13.08.2017


DAEVID ALLEN AND MOTHER GONG - The Owl And The Tree
(Demi Monde Records DMLP 1019, 1989)

Daevid Allen, mit gebürtigem Namen Christopher David Allen, geboren am 13. Januar 1938 in Melbourne, war ein australischer Rockmusiker, der als bedeutender Vertreter des Canterbury Sound galt und als Gründer der Bands Soft Machine und Gong, aber auch durch sein Solowerk grosse Bedeutung erlangte. Allen arbeitete in einem Buchladen in Melbourne und wurde dort von Autoren der Beat Generation inspiriert, von Australien nach Europa zu übersiedeln. Er kam über Griechenland nach Frankreich, wo er in Paris zunächst im Beat Hotel im früheren Zimmer von Allen Ginsberg und Peter Orlovsky wohnte. Noch in Frankreich hatte er Kontakt zu dem jungen Terry Riley und machte mit diesem experimentelle Musik. 1961 ging er nach England, wo er als Gitarrist und Sänger Anschluss an Bands suchte. In Lydden gründete er 1963 mit dem Sohn seiner Vermieter, dem Schlagzeuger Robert Wyatt, und dem Bassisten Hugh Hopper das Daevid Allen Trio, aus dem 1966 die Band Soft Machine hervorging. Gefördert durch den Produzenten Giorgio Gomelsky nahm die Band mehrere Demo-Stücke auf und absolvierte 1967 einige Auftritte in Deutschland, Holland und Frankreich. Bei der Rückreise von dieser Tournee wurde Allen als Australier wegen eines abgelaufenen Visums die Wiedereinreise nach Grossbritannien verweigert.

So blieb er zunächst in Frankreich, wo er mit seiner Partnerin Gilli Smyth auf einem Hausboot in Paris lebte. Dort nahm er aktiv an den Studentenprotesten teil. Bald darauf ging er mit Gilli Smyth nach Deià auf Mallorca, wo das Paar im Umfeld des Literaten Robert Graves lebte und mit dem Saxophonisten Didier Malherbe die Band Gong gründete, die ihren ersten Plattenvertrag bei dem Plattenlabel BYG Actuel Records bekam. Mit Unterstützung des Percussionisten Rachid Houri spielte das Trio 1969 das Debütalbum "Magick Brother" ein, wobei Allen alle Saiteninstrumente spielte und sang. Mit Malherbes abwechslungsreichen Einlagen auf Holzblasinstrumenten und Smyths eigentümlichem, oftmals elektronisch verfremdetem Sprechgesang mit Stöhn- und Seufz-Elementen ('Space Whisper') unterschieden sich Gong damit von Anbeginn deutlich von den nicht minder experimentellen Soft Machine, wenngleich der später für Gong charakteristische Klang noch nicht gefunden war. Der Vertrag mit BYG Actuel Records beinhaltete auch die Produktion eines Film-Soundtracks sowie die von Allens erstem Soloalbum "Banana Moon", auf welchem am Bass Archibald Legget und am Schlagzeug zumeist Robert Wyatt von Soft Machine mitwirkten. Nicht zuletzt, weil auf Allens Soloalbum auch noch eine von Wyatt gesungene Komposition des Soft Machine-Bassisten Hugh Hopper enthalten war, stand Allens erstes Soloalbum dem Frühwerk von Soft Machine noch deutlich näher als dem Debüt von Gong. Schlagzeug auf einem Stück des Soloalbums spielte auch Pip Pyle, der anschliessend bei Gong einstieg, die mit dem Bassisten Christian Tritsch für den Soundtrack des Rennsportfilms 'Continental Circus' und ihr zweites Album "Camembert Electrique" von 1971 zu einem Band-Lineup gefunden hatten.

Bestimmend für Allens Werk in den frühen 70er Jahren blieb zunächst die Arbeit mit Gong, die nach dem Ende der Plattenfirma BYG im Jahre 1972 bei Virgin Records unter Vertrag kamen und dort wieder von Gomelsky produziert wurden. Von dessen weiteren Zöglingen Magma stiess der Bassist Francis Moze zu Gong. Die Band lebte zu jener Zeit als eine Art Landkommune in Frankreich. Allen und Smyth zogen sich 1973 aufgrund der Geburt des ersten Kindes zeitweilig wieder nach Mallorca zurück, während sich Gong durch den Beitritt von dem Gitarristen Steve Hillage, dem Schlagzeuger Pierre Moerlen, dem Bassisten Mike Howlett und dem Keyboarder Tim Blake neu formierte. Bis 1974 entstanden mit Gong in rascher Folge fünf Alben und ein längerer Filmsoundtrack. Vor allem in der 1973/74 entstandenen "Radio Gnome Trilogie" aus den Alben "Flying Teapot", "Angel's Egg" und "You" schuf Daevid Allen textlich und mit den von ihm grafisch gestalteten Plattencovers eine humorvolle und mit Anspielungen auf Drogenkonsum gespickte Mythologie um fliegende Teekannen, freundliche Hexen und Ausserirdische, die zum klassischen Motiv von Gong wurden. Allen war Komponist und Texter der meisten Stücke, die auf der Basis von solidem Jazzrock durch Malherbes orientalisch inspiriertes Saxofon- und Flötenspiel, Smyths charakteristischem 'Space Whisper' und Blakes futuristische Synthesizer-Klänge auch akustisch exzentrisch ausgemalt wurden. Die Zeitschrift 'Spiegel' beschrieb die Musik von Gong als 'Kunstrock der besonders freigeistigen Art', der zwar die Kritiker begeisterte, mit dem Allen aber auch bewusst kommerziellem Erfolg aus dem Weg ging.

Nach der Geburt des zweiten Kindes zog sich Gilli Smyth vorerst komplett aus der Band Gong zurück. Allen stieg wenig später ebenfalls aus und veröffentlichte 1976 sein zweites sowie 1977 sein drittes Soloalbum, bei denen er von Musikern der mallorquinischen Band Euterpe begleitet wurde. Auf diesen Platten kamen vorwiegend akustische Instrumente zum Einsatz, auf ein Rock-Schlagzeug wurde zugunsten von sonstiger Percussion gänzlich verzichtet. Die Band Gong wurde ohne Allen und nach mehreren Besetzungswechseln unter Leitung von Pierre Moerlen als Pierre Moerlen's Gong zu einem rein instrumentalen Jazzrock-Projekt und hatte als solches bis in die 80er Jahre noch einige Alben vorgelegt. Allen hatte unterdessen die klassischen Gong-Motive in verschiedenen anderen Projekten fortgeführt, die sich als Daevid Allen's Gong subsumieren liessen. So organisierte er 1977 eine einmalige Gong-Reunion und trat gemeinsam mit der englischen Festivalband Here & Now als Planet Gong auf, wobei sich sowohl Stücke von Here & Now wie auch von Allen im Repertoire befanden. In den späten 70er Jahren trennte er sich von Gilli Smyth, blieb dieser gemeinsam mit weiteren Musikern von Gong jedoch auch bei ihren Soloprojekten als Mother Gong verbunden, an denen auch ihr neuer Partner Harry Williamson beteiligt war.

1979 veröffentlichte Daevid Allen mit "N' Existe Pas!" nochmals ein überwiegend akustisches Soloalbum, auf dem auch der Perkussionist Chris Cutler und der Saxofonist George Bishop zu hören waren. Im selben Jahr spielte er jedoch auf Anraten von Gomelsky auch mit Bill Laswell, Fred Maher und anderen jungen Musikern aus New York als New York Gong das Album "About Time" ein, das deutlich von Punk und New Wave geprägt war. Die Formation New York Gong hatte aufgrund musikalischer Differenzen keinen Bestand, aus ihr ging ohne Allen rasch die Band Material hervor. Dem New Wave blieb Allen auch mit dem Remix-Album "Divided Alien Playbax 80" verbunden, wo er erstmals auch Loops und Drum Machines nutzte. Diesen Stil behielt er auch nach seiner Rückkehr nach Australien 1981 noch eine Weile bei. 1982 verkündete er mit dem Album "Death Of Rock And Other Entrances" gar das Ende der Rock-Ära. Die folgenden Jahre bis 1988 verbrachte Allen eher zurückgezogen in Australien, wo nur wenige einfache Aufnahmen mit wechselnden Musikern entstanden, die er auf der 1990 erschienenen Zusammenstellung "The Australian Years" veröffentlichte.

1988 kehrte Allen nach England zurück und formierte bald darauf mit Didier Malherbe die Compagnie d'Opera Invisible de Thibet, die vom Projektnamen und vom Repertoire an die klassische Phase von Gong aus den frühen 70er Jahren anknüpfte und sich bald in Gongmaison umbenannte. Dazu stiessen auch Harry Williamson und der Geiger Graham Clark. Unter dem Namen Gongmaison hatte die Formation 1989 ein gleichnamiges Album veröffentlicht. Mit Williamson, Smyth und australischen Musikern formierte Allen dann die annähernd gleichnamige Invisible Opera Company of Tibet, die später von jungen australischen Musikern um den Gitarristen Brian Abbott fortgeführt wurde, denen Allen aber bis zuletzt freundschaftlich und als Gastmusiker verbunden blieb. Mit Clark und dem Didgeridoo-Spieler Mark Robson bildete Allen ab 1991 ausserdem das Trio The Magick Brothers. 1991 trat Allen auch erneut mit Here & Now als Planet Gong auf.

1992 wurde Gongmaison wieder zu Gong umbenannt. Nach einem Konzert zum 25-jährigen Gong-Jubiläum 1994 erfolgte schliesslich die Reunion der klassischen Gong-Besetzung mit Allen, Smyth, Malherbe und Howlett, die bis 2001 nochmals zwei neue Studioalben vorlegte und zahlreiche Tourneen absolvierte. Danach stellte die Band ihre Tour-Aktivitäten zwar offiziell ein, trat in der Folgezeit dennoch immer wieder in Erscheinung, auch mit Steve Hillage und im Rahmen kleinerer Tourneen. Im Lauf der Jahre wurde die Besetzung dann bis auf Allen durch jüngere Musiker ersetzt, unter anderem nahm Allens und Smyths Sohn Orlando Monday Allen den Platz des Schlagzeugers ein. 2014 erschien mit "I See You" ein letztes Studioalbum. Trotz der Gong-Reunion veröffentlichte Allen nach 1990 auch weitere Soloalben, die zunächst weiter in der Tradition seiner Folk-lastigen Alben der späten 70er Jahre standen. Auf seinem Album "Eat Me Baby I'm A Jellybean" von 1999 spielte er Interpretationen von Jazz-Standards ein. Sein Album "Soundbites 4 Tha Revelation" von 2012 enthielt gesprochene und teils verfremdete Texte über Soundcollagen. Allen hatte sich in seinen späten Jahren noch zahlreichen weiteren Projekten gewidmet. 1999 gründete er die Band University of Errors, die mehrere Alben veröffentlichte und alte Titel von Soft Machine neu eingespielt hatte. Seit 2003 trat Allen ausserdem mit Kawabata Makoto von Acid Mothers Temple und zeitweise auch seinem Sohn Orlando Allen als Acid Mothers Gong in Erscheinung. Allen hatte darüber hinaus seit 2003 mit Mikey Cosmic mehrere Alben eingespielt, die grösstenteils meditative Musik enthielten und an denen mehrere weitere Musiker von Gong oder von Allens sonstigen Projekten beteiligt waren.

Daevid Allen stand bis zum Jahre 2014 mit verschiedenen Projekten auf der Bühne, bevor eine Krebserkrankung weitere Auftritte unmöglich machte. Am 5. Februar 2015 gab er bekannt, dass er noch sechs Monate zu leben hätte und dabei seiner Überzeugung folgen wolle, den Dingen ihren Lauf zu lassen, statt sich weiteren komplizierten Operationen zu unterziehen. Seine letzten öffentlichen Auftritte hatte er am 27. Februar und am 1. März 2015 in Byron Bay, wo er anlässlich von Feierlichkeiten bereits schwer von Krankheit gezeichnet kurze Gedichte vortrug. Daevid Allen starb am 13. März 2015 im Alter von 77 Jahren in seiner australischen Heimat. Sein Sohn Orlando schrieb einen Nachruf, den er mit Versatzstücken aus Allens Texten und Pseudonymen begann: "And so dada Ali, bert camembert, the dingo Virgin, divided alien and his other 12 selves prepare to pass up the oily way and back to the planet of love". Der Guardian würdigte Allen in einem Nachruf als den 'original anti-establishment hippie und als crazy diamond', der mit den verschiedenen Inkarnationen seiner Band Gong etwa 20 Millionen Platten abgesetzt hat. Gemäss seinem letzten Willen wurde seine Asche am 21. März 2015 von seinen Söhnen ausserhalb von Byron Bay im Meer verstreut.







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