Feb 10, 2016


JANUS - Gravedigger 
(EMI Music Germany 50999 9 75455 2 1, 2013 / Originalaufnahmen von 1972 & 2012)

Immer schon eines meiner Alben für die einsame Insel, und auch eines, an das ich mich schon was den Kauf der originalen Langspielplatte angeht, immer erinnern werde. Das Original auf Harvest Records Germany (1 C 062-29 433, 1972) war schon vor über 35 Jahren kaum bezahlbar. Nachdem mich mein langjähriger Musikkumpel Randy Monk damals schon mit einer Tonbandaufnahme des Albums verführt hatte, gab es bei mir nur noch die Hoffnung, diese Platte eines Tages mal zu besitzen. Dann fand ich mich irgendwann im Plattenladen von Randy Monk wieder, wo gerade sein Geschäftspartner Yves mit einer frischen Ladung Platten-Raritäten von einer deutschen Plattenbörse zurückgekommen war. Als Stammgast und Freund durfte ich natürlich gucken, und dann packte Yves diese LP aus seinem alternativen "Atomkraft - Nein Danke" Stoffbeutel raus. An den Beutel kann ich mich noch genau erinnern, mit solchen Dingern lief damals ja bald jeder rum. Mir fiel buchstäblich das Herz in die Hose.

Das Original auf EMI Harvest Records Deutschland (1C 062-29 433), in perfektem neuwertigen Zustand - Hülle wie LP, samt Innersleeve ohne nennenswerten Abnutzungen, als wäre sie neu und praktisch unangetastet jahrelang in einem Schrank versteckt gewesen. Ich durfte sie in meinen Händen halten und Yves legte sie dann auch im Laden auf - für alle Kunden zum Mithören, und zwar nicht die A-Seite, wie sich das gehört, sondern gleich die B-Seite mit dem gleichnamigen über 20 Minuten langen Titelstück, das mich seit dem ersten Hören nicht mehr losgelassen hat. Ich war hin und weg. Und als nach einer gefühlten Ewigkeit endlich der Sänger anstimmte, sang ich gleich mit..."Gravediggers Arm is waiting for you"...dabei lag die LP-Hülle auf dem Verkaufstresen und daneben das in der LP enthaltene schwarz/weiss Faltposter der Band, heute wohl auch bei Ebay-Angeboten des Originals stets fehlend.

Letztlich leierte ich Yves die LP aus dem Kreuz, nachdem ich gefühlte Stunden lang wie ein Süchtiger, der nach seinem Stoff hechelt, darum gebettelt hatte und es ist bis heute die LP, für die ich am meisten habe bezahlen müssen: Auf heutige Verhältnisse umgerechnete 100 Euros wollte er dafür. Natürlich ein totaler "Freundschaftspreis", das versteht sich doch von selbst. Seit 1981 steht das Original jetzt bei mir, hat einen unstaubbaren Ehrenplatz in einem dicken Hüllen-Panzer aus Kunststoff und wird schon lange nicht mehr aufgelegt, sondern nur noch ab und zu herausgezogen und bekuckt, beschnuppert und begutachtet.

Ein paar Jahre später kam die LP dann endlich auch mal als CD heraus, und zwar auf dem für seine teils unsäglich schlechten LP-Ueberspielungen bekannten Berliner SPM Label, eigentlich einem Bootleg-Label, welches das Album aber trotzdem gar nicht mal schlecht erklingen liess, da es doch als vielleicht einzige CD dieses Labels von irgendwelchen Tonbändern überspielt worden war (CDF 670362, erschienen 1988). Diese CD besass ich mangels offiziellem CD-Release und besserer Ueberspielung drei Jahre lang. Dann kam - ebenfalls wieder aus dem Hause SPM, diesmal unter der Flagge WWR (World Wide Records), was letztlich dasselbe Bootleg-Label war - eine neuerliche CD-Variante heraus, dieses Mal angereichert durch zusätzliche, auf dem originalen Album nicht enthaltene Bonustracks. Diese CD-Variante besitze ich bis heute, und erstaunlicherweise hört sich die auch richtig gut an (SPM WWR-CD-0035). Das Bestmögliche, was zu kriegen war halt. Und obschon ein Bootleg, musste ich das Ding einfach haben - ich konnte nicht anders. Ich kaufe sonst eigentlich grundsätzlich nie Bootlegs oder nicht koschere Platten, bei denen man schon fast dran tippen kann, dass die Rechteinhaber - allen voran die Musiker und Komponisten der Werke - keine Entschädigung erhalten.


Das ist vielleicht, wie wenn ein Whiskeykenner seinen geliebten Single Malt nicht kriegt, und darum notgedrungen auf einen Bourbon zurückgreifen muss...nicht wegen des Geschmacks, sondern wegen der Sucht....Diese CD Version wurde wie gesagt erstmals angereichert mit Bonus Tracks, und zwar mit Einspielungen, die vielleicht nicht grad erstklassig waren, ausser dem Track "Yesterday Has Turned To Shapeless Life" vielleicht, von dem es da zwei Versionen zu hören gab: Eine gesungene und eine instrumentale. Diese in den 80er Jahren entstandenen Titel passten denn auch nicht wirklich zum Gesamtbild der auf der originalen LP enthaltenen Tracks. Diese Version der CD muss man aber wohl trotzdem behalten, denn auf dem hier nun vorgestellten neuerlichen Remaster von 2013 sind diese Stücke nicht enthalten.

Das im Titel referenzierte 2013er Remaster nun: Das ist schlicht ein Meilenstein guter Musik. Erstmals kriegt man auf einer Doppel-CD die ganze LP remastered, von wirklich aussergewöhnlichem Klang, der vor allem im 20 Minuten langen Titelstück zum tragen kommt, weil das Stück fast ausschliesslich aus ruhigen, spärlich instrumentierten Passagen besteht. Der originalen CD folgt auf der dem Package beigelegten Bonus CD die gesamte originale Platte noch zusätzlich in neuen "Remixen". Mache ich sonst um solche nachträglich veränderten Songs einen weiten Bogen, komme ich hier aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da wurden Streicher dazugenommen, die bei der ursprünglichen Fassung zwar schon geplant, aber nicht realisiert werden konnten, weil dies zeitlich nicht umsetzbar war damals, und weil vermutlich auch das Budget dafür letztlich nicht ausreichte. Man muss wissen, dass die gesamte originale LP damals in rasanten 16 Stunden im EMI Electrola Tonstudio Maarweg in Köln aufgenommen wurde. Das alleine ist zwar noch kein gesichertes Indiz für eine hohe Qualität sowohl der Musiker wie der Songs. Es zeugt eher vom schmalen Budget einer Band, der damals oft nur wenige Stunden oder bestenfalls einige Tage Studiozeit zur Verfügung standen, um sämtliche Aufnahmen für eine Platte einzuspielen. Im Falle von Janus jedoch brachte das einen relativ grossen Live-Charakter in die Stücke, manches wurde auch nur wenige Male gespielt, bevor es auf Band verewigt worden war. Dadurch wirkt die Musik auf "Gravedigger" jederzeit recht spontan und von "live"-artigem Charakter.


Alleine die neue (alte) Remix-Version des Titelsongs lohnt den Kauf dieser bislang aktuellsten Variante des Album als hochoffizielle Doppel-CD Edition, dies auch deshalb, weil diese Remixe nicht von irgendeinem technikgeilen Neuzeit-Freak gebastelt wurden, sondern von den originalen Bandmitgliedern, allen voran dem Gitarristen Colin Orr, der die Gelegenheit nutzte, die Stücke so zu arrangieren, wie sie damals eigentlich für die Endfassungvorgesehen gewesen wären, hätte die Band genügend Zeit und Budget gehabt.

Zusätzlich zum originalen Album in den zwei Varianten "Remaster" und "Remix)" enthält diese Doppel-CD noch die saurare 1972er Single "I´m Moving On" samt B-Seite "I Don´t Believe You", sowie zwei Tracks, von denen die ursprünglichen Master-Tapes verlorengegangen waren: "Suma Manatilly" und "Sinful Sally". Diese beiden Titel hat die Band 2012 deshalb noch einmal neu eingespielt, auch, weil sie damals Bestandteil ihrer Live-Shows waren. Zur Neuaufnahme des Stücks "Sinful Sally" gesellte sich an den Keyboards auch noch Hans Jürgen Fritz (besser bekannt als "Porky" von der Gruppe Triumvirat).

"Gravedigger" ist für mich ein Album für die Ewigkeit.


 

Feb 8, 2016


GONG - Radio Gnome Invisible Trilogy 
(Charly/BYG Records E 178, 2015 - Originalaufnahmen von 1970-1974)

Diese Trilogie der Gong Alben aus der Radio Gnome Invisible Reihe ist nicht neu. Es gab bereits früher alle drei Alben als zusammengefasstes Set zu kaufen. Allerdings gibt es in der im November 2015 noch einmal aufgelegten Variante nebst der ansprechenden Sammler-Aufmachung alle drei Platten klanglich neu bearbeitet, wodurch die Original-Aufnahmen soundtechnisch eine merkliche Verbesserung erfahren haben. Ausserdem gibt es zu dem Set eine vierte CD mit Alternativ-Versionen, wenig bis nie gehörten Stücken, sowie eine restaurierte Fassung der sehr seltenen und äusserst gesuchten Debut Single-Veröffentlichung der Gruppe um Daevid Allen mit dem Titel "Est-Ce Que Je Suis ?" und der B-Seite "Hip Hypnotise You", welche im Jahre 1970 lediglich in Frankreich auf dem BYG-Label erschienen war.

Die Alben "Flying Teapot" (Mai 1973), "Angel's Egg" (Dezember 1973) und "You" (Oktober 1974) zählen zu den besten Alben von Gong, einer Gruppe um den Mastermind Daevid Allen, der, 1938 in Melbourne geboren, Ende der 50er Jahre, inspiriert durch damals zeittypische Beatnik-Literatur nach Europa übersiedelte. Ueber Griechenland fand er den Weg nach Frankreich, wo er sich in Paris auf den Spuren seiner Lieblingsautoren in deren Hotelzimmer einquartierte - einem Zimmer, das zuvor von Allen Ginsberg und Peter Orlovsky bewohnt worden war, zweier herausragender Schriftsteller der sogenannten Beat Generation. Allen begann schon während seines Aufenthaltes in Frankreich zu musizieren, denn er lernte dort den später sehr erfolgreichen Musiker Terry Riley kennen, tüftelte mit ihm erste experimentelle Gehversuche aus, bevor er nach England reiste, wo er sich ab 1961 als Sänger und Gitarrist nach Mitmusiker umsah. Mit dem Sohn seiner Vermieter gründete er seine erste Band. Es handelte sich um den Schlagzeuger Robert Wyatt und den Bassisten Hugh Hopper, welche das Daevid Allen Trio bildeten, aus welchem später die Formation Soft Machine hervorging.

Unter der Verantwortung von Produzent Giorgio Gomelsky absolvierte die Gruppe Soft Machine im Jahre 1967, ein Jahr nach ihrer Gründung, zahlreiche Auftritte in Europa, so etwa in Deutschland, Holland und Frankreich. Als Daevid Allen bei der Rückkehr von dieser Tournee die Einreise in England infolge eines abgelaufenen Visums verweigert wurde, blieb er in Frankreich, kehrte nach Paris zurück und nahm politisch aktiv geworden an den Studenten-Demonstrationen teil, die überall auf der Welt um 1968 ihren Höhepunkt erreichten. Danach siedelte Allen erneut um. Zusammen mit seiner Freundin Gilli Smyth zog er auf die Insel Mallorca, wo er in Literatenkreisen wohnte und verkehrte. Dort lernte er den Saxophonisten Didier Malherbe kennen, mit welchem er die Band Gong gründete. In der Folge produzierte Daevid Allen sowohl ein erstes Band-Album, als auch ein Soloalbum plus Soundtrack-Musik für zwei Filme, ehe er mit "Camembert Electrique", dem zweiten Gong-Album den typischen Gong-Sound definiert hatte. Zuvor war Allen sehr experimentell und oft fragmentarisch zu Werke gegangen, und hob sich mit seiner Musik, für die es damals noch kaum eine geeignete Bezeichnung gab, deutlich ab vom bisweilen recht angefreakten Jazz-Rock der Formation Soft Machine, die sich in der Folge eher dem Jazzrock und Fusionsound öffneten, wohingegen Daevid Allen mit seiner Gruppe Gong eher avantgardistisch und sehr experimentell arbeitete, aber irgendwie mit der Zeit trotzdem "greifbarer" wurde. Es folgten erneute Umsiedlungen nach Frankreich und wieder zurück nach Mallorca, um dann, nach einer Babypause, erneut nach Frankreich zurückzukehren, wo sich inzwischen eine veränderte und musikalisch auch etwas neu ausgerichtete Formation gebildet hatte, der unter anderem der Gitarrist Steve Hillage, der Keyboarder Tim Blake und der Schlagzeuger Pierre Moerlen angehörte und die musikalisch ein bisschen in die Nähe des sogenannten Zeuhl-Sounds und somit in Richtung der Musik von Christian Vander's Magma näherten, ohne jedoch deren abstrakten Stil zu kopieren. Vielmehr zeichnete sich die neue Gong-Formation durch eine hervorragende Synthese aus Hippiemusik, Jazzmustern und Improvisation aus, die zeitweise auch leichte Space Rock Muster aufwies. Die Gruppe war musikalisch enorm vielseitig ausgerichtet, was vor allem der recht unterschiedlichen Charakteren der Beteiligten zugrunde lag.

Bis 1974 entstanden mit Gong in rascher Folge fünf Alben und ein längerer Filmsoundtrack. Vor allem in der 1973/74 entstandenen "Radio Gnome Trilogie", bestehend aus den drei Alben "Flying Teapot", "Angel's Egg" und "You" schuf Allen textlich und mit den von ihm graphisch gestalteten Plattencovern eine humorvolle und mit Anspielungen auf Drogenkonsum gespickte Mythologie um fliegende Teekannen, freundliche Hexen und Ausserirdische, die zum klassischen Motiv von Gong wurden. Allen war Komponist und Texter der meisten Stücke, die auf der Basis von bodenständigem Jazzrock durch Didier Malherbes orientalisch inspiriertes Saxophon- und Flötenspiel, Lebenspartnerin Gilli Smyths "Space Whisper" und Tim Blakes futuristische Synthesizer-Klänge auch akustisch exzentrisch ausgemalt wurden. Ihre Musik beschrieb das Magazin "Spiegel" als Kunstrock der besonders freigeistigen Art, der zwar die Kritiker begeisterte, mit dem Allen aber auch bewusst kommerziellem Erfolg aus dem Weg ging.

Die nun neu vorliegende sogenannte "Earbook"-Variante der "Radio Gnome Trilogie" klingt hervorragend restauriert, nachdem schon im Sommer 2015 das 1971er Album "Camembert Electrique" ebenso aufwändig aufbereitet worden war. Sehr schön aufgemacht ist das im Format eines Hardcover-Buches erscheinenden, vier CDs (respektive als 3 LPs in der Vinylausgabe) umfassendes Set, das auf 72 Seiten selten gesehene Illustrationen von Daevid Allen abbildet, eine umfassende Geschichte zu allen drei Platten bietet und sehr ansprechend und qualitativ hochwertig gefertigt worden ist. Die 4 CDs befinden sich in 4 Kartontaschen, die in das Buch eingearbeitet sind. Die Plattenfirma Charly Records hat in der Vergangenheit etliche Trouvaillen der Rockmusik in diesem "Earbook"-Format veröffentlicht, so etwa den gesamten Back-Katalog des legendären amerikanischen Psychedelik-Plattenlabels "International Artists" mit Interpreten wie den 13th Floor Elevators, Bubble Puppy oder Golden Dawn. Von der Haptik her sind diese Earbooks sowohl echte Hingucker, als auch Ausdruck eines hohen Qualitätsbewusstseins der Designer.

Der einzige Makel, der dieser hervorragend aufgemachten Trilogie mit der äusserst interessanten Bonus CD mit seltenen Aufnahmen (die qualitativ bis auf wenige Ausnahmen genauso hohen klanglichen Ansprüchen genügen) anhaftet ist der Umstand, dass wohl die Autoren der Musik keine Entschädigungszahlungen erhalten (Urheberrechts-Entschädigungen). Die rechtliche Situation hierzu ist aber letztlich nicht ganz klar, denn BYG Records wurde in der damaligen Zeit die alleinigen Veröffentlichungsrechte ausserhalb Englands zugesprochen, nur in England blieben die Rechte bei Virgin Records. Ob und inwieweit hier Virgin Records sich mit der damaligen BYG und dem nun rechteverwertenden Charly Records Label geeinigt hat oder nicht, ist daher nicht hundertprozentig klar. Einige der damals beteiligten Musiker jedenfalls haben sich über diese in ihren Augen nicht authorisierte Veröffentrlichung gewehrt. Der Musikfan muss letztlich selber entscheiden, wie stark er eine solche, rechtlich umstrittene Situation durch seinen Kauf gewichten mag.





Feb 5, 2016


NO DICE - No Dice (EMI Records 1C 064-60 006, 1977)

Jeder Musikliebhaber hat so seine ganz eigenen paar Scheiben in der Sammlung, die ihm so sehr ans Herz gewachsen sind, dass er mitunter nicht einmal genau sagen kann, warum. Vielleicht ist es ein Plattencover, das einem sofort anspricht und einen bleibenden Eindruck hinterlässt, oder ein bevorzugter Musikstil, der auf dieser einen ganz bestimmten Platte einfach am perfektesten herüberkommt. Oder es sind ganz einfach Platten, bei denen man sofort einen Zugang findet, den man sich nicht erklären kann. Musik, die scho n beim allerersten Anhören direkt ins Herz trifft, ohne dass man genau sagen könnte, warum. Vielleicht, weil man sich spontan in die gehörte Musik verliebt ? Das erste von zwei Alben der britischen Formation No Dice ist für mich so eine Liebe. Kein Song darauf hat sich für mich bis heute in irgendeiner Form abgenutzt, nichts klingt irgendwie verschlissen - noch immer kann ich mir diese Platte hingebungsvoll anhören und mich wie beim ersten Hördurchgang drüber freuen.

No Dice war eine britische Power Pop Formation, die im Jahre 1977 eindeutig zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sie fiel, wie so viele andere hervorragenden Bands auch, dem im Pop/Rock-Mainstream fast alles verdrängenden Punk zum Opfer. Da nützten weder perfektes Songwriting, noch instrumentale Kompetenz oder eine charismatische Ausstrahlung der Protagonisten etwas. War es nicht Rotz, war es nicht hip, so lautete damals leider das Credo in der Musikszene (von damals schon längst etablierten Superstars einmal abgesehen). Was gab es da nicht an tollen unentdeckt gebliebenen Bands aus allen Ecken der Welt...Liar zum Beispiel, Arrogance, Nantucket, Nutz auch, oder eben No Dice. Erst einmal fiel einem natürlich das gelungene, im verblichenen Vintage-Style gehaltene Cover-Artwork auf dem strukturierten Karton auf, das in einer sieben Bilder umfassenden visuellen Darstellung eine Möglichkeit zurr Selbstverteidigung für eine Dame zeigt - eine hochoriginelle Idee, die der Graphik-Designer Geoff Halpin in Szene setzte. Halpin hat auch andere namhafte Künstler bei der Umsetzung der graphischen Arbeiten an ihren Produkten unterstützt, zum Beispiel Ozzy Osbourne. 

Musikalisch bot das Quintett um Sänger Roger Ferris, Gitarrist Dave Martin, Keyboarder Dave Moore, Bassist Gary Strange und Schlagzeuger Chris Wyles eine süffige Mixtur aus vorwärtstreibendem Rock, der in seiner Kernigkeit streckenweise an die Rolling Stones in der Zeit mit Mick Taylor erinnerte auf der einen Seite, und andererseits aber auch eingängie und absolut hitverdächtige Pop-Schmachtfetzen, die auf jeden Fall hätten punkten müssen. Mit "Silly Girl" spielte die Band zum Beispiel einen Song, der aufgrund seiner eingängigen Melodie schon fast ein Hit hätte sein müssen. Der Opener "Why Sugar" wiederum war ein waschechter Stones-Rocker mit einem schon fast sexy verschleppten Rhythmus.

Als Gastmusiker wirkte der legendäre Saxophonist Jimmy Jewell mit - eine legendäre Figur in England's Studiomusiker-Szene, der zu enorm vielen erfolgreichen Platten seine Saxophon-Klänge beisteuerte, unter anderem für die Keef Hartley Band, für McGuinness Flint, Gallagher & Lyle, Roger Daltrey, Don Cherry und gar für die Blueslegende Lonnie Brooks.

No Dice veröffentlichten im darauffolgenden Jahr noch eine zweite LP mit dem Titel "Two Faced", koppelten daraus eine Single aus und ernteten damit immerhin ein gewisses Radio-Airplay. Der Titel hiess "Come Dancing", war um einiges Dancefloor-tauglicher als noch der Power-Pop/Rock auf dem Debutalbum und wurde in der 12" Maxi-Variante in den Diskotheken rege gespielt. Danach war Schluss. 

Gitarrist Dave Martin tauchte nach einer wenig beachteten Zwischenstation bei der christlichen Pop-Band Nutshell im Jahre 1984 wieder auf bei den Box Of Frogs, jener ebenfalls nur kurzlebigen Bluesrock-Band um ehemalige Mitglieder der Yardbirds, der mit Ray Majors, Jeff Beck, Rory Gallagher und dem Medicine Head Sänger John Fiddler auch weitere prominente Musiker angehörten. Dort nannte er sich "Dzal". Keyboarder Dave Moore tauchte erst Jahre später bei den reformierten Spooky Tooth wieder auf, und wirkte im Jahre 2006 auch bei der Progressive Rock Band Mostly Autumn mit.




MANASSAS - Manassas (Atlantic Records SD 2-903, 1972)

Stephen Stills gründete die Band Manassas, nachdem er mit einigen der auf dem späteren Doppelalbum zu hörenden Musikern bereits auf seinem Soloalbum "2" (1971) und der dazugehörigen Tournee zusammengearbeitet hatte. Als Rhythmus Gitarristen gewann Stills Chris Hillman, der zuvor bei den Byrds den Der Schlagzeuger Dallas Taylor hatte seit 1969 sowohl mit Stills, als auch mit Crosby Stills Nash & Young gespielt. Stills benannte seine Band nach der Stadt Manassas in Virginia, als er und seine Mitmusiker sich für ein Foto auf dem alten Bahnhof von Manassas fotografieren liessen. Das Foto ist auch das Cover ihres gleichnamigen ersten Albums, dessen Songs mehrheitlich aus der Feder von Stephen Stills stammten.

Das dritte Studioalbum des Musikers und das erste Album mit seiner neuformierten Band gilt vielen Fans und Kritikern als Höhepunkt im Schaffen von Stephen Stills.  Beflügelt durch den Erfolg seiner ersten beiden Soloalben und zunehmend frustriert von seinen Mitspielern bei Crosby Stills Nash & Young begann Stills nach einer Tournee mit der Arbeit an seinem dritten Solo-Werk. Wie schon für die beiden Vorgänger-Alben konnte er erneut zahlreiche hervorragende Musiker zur Mitarbeit bewegen. Daneben erwies sich Stills auch im Band-Kontext als ausgesprochener Multi-Instrumentalist.

Die intensiven Aufnahme-Sessions, die oft bis mitten in die Nacht hinein dauerten, schweissten die einzelnen Musiker zu einer wirklichen Band zusammen. Innerhalb kürzester Zeit entstanden so die 21 überwiegend von Stills geschriebenen Titel des Albums, die in vier thematischen Gruppen (entsprechend den vier Seiten der originalen Doppel LP-Veröffentlichung) angeordnet sind. Das Album beginnt mit dem Kapitel "The Raven", das vornehmlich aus einer Kombination von Rock- und Latin-Stücken besteht und daher ganz Stephen Stills' Vorliebe für lateinamerikanische Musik zur Geltung bringt. Aus diesem Kapitel stammt der Titel "Rock & Roll Crazies / Cuban Bluegrass", der auch als Single veröffentlicht wurde, sich jedoch nicht unter den ersten 100 der US-Charts platzieren konnte. Das zweite Kapitel, betitelt "The Wilderness", setzt den Akzent auf traditionelle amerikanische Country- und vor allem Bluegrass-Klänge, bei denen die musikalischen Fähigkeiten der Gitarristen Chris Hillman und Al Perkins in den Vordergrund rücken. Höhepunkt des Kapitels ist der Titel "So Begins The Task", geschrieben von Stephen Stills, der sich zu einem Stills-Klassiker entwickelte und später unter anderem von Judy Collins gecovert wurde. Der dritte, "Consider" genannte Teil bietet vor allem Folk und Folkrock. In diesem Kapitel finden sich auch zwei der bekanntesten Lieder des Albums: das herrlich swingende "It Doesn't Matter", stilistisch und vor allem rhythmisch ein bisschen an Steely Dan's "Do It Again" angelehnt, das als weitere Single-Auskopplung einen respektablen Platz 61 der amerikanischen Hitparade erreichte, sowie "Johnny's Garden", eine Hommage von Stephen Stills an den schrulligen Gärtner seines englischen Landhauses, die Stills noch heute bei Konzerten spielt (nachzuhören etwa auf seinem Album "Live At Shepherd's Bush" aus dem Jahre 2009). Das Kapitel enthält ausserdem den Song "The Love Gangster", den Stills gemeinsam mit Bill Wyman von den Rolling Stones geschrieben hatte. Wyman ist hier auch am Bass zu hören. "Rock & Roll is Here To Stay" heisst das vierte und letzte Kapitel des Albums. Es besteht aus Rock und Bluesrock-Stücken, von denen besonders das acht-minütige Werk "The Treasure" herausragt.

Das Album wurde schon kurz nach seinem Erscheinen ein grosser Erfolg: Es erreichte Platz 4 der Billboard Charts und trug zum weiteren Ruhm aller Mitmusiker bei, die schliesslich auf eine ausgedehnte Tournee gingen. Doch nicht nur Kritiker und Fans betrachteten "Manassas" als ein Highlight in der Karriere von Stephen Stills. Auch Stills selbst bezeichnet das Doppelalbum als eine seiner besten Arbeiten. Bill Wyman hat angeblich einmal gesagt, er hätte die Rolling Stones verlassen, um bei Manassas spielen zu können.



THE DAVE PIKE SET - Live At The Philharmonie (MPS Records MPS 15257, 1970)

Als dieses hervorragende Konzert-Dokument des Dave Pike Set Anfang 1970 erschien, was der Vibraphonspieler Pike auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt. Zusammen mit dem Gitarristen Volker Kriegel, Johann Anton Rettenbacher am Bass und Peter Baumeister am Schlagzeug spielte Pike in der Berliner Philharmonie am 7. November 1969 ein herausragendes Live-Konzert, das mitgeschnitten und veröffentlicht wurde. Das Konzert fand im Rahmen der Berliner Jazztage 1969 statt und Dave Pike sorgte dabei für einen der akustischen Höhepunkte.

Was das Quartett besonders auszeichnete war die Tatsache, dass es ausschliesslich eigene Kompositionen spielte, entweder aus der alleinigen Feder von Dave Pike oder in Kollaboration mit Volker Kriegel, der wiederum ebenfalls eigenes Material beisteuerte. Dabei ergab sich zwangsläufig eine extrem interessante und vielschichtige stilistische Mixtur, denn Volker Kriegel arrangierte beispielsweise seine eigenen Songs in erster Linie für die klassische Gitarre, wohingegen Pike zwar im Jazz verwurzelt, jedoch auch ein grosser Fan beispielsweise der Beatles oder Frank Zappa war, weshalb er oft und gerne kundtat, dass diese beiden in seinen Augen äusserst innovativen und ständig nach Neuem suchenden Interpreten eine grosse Wirkung auf ihn ausübten und ihn zu seinen eigenen Kompositionen in nicht unerheblichem Masse inspirierten. So war seiner Meinung nach letztlich auch der Erfolg ein stückweit auf diese beiden Komponenten in der gemeinsamen Musik zurückzuführen, die für ihn eine Art Jazz-Pop Fusion darstellte, oder wie es John O'Brien-Docker formulierte, als er die Band am Konzert ansagte: "Eine interessante Mischung aus Erfahrung und Erfindung". 

Und in der Tat wusste das vierköpfige Set, wie man ein breites Publikum, das nicht nur jazz-affin war, zu begeistern vermochte: Mit einem substanziellen, durchdachten und niveauvollen Konzept, das weder vor traditionellen Jazzmustern, noch vor innovativen Einflüssen der damals jüngeren Zeit zurückschreckte, spielte das Quartett einen bis dato selten gehörten exotischen Mix aus freiem und straightem Jazz, progressivem Rock, orientalischen Sounds und eindeutig popmusikalischen Elementen, wie sie beispielsweise auch die Beatles in ihrer experimentellen Phase ab 1966 in ihre Stücke einbauten und die sich vom einfachen Lala der früheren Jahre abhoben.

Die gefühlt und erlebt viel zu kurze halbe Stunde dieses ausgezeichneten Konzertmitschnitts beginnt mit der von Pike und Kriegel komponierten Hommage "Hey Duke", welche sich aus drei einzelnen Teilen zusammensetzt, und die dem Musiker Duke Ellington gewidmet ist. Das nachfolgende "Mambo Jack The Scoffer" präsentiert Volker Kriegel an der Konzertgitarre. Kriegel zeigt in dem Stück verschiedene, recht abwechslungsreiche musikalische Motive auf überaus anmachende Art und Weise, indem er sich beispielsweise gar klarer Elemente aus der Countrymusik bedient. Ausgangspunkt zu dieser Komposition war laut Kriegel die Erinnerung an den legendären New Yorker Tanzlehrer Mambo Jack, der ihn zu diesem Stück anregte. "Riff For Rent", das die erste Seite der LP beschliessende Kriegel-Stück ist ein herrlich swingender Blues in Achtel-Rhythmik. Der Titel lebt vor allem von der bärenstarken Rhythmik-Unterstützung des Bassisten und des Schlagzeugers, über welchem Dave Pike und Volker Kriegel abwechslungsweise solieren und gemeinsame Interaktionen präsentieren.

Die zweite Seite der LP beginnt mit dem länngeren Titel "Nobody's Afraid Of Howard Monster" aus der Feder des Bassisten Johann Anton Rettenbacher, das eine vertrackte Rhythmik präsentiert, die äusserst anspruchsvoll ist: Ein Thema, in dem das Metrum von Takt zu Takt wechselt: Beginnend mit 4/4, über 5/4, 6/4, 7/4, 6/4, 5/4 und 2/4. Dave Pike's Solo im 4/4, Volker Kriegel's im 7/4-Takt. Dach einem integrierten Schlagzeug-Solo wechselt Bassist Rettenbacher zum Cello, präsentiert ein Bluesmuster, abwechselnd 11- und 12-taktig, danach folgt noch einmal ein Schlagzeug-Solo und die Tour De Force des Anfangsteils wird noch einmal zum Besten gegeben. Schliesslich folgt die von Volker Kriegel geschriebene Nummer "The Secret Mystery Of Hench" und mit ihr ein Hauch indischer Musik - fremdartig und sehr friedlich, das pure Gegenteil zur davor präsentierten Hektik des Rettenbacher-Stücks. Diese Vielfalt in der Musik ist das Geheimnis des Dave Pike Set, ganz klar. Anfangs lieblich und einlullend, steigert sich diese letzte Nummer zum musikalischen Inferno, einem freien kollektiven Chaos, inmitten dessen Rettenbacher ein brilliantes Flageolett vorführt.

Das Plattencover entsprang einer Idee von Dave Pike, der auf der Frontseite die spielende Band und auf der Rückseite das Publikum des Konzertes in der Berliner Philharmonie abbilden sollte. Diese einmalige Performance von vier hochkarätigen Künstlern stellt noch heute eines meiner Lieblingswerke aus dem Bereich Jazz dar.




Feb 4, 2016


BRIAN PROTHEROE - Pinball (Chrysalis Records CHR 1065, 1974)

Brian Protheroe war auf ganz eigentümliche Weise zu einem mittleren Hit gekommen: Einerseits mit viel Glück und andererseits über einen Umweg ausserhalb der Musikszene. Protheroe, im Jahre 1944 geborener Sänger, Songschreiber und Schauspieler, fasste erstmals Fuss in der Musik in der Mitte der 60er Jahre, als er einer Band mit dem witzigen Namen FBI angehörte, was als Abkürzung stand für FOLK BLUES INCORPORATED. Mit dieser Band tingelte er durch die Clubs, meist in London oder rund um die Hauptstadt Englands. Daneben arbeitete er aber auch immer als Theater-Schauspieler, und 1973 schrieb er einen Song für ein Theaterstück, an welchem er gerade arbeitete. Das Stück hiess "Death On Demand" und Protheroe spielte darin einen Pop Sänger. Hierzu schrieb er den Song "Pinball".

Das Theaterstück "Death On Demand" wurde in der Folge einige Male aufgeführt und in einer dieser Aufführungen sass auch ein Mitarbeiter der Plattenfirma Chrysalis Records im Publikum, der den Song sofort liebte, Brian Protheroe einen Kontakt zum Plattenlabel besorgte und so erreichte, dass dieser Song als Single veröffentlicht werden konnte, da der Talentscout von der hohen Qualität des Songs und der Möglichkeit, ihn einem breiten Publikum zugänglich zu machen, überzeugt war. So war es denn auch: Als die Single "Pinball" im August 1974 erschienen war, kletterte sie in den englischen Charts hoch bis auf Rang 22. Die Single wurde musikalisch verfeinert durch ein herrliches Saxophon-Solo des Jazzmusikers Tony Coe und bescherte Protheroe einen mehrjährigen Plattenvertrag. Die gleichnamige LP erschien schon wenige Wochen später, nachdem die Single "Pinball" im Radio einen festen Sendeplatz erobert hatte. Die LP enthielt ausschliesslich Eigenkompositionen, Kollaborationen mit dem Texter Martin Duncan und zwei Stücke aus der alleinigen Feder von Martin Duncan.

Die kurze Zeit später veröffentliche LP selben Namens war leider kein Verkaufsschlager, wohl auch deshalb, weil kein adäquater Nachfolger der ersten Single darauf zu finden war. Die zweite Single, das aus dem Album ausgekoppelte "Fly Now" blieb in den Regalen der Plattenläden hängen. Trotzdem veröffentlichte Protheroe in den folgenden Jahren drei weitere Alben für Chrysalis Records, und zwar das 1975 erschienene "Pick-Up" und die beiden 1976 erschienenen LP's "I/You" und "Leave Him To Heaven". Eine Reihe bekannter Musiker waren auf seinen Folgealben zu hören, die aber leider nicht dabei helfen konnten, den Popularitätsgrad des Soft Rock Sängers mit der gefühlvollen Stimme, der beispielweise an Peter Sarstedt, Gilbert O'Sullivan oder die Gruppe Blue erinnerte, merklich zu steigern. So spielten etwa beim 1975er Werk "Pick-Up" der Steel Gitarrist B.J. Cole sowie Pianist John "Rabbit" Bundrick mit, auf "I/You" gar Barry DeSouza, Ian Anderson, Barriemore Barlow (beide von Jethro Tull) und Schlagzeuger Simon Phillips.

Das erste Album "Pinball" indes ist von seiner Schlichtheit her wohl doch am Ende Brian Protheroe's Bestes gewesen, weil es auf schlichte, schnörkelloe und äusserst angenehme Art eine Sammlung von hochkarätigen Poprock-Kompositionen präsentierte, die typisch waren für die damalige Zeit und leider weitgehend unbekannt blieben, ausser dem Titelstück, das immerhin oft und gerne im Radio gespielt wurde.

Protheroe wandte sich einige Jahre später hauptberuflich ausschliesslich der Schauspielerei zu und wirkte in zahlreichen Theaterstücken, TV-Produktionen und Musicals mit.

Feb 3, 2016


THY WIZARDS O'MOURN - Noblesse Sauvage (Earborn Records ER101, 1983)

In den 80er Jahren hatte es auf's instrumentale Minimum reduzierter britischer Folk relativ schwer. Die Zeiten waren einfach nicht populär genug, mit fast schon intim anmutenden Songs, die lieblich, zurückhaltend und bisweilen etwas sperrig, immer aber sehr traditionell aufgebaut waren, ein breiteres Publikum zu erreichen.

Die Gruppe um das Komponisten-Duo Grahame Finch und Elefteria Barker bietet auf ihrem leider einzigen Album eine stimmige und einnehmende Sammlung von 13 gefühlvollen Titeln, die sowohl schottischen, wie irischen Bezug haben und ihre musikalischen Roots vor allem bei traditionellen Musikern wie John Renbourn oder der Gruppen Dando Shaft und Pentangle haben, allerdings ohne deren zeitweiligem Rock-Anteil. Die Besetzung verspricht alleine schon authentische Folklore: Bagpipes, Uillean Pipes, Fiddle, Flute, Bodhran, Pennywhistle oder die geläufigen Saiteninstrumente Mandoline und Banjo. Auch eine Harfe kommt zum Einsatz, die dann vor allem die entsprechenden Songs sehr verträumt arrangiert, nachzuhören etwa in den Titeln "At The Old Wardrobe" oder dem traditionellen Sea Shantie "Put Yer Shoulder Next To Mine".

Die Band wurde komplettiert durch Lloyd Shepherd, Allen Humes, Katherine Yarwood und Sioban McAllister. Aufgenommen in London, stammte die Band aus den Midlands und war wohl in den grossen Städten Englands oft auf kleineren und grösseren Folkfestivals zu hören. Das Album "Noblesse Sauvage" wurde auf einem kleinen Independent Label veröffentlicht, über das sich leider keine weitergehenden Informationen finden lässt, ausser, dass es in London beheimatet war.

Die musikalischen Highlights dieses schönen und sehr ruhigen und unspektakulären Albums sind neben den bereits erwähnten "At The Old Wardrobe" und "Put Yer Shoulder Next To Mine" sicherlich das sich über 8 Minuten ausdehnende "The Cliffs of Old Tynemouth", aber auch das traditionelle schottische Volkslied "Lord Saltoun And Auchanachie" aus dem 19. Jahrhundert, das es auch in bekannten Interpretationen von Sinead O'Connor und June Tabor gibt, sowie "Get Up And Bar The Door", von dem es auch eine neu bearbeitete Version von Martin Carthy (auf dessen LP "Shearwater") gibt.

FLASHBACK REMNANTS - Garden Of Pain (Stuck Inside Records SIR1, 1970)

Von all den obskuren, psychedelisch angehauchten Progressive Rock Platten dürfte die einzige LP der Flashback Remnants die wohl Unbekannteste geblieben sein. Das Quartett aus Wisconsin bestand aus dem Sänger und Gitarristen Andy Kingrel, dem Keyboarder Derek Winestone, dem Bassisten Brett Sunkov und dem Schlagzeuger Harold Palmblatt, und es ist so gut wie unmöglich, an Informationen an diese tolle Band zu kommen, die wohl auch nur kurze Zeit existiert hat. 

Die musikalische Grundausrichtung der Band war am typischen US-Rock der ausgehenden 60er Jahre angelehnt, mit einigen hörbaren stilistischen Reminiszenzen etwa an The Ultimate Spinach, die ebenfalls einen Schuss Psychedelik in ihrem Sound aufwiesen. Die Flashback Remnants waren allerdings klar progressiver ausgerichtet, und einige Stellen auf der Platte, welche die Band im Eigenvertrieb aufgelegt hatte, klangen schon wie später erfolgreiche Bands aus dem entsprechenden Bereich, etwa wie die frühen Yes, aber auch versponnen und mit Folk-Anteilen, ähnlich etwa wie Dr. Strangely Strange.

Die A-Seite bietet mit dem Titeltrack "Garden Of Pain", der sich über 19 Minuten erstreckt, eine seitenfüllende Suite, die sehr abwechslungsreich klingt, angefangen von rein psychedelischen Soundcollagen, über loses Jammen bis hin zu brachialen Ausbrüchen, die wiederum vor allem von der stark verzerrten Gitarre dominiert werden, wie sie etwa bei der Band Frijid Pink prägnant war, allerdings klar ohne deren bluesigen Background. Die B-Seite der LP ist ein Sammelsurium aus 5 sehr unterschiedlichen Stücken, die stilistisch zwar weitgehend unzusammenhängend wirken, jeder für sich allein genommen allerdings extrem gut durchkomponiert und detailfreudig arrangiert ist.

Etwa der Opener der B-Seite mit dem Titel "Hangman's Call", ein waschechter Hard Rock, der stark an den bleischweren Black Sabbath-Arrangements angelehnt ist, allerdings dank seiner stark verzerrten Hammond Orgel auch in Richtung Vanilla Fudge oder Deep Purple schielt. Der zweite Titel dann etwas völlig anderes: In "What's The Matter Here" spielt die Band schon fast lieblichen, eher britisch angelehnten Soft Psychedelik Pop der ziemlich abgedrehten Art mit effektreich verfremdeten Chorstimmen. Im nachfolgenden "Air Blast" erklingt früher Pink Floyd-Sound der Syd Barrett Phase, ein freies psychedelisches Jam-Stück mit ständig im Hintergrund wahrnehmbaren Windgeräuschen. Song 4 dann wieder eine Rock Nummer mit einer vertrackten Rhythmik, die den Song leider eher holperig als irgendwie anspruchsvoll macht, vielleicht so eine Art King Crimson, gespielt von Amateuren. Trotzdem hat auch dieses "Modeerf Liart" (Freedom Trail rückwärts geschrieben!) seinen ganz besonderen Reiz, weil es ziemlich abseitig klingt und eine weitere recht seltsame Farbe in diese Platte bringt. Beim abschliessenden "Garden Of Pain Reprise" erklingt dann ein Mischmasch aus einzelnen Passagen des langen Titelstücks, unterlegt mit einem pulsierenden Psychedelik-Rhythmus, der noch einmal richtig interessant ist, stark an Sky Saxon & The Seeds erinnert und - zumindest hier wieder - alles andere als amateurhaft klingt.

Der Umstand, dass es sich beim LP-seitenfüllenden Titelstück um eine Band-Komposition handelt, wohingegen die ersten vier Stücke der B-Seite jeweils von je einem Bandmitglied einzeln komponiert wurden, lässt darauf schliessen, dass jeder Musiker der Flashback Remnants die Möglichkeit hatte, sich individuell auszudrücken, was ein Jahr später zum Beispiel auf Pink Floyd's "Atom Heart Mother" ebenso arrangiert war. Auch dort gab es mit dem seitenfüllenden "Atom Heart Mother" ein Gemeinschaftswerk der gesamten Band und auf der B-Seite je ein Stück eines jeden Bandmitglieds.

Ueber die Musiker ist nichts bekannt, ob sie später allenfalls weiter im Musikbusiness unterwegs waren, weshalb diese sehr obskure, aber äusserst interessante LP ihr einziges Werk war, das wohl auch nur in geringer Stückzahl gefertigt und vermutlich lediglich lokal vertrieben wurde. Im Netz finden sich keinerlei Informationen - weder zur Band, noch zu deren Protagonisten.

Jan 29, 2016


THE FARM BAND - The Farm Band (Mantra Records 777, 1972)

Philip Schweitzer und Thomas Dotzler, zwei Hippies, die auf diesem Album alle Songs, beziehungsweise alle Jams, komponiert haben, lebten Anfang der 70er Jahre in einer Hippiekommune in Tennessee, die sich schlicht "The Farm" nannte und in Stephen Gaskin, einem Professor des San Francisco State College und dessen Podiumsdiskussionen um das erleuchtende Thema psychedelischer Erfahrungen in Bezug auf die Weltreligionen (!) seinen Ursprung fand. Ab 1970 starteten etliche Schulbusse, VW Bullis, Trucks und Campers und zogen quer durch die vereinigten Staaten als erleuchtender Konvoi, der immer mehr Hippies anzog, die sich zu einer alternativen Lebensweise stärker hingezogen fühlten als zu den engen Strukturen eines bürgerlichen Lebens. Der Konvoi besuchte Colleges, Kirchen und andere Jugend-Institutionen, um ihre Message eines freien, selbstbestimmten Lebens zu verbreiten. Als die Hippie-Gemeinschaft 1971 von einer dieser Missionen zurückkehrte nach Kalifornien und erneut um viele Anhänger gewachsen war, entschloss man sich, alles Geld der mittlerweile über 300 Anhänger in einen gemeinsamen Pool zu legen, damit ein grosses Stück Land zu kaufen und als Selbstversorger-Kommune gemeinsam zu leben. Noch im selben Jahr fand sich die Community in Tennessee wieder, wo sie in der Folge die Martin Farm in Summertown erwarb, später die Black Swan Ranch mit ihren 1050 Hektaren Land und schliesslich noch einmal ein paar Tausend Hektaren bewirtschaftbares Land südlich von Nashville. Damit war "Die Farm" lanciert.

1972 entstand auch die Homegrown Rock'n'Roll Band, die keinen Namen hatte, und die aus Mitgliedern der Kommune bestand, die jedoch als "The Farm Band" eine Reihe "Coast-to-Coast" Tourneen bestritt, um an Open Air- oder Campus-Happenings an Universitäten gratis Konzerte zu bestreiten und dabei Werbung für ihre alternative Lebensweise auf der Farm zu machen, was zur Folge hatte, dass sich immer mehr junge Menschen dazu entschlossen, sich der Community anzuschliessen, ihre Existenzen aufzugeben und der Gemeinschaft nach Tennessee auf deren Lebens-Oasen zu folgen. 1972 wurde auch die seriöse Bevölkerung immer aufmerksamer auf die mittlerweile auf fast 500 Mitglieder angewachsene Gemeinschaft. Al Gore, der spätere Präsidentschaftskandidat, damals jedoch noch junger Zeitungsjournalist, schrieb einen ersten grösseren Bericht über die Community, die in der Zeitung The Nashville Tennessean veröffentlicht wurde - und natürlich weitere Mitglieder anzog. Noch einmal kaufte die Community Land dazu, diesmal 700 Hektaren in Hickory Hill. Nun wurden auch die "Farm Clinic" und die "Farm School" eröffnet, damit sowohl die medizinische Versorgung, als auch die Einschulung für die kleinen Kinder, die inzwischen das Schulalter erreicht hatten, gewährleistet war. Aus dem intensiven Anbau von Gemüse, Salaten und Früchten entstand die "Good Tasting Nutritional Yeast Mail Order Company", welche bis ins Kleinste perfekt organisiert war und der Community eine solide und dauerhafte Einnahmequelle sicherte, die sie wiederum ausschliesslich für die Gemeinschaft einsetzte und nicht gewinnorientiert anlegte.

Stephen Gaskin's Buch "Hey Beatnik!" folgte im Jahr darauf, stiess auf immenses Interesse und fand grossen Absatz. Das Buch öffnete die Tore zur Farm-Gemeinschaft, erklärte Philosophie und Gedanken hinter der Kommune und konnte als ernstgemeinte Absage zum bürgerlichen Leben verstanden werden. Der eigene Radiosender erhielt den Namen "Ham" und auch die amerikanische Justiz hatte sich bald mit der Community zu tun, etwa, als es darum ging, den Anbau und Konsum von Gras einem religiösen Sakrament gleichzusetzen. 1974 gründete die Kommune die Interessengemeinschaft "Plenty USA". Inzwischen lebten mehr als 750 Menschen innerhalb der verschiedenen Farm-Betriebe, unter anderem schon 160 verheiratete Paare und 250 Kinder. Ueber die folgenden paar Jahre werden Plenty Centers vielerorts in Amerika, in der Karibik, in Guatemala und Zentralamerika, in Afrika und in Bangladesh eröffnet. Alle mit dem Ziel, einem gemeinsamen alternativen Farmleben zu folgen, das sich vor allem auf die natürliche und unabhängige Produktion von Nahrungsmitteln konzentrieren sollte und sich dadurch Unabhängigkeit gegenüber der grossen Konzerne zu schaffen, was nicht immer gelang. Es folgten weitere Buchveröffentlichungen, die komplette finanzielle Unabhängigkeit gegen Ende der 70er Jahre und eine kontinuierliche Weiterentwicklung, die erst eine dramatische Wende erfuhr, als aus der Gemeinschaft verschiedene kleinere Kooperationen gegründet wurden, was zu wesentlich mehr Eigenverantwortung für viele Bereiche des Alltags führte. Diese Organisationsänderung hatte eine ziemlich grosse Abwanderung zur Folge, sodass die Farm-Community zwar auch heute noch besteht, jedoch nur noch über rund 300 Mitglieder verfügt, die jedoch noch immer im Grundsatz dem Lebens-Credo ihres geistigen Vaters Stephen Gaskin folgt.

1972 wie gesagt, entstand auch Musik der Farm-Mitglieder. Die erste Platte, welche nicht in Shops oder Mail Orders, sondern ausschliesslich an Konzerten der Farm Band erworben werden konnte, war das selbstproduzierte und herausgegebene Doppelalbum "The Farm Band", das manchmal auch unter dem Namen "OM" bekannt ist, jedoch diesen Begriff nur in den Inner Sleeves als Untertitel in der Ueberschrift trug. Darauf finden sich wundervolle Hippiethemen, musikalisch alles andere als laienhaft vorgetragen, sondern von versierten Musikern gespielt, die allerdings allesamt keine Profis waren. Zwar wird der Platte alles Mögliche an stilistischen Elementen nachgesagt, wie zum Beispiel Psychedelik Rock, Country Rock oder Folk Rock. Ich bin indes der Meinung, es handelt sich um saugemütliches Jam-Gekiffe mit Hippie-Approach, das seine Inspirationen sowohl aus den indischen Mantras, als auch beim anpsychedelisierten amerikanischen 60's-Folk holt. Es gibt hier so viele wundervolle Momente, in denen man sich auf einer perfekte Zeitreise in die Hippie-Aera zurückversetzt wähnt, und kann dazu wundervoll entspannen - am besten mit Räucherstäbchen und einem ganz speziellen Kräutertee. Wahlweise auch mit einem wohlschmeckenden Tütchen. Das 12 minütige "Being Here With You", das ebenfalls 12 Minuten lange "Keep Your Head Up High" sowie das auf 17 Minuten ausgelegte missionarische "I Believe It" sind die Glanzlichter dieses wundervoll spinnerten Doppelalbums, dem in den Jahren darauf drei weitere folgen sollten, nämlich "Up In Your Thing" (1973), "On The Rim Of The Nashville Basin" (1975) und "Communion" (1977). Hauptsongschreiber Thomas Dotzler veröffentlichte 1980 schliesslich auch noch ein weiteres Album unter dem Bandnamen The Nuclear Regulatory Commission mit dem Titel "Reactor", ebenfalls mit Mitgliedern aus der Community und einem völlig veränderten Musikstil, nämlich modern arrangiertem New Wave und einem kleinen Häppchen Art Rock. Diese Mischung entsprach aber so gar nicht dem Spirit der Farm-Bewegung und wurde auch kaum nennenswert verkauft (wiederum ausschliesslich bei Auftritten).











Jan 28, 2016


ALAN BURANT - Occam's Razor (Active Records ACTS 69-01, 1999)

Alan Burant ist vor allem in seiner Heimat Kanada als Radiomoderator einer Prog Rock Sendung bekannt ("Erotic Dancer's Guide To Fine Music"). Der Musiker spielte jedoch immer schon auch Musik und im Jahre 1999 begann er mit den Aufnahmen zu einem eigenen Album, das leider bis heute sein einziges geblieben ist. Beim Komponieren und Arrangieren der Stücke dieses hervorragenden und abwechslungsreichen Werks standen seine persönlichen Favoriten natürlich Pate, und so finden sich auf dem Album "Occam's Razor", das nach dem Namen seiner Touring Band benannt ist, auch zahlreiche musikalische Reminiszenzen an Yes, King Crimson, Styx oder auch Gong und letztlich - wenn es dann und wann in Richtung Prog Metal geht - auch Dream Theater.

Burant gründete Occam's Razor im Jahre 1996 in Edmonton. Obwohl eigentlich als eigenständige Band geplant, dienten die Musiker aufgrund des Bekanntheitsgrades von Alan Burant in Kanada letztlich ausschliesslich als Begleitgruppe für Burant, was der Qualität der Musik jedoch keinen Abbruch tat, denn die Songs stammten nicht nur aus der alleinigen Feder des Bandleaders, sondern waren mehrheitlich Kompositionen im Kollektiv, einige auch nur von Burant und Leadgitarrist Glenn Gray. 

Alan Burant sang, spielte Gitarre, Keyboards, Percussions und schrieb alle Songtexte, die manchmal etwas komplex wirkten, jedoch typisch sind für das musikalische Genre des progressiven Rock. Der Gitarrist Glenn Gray wiederum verstand es ausgezeichnet, den verschiedenen Stücken mit entsprechenden Saiten-Künsten immer wieder wechselnde Farbtupfer zu verpassen, sei dies mit der elektrischen Gitarre oder auch mal mit der Mandoline. Mit Letzterer vor allem bei den zum Folk-Prog tendierenden Stücken. Keyboarderin und Background-Sängerin Corrine Lillo, sowie Bassist Ian Whitman und Scott Arrison am Schlagzeug vervollständigten das Line Up. Vor allem der Bass-Bereich variierte in den Stücken auch hörbar. Dies, weil Ian Whitman sowohl mit elektrischem Bass, wie mit bundlosem und auch akustischem Bass spielte, das den Songs viel Abwechslung auch in den tiefen Tönen verpasste. Die beiden Gastmusiker Mike Spindloe am Saxophon und Geoff Redman an der akustischen Gitarre sorgten für zusätzliche akustische Akzente.

Die Musik auf dem klanglich hervorragend produzierten Album hat ihre Wurzeln allerdings weniger im Sound der 70er Jahre, sondern eher in jenem der 80er und 90er Jahre. Insbesondere der manchmal an den Glam Rock erinnernde Gesang, sowie etliche Gitarrenpassagen mit stilistischer Nähe etwas zu Queensryche oder Journey machen das Album zu einem klanglich eher typischen Werk aus jener Zeit, das allerdings aufgrund der Spannung und des Abwechslungsreichtums noch heute frisch und unverbraucht klingt. In Titeln wie "More To Realize", "Mirror Image" oder "Surround" kann man diesen zeittypischen Progressive Rock eindrücklich heraushören, wohingegen man instinktiv an Bands wie Jade Warrior denkt, wenn die filigranen Klänge und feinen akustischen Arrangements von "Total Strangers" oder "Occam's Razor" ertönen, welche von zarten Akustikgitarren-Sounds getragen sind. Gerade bei den eher balladesken Songs hört man stilistisch auch eine gewisse Nähe zu beispielsweise Saga heraus.

Als zusätzliches Tüpfelchen streift Alan Burant hier auch noch den typischen Bombast, respektive den Pomp Rock, so etwa im Stück "Vertigo" oder auch im über 16 Minuten langen "Within Without With You" - meinen persönlichen Favoriten, welche schon fast Queen-ähnliche Passagen aufweisen. Fans von Journey, Saga, Queensryche oder auch Styx, Gong oder King Crimson werden bei dieser Platte glänzend unterhalten.

Viele von Alan Burant's wöchentlichen Sendungen "Erotic Dancer's Guide To Fine Music" kann man auf seiner Soundcloud-Seite anhören. Da gibt es ganz tolle Sachen zu entdecken, aber auch schöne vergangene Sounds zum wiederhören.

https://soundcloud.com/alan-burant




PATRICK O'HEARN - Metaphor (Deep Cave Records 1002-2, 1996)

In Zeiten sinnloser Hektik, unberührender Oberflächlichkeit und nichtssagendem Kommerz wirken Platten wie Patrick O'Hearn's Werk "Metaphor" wie kleine unberührte Inseln der Glückseligkeit, auf denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und um die irgendwelche modischen Strömungen einen weiten Bogen machen. "Metaphor" ist eine Platte zum abschalten, zum geniessen, zum sich ausklinken von der Routine des Alltags. "Metaphor" ist ein Kunstwerk, das Zeiten überdauern kann, ohne Schaden zu nehmen. Es ist ein Monument der Beharrlichkeit, wie sie nur aus dem Kopf eines Musikers stammen kann, der Musik als künstlerische Ausdrucksform versteht, und nicht auf billiges Unterhalten aus ist.

Ob Patrick O'Hearn wirklich dem New Age zugehörig ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Eigentlich wirkt seine Musik dafür zu greifbar, zu zwingend. Das hat vielleicht auch mit dem musikalischen Background dieses Musikers aus Los Angeles zu tun: Einerseits hat er viel Filmmusik komponiert, andererseits war er auch in der Rockmusik tätig, wo er unter anderem Mitglied der Missing Persons war, jener Band von Ex-Zappa Schlagzeuger Terry Bozzio. In Zappa's Band war er zwei Jahre lang Bassist, hat aber davor auch mit Jazz-Grössen wie Charles Lloyd, Joe Henderson, Dexter Gordon, Joe Pass, Woody Shaw, Eddie Henderson und Bobby Hutcherson gespielt.

Einem grösseren Publikum wurde er schliesslich bekannt, als Peter Baumann, der Musiker der Gruppe Tangerine Dream, Patrick O'Hearn für sein eigenes Plattenlabel entdeckte und ihm mit der Group 87 einen grösseren Bekanntheitsgrad bot (das Private Music Label). Das Ergebnis war die Platte "Ancient Dreams" im Jahre 1985. In der Folge produzierte O'Hearn weitere Alben, die immer stärker Bezug zum New Age, zum Jazz der eher experimentellen Art und zum freien und formlosen Spiel nahmen.

Als er nach weiteren Jahren der Filmmusik wieder Soloplatten aufnahm, ermöglichte ihm dies das neu gegründete Label Deep Cave Records, das ihm einen Vertrag für zwei Alben anbot: "Trust" (1995) und "Metaphor" (1996). Für beide Alben griff der Musiker auf seine langjährigen musikalischen Freunde zurück, sodass sowohl auf "Trust", wie auf "Metaphor" unter anderem wieder der Ex-Missing Persons Musiker Warren Cuccurullo mit dabei war. Zusätzlich zum Bass-Spiel von O'Hearn, der hier auf diesem Werk auch sehr viel Perkussion, Keyboards und "Objects" spielt, gesellt sich auch der Gitarrist David Torn, der für die organische Manipulation von elektronischen und akustischen Instrumenten und Spieltechniken, die eine atmosphärische oder strukturelle Qualität und Wirkung erzielen, bekannt ist. Er ist besonders bekannt für seinen Einfluss auf die Entwicklung des sogenannten "Guitar Looping Effect".

Die 9 Stücke auf dem Album klingen oft fragmentarisch, sind der Minimal Music bisweilen recht nahe und haben trotzdem meist ine durchgehende Struktur, sind also bei weitem nicht so frei, wie O'Hearn sonst auf seinen Soloalben unterwegs war/ist. Der Reiz in den Stücken liegt einerseits in der ganz speziellen Atmosphärik, die auf den Zuhörer extrem beruhigend wirkt, andererseits aber auch auf die dezenten perkussiven, meist rhythmisch ausgelegten Untermalungen, die Wohlgefühl suggerieren, das allerdings nicht irgendeinem eher oberflächlichen New Age Muster folgt, sondern sehr anspruchsvoll zu verwöhnen vermag. Patrick O'Hearn bietet hier im Grunde genau jene Art von Musik für die Sinne, die sich viele andere New Age Musiker auf die Fahne geschrieben haben, die aber letztlich durch eine zum Teil arg oberflächlich wirkende Umsetzung schuldig bleiben. Vergleiche mit Kitaro beispielsweise kann man hier nicht machen, denn O'Hearn bezieht seine musikalischen Muster fast durchgehend aus der Jazzmusik, weshalb sich insbesondere mit Keyboard- oder gar Synthesizer-Musik überhaupt keine Parallelen ausmachen lassen.

Herausragende Titel gibt es nicht, das Werk muss als Ganzes verstanden und auch so angehört werden. Es ist eine Platte zum Abtauchen vom Alltag, es umschmeichelt einen mit unbekannt und spannend wirkenden Sounds und lässt einen immer wieder spüren, wie schön es sein kann, sich einer Musik hinzugeben, die sämtlicher gängiger und bekannter Muster beraubt worden ist und nur noch sanft auf die Sinne des Zuhörers einwirken soll, ohne ihn in irgendeiner Art und Weise zu fordern oder gar zu stressen.

Jan 22, 2016


JUPITER COYOTE - Cemeteries And Junkyards (Autonomous Records AR1, 1991)

Als der Stilbegriff "Jam Sound" noch wenig bis gar nicht bekannt war - allenfalls mit der typischen Musik von Grateful Dead oder Phish in Zusammenhang gebracht wurde, etablierte sich in den ausgehenden 80er Jahren eine neue Stilrichtung, die sich im wesentlichen über bisweilen uferloses Endlos-Jammen definierte. Ihre Protagonisten hiessen zum Beispiel Widespread Panic, Aquarium Rescue Unit, Col. Bruce Hampton, aber auch die Dave Matthews Band, die inzwischen als musikalische Speerspitze dieser Musikrichtung gilt, nicht zuletzt, weil sie die musikalisch vielfältigste und interessanteste Jam-Musik kredenzt, gekonnt amerikanische Rockmusik-Tradition mit Jazzmusik zu einer eklektischen Einheit zusammenführt, wie das kaum eine andere Gruppe hinbekommt. So weit waren Jupiter Coyote nie. Auch entwickelte sich die Gruppe eher vom stets formbetonten Jammen hin zu einem süffigen Amalgam aus Südstaaten-Rock und ländlicher Country & Western-Romantik und sie war daher dem Americana oft sehr viel näher als dem typischen Sound der Jam Bands.

Das konnte man vor allem beim Debutalbum noch nicht heraushören. Hier wurde noch typischer 70er Jahre Südstaaten-Rock gespielt, musikalisch in der Nähe etwa von Bands wie Wet Willie, den Allman Brothers, der Outlaws oder Doc Holliday, ohne deren Hardrock-Tendenzen allerdings. Jupiter Coyote zeichneten sich auch dadurch aus, dass sie gepflegte, sehr oft sehr elegante und äusserst beschwingte Nummern schrieben, die ohne jegliche Rockattitüden auskamen und schlicht nur klasse unterhielten. Von solchen Nummern hört man auf ihrem LP-Debut von 1991 jede Menge. Am ehesten als Jam-Stück im eigentlichen Sinne geht vermutlich nur das letzte Stück der Platte mit dem Titel "Willow" durch, das aufgrund seiner Lauflänge von fast einer Viertelstunde schon den Zeitrahmen von manchem Jam-Stück erreicht. "Willow" ist denn auch das Highlight auf diesem Album, selbst wenn man nicht ein einzelnes Stück, sondern eher die gesamte Platte bewerten mag. Der Track sticht einfach heraus, sei es durch die äusserst angenehm groovende Rhythmik, oder die lockeren beschwingten Soli. Hier kann man auf jeden Fall Vergleiche mit den Allman Brothers bemühen, ohne zu übertreiben.

Es gibt aber eigentlich nur gute Songs auf diesem Debutalbum, das - welch Zufall - von Allman Brothers Hausproduzent Johnny Sandlin produziert wurde und auch dadurch schon zumindest atmosphärisch die Nähe zu den Allman Brüdern hatte. "Family Tree" etwa stimmt unaufdringlich in das Album ein. Der Song geht vorwärts, wirkt aber nicht angestrengt und rockt auch nicht sonderlich. Vermutlich ist es einfach die Coolness in diesen Stücken, die das Tanzbein hüpfen lässt und wahrscheinlich auch die oft mühelos mitsingbaren Hooklines in den Versen oder den Refrains - eine Besonderheit, die bei Jam Bands oft nicht vorkommt, womit Jupiter Coyote zusätzlich die Nähe zu den klassischen Gesangsgruppen der Südstaaten-Bands aus den 70er Jahren beweist. Nicht nur dieser Opener, auch Titel wie "That's Happnin'" (so herrlich cool'n'groovy) oder "Ship In The Bottle" klingen ein wenig wie die Marshall Tucker Band in den Mitt-Siebzigern.

Die Gruppe spielte hier schon ihren ganz eigenen Stil, eine Art relaxten Southern Rock, den sie selbst gerne als "Mountain Rock" bezeichnet: Einen Mix aus Southern Appalachian Boogie und Bluegrass-getränkten Funk Rock. Eine interessante Definition, die im Grunde wirklich auch gut passt, wenngleich etwa Bluegrass- oder generell reine Country-Elemente erst auf späteren Platten durch den vermehrten Einsatz etwa von Geigen, Banjos und Mandolinen offensichtlich wurden.

Die Band veröffentlichte in regelmässiger Folge immer wieder gute Alben, waren vor allem auch live sehr populär, weil sie auf der Bühne ähnlich wie ihre weitaus berühmteren Stil-Verwandten, die Allman Brothers, oft Stücke durch ausufernde Solis in ihrer Spieldauer streckte, und so die Nähe etwa auch zu Bands wie den ebenfalls in Amerika sehr populären String Cheese Incident fand, mit denen sie auch öfters mal zusammen die Bühne teilte. 

Die Platten von Jupiter Coyote sind weitgehend im Eigenvertrieb auf Autonomous Records erschienen, werden in Deutschland aber von Blue Rose Records vertrieben und sind somit hierzulande weitgehend problemlos zu finden. Neben diesem Debutalbum sind vor allem auch die Alben "Wade" (1993), "Lucky Day" (1995), "Ghost Dance" (1996) oder "Here Be Dragons" (1998) sehr empfehlenswert.

Jan 21, 2016


PETE CARR - Multiple Flash (Big Tree Records BT 76009, 1978)

Gut möglich, dass wer den Namen Pete Carr noch nie gehört hat, den Gitarristen in Wirklichkeit schon hundertfach gehört hat, denn der brilliante Ausnahmekünstler aus Daytona, Florida war lange Zeit einer der begehrtesten und meistgebuchten Studiocracks für berühmte Musiker aus allen musikalischen Bereichen. So findet sich sein Gitarrenspiel auf etlichen Welthits wieder, wie zum Beispiel auf Paul Simon's "Kodachrome", Rod Stewart's "Sailing", den Bob Seger Hits "Beautiful Loser", "Night Moves" und "Against The Wind", neben unzähligen anderen. Er gehörte auch den hochkarätigen Profi-Musikern der legendären Muscle Shoals Studios an.

Pete Carr war auch die eine Hälfte der LeBlanc Carr Band, die mit ihrer Single "Falling" aus dem Album "Midnight Light" in Amerika im Jahre 1977 einen Top Hit feiern konnte. Die LeBlanc Carr Band war indes ein reines amerikanisches Phänomen, das ausserhalb der Staaten kaum beachtet wurde. Und so ist es leider auch im Falle der beiden exzellenten Soloalben von Pete Carr, die dieser auch nur in Amerika veröffentlicht hatte, und die schon damals nur als Importe hierzulande zu kriegen waren, was den Verkaufszsahlen ausserhalb der Staaten nicht gerade förderlich war. Kurzum: Die erste LP "Not A Word On It" von 1976, sowie dieses zweite Album von 1978 waren damals - und sind es heute - kaum bekannt. 

Als Leadgitarrist der Muscle Shoals Studios war Pete Carr offen für alle möglichen stilistischen Bereiche, was ihn zu einem extrem vielseitigen und wandelbaren Musiker machte, der universell eingesetzt werden konnte. So wurde er für Plattenaufnahmen gebucht von Bobby Womack und Wilson Pickett genauso wie von Cat Stevens, Paul Anka oder Joe Cocker und Conny Francis. Er stand auch auf der Bühne neben Paul Simon und Art Garfunkel bei deren legendärem Konzert im New Yorker Central Park am 19. September 1981.

Am Anfang stand als erste Station von Pete Carr's Karriere die Mitgliedschaft in der Band Hourglass, jener Combo, die in den ausgehenden 60er Jahren schliesslich zur Gründung der Allman Brothers Band führte, denn Hourglass war die Band der beiden Allman Brüder Duane und Gregg. Gleich nach dem Split der Band im Jahre 1968 ging Carr zurück nach Florida und begann seine Karriere als Studiomusiker, machte sich dank seiner vielseitigen Art, Gitarre zu spielen sehr schnell einen Namen, was ihn natürlich leider auch daran hinderte, an eine Solokarriere überhaupt zu denken. Das ist schade, denn wenn man sich die hervorragende Platte "Multiple Flash" anhört, wünschte man sich, es gäbe mehr eigenes Material dieses Künstlers zu hören. Bis auf zwei Ausnahmen gibt es hier ausschliesslich Musikstücke aus der Feder von Pete Carr zu hören. Sein hier zum Besten gegebener Stilmix aus Jazz und Funk, über Balladen und Country & Western-Einflüssen bis hin zu Rock'n'Roll-Licks ist wirklich brilliant, aber letztlich wohl doch zuviel für den normalen Zuhörer. Man nennt solche Platten manchmal etwas abfällig 'Musiker-Platten', die zwar von Kollegen hoch geschätzt, vom breiten Publikum aber eher als Ueberforderung angesehen und folglich ignoriert werden.

Bis auf das bekannte "Canadian Sunset" des Eddie Haywood Orchesters aus den 40er Jahren und der Bob Dylan Komposition "Knocking On Heaven's Door" finden sich hier ausschliesslich Eigenkompositionen von Pete Carr, von denen die herausragenden Stücke wohl das Titelstück, aber auch "Rings Of Saturn", "Take Away The Wheels" und "The Southern Cross" sind. Pete Carr hatte für diese Aufnahmen einige der versiertesten Begleitmusiker aufgeboten, die auch zur Crème de la Crème der Muscle Shoals Studios gehörten, wie etwa der Keyboarder Steve Nathan, der für Spyro Gyra tätig war, aber auch auf Platten von Glenn Frey, Mark Knopfler, Queensryche oder der Atlanta Rhythm Section zu hören ist. Ausserdem Saxophonist Harvey Thompson, der in Diensten zahlreicher Soul- und Funk-Stars stand, jedoch auch auf Platten von Donovan, Canned Heat oder Steve Winwood und Lynyrd Skynyrd mitspielte. Schlagzeuger Roger Hawkins wiederum war einer der Mitbegründer der Muscle Shoals Studios und ist wohl den meisten Musikhörern als Mitglied der legendären Band Traffic um Steve Winwood und Jim Capaldi bekannt.

Der Höhepunkt dieser enorm vielseitigen Platte dürfte allerdings die Bob Dylan-Nummer "Knocking On Heaven's Door" sein. Es gibt unzählige Versionen dieses Songs, jedoch dürfte diese hier von Pete Carr insgesamt eine der stimmigsten sein. Sie lebt vom rhythmischen Pendeln zwischen Pop-Ballade und Reggae und bietet eines der gefühlvollsten Gitarrensoli überhaupt. Es ist bedauerlich, dass Pete Carr seinen Hauptfokus stets auf seine Arbeit als Studiomusiker gelegt hat und nicht ernsthafter eine Karriere als Solokünstler angestrebt hat. Ich bin überzeugt, er hätte sich einer wachsenden Popularität erfreuen können. So blieb er letztlich meist im Hintergrund und hat etliche tolle Platten mit seinem hervorragenden Gitarrenspiel veredelt.

Jan 19, 2016


THE TRIFFIDS - Born Sandy Devotional (Hot Records 1023, 1986)

Aus der Schülerband Block Music heraus enstanden 1980 die Triffids, eine australische Neo Psychedelic Band, die jedoch weniger den bewusstseinserweiternden Sounds der 60er Jahre, sondern eher den träumerischen Folk-Klängen verpflichtet war, die Ingredienzen beider Musikstile jedoch gekonnt vermischte und damit einen tollen eigenen Sound mit hohem Wiedererkennungswert kredenzte, was vor allem auch an den von Bandleader David McComb verfassten hochmelodramatischen Texten lag. Kritiker verglichen die Songtexte und die gesangliche Art des Vortragens von McComb mit dem melancholischen Zynismus von Doors-Sänger Jim Morrison und lagen damit wohl nicht allzu falsch. Nur die Musik war nicht Doors-like, sondern eher bodenständig und wesentlich stärker der Realität verpflichtet als einem undurchdringbaren Drogennebel.

Die Band verstand es gekonnt, der üblichen Band-Besetzung aus Gitarren, Bass und Schlagzeug zusätzliche, oft soundbestimmende Instrumente hinzuzufügen, bei denen es sich oft um einzelne Streich-Instrumente wie Violine, Cello oder Viola handelte. Ihre Songs erhielten dadurch einen fast lieblichen Klang, der manchmal in bewusster Opposition zu den bisweilen recht zynischen Songtexten stand. Gerade diese zusätzliche, stilvoll und punktgenau platzierte instrumentale Garnitur machte letztlich den Reiz der Triffids aus und hob sie von anderen Bands aus einem ähnlichen musikalischen Umfeld, wie beispielsweise den damals angesagten Go-Betweens, den Hoodoo Gurus oder auch Nick Cave ab. Nach einer ersten LP und einem nachfolgenden Mini-Album übersiedelte die Band vom australischen Sydney nach London und veröffentlichte ihr wohl bestes Album "Born Sandy Devotional". Das Album erschien 1986 und wurde sowohl von den Musikkritikern, als auch von den Fans frenetisch bejubelt: Die britische Zeitschrift New Musical Express bezeichnete die Platte als Meisterwerk.

In der Tat bietet das Album einen vielseitigen und herrlichen Mix aus gitarrenseligem Folkrock, der in seinen melancholischen Momenten durchaus mit den weitaus bekannteren Bands dieses Bereichs wie den Waterboys oder The Church locker mithalten konnte. Die Band streute nun neu auch klare Country-Elemente in ihre Musik ein und zeigte sich auch dem alternativen Rock zugetan. Für die Nähe zur Countrymusik sorgte der zu diesem Zeitpunkt neu in die Band eingestiegene Graham Lee mit seinen Lap- und Pedal-Steel Gitarren. In der Besetzung David McComb (Gesang, Gitarre, Keyboards), Robert McComb (Violine, Gitarre, Gesang), Graham Lee (Lap- und Pedal-Steel Guitar), Jill Birt (Gesang, Keyboards), Martyn Casey (Bass) und Alsy McDonald (Schlagzeug, Gesang) entstand unter Mithilfe der Gastmusiker Sally Collins (Gesang), Fay Brown (Gesang), Adam Peters (Cello und Piano), Chris Abrahams (Piano und Vibraphon), sowie Lesley Wynne (Viola) ein berauschendes Werk fernab aller damals gerade angesagten Trends. 

Die gesangliche Darbietung von David McComb war voller Hingabe, sehr emotional und die Melancholie, resultierend aus der Sehnsucht nach der Heimat konnte man überall heraushören. Die Triffids spielten immer Songs mit einem grossen Heimatbezug, waren meist reine Poesie und beschrieben die grosse Weite Australiens, vor allem auch die Einsamkeit und die Entfremdung seiner Menschen. Titel wie etwa "Tarrilup Bridge", "Wide Open Road" oder "The Seabirds" zeugen von der grossen Verbundenheit mit der Heimat. "Stolen Property" und auch "Lonely Stretch" sind grossartige Statements über Verlustängste, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, die wundervoll musikalisch verpackt sind und den Zuhörer mitten im Herzen erreichen.

Als die Platte die Band in die Independent Charts gehievt hatte, entschloss sie sich dazu, in Australien Ferien zu machen, bevor sie sich wieder in Richtung England aufmachte. An der australischen Nullabor-Küste quartierten sich die Musiker in einem Lager für Schafwolle ein und bauten ein provisorisches Tonstudio für Aufnahmen auf, aus denen letztlich das Nachfolger-Album "In The Pines" resultierte, das noch im selben Jahr (1986) erschien und ebenfalls begeistert aufgenommen wurde. Vor allem die Kritiker schrieben, dass die Triffids als australische Band inzwischen fast besser und authentischer klingen würden als so manche amerikanische Countryrock Band. Schliesslich wurde die Band - wieder zurück in England - von Island Records Chef Chris Blackwell unter Vertrag genommen und erreichte mit weiteren Plattenveröffentlichungen eine weltumspannende Hörerschaft, die der Band treu an Konzerte folgte und ihre Platten kaufte.

Nachdem sich die Band 1990 getrennt hatte, kam sie später immer wieder mal für einzelne Konzerte zusammen, zuletzt im Jahre 2011 im australischen Perth, zusammen mit The Church und Ed Kuepper.

David McComb indes starb am 2. Februar 1999 an den Folgen von übermässigem Alkohol- und Drogenkonsum, den er auch nicht eindämmte, als bei ihm 1996 eine Herztransplantation vorgenommen wurde.