Dec 19, 2017


VARIOUS ARTISTS - Concord Records 30th Anniversary
(Concord Records CCD6-2182-2, 2003)

Carl Jefferson startete das Label Concord Records, finanziert durch den Verkauf seines Ford-Autohandels, um seine Lieblingsmusiker auf Platte hören zu können. Er war ein Anhänger des damals an den Rand gedrängten Mainstream Jazz und begann damit, einigen Jazz-Gitarristen wie Herb Ellis, Dee Bell, Charlie Byrd, Barney Kessel oder Joe Pass eine Plattform für ihre Veröffentlichungen zu bieten. Weitere Musiker kamen im Laufe der Jahre hinzu, so etwa Mel Tormé, Tony Bennett, Rosemary Clooney, Stan Getz, George Shearing, Marian McPartland, Shelly Manne, Bud Shank, Laurindo Almeida, The L.A. 4, Dave Brubeck, Diane Schuur, Toshiko Akiyoshi, Ray Brown, Cal Collins, Bill Evans, Scott Hamilton und Woody Herman, aber auch Barry Manilow, Vanessa Williams, Bob Maize und Paula Abdul. 1999 wurde das Label von Hal Gaba und dem Fernsehproduzenten Norman Lear übernommen und verlagerte seinen Sitz nach Beverly Hills. 2004 kauften die beiden Fantasy Records und 2005 Telarc Records. Das Unternehmen nannte sich ab da Concord Music Group. Das Sub-Label Concord Picante widmete sich dem Latin Jazz mit Veröffentlichungen von Künstlern wie Cal Tjader, Tito Puente, Mongo Santamaría und Poncho Sanchez, das weitere Label Concord Classic der klassischen Musik.

1969 organisierte der erfolgreiche Gebrauchtwagenhändler und passionierte Swingfan Carl Jefferson in der nordkalifornischen Kleinstadt Concord, dem Geburtsort des Jazzpianisten Dave Brubeck, erstmals das Concord Summer Festival (das erst später in Concord Jazz Festival umbenannt wurde), um seinen Lieblings Jazzmusikern - zu denen natürlich auch Brubeck gehörte - eine Plattform für Auftritte zu bieten. Jeffersons Initiative war insofern bemerkenswert und mutig, als swingender Jazz damals einen schweren Stand hatte. Es war die Zeit, als viele Jazzmusiker zu neuen Ufern aufbrachen: Manche begannen den Flirt mit der prosperierenden Rockmusik, andere integrierten Elemente des Soul und Rhythm & Blues und eine dritte Gruppe widmete sich dem oftmals etwas zerebralen Free Jazz. Der sogenannte Mainstream aber war eher zu einem wenig beachteten Sidestream geworden.

Doch der Erfolg des Festivals zeigte Carl Jefferson, dass es nach wie vor leidenschaftliche Anhänger des swingenden Jazz gab. So verkaufte Jefferson schliesslich sein Geschäft mit dem Handel von Gebrauchtwagen und gründete 1972 auch noch das Label Concord Records, um den von ihm präferierten Jazzkünstlern, die bei vielen anderen Labels kaum noch Beachtung fanden, eine neue Heimat zu geben. Die ersten Aufnahmen für Concord Records entstanden vor allem mit renommierten Gitarristen wie Herb Ellis, Charlie Byrd und Barney Kessel, die ihre Alben entweder als Leader oder gemeinsam unter dem Signum Great Guitars veröffentlichten. Die Angebotspalette wurde schnell erweitert. Auch investierten Jefferson und sein Concord-Label schon einige Jahre bevor die sogenannten Young Lions auf der Szene erschienen in junge, swingende Mainstream-Talente wie Scott Hamilton, Warren Vaché, Dan Barrett, Howard Alden und Ken Peplowski. Zur selben Zeit veröffentlichte man aber auch Platten von Veteranen wie Dave McKenna, Rosemary Clooney, Mel Tormé, George Shearing und Art Blakey. Für die diversen heissen Spielarten des Latin Jazz etablierte man das Sublabel Concord Picante, auf dem Alben von Grössen wie Cal Tjader, Tito Puente, Mongo Santamaria, Poncho Sanchez und Tania Maria präsentiert wurden.

Bis zu seinem Tod im März 1995 produzierte Carl Jefferson über 500 Aufnahmesessions für Concord Records. 1999 wurde das Label von einem Konsortium um den Fernsehproduzenten Norman Lear aufgekauft. Das seit 2002 in Beverly Hills ansässige Label, für das auch Ray Charles, Barry Manilow, Maurice White (Earth, Wind & Fire), Ray Brown, Dave Brubeck, Carl Fontana, Gene Harris, Susannah McCorkle und Marian McPartland Aufnahmen machten, kann mittlerweile stolz auf 14 gewonnene Grammys und 88 Grammy-Nominierungen zurückblicken. 2004 kaufte Concord Records den umfangreichen Katalog des Labels Fantasy Records auf, ein Jahr später auch jenen von Telarc Records. Heute sind unter dem Dach der Concord Music Group mehr als dreissig historische Labels vereint: darunter so klangvolle Namen wie Prestige Records, Riverside Records, Milestone, Pablo und Stax. Der Gesamtkatalog umfasst weit über 1000 Produktionen. Die Pflege des traditionellen (aber längst nicht nur swingenden) Jazz ist nach wie vor ein Label-Schwerpunkt. Darüber hinaus lancierte die Concord Music Group aber auch mit sehr viel Erfolg erfrischende Newcomer wie Peter Cincotti, Erin Boheme, Taylor Eigsti und Christian Scott.

Zum 30 jährigen Jubiläum des Labels veröffentlichte Carl Jefferson's Nachfolger Glen Barros als Präsident des Labels zusammen mit dem Vize-Präsidenten und hier als ausführender Produzent fungierenden John Burk eine äusserst liebevoll und geschmackvoll zusammengestellte, sechs CDs umfassende Jubiläums-Werkschau mit etlichen Glanzlichtern des immens grossen Labelkataloges und exquisiten Trouvaillen aus 30 Jahren Veröffentlichungs-Geschichte. Insgesamt 74 ausgewählte Songs umfasste die Box mit jeweils drei Doppel-CDs, der auch ein umfassendes und informatives, 116 Seiten starkes Buch beigelegt wurde, die sowohl über die auf der Box kompilierten Künstler und Bands, aber auch die jeweiligen ausgewählten Tracks informierte. Äusserst geschmackvoll wurde auch das Box-Design in Szene gesetzt. Chronologisch fanden sich hier frühe Label-Aufnahmen von Herb Ellis und Barney Kessel bis hin zu zeitgemässen Acts wie der Dave Weckl Band oder Poncho Sanchez. Die ausgewählten Titel verrieten einen grossen Geschmack für hervorragende Jazz-Kunst und unterhielten den Zuhörer von der ersten bis zur letzten Sekunde dieser wunderschönen Box, die jedem Jazz-Enthusiasten unbedingt empfohlen werden kann. Zu den einzelnen Acts auf er Box kann man sich hier tiefergreifend informieren und auch probehören:

http://www.wowhd.co.uk/concord-records-30th-anniversary-various-artists/013431218227








Dec 16, 2017


IDEAL - Der Ernst des Lebens (WEA Records K 58 400, 1981)

Ab April 1980 spielten Annette Humpe (Gesang, Keyboards), der Bassist und Sänger Ernst Ulrich Deuker, der Gitarrist und Sänger Frank Jürgen (Eff Jott) Krüger und der Schlagzeuger, Perkussionist und Sänger Hans-Joachim Behrendt offiziell als Ideal. Noch im Februar des Jahres traten Humpe - die auch bei den Neonbabies mitwirkte - und Krüger mit anderen Musikern, darunter dem Neonbabies Schlagzeuger Toni Nissl, im Kant Kino mit den X-Pectors auf, bevor man diese Formation im März aufgab und mit leicht veränderter Besetzung als Ideal reformierte. Annette Humpe, die bereits mit sechs Jahren Klavierstunden erhielt, später sechs Semester Komposition und Klavier an der Musikhochschule Köln studierte, hatte erste Spontanauftritte gemeinsam mit ihrer Schwester Inga. Erste Banderfahrungen machte die in Herdecke (Ruhr) geborene Musikerin mit den Formationen Group Therapy und Pink Wave. Später sang und spielte sie gemeinsam mit Inga Humpe kurzfristig bei den Neonbabies, bevor sie mit Eff Jott Krüger von den X-Pectors zu Ideal wechselte. Eff Jott Krüger, nach eigenem Bekunden ein "53 Jahre alter, perverser Gitarrist und Sänger" - für die Medien ein gefundenes Fressen - hatte einschlägige Erfahrungen im Jazzbereich. Ein Kurzgastspiel beim Release Music Orchestra stand in seiner musikalischen Biographie.

Auch Ernst-U. Deuker kam vom Jazz-Rock, den er unter anderem mit der Gruppe Margo auf die Bühne brachte. Hansi Behrendt schliesslich, ein gelernter Perkussionist, tourte mit Deutschlands Nr.1 Jazzgitarrist Volker Kriegel und dessen Mild Maniac Orchestra, bevor er zum Schlagzeug fand und sich innerhalb kürzester Zeit bei den Neonbabies, der Deutschen Bundes-Band (wo er Deuker traf) und eben Ideal zu einem der Topschlagzeuger der deutschen Musikszene entwickelte. Die Zeitschrift Musik Express druckte später nach der ersten LP-Veröffentlichung: "Ich empfinde es als Wohltat und einen starken Schritt der Musiker, den ach so kulturellen Background zu verleugnen und sozusagen unter Niveau zu spielen, was nichts weiter heisst, als unter der eigenen Leistungsgrenze. Zugunsten einer in Deutschland selten gehörten Lockerheit. Weniger ist mehr". Der Rezensent reagierte damit auf Diskussionen innerhalb der Szene, inwieweit eine Musik, wie sie Ideal Mitte 1980 dem deutschen Hörer präsentierte, von ehemaligen Jazzern und Jazz-Rockern als authentisch akzeptiert werden dürfe.

Im Mai 1980 veröffentlichte die Gruppe Ideal die erste, für das bandeigene Eitel Imperial-Label produzierte Single "Wir stehn auf Berlin" mit der B-Seite "Männer gibt's wie Sand am Meer", die schon bald ausverkauft war. Am 2.Mai, während die Gruppe Spliff im Kant Kino debütierte, hatten Ideal ebenfalls den ersten Auftritt in der TU Mensa in Berlin. Der erste wesentliche Gig fand allerdings, ebenfalls im Mai, im Tempodrom beim Berliner Rock Circus (neben Bel Ami, PVC, Tempo und Z) statt, der für Radio und Fernsehen mitgeschnitten wurde. Die ARD strahlte das Ereignis später unter dem Titel 'Sie verlassen den amerikanischen Sektor' aus. Auch ohne Langspielplatte hatten Ideal viel Presseresonanz: ein Medienphänomen, das selten zu beobachten war. Diese Präsenz im deutschen Blätterwald steigerte sich im Spätsommer ins Unermessliche. Die britische Romantic-Rockband Barclay James Harvest, die vor allem in Deutschland enorm erfolgreich war, liess sich auf dem Gelände des Berliner Reichstages ein Danke schön-Open Air (das für Promotion, Liveaufnahmen, Film- und Videoproduktionen ausgenutzt werden sollte) für die deutschen Fans organisieren. 150000 Besucher kamen auf das Gelände nahe der Mauer und waren besonders von Ideal begeistert, eine von mehreren Gruppen, die für das Vorprogramm verpflichtet wurden. Gerade die vier Musiker waren die grossen Nutzniesser dieser Grossveranstaltung. Die TV-Nachrichtensendungen Tagesschau und Heute reagierten auf das Rockereignis. Aber nicht Barclay James Harvest flimmerten im August 1980 in die deutschen Wohnzimmer, sondern Ideal. Das bedeutete den bundesweiten Durchbruch für die Neo Schlager-Formation aus Berlin.


Unmittelbar nach dieser Bewährungsprobe gingen die vier Musiker ins Studio, um für das von Synthesizer-Spezialist Klaus Schulze ins Leben gerufene IC (Innovative Communication)-Label ihre erste LP zu produzieren. Diese erschien im November 1980 und bereits einen Monat später waren 13000 Einheiten abgesetzt. 20800 LPs müssten verkauft werden, um die Kosten der Produktion wieder einzuspielen, hatte das alternative Kleinlabel bei Veröffentlichung verlauten lassen, froher Hoffnung, aber keineswegs im festen Glauben an den kommerziellen Erfolg. Am 9. Januar 1981 durften Ideal den Titel "Rote Liebe" im ZDF-Kulturmagazin 'Aspekte' vorstellen. Bei einer ersten kurzen Konzertreise durch Deutschland im Februar mussten bei überraschend grosser Publikumsresonanz erste Zusatzkonzerte angesetzt werden. Im März schliesslich ging man zusammen mit anderen Berliner Bands (darunter Morgenrot und die Insisters) im Berliner Rock Circus-Package auf Deutschlandtournee durch zehn Städte. Im Mai waren bereits 70000 Einheiten des Albums verkauft, über das die Musikzeitschrift Sounds schrieb: Ideale Tanzmusik, die dazu angetan ist, die belanglosen Synthiespielereien der Möchtegern-Avantgarde als auch die auf der Stelle stapfenden Popper und Wopper-Rhythmen aus dem Recorder zu verdrängen.

Erste Auslandsauftritte führten Ideal im Juni 1981 zu den deutschsprachigen Nachbarn. Das Album stieg bis auf Platz 3 in den deutschen LP-Charts. Ideal verliess das IC-Label und unterschrieb einen neuen Vertrag beim WEA-Konzern in Hamburg. Im Juli zeichnete der WDR-Rockpalast ein Konzert in Köln auf, im August traten Ideal vor 22000 Fans auf der Berliner Waldbühne vor die Kameras der SFB Rocknacht Macher. Dieser Auftritt wurde im Fernsehen ausgestrahlt. Danach begann die Studioarbeit am zweiten Album. Gemeinsam mit dem Produzenten Conny Plank entstand "Der Ernst des Lebens". Mit der Veröffentlichung im Oktober erhielten Ideal die erste Goldene Langspielplatte für das LP-Debüt (mehr als 250000 verkaufte Exemplare). Damit wurde zum ersten Mal in Deutschland auch ein Produkt einer unabhängigen Plattenfirma vergoldet. Die Band feierte diesen Triumph unter anderem in der Live-Sendung 'Litera-Tour', die während der Frankfurter Buchmesse vom ZDF produziert wurde. 70000 Fans sahen Ideal bei 27 ausverkauften Konzerten während der Reise '81/82', die schwerpunktmässig im November und Dezember über deutsche Bühnen ging. Auch in Wien und Zürich gab man seine musikalische Visitenkarte ab. 'Tanzen ist wieder wichtig. Tanzmusik deshalb auch - von Ideal: modern, treibend, dann und wann ein illustrierender Schlenker ins Morgenländische oder sonstwohin', umriss der Musik Express die neuen Aspekte von "Der Ernst des Lebens". Sounds ergänzte: 'Die Geschichten, die Ideal erzählen, waren nicht länger 'banal' munter, sondern voller Kühle und Fatalismus'.

Beim Abschlusskonzert zugunsten der Berliner Hausbesetzer erhielten Ideal die zweite Goldene Schallplatte, diesmal für "Der Ernst des Lebens", das bis auf Platz 4 in den Albumcharts kletterte. Der Melody Maker schrieb über Ideal: 'Ideal könnten Europa's Antwort auf die B-52s werden. Schräge Orgelmelodien, sprunghafte Tanzrhythmen, Bubblegum-Chöre als Rahmenwerk für ihren stilvoll mutierten Pop, eine seltsame Mischung aus Surf-Punk, Garagenpsychedelic und ZE-Funk'. Ernst Ulrich Deuker gab dem Reporter des New Musical Express auf die Frage zum Ideal-Stil zu Protokoll: "Wir bringen die gute Tradition des deutschen Fünfziger Jahre-Schlagers auf den Stand der Achtziger". Das amerikanische Branchenblatt Billboard schliesslich erkannte in Ideal Deutschlands wichtigste Gruppe seit Kraftwerk. Am 5. Februar erhielten Ideal Platin für 500000 verkaufte Platten des Erstlingswerks.

"Der Ernst des Lebens" wurde in Holland, Belgien, Frankreich und Dänemark veröffentlicht. Auftritte in Frankreich ('live' für die französische Radio- und Fernsehsendung 'Feedback', die die LP zur Platte der Woche erklärte), Holland (No Nukes-Festival in Utrecht) und Belgien (im Vorprogramm von John Watts, Ex-Fisher Z) folgten. Und in Deutschland standen sie neben Trio, Roger Chapman, Black Uhuru, Wolfgang Ambros, Frank Zappa, unter anderem bei den Happy Summernight Open Airs in vier Freiluftarenen auf der Bühne. Längst hatte die Band mit den Vorbereitungen für die dritte Langspielplatte begonnen, unterbrochen durch die Veröffentlichung von "Der Ernst des Lebens" in England, Konzerten in London, beim Roskilde Festival in Dänemark und einem Open Air in St. Gallen. Abschluss der Sommeraktivitäten bildete ein Konzert beim legendären Jazzfestival in Montreux. Die erste LP ging von IC in den WEA-Katalog über. Die Single "Monotonie" wurde sogar in Australien veröffentlicht.

Fernab vom heimischen Berlin entstand im September und Oktober 1982 im Sound Mill Studio in Wien unter der Regie von Gareth Jones und Micki Meuser (Nervous Germans, Ina Deter Band) das dritte Album "Bi Nuu". "'Bi Nuu' ist keinesfalls zu verwechseln mit dem sanften Saxol, vielmehr ist es vergleichbar mit dem aussergewöhnlichen Kopflan. Obwohl es sich noch immer deutlich unterscheidet vom bahnbrechenden Punk-Stil, das wiederum doch kein Ersatz für das strenge Aktul war, könnte man es genauer genommen als Weiterentwicklung des epochalen Sülzerol und dessen bewährten Nachfolgers Doopelklirrdon bezeichnen". Mit solchen Pressetexten ironisierten Ideal die Interpretier-Freudigkeit deutscher Journalisten, denen man mit dem Phantasiewort "Bi Nuu" Wasser auf die Mühlen gegossen hatte. Diese bewusste Abstraktion konnte auch als Abgrenzung gegen alles Wellen-Denken jener Tage verstanden werden. Auch musikalisch hatte man sich gelöst von etwaigen Erwartungshaltungen, um dem Erfolgsdruck zu entgehen. Einzige Maxime für die neuerliche Studioarbeit war dem eigenen Geschmack, der eigenen Lust zu folgen.

Das Ergebnis war ein Album von bestechender Leichtigkeit und stilistischer Vielfalt und Offenheit. Am 27. Januar 1982 strahlte das deutsche Fernsehen den Single-Titel "Keine Heimat" im Rahmen der Verleihung der Goldenen Europa des Saarländischen Rundfunks (mit Ideal als Preisträger) aus. Mit "Ask Mark ve Ölum" war auch ein Titel in türkischer Sprache auf "Bi Nuu" vertreten. Beim Benefizkonzert für den Frankfurter Club Batschkapp (wo Ideal eines ihrer ersten Konzerte gab) in der Offenbacher Stadthalle gaben Ideal - wie sich später herausstellen sollte - das letzte Konzert der kurzen Karriere. Im Dezember stieg "Bi Nuu" in die Charts ein, erreichte allerdings als höchste Notierung nur den 20. Rang. Die Umsätze blieben hinter den Erwartungen der Plattenfirma zurück. Eine zunächst geplante, neuerliche Deutschlandtournee wurde abgesagt. Am 31. März 1983 erreichte ein Telex der Gruppe die Medien: "Die Gruppe Ideal löst sich auf. Ideal war von Beginn an als ein Projekt geplant, eine Arbeitsgemeinschaft, die so lange bestehen sollte, wie die Unterschiedlichkeit der einzelnen Mitglieder die Arbeit spannend und kreativ machte. Unsere Musik war immer Resultat der Auseinandersetzung von vier verschiedenen Persönlichkeiten, nicht um Kompromisse, sondern Songs zu (er-) finden, auf die jeder stehen konnte. In drei tollen Jahren haben wir aus dieser Konstellation das beste rausgeholt."

Erst im Juni des Jahres erschien mit "Zugabe" ein Live-Album der Berliner Band, ein Andenken, Abschiedsgruss und Dankeschön an die Fans mit allen Hits, dem unveröffentlichten Titel "Acryl", der ersten Single-Rückseite "Männer gibt's wie Sand am Meer" und dem neu abgemischten "Schöne Frau mit Geld". Zur gleichen Zeit, da man in Deutschland für "Zugabe" warb, erschienen auch Anzeigen für das Albumdebüt der Wiener Kabarettisten Tauchen und Prokopetz, zwei ehemaligen Mitstreitern von Wolfgang Ambros ("Der Watzmann ruft"). Bereits im Frühjahr hatte Annette Humpe die LP von DÖF ( Deutsch-Österreichisches Feingefühl) in Wien produziert, Songs für das Duo geschrieben und zusammen mit ihrer Schwester Inga auch auf dem Album gesungen. LP wie Single ("Codo") entwickelten sich in Österreich zu Verkaufsschlagern. Das Team erhielt Gold. Und auch in Deutschland wurde der Ohrwurm zu einem Nummer 1-Hit im August 1983.







Dec 13, 2017


MAGAZINE – Real Life (Virgin Records V-2100, 1978)

Das Debutalbum von Magazine gehört für mich seit je in die Kategorie 'Meisterwerke der alternativen Rockmusik'. Ich halte die Platte für essenziell, und man sollte sie unbedingt einmal gehört haben. Die Geschichte von Magazine ist auch die Geschichte des Ex-Buzzcocks Sängers Howard Devoto, einer ebenso schillernden wie kreativen Figur, der immer das Stigma des Punk anhaftete, was leider irritiert und ihn meiner Meinung nach schlicht in eine falsche musikalische Schublade drängt. Howard Devoto war schon zu Zeiten bei den Buzzcocks, die er 1977 verliess, um sich auf sein eigenes musikalisches Gerüst – Magazine – vorzubereiten, ein Visionär, ein Denker, der mit den Plattitüden des Punk nicht viel am Hut hatte, die Punkbewegung aber als ideale Plattform sah, seine musikalischen Ideen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Dazu nutzte er die entsprechenden Outfits und die allgemein vorherrschenden musikalischen Modeströmungen clever und gezielt aus. Ich würde Howard Devoto noch immer das Etikett progressiv verleihen, wenn auch nicht im klassischen Sinne in Richtung progressiven Rocks. Vielmehr sprengte er enge Grenzen, die aus heutiger Sicht vielleicht als nicht mehr ganz so spektakulär angesehen werden, damals aber als phänomenal und äusserst provokativ – ja: revolutionär galten. Zum Beispiel verwendete er in der damals sehr radikalen Zeit der musikalischen Reduktion Keyboards in allen Facetten, und schon bald nach der Veröffentlichung des Albums "Real Life" war klar, dass Howard Devoto hier im Begriff war, einen neuen Post-Punk Musikstil zu kreieren, der später von vielen anderen Bands, deren Wurzeln auch im Punk zu finden sind, aufgegriffen wurde (am prägnantesten zu hören bei The Stranglers).

Mitte Januar 1978 veröffentlichte die Band die Single "Shot By Both Sides" mit der B-Seite "My Mind Ain’t So Open" – irritierenderweise ohne Keyboards eingespielt. Der Grund lag darin, dass kurz vor den Aufnahmen der Keyboarder Bob Dickinson die Band verliess, und der spätere Ersatz Dave Formula noch nicht gefunden war. Weil dadurch bei dieser ersten Single das entscheidende, stilprägende Element fehlte, entsprach diese Musik haargenau dem vorherrschenden Trend und war recht erfolgreich. Auftritten unter anderem in der Fernsehshow 'Top Of The Pops' folgte eine Chartsplatzierung auf Rang 41 der englischen Hitliste. Nicht berauschend, aber ein veritabler Einstieg, zumal der englische Rolling Stone der Single den Titel 'The best rock'n'roll record of 1978, punk or otherwise' verlieh. Ab Mitte Februar 1978 waren Magazine dann wieder zu fünft, mit dem neuen Keyboarder Dave Formula, und neben einer ausgedehnten England Tournee folgte auch die Einspielung der zweiten Single "Touch And Go" mit einer ziemlich abgedrehten Coverversion des James Bond Themas "Goldfinger" auf der B-Seite. Die Single wurde zum Zeitpunkt der Aufnahmen zum Album "Real Life" veröffentlicht, und erhielt praktisch keine Reputation.

Während den Monaten März und April 1978 wurden die Tracks zum ersten Album eingespielt, unter der Leitung des angesehenen Produzenten John Leckie. Auf Virgin erschienen, schrieb der New Musical Express dann im Juni 1978 wörtlich: 'on Magazine hangst he artistic integrity of Rock’s immediate future'. Dies war auch der Zeitpunkt, da Howard Devoto in Statements, veröffentlicht in Musikmagazinen oder ausgesprochen in Interviews sich klar vom Punk distanzierte und sich dabei auch nicht scheute, über seine direkte musikalische Konkurrenz herzuziehen: Die zeitgleich veröffentlichten Singles "Fulham Fallout" von den Lurkers oder "Do It Dog Style" von Slaughter & The Dogs hielt er für "blam blam blam rubbish". Ausserdem wollte er sich mit der Verballhornung von John Barry’s "Goldfinger" in die unmittelbare Nähe von The Clash bringen, zumindest, was seine musikalische Ausrichtung betraf: Vielschichtige, gerne auch mit Humor unterlegte, spassig-lockere, und dennoch anspruchsvolle und vor allem abwechslungsreiche Musik zu machen.

Auf dem Debutalbum "Real Life" findet sich denn auch eine Vielzahl toller, und manchmal recht aussergewöhnlicher Songs, die vor allem auch durch die bisweilen etwas bizarren Songtexte getragen werden. Die coole Schrägness etwa von "Definitive Gaze" und "My Tulpa" (die beide auch eine besondere Nähe zum Art Rock bewiesen), der bodenständige Rock von "Shot By Both Sides", der Vorwärtsdrang in "Recoil" (welches mich herrlich an Bram Tchaikovsky’s The Motors erinnert), die düster und dennoch hoffnungsvolle Atmosphäre in "Burst" (die mich wiederum an die frühen musikalischen Glanzpunkte von Roxy Music und somit deren Variante des Art Rocks erinnert), oder die Grandezza des episch wirkenden "Parade": Man erliegt der Faszination dieser aussergewöhnlichen Songs noch heute. "Motorcade" zeigt wiederum einige stilistische Parallelen zu Hawkwind zu Zeiten von deren Meisterstreich "Hall Of The Mountain Grill", was sicherlich an der Komposition selber, aber auch am mit Rückwärts-Hall Loops unterlegten Lead Gesang liegt. Und schliesslich möchte ich auch das ultimativ schräge "The Great Beautician In The Sky" nicht unerwähnt lassen: Eine Nummer, die im clownesken Kirmes-Walzer Rhythmus gerade so auf mich einwirkt, als stammte sie aus dem Film-Soundtracks eines Fellini-Streifens.

Magazine’s "Real Life" ist für mich eine jener wenigen, ganz wichtigen Platten, die mein Musikverständnis und meinen Musikgeschmack nachhaltig beeinflusst und geprägt haben. Es ist eine Platte, die grenzübergreifend, ein musikalisches Genre in Frage stellend und extrem innovativ war. Und es war für mich der ultimative Beweis dafür, dass es richtig war, sich mit der Punkbewegung und all ihren Verästelungen auseinanderzusetzen. Denn sonst wäre ich an einem ganz aussergewöhnlichen, für mich ultimativen Musikerlebnis wahrscheinlich vorbeigegangen damals. In Japan erschien 2007 eine remasterte Version der Platte als Mini LP CD, bonussiert mit den beiden Singles "Shot By Both Sides" und "Touch And Go" samt der dazugehörigen Single B-Seiten "My Mind Ain’t So Open", respektive die John Barry Verpunkung "Goldfinger".

MAGAZINE:

Howard Devoto – Vocals
John McGeoch – Guitar, Saxophon
Dave Formula – Keyboards
Barry Adamson – Bass
Martin Jackson – Drums

Aufgenommen und produziert in den Abbey Road Studios von John Leckie
Remastered 2007 in den Abbey Road Studios von Sean Magee










Dec 12, 2017


B.B. KING - Midnight Believer (ABC Records AA-1061, 1978)

B. B. King wurde am 16. September 1925 als Riley B. King im Weiler Berclair, Mississippi, als Sohn des Farmpächters Albert King und dessen Frau Nora Ella King geboren. Als er vier Jahre alt war, trennten sich seine Eltern und er wuchs fortan in Kilmichael bei seinen Grosseltern mütterlicherseits auf. Als er neun Jahre alt war, starb seine Mutter. 1940 zog er für zwei Jahre zu seinem Vater nach Lexington. Danach kehrte er nach Kilmichael zurück, zog dann weiter nach Indianola und landete schliesslich 1946 in Memphis. Als Kind und Jugendlicher sang er Gospelmusik, war aber auch begeistert von Bluesmusikern wie Blind Lemon Jefferson oder Lonnie Johnson, deren Musik er auf Schellackplatten seiner Tante hörte. Zu seinen weiteren Vorbildern zählten vor allem der Bluesgitarrist T-Bone Walker, aber auch Jazzmusiker wie Charlie Christian und Django Reinhardt. In Memphis traf B. B. King einen entfernten Verwandten seiner Mutter, den Bluesmusiker Bukka White, der ihm eine Anstellung als Schweisser verschaffte. Zusammen mit Walter Horton gründete King schliesslich ein Blues-Duo und gemeinsam traten sie in Juke Joints und Parks auf. Nach acht Monaten in Memphis kehrte King jedoch zurück nach Indianola. Er zweifelte an seinem instrumentalen Können, da es seiner Meinung nach bessere Musiker in Memphis gab.

Trotzdem kehrte er Ende 1948 nach Memphis zurück und lernte in West Memphis den Gitarristen Robert Lockwood kennen, mit dessen Hilfe er sein Gitarrenspiel wesentlich verbessern konnte. Anfang 1949 traf er Sonny Boy Williamson II., der ihm gestattete, in seiner Radioshow auf KWEM ein Stück zu singen. Durch Bukka White erfuhr King kurze Zeit später von der Radiostation WDIA. Im April 1949 bekam er dort seine eigene, von Lucky Strike gesponserte 15-minütige Sendung, in der er live spielte. Im folgenden Jahr übernahm er als DJ den Sepia Swing Club auf WDIA. Nun hatte er Zugriff auf Tausende von Platten, die er intensiv anhörte und auch nachzuspielen versuchte. Seine ersten Aufnahmen machte B. B. King 1949 für das Plattenlabel Bullet Records in Nashville. Die beiden daraus resultierenden Singles verkauften sich jedoch sehr schlecht und gaben seiner lancierten musikalischen Karriere keinen Anstoss. Während eines Besuchs der Radiostation WDIA im Juni 1950 hörten die Brüder Jules und Saul Bihari von B. B. King und waren so begeistert, dass sie ihn für ihr Sublabel RPM Records unter Vertrag nahmen. Modern Records mit Sitz in Los Angeles zählte zwar damals zu den führenden unabhängigen Plattenlabels im Bereich des Jazz und Blues, verfügte jedoch in Memphis über kein eigenes Tonstudio. Deshalb fanden die ersten Aufnahmesessions mit B. B. King für RPM Records im damals neuen Studio von Sam Phillips statt. King's Band bestand zu dieser Zeit aus Richard Sanders (Saxophon), Johnny Ace (Klavier), einem Bassisten namens Wiley und Earl Forest (Schlagzeug). Diese frühen Einspielungen waren zwar innovativ, aber kommerziell wenig erfolgreich.

Nachdem sich die Biharis Mitte 1951 geschäftlich mit Sam Phillips überworfen hatten, fand im September 1951 im YMCA mit einem portablen Aufnahmegerät jene Aufnahmesession statt, die B. B. Kings ersten Hit "3 O'Clock Blues" hervorbrachte, der sich fünf Wochen lang als Nummer 1 Hit in den Rhythm & Blues-Charts hielt. Aufgrund des grossen Erfolgs der Single folgte eine Tournee mit Tiny Bradshaws Orchester. Wenig später schloss sich King mit der Band des Saxofonisten Bill Harvey zusammen, die dann bis 1955 seine Tour-Band blieb. 1952 und 1953 hatte B. B. King mit "You Know I Love You" und "Please Love Me" zwei weitere Nummer 1 Hits, die seiner Karriere einen entscheidenden Auftrieb gaben. Am 24. April 1954 zierte sein Bild die Titelseite des Cashbox Magazins. Einen Monat später gab er sein Debüt mit Bill Harvey’s Orchester im Apollo Theater in Harlem. Unter dem Produzenten Johnny Pate wurde am 18. und 19. August 1954 in den alten Capitol Studios (Los Angeles, Melrose Avenue) in der Besetzung B. B. King (Gesang und Gitarre), Millard Lee (Klavier), Floyd Newman (Saxophon) und Kenny Sands (Trompete) der Bluesklassiker "Everyday I Have The Blues" aufgenommen. Im Dezember 1954 erschien dann "Everyday I Have The Blues" mit der B-Seite "Sneakin’ Around" als Single, die bis auf Platz 8 der Hitparade vorstiess. Nach dessen Veröffentlichung berichtete Billboard von hohen Plattenumsätzen, die sich über die Jahre auf über 4 Millionen Exemplaren summierten. Damit avancierte "Everyday I Have The Blues" zu den meistverkauften Bluessongs aller Zeiten.

Noch im Dezember 1954 folgte eine Westcoast Tournee. B.B. King war nun aufgestiegen zum nationalen Star, ganz dem Blues verschrieben und kaum interessiert an der sich bereits abzeichnenden Rock'n'Roll Revolution. Anfang 1955 brach King wegen einiger geschäftlicher Differenzen mit Bill Harvey und seinem Manager Morris Merritt. Kurzerhand stellte er eine neue Band, die B.B. King Revue, unter der Leitung von Millard Lee zusammen. Sie bestand zunächst aus Calvin Owens und Kenneth Sands (Trompeten), Lawrence Burdine (Altsaxophon), George Coleman (Tenorsaxophon), Floyd Newman (Baritonsaxophon), Millard Lee (Klavier), George Joyner (Bass) und Earl Forest und Ted Curry (Schlagzeug). Onzie Horne als geschulter Musiker wurde Kings Arrangeur und half ihm, seine musikalischen Ideen umzusetzen. Es folgten weitere Tourneen quer durch die Vereinigten Staaten mit Auftritten in den grossen Theatern, sowie zahlreiche Gigs in kleineren Clubs und Juke Joints der Südstaaten. King tourte mittlerweile den kompletten Chitlin’ Circuit und war 1956 mit 342 Konzerten völlig ausgebucht.

Nebenher gründete er im selben Jahr sein eigenes Plattenlabel Blues Boys Kingdom mit Sitz in der Beale Street in Memphis. Dort produzierte er unter anderem Künstler wie Millard Lee oder Levi Seabury. Die Plattenfirma scheiterte schliesslich aber daran, dass King seinen Verpflichtungen als Musiker nachkommen musste und keine Zeit (und auch nicht die Kompetenzen) hatte, auch noch eine Firma zu leiten. Seine Plattenaufnahmen machte B.B. King nun fast immer im Modern Studio in Los Angeles mit Musikern unter der Leitung von Maxwell Davis. Das Aufkommen des Rock'n'Roll führte schon Mitte der 50er Jahre zu einem enormen Popularitätsverlust des Blues in der afroamerikanischen Gesellschaft. Obwohl King weiterhin Hits vorweisen konnte, stellte das Jahr 1957 für ihn den Beginn eines ruhigeren Karriereabschnitts dar. Um Kings Popularitätsverlust entgegenzuwirken, versuchten die Biharis ihn in den Bereich der Popmusik zu drängen. Zu dieser Zeit coverte er unter anderem Tennessee Ernie Fords Song "Sixteen Tons" und nahm auch den Song "Bim Bam" auf. Auch weitere Versuche mit Popballaden scheiterten und brachten nicht den kommerziellen Erfolg früherer Tage zurück. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei Chess Records verlängerten die Biharis 1958 Kings Vertrag, ein Zeichen dafür, dass sie nach wie vor auf ihn setzten. Ab diesem Zeitpunkt erschienen B. B. Kings Singles auf dem neu gegründeten Sublabel Kent Records.

Zu Beginn der 60er Jahre war B.B. King einer der wenigen Bluesmusiker, die nach wie vor regelmässig in den Rhythm & Blues-Charts vertreten waren. So landete er im Frühjahr 1960 mit seiner Interpretation des Big Joe Turner Klassikers "Sweet Sixteen" sogar nochmals einen Nummer 2 Hit in den Charts. Während andere Bluesmusiker wie Muddy Waters oder John Lee Hooker infolge des Folkmusik-Booms ein neues, vor allem weisses Publikum fanden, blieb B.B. King seiner angestammten Zuhörerschaft treu. Anstatt ein trendiges Folk-Blues-Album einzuspielen, trat er weiterhin mit seiner 13-köpfigen Band in Zentren der afroamerikanischen Kultur wie etwa dem Apollo Theater in Harlem auf. In Europa waren seine Platten kaum erhältlich, da sich die Bihari-Brüder beim Lizenzieren ihres Katalogs recht schwer taten. Allerdings hatte B.B. King mittlerweile gute Gründe, Modern Records zu verlassen. Da die Biharis seine Alben auf dem Billig-Sublabel Crown Records für 99 Cent das Stück veröffentlichten, landeten diese LPs meist in den Ramschkisten der Läden und wurden vom Billboard Magazine völlig ignoriert. Infolgedessen fanden diese Alben (zwölf Stück zwischen 1957 und 1963) auch keinerlei Anerkennung in der breiten Öffentlichkeit. Zudem beanspruchten die Biharis bis zu drei Viertel der Tantiemen aus dem Erlös von Kings Platten; sie hatten den Komponistenangaben (in der Regel King) eigene Pseudonyme wie Jules Taub, Joe Josea oder Sam Ling hinzugefügt. Diese illegale Praxis des Cut In und die Veröffentlichungspolitik des Labels führten dazu, dass B.B. King Modern Records den Rücken kehrte und auf Anraten seiner Musikerkollegen Lloyd Price und Fats Domino im Januar 1962 einen Vertrag beim damaligen Major-Label ABC Paramount unterschrieb.

Seine neue Plattenfirma wusste zunächst nicht genau, welche Richtung seine musikalische Laufbahn einschlagen würde. Die beiden anderen Rhythm & Blues-Stars des Labels, Ray Charles und Lloyd Price, hatten bereits Nischen im weiten Bereich zwischen Pop und Rhythm & Blues gefunden. Doch B.B. King war ein reiner Bluesmusiker; ein Übertritt ins Pop- oder Soul-Lager schien unmöglich. Nach einigen Singles und zwei von Johnny Pate produzierten Alben veröffentlichte ABC Paramount 1965 das Album "Live At The Regal", das ein Überraschungserfolg wurde. Mitgeschnitten im Chicagoer Regal Theater am 21. November 1964 präsentierte es einen sehr lebhaften und mitreissenden Auftritt von King vor einem afroamerikanischen Publikum. Bereits seit seinem Weggang von Modern Records hatten die Bihari-Brüder parallel zu den ABC-Veröffentlichungen weitere King-Titel aus ihrem Archiv herausgebracht, zum Teil mit beachtlichem Erfolg. "Rock Me Baby" – im Sommer 1964 als Single auf dem Kent-Label erschienen – schaffte es bis auf Platz 34 der US-Popcharts. Angestachelt durch den Erfolg von "Live At The Regal" folgte eine Flut von weiteren Veröffentlichungen auf dem Kent-Label. Zur Verwirrung der Fans waren dies neben bislang unveröffentlichten Archivtiteln auch alte Titel, die man durch Overdubs in ein neues, modernes Gewand zu hüllen versuchte.

Etwa um 1966/67 stellte B. B. King fest, dass sich die Zusammensetzung seines Publikums langsam veränderte. Während die afroamerikanische Jugend sich vom Blues distanzierte, interessierten sich plötzlich immer mehr weisse Jugendliche für seine Musik und besuchten seine Konzerte. Das zu dieser Zeit erschienene Buch Urban Blues von Charles Keil enthält ein Kapitel über B. B. King und stellte ein Pionierwerk dar. 1967 wurde Sidney Seidenberg Kings neuer Manager. Sein Hauptziel war es, mit einem neuen Konzept B.B. King einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Fortan trat er auch bei Rockfestivals und in Zentren der Hippiekultur, wie etwa dem Fillmore West, auf. Obwohl er unter Seidenbergs Management einige Hits auf dem ABC-Sublabel Bluesway Records hatte, dauerte es fast weitere drei Jahre, bis das Konzept vollständig aufging und B.B. King mit "The Thrill Is Gone" seinen bis dahin grössten Hit (Platz 15 in den US-Popcharts) landen konnte. 1969 spielte B.B. King neben Ike & Tina Turner bei der US-Tournee der Rolling Stones im Vorprogramm. Im folgenden Jahr war er der erste Bluesmusiker, der in der Tonight Show auftrat und im Oktober 1970 folgte ein Auftritt in der Ed Sullivan Show. Nach dem Erfolg von "The Thrill Is Gone" spielte B.B. King 1970 das Album "Indianola Mississippi Seeds" mit weissen Rockmusikern wie Carole King und Leon Russell ein. Dies war eine Idee seines Produzenten Bill Szymezyk. Insgesamt klang das Album sanfter und weicher als seine vorherigen Veröffentlichungen und enthielt mit "Chains And Things", "Ask Me No Question" und "Hummingbird" drei Hit-Singles. 1971 nahm B.B. King in London mit britischen Gastmusikern wie Alexis Korner, Peter Green, Steve Winwood und anderen das Album "In London" auf. Hier spielte er zum ersten Mal seit 1946 bei einem Titel wieder eine akustische Gitarre.

1972 nahm B.B. King an einem Konzert teil, von dem er im Anschluss sagte: "Das war das beste Konzert, das ich jemals gegeben habe". Zwei Dokumentarfilmer hatten ein Filmprojekt mit Insassen von Sing Sing, dem grossen New Yorker Gefängnis, ins Leben gerufen und es ein Jahr lang begleitet ('Sing Sing Thanksgiving'). Als Abschlussarbeit war dieses Gefängniskonzert zum amerikanischen Thanksgiving geplant, zu dem viele Künstler eingeladen wurden, aber nur wenige zugesagt hatten. Die Musiker waren The Voices of East Harlem, Joan Baez und eben B.B. King. Im folgenden Jahr spielte er in Philadelphia das Album "To Know You Is To Love You" ein. Es war stark beeinflusst von der Soulmusik jener Tage. Begleitet wurde King unter anderem von den Memphis Horns sowie, beim Titelstück, von Stevie Wonder. Vor dem Boxkampf um den Weltmeistertitel zwischen Muhammad Ali und George Foreman im Stadion von Kinshasa, Zaire, im Oktober 1974 (Rumble in the Jungle) trat B.B. King mit seiner Band auf. Das Konzert wurde auf DVD veröffentlicht. Mit U2 spielte er für deren Album "Rattle And Hum" den Song "When Love Comes To Town" ein. Außerdem nahm B.B. King an der darauf folgenden Lovetown-Tour im Jahre 1989 teil. Im Jahr 2000 produzierte er mit Eric Clapton das Album "Riding With The King". Über seine Jazz-Kollegen Dizzy Gillespie, Miles Davis und Charlie Parker äusserte sich King einmal so: "Was die machen, geht schlicht über meinen Horizont".

King besass mehrere Blues Clubs in den Vereinigten Staaten, unter anderem an der Beale Street in Memphis, Tennessee, in New Orleans und in Nashville, in denen er hin und wieder auftrat. Unter seinem Namen wurden auch Merchandising-Artikel wie Barbecue-Zubehör und Gitarrensaiten vermarktet. Er unternahm regelmässig ausgedehnte Tourneen und spielte über 200 Konzerte pro Jahr. Ab 2004 trat B.B. King, der seit über 60 Jahren fast ununterbrochen unterwegs war, altersbedingt und aus gesundheitlichen Gründen seltener auf. Im Sommer 2005 unternahm er eine Final Farewell Tour durch Europa. Aber auch 2006 trat er in den Vereinigten Staaten und erneut in Europa auf, 2009 folgte eine weitere Europatournee. In den 80er Jahren trat er wie viele andere Stars in der erfolgreichen Bill Cosby Show auf, und zwar in der Folge 'Der Heirats-Blues'. B.B. King spielte ein Gibson-Gitarrenmodell, dem er ab den 50er Jahren den Kosenamen 'Lucille' gab. Der Grund dafür lag in einem Erlebnis, das er 1949 in einem Musikclub im US-Bundesstaat Arkansas hatte: Bei einem Konzert kam es zu einem Brand. Der bereits geflüchtete King lief zurück, um seine Gitarre zu retten. Als er erfuhr, dass der Brand entstanden war, als zwei Männer sich um eine Frau namens Lucille gestritten hatten, benannte er die Gitarre nach dieser. Das sollte ihn daran erinnern, so etwas nie wieder zu tun. Eine Besonderheit in der Bauart von Kings Gibson ES-335-Gitarre liegt darin, dass sie zwar halbresonant ist, aber keine charakteristischen F-Löcher hat. Ausserdem verfügt das Modell über eine erweiterte Klangregelung namens Varitone-Drehschalter. Seit 1999 bewarb B.B. King auch ein anderes von Gibson konstruiertes Modell, die 'Little Lucille'. Gegenüber der Presse erklärte King einmal: "Abgesehen von richtigem Sex mit einer richtigen Frau gibt es nichts, was mir solch eine innere Ruhe gibt wie Lucille". Er soll insgesamt sechzehn Exemplare des Gitarrenmodells besessen haben. Einige seiner Gitarren sind auch im Delta Blues Museum in Clarksdale, Mississippi, ausgestellt.

Im Mai 2013 kam der Dokumentarfilm 'The Life of Riley' des Regisseurs Jon Brewer in einer Originalfassung in deutsche Kinos, der sich Kings Leben widmete und im Titel auf dessen eigentlichen Vornamen Bezug nahm. Erzählt wurde Kings Lebensgeschichte darin von Oscar-Preisträger Morgan Freeman und neben King selbst kamen Zeitzeugen sowie Musikerkolleg(inn)en wie Bonnie Raitt, Eric Clapton, Buddy Guy, Bono, Carlos Santana oder Mick Jagger zu Wort. Wie seine Tochter und sein Manager übereinstimmend berichteten, starb King am 14. Mai 2015 an den Folgen einer langen Diabetes-Krankheit im Alter von 89 Jahren, nachdem er nach einer Dehydratation in ein Krankenhaus in Las Vegas eingeliefert worden war. Wenige Tage nach Kings Tod äusserten zwei seiner Töchter den Verdacht, King sei von seinen Managern vergiftet worden, worauf Ermittlungen eingeleitet wurden. Diese ergaben, dass King eines natürlichen Todes gestorben war. B.B. King wurde auf dem Gelände seines Museums in Indianola, Mississippi, beigesetzt. Das Grab ziert eine Nachbildung seiner Lucille. King war zweimal verheiratet. Von 1946 bis 1952 mit Martha Lee Denton und von 1958 bis 1966 mit Sue Carol Hall. Mit verschiedenen anderen Partnerinnen hatte er 15 Kinder.

1980 wurde B.B. King in die Blues Hall of Fame aufgenommen, 1987 in die Rock and Roll Hall of Fame. 1990 wurde er mit der National Medal of Arts geehrt und bekam am 21. August einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame in 6771 Hollywood Blvd. 1995 erhielt er den Kennedy-Preis. 2004 erhielt er den inoffiziellen Nobelpreis für Musik, den Polar Music Prize. 2006 wurde er mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet, der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten. 2008 wurde in seiner Heimatstadt Indianola das B.B. King Museum and Delta Interpretive Center eröffnet, dessen Ausstellung die Karriereschritte B.B. Kings darstellt. Im gleichen Jahr wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Das Rolling Stone Magazin listet ihn auf Platz sechs der 100 besten Gitarristen aller Zeiten. In einer Liste aus dem Jahr 2003 hatte er Rang drei belegt. In der Liste der 100 besten Sänger aller Zeiten wurde er auf Platz 96 gewählt. 2014 wurde er in die Down Beat Hall of Fame aufgenommen.




Dec 11, 2017


CARLA BLEY & PAUL HAINES - Escalator Over The Hill
 (JCOA Records 3LP-EOTH, 1971)

Die Eltern von Carla Bley (respektive Borg, wie sie mit bürgerlichem Namen heisst) waren beide Musiker, ihr Vater Klavierlehrer und Organist. Sie selbst begann bereits im Alter von vier Jahren, in der Kirche zu singen, Klavier und Orgel zu spielen. 1957 heiratete sie den Jazzpianisten Paul Bley, den sie als 'Cigarette Girl' im Birdland kennenlernte, der sie dazu anregte, für ihn zu komponieren. Bald spielte sie in New York mit Charles Moffett Sr. und Pharoah Sanders. Ab 1964 leitete sie mit Michael Mantler das Jazz Composer’s Orchestra. 1965 hatte sie ein Quintett mit Mantler und Steve Lacy. 1966 ging sie mit Peter Brötzmann und Peter Kowald auf Tournee. Nach dem Projekt "Escalator Over The Hill" 1967 bis 1971 und der Arbeit mit Charlie Haden im Liberation Music Orchestra ab 1969 leitete sie ab 1976 überwiegend eigene Bands. Sie heiratete 1967 ihr Bandmitglied Michael Mantler; ihre Tochter Karen Mantler wurde Jazz-Organistin. Seit der Rückkehr Mantlers nach Europa im Jahre 1991 lebte Carla Bley mit ihrem langjährigen Bandmitglied Steve Swallow zusammen. Er war für sie auch musikalisch ein wichtiger Partner am E-Bass. Weiterhin typisch für ihre Bands waren Musiker wie der markant erdig spielende Posaunist Gary Valente, der Jazz-Hornist Vincent Chancey oder ihre Tochter Karen Mantler. 2006 und 2007 war sie Artist in Residence der Philharmonie Essen. 2008 trat sie mit ihrem Trio aus Steve Swallow und Andy Sheppard live im New Yorker Birdland auf ("Songs With Legs"). 2009 wurde sie mit der German Jazz Trophy, 2012 mit der Ehrendoktorwürde der Université de Toulouse II Le Mirail ausgezeichnet.

Carla Bley machte sich etwa ab Mitte der 60er Jahre als geistreiche und innovative Jazz-Komponistin bemerkbar; zuerst schrieb sie für Paul Bleys Trio, dann auch für George Russell, Jimmy Giuffre und Art Farmer. 1967 komponierte sie für Gary Burton das vielbeachtete "A Genuine Tong Funeral". Nach drei Jahre dauernden Aufnahmearbeiten veröffentlichte sie 1971 eine der wenigen Jazz-Opern: das von ihr komponierte "Escalator Over The Hill", das 1973 mit dem französischen Grand Prix du Disque ausgezeichnet wurde. Sie veröffentlichte etliche eigene Jazz-Alben auf ihrem mit Michael Mantler gegründeten eigenen Label WATT, dessen Platten via ECM vertrieben wurden. Ihre besonders in den 70er und 80er Jahren aktive Carla Bley Band spielte originellen konzertanten Big Band Jazz, durchaus in der zeitgenössisch reflektierten Nachfolge von Duke Ellington und Gil Evans. Mit einem Teil dieser Band spielte sie auch das Album "Nick Mason’s Fictitious Sports" des Pink Floyd Musikers mit eigenen Kompositionen ein. 2016 führte sie mit der NDR-Bigband und einem Knabenchor ihre Jazzoper 'La Leçon Française' auf. Als Arrangeurin wirkte sie seit 1969 massgeblich an Charlie Haden's Liberation Music Orchestra mit, das 2005 mit "Not In Our Name" wieder ein als Protest gegen die US-amerikanische Politik konzipiertes Album herausbrachte. Nach Hadens Tod leitete sie auch dieses Ensemble.

"Escalator Over The Hill", auch schlicht als "EOTH" bekannt, wird meistens als Jazzoper bezeichnet; veröffentlicht wurde das bahnbrechende Werk 1971 mit dem Untertitel "Chronotransduction" mit "Worten von Paul Haines, Adaptation und Musik von Carla Bley, Produktion und Koordination von Michael Mantler", gespielt von einer Vielzahl namhafter Musiker aus Free Jazz, Rock und Pop, unter anderem auch aus dem Jazz Composer’s Orchestra. Die gesamte Aufnahme war über zwei Stunden lang und entstand in drei Jahren von 1968 bis 1971. Steve Gebhardt drehte 1970 einen Dokumentarfilm über die Proben für "Escalator Over The Hill". Die Originalausgabe war ein Karton mit drei Langspielplatten und einem umfangreichen Beiheft, das den gesamten Text, Fotos und äusserst ausführliche Informationen zur Besetzung aller Stücke enthielt. Die letzte der insgesamt sechs LP-Seiten endete in einer Endlosrille, sodass das letzte Stück "And It’s Again" in ein endloses Summen wie von einem entfernten Insektenschwarm überging, das durch Abschalten des Plattenspielers beendet werden musste. Die von Carla Bley's damals in Indien lebendem guten Freund Paul Haines verfassten Texte lieferten kein für eine Oper mit fortlaufender Handlung geeignetes Libretto, sondern waren eher surreale Poesie. Erzählt wurde eine Geschichte über das dadaistische Leben von Ginger, David, Calliope Bill, Jack und vielen anderen in einem Hotel in Indien.


Die vielen unterschiedlichen an der Originalaufnahme kollektiv beteiligten Musiker agierten in verschiedenen Kombinationen, imho 'chronotransductional' und deckten dabei ein weites Spektrum musikalischer Ausdrucksformen ab: Klänge, die an die Theatermusik Kurt Weills erinnern, Free Jazz, Rock, Weltmusik (auch wenn dieser Begriff damals noch nicht existierte), eine Collage aus den unterschiedlichsten Stilen der populären Musik oder, wie ein englischsprachiger Kritiker es formulierte, "eine Zusammenfassung grosser Teile der kreativen Energie, die von 1968 bis 1972 vorhanden war". Zu den Sängern gehörten der Warhol-Filmsuperstar Viva als Erzählerin, Jack Bruce, der auch den Bass spielte, Linda Ronstadt, Jeanne Lee, Paul Jones, Carla Bley, Don Preston, Sheila Jordan und Bley's und Mantler's damals vierjährige Tochter Karen Mantler, später selber eine gefeierte Jazzpianistin.

Die Originalaufnahme der legendären Jazzoper “Escalator Over The Hill”, die zwischen 1968 und 1971 entstand, kann heutzutage als zeitgeschichtliches Dokument gehört werden. Mit dem gesellschaftspolitischen Umbruch jener Zeit ging eine kreative Aufbruchstimmung, eine plötzliche Öffnung der künstlerischen Horizonte einher, die wohl in kaum einer anderen Produktion so lebendig eingefangen werden konnte. Eine schier grenzenlose musikalische Experimentier- und Abenteuerlust wusch sämtliche Stil- und Genre-Grenzen mit faszinierender Unbekümmertheit weg, und das, lange bevor der Begriff Multi-Stilistik zum modischen Schlagwort wurde. Zusammengehalten wurde das Ganze mehr oder weniger von Paul Haines’ Libretto, das parallel zur Musik erst im Lauf der dreijährigen Entstehungszeit Gestalt annahm. Eine Handlung gab es praktisch nicht, und die Texte der obskuren Charaktere ergingen sich in bedeutungsschwangeren Nichtigkeiten. Trotzdem schien die dramaturgische Anlage den musikalischen Stilmix zu rechtfertigen. Verschiedene Formationen traten in Erscheinung. Da war einmal die sogenannte Hotel Lobby Band, eine zwischen Salonmusik und Free Jazz changierende Bläserbesetzung, in der vor allem Gato Barbieri und Roswell Rudd als Solisten glänzten. Dann Jack’s Travelling Band, mit dem auch als Sänger eingesetzten Jack Bruce und dem furiosen John McLaughlin, die zusammen wahre Free Rock Feuerwerke lieferten, am Schlagzeug von Paul Motian als Kontrapunkt jedoch nicht mit der erwarteten Energie eines Rockschlagzeugers unterstützt. Um Don Cherry gruppierte sich die Desert Band mit ihrer indisch geprägten Weltmusik, und in der Person Linda Ronstadt's wurde selbst Country eingeführt. In Duetten mit ihr entpuppte sich Carla Bley auch als talentierte Vokalistin. Da musste man im nachhinein direkt froh sein, dass diese ausserordentlich kreative Musikerin nicht wie einige männliche Kollegen wie etwa Nat King Cole oder George Benson ihre Jazzlaufbahn gegen eine Karriere als Gesangsstar getauscht hatte.

Die Entstehungsgeschichte von "Escalator Over The Hill" hatte Carla Bley später wie folgt beschrieben: Als erstes wollten sie das Stück "Rawalpindi Blues" mit Jack Bruce und dem Trompeter Don Cherry aufnehmen, doch schien es schier unmöglich zu sein, beide gleichzeitig nach New York zu bekommen. Als Jack sich endlich aus London loseisen konnte (er spielte dort fast jede Nacht mit Tony Williams' Band), musste Don wegen seiner Engagements in Europa abreisen. Daher teilten se die Musik in zwei Stimmen auf und nahmen Don's Teil als ersten auf. Tatsächlich kam das dem Stück sogar zugute, da es einen Dialog zwischen den Kulturen des Morgen- und Abendlandes darstellen sollte. Am 30. November 1970 fanden die ersten Aufnahmen mit Don Cherry und der 'östlichen Band' statt. Es spielten Calo Scott (Cello), Leroy Jenkins (Violine), Sam Brown (zwölfsaitige Gitarre), Souren Baronian (G-Klarinette und Darabuka), Ron McClure (Bass), Carla Bley (Klavier und Orgel), sowie Paul Motian (Schlagzeug, Darabuka und Schellen). Don spielte sowohl Porzellanflöte als auch Perkussion und Trompete. Ausserdem sang er. Die Musiker waren angenehm überrascht, Don singen zu hören, nachdem sie ihn jahrelang nur als Instrumentalisten kannten. Die Improvisationen der Band bewegten sich auf höchstem Niveau, waren ausgefallen und voller Leichtigkeit.


Am nächsten Tag verliess Don Cherry das Land, und am 7. Dezember kam Jack Bruce in New York an, ging direkt ins Studio und nahm zwei Tage und Nächte fast durchgehend auf. Glücklicherweise hielt sich auch John McLaughlin gerade in der Stadt auf, so dass Carla Bley ihn an der Gitarre einsetzen konnten. Ausser ihm gehörten Jack am Bass, Paul Motian am Schlagzeug und Carla Bley an der Orgel zur 'westlichen Band'. Als die Oper fertig war, wurde sie in Desert Band umbenannt und Jack's Gruppe in Traveling Band. Wieder einmal war Carla Bley erstaunt über das geniale Zusammenspiel. Nachdem "Rawalpindi Blues" fertig war, nahmen die Musiker "Businessmen", "Detective Writer Daughter", Teile von "And It's Again" und noch ein paar kleine Stücke auf. Jack und John flogen wieder nach London, und Carla Bley setzte sich daran, "Rawalpindi Blues" zusammenzufügen.

Anders als im 21. Jahrhundert, wo es kein Wagnis sei, in einer Oper Jazz, Rock, Country, indische Musik, Hipsterlyrik und Ausbrüche freier Improvisation zu kombinieren, sei dies 1970 unvorstellbar gewesen. So stellte John Fordham von The Guardian zu Beginn seiner Würdigung des Albums als eines der fünfzig wichtigsten Jazzalben fest. Ohne finanzielle Unterstützung oder Produktionshilfe durch eine Plattenfirma hatte Carla Bley das "Sgt. Pepper-Album des neuen Jazz" geschaffen. Trevor MacLaren betonte für All About Jazz das Wagnis Bley's, als ihre Debütveröffentlichung unter eigenem Namen gleich ein Dreifach-Album vorzulegen. Dieses Album sei ein Konzeptalbum, aber doch ein typisches Kind seiner Zeit, auch wenn es die Fusion zwischen Jazz und Rock noch nicht zum Abschluss gebracht hätte. Doch dieses Werk sei eine der einzigartigsten Platten, die in der modernen Musik je entstanden sei; es klinge wie keine andere Jazzplatte. Harry Lachner stellte 2007 zum historischen Stellenwert des Albums fest: "Zum ersten Mal präsentierte sich ein Album in der vom Begriff der Authentizität verstrahlten Jazzlandschaft als reines Artefakt; als ein waghalsiges und fragiles Konzept, das zu Recht vor dem Licht der Bühne zurückschreckte und sich damit begnügte, ein Studioprodukt ohne Anspruch auf Aufführbarkeit zu bleiben".

Lachner meinte weiter: "Mit diesem Werk hatte sich der Jazz zum ersten Mal einen künstlichen Raum geschaffen, wies eine Musik erstmals über sämtliche bis dato gepflegten Bedingungen und Ideologien, Restriktionen und Missverständnisse hinaus. Musikalisch war "Escalator Over The Hill", das seine endgültige Gestalt erst am Schneidetisch erhielt, ein Monstrum an Kreativität: ein Schnitt durch die Welt sämtlicher Spielarten der Musik zu einer Zeit, als der Begriff Poly-Stilistik noch nicht inflationär grassierte, als man noch nicht von Stil-Pluralismus oder postmoderner Ironie daher fabulierte. In diesem musikalischen Fiebertraum, der nicht mehr den alten Gesetzmässigkeiten von Komposition und Improvisation zu folgen wagte, der sich um den Genre-Begriff so wenig scherte wie um die Gesetze des Marktes, trafen Rock-Elemente mit Vaudeville-Anflügen zusammen, rieb sich klassische indische Musik an den am Jazz reflektierten und gebrochenen Klangvorstellungen der zeitgenössischen Musik und verschmolz Beatnik-Attitüde mit amerikanischen Alltags-Surrealismen".






Dec 10, 2017


OTIS REDDING - The Great Otis Redding Sings Soul Ballads
(Volt Records Volt 411, 1965)

Heute, am 10. Dezember jährt sich zum fünfzigsten Mal der Todestag von Otis Redding, einem der grössten Soulsänger aller Zeiten. Sein Einfluss auf spätere Musiker und Bands war enorm. Das Schicksal wollte es, dass er den grössten Erfolg seiner Karriere, nämlich den Welt-Hit "(Sittin' On) The Dock Of The Bay" nicht mehr erleben sollte. Wie viele Karrieren des Rock'n'Roll und des Soul der frühen 60er Jahre begann auch die von Otis Redding eher zufällig. Am Ende einer Studio-Session führte er seinen Song "These Arms Of Mine" vor und liess alle Anwesenden mit offenen Mündern zurück. Jim Stewart, der Inhaber des auf Soulmusik spezialisierten Plattenlabels Stax Records bot dem Ausnahmetalent Otis Redding sofort einen Vertrag an. Innerhalb von nur zwei Jahren entwickelte Otis Redding einen unverwechselbaren eigenen Stil. Er schien stimmlich keine Grenzen zu kennen. Der erdige Klang seiner Begleitband Booker T. & The MG's und die scharfen Bläsersätze der Bar Keys standen im krassen Gegensatz zu den zuckersüssen Pop Soul-Klängen der Hauptkonkurrenten des führenden Soul-Labels Motown Records aus Detroit.

In England war Otis Redding ab 1965 ein Star. Er feierte zahlreiche Hits, so unter anderem mit seiner Version des Soul Kassikers "My Girl" und spielte Song Ping Pong mit den Rolling Stones, die verschiedene seiner Songs aufnahmen. Otis Redding revanchierte sich mit seiner ganz eigenen Version von "(I Can't Get No) Satisfaction". Im Frühjahr 1967 war Otis Redding mit der umjubelten 'Stax / Volt' Tournee in Europa. Volt war ein weiteres Plattenlabel, das zu Stax gehörte. Zurück in den USA trat der inzwischen auch in seiner Heimat gefeierte Sänger im Sommer 1967 als einer der wenigen schwarzen Künstler beim Monterey International Pop Festival auf und wurde dort frenetisch gefeiert. Otis Redding galt jetzt als einer der ersten sogenannten Crossover-Stars, den sowohl das schwarze, wie das weisse Publikum liebten. Er war kurz vor dem Ziel seiner Träume, zum Weltstar zu avancieren. Doch dann stürzte er am 10. Dezember 1967 mit seinem Privatflugzeug in den Lake Monona in der Nähe von Madison im Bundesstaat Wisconsin. Otis Redding, vier Mitglieder der Bar Keys und der Pilot kamen im eiskalten Wasser ums Leben. "(Sitting On) The Dock Of The Bay" erschien nur wenige Wochen später und geriet posthum zum Nummer 1 Welthit und liess erahnen, was für eine grossartige Karriere durch diesen tragischen Unfall beendet wurde.

Otis Redding gilt bis heute als einer der einflussreichsten Soulsänger der 60er Jahre. Er trägt nicht zu Unrecht den Beinamen 'King of Soul'. Redding erhielt als Sohn eines schwarzen Baptistenpredigers in Dawson sehr früh ein Gefühl für Soulmusik. Bereits als Jugendlicher sang er in einem Kirchenchor. Im Alter von 15 Jahren besuchte er die High School in Macon (Georgia), dem Geburtsort von Little Richard, den er ebenso bewunderte wie Sam Cooke und aus deren beiden Stilen er seinen Gesang formte. Mit Little Richard's Song "Heeby-Jeebies" gewann er mehrere Wochen hintereinander einen örtlichen Talentwettbewerb. Nach Abbruch der Studien schloss er sich Little Richard's damaliger Band an, den Upsetters. Ab 1960 arbeitete er mit Johnny Jenkins And The Pinetoppers zusammen und nahm mit der Band im Juli desselben Jahres unter dem Namen Otis And The Shooters seine erste Platte "She’s All Right" auf. Gerade bei diesen frühen Aufnahmen (so auch bei "Shout Bamalama", ebenfalls aus dem Jahre 1960) war noch stark die Anlehnung an Little Richard zu erkennen.

Der Durchbruch zu seiner eigenen Solokarriere kam im Oktober 1962, als Otis Redding seine Chance nutzte: Er bekam am Ende eines erfolglosen Aufnahmetages von Johnny Jenkins And The Pinetoppers die Möglichkeit, in der verbleibenden Zeit eine eigene Platte aufzunehmen. Das selbst komponierte Lied "These Arms Of Mine" wurde in Windeseile aufgenommen und entwickelte sich nach der Veröffentlichung im November 1962 zu seinem ersten kleinen Hit (Platz 20 in den US Rhythm & Blues-Charts, Platz 85 in den US Pop-Charts). Diese Aufnahme war bei Stax Records in Memphis entstanden, das zu einem der wichtigsten Soul-Labels der 60er und 70er Jahre werden sollte. Bis zu seinem frühen Tod war Otis Redding einer der wichtigsten Künstler der Firma und nach Meinung aller damals Beteiligten musikalisches Herz und Inspiration für alle anderen Beteiligten. Er wurde damit zu einer massgeblichen Figur des Memphis Soul. Nach weiteren Singles Veröffentlichungen mit mittleren Platzierungen in den Charts in den Jahren 1963 und 1964 konnte er mit dem Stück "Mr. Pitiful" Anfang 1965 seinen ersten Top Ten-Hit in den Soulcharts landen. Es folgten bis 1967 etliche weitere Top Ten und Top 20 Hits in diesen Charts, so zum Beispiel die bis heute populär gebliebenen und vielfach von anderen Interpreten gecoverten Titel "That's How Strong My Love Is", das beispielsweise von den Rolling Stones und Frankie Miller gecovert wurde. Dann auch das Stück "Respect", das später ein grosser Hit für Aretha Franklin wurde, ausserdem der heutige Soulklassiker "Fa-Fa-Fa-Fa-Fa (Sad Song)", sowie die beiden mit Carla Thomas eingesungenen Hits "Tramp" und "Knock On Wood".

Otis Redding war insbesondere für seine Live-Auftritte bekannt. So wurde ein Live-Mitschnitt seines Auftritts im New Yorker Apollo Theater besonders durch "Shake" und Redding's aussergewöhnliche Adaption des Rolling Stones-Klassikers "(I Can't Get No) Satisfaction" ein grosser LP-Erfolg. Redding schrieb viele seiner Lieder selbst, manche in Zusammenarbeit mit Steve Cropper von Booker T. & The MG's. Auf einer Europa-Tournee des Stax Labels erlebte er es 1967 das erste Mal, wie ihm weisse Fans in Massen zujubelten. Im selben Jahr trat er auf dem bekannten Monterey Pop Festival auf, das ihm einen grossen Popularitätsschub beim weissen Publikum einbrachte. Das Festival war das erste grosse Festival der Flower Power Bewegung; die Auftritte wurden zwar nicht bezahlt, jedoch bot das gemeinsame Auftreten mit vielen Grössen der damaligen Musik eine gewisse Chance der Publizität. Andere, die hier ihre ersten grossen Konzertauftritte hatten, waren Jimi Hendrix oder Janis Joplin. Redding brachte das Publikum nach damaligen Augenzeugenberichten bis an den Rand der Ekstase.

Redding brachte für Arthur Conley den Durchbruch, als er mit ihm zusammen den ursprünglich von Sam Cooke stammenden Titel "Yeah Man" in "Sweet Soul Music" umschrieb. Es wurde ein absoluter Hit, der bis auf die Nummer zwei in den US-Charts aufstieg und die Top Ten mehrerer europäischer Länder erreichte. "Sweet Soul Music" wurde allein in den USA über eine Million Mal verkauft und mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Otis Redding starb am 10. Dezember 1967, als er zusammen mit vier Mitgliedern seiner damaligen Begleitband The Bar Kays verunglückte. Sein zweimotoriges Flugzeug vom Typ Beechcraft Model 18 war auf dem Weg von einem Fernsehauftritt in Cleveland (Ohio) zu einem Konzert in Madison (Wisconsin), als es bei Nebel, Regen und schlechter Sicht einige Meilen vor der Landung auf dem Flughafen Madison-Dane County in den eisigen Monona-See abstürzte, wobei nur das Bandmitglied Ben Cauley überlebte. Zu Reddings Beerdigung kamen 4500 Menschen.

Während seines kurzen Lebens war es ihm nicht vergönnt, einen sogenannten Crossover-Hit zu landen, einen Hit also, der nicht nur in die Top 20 der Soulcharts gelangte, sondern auch die Popcharts erobern konnte. Lediglich vier seiner zu Lebzeiten veröffentlichten Singles erreichten zumindest Top 30-Platzierungen in den Pop-Charts. Seine erst am 7. Dezember 1967 aufgenommene Single "(Sittin' On) The Dock Of The Bay" wurde posthum veröffentlicht und Anfang 1968 zu seinem einzigen Nummer 1 Hit in den Rhythm'n'Blues-Charts, der gleichzeitig auch die Pop-Charts anführte. Die Single war für sein damaliges Werk recht poppig und hatte weniger Soul-Anklänge. Er hatte den Song während seines Sommerurlaubs in der San Francisco Bay geschrieben. Direkt vor der Aufnahme hatte sich Redding die Polypen entfernen lassen; alle an den Aufnahmen Beteiligten sagten, dass er gesanglich in der Form seines Lebens gewesen sei. Für das Werk erhielt er 1969 posthum einen Grammy Award. Am 11. März 1968 wurde die Single für die Verkaufszahlen in den USA mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Nach seinem Tod wurden zahlreiche weitere Singles und Langspielplatten bis 1970 mit bisher unveröffentlichten Liedern auf den Markt gebracht, die ihm weitere Top Ten und Top 20 Platzierungen in den Rhythm & Blues Charts brachten. Viele davon waren in der Session direkt vor seinem Unfall aufgenommen worden.

Otis Redding's Werk umfasst acht Langspielplatten, darunter die vielgerühmten Alben "Otis Blue" und "The Great Otis Redding Sings Soul Ballads", beide aus dem Jahre 1965. Otis Redding gründete 1965 sein eigenes Platten-Label, Jotis, um neuen Künstlern eine Chance zu geben (unter anderem John Whitehead). Der Rolling Stone listete Redding auf Rang 21 der 100 grössten Musiker sowie auf Rang acht der 100 besten Sänger aller Zeiten. 1969 veröffentlichten The Doors auf ihrem Album "The Soft Parade" das Stück "Runnin' Blue (geschrieben von Robby Krieger), das vom Tod Redding's handelte ("Poor Otis dead and gone, left me here to sing his song"). 1970 erschien das Album "Tell The Truth", das unter anderem den Song "Johnny's Heartbreak" von 1967 enthält. Als Co-Autor wurde der Country Soul Pionier Arthur Alexander genannt. Arthur Alexander verneinte die Urheberschaft von Otis Redding ausdrücklich, da der Song bereits fertig gewesen sei, als Alexander diesen Redding präsentierte. Von Otis Redding stamme lediglich das 's', denn ursprünglich lautete der Titel "Johnny Heartbreak". Seine Söhne Dexter Redding (Bass und Gesang) und Otis II Redding (Gitarre) gründeten in den späten 70er Jahren zusammen mit ihrem Cousin Mark Locket (Schlagzeug und Keyboards) die Gruppe The Reddings, eine Funk- und Disco-Band. Die Bluesrock-Band The Black Crowes hatte mit ihrer Interpretation von "Hard To Handle" im Jahre 1991 einen internationalen Hit. Im Jahre 2011 produzierten die beiden Rapper Jay Z und Kanye West den Song "Otis" für ihr gemeinsames Album "Watch The Throne". Das Stück beinhaltete ein Sample von Otis Redding's Titel "Try A Little Tenderness".




Dec 9, 2017


THE RASPBERRIES - Side 3 (Capitol Records SMAS-11220, 1973)

The Raspberries waren eine amerikanische Pop- und Rockband aus Cleveland Ohio, die 1970 in Mentor Ohio gegründet wurde und sich 1975 auflöste, als ihr Leader Eric Carmen eine Solokarriere begann, die wesentlich erfolgreicher verlief als die Geschichte der Raspberries. Andere Musiker der Band spielten später in der Formation Fotomaker ebenfalls mit nur spärlichem Erfolg einen ähnlichen Sound. Der Sänger und Songwriter Eric Carmen und der Schlagzeuger Jim Bonfanti waren bereits zu Ende der 60er Jahre als Mitglieder der Bands Cyrus Erie und The Choir regional bekannte Popmusiker. 1970 gründeten die beiden The Raspberries. Der hervorragende Gitarrist Wally Bryson und der Bassist John Aleksic, beide wie Bonfanti ehemalige Mitglieder von The Choir, komplettierten die erste Besetzung der Formation, die im Oktober des Jahres ihr Livedebüt gab. Mit ihren kurzen Haaren, den passenden Anzügen und einem Sound, der an The Beatles erinnerte, unterschieden sie sich von der damals lokal dominierenden Hard Rock Szene Clevelands ganz erheblich. Bereits nach wenigen Auftritten entwickelte sich die Gruppe zu einem der beliebtesten Live-Acts der Gegend. Nach der Produktion des ersten Demos verliess John Aleksic die Band im März 1971 und wurde durch den Rhythmusgitarristen Dave Smalley ersetzt, Eric Carmen wechselte zum Bass.

Der Produzent Jimmy Ienner wurde auf das Demoband aufmerksam, woraufhin mehrere grössere Plattenfirmen ihr Interesse an The Raspberries bekundeten. Schliesslich unterschrieb die Band einen Vertrag bei Capitol Records und veröffentlichte im Frühjahr 1972 das Debütalbum "Raspberries", das bis auf Platz 51 der Billboard 200 Charts stieg. Die Vorabsingle "Don’t Want To Say Goodbye" wurde ebenfalls ein kleiner Hit und erreichte Platz 86 der US-Popcharts. Der endgültige Durchbruch gelang den Raspberries dann im Mai desselben Jahres mit der auf Who-inspiriertem Gitarrespiel und Harmoniegesang im Beach Boys-Stil basierenden Folgesingle "Go All The Way". Der Titel stieg auf Platz 5 der US-Charts und wurde mit Gold ausgezeichnet. Vor Beginn der Produktion des nächsten Albums tauschten Eric Carmen und Dave Smalley ihre Aufgaben an Gitarre und Bass, sodass Eric Carmen nunmehr als Leader der Gruppe am Mikrophon und an der Gitarre wahrgenommen wurde.

Im November 1972 erschien das zweite Album "Fresh", das es auf Platz 36 der Billboard-Charts schaffte, mit den US-Hits "I Wanna Be With You" (Platz 16) und "Let’s Pretend" (Platz 35). Trotz des anhaltenden Erfolges kam es zu Spannungen innerhalb der Gruppe, weil Eric Carmen in kreativen Belangen dominierte und Songwriting-Beiträge von Wally Bryson und Dave Smalley dadurch kaum Beachtung fanden. Deshalb klang das 1973 erschienene nächste Album "Side 3" wesentlich rockiger als seine beiden Vorgänger und verfehlte mit Platz 128 die Top 100 der Albumcharts, enthielt aber mit "Tonight" (Platz 69) und "I’m A Rocker" (Platz 94) zwei weitere Chartsingles. Die Gruppe spielte inzwischen einen veritablen Powerpop, der aufgrund der songschreiberischen Fähigkeiten nicht nur Eric Carmens allgemein als gut gebuchter Live-Act und auch als ein Garant für gute Stimmung an den Konzerten galt. Nach einem gefeierten Auftritt in der renommierten Carnegie Hall verliessen Dave Smalley und Jim Bonfanti dennoch wenig überraschend The Raspberries, um eine eigene Band namens Dynamite zu gründen, und vor allem auch, um ihre eigenen Songschreiber-Qualitäten endlich stärker unter Beweis stellen zu können. Als Ersatz für die beiden Musiker kamen der Bassist Scott McCarl und der ehemalige Cyrus Erie-Schlagzeuger Michael McBride in die Gruppe.

Mit dem im September 1974 veröffentlichten Album "Starting Over" liess der Erfolg allerdings weiter nach. Die Platte schaffte es lediglich noch auf Platz 143 der US-Charts und enthielt mit "Overnight Sensation (Hit Record)" nur eine Single, die den Sprung in die amerikanische Hitparade schaffte (Platz 18). Der weiterhin anhaltende Disput zwischen Eric Carmen und Wally Bryson führte zunächst dazu, dass die Gruppe mehrfach nur als Trio auftrat, was letztlich 1975 die Auflösung der Raspberries zur Folge hatte. Eric Carmen startete daraufhin eine Solokarriere und gewann McBride als Schlagzeuger für sein Debütalbum. Seine grössten Hits waren das später oft gecoverte Liebeslied "All By Myself" (1975) und der Titel "Hungry Eyes" (1987). Berühmt wurde er 1976 mit seiner Pop-Adaption "All By Myself" des zweiten Satzes ("Adagio sostenuto") von Rachmaninow's berühmten Klavierkonzert Nr.2 in c-moll. Der Song wurde über die Jahre von unzähligen Künstlern gecovert, darunter Shirley Bassey, Ray Conniff, Tom Jones, Eartha Kitt, Il Divo, Carmen McRae und Céline Dion. Auch der darauf folgende Hit "Never Gonna Fall In Love Again" (1976) basierte auf einer Rachmaninow-Komposition, dem 3. Satz aus dessen 2. Symphonie.

1977 hatte Eric Carmen einen weiteren Hit mit dem Song "She Did It". Bis 1980 nahm Carmen regelmässig LPs für das Plattenlabel Arista Records auf, die sich allerdings kontinuierlich weniger verkauften. Nach einigen Jahren Pause erschien 1985 das Album "Eric Carmen" auf dem Label Geffen Records. Nachdem es in den 80er Jahren ruhiger um ihn geworden war, gelang Eric Carmen 1987 ein grosses Comeback mit den US Top Five Hits "Hungry Eyes" aus dem Film 'Dirty Dancing', geschrieben von John DeNicola und Franke Previte, und dem Titel "Make Me Lose Control". Danach folgte allerdings kein neues Studioalbum, und Carmen's eigene Karriere versandete wieder. Er schrieb jedoch Songs für zahlreiche andere Künstler. Céline Dion machte aus "All By Myself" im Jahre 1997 abermals einen grossen, weltweiten Hit. Carmen veröffentlichte 2000 das wenig beachtete Album "I Was Born To Love You", das 1998 in Japan bereits unter dem Titel "Winter Dreams" erschienen war.

Wally Bryson wurde zunächst 1976 Mitglied einer Band namens Tattoo und wechselte 1978 für drei Alben zur Power Pop Gruppe Fotomaker. Unter dem Namen Fotomaker entstanden zwei ganz hervorragende Alben ("Fotomaker" und "Vis-à-Vis"), die jedoch ebenfalls nur wenig erfolgreich waren und mit dem dritten Werk "Transfer Station" versanken Fotomaker schliesslich im drögen Discosound, was auch für diese Formation das Ende bedeutete. Im Jahre 1999 trafen sich Smalley, Carmen, Bryson und Bonfanti erstmals wieder, wodurch das Gerücht einer Wiedervereinigung der Raspberries entstand. Einige Monate später spielten drei der vier Mitglieder beim 80. Geburtstag der Rockjournalistin Jane Scott. Daraufhin bestätigte das Billboard Magazin eine Reunion-Tour, zu der es dann allerdings nicht kam, weil Carmen sich weiter auf seine Arbeit als Solist konzentrieren wollte. Bryson, Smalley und McCarl entschlossen sich im Jahr 2000, die Raspberries als Trio fortzuführen. Im Jahre 2004 brachte Eric Carmen die Raspberries wieder zusammen und ging mit diesen auf Tour. Unter anderem eröffneten sie in den USA Konzerte von Bruce Springsteen.





Dec 7, 2017


BLUE RIDGE RANGERS - Blue Ridge Rangers 
(Fantasy Records F-9415, 1973)

Der amerikanische Sänger und Gitarrist John Fogerty hatte mit seiner Band Creedence Clearwater Revival in den 60er Jahren die Formel des Rockhits praktisch definiert. Seine Rolle wurde später und wohl auch bis heute immer noch unterschätzt. Vor 50 Jahren hatte der Sänger, Gitarrist und Songwriter Fogerty mit seiner Band die Rockwelt erobert und mit einer Reihe von Songs die Herzen seiner Fans erobert, die äusserst simpel war: ein knackiges Gitarren-Riff, zwei Akkorde, eine Ohrwurm-Melodie und eine Hammerstimme. Knapp, kompakt, einfach, direkt und eingängig - so lautete das erfolgreiche Rezept des stets mit dem obligaten Holzfällerhemd, den verwaschenen Jeans und den Cowboystiefeln ausgestatteten Musikers. Creedence Clearwater Revival, oder schlicht CCR wurden damals innert Kürze zur erfolgreichsten Rockband, und als sich die Beatles 1970 auflösten, wurden sie als die logische Nachfolgerband gehandelt. Der Frontmann und Komponist John Fogerty hatte einfach alles. Trotzdem wurde er nie in einem Atemzug mit anderen prägenden Figuren der Rockmusik wie Mick Jagger, Paul McCartney, Pete Townshend, Bob Dylan oder Brian Wilson genannt. Was war hier falsch gelaufen ? Der Hauptgrund: CCR und John Fogerty waren Opfer des Musikbusiness, Opfer von gierigen Plattenbossen. Noch vor dem Durchbruch hatte die Band einen Knebelvertrag mit dem Label Fantasy Records und dessen damaligen Besitzer Paul Zaentz abgeschlossen. So flossen die Profite der Welthits dem Plattenboss zu. Ein hässlicher und langwieriger Streit entbrannte. Die Band löste sich darüber auf und aus Frust verschmähte Fogerty siebzehn Jahre lang seine eigenen Songs.

John Fogerty war immer anders, scherte sich nie um Trends, sondern ging unbeirrt seinen Weg. Ende der 60er Jahre, als Hippiebands psychedelische Improvisationsorgien feierten, waren seine Songs das exakte Gegenteil. Schnörkellos und auf den Punkt. Da gab es keinen Ton zu viel. Während andere Musiker und Bands das Gesamtkunstwerk im Konzeptalbum anstrebten, eroberte Fogerty mit Ohrwürmern im Single-Format die Charts. Während sich die Hippies in die Zukunft stürzten, blieben Creedence Clearwater Revival stets traditionsbewusst, zelebrierten und bewahrten die Musik aus dem Süden: Rhythm & Blues und Country. Fogerty war auch ein Wegbereiter des Americana. Mit den Flower Power Utopien hatten die bodenständigen Vororts-Rocker nicht viel am Hut. Klar, auch Fogerty engagierte sich gegen Vietnam und schuf mit seinem Song "Fortunate Son" eine Antikriegs-Hymne. Doch Drogen- und Sex-Eskapaden gab es nicht. Der CCR-Auftritt am Woodstock-Festival gehörte ausserdem zu den Kuriositäten der Rockhistorie. Die Band spielte dort tatsächlich, war sogar als Hauptattraktion gebucht, doch niemand bemerkte es. Denn die Gruppe spielte nachts um 2.30 Uhr vor einer halben Million schlafender Hippies und blieb daher fast unbeachtet. Aus Frust über die Bedingungen vor Ort verweigerte John Fogerty später die Freigabe des Konzertmaterials. Auf der berühmten, ersten Film-Dokumentation fehlten CCR ebenso wie auf der Live-Platte des Mega-Anlasses.

John Fogerty glaubte immer an die Werte der unteren Mittelklasse: an ehrliche Arbeit, Fleiss und Rechtschaffenheit. Fogerty war der Anti-Hippie, und Jeans, Holzfällerhemd und Cowboystiefel wurden zur Uniform der rechtschaffenen Rock'n'Roller. Bruce Springsteen traf den Nagel auf den Kopf, als er diesbezüglich sagte: "In den späten 60er Jahren waren CCR nicht die hippste Band der Welt, aber die beste". Die Rockmusik zehrte immer schon von ihren Legenden und ihren Mythen. Es waren immer jene aussergewöhnlichen Persönlichkeiten, welche die Geschichte des Rock’n’Roll prägten, Musiker, die sich mit Herz und Seele hinzugeben wissten, sich verzehrten und mitunter auch zerbrachen an der Unvereinbarkeit von Kreativität und kommerziellem Kalkül. John Fogerty war einer, der in diesem Sumpf aus spielerischer Lust und kaltschnäuziger Geschäftigkeit fast zerbrochen wäre. Er hatte in den 60er Jahren gemeinsam mit seinem älteren Bruder Tom als Rhythmusgitarrist, dem Bassisten Stu Cook und dem Schlagzeuger Doug Clifford quasi eine neue Musikrichtug kreiert, den Countryrock. In einer Zeit, in der eher psychedelische Hippie-Experimente en vogue waren, verteidigte John Fogerty mit seinen Bandkumpels mit schlichter Bodenständigkeit amerikanische Musiktraditionen mit Zwei-, Drei-Minuten-Songs von unverschämter Eingängigkeit und volksmusikalischer Einfachheit. Creedence Clearwater Revival überliessen der Rockmusik schliesslich einige ihrer schönsten Klassiker: "Proud Mary" und "Born On The Bayou", "Bad Moon Rising" und "Green River", "Down On The Corner" und "Have You Ever Seen The Rain".

Zwischen 1968 und 1972 nahmen die vier Kalifornier sieben Alben auf, die sich mehr als 100 Millionen Mal verkauften. Und es war John Fogerty, der den Sound der Band mit seiner blues- und countrybetonten Gitarrenkunst und seiner emotional überbordenden, rauhen Stimme dominierte. Ende der sechziger Jahre waren er und Creedence Clearwater Revival in den USA zeitweilig berühmter als die Beatles. Der Bruch war 1972 umso schmerzhafter. Insbesondere für Fogerty selbst, der zwar der Urheber seiner Songs war, aber die Rechte nicht mehr besass, sie live aufzuführen, ohne dafür zu bezahlen. John Fogerty war eines der populärsten Beispiele dafür, wie jugendliche Unvernunft und vorsätzliches Unwissen im Musikbusiness eine ganze Karriere torpedieren konnten. Es gab immer diejenigen, welche die Ideen hatten und die, welche wussten, wie sich daraus Kapital schlagen liess. Im Falle von John Fogerty war es der US-Produzent Saul Zaentz, der seiner Entdeckung eine Unterschrift unter einem Vertrag abtrotzte, der ihm sämtliche Rechte an den Einnahmen aus dem Werk garantierte. Fogerty sah künftig keinen müden Cent für die Songs, die er geschrieben und eingespielt hatte. Wenn er sie live spielte, verdiente allein Zaentz daran. Also verweigerte sich Fogerty an die zwanzig Jahre konsequent seinem eigenen Werk, verbrachte die Zeit mit zermürbenden Gerichtsprozessen, die ihn Depressionen nahe brachten. Gerade mal fünf Platten hatte er in jenen Jahren veröffentlicht.

Ein Höhepunkt der bizarren Streitigkeiten war Mitte der 80er Jahre: John Fogerty hatte gerade den neuen Song "The Old Man Down The Road" veröffentlicht. Zaentz sah darin eine Kopie des Creedence Clearwarter Revival Hits "Run Through The Jungle" und verklagte Fogerty in einem Plagiatsstreit auf 140 Millionen Dollar. Wegen des angeblichen Plagiats eines Songs, den Fogerty selbst geschrieben hatte. Zaentz kam letztlich damit nicht durch, doch die Nerven lagen blank. Fogerty selbst sah sich für nahezu drei Dekaden im Kriegszustand mit seinem einstigen Entdecker. Nach seiner Zeit bei Creedence Clearwater Revival begann John Fogerty eine Solokarriere. 1973 erschien sein Album "The Blue Ridge Rangers", auf dem er alle Instrumente spielte. Sein Repertoire umfasste Gospelsongs wie "Have Thine Own Way Lord" oder "Working On A Building". Zwei Singles aus diesem Album, "Jambalaya (On The Bayou)" und "Hearts Of Stone", konnten sich in den Top 40 der Billboard Hot 100 platzieren. Eine weitere Single als Blue Ridge Rangers, "You Don't Owe Me" mit der B-Seite "Back In The Hills", erschien im Herbst 1973, blieb jedoch weitgehend unbeachtet.

Die erste unter seinem Namen erschienene Single war dann der Country Rock Titel "Comin’ Down The Road", der auf keinem regulären Album enthalten war. Diese Single erreichte Anfang 1974 Platz 37 in den deutschen Singlecharts. Das Album "John Fogerty" kam 1975 heraus, mit eher mässigem Erfolg. Darauf waren etwa die beiden wohlbekannten Titel "Rockin’ All Over The World" und "Almost Saturday Night" zu hören. Die nächsten Jahre waren weniger durch musikalische Veröffentlichungen geprägt, sondern mehr durch den fortwährenden Rechtsstreit mit dem Label Fantasy Records und Saul Zaentz, die John Fogerty nachwievor nicht aus dem Plattenvertrag entlassen wollten. Dies lähmte die Schaffenskraft des Musikers. John Fogerty rächte sich später mit eindeutig zweideutigen Songs wie "Mr. Greed" und "Zanz Can’t Danz", der nach weiteren Rechtsstreitigkeiten schliesslich in "Vanz Can’t Danz" umbenannt werden musste. Zu Mitte der 80er Jahre gelang John Fogerty schliesslich das lange ersehnte Comeback. Das Album "Centerfield" mit den Hits "The Old Man Down The Road" und "Rock And Roll Girls" kam 1985 auf Platz 1 der Billboard Pop Album Charts. Auch dieses Album spielte Fogerty als One Man Band ein. 1986 war "The Eye Of The Zombie" weit weniger erfolgreich. 1997 erschien das Album "Blue Moon Swamp" und 1998 das Live-Album "Premonition", das viele alte CCR-Songs sowie seine grössten Soloerfolge enthielt.

Als Grenzgänger nahm Fogerty immer wieder Titel im Country-Sound auf: Im Jahre 2004 wurde das Album "Déjà Vu (All Over Again)" veröffentlicht; das Titelstück war ein Protestsong gegen den Irakkrieg. Das Album enthielt neben weiteren typischen Fogerty-Nummern auch ein Duett mit Mark Knopfler. Während dieser Zeit wurde auch die politische Einstellung Fogertys deutlich, da er an der von Bruce Springsteen organisierten Vote for Change Tour 2004 teilnahm, deren Ziel es war, John Kerry in dessen Wahlkapmf um die Präsidentschaft zu unterstützen. Während der Tour absolvierte Fogerty seinen Auftritt ohne eigene Band. Vielmehr spielte er mit Springsteens E Street Band, beispielsweise das Titelstück der seinerzeit neuen CD, aber auch ältere Lieder wie "Centerfield" oder "Travellin' Band". Ende 2005 erschien das Best Of-Album "The Long Road Home", nachdem sich John Fogerty mit dem zwischenzeitlich unter neuem Management agierenden Label Fantasy nach 30 Jahren wieder geeinigt hatte. Das Album enthielt einen Abriss über das Gesamtwerk von Fogerty aus der Zeit mit Creedence Clearwater Revival und seinen Soloplatten, ausserdem vier Live-Aufnahmen, jedoch keine neuen Songs. Unter demselben Titel war im Juni 2006 eine Konzert-DVD erschienen, die im September 2005 im Wiltern Theatre in Los Angeles mitgeschnitten wurde.

Im Oktober 2007 erschien mit "Revival" Fogertys erstes Studioalbum nach drei Jahren. Im Rahmen seiner Revival-Tournee 2008 wurde während des Konzerts in der Royal Albert Hall in London am 24. Juni ein Konzert mitgeschnitten, das unter dem Namen "Comin’ Down The Road" am 11. Dezember 2009 auf DVD veröffentlicht wurde. John Fogerty tourte nahezu jährlich durch Europa. Seine Band bestand neben Fogerty selbst (Gesang, Gitarre und Mundharmonika) aus James Intvelt (Gitarre), Hunter Perrin (Gitarre), David Santos (Bass), Kenny Aronoff (Schlagzeug), Michael Webb (Keyboard und Gitarre) und Jason Mowery (Fiddle und Gitarre). Ebenfalls im Jahre 2009 veröffentlichte John Fogerty ein zweites Album unter dem Namen The Blue Ridge Rangers ("
The Blue Ridge Rangers Rides Again"), das noch einmal die Idee von 1973 aufnahm und sich am reichen Fundus des Americana bediente. Neben eigenen Songs spielte darauf auch Coversongs wie "Never Ending Song Of Love" oder "Garden Party" und wurde instrumental unterstützt von den Ex Eagles Musikern Glenn Frey und Timothy B. Schmitt und Bruce Springsteen.