JIMMY CAMPBELL - Half Baked (Vertigo Records 6360 010, 1970)
Einer der vielen obskuren britischen Musiker der mittleren und ausgehenden 60er Jahre, die sich kommerziell ziemlich erfolglos im Folk und Folk-Rock Bereich betätigten, war der in Liverpool geborene Jimmy Campbell, der während seiner gesamten aktiven Musikerkarriere gerade mal drei Singles und drei Alben einspielte, dies zudem noch bei drei verschiedenen Plattenlabels. Sein Debutwerk "Son Of Anastasia" erschien 1969 bei Fontana Records, das nachfolgende "Half Baked" ein Jahr später bei Vertigo Records und das finale Album "Jimmy Campbell's Album" 1972 bei Philips. Dazwischen machte er noch mit der Band Rockin' Horse auf sich aufmerksam, die 1971 ein hervorragendes Power Pop-Album voller Anleihen an die Beatles veröffentlichte, Titel "Yes It Is", das leider ebenso unbeachtet blieb wie praktisch sein gesamtes anderes Solo-Werk. Dabei war Jimmy Campbell nun so ein Unbekannter auch nicht. Schon früh in den 60er Jahren tauchte er zunächst als Solo-Folkie in Clubs und Pubs auf, spielte mit akustischer Gitarre zumeist Traditionals und erste eigene Folklieder, von denen er später einige wieder aufgriff und in Bandarrangements gekleidet neu einspielte.
Der Sänger,
Gitarrist und Songwriter arbeitete danach als
Mitglied der Merseybeat Band The Panthers, die unter anderem mit den Beatles im legendären Liverpooler Cavern Club spielten. Danach stieg er bei der Beatband The Kirbys ein und landete schliesslich bei der Psychedelik Pop-Combo The 23rd
Turnoff, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichten mit ihrer Single "Michael Angelo". Durch die Zusammenarbeit mit The 23rd Turnoff wurde schliesslich das Plattenlabel Fontana Records auf den Songwriter und Sänger aufmerksam und bot ihm einen Plattenvertrag als Solokünstler an. Die Idee dahinter schien nachvollziehbar: Die Firma sah in Jimmy Campbell eine weitere Donovan-ähnliche Figur, ein Musiker, der gute Songs schreiben konnte und diese folkig-traurige Aura verströmte, die sich zu der Zeit relativ gut vermarkten liess. Der immer etwas melancholisch-verträumt wirkende Campbell begann, die Lieder zu seinem Debutalbum zu schreiben, das er schliesslich unter dem Titel "Son Of Anastasia" auf den Markt brachte. Leider war die Resonanz auf das Werk gleich null, was die Plattenfirma dazu bewog, auch sogleich wieder die Notbremse zu ziehen. Es gab damals einfach zu viele interessante Nachwuchskünstler, und so gab man kaum einem dieser Musiker mehr als eine Singles- oder Albumchance. Auch der Wechsel zum Underground-Label Vertigo Records dürfte eine schlechte Wahl gewesen sein, denn Vertigo Records stand für progressive Musik, und Jimmy CAmpbell's zweites Werk "Half Baked" wirkte zwischen all den obskuren Veröffentlichungen des Labels schon fast wie ein Fremdkörper. Dabei wies das Album eine Fülle an hervorragenden Geschichten auf, die manchmal sehr an Bob Dylan erinnerten, nicht nur, was die Songtexte betraf, sondern auch bezogen auf die instrumentale Umsetzung. Manch ein Titel auf "Half Baked" klingt fast schon wie die ersten Aufnahmen von Bob Dylan mit The Band und weisen da und dort ein bisschen deren "Basement Tapes" Charakter auf. Der Titelsong "Half Baked" war als Favorit gehandelt worden und Vertigo Records versuchte, den Song populär zu machen, so nahm das Label den Titel auch auf einen ihrer spärlichen Label-Sampler mit drauf ("The Vertigo Annual"). Das Echo blieb allerdings aus, die Single floppte ebenso wie das dazugehörige Album, sodass auch Vertigo die Reissleine zog.
1972 folgte Campbell's letztes Album, schlicht "Jimmy Campbell's Album" betitelt. Diesmal war der Musiker bei Philips Records untergekommen, das jedoch nicht einmal mehr eine Single aus dem Werk auskoppeln mochte, nachdem Jimmy Campbell im Jahr zuvor mit seiner Band Rockin' Horse das brilliante, aber erfolglose Werk "Yes It Is" veröffentlicht hatte. Ohne jegliche Resonanz bei den Musikkäufern blieben die beiden aus dem Album ausgekoppelten Singles "Biggest Gossip in Town" und "Stayed Out Late Last Night", weshalb Philips nach dem weiteren Soloalbum den Künstler fallen liess.
Eine weitere Enttäuschung ist das Werk "Half Baked" auch für die brettharten Vertigo Swirl-Sammler. Erzielen originale Swirl-Langspielplatten teils exorbitante Preise auf dem 2nd Hand Markt, so findet man die LP von Jimmy Campbell immer wieder sehr günstig. Dies, weil Vertigo Records eine recht hohe Auflage der Platte produzierte, weshalb die Preise für ein Original nie sonderlich angestiegen sind. Die Platte ist also selbst unter Sammlern noch heute unpopulär, ganz genauso wie die Musik damals, als sie erschien. Das widerspiegelt indes in keinster Weise die womöglich nicht vorhandene Qualität der Songs auf dieser Platte. Jimmy Campbell scheint einfach stets zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, denn seine Musik klingt bis heute frisch, positiv, ja manchmal fast fröhlich und humorvoll. Jedenfalls gibt es viele andere Scheiben, an denen der Zahn der Zeit sehr viel mehr genagt hat und die heute bestenfalls noch den Nostalgiebonus erhalten. "Half Baked" gehört da mit Sicherheit nicht dazu. Campbell zog sich nach seinem dritten und letzten Solo-Album aus dem Musikbusiness zurück, er starb im Jahre 2007 im Alter von 63 Jahren.
HAWKWIND - Warrior On The Edge Of Time (United Artists Records UAG 29766, 1975)
Hawkwind, die Pioniere des Space Rock - wobei dieser Begriff eigentlich viel zu kurz greift - sind eigentlich so etwas wie die dunkle Seite der Hippies: Schmutzig, verschwitzt, abgerissen, statt bei naivem Peace und Love wesentlich näher bei den schmuddeligen Rockern - statt knuddelige Hobbits eher raumfahrende Orcs, die im losen Kollektiv mit nur einem recht engen Kern (angeführt von Kapitän und Mastermind Dave Brock) manchmal recht dilettantisch improvisieren. Und ab und an dann Geniestreiche ablieferen, wie das phänomenale 75er Werk "Warrior On The Edge Of Time". Das Album gilt auch heute noch als eine der besten Hawkwind-Platten, wenn nicht gar als ihre Beste überhaupt. Die ganze Musik des in sich geschlossenen Werks ist absolut organisch und von einander untrennbar, alles ist im "flow", es gibt nichts, was nicht passen würde, selbst die leicht schräg wirkenden sogenannten "Spoken Word"-Einschübe gehören dazu. Die Musik von Hawkwind hatte sich in den ersten paar Jahren kontinuierlich weiterentwickelt, und vom anfänglich noch da und dort eingestreuten Bluesfeeling etwa des Debutalbums von 1970 war hier fünf Jahre später nichts mehr zu hören. Stattdessen hatte sich die Band vom verkifften und oftmals recht monotonen Space- und Weltraum-Geräuschkulissen-Rock zum veritablen Progressive Rock entwickelt, der sowohl Anspruch und Vielfältigkeit vereinte. Es waren vor allem die beiden Schlagzeuger Simon King und Allan Powell, die sich hier kongenial ergänzten; nachzuhören etwa auf den Top-Titeln "Opa-Loka" oder "Magnu", zwei der stärksten Titel, die Hawkwind je verfasst haben. Dem Werk zugrunde liegt eine Fantasy-Geschichte des Sword & Sorcery-Autors Michael Moorcock, der noch öfter mit Hawkwind zusammenarbeiten sollte, somit ist "Warriors On The Edge Of Time" auch als Ganzes ein Konzept, das über ein in sich geschlossenes Storybook verfügt. Synthesizer und Gitarren spielen abwechselnd die führenden Rollen, Simon King sorgt für perfekten Drum-Einsatz und Nik Turner würzt mit Saxophon, Oboe und Flöte. Obwohl das Werk jetzt 25 Jahre alt ist, hat es nichts von seiner Frische verloren, Hawkwind präsentiert sich extrem spielfreudig.
Die Mitglieder der britischen Gruppe Hawkwind gelten als Begründer des sogenannten Space Rock, einer psychedelischen Spielart des Hard Rock. Die Band wurde 1969 gegründet und hat 1970 ihr erstes Album vorgelegt. Gründer und einziges konstantes Mitglied ist der Gitarrist Dave Brock. Der grösste kommerzielle Erfolg der Gruppe war die Top10Single "Silver Machine" im Jahre 1972. Mehrere Alben der Band konnten sich in den Top 50 der englischen Albumcharts platzieren. Die höchstplatzierten Alben waren "In Search of Space" (1971) auf Platz 18, "Doremi Fasol Latido" (1972) auf Platz 14, "Space Ritual" (1973) auf Platz 9, "Hall Of the Mountain Grill" (1974) auf Platz 16, "Warrior On The Edge Of Time" (1975) auf Platz 13 und "Live 79" (1979) auf Platz 15. Unter den Dutzenden von Musikern, die im Laufe der Jahre der Band angehörten, ragen die Texter und Sänger Robert Calvert und Michael Moorcock heraus, deren Themenwelt zahlreiche Alben der Gruppe bestimmte. Zu den weiteren bekannten Bandmitgliedern zählen Lemmy Kilmister (Motörhead), der von 1972 bis 1975 Bassist von Hawkwind war, sowie der Keyboarder Tim Blake und der Geiger Simon House, die auch bei verschiedenen anderen Bands mitgewirkt haben. Eine markante Rolle hatte ebenfalls der Saxofonist Nik Turner inne, der von 1969 bis 1976 und nochmals in den 80er Jahren zur festen Besetzung zählte und mit anderen Hawkwind-Musikern verschiedene Ablegerbands wie Inner City Unit, Space Ritual oder Hawklords bildete. Zu den langjährigen aktuellen Mitgliedern zählt der 1988 zur Band gestossene Schlagzeuger Richard Chadwick.
Der Sänger und Gitarrist Dave Brock, geboren am 20. August 1941, gründete gemeinsam mit dem Gitarristen Mick Slattery und dem im Jahre 2012 verstorbenen Bassisten John Harrison im Jahre 1969 eine zunächst noch namenlose Band, zu der auf eine Zeitungsanzeige hin der damals 17-jährige Schlagzeuger Terry Ollis stiess. Zur Band zählten ausserdem zwei Freunde Brocks, die sich zunächst als Roadies und im Laufe der Zeit als Musiker nützlich machten: Michael "Dik Mik" Davies am Synthesizer und Nik Turner am Saxophon, der auch sang. Der Proberaum der Band befand sich in Ladbroke Grove, einem Viertel des Londoner Stadtteils Notting Hill, das damals als Hochburg der Hippieszene galt. Hier probten und spielten damals regelmässig unter anderem auch die Gruppen Quintessence, The Pink Fairies, T. Rex, Bubastis, Cochise, High Tide und Steamhammer. Vor einem Auftritt mit High Tide und Skin Alley in der All Saints Hall gab sich die Gruppe den Namen 'Group X', änderte ihn aber bald in Hawkwind Zoo und verkürzte ihn auf einen Rat von John Peel hin zu Hawkwind. Die Gruppe absolvierte zahlreiche Auftritte in der damaligen Londoner Acid-Szene.
Während der Aufnahmen zur ersten, von Dick Taylor produzierten gleichnamigen LP der Band stieg Gitarrist Slattery aus und wurde durch den Gitarristen Huw Lloyd-Langton ersetzt (ebenfalls 2012 verstorben). Die erste Langspielplatte wurde indes kein kommerzieller Erfolg, brachte der Gruppe aber genug Bekanntheit ein, um auch auf Festivals ausserhalb Londons zu spielen. Beim Bath Festival kam es zum Schulterschluss mit den Pink Fairies, zwischen den Bands entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit, die in gemeinsamen Konzerten als 'Pinkwind' gipfelte und zu denen es später weitere personelle Verflechtungen geben würde. Der exzessive Drogenkonsum führte zu einem regen Wechsel in der Besetzung. Gitarrist Lloyd-Langton verliess die Gruppe aufgrund von Drogenproblemen. Für Bassist Harrison sprang erst Thomas Crimble von Skin Alley, später Dave Anderson von Amon Düül II ein. Als Sänger kam der Autor und Strassentheater Künstler Robert Calvert hinzu. In dieser Besetzung spielte die Gruppe 1971 ihr zweites, von George Chkiantz produziertes Album "In Search of Space" ein. Für die graphische Gestaltung des Albums zeichnete Barney Bubbles verantwortlich, dessen Renommée als Covergestalter auf diesem und späteren Hawkwind-Alben gründet und der auch das sonstige visuelle Erscheinungsbild der Band geprägt hat. Das Album erreichte Platz 18 der englischen LP-Charts.
Bald nach den Aufnahmen verliessen jedoch Terry Ollis und Dave Anderson die Band. Anderson verliess die Band nach acht Monaten wegen unterschiedlicher musikalischer Auffassungen und gründet eine Band mit Namen Amon Din, der unter anderem auch Huw Lloyd-Langton (Gitarre) und John Lingwood (Drums) angehörten. Als neue Musiker kamen der Schlagzeuger Simon King und am Bass Lemmy Kilmister hinzu, der zuvor bei der Beatcombo The Rockin’ Vickers Gitarre gespielt hatte. Dik Mik verliess die Band ebenfalls und wurde durch den Keyboarder Del Dettmar ersetzt. Als Dik Mik dann doch zur Gruppe zurückkehrte, blieb man vorerst bei zwei Keyboardern. Zu jener Zeit begann die Gruppe auch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Autor Michael Moorcock, dessen Texte zahlreiche Hawkwind-Veröffentlichungen inspiriert haben, und mit der Tänzerin Stacia Blake, die bis 1975 mit ihren freizügigen Tänzen massgeblich zur Bühnenshow der Band beitrug. Hawkwind konnten 1972 mit der Single "Silver Machine" einen respektablen Hit verbuchen, der Platz 3 der britischen und Platz 1 in den Schweizer Charts erreichte. Der Erfolg ermöglichte die rasche Aufnahme des Studioalbums "Doremi Fasol Latido" sowie die Space Ritual Tour, während der 1973 ein Livealbum mitgeschnitten wurde, das ebenfalls Chartplatzierungen erreichte. Die nächste Single-Veröffentlichung "Urban Guerilla" stieg zwar auf Platz 39 in die englischen Charts ein, wurde dann jedoch wegen zeitgleich stattfindender Attentate nicht mehr im Radio gespielt. Fast jedes nachfolgende Album wies eine andere Besetzung der Band auf. Dik Mik und Robert Calvert verliessen die Gruppe 1973. Da auch Del Dettmar seinen Rückzug ankündigte, verpflichtete man den Geiger und Keyboarder Simon House von High Tide, der mit Hawkwind durch Nordamerika tourte und auch 1974 bei den Aufnahmen zum Vorgänger-Werk "Hall Of The Mountain Grill" mitwirkte. Als Ersatz für den zeitweilig verhinderten Schlagzeuger Simon King stiess Alan Powell zur Band, blieb dann aber als zweiter Drummer, während Del Dettmar endgültig seinen Abschied nahm. Das letzte mit Lemmy eingespielte Album, "Warrior On The Edge Of Time" von 1975, lehnte sich an eine Geschichte von Michael Moorcock an. Bei einer nachfolgenden Nordamerika-Tournee wurde Lemmy an der kanadischen Grenze wegen Drogenbesitzes festgehalten und wegen der sich ergebenden Verzögerungen aus der Band gefeuert. Er erlangte danach mit seiner eigenen Band Motörhead, benannt nach einem Song, den er für Hawkwind verfasst hatte, grosse Popularität. Ersetzt wurde er bei Hawkwind durch Paul Rudolph von den Pink Fairies, während deren Gitarrist Larry Wallis unterdessen zu Motörhead stiess. Nach einem Gastauftritt beim Reading Festival 1975 kehrte Robert Calvert wieder fest zur Band zurück. Tänzerin Stacia verliess dagegen die Gruppe, heiratete später den Musiker Roy Dyke (Ashton, Gardner & Dyke).
"Warrior On The Edge Of Time" gilt unter Hawkwind-Kennern als eines der qualitativ hochwertigsten Alben der Band. Dies unterstreicht nicht nur die Ausgangsgeschichte von Michael Moorcock, sondern auch die klar gewachsenen kompositorischen Fähigkeiten der Musiker. Der vor allem in den frühen Jahren zelebrierte, oft ausufernd gespielte, ja eigentlich eher gejammte Space Rock, der manchmal sehr monoton wirkte und zeitweise ausschliesslich von seinen elektronischen Effekten lebte, geriet hier zunehmends in den Hintergrund. Die Kompositionen wirkten ausgereifter, durchdachter und sehr gut arrangiert, was sich allerdings bereits auf dem Vorgänger-Album "Hall Of The Mountain Grill" abzeichnete. Man kann durchaus sagen, dass sich Hawkwind 1975 auf ihrem kreativen Höhepunkt befanden.
Das Werk zeigte erstmals auch klar progressive Elemente, was vor allem in der Konzept-Story begründet lag, aber auch in musikalischer Hinsicht gelten konnte. Das Werk zeigte zwar noch immer alle Facetten der bisherigen Musik, jedoch wirkte die Platte insgesamt wesentlich reifer und erwachsener. Anspruchsvolle Musik war das auf jeden Fall, auch wenn noch immer viele versponnene Space-Ausflüge zu finden waren. Hawkwind waren aber spätestens mit diesem Werk keine verkiffte Hippie-Band mehr. Andererseits waren all die Jahre zuvor genauso prägend für eine ganze Szene, die sich im Grunde erst mit der Band Hawkwind überhaupt etablieren konnte. Nicht nur der Space Rock, sondern auch der Stoner Rock fand und findet seine Roots immer wieder bei der genialen Band von Dave Brock, diesem bis heute sträflich unterbewerteten Künstler. Für mich persönlich gehört die "Warriors On The Edge Of Time" zusammen mit der "Hall Of The Mountain Grill" und der "Doremi Fasol Latido" zu den besten Werken der Gruppe.
Oct 3, 2016
ANDREA SCHROEDER - Blackbird (Glitterhouse Records GRLPCD 766, 2012)
Kein anderer Tagesvogel singt in unseren Breiten so schön wie die Amsel. Ein Album, das den Titel "Blackbird" trägt, kann nur eine Hommage an die Schönheit des Lebens sein. Wenn der brütende amerikanische Südwesten mit dem borealen europäischen Nordosten zu einer einzigen Landschaft verschmilzt, gerät die Erde in Bewegung. Schweisstreibender Frost und eine Hitze, für die man sich warm anziehen sollte. Nichts ist, wie man es kennt und erwartet, die Koordinaten der Gewohnheit verschieben sich, und am Ende bleibt nichts als Worte und Sounds. Willkommen im Reich der Klangpoesie. Mitten im Berliner Wedding, wo der Gesang der Amsel sich mit dem Duft frischer Mandelhörnchen mischt, befindet sich eine Oase, in der die Songpoetin Andrea Schroeder ihre Lieder schreibt. Sie werden ihr von den Sehnsüchten ihres Alltags in die Feder diktiert, und dennoch tragen sie den Hörer weit weg über den S-Bahnring hinaus über Gebirge und Ozeane in eine Welt, in der alles Europäische hinter uns bleibt und sich unserem Ohr weite Canyons, Wüsten und Steppen erschliessen. Unweigerlich gerät in Vergessenheit, dass diese Musik nicht in Santa Fe oder Tucson entstanden ist, sondern mitten in Deutschland. Eine raue, verhauchte Stimme, von dezenten Gitarren, Streichern und Orgelklängen unterlegt, die wie ein sanfter Wind vom Horizont herüberwehen, die Worte ergreifen und im Klang davontragen. Viele Songs gehen bei Andrea Schroeder aus Gedichten hervor". Die Melodien ergeben sich aus den Worten. Dann kommen Gitarrenlinien und Strukturen hinzu, und die Songs bauen sich immer mehr auf. Aber manchmal hat der Gitarrist Jesper Lehmkuhl auch eine wunderschöne Melodie auf der Gitarre und die Hauptakteurin hat das Gefühl, dazu die passenden Worte finden zu müssen. Ihr engster Mitarbeiter Jesper Lehmkuhl ist nicht etwa ein Amerikaner, der in der Tradition des Südwestens aufgewachsen wäre, sondern ein kühler Däne. Er spielt auf dem Album nicht nur Gitarre und Bass, sondern findet für die Melodien der Sängerin stets die richtigen Riffs und Klangumgebungen. Mal schmiegt sich die Gesangsmelodie um einen Riff, dann ist es wieder genau umgekehrt und die Gitarre tanzt um den Gesang. Lehmkuhl ist eine wandelnde Enzyklopädie der Genres und Stile. "Wir sind uns dieser amerikanischen Einflüsse beim Schreiben gar nicht bewusst", sagt Lehmkuhl. "Aber es stimmt schon, dass ich in den letzten zehn Jahren mehr Musik aus Amerika als aus Europa gehört habe. Vieles davon hat einfach eine längere Gültigkeit. Die Platten von Neil Young aus den siebziger Jahren wirken heute viel lebendiger als die meisten Sachen, die in den achtziger Jahren in England entstanden sind, denn diese haben sich längst überholt. Trotzdem hatte ich das Gefühl, bei dieser Platte eher an einem nordischen Sound zu arbeiten". An der amerikanischen Grundstimmung der Platte hatte sicher auch Produzent Chris Eckman massgeblichen Einfluss. In Bands und Projekten wie den Walkabouts, Chris & Carla, Dirt Music oder Long hat er über Jahrzehnte immer wieder ganz unterschiedliche Wege gefunden, traditionelle amerikanische Sounds in neue zeitliche und geografische Umgebungen zu stellen. Für das tolle Album "Blackbird" sass er nicht nur als Produzent im Studio, er schrieb auch die Streicher-Arrangements und legte an Gitarre und HammondOrgel Hand an. Eckman's musikalischer Spirit ist hörbar, aber er drückt den Songs nicht seine Philosophie auf. Andrea Schroeder und Jesper Lehmkuhl widerstehen auf ihre Weise sehr souverän allen Verlockungen des Zeitgeistes, seien sie nun vom Mainstream oder vom Underground getragen. Bei aller Lebendigkeit ist der Musik auch eine sehr archaische Note eigen. Die Texte sind in Landschaften beschriebene Gefühle, die viele Menschen so vielleicht gar nicht zulassen würden, meint die Song-Poetin. Diese Songs entstehen ohne Planung. Das verhaltene Timbre ihrer Stimme verleiht den Texten und Melodien dann noch eine weitere Komponente, deren Verführungskraft man sich nur schwer entziehen kann. Andrea Schroeder ist eine Grosstadt-Schamanin, die den ewigen Sand der Wüste zwischen die Gleise der Tram bläst. Doch Sand ist gemahlene Erinnerung. Ihre Songs mögen wie Landschaften angelegt sein, doch oft wirken sie auch wie Fossilien, die seit Jahrmillionen darauf warten, aufgelesen zu werden. Die Berlinerin findet das Offensichtliche, das sich allen anderen Blicken entzieht, und macht es uns zugänglich. Ihre Songs waren als Ideen und Sehnsüchte schon immer da, doch erst hier und jetzt machen sie Sinn. Andrea Schroeder grübelt nicht lange über ihre Songs. Die besten Lieder sind immer die, die einfach nur so runtergeschrieben sind, gesteht sie freimütig. Sicher ändert sich manchmal noch ein Song oder zieht das Gedicht mit der Struktur zusammen. Aber in der Grundidee des Songs ist nichts erzwungen. Mit der Melodie verhält es sich genauso. Es ist nicht komponiert, sondern eher zugelassen. Die Musiker folgen den Worten. Diese innere Gelassenheit gibt Schroeder und Lehmkuhl die Freiheit, etwas zu tun, was nur in den wenigsten Fällen musikalisch funktioniert. Sie haben keine Angst vor Klischees, sondern eignen sich diese beherzt an und sagen: Voilà!. Wo andere Songwriter ihr unvermeidliches Spiel mit dem Klischee zu bemänteln suchen, holen sie den Hörer dort ab, wo dieser ohnehin längst ist. Es wäre ein Trugschluss zu vermuten, dass die beiden Musiker etwas völlig Neues in ihren Songs ausdrücken können, bekennt Lehmkuhl. Warum also nicht auf das zurückgreifen, von dem man weiss, dass es funktioniert ? Man stiehlt ja nichts, sondern es ergibt sich aus dem, was einem persönlich gefällt, und verarbeitet diese Dinge auf eigene, sehr persönliche Weise. Aber man muss auch nicht verbergen, auf welche Traditionen man sich beruft und woher diese kommen. Es ist wie beim Schreiben eines Krimis. Ein Krimi funktioniert nur als Krimi. Warum also so tun, als wäre es kein Krimi ?Die introvertierte Postmoderne in den Songs von Andrea Schroeder ist keine Partymusik. Sie bedient weder einen Trend, noch eignet sie sich zum coolen Abhängen. Aber sie ist von einer erschütternden Allgemeingültigkeit und emotionalen Tiefe, die jeden, der sich auf sie einlässt, berührt.
Beatnik ist ein Schweizer Musiker und Querdenker, der sich selbst auch gerne als Big Daddy Beatnik bezeichnet. Bereits seit Mitte der siebziger Jahre aktiv, zunächst mit der STEVE WHITNEY BAND mit ungestümem Rock'n'Roll, wandelte er später mit verschiedenen Soloprojekten auf seinen eigenen Wegen durch die Ländereien des Blues, wobei er auch gelegentliche Abzweigungen in Richtung Roots und Americana durchschritt. Zuletzt hat er, ausser mit langjährigen musikalischen Weggefährten wie dem Gitarristen Carsten Göke, genannt "El Vagabundo" oder dem Bassisten Raoul Walton (La Düsseldorf, Heinz Rudolf Kunze, Marius Müller-Westernhagen), immer wieder mit Musikern von Anyone's Daughter zusammengearbeitet, wodurch auch einige sphärisch-krautrockige Klänge mit in sein Werk eingeflossen sind.
Auf seinem Album "Kaleidoscopia" hat er, neben den Genannten und einigen anderen (nicht nur musikalischen) Freunden auch noch Alex Conti (Atlantis, Lake, Hamburg Blues Band) um sich geschart, um gemeinsam mit ihnen in seinen Kosmos einzutauchen. Nach verlässlichen Augenzeugenberichten ist dabei vieles der Kompositionen, die Beatnik gemeinsam mit Hans Peter Küng realisiert hat, im Studio weiterentwickelt und zur Vollendung gebracht worden. Wobei der Hörer an einer Entwicklung teilhaben kann, in dem sich Beatnik und seine Musik von einer blaugefärbten Raupe zu einem bunten, in vielen Farbfacetten schillernden Schmetterling verwandelt. Es fusst zwar (noch ?) vieles aus dem Blues, aber das Fenster öffnet sich sperrangelweit für Einflüsse aus Jazz und Weltmusik. Aber der Reihe nach.
Dem wolkigen Intro "Unlock The Gate" folgt ein langes, von den gegensätzlichen Leadgitarristen dominiertes Instrumental mit "Art Is". Auf der einen Seite Alex Conti mit seinem strahlend-funkelnden Hochglanzsound, auf der anderen Seite El Vagabundo, dessen Spiel von aufregenden Kanten und Widerhaken durchsetzt ist. Sämtliche Stücke des Albums schliessen sich übrigens nahtlos aneinander an und fliessen ineinander über, da es ja auch keine Nummernrevue sein soll, sondern ein in sich geschlossenes Ganzes, in dem sich der Musiker Beatnik offenbart.
Bei "The Sea" hört man dann auch die Stimme des Meisters. Rein optisch würde man eigentlich ein kraftvolles Organ mit einem etwas hemdsärmeligem, vielleicht sogar meckernden Timbre erwarten, aber Beatnik ist ein regelrechter Crooner, voller Gefühl, Ausdruck und Wärme. Auch in diesem Stück wird ausgiebig soliert, wobei Matthias Ulmer, der Keyboarder von Anyone's Daughter, besonders gut zur Geltung kommt. Mit dem heimlichen Höhepunkt des Albums, "Spectral Voyager" wird es lebhafter, mit dem French Horn und der Harp kommen neue, aufregende Klangfarben hinzu. Insbesondere die Kombination der schnellen, clubsoundartigen Electronics mit der sonst traditionell im Blues verhafteten Mundharmonika von Mario Anastasini ist wirklich spannend. Die Gitarre von Conti übernimmt dann das Szepter und schlägt Schneisen in den sanft treibenden, pluckernden Beat, bis man in jazzrockige Gefilde eintaucht. Und am Ende weht mehr als ein Hauch von Al di Meola durch die Boxen - absolut grandios.
"Celestial Moog" ist ein klassisch inspiriertes Pianozwischenspiel mit einigen Moogsounds als konterkarierende Glasperlen. Das sanft groovende "Restrain And Release" wird wieder durchpulst von der Kraft der zwei (unterschiedlichen) Gitarren, während bei dem kontemplativen Intermezzo "Dark Crystal" die Gedanken auf eine weite Reise geschickt werden. "Bassaman Vibration" nimmt als furiose, leicht angeschrägte Bassbattle zwischen Raoul Walton und Dani Winterberg mächtig Fahrt auf und rattert leichtfüssig davon, um letztlich vom fast schon sakralen "Spirit Flow" eingebremst zu werden. Mit "Goodbye Blues Cry" gibt es dann den Umkehrschwung zurück in blaugetränkte Gefilde bevor alles weggesaugt und die Tür zugeschlagen wird (wortwörtlich).
Die mehr als 72 Minuten vergehen wie im Flug, was ich persönlich bei einer Scheibe mit bluesiger Grundausrichtung nur selten so empfinde. Beatnik hat gemeinsam mit seinem kongenialen Partner für beeindruckende Soundlandschaften, Hans Peter Küng, und seinen erlesenen Mitstreitern eine musikalische Welt geschaffen, in der man sich vom traditionellen Bluesschema immer wieder wegbewegt, ohne die Wurzeln zu verraten. Und wenn man weiss, dass Eroc das Mastering besorgt hat, kann man auch sicher sein, dass diese Scheibe klanglich höchsten Ansprüchen genügt. Selbst auf meinem bescheidenen Equipment, das schon Jahre auf dem Buckel hat, klingt "Kaleidoscopia" einfach fantastisch.
Dazu kommt als Sahnehäubchen ein wirklich hübsches und stimmiges Artwork, das eine in allen Belangen mehr als gelungene Produktion abrundet. Zu erwerben ist das edle Teil beim Künstler selbst über dessen Homepage.
(Ralf Stierlen)
Oct 2, 2016
ROCK - Teil 3 (312 Seiten, Hardcover mit hochwertigem Schutzumschlag) Am 20. Oktober erscheint der langersehnte dritte Teil der Buchreihe ROCK aus dem Sysyphus Verlag. Das Team des Eclipsed Musik Magazins hat erneut die wichtigsten Fakten und Platten zu 20 Grössen der Rockmusik in einem hervorragenden Lexikon zusammengetragen, das in seiner Grundstruktur den beiden bereits erschienenen zwei Bänden entspricht. Erneut bietet auch Band 3 eine jeweils vollständige Analyse des Gesamtwerks von 20 der wichtigsten Rock-Acts aller Zeiten. Diesmal wurden folgende Rock Acts berücksichtigt: The Allman Brothers Band, Camel, Dire Straits & Mark Knopfler, Fleetwood Mac, Foreigner, Grobschnitt, Hawkwind, Kansas, The Kinks, Kiss, Joni Mitchell, Santana, T. Rex & Marc Bolan, Tangerine Dream, Thin Lizzy, U2, Uriah Heep, Van Halen, The Velvet Underground & Lou Reed sowie Frank Zappa. Neben einer chronologischen Künstler-, resp. Band-Historie im Überblick (Zeitleiste, musikalische Wurzeln, wichtigste Fakten) werden von allen 20 Künstlern alle Studioalben, die wichtigsten Livealben, DVDs und weitere interessante Veröffentlichungen gelistet. Zu jedem Studioalbum gibt es eine Besprechung, alle Infos, Tracklist, Benotung der einzelnen Songs sowie Pressespiegel und Musikerzitate. Von jedem Act erhalten jeweils die Topalben eine ausführliche Rezension. Ausserdem sind wiederum die jeweils 30 Top-Songs aller Bands und Künstler (plus Top-5-Sonderlisten "Für Freaks", "Für Einsteiger", "Top-Bonus-Tracks" usw.) gelistet. Neben den jeweils kompletten Diskographien gefällt das Biuch erneut mit vielen raren Fotos aller Acts in dem Buch. Beziehen kann man den 3. Teil dieser hochwertigen Buchreihe erneut über den Shop der Zeitschrift Eclipsed oder über den Buchhandel.
SHAKIN' APOSTLES - Too Hot For Snakes (Blue Rose Records BLU CD0127, 2000)
Die Shakin' Apostles kommen wie viele andere hervorragende Bands aus Austin, Texas, einem schier unerschöpflichen Schmelztiegel für "Americana Music". Mastermind der Band ist Freddie "Steady" Krc, in Houston, Texas aufgewachsen. Bereits mit 10 Jahren begann er, Schlagzeug zu spielen, zwei Jahre später machte er die ersten Übungen auf der Gitarre. Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre spielte er in diversen Bands, meist natürlich am Schlagzeug, so u.a. bei Jerry Jeff Walker, Butch Hancock, Wes McGhee oder auch Rocky Erickson. Die ersten Erwähnungen auf Tonträgern wurden ihm u.a. bei Carole Kings "Touch the Sky" zuteil oder bei dem Soundtrack zu dem Zeichentrickfilm "When the Wind Blows" von Roger Waters. Und dann waren da noch etwa ein halbes Dutzend Platten mit Rocky Erickson... Im Jahre 1993 erschien auf dem US-Indie-Label East Side Digital Records das gleichnamige Debütalbum der Shakin' Apostles. Freddie spielte Rhythmusgitarre und sang, John Inmon, die rechte Hand von Freddie, spielte die Leadgitarre. Weiterhin waren dabei Danny Thorpe, ebenfalls Gitarre, Ronnie Johnson am Bass und David Bender am Schlagzeug. "Shakin' Apostles" war eine Mischung aus Rock, Country, Blues und Cajun Music. 1995 erschien das Konzeptalbum "Tucson", das qualitativ den Country Rock-Heroen Poco, Eagles, Flying Burrito Brothers, Moby Grape oder Buffalo Springfield ebenbürtig war. Herrliche Melodien, klare Arrangements und mehrstimmiger Harmoniegesang liessen die Herzen der Country Rock-Fans höher schlagen. Die beiden CDs waren ausschliesslich in den USA erschienen. Die erste Möglichkeit, auch einem Publikum in Europa die Musik der Shakin' Apostles näherzubringen, ergab sich, als 1996 auf Blue Rose Records eine Zusammenstellung mit Songs der beiden CDs erschien, angereichert mit 4 Live-Stücken und einem unveröffentlichten Studio-Song. Die zusätzlichen Songs auf dem "Austin, Texas" betitelten Sampler hatten mit Mike Wilhelm von den Charlatans sowie John Ike Walton und Ronnie Leatherman von den 13th Floor Elevators interessante Gastmusiker. Die deutsche Presse war voll des Lobes. Die Zeitschrift Musik Express verteilte 5 Sterne und schwärmte von überdurchschnittlich hoher kompositorischer und handwerklicher Qualität. Die Höchstwertung vergibt die NWZ Göppingen und vermeldet "eine explosive Mischung aus Country, Cajun, Blues und Rock - da tanzt der Apostel". Auch das nächste Album, betitelt "Medicine Show", hatte nichts von der Frische seiner beiden Vorgänger verloren. Vielmehr tollten sich Krc und seine Mitmusiker auf der grossen Spielwiese der Americana Music, einem teuflischen Gemisch von Country, Rock, Western Folk Rock und Rock'n'Roll, dargeboten in rasanten Uptempo-Rockern und herzerweichenden Balladen. Das erste Live-Album der Band, "Too Hot For Snakes", bringt dich in der texanischen Hauptstadt in die Welt von Schummerlicht, dickem Qualm und lauter, lauter Musik ("Dim Lights Thick Smoke And Loud Loud Music", ein Song im Original von Gram Parsons und seiner Band The Flying Burrito Brothers). Man kann fühlen, wie im Continental Club auf der Congress Avenue bei dieser Live-Aufnahme vom 25. März 1999 die Wände gewackelt haben. Das ganze Talent von Krc und seine Liebe zur Musik kommt bei dieser Aufnahme zur Geltung. Man kann die Spielfreude spüren, die in dieser Frühlingsnacht von der Band ausging. Nur wenige bringen mehr Gefühl, Vertrautheit und Leidenschaft in ihre Songs wie Krc. Seine verschiedenen musikalischen Interessen und Einflüsse sind durch alle 14 Songs (plus einem Hidden Track, also einem versteckten, nicht gelisteten zusätzlichen Song) zu hören. Seine Tage als Schlagzeuger für die Punklegende Roky Erickson schimmern durch beim Titel "I’ve Got Levitation". Gitarrist Pat Kelly nimmt den Klassiker von den 13th Floor Elevators zum Anlass, zusammen mit Krc's aussergewöhnlichem Gitarrenspiel dem Song eine besondere Note zu verleihen. Titel wie Moby Grape’s "Fall On You", Gene Clark’s "Long Time" und "Rock’n’Roll Woman" von Buffalo Springfield geben Einsicht in einige von Krc’s wichtigsten musikalischen Einflüssen. Sie geben auch dem Schlagzeuger Jack McVey und dem Bassisten Bryan Jaska die Gelegenheit, sich zu profilieren. Krc hat keine Probleme, in den Hintergrund zu treten und seine Band strahlen zu lassen, was sie auch ausgiebig tun. Krc’s Songmaterial wurde von der Band hervorragend auf die Bühne transportiert, und langjährige Fans werden von den Live-Versionen der Stücke der bis dahin drei veröffentlichten Studioalben nicht enttäuscht sein. Alles von einem Quicksilver Messenger Service-Rocker bis hin zu einem Burl Ives-Medley kann die Band live spielen, denn oftmals überrascht die Truppe mit einem immer wieder sich verändernden Song-Set auf der Bühne. Die professionelle Aufnahme vom langjährigen Soundmann Charles Ray, kombiniert mit etwas nachträglicher Studioarbeit des Trios Randy Poe, Ray und Krc wurde zu einer beeindruckenden Wiedergabe des Auftritts. Die Energie und Kraft jener Nacht ging nicht verloren. Selten hat eine Live-Aufnahme den Abend so herzhaft eingefangen wie die Shakin' Apostles-Live Platte "Too Hot For Snakes". Man wünschte sich beim anhören gleich, man wäre dabei gewesen.
THE OTHER HALF - The Other Half (Acta Records A-38004, 1968)
Es gibt wohl einige HundertPsychedelik-Rockplatten aus den Jahren 1966 bis 1970, die immer mal wieder auftauchen und im Netz besprochen werden. Viele von ihnen waren selbst damals so unbekannt oder lediglich mit einem gewissen Lokalkolorit versehen, dass inzwischen wohl nur noch Sammlerfetischisten sie überhaupt noch kennen und manchmal frage ich mich, wem es von Nutzen sein kann, eine Platte enthusiastisch besprochen zu kriegen, die der Leser dann - einmal auf den Geschmack gekommen - gar nirgends finden kann, um sich auch akustisch davon ein Bild machen zu können. Und wenn das dann mal der Fall ist, folgt oft sogleich die Enttäuschung: Oh, da ist aber das Geschriebene vom tatsächlich Gehörten meilenweit entfernt. Aber so ist das nunmal bei den brettharten Fans: Ihre Lieblingsplatten sind einfach grossartig, outstanding, sensationell und phänomenal - und das alles gleichzeitig und im Doppel- und Dreifach-Superlativ, weil: Musik ist immer eine sehr subjektive Wahrnehmung, die auch enorm viel mit individuellen und höchst persönlichen Gefühlen zu tun hat. Jeder Hörer empfindet Gehörtes anders und das ist bei jeder Art von musikalischer Beschallung so. Ja, selbst für das Trommeln von Vorschlaghämmern auf öffentlichen Baustellen findet sich am Ende vielleicht noch ein Fan, der dieses Geratter als angenehm empfindet. Anyway: Es gibt also für jeden Geschmack letztlich etwas Akustisches, das hängen bleibt. Manchmal selbst über Jahrzehnte.
Genau deshalb versuche ich hier in meinem Blog auch stets, eine möglichst breit gefächerte stilistische Palette zu vermitteln, denn die schiere Vielfalt der Musik widerspiegelt auch mein eigenes Hörverhalten. Auch ich bin seit jeher allem gegenüber offen, versuche immer, auch für abstrusteste Sachen ein gewisses Interesse zu entwickeln und nicht zum vornherein etwas abzulehnen, nur weil mir etwa die Frisur eines Musikers, ein digitales Schlagzeug oder ein exaltierter Gesang nicht passt. Wenn solche Abseitigkeiten im Kontext zusammenpassen, dann ist es meistens auch wertvoll genug, sich damit zumindest einmal beschäftigt zu haben. Offen sein für alles hat ja manchmal den Beigeschmack, dass man nicht ganz dicht ist. Aha, ist das so ? Och, damit kann ich glaub ich ganz gut leben. Aber zurück zur heutigen Plattenempfehlung. Neben der bereits erwähnten Flut von psychedelischen Platten der ausgehenden 60er Jahre, die schon damals von kaum mehr als einer Handvoll Fans wahrgenommen wurden, gab und gibt es auch immer die sogenannten "Genre-Klassiker", also Platten, auf welche sich die sogenannten Musikexperten weitgehend einigen können. Eine dieser Platten stammt von der Band The Other Half, erschienen 1968, also in der Blütezeit des psychedelischen Rocks, als Grateful Dead, die Doors und Pink Floyd fröhliche Urständ feierten.
Die Gruppe um den Bassisten Larry Brown, ehemals bei den Fender IV und den Sons Of Adam beschäftigt, dem Gitarristen Randy Holden, der heute immer wieder mal als einer der besten Rock-Gitarristen bezeichnet wird (nicht zu Unrecht, wie ich finde!), dem Sänger Jeff Nowlen, dem zweiten Gitarristen Geoff Western und dem Schlagzeuger Danny Woods hatte von Beginn weg gute Karten, weil sie schon früh mit den grossen Bands der Hippie-Aera zusammenspielen konnten. Auftritte bestritten The Othe Half beispielsweise schon in ihrer Anfangsphase mit so illustren Bands wie Grateful Dead, Jefferson Airplane und Quicksilver Messenger Service. Obwohl sie sich öfters mal in Los Angeles in Szene setzte, gehörte die Gruppenicht zur sogenannten Haight Ashbury Szene, obwohl sie beispielsweise im legendären Avalon Ballroom oder anderen Szene-Clubs in San Francisco begeistert aufgenommen wurde. Die Band schien mit ihrem eigenen Gebräu aus psychedelischem Sound und hartem Garage Rock ihrer Zeit weit voraus zu sein, denn obwohl mit MC5 und den Stooges der harte Garage Rock schon viele Musikfans wachrüttelte, gelang es insbesondere dem wie nicht von dieser Welt spielenden Gitarristen Randy Holden, bis zu 20 Minuten lange exaltierte Gitarrensolos zu spielen, die damals ausser dem jungen Jimi Hendrix noch kaum Jemand zu spielen wagte. Lärm- und Feedback-Orgien zogen sich bei Randy Holden bisweilen unerträglich in die Länge, und so manch ein Zuhörer mag wohl ziemlich zugedröhnt gewesen sein, dass er solch eine Dröhn-Orgie überhaupt verkraften konnte. Dabei begann die Band im Jahre 1966 zuerst ohne Randy Holden in Clubs zu spielen. Manchmal gesellte sich zu solchen Club-Sessions dann Randy Holden dazu, bevor er, unglücklich über die sehr beschränkten Ausdrucksmöglichkeiten in seiner Band Sons Of Adam, als festes Mitglied bei The Other Half einstieg. Das damals noch sehr kleine und mit wenig Budget ausgestattete Plattenlabel GNP/Crescendo Records nahm die Gruppe unter Vertrag und ermöglichte ihr die Veröffentlichung einer ersten Single mit dem Titel "Mister Pharmacist" und deren B-Seite "I've Come So Far" (GNP/Crescendo Katalognummer 378). Die heute als absoluter Genre-Klassiker geltende Single erreichte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nur relativ geringes Interesse seitens der Plattenkäufer, erregte jedoch das Interesse von Kenny Meyers, der die Gruppe prompt für das neu gegründete Plattenlabel Acta Records verpflichtete. Acta war als psychedelisches Unterlabel der grossen Plattenfirm DOT Records ins Leben gerufen worden. Auf Acta Records kam beispielsweise auch die LP der San Francisco-Psychedelikband TheNeighb'rhood Childr'n heraus, eine der heute ebenfalls zu den grossen Klassikern zählende Platte. Acta Records veröffentlichte zuerst die Single "Wonderful Day" mit der B-Seite "Flight Of The Dragon Lady" (Acta Records 801), welche sehr gute Kritiken erntete, jedoch wiederum nur spärlich verkauft wurde. Trotzdem stand das Label weiterhin hinter der Gruppe, finanzierte die Aufnahmen zu einem Album und waren guter Hoffnung. Trotz eines sehr schmalen Budgets, das kaum die Möglichkeiten bot, die damals schon üblich waren, gelang der Band ein hervorragendes Werk voller Dynamik, explosionsartiger Härte undversponnener Psychedelik auf der anderen Seite. Ein Glück, dass Acta Records die Platte ermöglichte. Das von der Gruppe weitgehend selbst arrangierte Album, produziert unter Mithilfe vonLarry Goldberg, Leo De Gar Kulka und Hank Levine, geriet zu nicht weniger als einem echten Klassiker, der enorm viele musikalische Facetten aufwies. Immer getragen von Randy Holden's exzellenter Gitarrenarbeit spielte sich die Band durch ein Song-Repertoire, das neben im Yardbirds-Stilgespielten Blues Rock, rauhen Garage Rock Nummern und typischer West Coast-Psychedelia auch östliche Einflüsse vereinte, was zu einer einmaligen Sound-Mélange führte, die in dieser Art durchaus als einzigartig bezeichnet werden kann.
Höhepunkte auf dem Album sind sicherlich das an Arthur Lee-Kompositionen fürdessen Band LOVE erinnernde "Feathered Friend" mit einer ganz tollen Fuzz-Gitarre von Randy Holden, "Flight Of The Dragon Lady", das indisch angehauchte "I Need You" und das Paradestück am Ende des Werks "What Can I Do For You, The Other Half". Die Platte lebt natürlich fast ganz von Randy Holden's phantastischer Gitarrenarbeit, und es ist nicht erstaunlich, dass er als einziger Musiker der Band später grosse Popularität erlangte und eine Solokarriere startete, die sehr erfolgreich verlaufen würde. Wenn man sich die Platte von The Other Half heute anhört, kann man kaum glauben, dass sie damals schon nach kurzer Zeit nur noch in den Ramsch-Regalen landete und schlisslich kurz darauf ganz aus den Plattenläden verschwand. Heute extrem gesucht und entsprechend teuer gehnadelt als originale Vinyl-Scheibe, kann man die Platte aber auch als Neuauflage (Vinyl), wie auch als remasterte CD bekommen. Das als Single veröffentlichte Stück "Mr. Pharmacist" wurde auf zahlreichen Genre-Samplern kompiliert und war somit über Jahrzehnte das einzige Stück der Gruppe, das immer wieder mal regulär zu haben war. Spätestens mit der Veröffentlichung der Platte als klanglich bereinigte CD (auf Lion Records plus einigen weiteren Varianten auf Eva und Radioactive - allesamt jedoch inoffiziell!) kann man zumindest zu einem moderaten Preis dieses grandiose Stück Musik endlich noch einmal hören. Eine dicke Empfehlung für Jeden, der den psychedelischen US-Rock von Ende der 60er Jahre mag.
Oct 1, 2016
MILES DAVIS - Bitches Brew (Columbia Records GP 26, 1970)
Wohl
selten hat es ein so mythenumranktes Jazzalbum wie "Bitches Brew" von Miles Davis
gegeben. Auf der einen Seite taucht dieses Doppelalbum immer wieder in
allen möglichen Listen in etlichen Fachblättern auf, wo es
meist als geniale Verschmelzung von Rock und Jazz gefeiert wird,
andererseits scheiden sich an dem Album bis heute die Geister. Jazzkritiker monieren,
dass Miles Davis mit der elektronischen Instrumentierung endgültig den Jazz
hinter sich gelassen hat, Rockfans wiederum finden die Musik meist unverdaulich.
Lassen wir mal die Jazzkritiker getrost beiseite, denn Davis'
elektronische Instrumentierung steht der ausufernden Improvisationsfreudigkeit der
Musiker keinesfalls im Wege. Es dürften womöglich sehr viele Musikhörer aus reiner Neugier schon mal in das Album hineingehört haben, einfach weil es so sagenumwobend und vieldiskutiert ist, und das seit seinem Erscheinen im Jahre 1970. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn man vorschnell solche Stilschubladen wie etwa Jazz-Rock (Rock-Jazz, Fusion) beizieht, denn die führen rasch einmal in die Irre. Es stimmt zwar, dass Miles Davis auf dem Werk Instrumente einsetzte, die man
eher mit Rockbands assoziieren würde, wie zum Beispiel die elektrische Gitarre, elektrische
Pianos und elektrische Bässe, aber dennoch lassen sich die manchmal herbeigeredeten Rockeinflüsse nur schwer heraushören. "Bitches Brew" hat für meine Begriffe sehr wenig mit dem
gemein, was unter Rockmusik allgemein verstanden wird. Während Rockmusik
über meist eingängige Strukturen verfügt, nämlich Strophe/Refrain/Strophe, wie Kurt Cobain es
vortrefflich auf den Punkt brachte, so lösten Miles Davis und seine Mitmusiker
diese Strukturen kurzerhand auf.
Die Folge konnte zum Beispiel eine halbstündige
Improvisation über zwei Akkorde sein, was wohl kaum je eine Rockband präsentiert hat. Wer also Rockmusik mit ein bisschen Jazz-Improvisation erwartet,
wird enttäuscht sein und hätte bestimmt mehr Freude an anderen Alben der
Fusion Richtung als an "Bitches Brew". Davis gab seinen
Mitmusikern meist nur eine Basslinie und ein oder zwei Akkorde vor und liess
sie dann im Studio kreativ vor sich hin improvisieren. Davis hatte
sein relativ freies Improvisationskonzept in den späten 50er und den
60er Jahren entwickelt, ausgebaut und schliesslich perfektioniert und wendete es auf "Bitches Brew" im elektronischen
Kontext an. Das Resultat waren bis zu 26 Minuten lange, relativ
frei interpretierte Stücke die keinem gängigen Schema folgten. Die Musiker auf "Bitches Brew" entwarfen ihre eigene Welt und die hatte herzlich wenig
mit Rock im traditionellen Sinne zu tun. Hinzu kam, dass Davis auf den
meisten Stücken alle Rhythmusinstrumente verdoppelte. Es spielten also
zwei Schlagzeuger, zwei Pianisten und zwei Bassisten mit verschiedenen
Solisten gegeneinander an, eine überbordende Masse an Instrumentalismus also.
Doch diese Musik war nicht etwa, auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag, irgendwie chaotisch. Sie folgte lediglich ihren
ganz eigenen Regeln und einer internen Logik, in welcher Musiker anstelle
irgendwelcher vorgefertigten Strukturen folgend, ihre Improvisationen in Bezug auf
einander entwerfen. Das alles war bei "Bitches Brew" indes nicht radikal neu: Davis' Gruppen aus
den 60er Jahren, wie auch John Coltrane's Band, von Ornette Coleman's Free Jazz
mal ganz zu schweigen, hatten die Jazzimprovisation in diese Richtung
schon weiterentwickelt. "Bitches Brew" war lediglich der nächste Schritt
in dieser Entwicklung, allerdings einer der wichtigsten überhaupt, denn Vieles, was später in diesem musikalischen Berreich entstand, vor allem, als die Elektronik auch im Rock-Bereich Einzug hielt, zehrte von den elektronischen Ideen auf "Bitches Brew".
Auch war damals die Darbietungsweise
neu: "Bitches Brew" machte vor allem durch die Besetzung mit Topmusikern,
die auf elektronisch verstärkten Instrumenten zu hören waren, wie etwa Chick
Corea, Herbie Hancock, Jack De Johnette, Tony Williams, John McLaughlin, Dave Holland und Ron Carter ungemeinen Druck. Über Basslinien und Schlagzeugrhythmen, die eher an
James Brown als an die Beatles oder die Rolling Stones erinnerten, entfalteten die
Musiker ein Kaleidoskop an Soundideen und spielten sich in Ekstase, um
kurz darauf wieder zu ruhigeren Tönen zurückzukehren. Und über all dem
thronte majestätisch Miles' Trompete in einer lyrisch-melancholischen Art,
die mit den Exzessen der Band eine wunderbar eigensinnige Einheit
bildete.
Man kann Miles Davis durchaus als den Jahrhundertmusiker des Jazz im 20. Jahrhundert bezeichnen, ein wahrhaftes Chamäleon, das sich immer wieder neu erfunden hat. Vergleichbar ist meiner Meinung nach in der Bildenden Kunst vielleicht am ehesten Picasso, der sich auch immer wieder neu erfunden hat und die Kunst des 20. Jahrhunderts umspannt. In ähnlicher Weise gilt dies für Miles Davis im Bereich des Jazz, ohne die Tatsache schmälern zu wollen, dass Picasso sicher ein Jahrtausendkünstler war, was ich so für Davis nicht in gleicher Weise behaupten will. Wenn ich es recht sehe, so sind es vor allem drei Alben, mit denen Davis Jazzgeschichte geschrieben hat und die in der Sammlung jedes Jazzliebhabers stehen sollten: als erstes "Birth Of The Cool" (1948), ein Album, das nach der Bop-Ära eine neue Epoche einleitete, dann "Kind Of Blue" (1959), das manche als das bedeutendstes Jazzalbum aller Zeiten bezeichnen, und schliesslich eben "Bitches Brew", mit dem Davis sich abermals neu erfand und das bei weitem mehr ist als ein Jazz-Rock-Album.
Seinerzeit irritierte "Bitches Brew" die Jazzwelt durch die "Elektrifizierung" des Jazz, besonders auch des Trompetensounds, etwa durch die Verwendung eines Wah Wah Pedals oder den Einsatz von klangverfremdenden Echo- oder Hall-Geräten. Sieht man das Album aus heutiger Perspektive, so ist klar, wie wegweisend, ja epochal es gewesen ist. Man muss es kennen, wenn es auch nicht so eingängig ist wie etwa "Kind Of Blue". Aber je öfter man es hört, umso mehr erschliessen sich dem Zuhörer seine inneren Strukturen. Das Konzept von "Bitches Brew" hat meiner Meinung nach auch einen Touch von Avantgarde. Für Jazz Rock Verhältnisse lässt Miles Davis seine Protagonisten sehr frei und ungestört improvisieren. Schon das erste Stück der Platte "Pharaoh's Dance" ist ein Musterbeispiel für technisch saubere und höchst kreative Spielweise. "Feio" ist für meine Ohren ein mit elektronischen Instrumenten gespielter Free Jazz und wirkt fast am anstrengendsten. Die Musiker bekamen lediglich eine Bass-Linie und durften dazu musizieren. Das Ergebnis ist ein dunkler, ungewisser Hauch des Geheimnisvollen, so wie alle Stücke des Albums, von denen vor allem auch "Sanctuary" und "Spanish Key" für mich persönlich zu den künstlerischen Höhepunkten zählen, auch wenn man kaum eine spezielle Nummer aus dem Werk herausstellen mag, da es vor allem in seiner Gesamtheit wirkt.
Für Fusion-Einsteiger würde ich "Bitches Brew" nicht empfehlen, zu kompliziert sind doch Melodien und Harmonie. Wer sich dennoch traut, der bekommt die wahrscheinlich besten Improvisationen John McLaughlins und von Miles Davis selber zu hören. Alle Musiker lassen zu jeder Sekunde des 106-minütigen Fusion Klassikers Talent, Spielfreude und Erfahrung erkennen. Wer sich die Zeit nimmt, kann in eine Welt eintauchen, die noch heute als exzeptionell bezeichnet werden kann. Wer an einer eingängigen Verschmelzung von Rock und Jazz interessiert
ist, der ist hier falsch. Man muss sich wirklich intensiv mit "Bitches
Brew" auseinandersetzen und Neuerungen gegenüber ziemlich offen sein, um
diese Musik schön zu finden. Hat man aber erst einmal die ersten Hürden
genommen, dann entfaltet sich einem eine wirklich wunderbare Klangwelt,
die ihresgleichen sucht. Ein berauschendes Werk in jeder Hinsicht.