Nov 21, 2016


PEARL JAM - Backspacer (Monkeywrench Universal Records 2716317, 2009)

Ist das wirklich schon über sieben Jahre her, seit ich dieses tolle Album gekauft habe ? Ich kann es kaum glauben. Dabei habe ich es doch schon so oft angehört, und es gefällt mir immer noch wie beim erstenmal anhören damals. "Backspacer" war das neunte Studioalbum der US-amerikanischen Band Pearl Jam. Es erschien im September 2009 auf dem bandeigenen Label Monkeywrench Records, vertrieben von Universal Music Group und mit Lizenzvereinbarung mit Island Records. Es war mit knapp 37 Minuten Laufzeit das kürzeste Studioalbum der Bandgeschichte. "Backspacer" war das erste Album seit "Yield" im Jahre 1998, das mit Brendan O’Brien als Produzent eingespielt wurde, der laut Sänger Eddie Vedder auch mehr in die Kompositionen eingreifen durfte: "At this point, I think we're willing to let somebody cut the songs up a little bit". Die Band war inzwischen gewillt, Jemanden die Stücke ein wenig zurechtschneiden zu lassen. Vedder fuhr fort: "In the past, Brendan would say, 'It's a great song, but I think you should do it in a different key', and we'd say no. But now that we've heard Bruce Springsteen has listened to his suggestions, I think we will too". ("Früher hätte Brendan gesagt, 'das ist ein grossartiger Song, aber ich denke, ihr solltet ihn in einer anderen Tonart spielen', und wir hätten nein gesagt. Aber jetzt, nachdem wir gehört haben, dass Bruce Springsteen seinen Vorschlägen gefolgt ist, werden wir es, glaube ich, auch tun"). Bassist Jeff Ament sagte, Brendan O’Brien bringe eine brutal ehrliche Herangehensweise mit, das was funktioniere und das was nicht gehe aufzuzeigen. Das habe die Arbeit vorangebracht.

"Backspacer" war auch das erste Album von Pearl Jam seit "No Code" aus dem Jahre 1996, das die Spitzenposition der Billboard 200 Charts einnehmen konnte. In Deutschland erreichte es Platz drei, in Grossbritannien Platz neun. Bei den Grammy Awards 2011 war das Album für den Grammy Award für das beste Rock Album des Jahres zwar nominiert, konnte ihn jedoch nicht gewinnen. Stephen Thomas Erlewine von Allmusic schrieb, mit "Backspacer" gingen Pearl Jam wirklich zurück zu ihren Ursprüngen. Er bezeichnete es als ein Party-Album für Pearl Jam-Verhältnisse: "eine Party, die aus nichts als philosophischen Debatten bis in die frühen Morgenstunden bestünde, aber immerhin Party". Er vergab viereinhalb von fünf Sternen. Michael Rensen vom Rock Hard resümierte: "So tolle Songs sind Eddie Vedder & Co. schon lange nicht mehr aus Herz und Hirn gefluppt, und in dieser Form schlägt man den Grossteil der Pseudo Alterna Rock-Superstars der letzten Dekade um Längen". Er vergab acht von zehn Punkten. Michael Schuh von Laut.de kommentierte: "Hatte man in den letzten Jahren oft das Gefühl, die Band verkrampfe bei ihren Versuchen, allen Erwartungen gerecht zu werden, ragen nun sogar Classicrock-Stücke wie "Speed Of Sound" und "Amongst The Waves" wie Leuchttürme aus der Tracklist, deren Signale tatsächlich bis in die Ten-Vergangenheit leuchten". Es wurden vier von fünf Sternen vergeben.

All dies sind blosse Kritikerfloskeln aus der versammelten Musikpresse. Wenn man sich diese wundervolle Platte selbst anhört, und ein Bild von dem macht, was Eddie Vedder und seine Kumpanen da hingezaubert hatten, dann stellt man sehr schnell fest, dass die Gruppe auch auf diesem Werk wieder beweisen konnte, dass sie sich noch immer auf einer langen Reise befindet, und noch lange nicht am Bestimmungsort angelangt ist. In knapp 20 Jahren Bandgeschichte zeigten sich Pearl Jam nie überhastet, was ihre Veröffentlichungen anging. So hatten sie sich denn auch mittlerweile auf einen Takt von etwas mehr als zwei Jahren eingespielt, zwischen denen Pearl Jam mal ein wenig auf Tournee gingen, oder vereinzelten Soloprojekten nachgingen. Eddie Vedder spielte beispielsweise im Jahre 2008 den Soundtrack für den Film "Into The Wild" ein und zeigte, dass er auch ohne laute Gitarren vortreffliche Songs schreiben konnte. Songs, die ihn als Songschreiber wieder erstarkt zeigten, konsequenter beispielsweise als auf den letzten drei Pearl Jam Alben davor, dem etwas durchwachsenen "Binaural", dem wesentlich besseren "Riot Act" und dem ebenfalls leichte Defizite aufweisenden selbstbetitelten "Pearl Jam". Nichts desto trotz waren aber auch diese drei Platten letztlich um einiges besser, als die allgemeinse Rock-Einheitskost, die andere Bands in jenen Tagen üblicherweise zu servieren pflegen.

Die Vorabsingle zum Album mit dem Titel "The Fixer" präsentierte die Band dann wieder geradeheraus und überzeugend rockend. Mit Pearl Jam war also anscheinend doch nachwievor zu rechnen. Und der Einstieg in das Album "Backspacer" wirkte dann sofort überzeugend: "Gonna See My Friend" rockte ziemlich beseelt, wirkte auch sehr angenehm old-fashioned und herrlich unspektakulär, sodass der Song trotz eines schreienden Eddie Vedder nicht in plumpe Rock-Anmache verfiel. Auch "Got Some" kam herrlich monoton und straight daher und vermochte mit seiner Rockerpose zu überzeugen. Mit dem Titel "The Fixer" nahm die Platte dann rasant Fahrt auf und der Track kam mit einer sehr abwechslungsreichen Melodie daher. Etwas funky versuchten sich Pearl Jam dann bei "Johnny Guitar", was dank einer etwas seltsamen Gesangslinie und einer funky Bandbegleitung als Beispiel dafür angesehen werden darf, dass die Gruppe noch immer am Suchen, am Experimentieren, am Grenzen ausloten war.

Wenn Pearl Jam dann in der Folge den Rock wieder etwas zurückfuhren und wie in "Just Breathe" und "Amongst The Waves" etwas ruhiger wurden, zeigte sich wieder das wahre Unterhaltungspotential eines Eddie Vedder und seiner Kumpanen. Auch das etwas rockigere "Unthought Known" wusste auf der zweiten Albumhälfte zu überzeugen, der Song kam mit einer Prise mehr Pathos und einer tollen Klavierbegleitung daher, ohne irgendwie kitschig zu klingen. So funktioniert einfach gutes Songschreiben. Das machte die zweite Albumhälfte, vielleicht abgesehen vom etwas aus der Rolle fallenden "Supersonic", auch zum stärksten, was man seit einigen Alben von Pearl Jam gehört hatte. Insgesamt geriet das Album "Backspacer" ähnlich differenziert wie die drei Alben zuvor, wirkte aber gereift, ausgewogen, trotzdem rockend und stellenweise experimentell, war aber letztlich ein genauso hörenswertes Album wie so viele andere Platten der Band.

Die Produktion dieses insgesamt sehr überzeugenden Rockalbums war teilweise fast ein wenig zu poplastig geraten. Gleichwohl waren etwa Songs wie "Gonna See My Friend" oder "The Fixer" klassische Rocksongs, wie man sie schon immer von Pearl Jam serviert bekommen hatte. Der musikalisch ruhigere, aber überzeugende, Dreierpack "Just Breathe", "Amongst The Waves" und "Unthought Unknown" war letztlich wie geschaffen für Konzerte mit Wunderkerzen: Drei dramatische, hochmelodiöse und sehr eingängige moderne Rocksongs, die auch die jüngere Generation ansprechen konnten, und nicht nur die Generation 40plus, die Pearl Jam auch schon in den 90er Jahren gehört und geliebt hatte. Der Rezensent Andreas Borcholt der deutschen Zeitschrift 'Der Spiegel' nannte dieses Album in der Spiegel Online-Rubrik "Abgehört" ein "mit Herz, Muskeln und Hirn vollgepacktes Kraftpaket von einer Rockplatte". Dem kann ich mich hundertprozentig anschliessen. Was auch hervorragend ausfiel, war das Coverdesign von Jerome Turner und Tom Tomorrow. Die als sogenanntes 'Die-Cut' Cover gestaltete Plattenhülle konnte sowohl als LP, wie auch in der Mini LP CD-Variante hundertprozentig überzeugen.











Nov 20, 2016


THE ROLLING STONES - Rolled Gold + (The Very Best Of The Rolling Stones) 
(Abkco Decca Records 5303281, 2007, Originalveröffentlichung 1975)

Zugegeben: Etwas seltsam dürfte es schon anmuten, für die "alternativen Meisterwerke" ausgerechnet eine Platte der Rolling Stones zu berücksichtigen, und dann auch erst noch eine Zusammenstellung, sogar noch eine, die erst noch gegenüber der originalen Veröffentlichung von 1975 inhaltlich verändert wurde und auch ein anderes Plattencover erhielt. Okay, diesen Schuh ziehe ich mir an, denn diese remasterte Zusammenfassung und Neuauflage einer in den 70er Jahren brilliant zusammengestellten "Best Of", welche ausschliesslich die Jahre bei Decca Records umfasste, gehört für mich zu den ultimativen Tipps für Stones-Interessierte, die sich einerseits gerne mit dem Frühwerk der Gruppe auseinandersetzen wollen und andererseits nicht alle originalen Platten der wohl inzwischen dienstältesten Rockband der Welt brauchen.

Auf der anderen Seite erinnere ich mich gerade in diesen Tagen gerne wieder an diese hervorragende Compilation, da am 2. Dezember nach über 10 Jahren eine neue Studio-Produktion der Rolling Stones erscheint, auf welcher sie keine neuen Songs präsentieren, sondern weit zurück zu ihren eigenen Blueswurzeln gehen und ausschliesslich Stücke von klassischen Bluesmusikern interpretieren, genauso, wie sie das ganz zu Anfang ihrer Karriere auch gemacht hatten. Das bald erscheinende Werk "Blue And Lonesome" ist also ein klarer Schritt back to the roots und ein Bekenntnis zum Blues und dem ursprünglichen Sound der härtesten Rockband der Welt. Insofern kommt da die Erinnerung an eine tolle Zusammenstellung mit alten Stones-Songs gar nicht mal so verkehrt, oder ?

"Rolled Gold", 1975 veröffentlicht, umfasste die Decca-Jahre der Rolling Stones, also die gesamten 60er Jahre, bevor die Gruppe mit ihrem eigenen Plattenlabel Rolling Stones Records an den Start ging. Es gab zuvor schon etliche vermeintliche "Greatest Hits"-Sammlungen der Glimmer Twins, aber "Rolled Gold" geriet zum fabulösen Gesamtüberblick einer Gruppe, die nicht nur Hits hatte, sondern eben auch weniger erfolgreiche Songs, die genauso Weltklasse waren. "Rolled Gold" stellt für mich persönlich daher durchaus so etwas wie die als "rote und blaue" Beatles-Zusammenstellung dar, aber auch die mit Abstand unterhaltsamste und der Band am gerechtesten werdende Compilation überhaupt. Wo das originale Doppelalbum nach 28 Titeln chronologisch beim Song "Gimme Shelter" endete, wurden für die 2007 als remasterte Doppel-CD erschienene Variante 12 zusätzliche Songs berücksichtigt. Die nunmehr 40 Songs umfassende Sammlung endete nun beim 1971er Werk "Sticky Fingers" und den daraus entnommenen Stücken "Brown Sugar" und "Wild Horses".

Eines macht diese Zusammenstellung deutlich: Die Rolling Stones begannen beim Blues, entdeckten die psychedelischen Hippie-Jahre für sich und kehrten danach kontinuierlich wieder zum Blues zurück, gaben ihm aber ein bodenständig rockendes Fundament, das gegen Ende der 60er Jahre angesagt und durch den sogenannten "British Blues Boom" noch zusätzlich befeuert worden war, nachdem bereits die grossen Neuen unter den Bluesgitarristen wie Eric Clapton, Peter Green oder Jeff Beck sich den Rock als Transportmittel für ihren Blues ausgesucht hatten. Diesem Trend folgten die Rolling Stones spätestens nach ihrem Album "Their Satanic Majesties Request", ihrer quasi Antwort auf das Sergeant Pepper-Album der Beatles, als sie 1968 mit "Beggars Banquet" eine ihrer bis heute stärksten, wieder vermehrt bluesorientierten Platten bis heute, ablieferten. Auf ihr fanden sich mit dem "Stray Cat Blues" und dem Blues-Rocker "Street Fighting Man" gleich zwei eindeutig in diese musikalische Rückwärts-Ausrichtung tendierende Stücke, von denen der Letztere bis heute als einer der Bekanntesten der Stones gilt.

Das 2007 erschienene Doppel-CD Set "Rolled Gold" umfasst also insgesamt alle Titel der ursprünglich 1975 erschienenen Retrospektive, sowie 12 zusätzliche Titel, die nicht Bestandteil der originalen Vinyl-Ausgabe waren. Insgesamt 40 Klassiker, darunter alle Hits der ersten bahnbrechenden zehn Jahre, machen "Rolled Gold" zu einer unverzichtbaren Zusammenstellung, die mehr als deutlich macht, warum die Rolling Stones zur 'World's Greatest Rock'n'Roll Band' wurden. Neben weltberühmten Standards wie "I Cant Get No (Satisfaction)", "Jumpin' Jack Flash" oder "Get Off Of My Cloud", gibt diese wundervolle Zusammenstellung auch einen gut nachvollziehbaren Einblick in die Blues und Rhythm'n'Blues-Wurzeln der Band, etwa mit Howlin Wolf's "Little Red Rooster" oder Chuck Berry's Klassiker "Carol", deckt daneben aber auch die relativ kurze psychedelische Phase ab, mit unsterblichen Songs wie den phantastischen "Ruby Tuesday" oder "She's A Rainbow" und verweist auf ebenfalls im Werk der Rolling Stones stets eine wichtige musikalische Tradition darstellende Country-Einflüsse, nachzuhören etwa in "Let It Bleed" und der vielleicht schönsten Rolling Stones Ballade überhaupt: "Wild Horses".

Das breite Spektrum des Oeuvres der Rolling Stones wird auf diesem Werk hervorragend abgebildet und enthält neben den vielen Kompositionen wie "Brown Sugar" oder "Honky Tonk Woman" des kongenialen Songwriter-Teams Mick Jagger und Keith Richards auch das von John Lennon und Paul McCartney geschriebene Stück "I Wanna Be Your Man". Wenn eine Plattensammlung nur Platz für eine einzige Platte der Rolling Stones bieten würde, dann müsste diese Platte in der Tat "Rolled Gold" heissen. Mit "Paint It Black" und "We Love You", aber auch mit "Play With Fire" und "Tell Me" beweisen die Rolling Stones eine grosse stilistische Vielfalt, die trotzdem immer den typischen Glimmer Twins-Sound definieren. Ausführliche Informationen des Musikjournalisten und Rolling Stones-Experten Pierre Perrone sowie erklärende Kommentare zu jedem einzelnen Titel mit Zitaten von den wichtigsten Personen der modernen Rockmusik runden diese einzigartige Zusammenstellung ab. Die Rolling Stones bilden immer noch den Masstab in der Ruhmeshalle des Rock und die tolle Zusammenstellung "Rolled Gold" unterstreicht nur einmal mehr, wie sehr sich die Gruppe seit Beginn ihrer Karriere vom Durchschnitt abhob, um bis heute seit bald 55 Jahren noch immer die Bühne zu rocken.










Nov 19, 2016


GRATEFUL DEAD - Anthem Of The Sun (Warner Brothers Records WS 1749, 1968)

"Anthem Of The Sun" war das zweite Studioalbum der Band Grateful Dead. Das Album wurde von September 1967 bis März 1968 in verschiedenen Tonstudios aufgenommen. Das erste war das American Studios in North Hollywood. Als Produzent konnte wiederum David Hassinger gewonnen werden, der schon ihr Debütalbum "The Grateful Dead" produziert und auch mit den Rolling Stones und der Gruppe Jefferson Airplane gearbeitet hatte. Mit dem zweiten Album versuchten Grateful Dead, ihre Songs derart aufzunehmen, wie sie sie jeweils bei Konzerten spielten, da dies ihnen bei ihrem Debütalbum nicht gelang. Im Dezember 1967 wechselte die Band zu zwei weiteren Tonstudios in New York City. Zu dieser Zeit sprang Hassinger von der Albumproduktion ab, da ihm der Vorgang nicht schnell genug lief. Erst ein Drittel des Albums war zu diesem Zeitpunkt aufgenommen. Insbesondere die Experimente von Bob Weir hinsichtlich Sound und Ton und seine Fragen, wie man das dem Stil der Band anpassen könnte, veranlassten Hassinger zu dem Kommentar, dass niemand von der Band wirklich singen könne und keiner von ihnen wisse, was sie da eigentlich machen würden. Jerry Garcia kommentierte dies damit, dass die Band selbst lernen wolle, wie man in einem Studio arbeitet, damit man in Zukunft selbst diese Arbeit erledigen könne.

Grateful Dead entschlossen sich in der Folge, das Werk ohne Produzenten aufzunehmen. Die Gruppe wechselte zu einem Studio in San Francisco und nahm das Album mithilfe des Tontechnikers Dan Healy selbst auf. Zwischen den Aufnahmen in North Hollywood und New York gab die Band auch weitere Konzerte, um die neuen Songs zu erproben. Die Mitschnitte von diesen Konzerten wurden von Jerry Garcia, Phil Lesh und Dan Healy ausgewertet und in die bereits aufgenommenen Songs eingearbeitet, um somit die typische Live-Atmosphäre der Band zu schaffen. Im Zuge der Überarbeitung des Albums wurde Tom Constanten in die Band genommen, der bei einigen Titeln Klavier spielen sollte. Constanten's Klavierspiel fiel weitgehend nur bei Studioalben auf und ging bei Live-Auftritten unter, aber seine Experimente mit dem Klavier und dem Keyboard sorgten auf dem Album für eine besondere Note im Sinne des Psychedelic Rock. Die Band nutzte die technischen Möglichkeiten des Studios aus und benutzte mehr Instrumente, als dies auf der Bühne möglich gewesen wäre. Mithilfe von unterschiedlichen Instrumenten wie Kazoos, Schlaginstrumenten, Cembalos, Pauken und Trompeten versuchte die Band, ihre Vorstellung von Psychedelic Rock zu kreieren. Jerry Garcia verglich dies mit einer musikalischen Collage.

Um mehr Geld vom Label zu bekommen, musste der erste Titel des Albums, "That's It For The Other One", in vier Songs aufgeteilt werden. Robert Hunter, langjähriger Freund von Jerry Garcia und zukünftiger zusätzlicher Songschreiber von Grateful Dead, unterstützte Phil Lesh und Pigpen bei der Lyrik zum Song "Alligator". Der damalige Vorsitzende der Plattenfirma Warner Brothers Records, Joe Smith, beurteilte die Platte "Anthem Of The Sun" als das unvernünftigste Projekt, an dem sich Warner Brothers jemals freiwillig beteiligt hätten. Die ersten Schallplatten waren mit dem Schriftzug "The faster we go, the rounder we get" versehen, der sich im Mittelkreis um den Labelaufkleber befand.

Die Ursprünge von Grateful Dead liegen in der Band Zodiac, die Jerry Garcia 1963 zusammen mit dem Gitarristen Bob Weir, dem Perkussionskünstler und Keyboarder Ron "Pigpen" McKernan und dem Schlagzeuger Bill Kreutzmann gegründet hatte. Schon zwei Jahre zuvor spielte Jerry Garcia Gitarre und Banjo auf Folk- und Bluegrassfestivals, arbeitete seit 1960 mit dem späteren Songwriter von Grateful Dead, Robert Hunter, zusammen und lernte in dieser Zeit die übrigen Bandmitglieder kennen, die ebenfalls bereits Erfahrungen mit eigenen Projekten gesammelt hatten. Aus persönlichen Gründen und aufgrund von schwerwiegenden Drogenproblemen wurde Robert Hunter kein Mitglied bei Zodiac. Diese Gruppe ging 1964 in der Band Mother McCree’s Uptown Jug Champions auf, allerdings ohne den Schlagzeuger Phil Kreutzmann. Neben dem übrig gebliebenen Trio Garcia, Weir und McKernan spielten weitere Musiker in der Band, von denen sich nur David Nelson in der Musikszene etablieren konnte. Doch auch die Formation von Mother McCree’s Uptown Jug Champions war nicht von Dauer und wurde im April 1965 in Warlock umbenannt, in der auch wieder Kreutzmann spielte. Im Juni 1965 trat der Bassist Phil Lesh bei und der vorherige Bassist Dana Morgan Jr. verliess die Band. Einen Monat später wurde der Schriftsteller Ken Kesey auf die Formation aufmerksam und buchte sie als Houseband für die Acid Tests in einer Kommune, deren Mitglieder später 'Merry Pranksters' genannt wurden. Diese Acid Tests waren Happenings, bei denen die damals legale Droge LSD verteilt wurde. Im Dezember 1965 benannten sich die Warlocks erneut um, nachdem Phil Lesh festgestellt hatte, dass es schon eine kommerzielle Band mit diesem Namen gab.

Laut Garcia war die Auswahl des neuen Bandnamens Grateful Dead eher ein Zufall, da viele andere Namen zur Auswahl standen. Er schlug die Encyclopaedia Britannica auf und las den Begriff dort. Der Begriff 'Grateful Dead' taucht in verschiedenen Kulturen auf und wird in Schriften wie dem Tibetanischen Totenbuch oder im Buch Tobit verwendet. Die Band siedelte in San Francisco's Stadtviertel Haight Ashbury um, das bis heute als Anziehungspunkt der Hippie- und Gegenkultur gilt. Zu dieser Zeit traf die Band auf den LSD-Produzenten Owsley Stanley, der sie finanzierte und ihr Tontechniker wurde. Dank seines Geldes konnte die Band ein eigenes Haus beziehen, sich Instrumente kaufen und auf freien Konzerten auftreten beziehungsweise diese stattfinden lassen, wodurch sie eine grosse Fangemeinde in San Francisco gewann. Als letztes Bandmitglied stiess der zweite Schlagzeuger Mickey Hart zur Band, dessen Vater Lenny Hart, früher ebenfalls Musiker, zeitweise Manager der Band war. Während dieser Zeit spielten die Bandmitglieder auch bei anderen Bands im Studio mit, darunter bei Jefferson Airplane und Crosby, Stills, Nash & Young, bei denen Garcia das Pedal-Steel-Gitarren-Intro ihres Hits Teach Your Children spielte. Zudem gehörten Garcia, Hart und Lesh neben David Nelson und John Dawson zu den Gründern von New Riders Of The Purple Sage, wo sie bis 1970 Mitglied waren, bevor sie sich verstärkt Grateful Dead und anderen Projekten widmeten.

Infolge der Konzerte wurde MGM auf die Band aufmerksam und nahm sie 1966 für Demoaufnahmen unter Vertrag. Da die Band jedoch keine Studioerfahrung besass, verliefen die Aufnahmen nicht zufriedenstellend, und sie wurde kurze Zeit später wieder entlassen. Doch auch ohne Plattenvertrag spielten Grateful Dead weiter auf Konzerten und Festivals, bis sie von Warner Brother Records ebenfalls 1966 unter Vertrag genommen wurden. 1967 erschien das Debütalbum "The Grateful Dead", mit dem die Band jedoch nicht zufrieden war. Zu dieser Zeit kreierte die Band das Pseudonym "McGannahan Skyjellyfetti", in Anlehnung an einen Charakter in Kenneth Patchen's Werk "Memoirs Of A Shy Pornographer", um gemeinsam geschriebene Lieder zu kennzeichnen. Dan Healy kam als weiterer Tontechniker zur Band. Sowohl Stanley als auch er verliessen die Band aus verschiedenen Gründen mehrmals und kehrten zurück. Beide traten auch als Produzenten von Alben auf. Zu den weiteren Höhepunkten des Jahres gehörte die Teilnahme am Monterey Pop Festival im Juni 1967, durch welche die Band noch bekannter wurde. Für die nächsten Aufnahmen trat Tom Constanten 1968 als zweiter Keyboarder neben McKernan der Band bei.


"Anthem Of The Sun" zeigt einige grossartige Momente von Grateful Dead. Bahnbrechend war bereits der Opener, die lange Suite mit dem Titel "That's It for The Other One", welche aus vier Teilen bestand und die gesamte erste LP-Seite umspannte. Dieser vierteilige Klassiker wird die Zeit für immer überdauern. Die Suite beginnt mit Jerry Garcia's beruhigendem Gesang und einem wunderschönen Riff. Die Texte sind sehr traurig, obwohl sie ziemlich schwermütig sind, wirken aber fast schon gemütlich. Verschiedene Gesangseffekte werden während des Liedes verwendet. Garcia und Weir räumen dem Gesang viel Zeit ein hier. Durch zunehmend psychedelische Sprenkel beginnt die Suite bald, immer mehr auseinanderzudriften, die Verzerrung und die Trommeln geraten immer stärker durcheinander, sodass das Ganze auf einen chaotischen Höhepunkt zusteuert, wie ein Schiff, das zunehmends manövrierunfähig wird in einem sich immer stärker aufblähenden Sturm. Der Schluss der Suite ist mit Perkussionseinlagen und zufälligen Soundeffekten dann aber wieder schön und heilsam ruhig. Dazu ein pulsierender Basslauf, der einen Herzschlag imitiert.

"New Potato Caboose" ist ein schönes und interessantes Stück. Das Lied öffnet sich mit dem kontinuierlichen Aufbau eines interessanten Klavierthemas und verschiedenen Perkussions-Effekten. Phil Lesh's Bass perlt grossartig und der Klang des Songs ist wunderbar fluffig und glasklar. Die Gesangslinien klingen recht sauber, sind im totalen Einklang mit dem Song. Eine akustische Gitarre wird im Hintergrund von Jerry Garcia gespielt, sie klingt grossartig. Dies ist für mich praktisch so etwas wie der wahre Klang der 60er Jahre. Bob Weir singt und macht einen guten Job. Seine Stimme ist tiefer als jene Garcia's. Die beiden Stimmen ergänzen sich wunderbar. Die Kompositionen der Band wiesen diese Gesangsarrangements regelmässig bis zu den späteren Werken "Wake Of The Flood" und "Blues For Allah" auf, wo man sie dann in absoluter Perfektion geniessen konnte. Nach etwa fünf Minuten macht Jerry Garcia Platz für ein beseeltes Gitarrensolo. Danach überzeugt das doppelte Schlagzeugspiel: Mickey Hart und Billy Kreutzmann klingen hier schon wie später beispielsweise Butch Trucks und Jaimoe von den Allman Brothers. "Born Crosseyed" klingt etwas hausbacken, aber zeigt klar die Liebe der Band zu traditioneller Country'n'Western-Musik. Vom Arrangement her erinnert diese Nummer sehr an Crosby Stills Nash & Young. Das nachfolgende Stück "Alligator" ist vor allem stark vom Jazz inspiriert, weist schon die typischen Jam-Merkmale späterer Jahre auf und franst nie ins Uferlose aus, sondern bleibt stets kompakt und nachvollziehbar, obschon den Instrumenten viel Freiraum gewährt wird. Ebenfalls ein klasse Song, der sich über fast 11 1/2 Minuten erstreckt.

Das finale "Caution (Do Not Stop On The Tracks)" ist schliesslich noch ein Beweis dafür, wie sehr sich die Gruppe Grateful Dead vor allem in ihrer Anfangsphase noch dem Blues verpflichtet sah. Hier klingt Pigpen, als hätte der den Songtext einfach so aus dem Aermel geschüttelt, was aber wiederum letztlich nur ein weiterer Beweis für die Genialität dieser legendären Gruppe darstellt. Gerade dieses Stück würde ich persönlich als eines der besten Beispiele dafür nehmen, wie sehr sich bei Grateful Dead das improvisierte Jammen mit dem Durchkomponieren von strukturierten Songs stets in perfekter Weise ergänzt hat. So "organisiert" klang weder vor, noch nach ihnen jemals eine der sogenannten "Jam"-Bands.

Nov 18, 2016


BILL CALLAHAN - Woke On A Whaleheart (Drag City Records DC332CD, 2007)

Man könnte eigentlich sagen, dass "Woke On A Whaleheart" Bill Callahan's Debutalbum war, doch das wäre dann doch nicht ganz richtig. Denn Tatsache ist, dass der hervorragende Songwriter und einer der in den USA äusserst geschätzten Protagonisten der sogenannten "Lo-Fi Music" bereits zuvor ein Dutzend Platten unter dem simplen Namen SMOG veröffentlicht hatte, bevor er seine Werke mit seinem richtigen Namen versah, was gleichzeitig auch eine musikalische Neuausrichtung bedeutete. Auf seinem ersten Album unter seinem Namen präsentierte der Musiker indes nicht wirklich Neues, nur vielleicht noch ein klein wenig Intimeres als zuvor unter dem SMOG-Banner. Und Lo-Fi war das nur noch in Ansätzen, hier klang der Musiker nicht mehr nörglerisch und eigenbrötlerisch (obwohl ihm das sehr gut zu Gesicht stand), nicht mehr nur spröde und spartanisch, sondern sehr lebensfreudig, äusserst positiv und unglaublich warmherzig, was den Songs auf dem Album sehr gut tat. Hier klang Callahan schon fast wie Harry Nilsson oder Cat Stevens, oder noch besser: wie ein Mix aus diesen beiden Musikern plus stilistisch vielleicht noch eine Prise Tom Waits-Sound mit Barry White-Brummelstimme.

Die Songarrangements sind vom allerfeinsten, da gibt es so viel schöne Momente zu erleben auf diesem tollen Album. Es klingt alles erst einmal sehr herb und Old School, traurig-schön und immens einnehmend, bunt und schräg wie das Coverdesign schon andeutet. Ganz toll sind zum Beispiel die Gospelchöre der Olivet Baptist Church, die geniale Gitarrenarbeit von Pete Denton oder die zauberhaft romantische Geige von Elizabeth Warren. Verpackt sind diese musikalischen Kleinode in Neil Michael Hagerty's treibende, glitzernde und klassische Arrangements. Diese wundervolle Mixtur aus Gospel, Pop und American Light Opera kann einem in der Tat sprachlos machen. So gesehen stellt Callahan's Wandel vom fast immer als 'One Man Band' verstandenen SMOG-Dasein zum Teamplayer eine enorme Veränderung dar, die sich natürlich auch in den Songarrangements niederschlägt. Trotzdem blieb der Musiker seiner eigenen Linie treu: Seine 'neuen' Songs erhielten hier lediglich mehr Instrumentarium, teils sogar richtig durcharrangierte Fülle. Man muss diese Songs einfach lieben, und wer Callahan schon als SMOG gekannt hat, der kann sich all diese wunderbaren Titel auch als spartanisch-karge 'One Man'-Songs vorstellen. "Woke On A Whaleheart" präsentiert Bill Callahan als wahren Art Pop-Künstler. Ein Beispiel hierfür ist schon das rotierende und völlig losgelöste Klavier im Song "Night", das wie ein perlender Sternenregen klingt, oder das Stück "Diamond Dancer", das wie eine vergessene Nummer von David Bowie aus dessen "Ashes To Ashes"-Phase wirkt. Man stelle sich hierbei dann noch den Gesang von Lou Reed oder The Jazz Butcher vor.

Zentral ist natürlich auch hier auf diesem opulent angerichteten Song-Mahl Callahan's warme und leicht rauchige Stimme, die entspannt durch die ganze Platte segelt, stets gestreichelt von einer sanften Brise, unbeschwert hüpfend wie auf leichten Wellen mit ein bisschen perlender Gischt. Dazu passt dann ein mit einem leicht-lockeren Country-Shuffle Groove versehener 'Frage und Antwort'-Blues wie "The Wheel" allerbestens. Hier zeigt Bill Callahan wieder seine ganz eigene Mixtur von Gesang und Nichtgesang, dieses melodische Murmeln, diese Art von vertontem Erzählen, das er bereits jahrelang als SMOG präsentiert gehabt hatte, und das seine Musik immer schon auszeichnete. Damit kommt er seinem Zuhörer sehr viel näher, er wirkt präsent, als würde er neben einem sitzen und einem seine Geschichten in direktem Kontakt erzählen. Lou Reed hat das auch gemacht, zumindest auf einigen seiner Soloalben. "Walk On The Wild Side" kommt mir da spontan etwa in den Sinn, "Legendary Hearts" auch. Mit etwas Phantasie kann man durchaus auch Parallelen zum Nichtgesang von Bob Dylan erkennen, dies dann wiederum eher in musikalischer Hinsicht, da einige der Songs von Bill Callahan diesen Spät-60er Spirit in sich tragen, den Bob Dylan damals auch verströmt hat, als er noch nicht mit The Band zusammenarbeitete.

Das Plattenlabel Drag City Records veröffentlichte schon einige Platten, die in Richtung Singer/Songwriter und/oder Roots-Musik gehen, die sich wohltuend abheben von der Masse und die sich eigenwillig, vielleicht sogar leicht sperrig, aber immer äusserst interessant anhören: David Berman, der wahrscheinlich inzwischen überall recht bekannte Will Oldham und eben Bill Callahan, die sich allesamt dem lyrischen und sehr poetischen Songwriting verschrieben haben, das sie jeweils auf eine ganz eigene, individuelle Art präsentieren. Während Will Oldham als einer der bekannteren Protagonisten eher die Roots-Rock Schublade bedient, dabei auch die Kommerzschiene nicht verschmäht, bleibt Bill Callahan eher aussenstehend, sucht nicht den grossen Erfolg, bleibt bescheiden in seiner Art und seiner Grundeinstellung. Dabei hätte gerade er den Erfolg verdient. Aber insgeheim lieben wir ja diese stillen Perlen, die nur uns ganz alleine gehören: Callahan singt nur für Dich, er erzählt nicht für die Masse. Das ist das, was Bill Callahan uns vermittelt, wenn wir ihm zuhören. Wie Cat Stevens - der gehört auch immer nur Dir ganz allein, wenn Du eine seiner Platten anhörst.

"We were swimming in the rivers of the rains of our days before we knew. And it's hard to explain what I was doing or thinking before you" schmeichelt Bill Callahan dem Zuhörer in sein Herz, wenn er im Song "From The Rivers To The Ocean" eine so unglaublich schöne Grandezza auffährt, dass man es kaum glauben mag, dass dieser Musiker nicht viel berühmter ist. Callahan's Markenzeichen, seine tiefe, bärige Stimme, die immer wieder eine fast schon väterliche Figur ausstrahlt, glänzt in diesem Song besonders stark. Hier passt die Instrumentierung mit einem ganz starken Klavier, einigen Geigen und einem dezenten Arrangement insgesamt, besonders gut. Mit "Footprints" hingegen präsentiert Callahan einen Song, der so ziemlich gegensätzlich zu allem klingt, was der Sänger und Gitarrist bislang gemacht hat. Dieser Titel zeigt am eindrücklichsten, was aus dem zurückhaltenden, spröden Folkie werden kann, wenn er tolle Mitmusiker um sich schart. Dieser Song sprüht vor Energie, Lebensdrang und purer Freude. Einer der allerbesten Titel auf diesem Werk, zusammen vielleicht mit dem nicht minder beeindruckenden "Diamond Dancer". Hier steht ein opulentes Soul-Crooning im Vodergrund. Der voluminöse Damenchor und Callahan's tiefblaue Stimme vereinen sich in einem warmen, unglaublich erhabenen Soul-Blues, der mit einer so unverschämt schmissigen Art intoniert wird, dass man nicht glauben mag, dass da draus kein Hit geworden ist. Viel besser kann man es dem Publikum nicht machen. Müssig zu erwähnen, dass Callahan selbst hier in dieser Powernummer noch den Mumm hat, die herzerweichende Geige von Elizabeth Warren zu integrieren. Was für ein Erlebnis!

Eine weitere Songperle ist auch der Titel "Sycamore", ein fast schon heavy zu nennender Song, in welchem Callahan singt: "All you want to do is be the fire part of fire". Wahre Poesie selbst beim abrocken, toll. Und so beschreibt es dann auch ein begeisterter Kritiker, wenn er das Fazit zieht: "Callahan presents listeners with what feels like a small piece of a grand novel, acting as a starter gift for anyone with an active imagination". Die Musik gewordene Novelle eines grossartigen Künstlers, der sich nicht dem Mainstream verpflichtet fühlt und dem Kunst eindeutig über Kommerz geht. Das ist im Falle von Bill Callahan deswegen traurig, weil gerade Ausnahmetalente wie er es eigentlich verdient hätten, von einer breiteren Masse entdeckt zu werden. Aber das wünscht man sich insgeheim dann doch wieder nicht, weil: Callahan soll nur mir gehören, nicht den vielen Menschen da draussen. Schliesslich singt er doch zum Beispiel den Song "A Man Needs A Woman Or A Man to Be A Man" nur für mich, oder ?

 




Nov 17, 2016


JOHN MELLENCAMP - Freedom's Road 
(Universal Republic Records B0008249-02, 2007)

Musik ist ja sowieso immer bloss eine Frage des Geschmacks. Aufgrund dessen ist wohl jede Rezension stets als subjektiv zu betrachten. Deshalb kann ich auch bei dieser Platte kaum objektiv schreiben. Deshalb einfach gleich unverschämt in den Superlativmodus schwenken: Mit "Freedom's Road" ist John Mellencamp ein Album gelungen, das in nichts seinen grossen Klassikern "American Fool" von 1982, "Scarecrow" von 1985 und "Lonesome Jubilee" von 1987 nachsteht. Seine hervorragenden, stets kritischen und gesellschaftspolitischen Songtexte verpackt er auch bei diesem Werk in ehrliche, erdige und ganz toll produzierte und arrangierte Roots-Rockmusik, wie man sie von John Cougar Mellencamp schon immer kennt und schätzt. Dabei erfindet er sich musikalisch auf keinem seiner vielen Alben neu, klingt aber trotzdem immer wieder frisch, kraftvoll und mit einem sicheren Gespür für eindrückliche Melodien, die man nur wenige Male gehört haben muss, damit sie sich in der Erinnerung festhaken und immer wieder gerne ausgepackt und in den Player gelegt werden.

Mellencamp wandelt zwar immer wieder mal auf dem schmalen Grad zwischen hübscher, aber manchmal etwas belanglos wirkender Unterhaltung und absolut genialem Wurf. Dabei besass er schon immer alle Anlagen, mit seinen Produktionen weit über dem Durchschnitt zu landen: immer leicht exzentrisch, sehr sozial- und medienkritsch (mit Videos und MTV's Heavy Rotation konnte er sich nie arrangieren und brachte das auch immer wieder zum Ausdruck), ausgestattet mit der Gabe, packende Melodien in geniale Arrangements zu verpacken. Mit seinem Werk "Freedom's Road" hat John Mellencampaber eine mustergültige Qualitätsarbeit abgeliefert, ja mehr noch: das Werk ist rückwirkend betraschtet eines der besten, das er veröffentlicht hat. Die Melodien von Songs wie dem Mellencamp-typischen "The Americans", oder auch "Ghost Towns Along The Highway", um nur mal zwei zu nennen, in denen er textlich über den Niedergang der Neuen Welt philosophiert, packen den Zuhörer sofort und man erkennt schon nach den ersten Textzeilen, wie engagiert und anprangernd Mellencamp mit seiner eigenen Heimat umgeht, resp. abrechnet. Mellencamp ist ein Patriot, ohne Zweifel, aber keiner, der sein Land hochstilisiert wie viele Andere, sondern sich immer wieder kritisch hinterfragt und seine Kunst als ideales Transportmittel nutzt, die Menschen wachzurütteln und ihnen den Schleier vor den Augen wegzureissen. Mellencamp ist so eine Art Protestsänger in Rock, wenn man so will. Dabei bedient er sich genau jenen musikalischen Traditionen, auf denen die uramerikanische Kultur schon immer fusste: Country, Blues und Rock'n'Roll.

Zeitlich rechnete Mellencamp auf "Freedom's Road" mit dem von George Bush regierten  Amerika ab, doch passen seine Songtexte natürlich nachwievor, auch in der nun beginnenden Trump-Aera, oder vielmehr in der Trump-Aera erst recht. Das wird die Zukunft weisen. Die Songs auf "Freedom's Road" wirken amerikanisch ländlich, heiss, staubig, mit dezenten Singer/Songwriter- und Country-Anleihen. Sie sind mitunter recht sparsam, aber nicht minder spannend arrangiert. Mellencamp braucht in vielen seiner Songs nicht viel mehr als ein minimales instrumentales Grundgerüst, um seine Botschaft eindrücklich herüberzubringen, was sicherlich auch an seiner markanten Stimme liegt, die manchmal fast nervig wirkt, wenn er besonders eindringlich singt. Die Melodien beissen sich im Kopf des Hörers fest und mutieren hier und da zu echten Ohrwürmern. Stilistisch lässt sich das durchaus mit dem genialen Tom Petty oder sogar Bruce Springsteen vergleichen, die Songs auf "Freedom's Road" besitzen ähnlich starke Wiedererkennungswerte und Qualitäten wie zum Beispiel Springsteen's Platte "Born In The USA" und Mellencamp's Ausnahmestimme glänzt ebenso wie jene des "Boss". Ueberhaupt wurde John Mellencamp schon in früheren Tagen stets als der "kleine" Springsteen gesehen, der zwar inhaltlich dem "Boss" mindestens ebenbürtig ist, dem jedoch nie dessen Erfolg zuteil geworden war. Wo Springsteen schon immer für den kämpferischen und geradlinigen Amerikaner stand, da steht Mellencamp als stiller aber nicht weniger wichtiger Kämpfer stets ein bisschen in dessen Schatten.

Mit "Freedom's Road" hat John Mellencamp ein für Amerika ungemein wichtiges Album produziert, in Europa hingegen werden siene Platten immer noch viel zu wenig beachtet und gekauft. Und das eigentlich schon seit ewigen Zeiten. Immerhin ist Mellencamp schon seit den ausgehenden 70er Jahre international bekannt. Je öfter man sich dieses Album anhört, umso mehr wird einem bewusst, dass Mellencamp hier eines seiner stillen und beeindruckenden Meisterwerke gelungen ist. Zehn wundervolle Songs, alle absolut ohne kreativen Tiefpunkt, wie immer eine sehr sozialkritische Sicht auf das heutige Amerika. Die superb produzierte und abgemischte CD endet mit dem versteckten Titel "Rodeo Clown" (einem sogenannten Hidden Track), welcher eine volle Breitseite gegen die Politik von George Bush ist. Musikalisch überzeugt das gesamte Album mit handwerklich perfekten Gitarrenmelodien und Mellencamp's rauchiger Stimme, die seinen Songtexten einen enormen Gehalt gibt. Die Songs brauchen vielleicht beim einen oder anderen Zuhörer ein bisschen, bis sie sich im Gedächtnis festsetzen, ist dies allerdings passiert, gibt es kein Entrinnen mehr und man hört sie sich womöglich immer wieder an. In Deutschland leider bei weitem nicht so bekannt wie in den USA sollte man sich mindestens einmal mit John Mellencamp befasst haben. Er ist aus meiner Sicht noch immer einer der wenigen Musiker aus Amerika, der wirklich etwas zu sagen hat und dessen Werk sich nicht nur auf eindrückliche Songtexte beschränkt, sondern auch wundervoll produzierte Musik umfasst, die kaum je durchschnittlich ist. Wer sich von dem Künstler noch nie etwas angehört hat, kann "Freedom's Road" durchaus als Einstand heranziehen.
 


Die Frage, ist man noch ein guter Amerikaner, wenn man seinem Präsidenten nicht mehr blind in jeden Krieg folgt, wird auch in der Musikszene immer lauter. Hier stellt Mellencamp diese Frage nicht laut und impulsiv. Er trägt sie, versehen mit feinsinniger Ironie und Pragmatismus, äusserst pointiert vor. Dass er das Sternenbanner mit seiner wahren Bedeutung dahinter auf voller Höhe hisst, wird schon beim Einsteiger "Someday" klar, auch seine Stimme hat eine Metamorphose durchgemacht. Wesentlich kehliger, rauher und getragener klingt er auf "Freedom's Road". Man spürt, dass er hundertprozentig hinter seinen Songtexten steht. Das macht neugierig auf mehr und auf einen Trip durch die "Ghost Towns Along The Highway", die als Opfer der Finanzkrise wie hölzerne und steinerne Mahnmale die verlassenen Landstrassen säumen. Die melodisch-lässigen Rhythmen von "The Americans" funktionieren zwar akustisch gut, täuschen aber nicht über den selbstkritischen Songtext hinweg, der den Zuhörer zwingt, den Künstler in einem ganz anderen Licht zu sehen: Hier ist kein typisch amerikanischer und smarter Entertainer am Werk, sondern ein sehr überzeugter und manchmal richtig angriffslustiger Poet, dem es nicht reicht, nur seichte Botschaften zu vermitteln, sondern sein Medium Musik gezielt dazu nutzt, Misstände aufzudecken, schonungslos anzuprangern und selbstverständlich auch liebgewordene Traditionen kritisch zu hinterfragen.

Das Stück "Forgiveness" könnte auch von Bruce Springsteen stammen, hätte sich beispielsweise auf dessen eindrücklichem Album "Nebraska" gut integriert. Im Titelsong "Freedom's Road" wird der Urglaube an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten spürbar: glühender Patriotismus duelliert sich mit Kritik an den Machthabern. Und noch ist es nicht genug mit Stellung beziehen, rüttelt Mellencamp, im Duett mit der Protest-Ikone Joan Baez
im Song "Jim Crow", am nachwievor peinlichen, nie loszuwerdenden Mühlstein der USA, nähmlich der Rassendiskriminierung. Selbstbewusst biegt und beugt er des Urpoeten Woody Guthrie's "This Land Is Your Land", um es mit "This Is Our Country" zu seinem eigenen 'Naughty Kid' zu machen. Da sich John Mellencamp noch nie um irgendwelche Konventionen und Protestgebahren der Medien gekümmert hat, schert er sich auch hier nicht darum. Traditionals, gehören sie auch noch so zum unantastbaren amerikanischen Kulturgut, gehören letztlich doch imemr dem Volk und als dessen musikalisches Sprachrohr vertritt er dieses Kulturgut meisterlich.

Der Song "Rural Route" bringt aufgrund seines Stils den Folkbarden jenseits des Ozeans, Mark Knopfler ins Gehör. Das ist wundervoller Folk, wie er schöner und spartanischer, spröder auch, kaum sein kann. Mellencamp konterkariert diese pure Idylle mit seinem kratzig-kehligen Gesang perfekt. Das Stück "My Aeroplane" lehnt ein wenig an Bryan Adams an, dem Menschenfreund in 'Lonesome Canada', der in Sachen politischer Gesinnung mit John Mellencamp ziemlich Hand in Hand geht. Nachdem der Künstler den Zuhörer mit dem letzten Titel des Albums, nämlich "Heaven Is A Lonely Place" aufmüpfig und kess in seine Anfangszeiten zurückgebracht, präsentiert er mit dem bereits erwähnten Hidden Track "Rodeo Clown" nach einiger Zeit der akustischen Stille seine harsche Abrechnung mit einem Kriegstreiber in Cowboystiefeln. Ich persönlich atme auch tief durch, denn dieses Album ringt mir grossen Respekt ab vor einem meiner Lieblingsmusiker.




Nov 16, 2016


RIFF RAFF - Riff Raff (RCA Records SF 8351, 1973)

Im Jahre 1969 waren der Keyboarder Tommy Eyre und der Gitarrist und Bundlos-Bassist Roger Sutton musikalisch zwar auf einer Wellenlänge, spielten aber bisher nicht zusammen. Tommy Eyre war zu dem Zeitpunkt  in Joe Cocker's Begleitband aktiv, die auch unter dem Namen Grease Band bekannt war. Als er die Gruppe nach Joe Cocker's grossem Hit "With A Little Help From My Friends" verliess, beschloss er, in London zu bleiben und nach einer musikalischen Neuausrichtung zu suchen. Er schloss sich kurzzeitig der Aynsley Dunbar Retaliation an und lernte dort Roger Sutton kennen, um kurz danach gemeinsam mit dem Schlagzeuger Aynsley Dunbar das Band-Projekt Blue Whale zu starten, welches wiederum nur eine kurze Zeit existierte, jedoch trotzdem auch ein Album einspielte, das heute sehr gesucht ist ("Blue Whale"). Aynsley Dunbar erhielt die Chance, in der Band von Frank Zappa zu spielen, weshalb Blue Whale in Windeseile wieder auseinanderfiel. Tommy Eyre und Roger Sutton schlossen sich mit den beiden ehemaligen John Mayall-Musikern Jon Mark und Johnny Almond zusammen. Es entstand die erste Inkarnation der Mark-Almond Band, die mit Roger Sutton ihre ersten beiden Alben einspielte. Tommy Eyre war ebenfalls mit von der Partie, blieb aber länger als Roger Sutton, der nach den ersten beiden Alben bei Mark-Almond ausstieg, um seine eigene Band Riff Raff zu gründen.

Da sich Jon Mark auch nicht mit Tommy Eyre verstand, was vor allem persönliche Differenzen als nur die musikalische Ausrichtung der Gruppe betraf, quittierte auch Eyre seinen Dienst bei Mark-Almond und schloss sich wieder Roger Sutton an. Die beiden hatten zuvor schon ein gemeinsames Bandprojekt geplant gehabt, es aber aufgrund des Engagements bei der Mark-Almond Band erst einmal auf Eis gelegt. Dieses ursprüngliche Bandprojekt nannten die beiden STRABISMUS. Hieraus entstand nun die Gruppe Riff Raff, für welche Tommy Eyre und Roger Sutton die zusätzlichen Musiker Peter Kirtley (Gitarre), Aureo De Souza (Schlagzeug) und Bud Beale (Saxophone) rekrutierten. Peter Kirtley war eine wohlbekannte Grösse in und um Newcastle, spielte schon in zahlreichen Bands mit und verfolgte dieselben musikalischen Ziele wie Eyre und Sutton. De Souza spielte zuvor bei Paul Horn und der Gruppe Nucleus, der Saxophonist Bud Beale bei Ginger Baker in dessen eher kurzlebigen Band Air Force. Der Gitarrist Peter Kirtley spielte in Graham Bell's Gruppe Griffin, welcher zeitweise auch der spätere Yes-Schlagzeuger Alan White angehörte.

Den Sound, welche die neue Gruppe dann auf ihrem ersten Album "Riff Raff" präsentierte, war eine äusserst kompetente und anspruchsvolle Mischung aus typischem progressivem Rock jener Tage, verspielt arrangiert mit zahlreichen jazzigen Elementen und vor allem auch immer wieder mit mehrheitlich verträumten Folk-Sprenkeln gewürzt. Dieser leichte Folk-Anteil jedoch geriet fast zum Markenzeichen der Gruppe, was sie stilistisch in die Nähe anderer, bekannter Protagonisten brachte, wie beispielsweise die Gruppen Beggars Opera oder die Strawbs. Da die Musiker jedoch auch immer wieder jazzig agierten und ihren Songs durchaus auch grundlegende Jazz-Arrangements und -Melodien verpassten, dürften die Jahre mit Mark-Almond bei Tommy Eyre und Roger Sutton einen durchaus hörbaren Eindruck hinterlassen haben.

Der Opener "Your World" präsentiert schon einen bemerkenswert ähnlichen Sound, wie ihn auch Mark-Almond in ihrer Anfangphase gespielt haben. Ueber einem fast schwebenden Gesamtbild erklingen bisweilen recht fragile Flöten- und Klavierklänge. Ausserdem unterstützt eine 12-saitige akustische Gitarre den Folk-Eindruck, der dem Stück eine sehr elegante Note verpasst. Auch die nachfolgenden Stücke "For Every Dog" und "Little Miss Drag" verstärken diesen Eindruck noch. Besonders in "Little Miss Drag" erreicht die Band schon fast einen Pop-Charakter, der durchaus Radio-Potential hatte. Dies wiederum haben die Fans der Gruppe den Musikern allerdings übel genommen, denn zugegebenermassen konnte man so einen schon fast unverschämt kommerziellen Folkrock-Song kaum erwarten. Trotzdem gefällt er und passt vor allem gut ins Gesamtkonzept hinein. Gerade ein Song wie "Little Miss Drag" lockert das Programm der ganzen Platte sehr auf und lässt sie dadurch nicht kopflastig wirken. Die zwei Highlights der Platte sind die beiden die Seite B der originalen LP füllenden Titel "You Must Be Joking" und das elegische "La Même Chose". Letzteres ist ein heerlicher Jam, der flockig und federleicht im folkigen und jazzigen Bereich operiert, aber immer wieder von rockigen Parts konterkariert wird.

Aufgenommen wurde das tolle Werk in den legendären Manor Studios in Monmouth England im September 1973. Der Tonmeister Tom Newman hatte sich zu dem Zeitpunkt schon selbst zur späteren Legende gemacht, indem er kurz zuvor Mike Oldfield's Debutalbum "Tubular Bells" in eben diesem Studio fertiggestellt hatte. Newman hat auch aus Riff Raff's Erstlingswerk ein tolles akustisches Juwel gezaubert. Gemixt wurde die Platte ebenfalls von einem sehr prominenten Studio-Techniker: Eddy Offord, dessen prominenteste Klientel in den Tonstudios so illustre Namen wie Yes oder Emerson Lake & Palmer trug. Unter der Leitung von Produzent Martin Rushent spielte die Gruppe Riff Raff im Jahr darauf ein weiteres Album ein, das mit einer leicht veränderten Besetzung eingespielt wurde ("Original Man"). Probleme taten sich jedoch schon kurz nach der Veröffentlichung auf vielfache Weise auf: Der Schlagzeuger Aureo De Souza, brasilianischer Staatsbürger erhielt keine Verlängerung seiner Arbeitsgenehmigung in England, ging zurück nach Brasilien. Peter Kirtley nahm ein Angebot an, in der Alan Price Band einzusteigen, während Tommy Eyre und Roger Sutton sich in der Folge hauptsächlich auf die Arbeit im Tonstudio konzentrierten.

Das Debutalbum von Riff Raff dürfte den Wenigsten bekannt sein, was im Grunde nicht weiter erstaunt, da es nach Erscheinen kaum promotet wurde von der Plattenfirma RCA, die wohl gut daran getan hätte, die Gruppe auf ihrem eigens für progressive Werke aufgestellten Label Neon Records zu lancieren. Zum musikalischen Programm dieses Labels hätten Riff Raff gut gepasst. Doch da war seitens RCA Records zu dem Zeitpunkt, Ende 1973, auch deren Neon Records Unterlabel bereits Geschichte. Der Glam Rock begann seinen Siegeszug um die Welt und RCA kümmerte sich vor allem um vielversprechende junge Talente wie David Bowie und zeigte immer weniger Interesse an progressiven Rockgruppen. Dieser Geschäftsstrategie, die sich in kommerzieller Hinsicht letztlich natürlich als richtig erwies, fielen neben vielen anderen Progressive Acts auch Riff Raff zum Opfer, was natürlich letztlich schade ist, dem Interessierten aber nachwievor die Möglichkeit bietet, solche Perlen wie das erste Riff Raff Album auch nach Jahrzehnten noch für sich zu entdecken.