Aug 27, 2021


PHIL SHÖENFELT & SOUTHERN CROSS - Dead Flowers For Alice 
(Indies Records MAM 092-2, 1999)

Wie einmalig schön und ergreifend Tristesse sein kann, wusste ich nicht, bevor ich Phil Shöenfelt gehört hatte. Was für ein exotisch klingender Name, dachte ich mir damals, als ich diese Platte zum erstenmal in Händen hielt, und sie mir auflegte. Insgeheim erwartete ich schon Musik, die aussergewöhnlich sein würde, denn zwei Indizien sprachen klar dafür: Ein verstörend-schönes und düster in Szene gesetztes Frontcover (auf das ich später noch etwas vertiefter eingehen möchte) und die Tatsache, dass der einzige Longtrack der Platte gleich vorneweg an den Anfang der Platte gestellt wurde. Das machte mich sehr neugierig. Und was ich da zu hören bekam, war Glückseligkeit in seiner traurigsten Form. Ein solches Wechselbad der Gefühle, oder besser gesagt: Eine so perfekt ausbalancierte, durchaus auch körperlich spürbare und sich in permanentem Austausch befindliche assimilierende und gleich wieder auseinanderdriftende Schwarz/Weiss-Atmosphäre kannte ich bis dato noch nicht einmal von Nick Cave, auch nicht von Tom Waits und auch nicht von Leonard Cohen. Der schwedische Sänger und Songwriter Jens Lekman kam da mit seiner eigenen Definition vom Musikschreiben schon wesentlich näher an das sich mir offenbarende Musikuniversum von Phil Shöenfelt. Lekman beschrieb seinen musikalischen Hauptfokus wie folgt: "Ich mochte es schon immer, traurige Geschichten zu fröhlicher Musik zu erzählen". Bei Phil Shöenfelt erging mir das anfänglich fast ganz genau so. Aber auch genau umgekehrt: Manchmal wirkte seine Musik auf mich auch wieder traurig und einzelne Textpassagen fast erbaulich. Shöenfelt's Musik vermochte bei mir einfach ein hochwirksames Wechselbad der Gefühle zu erzeugen, das mich auch heute noch immer fesselt.

Phil Shöenfelt, am 18. Dezember 1952 in Bradford, England geboren, ist ein britischer Sänger, Songwriter, Musiker, Texter und Romanautor. Er lebte zunächst in New York, wo er 1981 die Post Punk-Band Khmer Rouge zusammen mit Barry "Scratchy" Myers (Tour-DJ von The Clash) und Marcia Schofield (The Fall) gründete. 1989 erschien seine erste Solo-Single "Charlotte’s Room" in England, welche von Mark E. Smith und Tony Cohen produziert wurde. Sein erstes Solo-Album "Backwoods Crucifixion" wurde 1990 von Paperhouse Records veröffentlicht, drei Jahre später folgte mit "God Is The Other Face Of The Devil" ein Nachfolger. Shöenfelt lebt seit 1995 in Prag, wo die Band Phil Shöenfelt & Southern Cross entstand. Im November 1997 ging er gemeinsam mit dem britischen Pub Rocker Nikki Sudden und dessen Band auf eine Deutschland-Tournee, wo er das Vorprogramm bestritt. Höhepunkte auf dieser Tournee waren jeweils die Coverversion von Can's "Mother Sky". 1998 nahmen Phil Shoenfelt und Nikki Sudden zusammen das Album "Golden Vanity" auf, das im April 2009 von Easy Action Records veröffentlicht wurde. Phil Shöenfelt ist ein Veteran der Punk- und Post Punk Szene in London, Manchester und New York. Begeistert durch die Londoner Punk-Explosion 1976-77 zog Shöenfelt nach New York, wo er mit verschiedenen Downtown Bands wie The Nothing und Disturbed Furniture arbeitete. 1981 gründete er zusammen mit Barry "DJ Scratchy" Myers (Bass), Marcia Schofield (Keyboards) und Paul Garisto (Drums) die Post Punk Band Khmer Rouge. DJ Scratchy begleitete The Clash auf deren ersten drei USA-Touren, Marcia spielte Keyboards für The Fall und Paul spielte Schlagzeug für die Gruppe The Psychedelic Furs und für Iggy Pop. Ein weiterer Schlagzeuger von Khmer Rouge war der Künstler Claus Castenskiold, der unter anderem mehrere Plattencover für The Gun Club und Kid Congo Powers gestaltete.

Der erste Auftritt von Khmer Rouge fand 1981 beim White Columns Noise Festival statt, das von Thurston Moore (Sonic Youth) organisiert wurde. Danach spielte die Band in zahlreichen renommierten Clubs wie dem legendären CBGBs, The Peppermint Lounge, Danceteria und The Ritz. Als Support Acts spielten sie dabei für Bands wie Alan Vega, The Gun Club, Tom Verlaine (Television), Nico (The Velvet Underground) und The Clash bei Konzerten an der Ostküste der USA. Khmer Rouge wurden unter anderem vom legendären Fotografen Nat Finkelstein gemanagt, der für seine Bücher "The Factory Years" und "Edie" berühmt ist. Finkelstein arbeitete zusammen mit Andy Warhol am "Andy Warhol's Index" und war verantwortlich für die meisten Schwarz/Weiss-Fotografien von The Velvet Underground. Für Khmer Rouge drehte er das Musikvideo zum Song "New Assassins". Phil Shöenfelt kehrte 1984 nach London zurück. Mit Khmer Rouge spielte er noch zwei weitere Jahre und begleitete The Fall auf zwei Touren in England. Zusammen mit dem englischen Produzenten John Leckie nahm die Band noch weitere Songs auf und spielte regelmässig in Londoner Clubs. 1986 lösten sich Khmer Rouge auf. Eine Doppel-CD mit dem Titel "New York - London 1981-86" wurde 2004 beim Label Voiceprint Records veröffentlicht. Während der folgenden Jahre konzentrierte sich Shöenfelt darauf, neue Songs zu schreiben und Demos zu verschicken. Daraus resultierte 1989 seine erste Solo 12"-Single "Charlotte's Room" mit der B-Seite "The Long Goodbye", die bei Mark E. Smith's Label Cog Sinister Records erschien. Die Single wurde von Tony Cohen (bekannt für seine Arbeiten mit The Birthday Party und Nick Cave & The Bad Seeds) produziert.

Im folgenden Jahr veröffentlichte das britische Label Paperhouse Records Shöenfelt's erstes Soloalbum "Backwoods Crucifixion", 1993 folgte "God Is the Other Face Of The Devil" (Humbug Records). Während dieser Zeit spielte Shoenfelt in England Support-Konzerte für Crime & The City Solution und für Nick Cave & The Bad Seeds. Im Sommer 1994 tourte Shöenfelt zusammen mit Musikern von Tichá Dohoda in der Tschechischen Republik. Bereits ein Jahr darauf war Prag Phil's neue Wahlheimat. Hier gründete er seine Band Phil Shöenfelt & Southern Cross mit Pavel Krtous (Bass), Jarda Kvasnicka (Schlagzeug) und Pavel Cingl (Violine). 2014 verliess Cingl die Band und wurde durch David Babka, der neu den Leadgitarren-Part übernahm, ersetzt. Mit Southern Cross hat Shöenfelt bis heute vier Studioalben aufgenommen, nämlich "Blue Highway" (1997), "Dead Flowers For Alice" (1999), "Ecstatic" (2002) und "Paranoia.com" (2010), sowie die EP "Electric Garden" (2003).


"Dead Flowers For Alice" war als zweites Werk der neuen Band Southern Cross ein brilliantes und sehr düsteres Album, das mich einfach sprachlos machte und das bis heute macht. Auf dem Plattencover war ein Mädchen abgebildet, vielleicht dreizehn Jahre alt, vielleicht vierzehn. Das kann man bei Wasserleichen nie so genau sagen. Tiefe schwarze Ringe hatte das Kind um die Augen, einen erloschenen Blick, strähniges nasses Haar und einen blau-violetten Mund. Dazu hielt es auch noch diese welken Blumen vor den blanken Busen. So schön kann der Tod sein - und so fürchterlich. Diese Tristesse hatte man schliesslich auch noch in einen Bilderrahmen gesteckt. Eiche furniert, oval, wie bei den Schlafzimmerbildern der Ur-Grosseltern. Besser als mit dieser düsteren Allegorie waren die schwerblütigen Balladen auf dieser Platte nicht zu bebildern. Shöenfelt's Lieder zeichneten hier, weitaus lebendiger als dieTindersticks und tröstender, als es der frühe Leonard Cohen je vermochte, die Rest-Mythologeme eines unaufgeregten, urbanen Soseins noch einmal nach. Psychopathen, Junkies, Overdose-Opfer, Selbstmörder und gequälte Lover formierten sich zu einem postmodernen 'Danse macabre', der den Schauder nicht mehr spüren lassen wollte, dem er sich verdankte. Sehr noir war das alles, und doch steckte auch eine grosse Portion Humor in der Musik, für die nicht zuletzt der Geiger Pavel Cingl verantwortlich zeichnete. Man fühlte sich unweigerlich an die "Murder Ballads" von Nick Cave erinnert.

Ein lichtarmer Walzer, ein weicher Tango, ein verregneter Ausblick, ein niedergetrampeltes Rosenbeet, eine Frauenleiche, eine schöne allerdings, pittoresk von verschwommenen Erscheinungen in dunklen feierlichen Gewändern umgeben, Gewänder, die keiner Zeit und keinem Kulturkreis zuzuordnen waren und Zorn - immer von biblischer Dramatik. Traurigkeit als Basis aller davon abweichender Gefühlsregungen, Stunden waren dunkel, Blumen eine ästhetische Respektbezeugung vor dem Tod, oder auch dem kleinen Tod des Verlassenwerdens, des Zerbrechens, sich selbst Verlierens. Phil Shöenfelt´s Musik transportierte auf "Dead Flowers For Alice" in erster Linie eine bestimmte Stimmung, eine emotionale Grundhaltung, einen Gemütszustand, was von diesen Dingen zutraf, das lag wohl am ehesten im Ohr, und vor allem im Herzen des Betrachters. Es sollte keine Morbidität sein, denn Morbidität beinhaltete immer auch die Lust am Untergang, ein kokettes Spielen mit der Vergänglichkeit, einen, wie schwarz er auch immer sein mochte, humorvollen Umgang mit dem menschlichen Zerfallsprozess. Bei Shöenfelt war dieser Zerfallsprozess mehr seelischer als körperlicher Natur, überhaupt war Shöenfelt's Welt bevölkert von Menschen, die hauptsächlich ein Innenleben hatten. Die Frauen in seinen Liedern hatten keine langen, schlanken Beine und keine schönen Brüste, sondern Arme, die ein Gefängnis sind, und Herzen, die in Todeszellen sitzen. Mit einer solchen Ausstattung liess sich natürlich nicht einfach tanzen gehen, sondern: "Everything that I feel is buried Underground".

Beim epischen, zehnminütigen Opener "The Ballad Of Elijah Cain" konnte man glatt den Eindruck erhalten, Nick Cave hätte seinen "Murder Ballads" eine Fortsetzung angedeihen lassen, die Ähnlichkeit mit "Song Of Joy", dem Klassiker des Meisters der Melancholie war offensichtlich. Und auch in den restlichen acht Songs des düsteren Werks dominierten die Moll-Akkorde, verbreiteten düstere Riffs und klagende Violinenklänge eine schaurig-schöne Atmosphäre. Shöenfelt, der Anfang der 90er Jahre auch einige Tourneen als Support von Nick Cave absolvierte und in "Dead Flowers For Alice" bereits sein insgesamt fünftes Album vorlegte, hatte den Moritaten, die er in Stücken wie "Shinig World", "Demon Seed" oder "Darkest Hour" besang, stets ein eingängiges Arrangement verpasst. Hier eine einprägsame Gesangslinie, dort ein ständig wiederkehrendes Riff, der Musiker verlor bei aller Tristesse und dem Sinn für Morbidität nie den roten Faden, was die Platte deutlich leichter konsumierbar machte als beispielsweise Nick Cave's Album "The Boatman's Call".

Der ganze sterbesüss dunkelklare Blues des Phil Shöenfelt faszinierte von Beginn weg, aber auf "Dead Flowers For Alice" fand er für mich persönlich eine erste Vollendung, denn als die überlange "Ballad Of Elijah Cain" wehmütig von der geträumten Seefahrer-Romantik zu einer mystischen und biblischen Geschichte emporstieg, die den ebenso erlösenden wie unheilschwangeren Regen ankündigte, blieb die Ballade dennoch eine Liebesgeschichte. "Shining World" setzte diese ätherische Stimmung nahtlos fort, und im Titel "Veronika's Veil" hielten fast irisch-folkig anmutende Klänge Einzug in diese wunderbare Musik. "Darkest Hour" und "Demon Seed" glänzten ebenfalls mit diesen Folkrock-Spielereien, bei welchen auch gerne mal ein unterstützendes Akkordeon akustische Farbtupfer setzte. "Dead Flowers For Alice" ist ein ganz phantastisches Werk, eingespielt im Dezember 1998 im Vintage Studio Pruhonice in Prag. Shöenfelt's Mitmusiker waren dabei der Violinist und Gitarrist Pavel Cingl, der Bassist Pavel Krtous, der Schlagzeuger Jarda Kvasnicka, sowie die Gastmusiker Dave B. (Orgel) und Tomáz Brozek (Klavier).

Im November 2010 veröffentlichten Phil Shöenfelt & Southern Cross ihr viertes Studioalbum "Paranoia.com" auf Easy Action Records. Mit diesem Album war auch ein merklicher Wandel von atmosphärischem Indie-Rock zu einem härteren Rock-Sound hörbar. Das Werk umfasste neun neue Songs und eine von James Williamson autorisierte Coverversion von Iggy Pop & The Stooges' "Open Up And Bleed". 2011 gründete Shöenfelt, zusammen mit dem Schlagzeuger Chris Hughes und dem Bassisten Dave Allen eine neue Band mit dem Namen Dim Locator. Der Sound dieser neuen Gruppe war inspiriert von Krautrock-Bands der 70er Jahre und basierte mehr auf Drone und Gitarrenloops als auf klassischen Songstrukturen. Ein weiteres Projekt von Phil Shoenfelt war The Bruce Wellie Band. Mit diesem Unternehmen spielte Phil Shöenfelt ausschliesslich Coversongs von australischen Punk- und Post Punk-Bands wie The Scientists, Lubricated Goat, Grong Grong und den Cosmic Psychos. 2012 nahm diese Band ihr erstes Album "Ozploited" auf. 

Neben seinen musikalischen Projekten ist Phil Shöenfelt auch Autor und Dichter. Bücher von ihm sind beispielsweise "Junkie Love" (eine fiktionalisierte Autobiographie), "The Green Hotel / Zelený Hotel" (Songtexte und Gedichte), "Magdalena - Buch 1 und 2" (eine Zusammenarbeit mit der Dichterin und Künstlerin Kateřína Piňosová) und "Stripped - Buch 1" (der erste Teil einer Trilogie über die New Yorker Downtownszene in den späten 70er und frühen 80er Jahren). "Kamikaze Skull", eine Sammlung von Gedichten, Fotografien und Illustrationen (in Zusammenarbeit mit der englischen Performancekünstlerin Sophia Disgrace) erschien im Jahre 2014. Weitere Arbeiten von Shöenfelt  sind in Literaturmagazinen wie Gargoyle, Prague Literary Review, Optimism, Hele, Blatt, Apple Of The Eye, Morgana, Vlna und Vlak erschienen. Ein neues Phil Shöenfelt & Southern Cross Live-Album mit dem Titel "The Bell Ringer - Live At The Shot-Out Eye" erschien im Juni 2015. Das Album wurde im Sommer 2014 zum 20jährigen Jubiläum der Band aufgenommen. Im Mai 2016 erschien bei Mat'a Books der zweite Teil von "Stripped - Underground Incognito".





Jul 25, 2021



THE BEATLES - The Beatles (a.k.a. White Album) (Apple Records PCS 7067/82014, 1968)

Heute widme ich mich mal wieder einem der grossen Klassiker der 60er Jahre. Nach dem psychedelischen und zeittypischen "Sgt. Pepper"-Album präsentierten die Beatles im Herbst 1968 eine Sammlung an neuen Songs, die - zumindest im Kontext zu ihrem Gesamtwerk - als durchaus radikal zu bezeichnen sind. Den Anspruch, künstlerische Ausdrucksform mit optischer Radikalität zu kombinieren, manifestierten sie in einem Plattencover, das reduktiver nicht hätte ausfallen können: Ein Cover ganz in weiss, ohne zusätzliche optische Reize. Einzig der Bandname, als The BEATLES in - ebenfalls weisser - Prägung gestanzt, liess auf den Inhalt des Doppelalbums schliessen. Heute nahezu unbezahlbar, wurde der ersten Auflage des Albums eine unten rechts schräg gestellte fortlaufende Nummer hinzugefügt. Besonders tiefe Nummern erzielen heute Sammlerpreise im 4-stelligen Bereich.

Das Album bietet unzählige Klassiker der Beatles, vor allem solche, die heute kaum mehr bekannt sind, oder eben nie gross für Radio-affin befunden wurden. Natürlich findet sich auf dem Werk ein Song wie "Ob-La-Di, Ob-La-Da", den man fast schon als eine Art kindlich-naiven Pop bezeichnen könnte, den wohl bis heute Jeder kennt, und auch mit dem Opener "Back In The U.S.S.R." und dem von George Harrison komponierten Ueberflieger "While My Guitar Gently Weeps" gibt es auf diesem Album zwei Songs, die bis heute populär geblieben sind.

Die wahren Perlen jedoch finden sich erst beim seriösen Durchhören der Platte. Perlen wie "Glass Onion", "Rocky Racoon", "Yer Blues" oder "Everybody's Got Something To Hide Except Me And My Monkey" kann man noch heute fasziniert auf sich einwirken lassen, und auch wenn Vieles auf dem Album damals vielleicht als fast schon avantgardistisch hätte verstanden werden können, waren dies aus meiner Sicht schon erste typische Anzeichen für den bald aufkommenden Progressive Rock.

Und dann sind da auch noch diese beiden sehr zu Unrecht mit negativen Assoziationen behafteten Songs "Sexy Sadie" und "Helter Skelter", welche damals vom Serienmörder Charles Manson quasi als Tötungs-Botschaft missverstanden wurden und zu trauriger Berühmtheit gelangten durch die (Sharon) Tate-Morde durch seine Manson Family.

Sehr zu empfehlen ist das "Weisse Album" der Beatles in der 2018 erschienenen Remaster-Version als 3 CD-Box Set. Giles Martin, der Sohn des damaligen Tonmeisters George Martin, hat alle Songs digital komplett neu aufbereitet und einen einzigartigen Sound geschaffen, der zwar einerseits modern klingt, aber den Spirit der originalen Aufnahmen kein bisschen verändert hat. Die dritte CD, eine Art Bonus CD, bietet die kompletten sogenannten "Esher"-Demos: Aufnahmen der späteren Album-Tracks in privaten Skizzen und mit teils drastisch anderen Arrangements, zusammengestellt im damaligen Wohnhaus von George Harrison, einem Bungalow in Esher, einer Stadt in der englischen Grafschaft Surrey.










Jul 22, 2021


GARY SHEARSTON - Dingo (Charisma Records CAS 1091, 1974)

Bereits in den 60er Jahren hatte der australische Singer und Songwriter Gary Shearston hervorragende Platten veröffentlicht, die jedoch lediglich in Australien und Neuseeland eine grössere Verbreitung fanden, während der Musiker hierzulande und auch in Amerika weitestgehend unbekannt blieb. Seine sehr persönliche musikalische Mixtur aus australischer Folklore und amerikanisch gefärbtem Folk- und Troubadour-Sound brachte ihm damals den Spitznamen 'Aussie Dylan' ein. Einer seiner Songs mit dem Titel "Sometime Lovin'" bescherte dem Folk-Trio Peter, Paul & Mary einen Hit. Trotzdem blieb Gary Shearston ein rein australisches Phänomen, dessen Platten sich in seiner Heimat ausgesprochen gut verkaufen konnten. Gary Shearston wurde im Städtchen Invernell in New South Wales geboren als Sohn von Audrey Lilian und James Barclay Shearston. Sein Vater diente im Zweiten Weltkrieg, weshalb Gary Shearston zusammen mit seiner Muitter bei den Grosseltern in Tenterfield lebte. diese Zeit in seiner Kindheit prägte den späteren Songschreiber massgeblich, und später lebte er auch selber in diesem Haus, bis er starb.

Nach seiner Zeit im Newington College von 1950 bis 1955 wandte sich Gary Shearston zuerst dem Journalismus zu, wechselte aber bald darauf zum Fernsehen, wo er unter anderem eine erfolgreiche Kindersendung moderierte und begann schliesslich in den frühen 60er Jahren, Songs zu schreiben. Dies, nachdem er nach Sydney umgesiedelt war. Er bewegte sich schon früh in der dortigen lokalen Folkszene und bestritt regelmässig Auftritte in den Clubs und Pubs in und um Sydney. Nach einigen Jahren, in denen der Troubadour eine treue und stetig wachsende Anhängerschaft gewinnen konnte, wurde er im Jahre 1968 von der Plattenfirma Warner Brothers unter Vertrag genommen, praktisch zeitgleich mit Van Morrison. Probleme bekam Gary Shearston, als er nach New York einreiste, um dort Konzerte zu bestreiten, welche die Plattenfirma für ihn organisiert hatte. Weil er sich in seinen Songs unter anderem offen negativ zum Vietnamkrieg äusserte und sich auch aktiv für die Rechte der australischen Ureinwohner, die Aboriginies, stark machte, wurde ihm in den USA die Arbeitserlaubnis verwehrt, weshalb er dort nicht weiter musizieren konnte, geschweige denn Platten veröffentlichen. Nachdem er für Warner Brothers ein komplettes Studioalbum aufgenommen hatte, verweigerte das Label nach Aberkennung seiner Aufenthalts- und Arbeiterlaubnis in den USA deren Veröffentlichung, weshalb das ganze Album in den Archiven der Plattenfirma verschwand.

1972 reiste Gary Shearston nach England und begann damit, einige seiner bereits früher eingespielten Songs, zusammen mit neuem Material, in diversen Tonstudios aufzunehmen. Er erhoffte sich dadurch den Zugang zum britischen Musikmarkt, der zumindest logistisch eng mit jenem in Australien verbunden war. Frühere Platten von ihm waren zumindest in England über Import erhältlich, auch wenn die Verkaufszahlen kaum nennenswert waren. Es war schliesslich Tony Stratton-Smith, der Gary Shearston an einigen Konzerten besuchte und ihn daraufhin zu seinem Plattenlabel Charisma Records holte. Er bot ihm einen Vertrag über zwei Langspielplatten an, und die erste LP, die daraufhin erschien, war "Dingo", die Platte, auf welcher sich schliesslich einige neue und einige ältere Stücke von Gary Shearston befanden, die der Musiker allesamt in London aufgenommen hatte. Herausragende Komposition war eine Coverversion des Cole Porter Songs "I Get A Kick Out Of You", die von Charisma Records auch prompt als Single veröffentlicht wurde und die schon bald so oft im Radio gespielt wurde, dass sich auch die Single ziemlich gut verkaufen konnte. Bis zuletzt war "Dingo" das international erfolgreichste Album von Gary Shearston, von keiner anderen LP konnte der Künstler so viele Exemplare absetzen.

Gemessen am relativ beachtenswerten Erfolg von "Dingo" und insbesondere der Single "I Get A Kick Out Of You" (mit der B-Seite "Witnessing") war die zweite, im Folgejahr auf Charisma Records erschienene Platte mit dem Titel "The Greatest Stone On Earth And Other Two-Bob Wonders" eine herbe Enttäuschung, denn sie konnte sich kaum verkaufen, zumal sie auch keine Singleauskopplung erfuhr. Von "Dingo" wurde immerhin noch eine zweite Single veröffentlicht, nämlich "Without A Song", mit der B-Seite "Aboriginie". Doch auch diese Single verschwand mehr oder weniger ungehört in den Grabbelboxen, obwohl auch diese beiden Kompositionen sehr schön ausgestaltet und interpretiert worden waren. Besonders das Mitwirken einiger damals recht populärer Begleitmusiker hätte eigentlich für Gary Shearston das nötige Airplay bedeuten müssen, denn auf seinem Album "Dingo" spielten unter anderem Jon Field von July und Jade Warrior, sowie Tommy Eyre mit, der zuvor mit Mark-Almond und Riff Raff musizierte. Dazu gesellte sich an der elektrischen Violine auch Graeme Smith von String Driven Thing, jener Folkrock-Band, die ebenfalls bei Charisma Records unter Vertrag stand.

Beim 1975er Nachfolger "The Greatest Stone On Earth And Other Two-Bob Wonders" fanden sich auf der musikalischen Gästeliste immerhin Bekanntheiten wie etwa der Steel Guitar Spieler B.J. Cole, der Schlagzeuger Barry DeSouza, der Keyboarder Robert Kirby von The Strawbs und Jon Astley, der viele Sachen für The Who gespielt hatte. Trotz dieser illustren Namen versäumte es das Label Charisma Records, daraus und auch aus den vortrefflichen Kompositionen, Kapital zu schlagen. Beide Alben blieben verkaufstechnisch weit hinter den Erwartungen zurück, weshalb danach Schluss und Gary Shearston erneut ohne Plattenvertrag war. Er schlug sich jedoch noch fast ein Jahrzehnt in England durch, jedoch ohne weitere Alben zu veröffentlichen, bevor er im Jahre 1984 nach Australien zurückkehrte. Dort konnte er sich jedoch bald als versierter Folk-Troubadour etablieren, der sich dabei noch immer konsequent auf seine Stärken berief: Engagierte Songtexte, oft sehr politisch und gesellschaftskritisch, und dazu eine Musik, die der australischen Kultur am nächsten stand. Viel von seiner westlich geprägten Pop- und Rock-Attitüde streifte der Musiker dabei fast vollständig ab.

Gary Shearston trat der anglikanischen Kirche bei und blieb als Folksänger weiterhin aktiv, veröffentlichte sein letztes Studioalbum im Jahre 2012 mit dem Titel "The Great Australian Groove", eine musikalische Hommage an seine Heimat. Er starb am 1. Juli 2013 in seinem Haus in Armidale, New South Wales.










STAMPEDERS - Hit The Road (MWC Quality Records MWCS-709, 1976)

Irgendwann im Sommer 1964 meldete sich der Schlagzeuger Kim Berly (geboren als Kim Meyer) auf eine Anzeige in einer Tageszeitung aus Calgary, um in eine Band einzugsteigen, die sich The Rebounds nannte und aus dem Leadgitarristen Rich Dodson, dem Bassisten Brendan Lyttle und dem Rhythmusgitarristen Len Roemer bestand. Berly brachte auch gleich seinen Bruder Al mit, der sich als Leadsänger vorstellte. Im Januar 1965 änderte die Band ihren Namen in Stampeders um, nachdem sie einen Vertrag unterzeichnen konnte mit Mel Shaw, der von nun an ihr Management besorgen wollte. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt stieg der Rhythmusgitarrist Len Roemer bereits wieder aus der Band aus, er wurde ersetzt durch Cornelius Van Sprang, der sich auf der Bühne allerdings Ronnie King nannte. Cornelius brachte auch seinen Bruder Emile mit, der sich den Künstlernamen Van Louis zugelegt hatte. Deren bis dato eigene Band The Echo Tones hatte sich kurz zuvor in Wohlgefallen aufgelöst. Die schliesslich sechsköpfige Gruppe trug bunt gemischte Denim-Outfits und Cowboyhüte mit der Idee, als Cowboys für Rock'n'Roll zu werben. Während ihres ersten Jahres als gefestigte Band in Calgary brachten es die Stampeders zunächst auf eine Single-Veröffentlichung auf dem Sotan-Label mit dem Titel "House Of Shake" mit der B-Seite "Do Not Look At Her". 

In der Hoffnung auf ein breiteres Airplay und eine grössere Anhängerschaft entschieden sich die Stampeders, 1966 nach Toronto zu ziehen. Auf eine Einladung des Bigland-Buchungsagenten Ron Scribner machten sie sich zusammen mit Mel Shaw und seiner Familie und mit 800 Dollar in der Tasche, in einem heruntergefahrenen 1962er Cadillac mitsamt Anhänger für das Bühnen-Equipment in Richtung Osten zu den 'big lights' von Toronto auf. Obwohl die meisten Bandmitglieder zu diesem Zeitpunkt noch unter dem gesetzlichen Mindestalter für Alkoholkonsum waren, gelang es ihnen immer wieder erfolgreich, sich durch betteln und borgen durch halb Kanada zu arbeiten, und in Bars und verschiedenen Clubs für Essen und Uebernachtung zu spielen. Nach ihrer Ankunft in Toronto wurde die westkanadische Band mit ihrem ungewöhnlichen Outfit mit Cowboystiefeln und -hüten zu einer waschechten Kuriosität in den folkloristischen Hippie-Clubs des Yorkville-Viertels. Obwohl das erste Jahr, das die Stampeders in Toronto verlebten, finanziell sehr dürftig war, konnte sich die Band bald einen guten Namen als hervorragende und unterhaltsame Live-Band erarbeiten.

Den Stampeders gelang schliesslich Ende 1968 der Durchbruch mit einer Single, die sie während eines Sightseeing-Trips nach New York aufgenommen hatten. Veröffentlicht auf Manager Mel Shaws' Music World Creations Independent Label und vertrieben von Caravan Music, wurde "Morning Magic" mit der B-Seite "All The Time" zwar nicht wirklich ein grosser Verkaufserfolg, aber die Musikkritiker zeigten sich begeistert und bewiesen ihre Anerkennung mit einem BMI (Broadcast Music Incorporated) Award für die 'beste neue Pop-Band'. Die erste Single, die dann bei einem grossen Plattenlabel erschien, war "Be A Woman" mit der Rückseite "I Do Not Believe". Sie kam 1968 auf dem MGM-Label nicht nur in Kanada, sondern auch in den USA auf den Markt. Obwohl die Platte mit einer Studio Rhythmusgruppe aufgenommen wurde und nur die Stimmen der Bandmitglieder enthielt, geriet die Single zu einem Achtungserfolg, sollte jedoch gleichzeitig auch die letzte Veröffentlichung als sechsköpfige Gruppe sein. Ende 1968 verliessen die drei ältesten Bandmitglieder Lyttle, Louis und Race Berly die Band und es blieb nurmehr ein Trio übrig: Rich Dodson, Kim Berly und Ronnie King. Die drei Musiker sollten zwar immer noch Cowboystiefel tragen, aber die farbigen T-Kay-Denim-Outfits und die Cowboyhüte wurden in den Schrank gelegt. Während dieser Zeit von, 1968 bis 1970, tourte das Trio durch Ontario und Quebec und entwickelte eine ganz eigene Bühnenshow. 

Die einzige Veröffentlichung der Stampeders im Jahre 1969 in der Trio-Besetzung war "Cross-Walk" mit der B-Seite "I Don't Know Where I Am". Die Single erschien beim Label Melbourne, das von London Records, dem amerikanischen Decca-Pendant, vertrieben wurde. Schon bald interessierte sich die kanadaweit operierende Plattenfirma Quality Records für die Band. Doch erst im Frühjahr 1970 arbeiteten The Stampeders schliesslich in einem Tonstudio an ihrem ersten Album. "Carry Me", die erste Single aus dieser Session, erreichte schnell die Spitze der kanadischen Charts und brachte der Band ihre erste goldene Schallplatte ein. Die Single wurde auf Polydor Records auch in den USA veröffentlicht und erhielt reichlich Airplay, schaffte es jedoch nicht, die Charts zu entern. Der kanadische Erfolg ermöglichte es der Band jedoch, das Album mit Terry Brown als auführendem Produzenten anzuschliessen, einem der damals angesagten und begehrten kanadischen Musikproduzenten. Die entstandene erste LP "Against the Grain" wurde zeitgleich mit der nächsten Single "Sweet City Woman" veröffentlicht. Im Sommer 1971 wurde die Single "Sweet City Woman" auf allen Radiostationen in ganz Kanada gespielt, wurde dort zum Sommer-Hit und landete schliesslich auf Platz 1 der kanadischen Charts, was die Aufmerksamkeit des amerikanischen Labels Bell Records auf sich zog. Die Band wurde sofort unter Vertrag genommen und Bell veröffentlichte die Single in den USA. "Sweet City Woman" erklomm die Billboard-Charts und erreichte am 11. September 1971 Platz 8. Bell Records nannte das Album "Sweet City Woman" für die USA Markt, um den Erfolg der Single zu nutzen, gab dem Album auch ein leicht verändertes Plattencover.



Als nächstes erhielten die Stampeders ganze vier Juno Awards in den Kategorien "Beste Vocal Instrumental Group", "Bester Produzent", "Beste Single" und "Bester Komponist". Im Jahre 1972, auf Wunsch ihres britischen Labels EMI Records, tourten The Stampeders durch das Vereinigte Königreich und Europa. Bei ihrer Ankunft entdeckten sie, dass ihr amerikanischer Hit "Sweet City Woman" bereits von der hierzulande sehr populären Dave Clark Five gecovert worden war. Zu den Terminen gehörten der Marquee Club in London, das Hard-Rock Theatre in Manchester und Auftritte beim BBC Radio und in der TV-Sendung 'Top of the Pops'. In Holland erhielten The Stampeders zusammen mit Ry Cooder und Beach Boy Carl Wilson, den prestigeträchtigen Edison Award in der Kategorie 'Most Promising Group". Während dieses Besuchs genossen die Stampeders das Privileg, mit den Eagles im Amsterdamer Hotel Weichman zu übernachten. 1972 führte die Stampeders auch nach Los Angeles, um im legendären Whiskey A Go-Go aufzutreten und ihre Auftritte bei 'Don Kirshner's Rock Concert' und 'The Dating Game' aufzunehmen. Während seiner Zeit im Troubadour in Hollywood traf Ronnie King auf Keith Moon, den Schlagzeuger von The Who. Moon lud die Band am nächsten Abend zu seiner Geburtstagsparty ins Wiltshire Hotel in Beverly Hills ein, wo The Stampeders mit Hollywood's Rockelite, darunter Keith Moon, zusammen jammen konnten.

Die Stampeders unterzeichneten 1971 bei der amerikanischen Bookingagentur Premier Talent einen Management-Vertrag, was zu mehreren amerikanischen Tourneen zusammen mit Black Oak Arkansas, Santana, Joe Cocker, Steve Miller, der James Gang, Robin Trower, Steely Dan und Sonny & Cher ebenso führte wie zu gemeinsamen Auftritten mit den Beach Boys, ZZ Top, den Eagles, Earth Wind And Fire, Mountain, America, Tower Of Power, Blood Sweat & Tears und Genesis. Wo immer die Stampeders auch auftraten, und ganz egal, wie gemischt das Publikum war: Die Stampeders konnten immer begeistern, was ihre Popularität kontinuierlich steigerte, insbesondere in den USA. Sie spielten schliesslich überall von New York bis Hawaii, einschliesslich Disneyland und auf der begehrten 'Southern College Row' in den Südstaaten. Grosses Airplay und ausgedehnte Tourneen, gepaart mit vielen Gastauftritten in den populären kanadischen TV-Shows dieser Zeit (Anne Murray, Miss Teen Canada, Kenny Rogers' 'Rollin 'On The River' und The Ian Tyson Show), führten schliesslich zu einem eigenen CBC TV-Special mit dem Titel 'A Short Visit On Planet Earth'. 1972 erschien ihr zweites Album mit dem Titel "Carryin 'On" mit der Single "Devil You". Obwohl es die letzte in den USA auf Bell Records veröffentlichte Platte war, wurde das Album in Europa auf Regal Zonophone veröffentlicht. Es präsentierte mit dem Titel "Wild Eyes" auch erstmals einen recht harten Rocksong. Der inzwischen prall gefüllte Terminkalender der Stampeders brachte sie in diesem Jahr auch nach Rio de Janeiro und Sao Paulo, Brasilien. Sie wurden ausgewählt, das Land Kanada vor einem Live-Publikum von 30000 Fans und einem Fernsehpublikum von geschätzten 90 Millionen Menschen beim 'Rio de Janeiro Song Festival' zu vertreten.

1973 gab es sogenannte 'Cross-Canada' Touren, gepaart mit der Veröffentlichung ihrer Alben "Rubes, Dudes And Rowdies" und "From The Fire". In Kanada erreichten die Singles "Oh My Lady" und "Minstrel Gypsy" Goldstatus, während die Nachfolgesingles "Running Wild" und "Johnny Lightning" ebenfalls ein grosses Airplay verbuchen konnten und weitere Nominierungen für JUNO Awards erhielten. Die Veröffentlichung des fünften, wiederum mit Goldstatus versehenen Albums "New Day" brachte den nächsten grossen Radiohit "Ramona" hervor. Ihr Live-Album "Backstage Pass" wurde am Ontario Place in Toronto vor einer ausverkauften Menge von 17000 Fans aufgenommen. Bald darauf folgte das Werk "Steamin", das eine Cover-Version von "New Orleans" und "Hit The Road Jack" enthielt, mit einem besonderen Auftritt des legendären Diskjockeys Wolfman Jack. Die Stampeders trafen Wolfman Jack persönlich und wurden in der Folge gute Freunde, während sie 1975 ein Fernseh-Special für NBC am 'Saratoga Springs Song Festival' aufnahmen. Am 4. April 1976 enterte die Single "Hit the Road Jack" die Top 40 in den USA und erreichte Platz 1 in Kanada. Der Erfolg der Single führte zur Veröffentlichung von The Stampeders letztem Gold-Album "Hit The Road" und einer weiteren Nominierung für den JUNO Award. Trotz anhaltendem Erfolg verliess Rich Dodson 1977 die Band, um ein eigenes 24 Spur-Aufnahmestudio zu eröffnen und das eigene Independent Plattenlabel Marigold Records zu gründen. Die letzten drei Singles mit Dodson, alle vom Album "Hit The Road" ausgekoppelt - "Playing In The Band", "Sweet Love Bandit" und "San Diego" wurden noch 1976 veröffentlicht und waren allesamt in Kanada veritable Hits, die jedoch den Mega-Erfolg der Single "Hit The Road Jack" nicht annähernd erreichen konnten. 

Mit der Veröffentlichung von "Platinum" im Jahre 1977 umfasste das Line-Up der Band nach Rich Dodson's Abgang die ursprünglichen Mitglieder Ronnie King und Kim Berly sowie die neu rekrutierten zusätzlichen Musiker Gibby Lacasse (Schlagzeug und Perkussion), Ian Kojima (Tenor- und Baritonsaxophon, sowie Flöte), David Norris-Elye (Tenor- und Sopransaxophon), Doug Macaskill (Gitarre) und Gary Scrutton (Gitarre und Gesang). Nach "Platinum" veröffentlichte das kanadische Label TeeVee International ein "Best Of The Stampeders" Hit-Paket. Das Scheitern der neuen, jazzigeren, funkig klingenden Stampeders, eine kritische und kommerzielle Akzeptanz zu bekommen, zusammen mit den erhöhten Kosten für die Unterstützung der grossen Band, führte schliesslich zum Ausstieg des Schlagzeugers Kim Berly. Ebenfalls weg war der Plattenvertrag der Band mit Quality Records. Ronnie King versuchte, die Hit-Rakete mit einem neuen Album namens "Ballsy" auf Apex Records noch einmal zu zünden. Die neue Besetzung umfasste Ronnie's jüngsten Bruder Roy Van Sprang, Bob Allwood und Gary Storin. Mangelnde Verkaufszahlen und enttäuschte Fans führten 1980 jedoch zur endgültigen Trennung der Band, dies nach dem Ausscheiden von Manager Mel Shaw. Rich Dodson nahm weitere Platten auf, Kim Berly wurde 1979 als Kimball Fox unter der Leitung einer neuen Band namens The Cry bei Orient / RCA Records verpflichtet. Im Jahre 1992 kam es zur Reunion der Stampeders, die das ursprüngliche Trio vereinigt sah, das ein weiteres Album veröffentlichte und als sogenannter 'New Country-Act' auf Tournee ging, jedoch ohne nennenswerte Akzente zu setzen oder einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.




Jun 23, 2021


THE DEL-LORDS - Based On A True Story (Enigma Records D2-73326, 1988)

Der Name Eric "Roscoe" Ambel fällt mir erstmals Ende der 70er Jahre auf, als ich an eine Single der Band Dirty Dogs mit dem Titel "Sonority Girl" gelange, die musikalisch in etwa dem entspricht, was ich zu der Zeit am liebsten höre: Punkig trashiger Power-Pop. Ich behalte den Namen einigermassen in guter Erinnerung und werde dadurch auf die Band Accelerators aufmerksam, die in Wirklichkeit nur die Vorgänger-Band unter neuem Namen ist. Von ihnen kaufe ich mir eine LP, die mir zwar in punkto Gitarrenarbeit (Eric Ambel) sehr gut gefällt, aber die Songs sind nicht unbedingt das Gelbe vom Rock-Ei, weshalb ich die Band ad acta lege. Zeitgleich mit seinen Accelerators arbeitet "Roscoe" auch als Gitarrist in Joan Jett's Blackhearts, und bei Joan Jett überzeugt mich das Gitarrenspiel von Eric Ambel auf dem Album "I Love Rock'n'Roll".

Anfang der 80er Jahre gründet Eric Ambel die geniale Band The Del-Lords zusammen mit Scott Kempner, der zuvor bei den Dictators schon abrockte, und die mir natürlich auch ein Begriff waren. Die Del-Lords waren eine unglaublich tolle Roots Rock Band, die leider ziemlich übersehen wurde. Ihr Album "Based on a True Story" gehört für mich zum Besten, was in den 80er Jahren erschienen ist, und gänzlich ohne synthetische Mittel auskam. Der Band gehörte auch der spätere Drummer von Cracker an (Frank Funaro). Die Songwriter-Qualitäten von Scott Kempner waren enorm. Er schrieb für die Platte vom taffen Wüstenrock ("Crawl in Bed"), über leidenschaftlich vorwärtspreschende Blues-Rocker ("A Lover's Prayer", "River of Justice") bis zu ohrwurmigem Power-Poprock ("I'm Gonna Be Around" oder "Whole Lotta Nothing Going On") hervorragende, zeitlos gute Songs und mit der Ballade "Poem of the River" im Duett mit Pat Benatar ein Akustik gewordener Traum der absoluten Ausnahmeklasse. Auf dem Album darf sich auch Reverend Mojo Nixon am Rande etwas austoben und die Platte profitiert zusätzlich durch Gast-Contributions von Jimmy Powers, Curtis James, Syd Straw und Lenny Castro. "Roscoe" hat später weiter Roots-Rock gemacht, aber die Klasse dieses Albums hat er meiner Meinung nach nie mehr ganz erreicht.

Noch als er die Band Del-Lords am Leben erhielt, spielte Eric Ambel schon mit einer weiteren Band, seiner "Roscoe's Gang" zusammen. Mit dieser Band spielte er mehrheitlich Roots Rock der eher gemässigten Sorte, sprich: eher countryinfiszierter Americana Sound. Da er sich inzwischen auch als Produzent unter anderem für die Bottle Rockets, die Blood Oranges oder Nils Lofgren einen Namen gemacht hatte, konnte er die Sache mit der eigenen Mucke natürlich lockerer angehen. So erstaunt es nicht, dass Eric Ambel immer mal wieder ziemlich nicht-chartsorientierte Songs aufnahm, mit dener er unter Insidern natürlich einen hohen Status erreichte, kommerziell aber in der Regel immer floppte. "Loud And Lonesome" ist zum Beispiel ein absolutes Klasse-Album (mit seiner "Roscoe's Gang"), aber leider ging die Platte völlig unter. Da halfen nicht mal ausgezeichnete songs aus den Federn von Dan Baird (Ex-Georgia Satellites), Terry Anderson oder Greg Trooper. Es folgten Produzenten-Jobs für Freedy Johnston (einen hervorragenden Songwriter, von dem ich praktisch alles besitze), Blue Mountain, The Backsliders (total geniale Band!!), Go To Blazes (texanisch angehauchter Roots-Rock - toll!!!), Tammy Faye Starlite und Mary Lee's Corvette.

1996 dann der Ueberhammer: Eric Ambel gründet zusammen mit dem ehemaligen Satellites-Frontmann Dan Baird die Haudrauf-Kapelle "The Yayhoos", Bassist Keith Christopher und Drummer Terry Anderson sind auch dabei. Die Band veröffentlicht ein hervorragendes, staubig-trockenes Holzfäller-Rockalbum, betitelt "Fear Not The Obvious", das ebenso wie fast alle Vorgänger-Alben von Eric Ambel, bei uns leider praktisch überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird (Bloodshot Records, 2001). 1999 baut er mit "Cowboy Technical Services" sein eigenes Tonstudio und gelangt damit - sowie seinem Ruf als hervorragendem Produzenten - zu grossem Erfolg. Zu seiner aufnehmenden Klientel gehören etwa Ryan Adams, Robert Randolph & The Family Band, Steve Wynn, Marshall Crenshaw, Laura Cantrell, The Silos, The Damnwells und Martin's Folly. Im darauffolgenden Jahr tourt er mit der Band von Steve Earle ("The Dukes") und ist zu einem Grossteil verantwortlich für den Erfolg von Earle's Album "Jerusalem". Zu absoluten Produktions-Highlights von Eric Ambel zähle ich auch die Alben "Perfect City" von Florence Dore und das Klasse Rock-Album"The Knitter" von Cheri Knight. Diese beiden Ladies-Alben gehören eigentlich in jede Sammlung. Für mich gilt daher: Wo Eric "Roscoe" Ambel draufsteht, ist immer tolle Mucke drin! Denn überall, wo Eric "Roscoe" Ambel produziert, spielt er in der Regel auch Gitarre, komponiert und singt mit.

Meine persönlichen Eric Ambel-Empfehlungen, ausser der "Based On A True Story" mit den Del-Lords:

ERIC AMBEL & ROSCOE'S GANG - Loud And Lonesome (1994 Survival Records)
11 Songs, Anspieltipps: "Song for The Walls", "Way Outside", "Downtown At Midnight", "Autumn Rose"

THE YAYHOOS - Fear Not The Obvious (2001 Bloodshot Records)
12 Songs, Anspieltipps: "What Are We Waiting For", "Monkey With A Gun", "Bottle And A Bible", "For Crying Out Loud", "Oh Chicago!" und das Abba-Cover (!!!) "Dancing Queen".

Zwei empfehlenswerte Platten, die Eric Ambel produziert hat:

CHERI KNIGHT - The Knitter (1995 East Side Digital Records)
11 Songs, Anspieltipps: "The Knitter", "Monolith", "Wishing Well", "Very Last Time"

FLORENCE DORE - Perfect City (2002 Slew Foot Records)
10 Songs, Anspieltipps: "Easy World", "No Nashville", "Framed", "Postcard".




THE BEAU BRUMMELS - The Beau Brummels
(Warner Brothers Records BS 2842, 1975)

Nachdem die für meinen Geeschmack amerikanischste aller den Beatles angelehnten 3 Minuten Song-Bands zwischen 1965 und 1968 insgesamt 5 Langspielplatten und zahlreiche Singles, von denen einige sehr erfolgreich waren, veröffentlicht hatte, danach leider aber auseinanderfiel, war ich sehr überrascht, als es 1974 zu einer Reunion der Gruppe um den Songschreiber Ron Elliott kam. Noch überraschter war ich, als im folgenden Jahr auch eine Reunion-LP auf Warner Brothers erschien. Nicht einmal so sehr der Umstand, dass es eine der vielen, in den 60er Jahren erfolgreichen Bands, später noch einmal auf die Bühnen wagte, war das Besondere. Es war vielmehr die enorm hohe Qualität der Musik, mit der die Band nach sieben Jahren auf ihrem ersten Album seit 1968 überraschte. Eingeleitet von einem Remake eines ihrer Hits ("You Tell Me Why" von 1965), präsentierten die Jungs auf diesem aus heutiger Sicht leider viel zu kurz geratenen Album 10 absolute Songperlen, die in demselben melodieseligen Muster gestrickt waren, wie ihre in den 60er Jahren veröffentlichte Musik. Nun kam noch hinzu, dass das renommierte Produzenten-Team Lenny Waronker und Ted Templeman, das kurz zuvor das viel zu unterschätzte Album "Paradise & Lunch" von Ry Cooder hervorragend produziert hatte, diese Reunion-Platte der Beau Brummels ausgezeichnet und mit einer enorm klaren und druckvollen Einspielung in Szene gesetzt hatten. Natürlich hatten sich die qualitativen Möglichkeiten in den Tonstudios seit den 60er Jahren entscheidend weiterentwickelt, aber man konnte auch zu Mitte der 70er Jahre keine Hochglanz-Produkte veröffentlichen, wenn nicht schon die Songs an sich spitze sind. Die Technik diente damals wie heute lediglich dazu, perfekte Songs auch klanglich optimal aufzubereiten.

Die Beau Brummels wurden im Jahre 1964 in San Francisco als Antwort auf die sogenannte "Britische Invasion" gegründet. Damit war die Modewelle gemeint, die zu dieser Zeit massenhaft Beatbands aus Grossbritannien über den Atlantik in die USA schwappte. Gründungsmitglieder der Band waren der Songschreiber Ron Elliott und der Leadsänger Sal Valentino (eigentlich Salvatore Willard Spanpinato). Die erste Single der Beau Brummels erschien Ende 1964 bei der Plattenfirma Autumn Records und trug den Titel "Laugh Laugh". Produziert wurde die Single von Tom Donahue und Sylvester Stewart, der später als Sly Stone in die Musikgeschichte eingehen sollte. Der Song "Laugh Laugh" erreichte bei den Hot 100 von Billboard Platz 15 und war somit natürlich schon der perfekte Einstieg der Gruppe in den Musikmarkt. Die Rechnung, eine amerikanische Version der Beatles erfolgreich zu lancieren, schien bereits mit der erstne Singleveröffentlichung aufzugehen. Später wurde der Song in die Liste der 500 Songs, die den Rock & Roll am meisten geprägt haben, der "Rock & Roll Hall Of Fame" aufgenommen. Nach dieser Aufnahme musste der Gitarrist Declan Mulligan wegen arbeitsrechtlicher Schwierigkeiten die Gruppe verlassen und die Formation machte als Quartett weiter. Nach fünf Singles bei Autumn Records, mit denen es die Beau Brummels jeweils in die Hot 100 schafften, wechselte die Band 1966 zur Plattenfirma Warner Brothers, wo bis 1969 weitere sieben Singles produziert wurden. Von diesen Singles war der Titel "One Too Many Mornings" in den Charts am erfolgreichsten.

1966 zerfiel die Gruppe zum ersten Mal. In der Besetzung Elliott, Valentino und Meagher versuchten The Beau Brummels mit den beiden komplexeren, sich vom Beat-Format hörbar lösenden Alben "Triangle" (1967) und "Bradley's Barn" (1968) ein Comeback. Obwohl beide Platten sowohl bei den Kritikern, wie den Kennern der Szene gut aufgenommen wurden und auch heute noch als Referenzplatten gelten, blieben die Verkaufszahlen im Keller und die Band trennte sich erneut. Erst 1975 kamen die Beau Brummels, diesmal in Originalbesetzung noch einmal für das schlicht "The Beau Brummels" betitelte Reunion-Album zusammen. Aber das Dilemma wiederholte sich ein weiteres und diesmal leider letztes Mal: trotz wohlwollender Kritiken blieb der Erfolg aus. Die ganze aufwändige und perfekte Produktion, die wundervollen Songs und die hervorragende instrumentale Qualität nützte letztlich nichts. Das Album ging unter. Schuld daran könnte höchstens der Musikmarkt an sich gewesen sein. 1975 war nicht mehr viel Raum vorhanden für eine Band, die zwar noch vielen bekannt war aus den 60er Jahren. Aber inzwischen war in den USA eher die Disco-Welle erfolgreich, und bald darauf sollte der Punk noch die letzten, am Folkrock orientierten Beat- und Pop-Bands hinweg fegen.

Mit dem Reunion-Album "The Beau Brummels" bewies die Gruppe allerdings noch einmal eindrücklich ihre hohe Qualität. Ausser dem noch einmal eingespielten "You Tell Me Why" präsentierte Songschreiber Ron Elliott neun neue Songs, die zwar noch immer den Geist der seligen 60er Jahre in sich trugen, jedoch auch an damals aktuellen, besonders dem US-amerikanischen Folkrock entlehnten Elementen orientiert waren. Typischstes Merkmal auch dieser neuen Songs war, dass sie allesamt mitsingbar waren, sehr bemerkenswert eingängige Melodien präsentierten und hervorragend arrangiert waren. Ganz bestimmt hatten die ausführenden Produzenten Lenny Waronker und Ted Templeman entscheidenden Einfluass auf den finalen "Sound" der neuen Beau Brummels genommen, denn die Platte trug die typische Handschrift der beiden Klang-Perfektionisten, die es ausgezeichnet verstanden, Ron Elliott's an sich eher simplen Melodien eine gewisse Erhabenheit, einen hörbaren Glanz zu verleihen, indem sie die Songs einerseits sehr transparent arrangiert (weniger ist mehr!) und andererseits instrumental schon fast audiophil abgemischt hatten.

Highlights sind nebst dem bereits erwähnten herrlich flockigen und mitsingbaren "You Tell Me Why" auf die Songs "Wolf" mit einem vorwärts treibenden Westcoast-Rhythmus mit tollem Chor-Arrangement, das sehr leise, trist-traurige "Down On The Bottom", dem durch die hervorragende Gitarre des Gastmusikers Ronnie Montrose ein ganz spezieller Glanz verleiht wird, das countryeske "First In Line" und vor allem auch das recht melancholische "Goldrush". Der "Singing Cowboy" war kein Country-Song, sondern wiederum ein sehr schöner flockiger und folkrockiger Westcoast-Song mit viel Sonne und dem Feeling von Cabriofahren an der kalifornischen Küste, der schon fast das typische lockere Steely Dan Flair erreichte. Insgesamt auf jeden Fall ein absolut tolles Werk, das es verdient gehabt hätte, mehr Käufer zu finden. Allerdings darf man sagen, dass die Platte später doch noch von vielen Fans nachträglich entdeckt wurde, als es die Band allerdings schon längst nicht mehr gab. Die gab nämlich endgültig auf, nachdem sich auch dieses Reunion-Album nur schlecht verkaufte.

Ron Elliott verdingte sich später als Musiker bei Van Morrison, Randy Newman oder den Everly Brothers, bevor ihn eine Diabetes-Erkrankung zwang, seine musikalische Karriere weitestgehend zu beenden. Sal Valentino sang einige Jahre bei der Gruppe Stoneground, später in lokalen Bands und veröffentlichte erst im Jahre 2006 ein Solo-Album ("Come Out Tonight"), das ebenfalls nur wenige Käufer fand.











IAN MATTHEWS - Journeys From Gospel Oak 
(Mooncrest Records CREST 18, 1974)

Das Album "Journeys From Gospel Oak" war noch im selben Jahr, als Ian Matthews sich mit seiner neuen Band namens Plainsong zurückmeldete, eingespielt worden, sogar weitgehend mit denselben Musikern. Plainsong entpuppte sich als nicht sonderlich vielversprechend in kommerzieller Hinsicht, weshalb sich Ian Matthews schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Konzeptalbums "In Search Of Amelia Earhart" wieder seiner Solokarriere zuwandte, die er zuvor mit zwei Alben für das Vertigo Swirl Label begonnen hatte. Der Musiker war in dieser Zeit zwischen 1971 und 1974 enorm kreativ und spielte die unterschiedlichsten Alben sein, von denen das 72er Werk "Journeys From Gospel Oak" sein wohl romantischstes, mit Sicherheit aber bislang am meisten von der amerikanischen Countrymusik beeinflusste Album war. Dies machte sich vor allem in den für das Album ausgewählten Fremdkompositionen bemerkbar, beispielsweise im von Ex-Byrds Gene Clark geschriebenen "Polly", oder in "Things You Gave Me" und "Tribute To Hank Williams", beides Titel aus dem Repertoire von Tim Hardin, "Mobile Blues" aus der Feder von Mickey Newbury und "Met Her On A Plane" vom legendären amerikanischen Songwriter Jimmy Webb. Ausserdem berücksichtigte Matthews die Nummer "Bride 1945" von Paul Siebel, ein wundervolles und nur angenehm zurückhaltend instrumentiertes, das sehr fluffig klang, sowie das sehr bekannte Countrystück "Sing Me Back Home" des US-amerikanischen Country-Superstars Merle Haggard. Aus der Feder von Ian Matthews stammten hier lediglich zwei Songs, nämlich "Franklin Avenue" und das erste Stück der Platte mit dem Titel "Knowing The Game", das sehr jenen Songs ähnelte, die Matthews danach auch auf dem Plainsong Album präsentieren würde. Das Album "Journeys From Gospel Oak" erschien jedoch erst über ein Jahr später, als Ian Matthews nur noch die Vertragsbedingung einhielt, und die Platte nachschob, obwohl er bereits beim nächsten Plattenlabel unter Vertrag stand.

Ian Matthews wuchs in Scunthorpe auf, wo er bei den lokalen Bands The Classics und The Rebels seine ersten Erfahrungen als Musiker sammelte. Später zog er nach London, um sich 1966 der Surfband Pyramid anzuschliessen, die er jedoch bald wieder verliess. Nachdem Ashley Hutchings auf ihn aufmerksam geworden war, wurde er Mitte 1967 Mitglied von Fairport Convention und änderte nach Veröffentlichung des ersten Albums seinen bürgerlichen Nachnamen von MacDonald zu Matthews, um Verwechslungen mit dem King Crimson-Musiker Ian MacDonald zu vermeiden. Ian Matthews hiess mit bürgerlichem Namen eigentlich Iain Matthew MacDonald und erblickte am 16. Juni 1946 in der Grafschaft Lincolnshire das Licht der Welt. Doch auch bei Fairport Convention hielt es den Sänger und Gitarristen nicht lange. Während der Aufnahmen zum Fairport Convention Album "Unhalfbricking" im Frühjahr 1969 kehrte er der Band den Rücken. Noch im selben Jahr versammelte Matthews die Band Matthews Southern Comfort um sich, deren erste Single "Colorado Springs Eternal" im November 1969 veröffentlicht wurde. Die LP "Matthews Southern Comfort" erschien dann im Januar 1970. Musiker der Band waren Gordon Huntley (Pedal Steel-Gitarre), Carl Barnwell (Gitarre und Gesang), Mark Griffiths (Gitarre), Andy Leigh (Bass) und Ray Duffy (Schlagzeug). Matthews Southern Comfort nahmen im Jahre 1970 noch zwei weitere Alben auf: "Second Spring" und "Later That Same Year". Ausserdem brachte die Band am 31. Oktober 1970 eine Coverversion von Joni Mitchell's Song "Woodstock" auf Platz 1 der britischen Singles Charts. Trotz der Popularität der Band trennte sich Matthews im November des Jahres von ihr, indem er während eines Auftrittes kurzerhand die Bühne verliess. Die Band machte als Southern Comfort weiter und veröffentlichte in den Jahren 1971 und 1972 ohne Ian Matthews drei weitere Alben ("Frog City", "Southern Comfort" und "Stir Don't Shake").

Ebenfalls 1971 und 1972 erschienen zwei weitere Soloalben von Matthews auf Mercury Records: "If You Saw Thro' My Eyes" und "Tigers Will Survive". Anfang 1972 gründete er die Folkband Plainsong. Allerdings verpflichtete der Vertrag mit Mercury Records Matthews zur Aufnahme eines weiteren Soloalbums. So wurde innerhalb von nur fünf Tagen "Journeys From Gospel Oak" aufgenommen. Danach setzte sich Matthews mit Plainsong für Elektra Records ins Studio und nahm "In Search of Amelia Earhart" auf. Nur wenig später trennte sich Matthews auch von Plainsong wieder, da sich Elektra weigerte, das Folgealbum zu veröffentlichen. Matthews zog daraufhin nach Kalifornien und konnte Michael Nesmith als Produzenten für seine zwei nächsten Solowerke gewinnen. Die 1973er Produktion "Valley Hi" und "Some Days You Eat The Bear, Some Days The Bear Eats You" von 1974 erschienen beide auf Elektra Records, verkauften sich aber so schlecht, dass das Label Matthews fallen liess. Seinen nächsten Vertrag, als Folge dessen die sehr am amerikanischen Westcoast-Sound orientierten Alben "Go For Broke" (1976) und "Hit And Run" (1977) auf den Markt kamen, konnte er dann bei Columbia Records unterzeichnen. Doch auch dieser Vertrag hielt nicht lange, und Matthews startete eine Zusammenarbeit mit Produzent Sandy Roberton. 1978 erschien "Stealin’ Home" auf Roberton's eigenem Plattenlabel Rockburgh Records. Das Album wurde ein Erfolg und enthielt Matthews’ grössten Single Hit in den USA, "Shake It". Der Titel erreichte den respektablen Platz 13 in den Charts. Die Folge-Alben "Siamese Friends" von 1979 und "Spot Of Interference" von 1980 waren jedoch wieder so grosse Misserfolge, sodass Rockburgh Records schliesslich pleite ging.

Mit den letzten beiden Alben für Rockburgh Records kamen indes zwei Alben auf den Markt, die auch inhaltlich den Musiker Matthews enttäuscht gehabt haben, denn anders liesse sich sein folgendes Bandprojekt nicht erklären, das musikalisch auf einer ganz anderen Schiene lief. Zusammen mit dem Sänger David Surkamp von Pavlov's Dog gründete Ian Matthews die leider nur kurzlebige Gruppe Hi-Fi, deren Fokus auf zeittypischem, von der New Wave inspirierten Rock gelegt war. Die Band war richtig klasse und es ist sehr schade, dass das Projekt mangels Erfolg so schnell das Zeitliche segnete, dass davon nur eine Mini-LP und ein einziges reguläres Album ("Moods For Mallards") herausschaute.

In den Achziger und Neunziger Jahren brachte Ian Matthews enorm viele Platten heraus, und nicht alle waren super, aber immerhin folgten nun alle seine Scheiben einem bestimmten Stil, was wiederum Beständigkeit (und keineswegs je Langeweile) bedeutete. Heute ist meiner Meinung nach eine Ian Matthews Platte (oder Iain wie er sich heute aufgrund seiner irischen Wurzeln nennt) wenn nicht einen Kauf, so doch immerhin einen Hörtest wert. Denn eine richtig schlechte Platte hat er nie gemacht. Neueren Datums und äusserst empfehlenswert finde ich "Excerpts From Swine Lake", "A Tiniest Wham" und "Skeleton Keys". Wer sich den alten Klassikern widmen will, kommt aber an "Valley Hi", den vorgenannten Alben "Journeys From Gospel Oak" und "Some Days You Eat The Bear, Some Days The Bear Eats You" nicht vorbei. Von den beiden auf Vertigo Swirl veröffentlichten Platten "If You Saw Thro' My Eyes" und "Tigers Will Survive" ist ersteres gesamtheitlich betrachtet wohl eher empfehlenswert, da die "Tigers" Platt- zumindest einige mittelmässige Songs enthält, die nicht restlos zu überzeugen vermögen. Die meiner Meinung nach interessantesten und lohnenswertesten Alben von Ian/Iain Matthews sind aus meiner Sicht

Ian Matthews - Journeys From Gospel Oak
Ian Matthews - If You Saw Thro' My Eyes
Matthews Southern Comfort - Second Spring
Ian Matthews - Some Days You Eat The Bear And Some Days The Bear Eats You
Ian Matthews - Excerpts From Swine Lake
Hi-Fi - The Complete Recordings (mit David Surkamp)
Plainsong - In Search Of Amelia Earhart

Ganz persönlich gefällt mir die "Journeys From Gospel Oak" am besten. Sie vereint einige hochkarätige amerikanische Country- und Country-Folk Songs, die das Muster des Hobos, also des rastlosen Trampers illustrieren. Konzeptionell wunderschön, in der Ausführung absolut authentisch und mit einer erlesenen Auswahl hochkarätiger Musiker absolut zeitlos eingespielt, hat die Platte bis heute auch klanglich ohne jegliche Patina überdauert.












JOHNNY RIVERS - L.A. Reggae (United Artists Records UAS-5650, 1972)

Erst einmal zur Klärung: Hier wird keine Reggae Musik gespielt, auch wenn das der Plattentitel vielleicht suggerieren will. Auch zur landläufigen Meinung, Johnny Rivers wäre ein Rock'n'Roller gewesen, gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich würde eher meinen, dass es Johnny Rivers schon zu einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere verstanden hat, amerikanische Musik in ihrer Gesamtheit aufzusaugen und in seiner Musik einfliessen zu lassen. Wenn man sich heute sein Platten-Oeuvre näher betrachtet, dann findet man in seinem Schaffen vom Rhythm'n'Blues über Soul, Pop, Rock'n'Roll, Folk und Countrymusik bis zu Blues so ziemlich alles, was Amerika in den 60er und 70er Jahren an musikalischer Vielfalt präsentierte.

John Henry Ramistella, wie Johnny Rivers' gebürtiger Name lautet, kam 1942 in New York zur Welt, zog mit seinen Eltern aber schon früh nach Baton Rouge im amerikanischen Bundesstaat Louisiana, was seinen späteren Musikstil sicherlich mit beeinflusste, auch wenn er sich strengen stilistischen Vorgaben stets verweigerte und sich allen möglichen Richtungen gegenüber offen zeigte.

Nach mindestens zwei grossen Hits mit dem Popsong "Mountain Of Love" im Jahre 1964 und "Secret Agent Man" im Folgejahr wurde es im Laufe der Zeit eher ruhiger um ihn, obwohl er weiterhin exzellente Platten veröffentlichte, von denen auch immer wieder recht erfolgreiche Singles ausgekoppelt wurden. Der richtig grosse Hit kam dann erst 1972, als er das von Huey "Piano" Smith geschriebene Stück "Rockin' Pneumonia And The Boogie Woogie Flu" für sein Album "L.A. Reggae" einspielte, mit dieser Single weltweit erfolgreich war und insgesamt über eine Million Exemplare davon verkaufen konnte. Die Single erreichte Platz 6 der amerikanischen Billboard Charts. Auch das Album "L.A. Reggae" war sehr erfolgreich in Amerika.

Für das Album hatte Johnny Rivers sich eine komplett neue Band zusammengestellt, die fast ausschliesslich aus der damaligen Crème de la Crème der kalifornischen Sessionmusiker-Szene bestand. Top-Gitarrist Larry Carlton, Pianist Larry Knechtel, Bassist Joe Osborn und Schlagzeuger Jim Gordon bildeten die Basis Band bei den Aufnahmen. Das Team wurde ergänzt durch Beiträge von Michael Omartian, Jim Webb, Dean Parks, Bobbye Hall, Jim Horn, Chuck Finley, Jackie Kelso, Herb Pedersen und Michael Georgiades.

Wie es bei Johnny Rivers durchaus üblich war, hielt er sich mit eigenen Kompositionen auch bei diesem Album wiederum eher zurück und setzte stattdessen auch bei diesem Album weitgehend auf ausgewählte Coversongs, denen er seinen ganz eigenen, zumeist fröhlichen und herzlichen Stempel aufdrückte. Van Morrison sagte zum Beispiel, dass sein von Johnny Rivers gecovertes "Brown Eyed Girl" die schönste Version sei ausser seiner eigenen. Morrison hielt Rivers für den besten Musiker, der seine Songs nachspielte, weil er den Kompositionen einen neuen Glanz verpasste ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verwässern.

Rivers spielte hier auch Songs von Paul Simon ("Mother And Child Reunion"), J.J. Cale ("Crazy Mama"), Eddie Floyd ("Knock On Wood") sowie Chuck Berry ("Memphis Tennessee", das hier in "Memphis '72" umbenannt wurde) ein. Daneben hat er aber auch ganz wunderbare eigene Songs beigesteuert, wie zum Beispiel das soulig rockige "Stories To A Child" oder das recht patriotisch angehauchte "Come Home America".

Das originale Album, das 1972 erschien, enthielt insgesamt 12 hochkarätige Songs, wohingegen während der gesamten Studio Session eine Vielzahl an zusätzlichen Songs eingespielt wurde. Einige davon plus in einer weiteren Studio Session eingespielte Nummern fanden ihren Weg schliesslich auf das nur wenig später Anfang 1973 erschienene Album "Blue Suede Shoes", das nur noch Coversongs enthielt, genauso toll klang wie "L.A. Reggae", aber von der Plattenfirma United Artists leider zu wenig gut beworben wurde, was sich in wesentlich geringeren Verkaufszahlen niederschlug. Die an den Aufnahmen beteiligten Musiker und das hohe Niveau der Qualität der Songs waren aber identisch, und so kann man eigentlich beide Platten nur wärmstens empfehlen. Auf "Blue Suede Shoes" finden sich klasse Songs aus der Feder von Carl Perkins (das weltberühmte Titelstück, das Elvis zum Hit machte), den Coasters, Cliff Richard, den McCoys ("Hang On Sloopy"), Neil Diamond ("Solitary Man") oder die drei Bluesklassiker "Got My Mojo Working", "Turn On Your Lovelight" und "Willie And The Hand Jive".





May 25, 2021


STEVE GIBBONS BAND - Down In The Bunker (Polydor Records 2391 358, 1978)

Der englische Musiker Steve Gibbons wurde öfters mal als die britische Antwort auf Bob Seger bezeichnet. Mit seinem hemdsärmligen Rock der frühen Jahre, seinem Faible für kernigen und urwüchsigen Rock'n'Roll und weil er sich ausser als Musiker auch als Produzent und Songschreiber profilieren konnte, wuchs sein Bekanntheitsgrad sukzessive. Gibbons wurde am 13. Juli 1941 in Harborne, Birmingham geboren. Er trat mit zahlreichen Grössen der Branchen auf und wurde von den Kritikern stets hoch gelobt. Dennoch blieben ihm letztlich grössere Erfolge versagt. 1982 war er der erste westliche Rockmusiker, der in der ehemaligen DDR auftreten durfte. Ausserdem trat er 1979 auf dem Nürnberger Openair auf dem Zeppelinfeld im Vorprogramm von The Who auf. Der aus der Arbeiterklasse stammende bodenständige Gibbons absolvierte zuerst eine Klempnerlehre in Harborne, bevor er ab 1960 als Gitarrist und Sänger Mitglied von The Dominettes war, einer lokal bekannten Gruppe, die Rhythm and Blues-Standards spielte.

1963 benannten sich die Dominettes in The Uglys um. 1965 veröffentlichten diese bei Pye Records die Single "Wake Up My Mind", eine Eigenkomposition von Gibbons und seinen Bandkollegen Burnet und Holden. Weitere Singles folgten in der Zeit von 1965 bis 1967, darunter der Song "It’s Allright", mit dem die Gruppe auch in der Fernsehsendung 'Ready Steady Go!' auftreten konntet, sowie "End Of The Season", die Coverversion eines Songs von Ray Davies (The Kinks). Keine dieser Singles konnte sich indes in den Hitparaden platzieren. Die Besetzung der Uglys wechselte häufig. Einige Mitglieder, die die Gruppe verliessen, spielten später bei wesentlich bekannteren Bands mit. Dave Pegg etwa zog danach zur bekannten Folkrock-Gruppe Fairport Convention, Jimmy O’Neil wechselte zu The Mindbenders und Richard Tandy landete beim Electric Light Orchestra. 1968 formierte Steve Gibbons eine neue Gruppe namens Balls, zu der Trevor Burton (Gitarre), der Sänger und Gitarrist Denny Laine (früher Moody Blues, später Wings) und der frühere Schlagzeuger der Uglys, Keith Smart angehörten. 1971 verliess Gibbons, der inzwischen ein erstes Solo-Album aufgenommen hatte, die Band und schloss sich der Band The Idle Race an, aus welcher bald die Steve Gibbons Band entstehen wollte.

1975 übernahm Peter Meaden, der damalige Manager von The Who, das Management der Steve Gibbons Band. Infolge dessen veröffentlichte die Band im selben Jahr mit "Any Road Up" ein erstes Album für Polydor Records und ging 1976 als Vorgruppe mit The Who auf Tournee in Grossbritannien, Europa und den USA. Hierbei traten sie bei verschiedenen Gelegenheiten auch zusammen mit Little Feat, Lynyrd Skynyrd, Electric Light Orchestra, The J. Geils Band und Nils Lofgren auf. Das Nachfolgealbum "Rollin’ On" enthielt mit der klassischen Rock'n'Roll Nummer "Tulane" aus der Feder von Chuck Berry auch die meistverkaufte Single der Gruppe. Mit dem sehr amerikanisch klingenden Rockalbum "Down In The Bunker" gelang Steve Gibbons schliesslich sein wohl perfektestes Werk, das im weitesten Sinne urtypisch britischen Pubrock mit Elementen des klassichen amerikanischen Melody Rock verband und damit eine ebenso unterhaltsame wie zeitlose Platte präsentierte. Während Gibbons mit seinen Anfangsformationen, ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend auch psychedelischen Pop in einem ähnlichen Stil wie manche frühen Stücke von Status Quo (z. B. "Pictures of Matchstick Men") spielte, wechselte er später zu klassischem Rock'n'Roll, der insbesondere den Einfluss von Chuck Berry nicht verleugnen konnte, kombiniert mit gefühlvollen Balladen.

Das von Tony Visconti hervorragend produzierte Werk "Down In The Bunker" stellte 1979 so etwas wie den musikalischen Höhepunkt im bisherigen Schaffen des Steve Gibbons dar. So konsequent melodiebezogen und dem Kommerz geschuldet klang der Musiker bislang nicht. Ganz wichtig hierbei war die Tatsache, dass dieses Album sich dennoch nicht dem Geschmack des Massenpublikums anbiederte, das war auch nie Steve Gibbons Ambition. Er wollte stets der ehrliche Rock'n'Roll Musiker sein, was ihm hier auf diesem Album meisterlich gelang. Vor allem war es Tony Visconti zu verdanken, dass diese Produktion so herrlich opulent und warm ausfiel, ohne jedoch irgendwie überbordend oder gar overproduced zu wirken. Visconti verlieh den Songs ganz einfach einen grossen zusätzlichen Glanz, indem er etwa auf die bei Steve Gibbons' ohnehin gerne arrangierten mehrstimmigen Gesangsarrangements einen Hauptfokus legte und tolle Vokalinszenierungen erarbeitete. Ausserdem spielte Visconti auch als aktiver Musiker auf dem Album mit, etwa im grandiosen Titelstück "Down In The Bunker", wo er den Moog beisteuerte. Das Titelstück klang am Ende schon fast wie eine Nummer der erstren Dire Straits-LP, angereichert mit einer tollen Lap Steel Guitar, gespielt von Dave Carroll plus Visconti's fülligem Arrangement.

Bei anderen Songs wirkte Tony Visconti ebenfalls als fast schon stilbestimmender Musiker und Produzent mit, indem er beispielsweise für den Titel "Down In The City Street" zugunsten der Authentizität mit einem Rekorder raus auf die Strasse ging, um typische Stadtgeräusche aufzunehmen, mit welchen der Song danach angereichert wurde. Oder er verlieh der sanften und sehr gemütlich schunkelnden Countryrock-Nummer "Big JC" mit einem Electric Double Bass eine seidenweiche Tiefe. Neben Visconti war einer der auffälligsten Musiker auf der Platte auch der Saxophonist Nick Pentelow, der zuvor in Roy Wood's Band Wizzard gespielt hatte. Er steuerte nicht nur wundervolle Saxophon-Klänge bei, sondern wirkte in einigen Songs gar als klangbestimmender Instrumentalist, beispielsweise in "Chelita", der tieftraurigen Geschichte über ein gestrandetes Mädchen., das im Leben ganz unten angekommen war: "Oh Chelita, don't throw your life away, don't let the devil take you, find a new way". Wer ebenfalls schöne Akzente setzen konnte, war schliesslich der Bassist Trevor Burton, der auch akustische Gitarre spielte. Burton kam ebenfalls von Wizzard, war aber bereits bei Roy Wood's erster Band The Move mit dabei.

Zu den stärksten Songs des Albums zählten neben den bereits erwähnten sicherlich auch der groovige Opener "No Spitting On The Bus", der nachfolgende Quasi-Shuffle "Any Road Up", der Rock'n'Roll Song "Eddie Vortex" und in diesem Zusammenhang sicherlich auch "When You Get Outside". Besonders, wenn sich Gibbons einiger typischer Stilelemente der 50er Jahre bediente, klang er einfach unwiderstehlich, wie etwa eingebaute "Shoop-Shoop"-Chöre oder eine Twang Gitarre der Marke Duane Eddy. Ein Ueberraschungstrack war schliesslich auch die Nummer "Grace", für die Tony Visconti nicht nur selber Hand anlegte (er spielte hier ein Vibrapiano), sondern auch gleich noch das weltberühmte Londoner Symphonie Orchester aufbot, welches von David Katz dirigiert wurde. Trevor Burton spielte bei diesem Stück gar eine hervorragende elektrische Leadgitarre. Dieser Song geriet zum opulentesten Titel der ganzen Platte, war aber - auch das ganz sicher Tony Visconti's Verdienst - der einzige Song in so einem umfangreichen Arrangement-Kleid, was ihn umso mehr auf der Platte erstrahlen liess. Tony Visconti setzte Steve Gibbon's musikalische Ideen mit Sicherheit am ausgeklügeltsten um, "Down In The Bunker" wirkt als Ganzes sehr viel verspielter, sehr viel abwechslungsreicher und vor allem professioneller produziert als Gibbons' andere Alben.

In späteren Jahren verbreiterte Steve Gibbons bei seinen Liveauftritten seine musikalische Ausgangsbasis zunehmend. Neben Elementen des Blues und Rock ’n’ Roll fanden sich in seinen Interpretationen immer mehr auch Elemente aus Country, Rockabilly, Rhythm'n'Blues, Bebop oder Tex-Mex. Der Musiker baute in seine eigenen Songs häufig Zitate aus der Rockgeschichte ein, etwa von den Beatles, Jimi Hendrix oder auch nicht ganz stubenreine Zoten aus dem Punk. Ein besonderes Markenzeichen waren jedoch immer seine mit britischem Humor vorgetragenen Einleitungen und Erzählpartien während der Songs. Stimmlich kam Steve Gibbons einem Bob Dylan mitunter recht nahe. Er schnodderte sich teilweise durch seine Songs, dass man vielleicht nicht mehr wirklich von exzellentem Gesang sprechen konnte, aber in seinen manchmal im Erzählstil vorgetragenen Stücken wirkte er dadurch fast noch glaubwürdiger. Irgendwie machte seine Schnoddrigkeit ihn als Sänger auch fast schon aus, es gibt nicht sehr viele Sänger, die sich so sehr um anspruchsvolle Songtexte bemühen und sie dann mit einer gewissen phonetischen Nachlässigkeit fast schon unbekümmert herauslassen.

Viele seine Lieder erzählten, insoweit den Kinks nicht unähnlich, Geschichten aus dem Leben der britischen Working Class in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Häufige Themen waren darüber hinaus Motorräder, sowie die Musik und das Leben als Musiker grundsätzlich. Stefan Radlmaier, der Feuilleton-Chef der Nürnberger Nachrichten, charakterisierte den künstlerischen Stellenwert von Gibbons wie folgt: "Die Welt ist ungerecht. Wenn's anders wäre, hätte ein Mann wie Steve Gibbons längst einen Ehrenplatz in der Ruhmeshalle des Rock'n'Roll und würde in Riesenarenen auftreten".
Nach einigen Umbesetzungen seiner Band veröffentlichte Steve Gibbons 1981 das Album "Saints & Sinners" bei RCA Records. Im Anschluss daran tourte die Band als erste westliche Rockband durch die ehemalige DDR, was ihm wohl doch noch für alle Zeiten eine einzigartige Besonderheit zukommen lässt. die Steve Gibbons Band
war die erste englischsprachige Rockband, die durch die DDR touren durfte. In Berlin, Rostock, Weimar, Erfurt, Cottbus, Halle und anderen Orten bot sich stets dasselbe Bild: das Publikum strömte nicht nur in die Konzerte, sondern sie interessierte sich auch intensiv für die Beschallungsanlage der Band, die auf einem eigenen Truck mit durchs Land reiste. Ähnliches an Licht- und Soundsystemen hatte es in der DDR vorher noch nicht zu bestaunen gegeben. Für Steve Gibbons war die DDR-Tour eine "revelation on both sides", die er im nächsten Jahr gleich wiederholen durfte. Was machte gerade Gibbons zur ersten westlichen Rocklegende in der DDR ? Vielleicht waren es seine unprätentiösen und stellenweise humorvollen Kurzgeschichten im Rockformat, die immer dicht an der sozialen Realität blieben, eine spannende Mischung aus Bob Dylan und Dashiell Hammett.
Ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere war schliesslich 1986 der Auftritt beim Birmingham Heart Beat Charity Concert, bei dem auch George Harrison spielte.