Sep 8, 2017


GREENSLADE - Bedside Manners Are Extra
(Warner Brothers Records K 46259, 1973)

Die nach seinem Nachnamen benannte Band Greenslade wurde im Jahre 1972 von dem Keyboarder Dave Greenslade gegründet. Er und der Bassist Tony Reeves hatten bereits vorher zusammen bei der Jazzrock-Band Colosseum gespielt. Der Keyboarder Dave Lawson stiess von der Band Samurai dazu und Andrew McCulloch war als Mitglied von King Crimson bekannt geworden. Er spielte Schlagzeug auf deren drittem Album "Lizard", welches im Jahre 1970 veröffentlicht wurde. Dave Greenslade wurde zunächst vor allem durch seine Mitgliedschaft in der Jazzrock-Band Colosseum bekannt, für die er die später legendär gewordene und albenseitenfüllende Suite "Valentyne Suite" komponierte. Nach dem frühen Ende der ersten Inkarnation der Band im Jahre 1971 arbeitete er als Sessionmusiker weiter, bevor er seine eigene Gruppe ins Leben rief.

Dave Greenslade wurde später vor allem wegen seines aufwändigen Doppelalbums "The Pentateuch Of The Cosmogony" aus dem Jahre 1978 bekannt, das er zusammen mit dem Fantasy-Künstler Patrick Woodroffe gestaltete. Woodroffe hatte 'The Pentateuch' als Buch bereits fertiggestellt und bat Dave Greenslade, für dessen Band Greenslade er einige Jahre zuvor ein Plattencover gestaltet hatte, eine passende Musik zu seinem Buch zu schreiben. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit, der wohl ambitionierteste Versuch eines Gesamtkunstwerks im Progressive Rock, erschien als aufwändiges Gatefold-Album mit einem 50-seitigen Buchteil, das eine Science Fiction-Schöpfungsgeschichte in einer eigens entwickelten piktographischen Schrift (mit Übersetzung ins Englische) und zahlreiche Illustrationen Woodroffes enthielt, während die Platte von Dave Greenslade ersponnene und alleine umgesetzte Musik der entsprechenden untergegangenen ausserirdischen Zivilisation bot. Das Album war mit einer Auflage von lediglich 50000 Exemplaren erschienen und geriet bald zum sehr geschätzten Sammlerstück. In den 90er Jahren wurde es im CD-Format wiederveröffentlicht, mit vollständigem, aber verkleinertem Buchteil.

Doch zurück zu Dave Greenslade's erster Band. In der ersten Besetzung spielte die Band drei Alben ein, "Greenslade" (1972), "Bedside Manners Are Extra" (1973) und "Spyglass Guest" (1974). Als Covergestalter konnte der populäre Fantasy-Künstler und Yes-Hofmaler Roger Dean gewonnen werden. Er entwarf die für Greenslade ikonisch gewordene vielarmige Figur. Allerdings wurde keines der Alben ein herausragender Erfolg. Tony Reeves verliess die Band im Jahre 1974 und schloss sich der Gruppe Curved Air an, er wurde während einer US-Tournee sowie auf dem vierten Album "Time And Tide", welches 1975 erschien, durch den Bassisten Martin Briley ersetzt, der auf "Time And Tide" auch einige Gitarrenpassagen beitrug. 1976 löste Dave Greenslade seine Band auf.

Bemerkenswert an der Gruppe war, dass sie zwar mit zwei Keyboardern, jedoch ohne festen Gitarristen agierte, im Falle des Albums "Bedside Manners Are Extra" sogar gänzlich ohne Gitarenklänge auskam. Dies tat der musikalischen Spannung jedoch keinen Abbruch. Der Titelsong "Bedside Manners Are Extra" begann äusserst verhalten und sanft mit einem leichten Bass und subtilen Klavierklängen, sowie mit Dave Lawson's dezentem Gesang, erfreulicherweise noch ohne seinen späteren Hang zum kreischen. Dann trat das Mellotron hinzu, nicht bombastisch wie so oft, sondern auch sehr sanft. Abrupt ging es dann in einen flotten Part mit jazzigem E-Piano über, gegen Ende setzte noch ein etwas burlesk wirkender Synthesizer ein. Das instrumentale "Pilgrim's Progress" geriet vielleicht schon zum frühen Highlight auf dieser Platte. Eingeleitet wurde das Stück vom atmosphärischen Mellotron, das hierbei fast Flöten-artig klang, dann setzte ein furioses Orgelspiel ein. Der Mittelteil wirkte eher getragen, hier stand das Mellotron wieder im Vordergrund. Schliesslich ging es wieder in einen furiosen Orgelteil über.

"Time to Dream" war insgesamt etwas einfacher gestrickt, eine Tendenz, die bei den Gesangsstücken von Greenslade häufiger zu beobachten war. Seinen Reiz gewann der Song durch das Greenslade-typische üppige Keyboard-Arsenal, das die Musik allerdings nie in Bombast ersticken liess. Das Stück "Drum Folk" war ein weiterer Favorit; wie der Titel schon andeutete, spielte das Schlagzeug hier eine dominierende Rolle. Es war das einzige Greenslade-Stück, bei dem der Schlagzeuger Andrew McCulloch als Mitkomponist genannt wurde. Über weite Strecken kam hier eine eher jazzige und leicht Canterbury-orientierte Seite der Band zum Tragen, besonders im furiosen E-Piano Wirbel. Den Mittelteil des Stücks bildete ein langes Schlagzeugsolo, gefolgt von einem schönen lyrischen Flöten-Mellotronsolo. Die anschliessend einsetzende Orgel verlieh diesem Teil des Stücks einen leichten Pink Floyd Einschlag. Beim nachfolgenden "Sunkissed You're Not" zeichnete Dave Lawson sowohl für den Songtext, als auch für die Musik verantwortlich, und das bedeutete auch hier ein etwas einfacher strukturiertes Stück. Aber das wunderschöne und trotzdem abwechslungsreiche Keyboardspiel machte den Song äusserst interessant. Mit "Chalkhill" folgte danach ein weiteres Instrumentalstück, diesmal in eher gemächlichem Tempo.

Auf Greenslades drittem Album "Spyglass Guest", das "Bedside Manners Are Extra" folgte, hatte der Gitarrist Dave 'Clem' Clempson, der zuvor bei Humble Pie und auch bei Colosseum mitgespielt hatte, einen Gastauftritt, er war auf zwei Songs des Albums zu hören. Alle Greenslade-Alben wiesen insgesamt eine charakteristische Balance zwischen Songs und Instrumentals, akustischen und elektrischen Parts, Progressive Folk und Rock auf, eingekleidet zumeist in weiche Sounds, die hauptsächlich aus Greenslade's Keyboards stammten. Dave Greenslade's Kompositionen und Soli waren dabei auch immer wieder durch leichte Jazzfärbungen geprägt. Nachdem er die Gruppe Greenslade aufgelöst hatte, veröffentlichte Dave Greenslade mit dem Album "Cactus Choir" quasi ein erstes Soloalbum, das inhaltlich ein Quasi-Konzeptalbum war, das die Kolonisation des Wild West Amerikas abbilden sollte. Das inhaltlich eher fragwürdige Konzept wich allerdings einer üppigen und durchaus hörenswerten Instrumentierung. Die Songs hatten zwar mit dem Progressive Rock der Alben, welche unter dem Namen Greenslade erschienen waren, nicht mehr viel gemein, doch spielten auf "Cactus Choir" eine ganze Reihe hochkarätiger Musiker mit, unter ihnen etwa der Schlagzeuger Simon Phillips, der Bassist John G. Perry (ehemals bei der Canterbury-Gruppe Caravan tätig) oder auch der Rare Bird Sänger Steve Gould und der Procol Harum Gitarrist Mick Grabham.

Im Jahre 2000 veröffentlichte die Plattenfirma Mystic Records das Live-Album "Live". Daraufhin beschloss Dave Greenslade, ein neues Greenslade-Studioalbum einzuspielen. Er versuchte, die Band wiederzuvereinigen und konnte von der Originalbesetzung zumindest den Bassist Tony Reeves für das Projekt gewinnen. Die beiden gingen mit dem Schlagzeuger Chris Cozens und dem Sänger und Keyboarder John Young (vorher bei Asia und Qango) ins Studio und nahmen das Album "Large Afternoon" auf. Es wurde von Chris Cozens produziert. Für die darauffolgende Tour wurde Cozens allerdings durch John Trotter ersetzt. Eine Live-Veröffentlichung namens "Greenslade 2001 - Live: The Full Edition" dokumentierte diese Konzerte. Die Band wurde bis heute nicht offiziell aufgelöst und spielt hin und wieder Konzerte. Im Frühjahr 2007 bestand sie aus Dave Greenslade, Tony Reeves und John Young.







Sep 7, 2017


THE SMITHS - The Queen Is Dead (Rough Trade Records ROUGH 96, 1986)

The Smiths waren eine britische Independent Rockband der 80er Jahre, die 2004 vom Musikmagazin Nwe Musical Express noch vor den Beatles zum 'Most Influential Artist Ever' gekürt wurde. 1982 gründeten der Gitarrist Johnny Marr und der Sänger Morrissey die Band, für die sie auch die Songs schrieben. Nach dem Weggang von Marr löste sich die Gruppe im September 1987 auf. Die Smiths wurden oft als Vorläufer des Indie-Rock angesehen. Die Band hatte vor allem auf den Britpop der 1990er Jahre grossen Einfluss. In der Musik der Smiths fanden sich Elemente von traditionellem Rock, eingängige Refrains mit markanten Hooklines sowie Versatzstücke aus Punk und Rockabilly. Charakteristisch war zum einen das Gitarrenspiel Johnny Marrs, insbesondere aufgrund der harmonisch komplexen Pickings und der für Popsongs teilweise ungewöhnlichen Akkordprogressionen. Zum anderen war Morrisseys Gesangsstil markant, in dem er Belcanto-Elemente, vor allem Koloraturen, und Traditionen des Croonings verbindet. Auf der Textebene fanden sich häufig Variationen von Topoi der Melancholie, die mit ironisierendem Sarkasmus konterkariert wurden. Morrissey avancierte durch seine assoziationsreiche Lyrik, die teils extravagante Performance und provokante Statements gegenüber der Musikpresse in den 80er Jahren zu einer Popikone. Obwohl die Smiths ausserhalb Grossbritanniens kommerziell kaum erfolgreich waren, stehen sie heute im Rang einer sogenannten Kultband. Viele Rockbands und Musiker (darunter etwa Radiohead, Oasis, Deftones, Placebo, The Libertines, Belle and Sebastian, Muse, Suede, Blur, Paul van Dyk) haben den Smiths Einfluss auf ihre Musik bescheinigt.

Anfang 1982 beschloss der damals 18-jährige Gitarrist John Martin Maher (später: Johnny Marr), der als Verkäufer in einem Bekleidungsgeschäft in Manchester arbeitete, eine Band zu gründen. Als Bandmitglied wünschte er sich Steven Patrick Morrissey, der in der Musikszene Manchesters als exzentrische Aussenseiterfigur bekannt war, dem Maher 1979 bei einem Konzert der amerikanischen Rocksängerin Patti Smith begegnet war. Mit Hilfe eines Freundes soll er den damals 23-jährigen Morrissey ausfindig gemacht und ihm einen Besuch abgestattet haben. Bald darauf begannen Marr und Morrissey gemeinsam Songs für ihre Band zu schreiben, wobei Marr für die Musik und Morrissey für Texte und Gesang zuständig war. Kurze Zeit darauf wurde Mike Joyce als Schlagzeuger und Dale Hibbert als Bassist engagiert, der aber bald durch Andy Rourke, einen Klassenkameraden von Marr, ersetzt wurde. Im Zuge der Bandgründung beschloss Morrissey als Künstlernamen nur seinen Familiennamen zu verwenden. Maher änderte hingegen seinen Namen zu Johnny Marr, angeblich wegen Verwechslungen mit John Maher, dem Schlagzeuger der Band Buzzcocks.

Als Bandnamen habe er The Smiths gewählt, so Morrissey in einem Interview, weil es ein ganz gewöhnlicher Familienname sei und es an der Zeit sei, dass gewöhnliche Leute der Welt ihre Gesichter zeigten. Fans deuteten die Wahl des Bandnamens dennoch auch anders. Verbreitete Vermutungen besagen, Morrissey und Marr huldigten mit der Namensgebung etwa Patti Smith, dem Sänger der Band The Fall Mark E. Smith oder auch David Smith, einem Schwager der Massenmörderin Myra Hindley, der der Polizei half, sie und ihren Mittäter Ian Brady zu überführen. Den ersten Live-Auftritt hatten The Smiths im Lokal Ritz in Manchester; wobei bei den ersten Auftritten noch der Sänger James Maker, ein Bekannter von Morrissey, als Gogotänzer auf der Bühne agierte, jedoch später nicht mehr auftrat. Bald folgten erste Demoaufnahmen. Einen Vertrag mit der stilprägenden Plattenfirma Factory Records aus Manchester, bei der unter anderem New Order und Joy Division veröffentlichten, lehnten The Smiths angeblich ab. Anfang 1983 erhielten sie dann von Rough Trade Records das Angebot für die Produktion einer ersten Single: "Hand In Glove" wurde am 13. Mai 1983 veröffentlicht und gelangte, obwohl das Lied, wie auch viele spätere, von dem englischen Radio-DJ John Peel empfohlen wurde, in der britischen Hitparade nur auf Platz 124.

Bald bildete sich um die Gruppe eine kleine Anhängerschaft und im Februar 1984 veröffentlichen The Smiths ihre erste Langspielplatte. Das bloss mit dem Bandnamen betitelte Debütalbum erreichte den zweiten Platz der britischen Hitparade. Die Rezeption war zwiespältig. Einige Fans behaupteten damals, den Liedern fehle aufgrund der Produktions- und Aufnahmetechnik die künstlerische Aura, die The Smiths als Liveband besässen. Nach der Veröffentlichung des Albums fokussierte sich die englische Musikpresse auf Morrissey, der seine depressive Jugend, eine nicht eindeutige sexuelle Orientierung sowie seinen angeblich zölibatären Lebensstil öffentlich machte. Zudem entwickelte sich eine Diskussion um die Texte der Lieder ("Reel Around The Fountain", "The Hand That Rocks The Cradle", "Handsome Devil"), die angeblich pädophile Andeutungen enthielten. Das umstrittene Lied "Suffer Little Children", dessen Text die von Myra Hindley und Ian Brady in den 60er Jahren in Manchester begangenen Moormorde thematisierte, stiess bei den Angehörigen der Opfer auf Empörung. Im selben Jahr wurde ausserdem das Album "Hatful Of Hollow" veröffentlicht. Darauf waren B-Seiten der ersten Singles, BBC Radio Session-Mitschnitte sowie bis dahin unveröffentlichte Songs versammelt, darunter die Top 10-Single "William, It Was Really Nothing" und das erst später als Single veröffentlichte Stück "How Soon Is Now ?". Das Anfang des Jahres 1985 erschienene Album "Meat Is Murder" enthielt dezidierte gesellschaftspolitische Aussagen. Das Titelstück "Meat Is Murder" war beispielsweise als musikalisches Bekenntnis in der Vegetarierbewegung populär. Seine Bekanntheit steigerte Morrissey zudem durch verbale Angriffe auf die damalige Premierministerin Margaret Thatcher und gegen das Hilfsprojekt 'Band Aid', das von zahlreichen populären Musikern unterstützt wurde.

1986 war vor allem von extensiven Tourneen durch Grossbritannien, die USA und Europa wie auch von der Arbeit an dem von der Kritik hochgelobten Album "The Queen Is Dead" geprägt. Ein grosses Problem, das die Smiths in dieser aufregenden Zeit beinahe ins Wanken gebracht hätte, war die Heroinabhängigkeit des Bassisten Andy Rourke. Rourkes Sucht wurde jetzt so augenscheinlich, dass er nicht mehr in der Lage war, auf der Bühne zu stehen. Nach langen Diskussionen entschied man, dass es das Beste wäre, Rourke zeitweilig aus der Band zu entlassen und an seiner Stelle den Bassisten und Gitarristen Craig Gannon einzustellen. Rourke erholte sich jedoch schnell und wurde nach nur zwei Wochen wieder in die Band aufgenommen. Auch Johnny Marr hatte in dieser Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Seit die Band von ihrer letzten US-Tournee zurückgekehrt war, hatte er die Gewohnheit angenommen, zu viel Alkohol zu trinken. Dazu kam, dass er gefährlich viel an Gewicht verloren hatte und sich vor fast jedem Liveauftritt der Band übergeben musste. In der Zwischenzeit kletterte das aktuelle Album "The Queen Is Dead" auf Platz 2 der britischen Charts und wird heute als ein Meilenstein in der Musikgeschichte gesehen. Viele Musikzeitschriften wie der New Musical Express und der Rolling Stone platzierten es in die obersten Ränge der besten Rockalben, das Spin Magazine kürte es 1989 sogar zum 'Best Album Ever Made' ('Das beste Album, das je aufgenommen wurde'). Die nicht auf dem Album enthaltene Single "Panic" brachte die Smiths neuerlich ins Rampenlicht der Klatschzeitschriften, da der Ich-Erzähler darin forderte, Diskjockeys aufzuhängen und Diskotheken niederzubrennen ("Burn down the disco, hang the blessed DJ"). Morrissey und Marr schrieben den Song im April 1986, als der Radio-DJ Steve Wright zuerst die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl verkündete und gleich darauf den Wham!-Song "I’m Your Man" gespielt hatte.

"The Queen Is Dead" war das dritte Studioalbum der Smiths. Es wurde am 16. Juni 1986 im Vereinigten Königreich bei Rough Trade Records veröffentlicht. Am 23. Juni 1986 erschien das Album in den USA auf dem Markt, wo es Platz 70 der Billboardcharts erreichte. Auf "The Queen Is Dead" verbanden The Smiths verschiedene Musikstile, wie Rockabilly, Pop und Punkrock, und prägten damit die Musik der späten 80er in England. Das Magnum Opus der Band zählte nicht nur zu den einflussreichsten Alben des Indie-Rocks, sondern galt darüber hinaus auch als Meilenstein der Musikgeschichte und nahm in entsprechenden Listen vordere Plätze ein. Dass Leadsänger Morrissey ein grosser Fan von britischen Filmen der Stilrichtung des sogenannten 'Kitchen Sink Realism' aus den 60er Jahren ist, wurde an mehreren Stellen des Albums deutlich. So verwendete er für "The Queen Is Dead" Teile der Filmmusik von 'The L-Shaped Room' aus dem Jahre 1962. Das von ihm gestaltete Albumcover zeigte den französischen Schauspieler Alain Delon aus dem französischen Film noir 'Die Hölle von Algier' von 1964. Der Song "There Is A Light That Never Goes Out" wurde von Morrissey als Abschlusssong seiner Konzerte auf der 'You Are The Quarry' Tour 2004 gewählt. "Some Girls Are Bigger Than Others" wurde auf der USA-'Tour Of Refusal' 2009 von Morrissey regelmässig gespielt.

Auch 1987 setzten die Smiths ihren Erfolg fort und stiegen mit ihren Singles fast immer in die britischen Top 20 ein. Im Laufe des Jahres wurden zwei Compilation-Alben, "The World Won’t Listen" (für den europäischen Markt) und "Louder Than Bombs" (für den amerikanischen Markt), auf denen viele Singles und B-Seiten sowie einiges 12"-Füllmaterial enthalten waren, veröffentlicht. Trotz dieser Erfolge wuchsen die Ungereimtheiten und Konflikte zwischen den Mitgliedern der Gruppe immer weiter an. Vor allem musikalisch hatten sich Morrissey und Marr in völlig verschiedene Richtungen entwickelt. Marr wollte neue Stile in die Arbeit der Smiths miteinbeziehen und mit anderen Musikern zusammenarbeiten, wogegen sich Morrissey strikt wehrte. Obwohl nach der Veröffentlichung des vierten und letzten Studioalbums der Gruppe, "Strangeways, Here We Come", kaum jemand mehr an das Weiterbestehen der Gruppe glaubte, war es ein grosser Schock für Morrissey, als Marr die Band im August 1987 abrupt verliess. Morrissey, Rourke und Joyce versuchten danach, mit anderen Gitarristen weiterzumachen, merkten aber recht schnell, dass The Smiths ohne Marr nicht existieren konnten. Die offizielle Trennung erfolgte im September 1987.

Kurz nach der Trennung der Band begann Morrissey an seiner Solokarriere zu arbeiten und engagierte 1988 den Produzenten Stephen Street, der auch schon für das letzte Smiths-Album "Strangeways, Here We Come" verantwortlich zeichnete. Marr spielte in den Folgejahren mit diversen Künstlern zusammen, unter anderem mit The The, Talking Heads, The Pretenders, Paul McCartney und Electronic. Zurzeit ist er Bandleader von Johnny Marr And The Healers, in der Zak Starkey, der Sohn von Ringo Starr von The Beatles mitspielt. 2006 trat Johnny Marr der Indierock-Band Modest Mouse bei, welche 2007 ihr erstes gemeinsames Album veröffentlichten. Andy Rourke und Mike Joyce arbeiteten nach der Trennung zumeist als Studio-Musiker, etwa für Julian Cope, Sinéad O’Connor, Badly Drawn Boy (nur Andy Rourke), die Buzzcocks (nur Mike Joyce) und Vinnie Peculiar. Im ersten Jahr nach der Trennung (1988) erschien plötzlich und unerwartet das einzige offizielle Live-Album von The Smiths mit dem Namen "Rank". Hierbei handelte es sich um die Aufnahme eines der letzten Smiths-Konzerte (Kilburn, 23. Oktober 1986). Als Bootlegs kursierten auch Aufnahmen des letzten Konzerts (12. Dezember 1986, Brixton Academy, London). Bei diesem Konzert spielten The Smiths als einziges Mal den bei Fans beliebten Song "Some Girls Are Bigger Than Others" vom Album "The Queen Is Dead". In der 50-jährigen Jubiläumsausgabe des einflussreichsten britischen Musikmagazins New Musical Express wurden die Smiths zum 'Greatest Artist Of All Time' gewählt, noch vor den Beatles und den Rolling Stones. Der Einfluss der Smiths auf die Musikgeschichte war und ist immens, angefangen vom Indie-Pop bis hin zum Britpop. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Gerüchte um eine Wiedervereinigung der Smiths. Morrissey gab auf die Frage, ob er sich noch einmal eine Zusammenarbeit mit Johnny Marr vorstellen könne, die Antwort: "Lassen Sie es mich so ausdrücken: Nein".

Im Jahr 1996 gerieten die Smiths wieder in die Aufmerksamkeit der Medien, als der Schlagzeuger Mike Joyce die ehemaligen Bandkollegen Morrissey und Marr auf Entschädigungszahlungen verklagte. Während des Bestehens der Band hatte es nie schriftliche Vereinbarungen mit Rourke und Joyce über deren finanzieller Beteiligung an der Band gegeben. Weil die Gruppe offiziell nur aus Morrissey und Marr bestanden hatte, bekamen die beiden anderen Bandmitglieder nur den Betrag, den die Gründer der Smiths für sie vorgesehen hatten, das waren allerdings nur jeweils 10 % des Gesamteinkommens der Smiths. Joyce empfand dies als Betrug und verlangte ein Viertel des Gesamteinkommens der Band, obwohl er an der Entstehung der Songs eigentlich nie beteiligt gewesen war. Auch wenn der Richter Morrissey und Marr zu Entschädigungszahlungen verurteilte, ist der Rechtsstreit bis heute nicht eindeutig geklärt. Andy Rourke arbeitet seit 2007 mit Peter Hook und Gary Mounfield an einem neuen Bandprojekt namens Freebass.

The Smiths gelten heute als Mitbegründer des Indie-Rock. Ihr Stil ergibt sich vor allem aus Morrisseys aber auch Johnny Marrs Musikgeschmack. Da sich Marr und Morrissey nicht nur charakterlich, sondern auch hinsichtlich ihrer musikalischen Vorlieben unterschieden, entwickelte sich aus Marrs Musik und Morrisseys Texten eine auf Gegensätze aufbauende Mischung, die den Stil der Smiths ausmachte. Morrissey, der genauso wie die übrigen drei Bandmitglieder als Kind der Arbeiterklasse aufwuchs, hatte schon von früher Jugend an grosses Interesse an Pop- und Rockmusik. Was dabei vor allem in den Stil der Smiths einfloss, war seine Vorliebe für die Punk- und Glamrockband New York Dolls sowie für 60er-Jahre-Popsänger(innen) wie Sandie Shaw, Cilla Black, Billy Fury und Marianne Faithfull. Marr war eher klassischer Rockmusik wie von den Rolling Stones und Patti Smith zugewandt, hatte aber, genauso wie der Bassist Andy Rourke, auch eine Vorliebe für Funk, was sich in den Gitarrenriffs und einer oft federnden Basslinie bemerkbar machte. Schlagzeuger Mike Joyce war eher dem Punkrock zugewandt und seine Technik eher rau und ungekünstelt. Morrissey behauptete, dass die Smiths stilistisch von niemandem nachhaltig beeinflusst worden seien und musikalisch etwas völlig Neues darstellten. The Smiths vertrauten vor allem am Beginn ihrer Karriere fast ausschliesslich auf die Möglichkeiten einer typischen Rockband-Besetzung mit Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Charakteristisch war neben dem technisch versierten Spiel des Gitarristen Marr, der die Musik komponierte und arrangierte und für Studioaufnahmen mehrere Gitarrenspuren übereinanderlegte, vor allem der expressive Gesang Morrisseys.

Morrissey war schon seit seiner Kindheit an Literatur interessiert (er schrieb auch einige kurze Bücher), was sich auf seine Arbeit mit den Smiths auswirkte. Seine Lieblingsautoren wie Shelagh Delaney und Oscar Wilde zitierte er in seinen Texten. So fand sich kaum ein Lied aus der Anfangszeit der Smiths, das keine Textzeilen aus Delaneys Theaterstück 'A Taste Of Honey' enthielt (Beispiele: "This Night Has Opened My Eyes", "Reel Around The Fountain"). Die Songtexte der Smiths waren oft von Ironie geprägt, wobei Realismus und Spott oft Sehnsuchtsmotive gegenübergestellt wurden. Themen waren unter anderem die Ambivalenz einer Haltung, die zum einen den Rückzug aus der Gesellschaft propagierte und zum anderen darunter litt, nicht dazuzugehören: Aussenseitertum, unerwiderte Liebe, Sehnsucht nach einer verlorenen Kindheit, unerfülltes sexuelles Verlangen, gesellschaftliche Rebellion, Wut auf Autoritäten, soziale Unangepasstheit, gescheiterte Träume. Mit manchen Textzeilen provozierte Morrissey, weil der Ich-Erzähler zum Beispiel ironisch dazu aufforderte, Diskos niederzubrennen und die DJs zu hängen ("Panic") oder Läden zu plündern ("Shoplifters Of The World"). Neben der vieldiskutierten undefinierten Sexualität Morrisseys, die auch immer wieder in die Musik der Band einfloss, waren die Smiths vor allem für ihren miserabilism (englisch für Trübsinn, Deprimiertheit) bekannt, was ihnen den Ruf, vor allem schüchterne, depressive Teenager anzusprechen, einbrachte. Tatsächlich ist die trotzige, selbstironische Schwermütigkeit, die im Grunde typisch für die Gefühlslage von Jugendlichen ist, die vorherrschende Stimmung in den meisten Texten der Smiths. Bekanntes Beispiel ist die ironische Textzeile "Heaven Knows I’m Miserable Now" aus dem gleichnamigen Lied.

Weiter aussergewöhnlich war auch der ästhetische Stil der Smiths, der beinahe ausschliesslich von Morrissey bestimmt wurde und sich vor allem in der Gestaltung der Auftritte und Platten der Band widerspiegelte. Vor allem in der Anfangszeit der Smiths hob sich Morrissey durch seine Vorliebe, weite, bunte Damenblusen, dicke Brillen, ein Hörgerät und eine James Dean nachempfundene Haartolle zu tragen, auch durch sein Aussehen sehr von anderen Musikern ab. Bei den Auftritten hatte er die Gewohnheit, die Bühne mit Blumen (vor allem Narzissen und Gladiolen) zu schmücken und diese während des Auftritts wild herumzuschwingen. Morrissey, der dazu von der Blumenliebe seines Idols Oscar Wilde beeinflusst wurde, gab als Grund dafür an, dass die Welt schon trostlos und grau genug sei und die Blumen ihr etwas mehr Schönheit verliehen. Bezüglich der Auftritte war auch der exaltierte Gesangs- und Tanzstil des Sängers interessant, der im Wesentlichen aus dem Glamrock (David Johansen/New York Dolls) entliehen war. Ein weiterer New York Bezug stellte die Wahl des Namens Morrissey dar. In Andy Warhols Silver Factory war Paul Morrissey als Regisseur an der Erstellung einer Reihe stilbildender Independent-Filme beteiligt. Die Platten der Smiths erlangten nicht zuletzt wegen ihrer aussergewöhnlichen Coverdesigns Berühmtheit, die im Laufe der Zeit zu einer Art Hall of Fame für Morrisseys Idole wurde. Auf den Hüllen aller Platten der Smiths waren Ikonen aus Musik, Film, Literatur oder der Alltagskultur abgebildet (darunter Paul Morrissey, Joe Dallesandro, Shelagh Delaney, Alain Delon, Elvis Presley, Jean Marais oder Candy Darling), die der Sänger bewunderte oder die seine Jugend geprägt hatten und denen er so ein Denkmal setzten wollte. Durch ein graphisch einheitliches Design der Plattencover unter Verwendung von Fotos in Duoton und oft nur dem Schriftzug The Smiths - bei den Singles wurde auf die Nennung des Titels auf der Covervorderseite verzichtet - ergab sich ein prägnantes und unverwechselbares Erscheinungsbild der Bandveröffentlichungen.









Sep 6, 2017


RIDE - Carnival Of Light (Creation Records CRELP 147, 1994)

Die britische Shoegazing Band Ride wurde 1988 in Oxford von Mark Gardener (Gitarre, Gesang), Andy Bell (Gitarre, Gesang), Steve Queralt (Bass) und Laurence Colbert (Schlagzeug) gegründet. Zu dieser Zeit waren die Mitglieder der Band Studenten des Banbury Art College. Nach einer Tour als Vorband für die Soup Dragons wurde 1989 Alan McGee von Creation Records auf sie aufmerksam und offerierte ihnen einen Plattenvertrag. Mit der Unterstützung durch ihre Plattenfirma nahmen sie 1990 die EPs "Ride", "Play" und "Fall" auf, die sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Der Melody Maker kürte sie zu einer der Hoffnungsträger des Jahres. Im Oktober desselben Jahres erschien schliesslich ihre erste LP "Nowhere", die es bis auf Platz 11 in den britischen Charts schaffte. Die Alben "Ride" und "Play" wurden 1992 auf der Zusammenstellung "Smile" wiederveröffentlicht, während die Stücke von "Fall" auf der CD-Version von "Nowhere" wiederzufinden waren. Im März 1991 erschien die nächste EP der Band, "Today Forever" genannt, die von der ersten internationalen Tournee durch Japan, Australien und Frankreich gefolgt wurde.

Im März 1992 erschien schliesslich "Going Blank Again", produziert von Alan Moulder. Besonders der erste Titel "Leave Them All Behind" gilt als beispielhaft für das Genre Shoegazing. Über acht Minuten produzierten Ride den typischen Wall of Sound-Klang mit Hilfe der zwei Gitarren von Gardener und Bell, die verzerrt und mit Wah Wah-Pedalen eine hypnotische Atmosphäre schufen. "Going Blank Again" war ein grosser kommerzieller Erfolg und stieg in den englischen Charts bis auf Platz 5 auf. Auch die Single "Leave Them All Behind" schaffte es, in die Top Ten der Singlecharts aufzusteigen. Lange Konzerttouren und musikalische Differenzen führten dazu, dass es innerhalb der Band jedoch zu immer grössseren Spannungen, besonders zwischen Gardener und Bell, kam.

1994 erschien das nächste Album, "Carnival Of Light" mit Jon Lord als Gastmusiker. Auch dieses Album konnte sich noch in den Top Ten der Albumcharts platzieren; allerdings hatte sich die Musikszene in Grossbritannien mittlerweile verändert. Die typischen Shoegazing Bands Ride und My Bloody Valentine wurden in der Wahrnehmung des Mainstream-Publikums langsam von Britpop-Bands wie Blur und Oasis abgelöst. Die Songs auf "Carnival Of Light" reflektierten die bandinternen Spannungen, da nun die Songs der ersten Hälfte allein von Gardener und die Songs der zweiten Hälfte allein von Bell geschrieben wurden. Die vorherige Kooperation beim Songwriting wurde aufgegeben. Dennoch wurde das Album zu einem der besten der Band, denn beide einzelnen Teile, die zusammen ein Ganzes bildeten, hatten eine feine und vor allem druckvoll und erdig produzierte Mixtur aus Shoegazing und Psychedelik Rock, der dank seiner Gitarrenarrangements stilistisch nun sehr stark an die Byrds heranreichte. Der relative Miserfolg des Albums "Carnival Of Light" verstärkten die Spannungen innerhalb der Gruppe. Nicht nur mochten ihre Fans das Album nicht, es gelang der Band auch nicht, neue Fans hinzu zu gewinnen, was schliesslich Konsequenzen haben würde.


Mit dem bleiern schweren "Moonlight Medicine" starteten Ride das Album, und bereits bei dieser Nummer erhielt der Deep Purple Keyboarder Jon Lord eine grosse Fläche Raum für seine berühmte Hammond Orgel. Es folgten weitere Titel, die aus der Feder von Mark Gardener stammten - die Stücke waren strikte getrennt auf dem Album. Andy Bell's kompositorischen Beiträge folgten anschliessend ebenfalls als geschlossener Block. Das zweite Stück "1000 Miles" offenbarte, wenn man sich den Rest der Stücke von beiden Musikern anhörte, jedoch keine grösseren stilistischen Abweichungen. Interessanterweise schrieben die beiden Musiker sich ähnelnde Songs, deren Ingredienzien ziemlich dieselben waren: Jangling Guitars, Byrds-ähnlicher mehrstimmiger Gesang, bisweilen traumwandlerische ätherische Songs, die allesamt eine Grundmelancholie in sich trugen, die aber keineswegs traurig wirkten und schon gar nicht auf die vorhandenen Spannungen innerhalb der Band schliessen liessen. Am lieblichsten klang dieses veränderte Band-Klangbild beim vom Schlagzeuger Laurence Colbert geschriebenen Stück "Natural Grace", das eine akustische Brücke bildete zwischen den Songs von Bell und Gardiner.

Aus der Feder von Andy Bell stammten zwei der besten Titel auf diesem Album, nämlich das romantische Folkrock-Stück "Crown Of Creation", das vielleicht jeder anderen Band zum Hit hätte gereichen können, für die Band Ride jedoch leider nur ein Song unter vielen auf einem viel zu wenig beachteten Album blieb. Und dann dieses letzte Stück, genannt "I Don't Know Where It Comes From", bei welchem die Gruppe im legendären Manor Studio in Monmouth mit einem Schulchor zusammenarbeitete, dem Christchurch Cathedral School Choir unter der Leitung von Simon Whalley. Erwähnenswert ist auch die Coverversion von "How Does It Feel To Feel ?", einer Nummer der 60's Legende The Creation ("We Are Paintermen"), das die Band mit George Drakoulias aufgenommen hatte, jenem Produzenten, der sich zu der Zeit auch um Primal Scream, die Black Crowes und The Jayhawks kümmerte. Was die Fans der Gruppe Ride letztlich am meisten an diesem Album bemängelten, war das fehlende Alternative Rock-Element, das typisch rockige Element, das die vorherigen Alben auszeichnete und der Band ihren Wiedererkennungswert gab. Man muss auf der anderen Seite den vier Musikern zugute halten, dass sie sich aufgrund der schwelenden Konflikte untereinander wohl vor allem auf eine musikalische Gemeinsamkeit ohne Reibungsflächen beschränken wollten. Dies führte zu einem eher wenig engagierten Rock, der den Songs aber letztlich wirklich gut tat. Aus heutiger Sicht dürfte "Carnival Of Light" dadurch zum entspanntesten Werk der Gruppe geworden sein, bei welchem die Songs und deren musikalische Umsetzung ziemlich perfekt miteinander harmonieren.

Frustriert durch die eher verhaltenen Kritiken der Fachpresse und der reservierten Aufnahme durch ihre Fans, begaben sich Ride im Sommer 1995 erneut ins Tonstudio, um den Nachfolger "Tarantula", ihr viertes Album, einzuspielen. Noch während der Aufnahmen zum Album waren erste Auflösungserscheinungen in der Band sichtbar. Mark Gardener begab sich in ein inneres Exil und schrieb nur noch einen Song für dieses Werk, der Rest wurde von Andy Bell verfasst. Noch vor der Veröffentlichung löste sich die Band auf. Als das Album auf den Markt kam, fiel es bei Kritikern und Fans durch und wurde nach einer Woche wieder zurückgezogen. Andy Bell gründete nach seiner Zeit bei Ride die Band Hurricane #1. Diese löste sich nach zwei Alben ebenfalls auf, woraufhin Bell, bis zu deren Split im Jahr 2009, Bassist bei der britischen Rockband Oasis wurde. Anschliessend übernahm er die Gitarre bei Liam Gallaghers neuer Band Beady Eye, die im Oktober 2014 ihre Trennung bekanntgab. Mark Gardener hatte bei diversen kommerziell weniger bedeutsamen Musikprojekten mitgewirkt. Mit der Band The Animalhouse veröffentlichte er im Jahr 2000 ein Album und verliess diese Gruppe im Anschluss. Ab 2005 arbeitete Mark Gardener mit Goldrush und dem Produzenten Bill Racine zusammen und veröffentlichte 2006 sein Solodebüt mit dem Titel "These Beautiful Ghosts".

Im Jahre 2001 kam es für eine Dokumentation des Fernsehsenders Channel 4 über die Gruppe Sonic Youth zu einer Wiedervereinigung von Ride, um die Verwendung von Feedback und Effektgeräten zu demonstrieren. Diese 30-minütige Session und zwei weitere Songs wurden 2002 als EP "Coming Up For Air" veröffentlicht. In der Folge erschienen weitere CDs von Liveauftritten und eine CD-Box. Hoffnungen auf eine permanente Wiedervereinigung wurden zerschlagen, als Andy Bell dieses explizit ausschloss. Allerdings gab es mehrere kleinere Zusammenarbeiten zwischen einzelnen Mitgliedern der Band. Am 18. November 2014 wurde in Barcelona in Vorbereitung zum 'Primavera Sound Festival' 2015 ein riesiges, anonymes Poster mit dem Bandnamen ausgerollt. Da diese Taktik im Rahmen der Vermarktung des Festivals schon häufiger zum Einsatz kam, war davon auszugehen, dass Ride dort auftreten würden. Noch am selben Tag wurde die Reunion in Originalbesetzung mit der Veröffentlichung von zehn Konzertdaten in Europa und Nordamerika im Sommer 2015 bestätigt. Unter anderem traten Ride beim 'Coachella Valley Music and Arts Festival' (Indio, USA), und auf dem 'Melt!' (Ferropolis bei Dessau) auf. In der Folge gingen Ride auch wieder ins Tonstudio und veröffentlichten 2017 ihr erstes neues Album seit 21 Jahren mit dem Titel "Weather Diaries".










Sep 5, 2017


JEFFERSON AIRPLANE - Thirty Seconds Over Winterland
(Grunt Records BFL1-0147, 1973)

Jefferson Airplane wurden im Jahre 1965 in San Francisco gegründet. Sie galten als einer der Hauptvertreter der psychedelischen Rockmusik. Zur Stammbesetzung gehörten Grace Slick (Gesang, Piano), Marty Balin (Gitarre, Gesang), Paul Kantner (Gesang, Gitarre), Jorma Kaukonen (Gitarre, Gesang), Jack Casady (Bass) und Spencer Dryden (Schlagzeug). 1966 erschien ihr erstes, noch eher folkorientiertes Album "Jefferson Airplane Takes Off" noch mit dem Schlagzeuger Skip Spence und der ersten Sängerin Signe Toly Anderson. Im Oktober 1966 verliess Anderson die Band, da sie ein Kind erwartete und sich ihrer Familie widmen wollte. Ihre Nachfolgerin war die Sängerin Grace Slick. Das zweite Album, "Surrealistic Pillow" (1967), enthielt deren Titel "White Rabbit", eine psychedelische Interpretation der Alice-Figur aus dem Buch 'Alice im Wunderland' von Lewis Carroll und "Somebody To Love", die Grace bereits für ihre vorherige Band, The Great Society, komponiert und (allerdings mit weniger Erfolg) gesungen hatte. Beide Stücke sollten die bekanntesten der Band werden. Es folgten die Alben "After Bathing At Baxter’s" (1967), "Crown Of Creation" (1968), "Bless Its Pointed Little Head" (Live, 1969) und "Volunteers" (ebenfalls 1969). Letzteres brachte die typische Stimmung der späten 60er Jahre zum Ausdruck: Die Hippie-Bewegung mit ihrer Sehnsucht nach dem einfachen Leben und ländlichen Musizierformen war darauf genauso vertreten wie der jugendliche Protest gegen den Vietnamkrieg (im Titelsong des Albums). Aus diesem Grunde trat die Band auch beim Woodstock-Festival auf, wo sie am Morgen des 17. August 1969 den durch regenbedingte Wartepausen lang gewordenen zweiten Tag des Festivals beendete. Grace Slick kündigte an, dass die Band ein wenig "Morning Maniac Music" spielen wolle und erwähnte dabei nur ihren Pianisten Nicky Hopkins namentlich. Dazu gehörte auch der Song "Volunteers".

Beim Rockfestival Altamont Free Concert am 6. Dezember 1969 traten Jefferson Airplane auf dem Altamont Speedway als eine der Vorgruppen der Rolling Stones auf. Als Marty Balin versuchte, angesichts der gewalttätigen Ausschreitungen der mit dem Ordnungsdienst beauftragten Hells Angels einzugreifen, wurde er auf der Bühne bewusstlos geschlagen. Während des anschliessenden Auftritts der Rolling Stones eskalierte die Situation weiter und führte zum Tod eines Konzertbesuchers durch einen Hells Angel. Im Frühjahr 1970 verliessen Marty Balin und Spencer Dryden die Band. Es kam zu weiteren personellen Wechseln, und die Musiker begannen, in lockeren Formationen ausserhalb der Band zu arbeiten. 1971 gründeten Jefferson Airplane ihr eigenes Plattenlabel Grunt Records, nachdem ihre bisherige Firma Wörter wie 'fuck' unkenntlich gemacht hatte. Es entstanden die beiden Studioalben "Bark" (1971) und "Long John Silver" (1972), sowie das Live-Album "Thirty Seconds Over Winterland" (1973), auf welchem der Geiger Papa John Creach, der zuvor auch als Strassenmusiker arbeitete, zum erstenmal als festes Gruppenmitglied firmierte. "Thirty Seconds Over Winterland" war nach "Bless Its Pointed Little Head" das zweite Livealbum von Jefferson Airplane. Es wurde im August 1972 im Auditorium Theatre in Chicago und im September im Winterland Ballroom in San Francisco aufgenommen. Das Album wurde im April 1973 veröffentlicht und erreichte Platz 52 in den US-Charts. 

Im Juni 1972 hatte Hot Tuna, die Band der Jefferson Airplane-Musiker Jorma Kaukonen, Jack Casady und Papa John Creach ihr zweites Album "First Pull Up, Then Pull Down" herausgebracht. Einen Monat später veröffentlichten Jefferson Airplane das Studioalbum "Long John Silver" und gingen im Sommer auf USA-Tour. Beim letzten Konzert der Tour im Winterland von San Francisco war auch der Sänger Marty Balin, der die Band 1971 verlassen hatte, für zwei Lieder mit auf der Bühne. Es war auch das letzte Konzert als Jefferson Airplane, ab 1974 wurde der Name Jefferson Starship für die dann umbesetzte Band verwendet, er kursierte bereits bei den früheren Soloprojekten Paul Kantners wie etwa "Blows Against The Empire" und "Dragon Fly". Für "Thirty Seconds Over Winterland" wurden Aufnahmen dieser Tour aus dem Auditorium Building in Chicago und dem namengebenden Winterland verwendet. Obwohl bekannte Songs der Band wie etwa "Somebody To Love", "Wooden Ship" oder "Volunteers" auf der Tour gespielt wurden, wurde aus der psychedelischen Zeit der Band nur das Stück "Crown Of Creation" für das Album ausgewählt. Der Track "Have You Seen The Saucers", das 1970 als Single erschienen war, sollte erst auf der Kompilation "Early Flight" im Jahre 1974 als Studioaufnahme auf einem Album der Band erscheinen.

Für Stephen Davis vom Musikmagazin Rolling Stone zeigte das Album die Stärken und Schwächen der späten Airplane. Er vermisste die ausgestiegenen Marty Balin und Spencer Dryden, hielt Grace Slicks Darbietung für nicht so gut wie üblich. lobte aber Jorma Kaukonen, Jack Casady und Papa John Creach, vor allem beim elfminütigen Jam Stück "Feel So Good". "Feel So Good" war auch für Lindsay Planer von allmusic das Juwel in einer eher dornigen Rock & Roll-Krone. Insgesamt zeigte das Album die härtere Seite Jefferson Airplanes. Er gab dem Album vier von fünf möglichen Sternen. Die deutsche Musikzeitschrift Sounds nannte "Thirty Seconds Over Winterland" ein solides Rock'n'Roll-Album, das sehnsüchtig an das deutlich bessere, aber unterschätzte erste Livealbum "Bless Its Pointed Little Head" denken liess. Der Titel des Albums zitierte den amerikanischen Kriegsfilm 'Thirty Seconds over Tokyo' aus dem Jahr 1944, was durch das von Bruce Steinberg gestaltete Covermotiv, statt den Flugzeugen der United States Air Force sieben fliegende Toaster, ironisch gebrochen wurde. In den 90er Jahren waren die Flying Toasters eines der bekanntesten Module des Bildschirmschoners After Dark der Berkeley Systems. 1994 verklagten Anwälte der Band Berkeley Systems und behaupteten, die Flying Toasters seien eine Kopie des Albumcovers. Die Klage wurde abgewiesen, da Jefferson Airplane die Toaster nicht als Warenzeichen hatten schützen lassen.

In der Zwischenzeit hatten Paul Kantner und Grace Slick, die auch privat ein Paar geworden waren, mit wechselnden Gastmusikern, die zum Teil schon auf dem Album "Volunteers" zu hören gewesen waren, drei LPs aufgenommen, darunter "Blows Against The Empire", auf welcher der Name Jefferson Starship das erste Mal auftauchte. Aus dieser losen Zusammenarbeit entstand in wechselnder Besetzung, jedoch ohne Jack Casady und Jorma Kaukonen, die wiederum, ihre eigene Bluesband Hot Tuna gegründet hatten, als Nachfolgeband Jefferson Starship, mit der die Kernmusiker in der Folgezeit kommerziell erfolgreich ihre Karriere fortsetzten. "Blows Against The Empire" war das erste Album Paul Kantners, des Sängers, Gitarristen und Mitbegründers von Jefferson Airplane. Das Konzeptalbum wurde im November 1970 veröffentlicht. Der Name Jefferson Starship wurde hier zum ersten Mal auf der Vorderseite und im Innern des Klappcovers für die Musiker verwendet. Ab 1974 firmierte Jefferson Airplane dann offiziell unter diesem neuen Namen.

Das Jahr 1970 war eine Zeit des personellen Umbruchs für Jefferson Airplane. Die Gruppe veröffentlichte in diesem Jahr, vom Best Of-Album "The Worst Of Jefferson Airplane" abgesehen, kein neues Album. Zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin Grace Slick und Musikern Jefferson Airplanes sowie anderer Gruppen aus der San Francisco Bay Area wie Grateful Dead, Crosby, Stills & Nash und Quicksilver Messenger Service nahm Paul Kantner das Album in den Pacific High Recordings und in Wally Heiders Studio auf. Das Album erzählte von einer Gruppe das Establishment ablehnender Angehöriger der Gegenkultur. Sie entführten ein Raumschiff, bauten es für ihre Zwecke um, und flogen damit mit 7000 Menschen an Bord um 1990 ins All auf der Suche nach einem Planeten für einen Neubeginn der Menschheit. Mitverwoben war die private Situation Grace Slicks und Paul Kantners: Während der Aufnahme war Grace Slick mit Tochter China schwanger und sie meinte: "I won't carry the government's children". Musikalisch reichte die Bandbreite vom nur mit einem Banjo begleiteten Wiegenlied "The Baby Tree" über Klangcollagen wie bei "Home" und "XM" bis zu der vom Jefferson Airplane-Album "Volunteers" bekannten Mischung aus Country- und Psychedelic Rock mit mehrstimmigem Gesang. Das Album war 1971 für den Science Fiction-Preis 'Hugo' nominiert. Erst sehr viel später, im Jahre 1983 erschien mit dem Album "The Planet Earth Rock and Roll Orchestra" eine Fortsetzung der Geschichte, die auf "Blows Against The Empire" erzählt wurde.









Sep 4, 2017


WEATHER REPORT - Mysterious Traveller (Columbia Records KC 32494, 1974)

Weather Report waren eine der künstlerisch bedeutendsten und kommerziell erfolgreichsten Jazz- und Fusion-Bands in den 70er und 80er Jahren, an der sich bis heute viele Musiker verschiedener Stilrichtungen orientieren. Josef Woodard bezeichnete Weather Report in einem Artikel über die Gruppe in der US Jazz Fachzeitschrift Down Beat im Januar 2001 als die beste Jazzband der letzten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts. Gründer und Kern von Weather Report waren im Dezember 1970 Joe Zawinul (Keyboard) und Wayne Shorter (Saxophon), die sich bereits seit 1959 kannten und bei der Aufnahme von Miles Davis' "In A Silent Way" darüber sprachen, eine gemeinsame Band zu gründen. Bis 1973 war der Bassist Miroslav Vitouš Mitinhaber der Band; er war schon an Zawinuls erstem Soloalbum, welches im Jahre 1970 erschienen war, beteiligt. Zudem wurden Alphonse Mouzon am Schlagzeug und Airto Moreira engagiert. Diese Musiker hatten zuvor alle mit Davis gearbeitet und führten – gemeinsam mit den Perkussionisten Don Alias und Barbara Burton – das Konzept von "In A Silent Way" auf dem ersten, gleichnamigen Album der Gruppe weiter, als sie in einem musikalisch sehr freien, improvisatorischen Fluss Rock, Jazz und Latin-Grooves verwoben.

Der Einsatz eines Schlagzeugers in Verbindung mit einem Perkussionisten förderte die Dynamik und das Spielen komplexer Polyrhythmen. Zawinul löste sich vom alten 32 Takte-System, brach mit dem Thema / Solo / Thema-Schema und führte neue Formen ein. Bei den ersten Studioaufnahmen war die Band sehr experimentell; ein Vorbild für das Zusammenspiel war Attila Zollers "The Horizon Beyond". An die Stelle von Miroslav Vitouš trat 1973 der Bassist Alphonso Johnson, Vitouš wurde als ehemaliger Partner ausgezahlt. Mit dem Album "Sweetnighter" orientierte sich die Band an klareren Kompositionsstrukturen, spielte melodischer und schaffte den Durchbruch auf dem Massenmarkt. Für Mouzon kam in den nächsten Jahren fast jährlich ein neuer Schlagzeuger, bis ab 1978 mit Peter Erskine beziehungsweise Omar Hakim eine Stammbesetzung gefunden war. Auch die Perkussionisten wechselten bei fast jedem neuen Album, so beispielsweise Alex Acuña, Manolo Badrena, Dom Um Romão.

"Mysterious Traveller" war das fünfte Album von Weather Report. Es erschien 1974. Nachdem der Bassist Miroslav Vitouš's durch Alphonso Johnson. Another ersetzt wurde, spielte neu auch der Schlagzeuger Ishmael Wilburn in der Band. Greg Errico war der Tour-Schlagzeuger während der Zeit des Vorgänger-Albums "Sweetnighter" und "Mysterious Traveller", lehnte aber einen Vollzeit-Job als Hauptschlagzeuger in der Band ab. Das Album war das erste Werk der Band, das mehrheitlich von einem elektrischen Bass dominiert wurde, und das sich völlig frei zwischen den verschiedensten Musikstilen wie Funk, R&B Grooves und Rock bewegte: Eine musikalische Mélange, die von nun an das typische Klangbild von Weather Report werden sollte. Auch die weniger freien, eher durchkomponierten Songs markierten eine Hinwendung zum konsumfreundlicheren Gesamtsound, was der Gruppe ihre kommerziell erfolgreichste Phase einläutete. Die Zeitschrift Down Beat kürte das Werk 1974 denna auch zum Album des Jahres, welches somit die zweite Nummer Eins Nomination dieser Zeitschrift für die Band bedeutete. Die Platte erreichte den zweiten Platz in den Billboard Jazz Album Charts, ausserdem Platz 31 in den R&B Album Charts, sowie Rang 46 in den Billboard 200 Charts, der eigentlichen US Mainstream Hitliste. Auch dies verdeutlichte die Stellung, welche Weather Report ab nun in der amerikanischen Musikwelt hatte. Noch nie zuvor war es einer Jazzband gelungen, so stilübergreifend erfolgreich zu sein.

Mit dem Einstieg von Jaco Pastorius im Jahre 1976, der schliesslich bis 1981 in der Band blieb, und seinen Beiträgen als Komponist und Bassvirtuose begann der weltweite Erfolg der Band. Die Jaco-Jahre (unter dem Titel 'The Jaco Years' erschien 1998 auch eine Weather Report-Compilation) galten als die Hochphase der Gruppe. Auf den Alben "Black Market" (1976) und "Heavy Weather" (1977) wurde eine künstlerische Geschlossenheit gefunden, wie sie auf späteren Alben kaum noch zu hören war. Die Band feierte grosse kommerzielle Erfolge mit den von Zawinul komponierten Titeln "Black Market" (1976) und "Birdland" (1977). Die heutige Weltmusik wurde in Ansätzen schon damals von Weather Report gespielt, und umgekehrt beeinflussten Weather Report die afrikanische Musik. So etwa war das Intro von dem Stück "Black Market" mehr als 20 Jahre lang die Erkennungsmelodie von Radio Dakar im Senegal gewesen. Insbesondere das Album "Black Market" fand einen großen Anklang unter Afrikanern.

1978, bei den Aufnahmen zu "Mr. Gone", kam der Schlagzeuger Peter Erskine zur Gruppe, der besser mit Jaco Pastorius harmonierte. Die Band verzichtete für die nächsten zwei Jahre auf einen Perkussionisten. 1979 veröffentlichten Weather Report als Quartett das Live-Album "8:30", das die Band auf einem Höhepunkt zeigte. 1980 erschien das Album "Night Passage". 1981 wurde das nach dem Debütalbum zweite Album mit dem Titel "Weather Report" aufgenommen. Es war als Schlusspunkt der Band gedacht. Sowohl Shorter als auch Zawinul wollten eigene Wege gehen. Das Album erschien 1982. 1981 mussten Weather Report ihre Tournee absagen, weil sowohl Zawinul als auch Shorter sich um ihre im Sterben liegenden Mütter kümmern wollten. Darauf mussten sie über 100000 Dollar Schadenersatz zahlen. 1981 hatte Pastorius sein zweites Soloalbum "Word Of Mouth" aufgenommen und dann seine Big Band Word Of Mouth mit Peter Erskine am Schlagzeug zusammengestellt; weil 1982 Konzerttermine gebucht waren, wollte Pastorius, dass Weather Report 1982 als Live-Band pausieren. Als in dieser Situation die Band zu einer Tournee gezwungen wurde, nutzte Zawinul die Gelegenheit, den durch Alkoholprobleme zunehmend unzuverlässig gewordenen Pastorius zu ersetzen. Erskine verliess ebenfalls die Band.

Als 1982 die Plattenfirma per vertraglicher Option ein weiteres Album forderte, wurden als Ersatz für Pastorius und Erskine Omar Hakim und Victor Bailey engagiert, um das Album "Procession" einzuspielen. Beide blieben die zwei Jahre bis zum letzten Konzert 1984 in der Band. Nach den Alben "Domino Theory" (1984) und "Sportin' Life" (1985) wollten Zawinul und Shorter die Band endgültig beenden. 1986 wurde jedoch erneut per vertraglicher Option ein Album von der Plattenfirma gefordert, als die Band schon nicht mehr existierte. Das Ergebnis war "This Is This" mit Carlos Santana als Gastmusiker. Shorter hatte die Band bereits verlassen, hatte keine Komposition eingebracht und spielte nur bei drei von acht Titeln mit. Die Tourband, die das Album unterstützen sollte, hiess bereits Weather Update. Statt Shorter spielte der Gitarrist Steve Khan. Diese Band verwies bereits auf das bald darauf entstehende Zawinul Syndicate.





Sep 3, 2017


ROBIN TROWER - Bridge Of Sighs (Chrysalis Records CHR 1057, 1974)

Der Gitarrist Robin Trower wurde bekannt durch die Band The Paramounts und insbesondere ab 1967 mit Procol Harum. Er verliess die Gruppe jedoch schon nach wenigen Jahren, gründete 1972 zusammen mit mit Frankie Miller, Clive Bunker und James Dewar die Gruppe Jude, die allerdings erfolglos blieb. Im Folgejahr stellte Robin Trower eine eigene Band unter seinem Namen zusammen, die musikalisch den Gitarrensound von Jimi Hendrix zum Vorbild hatte und später weiterentwickelte. Die ersten drei Alben von Robin Trower wurden von Matthew Fisher produziert. Noch 1973 erschien sein erstes Album mit der neuen Combo, betitelt "Twice Removed From Yesterday", das er zusammen mit dem Bassisten James Dewar und dem Schlagzeuger Reg Isidore in schlanker Trio-Besetzung einspielte und das neben abwechslungsweise gemeinsam mit Isidore und Dewar komponierten Eigenkompositionen auch ein Stück von Frankie Miller ("I Can't Wait Much Longer"), sowie den Bluestitel "Rock Me Baby" von B.B. King enthielt. Trower erntete von Beginn weg gute Noten, war sowohl beim Publikum wie auch bei den Musikkritikern schnell populär und wurde weitaus mehr gelobt als zu der Zeit, als er noch bei Procol Harum spielte. Dort musste sich der begnadete Gitarrist zumeist auf eine Statistenrolle beschränken, zu stark waren die Persönlichkeiten von Pianist Gary Brooker und Organist Keith Reid.

Mit "Bridge Of Sighs", veröffentlicht 1974, konnte Trower seinen Durchbruch erzielen. Etliche Songs dieses Werks, darunter "Bridge Of Sighs", "Too Rolling Stoned", "Day Of The Eagle" und "Little Bit Of Sympathy", wurden später Klassiker in Trower's Musikschaffen und fester Bestandteil seines Live-Repertoires. Das Album wurde, wie schon sein Debutalbum, von seinem ehemaligen Bandgefährten bei Procol Harum, Matthew Fisher produziert. Der Sound-Engineer war ebenfalls bestens bekannt und sehr versiert: Der auch für die Beatles in den legendären Abbey Road Studios tätig gewesene Geoff Emerick. Das Album erreichte schon kurz nach seiner Veröffentlichung den respektablen Rang 7 in den amerikanischen Charts, eine bemerkenswerte Leistung für einen englischen Musiker, der bis dahin noch kaum nennenswerte Erfolge in den Vereinigten Staaten erzielen konnte. Das Album hielt sich 31 Wochen in den US-Charts und Trower erhielt dafür am 10. September 1974 einen Gold Award. Das Titelstück "Bridge Of Sighs" wurde im Jahre 2008 von der Progressive Rock Band Opeth für deren Album "Watershed" gecovert. Ausserdem fand sich der Opener der LP "Day Of The Eagle" später auf Steve Stevens' drittem Album "Memory Crash" und auch die Rockgruppe Tesla coverten diesen Song auf dem 2007 erschienenen Album "Real To Reel".

Dieses frühe Power-Trio orientierte sich stark am Sound von Jimi Hendrix, doch war dies lediglich eine Seite dieser Gruppe. Auf der anderen Seite bestach insbesondere das Album "Bridge Of Sighs" auch durch seine kraftvollen und sehr lebendigen Kompositionen, welche entgegen der musikalischen Spielweise von Hendrix nicht in bisweilen ausufernde Soloattacken mündeten, sondern relativ kompakt und die Soli eher songdienlich blieben. Der legendäre Rockgitarrist Robert Fripp (King Crimson) war einer jener vielen Musiker, welche von Robin Trower's Spielart so fasziniert waren, dass er sogar bei Trower Gitarren-Stunden nahm, um dessen Technik zu erlernen und teilweise für sein eigenes ebenfalls recht eigenwilliges Spiel zu übernehmen. Es gehörten aber zur Gitarrenkünsten von Robin Trower natürlich auch die sonore, gewichtige Stimme des Bassisten James Dewar und das pointierte Wirken am Schlagzeug von Reg Isidore dazu, um dieses einmalige Gesamtbild zu erzeugen. Insbesondere James Dewar's Gesang verlieh den Stücken eine gewisse bärige Grösse, denn sein Volumen in der Stimme war einerseits beachtlich, und auf der anderen Seite absolut passend zu den Songs, die er teilweise ja auch mitgeschrieben hatte.

Nach dem überaus erfolgreichen Album "Bridge Of Sighs", das vergoldet wurde, konnte Robin Trower auch mit seinen nachfolgenden drei Alben diesen Erfolg halten. Seine zwischen 1975 und 1977 veröffentlichten Werke "For Earth Below", "Long Misty Days" und "In City Dreams" erreichten ebenfalls Gold-Auszeichnungen in den USA. Auch seine weiteren Veröffentlichungen waren immer auf qualitativ hohem Niveau, allerdings kam keine der späteren Veröffentlichungen mehr auf die Verkaufszahlen zwischen 1974 und 1977. Ab seinem 1994er Album "20th Century Blues" wandte sich der Gitarrist verstärkt dem Blues, respektive dem Bluesrock zu und folgte damit einem damals recht angesagten Trend: Auch Chris Rea, bis dahin eher im Poprock-Bereich unterwegs, widmete sich zunehmends dem Blues und dem Jazz, aber auch der Rockgitarrist Gary Moore begann ziemlich zeitgleich mit eher bluesigem Sound. Währen die beiden Genannten damit grosse Erfolge feiern konnten, geriet Robin Trower's Werk im Laufe der Zeit leider zunehmends ins kommerzielle Abseits, was natürlich seine Leistungen als Gitarrist keinesfalls schmälerten. 

Bis 1981 waren Trowers Alben in den USA noch sehr erfolgreich, während in Europa inzwischen andere Künstler den harten Bluesrock besser verkaufen konnten. Ab 1980 arbeitete Robin Trower mit wechselnden Musikern, darunter auch der legendäre ehemalige Cream-Bassist Jack Bruce. Er beteiligte sich 1991 auch an der Wiedervereinigung seiner ehemaligen Band Procol Harum und wirkte auf deren Album "The Prodigal Stranger" mit. Im Anschluss daran konzentrierte er sich wieder auf seine Solokarriere, die bis heute andauert und zuletzt das 2017 veröffentlichte Werk "Time And Emotion" abwarf. Mit seinem Album "Bridge Of Sighs" präsentierte der Gitarrist einen Meilenstein der hochkarätigen Blues Rock Musik, die bis heute zahlreiche Musiker und Bands inspirieren konnte und als eine der wichtigsten Gitarrenplatten überhaupt genannt werden darf.








Sep 2, 2017


QUICKSILVER MESSENGER SERVICE - Happy Trails (Capitol Records ST-120, 1969)

Die Originalbesetzung der US-amerikanischen Psychedelik Rockband Quicksilver Messenger Service, die sich später nur noch Quicksilver nannte, bestand aus John Cipollina (Gitarre, Gesang), Gary Duncan (Gitarre, Gesang), David Freiberg (Bass), Greg Elmore (Schlagzeug) und Jim Murray (Gesang und Mundharmonika), der die Gruppe jedoch noch vor den Aufnahmen zum ersten Album 1968 verliess. Die Gruppe wurde ursprünglich von John Cipollina als Begleitband für den Folksänger Dino Valenti (bürgerlich Chester William Powers Jr., kurz Chet Powers und auch unter anderen Künstlernamen wie Jesse Oris Farrow bekannt) gegründet. Dino Valenti musste jedoch kurz nach der Bandgründung wegen des Besitzes von Marihuana und anderer Drogen eine zweijährige Haftstrafe absitzen und kehrte erst Ende 1969 als Sänger und Songschreiber zur Gruppe zurück.

Quicksilver Messenger Service bestritten ihren ersten bezahlten Auftritt im Dezember 1965. In dieser Zeit fing die Band an, an der Westküste der USA zu touren und erspielte sich vor allem im Avalon Ballroom den Ruf eines herausragenden Live Acts. Sie spielten den für die damalige Musikszene San Franciscos typischen, erdigen und drogengeschwängerten Blues Rock, wie auch ihre Mitstreiter Jefferson Airplane, Big Brother And Te Holding Company oder The Grateful Dead. Besondere Erwähnung findet in dieser Zeit auch der von Cipollina und Freiberg angezettelte Streit mit Mitgliedern der Band The Grateful Dead, der von beiden Gruppen fanwirksam vermarktet wurde.

Quicksilver Messenger Service hatten sich lange eisern gegen einen Plattenvertrag gewehrt, erst als der Sänger Jim Murray ausstieg und man den Soundtrack zum Film 'Revolution' beisteuern konnte, unterschrieben Duncan, Cipollina, Elmore und Freiberg bei Capitol Racords einen mit 50000 Dollar dotierten Plattenvertrag. Unter der Führung der Produzenten Nick Gravenites und Harvey Brooks, die beide damals auch als Musiker b ei der Gruppe The Electric Flag spielten, sowie Pete Wilding bedurfte es gleich zweier Versuche, um den Sound von Quicksilver Messenger Service in die richtige Form zu giessen. Der erste Anlauf klang zu sehr nach dem typischen Sound der Gruppe The Electric Flag und wurde bis auf wenige Aufnahmen verworfen. Im zweiten Versuch liess man den Bandmitgliedern genügend Freiraum, um eigene Ideen zu entwickeln. Das Ergebnis in Form der ersten Langspielplatte "Quicksilver Messenger Service" konnte sich hören lassen.

"Pride Of Man" war eine Coverversion einer Hamilton Camp-Folknummer, deren Höhepunkte eindeutig Cipollinas kratzendes Gitarrensolo darstellte. "Light On Your Window" war eine von Freiberg und Duncan zusammen geschriebene Nummer mit einer leicht melancholischen Grundstimmung. Dino's Song hiess im Original "I Don't Want To Spoil Your Party, Babe" und wurde von Quicksilvers Mentor Dino Valenti eigentlich als Livenummer verfasst. Der Höhepunkt der ersten Seite des Debutalbums war das von den beiden Gitarren getragene Instrumental "Gold And Silver", das deutlich die beiden unterschiedlichen Temperamente der Gitarristen Duncan und Cipollina zeigte und aufgrund ihrer unterschiedlichen Spielweise einen bemerkenswerten Spannungsbogen aufbaute. Als Komponisten wurden zwar letztlich Gary Duncan und Steve Schuster genannt, aber die Grundmelodie für die Soli wurde von dem Jazz-Klassiker "Take Five" vom Dave Brubeck Quartett ausgeliehen. Manager Ron Polte steuerte zu Beginn der zweiten LP-Seite den Titel "It's Been Too Long" bei. Den Abschluss des Albums und den Höhepunkt von Seite 2 bildete die gut 12-minütige Nummer "The Fool", auf der jeder der Musiker sein Können und seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen konnte. So spielte Freiberg nicht nur den Bass und schrieb den Text, er war in der Endsequenz des Stückes auch mit einem Cello zu hören.

Die zweite LP "Happy Trails", eines von zwei Alben, welche beide im Jahre 1969 erschienen (die dritte LP war dann "Shady Grove") stellte bereits den ultimativen Höhepunkt im Schaffen von Quicksilver Messenger Service dar. Mitgeschnitten im Fillmore West und Fillmore East wurde auf diesem Live-Album eindrucksvoll dokumentiert, dass die Musiker von Quicksilver Messenger Service keine Studiomusiker waren, sondern es sich um Livearbeiter handelte. Im Zentrum der Band standen zu dieser Zeit die ausufernden Improvisationen des Gitarristen John Cipollina. Die Klangfarbe seiner Gibson SG Gitarre erzielte der Gitarrist durch ein Vibrato-System der Firma Bigsby.


Im Anschluss an das Debütalbum von 1968 gab es allerdings zuerst einmal eine Tournee durch die USA, welche die Band unter anderem nach New York, Philadelphia und Kansas führte. Da Quicksilver Messenger Service immer improvisationsfreudig waren und ihre Stücke regelmässig zu längeren Jam-Sessions ausbauten, gab es Unzufriedenheiten mit den Beschränkungen einer weiteren Aufnahme in einem Tonstudio. Die Band entschied sich daher einige Auftritte im Fillmore East und Fillmore West für die kommende Veröffentlichung aufzuzeichnen. Aber bereits nach der zweiten Tour an der Ostküste und bevor das Album fertig gestellt werden konnte, verliess Gary Duncan die Gruppe, um mit dem aus dem Gefängnis entlassenen Dino Valenti eine eigene Formation zu gründen. Laut Freiberg spielte auch der Methadongebrauch Duncans eine Rolle, dass dieser sich nicht mehr in der Lage sah, weitere Konzerte mit Quicksilver Messenger Service zu bestreiten. Jedoch konnte er von der Band überredet werden, noch bei der Aufnahme der langen Jam "Calvary" am 19. November 1968 in den Golden State Recorders Studios in San Francisco mitzuwirken. "Happy Trails" wurde schliesslich im März 1969 veröffentlicht. Die durch Duncans Ausstieg zu einem Trio geschrumpfte und entzweite Band spielte 1969 so gut wie keine Konzerte, sondern war auf der Suche nach einem Ersatz, den sie später dann in Nicky Hopkins fand.

Die ersten sechs Stücke des Albums, welche die gesamte erste Schallplattenseite einnahmen, waren keine getrennten einzelnen Songs, sondern stellten einen über 20 Minuten dauernden Jam dar, der mit Bo Diddley's Hit "Who Do You Love" begann und auch wieder beendet wurde. Bei den dazwischen eingeflochtenen Titeln, die lediglich Titelvariationen des Hauptsongs trugen, nämlich "When You Love", "Where You Love", "How You Love" und "Which Do You Love", wurden die im jeweiligen Abschnitt als Solisten im Vordergrund stehenden Musiker als Autoren genannt. Beim Abschnitt "Where You Love" erstellte die gesamte Band eine gemeinsame Soundcollage, ohne dass ein einzelnes Gruppenmitglied dabei herausstach. Bei diesem Track wurde als Co-Autor die Fillmore Audience genannt, da in den ruhigeren Passagen das Publikum mit rhythmischem Klatschen und Zwischenrufen in die Improvisation mit einstieg.

George Hunter schlug sein Bild 'The Cowboy' als Cover während der Aufnahmen zu "Calvary" vor. Die Malerei zeigte einen galoppierenden Pony Express-Reiter, der mit seinem Stetson einer zurückbleibenden jungen Frau winkte. Die Band fühlte sich den Werten der frühen Siedler der USA verbunden, von denen sich nach Ansicht der Gruppe die damalige amerikanische Gesellschaft zu sehr entfernt hatte und wählte daher das Bild als Plattencover aus.


Nach der Veröffentlichung von "Happy Trails" verliess Gary Duncan vorübergehend die Band und wurde auf dem zweiten, im Jahre 1969 erschienenen dritten Album "Shady Grove" von Nicky Hopkins abgelöst, der auch auf Platten der Rolling Stones mitwirkte. Danach trat Duncan der Gruppe wieder bei, weil Freiberg ohne seinen Kumpel Gary keine Liveauftritte absolvieren wollte, und ihm folgte Dino Valenti, der seit der 1970er LP "Just For Love" Hauptsongwriter, Sänger und Bandchef wurde. Nach der Veröffentlichung des fünften Albums "What About Me" im Jahre 1970 verliess John Cipollina die Gruppe. Das Bandprojekt wurde in den Folgejahren von Dino Valenti, Gary Duncan und Greg Elmore am Leben gehalten und mehrere Platten in unterschiedlicher Qualität veröffentlicht. 1975 erschien die letzte LP unter dem Titel "Solid Silver", auf der auch Freiberg und Cipollina nochmals mitwirkten und ein paar gemeinsame Konzerte spielten. Die darauffolgende Tour wurde von Gary Duncan, Dino Valenti, Greg Elmore mit Skip Olson und W. Michael Lewis bestritten. Sie endete 1979 mit der endgültigen Auflösung der Band.

Es gab im Jahre 1986 eine Reunion unter dem Namen Quicksilver, bei der aber nur Duncan als Initiator und Freiberg als einzige Urmitglieder mit von der Partie waren. Seither veröffentlichte Gary Duncan in unregelmässigen Abständen einige Alben, die in seinem Studio in San Francisco entstanden und starke Blues- und Jazz-Einflüsse aufwiesen. Das zweite Album "Happy Trails" von Quicksilver Messenger Service gilt heute als einer der grossen Klassiker des typischen US-amerikanischen Psychedelic Rocks der 60er Jahre.





Sep 1, 2017


ATLANTA RHYTHM SECTION - A Rock And Roll Alternative
(Polydor Records PD-1-6080, 1976)

Die Band Atlanta Rhythm Section (oder in späteren Jahren auch als ARS bekannt) wurden im Jahre 1971 von Rodney Justo (Gesang), Barry Bailey (Gitarre), Paul Goddard (Bass), Dean Daughtry (Keyboards), Robert Nix (Schlagzeug) und J.R. Cobb (Gitarre) ins Leben gerufen. Die weitreichende Zusammenarbeit begann jedoch schon etwas früher, als im Frühling 1970 drei damalige Mitglieder der Gruppe Candymen (Rodney Justo, Dean Daughtry und Robert Nix), sowie James B. Cobb Jr. von der Band Classics IV die Haus-Sessionband für das neu eröffnete Tonstudio 'Studio One Recording Studio' in Doraville, Georgia in der Nähe von Atlanta bildete. Nachdem die Musiker auf zahlreichen Plattenaufnahmen anderer Einzelinterpreten und Bands als Studiomusiker gearbeitet hatten, entschlossen sie sich dazu, auch selbst als Musikgruppe zusammenzuarbeiten. Das Resultat war die Atlanta Rhythm Section, die in ihrer ersten Phase zunächst für das Plattenlabel Decca Records ein Debutalbum aufnehmen durfte, schlicht betitelt mit "Atlanta Rhythm Section". Das Debutalbum erschien im Januar 1972. Als sich kein nennenswerter Erfolg einstellte, verliess zuerst der Sänger Rodney Justo die Gruppe, ging nach New York, um dort wieder als Session-Sänger zu arbeiten. Er wurde ersetzt durch Ronnie Hammond, der als Assistant des Studio One Toningenieurs Rodney Mills arbeitete. Buddy Buie, der Bandmanager und Produzent, der auch der Mitinhaber des Studio One war, wurde auf dem Debutalbum erstmals auch als Songkomponist mitgeführt, wie später auf praktisch allen Alben der Gruppe. Mit dem neuen Sänger Ronnie Hammond an Bord, geriet auch die zweite, im Februar 1973 veröffentlichte Platte "Back Up Against The Wall" zum Misserfolg und die Plattenfirma Decca Records kündigte den Vertrag mit der Band.

Buddy Buie's Manager Jeff Franklin, der in New York arbeitete und für den Deal mit Decca Records verantwortlich gewesen war, konnte die Atlanta Rhythm Section kurze Zeit später beim Plattenlabel Polydor Records unterbringen, was die Veröffentlichung der dritten Platte "Third Annual Pipe Dream" im August 1974 zur Folge hatte. Der Gastmusiker Mylon LeFevre spielte auf dem Stück "Jesus Hearted People" mit, was der Band einige Beachtung brachte. Das war nicht weiter verwunderlich, da die ARS-Musiker Buie, Bailey, Goddard, Daughtry und Rodney Mills schon zuvor in LeFevre's Tonstudio gearbeitet hatten, bevor sie zu Studio One wechselten - alte Seilschaften. Das Werk "Third Annual Pipe Dream" bescherte der Gruppe ihre erste Hit-Single "Doraville", die bis auf Platz 35 in den Charts kam und dem Album auf einen respektablen Rang 74 der Billboard's Top 200 im November 1974 verhalf. Entgegen der damals landläufigen Meinung, es handle sich bei der Atlanta Rhythm Section um eine Southern Rock Band, bewies bereits die erste Hit-Single, dass die Gruppe wesentlich stärker im Poprock mit leichtem Westcoast-Flair verwurzelt war. Sicherlich ausschlaggebend für die weicheren Klänge der Band war die Stimme des Sängers Ronnie Hammond, der dank seiner laidbacken Stimmfarbe, in Verbindung mit den lockeren und flüssigen, hochmelodischen Gitarrenläufen von Barry Bailey, dem runden und vollen Bass von Paul Goddard und Dean Daughtry's eleganten Keyboard-Sounds, die mehrheitlich auf dem elektrischen und akustischen Piano vorgetragen wurden, für einen insgesamt eher Poprock-orientierten Gesamtsound sorgten.

Die beiden nächsten Alben der Band, das im August 1975 veröffentlichte "Dog Days", sowie "Red Tape", im April 1976 erschienen, verkauften sich wieder eher moderat und vor allem weniger gut als das dritte Werk "Third Annual Pipe Dream". Es fehlte der Band auch ein potentieller Nachfolge-Hit für "Doraville". Entgegen der eher flauen Plattenverkäufe konnten sich Atlanta Rhythm Section jedoch als ausgepsrochen gute Liveband profilieren. In jener Zeit spielte die Gruppe viele Konzerte, darunter Auftritte als gefeierte Headliner ebenso wie Gigs als Vorgruppe, beispielsweise für The Who im Gator Bowl Stadium in Jacksonville, Florida und für die Rolling Stones im Auditorium in West Palm Beach, Florida - beide Konzerte im August 1976. Danach ging die Gruppe erneut ins Studio, um ihr nächstes Album einzuspielen, das viel von der Erfahrung und der sich inzwischen angeeigneten Dynamik auf den Konzertbühnen in den neu verfassten Songs erkennen und Grosses erahnen liess. "A Rock And Roll Alternative" erschien schliesslich im Dezember 1976 und startete regelrecht durch die Decke: Platz 13 in den Billboard Charts und eine Goldene Schallplatte im Frühjahr 1977. Auch einen Single-Hit gab es wieder, nach "Doraville" war die erste aus dem Album ausgekoppelt Single "So Into You" ebenfalls ein grosser Hit, der die Band den Rang 7 am 30. April 30 1977 bescherte. Wenn man bedenkt, dass zu dem Zeitpunkt gerade di Punkwelle so richtig losbrach, war das mehr als ein Achtungserfolg für ein laidbackes Stück, das pure kalifornische Sonne auszustrahlen vermochte.

Am 4. September 1977 spielte die Atlanta Rhythm Section ihre bis dato grösste Show am Dog Day Rockfest in Atlanta's Grant Field auf dem Campus des 'Georgia Institute of Technology'. Die erfolgreichen und bekannten Bands Heart und Foreigner waren die Opening Acts und Bob Seger And The Silver Bullet Band zusammen mit der Atlanta Rhythm Section die Headliner. Im Januar 1978 veröffentlichte die Band nur wenige Monate später dann ihr nächstes Album, das als grösster Erfolg der Band gefeiert werden würde: "Champagne Jam", das mit dem Titel "Large Time", einem Tribute Song zu Ehren der Gruppe Lynyrd Skynyrd, von welcher einige Mitglieder im Oktober 1977 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, einen weiteren Hit abwarf. "Champagne Jam" wurde ihr meistverkauftes Album: Über eine Million Stück wurden verkauft und die Gruppe erhielt dafür eine Platin-Auszeichnung. Das Werk lieferte zwei weitere Single-Hits mit "Imaginary Lover", die es bis auf Rang 7 in den Charts schaffte, sowie "I'm Not Gonna Let It Bother Me Tonight", das Rang 14 erreichte. Am 24. Juni 1978 spielte die Atlanta Rhythm Section am populären Knebworth Festival in Knebworth, England vor einem begeisterten Publikum von 60000 Fans, und sie teilten sich die Bühne mit Genesis, Jefferson Starship, Tom Petty And The Heartbreakers, Brand X, Devo und Roy Harper. Am 26. August 1978 spielte die Band an der Canada Jam im Mosport Park in Bowmanville, Ontario vor der grössten Fankulisse bis anhin: Ueber 110000 Fans waren gekommen, um die Band zu sehen, die sich dort die Bühne mit den Doobie Brothers und den Commodores teilte.

Nur eine Woche später war klar, dass die Band inzwischen ganz oben angekommen war. Sie stemmte ein eigenes Live-Spektakel am 3. September 1978, betitelt "Champagne Jam", in Grant Field am Georgia Tech und spielten dort zusammen mit Santana, den Doobie Brothers, Eddie Money, Mose Jones und Mother's Finest. Drei Wochen später erhielten Atlanta Rhythm Section vom damaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter eine Einladung zum 28. Geburtstag von dessen Sohn Chip im Weissen Haus. Das nächste Studioalbum "Underdog" erschien im Juni 1979 und warf wiederum Top 20 Hits ab: "Do It Or Die" (Platz 19) und "Spooky" (Platz 17), ein Remake eines Songs aus der Feder von J.R. Cobb and Buddy Buie, den diese schon 1968 mit ihrer alten Formation Classics IV in die Hitparade gebracht hatten. 1979 überwarf sich der Schlagzeuger Robert Nix mit dem Bandmanager und Produzenten Buddy Buie. Anlass waren unterschiedliche Ansichten über die zukünftige musikalische Ausrichtung der Band. Nix wollte eine wesentlich Rock orientiertere Richtung einschlagen, während Buie weiterhin auf die Erfolgsformel melodiösen Poprock setzen wollte. Der Rest der Band war ebenfalls auf Buddy Buie's Seite, und so wurde Robert Nix entlassen. Für ihn kam Roy Yeager neu in die Band.

An der 'Champagne Jam II' am 7. Juli 1979 im Georgia Tech spielten Atlanta Rhythm Section zusammen mit Aerosmith, The Cars, den Dixie Dregs und Whiteface. Im Oktober erschien eine Zusammenstellung der besten Momente in Form des Doppelalbums "Are You Ready". Nebst allen bisherigen Hits der Gruppe konnte auf diesem Doppelalbum auch das Lieblingsstück der Fangemeinde gehört werden: Das überlange "Another Man's Woman" inklusive einem phantastischen Bass-Solo von Paul Goddard. Das nächste Studioalbum war dann "The Boys From Doraville", das im August 1980) erschien und das leider nicht mehr so oft im Radio gespielt wurde, weil sich inzwischen die New Wave dort breitgemacht hatte und zum Trend der Zeit wurde. Der Stern der Atlanta Rhythm Section begann kontinuierlich zu sinken, zumindest was Plattenverkäufe anbetrifft. Live waren sie nachwievor eine grosse Attraktion. Weil das Album "The Boys From Doraville" letztlich keine Hit-Single abwarf, löste Polydor den Vertrag mit der Band auf.

Bruce Lundvall offerierte einen Deal mit Columbia Records (CBS), welche das nächste Album "Quinella" im August 1981, das den Hit "Alien" abwarf, veröffentlichte, als Album - nunmehr unter dem Bandnamen ARS veröffentlicht - jedoch weit hinter den Erwartungen der Platttenfirma zurückblieb, weshalb das Label den Vertrag vorzeitig wieder kündigte, obwohl der Vertrag eigentlich die Veröffentlichung von zwei Langspielplatten umfasste, und obwohl für ein weiteres Album auch bereits Aufnahmen getätigt wurden, die dann letztlich unveröffentlicht blieben. diese Aufnahmen kamen 1982 zustande und das entsprechende Album hätte den Titel "Longing For A Feeling" tragen sollen. Schliesslich quittierte auch Ronnie Hammond den Dienst in der Band, weil er eine Solo-Karriere anstrebte. Ab diesem Zeitpunkt wechselte das Line Up der Band häufig und eine erfolgreiche und weitreichende Zusammenarbeit war praktisch nicht mehr möglich. Schliesslich stand die Band auch ohne Vertrag da, weil auch ein weiteres Album, das eingespielt wurde mit neuen Musikern unveröffentlicht blieb.

Erst im Jahre 1988 kamen Hammond, Bailey und Daughtry wieder zusammen, spielten neue Aufnahmen im Studio ein mit Sean Burke und zwei neuen Musikern: Brendan O'Brien (Gitarre) and J. E. Garnett (Bass). Mit dem sehr bekannten Produzenten Rodney Mills spielten ARS nunmehr einen forscheren, rockigeren typischen 80er Jahre Sound. Veröffentlicht im Oktober 1989 auf dem CBS/Epic Sub-Label Imagine Records, bedeutete "Truth In A Structured Form" das erste Album der Band seit acht Jahren. Auffällig war der bombastisch wirkende Schlagzeug-Sound und die dominierenden Synthesizer-Passagen, nebst rockigen Gitarrenläufen von Brendan O'Brien. Auf Tournee wollte O'Brien mit der Band allerdings nicht gehen, weil er als Produzent sehr gefragt war und in Diensten etwa von Bob Dylan, Pearl Jam oder Bruce Springsteen stand. Das Album wurde auch wieder kein Verkaufshit, und so spielte die Band zwar weiterhin teilweise erfolgreiche Tourneen, aber die Plattenverkäufe liessen immer mehr nach. Eine live im Studio eingespielte Platte namens "Atlanta Rhythm Section '96", veröffentlicht auf dem CMC International Label erschien im April 1996 und "Partly Plugged" im Januar 1997 auf dem Independent Southern Tracks Label. Es folgte das Album "Eufaula" (1999) und ein bemerkenswertes Reunion-Konzert im Jahre 2000 am Riverbend Festival in Chattanooga, Tennessee vor bemerkenswerter Kulisse: 150000 begeisterte Zuhörer feierten die Gruppe frenetisch. Es war jedoch leider der letzte wirkliche Erfolg für die Band, die danach noch viele Jahre weiterspielte, jedoch die kommerziellen Erfolge der 70er Jahre nicht mehr wiederholen konnte.