Nov 8, 2026


T. REX - Electric Warrior (Fly Records HIFLY 6, 1971)

"Electric Warrior" war das 1971 erschienene zweite offizielle Album der Band T. Rex um den Musiker Marc Bolan, die seit diesem ihren ursprünglichen Namen Tyrannosaurus Rex abkürzte und sich auch stilistisch hörbar veränderte vom bis anhin gespielten, noch relativ Folk-inspirierten Hippie-Sound zum sogenannten Glam Rock, zu deren eigentlichen Erfindern Marc Bolan schliesslich gezählt werden darf. T. Rex spielte ab 1967 unter dem Namen Tyrannosaurus Rex in der Besetzung Marc Bolan (Lead Vocal, Gitarre) und Steve Peregrin Took (Perkussion, Backing Vocals), wurde in London gegründet und widmete sich hauptsächlich dem typisch britischen Psychedelic Folk der ausgehenden 60er Jahre. 1970 kam die Reduktion im Bandnamen und bald schon vollzog sich ein markanter Stilwechsel, mit welchem auch ein grosser Erfolg einsetzte.

Nachdem der am 30. September 1947 in Hackney, Ost-London, geborene Marc Bolan (bürgerlich Mark Feld) seine nur einige Monate andauernde Mitgliedschaft bei der Underground-Combo John’s Children im Sommer 1967 aufgegeben hatte, machte er sich per Zeitungsannonce auf die Suche nach anderen Musikern, um seine eigene Band zu gründen. Ausser dem Schlagzeuger Stephen Ross Porter meldeten sich ein Gitarrist, ein Bassist und noch ein weiterer Musiker, von denen heute allerdings kaum etwas bekannt ist. Auf Bolan's Wunsch nahm Porter (geboren am 28. Juli 1949 in Eltham, Süd-London), in Anlehnung an den Namen eines Hobbits aus 'Der Herr der Ringe' den Künstlernamen Steve Peregrin Took an. Auch als Gruppennamen wählte Bolan den Namen eines Wesens, das gut zu seinem Faible für die Mythologie passte: die wissenschaftliche Bezeichnung des nach damaligem Wissensstand grössten landbewohnenden Raubtiers, das jemals auf der Erde gelebt hatte.

In dieser eilig zusammengestellten Besetzung, und nach nur wenigen Bandproben, gaben die fünf Musiker am 22. Juli 1967 im Electric Garden (wenig später umbenannt in Middle Earth) in London ein von Bolan schon vor der Bandgründung gebuchtes Konzert, das einem Desaster gleichkam, weil sie vom Publikum, wohl wegen der kaum geprobten und deshalb dürftigen Darbietungen ihrer Lieder, allenfalls Buh-Rufe ernteten. In direktem Anschluss an diesen Auftritt entliess Bolan drei seiner Mitmusiker wieder. Nur von Took's musikalischem Beitrag schien er überzeugt genug, um mit ihm zusammen auch weiterhin zu arbeiten. Den zweiten Rückschlag erfuhr die nun zum Duo geschrumpfte Gruppe, als die Plattenfirma, bei der John's Children unter Vertrag war, Anspruch auf Bolan's Elektrogitarre samt dem Verstärker erhob und er die Instrumente zurückgeben musste. Um über die Runden zu kommen und wenigstens den Bedarf des täglichen Lebens decken zu können, verkaufte Took zudem noch sein Schlagzeug-Set. Mit nunmehr einer akustischen Gitarre und einem Paar Bongos ausgestattet, gaben die beiden am 23. September 1967 im Middle Earth ihr Debüt als Duo und tingelten fortan zunächst noch weitgehend unbeachtet durch kleine Clubs. Auf der Bühne sassen die beiden Musiker dabei im Schneidersitz auf einem Teppich.

Während dieser Zeit wurde der britische Radio-DJ John Peel auf die beiden aufmerksam und bot ihnen an, ihre Musik in seinen Sendungen bei Radio 1 einem grösseren Publikum vorzustellen. Peel's Begeisterung für die Gruppe führte schliesslich zu mehreren solcher Gastspiele, und der Name Tyrannosaurus Rex wurde allmählich überregional bekannt. Ende 1967 wurden sie von dem aus Brooklyn, New York stammenden Produzenten Tony Visconti im Kellerclub UFO in der Londoner Oxford Street entdeckt, der im Rahmen seiner Tätigkeit bei Essex Music beauftragt worden war, eine neue Gruppe für den Musikverlag zu engagieren. Wenige Tage danach nahm Regal Zonophone, ein Musiklabel von Essex Music, Tyrannosaurus Rex unter Vertrag. Tony Visconti begleitete sie bis zum Album "Zinc Alloy" (1974) und war massgeblich an der Entwicklung ihres Gruppensounds beteiligt. Bald darauf erschien die Single "Debora", die im Mai 1968 bis auf Platz 34 der offiziellen UK Hitparade kam. Das erste Album der Formation mit dem phantasievollen Titel "My People Were Fair And Had Sky In Their Hair... But Now They're Content To Wear Stars On Their Brows", welcher den beiden letzten Gesangszeilen der LP im Liedtext zu "Frowning Atahuallpa (My Inca Love)" entnommen ist, erreichte im Juli Platz 15 in den LP-Charts. Der als Suite aufgebaute Song enthielt auch ein von John Peel vorgelesenes Märchen. Die zweite Single "One Inch Rock" kam auf Platz 28. Schon drei Monate später folgte das zweite Album "Prophets, Seers and Sages - The Angels Of The Ages", das eine alternative Version der ersten Single samt ihrer Rückwärts-Wiedergabe mit dem Titel "Deboraarobed" beinhaltete.

Die einzelnen Musikstücke waren oft nur knapp 2 Minuten lang, oder nur wenig darüber. Stilistisch war eine gewisse Nähe zum damals sehr populären Psychedelic Rock zu hören. Ihre Musik war aber von Anfang an so eigenartig, dass sie kaum einem bestimmten Genre fest zugeordnet werden konnte. Der markante Gesangsstil Bolan's, in dem er nahezu jede Textzeile in einem Vibrato ausklingen liess, sowie stimmliche Improvisationen beider Musiker, verliehen ihren Darbietungen fast mystischen Charakter. Dieser Eindruck wurde durch Bolan's mit nur wenigen Ausnahmen selbstverfassten surrealistischen Texte noch verstärkt, die er in schwer verständlichem Akzent vortrug. Er sang von Elfen, Zauberern und Drachen, von Autos und fremdartigen Orchestern, goldenen Katzen, riesigen Seevögeln und anderen obskuren Figuren, die einem Paralleluniversum zu J.R.R. Tolkien's Herr der Ringe hätten entsprungen sein können. Das dritte Album mit dem Titel "Unicorn", auf dem wieder ein von John Peel gelesenes Märchen enthalten war, und auf welchem der Produzent Tony Visconti den Song "Cat Black" auf einem Piano begleitete, wurde der bis dahin grösste Verkaufserfolg für Tyrannosaurus Rex und kam bis auf Platz 12 in den britischen Album-Charts. Für die Produktion standen, dank der Einnahmen aus den bisherigen Veröffentlichungen, technisch hochwertigere Aufnahmegeräte als noch bei den Vorgängeralben zur Verfügung. Auch die verwendeten Instrumente waren deutlich abwechslungsreicher als bisher. Auf einigen Songs kamen Harmonium, Mundorgel, Strohgeige, Afrikanische Sprechtrommeln, Bass-Gitarre, Piano, Pixiephone, Schlagzeug-Elemente oder Gong zum Einsatz.

Kurz darauf begannen die Aufnahmesessions für eine neue Single. Auf "King Of The Rumbling Spires" spielte Bolan erstmals auf einer Tyrannosaurus Rex-Platte Elektrogitarre. Während der Aufnahmen entstanden noch eine Reihe anderer Songs, die aber erst viel später auf diversen Zusammenstellungen veröffentlicht wurden. Im Spätsommer 1969 unternahm die Gruppe ihre erste US-Tour, um sich auch auf dem dortigen Musikmarkt einen Namen zu machen. Aber das Publikum zeigte wenig Interesse an der Musik der beiden, und so wurde die Tournee schliesslich zum Flop. Zudem entwickelten sich erhebliche Differenzen zwischen Bolan und Took, wohl auch über die musikalische Zukunft der Band und deren Image. Während Bolan künstlerische Berühmtheit anstrebte und schon seit seiner Jugend davon überzeugt war, einst ein Superstar zu sein, wollte Took sich mit solchen Visionen nicht anfreunden. Zurück in England trennten sich die beiden Musiker, angeblich wegen Took's anhaltender Drogenprobleme und weil er sich politisch zunehmend links orientierte. Andere Quellen nennen auch Took's Ambitionen, seine selbst geschriebenen Songs mit ins Bandrepertoire aufzunehmen, womit Bolan aber nicht einverstanden war, als möglichen und entscheidenden Trennungsgrund.

Bolan machte sich sofort auf die Suche nach einem neuen Partner, und im makrobiotischen Restaurant Seeds machte ihn ein gemeinsamer Freund mit dem am 3. Juni 1947 in Thornton Heath, Surrey, England geborenen Mickey Finn (bürgerlich Michael Norman Finn) bekannt, der dort gerade mit einer Auftragsarbeit in Form eines psychedelischen Wandgemäldes beschäftigt war. Er hatte auch Erfahrung als Musiker und unter anderem in einer Band namens Hapshash And The Coloured Coat Congas gespielt. Bei einem gemeinsamen Essen einigten sich die beiden auf die Zusammenarbeit, und Finn wurde im Oktober 1969 das neue Bandmitglied. Nach Bolan's Aussage war Finn weder ein so guter Perkussionist wie Took, noch konnte er besonders gut singen, aber er sah gut aus und passte auch sonst gut zu Bolan's Vorstellung vom zukünftigen Werdegang der Gruppe. Mickey Finn war erstmals auf dem im März 1970 erschienenen, vierten Album "A Beard Of Stars" als Perkussionist zu hören. Zu einigen Titeln existierten allerdings schon Studioaufnahmen mit Steve Took, und so mussten Bolan und Visconti dessen Parts wieder herausnehmen. Da die Neuaufnahmen überwiegend Bolan selbst übernahm, und er beispielsweise auch die Bass-Gitarre spielte, war das Album im Ergebnis, von Tony Visconti einmal abgesehen, fast eine Soloplatte. Bei welchen Stücken Mickey Finn tatsächlich mitwirkte, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen.

Die einzelnen Songs waren im Wesentlichen akustisch, aber Bolan spielte, wie schon auf der letzten Single, nun auch Elektrogitarre, beim rockigen "Elemental Child" sogar ausschliesslich. Dadurch unterschied sich das Album erheblich von seinen Vorgängern und liess bereits erahnen, welchen musikalischen Weg Bolan und seine Band einschlagen sollten. Das sanfte "By The Light Of A Magical Moon" wurde kurz zuvor als Single ausgekoppelt. Kommerziell war "A Beard Of Stars" nicht so erfolgreich wie "Unicorn", und viele frühere Fans wandten sich zu dieser Zeit von der Gruppe ab. Da der erhoffte durchschlagende Erfolg bisher ausblieb, begann Bolan an seiner Musikerkarriere zu zweifeln, und er spielte mit dem Gedanken, sich künftig mehr auf das Schreiben von Gedichten zu konzentrieren. Seine Frau, und seit einiger Zeit auch Managerin, June Child, die er 1967 bei seiner damaligen Management-Firma Blackhill Enterprises kennengelernt hatte und im Januar 1970 heiratete, ermunterte ihn zu dieser Zeit jedoch immer wieder, weiterzumachen und neue Songs zu schreiben. So entstand eines Nachts ein einfaches, Kinderreim-ähnliches Lied mit einer eingängigen Melodie, das er "Ride A White Swan" nannte.

Im Sommer 1970 arbeiteten Bolan, Finn und Visconti an Aufnahmen für das nächste Album. Die Parts für die Bass-Gitarre und den Hintergrundgesang übernahmen diesmal alle drei. Für einige Lieder schrieb Visconti Streicher-Arrangements. Während der Aufnahmen zu "Seagull Woman" kamen Mark Volman und Howard Kaylan, die gerade mit den Mothers Of Invention auf Europa-Tournee waren, zu Besuch ins Studio. Bolan hatte die beiden ehemaligen Mitglieder der Turtles auf seiner ersten US-Tour kennengelernt, und er bat sie, Backing Vocals für das Lied zu singen. Dies war der Auftakt für eine jahrelange Zusammenarbeit, und auf künftigen Alben steuerten Volman und Kaylan, die auch als Flo & Eddie bekannt wurden, den gruppentypischen Hintergrundgesang bei. Tony Visconti hatte sich seit langem angewöhnt, auf Produktionspapieren den langen Bandnamen der Einfachheit halber in T. Rex abzukürzen, was Bolan bislang ärgerte. Er suchte aber nach Veränderungen, was auf den letzten Platten schon musikalisch durch die Verwendung der Elektrogitarre und in einfacheren Liedtexten zum Ausdruck kam. Wie Bolan selbst einmal sagte, war er es leid, mit gekreuzten Beinen auf der Bühne zu sitzen, und er wollte sein Image als Minnesänger der Hippie-Kultur loswerden, wofür nun Visconti's eigenwillige Schreibweise hervorragend geeignet zu sein schien. Diese kleine aber signifikante Änderung im September 1970 sollte schliesslich für den entscheidenden Wendepunkt in Bolans Karriere stehen.

Die im Oktober 1970 nun als T. Rex veröffentlichte Single "Ride A White Swan" wurde von Radiosendern zunächst nur wenig gespielt. Aber die Plattenläden verzeichneten eine beständig steigende Nachfrage, und so kletterte der mit einem markanten Gitarrenriff gespielte und mit Streichern untermalte Song langsam in die britische Single-Hitparade und erreichte nach 13 Wochen im Januar 1971 schließlich seine Höchstnotierung auf Platz 2. Das erste Album der Gruppe, das schlicht "T. Rex" betitelt wurde, erschien im Dezember 1970 und erreichte Platz 7 der Album-Charts. In vielerlei Hinsicht dem Vorgänger "A Beard Of Stars" ähnlicher als künftigen Veröffentlichungen, war das Album stilistisch gesehen eher die fünfte und letzte Tyrannosaurus Rex-LP, denn die erste, wegen der Namenskürzung vermeintliche T. Rex-Platte. So waren etwa Neuaufnahmen von "One Inch Rock" und der frühen Single "The Wizard" enthalten. Neben der Hymne "The Children Of Rarn" aus einem geplanten Konzeptalbum, das nie zur Vollendung kam, wurde dies auch im Songtext zu Suneye deutlich: "Tree wizard puretongue, the digger of holes, the swan king, the Elf lord, the eater of souls, Lithon the black, the rider of stars, Tyrannosaurus Rex, the eater of cars".

Um die neuen Songs live vorstellen zu können, wurde Ende 1970 der Bassist Steve Currie engagiert. Für die Aufnahmen der nächsten Single Anfang 1971 komplettierte Bolan die Band zum Quartett mit dem Schlagzeuger William Fifield, der sich auf Bolan's Vorschlag hin, und in Anlehnung an den Namen seiner vorigen Band Legend, fortan Bill Legend nannte. Im Februar 1971 veröffentlicht, belegte "Hot Love" sechs Wochen lang die Spitzenposition der britischen Single-Hitparade und stand in Deutschland sieben Wochen lang auf Platz 3. Für einen Auftritt in 'Top of the Pops' im März 1971 klebte Chelita Secunda, Frau von Tony Secunda, dem Manager der Gruppe The Move und kurzfristige Betreuerin von T. Rex, Bolan einige glitzernde Sternchen unter die Augen. Dieser Auftritt steht nach weit verbreiteter Ansicht für die Geburtsstunde des Glam Rock, der in Form einer Jugendbewegung, sowie künstlerisch und kommerziell in den nächsten Jahren die populäre Rock- und Popmusik in Europa dominierte. Ähnlich der Beatlemania in den 60er Jahren sprach man in Grossbritannien aufgrund des grossen Medienrummels, den Bolan und seine Band auslösten, von T.Rextasy. Spätestens ab diesem Zeitpunkt drehte sich dort die gesamte Medienaufmerksamkeit allein um Bolan. Sein Image wurde in seinem Heimatland vergleichbar mit den damaligen Teenager-Stars David Cassidy und Michael Jackson verkaufsträchtig vermarktet.

Auch die Nachfolgesingle "Get It On" erreichte Platz 1 und wurde, etwas später in den USA in "Bang A Gong (Get It On)" umbenannt, um Verwechslungen mit einem anderen gleichnamigen Song der Gruppe Chase zu vermeiden, zum Top Ten Hit. Das erste in der Besetzung einer klassischen Rockband mit Elektrogitarre, Bass und Schlagzeug eingespielte und im September 1971 veröffentlichte Album "Electric Warrior" enthielt mit "Jeepster" einen weiteren Top Hit. Neben Mickey Finn's Conga-Spiel, das vor allem bei "Jeepster" und "Mambo Sun" prominent zu hören war, und Tony Visconti's Streicher-Arrangements, wie zum Beispiel bei "Cosmic Dancer", wurden einige Songs zudem mit Saxophon ("Rip Off"), Piano ("Get It On") oder Flügelhorn ("Girl") angereichert. Den Hintergrundgesang steuerten Howard Kaylan und Mark Volman bei, wie auf "Planet Queen" oder "Monolith". Das Album "Electric Warrior" gilt bis heute als der Klassiker der Gruppe und war auch ihr grösster kommerzieller Erfolg.




Nov 6, 2026



LIAR - Set The World On Fire (Bearsville Records BRK 6982, 1978)

Als die britische Rock Band LIAR zwei Jahre nach ihrem ersten Album "Straight From The Hip" mit diesem Longplayer zurückkehrte, hatte sich ihr Musikstil hörbar verändert. Mit dem Wechsel von Decca zu Bearsville Records klang die Band nun wesentlich amerikanischer. Der Blues- und Rock'n'Roll-Anteil in ihrem Sound war fast vollständig verschwunden, stattdessen standen nun Bands wie Styx oder vor allem Wishbone Ash Pate für ihre auf sehr hohem künstlerischen Niveau präsentierte Platte. Schon mit ihrem ersten Werk konnte sich die Band profilieren und es folgten viele Konzerte, zumeist im Schlepptau berühmter Bands, worauf schliesslich auch der Produzent John Alcock auf die Gruppe aufmerksam wurde und als Producer für das nächste Album bestimmt wurde. John Alcock arbeitete zuvor schon als Produzent für Thin Lizzy, Bandit und der Earl Slick Band, bevor er mit Liar dieses Werk im Hausstudio von THE WHO, dem Ramport Studio in Battersea, London, einspielte. Auch das Bandmanagement hatte gewechselt. Für die Belange der Band war neu das Delta Artist Management zuständig, das auch für Alexis Korner arbeitete. Ihr neuer Manager Del Taylor befand auch, dass die Band sich mit ihrer neuen musikalischen Ausrichtung eher einem progressiver ausgerichteten Plattenlabel anbieten sollten, weswegen er einen Auftritt für die Band an der Hatfield University organisierte und dazu Manager und Talentscouts verschiedener Plattenfirmen einlud.

Dies führte schliesslich dazu, dass die Gruppe bei Bearsville Records unterschrieb, 
dem Label von Albert Grossman, bei welchem beispielsweise auch die Boogie Rocker FOGHAT unter Vertrag waren, aber auch die Acts Todd Rundgren, dessen Band Utopia, Jesse Winchester und Paul Butterfield beheimatete. Stilistisch erinnerte das mit einer gleichnamigen Single lancierte Album "Set The World On Fire" an einen Mix aus dem Art Rock von Styx mit dem zumeist auf doppelstimmige Gitarrensolos ausgelegten Poprock von Wishbone Ash und schlug in Amerika hohe Wellen. Das Album war zeitweise das zusammen mit Bob Dylan's "Street Legal" und The Who's "Who Are You" am meisten gespielte Album im Billboard Rock Radio. Es dauerte nicht lange, und die LP erreichte auch die Charts, weswegen auch eine Tour zusammen mit der Gruppe Styx organisiert wurde, die sich als sehr erfolgreich herausstellte. Der nachhaltige Erfolg für die LP setzte allerdings nicht ein, sie verschwand relativ schnell wieder aus den Charts, was natürlich die Qualität der Platte in keinster Weise schmälert. 

Das Titelstück zeigte ein typisch amerikanisches Rock Riff aus jenen Tagen. Der song glänzte durch ein kompaktes Arrangement und einen trockenen Mixdown. Das nachfolgende "Town Of Evil People" erwies sich als erstes Highlight auf dem Album. Die Rock Ballade gehört für mich zum besten, was diese Band überhaupt veröffentlicht hat. Ein durch ein opulentes Streicher-Arrangement angereichertes Stück, das hochmelodiös und fast ein wenig mystisch wirkte. Dieses Stück erinnerte am ehesten an den Melodic Rock von Styx, hätte aber aufgrund der gefühlvollen mehrstimmigen Gesangsarrangements durchaus auch von den Eagles stammen können. Mit "I'm Calling" präsentierte die Band eine Nummer, von der man glatt hätte meinen können, sie müsse von irgendeinem verschollenen Wishbone Ash Album stammen. Hier präsentierten sich die beiden Gitarristen Paul Travis und Steve Mann von ihrer besten Seite. Auch hier rückte besonders auch der mehrstimmige Gesang in die Nähe von Wishbone Ash. Das die erste Seite der LP beschliessende "Midnight Promises" war dann wieder eine eher ruhigere Nummer, die am ehesten das Etikett Westcoast Music hätte verpasst erhalten können.

Die B-Seite der Platte begann rockig mit "Five Knuckle Shuffle", einem Rocktitel, der entgegen dem Titel des Stücks kein Shuffle war, sondern ein trockener vorwärtstreibender Rocksong. Ein kerniges Rockstück mit einer prägnanten Hookline dann das Stück "High Life", das in seiner eher rockigen Art noch am ehesten an Songs von LIAR's erstem Album "Straight From The Hip" erinnerte. Ein typischer Mid 70's Rocksong zum mitsingen. "Frustration" dann erneut wieder ein eher ruhigerer Track, der wieder die Nähe zu Wishbone Ash offenbarte, mit seiner hoffnungsfrohen Melodieführung angenehm einlullen konnte, und dies trotz des eher melancholischen Songtextes. Den absoluten Ueberflieger des Albums sparte sich die Band indes für den Schluss auf: Das auf 7 1/2 Minuten ausgebreitete "Who Cares", das man durchaus als progressiven Art Rock Titel bezeichnen kann. Hier präsentierte die Gruppe einen Song, der aus mehreren einzelnen Parts bestand, die zusammengenommen in etwa so klangen, als hätte eine bodenständige Rockgruppe einen mit üppigen Streichern ausgestatteten Rocksong im Stile des Electric Light Orchestra aufgenommen und diesen Song von Brian Wilson arrangieren lassen. In der Tat klingen einzelne Parts dieses hervorragenden Songs stellenweise frappant an die Titel, die Jeff Lynne mit seinem Electric Light Orchestra schon seit vielen Jahren erfolgreich in Szene setzte. Das Gesangsarrangement wiederum erinnerte an die spannenden experimentellen Jahre der Beach Boys der frühen 70er Jahre und man könnte sicherlich auch orakeln, ob für dieses Stück nicht auch die Gruppe Queen als Inspirationsquelle hätte gedient haben können.

Trotz eher überschaubaren Verkaufszahlen der Platte entschloss sich das Plattenlabel Bearsville Records, mit der Gruppe eine weitere Platte zu produzieren. Dieses dritte Album wurde im Herbst 1978 in Stevie Wonder's Crystal Studio in Los Angeles in Angriff genommen, wiederum produziert von John Alcock. Da sich die Gruppe jedoch nicht um eine zugkräftige Single, die im Vorfeld der nächsten LP hätte lanciert werden können, bemühte, kippte Bearsville Records die Veröffentlichung der LP, die bereits komplett eingespielt und abgemischt war. Es bestanden Pläne von A&M Records, die Platte zu veröffentlichen, was jedoch letztlich scheiterte. Es gibt von dieser dritten LP der Band LIAR lediglich heute sehr gesuchte Musterpressungen, welche im Juni 1979 von Bearsville Records in Deutschland kurzzeitig in Umlauf gebracht worden waren. Diese Testpressungen sind heute extrem rar und werden entsprechend teuer gehandelt, da es davon nur ein paar wenige Exemplare gibt.

Noch während der Streitigkeiten rund um die Veröffentlichung des dritten Albums, das den Titel "Blame It On The Kids" hätte tragen sollen, kehrten LIAR zurück nach England und absolvierten einige sehr erfolgreiche Konzerte, so zum Beispiel eine ausverkaufte Tournee zusammen mit der Rock Band UFO, die ihren Abschluss in zwei gefeierten Auftritten im Londoner Hammersmith Odeon fand. Dies bedeutete gleichzeitg jedoch auch der letzte Auftritt der Gruppe LIAR, die sich nur wenige Wochen später auflöste. Zusammen mit dem auf Decca Records veröffentlichten Erstling "Straight From The Hip" hinterlassen LIAR zwei absolut brilliante Alben, die sich noch heute lohnen, entdeckt zu werden.






Nov 3, 2026


GRACIOUS - Gracious! (Vertigo Records 6360 002, 1970)

Gracious waren ein hervorragendes Beispiel für die Experimentierfreudigkeit und das sich konsequente Loslösen bekannter Songstrukturen aus der Beat- und Pop-Aera der 60er Jahre. Das schlicht "Gracious!" betitelte Debutalbum, präsentiert auf dem Vertigo Swirl Label im Jahre 1970, zeigte eine Band, die vor keinerlei stilistischen Grenzen Halt machte. So fanden sich einerseits stellenweise noch an die Beatles erinnernde mehrstimmige Vokalsätze, ausserdem noch da und dort vor allem durch die Gitarre eingestreute Bluestupfer, die noch vom Bluesrevival in England zeugten, doch Gracious marschierten konsequent vorwärts und orientierten sich eher am zeitgeistigen Sound etwa von Frank Zappa oder auch King Crimson und bauten vor allem in ihren Longtracks auch Jazzelemente ein. Doch noch war es nicht soweit, denn der Kern der späteren Gruppe Gracious bestand schon sehr viel länger und war in den 60er Jahren noch eher dem traditionellen Sixties Sound verpflichtet. Der Sänger Paul 'Sandy' Davis und der Gitarrist Alan Cowderoy gründeten zunächst die Gruppe The Disciples, noch während ihrer Schulzeit in Esher, Surrey. Davis war der Schlagzeuger und Sänger, Cowderoy spielte Gitarre; zwei weitere Schulfreunde spielten Bass und Rhythmusgitarre. Im Jahre 1968 stiessen Martin Kitcat und Mark Laird hinzu. Kitcat spielte ein Hohner Elektropiano und Laird übernahm neu den Bass. Paul Davis sang und spielte Schlagzeug gleichzeitig, doch mit einem weiteren Eintritt in die Gruppe in der Person des Robert Lipson, welcher den Platz am Schlagzeug einnahm, erlaubte es Davis schliesslich, die Position des Frontsängers einzunehmen.

The Disciples spielten einen durchaus eigenständigen Sound, waren aber vor allem von zeittypischen neuen Rockbands beeinflusst, so etwa von Cream und vor allem vom britischen Blues Revival, das ab 1966 in England viele neue Bands und Künstler ins Zentrum der britischen Musikszene setzte und so war es nicht verwunderlich, dass die Gruppe als erste professionelle Studioaufnahme einen Song von John Mayall wählte. Die Gruppe spielte 1968 auf einer Tour im Vorprogramm von The Who. Zu dem Zeitpunkt waren sie bereits ein grosses stückweit vom Blues abgewichen, gaben ihrem Sound einen etwas grösseren Pop-Appeal und konnten auch einen Plattenvertrag mit dem Produzenten Norrie Paramor an Land ziehen. Tom Rice nahm mit der Band einige hervorragende Demosongs auf, die jedoch leider bis auf zwei Songs, die für eine Single verwendet wurden, nicht veröffentlicht und erst im Jahre 1994 zugänglich gemacht wurden. Aufgenommen in London's Denmark Street Studio überraschten The Disciples mit einem eklektischen Mix mit von Vanilla Fudge inspirierten Rocksongs und Poprock-Titeln, die an die Moody Blues und die Beatles erinnerten. Es handelte sich dabei ausschliesslich um eigene Kompositionen aus der Feder von Davis und Kitcat. Die bei Polydor Records veröffentlichte Single "Beautiful" mit der B-Seite "Oh What A Lovely Rain" waren leider die einzigen beiden Songs, die es letztlich auf Vinyl schafften.


Die Gruppe änderte ihren Namen in Gracious und legten sich einen professionellen Manager zu: David Booth organisierte in der Folge einige Konzerte, unter anderem einen Auftritt als Vorgruppe bei King Crimson. Inzwischen besass Martin Kitcat ein Mellotron, und mit diesem Instrument veränderter sich ihr Sound noch einmal ziemlich radikal. Plötzlich sahen sich die Musiker in einem typischen frühprogressiven Art- und Classic Rock-Umfeld und ihr Auftritt gerade mit King Crimson wurde vielbeachtet und hinterliess Spuren. Der insgesamt dritte Auftritt unter neuem Bandnamen fand am 11. Juli 1969 im Mistrale Club in Beckenham statt. Auch King Crimeistung dieser neuen Band beeindruckt. Schlagzeuger Robert Lipson sagte später: "That changed our lives. Martin got a Mellotron and we were off!" 1969 tourten Gracious, noch immer ohne festen Plattenvertrag und somit ohne Album im Gepäck, während sechs Wochen durch Deutschland. Während dieser Tour stieg der Bassist Mark Laird aus der Band aus. Damit die Gruppe weiter auftreten konnte, übernahm spontan der Bandroadie und Fahrer Tim Wheatley seinen Platz. Er blieb daraufhin fest als Bassist in der Gruppe. Nach diesen Konzerten in Deutschland kehrte die Band nach England zurück, und war auch dort weiter unterwegs. Brian Shepherd, damals der Geschäftsführer vom erst kürzlich neu lancierten Philips-Ableger Vertigo Records, sah Gracious live, war ebenso fasziniert wie begeistert und bot den Musikern spontan einen Plattenvertrag an.

Das erste Album wurde in den Philips Records Studios in London, in der Nähe von Marble Arch, eingespielt. Gitarrist Alan Cowderoy erinnerte sich: "When we first went into the studio to record "The Dream", we genuinely expected to record it in small segments. However our producer Hugh Murphy insisted we play it in one take in the studio, and do any overdubs afterwards. The first album, although less mature than the second, had more direction and was more focused, although "Fugue In D Minor" was always an oddity". Womit wir mitten in den Songs des Debutalbums wären. Der Longtrack "The Dream" präsentierte mit seinen 17 Minuten Lauflänge eine stilistisch sehr unterschiedliche Suite, die einerseits recht psychedelisch klang, vor allem wegen der Mellotron- und Orgel-Verfremdungen, also eigentlich sehr experimentell, zeigte aber auch klar jazzige Elemente, und als wäre das noch nicht genug, konnte die Gruppe auch hervorragende Gesangslinien einflechten, die vor allem in den mehrstimmigen choralen Passagen, deutlich an die Beatles erinnerten. Noch stärker liessen sich diese beatlesken Gesangsharmonien im Opener "Introduction" vernehmen.

Obwohl auch die Gitarre immer wieder teils recht bluesige Soloeinlagen beisteuerte, war es vor allem der Organist Martin Kitcat, der auf dem Album die dominanten Akzente setzte. Sei es das Mellotron, das gerne klanglich verfälscht wurde, die manchmal arg verzerrte Rockorgel oder das nicht minder mit Distortion-Effekten verfremdete Elektropiano: Die Keyboards nahmen in den Kompositionen einen Hauptplatz ein, und nicht selten baute Kitcat Mellotron und Elektrikpiano gleichzeitig in die Songs ein, allerdings immer uch perfekt und akzentuiert gespielt und einander nie reibend oder behindernd. Vielleicht war dies aber auch angezeigt, denn Alan Cowderoy's Gitarrenspiel zeigte auf der anderen Seite relativ wenig Wandlungsfähigkeit, setzte zu oft auf bluesiges Spiel, auch wenn sich dieses wirklich brilliant anhörte und quasi den geerdeten Kontrapunkt zum teilweise etwas abgehobenen und omnipräsenten Keyboardsound bildete.

Das erste Stück "Introduction" präsentierte sich in einem von eingängigen Gesangslinien getragenen songorientierten Format und erhielt in Form von barocken Spinetteinlagen eine dezent klassische Einfärbung. Das expressive Gitarrensolo war dann überraschend bluesrockig gehalten. Mit dem nachfolgenden "Heaven" wurde allerdings eine symphonische Kehrtwende eingeleitet. Elegant in Szene gesetzte Tastenläufe in Form von Orgel, Mellotron und Klavier sorgten hier für einen erhabenen Charakter. Zwischenzeitlich stimmt e eine akustische Gitarre auch eine folkige Zweitmelodie an. Der Gesang mutete schliesslich wie eine Mixtur aus britischer Beat-Tradition und melodienseliger Westcoast-Herrlichkeit an. Im nachfolgenden "Hell" wurde die bis dahin gebotene Stilvielfalt auf die Spitze getrieben. Hierzu gehörte ein von der Hammond erzeugtes Klanggewitter, das von hardrockigen Gitarrenriffs in dramatische Dimensionen gerückt wurde. Als Kontrapunkt wirkte hier der im Mittelteil einsetzende, wiederum etwas beatleske Harmoniegesang recht abstrakt, holte dieses insgesamt aber sehr abgehobene psychedelische Stück auf den Boden herunter.

Mit der "Fugue In 'D' Minor" folgte ein Ausflug in die Musik der Renaissance. In dem Stück, das an Johann Sebastian Bach erinnerte, dominierte das Cembalo, begleitet von Bass und Gitarre. Das Album kulminierte schliesslich in der langen, bereits erwähnten Suite "The Dream", einer wunderbaren Kombination aus psychedelischen Gitarren und symphonischen Keyboards, immer wieder durchsetzt von schönen mehrstimmigen Gesangspassagen, sowie mittendrin einem winzigen Schnipsel aus der Beatles-Melodie von "Hey Jude". Insgesamt geriet "Gracious!" trotz einiger unausgeglichener Momente zu einem der interessantesten Beispiele für die Experimentierfreudigkeit des frühen Progressive Rock. Es gilt auch bis heute als eines der typischsten Alben, das auf dem Sammlerlabel Vertigo Swirl Records erschienen war. Die Gruppe spielte im Jahr darauf ein weiteres Album für das Mutterlabel Philips ein ("This Is Gracious!"), das viele Kritiker noch für etwas besser hielten als das Debutalbum. Die Gruppe selber zerfiel aber schon kurze Zeit später in seine Bestandteile. alan Cowderoy sagte zum Auseinanderbrechen der Gruppe: "Robert left first. We carried on with a new drummer (Chris Brayne), but the magic and camaraderie were dissolving. Martin was next to go". Das zum Quartett geschrumpfte Unternehmen Gracious spielte noch einmal Konzerte in Deutschland (im Sommer 1971), an welchen Paul Davis nunmehr sang und auch das Mellotron spielte. Nun gesellten sich auch noch Probleme bezüglich Geld und unterschiedlichen musikalischen Vorstellungen hinzu, worauf sich die Musiker schliesslich nicht mehr sahen, sondern nur noch direkt auf der Bühne an den Konzerten trafen.

Nachdem sich die Band kurze Zeit später aufgelöst hatte, verabschiedete sich der Schlagzeuger Robert Lipson vom Musikgeschäft. Ein letzter "Reunion"-Gig fand am 6. April 1972 im Marquee Club in London statt, danach war Feierabend. Alan cowderoy arbeitete danach für einige Plattenlabels, so beispielsweise bei Decca Records, Vertigo Records, Stiff Records, A&M undetlichen anderen, blieb dem Musikbusiness also letztlich treu, wenn auch nicht mehr als aktiver und professioneller Musiker. Der Keyboarder Martin Kitcat verkaufte sein gesamtes Equipment und wanderte nach Amerika aus. Der ehemalige Roadie und Fahrer, der Bassist Tim Wheatley, stieg bei der Gruppe Taggett ein und nahm mit dieser Band unter der Leitung des Produzenten Tony Hicks ein Album für EMI Records auf. Er eröffnete ein eigenes Tonstudio, half auch bei Sänger Paul Davis auf dessen Soloversuchen mit und blieb ebenfalls im produzierenden Bereich im Musikgeschäft hängen. Ebenso der Sänger Paul Davis, der später beim Musical Jesus Christ Superstar mitwirkte und mit Tim Rice weiter zusammenarbeitete, hauptsächlich als Session-Sänger. Bevor Davis schliesslich definitiv nach Deutschland umsiedelte, nahm er noch an einem Musikprojekt teil, an welchem auch der Keyboarder Bill Livsey, Rob Townsend und die Bläsergruppe aus Graham Parker's Begleitband The Rumour mitwirkten.

1995 trafen sich der Bassist Tim Wheatley und der Schlagzeuger Robert Lipson wieder und begannen mit den Arbeiten an einem neuen Gracious Album. ein japanisches Plattenlabel zeigte Interesse an einer Neuveröffentlichung, und so spielten die beiden Musiker zusammen mit Sev Lewkowicz (Keyboards, Gesang und Gitarre), Stuart Turner (Gitarre) und Richard Ashworth (Gesang) für die Plattenfirma Centaur Discs noch einmal ein Album ein. Zur Qualität und Zeitlosigkeit von Gracious' Debutalbums brachte es viele Jahre später ein Kritiker folgendermassen auf den Punkt: "This is one of those albums that does have some inconsistent moments and a rambling feel at times yet despite it all this is exactly what I like in music. It is adventurous, exciting, unpredictable and spontaneous. I enjoy the album from beginning to end and despite the awkwardness that occurs from time to time I simply don't find it detracts from the overall excitement of the album. The boldness and enthusiasm are what makes this for me. Certainly not a masterpiece but well worth having in any prog collection as one of those obscure additions that's worth checking out from time to time".







Nov 2, 2026


MOON SAFARI - Blomljud (Blomljud Records BRCD002, 2008)

Wer dermassen unverschämt melodiöse Musik wie dieser schwedische Fünfer macht, der darf sich schon mal des Vorwurf erfreuen, er spiele Dosenöffner-, Verzeihung Frauenversteher-Musik. So einschmeichelnde und schwelgerisch-romantische Klänge hört man - zumindest im Bereich des progressiven Rocks, zu welchem die Band eigentlich gezählt wird - eher selten, und ich schwanke bei der Beurteilung dieser Musik eigentlich zwischen Kuschel- und Sunshine Prog-Pop, aber was es vielleicht ganz gut trifft, ist 'Schmuse-Prog'. Das gibt's nicht ? Okay, dann hab ich das jetzt eben grade erfunden. Manche Passagen dieses Albums erinnern von den mehrstimmigen Gesangs-Arrangements her nicht selten an die Beach Boys, während die Musik, die oftmals alleine durch die Dominanz lieblicher akustischer Gitarren und einem äusserst luftigen Klavier selbst in lebhafteren Passagen an Barclay James Harvest oder - etwas aktueller betrachtet - an den wundervoll romantischen Prog-Sound von The Pineapple Thief erinnert. Aber vor allem sind diese fünf Herren einmal Hippies, und zwar Hippies der ganz alten Schule, die ihre Joints noch selber drehen, textinhaltlich dem Landleben verpflichtet und dabei auch schon mal in einem Song mit dem Titel "Yasgur's Farm" dem Mann Tribut zollen, der 1969 fast einer halben Million Hippies sein Land zur Verfügung gestellt hat, auf welchem dann ein Musik-Festival über die Bühne ging, das unter dem Namen "Woodstock" noch heute Heerscharen von Musikern jüngeren oder älteren Jahrgangs ungebrochen als Quelle der Inspiration dient. Ausserdem ist gerade der Song "Yasgur's Farm" hier auch eine Brücke zwischen dem damaligen 'Uncle Sam' und den Hetzern und Provokateuren von heute, die längst nicht mehr nur mit Waffengewalt Gesinnung in die Köpfe der Menschen trichtern, sondern vor allem durch Worte, denen man sich auch nur mit Worten entgegenstemmen kann: "Mother we'll build a different world, the revolution is here we'll start with words...I'm a messenger of everlasting love".

Die Gruppe Moon Safari besteht aus Simon Akesson (Gesang, Klavier, Hammond Orgel, Moog Synthesizer, Mellotron), Petter Sandström (Gesang, Akustik-Gitarre, Mundharmonika), Pontus Akesson (6- und 12-saitige Akustik-Gitarren, elektrische Gitarre und Percussions), Johan Westerlund (Bass, Gesang) und Tobias Lundgren (Schlagzeug, Percussions und Gesang). Auf ihrem Album "Blomljud" kommen noch einige Gastmusiker hinzu, so die Cellistin Mona Falk, der Geigen- und Flötenspieler Mans Axelsson-Ljung, der Pedal Steel Gitarrist Anders Pettersson, Perkussionist Andreas Persson und Anthon Johansson, der eine zusätzliche elektrische Gitarre im Stück "Yasgur's Farm" spielt. Reizvoll im Sound der Band ist vor allem die öfters arrangierte Kombination von akustischer Gitarre und Moog Synthesizer. In diesen extrem schönen Momenten klingt die Gruppe wie hoffnungslos aus der Zeit katapultiert und man wähnt sich beim Zuhören in der Tat inmitten einer wohlriechenden Blumenwiese, in welcher alles Hektische, Stinkige und Krankmachende, das unsere heutige Gesellschaft so bereithält, um uns innerlich abzustumpfen und kaputt zu machen, durch Moon Safari's sonnige und fröhliche musikalischen Streicheleinheiten komplett ausgeblendet werden kann.

Die Gruppe wurde 2003 gegründet und stammt aus Skelleftea (Schweden), wo sie schon nach relativ kurzer Zeit ihres Bestehens ein Demo Tape aufnahm, das die Aufmerksamkeit von Tomas Bodin der Band The Flower Kings erregte. Dank ihm und seinen Connections konnte die Gruppe 2005 ihr erstes Album realisieren. Unter dem Titel "A Doorway To Summer" lieferte die Band ein Konzeptalbum, das sich im weitesten Sinne mit den beiden Begriffen "Sommer" und "Sonne" und der Hoffnung auf die Vernunft der Menschen in Bezug auf das Sorge tragen zu lebenswichtigen Ressourcen auseinandersetzte. "Blomljud" ("Blumenmusik"), das drei Jahre später als Doppelalbum erschien, knüpfte an diese Art des Konzepts an und nahm sich die Blumen- und Pflanzenwelt zum zentralen Inhalt und deren Wichtigkeit im Zusammenhang mit dem Schutz der globalen Vegetation. Selbst biblischer Themen nimmt sich die Gruppe bisweilen an, vor allem in Bezug auf eine mögliche Apokalypse. Oft aber bedient sich die Band ganz alltäglicher Themen, wie zum Beispiel im Song "The Other Half Of The Sky", in welchem die Band davon berichtet, dass in den Sternen geschrieben steht: "How come people claim they want to live forever, when at work they can't wait for the day to end ? On Friday night you reset you are drinking to forget all the worries of the week. Dead men on their feet, they have pulse but they have no heartbeat, just a shadow on the street." Das ist wahrlich sehr bodenständige Poesie im Hier und Jetzt. Im Zusammenhang mit der Musik wirkt das allerdings alles andere als anstrengend, mahnend oder gar gefährlich. Nein, die Band lullt den Zuhörer musikalisch perfekt ein - der aber gerade dadurch vielleicht intensiver und aufmerksamer die Message der Songtexte verinnerlichen kann.

Am schönsten passt dies im Song "Bluebells" (Glockenblumen) zusammen. Hier kriegt der Zuhörer einen mächtigen Ohrwurm zu hören, der sofort zum mitsingen animiert, lieblich und traumhaft mehrstimmig arrangiert ist, und beim genaueren Hinhören einen Text serviert, der diesen leicht biblischen Hintergrund, jedoch auch wieder eine Art mahnende Poesie offenbart: "Dancing on the feet of a miracle, while winter's growing cold. Life seems almost cynical in the gardens of green and gold, while the apples of eden calling me, I sometimes just can't believe, that man was made a replica of someone else's dream." Und die zentrale Botschaft für das gesamte Doppelalbum liefert sie Band schon im A Capella vorgetragenen Intro zum ersten Song "Constant Bloom": "We promised you gardens made of green, yet we're lost in this tune, just men of the moon, that sing for a world of constant bloom". Die Gruppe schaut also vom Mond herunter auf die Erde und betrachtet und analysiert, wie die Menschen schleichend sich selber kaputt machen, indem sie ihr natürliches Habitat vergiften. Schön gemacht und plausibel erzählt. Dazu noch musikalisch wundervoll verpackt.

Wer es sich vorstellen kann, den sonnigen Pop der Beatles und die mehrstimmigen Gesangs-Arrangements der Beach Boys mit progressiven Rock-Elementen beispielsweise von Genesis, Marillion oder The Pineapple Thief zu vermischen, für den dürfte die Gruppe Moon Safari ein dicker Tipp sein. Wenn zur inneren Grundhaltung noch ein bisschen Hippie sein dazu kommt, umso besser...dann passt das ganz bestimmt.



 

Oct 30, 2026


BLACK BONZO - Lady Of The Light (B&B Records BCD005, 2004)

2004 erstmals veröffentlicht in Schweden, 2012 nochmals international aufgelegt mit Bonustracks ist das erste Album der schwedischen Rock Band Black Bonzo eine der seltenen Perlen des sogenannten "Vintage Rock", der auch wirklich alt klingt, und zwar sowohl vom Instrumentarium der Band bis hin zum finalen analogen Endmix, bei welchem ich eigentlich nur staunen kann, denn analoge Mixdowns werden in der Regel nur noch für Vinyl-Pressungen angefertigt. Dank der vielen technischen Möglichkeiten von heute kann man aber tatsächlich von analogen Master-Bändern fertige Mixdowns absolut verlust- und verfremd-frei digitale Dateien anfertigen, die dann den analogen Sound 1:1 auf die CD bringen. Einziger Wermutstropfen: Es fehlt letztlich das vertraute Knistern, das sich auch nach hundertfachem Anhören der CD nicht einstellt.

Die Band aus dem schwedischen Skelleftea besteht aus Magnus Kärnebro (Gesang), dessen vokalistische Darbietungen bisweilen frappant an den jungen David Byron von Uriah Heep erinnern, Joakim Karlsson (Elektrische und akustische Gitarren, Flöte und Gesang), Anthon Johansson (Bass und Gesang), Mikael Israelsson (Schlagzeug und Gesang), sowie Klas Holmgren (Hammond B3 Orgel, Klavier, Mellotron und ebenfalls Gesang).

Black Bonzo machen musikalisch dort weiter, wo Uriah Heep, Mountain und Deep Purple musikalisch ungefähr 1972 unterwegs waren. Oder sie spinnen den Gedanken von Titanic weiter, die nach dem Debutalbum den ganzen Rock in den Schrank verbannten, um fortan vor allem perkussiven, ziemlich massentauglichen Dancefloor-Lala zu machen. Solchen Kommerz findet man auf Black Bonzo's Debutalbum nicht. Eher - wenn ich mal beim Vergleich zu der norwegischen Band Titanic bleiben will - Sound im Stile von "Searchin'", dem Opener von Titanic's Erstling aus dem Jahre 1970. In der Tat dominiert bei Black Bonzo zumindest auf dieser Debut-Platte erstmal die Hammond Orgel. Daneben sind aber auch die verwendeten Gitarren und vor allem die dazugehörigen Verstärker wahrscheinlich mindestens 40 Jahre alt, denn genau so klangen früher die Gibson Les Paul's über die obligaten Marshall-Türme.

Am allernächsten kommt der Sound von Black Bonzo für mich allerdings an meine heimlichen Rock Helden von Warhorse. Denn wie bei Nick Simper's damaliger Band, wird hier der ganz spärlich in die Kompositionen eingestreute typische Progressive Rock der damaligen Zeit hörbar. Der Kernsound ist aber trotzdem klassischer Hard Rock, der mit besagter Hammond Orgel und dem wuchtigen Sound verzerrter Gitarren und gerne auch mit Mellotron in perfekten, sich nirgends offensichtlich anbiedernden Abläufen oder Schemas erdig und ehrlich und qualitativ exzellent rockt. Auch an die ersten beiden Alben der Hard Rock Band Uriah Heep ("Very 'Eavy Very 'Umble" und "Salisbury") erinnert Black Bonzo's Musik, im wesentlichen aufgrund von Magnus Kärnebro's Gesangslinien und auch wegen der oft zentral eingesetzten Hammond Orgel.

Es ist auch überhaupt keine Platte, die man sich nach zwei-, dreimaligem Hören in den Schrank zurückstellt und vergisst, so wie das bei einem Grossteil der heutigen auf alt getrimmten Rockmusik junger Bands leider der Fall ist, die lediglich an der Rock-Oberfläche kratzen, denen aber die Liebe und Demut und natürlich auch die Athentizität fehlt. Dafür sind die Kompositionen auf diesem Black Bonzo Album einfach zu hervorragend und der Sound wirklich alt, staubig und muffig: Man will sie sich bald wieder auflegen, sobald man wieder Lust auf guten alten Hard Rock hat.

Der Opener, das Titelstück "Lady Of The Light" bietet bei einer Länge von 7 Minuten ein Paradebeispiel für den eingangs erwähnten "Vintage" (Old School) Rock: Eine Nummer, die sich ständig weiterentwickelt, fabelhafte Gitarrenläufe zeigt und insgesamt von einer mächtigen Hammond Orgel getragen wird. Vielleicht nicht der zentrale Song der Platte, jedoch ein erster eindrücklicher Höhepunkt, den die Band jedoch locker als Messlatte der weiteren Titel des Albums setzen kann. Es gibt keinerlei Ausfälle, das Niveau sämtlicher Kompositionen hört sich gleichbleibend hoch an. "Brave Young Soldier", "Fantasyworld" und "Where The River Meets The Sea": Es sind vor allem die langen Stücke, bei denen man eintaucht in eine wundersame Welt der Variationen, Spannungsbögen und Arrangements-Spielereien. Daneben wirken die eher kurzen Songs mit dreieinhalb bis viereinhalb Minuten Lauflänge knackig, kompakt und kompositorisch perfekt umgesetzt - mal mit einem sich in den Gehörgängen festklebenden charakteristischen Refrain, mal gänzlich ohne Chorus. Hier können beispielsweise "New Day", "Freedom", "Jailbait" und "Leave Your Burdens" begeistern.

Alles in allem ist dies ein klasse Erstlings-Album einer Band, die es wie nur Wenige verstanden hat, den typischen Hard Rock von Anfang er 70er Jahe ins Hier und Jetzt zu transportieren, ohne als billige Kopie zu klingen, und vor allem: Ohne alten Helden lediglich nacheifern zu wollen. Die Musiker sind allesamt hervorragende Künstler, die nicht nur hier, sondern auch auf den Folgealben "Sound Of The Apocalypse" (2006) und "Guillotine Drama" (2009) den Traum des Vintage Rock auf gleichbleibend hohem Niveau weiterspinnen konnten. Als die Gruppe danach pausierte, entstand drei Jahre später die Nachfolge-Band GIN LADY, in welcher die meisten der Black Bonzo-Musiker wieder mit an Bord waren, und die 2012 ihr Debut Album präsentierte, das erneut den Vintage Rock von zuvor zelebrierte, vielleicht noch etwas kerniger und mit weniger Anteil an progressiven Elementen wie die Musiker das unter der Black Bonzo Flagge kredenzt hatten, aber ganz genauso unterhaltsam.




Oct 28, 2026


STREETWALKERS - Downtown Flyers (Vertigo Records 6360 123, 1975)

Knorriger, bellender und exaltierter wirkte Roger Chapman weder vorher, noch nachher. Hier auf dem zweiten Longplayer seiner Streetwalkers, zog er 1975 alle Register seines extrem wiedererkennbaren Gesangs, der immer wieder mal an eine bedrohliche Meckerziege erinnert. Nach dem Aus seiner ersten Band FAMILY im Jahre 1973 machte Chapman mit seinem Gitarristen John "Charlie" Whitney weiter, und es entstand schon wenig später ein erstes Album, das den Titel "Streetwalkers" trug und unter dem Namen Chapman/Whitney erschien. Diese Platte war eine Art Uebergangsprodukt, denn eine eigentliche feste Band kam erst Mitte 1974 zustande. Das erste gemeinsame Album hatten die beiden mit gemieteten Studiomusikern eingespielt.

Die Band-Besetzung war komplett, als im Herbst 1974 der Keyboarder Bob Tench gekommen war, der zuvor in der Band von Jeff Beck gespielt hatte, Jonathan Plotel aus der Band Casablanca und schliesslich der Schlagzeuger Nicko McBrain, der spätere Iron Maiden Drummer. In dieser Besetzung spielte die Truppe das Album "Downtown Flyers" ein, das eine rohe und bisweilen wüste Bluesrock-Angelegenheit wurde mit bleischwerem Sound, etwa nachzuhören im Stück "Walking On Waters". Die Aufnahmen des Toningenieurs von Denis Weinreich erhielten einen mächtig voluminösen "Bauch", sodass selbst den nebst schmierigen Bluesrock-Stücken auch den eher balladesk ausgerichteten Songs etwas Bedrohliches anheim fielen. Hier gefällt vor allem das Stück "Gypsy Moon", aber auch "Miller", das etwas leicht Mystisches in der Melodieführung aufweist, das sich wie ein nebliger Schleier über den Gesang von Roger Chapman legt.

Das Album war die Initialzündung zu einer zwar relativ kurzen, jedoch recht erfolgreichen Karriere der Band Streetwalkers, die während der nächsten drei Jahre und mit drei hochkarätigen Studioproduktionen und einem Live-Doppelalbum besonders in Deutschland gern gesehene Gäste auf Bühnen und Open Airs waren, bevor Roger Chapman und Charlie Whitney die Band auflösten und Chappo zu seiner Solokarriere startete, die bis heute andauert.

Obwohl auf dem 1976er Werk "Red Card" mit dem Stück "Run For Cover" das wohl bekannteste und als Single erfolgreichste Stück der Band zu finden ist, kann man dem Debutalbum aufgrund der offenen und vielseitigen musikalischen Grundausrichtung den Vorzug geben. Hier wirkte nichts glattgebügelt, die Musik war roh, von fast livemässigem Charakter und mit enorm viel Druck seitens der Musiker und auch was Chappo's einmaliges Röhren anbetrifft.






STRETCH - Forget The Past (Hot Wax Records WAX1, 1978)

Die Geschichte der britischen Band Stretch ist zuallererst natürlich einmal die Geschichte des Sängers Elmer Gantry. 1967 war der Sänger und Harmonika-Spieler, der mit bürgerlichem Namen Dave Terry heisst, Mitgründer einer britischen Psychedelic- und Spacerock-Band, die ursprünglich Velvet Opera heissen sollte. Aufgrund seiner Kleidung identifizierte die Band ihren Frontmann mit der fiktiven Figur Elmer Gantry aus dem gleichnamigen Spielfilm von 1960, und so wurde der Name in Elmer Gantry's Velvet Opera geändert. Terry behielt diesen Künstlernamen, als er die Band 1969 verliess. 1971 stiess er zur Londoner Jazz-Rock Formation Armada, wo bereits Gitarrist Kirby Gregory (eigentlich Graham Patrick Gregory, jedoch meist nur Kirby genannt), und Bassist Steve Emery aktiv waren. Kirby wiederum wechselte 1972 zu Curved Air und veröffentlichte mit dieser Band im Jahre 1973 das Album "Air Cut". Im selben Jahr veröffentlichten Gantry, Kirby und Emery mit der Hilfe von Clifford Davis, der zu jener Zeit der Manager von Curved Air und Fleetwood Mac war, unter dem Bandnamen Legs die Single "So Many Faces" mit der B-Seite "You Bet You Have".

Ebenfalls 1973 wurden Gantry und Kirby sowie Paul Martinez (Bass), John Wilkinson (Keyboards) und Craig Collinge (Drums) von Davis engagiert, um als Fleetwood Mac durch die USA zu touren. Die ursprünglichen Bandmitglieder hatten die Band bereits verlassen, waren zerstritten und/oder hatten mit Drogenproblemen zu kämpfen und standen deshalb nicht zur Verfügung, es waren aber bereits Konzerttermine angesetzt. Angeblich war auch der originale Schlagzeuger Mick Fleetwood an dieser Vereinbarung beteiligt und sollte während der Tour dazustossen, er erschien jedoch nicht zu den Konzerten, und so war der Skandal um die "falschen" Fleetwood Mac perfekt. Die Tournee wurde abgebrochen und es folgte ein Rechtsstreit um die Rechte am Namen Fleetwood Mac zwischen Manager Davis und den ursprünglichen Bandmitgliedern. Davis verlor den Prozess und wurde entlassen.

Zurück in England gründeten Kirby und Elmer Gantry dann die Band Stretch, und die 1975 veröffentlichte Debütsingle "Why Did You Do It ?" bezog sich direkt auf Mick Fleetwood und die damaligen Ereignisse. Die markanten Bläser des Stücks wurden von Bud Beadle, Chris Mercer, Mick Eve, Mike Bailey und Ron Carthy beigesteuert. Nach diesem vielversprechenden Start - die Single erreichte Rang 16 in den britischen Charts und konnte sich insgesamt acht Wochen dort platzieren - konnten weitere Veröffentlichungen keine nennenswerten Erfolge erzielen. Das zugehörigen Album "Elastique" wurde von Martin Rushent produziert; zunächst spielte Paul Martinez den Bass, aber schon auf dieser LP war bei einigen Stücken sein Nachfolger Steve Emery zu hören. Der Schlagzeuger Jim Russell wurde für das 1976 erschienene Nachfolgealbum "You Can't Beat Your Brain For Entertainment" durch Jeff Rich ersetzt.

Im September 1976 spielten Stretch als Vorband auf den Englandkonzerten der "Rising"-Tour von Ritchie Blackmore's Rainbow. 1977 lösten sich Stretch auf, das vierte und zunächst letzte Album "Forget The Past" wurde 1978 veröffentlicht, mit der zuletzt aktiven Besetzung, allerdings ohne den dominierenden Sänger Elmer Gantry. dieser trat in der Folge als Sänger verschiedener anderer Projekte in Erscheinung, so sang er beispielsweise für The Alan Parsons Project die Titel "May Be A Price To Pay" auf dem Album "The Turn Of A Friendly Card" (1980) und "Psychobabble" auf "Eye In The Sky" (1982). Im selben Jahr sang er "Where are you ?" auf der LP "Before I Forget" des ehemaligen Deep Purple-Keyboarders Jon Lord. Bereits 1981 waren er und Kirby am Album "Tilt" des Schlagzeugers Cozy Powell beteiligt: Gantry sang dort drei von Kirby mitkomponierte Stücke; dieser wiederum spielte auf zweien davon Gitarre; und auch Emery wurde bei einem davon als Co-Autor genannt.


1984 wurde das Stück "Why Did You Do It ?" in einigen europäischen Ländern wiederveröffentlicht, ergänzt um eine fast achtminütige Maxi-Version, gemixt von Fredrik Ramel, der den Titel schon 1975 produziert hatte. In Österreich war die Single 1985 14 Wochen lang in den Charts und erreichte Platz drei, in der Schweiz konnte sich der Titel 7 Wochen lang platzieren, bis hinauf zur 20. Position. Der Schlagzeuger Jeff Rich schloss sich 1986 der Gruppe Status Quo an, bei der bis zum Jahr 2000 blieb. 1992 folgten weitere Veröffentlichungen von "Why Did You Do It ?" mit zusätzlichen Remixen von The Wild Boys und James Black/Mixmaster K/Pekka Witikka.


Doch zurück zum nahen Ende der Band Stretch nach dem Ausstieg von Sänger Elmer Gantry. Kirby produzierte Anfang 1978 ein erstes Soloalbum mit dem Titel "Composition". Nahezu zeitgleich arbeiteteer mit den ehemaligen Stretch-Kumpels auch an einem weiteren Stretch-Album, heuerte dafür auch weitere Musiker an, die zuvor nicht bei Stretch mitgemischt hatten. Von der originalen Band waren nur noch Kirby und Steve Emery übriggeblieben, und da auch der Musikstil der Band ein anderer war, hätten Stretch wahrscheinlichgut daran getan, die Platte unter einem anderen Namen zu publizieren als unter dem Namen Stretch. Neu hinzugekommen war aber schon alleine mit dem Schlagzeuger Nicko McBrain ein absoluter Könner, der zuvor bei den Streetwalkers und der Pat Travers Band in Diensten gestanden hatte und später zu Iron Maiden wechselte. Trotz der qualitativ sehr guten Musik, die nun mit einem ziemlich grossen Schuss Latin Rock daherkam und den rauhen und rollenden Bluesrock von zuvor ausgeklammert hatte, fehlte die Präsenz von Elmer Gantry, weshalb auch die Fans der Band sich von der Combo abwandten. Stretch spielten nach der Veröffentlichung von "Forget The Past" praktisch auch keine Konzerte mehr, wodurch auch das Album schon kurz nach seiner Veröffentlichung  leider in der Versenkung verschwand. Kirby stellte später ziemlich resigniert fest: "Stretch is not really Stretch without Elmer", und das war sehr schade.

"Re-Arranging" war das erste Stück auf der LP und auch das erste Stück, das die 'neuen' Stretch komponiert und eingespielt hatten. Steve Emery hatte die Nummer geschrieben und sie lebte vom dynamischen Schlagzeugspiel von Nicko McBrain, bot aber auch schön arrangierten mehrstimmigen Gesang. Das Titelstück "Forget The Past" rollte noch runder als der Opener, versprühte als erster Track der LP durch die Perkussionsinstrumente einen leichten Latin Touch. Das nachfolgende "Ain't No Good Reason" klang vielleicht nach den vorangegangenen beiden Rhythmus-Granaten etwas beliebig und unspektakulär, war aber ebenfalls wieder eine schöne Steve Emery-Nummer.

Die zweite LP-Seite begann ausserordentlich poppig und sehr viel Mainstrem-freundlicher als alles, was Stretch zuvor präsentiert hatte. Diese Melodie hätte gar charten können, wenn sie nicht einfach zur falschen Zeit gekommen wäre. In dem ganzen Post-Punk- und New Wave-Durcheinander jener Tage hatte eine vom Westcoast inspirierte Hochglanz-Popnummer so gut wie keine Chance. Auch das nachfolgende stark Reggae-lastige "You're Too Late" konnte es nicht reissen, was sicherlich auch an der Komposition an sich lag: Hier zeigten sich schon gewisse Defizite in der Qualität des Songs an sich. Von ganz anderem Schlag waren dann die beiden weiteren Stücke auf der B-Seite der LP: "School Days" und "Fooling Me". Diese beiden Nummern gerieten zum Besten, was es von der Band Stretch zu hören gab. "School Days" war ein formidabler und spritziger Poprock-Song mit Vorwärtsdrang, wiederum dominiert vom taffen und gradlinigen Rocksound des Schlagzeugs von Nicko BrBrain. Ein wunderschöner Refrain zum Mitsingen war auch dabei und ein Rhythmus-Feuerwerk mit viel Salsa- und Latin-Feeling und donnernder Perkussion bildeten den zweiten Teil dieses mehr als 8 Minuten langen Titels. Das finale "Fooling Me" war nach demselben Muster gestrickt: Ebenfalls eine tolle Poprock-Nummer mit anschliessendem, die Platte final ausklingen lassendem Latin-Perkussions-Fieber.

Das Album "Forget The Past" wurde kaum zur Kenntnis genommen zum Zeitpunkt des Erscheinens, landete umgehend in den Billig-Grabbelboxen und wurde schlicht vergessen, nicht nur von den Fans der Band, auch von den Kritikern. Schade, denn das Werk bietet qualitativ guten Poprock und ist vor allem sauber eingespielt und druckvoll anbgemischt worden. Die Platte wurde bis heute offiziell nur ein einziges Mal wiedereröffentlicht, und zwar als remasterte Mini LP CD in Südkorea (!). Es existieren jedoch weitere Bootlegs aus Fernost und nur auf der Stretch-Sammelbox "The Story Of Elmer Gantry", die im Jahre 1996 auf Repertoire Records veröffentlicht wurde, fanden alle Songs des Albums ihren verdienten Platz in der Geschichte dieser ungewöhnlichen Band, die ausser einem einzigen Hit ("Why did You Do It ?") nichts Zählbares für sich verbuchen konnte und trotzdem noch immer von vielen Rockfans auf der ganzen Welt geschätzt wird.






SORROWS - Teenage Heartbreak (Pavillion Records JZ 36369, 1980)

Das Debutalbum der Sorrows, das 1980 erschien und heute leider weitestgehend vergessen ist, kann durchaus als echter Power Pop Klassiker bezeichnet werden, der sehr gut mit beispielsweise der ersten LP der Gruppe THE BEAT von Paul Collins oder dem Frühwerk der Band THE PLIMSOULS verglichen werden kann. Musikalische Reminsiszenzen etwa auch an die KINKS lassen sich genauso gut finden wie auch eine Art veredelter Mod Rock aus den 60er Jahren. Trotzdem klangen die Sorrows damals, 1980, recht frisch und modern, legten eher Wert auf stilvolle Erscheinung und glasklare Produktion bei tollen Kompositionen mit hohem Wiedererknnungswert als punkige Attitüde oder unterkühlte New Wave-Elemente. Die Produktion der Platte war denn auch sehr bodenständig. Produzent John Luongo verpasste den Aufnahmen ein warmes Gewand, das den Songs einen sehr edlen Klang bescherten. John Luongo produzierte auch zahlreiche New Wave Acts in jener Zeit, so etwa die Gruppen VISAGE, BLANCMANGE, CABARET VOLTAIRE und später auch AEROSMITH und THE SILENCERS. Was die Platte der Sorrows so interessant macht ist, dass sie bis heute total zeitlos wirkt, ihre Musik nachwievor aktuell klingt und es die Platte beschämenderweise nie zu einer Wiederveröffentlichung gebracht hat. Das hängt vermutlich mit dem Umstand zusammen, dass angeblich die originalen Studio-Mastertapes der Platte verloren gegangen und bis heute verschollen geblieben sind. Die sogenannten "John Luongo Mixes" sind im Bereich der Discomusik ein Begriff. Luongo hatte zahlreiche 12" Remixe von populären Songs und Hits arrangiert. Beste Beispiele für die tollen John Luongo Remixe sind beispielweise jene de Songs "The Chinese Way (New York Remix)" von Level 42, "Major Tom (Coming Home)" von Peter Schilling oder "Staying Power" von Queen.

Die Sorrows bestanden aus dem Sänger und Gitarristen Arthur Alexander, der später auch als Produzent in Erscheinung trat und dabei Grössen wie Iggy Pop & The Stooges und T-Model Ford betreute. Alexander leistete aber auch als Techniker im Tonstudio exzellente Arbeit beispielsweise auf Platten der WARLOCKS und KING MUD. Ausserdem spielte er bei den MORLOCKS unter dem schlichten Pseudonym 'Arthur' mit. Der singende Bassist Ricky Street und der Schlagzeuger Jett Harris, der zuvor in der Punk Band FLIP YOUR WIG gespielt hatte, bildeten die Sorrows zusammen mit dem vierten Musiker Joey Cola, dem Gitarristen, der vor den Sorrows in der Band von Genya Ravan Gitarre gespielt hatte und auf deren Erfolgsalbum "Urban Desire" zu hören ist.

Der Musikstil der Sorrows (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Band aus den 60er Jahren) wird gemeinhin als Power Pop bezeichnet. Power Pop ist eine Bezeichnung für einen Musikstil zwischen Rock und Pop, der sich durch kurze 3 1/2-Minuten Pop Songs, einfache Arrangements, starke Melodien und markante Riffs auszeichnet und hauptsächlich von der Popmusik der 60er Jahre, der Mods, der Beatmusik und teils von amerikanischem Pop der 60er inspiriert ist. Der Power Pop der 70er und 80er Jahre fiel teilweise mit der Punk- und New Wave-Bewegung zusammen und hatte hörbaren Einfluss auf den modernen Pop-Punk und Indie-Pop. Neben den legendären BEACH BOYS und THE WHO gelten die bereits genannten KINKS, THE MOVE und vor allem die BEATLES als musikalischer Ursprung des Power Pop, auch die EVERLY BROTHERS spielten Mitte der 60er Jahre bereits einen als Power Pop kategorisierbaren Musikstil. Auch Bands der 70er Jahre wie THE EASYBEATS, BADFINGER, Alex Chilton's BIG STAR und die RASPBERRIES mit Phil Carmen wurden nachträglich dem Powerpop zugeordnet. Bis etwa 1978 erfuhr der Begriff Power Pop keine sonderliche Verbreitung, bis er von Musikjournalisten wieder aufgegriffen wurde, die ihn als Euphemismus für poppigere Punk-Gruppen verwendeten, um Punk in kommerziellere Bahnen zu lenken. Zu dieser Zeit wurden Künstler wie ELVIS COSTELLO, DAVE EDMUNDS, NICK LOWE, aus dem direkten Punk-Umfeld stammende Bands wie die RICH KIDS und die BUZZCOCKS ebenso wie Protagonisten des Mod-Revivals wie THE JAM oder THE VAPORS als Power Pop bezeichnet. Auch bei der Kleidung dieser Gruppen zeigte sich häufig der Einfluss der Mod-Szene oder der British Invasion mit ihren einfarbigen Anzügen, schmalen Krawatten und Kurzhaarfrisuren. Einige Bands, wie die ROMANTICS, fielen allerdings auch durch New Wave-Haarschnitte und Leder-Outfits auf. Kleidungsspezifisch passten die Sorrows hier also durchaus perfekt in dieses musikalische Genre.

Mit seiner Eingängigkeit schaffte es der Power Pop, zu einem der sich am längsten haltenden Trends der Popmusik zu werden. Er übt noch heute groSSen Einfluss auf viele Gruppen aus, in untereinander verwandten Genres wie Indiepop (TEENAGE FANCLUB), Alternative Rock (THE CARDIGANS, THE DANDY WARHOLS, FASTBALL, MAXIMO PARK, Pop-Punk (BOWLING FOR SOUP, GOOD CHARLOTTE, JIMMY EAT WORLD, SIMPLE PLAN, WEEZER) und Britpop (BABYSHAMBLES, THE LIBERTINES, SUPERGRASS). Die äusserst erfolgreiche Gruppe GREEN DAY wiederum bekannte sich dazu, seit ihrem Album "21st Century Breakdown" einen vollen Genrewechsel von Punk hin zum Power Pop vollzogen zu haben.

Die Platte der Sorrows, die einen Nachfolger erhielt im Folgejahr, der jedoch leider völlig unterging ("Love Too Late") und auf welchem als ausführender Produzent der legendäre Shel Talmy einen Top-Job machte, bietet 12 herrlich melodiöse und hochkarätige Power Pop Songs, die allesamt in den Gehörgängen hängen bleiben, und die weder durch übertriebene Härte, noch zu weichgespülte Arrangements glänzen. Sehr transparent klingt John Luongo's Produktion, glasklare Gitarren vermittelnm einen tollen Byrds-Twang und die Refrains laden jederzeit zum mitsingen ein. Sei es mit "Teenage Heartbreak" der tolle Einsteiger in das Album oder mit "Can't Go Back" der erste Song der B-Seite: Die Gruppe bietet zumeist herrliche Doppel-Gitarren-Arrangements, die sich gegenseitig stets unterstützen und nebeneinander perfekt harmonieren. Grosse Melodien wie jene von "I Don't Like It Like That", "I Want You Tonight" oder "All You Gotta Say" erfahren vor allem durch die mehrstimmigen Gesangslinien einen jederzeit tollen Pop Appeal, der die Sonne einfangen und festhalten kann.

Erwähnenswert sind diesbezüglich vor allem die Stimmen der Gast- und Chorsängerinnen Ellen Foley, die auch als Solokünstlerin, Schauspielerin und Duettpartnerin von MEAT LOAF bekannt ist, und Karla DeVito, die auch mit Jim Steinman zusammenarbeitete, für BLUE OYSTER CULT sang und auch Soloplatten veröffentlichte. Susan Hall, die später für NEIL YOUNG und MOON MARTIN arbeitete, und die zum damaligen Zeitpunkt bereits legendäre Ellie Greenwich setzten weitere gesangliche Glanzpunkte. "Teenage Heartbreak" ist ein musikalisches Juwel, das heute leider praktisch vergessen ist, das sich aber jederzeit lohnt, entdeckt zu werden. Vor allem wird jedem Musikhörer, der sich die Platte einmal anhört, erstaunt sein, dass die Musik der Sorrows so frisch und unverbraucht klingt, als wäre sie erst unlängst veröffentlicht worden. Dabei hat das Album schon mehr als 35 Jahre auf dem Buckel.




FAMILY - It's Only A Movie (Raft Records RA 58501, 1973)

Die Gruppe Family war eine der besten sogenannten Underground Bands aus England, die ähnlich wie beispielsweise auch die hervorragende Edgar Broughton Band oder Atomic Rooster den Sprung in die 70er Moderne letztlich nicht geschafft haben, obwohl doch eigentlich alles dafür Notwendige vorhanden gewesen war: Qualität, Können, eine sprichwörtliche Vielseitigkeit und ein Gespür für gute Songs. "It's Only A Movie" war das siebte Studioalbum der Progressive Folk- und Rockband Family, die stilistisch hauptsächlich von den beiden Hauptprotagonisten Roger Chapman und Charlie Whitney bestimmt wurde. Es erschien im September 1973 und man würde es kaum glauben, aber noch im selben Jahr fiel die Gruppe auseinander. Dabei hatte sie sich erst einige Monate zuvor neu formiert, und dies zudem mit ausserordentlich tollen neuen Bandmitgliedern, die bereits eine lange musikalische Karriere aufweisen konnten.

Der Pianist Tony Ashton (Remo Four, Ashton, Gardner & Dyke) und der Bassist und Gitarrist Jim Cregan waren bei Family eingestiegen, um die ausgestiegenen Poli Palmer und John Wetton zu ersetzen. Bereits zuvor war auch Jim Weider ausgestiegen, der ehemalige Bandkumpel von Poli Palmer bei der britischen Band The Blossom Toes. John Wetton war bereits zu King Crimson gewechselt, dem der Keyboarder Poli Palmer später folgte. Speziell Tony Ashton sorgte für einen ziemlich frischen Wind im Sound der Gruppe Family, speziell dessen Honky Tonk-ähnlichen Einlagen beispielsweise im Titelstück auf einem herrlichen Schifferklavier zeigten eine völlig neue Seite der Gruppe, die mit ihrem Stück "It's Only A Movie" fast so etwas wie eine Verneigung vor dem grossen alten Hollywood Western präsentierte. Diesen Eindruck vermitteln auch weitere Songs auf diesem Werk, das über weite Strecken tatsächlich fast wie ein Konzeptalbum wirkt, weil einige Songs tatsächlich den typischen Charakter von Film Soundtrack Musik zeigten. Dabei standen manchmal schon fast gesprochene Textpassagen neben mit vielerlei Soundeffekten ausgestattete Lieder, die in einem Film tatsächlich eine gute Figur hätten machen können.

Der hörbarste Unterschied zur Musik von zuvor aber war die klare amerikanische Ausrichtung. Family klangen hier nicht mehr typisch britisch, sondern eher amerikanisch, mit dieser punktgenau eingesetzten Portion Glamour und Unterhaltung, was ihre Musik allerdings keinesfalls schlechter machte. Im Gegenteil: Hätte die Gruppe diese neu eingeschlagene Richtung beibehalten und vielleicht kontinuierlich ausgebaut, hätte es vielleicht doch noch zum grösseren kommerziellen Erfolg gereicht, welcher der Gruppe in ihrer gesamten Karriere leider nie zuteil wurde. In England waren sie immer schon sehr beliebt und recht erfolgreich. Was ihnen immer fehlte, war ein durchschlagender Hit - dieser eine Song, der sie berühmt gemacht hätte. Die im Jahr zuvor aus dem Album "Bandstand" ausgekoppelte Single "Burlesque" war schon ein Schritt in die richtige Richtung. Aber eben: personelle Umbesetzungen bringen auch oft eine stilistische Neuausrichtung, und so konnte die Band keinen adäquaten Single-Nachfolger für das recht erfolgreiche "Burlesque" nachreichen.

Auch dem Album "It's Only A Movie" war kein nennenswerter Erfolg beschieden, weshalb sich das letzte auf der LP befindliche Stück "Check Out", ein bärenstarker, fetter und schleppender Rocker mit einer tonnenschweren Hamondorgel schliesslich als Omen entpuppte: Die Band checkte aus und trennte sich. Charlie Whitney und Roger Chapman arbeiteten weiterhin zusammen und gründeten die Formation Streetwalkers, schafften mit dieser Gruppe den stilistischen Turnaround dann doch und reüssierten mit "Downtown Flyers" im Jahre 1975, nachdem sie bereits im Jahr zuvor mit dem ersten gemeinsamen neuen Album "Chapman/Whitney Streetwalkers" die neue musikalische Ausrichtung in groben Ansätzen präsentiert hatten. Family waren letztlich vielleicht auch das Opfer einer falschen Verkaufsstrategie, respektive einer falsch eingeschätzten Vermarktungspolitik. "It's Only A Movie" hätte gerade in den USA stärker beworben werden müssen, denn der auf dem Album gespielte Rocksound mit etlichen Zitaten der 30er und 40er Jahre, hätte in Amerika bestimmt gepunktet. In den Staaten erschien das Album denn auch auf United Artists: Wiederum Pech für die Gruppe, denn das Label United Artists befand sich dort gerade kurz vor der baldigen Auflösung.

Nichtsdestotrotz befinden sich auf dem Album einige der bemerkenswertetsten Songs der Gruppe überhaupt, denn sie klangen teils frappant frischer als manche zuletzt noch in der alten Besetzung veröffentlichten Titel. Speziell das bluesige,  mit hörbaren Country-Elementen ausgestattete "Leroy",das eine wunderschöne Verschmelzung aus Comedy und warmem Americana-ähnlichem Flair bot. Das geschickt inszenierte "Buffet Tea For Two", eine der typischen Chapman/Whitney-Kompositionen mit einem lässigen Grundgroove und forcierten Zwischenparts. Das recht sexy ausgefallene "Sweet Desirée", ebenfalls ein tolles Chapman und Whitney-Stück, klang wie eine unterschwellig erotische Wiederbelebung des klassischen "Louie Louie"-Themas, während "Boots 'N' Roots" vor allem die herrlich jazzigen, fast Vaudeville-artigen Einwürfe im 30er und 40er-Jahre Glamour-Stil auszeichnete. "Boom Bang" und vor allem das letzte Stück "Check Out" waren dann zünftige und teils mächtige Rock-Nummern, wie sie seit der "Bandstand"-Platte doch auch schon öfters mal ins Repertoire der Band Einzug hielten. Hier kriegte man Meckerziege Roger Chapman in Reinkultur zu hören. Diesen markanten Gesangsstil verwendete Chapman später auch auf den Streetwalkers-Alben, sowie auf seinen Soloplatten immer häufiger. Dieser Gesangsstil wurde zu seinem typischen Markenzeichen und wies einen hohen Wiedererkennungsfaktor auf.

Als beste Stücke auf diesem Album kann ich kaum einen Titel nennen, denn für meinen ganz persönlichen Geschmack ist es das einzige Werk der Gruppe Family, das mit allen Stücken überzeugen kann, wohingegen frühere Werke doch immer mal wieder weniger spektakuläre Songs enthielten, die man schnell vergass oder die einfach zu wenig überzeugten. Vielleicht war das auch mit ein Grund dafür, dass die Band den ganz grossen Durchbruch nicht schaffte. In England war die Gruppe sehr populär, bestritt viele Konzerte und schaffte sich auch in Deutschland so viele Bands, dass davon Roger Chapman später mit seiner eigenen Karriere ganz bestimmt profitierte. Der Shouter mit der Reibeisen-Meckerstimme war hierzulande besonders erfolgreich, wovon gute Plattenverkäufe oder etwa ein legendärer Auftritt auf der Loreley im Rahmen der Rockpalast-Reihe zeugen. "It's Only A Movie" kann ich wärmstens empfehlen. Die Platte begleitet mich schon seit Erscheinen im Jahre 1973.

Das 40-jährige Jubiläum der Bandauflösung beging die Gruppe Family am 1. und 2. Februar 2013 im Londoner O2 Shepherds Bush Empire mit zwei Reunion-Konzerten in der Besetzung Roger Chapman, Rob Townsend, Poli Palmer und Jim Cregan plus einigen Gastmusikern. Zudem waren Family am 16. August desselben Jahres neben Asia und Caravan die Hauptattraktion des Festivals "Rockin' The Park 2013" in Nottinghams Clumber Park.