Dec 6, 2016


TOM WAITS - Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards (Anti Records 6677-2, 2006)

Tom Waits ist ein einzigartiger Künstler. So wie er seine Songs vorträgt, oder überhaupt nur schon komponiert, macht ihn zu einem echten Unikat in der Singer und Songwriter-Liga. So muss man das definieren, denn es gibt wohl keinen einzigen Künstler, der mit derart verschrobener Hartnäckigkeit und fernab jeglicher Mainstream-Ambitionen seinen eigenen Weg weg, der ohne Rücksicht auf irgendwelche vermeintlich normalen, jedenfalls gehörfreundlichen  Hörgewohnheiten Rücksicht nimmt. Sperrige Songs schreibt er, und er grunzt und nölt diese sperrigen Songs mit derart viel Inbrunst und Ueberzeugung, dass gegen ihn eigentlich alle anderen herkömmlichen Songwriter ziemlich blass aussehen. Jedenfalls wirkt keiner der klassischen Singer/Songwriter so zerlebt, zerfahren und - ja, man muss das so sagen - ehrlich, direkt und scheuklappenlos. Tom Waits bedient sich äusserst geschickt aus dem Fundus der Musiktraditionen, agiert dabei wesentlich näher und direkter am Kulturgut als beispielsweise Rod Stewart's geradezu lächerlichen und müden Versuche, sich am klassischen amerikanischen Songbook zu bedienen. Tom Waits wirft stets einen besonderen Blick auf das, was der amerikanische Traum üblicherweise als Menschenabfall den Abfluss hinunter spült.

Waits bedient sich auch niemals irgendwelcher künstlichen Klangmittel, um irgendwie innovative oder gar moderne Sounds zu entwerfen. Lässt er sich dennoch dazu hinreissen, moderne Instrumente zu verwenden, dann klingen diese wiederum ganz anders als bei anderen Künstlern. Tom Waits ist auch ein grandioser Tüftler, der ganz einfach allem vermeintlich als normal Geltenden konsequent aus dem Weg geht. Mit "Orphans: Bawlers, Brawlers & Bastards" legte er vor 10 Jahren ein drei Platten umfassendes Werk vor, das opulenter nicht hätte sein können. Jede der drei Platten war für sich selbst strukturiert und enthielt diese abgründigen Geschichten, für die Tom Waits seit jeher bekannt ist: Streithähne ("Brawlers"), Schreihälse ("Bawlers") und Scheisskerle ("Bastards"). Dabei bediente er sich in seinem eigenen Gemischtwarenladen, bot quasi eine eigene Werkschau, indem er über Charakteren sang, schrie, flüsterte, stöhnte, über die er schon vor Jahrzehnten immer eine Geschichte zu erzählen wusste: Die Loser, die Abgewrackten, die Drogensüchtigen, die Huren, die Zuhälter, die Glücksspieler, die Blender, die Säufer und ganz allgemein die Randexistenzen. Tom Waits war und ist das Sprachrohr der Verlierer, er gibt ihnen seit jeher eine Stimme. Wenn Tom Waits über sie klagt oder singt, dann weiss man, dass es seine Figuren tatsächlich und in echt gibt. Es sind keine erfundenen Charaktere eines phantasievollen Songschreibers. Die Figuren, über die er singt, findet man in allen Gossen dieser Welt.

54 Songs präsentiert Tom Waits auf dieser opulenten Veröffentlichung. Dazu spendiert der Musiker ein 94 Seiten umfassendes Booklet, welches jeden Songtext abdruckt. Alleine dieses Booklet liest sich schon wie die Geschichte von vielen verlorenen Seelen, die sich vielleicht nicht kennen, sich auch nicht zwangläufig über den Weg laufen müssen, aber dennoch miteinander verbunden sind: Die Loser, auf die niemand wartet, die kein zuhause haben, die sich aus den verschiedensten Gründen im Leben nicht zurecht finden oder andere bescheissen und über's Ohr hauen, um es doch zu können. Arschlöcher und Geprellte: Sie begegnen sich in Waits' Liedern immer wieder und meistens vernebeln sie ihre Probleme im Suff oder drücken sie sich mit einer Fixe für einen kurzen Moment weg. Liebe finden Waits' Loser oft in der Hurerei: ein schneller Fick auf dreckigen Laken, ein bisschen Nähe bei einer Flasche billigem Fusel. Thematisch bietet "Orphans" fast die komplette Palette an Waits-Sounds, die ihn in den vergangenen Jahrzehnten bekannt gemacht haben.

Die erste Platte des Sets, betitelt "Brawlers" huldigt ausgiebig den billigen Kneipensounds, dem Blues, dem rauhen Rock'n'Roll und dessen Auswüchsen. Nicht umsonst bezeichnet Waits die hier versammelten Tracks als 'Juke Joint' Sounds, schliesslich gab es in den gleichnamigen Kaschemmen ordentlich viel billigen Fusel, Glücksspiel und reichlich Gelegenheit, sich körperliche Befriedigung zu erkaufen. Hurerei, Suff und Party kommen denn auch im eingängigen klanglichen Kostüm um die Ecke gerumpelt und geschunkelt. Das ist immer noch unverkennbar Tom Waits, aber ohne allzu sperrige Dreingaben, die den Genuss der Songs zur Kraftanstrengung werden liesse. Abstruses und Skurriles skizziert der Künstler ausserdem. So beschreibt Tom Waits zum Beispiel einen Gefängnisinsassen, der mit einer Fischgräte Oder ist schon einmal etwas von einem Knacki bekannt geworden, der sich mittels einer Fischgräte an den Gitterstäben sägt. Das hat schon fast Monty Python-Qualitäten.

Komischerweise fügt sich das zu einem harmonischen Gesamtkunstwerk zusammen. Der analoge Klangtüftler vereint in den unterschiedlichsten Situationen aufgenommene Songs unter einem einzigen grossen Hut. Sogar so etwas Ähnliches wie Gospel hat sich in die Songauswahl geschmuggelt. Der Traditional "Lord I've Been Changed" vergrummelt Waits tatsächlich so, als würde ein jovialer Reverend vor der Gemeinde stehen und den Herrn um Vergebung bitten. Rhythmisch einfallsreich wie eh und je versammeln sich die verschiedensten Instrumente zu einem stimmigen Potpourri, das in seiner Gesamtheit wieder eine Einheit bildet, selbst wenn beim ersten Hören alles irgendwie unzusammenhängend aus den Lautsprechern scheppert. Selbst absolut abgespeckte Nummern wie etwa "Lucinda", das lediglich mit Beatbox-Einlagen und spärlichen Gitarrenklängen auskommt, klingen eher fett als zurückgenommen. "Road To Peace" widmet sich dem Thema Nahen Osten und beweist gar Protestsong-Qualitäten.

Die zweite Platte mit dem Uebertitel "Bawlers" führt vom Titel her etwas in die Irre, versammelt Tom Waits unter dieser Bezeichnung doch seine melancholisch-balladeske Seite und agiert eher als Wehklagender im Walzertakt. Ganz grosser jazziger Sport: Das Teddy Edwards-Cover "Little Man" sowie das nachfolgende "It's Over", wo der Schlagzeug-Besen zum grossen Kehraus ausholt und sämtliche Barflys, Nutten und gescheiterte Existenzen zur Türe hinaus fegt. Die andere Seite des Tom Waits klingt in ruhigen Momenten hingegen sehr zärtlich und behutsam. "Long Way Home" und "Widow's Grove" legen ein eindringliches Zeugnis davon ab, dass Tom Waits auch ein emotionaler Brummbär sein kann.

Im letzten Abschnitt treffen wir die "Bastards", in dem Waits den vorangegangenen Schönklang Zug um Zug dekonstruiert. Da ist er wieder, der Schreihals, der räudige Hund, der einem die Rhythmen und Texte ins Gesicht spuckt und uns als musikalische Masochisten entlarvt. Hier holt Tom Waits wieder zum Rundumschlag aus und grummelt seinen Unmut in die Welt hinaus, wie er das schon seit Urzeiten gemacht hat. Diese dritte CD ist sicherlich die spannendste der drei, mit Songs die, wie der Titel andeutet, nirgendwo so richtig dazugehören. Hier finden sich vorwiegend experimentellere Stücke, Shanties, sardonische Sprechtexte, Vertonungen von Kerouac und Bukowski, ein faszinierender Monolog über die ekligeren Eigenschaften diverser fieser Insekten und einige höchst amüsante Anekdoten. Die meisten Songs der quer durch alle drei von Waits' Stimme und Vision und bewährten Kräften wie Marc Ribot, Larry Taylor, John Hammond, Ralph Carney, Greg Cohen und Michael Blair zusammengehaltenen Platten stammen wie üblich von Waits-Brennan. Dazu gibt’s aber auch noch diverse höchst eigenwillige Versionen diverser Werke von Huddie Ledbetter, bekannt als Leadbelly, bis hin zu den Ramones plus ein paar Traditionals, die sich Tom Waits so zu eigen gemacht hat, dass selbst Kenner zur Identifikation schon mal die Liner Notes konsultieren müssen.

"Eine Menge Songs, die hinter den Herd fallen, während man das Essen zubereitet" beschrieb Tom Waits selbst sein Werk "Orphans". Die Kollektion geht über eine einfache Retrospektive seiner Karriere weit hinaus. Mehr als 30 neu aufgenommene Songs - von Waits eigenen Versionen jener Stücke, die er anderen Künstlern überlassen hat, bis zu Nummern, die er mit seinen Kindern in der Garage aufgenommen hat. "Brawlers" ist randvoll mit knorrigem Blues und stampfenden Songs, "Bawlers" beinhaltet keltische Stücke und Country-Balladen, dazu Walzer, Lullabies, Piano und Songs mit typischen Tom Waits-Texten, während "Bastards" mit experimenteller Musik, Geschichten und Witzen gefüllt ist. "Orphans" ist aus meiner Sicht das wichtigste Dokument dieses einzigartigen Künstlers. Er ist unberechenbar und springt von Harmonie und Melodie über Blues bis hin zu verschrobenen Krach-Kaskaden.







Dec 5, 2016


CHRIS ROBINSON - New Earth Mud (Redline Entertainment Inc. 70009, 2002)

Es ist schon immer wieder erstaunlich, eine Platte in die Finger zu kriegen, mal interessiert reinzuhören, auf Anhieb begeistert zu sein und eigentlich keine Ahnung zu haben, mit wem man es da eigentlich zu tun hat. So geschehen bei Chris Robinson's erstem Soloalbum "New Earth Mud". Ein paar Tage, nachdem ich dieses Album gekauft hatte, kam ein Freund zu Besuch, dem ich das Werk dann auch gleich zur Hörbeurteilung präsentierte. Und der zuckte nur kurz mit den Schultern und sagte: "Klar muss die gut sein, der ist ja auch von den Black Crows". Da war ich dann schon mal ziemlich überrascht, denn die Musik, die da aus den Lautsprechern kam, hatte so gar nichts mit jenem kernigen und Glam-getunkten Bluesrock der Black Crows zu tun. Das war schon ein ziemliches Aha-Erlebnis.

Christopher "Chris" Mark Robinson, am 20. Dezember 1966 in Atlanta, Georgia geboren, war der Leadsänger der Black Crowes, die er gemeinsam mit seinem Bruder Rich Robinson in den 80er-Jahren gegründet hatte. Anfang der 90er Jahre gelang Robinson mit der Band mit ihrem Debütalbum "Shake Your Moneymaker" ein weltweiter Millionenerfolg und der internationale Durchbruch. Mit dem Nachfolger, betitelt "The Southern Harmony And Musical Companion" etablierten die Black Crowes ihre Mischung aus Retro-Rock, Soul, Gospel und Country. Nach mehreren kommerziell erfolglosen Alben trennte sich die Band zunächst Anfang 2002, startete im Frühjahr 2005 allerdings ein Comeback. 2011 lösten sie sich erneut vorübergehend auf. Während der ersten Auszeit versuchte sich Chris Robinson mit mässigem Erfolg an seinem Soloprojekt "New Earth Mud". Hierfür tourte er in den Jahren 2003 und 2004. Es kam im Rahmen der Veröffentlichung des Albums "New Earth Mud" auch zu einer erneuten Zusammenarbeit mit ehemaligen Mitgliedern der Black Crowes. Sowohl Marc Ford als auch Eddie Harsch wirkten am ersten Album mit. Audley Freed, von 1998 bis 2001 als Tourgitarrist in den Diensten der Black Crowes, gehörte nach der Veröffentlichung von Chris Robinson's zweitem Sooalbum "This Magnificent Distance" zur gleichnamigen Band, die Robinson der Einfachheit halber ebenfalls New Earth Mud nannte.

Chris Robinson's "New Earth Mud" präsentiert letztlich den Sound, den ein Musiker spielen kann, wenn er losgelöst ist von allem, er also quasi sein eigenes Ding durchziehen kann. Von den vermeintlichen Fesseln seiner Band und den vielen Bruderzwists innerhalb der Black Crows losgelöst, gelang Chris Robinson das Kunststück, eine ganz andere Musikrichtung einzuschlagen, und dabei trotzdem noch als der Leadsänger der Black Crows erkannt zu werden. Stilistisch allerdings hätte sich Robinson nicht weiter von seiner Stammband entfernen können. Es war zuerst einmal ganz bestimmt kein Rockalbum, sondern eher ein folkig angehauchtes Countryrock- oder auch Americana-Album, das einfach unglaublich unangestrengt, relaxed und sehr atmosphärisch klang. Das laidbacke Werk erinnerte in seiner Machart ein bisschen an das letzte John Lennon Album vor dessen Tod, "Double Fantasy" - das Werk eines gereiften Musikers, der sich in eleganter Zurückhaltung übte, nachdem er zuvor als wilder Kerl die Bühnen gerockt hatte. Das Album besitzt dieses typische "Joy of Life and Love" Feeling. "Mellow" nennt der Amerikaner diese Art von Sound.

Kein harter Rock im Stile der Black Crows gibt es hier zu hören, sondern eher gepflegten und vor allem extrem sauber und sehr einnehmend produzierte Musik, die nur von Jemandem gemacht werden kann, der Ruhe in sein Leben bringen will. Das gelingt Chris Robinson auf diesem ersten Soloalbum ausgezeichnet. Es erinnert stilistisch durchaus etwa an das Album "Wildflowers" von Tom Petty, an Grateful Dead's "American Beauty", aber auch an die alte Neil Young-Countryness, wie er sie beispielsweise auf dem berühmten Werk "Harvest" gezeigt hatte. Viele Arrangements zeigen vor allem akustische Gitarren, entweder in Front, oder aber als zweite Gitarre neben der Elektrischen. Musikalisch ist Chris Robinson also so weit von seiner Stammband entfernt, dass man des Namens unkundig nicht unbedingt einen Link zu den Schwarzen Krähen herstellen würde. Wenn ich das Werk stilmässig umschreiben müsste, würde ich sagen, es handelt sich um eine Mélange irgendwo zwischen Kevn Kinney, David Gilmour, Blue Rodeo und Chris Burroughs. Plus die vorher bereits erwähnten Tom Petty, Grateful Dead und Neil Young.

Die Platte enthält einerseits schön strukturierte, edle Rocker, die zwar bisweilen herrlich knackig, doch nie wirklich hart und forsch wirken. Songs, die vor allem auch von grossen Songwriter-Qualitäten zeugen, aber auch folkige, überaus luftige und manchmal sehr sphärisch anmutende Rockballaden, wie man sie so reich an Gefühl immer wieder gerne zu hören bekommt, ohne dass sie sich irgendwie abnutzen würden mit den Jahren. 'Bluesy & Mellow': So kann man das Werk wohl letztlich grundsätzlich umschreiben. Der Opener "Safe In The Arms Of Love" ist erst einmal richtig catchy und eine herrliche Nummer, die an Sonne, Strand und Cabrio-Feeling erinnert: Westcoast-Lust pur. Das von der ersten Sekunde an mitgelieferte Gitarren-Hook bringt man kaum mehr aus dem Kopf. Ein toller Einstieg in ein Album, das durch mehrmaliges intensives Hinhören immer besser wird. 

"Kids That Ain't Got None" ist überwältigend schön arrangiert, und ganz wichtig hierbei: Es findet sich weder hier noch auf sonst einem der weiteren Tracks auf dem Album keinen einzigen Anflug von Kitsch. Wo andere Musiker und Bands vielleicht den Streicher-Synthesizer einsetzen oder auch ein Geigenhimmel kredenzen würden, bringt Chris Robinson eine jammernde Dobro oder eine leicht verhallte Mandoline zum Einsatz, und strahlt damit so unverschämt schöne Romantik aus, dass man selbst vor der Abhöre im Wohnzimmer den imaginären Sonnenuntergang geniesst. Das nachfolgende "Silver Car" legt diesbezüglich noch einen drauf und präsentiert ein an David Gilmour's Leadgitarre in "Breathe" ("The Dark Side Of Thre Moon") gemahnende Gitarrenlinie, zeigt als Song insgesamt ein bisschen Ähnlichkeit zu "Wild Horses" von den Rolling Stones. Eine luftig leichte Folkballade, bei der man den Eindruck gewinnen könnte, die Zeit würde einfach stillstehen. Noch ein musikalischer Höhepunkt des Albums ist auch die Nummer "Ride", dessen leicht funkige, vor allem aber gospelige Ausrichtung gefühlsmässig nach einer langen Jam entstanden sein dürfte. "Ride" markiert das letzte Stück auf diesem fabelhaften Album. Der Song hätte nicht besser gewählt sein können, um dieses tolle Werk abzuschliessen.

Es folgte im Jahre 2004 ein zweites Soloalbum von Chris Robinson mit dem Titel "This Magnificient Distance", bevor sich die Black Crows reformierten und Chris Robinson seine eigene Band aufgab, nicht ohne vorher allerdings noch ein Live-Album zu präsentieren, das noch einmal diesen wundervollen Americana-Geist präsentierte. Es erschien 2007 und trug den Titel "Brothers Of A Feather - Live At The Roxy". Danach gingen die Black Crows wieder an den Start und waren knapp drei Jahre lang wieder unterwegs, allerdings auch wieder ähnlich erfolgreich wie in ihren Anfangstagen. Man hatte die Krähen noch nicht vergessen und war dankbar, dass sie wieder unterwegs waren. Hervorragende Plattenverkäufe der Alben "Warpaint" und "Before The Frost Until The Freeze" zeugen davon. Von den Alben wurden wesentlich mehr Exemplare verkauft als von Chris Robinson's 'New Earth Mud' Werken.

Nachdem die Black Crowes 2010 erneut eine Pause unbestimmter Länge bekannt gaben, wurde im Herbst des Jahres Chris Robinson's neuestes Projekt vorgestellt, die Chris Robinson Brotherhood. Sie tourte bereits im Frühjahr 2011 durch Kalifornien und fiel besonders durch häufige Coversongs der Grateful Dead auf. Mitglieder der Chris Robinson Brotherhood sind der von den Black Crowes bereits bekannte Keyboarder Adam MacDougall und Mark "Muddy" Dutton am Bass, der zusammen mit Marc Ford bei Burning Tree spielte, bevor dieser die Band 1992 für die Black Crowes verliess. Das Debütalbum der Chris Robinson Brotherhood wurde im Januar 2012 aufgenommen und erschien in Deutschland Anfang Juni 2012 unter dem Namen "Big Moon Ritual". Es war zu diesem Zeitpunkt bereits eingeplant, im Herbst des Jahres den Nachfolger "The Magic Door" zu veröffentlichen, das vielmehr eine Art Ergänzung zum vorherigen Album darstellte. Musikalisch sieht sich die Chris Robinson Brotherhood dabei als Psychedelic Rock Band und erinnert in ihrer Mischung aus Experimentierfreude und amerikanischer Folkrockmusik nicht selten an die bereits genannten Grateful Dead. Bei Konzerten kommt es auch häufiger zu Gastauftritten von Mitgliedern dieser Band, insbesondere von Phil Lesh als auch Bob Weir. Das dritte Studioalbum der Gruppe "Phosphorescent Harvest" erschien Ende April 2014 auf Silver Arrow Records. Zusätzlich zu den bereits genannten Musikern Dutton und MacDougall waren noch George Sluppick am Schlagzeug und der von seiner Zusammenarbeit mit Ryan Adams bekannte Neal Casal an der Gitarre beteiligt.

Nachdem Chris Robinson in den frühen 90er Jahren bereits einige Alben anderer Künstler produziert hatte, erschienen am Ende des ersten 2000er-Jahrzehnts noch weitere Aufnahmen mit ihm als Produzenten. Häufig mit Lob der Kritiker bedacht, stellte sich bei den meisten nur mässiger kommerzieller Erfolg ein. Robinson produzierte unter anderem Werke der Gruppen The Kinsey Report, Thee Hypnotics, und der Truth & Salvage Co. Aber auch Soloalben der Jayhawks-Musiker Gary Louris und Mark Olson hat Chris Robinson produziert, so zum Beispiel die beiden Soloalben "Vagabonds" und "Acoustic Vagabonds" von Gary Louris, sowie das gemeinsame Album "Ready For The Flood" von Mark Olson & Gary Louris. Die empfehlenswerteste Version der Platte "New Earth Mud" (Redline Entertainment) kommt als mehrfach ausklappbares Digipak mit beigelegter DVD, auf welcher Chris Robinson unplugged zu sehen ist, aufgenommen in einem Club in Paris. Ein echtes Juwel.









Dec 4, 2016


LOTUS - Fruitage (Record Heaven Records RHCD4, 1997)

Man würde heute dieses tolle Schwedische Hardrock Trio vermutlich in die Stoner Rock Ecke drängen. 1997 befand sich dieser Musikstil jedoch noch in seinen Kinderschuhen, und zählte Lotus folgerichtig zu den sogenannten Hard Psychedelic Rock Bands, die sich am bleischweren Hardrock der frühen 70er Jahre orientieren. Lotus klang dabei wie ein Gemisch aus Leslie West's Mountain und der Band Stray, jedoch mit einer gehörigen Portion hartem Funk mit bei. Tonnenschwer wie Black Sabbath, aber tief in den Blueswurzeln wie Mountain knarzte sich das Trio durch zehn tiefdröhnende Titel, die oft an der Grenze zum Zeitlupen-Rock waren, durch ihre powervolle Bauch-Tiefe aber jederzeit wachrüttelten. Der Gitarrist und Sänger Niklas Börjesson, der Bassist Tomas Modig und der Schlagzeuger Hans Eriksson wandelten stilsicher auf den Pfaden des frühen 70er Hardrock, und auch ihr Outfit, das mal aus psychedelischen Rüschenhemden, Flokati-Mänteln und Blumenhosen bestand, zeigte ihre Verbundenheit mit der Aera des Underground Rocks von Anfang der 70er Jahre.

Das Trio erregte erstmals Aufmerksamkeit, als es für eine EP mit dem Titel "A Taster For The Big One" den Thin Lizzy-Gitarristen Brian Robertson verpflichetete. Mit diesem preominenten Namen im Gepäck wurde die Rockwelt relativ schnell auf das Trio aufmerksam. Die Band veröffentlichte insgesamt drei Platten, die allesamt auch international vermarktet wurden. Lotus spielten an vielen Open Airs und auch ihre Konzertreisen uter eigener Flagge waren stets gut besucht und führten dazu, dass sich die Gruppe bald schon eine relativ grosse Fangemeinde aufbauen konnte. "Fruitage" war das zweite Album der Gruppe, die zuvor mit dem Erstlingswerk "Taster" noch wesentlich progressiver agierte. Anfangs waren eher Bands wie Iron Butterfly, Cactus oder frühe Deep Purple im Hauptfokus der Gruppe, die sich da noch stärker an den ausgehenden 60er Jahren orientiert hatte. Mit "Fruitage" ging die Band vorwärts in Richtung Anfang 70er Jahre. Die damit verbundene stärker gewordene Elektrifizierung und auch der Anteil an Doom-Elementen, wie sie beispielsweise auch Black Sabbath von Anfang an verwendeten, machte den Sound von Lotus insgesamt wesentlich härter, dreckiger und bedrohlicher. Das zweite Album "Fruitage" war dann aber trotzdem eine Ueberraschung, weil die Gruppe hier sich eher am Songwriting etwa von Leslie West orientierte. Bärenstarke Gitarrensounds, die den Gegenpol bildeten zu den aus der Feder von Felix Pappalardi stammenden Rockballaden mit leicht mystischem Flair: So klang auch das zweite Album von Lotus. Allerdings wie eingangs bereits erwähnt, noch mit einem kleinen Schuss hartem Funk.

Alle Songs stammen aus der Feder des Trios, sind  gemeinsam konzipiert und arrangiert worden, und da und dort gibt es kleinere Gastauftritte etwa von Börje Olofsson, der mit seinen Congas den leichten Funky-Touch in die bleischweren Gitarren-Songs hinein bringt, oder Anders Rimpi, der mit seiner Flöte im Song "Fruitful & Beautiful World" für wunderbare psychedelische und ein bisschen folkig-vernebelte Momente sorgt, die sich wohltuend vom harten Rock der anderen Songs abheben. Die ganze Platte wurde in der ersten Woche im Februar 1997 im J&M Studio in Mölnlycke eingespielt, von Martin Kronlund und Stefan Elmgren. Ihre fette Produktion macht die Platte zu einem hervorragenden Hardrock Dokument zu einer Zeit und in einem Land, da der bleischwere Rock alles andere als angesagt war. Vielleicht konnte die Band deshalb sich so eine grosse Fangemeinde schaffen, weil sie sich an einem Sound orientierte, der zu jenem Zeitpunkt so ziemlich out of fashion war. Heute veröffentlicht, würde diese Platte auf jeden Fall ziemlich grosse Aufmerksamkeit erhalten, denn heute ist diese Musik wieder ziemlich angesagt.

Niklas Börjesson sagte in einem Interview, dass die Idee eines klassischen Rocktrios von Anfang an geplant war, und dass auch Gruppen wie beispielsweise Cream zum Zeitpunkt der Bandgründung Pate stand: "I've always liked the idea of being only three people playing together. There's enough space for everyone in the band to fill out, and you also get a certain kind of energy out of a trio. Das Bemerkenswerte dabei war, dass sich die Band dann an Konzerten nie wie ein Trio anhörte, sondern wesentlich fülliger und satter, als wären mindestens zwei weitere Musiker auf der Bühne. Diese klassische Triobesetzung macht auch letztlich den Reiz dieser Musik aus: Wie Börjesson erklärt, kommen dabei alle drei Bandmitglieder zu ihren Freiräumen, in welchen sie sie sich entfalten können, was besonders in längeren Jams bei Triobesetzung natürlich vor allem der Gitarrist ist. Doch dank dem sehr intelligenten und äusserst perkussiven Schlagzeugspiel von Hans Eriksson und dem weite Melodiebögen präsentierenden Bassisten Tomas Modig, der sehr oft nicht nur Grundton, sondern auch Melodieteile liefert, wirkt der Sound der Band üppig und dicht.

Was auf "Fruitage" an Power losgelassen wird, ist für mich als knochentrockener Hardrock zu bezeichnen. Die heute gängige Bezeichnung Stoner Rock passt meiner Meinung nach nicht zum Sound von Lotus, dafür spielt dieses Trio zu differenziert und vielfältig. Die Bezeichnugn Stoner Rock wird dem Album daher nicht gerecht. Was eine gewisse Nähe zu dieser Musikart hingegen schon symbolisiert, ist der Umstand, dass viele der Songs auf diesem Album instrumental gehalten sind, was im Bereich Hardrock dann doch wieder eher ungewöhnlich ist. Lotus sind auch keine typischen Rock-Protagonisten, sie dreschen sich roh, ungehobelt und perfid dröhnend durch die 41 Minuten Spielzeit des Albums ohne anbiedernde Superstar-Saitenakrobatik. "Fruitage" ist ein Album, das sich letztlich nicht schubladisieren lässt. Der Hörer bekommt knallharten Rock serviert, der so einige Elemente aus dem Funk bereithält, dazu tolle Gitarrenläufe ohne "ich-bin-der-Schnellste"-Attitüden - und manchmal, da beginnt man instinktiv mit dem Head zu bangen, allerdings weitgehend in Zeitlupe. Gefällt mir jedesmal, wenn ich mir die Platte auflege, wieder wie beim ersten Anhören damals.

Das Coverdesign, ein Werk des bekannten italienischen Malers der Spätrenaissance Giuseppe Arcimboldo, passt einerseits zum Titel der Platte, aber auch zum musikalischen Inhalt, der mehr als einmal eine vegetarische Grundausrichtung der Musiker (gewollt ?) verrät: Einige Titel des Album erhalten Namen wie zum Beispiel "Psychedelic Salad", "Green Power", "Rhubarb City", "Avocado Eldorado", "Pink Heaven", "Banana Head", "Tangerine", "Fruitage" oder "Fruitful & Beautiful World". Der Maler Arcimboldo hat schon einige Rockbands mit seinen Werken zu Plattencovers inspiriert, so beispielsweise die Gruppe Kansas, die das Bild "Wasser" von ihm als Cover für ihr Werk "Masque" verwendete, ausserdem die amerikanische Poprock-Band Baby Grand, deren Albumcover "Ancient Medicine" das Bild "Die 4 Jahreszeiten" von Arcimboldo ziert.











Dec 3, 2016


MAGMA - Zühn Wöhl Ünsaï Live 1974 
(MIG Made In Germany Records MIG 01102 2CD, 2014)

Für überzeugte Fans der Gruppe Magma war diese überraschende und lange in den Radioarchiven verschollene Aufnahme ein Traum: Live aufgenommen für Radio Bremen am 6. Februar 1974 präsentierte die Doppel-CD gut 40 Jahre nach der Erstausstrahlung im Radio eine Live-Performance von Christian Vander's Gruppe in bestechender Klangqualität. Von allen Magma-Archivaufnahmen dürfte "Zühn Wöhl Ünsaï" denn auch eine der allerbesten sein. Sie kann sich auf jeden Fall mit der bis dato erhältlichen Radioshow "BBC 1974 - Londres" messen: Superbe Klangqualität, musikalisch phantastische und künstlerisch hervorragende Darbietungen, sowie dieselbe Band-Besetzung. "Zühn Wöhl Ünsaï - Live 1974" präsentierte die leider nur kurzlebige, nichts desto trotz fabelhafte Besetzung aus Christian Vander (Schlagzeug und Gesang), Jannick Top (Bass), Claude Olmos (Gitarre), Michael Graillier und Gerald Bikialo (beide Keyboards), und den tollen Klaus Blasquiz mit seiner Perkussion, der auch Gesang beisteuerte. Diese hervorragende Bandbesetzung existierte von Januar 1973, als der Top-Bassist Jannick Top Magma beitrat, bis Frühjahr 1974, als der Gitarrist Claude Olmos die Gruppe verliess, und zwei der bahnbrechenden Alben von Magma, nämlich das exzellente "Mekanik Destruktiw Kommandoh"(auch bekannt als "M.D.K.") im Frühjahr 1973 und "Köhntarkösz" im April '74 hinterliess, welches auch schon Claude Olmos' Nachfolger, den ebenso hervorragenden Brian Godding präsentierte.

Was der Fan von Magma hier auf zwei CDs zu hören bekam, war letztlich ein sehr seltenes, absolut professionell aufgenommenes Konzert-Dokument einer Gruppe, die auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens angekommen war. Wer mit der Band Magma nicht ganz so vertraut ist: Christian Vander und Klaus Blasquiz erfanden eine eigene Sprache, nannten diese Sprache Kobaia. Wie Blazquiz erklärte, sollte Kobaia eine phonetische Mischung, bestehend aus slavonischen und deutschen Wortkreationen beinhalten, die vor allem passend zu ihrer Musik sein sollten. Diese Sprache hatte durchaus eine Aussage, wenn auch nicht Wort für Wort, sondern eher im Kontext zur Musik als phonetische Unterstützung, beziehungsweise als phonetischer Gegenpol zur Musik. Die Verbindung von Musik und Sprache war letztlich das Spezielle an Magma's Musik, aber natürlich nicht nur. Besonders live allerdings entfachte diese Mischung aus fremdartigem Sprach-Singsang und der ebenfalls recht eigenwilligen Musikart von Magma (der sogenannten Zeuhl Musik) eine unglaubliche Spannung. Da klangen diese phonetischen Einwürfe manchmal wie Sprachfetzen irgendwelcher Aliens, dann aber auch wieder wie mantraähnliche Gesänge, bisweilen recht chaotisch, dann aber auch wieder unglaublich melodiös und geheimnisvoll. Diese eigene Sprache erlaubte es Magma, ihrer oftmals improvisierten Musik auch eine Art improvisierten Gesang beizufügen.

Mit diesen aussergewöhnlichen Gesängen, zusammen mit der Intensität ihrer Musik und der brillianten Spielqualität der Musiker konnten Magma live ein unglaubliches Feuer entfachen. Der Gesang machte bisweilen sogar dieses spezielle Feuer erst richtig aus. So auch nachzuhören auf diesen Aufnahmen von 1974, als die Gruppe weltweit mit ihrem Album "Mekanik Destruktiw Kommandöh" bekannt geworden war. Ihre hier präsentierten Rhythmustiraden erfuhren an diesem Auftritt eine ganz spezielle Live-Atmosphärik, bei welcher immer wieder teils dramatisch verfremdete Stimmeinsätze zum Zug kamen, die manchmal total fremdartige Roboter-Monotonie mit niederfrequenten Stimm-Manipulationen vermischten, die aber zwischendurch trotzdem wieder sehr real und aussergewöhnlich gut gesungen waren. Musikalisch fusste auch hier wie auf anderen Magma-Alben vieles im Jazz, der aber nicht nur in freie Elemente auseinanderbrach, sondern sich vieler typischen Effekte der progressiven Rockmusik bediente und die teils so unvorhersehbar zusammengefasst wurden, dass Magma's Musikstil unmöglich nur als Jazz-Rock oder Avantgarde-, Underground- oder sonstwie-Rock benannt werden konnte. Magma Musik war immer vor allem Magma Musik. In all den vielen Jahren, seit Magma den Zeuhl-Sound praktizierten, hat es immer wieder Nachahmer gegeben, doch Magma waren stets einzigartig. Auch, weil Christian Vander vieles dem Zufall überliess: Er legte sich nie stilistisch fest, liess sich von Free Jazz gleichermassen inspirieren wie von der klassischen Musik, der Avantgarde etwa eines John Cage oder auch der progressiven Rockmusik.

Die erste der beiden CDs dieses Live-Erlebnisses von 1974 beginnt mit einer inspirierten und sehr spacigen, rhythmisch absolut drivigen Version des Songs "Sowiloi (Soi Soi)", einem Song aus der Anfangsphase der Gruppe Magma. Während das originale Stück aus dem Jahre 1971 wesentlich jazziger strukturiert war, interpretieren Christian Vander und seine Mitmusiker das Stück im Konzert wesentlich freier, es gibt viel Raum für Improvisation, vor allem von den Gesängen ausgehend. Das Stück fordert zusätzlich durch jazzige Tempiwechsel, verbunden mit einer verstörend psychedelischen Gitarrenarbeit und einem drängenden Bass, den Magma hier wesentlich mehr heavy einsetzten als auf anderen Platten, insbesondere auch auf Live-Alben. Danach folgt die erfolgreich als Studioplatte veröffentlichte "Mekanik Destruktiw Kommandöh" Suite. Sie erstreckt sich über 35 Minuten in etwa so lange wie die originale Studioaufnahme, obwohl der letzte Teil der originalen Suite mit dem Titel "Kreuhn Köhrmahn Iss De Hündin" weggelassen wird. Dies vermutlich vor allem deswegen, weil die originale Studiofassung über viele spezielle Effekte verfügt, welche die Gruppe live nicht umsetzen konnte oder wollte. Stattdessen überrascht die Gruppe hier mit einer brillianten "Mekanik Kommandoh" als Abschluss der Suite.

Für mich persönlich etwas überraschend ist beim Anhören dieser Konzertaufnahme, dass der Gitarrist Claude Olmos bei der "Mekanik Destruktiw Kommandöh" Suite relativ grosse Freiräume zum solieren erhalten hat. Dies entspricht einer relativ gut hörbaren Differenz zum originalen Studioalbum, was diesen kunstvollen Brocken aber nicht minder interessant macht. Es ist im Gegenteil ein sehr schönes Beispiel dafür, wie wandlungsfähig einerseits die Band Magma musizieren kann, und andererseits stellt es ein wunderbares Beispiel für die Improvisationsfähigkeit der Band insgesamt dar und ist auch eine Bestätigung dafür, wie perfekt die Musiker aufeinander eingehen können, wenn sie sich im Spiel finden und wieder loslassen. Dabei agiert Claude Olmos streckenweise so relaxed und beinahe schon konträr-gemütlich zum Gesamtsound, dass man fast meinen könnte, Grateful Dead's Jerry Garcia hätte sich auf die Bühne verirrt. Jannick Top's Bass-Arbeit ist Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Er bietet dem Rhythmus-Feuerwerk von Schlagzeuger und Bandleader Christian Vander locker die Stirn und die beiden treiben sich während der gesamten Suite permanent gegenseitig an. Es ist diese intensive Wechselwirkung zwischen hartem, fast heavy zu nennenden Rhythmus-Spektakel einerseits, und den gefühlvollen Gitarren-Einlagen andererseits, die diese Musik so ungemein spannend und intensiv im Erleben macht.

Klaus Blasquiz und Christian Vander wiederum teilen sich die Vocals, kommen zusammen und gehen wieder auseinander, sind aber immer weltfremd und doch so unglaublich präsent. Wem diese Sprachfetzen, die gutturalen Laute und zwischendurch diese intensiven "Chants" mag, der wird begeistert sein. Ausserdem spielt Blasquiz sensationell Perkussion, macht den Gesamtsound ungemein rhythmisch und wirkt auf den Zuhörer ungewöhnlich eindringlich: Diese, ich möchte mal sagen, eigentlich untanzbare Musik wird durch sein perkussives Spiel sofort tanzbar. Ich habe mal gelesen, dass Magma live im Konzert einen tranceartigen Zustand beim Publikum auslösen kann. Mir selbst war es leider bisher nicht vergönnt, die Gruppe live zu erleben, aber ich denke, das kann man gut nachvollziehen. Es gibt letztlich einige unterschiedliche Variationen der Suite "Mekanik Destruktiw Kommandöh", von denen ich auch einige schon gehört habe, oder sogar in meiner Sammlung habe. Von der Intensität her aber würde ich diese hier vom 6. Februar 1974 als die vermeintlich intensivste und spannendste bezeichnen, obwohl mir bewusst ist, dass ich noch lange nicht jede Version davon gehört habe.

Die zweite CD ist vor allem eine Christian Vander-Vorstellung. Mit seiner exzessiven Darbietung am Schlagzeug beweist er hier eindrücklich, warum er einer der weltbesten Drummer der Neuzeit ist. Was er an Rhythmik, Gegenrhythmen und Solo-Drumming praktisch fast gleichzeitig ineinander verschachteln kann, mit Elementen aus Jazz, Rock und freier Improvisation, habe ich zuletzt von Ginger Baker gehört. Komplexe Arrangements, unterlegt mit einsetzenden fremdartig wirkenden Chants und an eine Urschrei-Therapie gemahnende Kreischausbrüchen (Hallo Yoko Ono!) legen sich über "Korusz II". Eine Darbietung wie diese - so man diese überhaupt noch als "Musikstück" bezeichnen kann - hat nie Jemand gemacht, sowas kann nur Magma, dafür steht diese Gruppe für mich bis heute. Sollte mich jemals Jemand fragen, ob es Jemanden gibt, der sich an keinerlei Regeln innerhalb eines Songwritings hält und trotzdem noch gut nachvollziehbare Musik hinkriegt, dann müsste ich sagen, er möge doch unbedingt mal in den Magma-Kosmos eintauchen. "Korusz II" ist hierfür ein zwanzig Minuten langes perfektes Beispiel. 20 Minuten pure 'Vanderness'. Wer nach diesem akustischen Overkill noch immer aufnahmefähig ist, der kriegt gleich noch einen 26 Minuten langen Nachschlag in Form des Stücks "Theusz Hamtaahk", das hier ebenfalls in einer ungemein wilden und freien Form dargeboten wird. Super heavy und mit hypnotischen Bassläufen versehen, zeigt Gitarrist Claude Olmos nach einem gut fünf Minuten langen Intro ein abgedrehtes psychedelisches Gitarren-Feuerwerk mit Feedback- und Reverb-Orgien vom allerbesten. Erst nach sieben Minuten Gitarrengewalt setzt der eigentliche Song an sich ein: ein stetig an- und abschwellender Jam mit äusserst vielen Spannungsbögen, einerseits von den Instrumentalisten, die sich hier gegenseitig immer wieder anstacheln, begegnen, vereinen und wieder auseinanderdriften, andereseits von den Gesängen, die auch hier wieder wild und artikulationsstark in den Vordergrund stellen, wenn es der Jam erlaubt. Auch das wirkt in sich alles andere als improvisiert.

Die Klasse von Magma bedeutet für mich auch immer, dass Improvisation bei mir ankommt, als wäre sie perfekt einstudiert. Das ist ein Beleg dafür, wie gnadenlos perfekt die Musiker einander spüren, miteinander kommunizieren und auch jederzeit gegeneinander antreten können, um sich mit ihren Mitteln und Instrumenten zu bekämpfen. Wie lässt sich das Universum Magma abschliessend beschreiben ? Magma ist eine Eruption aus progressivem Rock, Jazz Fusion, Stoner, respektive Doom Rock und sogar Metal. Dazu kommen Elemente der Ambient Music, des Acid Rock und des Trance Sounds, dem Krautrock und der modernen klassischen Musik etwa von Bartok oder Stravinsky. Das ist naturgemäss dann auch nichts mehr für Normalsterbliche, die sich noch irgendwo Harmonie und Glückseligkeit in der Musik erhoffen. Wobei: Das sind eigentlich genau diese beiden Elemente, die mir bei Magma am allerbesten gefallen. Die Harmonie, die den Gegenpol Disharmonie ebenfalls in sich trägt, wird von Magma wie von keiner anderen Gruppe ins Herz, den Bauch und die Beine des Zuhörers transportiert. Die Glückseligkeit stellt sich bei Magma dann einfach nicht im Herz, sondern im Kopf ein.

Zusammenfassend kann ich sagen: Wer die Gruppe Magma um den schlagzeugspielenden Bandleader Christian Vander bereits kennt, für den stellt das Live-Doppelalbum "Zühn Wöhl Ünsaï: - Live 1974" ein absolutes Muss in der Sammlung dar. Dieses Konzert würde ich als absolut essenziell im Oeuvre der Gruppe bezeichnen. Es ist nach der Studioveröffentlichung von "Mekanik Destruktiw Kommandöh" die chronologisch folgerichtige Steigerung im Werk dieser ausgezeichneten und absolut exeptionellen Band. Für Magma-Einsteiger, die sich erst neu mit der Band beschäftigen möchten, stellt vielleicht das Live-Album von 1975 mit dem simplen Titel "Live" (das auch unter dem Namen "Magma-Hhai" bekannt ist) die zugänglichere Variante im Konzerterleben der Gruppe dar. Was "Zühn Wöhl Ünsaï: - Live 1974" so einzigartig macht, ist die perfekte und qualitativ hervorragende Aufnahme von Radio Bremen, welche diese einzigartige Musik so unglaublich fühl- und erlebbar macht. Nicht von dieser Welt.



Dec 2, 2016


DAVID GILMOUR - David Gilmour (Harvest Records SHVL 817, 1978)

David Gilmour's Debutalbum von 1978 ist auch - mit Verlaub - sein bestes Soloalbum. Solch einen fühlbar schwermütigen, dennoch ungemein gefühlvollen und vor allem wunderbar melancholischen Blues hatte er danach nie mehr produziert. Das 1978 veröffentlichte Album klang alles in allem fast schon wie eine Weiterführung des "Wish You Were Here" Albums mit mehr Bluesanteil. Wobei man David Gilmour attestieren muss, dass er hier seine Rolle als Songschreiber sehr viel freier und ungezwungener wahrnehmen konnte als zuletzt bei seiner Stammband Pink Floyd, wo er immer mehr von Roger Waters verdrängt wurde, was ihm wohl, wenn man sich dieses erste Soloalbum anhört, womöglich gar nicht mal so unangenehm zu sein schien. Das Album kam zu einer Zeit heraus, da die Pink Floyd Musiker alle mit eigenen Soloalben beschäftigt waren. Roger Waters werkelte dabei am intensivsten an dem, was später als epochales Werk unter dem Banner Pink Floyd als "The Wall" erscheinen sollte. David Gilmour blieb stiller, introvertierter und pflegte seinen Blues, wie er das viele Jahre zuvor auch bei Pink Floyd noch ausleben konnte. Das Debutalbum wurde am 25. Mai 1978 in England und am 17. Juni 1978 in den USA veröffentlicht.

Die Platte wurde in den Super Bear Studios in Frankreich zwischen Dezember 1977 und Januar 1978 von John Etchells aufgenommen und im März 1978 im selben Studio von Nick Griffiths abgemischt. Das Cover wurde von Hipgnosis und David Gilmour gemeinsam entwickelt. Als einzige Single wurde das von der englischen Folkrock-Band Unicorn geschriebene Stück "There's No Way Out of Here" veröffentlicht, ein von Kenny Baker geschriebenes Stück, das ursprünglich 1976 auf dem von David Gilmour produzierten Unicorn-Album "Too Many Crooks" zu finden war. Die Single floppte in Europa, konnte aber im US-amerikanischen Markt einige Achtungserfolge verzeichnen. Ursprünglich wollte Gilmour auch das Stück "Comfortably Numb" auf diesem Album verwenden. Roger Waters konnte ihn jedoch überreden, das Lied für das ein Jahr später veröffentlichte Pink Floyd-Konzeptalbum "The Wall" aufzusparen. Das Solo-Debutalbum wurde von David Gilmour selbst produziert. Die Stücke auf diesem Werk sind überwiegend am Blues orientiert und deutlich gitarrenlastig. Eine Ausnahme stellt die Ballade "So Far Away" dar. Der Titel "Mihalis" wiederum ist der griechische Name für "Michael" und wurde nach einer Yacht benannt, die der Musiker zu jener Zeit besass.

Die Platte klingt über weite Strecken durchwegs recht traurig und an manchen Stellen auch etwas härter, doch gerade deswegen ist sie so empfehlenswert. Gilmour setzt seine Gitarre sparsam, aber effektiv ein und seine Stimme hatte hier einfach dieses gewisse Etwas: sie klang sehnsuchtsvoll, bedauernd und ging wirklich unter die Haut. In einer Zeit, als es bei seiner Stammformation Pink Floyd schon kriselte veröffentlichte er diese LP. Die Musik hatte recht wenig mit den Floyd'schen Kompositionen zur damaligen Zeit zu tun, da in den späten 70er Jahren hauptsächlich Roger Waters dafür zuständig war. Meiner Meinung nach gab es auf dem Album keinen einzigen Durchhänger. Schon das erste Stück "Mihalis" war ein fabelhaftes Instrumental, mit dem David Gilmour die Richtung für den Rest des Albums vorgab. Die Songs waren durchweg gut arrangiert und dass David Gilmour hervorragende Songs schreiben kann, hatte er längst bewiesen. Es fällt schwer, einzelne Stücke hervorzuheben. Ich versuche es trotzdem: Der Opener "Mihalis", "There's No Way Out Of Here", "Cry From The Street" und mein Liebling auf dem Album "No Way". Diese Einschätzung dürfte jedoch bei jedem Musikhörer variieren. Allen Songs geminsam ist diese Wehmut, diese unendliche Sehnsucht, aber auch die enorme Weite und Ödniss, welche diese Songs auszeichnen. Fast passend zum Plattencover steht der Zuhörer alleine an einem nebligen, kalten Novembertag da, versunken in seine Gedanken, die sich nicht um persönliche Höhepunkte im Leben kreisen, sondern vielleicht die eigene Traurigkeit akustisch fühlbar machen.

Das Problem mit diesem Album war sicherlich die Zeit, in der sie herauskam, zumal von einem Musiker, der sich gerade auf dem schwierigen musikalischen Höhepunkt der Band befand, in welcher er seinen Hauptjob abzuliefern hatte. Zudem war Rick Wright, der Keyboarder von Pink Floyd, nahezu zeitgleich mit seinem Album "Wet Dream" beschäfttigt. Trennungsgerüchte häuften sich, zumal die zuletzt gemeinsam veröffentlichte LP "Animals" wie ein Abstieg erschien und "The Wall" noch nicht in Sicht war. Es konnte 1978 tatsächlich schon so erscheinen, als wäre die Ära Pink Floyd zu Ende und die Musiker müssten sich langsam nach anderen Beschäftigungen umsehen. Niemand konnte zu dem Zeitpunkt wissen, was da noch kommen würde. Ich habe diese Platte immer schon geliebt, weil ich hier eine andere Seite eines wirklich begabten Musikers hören kann. Auch ohne seine bewährten Mitstreiter konnte Gilmour etwas typisch Pink Floyd Aehnliches zustande bringen, ohne allzu grossen Bombast zu bemühen oder auf der unsäglichen Konzeptschiene herumzureiten.

Er präsentierte sich hier ehrlich und einfach als Bluesmusiker mit Vorlieben für gut produzierte, psychedelisch vorbelastete Klänge, die er geschmackvoll zu einem Gesamtwerk giessen konnte. Vieles an diesem Album wirkte wie mit leichter Hand aus dem Ärmel geschüttelt, und man möchte gerne glauben, dass es für den Musiker eine willkommene Abwechslung war, mit ein paar befreundeten Musikern ohne den kommerziellen Druck im Rücken einfach relaxed und gefühlvoll Musik zu spielen, wie man es von ihm gewohnt war, aber mit einer musikalischen Tiefe, die selten ein Gitarrist mit einem angschlagenen Ton erreicht hatte. Songs wie "Cry From The Street" oder "No Way" mögen kompositorisch nicht die perfektesten Lieder sein, die man von einem so hochkarätigen Musiker wie dem Pink Floyd Gitarristen erwarten würde, aber das ist im Blues Rock auch nicht gefragt.

Hier wurden die guten alten Akkorde schön und traurig, liebevoll und leidenschaftlich immer wieder aneinandergereiht und das alte Lied vom manchmal frustrierenden Alltag erzählt, der erst durch diese Musik wieder einen Wert bekommt. "There's No Way Out Of Here" sticht in seiner fast poppigen Einfachheit sicher heraus. Was David Gilmour wirklich auszeichnet und wahrscheinlich für Generationen unsterblich macht, sind diese extrem lebendig und zigeunerhaft verzogenen Gitarrentöne, immer schön an der Grundlinie der Akkorde entlang, die sich wie eine verliebte Katze auf dem heissen Blechdach räkeln. Das hat viele andere motiviert, es selbst so zu versuchen. Die Klasse von David Gilmour erreicht indes niemand, nicht in vielen Jahren. Es gab und gibt schnellere, kompliziertere, vielleicht sogar melodischere Gitarristen als ihn. Niemand erreicht aber die Intensität dieses Mannes auf den sechs Saiten, und allein dafür muss man ihn lieben. Die von Kritikern dieseer Platte manchmal unterstellte Belanglosigkeit oder gar fehlende Qualität kann ich auf keinen Fall nachempfinden. Trotz recht einfacher Strukturen im Aufbau der einzelnen Songs schafft es der Gitarrist sowohl mit seinem Instrument, als auch mit seinem manchmal recht wehmütigen/schwermütigen Gesang immer, etwas zu erreichen, das ihn und Pink Floyd so auszeichnet: eine enorme Atmosphäre.

Die Klangqualität der originalen LP war bereits ausserordentlich gut. Die Aufnahme und der Mixdown waren weit überdurchschnittlich, dementsprechend klang die gute alte Schallplatte schon ergreifend schön. Die remasterte CD gewann hierbei allerdings auch noch einmal deutlich an seidigem und transparentem Klang. So oder so: David Gilmour's Solo-Debutalbum ist ein absolutes Inselalbum und sollte in keiner Sammlung mit schönen Gitarren-Platten fehlen.







Dec 1, 2016


FRANK ZAPPA & THE MOTHERS - Over-Nite Sensation 
(Discreet Records MS 2149, 1973)

"Over-Nite Sensation" hiess das elfte Album von Frank Zappa und seinen Mothers Of Invention. Es erschien im Jahre 1973 auf dem Plattenlabel Discreet und war sein bis dato rockigstes Werk überhaupt. Nach seinem zwei Alben währenden Ausflug in jazzige Gefilde wandte sich Frank Zappa erneut der Rockmusik zu. Auffällig waren die musikalisch ebenso kompakt wie komplex strukturierten und für Zappas Verhältnisse auffallend kurzen Songs. Vom Publikum wurde das honoriert: Die Verkaufszahlen schossen empor, mit "Over-Nite Sensation" wurde erstmals ein Album der Mothers Of Invention vergoldet. Für die damalige Zeit aussergewöhnlich war die musikalische Komplexität des Albums als Ganzes. Insgesamt am Rock orientiert, boten die einzelnen Stücke genügend Raum für allerlei Querbezüge zu Jazz(-Rock), Soul, Funk und anderen Musikstilen. Für Zappa typisch waren hingegen die schnell gespielten Unisonoläufe, die er hier in manches Arrangement einflocht, und die ebenfalls für seine Arbeitsweise charakteristischen Klangeffekte, die den Hörfluss kurzzeitig unterbrachen. All das verpackte Zappa in kompakte, eingängige Songs. Unterstützt wurde dieser breiteren Hörerschichten zugängliche Aufbau der Stücke durch die subtile Abmischung, bei der Schlagzeug, Bass und Gesang meist deutlich im Vordergrund standen, während die anderen Instrumente, von den Soli abgesehen, nur dann im vorderen Hörraum erschienen, wenn es ihre melodische oder rhythmische Funktion unbedingt erforderlich machte.

Schon der Eröffnungssong "Camarillo Brillo", vordergründig ein normaler Rocksong, überraschte den Hörer mit einfühlsam gesetzten Gitarreneinwürfen und sich subtil steigernden Bläserzitaten. "I'm the Slime" wiederum begann, wie viele andere Rocksongs enden – im kollektiv improvisierten Zusammenspiel der Musiker. Anschliessend nahm ein Bläsersatz den Refrain vorweg, dann mündete der Song in einen funkigen Rap, bei dem vor allem die cartoonhaft böse wirkende, tiefe Erzählstimme Zappas auffiel. Dem Refrain, in welchem die soulig singenden Ikettes zu Wort kamen, folgte bis zum Ausblenden des Titels ein rotzig-freches Gitarrensolo. Bemerkenswert war auch der Songtext: Zappa kritisierte die in jeden Winkel des Lebens eindringende Machtfülle des Fernsehens, derer sich die Herrschenden nur zu gerne bedienen – eine noch heute unverändert gültige Kritik. Der Rocksong "Dirty Love" wiederum bestach nicht nur durch ein wildes Wah Wah-Gitarrensolo, sondern stand auch für die hier erstmals zu findende Erwähnung des "Pudels" – wohl der bekannteste der vielen 'Running Gags', die Zappa immer wieder in seine Songs einbaute. In "Fifty-Fifty", das mit seinen harten Breaks noch am ehesten an Zappa typische Songs früherer Tage erinnerte, steuerten Keyboarder George Duke und Geiger Jean-Luc Ponty zwei bemerkenswerte Soli bei. Die Nummer "Zomby Woof" bot vor funkigem Hintergrund vertrackte Melodiefetzen, verschachtelte Rhythmusstrukturen mit 7/8- und 5/4-Passagen, die den als Grundlage dienenden 4/4-Takt überlagerten, dann wieder rockige Passagen, jazzige Bläserzitate und atonale Stellen, bis das Stück in ein bewegliches Gitarrensolo Zappas mündete.

Vor funkig-souligem Hintergrund entwickelte sich der Song "Dinah-Moe Humm" nach einem durchkomponierten Intro zu einem Rap, bei dem witzige instrumentale wie vokale Einwürfe das Textgeschehen ironisch kommentierten: Darin wettete eine Frau namens Dinah-Moe um 40 Dollar, dass niemand sie zum Orgasmus bringen könne; am Ende jedoch obsiegte der Held der Geschichte, indem er die etwas tumbe Schwester der Frau penetrierte, was Dinah-Moes Dynamo summen (englisch: to humm) liess. Ein weiterer Rap, das dadaistisch anmutende Hörspiel "Montana", beschloss das Album. Der Rockjournalist Volker Rebell sah darin "ein arrangementtechnisches Wunderwerk, vollgestopft mit grossorchestralen Passagen, Jazzrock-Bläserzitaten, vertracktesten melodischen und rhythmischen Figuren". Das Stück enthielt ausserdem ein einfühlsam-melodiöses, aber zugleich auch rauh anmutendes Gitarrensolo – vielleicht eines der besten, die Zappa je gespielt hat. Dem Solo folgte eine verschroben-diffizile Passage, die einen Eindruck vom Gesangsvermögen Tina Turners und der Ikettes vermittelte.

"Over-Nite Sensation" galt etlichen Rezensenten als das erste Frank Zappa-Album, das vornehmlich Stücke enthielt, die auch dem durchschnittlichen Radiohörer gefallen konnten, wenngleich die Texte den von Zappa schon gewohnten speziellen Humor enthielten. Waren seine früheren Platten eher ein Programm für Minderheiten, so gewann er mit dieser Platte einen neuen Kreis von Fans, ohne dabei seine alten zu verlieren – was sich in den Verkaufszahlen des Albums widerspiegelte. Für Carl-Ludwig Reichert war die Musik "überzeugender, moderner Rock". Zwar hatten sich die Mitmusiker dem straffen Arrangement-Korsett unterzuordnen und mit eng begrenztem Partitur-Spiel zu begnügen, hervorgehoben wurden dennoch die Einzelleistungen der Mitglieder dieser Mothers-Formation – für manchen damaligen Kritiker "vielleicht die musikalisch potenteste von allen". Gelobt wurden vor allem die Perkussionistin Ruth Underwood an Xylophon, Marimbaphon und diversen Schlaginstrumenten sowie der Keyboarder George Duke, den Zappa, wie er später selbst einmal formulierte, nach dessen Ausstieg immer nur noch durch zwei Keyboarder ersetzen konnte – anders war die Messlatte, die Duke mit seinen Beiträgen legte, kaum zu erreichen. An der Qualität der Texte schieden sich auch bei der Platte "Over-Nite Sensation" wie bei Zappa üblich, die Geister. Wo für den einen Unterbewusstes sichtbar wurde und sich Wort für Wort, ja Buchstabe für Buchstabe ironischer Genuss bot, stellten andere Zappas witziges Spiel mit Worten und sogar technischen Begriffen heraus, während Barry Miles Zappa wegen der sexlastigen unter den Texten zwar ein triebhaftes Interesse an derlei Dingen vorwarf, zugleich aber auch erklärte, dass man die Texte nur im Kontext der Zeit verstehen könne.

Das Album "Over-Nite Sensation" ist in vielen unterschiedlichen Varianten veröffentlicht worden. Nachfolgend im Überblick die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale. In den USA und in Kanada erschien die LP in einem aufklappbaren Cover, in Grossbritannien und Deutschland zunächst in einfachen Einsteckhüllen. Die deutsche Zweitauflage hatte dann ebenfalls ein Klappcover, ebenso die Ausgaben in Portugal, Griechenland, Japan (zum Teil mit siebenseitigem Text-Booklet versehen), Mexiko, Argentinien, Uruguay, Brasilien und Australien. Die europäischen Versionen besassen gegenüber dem US-Original ein nur zweifarbig (braun und schwarz) bedrucktes Innencover. Die aktuell in Europa erhältlichen CD-Ausgaben bieten dagegen wieder die mehrfarbige Variante. Bei der spanischen Version war nicht nur das Stück "Dinah-Moe Humm" durch den Titel "Eat That Question" vom Album "The Grand Wazoo" ersetzt worden. Auch auf dem Cover schlug der Zensor zu: Die Stellen an den unteren Ecken des Bildrahmens, wo Maiskolben kniende Damen befruchten, waren zum Teil geschwärzt worden. Ausserdem wurde im Innenteil des in schwarz/weiss gehaltenen Textblattes der Text von "Dinah-Moe Humm" gelöscht. 1973 erschien auf Discreet eine Single-Auskopplung mit "I'm The Slime" auf der A-Seite und "Montana" auf der Rückseite. Eine weitere Vinyl-Version des Albums erschien in dem zu Beginn der 70er Jahre neuen und bald wieder vom Markt verschwundenen Abspielformat Quadrophonic Sound.

Wiederveröffentlichungen erschienen in den USA 1977 auf Discreet Records (mit braunem Reprise-Label) sowie 1987 im Rahmen von "The Old Masters Box Three" auf Barking Pumpkin Records. Im Jahre 1986 erschien das Album in den Vereinigten Staaten auf Rykodisc Records erstmals auf CD. Dabei fiel nicht nur auf, dass "Over-Nite Sensation" und das Album "Apostrophe" (’) auf einer CD zusammengefasst worden waren, sondern auch, dass entgegen dem Zeitpunkt der jeweiligen Erstveröffentlichung die Reihenfolge beider Alben vertauscht wurde. Diese eigentümliche Doppel-CD erschien 1990 auch noch in Europa (auf Zappa Records), in Japan (auf VACK Records), in Australien (auf Rykodisc Records) und auch offiziell in Russland (unter der Labelbezeichnung JPCD). Als Einzel-CD kam das Album 1995 heraus. Zudem existiert eine japanische Ausgabe mit Papphülle im sogenannten "Mini LP CD"-Format, die 2001 erschien. "Over-Nite Sensation" war Zappas erster grosser Verkaufsschlager. In den USA schaffte das Album den Sprung in die Charts und kletterte hinauf auf Rang 32, die achtbeste Platzierung, die je ein Zappa-Album erreichte. Das Album blieb fast ein Jahr lang in den Charts. Etwas mehr als drei Jahre nach seinem Erscheinen überschritten die Verkaufszahlen am 9. November 1976 in den USA die erforderliche Marke von einer Million Exemplaren: Erstmals in seiner Karriere wurde Zappa mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet.

Von all den vielen Werken im Oeuvre des Bürgerschrecks und musikalischen Genie Frank Zappa dürfte das Werk "Over-Nite Sensation" wohl das jenige sein, das man einem Zappa-Neuling als idealen Einstieg empfehlen kann. Wer sich von diesem Werk infiszieren lässt, der kann danach in das ebenso üppige wie musikalisch weit offene Universum dieses Musikers eintauchen und dabei so manch Ungewöhnliches entdecken. Eine solche Reise lohnt sich immer, bei Frank Zappa jedoch ganz besonders.