Dec 7, 2017


BLUE RIDGE RANGERS - Blue Ridge Rangers 
(Fantasy Records F-9415, 1973)

Der amerikanische Sänger und Gitarrist John Fogerty hatte mit seiner Band Creedence Clearwater Revival in den 60er Jahren die Formel des Rockhits praktisch definiert. Seine Rolle wurde später und wohl auch bis heute immer noch unterschätzt. Vor 50 Jahren hatte der Sänger, Gitarrist und Songwriter Fogerty mit seiner Band die Rockwelt erobert und mit einer Reihe von Songs die Herzen seiner Fans erobert, die äusserst simpel war: ein knackiges Gitarren-Riff, zwei Akkorde, eine Ohrwurm-Melodie und eine Hammerstimme. Knapp, kompakt, einfach, direkt und eingängig - so lautete das erfolgreiche Rezept des stets mit dem obligaten Holzfällerhemd, den verwaschenen Jeans und den Cowboystiefeln ausgestatteten Musikers. Creedence Clearwater Revival, oder schlicht CCR wurden damals innert Kürze zur erfolgreichsten Rockband, und als sich die Beatles 1970 auflösten, wurden sie als die logische Nachfolgerband gehandelt. Der Frontmann und Komponist John Fogerty hatte einfach alles. Trotzdem wurde er nie in einem Atemzug mit anderen prägenden Figuren der Rockmusik wie Mick Jagger, Paul McCartney, Pete Townshend, Bob Dylan oder Brian Wilson genannt. Was war hier falsch gelaufen ? Der Hauptgrund: CCR und John Fogerty waren Opfer des Musikbusiness, Opfer von gierigen Plattenbossen. Noch vor dem Durchbruch hatte die Band einen Knebelvertrag mit dem Label Fantasy Records und dessen damaligen Besitzer Paul Zaentz abgeschlossen. So flossen die Profite der Welthits dem Plattenboss zu. Ein hässlicher und langwieriger Streit entbrannte. Die Band löste sich darüber auf und aus Frust verschmähte Fogerty siebzehn Jahre lang seine eigenen Songs.

John Fogerty war immer anders, scherte sich nie um Trends, sondern ging unbeirrt seinen Weg. Ende der 60er Jahre, als Hippiebands psychedelische Improvisationsorgien feierten, waren seine Songs das exakte Gegenteil. Schnörkellos und auf den Punkt. Da gab es keinen Ton zu viel. Während andere Musiker und Bands das Gesamtkunstwerk im Konzeptalbum anstrebten, eroberte Fogerty mit Ohrwürmern im Single-Format die Charts. Während sich die Hippies in die Zukunft stürzten, blieben Creedence Clearwater Revival stets traditionsbewusst, zelebrierten und bewahrten die Musik aus dem Süden: Rhythm & Blues und Country. Fogerty war auch ein Wegbereiter des Americana. Mit den Flower Power Utopien hatten die bodenständigen Vororts-Rocker nicht viel am Hut. Klar, auch Fogerty engagierte sich gegen Vietnam und schuf mit seinem Song "Fortunate Son" eine Antikriegs-Hymne. Doch Drogen- und Sex-Eskapaden gab es nicht. Der CCR-Auftritt am Woodstock-Festival gehörte ausserdem zu den Kuriositäten der Rockhistorie. Die Band spielte dort tatsächlich, war sogar als Hauptattraktion gebucht, doch niemand bemerkte es. Denn die Gruppe spielte nachts um 2.30 Uhr vor einer halben Million schlafender Hippies und blieb daher fast unbeachtet. Aus Frust über die Bedingungen vor Ort verweigerte John Fogerty später die Freigabe des Konzertmaterials. Auf der berühmten, ersten Film-Dokumentation fehlten CCR ebenso wie auf der Live-Platte des Mega-Anlasses.

John Fogerty glaubte immer an die Werte der unteren Mittelklasse: an ehrliche Arbeit, Fleiss und Rechtschaffenheit. Fogerty war der Anti-Hippie, und Jeans, Holzfällerhemd und Cowboystiefel wurden zur Uniform der rechtschaffenen Rock'n'Roller. Bruce Springsteen traf den Nagel auf den Kopf, als er diesbezüglich sagte: "In den späten 60er Jahren waren CCR nicht die hippste Band der Welt, aber die beste". Die Rockmusik zehrte immer schon von ihren Legenden und ihren Mythen. Es waren immer jene aussergewöhnlichen Persönlichkeiten, welche die Geschichte des Rock’n’Roll prägten, Musiker, die sich mit Herz und Seele hinzugeben wissten, sich verzehrten und mitunter auch zerbrachen an der Unvereinbarkeit von Kreativität und kommerziellem Kalkül. John Fogerty war einer, der in diesem Sumpf aus spielerischer Lust und kaltschnäuziger Geschäftigkeit fast zerbrochen wäre. Er hatte in den 60er Jahren gemeinsam mit seinem älteren Bruder Tom als Rhythmusgitarrist, dem Bassisten Stu Cook und dem Schlagzeuger Doug Clifford quasi eine neue Musikrichtug kreiert, den Countryrock. In einer Zeit, in der eher psychedelische Hippie-Experimente en vogue waren, verteidigte John Fogerty mit seinen Bandkumpels mit schlichter Bodenständigkeit amerikanische Musiktraditionen mit Zwei-, Drei-Minuten-Songs von unverschämter Eingängigkeit und volksmusikalischer Einfachheit. Creedence Clearwater Revival überliessen der Rockmusik schliesslich einige ihrer schönsten Klassiker: "Proud Mary" und "Born On The Bayou", "Bad Moon Rising" und "Green River", "Down On The Corner" und "Have You Ever Seen The Rain".

Zwischen 1968 und 1972 nahmen die vier Kalifornier sieben Alben auf, die sich mehr als 100 Millionen Mal verkauften. Und es war John Fogerty, der den Sound der Band mit seiner blues- und countrybetonten Gitarrenkunst und seiner emotional überbordenden, rauhen Stimme dominierte. Ende der sechziger Jahre waren er und Creedence Clearwater Revival in den USA zeitweilig berühmter als die Beatles. Der Bruch war 1972 umso schmerzhafter. Insbesondere für Fogerty selbst, der zwar der Urheber seiner Songs war, aber die Rechte nicht mehr besass, sie live aufzuführen, ohne dafür zu bezahlen. John Fogerty war eines der populärsten Beispiele dafür, wie jugendliche Unvernunft und vorsätzliches Unwissen im Musikbusiness eine ganze Karriere torpedieren konnten. Es gab immer diejenigen, welche die Ideen hatten und die, welche wussten, wie sich daraus Kapital schlagen liess. Im Falle von John Fogerty war es der US-Produzent Saul Zaentz, der seiner Entdeckung eine Unterschrift unter einem Vertrag abtrotzte, der ihm sämtliche Rechte an den Einnahmen aus dem Werk garantierte. Fogerty sah künftig keinen müden Cent für die Songs, die er geschrieben und eingespielt hatte. Wenn er sie live spielte, verdiente allein Zaentz daran. Also verweigerte sich Fogerty an die zwanzig Jahre konsequent seinem eigenen Werk, verbrachte die Zeit mit zermürbenden Gerichtsprozessen, die ihn Depressionen nahe brachten. Gerade mal fünf Platten hatte er in jenen Jahren veröffentlicht.

Ein Höhepunkt der bizarren Streitigkeiten war Mitte der 80er Jahre: John Fogerty hatte gerade den neuen Song "The Old Man Down The Road" veröffentlicht. Zaentz sah darin eine Kopie des Creedence Clearwarter Revival Hits "Run Through The Jungle" und verklagte Fogerty in einem Plagiatsstreit auf 140 Millionen Dollar. Wegen des angeblichen Plagiats eines Songs, den Fogerty selbst geschrieben hatte. Zaentz kam letztlich damit nicht durch, doch die Nerven lagen blank. Fogerty selbst sah sich für nahezu drei Dekaden im Kriegszustand mit seinem einstigen Entdecker. Nach seiner Zeit bei Creedence Clearwater Revival begann John Fogerty eine Solokarriere. 1973 erschien sein Album "The Blue Ridge Rangers", auf dem er alle Instrumente spielte. Sein Repertoire umfasste Gospelsongs wie "Have Thine Own Way Lord" oder "Working On A Building". Zwei Singles aus diesem Album, "Jambalaya (On The Bayou)" und "Hearts Of Stone", konnten sich in den Top 40 der Billboard Hot 100 platzieren. Eine weitere Single als Blue Ridge Rangers, "You Don't Owe Me" mit der B-Seite "Back In The Hills", erschien im Herbst 1973, blieb jedoch weitgehend unbeachtet.

Die erste unter seinem Namen erschienene Single war dann der Country Rock Titel "Comin’ Down The Road", der auf keinem regulären Album enthalten war. Diese Single erreichte Anfang 1974 Platz 37 in den deutschen Singlecharts. Das Album "John Fogerty" kam 1975 heraus, mit eher mässigem Erfolg. Darauf waren etwa die beiden wohlbekannten Titel "Rockin’ All Over The World" und "Almost Saturday Night" zu hören. Die nächsten Jahre waren weniger durch musikalische Veröffentlichungen geprägt, sondern mehr durch den fortwährenden Rechtsstreit mit dem Label Fantasy Records und Saul Zaentz, die John Fogerty nachwievor nicht aus dem Plattenvertrag entlassen wollten. Dies lähmte die Schaffenskraft des Musikers. John Fogerty rächte sich später mit eindeutig zweideutigen Songs wie "Mr. Greed" und "Zanz Can’t Danz", der nach weiteren Rechtsstreitigkeiten schliesslich in "Vanz Can’t Danz" umbenannt werden musste. Zu Mitte der 80er Jahre gelang John Fogerty schliesslich das lange ersehnte Comeback. Das Album "Centerfield" mit den Hits "The Old Man Down The Road" und "Rock And Roll Girls" kam 1985 auf Platz 1 der Billboard Pop Album Charts. Auch dieses Album spielte Fogerty als One Man Band ein. 1986 war "The Eye Of The Zombie" weit weniger erfolgreich. 1997 erschien das Album "Blue Moon Swamp" und 1998 das Live-Album "Premonition", das viele alte CCR-Songs sowie seine grössten Soloerfolge enthielt.

Als Grenzgänger nahm Fogerty immer wieder Titel im Country-Sound auf: Im Jahre 2004 wurde das Album "Déjà Vu (All Over Again)" veröffentlicht; das Titelstück war ein Protestsong gegen den Irakkrieg. Das Album enthielt neben weiteren typischen Fogerty-Nummern auch ein Duett mit Mark Knopfler. Während dieser Zeit wurde auch die politische Einstellung Fogertys deutlich, da er an der von Bruce Springsteen organisierten Vote for Change Tour 2004 teilnahm, deren Ziel es war, John Kerry in dessen Wahlkapmf um die Präsidentschaft zu unterstützen. Während der Tour absolvierte Fogerty seinen Auftritt ohne eigene Band. Vielmehr spielte er mit Springsteens E Street Band, beispielsweise das Titelstück der seinerzeit neuen CD, aber auch ältere Lieder wie "Centerfield" oder "Travellin' Band". Ende 2005 erschien das Best Of-Album "The Long Road Home", nachdem sich John Fogerty mit dem zwischenzeitlich unter neuem Management agierenden Label Fantasy nach 30 Jahren wieder geeinigt hatte. Das Album enthielt einen Abriss über das Gesamtwerk von Fogerty aus der Zeit mit Creedence Clearwater Revival und seinen Soloplatten, ausserdem vier Live-Aufnahmen, jedoch keine neuen Songs. Unter demselben Titel war im Juni 2006 eine Konzert-DVD erschienen, die im September 2005 im Wiltern Theatre in Los Angeles mitgeschnitten wurde.

Im Oktober 2007 erschien mit "Revival" Fogertys erstes Studioalbum nach drei Jahren. Im Rahmen seiner Revival-Tournee 2008 wurde während des Konzerts in der Royal Albert Hall in London am 24. Juni ein Konzert mitgeschnitten, das unter dem Namen "Comin’ Down The Road" am 11. Dezember 2009 auf DVD veröffentlicht wurde. John Fogerty tourte nahezu jährlich durch Europa. Seine Band bestand neben Fogerty selbst (Gesang, Gitarre und Mundharmonika) aus James Intvelt (Gitarre), Hunter Perrin (Gitarre), David Santos (Bass), Kenny Aronoff (Schlagzeug), Michael Webb (Keyboard und Gitarre) und Jason Mowery (Fiddle und Gitarre). Ebenfalls im Jahre 2009 veröffentlichte John Fogerty ein zweites Album unter dem Namen The Blue Ridge Rangers ("
The Blue Ridge Rangers Rides Again"), das noch einmal die Idee von 1973 aufnahm und sich am reichen Fundus des Americana bediente. Neben eigenen Songs spielte darauf auch Coversongs wie "Never Ending Song Of Love" oder "Garden Party" und wurde instrumental unterstützt von den Ex Eagles Musikern Glenn Frey und Timothy B. Schmitt und Bruce Springsteen.









Dec 6, 2017


FEHLFARBEN - Monarchie und Alltag (Welt-Rekord 1C 064.46150, 1980)

Die Gründung der deutschen Band Fehlfarben war zunächst eine reine Ulkidee. Nirgendwo anders als in London hatten die drei Musiker Thomas Schwebel (Gitarre und Gesang), Uwe Jahnke (Gitarre) und Uwe Bauer (Schlagzeug) die Idee einer Formation, welche die jeweils neuesten Wellen schneller reiten sollte als die Engländer. Diese neue Band sollte parallel zu Mittagspause und Materialschlacht inkognito bleiben und mit einer Single starten. Gitarrist Thomas Schwebel, ein eingeschworener Fan der New Yorker Disco-Gruppe Chic, und Sänger Peter Hein, Anhänger der britischen Neo Mod-Band The Jam, gehörten beide der Formation Mittagspause an, laut der Zeitschrift Musik Express der damals ersten Kultgruppe des deutschen New Wave-Undergrounds.

Danach arbeiteten die Musiker mit dem DAF-Bassisten Michael Kemner und dem Materialschlacht-Schlagzeuger Uwe Bauer am Fehlfarben-Konzept. Im November gingen Schwebel, Hein, Bauer und Kemner, um den Der Plan-Saxophonisten Frank Fenstermacher verstärkt, ins Studio, um für ihr selbstfinanziertes und neugegründetes Welt Rekord-Label die Single "Abenteuer und Freiheit" mit der B-Seite "Grosse Liebe / Maxi" aufzunehmen. Das Stück "Grosse Liebe / Maxi" war eine Neubearbeitung des "Industriemärchens" der Solinger Gruppe S.Y.P.H., wo Schwebel noch vor Mittagspause als Songwriter aufgefallen war. Im Januar 1980 veröffentlichte die Band die Single in eigener Regie. In dem aufkeimenden Ska-Revival zierte das Cover ein schwarzweisses Karomuster und tanzende Ska-Männchen. Nach dreiwöchigen Proben folgte der erste Auftritt in Mannheim. Zwischen März und August absolvierten Fehlfarben dann etwa 30 Auftritte in ganz Deutschland und traten auch im Rahmen der Wiener Festwochen auf.

Im Juli hatten Fehlfarben ihre Single inklusive der Rechte an ihrem Welt Rekord-Label an die Plattenindustrie (EMI Electrola Records) verkauft. 3000 Mark erhielten die Musiker dafür. Die Single erschien neu im Vertrieb des Branchenriesen und Fehlfarben gingen zur Produktion neuer Demos ins Studio. Während in der Szene die Skepsis gegenüber der Band, die als erste Gruppe der neuen deutschen Musik den Schritt zur Industrie gegangen war, wuchs, begannen Fehlfarben im Juni 1980 mit den Aufnahmen der ersten LP "Monarchie und Alltag". Mit von der Partie: Der Pyrolator (Gesang und Synthesizer). Schon im Oktober desselben Jahres kam die erste Platte auf den Markt und wurde fast ohne Ausnahme als die wichtigste und massgebendste neue Produktion dieser Tage eingeschätzt. Die Zeitschrift Stereoplay verlieh dem Album "Monarchie und Alltag" das Prädikat 'Die besondere Platte'.


Das Musikmagazin Sounds erkannte in Peter Hein den besten, wichtigsten Songwriter hierzulande: Visionen, Prophezeiungen, leere Lehren werden nicht verbreitet. Hein singt, stammelt, spricht Alltagsprosa. Eines der schönsten Lieder heisst "Paul ist tot", ein sensibler Versuch, Empfindungen aus dem Ratinger Hof zu transportieren. Was bei diversen Deutschrock-Bands schwülstig-bombastisch gerät, entwickelt sich bei Fehlfarben zu einem atmosphärisch-beklemmenden Stück über einen Mikrokosmos, der für sie/uns Universum ist. Zu bedenken gab Sounds damals schon: Wie soll diese Synthese aus Funk / Rock / Punk / Beat / Disco / Avantgarde / Pop-Elementen noch erweitert / verändert werden ? Auch der Musik Express sah in "Monarchie und Alltag" ein vor allem auch textlich reifes Werk und verteilte fünf von möglichen sechs Punkten in der Monatswertung. Im Vorprogramm der britischen Rockband 999 stellten Fehlfarben ihr LP-Programm vor.

Für das Frühjahr 1981 waren die Planungen für eine längere Deutschlandtournee schon abgeschlossen, als Peter Hein und Frank Fenstermacher die Gruppe überraschend verliessen. Nach einer kurzen Phase der Orientierung, wohin die musikalische Reise nun gehen soll, entschloss sich das verbleibende Trio Bauer, Schwebel und Kemner, mit dem Ex-S.Y.P.H. Gitarristen Uwe Jahnke weiterzuarbeiten. Nach nur wenigen Auftritten als Quartett produzierten Fehlfarben eine neue Single mit dem Titel "Das Wort ist draussen", die im Mai 1981 auf den Markt kam. Thomas Schwebel hatte die Gesangsteile und damit ein schweres Erbe angetreten, da für viele Fehlfarben unlösbar mit Peter Hein und dessen ausdrucksstarker Performance verbunden war. 12000 Besucher sahen den neuen Frontmann mit Fehlfarben bei nur zehn Auftritten in Nordrhein-Westfalen. Danach ging die Band für die Aufnahmen der zweiten LP "33 Tage in Ketten" (ein programmatischer Titel, der die Empfindungen der Musiker während der Studiozeit widerspiegelte) ins Studio. Im Juni und Juli entstanden die neuen Titel. Kurz nach Beendigung der Aufnahmen verliess jedoch auch der Bassist Michael Kemner Fehlfarben, um mit Wolfgang Spelmans (Ex- DAF) die Gruppe Mau Mau zu gründen. Mittlerweile hatte sich das Albumdebüt "Monarchie und Alltag" in den deutschen LP-Charts auf Rang 37 plaziert.

Der Song "Ein Jahr (Es geht voran)" vom ersten Album hatte sich ebenfalls zu einer Szene-Hymne gemausert. Es wurde zu dem Song der Hausbesetzer- und Anti Reagan-Bewegung. "Es geht voran" war zu einem geflügelten Wort geworden, diente Sprayern für ihre Graffiti und brachte der Gruppe Fehlfarben den Ruf ein, eine politische Band zu sein, ein moderne Version der Formation Ton Steine Scherben. Der Song und sein Slogan hielten sich beharrlich in der Szene. 1982 verspätet als Single veröffentlicht, wurde "Ein Jahr (Es geht voran)" doch noch zum Hit. Fehlfarben mussten gegen das starke Klischee, die Kategorisierung ankämpfen. Jahnke sagte: "Eine Kultband, die irgendwelche politischen Bewegungen bedient, sind wir schon gar nicht." Ungeachtet der sich anbahnenden Entwicklungen verkrafteten Fehlfarben den neuerlichen Aderlass (Kemner) und teilweise bissige LP-Kritiken, in welchen der Band etwa vorgeworfen wurde, trotz aller Bemühungen um musikalische Neuerungen nicht mehr als die phrasenhafte Wiederholung des Debüt-Albums zu schaffen, insbesondere weil Peter Hein als unersetzbar galt. Das verbleibende Trio verstärkte sich um Rüdiger Sterz (Bass), Ralf Albertini (Saxophon) und die Sängerinnen Olivia Casali und Sylvia Schütze für die Herbsttournee. "33 Tage in Ketten" plazierte sich im November auf Rang 36 der deutschen LP-Charts.

Im Januar und Februar 1982 stand die Produktion der dritten Single auf dem Programm. Für Sterz kam Hans Maahn, genannt HBmann (Bass, Klavier). Die 45er "14 Tage" mit der B-Seite "Feuer an Bord" wurde im März veröffentlicht. Klarer als je zuvor liess sich mit dieser Musik eine Tendenz zum Funk herauskristallisieren. Aus dem zunächst als Manko verstandenen, laufenden Musikerwechsel machte Fehlfarben dann ein Konzept. Nach einer weiteren Tournee durch Deutschland, Österreich und Holland im April und Mai 1982 und einer Rockpalast-Aufzeichnung gingen Bauer, Jahnke und Schwebel zur Produktion von "Glut und Asche" ins EMI Studio in Köln. Über zwei Monate Studiozeit und 23 Musiker waren notwendig, um die neuen Ideen des Fehlfarben-Stamms zu realisieren. Mit Bläsern und Streichern arbeiteten Fehlfarben an einem Konzept, das die deutsche Kritik nach Veröffentlichung Anfang 1983 in einem Atemzug mit solch ausgebufften Produktion aus englischen Studios wie ABC oder Heaven 17 verglich. Im Musik Express setzten die Kritiker die LP deutlich auf Platz 1 der Tippliste und kürten "Glut und Asche" zur "Platte des Monats".


Das Musikmagazin erkannte in dem Werk einen Sound, der für deutsche Verhältnisse ungemein reich und aktionsgeladen war, dabei sinnvoll geordnet und einfach angenehm fürs Ohr. Das galt sowohl für die rein technische Seite als auch für den gelungenen Einsatz von Arrangements mit vielen Gastmusikern, Bläsern und Streichern. "Wir waren mal die Vorreiter, sind dann vergessen worden, und heute wundern sich die Leute, dass es uns noch gibt", kommentierte Bauer die enthusiastischen Reaktionen auf die erste Fehlfarben-LP nach fast zweijähriger LP-Pause relativ sachlich. Das schon aufgrund der '82er Maxi-Single "14 Tage" (die vor allem in England gute Kritiken bekam) von EMI Grossbritannien bekundete Interesse an Fehlfarben wurde mit Veröffentlichung von "Glut und Asche" neu zum Ausdruck gebracht. Drei Titel der LP wurden von Tom Robinson ins Englische übersetzt und synchronisiert, eine Single ("Magnificent Obsession") zur Veröffentlichung auf der Insel vorgesehen und sogar Videos (für die Konzepte erstellt wurden) sollten produziert werden. "Wir waren dreieinhalb Monate in den Startlöchern, doch nichts ist passiert", verwies Uwe Bauer später auf eine interne Verschleppung aufgrund von Uneinigkeit zwischen den EMI-Töchtern Deutschland und England.

Schliesslich hiess es aus England lapidar: Kein Interesse mehr. Auch die Veröffentlichung einer zweiten Maxi-Single für Deutschland, "Agenten", die neu bearbeitet wurde, verzögerte sich so unglücklich, dass die Platte genau in den Sommerferien auf den Markt kam und somit niemand Notiz von ihr nahm. Damit waren Fehlfarben schliesslich kurze Zeit später Geschichte. Das Debutalbum "Monarchie und Alltag" jedoch strahlt bis heute, und gilt inzwischen als eines der besten deutschen Alben überhaupt. Im Jahr 2000, dem 20jährigen Jubiläum von "Monarchie und Alltag", erschien die von Joszi Sorokowski neu gemischte und gemasterte sogenannte 'Edition 2000', die einen Aufsatz von Peter Glaser und ein neues Artwork sowie vier Bonustracks enthielt. Unter anderem waren neben einer Edit-Version von "Paul ist tot", eine Liveaufnahme von "Herrenreiter" aus dem Ratinger Hof und vor allem die beiden frühen Singles "Abenteuer und Freiheit", sowie "Grosse Liebe" enthalten. "Grosse Liebe" war dabei historisch von besonderem Interesse, da es sich im Prinzip um den Song "Industriemädchen" von S.Y.P.H. handelte. Beide Singles waren sehr stark vom Ska geprägt und liessen erahnen, dass Fehlfarben tatsächlich zu Beginn eine von The Clash und The Specials beeinflusste Band waren, bis sie ihre völlig eigene Stimme auf "Monarchie und Alltag" fanden.



Dec 5, 2017


THE LIGHTNING SEEDS - Sense (Virgin Records CDV 2690, 1992)

Die Lightning Seeds liessen sich leicht auf einen Namen herunterbrechen: Ian Broudie. Er hob die Band Ende der 80er Jahre aus der Taufe, war ihr Kopf und Frontmann. Broudie war es folglich auch, der das Ende der Lightning Seeds nach wenigen Jahren beschloss, als er feststellen musste, dass seine Lieder zwar immer wieder im Radio gespielt wurden, die Verkaufszahlen seiner Platten jedoch insgesamt recht enttäuschend blieben, obwohl er mit seiner Musik zumindest in kompositorischer Hinsicht eigentlich alles richtig gemacht hatte und mit einer Fussball-Hymne sogar Abertausende von Fussballfans erreichen konnte. Ian Broudie startete seine Musikerkarriere im Jahre 1977 als Mitglied der Punkband Big In Japan, welcher unter anderem der spätere Frankie Goes To Hollywood-Frontmann Holly Johnson angehörte. Nachdem die Band sich nach nur 15 Monaten wieder aufgelöst hatte, war Broudie als Musikproduzent tätig, so etwa für Echo & The Bunnymen und The Fall sowie The Bodines und The Pale Fountains.

Der Musiker erblickte am 4. August 1958 das Licht der Welt in einer musikhistorisch bedeutenden Stadt: Liverpool war seine Heimat, er wuchs sogar nicht weit der Penny Lane auf und hörte schon früh heimlich die Bob Dylan-Platten seines Bruders. Der Autodidakt lernte Gitarre spielen, indem er Dylan nacheiferte. Später hielt sich Ian Broudie häufig im Liverpooler Künstler-Treffpunkt, der 'Liverpool School Of Music, Art & Pun' auf. Dort stiess er auf Billy Drummond, der gleich bei der ersten Begegnung Ian's Gitarrensaiten malträtierte. Ian schien darunter nicht zu leiden, denn kurz darauf gründeten die Beiden mit dem Schlagzeuger Budgie, der später bei Siouxie And The Banshees und den Slits landete, sowie Holly Johnson, der den Bass bediente, das Post Punk-Projekt Big In Japan. Die Combo spielte auf dem ersten Factory-Abend in Manchester neben Bands wie Cabaret Voltaire und Joy Division. Big In Japan brachten 1978 auf dem eigenen Label Zoo Records die EP "From Y To Z And Never Again" heraus. Kurz darauf lösten sie sich allerdings bereits wieder auf. Broudie verabschiedete sich von seiner Funktion als aktiver Musiker immer mehr und fing an, sich mit der Arbeitsweise im Tonstudio vertraut zu machen. Er wollte mit Musik zu tun haben. Als Musiker sei er mehr mit dem Herumreisen beschäftigt gewesen, so sein Kommentar.

Durch einen Zufall entstand der Kontakt mit Echo & The Bunnymen. Broudie produzierte in der Folge deren Alben "Crocodiles" und "Porcupine" und legte damit den Grundstein für seine Karriere als Produzent. Anschliessend arbeitete er unter anderem auch für die Bands The Fall und Dodgy. Ab Ende 1979 spielte Broudie in der Formation The Original Mirrors, der auch der spätere Status Quo-Schlagzeuger Pete Kircher angehörte. Die Original Mirrors lösten sich Ende 1981 wieder auf, nachdem die auf dem Major Label Mercury Records veröffentlichten Aufnahmen ohne grösseren Erfolg geblieben waren. 1983 gründete Broudie dann zusammen mit Paul Simpsons die Band Care. Care veröffentlichten drei Singles, lösten sich aber ebenfalls schon bald wieder auf. Erst 1989 schaffte Ian Broudie musikalisch den Durchbruch: Das Album "Cloudcuckooland" seiner neuen Band The Lightning Seeds schaffte es in die britischen Charts. Die Singleauskopplung "Pure" erreichte gar den respektablen Platz 16 der Hitparade.

1990 gab es auch noch ein weiteres Bandprojekt namens The Wild Swans mit Ian Broudie und Paul Simpson. Zusammen mit den beiden Musikern
Ian McNabb und Chris Sharrock, beides ehemalige Mitglieder von The Icicle Works, wurde auf Sire Records das Album "Space Flowers" veröffentlicht. Für sein zweites Lightning Seeds-Album suchte er sich 1991 Terry Hall als Songwriting-Partner. In diesem Jahr schrieb Ian Broudie ein Stück, das ihm später neue Dimensionen eröffenen sollte: "The Life Of Riley" handelte von seinem Sohn. Doch 1992 brach Rough Trade zusammen, der Vertrieb des Lightning Seeds-Labels Ghetto Records. Das Label gab auf und verkaufte die Lightning Seeds-Rechte an den inzwischen zu einem Giganten herangewachsenen Label Virgin Records. Doch beim grossen Label wollte so gar nichts klappen: Das zweite Album "Sense" floppte genau so wie die Single-Auskopplungen. Virgin Records wollte deshalb die Lightning Seeds möglichst schnell wieder loswerden. Genau diesen Umstand bezeichnete Ian Broudie später als einen Segen, denn nun interessierte sich Epic Records (ein Sony-Sublabel) für ihn. Endlich jemand, der an die Band glaubte, kommentierte Broudie später. Nach den Vorstellungen von Virgin Records sollte er sich völlig auf die Lightning Seeds konzentrieren, sein Album ordentlich promoten und endlich auf Tour gehen, wohingegen Epic Records ihm relativ freie Hand liess, nebenbei auch weitere Künstler und Bands zu betreuen.

"Sense" verfügte über alle Zutaten einer kommerziell erfolgreichen Platte, bot neben zwei exquisiten Singles auch jede Menge hervorragender Album-Tracks, von denen fast die meisten über Ohrwurm-Charakter verfügten. Es dürfte alleine dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass sich Virgin Records nicht genügend um ihren Act kümmerte, sonst hätte das eigentlich ein Hit werden müssen. Die Singles wurden immer im Radio gespielt, doch Chartsplatzierungen hatten sie im oberen Bereich leider dennoch nicht zur Folge. Bestimmt lag das auch daran, dass Ian Broudie keine Live-Mannschaft an den Start brachte, weil er dem Tournee-Stress aus dem Weg gehen wollte, eventuell war auch sein Terminkalender zu voll, wegen seiner weiteren Verpflichtungen anderen Musikern gegenüber in punkto Songwriting, Producing und Betreuung, wer weiss. Jedenfalls ist es jammerschade, dass sich ihm mit "Sense", einem durch und durch perfekten Poprock-Album nicht die ganz grossen Türen öffnen liessen. Immerhin war Ian Broudie durch die relative Radiopräsenz ermutigt, ein weiteres LP-Projekt in Angriff zu nehmen.

Zu den Aufnahmen für "Jollification" nahm der umtriebige Musiker und Produzent, wie schon zuvor für das Werk "Sense", versierte Verstärkung mit ins Studio. Simon Rogers spielte einige Instrumente ein und betätigte sich als Co-Produzent, Terry Hall schrieb wieder an den Songs mit und sang die Background Vocals ein, Clive Layton setzte sich hinter die Orgel. Doch noch bevor das Album das Licht der Welt erblickte, widmete sich Broudie wieder einmal dem Produzieren der Werke anderer. So verhalf er in genau jenen Tagen Alison Moyet's "Essex" und Terry Hall's "Home" zu einem besseren Klang. Doch im Spätsommer 1994 war es soweit: Endlich erschien "Lucky You", die erste Single-Auskopplung des mittlerweile dritten Lightning Seeds-Albums. Der Song floppte zwar, doch Broudie gab nicht auf. Er suchte sich nunmehr eine Live-Band und begann mit Chris Sharrock (Ex-La's) am Schlagzeug und dem Bassisten Martyn Campbell (Ex-Rain) im 'Warehouse' zu proben. Etwas später stiessen nochder Gitarrist Paul Hemmings (auch er spielte früher bei den La's) und der Keyboarder Ali Kane dazu. Mit der angekündigten Tour im Rücken schafftte es die zweite Auskopplung "Change" endlich auf Platz 13 der britischen Charts. Auch die folgenden Singles liefen gut. Zur Krönung erfuhr das Album eine Nominierung für die Brit Awards. Die Konkurrenz bestand dabei immerhin aus einem Who Is Who des Britpop: Oasis, Blur und Supergrass.

Ab diesem Zeitpunkt war das Live-Ensemble auch auf den Platten zu hören. Diese Entscheidung fiel im Jahre 1996. Dieses sollte für die Lightning Seeds folgenreich werden: die Fussball-Europameisterschaft fand in England statt. Und das Land brauchte eine Hymne. Die Football Association bemerkte, dass zum 'Tor des Monats' im TV immer ein netter Song erklingen würde: "The Life Of Riley" der Lightning Seeds. "Diese Band könnte doch eigentlich auch den Song für unser Team schreiben", dachten sich die Oberen der Association. Ian Broudie zierte sich zuerst, hatte dann aber den entscheidenden Einfall. Er wollte, dass Frank Skinner und David Baddiel die Fussballspiele fürs Fernsehen mit Comedy-Elementen kommentieren, sich die Textzeilen hierzu überlegten. "Three Lions" entstand und entpuppte sich als die Fussball-Hymne schlechthin. Jeder kannte sie, nicht nur in England. Broudie empfand sie wohl als etwas unheimlich: "Der Song hat ein seltsames Eigenleben entwickelt".

Doch der Erfolg des Songs katapultierte das Album auf Rang 11 der britischen Charts. Auch die folgenden Singles verkauften sich gut. Vor allem die Turtles-Coverversion "You Showed Me" entpuppte sich als funkelnder Diamant. Er glitzerte sich in die Top Ten. Bevor die Lightning Seeds 1997 ihre erste "Best Of"-Zusammenstellung veröffentlichten, gab es noch einige Änderungen im Line-Up. Ali Kane verliess die Band. Ihn ersetzte Angie Pollock, der schon mit Shakespear's Sister gearbeitet hatte. Ausserdem ersetzte Matt Priest (Ex-Dodgie) den Schlagzeuger Chris Sharrock. Doch auch den hielt es nicht lange. Für die anstehende Tour ersetzte ihn Zak Starkey. Im November 1999 zeigten die Lightning Seeds auf "Tilt", dass sich ihr Sound inzwischen mehr am Dance Sound zu orientieren suchte. Im Februar 2000 veröffentlichten sie die Single "Sweetest Soul Sensation". Es sollte die letzte offizielle Veröffentlichung sein. Kurz darauf betätigte sich Ian Broudie als Sport-Moderator (die Show nannte sich 'The Sin Bin'). Den letzten Auftritt bestritten die Lightning Seeds in Liverpool.

Danach besann sich Ian Broudie wieder vermehrt auf sein eigentliches Talent und produzierte junge Bands. Erst verschrieb er sich The Coral, dann den Zutons. Erst 2005 traute sich Broudie wieder an ein eigenes Werk. Er veröffentlichte sein Soloalbum "Tales Told", ein beschauliches, ruhiges Album, das in den richtigen Momenten sanft verzaubert. Die anderen Mitglieder der Lightning Seeds machten ebenfalls weiter Musik: Zak Starkey war bei Oasis, Angie bei Goldfrapp und Martyn spielte mit Richard Ashcroft. Für die Fussball-WM 2006 trat die Band wieder in Erscheinung. Auf dem Hamburger Fanfest gröhlten sich unzählige Fussballfreunde zu "Three Lions" live in ein Sommermärchen. Gut ein Jahr später veröffentlichte die Band ein weiteres "Best Of"-Album. Zuletzt produzierte Ian Broudie das Debütalbum der Londoner Independent-Band The Rifles. 2009 erschien dann doch ein neues Album der Lightning Seeds mit dem Titel "Four Winds", das aber weitgehend unbeachtet blieb.








Dec 4, 2017


CREAM - Live Cream (Polydor Records 2383 016, 1970)

"Live Cream" war zwar ein offizielles Livealbum der Bluesrock-Gruppe Cream, das allerdings erst im Jahre 1970, 18 Monate nach der Auflösung der Band veröffentlicht wurde. Neben vier Liveaufnahmen enthielt es mit dem Stück "Lawdy Mama" ausserdem noch eine Studioaufnahme. Im März 1968 gaben Cream mehrere Konzerte im Winterland und im The Fillmore in San Francisco. Vier Aufnahmen daraus wurden bereits auf der Liveplatte des Doppelalbums "Wheels Of Fire" veröffentlicht. "Live Cream" enthielt vier weitere Aufnahmen aus diesen Konzerten, sowie das ein Jahr zuvor im Studio aufgenommene Stück "Lawdy Mama". Bis auf dieses Studio-Stück stammten alle anderen Titel vom ersten Album der Band, "Fresh Cream". Mit "Rollin' and Tumblin'" von Muddy Waters war auch ein gecoverter Bluesklassiker enthalten. Rob Bowman und Bruce Eder von Allmusic hielten die auf dem Album "Live Cream" enthaltenen Aufnahmen von "N.S.U." und "Sleepy Time Time" für die ultimativen Versionen dieser Stücke und das Album bot überall höchste Qualität sowohl in Bezug auf Klarheit und Klangtreue der Aufnahme als auch auf die Darbietung von Ginger Baker, Jack Bruce und Eric Clapton. Dem Album war damals auch grosser Erfolg beschieden, obwohl es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Cream schon nicht mehr gab: Das Werk erreichte Platz 15 in den Billboard 200 der Vereinigten Staaten und Platz 4 in Grossbritannien.

Im April 1966 diskutierten Eric Clapton und Ginger Baker, die miteinander befreundet waren, jedoch in unterschiedlichen Bands spielten, die Möglichkeit, eine eigene Band zusammenzustellen. Clapton brachte als möglichen Bassisten Jack Bruce ins Gespräch. Obwohl es zwischen Jack Bruce und Ginger Baker während ihrer gemeinsamen Zeit bei der Graham Bond Organisation zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen war, die darin gipfelten, dass Baker Bruce aus der Band warf, stimmte Baker gemeinsamen Sessions zu. Trotz der einstigen Spannungen zwischen Bruce und Baker achteten beide die musikalischen Fähigkeiten des jeweils anderen. Während der ersten Sessions entstand ein Sound, der alle drei Musiker begeisterte. Sie beschrieben in späteren Interviews und Biographien eine Magie, die sich unmittelbar entfaltete, sobald Bruce, Baker und Clapton zusammen spielten. Dies war die Grundlage, die Band Cream in jener Zusammensetzung zu starten. Schon bei der zweiten Session der Band waren der Manager Robert Stigwood und der Reporter des Melody Maker anwesend. Da jedes der drei Bandmitglieder zu den besten Instrumentalisten ihres Fachs zählten, entstand in der Musikpresse umgehend der Begriff Supergroup. Der Sound von Cream war eine Verschmelzung von hart gespieltem Blues und Jazz-Einflüssen, letztere eingebracht durch Bruce und Baker, was sich in ausladenden Improvisationen während ihrer Konzerte manifestierte. Ausserdem entwickelten Cream einen eigenen psychedelischen Sound. Noch bevor Cream das erste Konzert gaben, beziehungsweise Aufnahmen veröffentlichte, wurde der Zusammenschluss von Clapton, Baker und Bruce als Sensation in der Presse diskutiert. Das erste offizielle Konzert der Gruppe fand beim Windsor Jazz & Blues Festival im Juli 1966 statt.

Im Oktober 1966 wurde den Musikern von Cream der gerade aus den USA nach England eingereiste, noch völlig unbekannte Gitarrist Jimi Hendrix vorgestellt. Hendrix wurde von Chas Chandler, dem Bassisten der Animals, gemanagt. Chandler hatte Hendrix unter anderem mit der Aussicht auf ein Treffen mit dem von ihm bewunderten Eric Clapton davon überzeugt, nach England zu reisen. Cream stimmte einer gemeinsamen Jam-Session mit Hendrix nur widerwillig zu. Clapton beschrieb in seiner Biografie, wie sie in den Song "Killing Floor" von Howlin’ Wolf einstiegen und Hendrix ihn quasi an die Wand spielte. Dennoch entwickelte sich zwischen den Musikern von Cream und Hendrix eine anhaltende Freundschaft. Clapton beschrieb, dass er stark von Hendrix' Stil beeinflusst wurde, und Hendrix spielte bei Konzerten häufiger das Cream-Stück "Sunshine Of Your Love". Robert Stigwood veröffentlichte Cream's erste Single "Wrapping Paper" im Jahre 1966 bei seinem neu gegründeten Plattenlabel Reaction Records. Mit der Veröffentlichung von "Wrapping Paper" wurde vor allem den Forderungen Stigwoods nachgegeben, mit einer kommerziell Erfolg versprechenden Eigenkomposition eine erste Single zu veröffentlichen, die am ehesten dem damals aktuellen Pop-Sound entsprach. Die Single brachte jedoch nicht den erhofften kommerziellen Erfolg und stand im krassen Gegensatz zu dem neuen und schweren Bluesrock, den Cream entwickelte. Im Dezember 1966 wurde die Single "I Feel Free" veröffentlicht, die im Januar 1967 Platz elf der britischen Charts erreichte.

Von Juli bis September 1966 wurde in London das erste Album "Fresh Cream" aufgenommen und im Dezember 1966 in Grossbritannien und im Januar 1967 in den USA veröffentlicht. Das Album schaffte es in die Top 10 in Grossbritannien. Auf dem Album befanden sich Eigenkompositionen von Jack Bruce, der auch die meisten Stücke sang, sowie Coverversionen von Bluesstücken. Ausserdem enthielt das Album zwei Instrumentalstücke, eines davon war "Toad", welches das Schlagzeugspiel von Ginger Baker herausstellte. Auf Aufnahmen der damaligen Zeit, die auf Bootlegs erhalten sind, waren Cream mit einem viel strafferen Sound als auf dem Originalalbum zu hören, was unter anderem daran lag, dass die dortigen Stücke dem radiotauglichen Zeitmass der Drei Minuten Songs entsprachen. Schon zwei Monate später begannen Cream jedoch, ausgeprägte Improvisationen ihrer Stücke zu spielen.

Im März 1967 gaben Cream die ersten Konzerte in den USA. Sie kehrten im Mai des Jahres in die USA zurück, um vom 11. bis zum 15. Mai 1967 in New York ihr zweites Album "Disraeli Gears" aufzunehmen. Produzent war Felix Pappalardi, der später bei Mountain als Bassist und Sänger spielte. "Disraeli Gears" wurde im November 1967 veröffentlicht und schaffte es in die Top 5 in Grossbritannien und den USA. Das Album sollte schon im Sommer 1967 veröffentlicht werden, die Plattenfirma entschied jedoch, ein zeitgemässeres psychedelisches Cover zu verwenden, dessen Herstellung die Veröffentlichung um mehrere Monate verzögerte. "Disraeli Gears" galt schon bald als massgeblicher Ausdruck des Psychedelic Rock. Die Stücke auf dem Album hatten eine grössere Bandbreite als "Fresh Cream", es gab Bluesrock bei "Strange Brew", Rock bei "SWLABR", psychedelische Elemente bei "We’re Going Wrong" und das vom Folk beeinflusste "Mother’s Lament". Clapton war ausserdem zusammen mit Hendrix (der diesbezüglich von Frank Zappa inspiriert wurde) einer der ersten, der das Wah Wah-Pedal als Gitarreneffekt benutzte (bei "Tales Of Brave Ulysses"). Bis auf wenige Ausnahmen waren die meisten Stücke Eigenkompositionen, wobei neben Bruce, Clapton und Baker Kollegen wie Pete Brown, Felix Pappalardi und andere als Komponisten und Texter zeichneten.

Von "Disraeli Gears" wurden bei Konzerten der Gruppe nur die Stücke "Tales Of Brave Ulysses", "Sunshine Of Your Love" und "We’re Going Wrong" gespielt. Der Grund dafür war einerseits, dass Cream es vorzogen, live Stücke zu spielen, die einfacher als Grundlage für lange Improvisationen genutzt werden konnten, und zum anderen, dass die im Studio oft mit einer zweiten Gitarrenspur versehenen Stücke auf der Bühne nicht reproduziert werden konnten. Nach den Aufnahmen im Mai 1967 begaben sich Cream auf Tournee. Im August 1967 hatten sie ihre erste USA-Tournee als Headliner und spielten im Fillmore West in San Francisco. Einige Live-Versionen der Stücke gingen nun über zwanzig Minuten. In diese Zeit fielen einige Veränderungen in der Rockmusik allgemein, die Cream mitprägten. Zum einen veränderte sich ein Rockkonzert rein äusserlich von kurzen, höchstens 30 Minuten dauernden Auftritten von Beat-Bands wie den Beatles zu mehrstündigen Veranstaltungen. Anstatt kleiner Gitarrenverstärker wurden nun grosse, oft mehrere Verstärkertürme umfassende Anlagen für Bass oder Gitarre aufgefahren, um den gewünschten Klang zu erzeugen. Clapton und Bruce hatten teilweise jeweils drei 100 Watt starke Marshall-Verstärkertürme auf der Bühne. Ausserdem wurden nun PA-Anlagen eingesetzt. All dies war Folge der unzureichenden Lautstärke kleiner Verstärker in Hallen voll kreischender Jugendlicher, in der sich die Bands selbst nicht mehr hören konnten, und dem neuen Anspruch der neueren Rockbands und deren Publikum an einen angemessenen Sound bei Konzerten.

Eine weitere entscheidende kulturelle Veränderung jener Zeit war das Aufkommen der Hippies. Die seit den 50er Jahren entstandene Jugendkultur, mehrheitlich geprägt und entstanden durch den Rock 'n'Roll, entwickelte sich ab den 60er Jahren, nun erweitert um ideologische Standpunkte (Beatniks, Bob Dylan) und eine skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber der etablierten Kultur der Erwachsenen zu einer eigenständigen Subkultur mit einer eigenen Ideologie. Rockmusik war dabei das wichtigste Medium, und die Konzerte waren Ausdruck, Demonstration, Stammestreffen und sinnliches Ereignis zugleich. Bei Musikern wie dem Publikum gehörten Cannabis und LSD zu den entsprechenden Drogen, die zur Musik und während der Konzerte konsumiert wurden. Eric Clapton berichtete in seiner Autobiografie, wie er unter LSD-Einfluss spürte, wie er mit den unterschiedlichen Akkorden auf der Gitarre die Stimmung des Publikums verändern konnte und sich mit ihm verbunden fühlte. Den grössten kommerziellen Erfolg erreichten Cream schliesslich mit ihrem dritten Album, der Doppel-LP "Wheels Of Fire", das die Schlüsselsongs "White Room" und "Crossroads" enthielt. "White Room" wurde von Cream 1967 und 1968 aufgenommen und ragte aus der Rockmusik der damaligen Zeit heraus, nicht nur wegen des Songtextes, der in surrealer Bildersprache ein sich auf mehreren Ebenen abspielendes Drama beschrieb. Auch überraschte das Stück durch die wiederholten Wechsel vom 4/4- zum 5/4-Takt und war, ebenso wie die auf dem Album enthaltenen Songs "Passing The Time" und "Pressed Rat And Warthog" des Jazz-Komponisten Mike Taylor, ein Beispiel für die Experimentierfreudigkeit der damaligen Rockmusik.

"White Room" zeigte einmal mehr Claptons Fähigkeiten als Gitarrist. Mit seinen Fill-ins übernahm Ginger Baker teilweise die Aufgaben eines Soloinstruments. "Crossroads", im Original ein Blues-Klassiker von Robert Johnson, zeigte, wie Cream es verstanden, einen akustischen Bluessong in das Format der elektrisch verstärkten Rockband zu übersetzen. Diesmal übernahm Clapton den Gesang. In dieser Version liess sich verfolgen, wie die Musiker mit der Dynamik zwischen Gesangs- und Soloparts umgingen. Der zweite Teil des Albums dokumentierte mit Konzertmitschnitten die damals für die Rockmusik neuartigen, durch den Jazz inspirierten, langen Improvisationspassagen der Instrumentalisten. Cream brachten es damit auf Platz eins der US-amerikanischen Charts und etablierten sich endgültig als Supergroup, deren Live-Auftritte jede Halle füllen konnten. Seit Sommer 1966 waren Cream ständig auf Tournee, und die Verpflichtungen stiegen mit zunehmendem Erfolg. Die Gruppe war durch Konzerte, Aufnahmen im Studio und ständige Reisen grossen Belastungen ausgesetzt. Alle drei Musiker beschrieben in ihren Biographien, dass ihr Drogenkonsum bald nicht mehr allein zur Entspannung oder Bewusstseinserweiterung diente, sondern dem Aufputschen, um das Pensum an Verpflichtungen erfüllen zu können. Zudem begünstigte dieses Klima den andauernden Konflikt zwischen Jack Bruce und Ginger Baker, die sich in zunehmendem Masse Auseinandersetzungen lieferten, die nicht allein auf verbale Angriffe beschränkt waren. Clapton, der zu vermitteln suchte, kam letztlich gegen das Konfliktpotential zwischen Baker und Bruce nicht an. Das interne Klima verschlechterte sich so stark, dass sich die Musiker 1968, im zweiten Jahr des Bestehens von Cream und auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, während der Tourneen in verschiedenen Hotels einquartieren liessen und erst kurz vor den Auftritten vor Ort eintrafen, um sich aus dem Wege zu gehen.

Ginger Baker beschrieb in einem späteren Interview, wie sich die Qualität ihrer Konzerte zunehmend verschlechterte. Gleiches sagte auch Clapton, der während eines Auftritts an einem Punkt einfach aufhörte zu spielen, ohne dass Bruce oder Baker davon Notiz nahmen. Clapton beschrieb, dass es vornehmlich darum ging, sich selbst zur Schau zu stellen. 1968 spielten Clapton wie Bruce mit mehreren Marshall-Verstärkertürmen auf der Bühne, wobei Ginger Baker mit seinem Schlagzeug Mühe hatte, sich überhaupt selbst zu hören. Er beklagte sich darüber, dass Jack Bruce absichtlich seine Verstärker aufdrehte, um Baker zu übertönen. Schon im Sommer 1968 kündigten Cream die Auflösung an, doch es sollte noch eine Abschiedstournee durch die USA geben, bevor im November 1968 die endgültig letzten Auftritte der Gruppe in London stattfanden. Gleichzeitig begannen Cream mit Aufnahmen zu ihrem letzten Album "Goodbye". Im Oktober und November 1968 fand die Abschiedstournee durch die USA mit 22 Auftritten an 19 Orten statt. Im Vorprogramm für Cream spielten Deep Purple bei drei Konzerten, wurden danach aber aus dem Programm genommen, da sie für Cream ungünstige Kritiken erhielten und die Musiker der beiden Bands nicht miteinander klar kamen. Die weiteren Konzerte wurden von The Taste mit dem jungen irischen Gitarristen Rory Gallagher und der englischen Band Yes bestritten. Beide Bands bekamen ebenfalls gute Kritiken für ihre Auftritte.

In der offiziellen Begründung zur Auflösung von Cream hiess es, dass ihr Superstar-Dasein ihrer eigentlichen musikalischen Haltung und ihren Ambitionen entgegenstand. Nach der Abschiedstournee gab es am 26. November 1968 das letzte angekündigte Konzert in der Londoner Royal Albert Hall. "Goodbye" erschien Anfang 1969 und bestand wieder aus einer Mischung von Live- und Studioaufnahmen. Nach "Goodbye" wurden noch zwei Live-Alben veröffentlicht, "Live Cream I" und "Live Cream II", die aus Zusammenschnitten bisher unveröffentlichter Aufnahmen bestanden. Clapton konnte seinen Status als Superstar halten und sogar weiter ausbauen, während Baker und Bruce, zumindest in kommerzieller Hinsicht, nie wieder derartige Erfolge erreichen konnten. Ginger Baker spielte 1969 bei Blind Faith (unter anderem mit Clapton und Steve Winwood) und gründete 1970 die Afro Rock-Bigband Ginger Baker’s Air Force, die schon im Frühjahr 1971 wieder aufgelöst wurde. Er ging nach Nigeria, wo er ein Musikstudio, ein Restaurant und einen Nachtclub betrieb. Er tat sich zusammen mit Fela Ransome Kuti; veröffentlichte mit dem afrikanischen Musiker das Werk "Live" (1971). 1974 schloss er sich mit den Brüdern Adrian und Paul Gurvitz zur ebenfalls nur relativ kurzlebigen Formation Baker Gurvitz Army zusammen, auch Hawkwind war für ein einziges Album eine seiner weiteren Stationen als Schlagzeuger. Jack Bruce arbeitete nach der Auflösung von Cream mit verschiedenen Musikern zusammen, beispielsweise mit John McLaughlin, Larry Coryell, Michael Gibbs, Jon Hiseman, Dick Heckstall-Smith und Ian Carr, und gründete 1974 das auch nur kurze Zeit existierende Trio West, Bruce & Laing.

1993 traten Clapton, Baker und Bruce noch einmal als Cream auf, als sie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurden, doch es blieb zunächst bei dem einmaligen Ereignis. Bruce und Baker gründeten 1994 zusammen mit Gary Moore die Band BBM und veröffentlichten unter diesem Namen ein Studioalbum. Am 2. Mai 2005 gaben Cream das erste Konzert seit der Auflösung vor 36 Jahren. Der inzwischen 60-jährige Clapton soll der Reunion vor allem wegen des schlechten Gesundheitszustands seiner Kollegen zugestimmt haben: Jack Bruce, damals 62, hatte kurz zuvor eine Lebertransplantation überstanden und der inzwischen 66-jährige Baker litt an Arthritis. Es war der Auftakt zu vier Auftritten in der Londoner Royal Albert Hall. Von den vier Reunion Concerts gab es später einen repräsentativen filmischen Querschnitt mit aktuellen Interviews auf DVD. Vom 24. bis 26. Oktober 2005 gab die Gruppe zusätzlich drei Konzerte im Madison Square Garden in New York. Laut Jack Bruce soll es finanziell sehr lukrative Angebote bezüglich möglicher Tourneen gegeben haben, die sie jedoch ausschlugen. Ginger Baker beschrieb in Interviews, wie er während eines Reunion-Auftritts in New York von Bruce auf der Bühne angeschrien und zurechtgewiesen wurde, woraufhin für Baker eine weitere Zusammenarbeit mit Bruce nicht mehr in Frage kam. Jack Bruce starb 2014.

Jack Bruce und Ginger Baker kamen ursprünglich aus dem Jazz und kannten sich bereits aus dem Johnny Burch Octet, wo sie 1962 gemeinsam gespielt hatten. Später spielten beide bei der Graham Bond Organisation, die Bruce mitbegründet hatte und die Blues und Jazz spielte. Der erste Gitarrist dieser Band war John McLaughlin. In dieser Band waren Improvisationen üblicher Teil des musikalischen Ausdrucks. Eric Clapton hingegen hatte mit Blues begonnen. Schon im jungen Alter wurde er Mitglied der Yardbirds und als herausragender Gitarrist in London bekannt. Clapton war allerdings unter Musikern auch als Blues-Purist bekannt, der den kommerziellen Sound, den die Yardbirds bald einschlugen, ablehnte. 1965 wechselte er deshalb zu John Mayall’s Bluesbreakers, bei denen auch Jack Bruce für einige Zeit spielte. Bei Cream spielte Clapton zu Anfang meist eine Gibson Les Paul, dann eine bunte Gibson SG und in Filmaufnahmen kann man ihn ab 1968 mit einer roten Gibson ES-335 sehen. Live spielte er ebenfalls über Marshall-Verstärker.

Jack Bruce begann mit Jazz, schottischer Folklore, klassischer Musik (Johann Sebastian Bach) und lernte Cello. In seinen frühen Jazz-Jahren spielte er Kontrabass, wie in Jazz-Formationen jener Zeit üblich. Bei Cream spielte er einen roten Gibson EB-3-Bass über Marshall-Verstärker und etablierte den E-Bass als ebenbürtiges Soloinstrument neben der Lead-Gitarre. Ginger Bakers erste Instrumente waren Klavier und Trompete, bevor er Mitte der 50er Jahre zum Schlagzeug wechselte. Seine ersten Erfahrungen in Bands machte er in der Jazz-Szene Londons in eher traditionellen Jazz-Formationen. Ende der 50er Jahre nahm er Kontakt zur Londoner Bluesszene auf und löste 1962 bei Alexis Korner Charlie Watts ab, der bei den Rolling Stones eingestiegen war. Bei Cream spielte Baker ein Schlagzeug von Ludwig mit zwei Bassdrums. Im Studio und bei Proben kam allerdings eine Vielzahl weiterer Instrumente zum Einsatz; so spielte Jack Bruce beispielsweise bei einigen Aufnahmen Klavier. Der daraus resultierende Stil kam hauptsächlich bei ihren vielen Live-Auftritten zur Geltung, wo sie ausladende Improvisationsteile der einzelnen Musiker einbauten. Erstmals in der Pop- und Rockgeschichte spielten alle beteiligten Instrumente, Gitarre, Bass und Schlagzeug, bei Soli gleichberechtigt nebeneinander.







Dec 3, 2017


SPOCK'S BEARD - The Oblivion Particle (Inside Out Music IOMLP 426, 2015)

Spock’s Beard wurden im Jahre 1992 von den Brüdern Neal und Alan Morse in Los Angeles gegründet. Der Keyboarder und Sänger Neal Morse war zunächst Frontmann und Songwriter der Band, die er 2002 zu Gunsten eines neuen Karriereabschnitts mit teilweise religiösem Schwerpunkt verliess. Von 2002 bis 2011 agierte danach der Schlagzeuger Nick D’Virgilio als Sänger und Frontmann der Band. Nach seinem Ausstieg besteht die aktuelle Besetzung aus Gitarrist Alan Morse, Bassist Dave Meros, Keyboarder Ryo Okumoto, Schlagzeuger Jimmy Keegan und Sänger Ted Leonard. Spock’s Beard gelten als Retro Prog-Band, die einen eigenständigen Stilmix aus dem Progressive Rock der 70er Jahre und amerikanischen Pop Rock-Einflüssen verfolgt. Bestimmende musikalische Elemente sind dabei der Klang von Mellotron, Klavier und Hammondorgel, Harmoniegesang und fugenartig versetzter Gesang sowie eine agile Rhythmusgruppe.

Die ersten zehn Jahre wurden sehr stark durch den Hauptsongwriter und Sänger Neal Morse geprägt. Morse, Sohn eines Chorleiters, hatte sich in den 80er und frühen 90er Jahren erfolglos als Pop- und Country-Songwriter in Nashville versucht. Gemeinsam mit seinem Bruder Alan traf er schliesslich im Rahmen einer öffentlichen Jam Session auf den Schlagzeuger Nick D'Virgilio und erkannte die gemeinsame musikalische Vorliebe für den Progressive Rock. Frühe Fassungen der Titel des späteren Debütalbums "The Light" existierten zu diesem Zeitpunkt bereits. Als Bassist konnte man Dave Meros rekrutieren, der zu dieser Zeit als gefragter Livemusiker in der Szene von Los Angeles aktiv war. Der Bandname geht auf eine scherzhaft gemeinte Idee von Alan Morse zurück und bezieht sich auf die Raumschiff Enterprise Episode 'Ein Parallel-Universum' (im Original 'Mirror, Mirror'), in der man einen bärtigen Mr. Spock sehen konnte.

Bereits das Debüt-Album "The Light" traf 1995 bei Kritikern auf äusserst positive Resonanz. Orientierte sich der Stil dieses ersten Albums aus vier längeren Songs noch deutlich an Werken wie Yes' "Close To The Edge" und den Frühwerken von Genesis, gewann die Band auf den folgenden Veröffentlichungen an Eigenständigkeit. Als zusätzlicher Keyboarder wurde Ryo Okumoto in die Band aufgenommen. Neal Morse entdeckte die Ausdrucksmöglichkeit von D'Virgilios Stimme und schrieb vermehrt Stücke mit komplexen Gesangsharmonien und fugenartigen Gesangspassagen. Letztere liessen des öfteren eine stilistische Nähe zur Gruppe Gentle Giant erkennen. Bis zum Jahre 2002 erschienen insgesamt sechs Alben, zuletzt die Doppel-CD "Snow", die im Stile eines Konzeptalbums die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Albinos mit wundersamen Heilkräften erzählte.

Neal Morse, der sich um 2000 zum Christentum bekehrt hatte, verliess die Band im Jahre 2002, um einen neuen Karriereabschnitt mit religiösem Schwerpunkt zu beginnen. Er entschied sich schliesslich für den Beginn einer Solokarriere mit christlichen Texten. Die restlichen Mitglieder der Band veröffentlichten 2003 das Album "Feel Euphoria" mit Nick D'Virgilio als Sänger. Erstmals traten alle Bandmitglieder als Songwriter in Erscheinung, zudem griff man mit John Boegehold und Stan Ausmus auf zusätzliche Songwriter aus dem freundschaftlichen Umfeld der Band zurück. D'Virgilio übernahm bei Konzerten von nun an die Rolle des Frontmanns, seinen Platz am Schlagzeug nahm hingegen Jimmy Keegan als festes Tourneemitglied ein. Diese Besetzung wurde erstmals 2005 auf dem Livealbum "Gluttons For Punishment" dokumentiert. Es enthielt einen Zusammenschnitt mehrerer Konzerte der Tour zum achten Album "Octane", auf das 2006 ein selbstbetiteltes neuntes Studioalbum folgte. Die Alben "Feel Euphoria", "Octane" und "Spock's Beard" waren insgesamt weniger von einem homogenen Stil als von einem Nebeneinander von Progressive Rock-Longtracks, Hardrock Songs und Balladen geprägt.

Nach der Trennung von ihrem langjährigen Label Inside Out Music verfolgte die Band für die Finanzierung des Albums "X" ein Geschäftsmodell, das bereits von Bands wie Marillion erfolgreich umgesetzt wurde: Interessierte Fans beteiligten sich durch eine frühe Vorbestellung an der Finanzierung des Albums und erhielten später im Gegenzug eine spezielle Ausgabe der CD mit diversen Extras. Gegenüber den vorangegangenen drei Alben war dabei stilistisch eine Besinnung auf einen einheitlicheren, stärker am Progressive Rock orientierten Stil festzustellen. Neben den Solowerken von Neal Morse waren eigene Veröffentlichungen von Nick D’Virgilio, Ryo Okumoto und Alan Morse erschienen. Am 18. November 2011 gab Nick D'Virgilio aufgrund seiner anderweitigen Verpflichtungen seinen Ausstieg aus der Band Spock's Beard bekannt. Unmittelbar darauf verkündeten die verbliebenen Mitglieder eine neue Besetzung, nun mit Tourneeschlagzeuger Jimmy Keegan und dem vormaligen Enchant-Sänger Ted Leonard als festen Mitgliedern. Leonard hatte 2011 bereits zwei Festivalauftritte mit der Band Spock's Beard absolviert, für die D'Virgilio wegen seines dauerhaften Engagements als Schlagzeuger für den 'Cirque du Soleil' nicht zur Verfügung stand.

Mein erstes Album von Spock's Beard war "Day For Night" und begleitete mich schon einen recht langen Zeitraum. Wie für wohl viele andere Anhänger der Band war der Weggang von Neal Morse auch für mich anfänglich ein schlechtes Omen, doch mit dem vormaligen Enchant-Frontman Ted Leonard und dem Tour-Schlagzeuger Jimmy Keegan kam spürbar frisches Blut in die Band, und das merkte man auch diesem Album an. Alle Songs verfügten über kleinere und feine neue Nuancen, die man schon auf den beiden Studiowerken zuvor ausmachen konnte. Auf "The Oblivion Particle" schliesslich war eine Band sichtlich gewachsen und auch verändert, aber gerade so, dass es wieder wie die homogene Einheit wirkte, wie das Jahre zuvor schon mit Neal Morse der Fall war: Die Band Spock's Beard hatte sich neu gefestigt und präsentierte neun hervorragende neue Kompositionen. "Tides Of Time" eröffnete das Album und begann sehr vertraut mit einer wundervollen Hammondorgel und weiteren exquisiten Keyboardklängen. Der nachfolgend einsetzende Gesang wirkte konterkarierend irgendwie sperrig, nicht wirklich schön, aber sehr interessant und ungewöhnlich. Er fand im weiteren Verlauf des Stückes auch keinen Höhepunkt oder Refrain. Einerseits ein typisches und irgendwie vertrautes Spock's Beard Stück, was die Melodie, die Instrumente und die Komplexität anbetrifft, andererseits ein äusserst ungewöhnlicher Opener für ein Album, weil der Titel ziemlich unzugänglich und fordernd geriet.

Das zweite Stück "Minion" setzte gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen mit mehrsimmigem A Capella-Gesang und das gesamte Stück wirkte eher ruhig, als ausladend progressiv. Es folgte die Nummer "Hell's Not Enough": Die anfänglich sehr melodieslige Keyboard-Spielerei erinnerte phasenweise stark an die holländischen Ayreon von Arjen Lucassen. Im weiteren Verlauf setzte ein eher ruhiger, etwas düsterer Gesang ein, der aber schon bald eine merkbare Steigerung erfuhr. Insgesamt durchaus melodisch, aber vielleicht ein wenig zu nett und nicht abwechslungsreich genug, jedoch für einen Fan von melodiösem Progressive Rock schlicht eine zauberhafte Nummer. "Bennett Built A Time Machine" wäre der ideale Opener für das Werk gewesen, denn bei diesem Stück stimmte einfach alles: Melodie, starker Refrain, perfekte instrumentale Arrangement-Arbeit und überhaupt einer der vielleicht eingängigsten und kommerziellsten Post Neal Morse-Titel von Spock's Beard bis dahin.

Get Out While You Can" überraschte in zweierlei Hinsicht: Erst etwas düster in der Atmospährik, wurde das Stück immer fröhlicher und luftiger. Mit dem Gesang von Ted Leonard wurde es dann auch ruhiger. Die Gruppe präsentierte hier einen eingängigen, aber simplen Refrain, der auch ziemlich schnell im Gehör hängen blieb. Beim nachfolgenden "A Better Way To Fly" hatten Spock's Beard ebenfalls alles richtig gemacht. Einem spannenden ruhigen Anfang folgte ein angenehm rockiger Mittelteil, und zum Schluss noch eine Melodie, die einen aufhorchen liess. Und der Gehalt an frickelnden Gitarren war hier angenehm ausgewogen. Interessant auch "The Centre Line": Nach einem etwas schrägen Klavier-Intro und etwas verhaltendem Schlagzeug startete eine harmonisch-melodische Strophe, die sich dennoch nicht als vermeintlicher Ohrwurm entpuppte, sondern recht interessant und anspruchsvoll klang. Die Rhythmus-Abteilung machte hier einen bemerkenswert versierten Eindruck. "To Be Free Again" präsentierte eine durch Klaviersounds dominierte Melodie, die wiederum ausgewogen arrangiert war und stellenweise an ältere Titel der Band Asia erinnerte. Am anspruchsvollsten geriet für meinen Gusto das finale "Disappear": Ziemlich gemächlich und ruhig in jeder Beziehung, zumindest in den Anfangsminuten. Dann wurde das Stück beinahe unvermittelt hektisch, wofür vor allem das Keyboard sorgte. Es folgte eine weitere bemerkenswerte A Cappella-Gesangseinlage, welche schliesslich in ein durchaus episches Finale mündete, den unbestritten besten Teil des Songs.

Als eine Art Bonustrack präsentierten Spock's Beard anschliessend noch die Black Sabbath-Nummer "Iron Man" (auf der sogenannten 'Limited Edition' der CD). Dieser Song wirkte irgendwie fast wie ein Fremdkörper, wollte so gar nicht zum Rest der Platte passen und dürfte wohl lediglich ein Marketing Gag gewesen sein, zumal diese Version mitnichten an Black Sabbath's Original heranreichen konnte. Wenn man diesen Bonustitel ausser Acht lässt, befand sich allerdings kein einziger Ausfall unter den Songs von "The Oblivion Particle". Im Juli 2016 kam es zu einer einmaligen Wiedervereinigung der Band mit Neal Morse und Nick D'Virgilio, bei der das 2002 erschienene Doppelalbum "Snow" erstmals in voller Länge live gespielt wurde. Die Wiedervereinigung war auf zwei Auftritte beim sogenannten 'Morsefest' in Cross Plains, Tennessee und dem Night of the Prog-Festival an der Lorelei begrenzt. Der Schlagzeuger Jimmy Keegan gab 2016 seinen Abschied aus der Band bekannt. Bei Auftritten während der 'Cruise to the Edge' Anfang 2017 nahm erneut Nick D'Virgilio den Platz am Schlagzeug ein. Im Frühjahr 2017 wurde ebenfalls verkündet, dass D'Virgilio zugestimmt habe, auf dem nächsten Album der Band mitzuwirken.







Dec 1, 2017


JOAN BAEZ - Diamonds & Rust (A&M Records SP-4527, 1975)

Joan Baez kam 1941 in New York als zweite Tochter von Albert Vinicio Báez und Joan Bridge Báez zur Welt. Ihr Grossvater väterlicherseits war in Mexiko aus der katholischen Kirche ausgetreten, wurde methodistischer Pastor und zog 1914 nach New York City. Die Eltern von Joan Baez waren ursprünglich Methodisten, traten aber noch in der frühen Kindheit Joan Baez’ zum Quäkertum über. Ihre Mutter war Schottin und in Edinburgh geboren. Ihr Vater, ein Physiker mexikanischer Abstammung, weigerte sich, für die lukrative Rüstungsindustrie zu arbeiten. Diese idealistische Einstellung des Vaters mag Einfluss auf Baez’ späteres politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechte gehabt haben. Wegen ihrer dunkleren Hautfarbe wurde sie während ihrer Kindheit öfters als 'Nigger' bezeichnet, Nachbarskindern wurde untersagt, mit ihr zu spielen. Aus beruflichen Gründen des Vaters zog die Familie häufig um. Stationen waren etwa Palo Alto, Boston, Paris, Rom und Bagdad. Da ihr Vater eine Stelle als Dozent am Massachusetts Institute of Technology erhalten hatte, zog die ganze Familie im Spätsommer 1958 erneut um, diesmal nach Belmont in Massachusetts.

Im Jahre 1956 hatte sie zum ersten Mal eine Rede des jungen Martin Luther King gehört und von ihren Eltern eine Gitarre geschenkt bekommen, wodurch der Grundstein für die beiden wichtigsten Aktivitäten ihres Lebens gelegt wurde. Zuvor hatte sie sich das Ukulelespielen beigebracht. Später kaufte sie sich vom ersten selbstverdienten Geld eine Gibson-Gitarre. Erste musikalische Einflüsse durch Platten, die sie im Elternhaus hörte, waren der Folkmusiker Pete Seeger und der afroamerikanische Sänger Harry Belafonte. Auf einigen frühen Aufnahmen imitiert Baez hörbar Belafontes Calypso-Sound; Baez und Belafonte kamen sich in späteren Jahren durch gemeinsame politische Aktivitäten näher. Wichtig wurde für die junge Sängerin nach eigenen Angaben auch Rhythm & Blues, so, wie insgesamt die Musik des schwarzen Amerika sie mehr beeinflusst habe als die des weissen. Joan Baez hatte schon als Schülerin ihre Mitschüler mit Schulhof-Konzerten unterhalten. Nach Beendigung der High School schrieb sie sich zwar an der Boston University ein, konzentrierte sich aber bald nur noch auf ihre Gesangskarriere. Diese begann 1959 mit einigen Auftritten im Club 47, einem Folk-Club in Cambridge, der Hochburg des US-amerikanischen Folk-Revivals.

Filmaufnahmen aus dieser Zeit zeigen die Sängerin beim Vortrag traurig-melancholischer Traditionals; eigene Songs oder solche von Kollegen ihrer Zeit hatte sie noch nicht in ihrem Repertoire. Bald hatte sie erste Fans und nahm an den Aufnahmen der Langspielplatte LP "Folksingers ’Round Harvard Square" teil, die bei einem kleinen Plattenlabel aus Boston erschien. Ebenfalls 1959 erreichte sie auf dem renommierten Newport Folk Festival zum ersten Mal ein grösseres Publikum. Gemeinsam mit Bob Gibson, der während seines Auftrittes Baez als unangemeldeten Überraschungsgast auf die Bühne holte, sang sie zwei Duette ("Virgin Mary Had One Son", "We Are Crossing The Jordan River"), was sie laut ihrer Autobiografie über Nacht zum gefeierten Folkstar gemacht hat. In den Anfangsjahren ihrer Karriere litt Joan Baez an schweren Lampenfieber-Attacken, zeitweise verstärkt durch Agoraphobie. Manchmal habe sie vor lauter Angst einen Konzertauftritt unterbrechen müssen, habe sich im Waschraum mit Wasser erfrischt, ein wenig geweint und sei dann wieder auf die Bühne gegangen. Niemand habe etwas bemerkt oder bemerken wollen. Manchmal sei die Angst vor einem Konzert so gross geworden, dass sie noch nicht einmal das elterliche Haus habe verlassen können. Nur ihre Schwester Mimi, die sie zu den Konzerten begleitete, habe davon gewusst und sie bei der Bewältigung dieses Problems unterstützt. Das Lampenfieber habe sie noch lange begleitet. Heute sei sie davon befreit und gehe entspannt auf die Bühne.

Ihre erste Solo-LP erschien ein Jahr später unter dem Titel "Joan Baez" bei Vanguard Records. Das Nachfolgealbum "Joan Baez Vol. 2" (1961) erhielt in den USA Goldstatus, genauso wie beide Teile von "Joan Baez In Concert" von 1962. 1961 ging sie ausserdem auf eine USA-Tournee und lernte dabei Bob Dylan kennen, der im Vorprogramm von John Lee Hooker auftrat. Sie begann, seine Songs zu interpretieren, und stellte ihn ihrem Publikum vor. Aus der anfänglich beruflichen wurde bald auch eine private Beziehung; die beiden wurden ein Paar. Baez bezeichnete 2009 in dem Dokumentarfilm 'Joan Baez' von Mary Wharton die Begegnung mit Dylan als ihren künstlerischen Durchbruch. Dylan erinnert sich im selben Film vor allem an den harmonischen Zusammenklang ihrer Stimmen und das Besondere an Baez’, zum Teil virtuosen und komplizierten Gitarrenspiel, das keiner ausser ihr in dieser Form beherrscht habe. So komponierte John W. Duarte auf eine Anregung von Sharon Isbin hin eine "Joan Baez Suite" zu Ehren der grossen Folkgitarristin und -sängerin.

In der ersten Hälfte der 60er Jahre stand sie mit an der Spitze der Folkbewegung. Bereits zu dieser Zeit beeinflusste ihr Stil Künstlerinnen wie Joni Mitchell, Bonnie Raitt und Judy Collins. 1962, auf einer Tournee durch die Südstaaten, entschloss sie sich, nur noch dort aufzutreten, wo es keine Rassenschranken gab. Somit blieben ihr in den USA nur die schwarzen Universitäten. Am 28. August 1963 sang sie auf dem Civil Rights March das berühmte "We Shall Overcome", das in den folgenden Jahren quasi zu ihrem sängerischen Markenzeichen wurde. Ausserdem trat sie dort zusammen mit Bob Dylan auf. Bezogen vor allem auf die 60er Jahre wurde sie rückblickend als Stimme und Gewissen ihrer Generation bezeichnet. Genau wie Dylan wurde auch sie von der British Invasion beeinflusst und begann ihre akustische Gitarre durch Bass und E-Gitarre zu verstärken, was bereits auf "Farewell, Angelina" (1965) zu hören war. Kurz zuvor hatte Dylan begonnen, Folk mit Rockmusik zu verknüpfen, indem auch er seine Gitarre elektrisch verstärkte und mit einer Begleitband auftrat. Da Baez sich von Dylan auf dessen Englandtour 1965 vernachlässigt fühlte, er sie auch kein einziges Mal bat, mit ihm aufzutreten, ging die Beziehung im folgenden Jahr in die Brüche. Nach eigenen Angaben hatte Baez, die selber keine Drogen nahm, zudem Probleme mit dem hohen Drogenkonsum der Bandmitglieder während der Tournee.

Gegen Ende des Jahrzehnts experimentierte Baez mit Lyrik, zu hören auf "Baptism: A Journey Through Our Time" (1968). Das Album war eine Sammlung von Gedichten, die entweder gesprochen oder mit orchestraler Begleitung vorgetragen wurden. Im selben Jahr heiratete sie den Kalifornier David Harris, einen bekannten Gegner des Vietnamkrieges und Kriegsdienstverweigerer. Als Fan der Country-Musik beeinflusste er ihre Musik in diese Richtung, was auf David’s Album aus dem Jahr 1969 hörbar ist. Dieses Album enthielt unter anderem das Traditional "Poor Wayfaring Stranger", bei dem sie von ihrer Schwester Mimi Fariña begleitet wurde und "Will The Circle Be Unbroken" mit Elvis Presleys ehemaligen Backgroundsängern The Jordanaires. 1969 trat sie auf dem Woodstock-Festival auf. Die schwangere Sängerin nutzte dieses grosse Forum, um die Missstände in der Welt anzuprangern. Sie thematisierte zudem die Inhaftierung ihres Ehemanns, der zu dieser Zeit eine dreijährige Freiheitsstrafe verbüsste und einen Hungerstreik unter den Mithäftlingen initiiert hatte, nachdem er aus einem Bezirksgefängnis in ein schärfer bewachtes Bundesgefängnis verlegt worden war. Anschliessend nahm sie ihre Gitarre und sang den Gospel "Swing Low, Sweet Chariot". Nachdem ihr Sohn geboren war, besuchte sie mit ihm den Vater im Gefängnis. Die Ehe mit Harris wurde 1973 geschieden.

1971 coverte Joan Baez den Song "The Night They Drove Old Dixie Down" von The Band und hatte damit einen Top 10-Hit in den USA. Mit dem 1972er-Album "Come From The Shadows" wechselte sie zum Plattenlabel A&M Records, wo sich ihre Musik in Richtung Mainstream-Pop veränderte und sie begann, selbst Songs für das 1975er-Album "Diamonds & Rust" zu schreiben. Der Titelsong behandelte ihre missglückte Liebesbeziehung zu Bob Dylan. Die Zeile "My poetry is lousy you’ve said" ("Meine Lyrik sei miserabel, hast du mir gesagt") deutete auch auf künstlerische Differenzen der beiden hin. "Diamonds & Rust" hielt sich 46 Wochen in den US-Charts und war sowohl bei Kritik als auch kommerziell ein grosser Erfolg. Der Titelsong zählte neben "Speaking Of Dreams" zu den bekanntesten Eigenkompositionen von Baez. Er wurde mehrfach gecovert, unter anderem 1977 von Judas Priest und 2003 von Blackmore’s Night.

Anfang der 70er Jahre wirkte Joan Baez an den Soundtracks von zwei international erfolgreichen Kinoproduktionen mit. So sang sie 1971 zur Musik Ennio Morricones die Lieder zum italienisch-französischen Justizdrama "Sacco e Vanzetti" (vgl. Sacco und Vanzetti) von Regisseur Giuliano Montaldo. Aus diesem Film wurde insbesondere das als eine Art Hymne für die Opfer politischer Justiz verbreitete Lied "Here's To You" weltbekannt und vielfach adaptiert. 1972 sang sie die Texte der von Peter Schickele komponierten Songs im von Douglas Trumbull gedrehten ökologisch ambitionierten US-amerikanischen Science Fiction Film 'Silent Running' (deutscher Titel: Lautlos im Weltraum). 1972 trat Joan Baez zusammen mit B. B. King und den Voices of East Harlem im Gefängnis Sing Sing im Bundesstaat New York auf. Anders als viele ihrer Kollegen waren sie bereit, eine Filmprojektgruppe aus dem Gefängnis zu unterstützen und bei einem Abschlusskonzert mitzuwirken. Dort trat Baez für Toleranz und Verständnis für Strafgefangene ein. Für den Film, der aus Interviews mit den Gefangenen und Gefängnispersonal, Aufnahmen der Vorbereitungen für das Konzert und eben den Auftritten der Künstler selbst besteht, hatte sie den Titelsong "Sing Sing Ossining" eingespielt.

1975 und 1976 folgte mit der Rolling Thunder Revue ihre zweite Tournee mit Bob Dylan. Auf dieser Tournee, die unpolitisch war und viele clowneske Elemente enthielt, war Baez laut Dylan so unbeschwert und innerlich gelöst wie noch nie. Filmaufnahmen zeigten eine tanzende, springende und herumalbernde Joan Baez, gegen ihre Gewohnheit in verrückten Outfits, stark geschminkt, mit Modeschmuck und lackierten Fingernägeln. Baez erinnerte sich, dass sie diese von Politik unbeschwerte Tournee als Erholung empfand; über einen längeren Zeitraum hätte sie eine unpolitische Lebensweise allerdings nicht ausgehalten. 1978 spielte Baez als 'Frau in Weiss' gemeinsam mit Bob Dylans Ex-Frau Sarah in dessen Film 'Renaldo and Clara' mit. Es gab für sie zu der damaligen Zeit in Argentinien ein durch die Junta verordnetes Auftritts- und Berichterstattungsverbot. Sie wechselte kurzzeitig zu CBS Records, war aber für ihr Album "Live Europe ’83" von 1984 ohne ein US-amerikanisches Label. Dafür eröffnete sie 1985 das Live-Aid-Konzert, nachdem sie im Jahr zuvor erneut auf Europatournee mit Bob Dylan gewesen war. 1987 folgte das nächste Album in den USA, "Recently" auf dem Label Gold Castle Records. 1988 trat sie unter dem Namen 3 Voices auf einigen Konzerten gemeinsam mit Konstantin Wecker und Mercedes Sosa auf. Ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum feierte sie 1989 mit dem Album "Speaking Of Dreams". Für das 1992er-Album "Play Me Backwards" wechselte sie erneut die Plattenfirma, diesmal ging sie zu Virgin Records. "Play Me Backwards" brachte Joan eine Grammy-Nominierung ein.

Kurz vor ihrem 50. Geburtstag 1991 engagierte sie zum ersten Mal einen Manager und nahm Gesangsunterricht. Ausserdem unterzog sie sich einer Psychotherapie. Seit dieser Zeit spielte sie bei Plattenaufnahmen nur noch sehr selten Instrumente, sondern konzentrierte sich weit mehr auf ihren Gesang. Bei Live-Tourneen spielte sie die Gitarre allerdings nach wie vor selbst. "Ring Them Bells", ein vielbeachtetes Live-Album, veröffentlichte sie 1995 gemeinsam mit einigen Freundinnen und Kolleginnen (Dar Williams, Indigo Girls, Tish Hinojosa, Janis Ian, Mary Black, Kate & Anna McGarrigle und Mary Chapin Carpenter) sowie ihrer Schwester Mimi Fariña. Mit den Indigo Girls war sie mehrfach bei Konzerten aufgetreten, mit Janis Ian 1994 bei einem Benefizkonzert für die National Gay and Lesbian Task Force.

2004 und 2005 tourte sie durch die USA, 2006 durch mehrere Städte Deutschlands, 2008 gab sie Konzerte beim Glastonbury Festival in England und beim Montreux Jazz Festival in der Schweiz. 2009 stand sie beim 50. Jubiläum des Newport Folk Festivals, das ihr 50 Jahre zuvor den Durchbruch beschert hatte, auf der Bühne. Zu ihren Interpretationen gehören klassische US-Traditionals und -Folksongs wie "House Of The Rising Sun". Lieder von Pete Seeger, Woody Guthrie und Bob Dylan, aber auch zahlreiche Lieder auf Spanisch und vereinzelt in anderen Sprachen wie Italienisch, Französisch, Russisch und Deutsch (Kinder von Bettina Wegner). Baez beliess es aber nicht bei traditionellem Liedgut: So interpretierte sie auf ihrem letzten Album "Day After Tomorrow" (2008) zeitgenössische Folk-Songs, unter anderem aus der Feder von Steve Earle, der auch das Album produzierte. Auch dieses Album wurde für einen Grammy nominiert. Baez war zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in den Billboard-Charts platziert.

Sie interpretierte auch vielfach (zum Beispiel in Woodstock) den berühmten Folksong über den amerikanischen Arbeiterführer Joe Hill mit dem Titel "I Dreamed I Saw Joe Hill Last Night" aus der Feder von Alfred Hayes und Earl Robinson. Auch trug sie wesentlich dazu bei, das ursprünglich jiddische Lied "Donna Donna" weltweit bekannt zu machen. Neben ihrer Musik engagierte sich Joan Baez früh politisch und setzte sich für Minderheiten auf der ganzen Welt, für den Pazifismus und gegen die Rassentrennung in ihrer Heimat ein. Nachhaltig beeinflusst wurde sie durch den afroamerikanischen Sprecher der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) Martin Luther King, den sie bei einem Quäker-Seminar als Schülerin zum ersten Mal reden hörte. Baez blieb King bis zu dessen Ermordung verbunden und arbeitete bei zahlreichen politischen Aktionen mit ihm zusammen.

Ihr politisches Engagement begann 1957, als sie sich aus zivilem Ungehorsam weigerte, das Klassenzimmer während einer Luftschutzübung zu verlassen, da die Übung sinnlos sei. Zuvor hatte sie mit ihrem Vater ausgerechnet, dass die Schüler unmöglich die Schutzräume erreichen könnten, bevor, wie in der Übung suggerierte, Raketen aus der Sowjetunion ihren damaligen Wohnort Palo Alto in Kalifornien erreicht hätten. Der Vorfall um die besserwisserische Schülerin wurde in der Lokalpresse gross aufgemacht und brachte Baez den Ruf ein, Kommunistin zu sein. Kurz darauf verliess die Familie den Ort. Noch im selben Jahr traf sie Ira Sandperl (1923–2013), einen Friedensaktivisten im kalifornischen Menlo Park, der sich auf die Lehren Mahatma Gandhis berief und zu ihrem aktivistischen Mentor wurde. Er half ihr durch seine Ansichten zum Pazifismus auch dabei, das zeitweise schwierige Verhältnis zu ihrer Schwester Mimi zu verbessern. Joan Baez sollte sich, so Sandperl, bei jeder ihrer Aktivitäten immer vorstellen, dass es die letzte Stunde ihres Lebens sei, was ihr offenbar im Umgang mit Mimi half. Ausserdem gründete er mit ihr zusammen das kalifornische Institut zur Untersuchung von Gewaltlosigkeit, The Institute for the Study of Nonviolence, aus dem später das Resource Center for Nonviolence wurde, das 2005 über den Golfkrieg und seine Auswirkungen berichtete.

Gewaltlosigkeit wurde zu einer wichtigen Vokabel in Joan Baez’ politischem Wortschatz, auch gegenüber dem politischen Gegner und, zum Beispiel bei Demonstrationen, gegenüber der Polizei. Bürgerrechtler Jesse Jackson, Weggefährte und Freund, erinnerte sich in Mary Wharton's Joan-Baez-Dokumentation daran, dass bei politischen Veranstaltungen auch unter schwierigen, politisch-emotional aufgeladenen Bedingungen (z. B. als Steine auf schwarze Schüler geworfen wurden, die in eine weisse Schule gingen), Joan Baez immer darauf gedrängt habe, dieses Wort mehrfach in die Reden einzuflechten, um die angespannte Situation zu deeskalieren.

In den 60er Jahren zahlte sie einen Grossteil ihrer Lohnsteuer auf ein Sperrkonto, um den Vietnamkrieg nicht mitzufinanzieren, unterstützte das Free Speech Movement – eine für Meinungsfreiheit und gegen den Krieg in Vietnam eintretende Studentenorganisation – und nahm an Ostermärschen in Deutschland teil. 1963 weigerte sie sich, in Shows von ABC aufzutreten, da der Sender den linken Musiker Pete Seeger boykottierte. Im selben Jahr sang sie auch zusammen mit Bob Dylan am Lincoln Memorial, als Martin Luther King nach Washington marschierte. Nachdem sie 1967 während der Beteiligung an einer Blockade der Zufahrt zu einem Armeekomplex zu einer Freiheitsstrafe von 10 Tagen verurteilt worden war, wurden alle ihre Platten aus den PX Stores in Europa entfernt. Sie wurde ein zweites Mal verhaftet und verbrachte insgesamt einen Monat im Gefängnis. Weiterhin gründete sie die West-Coast-Abteilung von Amnesty International. 1967 verweigerte ihr der konservative Frauenverein Töchter der Amerikanischen Revolution einen Auftritt in der Constitution Hall, wie es diese Frauenvereinigung bereits 1939 mit Marian Anderson wegen deren Hautfarbe getan hatte.

Joan Baez war an zahlreichen Protestmärschen und anderen politischen Aktionen gegen den Vietnamkrieg beteiligt. 1972 reiste sie in der Weihnachtszeit mit einer Delegation der Friedensbewegung nach Nordvietnam. Dort wurde sie von der US-Militäraktion Operation Linebacker II (bekannt auch als Christmas Day Bombing) überrascht, bei dem die US-Luftwaffe zwölf Tage lang Hanoi massiv bombardierte; viele Menschen wurden dabei getötet, die Stadt schwer beschädigt. Baez und ihre Mitreisenden überlebten den Angriff. Nach eigenen Angaben wurde sie vom Erlebnis schwer traumatisiert. Das 1973 erschienene Album "Where Are You Now, My Son ?" gab im gleichnamigen vertonten Gedicht, das mit live aufgenommenen Tonbandaufzeichnungen des Geschehens vor Ort untermalt worden war, in einer Länge von etwa 21 Minuten die Eindrücke von Joan Baez’ Erleben in Hanoi wieder. Auch nach Beendigung des Vietnamkriegs engagierte sich Baez weiterhin in Südostasien. In den 80er Jahren reiste sie mit einer humanitären Organisation nach Kambodscha, um Lebensmittel und Medikamente in den besonders notleidenden Westen des Landes zu bringen.

Als ihre Schwester Mimi 1972 die Organisation Bread & Roses gründete, half Joan Baez dabei intensiv mit. Die Organisation veranstaltete seitdem Konzerte in Krankenhäusern und Gefängnissen. Im August 1975 erhielt sie bei den ersten Rock Music Awards eine Auszeichnung für ihren Dienst an der Öffentlichkeit und wurde ausserdem mit einem Feiertag (Joan Baez Day, am 2. August 1975) in Atlanta geehrt. Nachdem sie 1972 in einem Interview gesagt hatte, dass sie zehn Jahre zuvor eine lesbische Beziehung unterhalten hatte und sich als bisexuell sehen würde, gab sie 1978 einige Benefizkonzerte gegen die 'Proposition 6', die sogenannte 'Briggs'-Initiative, die allen homosexuellen Lehrern den Unterricht an öffentlichen Schulen in Kalifornien verbieten wollte. Im selben Jahr beteiligte sie sich an Gedenkmärschen für den bei einem Attentat zusammen mit George Moscone, dem Bürgermeister San Franciscos, getöteten Politiker Harvey Milk, der sich als Schwuler geoutet hatte.

In Madrid sang sie 1977 nach dem Ende der Diktatur Francisco Francos unter anderem den Song "We Shall Not Be Moved" (Spanisch "No nos moverán"), der 40 Jahre lang in Spanien verboten gewesen war. Sie sang gegen Diktaturen und Militärputsche in Südamerika und gründete 1979 die Menschenrechtsorganisation 'Humanitas International Human Rights Committee', die sich um Boatpeople aus Vietnam kümmerte. Sie leitete die Organisation, bis diese 1992 ihre Dienste einstellte. In den 80er Jahren unterstützte Joan Baez auch die Friedensbewegung. Sie spielte 1986 auf der von Amnesty International veranstalteten Tour Conspiracy of Hope zusammen mit Sting, Peter Gabriel und anderen. Václav Havel bezeichnete sie als entscheidenden Einfluss auf die samtene Revolution in der Tschechoslowakei von 1989. Im selben Jahr veröffentlichte sie den Protestsong "China", in dem sie die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes auf dem Tian’anmen-Platz (Tian’anmen-Massaker) anprangerte. 1993 war sie eine der ersten Künstlerinnen, die Bosnien-Herzegowina besuchten. Im kriegszerstörten Sarajevo ging sie, geschützt durch eine kugelsichere Weste, mit Begleitschutz durch die Strassen, sprach mit den Menschen und musizierte mit Strassenmusikern.

Im Jahre 2003 gab sie zusammen mit Steve Earle, Emmylou Harris und Billy Bragg Konzerte gegen den Einsatz von Landminen. Auch gegen den Irakkrieg meldete sie sich im August 2005 zu Wort, als sie Cindy Sheehan, die Mutter eines getöteten Soldaten, bei ihrem Camp an der Zufahrt zu George Bushs Ranch besuchte. Ausserdem ist sie bis heute Sponsorin des Zentralkomitees für Kriegsdienstverweigerer in den USA. 2010 zeigte sich Baez in der Öffentlichkeit kritisch gegenüber dem neuen verschärften Einwanderungsgesetz für Mexikaner im US-Bundesstaat Arizona und nutzt dazu Konzertauftritte in ihrer Heimat, so im Juli 2010 in Salt Lake City. Baez hat eine zwei Jahre ältere Schwester. Eine zweite Schwester, Margarita Mimi, die vier Jahre jünger und ebenfalls Sängerin und Gitarristin war, starb 2001. Mit dem "Swallow Song" findet man ein Duett der beiden Schwestern auf der Baez Live-CD "Ring Them Bells" von 1995. Der mathematische Physiker John Baez ist ihr Cousin. Im Dezember 1969 brachte Joan Baez ihren Sohn Gabriel Earl aus der Ehe mit David Harris zur Welt. Gabriel begleitet sie heute als Perkussionist ihrer Band.

Nach der Scheidung von Harris hatte sie kurze und wechselnde Beziehungen zu verschiedenen Partnern, so auch mit Steve Jobs, lebt aber seither als Single. Derzeit lebt sie gemeinsam mit ihrem Sohn Gabriel nebst Schwiegertochter und Enkelin in Woodside, Kalifornien. Auch ihre Mutter lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 2013, kurz nach ihrem 100. Geburtstag, bei Baez. Auf ihrem Grundstück hat Baez ein Baumhaus, in dem sie einen grossen Teil ihrer freien Zeit verbringt, meditiert und schreibt. Anlässlich des 50. Jubiläums der Menschenrechtsorganisation Amnesty International erhielt Joan Baez als erste am 18. März 2011 in San Francisco den nach ihr benannten Award. Sie erhielt diese Ehrung für ihren herausragenden Einsatz im weltweiten Kampf für Menschenrechte und ihre mutige Menschenrechtsarbeit bei Amnesty International. In den kommenden Jahren soll diese Auszeichnung an Künstler aus den Bereichen Musik, Film verliehen werden, die sich auf ähnliche Weise für Menschenrechte einsetzen.