaster entwickelte, das die halbe Welt aus den Fugen geraten liess. Und so war denn auch sein "Heavy Concept Album" eine Ansammlung unheilvoller Humoresken, die oftmals unschuldig begannen und in einer Art belustigenden Tragik endeten. 

Neil erklärt zu Beginn des Werks gleich selber, dass er eigentlich den Inhalt seines Werks nicht erklären will. Er möchte also nichts sagen, doch dafür braucht er viele Worte. Er nimmt sich also schon selbst auf die Schippe, bevor er den Zuhörer überhaupt auf sein Werk losgelassen hat. Dazu hat er auch in den Liner Notes der Platte insgesamt drei Anläufe genommen: Es gibt eine Erklärung zur Platte, eine alternative Erklärung zur Platte und eine offizielle Erklärung zur Platte. Kommen tun alle drei aus Neil's eigenem Mund. Die schönsten Auszüge:

The Sleeve Notes:

Right, here it is, my Heavy Concept Album, which has been specially designed to ruin your Christmas, or Birthday or whatever stupid excuse you thought you needed to actually buy this record. Yeah! Right, because I don't recognise the celebration of the western consumerism and the exploitation of the winter solstice or people's personal astrological misfortunes by the capitalistic excesses of the multinationals and the media and anyway it gets really boring because you have to stay in with your parents and there's only old films on the telly and carol singers keep hassling you for bread and you've got to eat lots of horrible nuclear food because your mum and dad'll get really neurotic if you don't behave like an officer in charge of a concentration camp, and anyway everyone probably forgot it was your birthday so you had to buy yourself this record, except for the person who sent you that horrible "now we are two" badge as a spiteful joke to put you down.

The Sleeve Notes again:

The worst warhead ever was Hitler. He used to have submarines in the bath that fired real torpedoes, right, that's why he only had one ball. Anyway there's nothing like that on this record, just loads and loads of beautiful sixties numbers and concepts, and harmonious words and songs like "The Gnome" by Pink Floyd, which was written in 1967 which is sung on this record by Wayne, my rubber plant. Yeah, plantes can dig music too, you know.

The  Real Sleeve Notes:

Look, I only did this record because I signed this contract, right, which said like I had to make eighteen records in the next four months or I'd get my goolies chopped off, and you'll probably all think it's lousy anyway because it's got me on it. And I suppose I've got to write out all the names of the horrible straight people who hassled their way onto this record and all the people who like claim to have written the songs and all the rip-off record business people who reckon that they had something to do with making this record. Okay, here we go, the long boring list of all the tracks. 

Hello Vegetables! 

Wir sind jetzt auf Neil's Album beim ersten Track angelangt. Keine Musik, sondern erstmal eine kurze Vorstellung der Platte, dass die Platte nicht vorgestellt werden sollte, bevor sie überhaupt begonnen hat. Aber da wird gleich so viel Technologie und Kommerz zu hören sein, dass man den Zuhörer da drauf hinweisen sollte, bevor der Wecker schrillt und man wieder in seine schweissigen Schuhe steigt. Willkommen beim Traffic-Klassiker "Hole In My Shoe". Brilliant vorgetragen mit einer verkifften Sitar, absolut authentisch nach der psychedelischen Hippie-Zeit der ausgehenden 60er Jahre klingend, hervorragend gespielt von den fabelhaften Musikern. Neil hat das schon tausendfach gehört, weswegen er sich erstmal auf sein stilles Örtchen zurückgezogen hat. Leider ist die Klospülung verhext und als Neil abzieht, wird er von einem gewaltigen Sog ins Klo gezogen und landet schliesslich an einer dunklen Abzweigung in der Londoner Kanalisation, wo ihm eine grosse und stinkige alte Kartoffel begegnet ("Heavy Potato Encounter"), die ihm erklärt, dass Kartoffeln nicht furzen können, weil Neil sich über den unziemlichen Duft echauffiert. Aus der Ferne erklingt die wundersame Melodie von "My White Bicycle", welche im Original von der britischen Psychedelik Band Tomorrow stammt. Völlig ausser Puste vom vielen Radfahren braucht Neil anschliessend eine Stärkung, und die holt sich der überzeugte Vegetarier ausgerechnet in Form eines Hamburgers, der ihn in ein fleischfressendes Monster verwandelt ("Neil The Barbarian") und ihm grässliche Albträume beschert ("Lentil Nightmare"). Schweissgebadet dieser Nachtmahr entrissen wird Neil durch diesen hässlichen Computer-Radiowecker, den er von seinem Bruder mal zu Weihnachten geschenkt bekommen hat und den er immer schon gehasst hat, weil der ihn immer mit ganz fürchterlicher Musik aus seinen Träumen reisst. Als dieses Ding jetzt auch noch "Hole In My Shoes" spielt, haut ihn Neil mit dem Hammer kaputt. Als Ersatz dient fortan Wayne, Neil's Gummibaum, denn der kann singen. Weil Neil ihm ein wunderschönes Gedicht vorträgt, singt der Gummibaum die Syd Barrett-Nummer "The Gnome", die vom kleinen Gnom Grimble Grumble handelt. Danach wird's Zeit für Drogenmusik. Auf der "Cosmic Jam" mixt Neil einen herrlichen instrumentalen Psychedelik-Cocktail, dessen einziges Manko darin besteht, dass Jemand Erdnussbutter auf die LP gschmiert hat, was die Plattennadel hüpfen und die Musik verschwammen lässt, bevor die ganze Jam vom Mittelloch der LP eingesogen wird.

Die zweite Seite der Platte startet mit einer grossen Ueberraschung: Der Titel "Golf Girl" von Caravan, im Original auf deren 1972er LP "In The Land Of Grey And Pink" zu finden, lässt beinahe vermuten, Neil wolle nun ernsthaft und ohne Schabernack Musik machen. Doch weit gefehlt: Seine Mutter macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Sie ruft inmitten der Plattenaufnahme im Studio an, nur um ihm mitzuteilen "This is your Mother speaking, Neil - Get on down!". Mama sieht sowieso alles den Bach runter gehen, und darum singt Neil nun "Bad Karma In The U.K.". Ueberhaupt nimmt die Platte langsam aber sicher den Verlauf eines Untergangs der Welt, wie man sie kennt. So landet Neil nach einer gescheiterten Romanze "Our Tune" im "End Of The World Cabaret", das ihn ins grelle Scheinwerferlicht stellt, was Neil gar nicht behagt. Lieber sinniert er im Hintergrund über "No Future (God Save The Queen)", nicht ohne einen kleinen Seitenhieb in Richtung sexueller Pistolen. Nach soviel latentem Weltschmerz und hoffnungsloser Weltuntergangs-Paranoia wird's Zeit für etwas Lieblichkeit und Schwebezustand ("Floating"). Der "Hurdy Gurdy Man" von Donovan wird rezykliert, erhält im Neil'schen Gewand einen erheblich erhöhten Rock-Anteil, was dem ursprünglichen hippiesken Folkrock-Song von Herrn Leitch eine ganz eigene und absolut tolle Note verleiht. Der Hippe ist quasi in der technologischen Neuzeit angekommen. Im anschliessenden "Paranoia Mix" verwurschtelt Neil einzelne Fragmente aller Songs und Geschichten, die er während der Dauer der LP zum besten gegeben hat, zu einem abschliessenden Grande Infernale. Der die Platte beschliessende "Amoeba Song" warnt noch einmal eindringlich vor diesen kleinen Biestern, die sich gerne in den heimischen Badezimmern einnisten und langsam die gesamte Butze in Beschlag nehmen können, wenn man sie nicht rechtzeitig und gezielt eliminiert. Geschrieben wurde der "Amoeba Song" von Mike Heron, dem Sänger und Multi-Instrumentalist der legendären Incredible String Band, die seinerseits auch Zeit ihres Bestehens öfters mal den Schalk im Nacken hatte.

Wer nach dieser fabelhaften musikalischen "Tour D'Humour" Lust auf mehr bekommen hat, dem sei die Platte der Gruppe BAD NEWS wärmstens mitempfohlen. Dort versuchte sich Nigel Planer als Mitglied einer völlig durchgeknallten Glam Hard Rock Band, die mit ihrer verhunzten und dilettantischen Coverversion von Queen's "Bohemian Rhapsody" deren Gitarrenmeister Brian May dermassen überzeugte, dass dieser gleich selbst mittels Gitarrensolo mithalf, den eigenen Mythos zu versauen. Humor, zumal britischer, ist eben ansteckend bis ganz nach oben in die Haute Volaute der Rockprominenz.

Oh no, what's happenin' ? Must be back in reality again....



















Apr 22, 2016


KEVIN PEEK - Awakening (Ariola Records VPL 6557, 1981)

Der australische Gitarrist Kevin Peek war sowohl von der Rockmusik, als auch von der klassischen Musik beeinflusst. Beide Musikstile, so unterschiedlich sie auch sein mögen, spielte der Gitarrist im Laufe seiner Karriere entweder strikt, oder aber auch in Verschmelzung miteinander. Am besten bekannt ist er wohl noch heute für seine Arbeit als Gitarrist der Progressive Rock-Band Sky.

Peek erfuhr eine streng klassische Ausbildung, erlernte Rhythmik und klassische Perkussion am renommierten Adelaide Conservatorium of Music, bevor er sich der Ausbildung und dem Studium der akustischen (und später der elektrischen) Gitarre widmete. Ab 1967 geriet auch Kevin Peek in den Sog des psychedelischen Pop und Rock, nutzte eine Chance, nach England zu ziehen, um unter anderem mit James Taylor zusammenzuarbeiten, der mit seiner Band The Flying Machine dem Trend folgte und den britischen Beat psychedelisieren wollte. Da daraus jedoch nichts Konkretes erwuchs, kehrte Peek schon im Mai 1968 wieder nach Adelaide in Australien zurück, wo er die Rockband Quatro gründete, mit der er allerdings trotz eines Plattenvertrages mit Decca Records künstlerisch erfolglos blieb.

Dies sollte sich jedoch nach und nach ändern, als Kevin Peek erneut nach London zog, diesmal zusammen mit seinen musikalischen Freunden, dem Gitarristen Terry Britten, dem Bassisten Alan Tarney und dem Schlagzeuger Trevor Spencer. Sie arbeiteten vorderhand mehrheitlich als gebuchte und gut bezahlte Sessions- und Studiomusiker und ihre Arbeit umfasste auch Engagements etwa für die Top-Stars The New Seekers, Cliff Richard oder auch Mary Hopkin, die alle in England äusserst erfolgreich musizierten. Peek, der nicht nur mit seinen Freunden zusammen Engagements in denselben Backing Formationen oder für dieselben Solokünstler agierte, arbeitete auch mit Manfred Mann, Lulu, Tom Jones, Jeff Wayne (Krieg der Welten) und Shirley Bassey. Zu dem Zeitpunkt hatte er auch schon damit begonnen, Songs zu komponieren und diese anderen Musikern und Bands zur Interpretation zu überlassen, was in Ermangelung eines eigenen Plattenvertrages durchaus Sinn machte. So wurden die aus seiner Feder stammenden Lieder trotzdem bekannt und zog weitere Interessenten an, für die er bald darauf Stücke schreiben konnte.


Im Jahre 1979 trat er dem klassischen Progressive Rock Quintett Sky bei. Während seiner langjährigen Partnerschaft mit dem klassischen Gitarristen John Williams, dem Keyboarder Francis Monkman, dem Bassisten Herbie Flowers und dem Schlagzeuger Tristan Fry, spielte Peek auf insgesamt sieben Studio-Alben der Band mit, bevor er diese Gruppe 1985 verliess. Als Solokünstler begann er nun, seine eigene Musik zu machen und schaffte es, auf vier verschiedenen Labels vier Platten zu veröffentlichen, von denen er zwei unter seinem eigenen Namen veröffentlichte ("Guitar Junction" 1978 und "A Touch Of Class" 1980). Je eine LP veröffentlichte er zusammen mit dem Jazz Pianisten Steve Gray ("Country Folk" 1979), sowie mit dem amerikanischen Gitarristen Buddy Merrill ("Guitare Guitare" 1980), bevor er 1981 ziemlich überraschend ein weiteres Album präsentierte, das den Geist der aufkeimenden New Wave in sich trug. Der inzwischen gern gebuchte und vielbeschäftigte Sessionmusiker wurde neben seiner eigenen Arbeit nunmehr auch von solch illustren Musikern wie Olivia Newton-John, Kiki Dee, Sally Oldfield, dem Alan Parsons Project und dem London Symphony Orchestra (in Zusammenarbeit mit Francis Monkman und dessen Symphonik Rock Projekten) aufgeboten. Auch die Namen von Leo Sayer oder Tom Jones standen auf Peek's musikalischem Kalender und nebenbei scharte Peek drei hervorragende Musiker um sich, um mit ihnen gemeinsam sein Album "Awakening" einzuspielen. Mit von der Partie waren der grossartige Ron Aspery am Saxophon (er spielte bei der Gruppe Backdoor mit), der Keyboarder Nick Glennie-Smith, den Peek von der Gruppe Wally kannte und der später mit dem Pink Floyd Musiker Roger Waters in dessen Bleeding Heart Band zusammenarbeitete, sowie der Sänger David Reilly, der das Album auch produzierte.

Das Album reiht Höhepunkt an Höhepunkt und wirkt als Ganzes einmalig schön und berauschend. Das romantische Pastorale "City On The Water" präsentiert den Maestro ausdrucksstark und präzise: die glatten Linien, die Tiefe der Phrasierung, der verträumte Gesang und die wunderbar fluffige Gitarre bieten einmaligen Hörgenuss. Das Stück "Sidewinder" könnte durchaus als Werk der Gattung Fusion in Betracht gezogen werden, wenn nicht über dem ganzen Stück dieser seidenweiche Pop-Appeal wie ein erfrischender Sommermorgen schwebt. Herrlich verspielt auch die klassikinspirierte Etüde "Spanish Blues",  sowie das recht kommerziell arrangierte Pop Rock Stück "Manitou", das dem Album eine zusätzliche stilistische Richtung gibt. Das leicht introvertierte, ruhige und elegante akustische Stück "Sailplane" mit seinem neoklassizistischen Arpeggio, trägt den Zuhörer schwerelos davon und beschliesst diese wunderbare erste Seite der Platte.

Die zweite Seite des Albums bildet eine einzige und einzigartige in sich geschlossene Suite mit dem Titel "Starship Suite", bestehend aus vier Teilen, von denen der erste mit dem Untertitel "Faster Than Light" als anspruchsvoller Art-Rock geschickt phantasievolles Gitarrenspiel mit dezenter Synthesizer-Elektronik kombiniert. Das Zwischenspiel "Infinite Dreams" überzeugt mit seine zarten Gitarrentupfern, während der dritte Teil "Arrival" wiederum viel Fläche für an die Band Sky erinnernde Synthesizer-Klänge bietet, zu welchen Kevin Peek eine extravagante Gitarre beisteuert. Das finale kurze "For Those We Left Behind" verkörpert ein perfektes Beispiel für eine stimmige Traum-Elegie, die den Zuhörer sanft und vorsichtig wieder von seiner akustischen Wolke hinuntergleiten lässt. Hätte der britische Folkmusiker John Martyn Anfang der 80er Jahre vielleicht mit ein bisschen weniger Elektronik experimentiert, wäre er dem Sound von Kevin Peek schon ziemlich nahe gekommen. Was die Platte "Awakening" sicherlich auch ausmacht, ist der dezent vorhandene Klassik-Approach, der natürlich der klassischen Ausbildung Peek's geschuldet ist. Insgesamt ist das ein wunderbares akustisches Dokument eines grossen Talents, das zwar grosses Ohrenkino bietet, jedoch ohne übertriebenes Pathos und irgendwelchen Ansprüchen an ein vermeintliches Genie auskommt.


Apr 21, 2016


MAHOGANY FROG - Mahogany Frog vs. Mabus 
(Mafrogany Hog Records 7777215106055, 2004)

Eine interessante kanadische Band aus Winnipeg sind Mahogany Frog, deren Musik als Eclectic Prog Rock bezeichnet wird, was meiner Meinung nach jedoch nicht vollumfänglich den vielschichtigen Sound einfangen kann, den diese verrückte Truppe tatsächlich spielt. Die Band begann ursprünglich als psychedelische Jam- und Alternative Rock Act, gegründet  von den drei Multi-Instrumentalisten Graham Epp Jesse Warkentin und Nathan Loewen. Später gesellte sich dann noch Jean-Paul Perron dazu. Ihr Debutalbum von 2001 war eine Mischung aus der obigen Beschreibung, aber durch den Einstieg dreier weiterer Musiker erwuchs die Band schliesslich zu einem Septett unter Einbezug von Keyboards und Blasinstrumenten. Stets auf der Suche nach ihrem eigenen Sound probierte die illustre Gemeinschaft etliche stilistische Möglichkeiten aus, erweiterten ihr musikalisches Terrain um typische Elemente des Progressive Rock, nur um einige Jahre später in abgespeckter Variante und erneut zum Quartett zusammengeschrumpft, wieder eher schrägen Jam- und Alternative Rock zu spielen.

Dabei war das 2004 erschienene dritte Album der Band durchaus mit progressiven Rockelementen durchzogen, was man schon auf dem Opener, dem 12-minütigen ''Spuk'' hören konnte. Das war einerseits schon der typische Jam-Sound, wie man ihn beispielsweise auch von Formationen wie etwa Phish kennt, allerdings gab die Band hier eine wohldosierte Prise Psychedelik hinzu, ausserdem wirkte die abwechslungsreiche Gitarrenarbeit und die ansprechenden Einsätze von Elektronik, Synthesizers und fremdartigen Effekten auch bisweilen recht jazzig. Dem Opener folgt mit dem kürzesten Song der Platte "St. Helga Of Argyle" ein noch verstärkterer Jazz-Eindruck: Hier bilden die jazzigen Gitarrensounds zusammen mit dem Synthesizer und der Orgel einen gut hörbaren Canterbury-beeinflussten Sound. Durchaus beim Canterbury-Stil bleibt das Quartett dann auch beim nächsten Longtrack, dem sich über 11 Minuten hinziehenden "The Third Machine", bei welchem in allerbester Hatfield & The North Tradition schräge Spielereien vom Grundthema unablässig abweichen, wobei der ganze Fluss in dem Stück auch stark an den typischen Sound etwa von Caravan angelehnt ist.

Ausserdem erinnert die Band besonders in diesem und auch im nächsten Stück "Paul's Overalls Hold Mould", das sich gar über fast 18 Minuten erstreckt, an die britische Gruppe National Health, die Avantgarde-Sounds mit dem typischen Canterbury-Stil vermengte. Wem diese Band damals gefallen hat, der wird von Mahogany Frog schlicht begeistert sein, schafft es diese Band doch, den Sound von damals perfekt in die Neuzeit zu transportieren, ohne dabei wie eine Kopie zu wirken: Ihr Sound klingt immer frisch, bietet unzählige Ueberraschungen, schwenkt andauernd vom Grundthema ab, verliert sich in ausufernden Jams, um im letzten Moment und kurz vor der Kakophonie wieder den Bogen zurück zum ursprünglichen Thema zu spannen und schon fast gemütlich auszuplempern. Das ist absolut gekonnt und brilliant und spannend inszeniert. 

"Paul's Overalls Hold Mould '' klingt auch wie ein Amalgam aller musikalischer Inspirationen der Band in einer einzigen opulenten Inszenierung: Ein phantasiereicher Mix aus psychedelischer Sessionmusik mit hörbaren Kraut-Elementen, groben Ausbrüchen, die durchaus in der Nähe des Heavy Rock und des Jazz-Rock angesiedelt sind, mit einer fetten Portion Jam Band-Verständnis, wechselnden Stimmungen und Improvisationsteilen, mit elektronischen Effekten verfeinert. Auch der fünfte und leider schon letzte Track dieser musikalischen Tour De Force bremst mitnichten das Feuerwerk langsam aus, sondern gibt noch einmal zusätzlich Vollgas: "Boat Alone (We're Not Sailing In This)" beginnt spannend und träumerisch mit teils kalten, teils wohlig-warmen Synthesizer-Klängen, schwebt irgendwann in schönster jazziger Soft Progressiv-Manier in Richtung Canterbury, um einem musikalischen Höhepunkt von jazziger Gitarre und dynamischen Flötenklängen zuzusteuern. Hier klingen sie dann schon fast wie frühe Soft Machine. Die typischen "Fuzz Orgel" Sounds von Mike Rutledge werden hier mit zelebriert. 

Dieses Album ist eines, das komplett von Anfang bis zum Schluss begeistern kann. Mahogany Frog spielen absolut gekonnt und überzeugend mit den alten 70er Vibes, mischen sie mit Komponenten des modernen Progressive Rocks und erschaffen damit einen ganz eigenen musikalischen Kosmos, der unglaublich dynamisch und spannend klingt. Die vier auf ihre Songlänge bezogenen sogenannt "epischen" Tracks auf diesem Album sind äusserst abwechslungsreich und erfinderisch arrangiert, schaffen eine ganz eigene Atmosphäre und huldigen in perfekter Weise dem 70er Jahre Sound, ohne altbacken oder gar out of fashion zu wirken.

Der Band gelingt hier der Spagat, weit über 30 Jahre alte Musikmuster perfekt und  topmodern ins hier und jetzt zu hieven. Da auch der Klang exzellent und die Produktion perfekt erarbeitet wurde, kann man dieses Werk nur wärmstens empfehlen. Ich denke, hier werden viele verschiedene Musikliebhaber auf ihre Kosten kommen: Der Liebhaber von typischem Fusion Sound genauso wie der Canterbury-Fan und Jam-Sound Freaks. Eine mehr als würdige Alternative zu den abgedroschenen Klischees der Moderne.

https://mahognayfrog.bandcamp.com/album/vs-mabus 


 

Apr 20, 2016


HANDS - Hands (Shroom Productions SP-96001, 1996 - Originalaufnahmen von 1977)

Die Gruppe Hands war eine kurzlebige symphonische Progressiv Rock Band aus Texas, dessen Sound jenem von Gentle Giant, Jethro Tull und Happy The Man ähnelte, auch kann man ihren Sound mit den frühen Werken von Kansas durchaus vergleichen. Zusätzlich noch etwas lockere Camel-Sounds plus das symphonische Verständnis besonders der italienischen Symphonic Rock Bands der 70er Jahre und fertig ist die interessante und anspruchsvolle Mélange. Die Hands waren eigentlich ein Ableger des obskuren und eher wenig bekannten Projektes Prisma, einer Fusion-Band, die ebenfalls zu den leider nur wenig bekannten Geheimtipps aus den 70er Jahren zählt. Die Formation Hands arrangierte ihre Songs mit einer Vielzahl von typischen Orchesterinstrumenten, einschliesslich verschiedenen Streichern und Holzbläsern, und ihre Songs wurden von langen Instrumentalpassagen dominiert, erhielten einen speziellen Charakter durch die relativ spaceartig inszenierten Gesänge. Live erinnerte die Band dann allerdings bisweilen auch an Johnny Winter oder die Allman Brothers, denn auf der Bühne deckten sie ein noch weitaus grösseres musikalisches Feld ab, indem sie etwa auch Southern Rock-Elemente und etliche Bluesversatzstücke zum besten gab. Auch live jedoch liessen sie sich am ehesten mit den frühen Kansas vergleichen. Wie viele andere progressive amerikanische Bands der ausgehenden 70er Jahre tourten auch Hands ausgiebig und schafften es, auf einem kleinen Independent Plattenlabel ein wundervolles und abwechslungsreiches, professionell eingespieltes Album mit exquisiten Studioaufnahmen zu veröffentlichen, das aber leider nicht viel Aufmerksamkeit erhielt und praktisch sang- und klanglos in der Fülle der Veröffentlichungen unterging. Die Gruppe löste sich in der Folge, still und unbemerkt auf, als das Jahrzehnt zu Ende ging.

Erst fast 20 Jahre später veröffentlichte das Plattenlabel Shroom Records eine Sammlung der frühen Aufnahmen der Gruppe auf CD, welche erneut von Kritikern gefeiert wurde, aber wiederum vom Publikum ignoriert wurde und ebenfalls ohne grössere Wirkung verpuffte. Einzig im Mittleren Westen der USA konnten passable Stückzahlen verkauft werden, der Heimat der Band. Aufgrund dieser erneuten Veröffentlichung und dem wiedererweckten lokalen Interesse an der Gruppe, reformierte sie sich mit kleinen Lineup Änderungen und begann, Konzerte zu geben und schliesslich auch ein neues Studio-Album mit neuem Material einzuspielen (2001, "Twenty Five Winters"). Die Band existierte ab dieser Reunion länger als damals die Originalformation und ab Herbst 2006 wurde mit der Produktion eines dritten Studioalbums begonnen ("Strangelet"). Die Gruppe Hands verdient es eigentlich sehr, entdeckt zu werden aufgrund ihres hohen musikalischen Wiedererkennungswertes, denn ihre besondere Mixtur aus progressivem Rock und einem eigentümlichen, teils schrägen Folk-Sound ganz im Stil von Gentle Giant war sehr interessant und unterhaltsam, bisweilen auch etwas sperrig und fordernd, aber nie billig kopiert, sondern sehr eigenständig und äusserst spannend anzuhören. 

Beginnend mit dem Track "Zombieroch" startet die Gruppe ihre LP in allerbester Gentle Giant-Manier, instrumental und leicht vertrackt. Man könnte fast schwören, das Stück stammte von deren LP "Octopus" - ein klasse Einsteiger in diese Platte. Die meisten der Songs sind übrigens instrumental. Von den wenigen Songs mit Gesang ist "Antartica" letztlich mein Favorit. In der Tat ist es der einzige Song, der fast am eigenständigsten klingt. Hier spielen sie einen ganz eigenen Sound, der vielleicht etwas fremd anmutet, dadurch aber äusserst spannend wirkt. Der Track "Dreamsearch" ist dann eher ein Hybrid aus vielen bekannten Ingredienzen des klassischen Symphonic Rocks und bietet zahlreiche versteckte Reminiszenzen an diese Art von Musik. Beginnend mit einer unglaublich furiosen Einleitung nimmt das Stück auf beeindruckende Art und an die klassischen italienischen Symphonic Prog Bands Fahrt auf, bietet vier Minuten pure Dynamik und schaltet gar noch einen Gang höher, indem sich diese klasse Nummer zu einem flammenden Gentle Giant Boogie steigert, um schliesslich wieder auf die Symphonic Prog-Schiene zurückkehren. In Momenten wie diesen klingt die Gruppe meisterhaft.

Doch es gibt natürlich auch die andere Sichtweise. Der eine oder andere Hörer mag vielleicht an ein Plagiat denken, wenn er die grossen Vorbilder der Band kennt. Dies würde dem Können der Musiker allerdings nicht gerecht. Sie waren und sind allesamt grosse Könner und brauchen sich vor ihren grossen Vorbildern nicht zu verstecken. Natürlich ist jeder Musiker auf die eine oder andere Weise von irgendetwas oder Irgendjemandem beeinflusst, und Teile dieser Einflüsse fliessen auch immer in die eigene Musik. Aber gerade die Gruppe Hands versteht es auch grossartig, ihrer Musik immer wieder einen persönlichen Stempel aufzudrücken, etwa durch die Wahl der Instrumente bei den Song-Arrangements, oder ganz einfach bei der sehr individuellen musikalischen Umsetzung ihrer Eigenkompositionen. Ich kann die Musik von Hands daher gut als hervorragende kreative Ergänzung zu meiner Gentle Giant-Plattensammlung verstehen. Ich denke aber sowieso, dass dieses Album für den progressiven Musikfan nahezu einfach unverzichtbar ist und grundsätzlich einen echten Meilenstein im Genre US Prog darstellt, der leider nie die Anerkennung erhielt, die er verdient gehabt hätte. Besonders ihre Hingabe, die einzelnen Stpcke mit zusätzlichen Instrumenten wie Viola, Violine, Cello, Vitar, Quarto, Holzbläsern und Mandoline anzureichern, respektive zu arrangieren, machen die Band höchst interessant. Dieser durchaus wilde Mix aus symfonischen und dem klassischen Rock entlehnten Formen weiss jederzeit zu gefallen. Das Gesamtergebnis  ist ein schön abwechslungsreiches Album mit einigen wunderbar eingängigen Songs, die man nicht müde wird, sich anzuhören.

Eigentlich ist es immer sehr traurig, wenn man sich überlegt, wie diese 70er Prog-Bands unzählige Stunden damit verbracht haben zu komponieren, zu üben, und ihre Musik zu fördern , um schliesslich vom breiten Publikum ignoriert zu werden. Dies war der Fall bei der texanischen Band Hands. Diese Truppe von begabten Musikern, die alle ursprünglich aus derselben Kleinstadt stammten, musste letztlich aufgeben, nur wegen des Mangels an Interesse. Dabei hätte ihre Musik alles gehabt, was viele Zuhörer begeistern würde: Jedes Lied verfügte über mehrere Abschnitte, über unterschiedliche Stile, die vom Gitarre-geführten Riffing zum Barock, zu dissonant-progressivem Funk, weiter zu sanfter Flöte und wundersamen Mellotron Intermezzi reichten. Die Vocals, die ein bisschen an John Wetton erinnerten. Die grandiosesten Momente der Platte sind abschliessend wohl die Folklore Studie "Greansoap", der raffinierte Ästhetizismus à la Führs & Fröhling im Werk "I Want One Of Those" und das traurig-schöne und von Flöte, Violine und Gitarre in Szene gesetzte "The Tiburon Treasure", das dieses traumhaft schöne Werk beschliesst.

Apr 19, 2016


JOHN JONES - Collage (BASF Records 20 29065-4, 1971)

Gute Musiker werfen ihre Schatten oftmals voraus. Im Falle dieser wunderschönen Singer/Songwriter-Platte aus dem Jahre 1971 waren dies die beiden Musiker Alan Tarney und Trevor Spencer, später zuerst als Duo äusserst erfolgreich, danach separat jeder für sich als Produzent (Alan Tarney, unter anderem für A-Ha) und Studiomusiker (Trevor Spencer). Hier wurden sie vom damals bereits sehr vielbeschäftigten und tollen Studiomusiker John Evan-Jones angeheuert. Ein verlockendes Angebot erhielt dieser Mitte 1970, als er mitten in Studioarbeiten steckte von Rory Gallagher's Management. Dieses war auf der Suche nach einem Tourgitarristen, der sowohl für Rory Gallagher, als auch für die Gruppe Anno Domini auf einer gemeinsamen spielen würde. Jones sagte zu und nach Beendigung dieser Tour erhielt er die Offerte, als festes Mitglied bei Anno Domini einzusteigen. Damit verbunden war auch die Möglichkeit, ein eigenes Soloalbum einzuspielen, weshalb der versierte Gitarrist zusagte. Wenn man bedenkt, dass damals die Singer/Songwriter-Aera gerade losging, erachtete es Jones als ein absolutes Privileg, gleich einen Vertrag für zwei Alben angeboten zu kriegen - eines mit Anno Domini sowie ein Soloalbum.

Kurz darauf begann John Evan-Jones mit den Arbeiten an seinem Soloalbum, was einer Mammut-Aufgabe gleichkam, da er zeitgleich auch mit Aufnahmen als Studiomusiker unter anderem für King Crimson und Roxy Music beschäftigt war. Er rekrutierte den Bassisten Alan Tarney, die beiden Schlagzeuger David Potts und Trevor Spencer, sowie Jimmy Kaleth für die Keyboards, der neben Klavier und Orgel auch das Mellotron beherrschte, ein Instrument, das erst gerade salonfähig wurde: Jones' Album "Collage" war eine der ersten Platten, bei der Mitte 1970 das Mellotron zum Einsatz kam. Eswar damals revolutionär, weil man damit orchestrale Sounds reproduzieren konnte.

Die Aufnahmen zogen sich über einen längeren Zeitraum hin, da alle beteiligten Musiker ja auch als Studiomusiker arbeiteten, die ausserordentlich viel gebucht wurden, Jones inklusive. Die Songs für dieses Album schrieb der Musiker zwischen 1968 und 1970, und auch die Aufnahmen dauerten letztlich bis ins Frühjahr 1971. Von einer erstaunlich ausgereiften Qualität waren seine Songs, und die Platte wurde viel im Radio gespielt, was der Reputation von Jones als Studiomusiker noch zusätzlichen Auftrieb gab. Interessanterweise spielten die Radiostationen nicht ausschliesslich dieselben Stücke, sondern wählten durchwegs willkürlich fast alle Songs des Albums aus. Das führte dazu, dass das Album relativ gut verkauft wurde, obschon - damals eigentlich üblich - keine Single daraus gezogen wurde. Heute im nachhinein betrachtet fast nicht nachzuvollziehen, denn es hätten sich etliche Titel der Platte zu einer Single-Auskopplung geeignet und wer weiss, ob darunter nicht vielleicht die eine oder andere Nummer gewesen wäre, die sich als Hit hätte entpuppen können.

Jones steckte auf dem Album "Collage" stilistisch ein relativ breites Feld ab. Ergreifende Pop-Balladen wechseln sich ab mit kräftig rockenden Nummern, und auch leicht folkig-anpsychedelisierte Titel finden ich auf der klangtechnisch äusserst brilliant klingenden Platte. Songs wie "Oh What A Pity", "That's Alright By Me" und "Smiling Eyes" hatten durchaus Hit-Potential, während vor allem das heftig rockende "Live In 2" am Ende der Platte noch einmal so richtig zu überraschen wusste. Hier spannte Jones den musikalischen Bogen schon so weit in Richtung angeproggtem Rock, dass sein zukünftiges Projekt Jonesy schon zum Greifen nahe war.

Das Jahr der Veröffentlichung seines Soloalbums "Collage" wurde dann zu einem grossen Teil von Aufnahmen und Konzerttourneen der Band Anno Domini bestimmt. Anfang 1972 spielte John Evan-Jones ein zweites Album ein, das den Titel "Just A Few Changes" trug, jedoch nie veröffentlicht wurde. Die originalen Mastertapes dieses zweiten Albums sind bis heute verschollen, auch der Musiker selber hat keine Ahnung, wo sie abgeblieben sind.  Danach gründete er die Progressive Rock Band Jonesy und spielte mit dieser Band vier Alben ein. Im Jahre 1974 erhielt er für das dritte Jonesy Album "Keeping Up" den Montreux Diamond Award für das beste Rock Album 1974. Nach dem Ende von Jonesy schloss er sich dem Moody Blues Musiker Ray Thomas an und arbeitete für diesen auf zwei Alben. Danach arbeitete Jones als Produzent, Arrangeur, Komponist und Session Musiker. In dieser Eigenschaft hat er schliesslich auf nicht weniger als 450 Alben unterschiedlichster Künstler und Bands mitgespielt und dabei insgesamt 44 Gold-, Silber- und Platin Awards eingeheimst. Das alles begann 1971 mit dieser exzellenten und vielfältigen Singer/Songwriter Platte.



Apr 18, 2016


VIC CHESNUTT - Is The Actor Happy ? (Texas Hotel Records TEX 24, 1995)

Sein viertes Album brachte Vic Chesnutt heraus aus dem Schatten seines bis dato zumeist sehr karg umgesetzten Independent Folks, hin zum rockigeren Sound, an welchem der Widespread Panic Gitarrist John Keane entscheidenden Anteil hatte. Nicht nur produzierte er das inzwischen vierte Werk des fragilen Künstlers, sondern er spielte auch fast alle Saiteninstrumente und brachte auch noch den ebenso versierten und späteren Lambchop Musiker Alex McManus mit. Tina Chesnutt, Vic's Ehefrau seit 1990, spielte den Bass und der Cellist David Henry, der später in der Alternative Rock Formation Yo La Tengo einsteigen würde, rundete das Line Up auf dieser Platte ab. Chesnutt, der musikalisch stets auf den Pfaden seiner eigenen Depressionen wandelte, beschrieb den alltäglichen Irrsinn auf sehr eindrückliche Art und Weise, indem er schonungslos und offen seine eigene, vom persönlichen Scheitern geprägte Biographie in seinen Songtexten aufarbeitete. Dies tat er allerdings immer auch mit einem gewissen Schalk im Nacken, was ihm in seinen besten musikalischen Momenten bisweilen in dermassen kreative Höhen katapultierte, dass sie jedem Zuhörer grossen Respekt abverlangten.

Seit einem selbstverschuldeten Verkehrsunfall im Jahre 1983, bei dem Vic Chesnutt in betrunkenem Zustand mit seinem Auto von der Strasse abkam, war seine untere Körperhälfte gelähmt. Er konnte nur noch mit Hilfe gehen und war daher überwiegend auf einen Rollstuhl angewiesen. Nachdem er sich von seinem Unfall erholt hatte, zog er nach Athens, Georgia. Er fühlte sich in der kleinstädtischen Redneck-Atmosphäre von Zebulon nicht mehr wohl, und im grosstädtischen Athens konnte er seinen liberalen, atheistischen Lebensstil als Bohemian besser ausleben. Er trat der dortigen Band The La Di Das bei, bevor er begann, regelmässig im 40 Watt Club als Solokünstler aufzutreten, wo er dann vom Bandleader Michael Stipe der erfolgreichen Gruppe R.E.M. entdeckt wurde. Stipe ermutigte ihn, sein erstes Album, das karge Little (1990), aufzunehmen, das danach auf dem Independent-Label Texas Hotel erschien. Im Jahr darauf veröffentlichte er auf demselben Label "West Of Rome", danach das dritte Album "Drunk", das, wie sein Name suggeriert, im Wesentlichen in betrunkenem Zustand aufgenommen worden ist. Chesnutt galt zu jener Zeit als Konsument von Alkohol und Drogen in erheblichem Ausmass. Chesnutt unterstützte die Legalisierung von Marihuana als Medikament und trug mit dem Song "Weed To The Rescue" zu der Compilation "Hempilation II" bei, deren Erlös einer US-amerikanischen Organisation zur Legalisierung von Haschisch zugutekam.

Die Platte "Is The Actor Happy ?" zeigte Vic Chesnutt in einer aussergewöhnlich klaren Phase. Seine hier versammelten Lieder erweckten den Eindruck, als wäre hier ein gefallener Musiker zurück auf seinen kreativen Weg gekommen, der ihn zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt. Dies war jedoch eher ein Trugschluss und dem Umstand geschuldet, dass der stets kaputt wirkende, von seinem eigenen Sarkasmus getriebene Musiker hier vor allem vom spielerischen Können der hervorragenden Instrumentalisten profitieren konnte. Die Mitmusiker verstanden es grossartig, die kompositorischen Vorgaben von Chesnutt qualitativ perfekt umzusetzen. Dabei zählte nicht die grosse Geste, sondern die Zurücknahme, was der Intensität der Songs enorm zugute kam. Schon der Opener "Gravity Of The Situation" belegte dies eindrücklich. Chesnutt's bisweilen schräger Sinn für Humor, sein Sarkasmus und sein jederzeit äusserst feinfühliger Geist liessen manchen Song in einem trügerischen Licht vermeintlicher Gemütlichkeit erscheinen - in Wahrheit taten sich dabei Abgründe auf, wie man leicht aus seinen Songtexten heraus spüren konnte. In Titeln wie dem berauschenden "Guilty By Association", einem seiner meiner Meinung nach besten Songs überhaupt, oder zwischen den Zeilen von "Betty Lonely" oder in "Strange Language" manifestierte sich seine Brüchigkeit als Mensch besonders eindrücklich. In der düsteren Selbstreflexion "Free Of Hope" trieb er - zumindest auf diesem Album - seinen Sarkasmus auf die Spitze:

"Up this life of mind free of hope, free of the Past
Thank you God of nothing - I'm free at last"

In diesem Song breitete der inzwischen weitgehend an den Rollstuhl gefesselte Künstler ein unvergleichlich zartes und zugleich reichhaltig instrumentiertes musikalisches Geflecht aus: Banjo, Cello und Pedal Steel Gitarre schmückten diesen Top-Titel zum Paradestück der Platte. Chesnutt selbst bezeichnete dieses Album damals als "wunderschön dummes Konzeptalbum" über sein ambivalentes Verhältnis zu Liveauftritten.

Noch im selben Jahr erschien auch sein nächstes musikalisches Projekt: Das unter dem Namen BRUTE veröffentlichte Album "Nine High A Pallet" mit Musikern der Band Widespread Panic. Hier konnte man den Musiker wohl auf seinem bodenständigsten und musikalisch zugänglichsten Werk erleben. Seine Platten erschienen oftmals auf kleineren Labels, da sich wohl keine grössere Plattenfirma allzuviel Hoffnung auf einen nachhaltigen kommerziellen Erfolg zu versprechen schien. Dies hatte allerdings auf die hohe Qualität seiner Werke keinerlei Einfluss. Vic Chesnutt blieb bis zu seinem Tod einer der eindrücklichsten Künstler der heutigen Musik. Er kreierte mit seinem unnachahmlichen Humor groteske und dynamische Geschichten, die oft von depressiver Stimmung ohne jede Vorwarnung in gelöste Heiterkeit umschlagen konnten. Stilistische Ecken und Kanten waren stets sein Markenzeichen, er verpackte seine mitunter kruden Stories in leise Akustikpassagen und heftige Gitarrenausbrüche gleichermassen, verführte den Zuhörer in seine eigenwillige Welt und tat dies stets mit einem vieldeutigen Augenzwinkern.

Am Weihnachtsmorgen, dem 25. Dezember 2009 berichteten verschiedene Onlinemedien, dass Chesnutt infolge eines Suizidversuchs zunächst ins Koma gefallen und kurze Zeit später verstorben sei. Kurz darauf bestätigte Chesnutt's Plattenfirma Constellation Records, dass der Sänger im Koma liege und sein Zustand kritisch sei. Nur wenige Stunden später wurde der Tod Chesnutt's bekanntgegeben, als Grund wurde eine Überdosis eines Muskelrelaxans angegeben.




Apr 16, 2016


BIRTH CONTROL - Hoodoo Man (CBS Records S 65316, 1973)

"The World is pervated with Irony, Hunger and Corruption. The Eastern World and the Africans too are going to repeat the History of our Wars and our Industry supplies them with Arms". Es ist erschreckend, wie brandaktuell diese Textzeilen aus dem Titel "Gamma Ray" von Birth Control bis heute geblieben sind. Geschrieben im Herbst 1972 und aufgenommen während der Monate September und Oktober 1972 in den Windrose Studios in Hamburg präsentierte die deutsche Gruppe Birth Control mit diesem Titel, der längst zum Klassiker der deutschen Rockmusik geworden ist, einen von sechs durchwegs phantastischen Songs auf ihrem dritten Album "Hoodoo Man", das den internationalen kommerziellen Durchbruch für die Gruppe bedeutete. Bekannt war die Band allerdings spätestens seit ihrem provokativen Album "Birth Control", das in Form einer Anti Baby-Pillendose erschienen war und allgemein für grossen Aufruhr sorgte. Auch die englische Version der LP sorgte für Aufsehen: Auf dem Cover waren Kondome abgebildet, was zu einem Verpackungsstreik führte. Die sexuelle Revolution war zwar schon einige Jahre vollzogen, doch in Ländern wie England oder den USA wurden solche "Geschmacklosigkeiten" durchaus noch als provokant empfunden.

Bevor die Gruppe 1972 in stark veränderter Besetzung gegenüber der ursprünglichen Originalformation mit dem singenden Schlagzeuger Bernd "Nossi" Noske, den Gitarristen Bruno Frenzel, den Bassisten Bernd "Koschi" Koschmidder und dem neu hinzu gekommenen Keyboarder Wolfgang "Wölle" Neuser durchstarteten, mussten sie einige Zeit arg unten durch. So spielte die Gruppe in ihren Anfangsjahren beispielsweise als Begleitband des Schlager-Sängers Michael Holm ("Mendocino") oder garnierten gar ein relativ verklemmt-pubertäres Voyeuren-Filmchen mit Ingrid Steeger ("Ich, ein Groupie - das Mädchen mit dem Einwegticket") mit pseudoerotischer musikalischer Berieselung. Davon war die Band allerdings zum Zeitpunkt ihres dritten Albums qualitativ gottseidank schon meilenweit entfernt. Der Einstieg in die Platte mit dem Protestsong gegen den allgemeinen Konsumterror "Buy" hatte damals wie heute Aktualitätswert, und auch das philosophische "Get Down To Your Fate" bot einen keyboardlastigen treibenden Sound, der seinen weit berühmteren Vorbildern Vanilla Fudge in nichts nachstand. Der Ueberflieger "Gamma Ray" war allerdings das Paradestück des Albums und wurde in den Diskotheken landauf landab unablässig gespielt. Das Stück entpuppte sich als dermassen erfolgreich, dass die Plattenfirma CBS sich dazu entschloss, die Nummer als Single zu veröffentlichen, und zwar in einer gekröpften Varianten als Part 1 und Part 2 auf zwei Singles-Seiten verteilt, da das Stück im Original fast 10 Minuten lang war. 

Der neu zur Gruppe gestossene Keyboarder Wolfgang "Wölle" Neuser, der zuvor bei der deutschen Krautrock-Gruppe Mushroom spielte, erweiterte den bereits etablierten und mit hohem Wiedererkennungswert ausgestatteten Hammond-Sound der Band um geschmackvolle Synthesizer-Klänge, die damals vielfach noch auf längst zu Klassikern gewordenen Instrumenten wie dem Moog und dem Davoli Synthesizer oder dem Korg Sequenzer gespielt wurden. Zusammen mit der sehr rockig gespielten Gitarre von Bruno Frenzel und einer relativ tough und weitgehend effektfrei agierenden Rhythmusgruppe klangen die Titel der LP direkt, hart und knochentrocken. Produzent und Toningenieur Thomas Kuckuck schaffte es, die ganze Rohheit im Rock der Gruppe hundertprozentig zu erhalten und auf Platte zu bringen, sodass der Sound von Birth Control hier näher am harten Rock etwa der damaligen Uriah Heep als dem klassischen Krautrock war.

Am Ende wurde "Hoodoo Man" das kommerziell erfolgreichste Album der Gruppe, was durchaus die hohe Qualität der Musik reflektiert. Schade ist lediglich, dass heute wohl nur noch "Gamma Ray" im Bewusstsein der Musikhörer haften geblieben ist. Dabei schufen Birth Control mit ihrem recht vielseitigen Sound, der sich schon mal beim freakigen Jazz etwa von Frank Zappa's Mothers Of Invention bediente (nachzuhören im Arrangement zu "Get Down To Your Fate", das schon mit einem wundervollen Vibraphon jazzig in den Titel einleitet) oder punktuiert folkige Tupfer ins Stück "Kaulstoss" einbaute, eine tolle Mixtur, die insgesamt niemals konstruiert oder aufgesetzt wirkt. Auch die Nummer "Suicide" wartet mit sehr eleganten jazzigen Klängen auf, wobei hier allerdings auch klare Rock-Anteile den Gesamtsound unterstützen. Die Stücke wurden genauso arrangiert, wie sie am besten auf den Zuhörer wirken. Keine Selbstverständlichkeit bei einer deutschen Band in jenen Tagen. Hier zeigte sich die hohe Professionalität der Musiker im besonderen.

Der typischen Sound des "Leslie Cabinets" der Hammond Orgel von Wolfgang "Wölle" Neuser schliesslich wurde lange Zeit zum Markenzeichen der Gruppe, und nicht wenige heutige Retro Rock Bands haben die Hammond Orgel wiederentdeckt und arbeiten längst wieder mit möglichst originalem Equipment aus der damaligen Zeit. "Hoodoo Man" ist einer der grossen Klassiker der deutschen Rockmusik und gehört eigentlich in jede gut sortierte Rock-Plattensammlung.



Apr 15, 2016


THE CHILLS - Submarine Bells (Flying Nun Records FNCD148, 1990)

Von der leicht schrägen Jangle Pop-Gruppe zur waschechten Art Pop-Band hatte sich die aus Neuseeland stammende Band The Chills weiterentwickelt, und prompt konnten sie ihren ersten internationalen Plattenvertrag einheimsen. In Neuseeland auf Flying Nun Records veröffentlicht, übernahm das Warner Brothers Unterlabel Slash Records den weltweiten Vertrieb dieses zweiten Albums der Gruppe, die vom ersten bis zum zweiten Album einen wahren Quantensprung in stilistischer Hinsicht hingelegt hatte. Bot das drei Jahre zuvor veröffentlichte erste Album "Brave Words" noch etwas unausgegorenen Jangle Pop mit der Schrägheit etwa früher Talking Heads, so war die Gruppe bis zu ihrem zweiten Album zu einer wahren Art Pop-Gruppe gereift, deren Kompositionen äusserst spannend und sehr anspruchsvoll wirkten. Bisweilen erinnern die Songs auf ihrem Album "Submarine Bells" etwas an die britischen XTC, doch die Jangle-Elemente sind immer noch vorhanden. Diese Bezeichnung bezog sich auf das Power Pop-Revival ungefähr zu Mitte der 80er Jahre, als es noch einmal chic wurde, Songs wie die Byrds mit schwelgerischen Melodien zu kreieren, dabei den Indie-Charakter beizubehalten, und diese zumeist gut mitsingbaren Songs mit schmeichelnden Gitarren wie etwa der elektrischen 12-saitigen Gitarre, möglichst unverfälscht und weitestgehend effektfrei zu spielen. Diesen "cleanen" Gitarrensound pflegte beispielsweise die äusserst erfolgreiche Gruppe THE SMITHS, mit deren Musik man jene der Chills streckenweise durchaus vergleichen kann.

Doch zu ihrem zweiten Album wuchsen die Songs zu kunstvoll ausgearbeiteten Perlen, die sich von dem anfänglich immer leicht schrägen Independent Sound recht weit entfernten. Das Ganze klang jetzt wesentlich konsumierbarer, einfacher, ja auch besser auf den Punkt gebracht. Folgerichtig ernteten die Chills mit diesem Album sehr gute Kritiken und die aus dem Album ausgekoppelte Single "Heavenly Pop Hit" bescherte der Gruppe einen mittleren Hit, der weltweit über die damaligen Kanäle, vor allem aber als Videoinszenierung über MTV grosses Echo auslöste. In ihrem Heimatland Neuseeland landete die Platte, wie auch die Single ohne Umwege direkt an der Spitze der Charts: Nummer 1 in den Charts.

Die Chills bestehen aus Martin Phillipps (Gitarre und Gesang), Andrew Todd (Keyboards und Gesang), Justin Harwood (Bass und Gesang), sowie James Stephenson (Schlagzeug und Gesang). Für die Aufnahmen zu ihrem zweiten Album reiste die Band nach England, wo sie unter der Leitung des Produzenten Gary Smith, der bis dato bereits sehr erfolgreiche Platten von Independent Rock Gruppen wie den Pixies, Throwing Muses, den 10'000 Maniacs oder auch der Connells produziert hatte, in den Jacobs Studios in Farnham (Surrey) zwölf wundervolle Titel einspielten, von denen jeder dank seines individuellen Charakters bis heute absolut zeitlos geblieben ist.

Die Chills versuchten dabei nicht, bei irgendwelchen Vorbildern abzukupfern oder einen bekannten Sound zu interpretieren: Sie erschufen sich mit ihren Liedern einen ganz eigenen melancholisch-fröhlichen Kosmos, der im weitesten Sinne durchaus als Art Pop bezeichnet werden kann, wie er etwa für die Bands Japan, Roxy Music oder Be Bop Deluxe steht. Die Songs der Chills klangen zwar irgendwie neu, trotzdem konnte man ihre Musik mit ähnlich anspruchsvollen Bands aus den 70er Jahren vergleichen. Die Leichtigkeit in ihren Songs kam stets zu tragen, selbst wenn sie losrockten. Dann wiederum erreichten sie, wie bereits erwähnt, mühelos das Qualitätslevel etwa der SMITHS, die mit dieser Mixtur fast zeitgleich erfolgreich waren.

Unbedingt erwähnenswert ist, dass neben der Musik auch die Songtexte des Albums "Submarine Bells" von eindrücklicher Intensität und recht intellektuell ausgearbeitet sind. Neben dem bereits erwähnten Single-Erfolg "Heavenly Pop Hit" glänzen da vor allem die Songs "Familiary Breeds Contempt", "Effloresce And Deliquesce", "Singing In My Sleep" und "Part Past Part Fiction", die allesamt auch als Songs für sich selbt stehen und funktionieren. Die schiere Abwechslung des gesamten Albums wirkt dabei keinesfalls je schwer oder fordernd. Die Kunst der Chills ist es vielmehr, selbst in anspruchsvollsten Momenten erstaunlich unterhaltsam und bisweilen gar fast schon romantisch zu klingen. Das ist vor allem den einfachen instrumentalen Arrangements ihrer Songs geschuldet. Viel zum Wohlklang der Stücke tragen auch die hervorragenden mehrstimmigen Gesangslinien bei. Bis zum finalen Song der Platte, dem Titelstück "Submarine Bells" wird man von den Chills glänzend und elegant unterhalten. Das einzige Manko der Platte dürfte dabei ihre relative Kürze von gut 36 Minuten sein - nicht gerade üppig im Zeitalter der Compact Disc. Wobei: Weniger ist mehr. Wenn man es von diesem Blickwinkel aus betrachtet, ist der kurzen Gesamt-Laufzeit nichts entgegenzuhalten. Die Musik ist durchwegs auf sehr hohem künstlerischen Niveau. Das äusserst geschmackvolle Plattencover unterstreicht den künstlerischen Anspruch der Gruppe sehr eindrücklich. Für mich ein unverzichtbares Stück Popgeschichte, das ich mir immer wieder gerne auflege.




Apr 14, 2016


THE GOLDEN DAWN - Power Plant (International Artists IA-LP #4, 1967)

Die goldene Dämmerung, benannt nach den esoterischen Lehren und der Philosophie der hermetischen Tradition (Hermetic Order Of The Golden Dawn) wurde als Psychedelic Rock Band 1967 in Austin, Texas von Bandleader George Kinney gegründet. Kinney war ein glühender Verfechter dieser Heilslehre, die im weitesten Sinne eine Ansammlung philosophischer und religiöser Ideen ist, welche hauptsächlich auf den Schriften, die dem Hermes Trismegistus zugeschrieben werden, beruht. Er wird als Weiser und hoher ägyptischer Prieser bezeichnet und wird allgemein als synonym mit dem ägyptischen Gott Thoth gesehen. Die Hermetische Tradition schreibt ihm gemeinhin 42 Werke zu. Jedoch wurde die Mehrzahl dieser Werke beim Brand der Grossen Bibliothek Alexandrias zerstört.

Die Hermetische Tradition entstand aus der Begegnung der beiden grossen Kulturen der Antike, der ägyptischen und der griechischen, in Alexandria, im ptolemäischen Ägypten. Die frühesten Wurzeln der Hermetischen Tradition liegen in den astronomischen, spirituellen Traditionen Sumers, später der von Chaldäa und Ägypten, bevor die Lehren Europa über die greichischen und römischen Imperien erreichte. In Griechenland fand diese frühe Weisheitslehre ihren Weg in die Pythagoräische Schule und beeinflusste dadurch auch die Orphischen, Delphischen, und Eleusinischen Mysterien. Nach Rom kam sie von Ägypten aus, mit den Hermetischen und Gnostischen Traditionen, und verbreitete sich dann durch die Mithras- und Isis-Mysterien, die später die Wurzel des Neo-Platonismus bildeten. Die Hermetische Tradition, welche durch die Kirche bekämpft wurde, wurde Teil der okkulten Geheimzirkel und vermischte sich mit anderen okkulten Bewegungen und Praktiken. Die Einführung der Hermetik in den Okkultismus hat der Hermetik großen Einfluss auf die Westlichen Magischen Traditionen gegeben. Die auf Hermetischen Lehren beruhenden spirituellen Praktiken wurden als sehr nützlich in der magischen Arbeit, speziell der Theurgie (Theurgie = Göttliche Arbeit, göttliches Wirken; im Gegensatz zur Goetik, der profanen magischen Praxis) angesehen, aufgrund der religiösen Bezüge, aus denen die Hermetik entstand.

Unter Verwendung der Lehren und der Bilderwelt der jüdischen Qabalah und des christlichen Mystizismus wurde die Hermetische Theurgie effektiv angewandt, da sie den Europäern des Mittelalters und der Renaissance einen leichter verständlichen Kontext bot. Hermetische Magie erlebte einen Aufschwung in Westeuropa, als der Hermetic Order of the Golden Dawn 1888 in London gegründet wurde. Im Hermetischen Glaubenssystem ist Alles im Geist des Allen enthalten. Der Hermetizismus erkennt an, dass viele Götter existieren, aber lehrt, dass diese Gottheiten, zusammen mit allen anderen Daseinsformen, vom ALL erschaffen wurden und werden und darin existieren. Wie es im Kybalion heißt: "Wir haben dir die Hermetische Lehre gegeben in Bezug auf die Geistige Natur des Universums – die Wahrheit, dass "das Universum geistiger Natur ist – enthalten im Geist des ALL.' Jedermann und jedes Ding im Universum ist Teil dieser Wesenheit.

Da alles geistig ist, ist es auch eine Vibration. Alle Vibrationen schwingen zwischen den dichtesten physischen Partikeln, über oder durch geistige Stadien, bis zu den höchsten spirituellen Vibrationen. Im Hermetizismus ist der einzige Unterschied zwischen den verschiedenen Zuständen der physischen Materie, der geistigen Welt und der Spiritualität der Level ihrer jeweiligen Frequenz ihrer Vibration. Je höher die Schwingung, desto weiter ist sie von der dichten Materie entfernt. Das Ziel der Hermetischen Praxis ist, die materielle Grundlage des physischen Körpers zu immer höheren und reineren Formen der Energie und des Bewusstseins zu transmutieren.

Ausgehend von diesen mystischen Ueberlieferungen gelang dem Musiker George Kinney auch aus persönlicher Ueberzeugung heraus eine Art musikalische Umsetzung dieser Lehren. Seine Beweggründe liegen im eigenen familiären Umfeld. Sein Vater als konservativer und gradliniger Mann verurteilte alles, was irgendwie mit der neuen Jugendkultur des sich Befreiens von Zwängen und Gesetzen zu tun hatte. Stilistisch ähnlich wie die Gruppe The 13th Floor Elevators - und auch auf demselben Plattenlabel - erhielt George Kinney die Möglichkeit, mit seiner Band diese Platte aufzunehmen. George Kinney war mit dem Bandleader der 13th Floor Elevators Roky Erickson schon zur Schule gegangen und beide spielten auch in ihrer ersten Formation THE FUGITIVES zusammen. Danach wandte sich George Kinney einerseits dem acid-getränkten Folk Rock jener Zeit zu, ausserdem schrieb er die intelligenten und philosophischen Songtexte, die ihren Ursprung in den Schriften der Hermetik hatten.

Der musikalische Erfolg hielt sich leider in engen Grenzen. Als Kopie von Roky Erickson's Band lange zu unrecht gescholten, entdeckte eine breite Hörerschaft die Band THE GOLDEN DAWN erst Jahre später. Inzwischen war ihre einzige LP "Power Plant" zum gesuchten Objekt der Begierde geworden. Astronomische Preise für das Original Vinyl sind heute absolut üblich, sofern man denn überhaupt noch ein echtes Original findet. Die Platte wurde aber mehrfach wiederveröffentlicht, sodass einem Entdecken dieses leider weitgehend vergessenen Edelsteins auch in der heutigen Zeit nichts im Wege steht. Alleine die Songtexte sind berauschend, aber auch die Musik, etwa bei "My Time" mit seinem Byrds-ähnlichen Pop-Einschlag, das sehr introspektive "Reaching Out To You" oder der grandiose Acid Punk des Stücks "Evolution" gehören mit zum Besten, was im Jahr 0 der Hippiebewegung 1967 erschienen ist. Ein musikalisches Juwel.