Mar 19, 2018


LEE MICHAELS - Barrel (A & M Records SP 4249, 1970)

Lee Michaels ist einer der grossen verlorenen Künstler der Rock'n'Roll der 70er Jahre. Als seelenvoller Sänger mit einer unglaublichen Bandbreite und in der Lage, grosse Emotionen auszudrücken, war Michaels auch ein talentierter Songwriter und Keyboarder. Seine Auftritte basierten auf seiner vertrauten Hammond Orgel, noch bevor Bands wie Deep Purple und Uriah Heep ihre Keyboardsounds mit in den Vordergrund schoben. Michaels mied häufig die Verwendung einer vollen Band zugunsten der Begleitung lediglich durch einen Schlagzeuger mit dem Pseudonym 'Frosty' (richtiger Name Bartholomew Eugene Smith-Frost) für zwei seiner ersten vier Alben und den ehemaligen Grass Roots Musiker Joel Larson auf seinem Bestseller-Album "Fifth".

Lee Michaels war einzigartig: Niemand hatte sich während seiner bekanntesten Phase und seines kommerziellen Höhepunkts, also etwa zwischen 1968 und 1972, wie Lee Michaels angehört, und niemandem war er seitdem näher gekommen. Leider dürfte inzwischen ein Grossteil der hervorragenden originalen Alben von Lee Michaels schwierig, wenn nicht sogar unmöglich auf CD zu finden sein, vielleicht mit der Ausnahme von "Fifth", seinem bekanntesten Werk, das ein paar Hits hervorgebracht hat, einschliesslich dem zeitlosen "Do You Know What I Mean", das damals Platz 6 bei den Billboard-Singles Charts erreichte und Michaels Coverversion des Marvin Gaye-Hits "Can I Get A Witness", das es imemrhin auf Rang 39 schaffte. In Ermangelung leicht verfügbarer CDs haben Fans und Sammler in den letzten Jahren wieder vermehrt nach originalen VInylalben des Musikers gesucht. Diese findet man durchaus öfters, auch wenn sie teilweise in sehr gutem Zustand auch ihren Preis haben. Die Suche nach seinen Werken lohnt sich aber unbedingt, und als grossen Geheimtipp empfehle ich persönlich sein 1970 erschienenes Album "Barrel".

"Barrel" ist nicht nur musikalisch ein hervorragendes Album, es überzeugt auch durch eine beeindruckende Vielfalt an teils knallharten politischen und gesellschaftskritischen Songtexten. Es ist aus heutiger Sicht durchaus möglich, dass sich Lee Michaels kommerziellen Erfolge und seine teils unverblümten und offenen Kritiken an der Gesellschaft und am politischen System (Stichwort Vietnamkrieg) per se ausschlossen. "Barrel" war fast so etwas wie eine LP mit einem Gewissen, auf welchem Lee Michaels in rechtschaffenem Protestmodus über den Vietnamkrieg ("What Now America ?", "Thumbs", "When Johnny Comes Marching Home") und über Ungerechtigkeit und Polizeibrutalität sang ("Murder In My Heart (For The Judge"), "Mad Dog", sowie ein paar bittersüsse Liebeslieder ("Didn't Know What I Had", "Day Of Change") und das grossartige "Ummm My Lady" hinzuzufügen, um das Album letztlich auch textlich doch noch ausgewogen und teilweise versöhnlich dastehen zu lassen.

Für dieses Album brachte Michaels den Gitarristen Drake Levin zurück; Der Musiker spielte auf dem gesamten Album und spielte eng mit Michaels und Frosty zusammen. Levins geschickter Einsatz des Leslie Cabinets (drehendes Lautsprechergehäuse), das als Verstärkung des vorherrschenden Hammond Sounds unterstützend und erweiternd wirkte, war besonders attraktiv. "What Now America" ​​griff thematisch erneut dort auf, wo das vorherige Album "The War" aufgehört hatte. Der gesellschaftlich desolate Zustand seiner Heimat war und blieb ein zentrales Thema für Lee Michaels. Ein seltenes Michaels-Liebeslied, "Ummmmm My Lady", wurde als Singleauskopplung ausgewählt, blieb aber weitgehend erfolglos und konnte die Charts nicht erobern. "When Johnny Comes Marching Home" kam als waschechter militärischer Marsch daher und war fast zur Hälfte seiner Laufzeit auf Frosty's Snare Drum ausgelegt. Eine Coververson von Moby Grape's angriffigem Titel ("Murder In My Heart (For The Judge") indes erfuhr in der Version von Lee Michaels eine gewisse Abschwächung, es klang gefühlvoller als das radikale Original. "Day Of Change" überzeugte durch eine tragende und durchgehend warme Hammond Melodik. "Didn't Know What I Had" zeigte den Künstler kompetent am E-Piano, und dies war ungewöhnlich, denn dieses Instrument setzte Lee Michaels nur ganz sporadisch ein. Schade, wenn man diese Nummer hören konnte: Vielleicht wäre seine Hammond dominierte Musik abwechslungsreicher geraten und dadurch vielleicht auch kommerziell erfolgreicher.

"Barrel" erreichte den respektablen Rang 51 in den amerikanischen Album Charts; es war Michaels bisher beste Chartperformance und ein Vorgeschmack auf die kommenden Erfolge, die sich durchaus einstellen sollten, jedoch in Anbetracht der hohen Qualität seiner Musik dennoch eher als enttäuschend gewertet werden mussten. Lee Michaels blieb letztlich ein Geheimtipp unter Kennern - dieser Status verstärkte sich noch, als er abrupt das Musikgeschäft hinter sich liess. Der spätere Aufenthaltsort von Lee Michaels blieb geheimnisumwittert, da er sich komplett aus der Musikszene zurückzog. Es gab Gerüchte über einen Hörverlust und den Rückzug nach Hawaii. Verbürgt ist, dass er der Mitbesitzer eines "Killer Shrimp" Restaurants in Südkalifornien war. Barrel" kann man als waschechte Hippie-Platte im klassischen Sinne bezeichnen, mit viel Esprit aus den 60er Jahren, obwohl sie Anfang 1970 veröffentlicht wurde. Es ist mein ganz persönliches Lieblings-Album von Lee Michaels und ein Muss für jede Musiksammlung. Nicht viele Leute haben von Lee Michaels gehört. Er war jedoch ein sehr talentierter Musiker. In gewisser Weise war er wie Todd Rundgren. Sein Klavierspiel war absolut grossartig und er war ein Künstler, der den Begriff Qualität sowohl in Bezug auf seine Musik, wie auch auf seine Liedertexte absolut ernst nahm. Schade, dass er heute praktisch vergessen ist.









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