GENTLE GIANT - Unburied Treasure (Madfish Records SMABX 1091, 2019)
Die drei Shulman Brüder Derek, Ray und Philip starteten ihren musikalischen Werdegang unter dem Namen Simon Dupree And The Big Sound im Jahre 1966 mit drei weiteren Mitstreitern. Unter diesem Namen veröffentlichten sie zwischen 1966 und 1969 insgesamt neun Singles 9 Singles plus eine weitere, für die sie zwischenzeitlich ihren Bandnamen in The Moles änderten. Auch ein Album entstand in dieser Zeit. Wie die Singles erschien auch diese LP beim Parlophone Label. Stilistisch pendelte diese Band zwischen Rhythm'n'Blues und Soul und versuchte sich auch im damals angesagten psychedelischen Pop-Umfeld. Nach der Auflösung Ende 1969 gründeten die Shulman Brüder im Februar 1970 die Gruppe Gentle Giant zusammen mit dem Schlagzeuger Martin Smith, der Anfang 1969 zu Simon Dupree And The Big Sound gestossen war. Kerry Minnear, der 1969 mit einem Abschluss in Komposition an der Academy of Music studiert hatte, schloss sich der neu gegründeten Band ebenfalls an. Er bediente die Keyboards und sang auch, des weiteren wurde Gitarrist Gary Green im März 1970 als weiteres Bandmitglied verpflichtet, worauf die Gruppe Gentle Giant komplett war. Es dauerte nicht lange, konnten die Musiker einen Vertrag beim progressiven Label Vertigo unterschreiben.
Ihr erstes Album ("Gentle Giant") überraschte mit fabelhaften Arrangements. Die Musiker verwendeten Kontrapunkte und Polyphonie, wie es bis dahin noch keine andere Gruppe innerhalb der Rockmusik präsentiert hatte. Ihre ausgeklügelten Gesangsarrangements, gepaart mit dem Einsatz von klassischen Instrumenten standen zwar im Einklang mit dem aktuellen Musikverständnis jener Zeit, nur dass Gentle Giant diese Aspekte viel weiter vorantrieb. Die Gruppe tourte ausgiebig, hauptsächlich in Grossbritannien und baute sich innert kürzester Zeit eine grosse Fangemeinde auf, welche diesem "neuen" Sound sehr zugetan war. Das Album hingegen war kommerziell nicht sonderlich erfolgreich, gilt aber heute als Meilenstein progressiver Musik. Ihr nächstes Album "Acquiring the Taste" (1971), erweiterte erneut die kreativen Grenzen und tauchte ein in ein wundersames Gebilde aus Jazz, Folk, komplizierten Harmonien und Akkordfolgen, erneut wie schon beim Debütalbum durch eine Art satirische Plattencover-Kunst und der eigenen Definition und Einschätzung ihrer Musik, welche die Gruppe stets als experimentell bezeichnete und gewissermassen auch als unpopulär galt, was die Musiker als ihr grundsätzliches Erkennungszeichen verstanden haben wollten. Diese Art von Selbsteinschätzung verwehrte der Band indes den grossen kommerziellen Erfolg schon per se, und nicht wenige Musikfans fanden dieses Selbstbild der Band irgendwie befremdlich. Die Fans hingegen, und das waren nicht Wenige, feierten die drei Shulman Brüder genau deswegen, weil sie sich nicht einordnen liessen und Kreativität und stilistische Freiheit nach ihrem eigenen Gutdünken auslebten.
Anfang 1972 begleiteten Gentle Giant als Support Act die Gruppe Jethro Tull auf deren Europatournee, nachdem Ian Anderson von Jethro Tull von Gentle Giant's Musik begeistert war. Diese Tournee machte Gentle Giant schliesslich auch ausserhalb Englands sehr bekannt und die Gruppe konnte zahllose neue Fans gewinnen. Der Schlagzeuger Martin Smith verliess nach dieser Tournee die Band, Malcolm Mortimore ersetzte ihn und das nächste Album "Three Friends" wurde aufgenommen. Es war das erste Konzeptalbum der Gruppe mit einem deutlich rockigeren Ansatz und auch längeren Kompositionen. Als die Gruppe sich im Frühjahr 1972 auf eine weitere Konzertreise begab, hatte Mortimore einen Motorradunfall und John Weathers wurde geholt, um ihn dauerhaft zu ersetzen. Nach der Erholung spielte Mortimore weiterhin professionell und erzielte immer noch eine solide Grundlage für die Komplexität der Gruppe und sie erreichte vor allem in Deutschland und Italien enorme Popularität. Das nächste Album "Octopus", ihr letztes Album für Vertigo, mit dem berühmten Roger Dean Cover, wurde veröffentlicht und aus der Sicht vieler Kritiker und Fans war dies ihr kreativ bestes Album: Es überzeugte mit einer grossen Vielseitigkeit und vermischte die verschiedenen Stile, welche Gentle Giant bislang auf ihren Alben präsentierten, auf diesem hochprogressiven Album. Gentle Giant begaben sich dann auf ihre allererste US-Tournee mit Black Sabbath, um Werbung für das neue Werk "Three Friends" zu machen, weches in den USA von Columbia Records veröffentlicht wurde. Das Label zeigte sich wenig überzeugt von dieser Musik, zumal auch die Live-Kombination von Black Sabbath und Gentle Giant nicht wirklich überzeugend war und eher schlecht gewählt war, standen sich diese beiden Bands doch zumindest stilistisch diametral entgegen.Es war erneut Ian Anderson von Jethro Tull, der die Band auch in den USA stark promotete, worauf sich schliesslich auch dort eine immer grösser werdende Fangemeinde aufbauen konnte.
Die Gruppe ging danach zurück in ihre Heimat England, um zusammen mit der Gruppe The Groundhogs zu spielen und dort ebenfalls die Werbetrommel für ihr aktuelles Album "Octopus" zu rühren. Leider entschied sich die Plattenfirma in den USA dafür, das Roger Dean Cover nicht zu verwenden und veröffentlichte die Platte erst im folgenden Jahr. Zeitgleich gab Philip Shulman seinen Austritt aus der Band bekannt. Er war zehn Jahre älter als der Rest der Band und obwohl er als quasi musikalischer Leiter der Gruppe fungierte, gewichtete er seine Familie stärker als das Musikgeschäft und verliess die Musikbranche ganz. Ihr fünftes Album, "In A Glass House" von 1973, war und ist immer noch grossartig und unter den Fans als ihr bestes Album angesehen, obwohl der Verlust von Phil auch bedeutete, dass die sanftere Seite der Musik und der Einsatz akustischer Instrumente nachliessen. In den USA weigerte sich die Plattenfirma, das Album mit der Begründung zu veröffentlichen, dass es zu vielseitig und unverdaulich sei, verkaufte dann aber trotzdem eine Viertelmillion Exemplare über Import. Die Gruppe absolvierte nunmehr einige Konzertreisen in Amerika als Haupt-Act und wurde besonders an der Westküste und in Kanada gefeiert. Die ausgedehnte Tour ging weiter und das nächste Album "The Power And The Glory" brachte ihr komplexes rhythmisches und atonales Experimentieren qualitativ auf ein neues künstlerisches Level. Dieses Album wurde in den USA von Capitol Records veröffentlicht und verkaufte sich gut.
1975 spielten Gentle Giant die meisten ihrer Konzerte als Headliner und veröffentlichten mit "Free Hand" ihr nächstes Album, das nun beim Label Chrysalis Records erschien. Das Album war ein sehr grosser Erfolg, schaffte es in den USA in die Top 50 und in ihrer Heimat in die Top 30, was "Free Hand" zu ihrem meistverkauften Album überhaupt machte. Das Album repräsentiert wahrscheinlich den Höhepunkt ihrer ausgeklügelten Techniken, die Atonalität war weiter zurückgenommen worden und das teils äusserst komplexe Zusammenspiel wurde auf ein Minimum reduziert. Insgesamt klangen Gentle Giant nun deutlich rockiger und konkreter. Manche Fans bemängelten das, dafür kamen neue Fans hinzu, denen der nunmehr wesentlich konkretere Musikstil besser gefiel als die aus ihrer Sicht eher zu komplizierte Musik auf den bisherigen Werken. Ein Live-Doppelalbum "Playing The Fool" folgte 1977 und präsentierte Auszüge aus ihrer Herbsttournee desselben Jahres. Es war überraschend komplex gespielt, eher wie früher und zeigte noch einmal, wie unglaublich kreativ und spontan die Gruppe vor allem live spielte. Das Album präsentierte die Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, und in der Folge trafen sie die Entscheidung, neu komponierte Musik erst einmal live zu spielen, bevor sie sie aufnehmen wollte.
Zu dieser Zeit hatten viele progressive Bands aufgegeben oder einem kommerzielleren Stil nachgegeben. Die Shulman Brüder entschieden sich auf halbem Weg dafür, ihrem nächsten Album einen einfacheren, AOR-orientierten Ansatz zu verpassen, um dem musikalischen Trend zu folgen. Das Album "The Missing Piece", das Ende 1977 veröffentlicht wurde, enthielt ihre letzten progressiven Aufnahmen und ihren ersten Single Versuch, der natürlich den erwarteten Eindruck auf die Jungen nicht machte. In der Zwischenzeit gaben andere progressive Rock-Acts entweder auf oder gaben nach und das gleiche passierte auch Gentle Giant. Die Band hörte auf zu touren und nahm mit einem weiteren Album mit dem Titel "Giant For A Day" ein Werk auf, das relativ kurze Songs enthielt, um auf der neuen Rockwelle mitzuschwimmen und neue Fans zu generieren, während die Cover-Kunst früherer Alben ebenfalls stark in den Hintergrund geriet und mit voller Absicht unprogressiv wirkte, um die neue Richtung auch optisch umzusetzen. Die Platte, die 1978 veröffentlicht wurde, und ihr schlecht durchdachtes Cover zeigten leider ihren Mangel an Verständnis für den grundlegenden Rock'n'Roll und entsetzte ihre Fans, während sie gleichzeitig keine neuen Fans anziehen konnte. 1979 unternahm die Gruppe einen letzten Versuch, mit dem fast schon am klassischen Hard Rock angebiederten "Civilian" kommerziellen Erfolg zu erzielen. Es wurde 1980 veröffentlicht, scheiterte aber erneut und die Gruppe löste sich nach einer letzten Tournee auf.
Viele Versuche, die Band wieder zusammenzubringen, scheiterten, abgesehen davon, dass sie immerhin zu Wiederveröffentlichungen des gesamten Werks auf CD und der gründlichen Veröffentlichung von bisher unveröffentlichtem Material geführt haben. Der Anstieg des Interesses an progressiver Rockmusik in den 90er Jahren führte allerdings zu einem wiederaufflammenden Interesse an Gentle Giant und eine neue Generation erlebte ein weiteres Mal, wie einzigartig Gentle Giant waren, was die kreative Umsetzung klassischer Kompositionstechniken innerhalb der Rockmusik anbetrifft. Ihre instrumentalen Fähigkeiten haben Gentle Giant längst zu einer der grössten Progressive Rock Bands gemacht und sie konnte insbesondere in den 90er Jahren eine grosse Anzahl von Bands im Progressive Rock Kontext beeinflussen und inspirieren.
Die umfangreiche Veröffentlichung "Unburied Treasure" von 2019 fasst das gesamte Studioschaffen der Gruppe zusammen und wird angereichert durch zahlreiche Liveaufnahmen, die alle bislang wenn überhaupt nur partiell zugänglich waren. Es ist das ultimative Gentle Giant Box Set und eines der üppigsten Archiv Sets, das jemals veröffentlicht wurde. Zum einen bekommt man alle originalen Studioalben, zusammen mit "Playing The Fool", dem einzigen Livealbum, das die Band während ihrer Existenz veröffentlicht hat. Darüber hinaus entpuppt sich diese Box als eine wahre Schatzkammer von sorgfältig restaurierten Liveaufnahmen. Diese Aufnahmen reichen von Material, das offiziell veröffentlicht wurde (ob von der Band von Anfang an unterstützt oder als Neuauflage von Material, das zuvor als Bootlegs in einer "Beat The Boots" herausgebracht wurde), zusammen mit einigen der absolut traumhaften Bootlegs wie beispielsweise das gnadenlos gute "Gargantua", doch die Box enthält auch Liveaufnahmen, der zuvor nie das Licht der Welt erblickten. Hörenswert ist erstens einmal Es eine BBC-Radio One Session von 1972, die bislang nie zu hören war, in einer ausgezeichneten Klangqualität. Es gab BBC Aufnahmen verschiedenster Sessions früher schon auf Veröffentlichungen wie "Totally Out Of The Woods" oder auch "Out Of The Fire" zu hören, doch diese Aufnahmen wurden erst für diese einmalige Box ausgegraben und klanglich aufbereitet. Ein riesen Hörgenuss. Auch die Aufnahmen einer Show im amerikanischen New Orleans sind fabelhaft anzuhören, auch wenn daraus nur partiell Songs zu hören sind.
Die Aufnahmen eines Auftritts im italienischen Vicenza von Anfang 1973 klingt, obwohl original ein Publikums-Bootleg, ebenfalls sehr gut und man kann hören, wie begeistert auch das itralienische Publikum von Gentle Giant's Live-Darbietungen war. Selbst bei dieser eher im Low Fidelity Bereich angesiedelten Aufnahme kann man die Feinheiten von Gentle Giant's Musik gut heraushören und es ist ein weiteres Zeugnis dafür, wie gut die Musiker ihre Musik auf der Bühne vermitteln konnten. Auch die ursprünglichen Tonbänder des Auftritts vom Oktober 1973 im italienischen Turin (Torino) sind allererste Sahne. Sie stammen von der damaligen "In A Glass House" Tour. Diese Aufnahmen gab es schon früher einmal als MP3 Files zu hören, und zwar als spezielle Beilage in Form einer MP3-CD, welche zum Lieferumfang des "Scraping The Barrel" Box Sets gehörte. Hier gibt es diese Aufnahmen nun als offizielle CD mit restauriertem Klang, der deutlich über den üblichen Zuschaueraufnahmen anzusiedeln ist und die Band selbst in absoluter Topform zeigt. Eine weitere ziemlich umfangreiche Liveaufnahme stammt aus dem Schweizerischen St. Gallen aus dem Jahre 1974. Hier spielte sich die Gruppe hauptsächlich durch ihr "Power And The Glory" Repertoire. Die ein Jahr später wiederum in der Schweiz aufgenommene Show in Basel 1975 ist angeblich auch eine Aufnahme aus dem Publikum, aber sie klingt unglaublich gut. Es ist nicht verbrieft, ob es sich dabei um eine Soundboard-Aufnahme handelt, aber die Aufnahmen klingen extrem sauber und differenziert. Gentle Giant spielten hier vor allem Musik aus ihrem damals aktuellen Werk "Free Hand".
Die wunderbarsten Liveaufnahmen in dieser üppigen Box sind jedoch die vollständigen Sets aus den vier Konzerten von Düsseldorf, München, Paris und Brüssel, aus welchen später das offizielle Livealbum "Playing The Fool" zusammengeschnitten wurde. Keines dieser Konzerte hätte vermutlich den Qualitätsansprüchen sowohl der Band, wie ihres Labels genügen können, weshalb daraus nur partiell Somngs für das "Playing The Fool" Album ausgewählt wurden. Wie immer aber, liegt das natürlich im Auge des Betrachters, respektive im Ohr des Hörers, denn alle Aufnahmen dieser vier Konzerte sind berauschend. Diese vier Konzerte, hier komplett in die Box integriert, stellen eine grossartige Zusatzpackung zum ebenfalls in die Box inkludierte "Playing The Fool" Platte dar, die neben den vier kompletten Konzertaufnahmen keinesfalls überflüssig wirkt, sondern absolut logisch erscheint. Insofern könnte man diese vier Auftritte aus der Sicht des typischen Gentle Giant Humors quasi als eine Art "Playing The Complete Fool" bezeichnen.
Neben weiteren interessanten Liveaufnahmen, die teilweise mit Studioequipment in brillianter Qualität aufgezeichnet wurden, gibt es aus den späteren Jahren der Band nur noch relativ wenige Aufnahmen zu hören. Genial zum Beispiel der Auftritt in Chester von der "Missing Piece" Tournee, oder die Liveaufnahme aus dem Roxy am Sunset Boulevard in West Hollywood: Eine Traum-Performance, die schon früher einmal unter dem Titel "The Last Steps" veröffentlicht worden waren. Für die "Unburied Treasure" Box wurden die Aufnahmen jedoch noch einmal komplett neu remastered. Ein kleines, aber sehr schönes Giveaway ist auch die CD mit dem Titel "Pinewood Studios Rehearsal", Studioaufnahmen aus dem Jahre 1977, auf welcher tolle alternative Versionen von Songs wie "The Runaway/Experience", "As Old As You're Young", "On Reflection", "Just The Same/Playing The Game", "Funny Ways" oder "So Sincere" und "Free Hand" zu hören sind.
Wie jedes immer sehr liebevoll und kompetent zusammengestellte Box Set aus dem Hause Madfish, das mit vielen Devotionalien angereichert worden ist, wie zum Beispiel hier durch zwei Bücher, Nachdrucke einiger besonders schöner Konzertplakate oder gar einem Puzzle, dem ein letztes einzelnes Stück fehlt (quasi "The Missing Piece" - der typische Gentle Giant Humor!): Wer diese Band liebt, erhält hier eines der schönsten Box Sets, das er sich wünschen kann. Leider war die Box auf weltweit 2000 Exemplare limitiert. Diese Sets waren innerhalb weniger Wochen bereits ausverkauft. Einige Monate später gab es in Absprache mit den Bandmitgliedern noch einmal eine Nach-Auflage, wiederum weltweit limitiert auf 1000 Stück. Auch diese waren in Windeseile ausverkauft. Die Box taucht ab und zu bei Ebay oder Amazon in gebrauchtem Zustand auf. Die Preise dafür variieren (Stand Januar 2026) mittlerweile zwischen 1000 und 3500 Euro, was man durchaus als einzigen Makel dieser wunderbaren Gentle Giant Vollpackung nennen kann. Essenziell!
