Mar 21, 2018


ARLO GUTHRIE - Running Down The Road (Reprise Records RS 6346, 1969)

Ist es möglich, dreimal ein sogenanntes 'One Hit Wonder' zu sein ? Diese Frage wurde durch die Plattenkarriere von Arlo Guthrie geradezu provoziert, die am besten für drei Lieder in drei verschiedenen Kontexten in Erinnerung blieb. Es gab das weltbekannte "The City Of New Orleans", Guthries einziger Top 40 Hit, der ihm einen Eintrag in Wayne Janciks 'The Billboard Book of One Hit Wonders' einbrachte. Es gab aber auch "Coming In Los Angeles", das Guthrie beim legendären Woodstock Festival sang und das sowohl im Woodstock Film als auch im Multi Platin Soundtrack-Album prominent vertreten war. Und es gab noch "Alice's Restaurant Massacree", den 'Comic Monolog in Song', der ihm seine erste Berühmtheit verlieh und die erste Seite seiner Debüt-LP, das millionenfach verkaufte "Alice's Restaurant", füllte. Ob diese erfolgreichen Tracks ihn zu einem One-, Two- oder Three-Hit Wunder machten ? Alle seine Songs waren von sehr eigenwilligem Charakter in einer Karriere als Musiker, der stilistisch breit aufgestellt war und immer wieder die Herzen der Hörer erreichen konnte. Von grosser Bedeutung war auch, dass er als Live-Musiker eine beständige Fangemeinde hatte und Jahr für Jahr weltweit auf Tournee ging und sein Publikum mit seiner humorvollen Person und seiner musikalischen Mixtur aus Folk-, Rock-, Country-, Blues- und Gospel-Stilen in Form von Originalen und ausgewählten Coversongs begeistern konnte.

Arlo Davy Guthrie wurde am 10. Juli 1947 in Coney Island im Stadtteil Brooklyn in New York City geboren und wuchs dort auf. Er war das fünfte Kind von Woody Guthrie, dem berühmten Folksänger und Songwriter, aber das zweite Kind, das von der zweiten Frau seines Vaters, Marjorie Greenblatt Mazia Guthrie, einer ehemaligen Tänzerin der Tanzgruppe Martha Graham, die Tanzlehrerin geworden war, geboren wurde; seine ältere Schwester, Cathy Ann Guthrie, war im Alter von vier Jahren fünf Monate zuvor bei einem Brand ums Leben gekommen. Nach zwei weiteren Kindern, Joady und Nora, trennten sich Guthries Eltern, als er vier Jahre alt war; seine Mutter heiratete erneut. Sein Vater blieb eine wichtige Präsenz in seinem Leben, gab ihm seine erste Gitarre zu seinem sechsten Geburtstag im Jahre 1953. Zu diesem Zeitpunkt wurde bei Woody Guthrie die Huntington-Krankheit diagnostiziert, eine unheilbare, erbliche Krankheit.

Guthrie wuchs umgeben von den Freunden seines Vaters auf, einschliesslich solcher musikalischer Berühmtheiten wie Pete Seeger oder Cisco Houston. Houston brachte ihn später im Greenwich Village Nachtclub 'Gerde's Folk City' für eine improvisierte Aufführung auf die Bühne, als Arlo gerade mal zehn Jahre alt war. Guthrie sagte später, dass er den Ruhm seines Vaters nicht kannte, bis er von der öffentlichen Schule in eine progressive Privatschule wechselte und in der sechsten Klasse herausfand, dass die Schüler dort Woody Guthrie Songs wie "This Land Is Your Land" sangen. Erst dann begann er, die Musik seines Vaters zu lernen. Dennoch hatte er nicht erwartet, selbst Performer zu werden, weil er spürte, dass seine introspektive Persönlichkeit für eine solche Karriere nicht geeignet war. Als er 1965 die High School an der Stockbridge School in Massachusetts absolvierte, schrieb er sich am Rocky Mountain College in Billings, Montana für das Studium der Forstwirtschaft ein mit der Absicht, Förster zu werden. Er schied jedoch nach nur sechs Wochen aus. Als er nach Massachusetts zurückkehrte, quartierte er sich im Haus von Alice und Ray Brock ein, in einer entweihten Kirche. Die Brocks waren ehemalige Fakultätsmitglieder der Stockbridge School, die ein Restaurant namens 'Back Room' eröffnet hatten. Mit ihnen feierten Guthrie und sein Freund Rick Robbins, was er später die 'freundliche Geste' nannte, eine grosse Menge angesammelten Mülls für sie zu entsorgen. Als sie die Stadtmulde geschlossen fanden, warfen sie den anfallenden Müll einen Hügel hinunter. Infolge dessen wurden sie wegen Abfallbeseitigung verhaftet. Verurteilt wegen der Straftat, zahlten sie Bussgelder in Höhe von jeweils 25 Dollar und holten den Müll ab

Guthrie begann seine Karriere als professioneller Musiker im Februar 1966 mit einem Debütauftritt im Club 47 in Cambridge, Massachusetts. Sein Repertoire umfasste einen 16 Bar Song, den er geschrieben hatte und der einen musikalischen Werbespot für das Restaurant der Brocks darstellte, mit einem Refrain, der lautete: "Du kannst alles bekommen, was du willst - In Alice's Restaurant". Das Stück wuchs zu einer regelrechten Suite, die Guthrie als phantasievolle und komische Version seiner Abenteuer mit der illegalen Abfallbeseitigung vortrug, sodass es schliesslich zu einer 20-minütigen Comedy-Einlage mit musikalischer Untermalung wurde. Der Song erhielt schliesslich den Titel "Alice's Restaurant Massacree".

Guthrie nahm in der Folge am Newport Folk Festival teil und wurde zum Abschlusskonzert auf die Hauptbühne eingeladen, wo er am 16. Juli 1967 "Alice's Restaurant Massacree" vor 20000 Folk-Fans spielte. Das weckte das Interesse der Plattenfirma Warner Brothers Records, die ihn unter Vertrag nahm und im September 1967, nur wenige Wochen vor Woody Guthries Tod, am 3. Oktober Arlo's Debutalbum "Alice's Restaurant" auf dem Unterlabel Reprise Records herausbrachte. Das Album stieg am 18. November in die Billboard Charts ein und stieg stetig, erreichte am 29. März 1968 Platz 29 und blieb während 65 Wochen in der Hitliste. Obwohl das Titelstück das Album dominierte, enthielt die LP auf der zweiten Seite einige erstklassige originale Guthrie-Kompositionen, einschliesslich "Highway In The Wind", das bald darauf von Hearts And Flowers und Noel Harrison und später von Kate Wolf gecovert wurde.

Der Erfolg des Albums und des Titels "Alice's Restaurant Massacree" ging jedoch weit über den Verkauf hinaus. Erstens etablierte es Guthrie als Star, und auch als Figur getrennt von seinem Vater, immer eine heikle Sache für ein Kind in den Fusstapfen eines berühmten Elternteils. Trotz Woody Guthrie's Ruf als Vorläufer des Folk-Revivals der 60er Jahre, präsentiert Sohn Arlo eine deutlich veränderte Musik, die eher einem jungen Publikum gewidmet war, und die nur vage an den ruralen Folk seines Vaters erinnerte, wenn überhaupt. Ausserdem verwandelte "Alice's Restaurant Massacree" als sehr unterhaltsame Live-Aufnahme Arlo Guthrie sofort in eine Konzertattraktion. Er war ein schlauer, aber sanfter und charmanter Hippie, der die Ansprüche des Establishments mit einer komischen Übertreibung durchdringen und damit ad absurdum führen konnte.

"Alice's Restaurant" wurde später sogar verfilmt. United Artists, der Verleiher des Films, veröffentlichte im September ein entsprechendes Soundtrack-Album, das eine veränderte und zweiteilige Version von "Alice's Restaurant Massacree" zusammen mit Instrumentalmusik von Guthrie präsentierte. Gleichzeitig veröffentlichte Reprise Records wiederum Guthrie's drittes Studioalbum "Running Down The Road". Trotz dieser Produktschwemme fiel auf, dass sich alle drei Alben hervorragend verkaufen konnten. Das Soundtrack-Album erreichte Platz 63 und "Running Down The Road" Platz 54 der LP Charts. Bei Reprise Records erschien auch als eine einmalige Single mit dem Titel "Alice's Rock & Roll Restaurant", eine gekürzte, neu aufgenommene Version des berühmten Songs, die ebenfalls den Sprung in die Charts schaffte. Dennoch zog "Running Down The Road" nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich - sehr unverdient, wie ich meine.

Produziert von Lenny Waronker und Van Dyke Parks mit so prominenten Session-Musikern wie James Burton, Ry Cooder und Clarence White, war es das erste Album von Guthrie ohne irgendwelche komischen Monologe, und es kombinierte einige exzellente neue Originale, einschliesslich des psychedelischen Rockers "Coming In Los Angeles", einer Geschichte über Schmuggel, sowie die zarte Ballade "Oh, In The Morning", das später von McKendree Spring gecovert wurde mit Coverversionen alter Folk- und Bluesstandards wie Woody Guthrie's "Oklahoma Hills" und Mississippi John Hurt's "Creole Belle". Vor der Veröffentlichung von "Running Down The Road" war Arlo Guthrie war am 15. August 1969 auf dem Woodstock-Festival aufgetreten, wo er als Teil seines Sets das damals noch unveröffentlichte "Coming In Los Angeles" aufführte. Als diese Darbietung im Mai 1970 im Woodstock Film- und Soundtrack-Album auftauchte, wurde dieser Titel umgehend zu einem seiner signifikantesten Songs. Im Oktober 1969 heiratete Arlo Guthrie Alice 'Jackie' Hyde, mit der er vier Kinder haben würde: Abraham (Abe), Annie, Sarah Lee und Cathy. Abe Guthrie wurde später ebenfalls Musiker und arbeitete mit seinem Vater Arlo zusammen. Auch sein Tochter Sarah Lee Guthrie stieg in die Musikbranche ein.




Mar 19, 2018


LEE MICHAELS - Barrel (A & M Records SP 4249, 1970)

Lee Michaels ist einer der grossen verlorenen Künstler der Rock'n'Roll der 70er Jahre. Als seelenvoller Sänger mit einer unglaublichen Bandbreite und in der Lage, grosse Emotionen auszudrücken, war Michaels auch ein talentierter Songwriter und Keyboarder. Seine Auftritte basierten auf seiner vertrauten Hammond Orgel, noch bevor Bands wie Deep Purple und Uriah Heep ihre Keyboardsounds mit in den Vordergrund schoben. Michaels mied häufig die Verwendung einer vollen Band zugunsten der Begleitung lediglich durch einen Schlagzeuger mit dem Pseudonym 'Frosty' (richtiger Name Bartholomew Eugene Smith-Frost) für zwei seiner ersten vier Alben und den ehemaligen Grass Roots Musiker Joel Larson auf seinem Bestseller-Album "Fifth".

Lee Michaels war einzigartig: Niemand hatte sich während seiner bekanntesten Phase und seines kommerziellen Höhepunkts, also etwa zwischen 1968 und 1972, wie Lee Michaels angehört, und niemandem war er seitdem näher gekommen. Leider dürfte inzwischen ein Grossteil der hervorragenden originalen Alben von Lee Michaels schwierig, wenn nicht sogar unmöglich auf CD zu finden sein, vielleicht mit der Ausnahme von "Fifth", seinem bekanntesten Werk, das ein paar Hits hervorgebracht hat, einschliesslich dem zeitlosen "Do You Know What I Mean", das damals Platz 6 bei den Billboard-Singles Charts erreichte und Michaels Coverversion des Marvin Gaye-Hits "Can I Get A Witness", das es imemrhin auf Rang 39 schaffte. In Ermangelung leicht verfügbarer CDs haben Fans und Sammler in den letzten Jahren wieder vermehrt nach originalen VInylalben des Musikers gesucht. Diese findet man durchaus öfters, auch wenn sie teilweise in sehr gutem Zustand auch ihren Preis haben. Die Suche nach seinen Werken lohnt sich aber unbedingt, und als grossen Geheimtipp empfehle ich persönlich sein 1970 erschienenes Album "Barrel".

"Barrel" ist nicht nur musikalisch ein hervorragendes Album, es überzeugt auch durch eine beeindruckende Vielfalt an teils knallharten politischen und gesellschaftskritischen Songtexten. Es ist aus heutiger Sicht durchaus möglich, dass sich Lee Michaels kommerziellen Erfolge und seine teils unverblümten und offenen Kritiken an der Gesellschaft und am politischen System (Stichwort Vietnamkrieg) per se ausschlossen. "Barrel" war fast so etwas wie eine LP mit einem Gewissen, auf welchem Lee Michaels in rechtschaffenem Protestmodus über den Vietnamkrieg ("What Now America ?", "Thumbs", "When Johnny Comes Marching Home") und über Ungerechtigkeit und Polizeibrutalität sang ("Murder In My Heart (For The Judge"), "Mad Dog", sowie ein paar bittersüsse Liebeslieder ("Didn't Know What I Had", "Day Of Change") und das grossartige "Ummm My Lady" hinzuzufügen, um das Album letztlich auch textlich doch noch ausgewogen und teilweise versöhnlich dastehen zu lassen.

Für dieses Album brachte Michaels den Gitarristen Drake Levin zurück; Der Musiker spielte auf dem gesamten Album und spielte eng mit Michaels und Frosty zusammen. Levins geschickter Einsatz des Leslie Cabinets (drehendes Lautsprechergehäuse), das als Verstärkung des vorherrschenden Hammond Sounds unterstützend und erweiternd wirkte, war besonders attraktiv. "What Now America" ​​griff thematisch erneut dort auf, wo das vorherige Album "The War" aufgehört hatte. Der gesellschaftlich desolate Zustand seiner Heimat war und blieb ein zentrales Thema für Lee Michaels. Ein seltenes Michaels-Liebeslied, "Ummmmm My Lady", wurde als Singleauskopplung ausgewählt, blieb aber weitgehend erfolglos und konnte die Charts nicht erobern. "When Johnny Comes Marching Home" kam als waschechter militärischer Marsch daher und war fast zur Hälfte seiner Laufzeit auf Frosty's Snare Drum ausgelegt. Eine Coververson von Moby Grape's angriffigem Titel ("Murder In My Heart (For The Judge") indes erfuhr in der Version von Lee Michaels eine gewisse Abschwächung, es klang gefühlvoller als das radikale Original. "Day Of Change" überzeugte durch eine tragende und durchgehend warme Hammond Melodik. "Didn't Know What I Had" zeigte den Künstler kompetent am E-Piano, und dies war ungewöhnlich, denn dieses Instrument setzte Lee Michaels nur ganz sporadisch ein. Schade, wenn man diese Nummer hören konnte: Vielleicht wäre seine Hammond dominierte Musik abwechslungsreicher geraten und dadurch vielleicht auch kommerziell erfolgreicher.

"Barrel" erreichte den respektablen Rang 51 in den amerikanischen Album Charts; es war Michaels bisher beste Chartperformance und ein Vorgeschmack auf die kommenden Erfolge, die sich durchaus einstellen sollten, jedoch in Anbetracht der hohen Qualität seiner Musik dennoch eher als enttäuschend gewertet werden mussten. Lee Michaels blieb letztlich ein Geheimtipp unter Kennern - dieser Status verstärkte sich noch, als er abrupt das Musikgeschäft hinter sich liess. Der spätere Aufenthaltsort von Lee Michaels blieb geheimnisumwittert, da er sich komplett aus der Musikszene zurückzog. Es gab Gerüchte über einen Hörverlust und den Rückzug nach Hawaii. Verbürgt ist, dass er der Mitbesitzer eines "Killer Shrimp" Restaurants in Südkalifornien war. Barrel" kann man als waschechte Hippie-Platte im klassischen Sinne bezeichnen, mit viel Esprit aus den 60er Jahren, obwohl sie Anfang 1970 veröffentlicht wurde. Es ist mein ganz persönliches Lieblings-Album von Lee Michaels und ein Muss für jede Musiksammlung. Nicht viele Leute haben von Lee Michaels gehört. Er war jedoch ein sehr talentierter Musiker. In gewisser Weise war er wie Todd Rundgren. Sein Klavierspiel war absolut grossartig und er war ein Künstler, der den Begriff Qualität sowohl in Bezug auf seine Musik, wie auch auf seine Liedertexte absolut ernst nahm. Schade, dass er heute praktisch vergessen ist.









Mar 14, 2018


CENTIPEDE - Septober Energy (RCA Neon Records NE 9, 1971)

Nicht weniger als 55 Musiker sind auf dem verstörenden und bis heute wohl einmaligen Session Mammut-Projekt "Septober Energy" zu hören, jedenfalls weist das Plattencover so viele Namen von Beteiligten auf. Im Herbst 1970 stellte der Jazzmusiker Keith Tippett, der damals in seiner Keith Tippett Group das Klavier spielte, das Projekt Centipede zusammen, um das aus vier einzelnen Session-Stücken bestehende "Septober Energy", welches er zusammen mit seiner Frau Julie Tippetts (ehemals Driscoll) komponiert hatte, live zu präsentieren. Im Juni 1971 begab sich das Orchester für drei Tage ins Studio, um das Monstrum auf Tonträger zu bannen. Neben einer personalreichen Streicherabteilung rekrutierte Tippett eine Armada an Blech- und Holzbläsern, Basssisten und Schlagzeuger, die damals zum Teil in namhaften, britischen Jazz- und Rockformationen tätig waren, unter anderem bei Soft Machine, King Crimson und Nucleus. Dazu kamen noch einige Sänger und der King Crimson-Kopf Robert Fripp als ausführender Produzent.

Zu der Besetzung gehörten unter anderem die Saxophonisten Dudu Pukwana, der zuvor bei der Afro Jazz Rock Band Assagai spielte und später zu Chric MacGregor's Brotherhood Of Breath wechselte, der angesehene Elton Dean von Bluesology und Soft Heap, der später viele Jahre lang in diversen Projekten mit Keith Tippett weiter zusammenarbeitete. Ausserdem gesellte sich der Saxophonist Ian McDonald dazu, der ebenfalls aus dem Jazzbereich kam und bei Giles Giles & Fripp mit Robert Fripp zusammenspielte und ausserdem die eine Hälfte des Duos McDonald & Giles war. Hinzu gesellten sich ausserdem eine Menge Musiker, die später richtig bekannt und teilweise sehr erfolgreich in anderen Projekten und Bands oder als Solisten wurden, so etwa der Bassist Roy Babbington (Soft Machine), der Schlagzeuger Robert Wyatt (unter anderem Daevid Allen Trio), Ian Carr (Nucleus), die Sänger Mike Patto und Zoot Money, der Gitarrist Brian Godding, der mit den legendären Blossom Toes startete und später ebenfalls im Jazzbereich hängen blieb, so etwa als Gitarrist in der Mike Westbrook Band und zahlreiche weitere Musiker, die mehrheitlich im Jazzbereich arbeiteten.

Vier jeweils eine ganze LP-Seite füllende Jams wurden für das Werk "Septober Energy" eingespielt, die 1971 auf einer Doppel-LP von RCA Records' für progressive Musik lancierten Unterlabel Neon Records veröffentlicht wurden. In musikalischer Hinsicht wird auf "Septober Energy" recht komplexe Musik gespielt, die sich nicht selten in wilden Free Jazz-Orgien ergiesst. Eine insgesamt sehr anstrengende Mixtur aus freiem, teils atonalem Jazz, typischen Canterbury-Anleihen, Brass- und Jazzrock hatte Keith Tippett mit seiner Frau inszeniert, angereichert mit progressiven Rock-Elementen, die aufgrund der entsprechenden Beteiligung von Robert Fripp manchmal in Richtung King Crimson pendelte. Etwas moderne Klassik und viele experimentelle und avantgardistisch anmutende Passagen waren ebenfalls verbaut worden. Natürlich waren in den vier ausufernden Teilen nicht ständig alle beteiligten Musiker zu hören. Zumeist spielte pro Teil ein Basis-Kern von vier bis fünf Instrumentalisten, die quasi das Hauptfundament bildeten für die Solo-Jams, die dann darüber ausgebreitet wurden. Dank dieser Arbeitsweise gelang es Tippett, immerhin vier in sich recht unterschiedliche instrumentale Teile zu arrangieren, die aber allesamt, trotz manchmal rockiger, dann wieder eher jazziger Grundausrichtung teilweise nur schwer verdaulich waren. Ganz bestimmt hatte er sich zumindest in kommerzieller Hinsicht mit diesem Projekt keinen Gefallen getan. Aber das war auch gar nicht die Idee hinter diesem Mammut-Projekt. 

In allen vier Teilen steigert sich die Musik kontinuierlich, besonders, wenn im Verlauf des jeweiligen Stücke-Aufbaus die Streicher und/oder die Bläsergruppen dazukommen, ab und zu auch ein sehr weltfremd anmutendes irgendwie verqueres Stimm-Durcheinander, das man eigentlich nicht unbedingt mit Chor bezeichnen möchte, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie man sich einen Chor so gemeinhin vorstellt. Einige dieser Vokal-Akrobatiken erinnern etwas an die unverständlichen Stimm-Fragmente beispielsweise in Pink Floyd's Stück "Atom Heart Mother", und wie auch dort werden die Stimmen ab und zu auch ganz konkret und unterstützen die teilweise brachialen freien Instrumental-Ausbrüche noch zusätzlich. Als klangliches Durcheinander könnte man das oberflächlich betrachtet durchaus nennen, was sich auf "Septober Energy" auf den Hörer ergiesst. Allerdings muss man auch festhalten, dass diese Art von Musik grenzwertig ist und auf jeden Fall ein Unikum darstellt, denn es gibt hier eben nicht nur diese typischen Free Jazz und Free Rock-Passagen zu hören, sondern auch viel Melodiosität in dem ganzen Chaos. Man sagt ja manchmal nicht zu Unrecht, es gebe nichts Aufgeräumteres als das organisierte Chaos. Diese Umschreibung passt meines Erachtens ziemlich gut zu Centipede's Musik. 

Symphonischer Free Jazz Brass Rock trifft es vielleicht am ehesten, obwohl es so eine Schublade ja gar nicht gibt. Dazu gesellen sich dann allerdings auch getragene Abschnitte, in denen die Sänger solistisch zum Einsatz kommen, das Klavier soliert und Karl Jenkins' Oboe erklingt, und schwebend-meditative Momente, in denen der Chor geheimnisvolle, langgezogene Töne hervorbringt, zu denen gestrichene Bässe brummen und Streicherteppiche dem Ganzen eine symphonische Fülle verleihen. Ab und an kommt auch eine Violine zum Einsatz, die dann wiederum eine Nähe zur Klassik erkennen lässt. Alles in allem klingen die vier Teile der "Septober Energy" aber sehr frei und irgendwie willkürlich schräg, jedenfalls nicht organisiert, was letztlich aber nur Keith Tippett's Wurzeln offenbart, die fest im Free Jazz verankert sind.

Von Kritikerseite wurde das Werk bei Erscheinen mehrheitlich als überambitioniertes, richtungs- und stilloses Durcheinander verrissen. Ein paar Längen hat "Septober Energy" durchaus, ein bisschen zusammengewürfelt wirkt die Suite auch, aber ansonsten wird hier sehr überzeugend und virtuos musiziert. Es war aber wohl so, dass den eher konservativen Jazzkritikern der frühen 70er Jahre ein solches Stilkonglomerat übel aufgestossen ist, insbesondere wenn es von Popmusikern präsentiert wird, zu denen Tippett, Fripp und Kollegen damals gezählt wurden. Nachdem das Werk nun viereinhalb Jahrzehnte auf dem Buckel hat, werden versöhnlichere Töne angestimmt. Mancher spricht inzwischen von einem stilvereinenden, experimentellen Meisterwerk, und genau so würde ich dieses Werk auch bezeichnen. "Septober Energy" ist ein sehr faszinierendes, aber auch sehr anstrengendes Stück Musik, welches auf interessante und anspruchsvolle Weise die Welten des Jazz und des Rock symphonisch miteinender vereint.

Wer die Musik von Soft Machine und Nucleus schätzt, dominierende Blasinstrumente, Atonalität und Free Jazz zu seinen musikalischen Vorlieben zählt oder auch einfach nur aufgeschlossen genug ist, sich so einem herausfordernden Werk zu stellen, dem kann ich die "Septober Energy" sehr empfehlen. Erstaunlich bleibt bis heute, dass dieses Album, welches auch schon 1971 eher als grenzwertig in Erscheinung trat, dennoch bei einem grossen Plattenlabel wie RCA Records erschienen ist. Einige Jahre später wäre ein solches Vorhaben von fast jeder Plattenfirma als absolut unkommerziell abgelehnt worden. Keith Tippett's ebenso ambitioniertes Projekt "ARK" erschien 1978 dann auch auf dem kleinen Jazzlabel Ogun Records. Anfang der 70er Jahre aber waren Gelder für solch absolut unkommerzielle Projekte wie dieses gottseidank noch vorhanden.

Mar 9, 2018


JANIS JOPLIN - I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama 
(CBS Records S 63546, 1969)

Janis Joplin wurde im Jahre 1943 in Texas als Tochter von Seth Ward Joplin, einem Mitarbeiter der Ölgesellschaft Texaco, und Dorothy Joplin, die eine Gesangsausbildung abgebrochen hatte und als Büroangestellte arbeitete, geboren. Sie hatte eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder. In ihrer Kindheit wandte sie sich der Kunst, insbesonders Gedichten zu, las viel und sang im Kirchenchor. Ihre Mutter setzte auf das Talent ihrer älteren Tochter im Zeichnen und sorgte dafür, dass sie privaten Kunstunterricht bekam. Schliesslich entdeckte sie die Blues- und Folk-Musik für sich. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie 1958 im Halfway House, einer Anstalt zur Reintegration von Alkohol- und Drogensüchtigen in Beaumont in Texas. Nachdem sie 1960 ihren Highschool-Abschluss bestanden hatte, ging sie im Alter von 18 Jahren nach Kalifornien, um Sängerin zu werden. Sie versuchte sich an einigen Colleges, brach aber das Studium vorzeitig ab. Ein Jahr später hatte sie ein wenig Geld verdient und zog nach Los Angeles. Sie sang, unter anderem begleitet von Jorma Kaukonen, dem damaligen Gitarristen der Band Jefferson Airplane, in Kneipen und Folk-Clubs. Autodidaktisch geschult durch Schallplatten von Leadbelly, Odetta Holmes und Bessie Smith, ihrem grössten Vorbild, avancierte sie mit ihrem hemmungslosen, bis dahin für eine weisse Sängerin einzigartigen Gesangsstil zur Queen des weissen Bluesrock.

Nachdem Janis Joplin 1962 in Louisiana als Kellnerin gearbeitet hatte, kehrte sie nach Texas zurück, um in Austin ein Appartement, das später als 'The Ghetto' bekannt wurde, zu beziehen. Am College in Austin fiel sie wegen ihrer Kleidung als Aussenseiterin auf. Im Jahre 1965 trat sie mit der Jazzband von Dick Oxtot auf. Im Frühsommer 1966 rief Chet Helms, ein Bekannter seit 1963 und Manager von Big Brother And The Holding Company, bei ihr an und teilte ihr mit, dass die Band eine Sängerin suche. 1966 begann Joplin's Karriere, als sie nach San Francisco zog und sich besagter Band anschloss, mit der sie 1967 erfolgreich beim Monterey Pop Festival auftrat, dadurch einen Plattenvertrag bei Mainstream Records von Bob Shad erhielt und dort das Album "Big Brother & The Holding Company Featuring Janis Joplin" herausbrachte. 1968 folgte für Columbia Records das nächste Werk "Cheap Thrills" mit einem vielbeachteten Frontcover von Robert Crumb. Das zweite Album enthielt schon viele ihrer bekannt gewordenen Stücke wie die Coverversion von Erma Franklin's "Piece Of My Heart" oder "Ball And Chain". Nach den Studioaufnahmen reiste Joplin nach Nepal, wo sie sich im Herbst 1968 für eine Weile in Kathmandu aufhielt. Diesen Aufenthalt beschrieb sie später in ihrem Song "Cry Baby" wie folgt: "Honey, the road’ll even end in Kathmandu".

Ende 1968 trennte sich Janis Joplin von der Band und stellte zusammen mit ihrer Plattenfirma eine grössere Begleitgruppe zusammen, die lange keinen Namen hatte, aber nach dem folgenden, dritten Joplin-Album Kozmic Blues Band genannt wurde. Der Grund dafür war der Ehrgeiz Joplins, mit einer professionellen Band mit Funk- und Blues-Instrumenten neue Musikrichtungen zu erschliessen und professioneller zu arbeiten. Dies wurde unter anderem von der Musikzeitschrift Rolling Stone als Verrat an den Idealen der Rockmusik empfunden. Tatsächlich lief die Zusammenarbeit mit der Band nicht sehr gut, da sich die Musiker vorher nicht kannten und Joplin wenig Erfahrung sowohl als Band-Leaderin als auch mit dem Arrangieren von Songs hatte. Die Band hatte ihren bekanntesten Auftritt im Jahre 1969 beim Woodstock Festival. Joplin war bei diesem Auftritt stark alkoholisiert, wirkte aufgeschwemmt, verbraucht und ihre Stimme brach oft. Ihre Plattenfirma verweigerte aus diesem Grund anfänglich die Erlaubnis, diesen Auftritt filmisch in der Dokumentation 'Woodstock' zu zeigen. Allerdings machte sie eine Bemerkung über die Hippiebewegung, die später oft zitiert wurde: "Früher waren wir nur wenige, jetzt gibt es Massen und Massen und Massen von uns". Die Aufnahmen des Woodstockauftritts wurden teilweise erst auf "Box Of Pearls (1999 bei Sony Music erschienen) respektive vorher grösstenteils 1993 auf einer posthumen CD durch die Firma ITM veröffentlicht.

1969 trat Joplin im Fernsehen bei Ed Sullivan und Dick Cavett auf. Die Interviews mit Cavett waren auf dem posthum veröffentlichten Album "Janis" zu hören. Ebenfalls 1969 begab sich die Kozmic Blues Band auf eine zweimonatige Europatournee. Ihr einziges Konzert in Deutschland fand am 12. April 1969 in der Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main statt. Auf der offiziellen Website war unter dem Datum 12. April 1969 vermerkt: 'Kozmic Blues: two concerts in Frankfurt'. Nach Ende des von der Agentur Lippmann & Rau veranstalteten Konzerts forderte Joplin die Zuhörer auf, zu bleiben, weil nun noch eine Aufzeichnung des amerikanischen Fernsehens folgte. Mitschnitte dieses zweiten Konzerts, bei dem sie die Fans animierte, auf die Bühne zu kommen, waren in der Filmdokumentation 'Janis' (1975) zu sehen. Der Titel "Raise Your Hand" auf der posthum veröffentlichten LP "Farewell Song" wurde während des Frankfurter Konzerts live aufgenommen. Zusätzlich nahm Joplin 1969 ihre zweite LP für Columbia "I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama" auf und wurde in Tampa in Florida inhaftiert, weil sie einen Polizisten beleidigt hatte. Bei der nachfolgenden Gerichtsverhandlung bezeichnete ein Gericht Joplin's Verhalten als freie Meinungsäusserung und liess die Anklage fallen. Sie wurde aber nach ihrem Konzert in der Curtis Hall wegen obszöner Sprache und Fluchens auf der Bühne zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Januar 1970 löste sich die Band auf. Um von ihrer Sucht nach Alkohol, Heroin, Aufputschmitteln und anderen Drogen loszukommen, plante Joplin einen Urlaub in Südamerika und reiste zum Karneval nach Rio de Janeiro.

Zurück in Kalifornien nahm Janis Joplin ihre unstete Lebensweise wieder auf. Im April 1970 wurde ihre dritte Band, die Full Tilt Boogie Band, zusammengestellt. Diese stellte sich für sie als Glücksgriff heraus. Das Team harmonierte emotional und musikalisch. Road-Manager John Cooke sagte hierzu: "Die Jungs suchten eine Band, die eine Heimat war. Sie wussten, dass Janis der Boss war, und sie mochten sich alle auf Anhieb". Janis Joplin schien endgültig ihren Musikstil gefunden zu haben. Ihre Songs mit der Full Tilt Boogie Band sollten ihre erfolgreichsten werden. Im Sommer 1970 trat sie im Festival Express Train auf. Im September 1970 traf sich die Band in den Sunset Sound Studios in Los Angeles für die Aufnahmen zu ihrer dritten Columbia-LP "Pearl". Am 3. Oktober, kurz vor dem Ende der Studioaufnahmen, war Joplin das letzte Mal im Sunset Sound Studio, um Bänder mit Titeln anzuhören, die sie an den folgenden Tagen einsingen sollte. Als sie am nächsten Tag bis nachmittags nicht wie vereinbart im Studio auftauchte, fuhr John Cooke zum Landmark Motel, in dem Joplin seit dem 24. August wohnte, um nach ihr zu sehen. Er fand sie tot auf dem Fussboden liegend. Das Landmark Motel wurde unmittelbar nach ihrem Tod in Highland Gardens Hotel umbenannt. Nach offiziellen Angaben starb Janis Joplin am 4. Oktober 1970 an einer Überdosis Heroin. Joplins Leiche wurde verbrannt und die Asche an der kalifornischen Küste in der Bucht von Marin County im Pazifik bestattet. Beim Titel "Buried Alive In The Blues" auf dem Album "Pearl" fehlte die Stimm-Spur, die Joplin am 5. Oktober 1970 einsingen sollte.

Kurz vor ihrem Tod hatte Janis Joplin am 1. Oktober 1970 in Beverly Hills ihr Testament unterzeichnet. Wunschgemäss vertranken 200 Freunde auf einer Party das hinterlassene Bargeld von 1500 Dollar. Der Verbleib ihres sonstigen Vermögens war klar geregelt, wobei im Wesentlichen ihre Eltern und ihre Geschwister bedacht wurden. Insbesondere für die Auszahlungen an Joplins jüngeren Bruder Michael, dem eine gute Ausbildung ermöglicht werden sollte, hatte Anwalt Bob Gordon strenge Anweisungen. Der bekannte Porsche 356 C 1600 SC, Baujahr 1964 aus Janis Joplin's Besitz wurde nach 20 Jahren Ausstellung in der Rock and Roll Hall of Fame im Dezember 2015 in New York durch die Familie über RM Sotheby’s für 1,76 Millionen US-Dollar versteigert. Der Schätzpreis lag bei nur 400000 US-Dollar. Janis Joplin besuchte im Sommer 1970, kurz vor ihrem Tod, das Grab von Bessie Smith (1894–1937) auf dem Mount Lawn Cemetery in Sharon Hill, Pennsylvania. Als sie dabei angeblich feststellte, dass die von ihr verehrte Bluessängerin anonym beigesetzt worden war, liess Janis ihr einen Grabstein setzen, der die Inschrift trägt: 'The Greatest Blues Singer In The World Will Never Stop Singing – Bessie Smith – 1894–1937' ('Die grösste Blues-Sängerin der Welt wird niemals aufhören zu singen'). Nach anderen Quellen bezahlte eine Krankenschwester aus Philadelphia eine Hälfte des Grabsteins, und Joplin trug, nachdem man sie telefonisch darum gebeten hatte, die andere Hälfte der Kosten. Auf vielen Fotos sah man Janis Joplin mit einer Flasche Southern Comfort. Janis Joplin fragte bei der Herstellerfirma an, ob sie dafür nicht ein wenig Geld bekommen könne, da dies eine gute Werbung sei. Der Spirituosenproduzent willigte ein und überwies ihr 6000 Dollar. In San Francisco hatte Janis Joplin eine Beziehung mit dem Musiker Country Joe McDonald, der ihr später das Stück "Janis" widmete. Leonard Cohen schrieb über sie den Song "Chelsea Hotel No. 2".





Mar 8, 2018


WEEPING WILLOWS - Endless Night (Grand Recordings 7243 8 48423 2 1, 1999)

Die Weeping Willows sind eine im Jahre 1995 gegründete schwedische Pop Rock Gruppe, deren Alben in Schweden regelmässig Top Ten-Platzierungen erreichen. Ihr Sänger Magnus Carlson und der Perkussionist Thomas Sundgren spielten ab 1993 in einer Coverband Countrymusik und Rockabilly. Die Begleitband Stefan Sundströms, Apache, lud die beiden zur Zusammenarbeit ein und daraus entwickelte sich ein richtiges Seitenprojekt, das Lieder von Elvis Presley, Roy Orbison, Johnny Cash, Scott Walker, The Righteous Brothers und anderen Sängern jener Zeit im Repertoire hatte. Als sich mit der Zeit ein richtiges Bandgefüge entwickelte, gab man ihm den Namen Weeping Willows nach der in Johnny Cash's Songtext von "Big River" vorkommenden Trauerweide. Magnus Carlson und Thomas Sundgren standen fortan der Gitarrist Ola Nyström, der Bassist Stefan Axelsen, der Schlagzeuger Anders Hernestam, sowie der Keyboarder Mats Hedén zur Seite und nach einiger mit Liveauftritten verbrachten Zeit ausserdem der zweite Gitarrist Niko Röhlcke.

Das 1997 erschienene Debütalbum "Broken Promise Land" wurde vom Rebecka Törnqvist-Förderer und Produzenten Pål Svenre im Stockholmer Atlantis Studio produziert. Er spielte darauf ausserdem Klavier. Dass auch Per 'Texas' Johansson an Klarinette, Flöte und Saxophon und der Trompeter Peter Asplund mitwirkten, war Svenres erstrangigen Verbindungen in die schwedische Musikszene zu verdanken. Des Weiteren wurden aufgeboten: Mikael Anderfjärd und Ole Holmquist (beide Posaune, Letzterer zeitweilig bei James Last), Håkan Nyqvist (Jagdhorn), Arsa Forsberg (Cello), Hans Åkesson und Ulf Forsberg (beide Viola) sowie Josef Cabrales-Alin, Sarah Edin und Torbjörn Bernhardsson (alle Violine). Die CD verkaufte sich in Schweden, Norwegen und Deutschland gut. Auftritte bei Festivals und in TV-Shows festigten die Bekanntheit der Band. Prinzipiell bestand die Auftrittsgarderobe aus schwarzen Anzügen und gefüllten Whiskeygläsern als Accessoires. Auf dem Nachfolgealbum "Endless Night" (1999) verordnete man sich einen moderneren Stil und nahm sich Depeche Mode und Morrissey zum Vorbild. Dieses schlug bei den Popliebhabern wieder ein, wurde aber von Kritikerseite nicht für so gelungen befunden wie der Vorgänger.

"Endless Night" geriet zu so etwas wie einer ultimativen Herz-, Schmerzplatte, denn auf dem Album befanden sich ein Dutzend brillanter Songs, die sich nur um Liebe und Leid in all ihren Formen drehten. Beim Blick auf das Plattencover wurde der Hörer zunächst einmal stutzig. Stach hier doch der Cover-Abdruck der Kultplatte "London Callling" der Punkrock-Institution The Clash ins Auge. Das verwunderte etwas, da die beiden Bands musikalisch nichts miteinander verband. Das Einzige, was das schwedische Sextett mit den Punkmeistern gemeinsam hatte, war die Radikalität. Während The Clash in ihren Songs konsequent ihre politische Einstellung vertraten, gaben sich die Weeping Willows mit ihrer Musik radikal traurig und schafften sogar das schier unglaubliche Kunststück, noch melancholischer zu klingen als die Tindersticks.

Dennoch gehören die Schweden nicht in die Abteilung depressiver Verrückter, denn ihr Weltschmerz war keineswegs morbider Natur, wie ihn beispielsweise Ville Valo und seine Band Him zelebrieren, sondern er ist vielmehr romantischen Ursprungs und in seiner poetischen Verklärung durchaus lebensbejahend. Solch grosse Gefühle erfordern natürlich auch grosse Musik. Und genau das ist das Metier von Sänger Magnus Carlson und seinen Mitstreitern. Ihre Songs sind pure Melancholie in Moll, eingegossen in wunderschöne Melodien und Refrains, die die Tränensäcke unter den Augen zum Platzen bringen. "There's no trust. Not anymore" lauten gleich die ersten Zeilen aus dem Opener "While I'm Still Strong" und in dem Stil sind alle Texte gehalten. "At the end of the rainbow I found my broken heart. I was a dreamer and you were my dream. Why did you leave ?" fleht Carlson sehnsuchtsvoll ins Mikrophon und der hagere Mann, der in Schweden mit seinen Band längst ultstatus erreicht hat, kann einem schon richtig leid tun. Eingebettet sind die fragilen Texte in opulent arrangierte Song-Epen, die sich auch als stimmungsvolle Unterstreichung für Shakespeare-Dramen eignen würden. Die Weeping Willows malen eindringliche Klangbilder in den Himmel, der an all den wehklagenden Geigen, den leise dahintutenden Bläsern, den sanften Pianoklängen und betörenden weiblichen Background-Gesängen manchmal zu zerbrechen droht. Aber die Band versteht es, gerade noch die Kurve zu kriegen, sodass die Songs zu keinem Zeitpunkt überladen wirken.

Natürlich ist "Endless Night", kritisch gesehen, nichts anderes als Kitsch. Simple Botschaften, die in zwar kunstvolle, aber auch überaus ohrenfreundliche Musik eingepackt wurden, zumal die Band in ihrem Sound gelegentlich Reminiszenzen an Altmeister wie Johnny Cash oder Elvis Presley einfliessen lässt. Aber in all dieser Einfachheit steckt nun mal auch mehr als nur ein Körnchen Wahrheit drin und deshalb funktioniert die Musik der Weeping Willows so wunderbar. Die Texte und Melodien graben sich tief in Gehör und Kopf ein, und lassen sich nur schwer wieder vertreiben. Ausserdem: Was ist schon Schlimmes dabei, sich ab und zu hemmungslos romantischen Tagträumereien hinzugeben ? In der Folge
gab Magnus Carlson im Jahre 2001 zunächst sein Solodebüt. Noch einen Tick mehr in eine eher rockige Richtung fiel das dritte Bandalbum "Into The Light" aus. Massgeblichen Anteil hatte daran Produzent Johan Forsman, der zuvor für Poprock-Bands wie The Soundtrack Of Our Lives verantwortlich zeichnete. Es erschien im November 2001 in Schweden, im restlichen Europa Anfang April 2002. Erst 2004 wurden die Album-Veröffentlichungen mit "Presence" fortgesetzt. Es dauerte wiederum drei Jahre bis "Fear & Love" erschien. Danach gab es eine richtig lange Pause bis 2014. Auf dem im März 2016 erschienenen Album "Tomorrow Became Today" spielte Per 'Rusktrask' Johansson, das Saxophon.Die aktuelle Weeping Willows Kernbesetzung lautet: Magnus Carlson (Gesang), Ola Nyström (Gitarre), Niko Röhlcke (Gitarre, Keyboard) und Anders Hernestam (Schlagzeug).

Die Internet-Plattform Allmusic beschreibt den Stil der Weeping Willows als sentimentalen, weinerlichen Rock mit einem gehörigen Anteil an Streicher- und Bläser-Einsätzen. Die Musik sei geeignet für Fans von Chris Isaak und der frühen K.D. Lang, hiess es im Billboard-Magazin. Eine dank Sänger-Schluchzen und Twang-Gitarre gegebene stilistische Verwandtschaft zu Chris Isaak sah auch der kulturnews-Rezensent. Bezüglich der episch-melancholischen Streicherarrangements fügte er an: "Sie spielen Mädcheneroberungs-Musik mit viel Schmalz und Schmelz, sie balancieren nah am Engtanzkitsch und stürzen doch nicht ab". Christof Nikolai meinte auf plattentests.de zu "Endless Night", kritisch betrachtet sei die Musik Kitsch, sich auf sie einlassend Romantik, auf jeden Fall aber zeitlose Melancholie. Das Intro sah kein Versinken in übermässigem Pathos und Kitsch. Die musikalische Formel wurde als Pulp plus Roy Orbison geteilt durch Chris Isaak definiert. Den opulent-schwelgerischen Retro-Sound behielt die Band auch auf späteren Alben bei.



 

Mar 7, 2018


SOULSAVERS - The Light The Dead See (V2 Records VVR797362, 2012)

Der Depeche Mode Sänger Dave Gahan wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Bereits kurz nach seiner Geburt trennten sich seine Eltern, zu seinem leiblichen Vater Len hatte er keinen Kontakt mehr. Mutter Sylvia heiratete ihren zweiten Ehemann Jack Gahan, der Dave und seine ältere Schwester Susan adoptierte. Die Brüder Peter und Philip bereicherten kurz darauf die Gahan-Familie. Jedoch verstarb sein Adoptivvater, als Dave zehn Jahre alt war. Im Alter von 13 Jahren schloss sich Gahan der Punk-Szene an. Er wurde kriminell, besprühte Hauswände und stahl Autos, die er verkaufte, um seine Familie finanziell zu unterstützen. Dies gipfelte kurzzeitig in einem Aufenthalt in einem Jugendgefängnis. 1979 traf Gahan auf Vince Clarke, der gerade zusammen mit Martin Gore die Band French Look gegründet hatte. Gahan übernahm für die Band Tätigkeiten am Mischpult. Aus French Look ging kurze Zeit später die Band Composition Of Sound hervor, an der auch Andrew Fletcher beteiligt war. Zunächst übernahm Gahan Roadie-Tätigkeiten, später engagierte ihn die Band als Sänger. Anschliessend benannte sich die Band in Depeche Mode um. Den Namen hatte Gahan vorgeschlagen, inspiriert durch das französische Modemagazin Dépêche Mode.

Nachdem die Band von Daniel Miller, dem Chef des Plattenlabels Mute Records, bei einem Konzert entdeckt wurde, erschien 1981 das erste Album "Speak & Spell". Die dritte Single-Auskopplung "Just Can't Get Enough" erreichte in Grossbritannien bereits Chartplatz acht. Mit der Single "People Are People" gelang Depeche Mode 1984 der internationale Durchbruch, 1988 erreichte die Band ihren vorläufigen Höhepunkt, als sie im Pasadena Rosebowl Stadium vor über 60000 Zuschauern das Abschlusskonzert einer 101 Auftritte umfassenden Welttournee gab. Dave Gahan heiratete 1985 Joanne Fox, von der er sich 1991 scheiden liess. Zusammen haben sie einen Sohn, Jack. 1992 heiratete er in Las Vegas die Rockjournalistin Teresa Conroy, von der er Mitte der 90er Jahre wieder geschieden wurde. Gahan lebte anschliessend mit seiner dritten Ehefrau Jennifer, deren Sohn aus einer früheren Beziehung, den er adoptierte, und der gemeinsamen Tochter Stella Rose, die 1999 geboren wurde, in New York.  Nach Abschluss der Schule versuchte Gahan, sich mit diversen Jobs über Wasser zu halten, bis er schliesslich am Southend Art College, einer Kunsthochschule, angenommen wurde. Dort schloss er eine Ausbildung zum Designer ab. Zu dieser Zeit war er noch immer stark vom Punk-Rock geprägt, hörte Gruppen wie Generation X und The Damned und besuchte deren Konzerte.

Bereits in den frühen 90er Jahren gab sich Gahan zunehmend den Drogen hin, er wurde heroin- und kokainabhängig. Nach der kräftezehrenden 'Devotional-Tour 1993/94' (insgesamt 174 Konzerte in 14 Monaten) wuchsen die Spannungen innerhalb der Band Depeche Mode. Nach einem Suizidversuch am 17. August 1995 (er schnitt sich die Pulsadern auf) wurde er in eine Entzugsklinik eingewiesen. Bereits nach wenigen Tagen wurde er wieder entlassen. Am 28. Mai 1996 spritzte er sich in einem Hotelzimmer einen Speedball, einen Cocktail aus Heroin und Kokain. Er war daraufhin für zwei Minuten klinisch tot, jedoch konnte ihn der Rettungsdienst wiederbeleben. Erneut kam er in eine Entzugsklinik, diesmal auf gerichtliche Anordnung für neun Monate. Diesmal schaffte er den Ausstieg und blieb seitdem nach eigener Aussage clean. Die Band setzte daraufhin die Aufnahmen zum nächsten Album "Ultra" fort, das bereits 1997 erschien. Es gab aber aufgrund der damaligen Probleme nur wenige kleine Auftritte anstatt einer Tour. Mitte Mai 2009 wurde die 'Tour of the Universe' unterbrochen, da Gahan nach offiziellen Angaben an einer Magen-Darm-Infektion litt. Kurz darauf musste er sich in New York der operativen Entfernung eines bösartigen Blasentumors unterziehen.

Bei Depeche Mode schrieb Martin Gore die Songs. Doch nach seinen Drogenerfahrungen entdeckte auch Gahan die Lust am Songschreiben. Auf die Alben "Ultra" und "Exciter" schaffte es allerdings keiner seiner Songs. Deshalb entschied er sich dafür, ein Soloalbum zu veröffentlichen. Nach der Exciter-Tour ging er mit seinem Freund Knox Chandler ins Studio, 2003 schliesslich erschien "Paper Monsters". Auf der folgenden weltweiten Tournee spielte Gahan mit seiner Band, bestehend aus Knox Chandler (Gitarre), Martyn LeNoble (Bass), Vincent Jones (Keyboard) und Victor Indrizzo (Schlagzeug), neben seinen neuen Songs auch Depeche Mode Klassiker. Anfang 2004 wurde die Tour-DVD "Live Monsters" veröffentlicht. Bestärkt durch den Erfolg seines Soloalbums setzte Gahan durch, dass das nächste Depeche Mode Album "Playing The Angel" auch drei Songs von ihm enthielt: "Suffer Well", "I Want It All" und "Nothing's Impossible". "Suffer Well" wurde sogar als Single veröffentlicht und 2007 für den Grammy als 'Best Dance Recording' nominiert.

Im Mai 2007 trat Gahan erstmals wieder zusammen mit den alten Bandkollegen seiner Solotour, LeNoble, Indrizzo und Jones, auf. Ausserdem wurde Gahan bei den zwei Songs im Rahmen der Benefiz-Veranstaltung MusiCares von John Frusciante (Red Hot Chili Peppers) begleitet. Am Rande dieses Kurzkonzerts gab Gahan bekannt, dass er an seinem zweiten Soloalbum "Hourglass" arbeite. Die erste Single "Kingdom" erschien am 27. August 2007 zunächst nur als Download. Nachdem seit Juli 2007 auch Nur Download-Veröffentlichungen in den Media Control Charts berücksichtigt werden, war "Kingdom" somit das erste Lied in der Geschichte der deutschen Singlecharts, das sich allein aufgrund der Download-Verkäufe in den Top 100 platzieren konnte. Die CD-Version von "Kingdom" erschien am 5. Oktober, das Album "Hourglass" folgte am 19. Oktober. Die reguläre CD umfasste zehn Songs, die Gahan gemeinsam mit Christian Eigner und Andrew Phillpott geschrieben hatte, auf der Deluxe Edition des Albums war zudem noch eine DVD mit Studioaufnahmen beigelegt. Am 11. März erschien ausserdem nur in den USA als Vinyl mit Bonus-CD "Hourglass Remixes". Im Jahre 2012 war Dave Gahan dann der Sänger sowie Songwriter des neuen Soulsavers-Album "The Light The Dead See". Gospel, Country und Streicher verband man nicht unbedingt mit dem Depeche Mode Sänger. Dennoch lieh er seine Stimme den Soulsavers, und das klang ziemlich ungewöhnlich. Die vielen Fans der britischen Band Depeche Mode hatten es in jener Zeit so richtig gut. Nicht nur, dass das Trio immer wieder mal ein neues Album herausbrachte: Sänger Dave Gahan wandelte auch öfters mal auf Solopfaden. Zwei Alben hatte er bereits unter seinem eigenen Namen in den Jahren 2003 und 2007 veröffentlicht. Schliesslich hatte er sich auch noch mit einer anderen Band zusammengeschlossen: Mit dem britischen Duo Soulsavers nahm er das Album "The Light The Dead See" auf. Es waren dies die ersten musikalischen Gehversuche nach Gahan's Krebserkrankung, die im Jahre 2009 diagnostiziert worden war.

Die kurz zuvor veröffentlichte Single "Longest Day" von den Soulsavers dürfte allerdings so manchen Depeche Mode Fan ziemlich irritiert haben. Die Ballade wartete nämlich mit gospelartigem Frauengesang im Refrain auf und klang auch sonst ganz und gar untypisch für Gahan's Stimme. Ein üppiger Satz Streicher und der langsame Rhythmus verwandelten das Stück in ein ziemlich gefälliges, durchaus radiotaugliches Stück. Die dunkle Stimme von Dave Gahan passte gut dazu, und in Kombination mit den Background Sängerinnen hatte man ihn auf "Songs Of Faith And Devotion" schon gehört. Aber wer die Sounds von Depeche Mode gewohnt war, wartete vergeblich auf die Ecken und Kanten, auf den Bruch, der nicht kam, so blieb der Song auffallend fliessend und unspektakulär. Der Rest des Albums überraschte dann aber doch sehr. Denn gar so gefällig waren die anderen elf Songs nicht. Nach dem ruhigen Instrumental-Einstieg kam der Titel "In The Morning" zwar ebenfalls mit Streichern daher, gewann aber durch leicht schräge Gitarren im Hintergrund, Gahan's wütend-flehendem Gesang und der Steigerung von leise zu heftig und wieder zurück. Der 50-Jährige hatte zu dem Album alle Texte und den Gesang beigesteuert, die Musik kam von den Soulsavers“. Und die spielten alles andere als die typischen synthetischen Sounds von Depeche Mode, sondern mischten Rock, Soul, Country und Alternativklänge zusammen, und das alles ausschliesslich handgemacht.

"The Light The Dead See" wartete mit eher ruhigen Stücken auf, mit sehr stimmungsvollen und warmen Echtsounds und mit hervorragenden Kompositionen, was wiederum Gahan die Chance gab, ganz anders zu klingen als gewohnt. So emotional wie beispielsweise bei den Titeln "Presence Of God" oder "Just Try" hatte man ihn wohl noch nie gehört. Bei "Gone Too Far", einem der wenigen lauteren und rockigeren Stücke, tobte er sich dafür umso mehr aus. Bei anderen Liedern wurde teilweise üppig arrangiert und bisweilen etwas zu dick aufgetragen: Der Song "Bitterman" etwa wirkte vielleicht etwas arg überfrachtet mit Emotionen. Vielleicht hatte das alles viel mit Gahan's Krebserkrankung zu tun, und womöglich beschäftigte er sich deshalb laut Plattenfirma auch textlich mit den ganz grossen Fragen des Lebens.

Das britische Duo Soulsavers jedenfalls blieb bis vor dieser Kollaboration ziemlich unbekannt, jedenfalls im Verhältnis zur Band von Gahan, der Depeche Mode Fan hatte sie aber schon gehört: Die Soulsavers übernahmen bei der Depeche Mode Tournee 'Tour of the Universe' im Jahre 2009 die Rolle des Support Act. Schon damals fiel allerdings der grosse musikalische Unterschied zu den Headlinern auf. Gahan outete sich als grosser Fan der Soulsavers, die seit 2003 drei Alben herausbrachten. Die Kollaboration mit Gahan war ihr viertes Werk. Entstanden war ein ziemlich intensives, hochemotionales Album, das ganz und gar nicht fröhlich klang. Diese Beschreibung war von Depeche Mode wiederum nicht so weit weg. Deren Fans sollten sich jedenfalls nicht von "Longest Day" abschrecken lassen, "The Light The Dead See" hatte zum Glück noch mehr zu bieten, und neben der Single nur wenige äusserst lieblich zu nennende Momente, so etwa "Take Me Back Home" oder "I Cant Stay". "Gone Too Far" und "In The Morning" dürften auch Depeche Mode Fans überzeugt haben. Mit dem Nachfolger "Angels And Ghosts" veröffentlichte Dave Gahan im Oktober 2015 ein zweites Werk mit den Soulsavers.





Mar 6, 2018


THE YARDBIRDS - Having A Rave-Up With The Yardbirds
(EMI Columbia Records SCXC 28, 1966)

Zwei Merkmale zeichneten die legendären Yardbirds aus: Sie blieben bis zum Schluss ein reines Singles-Phänomen, das etliche Hits in die Charts bringen konnte, wohingegen sie den Schritt in die LP-orientierten Progressive-Jahre nicht schafften. Erstaunlich für eine Band, die zugegebenermassen innerlich zerrissen war, und dies eigentlich schon ziemlich bald nach ihrer Gründung. Das zweite Merkmal waren die drei Gitarristen, die bei den Yardbirds spielten, bevor sie allesamt später weltberühmt wurden, nämlich Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page. Die erste Besetzung der Gruppe bestand aus Keith Relf, Anthony 'Top' Topham, Chris Dreja, Paul Samwell-Smith und Jim McCarty. Topham wurde bereits nach wenigen Monaten durch Eric Clapton ersetzt. Ihren ersten Auftritt hatte die bluesorientierte Band in dieser Zusammensetzung am 29. September 1963 im Londoner Crawdaddy Club. Am 8. Dezember 1963 begleitete die Band in dieser Besetzung Sonny Boy Williamson II. bei einer Live-Aufnahme von Horst Lippmann. Diese 1966 als Album herausgegebenen Gigs fanden im Rahmen des American Folk Blues Festivals wiederum im Crawdaddy Club, sowie am 28. Februar 1964 in der Birmingham Town Hall, England, während des ersten Rhythm & Blues-Festivals statt.

Das erste eigene Album wurde am 3. Oktober 1963 im Marquee Club aufgezeichnet und am 18. Oktober 1963 in den Olympic Studios abgemischt. Es erschien unter dem Titel "Five Live Yardbirds" im Dezember 1964. Im Januar 1964 fanden die ersten Aufnahmesessions im Tonstudio R. G. Jones Studios in Morden, Surrey statt, wo die erste Single "I Wish You Would" mit der B-Seite "A Certain Girl"entstand und im Mai 1964 erschien. Die Single wurde indes noch wenig beachtet und verfehlte die britische Hitparade. Erst ihre zweite Single" Good Morning, Little Schoolgirl" konnte Rang 44 als höchste Platzierung erreichen. Beide Titel waren Coverversionen US-amerikanischer Bluessongs und strahlten wenig kommerzielle Attraktivität aus. Unter dem Musikproduzenten Giorgio Gomelsky entschied sich die Gruppe im Dezember 1964 für eine Komposition des noch unbekannten britischen Songschreibers Graham Gouldman mit dem Titel "For Your Love", der mit seinen Bongo-Rhythmen kommerzieller arrangiert war und im Januar 1965 in den IBC-Studios entstand. Diese Single drang bis auf Rang 3 in den britischen Charts und - im Rahmen der British Invasion - auch bis auf Platz 6 der US-Hitparade vor. Weltweit wurden über eine Million Exemplare verkauft.

Da dieser eher poppige Kurs Eric Clapton damals nicht gefiel, verliess er im März 1965 die Band und wechselte zu John Mayall's Bluesbreakers. Er wurde durch Jeff Beck ersetzt. Mit ihm erlebten die Yardbirds ihre kommerziell erfolgreichste Zeit. Becks experimentelle Gitarrenarbeit fügte sich nahtlos in die Gruppe ein. Mit ihren neuartigen Klängen gelang der Band mehrmals der Sprung in die Hitparade, zum Beispiel mit den Singles "Heart Full Of Soul", "Still I'm Sad / Evil Hearted You", "Shapes Of Things" und "Over, Under, Sideways, Down". Die Yardbirds leisteten Pionierarbeit, indem sie als erste britische Band orientalisch klingende Tonfolgen oder den 'Fuzz'-Effekt in ihre Songs einbauten.

Im Juni 1966 verliess Paul Samwell-Smith die Band, um als Produzent zu arbeiten. Er wurde durch Jimmy Page ersetzt, der zunächst den Bass spielte, später an die Gitarre wechselte und fortan mit Jeff Beck den immer gitarrenorientierteren Sound der Yardbirds entscheidend mitbestimmte. Mit Jeff Beck und Jimmy Page an den Gitarren hatten die Yardbirds 1966 mit ihrem Stück "Stroll On" einen Auftritt in dem Kultfilm 'Blow Up' von Michelangelo Antonioni (Premiere am 18. Dezember 1966). Ursprünglich wollte der Regisseur Antonioni die Band The Who für die entsprechende Filmszene engagieren. Weil diese jedoch ablehnten, liess er die Yardbirds einfach The Who imitieren, inklusive der Zerstörung von Gitarren und Verstärkern, etwas, das Jimmy Page so sehr misfiel, dass er für die Szene die Gitarre wechselte und für die entsprechende Filmszene eine billige Kaufhausgitarre verwendete, die er malträtierte. Ende 1966 trennten sich die Yardbirds wegen Spannungen zwischen Jeff Beck und dem Rest der Band von ihrem Gitarristen und Jimmy Page übernahm neu die Leitung der Band.

Der progressive, avantgardistische Musikstil der Band ging zu Lasten ihres kommerziellen Erfolges, sodass nach mehreren Tonstudio-Wechseln ihre Plattenfirma EMI Records sich für einen neuen Musikproduzenten entschied. Die Wahl fiel auf den in England erfolgreichen US-Produzenten Mickie Most, dessen erste Studioaufnahme für die Yardbirds am 5. März 1967 für die Single "Little Games" stattfand. Das im Juli 1967 erschienene gleichnamige Album war ein Misserfolg und konnte nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. Das galt auch für die im Oktober 1967 veröffentlichte Harry Nilsson-Komposition "Ten Little Indians". The Yardbirds setzten zwar erfolgreich ihre Touren in der ganzen Welt fort, landeten aber keine Hits mehr und lösten sich schliesslich im Juli 1968 endgültig auf. Jeff Beck startete eine beispiellose Solokarriere, die bis heute anhält und Jimmy Page gründete Led Zeppelin, auf dessen erster LP er bereits einen unsterblichen Titel des Luftschiffes präsentierte, den er zuvor schon mit den Yardbirds aufgenommen hatte ("Dazed And Confused").

Weil die Band noch Verträge über eine Skandinavientour zu erfüllen hatte, versammelte Jimmy Page mit Robert Plant, John Paul Jones und John Bonham neue Musiker um sich und machte zunächst ab September 1968 unter dem Bandnamen The New Yardbirds weiter, entschied sich dann aber für Led Zeppelin als Bezeichnung für die neue Rock-Formation. Die Idee für diesen Namen kam nicht von den Mitgliedern der Band selbst, sondern ging auf eine Aussage des Schlagzeugers Keith Moon von The Who zurück. Moon sagte, eine Band um Jimmy Page würde "abstürzen wie ein bleiernes Luftschiff" ("The band will go over like a lead Zeppelin").

1983 versammelten sich Jim McCarty, Paul Samwell-Smith und Chris Dreja in der Formation Box Of Frogs, holten prominente Verstärkung mit Rory Gallagher, Jeff Beck, den ehemaligen Sänger von Medicine Head John Fiddler, sowie einige weitere Sessiongäste und veröffentlichten unter diesem Namen zwei Alben. Im Jahre 1992 wurden die Yardbirds in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen, was noch im gleichen Jahr zu einer Neugründung der Band führte. 2003 erschien wieder unter dem Namen Yardbirds das Album "Birdland", auf dem von den Gründungsmitgliedern noch Jim McCarty und Chris Dreja mitwirkten, sowie die neuen Musiker John Idan und Gypie Mayo. Im Sommer 2008 verkündete John Idan kurz nach der Veröffentlichung seines Soloalbums "The Folly", dass er die Band am Ende des Jahres verlassen würde. Da die Band bis Mai 2009 keinen Ersatz für ihn finden konnte, spielte er im Februar 2009 noch eine letzte Tour in Kanada. Im Juli 2013 schied Chris Dreja aus der Band aus, nachdem er mehrere Schlaganfälle erlitten hatte. An seine Stelle trat Top Topham, der bereits als erster Gitarrist Gründungsmitglied der Band gewesen war. Am 23. Oktober 2013 verstarb der ehemalige Gitarrist Gypie Mayo nach langer Krankheit im Alter von 62 Jahren. Das letzte verbliebene Originalmitglied Jim McCarty gab schliesslich im Dezember 2014 die Auflösung der Yardbirds bekannt.









Mar 5, 2018


ANDRÉ WILLIAMS - Hoods And Shades (Bloodshot Records BS 185 LP, 2012)

Eine treffendere Umschreibung hätte sich wohl nicht einmal der Meister selbst ausdenken können, um sein ruhmreiches musikalisches Erbe in knappen Worten zusammenzufassen: "Gegen Andre Williams sieht Little Richard aus wie Pat Boone". Dass mit Lux Interior dann auch noch ausgerechnet der Sänger der nicht minder schmutzigen Kapelle The Cramps als Urheber dieses Bonmots verantwortlich zeichnete, machte das Bild perfekt. Stetson-Liebhaber Andre 'Mr. Rhythm' Williams ist eine Legende des Detroit Souls der 50er und 60er Jahre, dessen anfangs blitzsauberes Vocal Group-Nest er alsbald mit anzüglichen Songetexten verschmutzte, woraufhin wiederum das Subgenre Dirty Soul entstand. Kennerkreise schrieben Williams seit seinen eingesprochenen Doo Wop- und Rhythm & Blues-Singles von Mitte der 50er Jahre sogar die Erfindung des Raps zu. Nicht nur deshalb trug der Mann seit Jahrzehnten den Titel 'The Black Godfather'. Weitere im Umlauf befindliche Ehrentitel hörten auf so vielsagende Namen wie 'The Duke Of Dirty-Ass', 'The Legendary Lord Of Lascivious Lyrics' oder 'The Baron Of Badass R'n'B'. So weit, so eindeutig. Nun gehörte es schon seit jeher zur Natur des Showgeschäfts, dass manche Künstler nicht den Erfolg oder den Bekanntheitsgrad beim grossen Publikum erreichten, den sie vielleicht verdient gehabt hätten. So auch Andre Williams, obwohl er für unzählige, bis heute wenig bekannte Rhythm & Blues-Gruppen Pionierarbeit leistete und auch mit Stars wie Stevie Wonder, George Clinton, B.B. King und Ike Turner in Berührung kam. Danken tun es ihm heute nicht nur die Cramps, sondern auch die Dirtbombs oder Jon Spencer, der den Dirty Old Man in den 90er Jahren aus der Gosse zurück ins Aufnahmestudio holte, als Williams bereits Gefahr lief, an seiner Cracksucht zugrunde zu gehen. Dank Spencer entstanden so noch im hohen Alter Williams-Klassiker wie "Let Me Put It In" oder "Pussy Stank".

Das turbulente Leben des Zeffrey Andre Williams begann am 1. November 1936 in Bessemer, Alabama. Als Andre sechs Jahre alt war, starb seine Mutter. Der Vater, mittlerweile dem Jobangebot eines Stahlwerks nach Chicago gefolgt, schickte den Jungen zurück in den Süden, wo ihn seine Grosseltern aufzogen. Für rassistische Gängeleien war Williams nach eigenen Angaben zu cool und zu eigensinnig. Ständig hatte er auf dem Schulhof das letzte Wort, spielte im Unterricht aber den Lernwilligen, was einerseits seinen guten Ruf bei den Lehrern stützte, ihn andererseits für seine Mitschüler noch hassenswerter machte. Andres Grosseltern hielten den Bub an der kurzen Leine, verhängten Ausgehverbote und nahmen ihn lieber mit zur täglichen Arbeit aufs Feld bei den weissen Farmern, wo Andre erstmals die Country-Klänge des Hank Williams vernahm, ein prägender Moment. Im Jahre 1952 sang der 16-Jährige erstmals im Kirchenchor. Zu dieser Zeit war er bereits wieder seit drei Jahren in Chicago, da er die grosselterlichen Reglementierungen irgendwann satt hatte und der Sehnsucht nach der Grosstadt nachgeben musste. Andres schulische Glanzzeit war indes vorbei. In Chicago spülte er in einem edlen Schwarzencafé bis vier Uhr morgens für sämtliche Pimps und Hustler der Stadt das Geschirr. Der Schulbeginn um 8.30 Uhr fand somit meist ohne Williams statt. Nach mehrmaligem Fernbleiben schickte man ihn auf ein Internat, wo er in sechs Wochen Benimmunterricht lernen sollte. Williams blieb 26 Wochen (!).

Nachdem er in Chicagos Cobbs Baptist Church bereits die Technik des Gospelgesangs kennen lernte, wurde Detroit sein Geburtsort als Sänger. Zwar kam er schon in Chicago mit einigen Doo Wop-Gruppen (The Cavaliers, The Five Thrills) in Kontakt, doch erst beim Detroiter Label Fortune Records fand er auch sein künstlerisches Glück. Williams erkannte schnell, dass seine Gesangskünste kaum mit den Stimmen der Zeit mithalten konnten und erfand eine Art Sprechgesang für sich. Mit den Don Juans als Backingband entstanden bei Fortune Records die ersten Singles. Den Start machte 1955 "Going Down To Tia Juana", gefolgt von elf weiteren Singles bis 1961. In dieser Zeit komponierte Andre Williams auch seine berühmtesten Songs "Bacon Fat" (1956) und "Jail Bait" (1957), letzterer einer der absoluten Lieblingssongs von Keith Richards. Neben dem rüden Rhythm & Blues-Ansatz erregten vor allem Andres Songtexte für Aufsehen, die vordergründig gerne kulinarische Themen verarbeiteten, die allerdings unschwer auch auf das Gebiet der Sexualität übertragbar waren ("The Greasy Chicken", "Please Pass The Biscuits"). Als 1957 die Nachfrage nach "Bacon Fat" die Vertriebsmöglichkeiten des Independent-Labels Fortune Records überstieg, kümmerte sich die grosse Plattenfirma Epic Records um Williams' Hit. Zu diesem Zeitpunkt hatte Andre die Clubszene Detroits bereits mit wilden und anzüglichen Liveshows bereichert. Besonderen Wert legte er dabei auf sein Aussehen: Ohne elegante, lavendelfarbene Anzüge sah man ihn nie auf der Bühne.

In den 60er Jahren arbeitete Andre Williams für Berry Gordy's Motown-Label, vor allem als Produzent und Komponist. So entstammte Stevie Wonders' früher Song "Thank You For Loving Me" seiner Feder. Für die Five DuTones schrieb er den Charts-Hit "Shake A Tail Feather". 1965 zog es ihn weg von Motown Records und zurück nach Chicago, wo er bei dem renommierten Label Chess Records eine neue Heimat fand. Konnte er seine Songwriting-Qualitäten zunächst noch voll ausleben, endete sein künstlerischer Höhenflug mit der Bekanntschaft von Ike Turner jäh. Die Kombination aus dem vergnügungssüchtigen Williams, von Natur aus schon ein draufgängerischer Party-Typ, und dem in Kalifornien mit allen Reichtümern ausgestatteten Turner, konnte eigentlich gar nicht gut gehen. Und so kam es auch: 18 Monate lang stiegen in Turner's Villa die wildesten Koks-Parties, immer mittendrin: The wild Motherfucker Williams. Am Ende der Party hatte Williams sein Gewicht von 90 Kilo auf 45 halbiert und löste mit dem letzten Funken Lebenswillen ein Flugticket nach Chicago, wo er ein knappes Jahr benötigte, um den Dauerexzess wegzustecken. Hätte er damals jemals Heroin angerührt, so Williams später, sein Grab wäre geschaufelt gewesen. Er schrieb Hits für Motown Records, feierte wilde Koks-Parties mit Ike Turner und landete zuletzt in der Gosse. Trotzdem verbachte er die meiste Zeit der 70er und 80er Jahre abseits des Musikgeschäfts und schlief eine Zeitlang sogar aus Mangel an Tantiemen unter einer Brücke in Chicago. Dieses Elend unterbrachen lediglich kleinere Einnahmen aus den Filmen 'The Blues Brothers' (1980) und 'Hairspray' (1988, mit Sonny Bono und Jerry Stiller), die einige seiner Songs verwendeten und schliesslich in den 90er Jahren eine neue Generation von Garage-Rockern, die den alten Mann auf die Bühne und zurück ins Aufnahmestudio hievten.

Jon Spencer vermittelte Andre an das Norton-Label, wo 1996 sein Comeback "Greasy" erschien. Richtig Wirbel verursachte allerdings das Nachfolgewerk "Silky" (1998) beim In The Red-Label, wo er auf Empfehlung der minimalistischen Detroit-Rocker Demolition Doll Rods aufspielte. "Silky" beeindruckte denn auch mit einer betont ruppigen Dirty Rock-Attitüde, auf der Andre's kratziger Bariton den letzten Dreck aus den Boxen pustete. Mit den Demolition Doll Rods und den Countdowns spielte er auch einige Shows in Deutschland und der Schweiz, wo ich den inzwischen leicht abgehalftert wirkenden Punk-Crooner selbst live erleben durfte, bevor er sich als Support von Jon Spencer in Europa und Amerika ein grösseres Publikum erspielen konnte. Auf dessen Album "Acme" half der inzwischen sichtbar alte Mann bei der Produktion. Sein nächstes Album "Red Dirt" schlug 1999 in eine ähnliche Kerbe, als Backing Band fungierten The Sadies. 2003 erschien mit "Holland Shuffle" ein orgellastiges Livealbum von einem 2001er Konzert in Groningen, bei dem Green Hornet hinter Williams stramm standen. Im Jahr 2006 schaffte es der Dirty Old Man, mittlerweile knapp 70 Jahre alt, tatsächlich noch ein weiteres Mal über den grossen Teich: Im Rahmen des Münchner Shake Your Ass-Festivals trat der Grosswesir des Dirty Soul im Juni mit der holländischen Backingband Atilla De Hun in der Monofaktur auf. Dort erfuhr man, dass Williams auch wieder ein neues Album eingezimmert hatte: "Aphrodisiac". Nach seinen Rock'n'Roll-Ausflügen der jüngeren Zeit ein überraschend altersmildes Werk, das ihn zusammen mit den Diplomats Of Solid Sound zurück zu alten Soul- und Rhythm & Blues-Zeiten heranführte. Zwischenzeitlich verlegte der Black Godfather seinen Wohnsitz nach Illinois, wo auch seine neue Label-Heimat Pravda Records beheimatet war. Im Januar 2007 erschien das Album "Aphrodisiac" auch in Deutschland.

Dass Andre Williams im Gegensatz zu seinem Ex-Kollegen Ike Turner das Jahr 2008 noch miterleben durfte, war ein mittleres Wunder. Zunächst flog er wegen Drogenbesitz aus seinem neuen Altersheim-Appartment in Joliet, Illinois raus und direkt ins Gefängnis. Anschliessend kollabierte er nach intensiven Bacardi-Wochen in einer Arztpraxis und wurde mit Lungenentzündung, Alkoholvergiftung und Herzproblemen ins Krankenhaus eingeliefert. Doch zum Ableben hatte der Stehauf-Rocker keine Zeit: Die Genesung schritt zügig voran und in losen Abständen haute Mr. Rhythm immer wieder frische Studioalben raus. Zwischendurch gab es noch eine lustige Coversingle mit AC/DC's "It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock'n'Roll)" und dem Beastie Boys-Heuler "Fight For Your Right". Mit "Hoods And Shades" lieferte der exzessiv lebende Künstler noch einmal ein absolut kerniges und bemerkenswert hochklassiges Album ab, dem er im selben Jahr noch zwei weitere Werke folgen liess: "Life" und "Night & Day (mit der Band The Sadies als Begleittruppe). "Hoods And Shades" zeigte den Musiker mit einer tollen Funk- und Soul-mixtur, für welche er zusammen mit dem renommierten Soul-Gitarristen Dennis Coffey mehrere hervorragende Songs zusammenschusterte. Das im Jahr darauf veröffentlichte Live-Album "Bad Motherfucker" präsentierte den alten Haudegen mit den Goldstars, wo er live im Slow Club in Freiburg, Deutschland spielte. Zuletzt erschien im Juni 2016 eine weitere Platte mit dem Titel "I Wanna Go Back to Detroit City", gefolt von dem in limitierter Auflage erschienenen Album "Don't Ever Give Up", veröffentlicht 2017 auf Pravda Records.









Mar 1, 2018


THE HAVALINAS - The Havalinas (Elektra Records STE 60938 SP, 1990)

Moderne Zeiten: Tim Scott McConnell, Songschreiber, Sänger, Gitarrist und Kopf einer leider nur kurzlebigen Band mit Namen The Havalinas, wurde durch seinen Manager darüber informiert, dass Bruce Springsteen einen seiner Songs zum Titelstück von dessen neuer Platte gemacht hätte, nämlich "High Hopes". Er hätte das über Twitter erfahren. Springsteen nahm den Titel jedoch schon 1996 einmal auf, und veröffentlichte ihn auf seiner EP "Blood Brothers". Damals erfuhr Tim Scott McConnell davon jedoch noch über den "old fashionned way", nämlich über ein Rockmagazin.

Wer ist denn nun Tim Scott McConnell ? Erstmals auf den Bühnen der Welt stand er Ende der 70er Jahre mit den Rockats, einer Rockabilly Band, der auch der ehemalige New York Dolls Schlagzeuger Jerry Nolan angehörte. In den 80er Jahren konnte er einen Plattenvertrag als Solokünstler ergattern, zuerst bei Sire, danach bei Geffen Records, spielte auch etliche gute Songs ein, die aber leider wenig beachtet blieben. Vor allem sein 1985er Album "High Lonesome Sound" bot eigentlich schon fast alle Zutaten der späteren Havalinas und hätte eigentlich viel mehr Beachtung verdient gehabt. Gegen Ende der 80er Jahre formierte er dann die Havalinas, ein Roots Rock-Trio, das vor allem durch seine Konzerte rasch einen grösseren Bekanntheitsgrad erlangte. Supporting Act unter anderem für Bob Dylan sorgte dafür, dass Elektra Records die Möglichkeit bot, eine erste LP aufzunehmen. Mit dem Stehbass-Spieler Smutty Smiff, der ebenfalls den Rockats angehörte, sowie Schlagzeuger Charlie "Chalo" Quintana, ehemaliger Drummer bei Social Distortion und den Cruzados, veröffentlichte Tim Scott McConnell 1990 das erste Album unter dem Havalinas-Banner.

Die Platte bietet 11 hervorragende Roots Rock Nummern, die eine sehr hohe Dynamik aufweisen, äusserst abwechslungsreich arrangiert sind und ein Sammelsurium an knackigem Desert Rock, staubigen, ungehobelten Rockern und sehnsüchtigen Americana-Schnulzen bietet. Dabei sind die drei Musiker zumeist sehr viel näher am typisch amerikanischen Rock'n'Roll als am liblich-glanzpolierten Americana Sound. Man merkt den Musikern an, dass sie ursprünglich in Rockabilly- und Rockformationen gespielt haben. Diese Energie der drei Vollblut-Rockerherzen zieht sich durch die gesamte Platte hindurch. Die Havalinas klingen ein bisschen wie ein Hybrid aus den Long Ryders und Jason & The Scorchers. Im Stück "Fill Em Up" hört man sogar ein wenig die Waterboys nachhallen.

Der Opener "High Hopes" bietet einen perfekten Einstand in das Album. Diese Originalversion klingt wesentlich knackiger, erdiger und staubiger als das doch mit reichlich Pathos ausgestattete Springsteen-Cover. Der Song ist aber bei weitem nicht der Höhepunkt dieser Platte. Schon das nachfolgende "Not A Lot To Ask For" düdelt erfrischend durch das Dobro und die Octave Mandoline, geerdet durch einen akustischen Upright Bass und die perkussiven Handclaps in Richtung Südstaaten-Cowboy Romantik, was sich im etwas forscheren "Fill Em Up" weiter zieht, wo insbesondere die Maracas tolle perkussive Akzente setzen."Jesus And Johnny", "Sticks And Stones": Am besten klingen die Havalinas, wenn sie Elemente des Rockabilly in ihre knochentrockenen Songs bringen. Die Mundharmonika ist permanenter Begleiter und unterstützt sowohl die Gesangslinien, wie auch die gitarristischen Einlagen.

Es ist leider nur bei diesem einen superben Studioalbum geblieben. Im Jahr darauf wurde noch ein Live-Album mit dem Titel "Go North" auf Mo Records nachgereicht, mangelnde Promotion und die sehr beschränkten finanziellen Mittel verhinderten aber leider eine grössere Vermarktung des Albums, das einen energetischen und schweisstreibenden Auftritt des Trios einfangen konnte. Tim Scott McConnell spielte danach wieder als Solomusiker mit begleitender Band, veröffentlichte auch weiterhin Platten unter dem Namen Tim Scott, bevor er als Ledfoot reinkarnierte, sich fortan "Master Of Gothic Blues" nannte und in dieser Eigenschaft seit 2007 drei exzellente Alben veröffentlicht hat, die es ebenfalls wert sind, entdeckt zu werden.

Die Havalinas sind dank der Bruce Springsteen CD "High Hopes" noch einmal in Erinnerung gerufen worden und es ist eigentlich schade, dass ihre Platte im Zuge des Erfolgs der Springsteen-Platte nicht noch einmal neu aufgelegt wurde. Man kann das Album der Havalinas aber immer noch als Second Hand CD relativ perisgünstig finden. Die Entdeckung lohnt sich auf jeden Fall.