Aug 1, 2020



THE WILD SWANS - Space Flower (Sire Records 9 26154-2, 1990)

Eines gleich vorweg: Musik von Ian Broudie erkennt man immer auf Anhieb. Er hat diesen einzigartigen, schwelgerischen Pop-Sound, den nur er hinkriegt. Er klingt nicht Retro, er IST Retro, und das war er schon immer. Alle seine Platten atmen den Geist der guten alten Zeit, als Songs noch Strophen und Refrains aufwiesen, die jedermann mitsingen kann - Songs, die selten mal die 3 Minuten-Marke sprengen und die so zeitlos sind, dass sie immer ganz nahe an die grossen Beatles-Songs herankommen. Speziell auf dem 1990 erschienenen Album "Space Flower" präsentierte er Musik, die genauso gut hätte von den Fab Four stammen können. Ian Broudie ist ein Meister der einfachen Melodie. Er hat ein Gespür für Eingängigkeit und schreibt Ohrwürmer am laufenden Band. Auch nach den Wild Swans, als er mit seiner Gruppe THE LIGHTNING SEEDS so richtig berühmt wurde, setzte er auf dieselbe Formel und konnte immense Plattenerfolge feiern.

Der am 4. August 1958 in Liverpool geborene Broudie startete seine Karriere im Jahre 1977 als Mitglied der Punk Band BIG IN JAPAN, der unter anderem das spätere FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD-Mitglied Holly Johnson angehörte. Nachdem die Band sich nach nur 15 Monaten wieder aufgelöst hatte, war Ian Broudie als Musikproduzent tätig, so etwa für die Bands ECHO & THE BUNNYMEN und THE FALL sowie für THE BODINES und THE PALE FOUNTAINS. Ab Ende 1979 spielte Broudie in der Formation THE ORIGINAL MIRRORS, der auch der spätere Status Quo-Schlagzeuger Pete Kircher angehörte. Die Original Mirrors lösten sich Ende 1981 wieder auf, nachdem die auf dem Plattenlabel Mercury Records veröffentlichten Aufnahmen ohne zählbaren Erfolg geblieben waren. 1983 gründete Broudie dann zusammen mit Paul Simpson die Band CARE. Diese Band veröffentlichte drei Singles, löste sich aber ebenfalls schon bald wieder auf. Danach bildeten Jeremy Kelly, Joseph Fearon, Paul Simpson und Ian Broudie die Gruppe THE WILD SWANS, und unter diesem Banner spielte Broudie einige Jahre recht erfolgreich seine nachwievor auf denselben musikalischen Eckpfeilern basierenden Pop-Songs, die einerseits von den New Wave-dominierten 80er Jahren, jedoch weiterhin auch von den popmusikalischen Ideen der Beatles inspiriert waren. Noch bevor mit "Bringing Home The Ashes" im Jahre 1988 das erste Album der Wild Swans erschien, hatte die Band bereits fünf Singles und EP's veröffentlicht, die allesamt zwar zur Kenntnis genommen wurden, jedoch lediglich unter Insidern und Fans hohes Ansehen genossen.

1990 richtete Ian Broudie seine Wild Swans personell neu aus und auch musikalisch gelang ein neues Konzept, das nunmehr zum Alternative Pop tendierte. Der ganze 60er Jahre Appeal kam hier nun voll zum tragen, währenddessen die zuvor noch stilbildenden New Wave Elemente gänzlich verschwunden waren. Grossen Anteil an diesem neuen "alten" Sound, der nun noch mehr dem Pop der Beatles näherkam, hatten der neu dazugekommene Multi-Instrumentalist Ian McNabb, der neben seinen sehr erfolgreichen Soloplatten vor allem auch durch seine Arbeit in der Band THE ICICLE WORKS bekannt ist, sowie der neue Schlagzeuger Chris Sharrock, der ebenfalls mit den Icicle Works gespielt hatte. Interessant war, dass die zweite Platte "Space Flower", die in der neuen Besetzung eingespielt wurde, noch erschien, als Ian Broudie bereits mit seinem nächsten Projekt erfolgreich war: den Lightning Seeds. 1989 schaffte er mit ihnen den Durchbruch: Das Album "Cloudcuckooland" schaffte es in die britischen Charts. Die Single-Auskopplung "Pure" erreichte Platz 16 der Hitparade und war damit der bislang erfolgreichste Song, den Ian Broudie veröffentlicht hatte.

Nicht zuletzt der auch für Ian Broudie eher unerwartete Erfolg seiner Lightning Seeds führte dazu, dass es nach dem Album "Space Flower" für die Wild Swans keine Verlängerung mehr gab. Broudie beendete das Bandprojekt. Ian McNabb spielte auf der Lightning Seeds LP "Cloudcuckooland" noch als Gast mit, während die anderen Wild Swans Musiker sich in alle Himmelsrichtungen verstreuten. "Melting Blue Delicious", der Opener der LP "Space Flower" besitzt diesen unwiderstehlichen Garage Pop-Groove der 60er Jahre, verfügt wie fast alle weiteren Songs der Platte über einen tollen und glasklaren Sound, der stark am Pop von Mitte bis Ende der 60er Jahre orientiert ist. Dank ausgeklügelter Arrangements und moderner Studiotechnik klingen die Stücke jedoch ganz und gar nicht hausbacken, sondern verfügen durchaus über einen zeitgemässen Sound-Charakter, ohne anbiedernd kommerziell wirken zu wollen. Genauso das macht die Songs auch aus: "Butterfly Girl", "Tangerine Temple", "Immaculate", "Chocolate Bubblegum": Sie alle entpuppen sich als wahre Ohrwürmer ohne Verfallsdatum, sie sind innert kürzester Zeit mitsingbar und werden nie langweilig. Mit dem ausgedehnten Titelstück "Space Flower", einem herrlich sanft pluckernden Boogie und dem ausladenden, über eine Distanz von 10 Minuten gleitenden "Sea Of Tranquility", das über eine längere Zeit instrumental gespielt wird und den Zuhörer wie auf einer Wolke davonträgt, bietet das Album zwei wunderschöne Höhepunkte, die man nicht unbedingt erwarten kann zwischen all den kurzen Pop-Songs. Sehr schade daher, dass Ian Broudie das neu ausgerichtete Wild Swans-Konzept nach so einem wundervollen Album nicht weitergeführt hat.

Das Jahr 1996 bescherte Ian Broudie stattdessen mit seinen Lightning Seeds den grössten Hit: "Three Lions", die offizielle Hymne zur Fussball-Europameisterschaft 1996 in England. Der Song erreichte Platz 1 der britischen Charts. Sein Titel bezog sich auf die drei Löwen, die auf den Trikots der englischen Fussballspieler abgebildet sind. 1999 sollte mit "Tilt" das letzte Album der Lightning Seeds erscheinen. Nach einer Abschiedstournee löste sich die Band auf. In den folgenden Jahren war Ian Broudie wiederum als Produzent tätig, unter anderem für TERRY HALL und die bekannten Liverpooler Bands THE CORAL und THE ZUTONS. Zuletzt produzierte er 2006 das Debütalbum der Londoner Independent-Band THE RIFLES.

Sein erstes Soloalbum "Tales Told" veröffentlichte Ian Broudie im Jahr 2004. Im Gegensatz zum poppigen Sound der Lightning Seeds- und Wild Swans-Werke ist dieses Album ruhig und sparsam instrumentiert. 2005 erschien die EP "Smoke Rings". 2009 meldete sich Ian Broudie noch einmal mit seinen Lightning Seeds zurück mit dem Album "Four Winds". Die LP "Space Flower" darf durchaus zu den besten Momenten im musikalischen Schaffen von Ian Broudie gezählt werden, auch wenn es damals wie heute kaum bekannt geworden ist.










BOX OF FROGS - Box Of Frogs (Epic Records BFE 39327, 1984)

Wem die Gruppe Box Of Frogs damals in den 80er Jahren durch die Lappen gegangen ist: Das war im Grunde eine Reunion der Yardbirds mit neuem Namen, nun ja, etwas grobschlächtig ausgedrückt, denn einige prominente ehemalige Yardbirds-Musiker waren natürlich nicht mehr dabei. So etwa die legendären Gitarristen, die den Yardbirds-Sound damals entscheidend mitprägten: Eric Clapton und Jimmy Page. Ausserdem auch der Sänger Keith Relf, der da schon verstorben war, nachdem er im Jahre 1975 ein letztes Mal musikalisch in Erscheinung trat mit einem hammermässigen Hardrock Album unter dem Bandnamen Armageddon. Doch drei ursprüngliche Original-Mitglieder der Yardbirds gründeten Box Of Frogs: Der Rhythmusgitarrist Chris Dreja, der Bassist Paul Samwell-Smith und der Schlagzeuger Jim McCarty. Dazu gesellte sich als festes Bandmitglied der ehemalige Sänger der Gruppe Medicine Head ("One And One Is One", "Rising Sun") und einige Gastmusiker, von denen zwei berühmte Leadgitarristen für den nötigen kompetenten Blues- und Rock-Gitarrensound sorgten, und zwar Rory Gallagher und einer der drei ehemaligen Original-Gitarristen der Yardbirds, nämlich Jeff Beck. Beide verstanden sich in der Formation Box Of Frogs allerdings nur als Gastmusiker, wollten nicht als permanente Bandmitglieder an Bord sein, weil sie als Solokünstler sehr erfolgreich unterwegs waren und einfach viel um die Ohren hatten. Ray Majors und Dzal Martin waren zwei weitere Leadgitarristen, die den Sound von Box Of Frogs solistisch unterstützten, auch sie jedoch nur als Gäste bei einzelnen Stücken.

Man fragt sich dabei natürlich schnell einmal: Kann so etwas denn überhaupt wie eine geschlossene Band klingen ? Ich denke ganz klar: Ja, das kann es. Ich meine sogar, dass die Gruppe durch die vielen Gastmusiker sogar eine sehr gehaltvolle Platte abgeliefert hat, weil sie entsprechend den individuellen Solisten einen grossen Reichtum an Abwechslung bot. Die Initialzündung für Box Of Frogs war die Anfrage an die drei Musiker, ob sie nicht im Rahmen eines Yardbirds Reunion Konzertes im legendären Marquee Club in London auftreten wollen. Der Marquee Club feierte 1983 sein 20 jähriges Bestehen und die originalen Yardbirds spielten dort regelmässig und waren sehr erfolgreich. Die Musiker entschlossen sich, einige Aufwärmkonzerte zu bestreiten, was sie in Spanien auch machten und spielten dann im Marquee Club wie geplant ihr Reunion-Konzert am 23. Juni 1983. Dieser Auftritt machte dann einfach Lust auf mehr und so entschlossen sich die drei Musiker, eine neue Band ins Leben zu rufen, die allerdings nicht den Namen Yardbirds tragen würde. Weil Keith Relf verstorben war und von den damaligen Gitarristen keiner mehr dabei war, entschlossen sich die Musiker, unter dem Namen Box Of Frogs an den Start zu gehen. Diesen ungewöhnlichen Bandnamen legten sie sich zu, weil ein Verantwortlicher von Island Records mit Namen Nick Stewart raunzte: "Such-and-such had a face like a box of frogs". Das fanden sie cool und gaben sich spontan diesen Namen.

Mit John Fiddler kam dann der ehemalige Sänger von Medicine Head in die Gruppe. Dies war ebenfalls eine eigentlich logische Wahl: Fiddler sang beim Reunion-Auftritt im Marquee Club einige Songs mit der Band, und ausserdem arbeitete der ehemalige Yardbirds-Sänger Keith Relf auch als Produzent und Bassist mit der Gruppe Medicine Head zusammen. So führte eines zum anderen und John Fiddler sagte sofort zu, bei Box Of Frogs das Mikrophon zu übernehmen. John Fidler stellte quasi eine direkte Verbindung zu den ehemaligen Yardbirds dar. Nachdem das Quartett zusammen war, folgten bereits kurze Zeit später einige Demoaufnahmen in den legendären Rockfield Studios in Monmouth, Wales. Geplant war, eine Plattenfirma zu suchen, um eventuell eine EP mit vielleicht vier Songs zu veröffentlichen. Das CBS-Unterlabel Epic Records offerierte dann aber ziemlich rasch und für die Band einigermassen überraschend einen Plattenvertrag, der zwei Alben umfassen sollte, die innerhalb von zwei Jahren veröffentlicht werden sollen. Um den Verkauf der ersten LP anzukurbeln, stellte die Plattenfirma den Musikern einige Top-Artisten zur Seite, nämlich die bereits erwähnten Superstars Rory Gallagher und Jeff Beck, und ausser Ray Majors und Dzal Martin auch Max Middleton, den langjährigen Keyboarder aus Rod Stewart's Band, sowie den Mundharmonikaspieler Mark Feltham von Nine Below Zero. Besonders Letzterer sorgte mit seinem tollen Bluesharp-Spiel für bemerkenswerte musikalische Akzente im Opener "Back Where I Started", dem vielleicht stärksten Stück der ganzen Platte mit einem ausgezeichneten Jeff Beck an der Leadgitarre.

Ausser dem brillianten Opener drückte Jeff Beck auch den klasse Songs "Another Wasted Day", einem halbakustischen Boogie, der topmodern arrangiert war, und dem launigen "Two Steps Ahead" seinen stilistischen Stempel auf. Rory Gallagher wiederum zeigte sich besonders von seiner kernig-rockigen Seite: "The Edge", ein forscher, vorwärtstreibender Blues-Rocker hätte genauso gut auf einer seiner eigenen Platten zu finden sein können. Im Stück "Into The Dark" brillierte Gallagher ausserdem an der fabelhaften Slide Gitarre und spielte auch eine wundervolle Einlage an der indischen Sitar. Mit dem Stück "Love Inside You" wagten die ehemaligen Yardbirdies sogar einen Ausflug in den modernen Poprock, und der gelang eigentlich wider Erwartens recht gut: Eine schöne Melodie, zu der John Fiddler's Gesang perfekt passte, liess offensichtlich auch radiotaugliches Songmaterial zu, etwas, das man von einer quasi Yardbirds-Reunion jetzt vielleicht nicht unbedingt hätte erwarten können. Das ebenso poprockige, allerdings eher in Richtung Rolling Stones tendierende "Harder" wiederum war ähnlich von der Idee her: Hier passte vor allem John Fiddler's Gesang absolut perfekt. Der Sänger kam ja eigentlich sowieso aus dem Pop-Bereich, verfügt auch über eine tolle Melodiosität in seinem Gesang und würzte mit seiner prägnanten Stimme alle Songs auf diesem Album sehr gut.

Zwei Jahre nach diesem Debutalbum, das sich besonders in den USA überraschend gut verkaufte, jedoch mangels einer richtigen US-Tournee bald einmal vergessen ging, lieferten Box Of Frogs mit der LP "Strange Land" ein weiteres Album ab, das im Grunde nach demselben Schema funktionieren sollte: Die vier Hauptmusiker plus einige Gastmusiker mit guten Namen. Trotz der Beteiligung von Ian Dury, Steve Hackett, Jimmy Page (als weiterem originalen Yardbirds-Gitarristen) und Roger Chapman gelang der Gruppe allerdings kein berauschendes Werk mehr. Besonders das Songwriting liess doch markante Schwächen gegenüber dem Debutalbum erkennen. Die Songs auf "Strange Land" wollten nicht zünden, die Platte verkaufte sich auch wesentlich schlechter als das Erstlings-Werk. Folgerichtig trennte sich das Quartett nach diesen beiden Alben wieder. 1992 erfolgte dann die offizielle Reunion der Yardbirds, die bis Dezember 2014 dauerte. Da gab Jim McCarty dann die definitive Auflösung der Band bekannt, nachdem im Oktober 2013 der Bandgitarrist Gypie Mayo (der ehemals bei Dr. Feelgood spielte) nach langer Krankheit verstorben war.






BAD COMPANY - Bad Company (Swan Song Records SS 8410, 1974)

Eine der ersten Platten, die auf dem von Led Zeppelin seinerzeit neu gegründeten "Swan Song" Label erschien war das erste Album von Bad Company mit diesem schlichten Coveraufdruck "Bad Co.". Mit Paul Rodgers und Simon Kirke waren hier zwei altbekannte Namen der Szene vertreten, bildeten diese beiden doch zuvor eine Hälfte der erfolgreichen, aber innerlich zerrissenen britischen Rockband Free. Nach deren unrühmlichem Abgang versuchten Kirke und Rodgers mit Bad Company einen etwas energetischeren Neuanfang. Unter kompetenter Mithilfe des absoluten Ausnahmegitarristen Mick Ralphs und dem Bassisten Boz Burrell wurde gleich das Debütalbum auf Anhieb ein Riesenerfolg auf beiden Seiten des Atlantiks. In den USA schoss das Album 1974 auf Platz 1 der LP-Charts, in Grossbritannien konnte man mit Platz 3 aufwarten. Beides eine bessere Platzierung als es die Gruppe Free zuvor je verbuchen konnte. Dies lag vermutlich daran, dass das Songmaterial auf "Bad Co." doch deutlich kommerzieller ausgefallen war und eine grössere Hörerschaft ansprechen konnte. Weniger komplex und vor allem deutlich weniger blueslastig, zugunsten eines leicht verdaulichen Rocksounds zeigte "Bad Co." schon deutlich, in welche musikalische Richtung es fortan gehen sollte: Für die nächsten paar Jahre würde die Gruppe Bad Company an der Spitze des melodischen Hardrocks mit dabei sein und sich im Laufe der Zeit immer wieder den marktbestimmenden Sounds anpassen. Dagegen fiel das Debütalbum der Band allerdings noch vergleichsweise ruhig aus. Songs wie "Ready For Love", "Don’t Let Me Down", "Seagull" oder das Titelstück "Bad Company" kann man durchaus noch stilistisch in die Nähe von Free bringen.

Andererseits gibt es aber auch die bekannten Standards, die dem Album wohl seinen aussergewöhnlichen Erfolg bescherten. An allererster Stelle wäre da natürlich "Can’t Get Enough" zu nennen. Ein Klassiker, den wohl jeder Rockfan gehört haben musste damals und der ähnlich wie Songs vom Schlage "Smoke On The Water" oder "All Right Now" zum Standard Rock-Repertoire gehört wie der Asphalt auf die Autobahn. Daneben gab es mit "Bad Company" und "Rock Steady" noch zwei absolute Überflieger, die zum Standardprogramm jeder ernst zu nehmenden Rocksammlung gehören sollten. Im direkten Vergleich konnte sich "Bad Co." zwar rein qualitativ nicht mit den besten Werken der vormaligen Free messen, das Album ist jedoch längst ein wichtiger Klassiker des Rock der 70er Jahre. Das Album gehört ohne Zweifel zu den besten und erfolgreichsten Debutalben der damaligen Zeit. Der harte Rock hatte um 1974 nicht gerade seine Sternstunden, neue Stilrichtungen wie der Disco-Sound kamen langsam auf. Praktisch ohne Vorwarnung standen da Bad Company plötzlich mit ihrem in Amerika wie Europa erfolgreichen Album und dem Heavy-Klassiker "Can t Get Enough" im Rampenlicht. Eine Rockband mit bluesigem Hintergrund, welche mit Paul Rodgers und Mick Ralph die besten Elemente der Gruppen Free und Mott the Hoople vereinen konnte.


Obwohl die 1968 gegründete britische Blues- und Hardrockgruppe Free mit ihrem 1973 unter chaotischen Umständen entstandenen sechsten Album "Heartbreaker" noch einmal ein tolles Werk präsentierte, das mit den Stücken "Wishing Well", "Come Together In The Morning", "Travellin' In Style" und "Heartbreaker" mindestens vier musikalische Meilensteine in sich trug, kam es kurz darauf zur endgültigen Trennung. Sänger Paul Rodgers schlug klugerweise das Angebot, Ian Gillan bei Deep Purple zu ersetzen, aus, und gründete stattdessen zusammen mit seinem Free-Kollegen Simon Kirke (Schlagzeug), dem Gitarristen Mick Ralphs, der zuvor bei Mott The Hoople gespielt hatte und Bassist Boz Burrell, der von Kking Crimson kam, die Gruppe Bad Company. Flugs unterschrieb das Quartett bei Led Zeppelin's neu gegründetem Plattenlabel Swan Song, ging ins Studio und veröffentlichte im Juni 1974 dieses Debütalbum Sicherlich waren die Jungs von sich überzeugt gewesen, aber dieser pfeilschnelle Flug in die Sphären des absoluten Rockhimmels war zu dem Zeitpunkt nicht wirklich absehbar. Die Platte geriet exzellent, aber, um es milde zu formulieren, sicherlich nicht besser als diverse Alben von Free, deren absolute Höchstplatzierung in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Nummer 18 gewesen war - mit ihrem erfolgreichsten Album "Fire And Water", das den Welt-Hit "All Right Now" beinhaltete.

Der Eröffnungstrack "Can't Get Enough" von Mick Ralphs, ein simpler, rauher, hemdsärmliger Hardrocktitel, wurde als Single ausgekoppelt, stieg bis auf Platz 4 der US-Charts und trat damit sozusagen die Nachfolge des Free-Klassikers "All Right Now" an. "Rock Steady" von Paul Rodgers war von ähnlichem Kaliber, kam aber wesentlich cooler daher. Dann folgte mit "Ready For Love" die erste Ballade. Der Song war bereits 1972 auf dem Mott The Hoople-Album "All The Young Dudes" veröffentlicht worden, damals eingesungen von Autor Mick Ralphs und dem Mott The Hoople Bandleader Ian Hunter. Paul Rodgers kam mit dieser schönen Nummer zwar prima zurecht, gleichwohl klingt das Original "Ready for Love/After Lights" von Mott The Hoople noch ein bisschen romantischer. Mit "Don't Let Me Down", der zwar fast wie der grossartige gleichnamige Beatles-Song von 1969 beginnt, sich dann aber schnell zu einer Art Gospel mit opulenem weiblichen Chor und einem markanten Saxophonsolo entwickelte, endete die erste Seite des Albums.

Die B-Seite des Albums startete mit dem überragenden Titelsong "Bad Company", dem absoluten Trademark-Song der Band. Ein wunderbares, luftigleichtes, von Klavier und Gitarre getragenes Intro mit einem erst säuselnden, dann wunderbar zu singen beginnenden Paul Rodgers und dem schliesslich von Simon Kirke's Schlagzeug eingeleiteten Refrain, das war definitiv das Meistertstück dieser Gruppe. Ein absolut grandioses Gitarrensolo von Mick Ralphs, und schliesslich wieder der Refrain bis hin zum gemeinsamen Bandfinale. Einfach grossartig. "The Way I Choose" war eine jener typischen Rock-Balladen, die vermutlich kaum ein anderer Sänger jemals so intensiv hätte vortragen können wie Paul Rodgers. Mick Ralphs streichelte buchstäblich seine Gitarre, und selbst das Saxophon passte sich ganz wunderbar in dieses zum sterben schöne Stück hinein. Mit "Movin' On" folgte zur Abwechslung ein straighter Rocker. Der Song wurde als zweite Single des Albums veröffentlicht und erreichte Platz 29 in den USA. Das Stück "Movin' On" hatte auch die unter Rock-Insidern bekannte Band Hackensack als Single veröffentlicht, jedoch ohne jeglichen Erfolg. Beim abschliessenden Song "Seagull" kam schliesslich die akustische Gitarre ins Spiel und verbreitete friedliche Lagerfeuer-Romantik. Ein Fest für Paul Rodgers' seelenvolles Organ und gleichzeitig ein ebenso harmonisches, wie unspektakuläres Finale dieses abwechslungsreichen Werks.

Trotz des überragenden Erfolges in anderen Ländern blieben die deutschen Plattenkäufer sehr reserviert, denn mehr als Platz 45 und ganze vier Wochen in den Albumcharts sprangen für Bad Company nicht heraus, während sich die Singles erst gar nicht platzieren konnten. Und so sollte es dann auch später weitergehen: Deutschland und Bad Company blieben sich immer irgendwie fremd. Das ist schade, aber leider eine historische Tatsache. Das schon nach wenigen Monaten präsentierte nachfolgende Album "Straight Shooter" konnte den Erfolg des Erstlings-Werks noch toppen. Es klang allerdings schon sehr viel amerikanischer, denn es kristallisierte sich schon nach wenigen Monaten heraus, dass die Band vor allem in den Staaten riesige Erfolge feiern konnte. Der Bluesanteil war da schon praktisch komplett weg. Wenn, dann reduzierte sich der Blues auf "Straight Shooter" auf einen Song wie "Weep No More", dessen streichergeschwängertes Arrangement nicht Jedermann's Sache war. Mir persönlich gefielen beide Alben von Bad Company sehr gut, auch heute noch. Vielleicht hat sich das Debutalbum jedoch bis heute etwas vom Geist der Rocklegende Free bewahren können, weshalb es noch immer als das beste Werk der Band um Paul Rodgers und Mick Ralphs bezeichnet wird. 


Peter Grant, seines Zeichens Manager von Led Zeppelin, sah und hörte jedenfalls gleich zu Beginn der ersten Demoaufnahmen eine grossartige Gruppe und verpflichtete die Band für das Label Swan Song. Ihm ist es daher zu verdanken, dass uns diese Band nicht verborgen blieb. Zeitweise konnten Bad Company gar mit der Popularität von Led Zeppelin gleichziehen, besonders in Amerika. Trotzdem begann der Stern der Band kontinuierlich zu sinken. Letztlich unverständlich, denn eine wirklich mässige oder gar unterdurchschnittliche Platte haben Bad Company auch in späteren Jahren nie veröffentlicht, auch nicht, als mit zwei anderen Leadsängern die sich musikalische Ausrichtung der Band teils gravierend veränderte. Die schlechte Gesellschaft ist, in musikalischer Hinsicht, immer eine gute Gesellschaft gewesen.






THE DANDY WARHOLS - Thirteen Tales From Urban Bohemia
(Capitol Records CDP 7243 8 57787 2 8, 2000)

Im Jahre 1994 wurden The Dandy Warhols von Courtney Taylor-Taylor (Gesang und Gitarre), Peter Holmstrom (Gitarre), Zia McCabe (Keyboard) und Eric Hedford (Schlagzeug) gegründet. Die Gruppe war musikalisch zunächst eher dem Psychedelic Rock und dem Power Pop verpflichtet, zeigten aber auch immer einen Hang zum punkigen Rocksong, der klassische Züge des rauhen Rock'n'Roll und des Garagenrock aufwiesen. Der Name der Band leitet sich vom Namen des Pop Art-Künstlers Andy Warhol ab, der sich besonders in den 60er Jahren in den USA grosser Beliebtheit erfreute und in dessen Kreis in New York die Band Velvet Underground, von der The Dandy Warhols musikalisch stark beeinflusst ist, zeitweise lebte. Courtney Taylor-Taylor und Peter Holmstrom hatten sich bereits im Alter von 14 Jahren in einem Musikcamp in Oregon kennengelernt. Taylor-Taylor begann in einer Glam Rock Band namens "Beauty Stab" Schlagzeug zu spielen. Nachdem beide das College abgeschlossen hatten, beschlossen sie, gemeinsam eine Rockband zu gründen.

Das erste Album der Dandy Warhols erschien 1995 unter dem Titel "Dandy’s Rule OK ?". Capitol Records nahm die Band noch im selben Jahr unter Vertrag. Trotzdem wollte das neue Label das zweite Album der Band mit der Begründung, es enthalte keine Hits, nicht veröffentlichen. Enttäuscht, aber nicht entmutigt, machte sich die Band daran, weiterzuproben und neue Lieder zu schreiben. 1997 kam dann das ziemlich heftige, aber sehr engagierte Album "Come Down" auf den Markt. Obwohl das Album trotz toller musikalischer Ausrichtung in perfekter Balance von Garage Rock und Psychedelic Rock und qualitativ bemerkenswerter Rocksongs nicht zum ersehnten Durchbruch in den USA führte, wurde die Band in Europa mehr und mehr zu einem Geheimtipp. Die erhöhten Verkaufszahlen in Europa führten schliesslich dazu, dass die Single "Not If You Were The Last Junkie On Earth" als Musikvideo von dem Starfotografen David LaChapelle verfilmt wurde. Der Schlagzeuger Eric Hedford verliess die Gruppe im Jahre 1998. Ihn ersetzte Taylor's Cousin Brent DeBoer.

Den endgültigen Durchbruch schaffte die Band im Jahr 2002 mit dem Titel "Bohemian Like You" vom 2000 veröffentlichten Album "Thirteen Tales From Urban Bohemia". Der Song diente als musikalische Untermalung in einem Vodafone-Werbespot. Das Bemerkenswerte an dem Album war, dass die Gruppe sich hier sehr vom Experimentieren der frühen Jahre distanzierte und sich einem breiteren Publikum zu öffnen versuchte. Die teils recht gewöhnungsbedürftigen Klanglandschaften und minutenlange Intros wichen konkreteren und konsumierbareren Titeln in mehr oder weniger normalen Songlängen. Auch der psychedelische Anteil in ihrer Musik reduzierte sich auf ein Minimum, war aber immer noch spürbar. Die frappanteste Veränderung liess sich allerdings in den härteren Rocksongs ausmachen, wie dem bereits zitierten "Bohemian Like You": Plötzlich rockten die Dandy Warhols eher wie die gemütlichen Rolling Stones, als wie die ungestümen Seeds.

Jede Medaille hat letztlich zwei Seiten, und was für die einen Hörer der Ausverkauf und das Schielen nach dem Massenmarkt bedeutete, war für den Anderen schlichtweg eine richtig schöne und eingängige Rockplatte. Die Dandy Warhols hatten das Wagnis geschafft, einen Kracher nach dem anderen einzuspielen, ohne sich dabei billigen Melodien anzubiedern. Experimente fanden natürlich auch statt, diese betrafen aber eher einen bemerkenswerten Mix verschiedener musikalischer Genres. Und was das Besondere war: Jedes Experiment funktionierte: Den musikalischen Rahmen lieferte wie üblich der bekannte Brit-, Garage-, Surf-, Alternativ-Rock und die charismatische Stimme des Sängers ansonsten finden sich Elemente aus Punk, Grunge und sogar Country. Beim ersten reinhören in das Werk war man zunächst sicherlich etwas erstaunt. Die Dandy Warhols hatten einen klaren Schritt in Richtung Kommerz gemacht und sich dabei trotzdem nicht in dumpfen Plattitüden verstrickt oder gar ihre Rockerseele verkauft.

Der Einstieg ins Album wirkte schon mal sehr erhabend und recht üppig arrangiert. Drei Songs, die alle miteinander verknüpft waren und zusammen fast 20 Minuten tolle Non-Stop Unterhaltung boten: "Godless", "Mohammed", "Nitzsche". Dabei streifte die Band all ihre vormals exzessiv angewendeten Stil-Spielereien wie Hippierock, Räucherstäbchen-Psychedelik und Breitwand-Gitarrenorgien. Auch thematisch bedeuteten diese drei Titel eine logische Abfolge: die Gottlosigkeit in der heutigen Welt, dazu Mohammed als die Verkörperung des gefählichen Propheten und Nitzsche als das Beispiel für eine radikale Denkweise. Eine hervorragende "Trilogie". "Godless" blieb mit seinem markanten Trompeten-Thema sofort im Kopf hängen. Die Riffs der drei Teile zogen sich in die Länge. Doch nach wenigen Durchläufen wickelten einen genau diese langen Reisen schön ein.

Das nachfolgende "Country Leaver" suggerierte naive Countryness, wirkte irgendwie ulkig und nicht so ernst wie die schwere Kost der drei vorangegangenen Songs. Das Stück lockerte die Stimmung merklich auf. Was nun folgte, war die wohl radikalste Veränderung in der Musik der Dandy Warhols: Ueber weite Strecken zeigte sich die Band nun von ihrer neuen kommerziellen Seite, spielte ihre Stücke irgendwo in einer guten Balance zwischen dem rhythmischen Poprock eines Tom Petty (allerdings ohne dessen hochglanzpolierten Rührseligkeit) und dem vorwärtstreibenden Rock-Beat etwa in der Art von Iggy Pop. Das nachfolgende "Solid" konnte mit seinen schrägen Klängen und dem flotten Tempo durchaus als urban bezeichnet werden. "Horse Pills" glich dagegen einem echten Noise-Inferno, mit coolen und ziemlich entrückten Raps garniert. "Get Off" war dann der zweite Hit auf dem Album, mit seiner Leichtigkeit übertraf der Song sogar das bekannte "Bohemian Like You". Die Nummer "Shakin'" zeigte sich angenehm retromässig angehaucht, "Big Indian" war einfach ein wunderschönes Lied zum träumen. Selten konnte so eine simple Akkrordfolge so faszinieren.

Mittendrin versteckte dann das ruhige Stück "Sleep", das als leicht anpsychedelisierter Ruhepol absolut perfekt funktioniert, um das Tempo für einen kurzen Moment aus dem Album zu nehmen. Ein wundersamer Klangteppich, der sich wohltuend abheben konnte. Und das bereits erwähnte "Bohemian Like You", das von der Band geschickt in den hinteren Teil der Platte gesetzt wurde, um selbst nach über der Hälfte des Werks noch einmal einen Höhepunkt aus dem Hut zu zaubern. Bis zum finalen "The Gospel", das seinem Namen alle machte und einen stimmungsvollen Abschluss dieses ebenso überraschenden wie überzeugenden Albums bedeutete.

Wer die Dandy Warhols kennen und lieben lernen will, ohne sich erst durch ihre etwas schwerer zugänglicheren Werke arbeiten zu wollen, findet hier ein tolles Album. Wer einfach nur eine Rockplatte ohne auch nur einen einzelnen Durchhänger sucht, kommt aber ebenfalls auf seine Kosten, denn hier zündet wirklich jeder Song gleich beim ersten Anhören, und jede einzelne Nummer will man sofort noch einmal hören. "Thirteen Tales From Urban Bohemia" ist eine Platte, die man nicht erst zwanzigmal Hören muss, bis sie sich einem voll erschliesst. Es ist auch eine dieser Platten, die man auch nach Jahren tatsächlich immer wieder gerne von vorne bis hinten durchhört. Es ist indes Jeder zu beneiden, der sich dieses Album zum ersten Mal anhören wird. 

2002 heiratete Peter Holmstrom seine langjährige Freundin und nahm ihren Geburtsnamen Loew an. Das 2003 erschienene Album "Welcome To The Monkey House" ist in Zusammenarbeit mit Mitgliedern der Gruppe Duran Duran entstanden. Im März 2005 sorgte die damals mit ihrem ersten Kind Matilda Louise hochschwangere Keyboarderin Zia McCabe für Schlagzeilen, als sie nackt für die Webseite "Suicide Girls" posierte. Im September 2005 wurde das fünfte Album, "Odditorium Or Warlords Of Mars" veröffentlicht. Die Single-Auskopplung "Smoke It" wurde wegen der darin enthaltenen Aufforderung, Marihuana zu rauchen, von den meisten amerikanischen Radiostationen boykottiert. Die Band steuerte mit "We Used To Be Friends" auch das Titellied zur Serie "Veronica Mars" und mit "Solid" zu "American Campus" bei.


Jul 23, 2020


THE JESS RODEN BAND - Blowin' (Island Records ILPS 9496, 1977)

Vielleicht ist er eine der tragischsten Figuren in der Rockmusik, vielleicht war er immer zur falschen Zeit am falschen Ort, wer weiss. Auf jeden Fall hat er viele Jahre lang auf höchstem Niveau gesungen, hat mit etlichen Koryphäen der Rockmusik zusammen musiziert, aber niemals war es ihm gelungen, den ihm ohne Zweifel zustehenden Erfolg zu haben. Die Rede ist von Jess Roden, einem der für meine Begriffe besten Rocksänger, der je aus England’s enormem rockmusikalischem Fundus hervorgegangen ist. Jess Roden kam 1947 in Kiddermister auf die Welt und seine allerersten musikalischen Gehversuche startete er im Alter von 15 Jahren, als er für den Job am Mikrophon der lokalen Bluesband SHAKEDOWN SOUND beitrat. Zahlreiche Konzerte absolvierte diese Band, einige davon auch mit dem zu jenem Zeitpunkt (1967) auch relativ bekannten ALAN BOWN SET. An einem dieser Konzerte, wo die Band SHAKEDOWN SOUND als Vorgruppe für Alan Bown spielte, wurde Jess Roden abgeworben, um als Leadsänger dem Alan Bown Set beizutreten und gleichzeitig nach London umzusiedeln. Für ein Album und eine Handvoll Konzertauftritte war Jess Roden dann der Leadsänger des ALAN BOWN SET. Weil zu dem Zeitpunkt in London jedoch die grosse Psychedelik-Welle startete, und dies nicht Jess Roden’s musikalischer Vorstellung entsprach, gesellte sich ein zweiter Leadsänger mit Namen ROBERT PALMER zur Band. Auf einem Album des ALAN BOWN SET kann man dann beide Sänger noch hören („The Alan Bown“). Danach stieg Jess Roden aus der Band aus.

Für die nächste Station in Jess Roden’s musikalischer Biographie ebnete dann Guy Stevens den Weg. Er hatte Jess Roden einige Male an Konzerten singen gehört und war gerade dabei, eine noch unbekannte Band aus Hereford mit Namen MOTT THE HOOPLE zu promoten. Diese Band setzte sich in ihren Anfangstagen aus Mitgliedern der Band SHAKEDOWN SOUND zusammen, der Band, in welcher Jess Roden seinen allerersten Mikrophon Job inne hatte. Sänger dieser neuen Formation war IAN HUNTER. Guy Stevens wollte nun auch für Jess Roden ein neues Band-Outfit zusammenstellen, und wurde dabei fündig bei Musikern der lokalen und unbekannten Band SILENCE, sowie noch zwei bis dato unbeschäftigten ehemaligen SHAKEDOWN SOUND Musikern: Gitarrist Kevyn Gammond und Bassist John Pasternak. Die Gruppe BRONCO war geboren. Gitarrist Kevyn Gammond spielte bis dahin in einer Band namens BAND OF JOY, deren Sänger Robert Plant später der ZEP-Sänger wurde. In der Band Of Joy spielte auch John Bonham Schlagzeug. Davor hiess der Drummer von Band Of Joy aber Pete Robinson, und der wurde dann der Drummer von BRONCO. Als zweiter Gitarrist stieg Robbie Blunt in die Band Bronco ein. In der Besetzung Jess Roden, Kevyn Gammond, Robbie Blunt, John Pasternak und Pete Robinson wurde dann das erste Album der Band BRONCO, genannt „Country Home“ eingespielt. Gastmusiker darauf waren unter anderen Jeff Bannister, der Keyboarder des ALAN BOWN SET, und Clifford T. Ward, der später als Solokünstler in England beachtliche Erfolge feierte. Produziert wurde das Album von Jess Roden in den Island Studios in London’s Basing Street. Aufgenommen wurde es von Richard Digby Smith. Es war sein allererstes Album überhaupt, das er aufnahm. Smith war später der Toningenieur von etlichen äusserst erfolgreichen Platten, die beim Label Island Recdords erschienen. Der Cat Stevens Produzent und Ex-Yardbirds Musiker Paul Samwell-Smith gab der Platte den letzten Schliff, mischte sie auch ab. Das Album wurde begeistert von den Kritikern aufgenommen, und der Band BRONCO wurde eine grosse Karriere vorausgesagt, was sich aber leider nicht bewahrheitete. Vielmehr wurde die LP zum Flop, trotz intensivem Touren als Vorgruppe unter anderem für Traffic, Free oder Mott The Hoople.

Ein Jahr später erschien das zweite BRONCO Album „Ace Of Sunlight“. Wie es zu jener Zeit schon durchaus üblich war, lud man bekannte Musiker als Gastmusiker zu den Aufnahme-Sessions ein. So sind auf dem zweiten Bronco-Album nebst einigen anderen Gästen auch der damalige Free-Keyboarder Mick Ralphs, sowie Mott The Hoople’s Ian Hunter am Piano zu hören. Und obwohl sich diesmal sogar Muff Winwood der Produktion annahm, half es nichts: Auch dieses zweite BRONCO Album verschwand sang- und klanglos in der Versenkung. Jess Roden zog daraus die Konsequenzen und löste die Band 1972 auf. Im darauffolgenden Jahr holte ihn Paul Kossoff zu den Aufnahmen zu seinem Album „Back Street Crawler“ ins Studio, ausserdem arbeitete er in Keef Hartley’s Band und lieferte die Backing Vocals für das Stück „Magic Bus“ von The Who.

1974 folgte dann eine Einladung als Sänger für die neue Band der Ex-Doors Musiker John Densmore und Robbie Krieger, der BUTTS BAND. Wieder wurde nix draus. Das erste Album der BUTTS BAND wurde vom alten Doors-Produzenten Bruce Botnick hervorragend produziert, die Songs waren griffig, abwechslungsreich und Jess Roden lieferte einen perfekten Gesang bei jedem einzelnen Stück ab. Die Fans wollten das aber nicht hören, hatten sich noch nicht von Jim Morrison lösen können und kauften den ehemaligen Doors-Musikern diese neue Musik nicht ab. Beide BUTTS BAND Alben landeten sogleich in den Grabbelboxen.

1975 unterschrieb Jess Roden dann bei Island Records als Solokünstler, veröffentlichte einige ganz passable Alben, von denen ein Jedes inzwischen mehrfach wiederveröffentlicht wurde, nur nicht sein meines Erachtens nach bestes Werk. Die Live-Platte „Blowin’“ von 1977 gibt es bis heute nicht auf CD und es wurde auch seit Erscheinen des originalen Albums als Vinyl nicht mehr nachgelegt. Auf dieser Platte bewies Jess Roden, was für ein grossartiger Sänger er war. Sein Spektrum reichte von Bluesrock der Marke Paul Rodgers über gefühlvollen Soul-Gesang bis zu Steve Marriott’scher Kratzbürstigkeit.

Jess Roden zog sich frustriert aus dem Musikgeschäft zurück, nachdem er jahrelang in den unterschiedlichsten Formationen und mit den unterschiedlichsten musikalischen Ausrichtungen als Solo-Performer gescheitert war. Er arbeitet seit vielen Jahren als Grafikdesigner, ist in diesem Beruf mittlerweile erfolgreicher als er es als Sänger je war. Seine letzte musikalische Aktivität datiert von 1995, als er mit einer Band namens HUMANS einige Konzerte in meist vollen Hallen sang, und dabei Neil Young’s „Cinnamon Girl“ als Ueberflieger im Live-Repertoire präsentierte, einen Titel, den er in den 60er Jahren bereits mit seiner ersten Band SHAKEDOWN SOUND zum besten gab.

Vor einigen Jahren sind die beiden BRONCO-Alben neu remastered erstmalig auf CD aufgelegt worden, nachdem eine zeitlang ein von Vinylquellen gezogenes Bootleg mit den beiden Alben herumgeisterte. Die Bronco-Alben gibt es inzwischen aber auch wieder als Vinyl zu kaufen. Grund für mich, mich an diesen hervorragenden Sänger, diese tragische Figur des britischen Rock, wieder einmal zu erinnern und sein brilliantes und kraftstrotzendes Live-Album „Blowin’“, dieses wundervolle Live Album mit den ultimativen Highlights „Ballad Of Big Sally“, „Jump Mama“ und einer wunderschönen Coverversion des Eagles-Klassikers „Desperado“ zu empfehlen.




JEFFERSON STARSHIP - Dragonfly (Grunt Records BFL1-0717, 1974)

Als dieses überwältigende Rock-Album im September 1974 erschien, musste sich jeder, der noch von dieser glückseligen und drogengeschwängerten Hippieband Jefferson Airplane schwärmte, erkennen, dass mit den 70er Jahren ein neues und äusserst innovatives rockmusikalisches Zeitalter begonnen hatte, das im Sog der kreativen Höhenflüge und des sich längst aufgelösten Blumenkinder-Korsetts auch die Hippie-Ikonen Grace Slick und Paul Kantner nicht länger entziehen wollten. Das Jefferson-Fluggerät war erfolgreich im neuen Rock-Zeitalter angekommen. Längst war es nicht mehr zwischen Nebel und Wolken als wackeliger Doppeldecker unterwegs, sondern hatte sich als Folge der kreativen Entwicklung bereits als veritables Sternenschiff in Stratosphären herangewagt, die zuvor kaum Jemand der Fans hätte für möglich halten können: Einem Raketenantrieb gleich fegte die neu formierte Crew geradewegs in den Himmel und liess die süsslich duftenden Rauchschwaden des ehemaligen Fluggeräts weit hinter sich. Die Zeiten von Warp Antrieb hatten begonnen und so manche Band setzte zum künstlerischen und kreativen Höhenflug an. In der ersten Hälfte der 70er Jahre schien in dieser Beziehung alles möglich zu sein, wie beispielsweise auch die brave Beatband Status Quo bewies, als sie ihr bärenstarkes Live-Equipment ins Studio schleppte, alle Regler auf 11 drehte und mit dem bekannten "Piledriver" den ganzen ollen 60's Pop-Muff hinweggeblasen hatte. Das war 1972 und zu der Zeit explodierte die Rockszene förmlich. Die Tontechnik erfuhr eine revolutionäre Verbesserung, plötzlich standen nicht mehr 2 oder 4, sondern 8 und 16 Tonspuren zur Verfügung, und das grosse kreative Spielen mit den Spuren war Usus geworden.

Mit den erweiterten technischen Möglichkeiten gerieten auch die Schallplatten zunehmends zu klanglichen Meisterwerken, der Begriff "Mixdown" wurde zu einem soundbestimmenden und wichtigen Element wie nie zuvor. Komplexe Arrangements, die früher im sogenannten Ping-Pong Verfahren mit enormen und hörbaren qualitativen Einbussen aufgezeichnet werden mussten, erhielten nun plötzlich ihre eigenen Spuren auf der Bandmaschine, was zum Beispiel gerade bei mehrstimmigen Gesangs-Arrangements zu einer enormen qualitativen Steigerung führte. Die ohnehin schon zu Jefferson Airplane-Zeiten markanten mehrstimmigen Vokalsätze erhielten durch die neuen technischen Möglichkeiten zusätzlichen Gehalt, sodass die Musik der Band gesamthaft wesentlich druckvoller, dabei aber auch erstaunlich frisch und unverbraucht und vor allem klanglich exzellent herüberkam. Jefferson Starship war nicht nur eine neue Band, es war auch ein hervorragendes Beispiel für die Entwicklung der soundtechnischen Möglichkeiten. Grace Slick sang im Stück "Hyperdrive" passend dazu: "I never thought there were corners in time, 'til I was told to stand in one".

Jefferson Airplane hatten ab 1971 praktisch aufgehört zu existieren. Sämtliche bisherigen Musiker der Truppe begannen, ihre eigenen Süppchen zu köcheln, wobei sich hier schon die Spreu vom Weizen zu trennen begann. Paul Kantner lebte weiterhin den Hippietraum und entwarf einen ganz eigenen Planeten, den er liebevoll "The Planet Earth Rock'n'Roll Orchestra", kurz PERRO, nannte. Mit den ewigen Hippies von Grateful Dead und David Crosby (Crosby, Stills, Nash & Young) entwarf er eine versponnene, spaceig-psychedelische bunt-naive Welt, die sich oberflächlich betrachtet vielleicht nicht grundlegend von der musikalischen Idee von Jefferson Airplane unterschied, jedoch eine enorme stilistische Weiterentwicklung bedeutete: Sie war auf lockere, sehr Dead-inspirierte Jams ausgelegt und klang manchmal fast noch verkiffter als Grateful Dead selber, wobei neben der Rockmusik auch Elemente von Folk und Blues vermehrt Einzug in den Gesamtsound fanden. Grace Slick brauchte sich nicht neu zu erfinden. Die Ikone spielte mit "Manhole" ein Album ein, das die Sängerin als das präsentierte, was sie immer schon war: Eine grossartige und sehr gefühlvolle Sängerin und Songautorin. Einzig die Herren Jorma Kaukonen und Jack Casady wechselten zu ungleich trivialerer und wenig innovativer Musik, die hauptsächlich im Bereich Folk und Blues angesiedelt war und wesentlich weniger experimentierfreudig ausgelegt war. Neben Casady und Kaukonen spielte auch der Strassenfiddler Papa John Creach bei Hot Tuna mit, der dann allerdings ausstieg, um das Sternenschiff zu besteigen und beim Drachenflug mitzufliegen, nachdem er schon in der sogenannten "Transition Phase", also der Uebergangszeit von Airplane zu Starship bei Kantner & Slick's Projekten beteiligt war.

Spencer Dryden schied bereits Anfang 1970 aus, ebenso wie der Sänger Marty Balin. Paul Kantner und Grace Slick, inzwischen ein Paar geworden, waren noch Label-gebunden und veröffentlichten mit "Bark" und "Long John Silver" zwei weitere Studioproduktionen für RCA Records und legten mit einem Live-Album mit dem Titel "Thirty Seconds Over Winterland" auch noch einen tollen Konzertmitschnitt nach, bevor sie, nun unabhängig in ihrer Veröffentlichungs-Philosophie mit den Alben "Blows Against The Empire" (das im Untertitel bereits den Zusatz 'Jefferson Starship' trug!) "Sunfighter" und "Baron von Tollboth & The Chrome Nun" drei sich im musikalischen Wandel präsentierende Alben vorlegten, die den Erfolg der späteren Starship-Werke schon vorwegnahmen. Obwohl konzeptlastig, waren auf allen drei Platten bereits bodenständigere und rockigere Themen zu hören, sodass eigentlich die nächsten 1 1/2 Jahre dazu verwendet wurden, die verschiedenen Projekte unter einen einzigen Band-Hut zu bringen.

Massgeblichen Anteil am wiedererstarkten und zweifellos auch kommerzieller ausgerichteten Sound der neuen Formation Jefferson Starship hatte Marty Balin, der zurückgekommen war, nachdem ihm mit einem Bandprojekt samt Album namens Bodacious D.F. kein Erfolg bescheiden war. Ausserdem waren mit Pete Sears und vor allem Craig Chaquico zwei hervorragende Gitarristen zur folrmation gestossen, die dem neuen Jefferson-Sound ihren Rock-Schliff gaben. Während Pete Sears zuvor schon bei Steamhammer, Stoneground und der Soul- und Funk-Shouterin Betty Davis brillierte, kam der langjährige musikalische Kumpel von Rod Stewart gerade von der Studioaufnahme dessen "Smiler"-Albums zu Jefferson Starship. Da Pete Sears auch hervorragend Keyboards spielte, entstanden in der Folge diese perfekten Sound-Arrangements, bei denen Sears immer punktuiert und absolut songdienlich entweder zusätzliche Rhythmus-Gitarre oder aber Keyboardsounds beisteuerte. Als Leadgitarrist fungierte Craig Chaquico, ein damals noch relativ unbekannter Gitarrist, äuf dessen Dienste allerdings zuvor Grace Slick und Paul Kantner bereits für ihre "Transition Phase" Projekte zurückgriffen. Besonders schön war dabei seine Gitarrenarbeit am Album "Baron von Tollboth & The Chrome Nun". Auch der Schlagzeuger John Barbata war auf jenem Album zu hören und er wurde zum fixen Schlagzeuger der Gründungsbesetzung von Jefferson Starship.

Fulminant war der Auftakt der LP mit dem kernigen Rocksong "Ride The Tiger", in welchem Craig Chaquico mit einer tollen Wah Wah Gitarre gleich den Rock in den Vordergrund stellte, wie er bis dato noch nie von Jefferson-Musikern präsentiert worden war. Der Songmix aus treibendem Rock-Groove, dem wie immer unwiderstehlichen mehrstimmigen Gesang sowie Kantner's und Slick's Faszination gleichermassen für Orientalisches, Mystik und Utopie wirkten als Ganzes äusserst spannend und elektrisierend. Vor allem zeigte schon dieser Opener der LP die Aufbruchstimmung einer Band, die im Begriff war, wie Phönix aus der Asche emporzusteigen. Das nachfolgende "That's For Sure", wiederum ein Rocksong, enthielt bereits einige typische Soundmerkmale, wie sie die Band in den folgenden Jahren noch verfeinern würde. Da war dieser irgendwie lässige Grundgroove, den man schon als typischen Westcoast-Sound bezeichnen konnte, andererseits wirkten die verspielten Instrumental-Arrangements, wiederum perfekt in gemeinsamer Interaktion vorgetragen von Pete Sears und Craig Chaquico zusammen mit dem freakigen Geigenspiel von Papa John Creach sehr unterhaltsam und anspruchsvoll. Ueberhaupt fiel auif, dass die neue Band wesentlich mehr Sinn und Gespür für detailreiche Ausschmückungen der Stücke entwickelte, was beim dritten Stück "Be Young You" aus der alleinigen Feder von Grace Slick zum ersten wahren Höhepunkt der Platte führte. Immer wenn Grace Slick ein auf ihr Storytelling perfekt zugeschnittenes selbstkomponiertes Stück zum besten gab, klang das manchmal wie nicht von dieser Welt. Diese Frau hatte einfach eine unheimliche Mystik in sich, und was sie sang, klang wie pure Magie. Auch der nächste Song war ein Highlight: Das sich über fast acht Minuten erstreckende Liebeslied "Caroline", komponiert und gesungen vom zurückgekehrten Marty Balin. Ich würde heute noch "Caroline" als das vermutlich beste Stück nennen, das dieser tolle Musiker mit diesem ganz eigenen und jederzeit wiedererkennbaren Stimmcharakter je geschrieben hat.

Eine schöne Plattform erhielt der Fiddler Papa John Creach im das die B-Seite der LP beginnenden Stück "Devils Den", wiederum von Grace Slick lead-gesungen und von der Band mit tollem mehrstimmigen Gesang unterstützt. Eine kleine Ueberraschung war das nachfolgende "Come To Life", ein wundervolles laidbackes Westcoast-Rockstück aus der gemeinsamen Feder des ehemaligen Grateful Dead Musikers Robert Hunter und dem vormals bei Quicksilver Messenger Service spielenden und nunmehr ebenfalls im Starship eingestiegenen Bassisten David Freiberg. Der absolute LP-Höhepunkt markierte dann die Covernummer "All Fly Away" aus der Feder des amerikanischen Folk-Troubadours Tom Pacheco, einem Musikbarden, dem zeitlebens nie die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die er eigentlich verdient gehabt hätte. Und schliesslich das wahre Space Balladen-Monster "Hyperdrive", eine Nummer, die wohl mit zum besten gehört, was Grace Slick - hier zusammen mit Pete Sears - jemals geschrieben hat. "Hyperdrive" ist fast wie ein Space-Märchen aufgeführt mit grosser Geste gespielt, verträumt wirkend, manchmal tieftraurig, dann wieder betörend schön und unfassbar melancholisch. Das Stück besteht aus einem Songteil und einem instrumentalen zweiten Teil, der wiederum einige Aehnlichkeiten mit dem zweiten, ebenfalls instrumentalen und von Klavier getragenen Teil des Songs "Layla" von Derek & The Dominos aufweist. Ein zum Sterben schönes Stück.

Die Zukunft nach "Dragonfly" konnte gar nicht besser sein, war aber unbestritten absehbar. Mit dem im Folgejahr präsentierten zweiten Album "Red Octopus" landete Jefferson Starship einen Volltreffer. Die aus dem Album ausgekoppelten Singles "Miracles" (phantastisch gesungen von Marty Balin) und "Play On Love" festigten den Ruf der neuen Band als fabelhafte Reinkarnation einer der herausragenden Bands der Hippie-Aera. Vor allem ist der enorme Erfolg der Band Jefferson Starship wohl zu einem grossen Teil das Verdienst von Marty Balin, der für den Rest der Dekade bei der Band blieb und niemals den Versuch unternommen hat, zurück in die alten Hippie-Träume zu verfallen, sondern die Band stilistisch konsequent immer weitergeführt hat, sodass Jefferson Starship heute rückblickend als eine der wichtigsten Rockbands aus dem Amerika der 70er Jahre bezeichnet werden können. Mit "Dragonfly" legten die Musiker hierzu ihren Grundstein. Das Album gehört für mich zu den besten Alben aller Zeiten. Es gibt nicht viele Alben, die sich im Laufe meiner jahrzehntelangen Freude an guter Musik so oft auf den Plattenteller gedrängt haben.




 


YOUNG & MOODY - Young & Moody (Magnet Records MAG 5015, 1977)

Kaum hatte sich in England der Punk so richtig breitgemacht, servierten die beiden versierten Musiker Bob Young und Micky Moody einen vielfältig gewürzten Country Rock Eintopf, der sowas von hoffnungslos 'out of fashion' war, dass er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von kaum Jemandem probiert wurde. Die LP gelangte quasi vom Presswerk direkt in die Grabbelbox, wo sie für ein bescheidenes Trinkgeld von so manchem Gourmet überhaupt erst entdeckt wurde. Auch mir erging es so. Mir waren die Namen der beiden Musiker durchaus geläufig: Bob Young als jahrelanger Tour-Manager von Status Quo, der auch in kompositorischer Hinsicht viel Prägendes für die Boogie Rocker geleistet hatte, sowie Mick Moody, der hervorragende Gitarrist, der zuerst bei Tramline und Juicy Lucy den progressiven Blues und Bluesrock ausgangs der 60er und anfangs der 70er Jahre zelebriert hatte, um danach mit Snafu vor allem in einem musikalischen Gemischtwarenladen unterwegs zu sein, dessen Grundausrichtung zwar der weisse Funkrock war, jedoch auch Country, Blues, Rock und gar Gospel im breitgefächerten Angebot hatte. Kennengelernt hatten sich die beiden Musiker anlässlich einer Tournee von Status Quo, bei welcher die Gruppe Snafu das Vorprogramm bestritt. Die Kontakte zwischen Bob Young und Mick Moody verstärkten sich, als der Gitarrist Moody mit seiner Band Snafu Schiffbruch erlitten hatte. So fanden die Zwei als grosse Fans des Blues und des countryesken Rock'n'Rolls zusammen und schrieben einige ganz prächtige, völlig unangestrengte und mit hohem Spassfaktor ausgestattete Lieder, für die sich später sogar eine Plattenfirma fand, nämlich jene, auf welcher auch der britische Musiker Chris Rea seine ersten Platten ablieferte: Magnet Records. Das Label, das ausserdem Künstler wie die Rockabilly Stars Matchbox, den Rock'n'Roller Alvin Stardust oder auch die Ska-Truppe Bad Manners unter Vertrag hatte, zeigte sich musikalisch betont offen und war stets auf der Suche nach neuen unverbrauchten Talenten, die später zumeist das Plattenlabel wechselten, nachdem sie Magnet Records quasi als Karriere-Sprungbrett genutzt hatten.

Bob Young war während mehr als zehn Jahren als Tour-Manager für die Band Status Quo tätig. Während dieser langen Zeit ist er auch als Komponist für die Boogie Rock Band tätig gewesen und hat einige der grössten Hits der Band mitgeschrieben, so etwa "Caroline", "Paper Plane" oder "Down Down" nebst vielen anderen. Ausserdem spielte er während dieser Zeit auch immer als Mundharmonika-Spieler bei Status Quo mit und wurde dadurch stets als so etwas wie ein inoffizielles Bandmitglied angesehen. Mick Moody wiederum dürfte vor allem als Gründungsmitglied und Lead Gitarrist von David Coverdale's Gruppe Whitesnake bekannt sein. Er hatte sich zuvor bereits lange Zeit als hervorragender Gitarrist in verschiedenen Combos einen Namen gemacht. Im Juni 1977 war es dann soweit, dass die beiden Musiker ihre LP "Young & Moody" veröffentlichten, auf welcher sie ihre ganz eigenen persönlichen Vibes und vor allem ihre stilistischen Gemeinsamkeiten präsentieren konnten.

Dies war nicht nur eine fruchtbare Zusammenarbeit, sondern auch eine ultraschnelle. Es ist überliefert, dass die beiden versierten Musiker für das Komponieren und Arrangieren der originalen 9 Songs der Platte gerade einmal sechs Tage benötigten. Als die beiden die Songs im Tonstudio zusammen mit dem Keyboard spielenden Bassisten Graham Preskett (Mott The Hoople, Slapp Happy, Metro) und dem Schlagzeuger Terry Stannard (The Grease Band, Kokomo) plus einigen Gästen für den mehrstimmigen Gesang eingespielt hatten, fertigten sie von den Aufnahmen eine Cassette an und überreichten sie dem gemeinsamen Freund und Deep Purple-Bassisten Roger Glover, der aufgrund seiner eigenen musikalischen Präferenzen sofort Feuer und Flamme für die Musik der beiden war und ihnen in der Folge den Plattendeal mit dem Label Magnet Records verschaffte. Er war es auch, der die finalen Versionen der Songs, so wie sie später auf der LP klingen würden, schliesslich in den Central Sound Studios in London in nur acht Tagen produzierte.

Da beide Musiker zum Zeitpunkt des Erscheinens des Albums auch live ziemlich stark engagiert waren (mit Status Quo und Whitesnake), kam es leider zu keinerlei Live-Konzerten als Promotion für das Album. Bob Young bedauerte dies später: "We never actually went out on the road as a band which is something we always regretted". Leider führte dies auch dazu, dass die Platte kaum wahrgenommen wurde und nur sehr schlecht verkauft werden konnte. Dabei verbergen sich auf dem Album wahre Perlen, die auch heute noch problemlos funktionieren, will heissen: Die Titel sind überhaupt nicht gealtert in all den Jahren und könnten in der Form genauso auch im Hier und Jetzt entstanden sein. Zeitlose Musik nennt man das, und dies verdanken die Stücke vor allem ihrer instrumentalen Grundausrichtung, die niemals streng und anspruchsvoll wirkt, sondern auf hohen Spassfaktor und einfache Strukturen setzt. Diese Musik versteht Jeder. Sie ist einfach, grundsolide und von aussergewöhnlich positiver Lebensfreude durchflutet.

Der Opener "You Make It Roll" ist ein wundervoller, sehr zurückhaltend gespielter Schleicher, der so viel Lässigkeit und Coolness verströmt, als wäre es ein verschollenes Stück von J.J. Cale. Eine jammernde Slide-Gitarre und ein wehmütiges Grundfeeling, das Ganze dazu noch wunderbar relaxed in einer gebremsten, fast zeitlupenartigen Art und Weise vorgetragen, lädt geradezu ein, die Seele baumeln zu lassen. Das nachfolgende "I'll Be Back" präsentiert urbritisches Folkrock-Feeling, und das auch als Single veröffentlichte "Chicago Blue" ist eine Reminiszenz an den Blues der gleichnamigen Stadt. Robert Johnson's Bluesklassiker "Four Until Late" wird dann auch gleich nachgeschoben. Das Stück hatte Mick Moody schon seit vielen Jahren stets in seinen verschiedensten Formationen im Gepäck gehabt, und auch später, als er mit seiner eigenen Gruppe, der gemeinsam mit dem Gitarristen Bernie Marsden gegründeten Moody Marsden Band unterwegs war, kam das Stück immer ins Live-Repertoire mit hinein. Das forcierte "Young & Moody", ein wiederum folkrockiges "Too Young To Feel This Way" und ein beseeltes "Just Close Your Eyes" zeigten die grossen kompositorischen Fähigkeiten der beiden Musiker, die mit Ausnahme von zwei Coversongs alle Stücke des Albums gemeinsam geschrieben hatten. Mit dem wunderschönen "Someone Else's Door" und der von Elizabeth Cotton verfassten Nummer "I'm Going Away" beschlossen Bob Young und Mick Moody dieses stimmungsvolle Album.

Aus der Sicht des Musikhörers ist es sicherlich schade, dass die beiden Künstler dieses Werk nicht als Ausgangspunkt für eine gemeinsame musikalische Karriere gesehen haben. Mangelnde Aktivitäten, das Werk zu promoten liessen es leider untergehen. Dennoch ist Bob Young stolz auf die Aufnahmen, denn er sagte abschliessend über die Platte: "We didn't do it to launch our careers, but we just had to do it and we were both very proud of the results". Dank der Plattenfirma Repertoire Records kann man das Album auch heute noch als CD erwerben und eine Entdeckung dieser kleinen musikalischen Kostbarkeiten lohnt sich, auch nach fast 40 Jahren, auf jeden Fall.