Jun 20, 2016


ANUBIS - A Tower Of Silence (Bird's Robe Records BRR011, 2011)

"A Tower Of Silence" ("Ein Turm der Stille") ist das zweite Album der australischen Symphonik Progressive Rocker ANUBIS. Australien ist ein Land, das, obwohl eher weniger für progressive Rockbands bekannt, zeigt, dass es auch in Down Under noch immer hervorragende Bands aus diesem musikalischen Bereich zu entdecken gibt. Wie bei anderen Bands aus diesem musikalischen Bereich üblich, bilden auch bei ANUBIS die vielen, ausnahmslos perfekt arrangierten Interaktionen zwischen exquisiten Keyboardlinien und meisterlichen Gitarrenläufen das zentrale musikalische Element. Komplexe Momente wechseln sich ab mit wundervoll einfachen Mustern, es dominieren jedoch stets die grossen Melodien, phantasievoll in Szene gesetzt durch eine durchdachte Progression von einfachen Akkorden. Das Album bietet ätherische Klanglandschaften vom allerfeinsten, ergreifende Themen und herrlich lange Instrumentalpassagen, die den Zuhörer regelrecht davontragen. Die Band verwöhnt den Hörer mit einem grossen Variantenreichtum, bei welchem stets die Melodie im Vordergrund steht, die nie auch nur annähernd irgendwie krampfhaft wirkt, schon gar nicht nach etwelchen intellektuellen Ansprüchen schielt: ANUBIS spielen keinen Kopf-, sondern einen unwahrscheinlich schönen Bauch- und Herz-Prog. 

Die Gruppe ANUBIS besteht aus Robert James Moulding (Gitarre und Gesang, Perkussion, zusätzliche Keyboards und Soundeffekte), David Eaton (Keyboards, Gitarre), Douglas Skene (Gitarre, Gesang), Dean Bennison (Gitarre, Klarinette, Gesang), Nick Antoinette (Bass und Gesang), sowie Steven Eaton (Schlagzeug, Perkussion und Gesang). Als Gastmusiker sind ausserdem Martin Cook, der Flöte und Saxophon beistert, Katrina Shaw und Becky Bennison als Gastsängerinnen zu hören. Produziert hat das Album der Gitarrist Dean Bennison. 

Das Album folgt einem Konzept, bei dem das Thema so aussergewöhnlich wirkt, wie die Musik einnehmend ist: Es erzählt die Geschichte eines elf Jahre alten Mädchens, das in einem Schwebezustand gefangen ist. Es lebte und starb im England des 19. Jahrhunderts in einem Kinderheim. Viele Jahre später dringt eine Gruppe Teenager in das verfallene Gebäude ein,
genauer gesagt in einen Teilbereich der ehemaligen Station, auf welcher das elfjährige Mädchen damals viel psychisches und physisches Leid ertragen musste. Die Gruppe dieser Teenager beginnt ein Spiel, das die Suche nach einer Fluchtmöglichkeit aus dem Gebäude zum zentralen Inhalt hat, ohne dass Jemand der Mitspieler dies mitkriegt. Letztlich soll diese Geschichte aufzeigen, dass sich Niemand unbemerkt sowohl im Diesseits, wie im Jenseits bewegen kann, und dass alle Menschen sich weder im Leben noch nach dem Tode frei bewegen können, weil sie stets Gefangene sind und bleiben. Das Album kann als Metapher für jede Art von Haft, ob Depression, Verlust oder unheilbarer Krankheit dienen. Das Thema, zwischen zwei Ebenen gefangen zu sein, ist das zentrale Konzept des Werks. Auf der Reise zwischen diesen Ebenen befasst sich das Album mit Entfremdung, sozialer Kluft zwischen Arm und Reich und sogar der Frage des Lebens nach dem Tod.

Das Album beginnt mit "The Passing Bell", einem epischen, ja majestätisch zu nennenden Stück. Eine Lawine prächtigster Melodie-Elemente, voller ungewöhnlicher, aber stets hörfreundlicher Momente und wunderbar fliessender organischer und emotionaler Resonanzen. Besonders schön wirkt die Art, wie der Titel stets in seinen einzelnen Segmenten variiert. Einige Passagen erinnern dabei an King Crimson, andere, weichere Momente wiederum an Pink Floyd, die mehrstimmigen Chöre bisweilen auch an Genesis, aber immer gehen ANUBIS ihren eigenen musikalischen Weg und bleiben damit spannend ohne Ende. Alle Instrumente sind wohlgewählt und in äusserst inspirierter Form dargeboten, eine sehr emotionale Stimmung verbreitend. "The Passing Bell" ist ein bemerkenswert schönes Stück, das während seiner gesamten 17 Minuten Spielzeit von einer hervorragend gespielten David Gilmour-Gitarre dominiert wird, später die Führung einem phantastischen Klavier abgibt und verträumt und spannend zugleich klingt.

"Archway Of Tears" beginnt mit einem gefühlvollen akustischen Intro. Das Stück weiss mit einem sauberen, lebendigen und leidenschaftlichen Gesang zu gefallen. Hier hört man deutliche den Einfluss einiger typischer Neo Progressive Bands wie etwa I.Q, ARENA und PENDRAGON. Die akustischen Passagen harmonieren perfekt mit einem Mellotron."The Final Resting Place" ("Die letzte Ruhestätte") bietet wieder grosses Ohrenkino. Der knapp 8 1/2 Minuten lange Song wird durch eine äusserst warme Orgel getragen. Die Nummer verfügt über einen dynamischen Grundsound, in welchem verschiedene Instrumentalteile abwechselnd interaktieren. Ein perfekt inszeniertes Glockenspiel bildet den Höhepunkt hier. Das Stück ist das Lied auf dem Album mit der grössten Reflexion über den Tod.

Das nachfolgende Titelstück "The Tower Of Silence" ist ein melancholisches Meisterstück mit starken Texten über die Tragödie des Todes und die Geister, die sich inmitten der Lebenden bewegen und zwischen den Welten pendeln. Es beginnt mit einem schönen Klavier, einer Gitarre auf einem üppigen instrumentalen Fundament, das vom kontinuierlich einsetzenden Schlagzeug langsam eine rhythmische Form annimmt und kontinuierlich Fahrt aufnimmt. Textlich geht es in dem Stück darum, wie wir uns mit Schmerz beschäftigen und uns mit der Linderung schwertun, indem wir manchmal bewusst leiden wollen, eine Art Selbstgeisselung. Hier erlebt der Zuhörer erneut sehr eindrücklich das Konzept des Albums, das die Traurigkeit und Reflexion eines Geistes nachzeichnet, der in einem selbst auferlegten Grab gefangen ist und sich oft nicht in der Lage sieht, daraus zu entkommen. Ein erstaunlicher Song wieder, der die Macht hat, mehr und mehr in den Hörer hineinzuwachsen.

Der kürzeste Track auf dem Album ist "Weeping Willow". Ein eingängiges Stück mit glatten Harmonien. Es verfügt über eine äusserst angenehme Melodie, die vor allem durch den mehrstimmigen Gesang eine angenehme Opulenz erfährt, die alles andere als überladen wirkt. "And I Wait For My World To End" überzeugt durch ein äusserst räumliches Klangbild und wird dominiert von einem starken Gitarrenriff, einem pulsierenden Bass und einem sehr energetischen Schlagzeug. Es bietet wiederum eine dieser unvergesslichen Melodien, wie sie beispielsweise auch Pink Floyd oft perfekt umgesetzt hatten und aus unscheinbaren Motiven letztlich Ohrwürmer schufen, die man nicht mehr vergisst.

Das fast 12 minütge "The Holy Innocent" ist ein fast tantrisch wirkendes Jam-Stück, das mit einem gleichmässigen Rhythmus wunderbar fliessend arrangiert ist. Hier versucht der Protagonist im Songtext verzweifelt, Hilfe zu erhalten, um von der einen in die andere Dimension zu gelangen, weil er wie gelähmt nicht fähig ist, sich für die eine oder die andere Dimension zu entscheiden. Auch hier kann man wiederum von einer gelungenen Metapher über das Leben und den Tod sprechen, sowie dem in einer Zwischenwelt Gefangenen. Der Text steht letztlich auch als Sinnbild für die Unfähigkeit vieler Menschen, selbst über ihr Leben zu entscheiden und den mangelnden Mut, neue Türen aufzureissen, von denen sie glauben, dass sie für ewig verschlossen bleiben würden. Die Musik klingt hier schon fast wie eine Mischung aus PORCUPINE TREE und I.Q, jedenfalls in bestimmten Teilen des Stücks. Der Song endet mit einem sensationell schön gespielten Saxophon-Solo, das die Band auf ein Top-Niveau hievt, und dieses Stück zu einem der absoluten Höhepunkte des gesamten Albums werden lässt. Die Art und Weise, wie das Saxophon und die Keyboards hier miteinander verschmelzen, erinnern win bisschen an den Song "Money" von Pink Floyd. 

Das Album endet mit dem ausladenden "All That Is", einer musikalischen Suite, in drei Teile gegliedert. Der erste Teil mit dem Untertitel "Light Of Change", wird durch ein hervorragend gespieltes Mellotron dominiert, bietet tolle Gitarrentupfer und nur spärlich eingesetzte, jedoch punktgenau arrangierte Schlagzeug-Spielereien. Der reflektierende Gesang und die warme und schöne Hammondorgel, die dieses spannende und transparente Arrangement ergänzen, sowie die zusätzlichen Synthesizer-Klänge leiten träumerisch in den zweiten Teil der Suite ein. "The Limbo Of Infants" ist der konkreteste Teil, verfügt über eine gute stimmliche Kadenz, wirkt energisch, bevor dieser Teil nach einer kleinen instrumentalen Pause in den letzten Teil überleitet. "Endless Opportunity" beendet das Album. Es bietet noch einmal einen grossartigen melodischen Bogen, basierend auf wundervoll in Szene gesetzten Harmonien, anschwellend und wieder ausklingend, von einer unbändigen Spielfreude und grossen kreativen Kraft zeugend. Ein mächtiges Gitarrensolo und ein ebenso majestätisches Keyboard-Solo bieten einen perfekten musikalischen Höhepunkt dieses tollen Werks. Hier klingt die Band genauso, als würden die Engel endlich angekommen sein, um die in sich selbst gefangenen Geister zu befreien.

Fazit: Eine äusserst konsistente Erzählung, verpackt in ein traumhaft schönes Album mit ausschliesslich grossartigen musikalischen Momenten. "The Tower Of Silence" ist leider nur wenigen Musikliebhabern bekannt, hat aber klar das Potenzial, ein echter Klassiker des symphonischen Progressive Rock zu werden, dessen Stellenwert man vielleicht eines Tages entdecken und anerkennen wird.








Jun 19, 2016


HAKEN - The Mountain (Inside Out Music IOMLP 388, 2013)

Zu den kleinen Wundern des sogenannten Musiklebens unserer Zeit gehört der erfreuliche Umstand, dass der in den 70er Jahren entwickelte, dann von kriecherisch-überangepassten und amusischen Musikjournalisten vorschnell für mausetot erklärte Progressive Rock oder Art Rock inzwischen nicht nur, wie in den neunziger und nuller Jahren, mühsam am Leben erhalten, sondern ernsthaft weiterentwickelt und revitalisiert wird. Man verdankt diese schöne Überraschung Leuten wie den zappaesken FLOWER KINGS aus Schweden oder STEVEN WILSON oder eben dieser britischen Band. HAKEN kommen eigentlich vom Hardrock, und so fremd die entsprechenden Riff-Passagen beim ersten Hören vielleicht anmuten, so deutlich kann man bald hören, dass sie wesentlich origineller und auch weniger kühl und technizistisch als entsprechende Einsprengsel etwa bei MUSE klingen. Musikalischer Höhepunkt ist in dieser Hinsicht das zwölfminütige "Falling Back To Earth", bei welchem ein Hochgeschwindigkeitsriff zerlegt, neu zusammengefügt und variiert wird, mit Rhythmuswechseln, die abenteuerlich, aber nie verstiegen sind, was dann, wie durch Zauberhand, in einen sehr melodiösen Refrain überführt wird, bevor Part II ein fast schon markerschütterndes Seufzermotiv hervorbringt.

Schiere Bewunderung flössen dabei die Inbrunst und die Geschmackssicherheit ein, mit der die Gruppe HAKEN mittelalterliche Madrigals ("The Path") oder Renaissance ähnliche Melodien darbieten. Umwerfend frisch und zugleich an GENTLE GIANT erinnernd ist der mehrstimmige Abgesang auf die Küchenschabe als solche ("Cockroach King" - seit Keith Reid, dem Hausdichter von Procol Harum, hat man solche Songtexte, frei von jedwelchen Klischees kaum mehr vernehmen können), während sich die Texte ansonsten redlich am Mythos des Titanensohnes Atlas abarbeiten, der "das ganze Himmelsgewölbe und die Tiefe darunter" stemmen muss. Der Sänger Ross Jennings verfügt über eine unglaublich variable Stimme, und alle mehrstimmigen Gesangarrangements sind so, dass man bei mehrmaligem Hören immer neue Feinheiten entdeckt. Im "Cockroach King" gestattet sich die Band einen kurzen Ausflug in den traditonellen Jazz, und auch der gelingt so unangestrengt, dass man diesen sechs hervorragenden Musikern stilistisch durchaus alles zutrauen muss. Zumal auch die gelegentlichen Abstecher in Sphärenklänge Hand und Fuss haben, nie blosse Klangwolken sind.

Jenseits von allen Erörterungen, nur noch zum Hören und Geniessen bestimmt, sind die Hymnen "Because It's There" (nimmt das Thema von "The Path" erst A-Cappella und dann modern instrumentiert wieder auf) und "Somebody": Hier zaubert der Gitarrist Griffiths Arpeggien auf das Griffbrett der E-Gitarre, wie es STEVE HACKETT nicht schöner hätte spielen können, dessen Ende einen kraftvollen und beeindruckenden, absolut passenden Bläsersatz erhält. Beide Songs überzeugen durch ihre grosse emotionale Kraft und bieten Gänsehaut pur.

Wer die Entwicklung von Haken vom bemerkenswerten Demo-Tape über das sehr gute Album "Aquarius" bis zum fantastischen Werk "Visions" verfolgt hat, musste sich schon fragen: wie wollen diese hervorragenden Musiker das noch toppen ? Doch die Band HAKEN entpuppte sich als äusserst schlau und hatte sich gesagt: Wer es besser machen will, muss es anders machen. Und so findet man auf diesem wunderbaren Album im Vergleich zum homogenen "Visions" wesentlich mehr Brüche mit einer Vielzahl an neuen Ideen, Rhythmus-Vertracktheiten, Ethno-Einsprengsel, ausgefeilte Gesangsarrangements und vor allem einer Menge Reminiszenzen an GENTLE GIANT. Darin eingebettet dann die bewährten HAKEN-Zutaten, derer sie sich schon auf den vorherigen Werken genüsslich bedient haben: Anspruchsvolle Frickeleien, grosse Hymnen, interessante Jazz-Klänge und etwas zurückgenommen gegenüber den Voralben nachwievor auch Elemente des Prog-Metal. Bemerkenswert ist, wie die melancholische, teils depressive Grundstimmung von "Visions" einer wesentlich zuversichtlicheren und tröstlicheren gewichen ist, die von den ersten Takten an zu spüren ist. Das Bild vom erst unüberwindlich erscheinenden Berg (aus Mühen und Sorgen), der doch zu bezwingen ist, wird einem beim Hören immer wieder vor Augen geführt.

HAKEN sind mit diesem fantastischen Album endgültig bei den Künstlern angekommen, deren Werk eine eigene Liga darstellt, ein Versuch einer weiteren Kategorisierung und Unterbringung in den verschiedenen Progressive Rock-Schubladen ist damit genauso wenig sinnweisend wie ein Vergleich mit anderen Bands, insbesondere mit DREAM THEATER. Beim Anhören und Erleben der Musik von HAKEN kommt einem mal wieder der Gedanke, dass man sich auch als etwas älterer Progressive Rock Fan noch glücklich schätzen kann, immer wieder exzellente, intelligente und innovative Musik von jungen Musikern präsentiert zu erhalten, die ware kreative Oasen in der Wüste der heutigen populären Öd-Landschaft darstellen.

HAKEN gelingt auf dem Album "The Mountain" das Kunststück, die nachwievor kaum zu toppenden 70er Jahre Bands wie YES mit den 80er Helden vom Schlage etwa der Band FATES WARNING, den 90er Revitalisten DREAM THEATER oder SHADOW GALLERY, sowie den 00er Sounds etwa von PAIN OF SALVATION und den absolut modernsten Sounds zu kombinieren, ohne dabei als weiterer DREAM THEATER-Klon zu wirken. Natürlich: ein derart abgefahrenes Instrumentalteil wie beispielsweise im Stück "Pareidolia" findet sich auch auf diversen DREAM THEATER-Blaupausen, aber ein solch perfektes Gesangs-Highlight wie "Cockroach King" oder so ein kurzes Wunderwerk wie "As Death Embraces" haben die zitierten Dream Theater nie hingelegt.

Selten gab es so viele Stücke auf einem einzigen Album zu hören, die so viel Kunst atmen, ohne dass dadurch Struktur, Harmonie und Aussage verloren gehen, oder dass Kunst zum verliebten Selbstzweck, den niemand mehr versteht, verkommt. Es ist ein überwältigendes Stück modernen Kompositionsvermögens, hat immer noch stellenweise etwas mit Metal zu tun, was man etwa im Titel "Falling Back To Earth" nachhören kann, aber viele andere Metal-Passagen bleiben gar nicht hängen, weil die stilistische Vielfalt so immens gross ist und sich die gesamte Musik des Werks gar nicht mehr in Schablonen pressen lässt.

Soviel Kunst kann den Zuhörer manchmal etwas arg überfordern, denn Musik hat doch auch viel mit Harmonie zu tun. Auch diese kommt bei "The Mountain" nie zu kurz. Fantastische Harmonien, tolle Texte, sagenhaft betörende stimmliche Vorträge und Musik von allerbester Qualität. Ein begeisterndes Stück modernen Progressive Rocks.



Jun 18, 2016

ROY WOOD - Boulders (Harvest Records SHVL 803, 1973)
WIZZARD - Wizzard Brew (Harvest Records SHSP 4025, 1973)


1973 war für den ehemaligen Kopf der Bands THE MOVE und ELECTRIC LIGHT ORCHESTRA ein äusserst produktives Jahr, was sich in Form seines ersten Debutalbums "Boulders", sowie eines ersten Werks seiner aktuellen Band WIZZARD niederschlug. Dabei verstand Roy Wood sein Soloalbum lediglich als Side Project, auf welchem er sämtliche Instrumente selber spielte und eigentlich nicht davon ausging, dass dies zu einem kommerziellen Erfolg werden würde. Doch schon die erste aus dem Album ausgekoppelte Single "Songs Of Praise" fand den Weg in die Charts. Zur gleichen Zeit war Roy Wood bereits ein regelmässig gesehener Gast in den britischen Charts mit seiner verrückten Truppe Wizzard. Kaum einem anderen Musiker gelang das jemals: Sowohl als Solokünstler, wie mit einer neu gegründeten Band innerhalb desselben Jahres in den Charts vertreten zu sein - von den Beatles-Musikern einmal abgesehen.

Da Roy Wood aufgrund seiner Leistungen in den Aufnahmestudios bereits als "Phil Spector der 70er Jahre" bezeichnet wurde, erwarteten die Fans und Musikkritiker natürlich schon im Vorfeld Grossartiges von diesem Musiker. Er war sowohl exzentrisch wie exzellent, und man konnte sich nie so ganz sicher sein, was er als Nächstes an Verrücktheiten aus dem Hut zaubern würde. Denn zusammen mit Jeff Lynne hatte er schon mit dem Electric Light Orchestra zu überraschen gewusst. Diese exaltierte Mixtur aus klassischer Beethoven-Adaption, brettgeilem Rock'n'Roll der Marke Chuck Berry und wulstig aufgeplusterte progressive Schallwände liessen so einiges erwarten. Und so spielte Wood dann auf seinem Soloalbum "Boulders" den Folkrock-Cowboy, der alle Instrumente selber spielte und somit die komplette Produktion von A bis Z kontrollierte und steuerte, bis zum fertigen Produkt. Und nebenher kleidete er die Gruppe Wizzard in eine Glam Rock- und Progressive Rock-Uniform, die aufgrund unzähliger Verrücktheiten nicht selten ins Lächerliche zu kippen drohte. Er schaffte es indes immer kurz vor dem Umfallen, einen neuen Raketenstart hinzubekommen, der ihn wieder in die obersten Ränge der Hitlisten katapultierte.

Hits wie "See My Baby Jive", "I Wish It Could Be Christmas Everyday" oder "Ball Park Incident" sind noch heute unvergessen, seine Teenager-Hommage "Angel Fingers" noch heute herrlich anzuhören. Sein ganz eigenes Markenzeichen war dabei stets, das Unmögliche möglich zu machen: Musikstile so verquer miteinander zu verbinden, dass dabei so manch schräger Song herauskommt. Dass dies durchaus zu unsterblichen Songs führen konnte, beweist bis heute der Chuck Berry-Klassiker "Roll Over Beethoven", den Roy Wood mit dem Electric Light Orchestra als knalligen Rocker mit klassischem Instrumentarium zu einer Art Bombast Rock'n'Roll aufgepimpt hatte. Was Roy Wood zeit seines Musikerlebens nie so recht gelingen wollte war indes, dass seine verrückten Konzepte eine letztendlich wohldurchdachte Reife erhielten, weshalb er zwar kurzzeitig durchaus Hits abliefern konnte, die ihr Publikum erreichten, jedoch nichts Nachhaltiges schaffen konnte, das diese spezielle Spannung über eine längere Zeitspanne aufrecht zu erhalten vermochte.

Trotzdem hat Roy Wood der Rockwelt einige tolle und denkwürdige Momente beschert. Auf seinem Soloalbum "Boulders" sind dies zum Beispiel das herrliche Pop-Kunstwerk "Songs Of Praise", das auch als Single erschienen war und recht erfolgreich war, ausserdem das mit Wasserplatsch-Effekt angereicherte akustisch gehaltene und herrlich verspielt arrangierte, überdeutlich an die Beatles erinnernde Folkie-Stück "Wake Up". Der kernige Rocker "Rock Down Low" klang dann genauso wie der Sound, den er zeitgleich auch mit WIZZARD propagierte. Der üppig arrangierte und sehr cool arrangierte Dreiteiler "Rock Medley" schliesslich ist eines der grossen Meisterwerke von Roy Wood. Einer kontinuierlichen Steigerung entgegenfiebernd klingen die drei Teile "Rockin' Shoes", "She's Too Good For Me" und "Locomotive" genauso genial, als wären es Songs von namhaften Komponisten aus der Blütezeit des klassischen Rock'n'Rolls. Beeindruckend sieht das Instrumentarium auf dem Album "Boulders" aus, das samt und sonders von Roy Wood gespielt wurde: Akustische und elektrische Gitarren, Banjo, Bass, Bells, Cello, Cowbells, Double Bass, Schlagzeug, Glockenspiel, Klavier, Saxophone, Sitar, Slide Gitarre, Trometen, Geigen, Waschbrett, Flöten und allerlei Perkussion.

Auf dem LP-Debut "Wizzard Brew" seiner Band WIZZARD hingegen rotzte er bisweilen recht überdreht und führte zahlreiche progressive Elemente schon fast ad absurdum. Hier klang fast jedes Stück ziemlich überdreht und vor allem oft hoffnungslos überproduziert. Schon der Opener "You Can Dance Your Rock'n'Roll" klang wie ein Phil Spector-Stück mit viel zu viel übertriebener Verve. Aber das war genau die Intention dieses in jeder Hinsicht genialistischen Musikers, der keinerlei kreativen Scheuklappen kannte, wenn es darum ging, wohlbekannte musikalische Muster bis an seine noch erträglichen Grenzen zu führen, nur um kurz vor dem Kippen gerade mal noch die Kurve zu kriegen und einen herrlichen Refrain in Szene zu setzen, der dem Hörer dann wieder im Gehirn kleben blieb. Der über 13 Minuten fordernde Jam "Meet Me At The Jailhouse" war so eine genialistische Meisterleistung exaltierten Musikschaffens. Das krass überfrachtete Arrangement, das sich in wahren Bläser-Eskarpaden explosiv in Szene setzte, später wiederum in gitarristischen Prachts-Orgien entlud und schliesslich völlig auseinanderfiel, kann durchaus als eine Art freie Jazz-Rock Jam bezeichnet werden. Allerdings schaffte es Roy Wood auch hier noch, Strophen und Refrains zu platzieren, die einen immer wieder daran erinnerten, dass der Musiker eigentlich Songs zum mitsingen schrieb und keine ausschliesslich abgehobenen progressiven Schrägheiten ohne Fundament.

Beide Alben sind im Jahre 1973 erschienen und im Laufe der Zeit immer mal wieder neu aufgelegt worden. Wer sich die originalen Vinyl-Scheiben nicht zulegen mag, dem seien die umfangreichen Remasters von 2006 und 2007 empfohlen. Diese CD-Varianten der beiden Alben, auf EMI Harvest Records wiederveröffentlicht, bieten neben den originalen Alben auch zahlreiche Bonus Tracks, von denen jene auf der "Wizzard Brew" vor allem die erfolgreichen WIZZARD-Singles bieten, samt deren B-Seiten. Interessant am Rande: Teile der LP "Boulders" wurden damals von Alan Parsons produziert. Beim Album "Wizzard Brew" war Alan Parsons sogar der alleinige Produzent.







Jun 17, 2016


POI DOG PONDERING - Poi Dog Pondering (Texas Hotel Records THX.11, 1989)

Poi Dog Pondering ist eine amerikanische Alternative Folk Rock Band, die aber eigentlich streng genommen ein Alleinunternehmen darstellt, das seit seiner Bestehung permanenten Personalwechseln unterlegen ist. Hinter dem originellen Namen, der sinngemäss "grüblerischer Hund" bedeutet, wobei sich der Begriff "Poi" auf das sogenannte "Poi-Spiel", eine Art der Pen Spinning Artistik der Maori bezieht, verbirgt sich der in Hawaii geborene Musiker Frank Orrall, der 1984 unter diesem Pseudonym eigentlich als Solokünstler begann, seine musikalische Vorstellung der Verschmelzung von hawaiianischer Folklore und amerikanischer Folk- und Folk Rock-Musik umzusetzen. Interessant war von Anfang an, dass Orrall, der selbst eine Fülle von verschiedensten Instrumenten beherrscht, immer ein offenes Ohr hatte für die musikalischen Präferenzen der ständig wechselnden Musiker, mit denen er gemeinsam unterwegs war. Da konnte es schon auch mal passieren, dass die Band nebst allerlei akustischem Instrumentarium auch vor Elektronik nicht Halt machte, viel Avantgarde-Elemente ausprobierte und dabei immer auch die akustischen Saiteninstrumente wie Gitarren, Mandolinen, Ukulelen, Banjos und so weiter integrierte.

Am Ende ergab das über all die Jahre nicht nur eine sehr eigenständige Musik, sondern - bedingt durch Orrall's unbändige Reisefreudigkeit - auch geographisch interessante Projekte, denn die Heimat der Band wechselte ständig. So gibt es inzwischen mehrere Stationen im Schaffen des Musikers, die zu Phasen in seiner musikalischen Biographie geworden sind, so etwa die Strassenmusiker-Phase auf Hawaii, die Texas-Phase (als die Band sich in Austin TX neu formierte), die beiden Chicago-Phasen und die bis zum heutigen Tage anhaltende sogenannte "Weltmusik"-Phase, wo Orrall inzwischen praktisch alles aufsaugt, was dieser Planet seit über 30 Jahren musikalisch so hergibt und das riesige Stil-Sammelsurium zu seinem ganz persönlichen Kosmos erklärt und verwurstet.

Orrall: "Growing up in Honolulu, we really only had one good Live Music/Disco/Club; The Wave. It was Punk Rock/New Wave kids from 9 to 2am, then a Gay Disco from 2am to 4am. Everybody mixing it up & having fun. You could hear everything from Iggy Pop's "Lust for life", to Loose Joints "Is it all over my face". I'm super thankful for that eclecticism. Music for dancing is like an elliptical orbit, it's always been around me, sometimes it swings in real close and sweeps me along full force for a while".

Am Anfang stand allerdings seine Strassenmusiker-Phase in Honolulu. Er machte sein Unvermögen, grössere Clubs oder Discos zu füllen zu seinem Markenzeichen: Er wollte der populärste Strassenmusiker auf Hawaii werden. So kam es dann auch. Und natürlich gesellten sich zu seinen Strassenauftritten auch immer die verschiedensten Mitmusiker hinzu, die zumeist nicht wirklich über eine Ausbildung an ihren Instrumenten verfügten. Das war jedoch total egal, Hauptsache man konnte zusammen miteinander Spass haben und den Menschen gefällt's. Mit der Zeit wurden die ersten Radio-DJ's auf Frank Orrall aufmerksam und sie hievten den Musiker in ihr Radioprogramm, wodurch er schnell an Popularität gewann. Der Kerl, der zumeist mit seiner Ukulele bewaffnet als hoffnungsloser Hippie allen Menschen Freude bereitete, wurde rasch zum Liebling der Hawaiianer, was sich letztlich auch bei Plattenfirmen herumsprach. Bis es allerdings soweit war, dass ein erstes offizielles Album erscheinen konnte, musste Orrall zuerst einige Platten im Eigenvertrieb und auf eigene Kosten herstellen. Zwischen 1984 und 1986 erschienen so drei in nur ganz wenigen Exemplaren unter das Strassenpublikum gebrachte Cassetten, die allerdings schon Songs präsentierten, die erst Jahre später auf dem ersten offiziellen Album "Poi Dog Pondering" zu finden sein würden. Zumeist waren die Songs dieser drei frühen Werke live und auf der Strasse, manchmal auch zuhause oder bei Freunden im Tonstuio eingespielt worden. Als Backing Band diente dazu oft die hawaiianische Band HAT MAKES THE MAN.

Mit dem Umzug von Hawaii nach Texas erschien dann 1987 die erste LP, betitelt "From Hawaii To Texas", die im weitesten Sinne Aufnahmen präsentierte, die Orrall aus seinen privaten Archiven von der Qualität her okay fand, dass man sie auf eine Platte presst. Ausserdem waren etliche Live-Stücke dabei, die inzwichen unter halbprofessionellen Bedingungen mitgeschnitten werden konnten. Mit diesem Werk ging der Musiker auf die Suche nach einem Plattenlabel und fand sehr schnell Gehör bei Texas Hotel Records, einem überregional tätigen Label, das allerdings einen Vertriebs-Deal mit Columbia Records hatte und dadurch natürlich für Orrall die grosse weite Welt bedeutete. Das in der Folge veröffentlichte Album "Poi Dog Pondering", im Oktober 1989 erschienen, war dann quasi schon so etwas wie eine Best Of, und enthielt perfekt eingespielte und aufwändig produzierte Varianten seiner seit Jahren gespielten Songs und dazu wurde auch die kurz zuvor ins Rennen geschickte EP "Circle Around The Sun" in die Platte integriert.

Auf dem Werk finden sich wundervolle Folkrock-Nummern unterschiedlichster Färbung, so etwa den Opener "Living With The Dreaming Body", den Orrall schon einige Jahre im Repertoire hatte und der zuvor den Titel "Metaphisical Section" trug. Die Instrumentierung nicht nur bei diesem Song war ganz auf Strassenmusik ausgelegt. Zwar fanden sich auf allen Songs auch Bass und Schlagzeug, aber ansonsten waren allerlei akustische Instrumente im Vordergrund, so etwa Pfeifen und Flöten, akustische Saiteninstrumente aller Art, Orrall's Ukulele und etliche Blasinstrumente. "Aloha Honolulu" geriet zur herzlichen Hommage an Hawaii und seine schönen Strände, musikalisch umgesetzt als liebevoller Swing im traditionellen Hawaii-Stil der 40er Jahre, inklusive entsprechendem Instrumentarium und dem typischen mehrstimmigen Gesang der Vaudeville-Zeit. Daneben erdete Orrall zwischenzeitlich auch ziemlich rockig, indem er sich beispielsweise im herzhaften Kracher "Wood Guitar" an die selbst erlebte Punk-Zeit erinnerte.

Auf der Platte dominieren folkrockige Songs, die in ihrer Art sehr eigenständig und originell klingen, weil sie perfekt das einerseits staubige Wüstenkolorit von Texas einfangen und gleichzeitig an die unbeschwerte Lebensfreude von Hawaii erinnern. Eingespielt als insgesamt zehnköpfiges Team, das in der Folge der Veröffentlichung auch eine sehr originelle Tournee zumeist an Strassenecken bestritt, aber auch Clubs und zuletzt auch mittelgrosse Hallen zu füllen vermochte. Die sogenannte Busking Tour führte die Gruppe quer durch die Vereinigten Staaten und dauerte insgesamt fast ein ganzes Jahr. Viele ihrer Auftritte waren nicht einmal angekünmdigt, sondern fanden einfach irgendwo in einem Stadtpark oder an einem grossen Platz spontan statt.

Als sich die Popularität der Gruppe landesweit zu steigern begann, entschloss sich Orrall dazu, zuerst in Austin sesshaft zu werden. Es entstanden in der Folge drei weitere Alben in ständig wechselnder Besetzung. Danach dislozierte er nach Chicago, hob auch dort wieder eine Band mit vielen Musikern aus der Taufe. Dort begann er auch damit, ernsthaft nicht mehr nur als Strassenmusiker zu spielen, sondern mit Orchestern zusammenzuarbeiten. Er begann, sich für die moderne elektronische Musik zu interessieren und fügte diese neuen Stilelemente auch immer in seine Musik mit ein, sodass sein Stil einem steten Wandel unterzogen wurde. Dabei baute er auch House und Soul-Elemente in seinen akustischen Rock ein. So arbeitete er kontinuierlich mit immer neuen musikalischen Ausdrucksmitteln weiter bis zum heutigen Tag. Auch die Besetzung seiner Band Poi Dog Pondering wechselte stets von Platte zu Platte.


Sein letztes und somit aktuelles Werk "Everybody's Got A Star" erschien am 15. September 2015 auf Platectonic Music und bietet nachwievor eine immens breitgefächerte Stilmixtur, die mit einem orchestralen, akustischen und elektronischen Allerlei aufwartet und dabei äusserst geschickt mit allen möglichen Stilrichtungen kokettiert: Rock Band, Discosound, Chicago Stepper Soul und der inzwischen bandtypische sogenannte "Soul Sonic Orchestra" Sound.








Jun 16, 2016


THE MOTORS - 1 (Virgin Records V2089, 1977)

Die erste LP der britischen Rock Band THE MOTORS gehört zu jenen ungeschliffenen Rohdiamanten des Rock, die heute leider weitgehend vergessen sind. Sehr zu Unrecht, denn die mit einer umwerfend knalligen Mischung aus frühem Riff Rock und knochenhartem Pub Rock'n'Roll ausgestattete Platte ist eine Granate, auch heute noch. Wenn sich heute überhaupt noch Jemand an die Motors erinnert, dann wahrscheinlich höchstens wegen ihres Radio Hits "Airport", der 1978 die Top 10 erklomm und auch heute noch regelmässig am Radio gespielt wird. Da waren sie aber bereits entschärft worden, die böse beissenden Zähne wurden ihnen bereits gezogen. Ihr Plattendebut indes war noch von ganz anderem Schrot und passte zeitlich recht gut in die dynamische Aufbruchsphase des riffigen Rocks, zumindest was die Rohheit im Sound und die Direktheit der Stücke anbetrifft. Punker indes waren die Motors nicht. Allerdings auch keine Dr. Feelgood-Epigonen, denn dafür waren sie wiederum zu hart und forsch in der musikalischen Umsetzung ihrer brillianten Rock Songs, die näher am klassischen Rock waren als am harten Rhythm'n'Blues. Und qualitativ waren sie den frühen Punk-Helden weit voraus, welche jedoch auch gar nie irgendeinem anbiedernden qualitativen Anspruch genügen wollten.

Die Motors wurden im Herbst 1976 von Nick Garvey und Andy McMaster gegründet. Die Wurzeln ihrer Musik lagen im klassischen Pub Rock der 70er Jahre und damit verbunden einer Band namens Ducks Deluxe, welche diesen Stil entscheidend mitprägte. Ducks Deluxe entstanden 1972 und Nick Garvey spielte in der Band den Bass. Geboren 1951 und aufgewachsen im britischen Stoke On Trent arbeitete Nick Garvey eine zeitlang als Roadie bei den Flamin' Groovies und später in diversen Formationen als Bassist. Er meinte schnippisch: "I like the bass because it has less strings". Als im Jahre 1974 das zweite Album von Ducks Deluxe mit dem Titel "Taxi To The Terminal Zoo" aufgenommen wurde, gesellte sich der Keyboarder Andy McMaster zur Truppe. Der 1941 in Glasgow geborene Musiker spielte seit den 60er Jahren in verschiedenen Formationen, darunter THE SABRES, bei welchen ein Sänger namens Frankie Miller das Mikrophon schwang. Als sich diese Band 1966 trennte, machte Andy McMaster mit Frankie eine zeitlang weiter Musik unter dem Bandnamen The Motors.

Zu Ende des Jahres 1975 verliessen Garvey und McMaster die Gruppe Ducks Deluxe aufgrund bandinterner Querelen (die Gruppe löste sich schliesslich im Folgejahr endgültig auf). Andy McMaster begann Songs zu schreiben, während Nick Garvey mit einer Band namens The Snakes Konzerte gab. Das Repertoire umfasste 50er Jahre Rhythm'n'Blues Titel etwa von Chuck Berry, aber auch Flamin' Groovies Songs. Rasch verlor Garvey allerdings die Lust, ständig nur Coversongs zu spielen und tat sich daher erneut mit Andy McMaster zusammen, dessen inzwischen komponierte, aber noch nicht innerhalb einer Band umgesetzten Songs er sofort mochte. Im November 1976 war es soweit: McMaster und Garvey gingen ins Tonstudio und spielten die ersten Songs ein. Dazu gesellten sich ab Anfang 1977 nach und nach die Musiker Richard Wernham, der ehemalige Schlagzeuger der Snakes, der sich fortan das Pseudonym Ricky Slaughter zulegte, sowie der Gitarrist Rob Hendry, der allerdings schon im Mai gegen den versierteren Bram Tchaikovsky (bürgerlicher Name Peter Bramall) ausgewechselt wurde. Mit Hendry spielte die Band drei Stücke im Studio ein, die später allerdings mit Bram Tchaikovsky noch einmal komplett neu eingespielt wurden ("Emergency", "Bring In The Morning Light" und "Dancing The Night Away").

Am Freitag, dem 13. Mai 1977 unterzeichneten die Motors einen Plattenvertrag bei Virgin Records, wurden anschliessend als Supporting Act für die Band THE HEAVY METAL KIDS auf Tournee geschickt, und Ende Juni begannen die Aufnahmen zum ersten Album, unter der Leitung des renommierten Produzenten Robert John "Mutt" Lange (City Boy, Supercharge, Graham Parker, The Boomtown Rats). Im September erschien die Vorab-Single "Dancing The Night Away" mit der B-Seite "Whiskey And Wine", und diese stieg sogleich in die Charts und erreichte den respektablen Rang 42. "Dancing The Night Away" erschien als gekürzte Version, während das Stück auf der LP in Originallänge 6 1/2 Minuten lang war und später in den USA auch als 12" Maxi Single erschien. Das dazugehörige Album "The Motors 1" erschien kurz darauf und wurde ebenfalls zu einem grossen Achtungserfolg für die Gruppe. Ein Platz 46 in den britischen Charts, sowie einen Rang 30 in den Melody Maker Jahrescharts liessen auf eine grosse Zukunft hoffen.

Das Fabelhafte an der Band war schon nur der Albumtitel "1" und natürlich das tolle Cover, das kompromissloser nicht hätte ausfallen können. So, wie die Band sich auf dem Albumcover in Szene setzte, so klang die Gruppe auch auf der Platte, diesem Meisterstück aus knalligem Rock'n'Roll oder wie es der britische Musikjournalist Mick Wall äusserst kreativ beschrieb "New Wave of British Heavy Pop". Mit Zutaten wie dem harten Boogie von Status Quo, welche diesen auf ihrem 72er Album "Piledriver" präsentiert hatten, und amerikanischem Pop Metal im Stile von Cheap Trick (die den Titel "Dancing The Night Away" später auch coverten) überraschten die Motors mit einem vorwärtstreibenden Rock-Rohdiamanten, der wie ein bis dato nicht gehörtes musikalisches Bindeglied zwischen Rock'n'Roll und dem späteren New Wave of British Heavy Metal wirkte. Auch die Gruppe SAMSON coverte später einen Song dieses ersten Motors Albums: "Phoney Heaven" wurde von SAMSON regelmässig live aufgeführt.

Es folgte die erste Tournee als Headliner im September 1977, sowie zahlreiche Auftritte mit grossen Bands wie etwa Wishbone Ash, bevor die Band um Nick Garvey und Andy McMaster im Folgejahr mit der Single "Airport" ihren einzigen Top 10 Hit landen konnte. Danach stieg der geniale Gitarrist Bram Tchaikovsky aus der Band aus, um eine Solokarriere aufzubauen, und der Rocksound der Motors wurde wesentlich glattgebügelter, was ihnen das Publikum allerdings nicht allzu sehr übel nahm, denn live waren die Motors auch weiterhin ein sicherer Garant für harten und trockenen Party Rock, der sich noch bis zum finalen dritten Album "Tenement Steps" 1980 halten konnte, auf welchem inzwischen zwei ehemalige Musiker der Gruppe MAN, nämlich der Bassist Martin Ace und der Schlagzeuger Terry Williams mit von der Partie waren. Danach waren die Motors Geschichte. Ihr erstes Album "1" gehört für mich zu den unterschätztesten Rockalben überhaupt und so mancher würde heute durchaus ein grossesAha-Erlebnis erfahren, wenn er sich diesen rohen Diamanten einmal auflegen würde. Die Musik auf dieser Platte kann Dir auch heute noch bei adäquater Lautstärke das Hirn wegblasen. Geil!


Jun 13, 2016


SIR DOUGLAS QUINTET - Day Dreaming At Midnight
(Elektra Records 7559-61474-1, 1994)

Als sich Douglas Wayne Sahm 1994 mit diesem wundervollen Album in einer wiederbelebten Reinkarnation des in den 60er Jahren äusserst erfolgreichen Sir Douglas Quintet zurück meldete, hatte er gerade einige erfolgreiche Jahre mit den Texas Tornados erlebt, die vor allem in Europa äusserst beliebt waren. Doug Sahm, der ausser Musiker auch Vater war, konnte seinen beiden Söhnen den Einstieg ins Musikbusiness ermöglichen und es war absehbar, wann er die Zeit für gekommen hielt, seinem Nachwuchs eine grössere Plattform zu bieten, damit diese ihre Fähigkeiten auch gegenüber einem grösseren Publikum unter Beweis stellen konnten. Er tat dies mit diesem herrlichen Tex Mex-Rock Album, das in seinen Grundzügen durchaus mit früheren Alben unter diesem Banner vergleichbar waren, jedoch aufgrund der beteiligten Youngbloods auch aktuelle Bezüge berücksichtigte, die nicht selten den harten, erdigen Rock Bereich streiften und nicht nur den bewährten Tex Mex Sound des Vaters ein weiteres Mal  nachzeichneten. Besonders die Titel "Intoxication" oder "Dylan Come Lately" hätten in dieser Art gespielt durchaus auch auf einem Album der Georgia Satellites zu finden gewesen sein können.

Eine Hammerbesetzung stellte Doug Sahm für diese Aufnahmen zusammen, die seinen Söhnen Shawn und Shandon Sahm eine erste Möglichkeit gaben, sich als kompetente Musiker zu profilieren. So spannte er für das Unternehmen seine alten Kämpen ein, mit denen er zum Teil seit den 60er Jahren und somit den Anfängen seines Sir Douglas Quintet's musizierte, so den durch seine markante Vox Orgel den typischen Tex Mex Sound der Band mitdefinierenden Augie Meyers samt dessen Sohn Clay Meyers als Gast-Schlagzeuger, oder auch den Bassisten Speedy Sparks, den Rhythmus-Gitarristen Louie Ortega und last but not least Doug Clifford, den ehemaligen Bassisten von Creedence Clearwater Revival, der dieses Album auch produzierte. Schon 1974 arbeitete Doug Sahm mit Doug Clifford als ausführendem Produzenten und Musiker zusammen, als er mit Clifford plus dem Creedence Clearwater Revival Schlagzeuger Stu Cook das fabelhafte Album "Groover's Paradise" aufnahm.

Das Album "Day Dreaming At Midnight" startet mit der auch als Single ausgekoppelten Nummer "Too Little Too Late", die zusammen mit dem nachfolgenden "Twisted World" genau jenen bewährten schunkelnden Tex Mex Sound bietet, den Doug Sahm seit seinen Anfangstagen immer wieder erfolgreich zelebriert hat. "Darling Dolores" ist ein kerniger Rock'n'Roll Titel mit der prägnanten Vox Orgel von Augie Meyers, einem jedoch recht lebhaften Rock Groove, für den Sohnemann Shawn Sahm die knackige Rhythmus-Gitarre beisteuert. Die Titelnummer "Day Dreaming At Midnight" erfährt eine wundervolle Sehnsucht in ihrer Melodieführung, begeistert diesmal mit Shawn Sahm's Wah Wah Gitarre und Augie Meyer's warmer Hammond B3, während der Top Studiomusiker John Jorgenson eine fabelhafte Leadgitarre beisteuert. Die Congas von Willie Ornelis sorgen hier für einen charmanten perkussiven Groove und Doug Clifford für die perfekte Schlagzeug-Erdung. Hier klingt die Band am ehesten wie die seligen Creedence Clearwater Revival. Ein wunderschöner Track!

Mit "Into The Night" kehrt der typische Tex Mex Rock'n'Roll von Doug Sahm zurück, wiederum mit Augie Meyer's brillianter Vox Orgel. Dazu muss man unbedingt erwähnen, dass nicht nur hier bei diesem Song, sondern eigentlich bei allen Liedern auf diesem Album immer mitsingbare Strophen und Refrains geboten werden, die sich schon nach zwei-, dreimaligem Anhören wohlig im Kopf festhaken. Es folgt nun ein rockiger Teil, der die Fähigkeiten von Doug Sahm's Söhnen abbilden soll, und das ist richtig gut in Szene gesetzt, denn es verpasst dem Werk eine ziemlich grosse Abwechslung, die allerdings jederzeit zusammenhält und nicht etwa überbordet. Die Rocker "Dylan Come Lately", "She Would If She Could, She Can's So She Won't" und spätestens "Romance Is All Screwed Up" beweisen eindrücklich, dass Doug Sahm ein variantenreicher Sänger und auch ein sehr vielseitiger Komponist gewesen ist, der sich in vielen musikalischen Bereichen als äusserst kompetenter Songschreiber und Texter erwies: Ob  in den 50er Jahren bereits als "Little Doug Sahm" als singendes Wunderkind gefeiert und dem Blues, dem Country und dem souligen Rhythm'n'Blues zugetan, bewies er in den 60er Jahren auch als Hippie, als Countryrocker und mit seinem gefühlvollen Westcoast Pop Rock stets seine enorme Kreativität, denen er selbst keinerlei stilistischen Schranken auferlegte.

Mit dem aus der Feder von Louie Ortega stammenden schunkeligen "County Line" und dem rasanten Rocker "Intoxication", bei welchem die beiden Söhne Shawn und Shandon Sahm noch einmal so richtig die Rock-Sau rauslassen dürfen, endet ein in jeder Hinsicht gelungenes Revival-Album, das nicht mal so sehr im Vergangenen schwelgt, sondern viel eher den Geist des 60er Jahre Tex Mex Rocks in die 90er Jahre transportiert. Ein Werk, das man in so einer tollen Qualität nicht erwartet hatte damals. Es bliebn allerdings bei dieser einen Sir Douglas Quintet Auffrischung (zumindet in Form einer Platte). In späteren Jahren bis zu seinem Tod spielte Doug Sahm wieder viele Konzerte unter dem Banner des Sir Douglas Quintet's, da die Formation Texas Tornados inzwischen aufgelöst worden war. Shawn Sahm wiederum startete nach dem Tod des Vaters sein eigenes Unternehmen "The Tex Mex Experience" und hilft damit bis heute, diesen wundervollen Sound des Vaters in Erinnerung zu behalten. "Day Dreaming At Midnight" ist ein grossartiges Alterswerk eines Ausnahmekünstlers, der am 18. November 1999 im Alter von 58 Jahren leider viel zu früh gehen musste.

Jun 12, 2016


GEORGE HARRISON - Gone Troppo (Dark Horse Records 9 23734-1, 1982)

Im Oktober 1982 veröffentlichte George Harrison mit "Gone Troppo" (australischer Ausdruck für "verrückt geworden") seine letzte Platte für die nächsten 5 Jahre. Neun Harrison-Kompositionen und ein Cover Song aus dem Jahre 1961 sind hier zu finden. "Dream Away" stammt aus dem Jahre 1981, die anderen Lieder wurden im Frühling und Sommer 1982 in Harrisons Heimstudio aufgenommen. George Harrison gab zur Veröffentlichung keinerlei Interviews, es wurde nur eine erfolglose Single "Wake Up My Love", mit der B-Seite "Greece" veröffentlicht und die Plattenfirma legte auch nur äusserst geringes Engagement an den Tag. So war die LP kommerziell absolut erfolglos, erreichte in England und den USA nicht einmal die Top 100. Neben "Electronic Sound" ist "Gone Troppo" damit Harrisons grösster Ladenhüter.

Ich habe sie mir einige Jahre nach der Veröffentlichung trotzdem gekauft, Ladenhüter haben auch Vorteile - sie werden mitunter recht preiswert angeboten. Allerdings konnte ich recht wenig mit der Scheibe anfangen, sie klang nicht wie "While My Guitar Gently Weeps" oder "Savoy Truffle", nicht wie "All Things Must Pass" oder die sehr schöne "Extra Texture" und leider hatte sie auch so gut wie nichts mit dem Vorgänger, dem nur etwas mehr als einem Jahr zuvor veröffentlichten "Somewhere In England" (bis heute meine Lieblingsplatte von Harrison) gemeinsam. Als Beatles-Fan mit einem Hang zu George Harrison habe ich sie mir immer mal wieder angehört, aber ehrlich gesagt: wäre sie nicht von ihm gewesen, sie wäre auch bei mir in der Versenkung verschwunden. Und natürlich habe ich sie, abgesehen von einem engen Freund (auch ein Beatles-Fan), niemandem vorgespielt. Irgendwie klang die Platte peinlich, uncool.

Was sollte das überhaupt sein ? Sicher kein Rock oder guter Pop. Kein New Wave, nicht mal eine zeitgenössische 80er Jahre-Platte, trotz der vielen Synthesizer-Einsätze, keine gefühlvollen Gitarrensongs, irgendwie verschroben und süsslich. Aber nicht so verschroben wie "It`s All Too Much" oder "Long Long Long" und nicht so süsslich wie viele andere Songs von ihm. Es gab einige wenige Ausnahmen, "Wake Up My Love" hatte was, eigentlich ein cooler Riff, allerdings waren da diese kalten Keyboards und der ungewohnt theatralische Gesang. Bei dem überwiegend instrumentalen "Greece" mochte ich vor allem, wie Harrison das Wort "Greece" singt. "Dream Away" hatte auch was, wirkte auf mich jedoch zunächst etwas wirr. Im Laufe der 80er Jahre stiess ich dann auf den sehenswerten Film "Time Bandits", produziert von Harrisons Film-Firma "Handmade Films", mit dem Titelsong "Dream Away". Die Nummer wurde mir noch etwas sympathischer. Harrisons Verbindung zu den Pythons wurde mir irgendwann bewusst. Der Humor der Platte, der sich auf das Platten-Publikum 1982 nicht übertragen hatte, begann bei mir zu wirken. Die Platte wirkt in grossen Teilen etwas überproduziert, allerdings nicht pathetisch, sondern eher mit einem Augenzwinkern, humorig, süsslich-tropisch. Harrison scheint das Ganze selbst nicht ernst zu nehmen und trotzdem dabei Spass zu haben.

Wurde George Harrison häufig vorgeworfen immer den ernsten, schwermütigen, spassfreien und moralinsauren Prediger zu geben, so präsentiert er sich hier als das exakte Gegenteil. Da geht fast flöten, dass hier eigentlich ein Strauss schöner, melodiöser Songs zu finden ist. Ich habe dies auch erst nach und nach entdeckt, hinter viel Humor und Synthesizer-Spielereien (Auf der remasterten Version von 2004 gibt es einen Bonus-Track, eine sehr schöne akustische Version von "Mystical One"). Der Coversong "I Really Love You" ist zum Beispiel eine herrliche Doo Wop-Nummer, in Harrisons Arrangement klingt sie aber eher so, als ob Eric Idle für "Der Sinn des Lebens" einen pythonesken Filmsong geschrieben habe. "Mystical One" und "Unknown Delight" würden mit anderem Sound sehr gut auf "George Harrison", seinem Album von 1978 passen. Zwei sehr schöne und melodiöse Songs. "Wake Up My Love", ein ernster Text mit selbst-ironischen Spitzen, dargeboten mit übertrieben theatralischem Gesang. Auf "Living In The Material World" hätte das noch anders geklungen. "That`s The Way It Goes", ein schönes Lied, ein guter Text. Der damalige US-Präsident und ehemalige B-Movie-Schauspieler Ronald Reagan sprach oft von den USA als 'Shining City On A Hill'. Der Titel "There's An Actor Who Hopes To Fit The Bill Sees A Shining City On A Hill" als schon fast zynische Anspielung auf den Mann, der das gelobte Land mit "some krugerrand" erwirbt, ist perfekt gelungen.

Der Titelsong ist ein einziger Spass, eine tropische Laune, zum Schluss wird dann noch das Fade-out-Abrocken auf den Arm genommen. "Baby Don`t Run Away" könnte ein sehr schöner und einschmeichelnder Song sein, und teilweise ist er das auch. Ich mag unter anderem die weibliche Background Stimme. Aber die technischen Spielereien drehen uns hier auch wieder eine lange Nase. Der Time Bandits-Song "Dream Away" ist für mich vielleicht der beste Song. Sehr interessant arrangiert, schöne Melodien, ausgefeilt. Das Lied benötigt aber Zeit, um zu wirken. Das abschliessende schwermütig-gospelige "Circles" fällt aus dem Rahmen. Ein spiritueller Text, schleppend langsames Tempo, wenn Gewinn und Verlust, Oben und Unten gleich sind, dann hören wir auf im Kreis zu gehen. Nach dem beschwingten "Dream Away" holt uns "Circles" schön herunter. Ich denke immer, "Dream Away" wäre eigentlich der passendere Song für den Schluss des Albums gewesen. Aber es passt zu dieser Platte, dass am Schluss noch so eine Nummer nachgereicht wird, mit der man eigentlich nicht gerechnet hätte.

In fast jedem Track werden zwei Synthesizer eingesetzt. Insgesamt gibt es hier sehr viele elektronische Spielereien zu hören und ich habe den Eindruck, dass Harrison sich nicht für eine Sekunde damit beschäftigt hat, eine erfolgreiche Platte zu produzieren. Sowohl bei der Original-LP als auch bei der remasterten CD von 2004 findet sich im Booklet - and now for something completely different - eine ausführliche Anweisung, wie man Zement anmischt. Das Bild von Harrison auf dem Frontcover stammt aus dem Jahre 1974 und das zweite Foto zeigt Harrison mit geschmacklos tropischem Hemd im Kreise von drei durchgeknallten Typen (die neuen Fab Four ?) in behämmerter Pose. Art Direction und Sleeve Design stammen von Georges altem Freund Legs Larry Smith und die Hülle ist so schrecklich bunt und kitschig-geschmacklos, dass sie schon wieder gut ist.

Müssig zu erwähnen, dass auch für "Gone Troppo" einige der besten Studiomusiker und Top-Künstler im Tonstudio ihre musikalischen Begabungen auslebten: Neben Herbie Flowers, Henry Spinetti, Ray Cooper und Mike Moran als Harrison's damalige Stammband, wirkten als Gäste auch so illustre Musiker wie Billy Preston, Jon Lord, Jim Keltner, Gary Brooker, Neil Larson und Willie Weeks mit. Also auch musikalisch ist die Platte qualitativ hervorragend eingespielt und klingt makellos.

Dass "Gone Troppo" kommerziell absolut erfolglos war, ist nicht überraschend. Ich hätte die Platte, wäre sie nicht von einem meiner Lieblingsmusiker gewesen, auch schnell ins Regal abgeschoben. Mittlerweile mag ich sie aber sehr. Viel schräger, typisch britischer Humor, einige treffsichere und schöne Songs, überdrehte, spleenige Spielereien, ein grellbuntes Cover und nicht zu vergessen: eine Anleitung für guten Zement. Herrlich!





Jun 11, 2016


BOB DYLAN - Infidels (Columbia Records QC 38819, 1983)

Rund drei Jahre lang war Bob Dylan der 'Neighborhood Bully', der Störenfried von nebenan. Durch seinen Übertritt zum Christentum verwirrte, verärgerte und enttäuschte der Künstler viele seiner Fans. Die konnten ab Oktober 1983 endlich wieder aufatmen. Dylan war back on earth und "Infidels" ein regelrechtes Comeback. Diese Einschätzung hielt sich aber nicht lange. Nachdem die erste Erleichterung darüber, dass der Musiker der Welt nicht mehr mit weiteren Bekenntnisliedern auf den Zeiger geht, verpufft war, verschlechterte sich bei vielen auch sukzessive die Einschätzung der Qualität der Platte. Und dann verteidigte er auf einem Song auch noch Israel! Das ging den liberalen und linken Fans, und auch den Kritikern dann doch wieder auf den Zeiger.

"Infidels" beginnt mit "Jokerman", einem absoluten Top Titel. Der Song hat einen tollen, sehr einnehmenden Groove: Lässig entspannt, dabei aber vorwärts treibend. Des Meisters Gesang ist hier fantastisch, ein Beispiel für Dylans Kunst der Phrasierung. Der erste Teil der letzten Strophe ist mir nahezu jedes mal eine Quelle der Freude. Der Text wirkt geheimnisvoll, mythisch, eine unglaubliche Flut von Bildern. Aber wer ist der Jokerman ? Ich weiss es nicht und stehe damit nicht allein. Es gibt unzählige Ansätze, man diskutiert über Jesus, einen Heiligen, den Teufel oder über mythische Gestalten. Ich denke, dass der Song von einem Menschen handelt, treibend zwischen Traum und Realität, zwischen Himmel und Erde, vielleicht vom Himmel gefallen; so wie die beiden Helden aus Salman Rushdie's "Satanischen Versen". Vielleicht ist der "Jokermann" der Narr, ein Clown, vielleicht die Projektion unserer Vorstellungen, Wünsche oder Werte. Ein Text, den ich ( vielleicht ähnlich wie das von mir ebenfalls sehr geschätzte "Changing Of The Guards" ) nicht grösstenteils entschlüsseln kann, der mich aber immer wieder beschäftigt, anspricht und oft begeistert. 

"Sweetheart Like You" ist ein mitfühlender Song, der allerdings auch immer wieder die unbequeme Frage stellt, wie man/sie nur hier reingeraten sei. Könnte auch ein Plot für einen Film sein. Die letzte Strophe kann vielleicht auch als Kritik am damaligen US-Präsidenten Reagan verstanden werden: Der Lump, der sich dem Patriotismus zuwendet. Das Bild von der Frau, die zuhause ihren Platz hat, mag damals wie heute viele befremden, ich sehe dies aber nicht so. "At Home" steht für mich hier für das Heim, die Heimat im Sinne von Geborgenheit und Sicherheit. Draussen ist nicht der Platz, wo Du Dein Leben leben kannst.

"Neighborhood Bully" wurde von nicht wenigen als plumpe Verteidigung der gewalttätigen Politik Israels gesehen. Dylan hat dies bestritten. Ich denke, dass man den Text sehr wohl auf Israel beziehen kann, nur sehe ich darin nichts, was falsch wäre. Ist es nicht seit 1948 unverändert so, dass Israel von allen Seiten von mehr oder weniger offenen Feinden umzingelt ist und die meisten Herrscher nur zu gerne dem Ruf der arabischen Strasse nachgeben würden ? Vielleicht ändert sich ja hier etwas durch die aktuellen politischen Umwälzungen in der arabischen Welt. Ich bin da jedoch sehr skeptisch, daher ist der Text für mich immer noch sehr aktuell. Musikalisch ist der Song ein Rocker mit Stones-artigem Riff.

"License To Kill", ein feiner kleiner Song mir gutem Text, eine gute Charakterisierung des Menschen. Möglicherweise empfinden manche den gedruckten Text als tendenziell zu moralisch negativ bewertend. Dylan's Gesang fügt dann aber noch andere Nuancen hinzu. In ähnlich moralisierendem Ton geht es mit "Man Of Peace" und "Union Sundown" weiter. Manche Kommentatoren hatten bei "Man Of Peace" Probleme mit Aussagen wie "good intentions can be evil". Ich finde Dylan's Aussagen verständlich und leider auch häufig zutreffend. Bisweilen wirkt der Song auch ein wenig rachsüchtig. Überhaupt wurde ihm zu dieser Zeit häufig der Vorwurf gemacht, er sei ein rachsüchtiger Hinterwäldler mit pessimistischer Weltsicht und kruden Glaubensvorstellungen. Dylan entgegnete, dass er seine Weltsicht eher als realistisch betrachte und Frieden nur der Moment sei, das Gewehr nachzuladen. "Union Sundown" verstehe ich als Kritik am Spät-Kapitalismus, der als Bumerang wiederkehrt und nun auch seine Verfechter heimsucht. Ein weiterer Rocker, dessen Text bis zum heutigen Tag nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat.

"I And I", auch ein rätselhaftes Lied: Ein Reggae, eine feine musikalische Arbeit wie so vieles auf dieser Platte. Die perfekte jamaikanische Rhythm Section Sly & Robbie, Mark Knopfler, Dylan und die anderen Musiker haben hier erstklassige Arbeit geleistet. Der Text scheint sehr persönlich zu sein, allerdings auch künstlerisch und bildhaft, so dass sich einfache Erklärungen nicht anbieten. Der Sänger betrachtet verschiedene Szenen, geht weiter, selbstbestimmt. Abschliessend folgt "Don`t Fall Apart On Me Tonight". Der Song klingt am wenigsten grüblerisch, hört sich positiv, glücklich und optimistisch an. Zuversicht, sie wird ihn schon nicht verlassen.

"A job half done" äusserte der Dire Straits Gitarrist Mark Knopfler später über die Platte. Viele Kritiker stimmten ihm zu, da Dylan doch nicht (wie zuerst gedacht) religiöser Moral oder biblischen Anspielungen den Rücken zugewandt hatte; er ihrer Ansicht nach Halbgares wie "Man Of Peace", "Neighborhood Bully" und "Union Sundown" auf die Scheibe nahm, dafür aber "Tell Me", "Lord Protect My Child", "Foot Of Pride", "Someone`s Got A Hold Of My Heart" und das wundervolle "Blind Willie McTell" bis 1991 zurückhielt. Die genannten Songs hätten "Infidels" zweifelsohne noch besser gemacht, sie sind wirklich hervorragend. Da ich aber die drei häufig kritisierten Lieder schätze und mag, gab und gibt es für mich keinerlei Grund, sie wegzulassen.

Dylan war weiterhin gläubig (Interviews aus dem Jahr 1984 sind da deutlich; biblische Anspielungen sind offensichtlich), er war weiter in nicht mainstream-tauglicher Manier moralisch (die Songs sprechen da eine eindeutige Sprache, Dylan war/ist geprägt von jüdisch-christlichen Werten; Rettung/Erlösung/Hoffnung erwartet er nicht aus des Menschen Hand) und er verwirrte, verärgerte und enttäuschte weiter Fans und Kritiker. Nach zwei hundertprozentigen christlichen Bekenntnis-Platten und einer zumindest halb christlich/halb weltlichen Platte nannte er sein Album "Infidels" (Ungläubige) und posierte vor der Altstadt von Jerusalem. Sofort hiess es, dass Dylan zu seinen jüdischen Wurzeln zurückgekehrt sei, und er bei einer konservativen jüdischen Gruppierung ein und aus gehe. Auf die Frage, warum er das Album denn so nenne, gab er zum Besten, dass er es auch "Animals" nennen könne und alle Welt würde sich fragen, was denn das zu bedeuten habe.

Die beiden Fotos stammen aus dem Jahr 1982, aufgenommen im Rahmen der Bar Mitzwa seines jüngsten Sohnes. Lässt ein wiedergeborener Christ seinen 13-jährigen Sohn durch einen Übergangsritus nach jüdischem Recht in die Religionsmündigkeit, also die Verantwortung für die Einhaltung und Beachtung der jüdischen Gebote, einführen ? Also weiterhin der Störenfried von nebenan, der nicht den Helden der 60er Jahre (er hält Frieden für eine Illusion und Woodstock für einen Markt für bunte T-Shirts) spielt, der nicht mit Joan Baez zusammen auf der Bühne die Nostalgiesucht bedient und der nicht die Fragen seiner Fans, Kritiker oder Jünger beantwortet, sondern das macht, was er immer macht, immer schon gemacht hat: Musik und seinen eigenen Weg gehen. Und genau dafür schätze ich ihn. "Infidels" gehört für mich zu seinen besten Platten.