Mar 9, 2018


JANIS JOPLIN - I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama 
(CBS Records S 63546, 1969)

Janis Joplin wurde im Jahre 1943 in Texas als Tochter von Seth Ward Joplin, einem Mitarbeiter der Ölgesellschaft Texaco, und Dorothy Joplin, die eine Gesangsausbildung abgebrochen hatte und als Büroangestellte arbeitete, geboren. Sie hatte eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder. In ihrer Kindheit wandte sie sich der Kunst, insbesonders Gedichten zu, las viel und sang im Kirchenchor. Ihre Mutter setzte auf das Talent ihrer älteren Tochter im Zeichnen und sorgte dafür, dass sie privaten Kunstunterricht bekam. Schliesslich entdeckte sie die Blues- und Folk-Musik für sich. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie 1958 im Halfway House, einer Anstalt zur Reintegration von Alkohol- und Drogensüchtigen in Beaumont in Texas. Nachdem sie 1960 ihren Highschool-Abschluss bestanden hatte, ging sie im Alter von 18 Jahren nach Kalifornien, um Sängerin zu werden. Sie versuchte sich an einigen Colleges, brach aber das Studium vorzeitig ab. Ein Jahr später hatte sie ein wenig Geld verdient und zog nach Los Angeles. Sie sang, unter anderem begleitet von Jorma Kaukonen, dem damaligen Gitarristen der Band Jefferson Airplane, in Kneipen und Folk-Clubs. Autodidaktisch geschult durch Schallplatten von Leadbelly, Odetta Holmes und Bessie Smith, ihrem grössten Vorbild, avancierte sie mit ihrem hemmungslosen, bis dahin für eine weisse Sängerin einzigartigen Gesangsstil zur Queen des weissen Bluesrock.

Nachdem Janis Joplin 1962 in Louisiana als Kellnerin gearbeitet hatte, kehrte sie nach Texas zurück, um in Austin ein Appartement, das später als 'The Ghetto' bekannt wurde, zu beziehen. Am College in Austin fiel sie wegen ihrer Kleidung als Aussenseiterin auf. Im Jahre 1965 trat sie mit der Jazzband von Dick Oxtot auf. Im Frühsommer 1966 rief Chet Helms, ein Bekannter seit 1963 und Manager von Big Brother And The Holding Company, bei ihr an und teilte ihr mit, dass die Band eine Sängerin suche. 1966 begann Joplin's Karriere, als sie nach San Francisco zog und sich besagter Band anschloss, mit der sie 1967 erfolgreich beim Monterey Pop Festival auftrat, dadurch einen Plattenvertrag bei Mainstream Records von Bob Shad erhielt und dort das Album "Big Brother & The Holding Company Featuring Janis Joplin" herausbrachte. 1968 folgte für Columbia Records das nächste Werk "Cheap Thrills" mit einem vielbeachteten Frontcover von Robert Crumb. Das zweite Album enthielt schon viele ihrer bekannt gewordenen Stücke wie die Coverversion von Erma Franklin's "Piece Of My Heart" oder "Ball And Chain". Nach den Studioaufnahmen reiste Joplin nach Nepal, wo sie sich im Herbst 1968 für eine Weile in Kathmandu aufhielt. Diesen Aufenthalt beschrieb sie später in ihrem Song "Cry Baby" wie folgt: "Honey, the road’ll even end in Kathmandu".

Ende 1968 trennte sich Janis Joplin von der Band und stellte zusammen mit ihrer Plattenfirma eine grössere Begleitgruppe zusammen, die lange keinen Namen hatte, aber nach dem folgenden, dritten Joplin-Album Kozmic Blues Band genannt wurde. Der Grund dafür war der Ehrgeiz Joplins, mit einer professionellen Band mit Funk- und Blues-Instrumenten neue Musikrichtungen zu erschliessen und professioneller zu arbeiten. Dies wurde unter anderem von der Musikzeitschrift Rolling Stone als Verrat an den Idealen der Rockmusik empfunden. Tatsächlich lief die Zusammenarbeit mit der Band nicht sehr gut, da sich die Musiker vorher nicht kannten und Joplin wenig Erfahrung sowohl als Band-Leaderin als auch mit dem Arrangieren von Songs hatte. Die Band hatte ihren bekanntesten Auftritt im Jahre 1969 beim Woodstock Festival. Joplin war bei diesem Auftritt stark alkoholisiert, wirkte aufgeschwemmt, verbraucht und ihre Stimme brach oft. Ihre Plattenfirma verweigerte aus diesem Grund anfänglich die Erlaubnis, diesen Auftritt filmisch in der Dokumentation 'Woodstock' zu zeigen. Allerdings machte sie eine Bemerkung über die Hippiebewegung, die später oft zitiert wurde: "Früher waren wir nur wenige, jetzt gibt es Massen und Massen und Massen von uns". Die Aufnahmen des Woodstockauftritts wurden teilweise erst auf "Box Of Pearls (1999 bei Sony Music erschienen) respektive vorher grösstenteils 1993 auf einer posthumen CD durch die Firma ITM veröffentlicht.

1969 trat Joplin im Fernsehen bei Ed Sullivan und Dick Cavett auf. Die Interviews mit Cavett waren auf dem posthum veröffentlichten Album "Janis" zu hören. Ebenfalls 1969 begab sich die Kozmic Blues Band auf eine zweimonatige Europatournee. Ihr einziges Konzert in Deutschland fand am 12. April 1969 in der Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main statt. Auf der offiziellen Website war unter dem Datum 12. April 1969 vermerkt: 'Kozmic Blues: two concerts in Frankfurt'. Nach Ende des von der Agentur Lippmann & Rau veranstalteten Konzerts forderte Joplin die Zuhörer auf, zu bleiben, weil nun noch eine Aufzeichnung des amerikanischen Fernsehens folgte. Mitschnitte dieses zweiten Konzerts, bei dem sie die Fans animierte, auf die Bühne zu kommen, waren in der Filmdokumentation 'Janis' (1975) zu sehen. Der Titel "Raise Your Hand" auf der posthum veröffentlichten LP "Farewell Song" wurde während des Frankfurter Konzerts live aufgenommen. Zusätzlich nahm Joplin 1969 ihre zweite LP für Columbia "I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama" auf und wurde in Tampa in Florida inhaftiert, weil sie einen Polizisten beleidigt hatte. Bei der nachfolgenden Gerichtsverhandlung bezeichnete ein Gericht Joplin's Verhalten als freie Meinungsäusserung und liess die Anklage fallen. Sie wurde aber nach ihrem Konzert in der Curtis Hall wegen obszöner Sprache und Fluchens auf der Bühne zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Januar 1970 löste sich die Band auf. Um von ihrer Sucht nach Alkohol, Heroin, Aufputschmitteln und anderen Drogen loszukommen, plante Joplin einen Urlaub in Südamerika und reiste zum Karneval nach Rio de Janeiro.

Zurück in Kalifornien nahm Janis Joplin ihre unstete Lebensweise wieder auf. Im April 1970 wurde ihre dritte Band, die Full Tilt Boogie Band, zusammengestellt. Diese stellte sich für sie als Glücksgriff heraus. Das Team harmonierte emotional und musikalisch. Road-Manager John Cooke sagte hierzu: "Die Jungs suchten eine Band, die eine Heimat war. Sie wussten, dass Janis der Boss war, und sie mochten sich alle auf Anhieb". Janis Joplin schien endgültig ihren Musikstil gefunden zu haben. Ihre Songs mit der Full Tilt Boogie Band sollten ihre erfolgreichsten werden. Im Sommer 1970 trat sie im Festival Express Train auf. Im September 1970 traf sich die Band in den Sunset Sound Studios in Los Angeles für die Aufnahmen zu ihrer dritten Columbia-LP "Pearl". Am 3. Oktober, kurz vor dem Ende der Studioaufnahmen, war Joplin das letzte Mal im Sunset Sound Studio, um Bänder mit Titeln anzuhören, die sie an den folgenden Tagen einsingen sollte. Als sie am nächsten Tag bis nachmittags nicht wie vereinbart im Studio auftauchte, fuhr John Cooke zum Landmark Motel, in dem Joplin seit dem 24. August wohnte, um nach ihr zu sehen. Er fand sie tot auf dem Fussboden liegend. Das Landmark Motel wurde unmittelbar nach ihrem Tod in Highland Gardens Hotel umbenannt. Nach offiziellen Angaben starb Janis Joplin am 4. Oktober 1970 an einer Überdosis Heroin. Joplins Leiche wurde verbrannt und die Asche an der kalifornischen Küste in der Bucht von Marin County im Pazifik bestattet. Beim Titel "Buried Alive In The Blues" auf dem Album "Pearl" fehlte die Stimm-Spur, die Joplin am 5. Oktober 1970 einsingen sollte.

Kurz vor ihrem Tod hatte Janis Joplin am 1. Oktober 1970 in Beverly Hills ihr Testament unterzeichnet. Wunschgemäss vertranken 200 Freunde auf einer Party das hinterlassene Bargeld von 1500 Dollar. Der Verbleib ihres sonstigen Vermögens war klar geregelt, wobei im Wesentlichen ihre Eltern und ihre Geschwister bedacht wurden. Insbesondere für die Auszahlungen an Joplins jüngeren Bruder Michael, dem eine gute Ausbildung ermöglicht werden sollte, hatte Anwalt Bob Gordon strenge Anweisungen. Der bekannte Porsche 356 C 1600 SC, Baujahr 1964 aus Janis Joplin's Besitz wurde nach 20 Jahren Ausstellung in der Rock and Roll Hall of Fame im Dezember 2015 in New York durch die Familie über RM Sotheby’s für 1,76 Millionen US-Dollar versteigert. Der Schätzpreis lag bei nur 400000 US-Dollar. Janis Joplin besuchte im Sommer 1970, kurz vor ihrem Tod, das Grab von Bessie Smith (1894–1937) auf dem Mount Lawn Cemetery in Sharon Hill, Pennsylvania. Als sie dabei angeblich feststellte, dass die von ihr verehrte Bluessängerin anonym beigesetzt worden war, liess Janis ihr einen Grabstein setzen, der die Inschrift trägt: 'The Greatest Blues Singer In The World Will Never Stop Singing – Bessie Smith – 1894–1937' ('Die grösste Blues-Sängerin der Welt wird niemals aufhören zu singen'). Nach anderen Quellen bezahlte eine Krankenschwester aus Philadelphia eine Hälfte des Grabsteins, und Joplin trug, nachdem man sie telefonisch darum gebeten hatte, die andere Hälfte der Kosten. Auf vielen Fotos sah man Janis Joplin mit einer Flasche Southern Comfort. Janis Joplin fragte bei der Herstellerfirma an, ob sie dafür nicht ein wenig Geld bekommen könne, da dies eine gute Werbung sei. Der Spirituosenproduzent willigte ein und überwies ihr 6000 Dollar. In San Francisco hatte Janis Joplin eine Beziehung mit dem Musiker Country Joe McDonald, der ihr später das Stück "Janis" widmete. Leonard Cohen schrieb über sie den Song "Chelsea Hotel No. 2".





Mar 8, 2018


WEEPING WILLOWS - Endless Night (Grand Recordings 7243 8 48423 2 1, 1999)

Die Weeping Willows sind eine im Jahre 1995 gegründete schwedische Pop Rock Gruppe, deren Alben in Schweden regelmässig Top Ten-Platzierungen erreichen. Ihr Sänger Magnus Carlson und der Perkussionist Thomas Sundgren spielten ab 1993 in einer Coverband Countrymusik und Rockabilly. Die Begleitband Stefan Sundströms, Apache, lud die beiden zur Zusammenarbeit ein und daraus entwickelte sich ein richtiges Seitenprojekt, das Lieder von Elvis Presley, Roy Orbison, Johnny Cash, Scott Walker, The Righteous Brothers und anderen Sängern jener Zeit im Repertoire hatte. Als sich mit der Zeit ein richtiges Bandgefüge entwickelte, gab man ihm den Namen Weeping Willows nach der in Johnny Cash's Songtext von "Big River" vorkommenden Trauerweide. Magnus Carlson und Thomas Sundgren standen fortan der Gitarrist Ola Nyström, der Bassist Stefan Axelsen, der Schlagzeuger Anders Hernestam, sowie der Keyboarder Mats Hedén zur Seite und nach einiger mit Liveauftritten verbrachten Zeit ausserdem der zweite Gitarrist Niko Röhlcke.

Das 1997 erschienene Debütalbum "Broken Promise Land" wurde vom Rebecka Törnqvist-Förderer und Produzenten Pål Svenre im Stockholmer Atlantis Studio produziert. Er spielte darauf ausserdem Klavier. Dass auch Per 'Texas' Johansson an Klarinette, Flöte und Saxophon und der Trompeter Peter Asplund mitwirkten, war Svenres erstrangigen Verbindungen in die schwedische Musikszene zu verdanken. Des Weiteren wurden aufgeboten: Mikael Anderfjärd und Ole Holmquist (beide Posaune, Letzterer zeitweilig bei James Last), Håkan Nyqvist (Jagdhorn), Arsa Forsberg (Cello), Hans Åkesson und Ulf Forsberg (beide Viola) sowie Josef Cabrales-Alin, Sarah Edin und Torbjörn Bernhardsson (alle Violine). Die CD verkaufte sich in Schweden, Norwegen und Deutschland gut. Auftritte bei Festivals und in TV-Shows festigten die Bekanntheit der Band. Prinzipiell bestand die Auftrittsgarderobe aus schwarzen Anzügen und gefüllten Whiskeygläsern als Accessoires. Auf dem Nachfolgealbum "Endless Night" (1999) verordnete man sich einen moderneren Stil und nahm sich Depeche Mode und Morrissey zum Vorbild. Dieses schlug bei den Popliebhabern wieder ein, wurde aber von Kritikerseite nicht für so gelungen befunden wie der Vorgänger.

"Endless Night" geriet zu so etwas wie einer ultimativen Herz-, Schmerzplatte, denn auf dem Album befanden sich ein Dutzend brillanter Songs, die sich nur um Liebe und Leid in all ihren Formen drehten. Beim Blick auf das Plattencover wurde der Hörer zunächst einmal stutzig. Stach hier doch der Cover-Abdruck der Kultplatte "London Callling" der Punkrock-Institution The Clash ins Auge. Das verwunderte etwas, da die beiden Bands musikalisch nichts miteinander verband. Das Einzige, was das schwedische Sextett mit den Punkmeistern gemeinsam hatte, war die Radikalität. Während The Clash in ihren Songs konsequent ihre politische Einstellung vertraten, gaben sich die Weeping Willows mit ihrer Musik radikal traurig und schafften sogar das schier unglaubliche Kunststück, noch melancholischer zu klingen als die Tindersticks.

Dennoch gehören die Schweden nicht in die Abteilung depressiver Verrückter, denn ihr Weltschmerz war keineswegs morbider Natur, wie ihn beispielsweise Ville Valo und seine Band Him zelebrieren, sondern er ist vielmehr romantischen Ursprungs und in seiner poetischen Verklärung durchaus lebensbejahend. Solch grosse Gefühle erfordern natürlich auch grosse Musik. Und genau das ist das Metier von Sänger Magnus Carlson und seinen Mitstreitern. Ihre Songs sind pure Melancholie in Moll, eingegossen in wunderschöne Melodien und Refrains, die die Tränensäcke unter den Augen zum Platzen bringen. "There's no trust. Not anymore" lauten gleich die ersten Zeilen aus dem Opener "While I'm Still Strong" und in dem Stil sind alle Texte gehalten. "At the end of the rainbow I found my broken heart. I was a dreamer and you were my dream. Why did you leave ?" fleht Carlson sehnsuchtsvoll ins Mikrophon und der hagere Mann, der in Schweden mit seinen Band längst ultstatus erreicht hat, kann einem schon richtig leid tun. Eingebettet sind die fragilen Texte in opulent arrangierte Song-Epen, die sich auch als stimmungsvolle Unterstreichung für Shakespeare-Dramen eignen würden. Die Weeping Willows malen eindringliche Klangbilder in den Himmel, der an all den wehklagenden Geigen, den leise dahintutenden Bläsern, den sanften Pianoklängen und betörenden weiblichen Background-Gesängen manchmal zu zerbrechen droht. Aber die Band versteht es, gerade noch die Kurve zu kriegen, sodass die Songs zu keinem Zeitpunkt überladen wirken.

Natürlich ist "Endless Night", kritisch gesehen, nichts anderes als Kitsch. Simple Botschaften, die in zwar kunstvolle, aber auch überaus ohrenfreundliche Musik eingepackt wurden, zumal die Band in ihrem Sound gelegentlich Reminiszenzen an Altmeister wie Johnny Cash oder Elvis Presley einfliessen lässt. Aber in all dieser Einfachheit steckt nun mal auch mehr als nur ein Körnchen Wahrheit drin und deshalb funktioniert die Musik der Weeping Willows so wunderbar. Die Texte und Melodien graben sich tief in Gehör und Kopf ein, und lassen sich nur schwer wieder vertreiben. Ausserdem: Was ist schon Schlimmes dabei, sich ab und zu hemmungslos romantischen Tagträumereien hinzugeben ? In der Folge
gab Magnus Carlson im Jahre 2001 zunächst sein Solodebüt. Noch einen Tick mehr in eine eher rockige Richtung fiel das dritte Bandalbum "Into The Light" aus. Massgeblichen Anteil hatte daran Produzent Johan Forsman, der zuvor für Poprock-Bands wie The Soundtrack Of Our Lives verantwortlich zeichnete. Es erschien im November 2001 in Schweden, im restlichen Europa Anfang April 2002. Erst 2004 wurden die Album-Veröffentlichungen mit "Presence" fortgesetzt. Es dauerte wiederum drei Jahre bis "Fear & Love" erschien. Danach gab es eine richtig lange Pause bis 2014. Auf dem im März 2016 erschienenen Album "Tomorrow Became Today" spielte Per 'Rusktrask' Johansson, das Saxophon.Die aktuelle Weeping Willows Kernbesetzung lautet: Magnus Carlson (Gesang), Ola Nyström (Gitarre), Niko Röhlcke (Gitarre, Keyboard) und Anders Hernestam (Schlagzeug).

Die Internet-Plattform Allmusic beschreibt den Stil der Weeping Willows als sentimentalen, weinerlichen Rock mit einem gehörigen Anteil an Streicher- und Bläser-Einsätzen. Die Musik sei geeignet für Fans von Chris Isaak und der frühen K.D. Lang, hiess es im Billboard-Magazin. Eine dank Sänger-Schluchzen und Twang-Gitarre gegebene stilistische Verwandtschaft zu Chris Isaak sah auch der kulturnews-Rezensent. Bezüglich der episch-melancholischen Streicherarrangements fügte er an: "Sie spielen Mädcheneroberungs-Musik mit viel Schmalz und Schmelz, sie balancieren nah am Engtanzkitsch und stürzen doch nicht ab". Christof Nikolai meinte auf plattentests.de zu "Endless Night", kritisch betrachtet sei die Musik Kitsch, sich auf sie einlassend Romantik, auf jeden Fall aber zeitlose Melancholie. Das Intro sah kein Versinken in übermässigem Pathos und Kitsch. Die musikalische Formel wurde als Pulp plus Roy Orbison geteilt durch Chris Isaak definiert. Den opulent-schwelgerischen Retro-Sound behielt die Band auch auf späteren Alben bei.



 

Mar 7, 2018


SOULSAVERS - The Light The Dead See (V2 Records VVR797362, 2012)

Der Depeche Mode Sänger Dave Gahan wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Bereits kurz nach seiner Geburt trennten sich seine Eltern, zu seinem leiblichen Vater Len hatte er keinen Kontakt mehr. Mutter Sylvia heiratete ihren zweiten Ehemann Jack Gahan, der Dave und seine ältere Schwester Susan adoptierte. Die Brüder Peter und Philip bereicherten kurz darauf die Gahan-Familie. Jedoch verstarb sein Adoptivvater, als Dave zehn Jahre alt war. Im Alter von 13 Jahren schloss sich Gahan der Punk-Szene an. Er wurde kriminell, besprühte Hauswände und stahl Autos, die er verkaufte, um seine Familie finanziell zu unterstützen. Dies gipfelte kurzzeitig in einem Aufenthalt in einem Jugendgefängnis. 1979 traf Gahan auf Vince Clarke, der gerade zusammen mit Martin Gore die Band French Look gegründet hatte. Gahan übernahm für die Band Tätigkeiten am Mischpult. Aus French Look ging kurze Zeit später die Band Composition Of Sound hervor, an der auch Andrew Fletcher beteiligt war. Zunächst übernahm Gahan Roadie-Tätigkeiten, später engagierte ihn die Band als Sänger. Anschliessend benannte sich die Band in Depeche Mode um. Den Namen hatte Gahan vorgeschlagen, inspiriert durch das französische Modemagazin Dépêche Mode.

Nachdem die Band von Daniel Miller, dem Chef des Plattenlabels Mute Records, bei einem Konzert entdeckt wurde, erschien 1981 das erste Album "Speak & Spell". Die dritte Single-Auskopplung "Just Can't Get Enough" erreichte in Grossbritannien bereits Chartplatz acht. Mit der Single "People Are People" gelang Depeche Mode 1984 der internationale Durchbruch, 1988 erreichte die Band ihren vorläufigen Höhepunkt, als sie im Pasadena Rosebowl Stadium vor über 60000 Zuschauern das Abschlusskonzert einer 101 Auftritte umfassenden Welttournee gab. Dave Gahan heiratete 1985 Joanne Fox, von der er sich 1991 scheiden liess. Zusammen haben sie einen Sohn, Jack. 1992 heiratete er in Las Vegas die Rockjournalistin Teresa Conroy, von der er Mitte der 90er Jahre wieder geschieden wurde. Gahan lebte anschliessend mit seiner dritten Ehefrau Jennifer, deren Sohn aus einer früheren Beziehung, den er adoptierte, und der gemeinsamen Tochter Stella Rose, die 1999 geboren wurde, in New York.  Nach Abschluss der Schule versuchte Gahan, sich mit diversen Jobs über Wasser zu halten, bis er schliesslich am Southend Art College, einer Kunsthochschule, angenommen wurde. Dort schloss er eine Ausbildung zum Designer ab. Zu dieser Zeit war er noch immer stark vom Punk-Rock geprägt, hörte Gruppen wie Generation X und The Damned und besuchte deren Konzerte.

Bereits in den frühen 90er Jahren gab sich Gahan zunehmend den Drogen hin, er wurde heroin- und kokainabhängig. Nach der kräftezehrenden 'Devotional-Tour 1993/94' (insgesamt 174 Konzerte in 14 Monaten) wuchsen die Spannungen innerhalb der Band Depeche Mode. Nach einem Suizidversuch am 17. August 1995 (er schnitt sich die Pulsadern auf) wurde er in eine Entzugsklinik eingewiesen. Bereits nach wenigen Tagen wurde er wieder entlassen. Am 28. Mai 1996 spritzte er sich in einem Hotelzimmer einen Speedball, einen Cocktail aus Heroin und Kokain. Er war daraufhin für zwei Minuten klinisch tot, jedoch konnte ihn der Rettungsdienst wiederbeleben. Erneut kam er in eine Entzugsklinik, diesmal auf gerichtliche Anordnung für neun Monate. Diesmal schaffte er den Ausstieg und blieb seitdem nach eigener Aussage clean. Die Band setzte daraufhin die Aufnahmen zum nächsten Album "Ultra" fort, das bereits 1997 erschien. Es gab aber aufgrund der damaligen Probleme nur wenige kleine Auftritte anstatt einer Tour. Mitte Mai 2009 wurde die 'Tour of the Universe' unterbrochen, da Gahan nach offiziellen Angaben an einer Magen-Darm-Infektion litt. Kurz darauf musste er sich in New York der operativen Entfernung eines bösartigen Blasentumors unterziehen.

Bei Depeche Mode schrieb Martin Gore die Songs. Doch nach seinen Drogenerfahrungen entdeckte auch Gahan die Lust am Songschreiben. Auf die Alben "Ultra" und "Exciter" schaffte es allerdings keiner seiner Songs. Deshalb entschied er sich dafür, ein Soloalbum zu veröffentlichen. Nach der Exciter-Tour ging er mit seinem Freund Knox Chandler ins Studio, 2003 schliesslich erschien "Paper Monsters". Auf der folgenden weltweiten Tournee spielte Gahan mit seiner Band, bestehend aus Knox Chandler (Gitarre), Martyn LeNoble (Bass), Vincent Jones (Keyboard) und Victor Indrizzo (Schlagzeug), neben seinen neuen Songs auch Depeche Mode Klassiker. Anfang 2004 wurde die Tour-DVD "Live Monsters" veröffentlicht. Bestärkt durch den Erfolg seines Soloalbums setzte Gahan durch, dass das nächste Depeche Mode Album "Playing The Angel" auch drei Songs von ihm enthielt: "Suffer Well", "I Want It All" und "Nothing's Impossible". "Suffer Well" wurde sogar als Single veröffentlicht und 2007 für den Grammy als 'Best Dance Recording' nominiert.

Im Mai 2007 trat Gahan erstmals wieder zusammen mit den alten Bandkollegen seiner Solotour, LeNoble, Indrizzo und Jones, auf. Ausserdem wurde Gahan bei den zwei Songs im Rahmen der Benefiz-Veranstaltung MusiCares von John Frusciante (Red Hot Chili Peppers) begleitet. Am Rande dieses Kurzkonzerts gab Gahan bekannt, dass er an seinem zweiten Soloalbum "Hourglass" arbeite. Die erste Single "Kingdom" erschien am 27. August 2007 zunächst nur als Download. Nachdem seit Juli 2007 auch Nur Download-Veröffentlichungen in den Media Control Charts berücksichtigt werden, war "Kingdom" somit das erste Lied in der Geschichte der deutschen Singlecharts, das sich allein aufgrund der Download-Verkäufe in den Top 100 platzieren konnte. Die CD-Version von "Kingdom" erschien am 5. Oktober, das Album "Hourglass" folgte am 19. Oktober. Die reguläre CD umfasste zehn Songs, die Gahan gemeinsam mit Christian Eigner und Andrew Phillpott geschrieben hatte, auf der Deluxe Edition des Albums war zudem noch eine DVD mit Studioaufnahmen beigelegt. Am 11. März erschien ausserdem nur in den USA als Vinyl mit Bonus-CD "Hourglass Remixes". Im Jahre 2012 war Dave Gahan dann der Sänger sowie Songwriter des neuen Soulsavers-Album "The Light The Dead See". Gospel, Country und Streicher verband man nicht unbedingt mit dem Depeche Mode Sänger. Dennoch lieh er seine Stimme den Soulsavers, und das klang ziemlich ungewöhnlich. Die vielen Fans der britischen Band Depeche Mode hatten es in jener Zeit so richtig gut. Nicht nur, dass das Trio immer wieder mal ein neues Album herausbrachte: Sänger Dave Gahan wandelte auch öfters mal auf Solopfaden. Zwei Alben hatte er bereits unter seinem eigenen Namen in den Jahren 2003 und 2007 veröffentlicht. Schliesslich hatte er sich auch noch mit einer anderen Band zusammengeschlossen: Mit dem britischen Duo Soulsavers nahm er das Album "The Light The Dead See" auf. Es waren dies die ersten musikalischen Gehversuche nach Gahan's Krebserkrankung, die im Jahre 2009 diagnostiziert worden war.

Die kurz zuvor veröffentlichte Single "Longest Day" von den Soulsavers dürfte allerdings so manchen Depeche Mode Fan ziemlich irritiert haben. Die Ballade wartete nämlich mit gospelartigem Frauengesang im Refrain auf und klang auch sonst ganz und gar untypisch für Gahan's Stimme. Ein üppiger Satz Streicher und der langsame Rhythmus verwandelten das Stück in ein ziemlich gefälliges, durchaus radiotaugliches Stück. Die dunkle Stimme von Dave Gahan passte gut dazu, und in Kombination mit den Background Sängerinnen hatte man ihn auf "Songs Of Faith And Devotion" schon gehört. Aber wer die Sounds von Depeche Mode gewohnt war, wartete vergeblich auf die Ecken und Kanten, auf den Bruch, der nicht kam, so blieb der Song auffallend fliessend und unspektakulär. Der Rest des Albums überraschte dann aber doch sehr. Denn gar so gefällig waren die anderen elf Songs nicht. Nach dem ruhigen Instrumental-Einstieg kam der Titel "In The Morning" zwar ebenfalls mit Streichern daher, gewann aber durch leicht schräge Gitarren im Hintergrund, Gahan's wütend-flehendem Gesang und der Steigerung von leise zu heftig und wieder zurück. Der 50-Jährige hatte zu dem Album alle Texte und den Gesang beigesteuert, die Musik kam von den Soulsavers“. Und die spielten alles andere als die typischen synthetischen Sounds von Depeche Mode, sondern mischten Rock, Soul, Country und Alternativklänge zusammen, und das alles ausschliesslich handgemacht.

"The Light The Dead See" wartete mit eher ruhigen Stücken auf, mit sehr stimmungsvollen und warmen Echtsounds und mit hervorragenden Kompositionen, was wiederum Gahan die Chance gab, ganz anders zu klingen als gewohnt. So emotional wie beispielsweise bei den Titeln "Presence Of God" oder "Just Try" hatte man ihn wohl noch nie gehört. Bei "Gone Too Far", einem der wenigen lauteren und rockigeren Stücke, tobte er sich dafür umso mehr aus. Bei anderen Liedern wurde teilweise üppig arrangiert und bisweilen etwas zu dick aufgetragen: Der Song "Bitterman" etwa wirkte vielleicht etwas arg überfrachtet mit Emotionen. Vielleicht hatte das alles viel mit Gahan's Krebserkrankung zu tun, und womöglich beschäftigte er sich deshalb laut Plattenfirma auch textlich mit den ganz grossen Fragen des Lebens.

Das britische Duo Soulsavers jedenfalls blieb bis vor dieser Kollaboration ziemlich unbekannt, jedenfalls im Verhältnis zur Band von Gahan, der Depeche Mode Fan hatte sie aber schon gehört: Die Soulsavers übernahmen bei der Depeche Mode Tournee 'Tour of the Universe' im Jahre 2009 die Rolle des Support Act. Schon damals fiel allerdings der grosse musikalische Unterschied zu den Headlinern auf. Gahan outete sich als grosser Fan der Soulsavers, die seit 2003 drei Alben herausbrachten. Die Kollaboration mit Gahan war ihr viertes Werk. Entstanden war ein ziemlich intensives, hochemotionales Album, das ganz und gar nicht fröhlich klang. Diese Beschreibung war von Depeche Mode wiederum nicht so weit weg. Deren Fans sollten sich jedenfalls nicht von "Longest Day" abschrecken lassen, "The Light The Dead See" hatte zum Glück noch mehr zu bieten, und neben der Single nur wenige äusserst lieblich zu nennende Momente, so etwa "Take Me Back Home" oder "I Cant Stay". "Gone Too Far" und "In The Morning" dürften auch Depeche Mode Fans überzeugt haben. Mit dem Nachfolger "Angels And Ghosts" veröffentlichte Dave Gahan im Oktober 2015 ein zweites Werk mit den Soulsavers.





Mar 6, 2018


THE YARDBIRDS - Having A Rave-Up With The Yardbirds
(EMI Columbia Records SCXC 28, 1966)

Zwei Merkmale zeichneten die legendären Yardbirds aus: Sie blieben bis zum Schluss ein reines Singles-Phänomen, das etliche Hits in die Charts bringen konnte, wohingegen sie den Schritt in die LP-orientierten Progressive-Jahre nicht schafften. Erstaunlich für eine Band, die zugegebenermassen innerlich zerrissen war, und dies eigentlich schon ziemlich bald nach ihrer Gründung. Das zweite Merkmal waren die drei Gitarristen, die bei den Yardbirds spielten, bevor sie allesamt später weltberühmt wurden, nämlich Eric ClaptonJeff Beck und Jimmy Page. Die erste Besetzung der Gruppe bestand aus Keith Relf, Anthony 'Top' Topham, Chris Dreja, Paul Samwell-Smith und Jim McCarty. Topham wurde bereits nach wenigen Monaten durch Eric Clapton ersetzt. Ihren ersten Auftritt hatte die bluesorientierte Band in dieser Zusammensetzung am 29. September 1963 im Londoner Crawdaddy Club. Am 8. Dezember 1963 begleitete die Band in dieser Besetzung Sonny Boy Williamson II. bei einer Live-Aufnahme von Horst Lippmann. Diese 1966 als Album herausgegebenen Gigs fanden im Rahmen des American Folk Blues Festivals wiederum im Crawdaddy Club, sowie am 28. Februar 1964 in der Birmingham Town Hall, England, während des ersten Rhythm & Blues-Festivals statt.

Das erste eigene Album wurde am 3. Oktober 1963 im Marquee Club aufgezeichnet und am 18. Oktober 1963 in den Olympic Studios abgemischt. Es erschien unter dem Titel "Five Live Yardbirds" im Dezember 1964. Im Januar 1964 fanden die ersten Aufnahmesessions im Tonstudio R. G. Jones Studios in Morden, Surrey statt, wo die erste Single "I Wish You Would" mit der B-Seite "A Certain Girl"entstand und im Mai 1964 erschien. Die Single wurde indes noch wenig beachtet und verfehlte die britische Hitparade. Erst ihre zweite Single" Good Morning, Little Schoolgirl" konnte Rang 44 als höchste Platzierung erreichen. Beide Titel waren Coverversionen US-amerikanischer Bluessongs und strahlten wenig kommerzielle Attraktivität aus. Unter dem Musikproduzenten Giorgio Gomelsky entschied sich die Gruppe im Dezember 1964 für eine Komposition des noch unbekannten britischen Songschreibers Graham Gouldman mit dem Titel "For Your Love", der mit seinen Bongo-Rhythmen kommerzieller arrangiert war und im Januar 1965 in den IBC-Studios entstand. Diese Single drang bis auf Rang 3 in den britischen Charts und - im Rahmen der British Invasion - auch bis auf Platz 6 der US-Hitparade vor. Weltweit wurden über eine Million Exemplare verkauft.

Da dieser eher poppige Kurs Eric Clapton damals nicht gefiel, verliess er im März 1965 die Band und wechselte zu John Mayall's Bluesbreakers. Er wurde durch Jeff Beck ersetzt. Mit ihm erlebten die Yardbirds ihre kommerziell erfolgreichste Zeit. Becks experimentelle Gitarrenarbeit fügte sich nahtlos in die Gruppe ein. Mit ihren neuartigen Klängen gelang der Band mehrmals der Sprung in die Hitparade, zum Beispiel mit den Singles "Heart Full Of Soul", "Still I'm Sad / Evil Hearted You", "Shapes Of Things" und "Over, Under, Sideways, Down". Die Yardbirds leisteten Pionierarbeit, indem sie als erste britische Band orientalisch klingende Tonfolgen oder den 'Fuzz'-Effekt in ihre Songs einbauten.

Im Juni 1966 verliess Paul Samwell-Smith die Band, um als Produzent zu arbeiten. Er wurde durch Jimmy Page ersetzt, der zunächst den Bass spielte, später an die Gitarre wechselte und fortan mit Jeff Beck den immer gitarrenorientierteren Sound der Yardbirds entscheidend mitbestimmte. Mit Jeff Beck und Jimmy Page an den Gitarren hatten die Yardbirds 1966 mit ihrem Stück "Stroll On" einen Auftritt in dem Kultfilm 'Blow Up' von Michelangelo Antonioni (Premiere am 18. Dezember 1966). Ursprünglich wollte der Regisseur Antonioni die Band The Who für die entsprechende Filmszene engagieren. Weil diese jedoch ablehnten, liess er die Yardbirds einfach The Who imitieren, inklusive der Zerstörung von Gitarren und Verstärkern, etwas, das Jimmy Page so sehr misfiel, dass er für die Szene die Gitarre wechselte und für die entsprechende Filmszene eine billige Kaufhausgitarre verwendete, die er malträtierte. Ende 1966 trennten sich die Yardbirds wegen Spannungen zwischen Jeff Beck und dem Rest der Band von ihrem Gitarristen und Jimmy Page übernahm neu die Leitung der Band.

Der progressive, avantgardistische Musikstil der Band ging zu Lasten ihres kommerziellen Erfolges, sodass nach mehreren Tonstudio-Wechseln ihre Plattenfirma EMI Records sich für einen neuen Musikproduzenten entschied. Die Wahl fiel auf den in England erfolgreichen US-Produzenten Mickie Most, dessen erste Studioaufnahme für die Yardbirds am 5. März 1967 für die Single "Little Games" stattfand. Das im Juli 1967 erschienene gleichnamige Album war ein Misserfolg und konnte nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. Das galt auch für die im Oktober 1967 veröffentlichte Harry Nilsson-Komposition "Ten Little Indians". The Yardbirds setzten zwar erfolgreich ihre Touren in der ganzen Welt fort, landeten aber keine Hits mehr und lösten sich schliesslich im Juli 1968 endgültig auf. Jeff Beck startete eine beispiellose Solokarriere, die bis heute anhält und Jimmy Page gründete Led Zeppelin, auf dessen erster LP er bereits einen unsterblichen Titel des Luftschiffes präsentierte, den er zuvor schon mit den Yardbirds aufgenommen hatte ("Dazed And Confused").

Weil die Band noch Verträge über eine Skandinavientour zu erfüllen hatte, versammelte Jimmy Page mit Robert Plant, John Paul Jones und John Bonham neue Musiker um sich und machte zunächst ab September 1968 unter dem Bandnamen The New Yardbirds weiter, entschied sich dann aber für Led Zeppelin als Bezeichnung für die neue Rock-Formation. Die Idee für diesen Namen kam nicht von den Mitgliedern der Band selbst, sondern ging auf eine Aussage des Schlagzeugers Keith Moon von The Who zurück. Moon sagte, eine Band um Jimmy Page würde "abstürzen wie ein bleiernes Luftschiff" ("The band will go over like a lead Zeppelin").

1983 versammelten sich Jim McCarty, Paul Samwell-Smith und Chris Dreja in der Formation Box Of Frogs, holten prominente Verstärkung mit Rory Gallagher, Jeff Beck, den ehemaligen Sänger von Medicine Head John Fiddler, sowie einige weitere Sessiongäste und veröffentlichten unter diesem Namen zwei Alben. Im Jahre 1992 wurden die Yardbirds in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen, was noch im gleichen Jahr zu einer Neugründung der Band führte. 2003 erschien wieder unter dem Namen Yardbirds das Album "Birdland", auf dem von den Gründungsmitgliedern noch Jim McCarty und Chris Dreja mitwirkten, sowie die neuen Musiker John Idan und Gypie Mayo. Im Sommer 2008 verkündete John Idan kurz nach der Veröffentlichung seines Soloalbums "The Folly", dass er die Band am Ende des Jahres verlassen würde. Da die Band bis Mai 2009 keinen Ersatz für ihn finden konnte, spielte er im Februar 2009 noch eine letzte Tour in Kanada. Im Juli 2013 schied Chris Dreja aus der Band aus, nachdem er mehrere Schlaganfälle erlitten hatte. An seine Stelle trat Top Topham, der bereits als erster Gitarrist Gründungsmitglied der Band gewesen war. Am 23. Oktober 2013 verstarb der ehemalige Gitarrist Gypie Mayo nach langer Krankheit im Alter von 62 Jahren. Das letzte verbliebene Originalmitglied Jim McCarty gab schliesslich im Dezember 2014 die Auflösung der Yardbirds bekannt.









Mar 5, 2018


ANDRÉ WILLIAMS - Hoods And Shades (Bloodshot Records BS 185 LP, 2012)

Eine treffendere Umschreibung hätte sich wohl nicht einmal der Meister selbst ausdenken können, um sein ruhmreiches musikalisches Erbe in knappen Worten zusammenzufassen: "Gegen Andre Williams sieht Little Richard aus wie Pat Boone". Dass mit Lux Interior dann auch noch ausgerechnet der Sänger der nicht minder schmutzigen Kapelle The Cramps als Urheber dieses Bonmots verantwortlich zeichnete, machte das Bild perfekt. Stetson-Liebhaber Andre 'Mr. Rhythm' Williams ist eine Legende des Detroit Souls der 50er und 60er Jahre, dessen anfangs blitzsauberes Vocal Group-Nest er alsbald mit anzüglichen Songetexten verschmutzte, woraufhin wiederum das Subgenre Dirty Soul entstand. Kennerkreise schrieben Williams seit seinen eingesprochenen Doo Wop- und Rhythm & Blues-Singles von Mitte der 50er Jahre sogar die Erfindung des Raps zu. Nicht nur deshalb trug der Mann seit Jahrzehnten den Titel 'The Black Godfather'. Weitere im Umlauf befindliche Ehrentitel hörten auf so vielsagende Namen wie 'The Duke Of Dirty-Ass', 'The Legendary Lord Of Lascivious Lyrics' oder 'The Baron Of Badass R'n'B'. So weit, so eindeutig. Nun gehörte es schon seit jeher zur Natur des Showgeschäfts, dass manche Künstler nicht den Erfolg oder den Bekanntheitsgrad beim grossen Publikum erreichten, den sie vielleicht verdient gehabt hätten. So auch Andre Williams, obwohl er für unzählige, bis heute wenig bekannte Rhythm & Blues-Gruppen Pionierarbeit leistete und auch mit Stars wie Stevie Wonder, George Clinton, B.B. King und Ike Turner in Berührung kam. Danken tun es ihm heute nicht nur die Cramps, sondern auch die Dirtbombs oder Jon Spencer, der den Dirty Old Man in den 90er Jahren aus der Gosse zurück ins Aufnahmestudio holte, als Williams bereits Gefahr lief, an seiner Cracksucht zugrunde zu gehen. Dank Spencer entstanden so noch im hohen Alter Williams-Klassiker wie "Let Me Put It In" oder "Pussy Stank".

Das turbulente Leben des Zeffrey Andre Williams begann am 1. November 1936 in Bessemer, Alabama. Als Andre sechs Jahre alt war, starb seine Mutter. Der Vater, mittlerweile dem Jobangebot eines Stahlwerks nach Chicago gefolgt, schickte den Jungen zurück in den Süden, wo ihn seine Grosseltern aufzogen. Für rassistische Gängeleien war Williams nach eigenen Angaben zu cool und zu eigensinnig. Ständig hatte er auf dem Schulhof das letzte Wort, spielte im Unterricht aber den Lernwilligen, was einerseits seinen guten Ruf bei den Lehrern stützte, ihn andererseits für seine Mitschüler noch hassenswerter machte. Andres Grosseltern hielten den Bub an der kurzen Leine, verhängten Ausgehverbote und nahmen ihn lieber mit zur täglichen Arbeit aufs Feld bei den weissen Farmern, wo Andre erstmals die Country-Klänge des Hank Williams vernahm, ein prägender Moment. Im Jahre 1952 sang der 16-Jährige erstmals im Kirchenchor. Zu dieser Zeit war er bereits wieder seit drei Jahren in Chicago, da er die grosselterlichen Reglementierungen irgendwann satt hatte und der Sehnsucht nach der Grosstadt nachgeben musste. Andres schulische Glanzzeit war indes vorbei. In Chicago spülte er in einem edlen Schwarzencafé bis vier Uhr morgens für sämtliche Pimps und Hustler der Stadt das Geschirr. Der Schulbeginn um 8.30 Uhr fand somit meist ohne Williams statt. Nach mehrmaligem Fernbleiben schickte man ihn auf ein Internat, wo er in sechs Wochen Benimmunterricht lernen sollte. Williams blieb 26 Wochen (!).

Nachdem er in Chicagos Cobbs Baptist Church bereits die Technik des Gospelgesangs kennen lernte, wurde Detroit sein Geburtsort als Sänger. Zwar kam er schon in Chicago mit einigen Doo Wop-Gruppen (The Cavaliers, The Five Thrills) in Kontakt, doch erst beim Detroiter Label Fortune Records fand er auch sein künstlerisches Glück. Williams erkannte schnell, dass seine Gesangskünste kaum mit den Stimmen der Zeit mithalten konnten und erfand eine Art Sprechgesang für sich. Mit den Don Juans als Backingband entstanden bei Fortune Records die ersten Singles. Den Start machte 1955 "Going Down To Tia Juana", gefolgt von elf weiteren Singles bis 1961. In dieser Zeit komponierte Andre Williams auch seine berühmtesten Songs "Bacon Fat" (1956) und "Jail Bait" (1957), letzterer einer der absoluten Lieblingssongs von Keith Richards. Neben dem rüden Rhythm & Blues-Ansatz erregten vor allem Andres Songtexte für Aufsehen, die vordergründig gerne kulinarische Themen verarbeiteten, die allerdings unschwer auch auf das Gebiet der Sexualität übertragbar waren ("The Greasy Chicken", "Please Pass The Biscuits"). Als 1957 die Nachfrage nach "Bacon Fat" die Vertriebsmöglichkeiten des Independent-Labels Fortune Records überstieg, kümmerte sich die grosse Plattenfirma Epic Records um Williams' Hit. Zu diesem Zeitpunkt hatte Andre die Clubszene Detroits bereits mit wilden und anzüglichen Liveshows bereichert. Besonderen Wert legte er dabei auf sein Aussehen: Ohne elegante, lavendelfarbene Anzüge sah man ihn nie auf der Bühne.

In den 60er Jahren arbeitete Andre Williams für Berry Gordy's Motown-Label, vor allem als Produzent und Komponist. So entstammte Stevie Wonders' früher Song "Thank You For Loving Me" seiner Feder. Für die Five DuTones schrieb er den Charts-Hit "Shake A Tail Feather". 1965 zog es ihn weg von Motown Records und zurück nach Chicago, wo er bei dem renommierten Label Chess Records eine neue Heimat fand. Konnte er seine Songwriting-Qualitäten zunächst noch voll ausleben, endete sein künstlerischer Höhenflug mit der Bekanntschaft von Ike Turner jäh. Die Kombination aus dem vergnügungssüchtigen Williams, von Natur aus schon ein draufgängerischer Party-Typ, und dem in Kalifornien mit allen Reichtümern ausgestatteten Turner, konnte eigentlich gar nicht gut gehen. Und so kam es auch: 18 Monate lang stiegen in Turner's Villa die wildesten Koks-Parties, immer mittendrin: The wild Motherfucker Williams. Am Ende der Party hatte Williams sein Gewicht von 90 Kilo auf 45 halbiert und löste mit dem letzten Funken Lebenswillen ein Flugticket nach Chicago, wo er ein knappes Jahr benötigte, um den Dauerexzess wegzustecken. Hätte er damals jemals Heroin angerührt, so Williams später, sein Grab wäre geschaufelt gewesen. Er schrieb Hits für Motown Records, feierte wilde Koks-Parties mit Ike Turner und landete zuletzt in der Gosse. Trotzdem verbachte er die meiste Zeit der 70er und 80er Jahre abseits des Musikgeschäfts und schlief eine Zeitlang sogar aus Mangel an Tantiemen unter einer Brücke in Chicago. Dieses Elend unterbrachen lediglich kleinere Einnahmen aus den Filmen 'The Blues Brothers' (1980) und 'Hairspray' (1988, mit Sonny Bono und Jerry Stiller), die einige seiner Songs verwendeten und schliesslich in den 90er Jahren eine neue Generation von Garage-Rockern, die den alten Mann auf die Bühne und zurück ins Aufnahmestudio hievten.

Jon Spencer vermittelte Andre an das Norton-Label, wo 1996 sein Comeback "Greasy" erschien. Richtig Wirbel verursachte allerdings das Nachfolgewerk "Silky" (1998) beim In The Red-Label, wo er auf Empfehlung der minimalistischen Detroit-Rocker Demolition Doll Rods aufspielte. "Silky" beeindruckte denn auch mit einer betont ruppigen Dirty Rock-Attitüde, auf der Andre's kratziger Bariton den letzten Dreck aus den Boxen pustete. Mit den Demolition Doll Rods und den Countdowns spielte er auch einige Shows in Deutschland und der Schweiz, wo ich den inzwischen leicht abgehalftert wirkenden Punk-Crooner selbst live erleben durfte, bevor er sich als Support von Jon Spencer in Europa und Amerika ein grösseres Publikum erspielen konnte. Auf dessen Album "Acme" half der inzwischen sichtbar alte Mann bei der Produktion. Sein nächstes Album "Red Dirt" schlug 1999 in eine ähnliche Kerbe, als Backing Band fungierten The Sadies. 2003 erschien mit "Holland Shuffle" ein orgellastiges Livealbum von einem 2001er Konzert in Groningen, bei dem Green Hornet hinter Williams stramm standen. Im Jahr 2006 schaffte es der Dirty Old Man, mittlerweile knapp 70 Jahre alt, tatsächlich noch ein weiteres Mal über den grossen Teich: Im Rahmen des Münchner Shake Your Ass-Festivals trat der Grosswesir des Dirty Soul im Juni mit der holländischen Backingband Atilla De Hun in der Monofaktur auf. Dort erfuhr man, dass Williams auch wieder ein neues Album eingezimmert hatte: "Aphrodisiac". Nach seinen Rock'n'Roll-Ausflügen der jüngeren Zeit ein überraschend altersmildes Werk, das ihn zusammen mit den Diplomats Of Solid Sound zurück zu alten Soul- und Rhythm & Blues-Zeiten heranführte. Zwischenzeitlich verlegte der Black Godfather seinen Wohnsitz nach Illinois, wo auch seine neue Label-Heimat Pravda Records beheimatet war. Im Januar 2007 erschien das Album "Aphrodisiac" auch in Deutschland.

Dass Andre Williams im Gegensatz zu seinem Ex-Kollegen Ike Turner das Jahr 2008 noch miterleben durfte, war ein mittleres Wunder. Zunächst flog er wegen Drogenbesitz aus seinem neuen Altersheim-Appartment in Joliet, Illinois raus und direkt ins Gefängnis. Anschliessend kollabierte er nach intensiven Bacardi-Wochen in einer Arztpraxis und wurde mit Lungenentzündung, Alkoholvergiftung und Herzproblemen ins Krankenhaus eingeliefert. Doch zum Ableben hatte der Stehauf-Rocker keine Zeit: Die Genesung schritt zügig voran und in losen Abständen haute Mr. Rhythm immer wieder frische Studioalben raus. Zwischendurch gab es noch eine lustige Coversingle mit AC/DC's "It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock'n'Roll)" und dem Beastie Boys-Heuler "Fight For Your Right". Mit "Hoods And Shades" lieferte der exzessiv lebende Künstler noch einmal ein absolut kerniges und bemerkenswert hochklassiges Album ab, dem er im selben Jahr noch zwei weitere Werke folgen liess: "Life" und "Night & Day (mit der Band The Sadies als Begleittruppe). "Hoods And Shades" zeigte den Musiker mit einer tollen Funk- und Soul-mixtur, für welche er zusammen mit dem renommierten Soul-Gitarristen Dennis Coffey mehrere hervorragende Songs zusammenschusterte. Das im Jahr darauf veröffentlichte Live-Album "Bad Motherfucker" präsentierte den alten Haudegen mit den Goldstars, wo er live im Slow Club in Freiburg, Deutschland spielte. Zuletzt erschien im Juni 2016 eine weitere Platte mit dem Titel "I Wanna Go Back to Detroit City", gefolt von dem in limitierter Auflage erschienenen Album "Don't Ever Give Up", veröffentlicht 2017 auf Pravda Records.









Mar 1, 2018


THE HAVALINAS - The Havalinas (Elektra Records STE 60938 SP, 1990)

Moderne Zeiten: Tim Scott McConnell, Songschreiber, Sänger, Gitarrist und Kopf einer leider nur kurzlebigen Band mit Namen The Havalinas, wurde durch seinen Manager darüber informiert, dass Bruce Springsteen einen seiner Songs zum Titelstück von dessen neuer Platte gemacht hätte, nämlich "High Hopes". Er hätte das über Twitter erfahren. Springsteen nahm den Titel jedoch schon 1996 einmal auf, und veröffentlichte ihn auf seiner EP "Blood Brothers". Damals erfuhr Tim Scott McConnell davon jedoch noch über den "old fashionned way", nämlich über ein Rockmagazin.

Wer ist denn nun Tim Scott McConnell ? Erstmals auf den Bühnen der Welt stand er Ende der 70er Jahre mit den Rockats, einer Rockabilly Band, der auch der ehemalige New York Dolls Schlagzeuger Jerry Nolan angehörte. In den 80er Jahren konnte er einen Plattenvertrag als Solokünstler ergattern, zuerst bei Sire, danach bei Geffen Records, spielte auch etliche gute Songs ein, die aber leider wenig beachtet blieben. Vor allem sein 1985er Album "High Lonesome Sound" bot eigentlich schon fast alle Zutaten der späteren Havalinas und hätte eigentlich viel mehr Beachtung verdient gehabt. Gegen Ende der 80er Jahre formierte er dann die Havalinas, ein Roots Rock-Trio, das vor allem durch seine Konzerte rasch einen grösseren Bekanntheitsgrad erlangte. Supporting Act unter anderem für Bob Dylan sorgte dafür, dass Elektra Records die Möglichkeit bot, eine erste LP aufzunehmen. Mit dem Stehbass-Spieler Smutty Smiff, der ebenfalls den Rockats angehörte, sowie Schlagzeuger Charlie "Chalo" Quintana, ehemaliger Drummer bei Social Distortion und den Cruzados, veröffentlichte Tim Scott McConnell 1990 das erste Album unter dem Havalinas-Banner.

Die Platte bietet 11 hervorragende Roots Rock Nummern, die eine sehr hohe Dynamik aufweisen, äusserst abwechslungsreich arrangiert sind und ein Sammelsurium an knackigem Desert Rock, staubigen, ungehobelten Rockern und sehnsüchtigen Americana-Schnulzen bietet. Dabei sind die drei Musiker zumeist sehr viel näher am typisch amerikanischen Rock'n'Roll als am liblich-glanzpolierten Americana Sound. Man merkt den Musikern an, dass sie ursprünglich in Rockabilly- und Rockformationen gespielt haben. Diese Energie der drei Vollblut-Rockerherzen zieht sich durch die gesamte Platte hindurch. Die Havalinas klingen ein bisschen wie ein Hybrid aus den Long Ryders und Jason & The Scorchers. Im Stück "Fill Em Up" hört man sogar ein wenig die Waterboys nachhallen.

Der Opener "High Hopes" bietet einen perfekten Einstand in das Album. Diese Originalversion klingt wesentlich knackiger, erdiger und staubiger als das doch mit reichlich Pathos ausgestattete Springsteen-Cover. Der Song ist aber bei weitem nicht der Höhepunkt dieser Platte. Schon das nachfolgende "Not A Lot To Ask For" düdelt erfrischend durch das Dobro und die Octave Mandoline, geerdet durch einen akustischen Upright Bass und die perkussiven Handclaps in Richtung Südstaaten-Cowboy Romantik, was sich im etwas forscheren "Fill Em Up" weiter zieht, wo insbesondere die Maracas tolle perkussive Akzente setzen."Jesus And Johnny", "Sticks And Stones": Am besten klingen die Havalinas, wenn sie Elemente des Rockabilly in ihre knochentrockenen Songs bringen. Die Mundharmonika ist permanenter Begleiter und unterstützt sowohl die Gesangslinien, wie auch die gitarristischen Einlagen.

Es ist leider nur bei diesem einen superben Studioalbum geblieben. Im Jahr darauf wurde noch ein Live-Album mit dem Titel "Go North" auf Mo Records nachgereicht, mangelnde Promotion und die sehr beschränkten finanziellen Mittel verhinderten aber leider eine grössere Vermarktung des Albums, das einen energetischen und schweisstreibenden Auftritt des Trios einfangen konnte. Tim Scott McConnell spielte danach wieder als Solomusiker mit begleitender Band, veröffentlichte auch weiterhin Platten unter dem Namen Tim Scott, bevor er als Ledfoot reinkarnierte, sich fortan "Master Of Gothic Blues" nannte und in dieser Eigenschaft seit 2007 drei exzellente Alben veröffentlicht hat, die es ebenfalls wert sind, entdeckt zu werden.

Die Havalinas sind dank der Bruce Springsteen CD "High Hopes" noch einmal in Erinnerung gerufen worden und es ist eigentlich schade, dass ihre Platte im Zuge des Erfolgs der Springsteen-Platte nicht noch einmal neu aufgelegt wurde. Man kann das Album der Havalinas aber immer noch als Second Hand CD relativ perisgünstig finden. Die Entdeckung lohnt sich auf jeden Fall.




Feb 26, 2018


BRANFORD MARSALIS - Random Abstract (Columbia Records C 44055, 1988)

Für all jene, die nach einem Album suchen, das nur ein Vehikel ist, um ihre technischen Fähigkeiten zu zeigen, ist dies nicht das passende Album. Für jene Leute aber, die nach einem Album suchen, das das höchste Niveau der Musik darstellt, die zu jener Zeit produziert wurde, ist "Random Abstract" etwas vom qualitativ besten, was man aus dem Bereich Jazz finden kann. 1987 aufgenommen, zu der Zeit, als die Jazzmusik für längere Zeit in eine andere Richtung ging, konzentrierte sich "Random Abstract" auf das, was einige heute als Mainstream bezeichnen würden. Als das dritte von Branford Marsalis veröffentlichte Jazz-Album gab es Hinweise darauf, dass inzwischen ein über einige Jahre gereifter Künstler entstanden war. Nicht nur der Klang, sondern auch seine Fähigkeit, Melodien zu kreieren, die ganz für sich stehen konnten, ohne die Hilfe einer Band, die sie unterstützen würde, strahlten die Titel auf diesem Album.

Branford Marsalis wurde als der angesehenste lebende amerikanische Jazz-Instrumentalist genannt. Während er vor allem für seine Arbeit im Jazz als Leiter des Branford Marsalis Quartetts bekannt ist , tritt er auch häufig als Solist mit klassischen Ensembles auf und hat die Gruppe Buckshot LeFonque angeführt. Marsalis wurde in Breaux Bridge, Louisiana als Sohn von Dolores (geb. Ferdinand), einem Jazzsänger und Ersatzlehrer, und Ellis Louis Marsalis, Jr., einem Pianisten und Musikprofessor, geboren. Seine Brüder Jason Marsalis , Wynton Marsalis , Ellis Marsalis III und Delfeayo Marsalis und Vater Ellis sind ebenfalls Jazzmusiker. Mitte der 80er Jahre, während er noch Student an der Berklee College of Music war, tourte Marsalis in einem grossen Ensemble unter der Leitung von Schlagzeuger Art Blakey als Alt- und Baritonsaxophonist. Weitere Big Band Erfahrungen mit Lionel Hampton und Clark Terry folgten im Laufe des nächsten Jahres, und Ende 1981 schloss sich Marsalis am Altsaxophon seinem Bruder Wynton in Blakey's Jazz Messengers an . Weitere Auftritte mit seinem Bruder, darunter eine Japan-Tournee 1981 mit Herbie Hancock führten zur Gründung des ersten Quintetts seines Bruders Wynton, wo Marsalis seinen Schwerpunkt auf Sopran- und Tenorsaxophone legte. Er arbeitete weiterhin mit Wynton bis 1985, eine Zeit, in der auch seine erste eigene Aufnahme, "Scenes In The City" veröffentlicht wurde, sowie Gastauftritte mit anderen Künstlern wie Miles Davis und Dizzy Gillespie.

1985 schloss er sich Sting, dem Sänger und Bassist der Rockband Police, zu dessem ersten Soloprojekt "The Dream Of The Blue Turtles" an, neben den Jazz- und Session-Musikern Omar Hakim am Schlagzeug, Darryl Jones am Bass und Kenny Kirkland am Keyboard. Er wurde Stammgast in Stings Line-Up, sowohl im Studio als auch bis zur Veröffentlichung von "Brand New Day" im Jahre 1999. 1994 erschien Marsalis auf der CD "Stolen Moments: Red Hot & Cool" der Red Hot Organization. Das Album, das auf die AIDS-Epidemie in der afroamerikanischen Gesellschaft aufmerksam machen sollte, wurde von der New York Times zum Album des Jahres gewählt. Im Jahre 1988 spielte Marsalis in dem Spike Lee Film 'School Daze', präsentierte auch mehrere musikalische Zwischenspiele für die Musik in dem Film. Seine geistreichen Kommentare hatten ihn an viele denkwürdige Einzeiler im Film gebunden. Von 1992 bis 1995 war Branford der Leiter der Tonight Show Band in der Tonight Show mit Jay Leno. Anfangs lehnte er das Angebot ab, aber später überlegte er und akzeptierte die Position. Er wurde schliesslich als Bandleader der Ersatz für den Gitarristen Kevin Eubanks. Zwischen 1990 und 1994 spielte Branford mehrmals mit der Gruppe The Grateful Dead.

Sein 1988 erschienenes Album "Random Abstract" enthielt mehrere Beiträge zu einigen der wichtigsten Erkennungsmerkmale von Branfords Spielweise. Die zwei denkwürdigsten waren "Crescent City", eine Hommage an John Coltrane's Periode von 1963/1964, und seine "Stare Play Beans" Version von "I Thought About You". Es war offensichtlich, dass Branford in seinem Herzen einen grossen Platz für Ben Webster hat, wenn er ein ganzes Stück spielt, das so detailtreu dem Original folgt. Ausserdem bot das Album eine fabelhafte Version von Wayne Shorters "Yes And No". "Yesterdays" war ebenfalls ein Highlight, nicht nur wegen der Gruppen-Kohäsion als Einheit, sondern auch wegen des ungewöhnlich langsamen Tempos des Titels. "Broadway Fools" swingt von Anfang bis Ende, besonders der Bass des damals aufstrebenden Delbert Felix.

Marsalis veröffentlichte 1997 eine zweite Buckshot LeFonque Aufnahme. Sein Hauptinteresse galt seit 1996 seinem Quartett, seiner klassischen Performance und seiner Ausbildung. Mit dem ursprünglichen Mitglied Jeff 'Tain' Watts am Schlagzeug kam der Bassist Eric Revis Hurst im Jahre 1997, und der Pianist Joey Calderazzo wurde ein Mitglied nach Kirklands Tod im Jahr darauf. Das Branford Marsalis Quartett absolvierte ausgedehnte Tourneen und Aufnahmen und erhielt 2001 einen Grammy für das Album "Contemporary Jazz". Zwei Jahrzehnte lang war Marsalis mit der Plattenfirma Columbia Records verbunden , wo er zwischen 1997 und 2001 als kreativer Berater und Produzent für Jazzaufnahmen tätig war, unter anderem als Saxophonist bei David S. Ware für zwei Alben. Marsalis legte seit der Veröffentlichung seines Albums "Creation" im Jahre 2001 mehr Wert auf klassische Musik. Auftritte mit Symphonieorchestern und Kammerensembles weltweit wurden nach und nach zu einem wichtigen Teil seiner Reiseroute. Im Oktober und November 2008 tourte Marsalis mit der 'Philarmonia Brasileira' durch die USA, wo er Musik des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos vortrug, arrangiert für Solo-Saxophon und Orchester. Dieses Projekt erinnerte an den 50. Todestag des Komponisten.

Im Jahre 2002 gründete Marsalis sein eigenes Label Marsalis Music. Der Katalog umfasste Künstler wie Claudia Acuña, Harry Connick Jr., Doug Wamble, Miguel Zenón und präsentierte Alben von Mitgliedern der Marsalis-Familie. Branford Marsalis hatte sich auch an College-Ausbildung beteiligt, hielt Vorträge an verschiedenen Universitäten in den US-amerikanischen Bundesstaaten Michigan (1996-2000), San Francisco (2000-2002) und an der North Carolina Central University (2005 bis heute). Nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005 gründeten Marsalis und Harry Connick, Jr. in Zusammenarbeit mit dem örtlichen 'Habitat for Humanity' das 'Musicians Village' in New Orleans, wobei das 'Ellis Marsalis Center for Music' das Herzstück bildete. Im Jahre 2012 erhielten Marsalis und Connick den S. Roger Horchow Award für den grössten öffentlichen Dienst von einem privaten Bürger, eine Auszeichnung, die jährlich von 'Jefferson Awards' vergeben wird. Im September 2006 wurde Branford Marsalis vom Berklee College of Music zum Ehrendoktor für Musik ernannt . Während seiner Annahmezeremonie wurde er mit einem musikalischen Tribut-Beitrag  geehrt, welcher die Musik seiner gesamten künstlerischen Karriere zusammenfasste.





Feb 25, 2018


THE HANDSOME FAMILY - Unseen (Milk & Scissors Records M&S001, 2016)

Das Ehepaar Sparks, das sich The Handsome Family nennt, wurde sowohl als Alternative Country Duo, als auch als Traditionalisten bezeichnet, aber ihre oft dunkle Musik liegt wahrlich in einem einzigartigen Raum irgendwo dazwischen und vermischt die Klänge von traditionellem Country und Bluegrass und insbesondere von sogenannten 'Murder Ballads' (Mordballaden) in eine moderne Klanglandschaft. Der Sänger und Komponist Brett Sparks stammt aus Texas, wo er Musik studierte und kurzzeitig an den Ölplattformen arbeitete. Mitte der 90er Jahre lebte er mit seiner Frau Rennie Sparks, einer Romanautorin aus Long Island, in Chicago. Brett überredete Rennie dazu, Songtexte für ihn zu schreiben, was zu der ungewöhnlichen und auffälligen Form der Lieder der Handsome Family führte - evokative Szenen und kurze Geschichten (sowohl Tagtraum- als auch Geistergeschichten) anstelle der Standard 'Strophe-Chor-Strophe' Struktur.

Das Debütalbum der Handsome Family mit dem Titel "Odessa" erschien im Januar 1995 auf dem Independent Label Carrot Top Records. Diese erste im sogenannten 'Home Recording' Verfahren (alle Alben der Handsome Family wurden in ihrem eigenen Wohnzimmer aufgenommen) hatte leichte Punk-Schattierungen, die auf ihren folgenden Alben nicht zu hören waren. "Odessa" hatte leider nur wenige Wellen gemacht, bis auf das Verbot einiger Radiosender, bezogen das zweite Stück "Arlene", das von einer Frau handelt, die zu Tode geprügelt wird. Das nächste Werk kam im Mai des folgenden Jahres heraus, und die Handsome Family machte sich auf den Weg, um ihre neue Veröffentlichung "Milk And Scissors" mit möglichst vielen Live-Auftritten zu promoten. Sie tourten zuerst mit Wilco durch die USA und dann weiter nach Europa für Shows in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Mit "Milk And Scissors" hatte das Duo ihre bisherigen Rock-Kanten gegen traditionelle Country-Sounds eingetauscht. Das resultierende Album wurde von den Kritikern gelobt, erwies sich aber wiederum als nicht sonderlich verkaufsträchtig.

In der folgenden Zeit erlebten die beiden Musiker einige negative Erfahrungen. Brett erlitt während dieser intensiven und kräftezehrenden Zeit des Dauer-Tourens einen emotionalen Zusammenbruch, bei der eine Hospitalisierung die erschütternde Diagnose 'manisch-depressiv' ergab. "The Trees", ebenfalls auf Carrot Top Records im Januar 1998 erschienen, war das dritte Album der Handsome Family, und wurde unter dem Eindruck dieser persönlichen Schwierigkeiten geschrieben und aufgenommen. Die rohe, emotionale Qualität der Texte, die sich mit der Dunkelheit der alltäglichen Tragödie auseinandersetzen, wurde in Bretts trockenem Bariton umgesetzt, der oft von traditionelleren Country-Klängen getragen wird. Mit dieser Aufnahme kam die Handsome Family letztlich zu ihrem individuelle eigenen Sound und erhielt dadurch endlich auch breite Aufmerksamkeit. "Through The Trees" wurde die beste lokale Veröffentlichung und in den Top Ten von 1998 von grossen Chicagoer Zeitungen gewürdigt, aber die Aufmerksamkeit ging weit über die lokale Presse hinaus. Das Album wurde sowohl von Online-Magazinen als auch von Printmedien gelobt.

"Through The Trees" sollte sich als bahnbrechendes Album der Handsome Family erweisen, das in den nächsten Jahren immer beliebter wurde und es Brett und Rennie Sparks ermöglichte, ihre Jobs an den Nagel zu hängen und sich ganz auf ihre Musik zu konzentrieren. Nach der Veröffentlichung des Albums begann das Duo extensiv zu touren, trat regelmässig in Europa auf und tourte zweimal durch die USA - einmal mit den Mekons. Auf der Welle dieses Erfolges erschienen zwei Jahre später die etwas leichteren und natürlicheren Sounds von "In The Air" (Carrot Top Records, 2000), mit Gastauftritten von Jeff Tweedy von Wilco und dem Geiger Andrew Bird, ehemals von Squirrel Nut Zippers. Die Handsome Family unterstützte die Veröffentlichung ihres vierten Albums mit einer einmonatigen Europa Tournee, gefolgt von einer Konzertreise entlang der Westküste der USA. Ein Dokument ihres Sounds zu dieser Zeit findet sich in ihrem 2002 erschienenen Album "Live At Schuba's Tavern".

Das Duo veröffentlichte 2003 "Singing Bones", gefolgt von "Last Days Of Wonder" im Jahre 2006 und dem uncharakteristisch fröhlichen "Honey Moon" im Jahre 2009. Die 2013er Veröffentlichung "Wilderness" widmete die Handsome Family der Natur. 2014 erlebte die Handsome Family einen unerwarteten Glücksfall, als ihr Stück "Far Away From Any Road" vom Album "Singing Bones" als Titelmusik für die gefeierte TV-Dramaserie 'True Detective' ausgewählt wurde und der Gruppe ein grösseres Publikum bescherte als je zuvor. Das Lied wurde später auch in einer Episode der 'Simpsons' gezeigt, und Guns N 'Roses verwendeten es als Ouvertüre für eine Konzertreise von 2014, die aber auch das Einzige darstellt, was die beiden Gruppen gemeinsam haben. Im Jahre 2016 veröffentlichte die Handsome Family ihr elftes Studioalbum "Unseen" über ihr inzwischen lanciertes eigenes Milk & Scissors Label.

"Unseen" geriet wieder recht dunkel und erinnerte etwas mehr an ihre Anfangszeit, enthielt wieder einige bemerkenswerte, in bester Nick Cave Tradition ausgearbeitete 'Murder Ballads', aber insgesamt pendelte der Sound sehr ausgewogen zwischen persönlicher Alltags-Tragik und sehnsuchtsvoller Americana-Lockerheit, die manchmal auch schon mal eine Steel Guitar wimmern liess oder die Düsterheit der anderen Songs für einige Minuten vergessen liess. Die Handsome Family blieb allerdings bis heute leider vom grossen Publikum unentdeckt, was sich aber in den nächsten Jahren vielleicht noch ändern kann. Die Handsome Family lohnt sich unbedingt, entdeckt zu werden.









Feb 24, 2018



SAVOY BROWN - Looking In (Decca Reords SKL 5066, 1970)

Die britische Blues Band Savoy Brown, angeführt von Gitarrist Kim Simmonds, verlor Mitte 1970 ihren Leadsänger Chris Youlden, mit welchem die Band einen extravaganten und charismatischen, auch Jazz-affinen Frontmann in ihren Reihen hatte. Youlden wurde vorderhand nicht ersetzt und die Band machte als Quartett weiter, indem der zweite Gitarrist Lonesome Dave Peverett den zusätzlichen Part des Sängers übernahm.

War der Vorgänger von Anfang 1970 noch recht jazzlastig ausgefallen ("Raw Sienna"), so fiel dieser zusätzliche musikalische Input hier fast gänzlich weg. Praktisch ohne grössere Verzögerung nahm Kim Simmonds mit den drei verbliebenen Musikern dieses Werk im Sommer 1970 in Angriff und es dauerte nicht lange, als die Band die vorbereiteten Songs im Recorded Sound Studio in London unter der Regie von Paul Tregurtha in Angriff nahm. Mit Tregurtha war derselbe Tontechniker mit der Aufnahme betraut worden, der schon den Vorgänger "Raw Sienna" aufgenommen hatte, und der zuvor schon für die Band Steamhammer am Mischpult sass.

Das Album "Looking In" erschien am 6. November 1970 in England, nachdem es zuvor bereits Anfang Oktober in Amerika auf den Markt kam. Eigentlich ein Kuriosum, da Savoy Brown eine englische Band war. Angesichts der Tatsache aber, dass sie in Amerika weitaus grösseres Ansehen genoss, durchaus nachvollziehbar. Die wachsende Popularität in Amerika und das kaum beachtet werden im eigenen Land verstärkte sich in späteren Jahren noch zusätzlich, weshalb die Gruppenmitglieder ihr Domizil denn auch in die Staaten verlagerten.



Die Platte bot nur noch wenige Jazz-Anleihen, etwa im Titelstück, das einen recht perkussiv angelegten leichten Funk-Groove präsentierte, wohingegen Stücke wie "Leavin' Again" oder "Poor Girl" auch mit der reinen Blues-Ausrichtung brachen und vermehrt Rockmustern folgten. Das Werk kann in der langen Historie der Gruppe um Kim Simmonds als eine Art Uebergangswerk bezeichnet werden, da nach dieser Platte nach Chris Youlden auch die hier mitwirkenden Musiker ihren Leader verliessen, um in Amerika die später äusserst erfolgreiche Blues Rock Band Foghat zu gründen.

Kim Simmonds richtete seine Musik in der Folge einmal mehr neu aus und fand in ehemaligen Mitgliedern der Bands Chicken Shack und Idle Race neue Mitstreiter, mit welchen er zur kommerziell erfolgreichsten Phase seiner Band Savoy Brown starten konnte, die ihm mit den weiteren Alben "Street Corner Talking", "Hellbound Train" und "Lions Share" insbesondere in den USA grosse Popularität bescherte. Kim Simmonds zog daraufhin konsequenterweise den Stecker in seiner Heimat und siedelte nach Amerika über.

Aus dem "Looking In" Album wurde das Stück "Poor Girl" als Single ausgekoppelt (Decca Records DL 25444) und erhielt kurioserweise mit "Master Hare" als B-Seite einen Titel, der noch vom Vorgänger-Album "Raw Sienna" stammte. Es handelte sich dabei um einen Instrumental-Titel ohne den Gesang von Chris Youlden oder Lonesome Dave Peverett und erinnerte noch einmal an die kurze jazzige Phase der Gruppe.


Feb 23, 2018


XTC - Oranges & Lemons (Virgin Records V 2581, 1989)

XTC waren eine englische Rockband, die 1972 in Swindon gegründet wurde und bis 2006 aktiv war. Angeführt von den Songwritern Andy Partridge und Colin Moulding gewann die Band in den 70er Jahren Popularität mit dem Aufkommen von Punk und New Wave und spielte später in verschiedenen Stilen von kantigen Gitarrenriffs bis hin zu aufwändig arrangiertem Pop. Zum Teil, weil die Gruppe nicht in die aktuellen Trends passte, konnten sie den kommerziellen Erfolg in Grossbritannien und den USA leider nicht nachhaltig genug aufrechterhalten. Sie haben seitdem eine beachtliche Fangemeinde angezogen und sind für ihren Einfluss auf Britpop und später Power Pop- Acts bekannt. Partridge (Gitarre, Gesang) und Molding (Bass, Gesang) trafen sich Anfang der 70er Jahre in einem Plattenladen und gründeten anschliessend mit dem Schlagzeuger Terry Chambers eine Glitterrock-Band. Der Name und das Line-Up der Band änderten sich häufig und sie wurden erst 1975 als XTC bekannt. 1977 debütierte die Gruppe bei Virgin Records und war in den nächsten fünf Jahren für ihren ironischen Punkrock und energische Live-Auftritte bekannt. Sie strebten danach, völlig originell zu sein und weigerten sich, der Punk-Doktrin zu folgen, sondern brachten Einflüsse aus dem Pop der 60er Jahre, der Dub-Musik und der Avantgarde zusammen. Partridge, XTC's Frontmann und primärer Songwriter, bestand darauf, dass die Band nur Popmusik mache. Einen erweiterten künstlerischen Anspruch stellte er in Abrede.

Nach 1982 stoppte die Band das Konzertreisen und wurde zu einem Studio-basierten Projekt, das sich auf Partridge, Molding und den Gitarristen Dave Gregory konzentrierte. Sie produzierten zunehmend idiosynkratische Aufnahmen, darunter "The Big Express" (1984), "Skylarking" (1986), "Oranges & Lemons" (1989), "Nonsuch" (1992) und "Apple Venus Volume 1" (1999). Eine Spin Off Gruppe, die Dukes Of Stratosphear, wurde als einmalige Exkursion in die Psychedelia der 60er Jahre erfunden, aber als sich die Musik von XTC weiterentwickelte, nahmen die Unterschiede zwischen den beiden Bands ab. Von 1993 bis 1997 befand sich die Gruppe in rechtlichen Schwierigkeiten und weigerte sich, Musik aufzunehmen für Virgin Records, unter Berufung auf einen schlechten Plattenvertrag . Im Jahre 2006 gab Partridge bekannt, dass seine kreative Partnerschaft mit Moulding aufgelöst wurde und XTC in der Vergangenheitsform verbleiben würde. Im Jahre 2017 hatten sich Molding und Chambers dann doch als Duo TC & I wiedervereint. Partridge und Gregory blieben musikalisch aktiv. Das bekannteste Album von XTC, "Skylarking", galt allgemein als das beste seiner Art. Sie hatten insgesamt 18 Alben in den englischen Top 40, einschliesslich der Singles "Making Plans For Nigel" (1979) und "Senses Working Overtime" (1982), sowie die Alben "Black Sea" (1980) und "English Settlement" (1982). In den USA wurden sie auch mit dem Titel "The Ballad Of Peter Pumpkinhead" von 1992 bekannt.

Für ihr Album "Oranges & Lemons" reisten XTC nach Los Angeles, um einen preiswerten Studio-Preis zu nutzen, der von Paul Fox arrangiert wurde, der von der Band für seinen ersten Produktionsauftritt rekrutiert wurde. Um das Album zu unterstützen, trat Partridge XTC für eine amerikanische Akustikgitarren-Tour bei, die im Mai zwei Wochen dauerte. Gregory: "Es war eine interessante Art, auf die Platte aufmerksam zu machen, aber es war unglaublich harte Arbeit, da wir Gitarren und Gepäck über drei Wochen in bis zu vier Radiosender am Tag schleppten. Es gab ausserdem ein Live Acoustic-Set für MTV vor einem Publikum, sowie einen Auftritt in der berühmten Late Night Show von David Letterman. Eine ähnliche akustische Tournee war für Europa geplant, aber wieder abgesagt worden. "Oranges & Lemons" war das elfte Studioalbum von XTC, veröffentlicht im Jahre 1989. Der Name des Albums entstammte einem alten englischen Kinderreim, der auch in dem Song "Ballet For A Rainy Day" auf ihrem vorherigen Album "Skylarking" zitiert worden war. "Oranges & Lemons" war XTC's zweites Doppelalbum nach "English Settlement" von 1982.

Die Band wurde nach Los Angeles geschickt, um das Album aufzunehmen, und Paul Fox wurde für seinen ersten Produktionsauftritt rekrutiert. Das Album warf drei Singles ab: "Mayor Of Simpleton", "King For A Day" und "The Loving". Das Albumcover, entworfen von Andy Partridge mit Dave Dragon und Ken Ansell von 'The Design Clinic', war direkt von einem 1965er WOR-FM 98.7 Radio-Werbeplakat von Milton Glaser inspiriert. Während "Oranges & Lemons" häufig mit der Musik der 60er Jahre verglichen wird, insbesondere mit den Beatles (in den Worten eines Rezensenten: "Die Melodien verbiegen normalerweise Beatles-artigen Pop in kantige Asymmetrien"), waren viele weitere stilistische Einflüsse auf dem Album zu hören, beispielsweise Trommelklänge aus dem Nahen Osten zu jazzigen Trompeten und Zairischen Soukous. Der psychedelische Opener "Garden Of Earthly Delights" zeigte arabische Muster, "Poor Skeleton Steps Out" dagegen einen Samba- artigen Rhythmus, Glockenspiel und zahlreiche verlangsamte Stimmen. "Hold Me My Daddy" beinhaltete ebenfalls einen Samba-artigen Rhythmus, ebenso wie südafrikanisch anmutende Chor-Teile und eine Afro-Pop-Attitüde. "Miniature Son" wurde als Jazz Fusion- Track beschrieben, während weitere Songs klassischen Psychedelic Pop im Jangle Stil boten.

Das Album war auch als limitierte 3-Mini-CD- Box (CDVT2581) erhältlich, mit einer etwas anderen Titel-Reihenfolge (Wechsel der Positionen von "Cynical Days" und "Across This Antheap"). Ausserdem, weil "Poor Skeleton Steps Out" die zweite CD dieser Ausgabe eröffnete, begann der Song sauber und nicht überblendet vom vorherigen Song "The Loving". Ein Mobile Fidelity Sound Lab vergoldetes "Ultradisc" CD-Remaster (UDCD 682) wurde 1997 veröffentlicht. Auf der 2001 remasterten CD-Ausgabe war "Garden Of Earthly Delights" neu bearbeitet worden, "King For A Day" erhielt einen alternativen Mix (mit mehr Low End-Effekten) und "One Of The Millions" hatte eine kürzere Einleitung."Oranges & Lemons" wurde ausserdem im Jahre 2015 von Steven Wilson für Stereo und 5.1-Surround-Sound von den ursprünglichen analogen Bändern remixed. "Oranges & Lemons" war mit einem Rang 28 in den britischen LP-Charts das kommerziell erfolgreichste Album der Band, allerdings auch das am kontroversesten diskutierte. Viele Fans und Kritiker bemängelten die stilistische Ueberdosis und hielten das Werk einerseits für überambitioniert, aber auch für überproduziert. Mancher Musikkritiker wies auch auf die Alben von The Dukes Of Stratosphear hin: Unter diesem Pseudonym veröffentlichten XTC ebenfalls eine musikalisch ähnliche Mixtur, vielleicht noch etwas stärker auf psychedelische Elemente fokussiert. Viele Fans betrachteten die Dukes-Alben insgesamt als interessanter. Der Schriftsteller Chris Dahlen bezeichnete den Stil von XTC als 'Punk trifft Buddy Holly auf Amphetamin.