Dec 2, 2016


DAVID GILMOUR - David Gilmour (Harvest Records SHVL 817, 1978)

David Gilmour's Debutalbum von 1978 ist auch - mit Verlaub - sein bestes Soloalbum. Solch einen fühlbar schwermütigen, dennoch ungemein gefühlvollen und vor allem wunderbar melancholischen Blues hatte er danach nie mehr produziert. Das 1978 veröffentlichte Album klang alles in allem fast schon wie eine Weiterführung des "Wish You Were Here" Albums mit mehr Bluesanteil. Wobei man David Gilmour attestieren muss, dass er hier seine Rolle als Songschreiber sehr viel freier und ungezwungener wahrnehmen konnte als zuletzt bei seiner Stammband Pink Floyd, wo er immer mehr von Roger Waters verdrängt wurde, was ihm wohl, wenn man sich dieses erste Soloalbum anhört, womöglich gar nicht mal so unangenehm zu sein schien. Das Album kam zu einer Zeit heraus, da die Pink Floyd Musiker alle mit eigenen Soloalben beschäftigt waren. Roger Waters werkelte dabei am intensivsten an dem, was später als epochales Werk unter dem Banner Pink Floyd als "The Wall" erscheinen sollte. David Gilmour blieb stiller, introvertierter und pflegte seinen Blues, wie er das viele Jahre zuvor auch bei Pink Floyd noch ausleben konnte. Das Debutalbum wurde am 25. Mai 1978 in England und am 17. Juni 1978 in den USA veröffentlicht.

Die Platte wurde in den Super Bear Studios in Frankreich zwischen Dezember 1977 und Januar 1978 von John Etchells aufgenommen und im März 1978 im selben Studio von Nick Griffiths abgemischt. Das Cover wurde von Hipgnosis und David Gilmour gemeinsam entwickelt. Als einzige Single wurde das von der englischen Folkrock-Band Unicorn geschriebene Stück "There's No Way Out of Here" veröffentlicht, ein von Kenny Baker geschriebenes Stück, das ursprünglich 1976 auf dem von David Gilmour produzierten Unicorn-Album "Too Many Crooks" zu finden war. Die Single floppte in Europa, konnte aber im US-amerikanischen Markt einige Achtungserfolge verzeichnen. Ursprünglich wollte Gilmour auch das Stück "Comfortably Numb" auf diesem Album verwenden. Roger Waters konnte ihn jedoch überreden, das Lied für das ein Jahr später veröffentlichte Pink Floyd-Konzeptalbum "The Wall" aufzusparen. Das Solo-Debutalbum wurde von David Gilmour selbst produziert. Die Stücke auf diesem Werk sind überwiegend am Blues orientiert und deutlich gitarrenlastig. Eine Ausnahme stellt die Ballade "So Far Away" dar. Der Titel "Mihalis" wiederum ist der griechische Name für "Michael" und wurde nach einer Yacht benannt, die der Musiker zu jener Zeit besass.

Die Platte klingt über weite Strecken durchwegs recht traurig und an manchen Stellen auch etwas härter, doch gerade deswegen ist sie so empfehlenswert. Gilmour setzt seine Gitarre sparsam, aber effektiv ein und seine Stimme hatte hier einfach dieses gewisse Etwas: sie klang sehnsuchtsvoll, bedauernd und ging wirklich unter die Haut. In einer Zeit, als es bei seiner Stammformation Pink Floyd schon kriselte veröffentlichte er diese LP. Die Musik hatte recht wenig mit den Floyd'schen Kompositionen zur damaligen Zeit zu tun, da in den späten 70er Jahren hauptsächlich Roger Waters dafür zuständig war. Meiner Meinung nach gab es auf dem Album keinen einzigen Durchhänger. Schon das erste Stück "Mihalis" war ein fabelhaftes Instrumental, mit dem David Gilmour die Richtung für den Rest des Albums vorgab. Die Songs waren durchweg gut arrangiert und dass David Gilmour hervorragende Songs schreiben kann, hatte er längst bewiesen. Es fällt schwer, einzelne Stücke hervorzuheben. Ich versuche es trotzdem: Der Opener "Mihalis", "There's No Way Out Of Here", "Cry From The Street" und mein Liebling auf dem Album "No Way". Diese Einschätzung dürfte jedoch bei jedem Musikhörer variieren. Allen Songs geminsam ist diese Wehmut, diese unendliche Sehnsucht, aber auch die enorme Weite und Ödniss, welche diese Songs auszeichnen. Fast passend zum Plattencover steht der Zuhörer alleine an einem nebligen, kalten Novembertag da, versunken in seine Gedanken, die sich nicht um persönliche Höhepunkte im Leben kreisen, sondern vielleicht die eigene Traurigkeit akustisch fühlbar machen.

Das Problem mit diesem Album war sicherlich die Zeit, in der sie herauskam, zumal von einem Musiker, der sich gerade auf dem schwierigen musikalischen Höhepunkt der Band befand, in welcher er seinen Hauptjob abzuliefern hatte. Zudem war Rick Wright, der Keyboarder von Pink Floyd, nahezu zeitgleich mit seinem Album "Wet Dream" beschäfttigt. Trennungsgerüchte häuften sich, zumal die zuletzt gemeinsam veröffentlichte LP "Animals" wie ein Abstieg erschien und "The Wall" noch nicht in Sicht war. Es konnte 1978 tatsächlich schon so erscheinen, als wäre die Ära Pink Floyd zu Ende und die Musiker müssten sich langsam nach anderen Beschäftigungen umsehen. Niemand konnte zu dem Zeitpunkt wissen, was da noch kommen würde. Ich habe diese Platte immer schon geliebt, weil ich hier eine andere Seite eines wirklich begabten Musikers hören kann. Auch ohne seine bewährten Mitstreiter konnte Gilmour etwas typisch Pink Floyd Aehnliches zustande bringen, ohne allzu grossen Bombast zu bemühen oder auf der unsäglichen Konzeptschiene herumzureiten.

Er präsentierte sich hier ehrlich und einfach als Bluesmusiker mit Vorlieben für gut produzierte, psychedelisch vorbelastete Klänge, die er geschmackvoll zu einem Gesamtwerk giessen konnte. Vieles an diesem Album wirkte wie mit leichter Hand aus dem Ärmel geschüttelt, und man möchte gerne glauben, dass es für den Musiker eine willkommene Abwechslung war, mit ein paar befreundeten Musikern ohne den kommerziellen Druck im Rücken einfach relaxed und gefühlvoll Musik zu spielen, wie man es von ihm gewohnt war, aber mit einer musikalischen Tiefe, die selten ein Gitarrist mit einem angschlagenen Ton erreicht hatte. Songs wie "Cry From The Street" oder "No Way" mögen kompositorisch nicht die perfektesten Lieder sein, die man von einem so hochkarätigen Musiker wie dem Pink Floyd Gitarristen erwarten würde, aber das ist im Blues Rock auch nicht gefragt.

Hier wurden die guten alten Akkorde schön und traurig, liebevoll und leidenschaftlich immer wieder aneinandergereiht und das alte Lied vom manchmal frustrierenden Alltag erzählt, der erst durch diese Musik wieder einen Wert bekommt. "There's No Way Out Of Here" sticht in seiner fast poppigen Einfachheit sicher heraus. Was David Gilmour wirklich auszeichnet und wahrscheinlich für Generationen unsterblich macht, sind diese extrem lebendig und zigeunerhaft verzogenen Gitarrentöne, immer schön an der Grundlinie der Akkorde entlang, die sich wie eine verliebte Katze auf dem heissen Blechdach räkeln. Das hat viele andere motiviert, es selbst so zu versuchen. Die Klasse von David Gilmour erreicht indes niemand, nicht in vielen Jahren. Es gab und gibt schnellere, kompliziertere, vielleicht sogar melodischere Gitarristen als ihn. Niemand erreicht aber die Intensität dieses Mannes auf den sechs Saiten, und allein dafür muss man ihn lieben. Die von Kritikern dieseer Platte manchmal unterstellte Belanglosigkeit oder gar fehlende Qualität kann ich auf keinen Fall nachempfinden. Trotz recht einfacher Strukturen im Aufbau der einzelnen Songs schafft es der Gitarrist sowohl mit seinem Instrument, als auch mit seinem manchmal recht wehmütigen/schwermütigen Gesang immer, etwas zu erreichen, das ihn und Pink Floyd so auszeichnet: eine enorme Atmosphäre.

Die Klangqualität der originalen LP war bereits ausserordentlich gut. Die Aufnahme und der Mixdown waren weit überdurchschnittlich, dementsprechend klang die gute alte Schallplatte schon ergreifend schön. Die remasterte CD gewann hierbei allerdings auch noch einmal deutlich an seidigem und transparentem Klang. So oder so: David Gilmour's Solo-Debutalbum ist ein absolutes Inselalbum und sollte in keiner Sammlung mit schönen Gitarren-Platten fehlen.







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