21.04.2017


SLOVENLY - We Shoot For The Moon (SST Records SST 209, 1989)

Die Band Slovenly war eine der legendären Post Punk Bands aus San Francisco, die zum erlauchten Kreis der sogenannten SST-Bands gehörten, jenem Label, das für seine kompromisslosen amerikanischen Punk Rock Bands stand, wie für seine gerne auch mal recht experimentellen Sachen, und zu diesen gehörten auch Slovenly, was zu deutsch übersetzt in etwa "schlampig" bedeutet. Die Band entstand im Jahre 1981, als der frühere Saccharine Trust Schlagzeuger Rob Holzman eine neue Gruppe zusammenstellte und zum Zeitpunkt ihres vierten Albums (und dem dritten für das SST Label) aus den folgenden Musikern bestand: Scott Ziegler (Gitarre), Tom Watson (Bass), einer Bläsergruppe mit Namen The Cruel Horns, bestehend aus Guy Bennett, Jacob Cohn und Lynn Johnston, dem Keyboarder Vitus Mataré, der das Albums auch als ausführender Produzent realisierte, sowie dem Sänger Steve Anderson. Und natürlich Rob Holzman selbst am Schlagzeug. Schon diese eigentlich üppig zu nennende Besetzung machte deutlich, dass Slovenly nicht (und auch nicht zuvor auf den bereits veröffentlichten Platten) Puink Rock im klassischen Sinne spielten, sondern auf eine sehr vielfältige Art und Weise Punk Rock mit Elementen des Art Rock verbindeten, was zu einer einzigartigen Mixtur führte, di Slovenly klar aus der Masse der ordinären Punk Rock Bands herausstechen liessen.

Ursprünglich nannte Holzman die neue Band Slovenly Peter, liess dann aber den Peter weg und veröffentlichte 1985 auf dem New Alliance Label, der Plattenfirma der legendären Band The Minutemen, ihr erstes Album mit dem Titel "After The Original Style", das allerdings bald ziemlich unbeachtet wieder vergessen wurde, trotzdem aber einen Plattenvertrag mit SST Records einbrachte. Im Laufe von gerade mal drei Jahren und zwei Veröffentlichungen, feilten Slovenly derart an ihrem Sound, dass am Ende eine unglaublich tolle stilistische Mixtur zustande kam, die man dann auf dem Album "We Shoot For The Moon" in Vollendung erfahren konnte. Hier präsentierten Slovenly eine wunderbare Art-Punk Rock Mischung, die so unterschiedliche stilistische Elemente wie etwa den spröden folkigen Rock der Gruppe The Fall oder den Wave-Art-Rock der Gruppe Wire aufwies, ebenso wie die psychedelischen Krach-Elemente von Red Crayola mit der kompromisslosen Schrägness eines Captain Beefheart in sich vereinte. Gab es auf dem Album einerseits eigene Songs zu hören, welche die Band in Gemeinschaftsarbeit geschrieben und arrangiert hatte, so konnte man hier auch zwei Covernummern hören, und zwar "Don't Cry No Tears" aus der Feder von Neil Young und "A Year With No Head", geschrieben von Martin Bramah und Rick Goldstraw der Post Punk Band The Blue Orchids aus dem englischen Manchester.

Aufgenommen wurde das Werk "We Shoot For The Moon" im Juli 1988 im Lyceum Sound Studio in London. "There is truly no other band that sounds like Slovenly" schrieb der Musikjournalist Dave Lang im Online-Musikmagazin Perfect Sound Forever. Wenige hatten bis dato überhaupt etwas über die Gruppe Slovenly geschrieben. Nur wenige mehr hatten sie wahrscheinlich überhaupt gehört. Das Label, auf dem sie den Grossteil ihrer Platten veröffentlichten, hiess SST Records und das war wahrscheinlich einer der fabelhaftesten Tummelplätze der legendären Indie-Rockgruppen der 80er Jahre. Für einige Jahre Heimat von Bands wie Hüsker Dü, Firehose und den Meat Puppets, die später alle Verträge mit grossen Plattenfirmen einheimsen konnten. Am bekanntesten jedoch waren wohl die Pioniere von Black Flag, respektive: Aus Black Flag wurde SST Records, auf welchem sogar die Grunge-Vorreiter Soundgarden eines ihrer Alben veröffentlichten, genauso wie die nicht minder bekannten Dinosaur Jr. Und eben Slovenly, über die sich besagter Musikjournalist im Rahmen seiner grossen SST Records Story dankenswerterweise etwas ausführlicher, und voll des Lobes über die Gruppe Slovenly ausliess. Dass die Band in Deutschland überhaupt kurzzeitig zur Kenntnis genommen wurde, war einem ausführlicheren Bericht in der Musikzeitschrift Spex zu verdanken, die der Gruppe zu Anfang der 90er Jahre einmal eine Titelgeschichte widmeten.

Slovenly spielten eine Art intellektuellen, harmonisch durchaus Jazz-inspirierten Post-New Wave und das häufig im Rahmen von mehr oder weniger klassischen Songstrukturen (Strophen, Refrains, Bridges). Insbesondere das hochgradig interaktive Gitarrenspiel von Tim Plowman, Scott Ziegler und Tom Watson, welche alle auf diesem Album sowohl Gitarre, als auch Keyboards und Bass spielten, gab den Arrangements einen ausserordentlich eigenwilligen, eckigen, manchmal irritierenden Twist, zum Beispiel, wenn sich in "Self Pity Song" eine ordentlich zickig angerissene Leadgitarre anschickte, den Gesang scharfzüngig zu konterkarieren. Wenn dann Lynn Johnston, ein häufig anwesender Gastmusiker, sein Saxophon in Szene setzte, bekam der Sound von Slovenly schon beinahe einen John Zorn-ähnlichen avantgardistischen Touch wie beispielsweise auf "What's It Called", einem taumelnden Stop & Go-Brocken, der ordentlich krachte. In krassem Gegensatz dazu stand der Neil Young-Coversong "Don't Cry No Tears", in welchem der Sänger Steve Anderson auf die Coolness des Originals vollständig verzichtete und sich in den Titel hineinhing, als würde es um alles gehen, ähnlich wie auf dem Titelsong, einem ekstatischen Rock-Ungetüm mit markerschütterndem Schrei am Schluss.

Die erste Seite der Platte schloss mit "Hellectro", einem Instrumental aus delikat arrangierten Feedback-Gitarren. Man mochte dabei vage an Sonic Youth erinnert werden. Was dem LP-Käufer verwehrt blieb, bot die CD-Variante als Bonustrack an: Eine opulente, überbordende und bisweilen sehr anstrengend anzuhörende, unglaubliche 20 Minuten dauernde Collage, die so gut war, dass sich der Kauf der Vinyl-Platte seinerzeit geradezu verbot. Ein weiteres Highlight von Slovenly war ganz bestimmt deren Sänger Steve Anderson, ein langes Elend mit linkischem Gebaren. Anhand der Art, wie er das machte, wurden sofort Assoziationen mit der Band The Fall nachvollziehbar, weil Anderson ähnlich wie deren Sänger Mark E. Smith seine Lines relativ frei über die Musik legte: Beim Stück "Talking Machines" klang sie, die Musik, sogar ein wenig wie The Fall. Er hörte sich natürlich anders an. Wo Smith mit seinen überstreckten Endkonsonanten und hochgezogenem Mundwinkel rhythmisch grantelte, versuchte Anderson tatsächlich eher zu singen, aber eben so, wie es gerade passte. Seine Songtexte schienen Gedichte gewesen zu sein, die er formal nicht in Songtexte umgemodelt hatte, mit kompatiblen Zeilenlängen, Reimschemata und so weiter. Stattdessen bog er diese Elaborate todesmutig in die Vorlagen seiner Kollegen hinein, sodass da zwar die ganze Zeit Jemand sang, aber ohne wiederkehrende Hooklines. Eine Art Impromptu-Singsang. Da ging auch mal etwas daneben. Ausserdem knödelte er und leierte auch mal. Er machte im Grunde Dinge, die bei Sängern nicht als schön empfunden werden. Die meisten kritischen Hörer würden wohl urteilen, er singe grundsätzlich schrecklich, oder dass er einfach schlicht nicht singen könne. Aber das ist natürlich - wie immer und bei allem, wenn es ujm Musik geht - absolut subjektives Empfinden.

Ich persönlich empfinde es allerdings als grosse Bereicherung, wenn Jemand mit einer sehr extremen Stimme, wie beispielsweise ein Kevin Coyne, David Gray oder Asaf Avidan so mutig, unmittelbar und anrührend seine Emotionen auf Musik schleudert. Das werte ich persönlich als ungekünstelt und vor allem als echt und eigenständig. Wenn es das Wesen von Punk ist, aus einem Unvermögen einen Stil, eine Aussage, eine Waffe oder Kunst zu machen, was ich selbst immer als Grundfestung des Punk verstanden habe, dann ist Steve Anderson's Gesangsstil fast eine Referenz für den Punk, da können Dutzende andere Shouter nicht mithalten, weil ihnen einerseits die Street Credibility fehlt, aber auch das gewisse Etwas, der offensichtliche Wiedererkennungswert oder schlicht auch die Personality. Wenn eine solche Stimme dann auch noch auf so eine hervorragend ausgefeilte, völlig eigen zu nennende Musik trifft, dann ist das meiner Meinung nach durchaus als einmalig zu bezeichnen. "There is truly no other band that sounds like Slovenly" - wie wahr ist diese Einschätzung in der Tat. "We Shoot For The Moon" würde ich als Slovenly's bestes Album bezeichnen.


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