SAVOY BROWN - Lion's Share (Decca Records SKL 5152, 1972)
Nach
dem überraschenden kommerziellen Erfolg des Vorgängers "Hellbound
Train" drehte sich das Personalkarrussell bei Savoy Brown nicht wie in
den vergangenen Jahren teils drastisch, sondern mit dem Weggang des
ehemaligen Chicken Shack-Mitbegründers Andy Sylvester nur moderat. Der
Bassist wurde ersetzt durch Andy Pyle, der von Blodywn Pig kam, genauso
wie sein Schlagzeug spielender Kumpel Ron Berg, der später auch bei
Savoy Brown landen würde. Zu den Aufnahmen zum "Lion's Share" Album
spielte am Schlagzeug jedoch noch Dave Bidwell, dessen jahrelanger
Drogenkonsum sich leider zunehmends in seiner Gesundheit niederschlug.
Ausgestattet mit etlichen Vorschuss-Lorbeeren gelang zwar kein Rang 21
in den amerikanischen Billboard Charts mehr wie im Falle des "Hellbound
Train" Albums einige Monate zuvor, trotzdem war auch "Lion's Share",
gemessen an den Verkaufszahlen, insbesondere in den USA, eines der
erfolgreichsten Alben der Gruppe um Mastermind Kim Simmonds, auch wenn
ein enttäuschender Rang 151 als Spitzenposition in den Charts die
Euphorie trotz 10-wöchigem Aufenthalt der Platte in den Billboard Hot
200 doch eher dämpfte. Allerdings konnte sich die Band da schon einer
treuen und stetig wachsenden Fangemeinde in den USA erfreuen. Im Juni 1972 verliess der Bassist Andy Silvester die Gruppe, nachdem er anschliessend an seine Aufnahmen zum "Hellbound Train" Album gerade auf einer Platte von Ex-Savoy Brown Produzent Mike Vernon ("Moments Of Madness") mitspielte
und auch bei der Produktion des ehemaligen Sängers Chris Youlden, der
massgeblich für den Aufstieg der Gruppe, besonders in den USA,
verantwortlich war, mithalf. Er landete schliesslich dann in der Band
des Ex-Fleetwood Mac Musikers Danny Kirwan und spielte auf dessen bestem
Werk "Second Chapter" mit. Indes hatten Savoy Brown keine grosse Mühe,
adäquaten Ersatz zu finden. Mit Andy Pyle kam ein Musiker zu Savoy
Brown, der bereits jahrelange Erfahrung mit Top-Musikern gemacht hatte, so unter anderem in der Gruppe
Blodwyn Pig, bei Rod Stewart und Gerry Lockran. Auch Andy Pyle's
Einstieg bei Savoy Brown war interessant. Zuerst stieg er nämlich schon
ein Jahr zuvor bei der Band ein, tourte mit Kim Simmonds und Savoy Brown
auch durch Amerika, nahm dann allerdings eine Offerte der Band Juicy
Lucy an und spielte mit dieser Gruppe das Album "Pieces" ein, welches
jedoch wider Erwartens schlecht verkauft wurde und auch keine
berauschenden Kritiken erhielt, weshalb der Bassist erneut bei Kim
Simmonds vorstellig wurde, umschliesslich doch noch als festes Bandmitglied bei der Gruppe einzusteigen. Im
Juli 1972 wurden die Tracks zum Album "Lion's Share" in den Trident
Studios in London unter der Leitung von Neil Slaven aufgenommen. Neun
Songs insgesamt und erstmals (und einmalig) auch ein Stück aus der Feder
von Sänger Dave Walker ("Denim Demon"), der schon seit der "Street
Corner Talking" LP bei Savoy Brown als Nachfolger des ausgeschiedenen
Sängers Chris Youlden das Mikrophon in der Hand hielt. Das Album "Lion's
Share" überraschte mit einer glasklaren und sehr guten Produktion, die
gegenüber dem Vorgänger "Hellbound Train" klar an Transparenz gewinnen
konnte. Der Opener "Shot In The Head" war gleich eine Coverversion, und
die war ausgezeichnet gewählt. Das Stück aus der Feder von Harry Vanda
und George Young war ein Titel aus dem Repertoire der legendären 60's
Band The Easybeats, deren Hauptsongschreiber Vanda & Young waren.
Zwei rauhe und von der Band sehr rockig arrangierte traditionelle
Bluessongs waren ebenfalls für das Album ausgesucht worden: "Howling For
My Darling" von Chester Burnett alias Howlin' Wolf, sowie "I Hate To
See You Go" aus der Feder von Walter Jacobs, bekannter unter seinem
Künstlernamen Little Walter. Dazu gesellten sich einine
der ansprechendsten Kompositionen von Kim Simmonds ("Second Try", "So
Tired" und "Love Me Please") und dem Keyboarder und zweiten Gitarristen
Paul Raymond ("The Saddest Feeling", "I Can't Find You"). Besonders der
jazzaffine Blues "Love Me Please" dürfte aus heutiger Sicht einer der
besten Songs der Gruppe überhaupt sein. Zusammen mit den erwähnten zwei
Coverversionen plus dem Rock'n'Roll "Denim Demon" aus der Feder von Dave
Walker konnte die Band hier ein Programm zusammenstellen, das in seiner
Gesamtheit so ausgewogen und attraktiv kaum auf einem Album zuvor
angeboten wurde. Gut möglich, dass das Fehlen einer Singleauskopplung
aus dem Album in Amerika mit dazu beitrug, dass sich die Platte nicht so
gut verkaufen liess wie ein halbes Jahr zuvor die "Hellbound Train". In
Deutschland wurde immerhin die Single "Shot In The Head" mit der
B-Seite "Denim Demon" veröffentlicht, jedoch ohne nennenswerten Erfolg.
In England, wo die Band schon länger mit dem Erfolg zu kämpfen hatte,
erschien als Alternative die Single "So Tired" mit der B-Seite "The
Saddest Feeling" - ebenfalls ohne Resonanz. Das
Album "Lion's Share" erschien im November 1972 in Amerika und England
und verkaufte sich in den Staaten wesentlich besser als im Heimatland
der Band, was sicherlich auch mit ein Grund war, weshalb sich Kim Simmonds mit seiner Band schliesslich dauerhaft in den USA niederliess
und dort zum Teil in wirklich grossen und renommierten Hallen spielen
konnte, so zum Beispiel in den legendären Stätten Fillmore East in New
York, dem Fillmore West in San Francisco oder im The Grande Ballroom in
Detroit. Savoy Brown waren damals sogar die Headliner an einem Open Air
Festival in Boston, wo Fleetwood Mac und Rory Gallagher als Anheizer für
die Band spielten (!). Ironischerweise war es genau die Gruppe
Fleetwood Mac, zu der Savoy Brown Sänger Dave Walker ein halbes Jahr
später wechselte, als Kim Simmonds erneut vor einer grossen US-Tournee
stand. Aber ein Nachfolger war - wie schon so oft in der Band-Historie -
schnell gefunden. In Jackie Lynton fand die Gruppe einen tollen
Rock'n'Roll- und Blues-Haudegen, den der Bandmanager Harry Simmonds (der
Bruder von Kim Simmonds) für die Gruppe begeistern konnte. Mit ihm
startete die Band dann ab Frühjahr 1973 erneut durch, sowohl mit einer
ausgedehnten Tournee, sowie einem weiteren Album, das den Titel "Jack
The Toad" (Jack, die Kröte) trug. Dreimal darf man raten, wer mit dieser
Kröte gemeint war.
LOS SUPER 7 - Heard It On The X (Telarc Records CD-83623, 2005)
"Border Blaster" - so nannte und nennt man die mexikanischen Piraten-Radiosender, die vor allem zwischen den 30er und den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebten und es mexikanischen Radiomachern erlaubte, dank teils enormen Funkleistungen mit bis zu gigantischen 500'000 Watt starken Transmittern von Mexiko aus weit ins US-amerikanische Innere zu senden, obwohl die amerikanische Regierung nur eine maximale Sendestärke von 50'000 Watt erlaubte. Die ersten Piratensender, die jedoch nicht als solche bezeichnet wurden, entstanden in den 1920er Jahren in Mexiko an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. In den USA hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine kommerzielle, auf den Verkauf von Werbung ausgerichtete Radiokultur entwickelt. Sie bediente einen Massengeschmack. Da sie jedoch häufig zum Verkauf fragwürdiger Produkte, politischer Propaganda und anderer Verstösse gegen das US-Recht dienten, wurden die Sendelizenzen einiger Anbieter nicht verlängert. Diese wichen auf extrem leistungsstarke Sender an der mexikanischen Grenze aus, die in englischer Sprache sendeten und grosse Teile der USA erreichten. Als Auslandssender waren sie für die Hörer daran erkennbar, dass die Rufzeichen wie bei allen mexikanischen Sendern stets mit einem X begannen, während US-amerikanische Sender je nach Standort mit einem W oder einem K begannen (und nach wie vor beginnen). In den USA ist es üblich, dass sich Rundfunksender On Air mit ihrem Rufzeichen und nicht mit einem selbstgewählten Sendernamen identifizieren. Insbesondere in den frühen 30er Jahren begannen US-amerikanische Country- und Blues-Künstler diese "X"-Sender zu entdecken und kamen so erstmals in Kontakt mit der urtypischen mexikanischen Folklore. Als wenig später der sogenannte Country-Blues entstand, bedienten sich nicht wenige amerikanische Musiker auch dieser mexikanischen Einflüsse, wie zum Beispiel Jimmie Rodgers, einer der berühmtesten Country-Blues Musiker einst bestätigte. Auch Cowboy Slim Reinhart und Hank Thompson, Stars der Szene in den 30er Jahren bestätigten, dass diese Border Radios eine der wichtigen Inspirationsquellen für ihre Musik darstellten. Als Texaner waren sie schon rein geographisch, aber teilweise auch kulturell wesentlich näher an Mexiko als an den Vereinigten Staaten. Einer dieser Sende-Pioniere war der Entwickler John R. Brinkley, der die Stadt Del Rio in Texas berühmt machte mit seinem Border Blaster XER (später umbenannt in XERA). Der ziegenbärtige Arzt nutzte seine Radio Station vor allem für die Werbung und Verbreitung eines von ihm entwickelten Viagras, das Brinkley "Goat Gland Proposition" nannte: Er transplantierte dünne Scheiben von Geschlechtsdrüsen von Ziegenböcken in den männlichen Hodensack, wo sich - so seine Vorstellung - das Ziegenbock-Gewebe mit demjenigen des Mannes assimilieren und ihm eine erhöhte Potenz und verbesserte Zeugungsfähigkeit verleihen sollte. Diese Sendeanlagen waren manchmal von einer dermassen extremen Leistung, dass fliegende Vögel, die zu nahe an einer entsprechenden Antenne vorbeiflogen, tot vom Himmel fielen, Glühbirnen sich selbst entzündeten und die berühmte Countrymusikerin June Carter Cash meinte einmal, man hätte zu der Zeit überall draussen auf den Kuh-Weiden dem Stacheldraht entlang Countrymusik hören können, die praktisch aus dem Stacheldraht heraus zu spielen schien. Einige dieser Sender waren selbst in Australien und Europa noch zu hören. DJ Paul Kallinger vom Sender XERF, der wohl erste Radio-Marktschreier am Mikrophon sagte beispielsweise einmal, die Leute würden sich sowieso nur für drei Dinge interessieren: Gesundheit, Sex und Religion. Deshalb machte er es zu seinem Markenzeichen, zweiminütige Werbedurchsagen zu halbstündigen reisserischen Vorträgen aufzublähen, nur um vielleicht eine Packung Pillen an den Mann oder die Frau zu bringen oder er machte Werbung für eine sensationelle neue Schellackplatte mit den originalen Tonaufnahmen des letzten Abendmahls und wer sofort beim Sender anrief, erhielt zusätzlich noch eine von Jesus Christus eigenhändig unterschriebene Photographie. Dazwischen lief immer wieder Cowboyromantik im typischen Sound des Grenzgebietes von Texas und Mexiko. Für die Entwicklung der amerikanischen Countrymusik kommt diesen Piratensendern eine wichtige Rolle zu, denn sie waren eine von vielen Inspirationsquellen für die kulturelle Entwicklung der ruralen amerikanischen Musik, wie wir sie heute kennen, und deren typischen Eigenheiten, welche bis heute in die Musik einfliessen. Die Stilrichtung Tex-Mex zum Beispiel, welche zwischen Anfang und Mitte der 60er Jahre durch Musiker wie Freddy Fender oder Doug Sahm weltweite Popularität erlangte und ihre Blütezeit via Cowpunk in den 80er Jahren und dem Alternative Country bis in die heutige Zeit transportieren half, geht letztlich ein stückweit auf das klassische Border Radio zurück. Im Jahre 1998 entschlossen sich einige der berühmtesten texanischen und mexikanischen Musiker aus der Country- und Americana-Szene, diese traditionelle Musik wieder aufleben zu lassen. Auf einem ersten Album, das den Titel "Los Super Seven" trug, spielten Topmusiker wie Freddy Fender, Flaco Jimenez, Joe Ely, Ruben Ramos, Ricardo Ramirez, Rick Trevino, Doug Sahm und eine Abordnung der aktuellen Los Lobos-Besetzung ein erstes Album ein, das sich im Wesentlichen noch darauf beschränkte, klassisches mexikanisches Liedgut, sogenannte Traditionals, neu einzuspielen. Dieses Konzept wiederholten sie drei Jahre später anlässlich des zweiten Albums "Canto", das den Schwerpunkt auf traditionelle mexikanische "Cantos" legte, in der Regel längere, vertonte Gedichte, meist vorgetragen mit typisch mexikanischen (Saiten-)Instrumenten wie Mariachi, Banda, Nortena und Ranchero, sowie mit Violine und Harfe. Die dritte, 2005 erschienene Platte, war dann den mexikanischen Piratensendern gewidmet, den "X"-Stationen. Dieses Projekt war das eigentlich ambitionierteste Werk der Musiker, da sie für dieses dritte Projekt einige zusätzliche, sehr prominente Musiker von der texanischen Seite des Grenzgebietes rekrutierten, weil sie diesmal auch verstärkt den amerikanischen Anteil am Border Radio Sound abbilden wollten. Dies waren beispielsweise Clarence "Gatemouth" Brown, ein Bluesmusiker, der aufgrund seines Alters noch einer jener Künstler war, der selbst aktiv mithalf, das Border Radio einst zu etablieren und populär zu machen. Dazu gesellten sich die Szene-Superstars Rodney Crowell, Lyle Lovett, Delbert McClinton und Raul Malo, der Sänger der Mavericks, John Hiatt, Augie Meyers und Charlie Sexton, der dieses brilliante Album auch produzierte. Auf dieser Platte hört man nun sowohl mexikanische als auch amerikanische Musik, wobei hier das Schwergewicht nun auf dem typischen Tex-Mex Sound lag, der vor allem in den 60er und 70er Jahren als der klassische Border Radio Sound bekannt und weltberühmt wurde. Es gibt einige neu interpretierte Klassiker aus der Feder von beispielsweise Willie Dixon oder Blind Lemon Jefferson und Buddy Holly, welche den Sound der 40er bis 60er Jahre reflektieren sollen, dann auch Kompositionen neueren Datums aus der Feder von etwa Doug Sahm (mit dem bis heute berühmtesten Vertreter des Tex-Mex Sounds, dem Sir Douglas Quintet) oder Frank Beard (das Titelstück "Heard It On The X" stammt im Original von Z.Z. Top) und natürlich wiederum traditionelle mexikanische Stücke wie "Ojitos Traidores", "Cupido" oder "El Burro". Eine wunderschöne Hommage an das klassische Border Radio aus dem Grenzgebiet von Texas und Mexiko und ein aus diesem Bereich der populären Musik eher unübliches echtes Konzeptalbum im klassischen Sinne.
Jul 21, 2026
STRING DRIVEN THING - Keep Yer 'And On It (Charisma Records CAS1112, 1975)
Eine stilistische Tour De Force hatte diese schottische Folkrock Band um den Geiger Graham Smith hinter sich, als sie 1975 dieses fünfte Album veröffentlichte. Ursprünglich als reines akustisches Folk-Unternehmen in England gestartet, entwickelte sich diese hervorragende Gruppe zu einer waschechten, stark amerikanisch gefärbten Rockgruppe, die gekonnt und akzentuiert Elemente aus Folk, hartem Rock und Beatles-orientiertem Pop zu eigenen Songs verbaute, die bis dahin auf keinem früheren Album so beseelt rockten. Die Band indes war seit dem Vorgänger "Mind Your Head" nicht mehr dieselbe wie zu Anfang: Das Ehepaar Chris & Pauline Adams, die eigentlichen Gründer der Band, waren weg, ebenso die Backing Band. Mit Graham Smith war nur noch eines der Originalmitglieder übrig geblieben. Die Gruppe präsentierte sich 1975 amerikanischer denn je, und dies nicht nur bezogen auf ihre Musik, sondern weil sie inzwischen ihre Aktivitäten stark auf den amerikanischen Markt konzentrierte, nachdem die beiden Vorgänger-Alben vor allem in ihrer Heimat England nicht sonderlich erfolgreich waren.
Ein Jahr zuvor drehte sich das Personalkarrussell bei der Band immer schneller. Aufgrund des langen Tourens verabschiedeten sich nach und nach die Originalmitglieder der Band. Als Ersatz kamen teils richtig gute Musiker mit interessantem musikalischen Background. So etwa der Schlagzeuger Colin Fairley, der von Beggars Opera kam, oder der Gitarrist Peter Woods, der von Sutherland Brothers & Quiver kam und auch bei Al Stewart in dessen Band mitgespielt hatte und kurz zuvor noch bei der legendären Band Curved Air engagiert war. Als danach auch das Ehepaar Adams ausschied, kamen mit dem Sänger Kim Beacon und dem Bassisten James Exel weitere neue Mitglieder in die Band, die somit bis zum Ausscheiden von Geiger Graham Smith eine völlig neue Gruppe war, in welcher keines der originalen Mitglieder mehr mit dabei war. Die Plattenfirma Charisma erhoffte sich durch die Neuzugänge, die sie selbst ausgewählt hatte, einen zusätzlichen Synergie-Effekt für die Band. Leider war das Gegenteil der Fall. Trotz einem letzten hervorragenden Album konnte die Gruppe keinen Mehrwert erzielen und löste sich nach diesem Album folgerichtig auf. Dabei bewiesen die neu hinzugekommenen Musiker vor allem kompositorisch grosses Geschick und schrieben für die Band einige der besten Stücke überhaupt. Das forsche, von Graham Smith's Geige wundervoll getragene "Starving In The Tropics" etwa - geschrieben von Exel und Fairley, oder das rock'n'rollige "Call Out For Mercy" aus der gemeinsamen Feder von Roberts und Beacon. Die glänzende Rock-Ballade "Chains (I Wanna Be Just Like Stan Bowles)", das wiederum Exell und Roberts gemeinsam schrieben, genauso wie das forsche und treibende, das Album beschliessende "Stand Back In Amazement". Einer der Höhepunkte dieses Albums war die Lennon/McCartney-Covernummer "Things We Said Today". Sie erhielt ein mit Flöte und Geige wundervoll fluffig verpacktes, gegenüber dem Beatles-Original total neues musikalisches Gewand, das alle typischen Züge eines Jam Stücks trug. Es wurde herrlich perkussiv eingespielt und mit Drumsounds versehen, die wie in Watte eingepackt klangen. Ein grossartiges Stück mit Ueberlänge. Nach der Veröffentlichung des Albums, welches das Letzte der Band String Driven Thing für lange Zeit war, tourte die neue Band intensiv, spielte unter anderem mit Lou Reed, fiel aber kurz darauf auseinander, als Colin Fairley die Band verliess und die Plattenfirma Charisma die Gruppe nicht mehr weiter unterstützen mochte. Fairley betätigte sich in der Folge als Studio Engineer und Produzent, unter anderem für
Elvis Costello und die Gruppe The Bluebells, nebst zahlreichen anderen. Andy Roberts heuerte bei Jeff Beck und Steve Winwood als deren Gitarrentechniker an. Beacon sang auf Tony Banks' Soloalbum "A Curious Feeling". Der stilprägende Geiger Graham Smith seinerseits welchselte zu Van Der Graaf Generator und spielte auf einigen Alben von Peter Hammill mit, bevor er nach Island auswanderte, wo er sich dem Icelandic Symphony Orchestra anschloss und dort auch drei Soloalben veröffentlichte.
FREEDY JOHNSTON - Can You Fly (Bar/None Records A-HAON 024-2, 1992)
Die Lieder des in New York lebenden, ursprünglich aus Kinsley, Kansas stammenden Singer-Songwriters Freedy Johnston handeln oft von melancholischen Einzelgängern und decken Themen wie Liebeskummer, das Gefühl des Entfremdetseins und Enttäuschungen ab. Aufgrund der hohen Kunstfertigkeit seiner Songs wird er als "Songwriter für Songwriter" bezeichnet. Johnstons erstes Album "The Troubled Tree" erschien 1990. Johnston verkaufte einen Teil des Ackerlands seiner Familie, um die Finanzierung seines zweiten Albums "Can You Fly" zu sichern (über dieses Ereignis singt er in seinem Song "Trying to Tell You I Don't Know", dem Opener dieses wundervollen Albums). 1994 erfolgte mit seinem dritten Wer "This Perfect World" seine Debutveröffentlichung bei einem grossen Plattenlabel. Für dieses Album wurde er von der Kritik hoch gelobt und vom Magazin Rolling Stone zum "Songwriter des Jahres" gekürt. Das Album brachte die Single "Bad Reputation" hervor, die in den amerikanischen Billboard Hot 100 Charts Rang 54 erreichte und zu seinen bekanntesten Liedern zählt. Freedy Johnston steuerte auch Songs zu Soundtracks bei ("Kingpin", "Das Leben nach dem Tod in Denver" und "Little Manhattan"). Viele Musikkritiker sind sich indes einig, dass "Can You Fly" ein grosses Werk in der populären Musik darstellt, vor allem in den entsprechenden stilistischen Bereichen Singer/Songwriter, Americana und Roots Rock, in denen sich der Künstler bewegt. Was mich immer ein wenig geärgert hat ist die Tatsache, dass etliche Zeitgenossen ein so grosses Aufheben über die erste Textzeile der Platte gemacht haben: "Well I sold the dirt to feed the band" ("Nun, ich habe den Dreck verkauft, um die Band am leben zu halten"). Eigentlich jedoch eine kluge Entscheidung, wenn man den Sinn dieser Worte versteht: Wie bekannt, bezieht sich die Textzeile auf die Tatsache, dass Freedy Johnston einen Teil des Landes seiner Familie-Farm verkaufte, um als professioneller Musiker weiter arbeiten zu können. Es spielt daher keine grosse Rolle, ob das nun klug formuliert war oder nicht - eine weise Entscheidung war es allemal. Die Zeile bildet lediglich einen Gegensatz zu den traditionellen Werten, die Freedy Johnston in den meisten seiner Songs proklamiert. Johnston war und ist ein extrem ehrgeiziger Musiker, aber seine Seele würde er niemals verkaufen für ein bisschen Erfolg. Seine Musik ist ein hervorragendes Gemisch aus akustischen und elektrischen Instrumenten, die manchmal interagieren, dann aber auch wieder für sich alleine stehen, und die Produktion bietet viel Raum zwischen den Darbietungen der einzelnen Musiker - Freedy's Musik klingt wie eine leicht schwebende und friedvolle Jam Session mitten in der riesigen Prärie unter einem grauen Himmel, ein bisschen so, wie das auch auf dem Plattencover dargestellt wird und das vielleicht jenen Teil seines Farmlandes im Bild festgehalten hat, das der Musiker damals verkaufte, um unter anderem diese Platte finanzieren zu können. Das ist auch nicht einmal besonders originell, denn engagierte Bands und Musiker tun viel, um ihre musikalische Seele ausleben zu können, warum dann nicht einfach einen Flecken Land verkaufen ? Freedy Johnston machte im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern jedoch etwas Grossartiges daraus. Freedy Johnston's Stimme gleicht kaum einer anderen Stimme des Americana, die man kennt. Er singt seine Melodien, im Gegensatz etwa zu John Hiatt, mit einer ziemlich hohen Stimmlage, oft und gerne mit Kopfstimme, was zu seinen ätherischen, manchmal leicht über dem Boden schwebenden Kompositionen perfekt passt. Daneben kann er aber auch herzhaft rockig röhren, etwa im Song "Wheels", einem Titel, in welchem er von einem Kaff namens Hoffnungslosigkeit singt ("There really is a town called Hopeless"). Viele von Freedy Johnston's Liedern klingen sehr autobiographisch, und er versteht es ausgezeichnet, die jeweiligen Details seiner kleinen und grossen Geschichten in einer spröden, aber dennoch sehr poetischen Sprache abzufassen, wobei er selbst bei persönlichen Tragödien nicht auf ein kleines Augenzwinkern verzichtet. Er schreibt Lieder über Menschen, die sich Sorgen machen. Lieder über das Altwerden, über den VErlust der Kinder, wenn sie gross sind und gehen. Unabhängig davon, ob Freedy Johnston solche Texte basierend auf persönlichen Erfahrungen geschrieben hat, gelingt es ihm, diese Emotionen immer sehr persönlich wirken zu lassen, was seiner Musik eine grosse Glaubhaftigkeit vermittelt. Es sind letztlich diese Geschichten, die Jeder von uns erleben kann und bestimmt auch schon erlebt hat. Neben dem wundervollen Titelstück "Can You Fly" überzeugen vor allem das mit einer tollen Hookline versehene "Tearing Down This Place", das zu seinen besten Momenten auf dieser Platte zählt. Hier erreicht seine Musik genau diesen Schwebezustand, den auch das Plattencover suggeriert - ein melancholisches Kleinod, das dank seines Arrangements und seiner musikalischen Darbietung nicht als drückend oder traurig empfunden wird. Im etwas folkigeren "Mortician's Daughter" erreicht Johnston's Musik eine Leichtigkeit, die einen äusserst angenehmen Zustand der Schwerelosigkeit hervorruft. Bemerkenswert schöne vokalistische Akzente schafft auch die Roots-Musikerin Syd Straw als Duettpartnerin beim Stück "Down To Love". Musikalische Begleiter auf diesem zweiten Album von Freedy Johnston waren unter anderem Mitglieder relativ bekannter Bands, die allesamt kompetent und mit enorm viel Feeling ihren Job erledigt haben. So spielte etwa Graham Maby aus Joe Jackson's Band mit, ausserdem Jared Michael Nickerson von der Band BURNED SUGAR, Brian Doherty von THEY MIGHT BE GIANTS, Kevin Salem von GIANT SAND und DUMPTRUCK, Jimmy Lee, Alan Bezozi von MADDER ROSE und GIANT SAND und Knut Bohn von COWBOY MOUTH. Da Knut Bohn das Album auch gemixt hat, verströmt es stellenweise durchaus den sympathischen Independent-Charme von Cowboy Mouth. Dass mit den Gastmusikern Syd Straw (THE GOLDEN PALOMINOS, THE DB's), Marshall Crenshaw, Kenny Margolis (MINK DeVILLE, LITTLE BOB STORY), Dave Schramm (THE SCHRAMMS, YO LA TENGO), James MacMillan (YO LA TENGO, THE DB's) und Bob Rupe (THE SILOS, CRACKER, SPARKLEHORSE) einige prominente Künstler Schützenhilfe boten, machte dieses Album zu einem wahren Glanzstück des Americana und Roots Rock. Und wenn das Plattencover dieses schwerelose Gefühl von Traurigkeit vermittelt, dieses wilde, unbearbeitete Stück Acker zeigt, das Freedy Johnston wohl verkauft hatte, um weiter Musik machen zu können und die unbeantwortete Frage "Kannst Du fliegen ?" im Raum stehen lässt, so darf man trotzdem nicht glauben, dass auf diesem hervorragend produzierten und gespielten Werk die Tristesse alle anderen Stimmungsfarben überdeckt. Nein, der letzte Song auf der Platte trägt den ebenso versöhnlichen wie hoffnungsvollen Titel "We Will Shine".
DENNIS COFFEY - Back Home (Westbound Records WB 300, 1977)
Als Dennis Coffey diese hervorragende Platte 1977 einspielte, war er schon fast eine ganze Dekade vor allem als gefragter Studiogitarrist bekannt, der so mancher Platte mit seinem unverkennbaren und glasklaren Sound seinen Stempel aufdrückte. Als ein Mitglied der "Funk Brothers" arbeitete Coffey seit den 60er Jahren als Sessiongitarrist für das renommierte Motown Label und nahm dabei an Aufnahmen mit den Temptations und den Isley Brothers teil. Dennis Coffey's Markenzeichen war stets das Wah Wah Pedal, welches er beispielsweise auch bei Studioaufnahmen für Marvin Gaye oder David Ruffin und die Jackson Five einsetzte. Erste eigene Aufnahmen spielte er für das Label Sussex Records ein. Dabei gelang ihm sein einziger Hit, ein Instrumentaltitel namens "Scorpio", mit welchem er bis auf Rang 6 der US-Charts vordrang. Die Single konnte sich über eine Million mal verkaufen und steigerte Coffey's Renommée zusätzlich. 1972 war er zeitgleich mit zwei Soloalben in den LP Hitparaden ("Evolution" und "Goin' For Myself").
1975 wechselte er zu Westbound Records und veröffentlichte dort in der Folge mehrere Singles, unter anderem das Stück "Wings Of Fire", bevor er 1977 mit seiner Solo LP "Back Home" vor allem in England's Jazz-Funk-Szene für Furore sorgte und er durch seine dort gestiegene Popularität die Gruppe C.J. & Co. produzieren und mit dem Stück "Devil's Gun" einen weiteren Hit verbuchen konnte. Für sein anstehendes LP-Projekt "Back Home" holte sich Dennis Coffey exzellente und äusserst versierte Studiomusiker, mit denen er 7 Songs einspielte, die alle im laidbacken Jazz-, Funk- und Soul-Bereich angesiedelt waren. Als Rhythmusgitarristen wirkten Bruce Nazarian und Eddie Willis mit. Am Klavier spielten abwechselnd Rudy Robinson und Garry Schunk, als Bassist wurde Roderick Chandler verpflichtet und am Schlagzeug spielte Lee Nathan Marcus. Eine Bläsertruppe unter der Leitung von Trompeter Johnny Trudell und der Perkussionist Lorenzo Brown vervollständigten das Studio Line Up. Besonders Rhythmusgitarrist Bruce Nazarian sorgte für ständige Bodenhaftung, denn er spielte zuvor bei Brownsville Station, einer eher rockigen bluesinspirierten Band. Aber auch der besonders vielseitige Gitarrist Eddie Willis, der unter anderem mit Chet Atkins im Country-Bereich, für Wes Montgomery im Jazz und in der Begleitband von Bluesmusiker Albert King arbeitete, sorgte bei den Aufnahmen für einen interessanten musikalischen Touch, der dadurch auch viel Lockerheit erfuhr, wie sie sonst im Funk-Bereich nicht allzu oft anzutreffen ist. Highlights der Platte sind sicherlich der Einsteiger "Funk Connection" mit einem unwiderstehlich lockeren funky Groove, das laidbacke "High On Love" sowie das bereits zuvor als Single veröffentlichte "Wings Of Fire", das auf der LP in seiner Gesamtlänge von 7 1/2 Minuten brillierte. "Back Home" ist ein sehr zeitloses musikalisches Werk, das man sich auch heute noch anhören kann, als wäre es ein aktuelles Album. Dennis Coffey spielte nur dieses eine Album für Westbound Records ein. Danach produzierte er in den 80er Jahren noch ein Album für High Fashion
und arbeitete mit Mike Theodore (mit dem er schon seit 1971 arbeitete)
und Kashif zusammen. Coffey's letztes Album "Under The Moonlight" erschien 1989 auf Orpheus Records und präsentierte den Gitarristen einmal mehr als laidbacken und äusserst lockeren Gitarristen, der inzwischen leider ziemlich in Vergessenheit geraten ist.
JEFFERSON AIRPLANE - Bark (Grunt Records FTR-1001, 1971)
Als die Musiker, die einst als letzte offizielle Besetzung der Band Jefferson Airplane agierten, dieses Album 1971 veröffentlichten, war die Band bereits stark zerrissen, woran auch die Lancierung eines eigenen Plattenlabels nichts änderte. Geplant war dieses Album bereits im Herbst 1970, und zwar als Mix aus Studio- und Live-Stücken. Am 4. Oktober 1970, als die Band auf einer Tournee war, stiess die Gruppe auf den Violinisten Papa John Creach und hievten ihn mit ins Boot. Er spielte darauf an einigen Konzerten der Band mit und wurde zum festen Mitglied. Sein Geigenspiel stellte eine Bereicherung für den Bandsound dar, stiess aber nicht bei allen Mitmusikern auf Gegenliebe. Gründungsmitglied, Sänger und Komponist Marty Balin gab seinen Ausstieg aus der Band noch während der Tournee bekannt, und auch zu bereits geplanten Aufnahmen zu einem neuen Album steuerte er nichts mehr bei, obwohl aus seiner Feder einige der Stücke stammten, die eigentlich hätten eingespielt werden sollen. Ausserdem stiess mit Joey Covington ein neuer Schlagzeuger zur Gruppe, welcher den bisherigen Drummer Spencer Dryden ablöste. Covington trat bereits auf dem Vorgänger Album "Volunteers" als Gastmusiker in Erscheinung, indem er zu zwei Stücken die Congas beisteuerte. Das musikalisch auffälligste Merkmal der späteren Platte "Bark" war, dass diesmal alle Bandmitglieder kompositorisch in Erscheinung traten, was sich in einer relativ hohen stilistischen Vielfalt der Musik manifestierte. Da der Leadgitarrist Jorma Kaukonen zusammen mit Bassist Jack Casady zuvor bereits mit der Band Hot Tuna aktiv war, erfuhren ihre Beiträge zur "Bark" LP einen unterschwellig bluesigen Touch, was neben den eher psychedelischen Songs aus der Feder von Grace Slick (Beispiel
"Never Argue with a German If You're Tired or European Song") oder Joey Covington (die A Capella Nummer "Thunk") für frischen Wind sorgte und die Platte wesentlich interessanter und bodenständiger klingen liess, als dies beispielsweise bei den beiden vorherigen Studiowerken der Gruppe der Fall war. Ausserdem boten Jorma Kaukonen mit seinem Song "Wild Turkey" und Paul Kantner mit "War Movie" auch dem Neuzugang Papa John Creach eine ausgezeichnete Plattform, sein Geigenspiel akkurat einzubringen und sich als gute Wahl und grosse Bereicherung in Szene zu setzen. Geplant waren etliche Songs für das Album, die letztlich jedoch nicht eingespielt, oder wenn, dann schlussendlich nicht für die endgültige Fassung des Albums berücksichtigt wurden. So zum Beispiel eine Live-Version eines im Sommer 1970 als Solo-Single von Sängerin Grace Slick veröffentlichtes Stück mit dem Titel "Mexico", das als Single allerdings kein Erfolg war, weshalb die Band diese Idee schon bald verwarf. Ebenso wurde eine Live-Version des Titel "Have You Seen The Saucers ?" verworfen (die B-Seite dieser Single). Das Stück wurde später in einer anderen Live-Variante auf dem Live-Album "Thirty Seconds Over Winterland" berücksichtigt. Beide Stücke, "Mexico" und "Have You Seen The Saucers" kann man in diesen Live-Versionen lediglich auf der erwähnten 45er von Grace Slick hören, weshalb diese Single heute recht gesucht ist. Interessant ist auch, dass Marty Balin zwei Songs zum Album beitragen sollte, nämlich "You Wear Your Dresses Too Short" und "Emergency", die ebenso nicht realisiert wurden wie Peter Kaukonen's Titel "Up Or Down" (den Balin singen sollte), sowie die beiden Songs "Whatever The Old Man
Does (Is Always Right)" und "The Man (The Bludgeon of the Bluecoat)". Bei Letzterem handelte es sich um einen Rhythm'n'Blues-Titel als Hommage an Rubén Salazar, einem Journalisten, der sich vehement gegen den Vietnam-Krieg einsetzte und der von einem Polizisten während einer Kundgebung erschossen wurde. Stattdessen lieferten die beteiligten Musiker einige neue, teils hervorragende Songs für das Album, von denen vor allem die beiden aus der Feder von Paul Kantner stammenden Titel "When The Earth Moves Again" und "Rock And Roll Island" einen bemerkenswert offenen und lockeren Bezug zum melodiösen Rock, resp. Rock'n'Roll zeigten, wohingegen das aus der gemeinschaftlichen Feder von Covington, Kaukonen und Casady stammende "Pretty As You Feel", das auch als Single veröffentlicht wurde, klar die Handschrift des Latin Rocks von Carlos Santana trug, welcher bei dem Stück auch mitspielte, zusammen mit seinem Santana-Mitmusiker Michael Shrieve. Erwähnenswert ist auch das von Grace Slick geschriebene, äusserst merkwürdige und ziemlich schräge Stück "Never Argue with a German If You're Tired or European Song", das in seiner Grundstruktur klar dem psychedelischen Poprock der vergangenen Jahre huldigt, aufgrund seiner teilweise doch ziemlich misslungenen pseudo-deutschen Sprachfetzen eher belächelt werden kann. Auf der anderen Seite liefert aber gerade Grace Slick mit einer zweiten Nummer mit dem Titel "Crazy Miranda" auch einen stillen Höhepunkt dieses Albums - das ist diese typische leicht verträumt-säuerliche Folk-Psychedelik, für welche die Sängerin seit Jahren gschätzt wurde. "Bark" war in den Augen der Kritiker einerseits ein zerrissenes Album mit wenig zusammenhängenden Strukturen, andererseits aber auch gefeiert als das angeblich innovativste Album seit "After Bathing At Baxter's" (Kommentar zum Album vom legendären Musikkritiker Lester Bangs). Für mich war es stets ein Album, das die psychedelische Zeit perfekt reflektierteund als spätes Werk noch einmal aufzeichnet, wie locker und unangestrengt Hippiemusik sein konnte. Auf der anderen Seite hat das Album aber auch aufgezeigt, dass sich nicht nur innerhalb der Musikszene in Kalifornien, sondern auch innerhalb der Band Jefferson Airplane musikalische Veränderungen ankündigen. Nach einer weiteren, leider eher wenig berauschenden Platte mit dem Titel "Long John Silver" (1972), welche im Grundsatz der Vielseitigkeit der "Bark" LP folgte, jedoch über wesentlich weniger kompositorische Highlights verfügte, sowie einem nachgereichten Live-Album im Jahre 1973 ("Thirty Seconds Over Winterland"), das leider nicht ganz die Reputation erhielt, das es eigentlich verdient gehabt hätte (denn live war die Gruppe auch in jenen Tagen noch immer ein Garant für tolle Musik), stieg im Jahre 1974 mit der neu formierten Band Jefferson Starship ein neues Sternen-Vehikel auf, das über wesentlich mehr Bodenhaftung verfügte als das manchmal doch etwas verschwurbelte Luftschiff Jefferson Airplane. Aber das ist eine andere Geschichte.
Jan 26, 2026
GENTLE GIANT - Unburied Treasure (Madfish Records SMABX 1091, 2019)
Die drei Shulman Brüder Derek, Ray und Philip starteten ihren musikalischen Werdegang unter dem Namen Simon Dupree And The Big Sound im Jahre 1966 mit drei weiteren Mitstreitern. Unter diesem Namen veröffentlichten sie zwischen 1966 und 1969 insgesamt neun Singles 9 Singles plus eine weitere, für die sie zwischenzeitlich ihren Bandnamen in The Moles änderten. Auch ein Album entstand in dieser Zeit. Wie die Singles erschien auch diese LP beim Parlophone Label. Stilistisch pendelte diese Band zwischen Rhythm'n'Blues und Soul und versuchte sich auch im damals angesagten psychedelischen Pop-Umfeld. Nach der Auflösung Ende 1969 gründeten die Shulman Brüder im Februar 1970 die Gruppe Gentle Giant zusammen mit dem Schlagzeuger Martin Smith, der Anfang 1969 zu Simon
Dupree And The Big Sound gestossen war. Kerry Minnear, der 1969 mit einem Abschluss in
Komposition an der Academy of Music studiert hatte, schloss sich der neu gegründeten Band ebenfalls an. Er bediente die Keyboards und sang auch, des weiteren wurde Gitarrist Gary Green im März 1970 als weiteres Bandmitglied verpflichtet, worauf die Gruppe Gentle Giant komplett war. Es dauerte nicht lange, konnten die Musiker einen Vertrag beim progressiven Label
Vertigo unterschreiben.
Ihr erstes Album ("Gentle Giant") überraschte mit fabelhaften Arrangements. Die Musiker verwendeten Kontrapunkte und Polyphonie, wie es bis dahin noch keine andere Gruppe innerhalb der Rockmusik präsentiert hatte. Ihre ausgeklügelten Gesangsarrangements, gepaart mit dem Einsatz von klassischen Instrumenten standen zwar im Einklang mit dem aktuellen Musikverständnis jener Zeit, nur dass Gentle Giant diese Aspekte viel weiter vorantrieb. Die Gruppe
tourte ausgiebig, hauptsächlich in Grossbritannien und baute sich innert kürzester Zeit eine grosse Fangemeinde auf, welche diesem "neuen" Sound sehr zugetan war. Das Album hingegen war kommerziell nicht sonderlich erfolgreich, gilt aber heute als Meilenstein progressiver Musik. Ihr nächstes Album "Acquiring the Taste" (1971),
erweiterte erneut die kreativen Grenzen und tauchte ein in ein wundersames Gebilde aus Jazz, Folk, komplizierten Harmonien und Akkordfolgen, erneut wie schon beim Debütalbum durch eine Art satirische Plattencover-Kunst und der eigenen Definition und Einschätzung ihrer Musik, welche die Gruppe stets als experimentell bezeichnete und gewissermassen auch als unpopulär galt, was die Musiker als ihr grundsätzliches Erkennungszeichen verstanden haben wollten. Diese Art von Selbsteinschätzung verwehrte der Band indes den grossen kommerziellen Erfolg schon per se, und nicht wenige Musikfans fanden dieses Selbstbild der Band irgendwie befremdlich. Die Fans hingegen, und das waren nicht Wenige, feierten die drei Shulman Brüder genau deswegen, weil sie sich nicht einordnen liessen und Kreativität und stilistische Freiheit nach ihrem eigenen Gutdünken auslebten.
Anfang 1972 begleiteten Gentle Giant als Support Act die Gruppe Jethro Tull auf deren Europatournee, nachdem Ian Anderson von Jethro Tull von Gentle Giant's Musik begeistert war. Diese Tournee machte Gentle Giant schliesslich auch ausserhalb Englands sehr bekannt und die Gruppe konnte zahllose neue Fans gewinnen. Der Schlagzeuger
Martin Smith verliess nach dieser Tournee die Band, Malcolm Mortimore ersetzte ihn und das nächste Album "Three Friends" wurde
aufgenommen. Es war das erste Konzeptalbum der Gruppe mit einem deutlich rockigeren Ansatz und auch längeren Kompositionen. Als die Gruppe sich im Frühjahr 1972 auf eine weitere Konzertreise begab,
hatte Mortimore einen Motorradunfall und John Weathers wurde geholt, um ihn
dauerhaft zu ersetzen. Nach der Erholung spielte Mortimore weiterhin
professionell und erzielte immer noch eine solide Grundlage für die Komplexität
der Gruppe und sie erreichte vor allem in Deutschland und Italien enorme
Popularität. Das nächste Album "Octopus", ihr letztes Album für Vertigo,
mit dem berühmten Roger Dean Cover, wurde veröffentlicht und aus der Sicht vieler Kritiker und Fans war dies ihr kreativ bestes Album: Es überzeugte mit einer grossen Vielseitigkeit und vermischte die verschiedenen Stile, welche Gentle Giant bislang auf ihren Alben präsentierten, auf diesem hochprogressiven Album. Gentle Giant begaben sich dann auf ihre allererste US-Tournee mit
Black Sabbath, um Werbung für das neue Werk "Three Friends" zu machen, weches in den USA von Columbia Records veröffentlicht wurde. Das Label zeigte sich wenig überzeugt von dieser Musik, zumal auch die Live-Kombination von Black Sabbath und Gentle Giant nicht wirklich überzeugend war und eher schlecht gewählt war, standen sich diese beiden Bands doch zumindest stilistisch diametral entgegen.Es war erneut Ian Anderson von Jethro Tull, der die Band auch in den USA stark promotete, worauf sich schliesslich auch dort eine immer grösser werdende Fangemeinde aufbauen konnte.
Die Gruppe ging danach zurück in ihre Heimat England, um zusammen mit der Gruppe The Groundhogs zu spielen und dort ebenfalls die Werbetrommel für ihr aktuelles Album "Octopus" zu rühren. Leider
entschied sich die Plattenfirma in den USA dafür, das Roger Dean Cover nicht zu verwenden und veröffentlichte die Platte erst im folgenden Jahr. Zeitgleich gab Philip Shulman
seinen Austritt aus der Band bekannt. Er war zehn Jahre älter als der Rest der Band und obwohl er als quasi musikalischer Leiter der Gruppe fungierte, gewichtete er seine Familie stärker als das Musikgeschäft und verliess die Musikbranche ganz. Ihr fünftes Album, "In A Glass House" von 1973, war und ist
immer noch grossartig und unter den Fans als ihr bestes Album angesehen,
obwohl der Verlust von Phil auch bedeutete, dass die sanftere Seite der Musik und der Einsatz akustischer Instrumente nachliessen. In den USA weigerte sich die
Plattenfirma, das Album mit der Begründung zu veröffentlichen, dass es zu
vielseitig und unverdaulich sei, verkaufte dann aber trotzdem eine Viertelmillion Exemplare über Import. Die
Gruppe absolvierte nunmehr einige Konzertreisen in Amerika als Haupt-Act und wurde besonders an der Westküste und
in Kanada gefeiert. Die ausgedehnte Tour ging weiter und das nächste
Album "The Power And The Glory" brachte ihr komplexes rhythmisches und atonales
Experimentieren qualitativ auf ein neues künstlerisches Level. Dieses Album wurde in den USA von Capitol Records veröffentlicht und verkaufte sich gut.
1975 spielten Gentle Giant die meisten ihrer Konzerte als Headliner und
veröffentlichten mit "Free Hand" ihr nächstes Album, das nun beim Label Chrysalis Records erschien. Das Album war ein sehr grosser Erfolg, schaffte es in den USA in die Top 50 und in ihrer Heimat in die Top 30, was "Free Hand" zu ihrem meistverkauften Album überhaupt machte. Das Album repräsentiert wahrscheinlich den Höhepunkt ihrer
ausgeklügelten Techniken, die Atonalität war weiter zurückgenommen worden und das teils äusserst komplexe Zusammenspiel wurde auf ein Minimum reduziert. Insgesamt klangen Gentle Giant nun deutlich rockiger und konkreter. Manche Fans bemängelten das, dafür kamen neue Fans hinzu, denen der nunmehr wesentlich konkretere Musikstil besser gefiel als die aus ihrer Sicht eher zu komplizierte Musik auf den bisherigen Werken. Ein Live-Doppelalbum "Playing The Fool" folgte 1977 und präsentierte Auszüge aus ihrer Herbsttournee desselben Jahres. Es war überraschend komplex gespielt, eher wie früher und zeigte noch einmal, wie unglaublich kreativ und spontan die Gruppe vor allem live spielte. Das
Album präsentierte die Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer
Popularität, und in der Folge trafen sie die Entscheidung, neu komponierte Musik erst einmal live zu spielen, bevor sie sie aufnehmen wollte.
Zu dieser Zeit hatten viele progressive Bands aufgegeben
oder einem kommerzielleren Stil nachgegeben. Die Shulman Brüder entschieden
sich auf halbem Weg dafür, ihrem nächsten Album einen einfacheren,
AOR-orientierten Ansatz zu verpassen, um dem musikalischen Trend zu folgen. Das Album "The Missing Piece", das Ende 1977 veröffentlicht wurde, enthielt ihre letzten
progressiven Aufnahmen und ihren ersten Single Versuch, der natürlich den
erwarteten Eindruck auf die Jungen nicht machte. In der Zwischenzeit gaben
andere progressive Rock-Acts entweder auf oder gaben nach und das gleiche
passierte auch Gentle Giant. Die Band hörte auf zu touren und nahm mit einem weiteren Album mit dem Titel "Giant For A Day" ein Werk auf, das relativ kurze Songs enthielt, um auf der neuen Rockwelle mitzuschwimmen und neue Fans zu generieren, während die Cover-Kunst früherer Alben ebenfalls stark in den Hintergrund geriet und mit voller Absicht unprogressiv wirkte, um die neue Richtung auch optisch umzusetzen. Die Platte, die
1978 veröffentlicht wurde, und ihr schlecht durchdachtes Cover zeigten leider
ihren Mangel an Verständnis für den grundlegenden Rock'n'Roll und entsetzte ihre Fans, während sie gleichzeitig keine neuen Fans anziehen konnte. 1979 unternahm die Gruppe einen
letzten Versuch, mit dem fast schon am klassischen Hard Rock angebiederten "Civilian" kommerziellen
Erfolg zu erzielen. Es wurde 1980 veröffentlicht, scheiterte aber erneut und die Gruppe löste sich nach einer letzten Tournee auf.
Viele Versuche, die Band wieder zusammenzubringen, scheiterten, abgesehen davon, dass sie immerhin zu Wiederveröffentlichungen
des gesamten Werks auf CD und der gründlichen Veröffentlichung von bisher
unveröffentlichtem Material geführt haben. Der Anstieg des Interesses an
progressiver Rockmusik in den 90er Jahren führte allerdings zu einem wiederaufflammenden Interesse an Gentle Giant und eine neue Generation erlebte ein weiteres Mal, wie einzigartig Gentle Giant waren, was die kreative Umsetzung klassischer
Kompositionstechniken innerhalb der Rockmusik anbetrifft. Ihre
instrumentalen Fähigkeiten haben Gentle Giant längst zu einer der grössten Progressive Rock Bands gemacht und
sie konnte insbesondere in den 90er Jahren eine grosse Anzahl von Bands im
Progressive Rock Kontext beeinflussen und inspirieren.
Die umfangreiche Veröffentlichung "Unburied Treasure" von 2019 fasst das gesamte Studioschaffen der Gruppe zusammen und wird angereichert durch zahlreiche Liveaufnahmen, die alle bislang wenn überhaupt nur partiell zugänglich waren. Es ist das ultimative Gentle
Giant Box Set und eines der üppigsten Archiv Sets, das jemals
veröffentlicht wurde. Zum einen bekommt man alle originalen Studioalben,
zusammen mit "Playing The Fool", dem einzigen Livealbum, das die Band während ihrer Existenz veröffentlicht hat. Darüber hinaus entpuppt sich diese Box als eine wahre Schatzkammer von sorgfältig restaurierten Liveaufnahmen. Diese Aufnahmen reichen von
Material, das offiziell veröffentlicht wurde (ob von der Band von Anfang an
unterstützt oder als Neuauflage von Material, das zuvor als Bootlegs in
einer "Beat The Boots" herausgebracht wurde), zusammen mit
einigen der absolut traumhaften Bootlegs wie beispielsweise das gnadenlos gute "Gargantua", doch die Box enthält auch Liveaufnahmen, der zuvor nie das Licht der Welt erblickten. Hörenswert ist erstens einmal Es eine BBC-Radio One Session von 1972, die bislang nie zu hören war, in einer ausgezeichneten Klangqualität. Es gab BBC Aufnahmen verschiedenster Sessions früher schon auf Veröffentlichungen wie "Totally Out Of The Woods" oder auch "Out Of The Fire" zu hören, doch diese Aufnahmen wurden erst für diese einmalige Box ausgegraben und klanglich aufbereitet. Ein riesen Hörgenuss. Auch die Aufnahmen einer Show im amerikanischen New Orleans sind fabelhaft anzuhören, auch wenn daraus nur partiell Songs zu hören sind.
Die Aufnahmen eines Auftritts im italienischen Vicenza von Anfang 1973 klingt, obwohl original ein
Publikums-Bootleg, ebenfalls sehr gut und man kann hören, wie begeistert auch das itralienische Publikum von Gentle Giant's Live-Darbietungen war. Selbst bei dieser eher im Low Fidelity Bereich angesiedelten Aufnahme kann man die Feinheiten von Gentle Giant's Musik gut heraushören und es ist ein weiteres Zeugnis dafür, wie gut die Musiker ihre Musik auf der Bühne vermitteln konnten. Auch die ursprünglichen Tonbänder des Auftritts vom Oktober 1973 im italienischen Turin (Torino) sind allererste Sahne. Sie stammen von der damaligen "In A Glass House" Tour. Diese Aufnahmen gab es schon früher einmal als MP3 Files zu hören, und zwar als spezielle Beilage in Form einer MP3-CD, welche zum Lieferumfang des "Scraping The Barrel" Box Sets gehörte. Hier gibt es diese Aufnahmen nun als offizielle CD mit restauriertem Klang, der deutlich über den üblichen Zuschaueraufnahmen anzusiedeln ist und die Band selbst in absoluter Topform zeigt. Eine weitere ziemlich umfangreiche Liveaufnahme stammt
aus dem Schweizerischen St. Gallen aus dem Jahre 1974. Hier spielte sich die Gruppe hauptsächlich durch ihr "Power And The Glory" Repertoire. Die ein Jahr später wiederum in der Schweiz aufgenommene Show in Basel 1975 ist
angeblich auch eine Aufnahme aus dem Publikum, aber sie klingt unglaublich gut. Es ist nicht verbrieft, ob es sich dabei um eine Soundboard-Aufnahme handelt, aber die Aufnahmen klingen extrem sauber und differenziert. Gentle Giant spielten hier vor allem Musik aus ihrem damals aktuellen Werk "Free Hand".
Die wunderbarsten Liveaufnahmen in dieser üppigen Box sind jedoch die
vollständigen Sets aus den vier Konzerten von Düsseldorf, München, Paris und
Brüssel, aus welchen später das offizielle Livealbum "Playing The Fool" zusammengeschnitten wurde. Keines dieser Konzerte hätte vermutlich den Qualitätsansprüchen sowohl der Band, wie ihres Labels genügen können, weshalb daraus nur partiell Somngs für das "Playing The Fool" Album ausgewählt wurden. Wie immer aber, liegt das natürlich im Auge des Betrachters, respektive im Ohr des Hörers, denn alle Aufnahmen dieser vier Konzerte sind berauschend. Diese vier Konzerte, hier komplett in die Box integriert, stellen eine grossartige Zusatzpackung zum ebenfalls in die Box inkludierte "Playing The Fool" Platte dar, die neben den vier kompletten Konzertaufnahmen keinesfalls überflüssig wirkt, sondern absolut logisch erscheint. Insofern könnte man diese vier Auftritte aus der Sicht des typischen Gentle Giant Humors quasi als eine Art "Playing The Complete Fool" bezeichnen.
Neben weiteren interessanten Liveaufnahmen, die teilweise mit Studioequipment in brillianter Qualität aufgezeichnet wurden, gibt es aus den späteren Jahren der Band nur noch relativ wenige Aufnahmen zu hören. Genial zum Beispiel der Auftritt in Chester von der "Missing Piece" Tournee, oder die Liveaufnahme aus dem Roxy am Sunset Boulevard in West Hollywood: Eine Traum-Performance, die schon früher einmal unter dem Titel "The Last Steps" veröffentlicht worden waren. Für die "Unburied Treasure" Box wurden die Aufnahmen jedoch noch einmal komplett neu remastered. Ein kleines, aber sehr schönes Giveaway ist auch die CD mit dem Titel "Pinewood Studios Rehearsal", Studioaufnahmen aus dem Jahre 1977, auf welcher tolle alternative Versionen von Songs wie "The Runaway/Experience", "As Old As You're Young", "On Reflection", "Just The Same/Playing The Game", "Funny Ways" oder "So Sincere" und "Free Hand" zu hören sind.
Wie jedes immer sehr liebevoll und kompetent zusammengestellte Box Set aus dem Hause Madfish, das mit vielen Devotionalien angereichert worden ist, wie zum Beispiel hier durch zwei Bücher, Nachdrucke einiger besonders schöner Konzertplakate oder gar einem Puzzle, dem ein letztes einzelnes Stück fehlt (quasi "The Missing Piece" - der typische Gentle Giant Humor!): Wer diese Band liebt, erhält hier eines der schönsten Box Sets, das er sich wünschen kann. Leider war die Box auf weltweit 2000 Exemplare limitiert. Diese Sets waren innerhalb weniger Wochen bereits ausverkauft. Einige Monate später gab es in Absprache mit den Bandmitgliedern noch einmal eine Nach-Auflage, wiederum weltweit limitiert auf 1000 Stück. Auch diese waren in Windeseile ausverkauft. Die Box taucht ab und zu bei Ebay oder Amazon in gebrauchtem Zustand auf. Die Preise dafür variieren (Stand Januar 2026) mittlerweile zwischen 1000 und 3500 Euro, was man durchaus als einzigen Makel dieser wunderbaren Gentle Giant Vollpackung nennen kann. Essenziell!
Oct 27, 2025
HANS STAYMER BAND - Dig A Hole (GSF Records GSF-1004, 1972)
Hans Staymer wurde in Deutschland geboren, hat aber Europa bereits im Jahre 1962 in Richtung Kanada verlassen. Er war 15 Jahre lang Mitglied der kanadischen Truppe "The Rhythm And Blues Allstars". In den 90er Jahren veröffentlichte er zwei CD's mit Andreas Schmid, Bill Bourne und Long John Baldry. Eines dieser beiden Alben wurde auch für einen "Juno" nominiert (1997).
Das musikalisch Interessanteste, was Hans Staymer veröffentlicht hat, war aber sein LP-Debut "Dig A Hole", seinerzeit (1972) lediglich in Kanada und Deutschland veröffentlicht. Den Titelsong "Dig A Hole" habe ich bis heute nie aus dem Kopf gekriegt. Das ist einer dieser ewigen Ohrwürmer, die man nicht mehr vergisst. Leadinstrument ist hier ein Tenor Saxophon, das ziemlich an die direkten, rockigen Sounds von Roxy Music-Saxer Andy Mackay erinnert. "In The Midnight Hour" - der Steve Cropper/Wilson Pickett-Klassiker - wird hier so schnell und dynamisch gespielt wie auf keiner anderen mir bekannten Version. Eine Art souliger Rock'n'Roll würde ich sagen.
Am groovigsten kommt Hans Staymer immer dann 'rüber, wenn er wie beim "Staymer's Shuffle" mit dem Waschbrett zu Gange ist. Ein umwerfendes Instrument, das hier besonders prägnant eingesetzt ist. Der nächste Song, "W.S. Walcott Medicine Show" ist eine wunderschöne Adaption des Songs der Gruppe "The Band" - Robbie Robertson hat ihn geschrieben. "She Caught Me Katy and left me a Mule to Ride", der Taj Mahal Titel, den später auch die Blues Brothers gecovert haben, wird hier im lüpfigen, schmissigen Beer Bar-Stil zum Besten gegeben. Fun-Unterhaltung pur.
Einer der Highlights dieses Albums ist dann der Beatles-Song "Come Together". Eine Mandoline und ein Waschbrett und dieser unwiderstehliche Groove heben den Titel ziemlich vom Original der Beatles ab. "Ain't Never Been Hard" ist dann ein Titel aus der Feder von Robbie King, dem Musiker der kanadischen Band The Stampeders. Es ist erstaunlich, dass ausser dem Titelsong "Dig A Hole" kein einziger Song aus der Feder von Hans Staymer stammt. Der jedoch ist eine Klasse für sich und gehört für mich wohl zu den prägnantesten und in Erinnerung bleibendsten Songs aller Zeiten. Wer ihn einmal gehört hat, der kriegt ihn kaum mehr aus dem Kopf. Ursprünglich erschien die Platte wie gesagt 1972 auf GSF Records. Die Platte ist aber im Jahre 2002 auch als CD erschienen, jedoch lediglich in Japan als sogenannte Mini LP CD - einer Replika der originalen Langspielplatten-Hülle im 12x12 cm CD-Format (Air Mail Recordings 1016).
THE POP - Go! (Arista Records AB 4243, 1979)
Als sich noch während, spätestens aber nach dem Abflauen der ersten Punk-Welle der Power Pop zu etablieren begann, war der Musikmarkt eigentlich auch davon schon wieder übersättigt. Glorreiche Gruppen wie beispielsweise Eric Carmen's Raspberries sorgten schon einige Jahre früher für diesen anmachenden, recht rockig inszenierten Pop, der mal kauziger, mal geglätteter, immer aber ein bisschen zwischen den Stilschubladen fröhlich hin- und herpendelnd, nicht eindeutig kategorisiert werden konnte. Eines war diesen Power Pop Gruppen jedoch immer gemein: Sie konnten hervorragende und sehr eingängige Melodien komponieren und bedienten sich bei der stilistischen Umsetzung der gängigen Modetrends wie etwa dem Punk oder der New Wave. Beispiele für diese Art von Power Pop waren etwa die vor allem in den USA sehr bekannten The Cars oder The Sorrows (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen 60s-Band) aber auch The Shoes. Bis etwa 1978 erfuhr der Begriff Power Pop keine sonderliche Verbreitung, bis er von Musikjournalisten wieder aufgegriffen wurde, die ihn als Euphemismus für poppigere Punk-Gruppen verwendeten, um Punk in kommerziellere Bahnen zu lenken. Zu dieser Zeit wurden Künstler wie Elvis Costello, Dave Edmunds, Nick Lowe, aus dem direkten Punk-Umfeld stammende Bands wie die Rich Kids und The Buzzcocks ebenso wie Protagonisten des Mod-Revivals wie The Jam oder The Vapors als Power Pop bezeichnet. Auch bei der Kleidung dieser Gruppen zeigte sich häufig der Einfluss der Mod-Szene oder der British Invasion mit ihren einfarbigen Anzügen, schmalen Krawatten und Kurzhaarfrisuren. Einige Bands, wie The Romantics, fielen allerdings auch durch New Wave Haarschnitte und Leder-Outfits auf. Mit seiner Eingängigkeit schaffte es der Power Pop, zu einem der sich am längsten haltenden Trends der Popmusik zu werden. Er übt bis heute grossen Einfluss auf viele Gruppen aus, in untereinander verwandten Genres wie etwa dem Indiepop, wie ihn beispielsweise die Band Teenage Fanclub spielt, dem Alternative Rock etwa der Cardigans, The Dandy Warhols, Fastball und Maxïmo Park, aber auch dem Pop-Punk der Gruppen Bowling For Soup, Good Charlotte, Jimmy Eat World, Simple Plan und den vielleicht Bekanntesten aus diesem Bereich, nämlich Weezer und schliesslich auch dem Britpop der Babyshambles, The Libertines oder Supergrass. Die kommerziell seit Jahren äusserst erfolgreiche Indie Rockband Gruppe Green Day wiederum bekannte sich dazu, seit ihrem Album "21st Century Breakdown" einen vollen Genrewechsel vom Punk hin zum Power Pop vollzogen zu haben. Power Pop war aber letztlich auch die Bezeichnung für einen Musikstil zwischen Rock und Pop, der sich durch kurze 3 1/2 Minuten lange Songs, ausgestattet mit einfachen Arrangements, trotzdem starken Melodien und bisweilen markanten Riffs auszeichnete und hauptsächlich von der Popmusik der 60er Jahre, der Mods, der Beatmusik und teils vom typischen amerikanischen Pop der 60er Jahre inspiriert war. Der Power Pop der 70er und 80er Jahre fiel teilweise mit der Punk- und New Wave-Bewegung zusammen und hatte hörbaren Einfluss auf den modernen Pop-Punk und Indie-Pop. Der Begriff Power Pop wurde angeblich zum ersten Mal von Pete Townshend von The Who benutzt, als er sich 1967 bezüglich des Stils seiner Band folgendermassen äusserte: "Power pop is what we play, what the Small Faces used to play, and the kind of pop the Beach Boys played in the days of "Fun, Fun, Fun" which I preferred". "Wir spielen Power Pop, das, was die Small Faces früher gespielt haben, und die Art von Popmusik, die die Beach Boys in den Zeiten von "Fun, Fun, Fun" gespielt haben, was mir besser gefiel". Neben den bereits genannten Beach Boys und The Who galten The Kinks, The Move und vor allem die Beatles als musikalischer Ursprung des Power Pop, auch die Everly Brothers spielten Mitte der 60er Jahre bereits einen als Power Pop kategorisierbaren Musikstil. Auch Bands der 70er Jahre wie The Easybeats, Badfinger, Big Star und The Raspberries wurden nachträglich dem Powerpop zugeordnet. Das selbstbetitelte erste Werk der Band The Pop war ein wahrer Klassiker des Power Pop, er klang roh, frisch und unverbraucht und atmete noch stark den Geist der rotzigen Punk-Aera. Da klangen sie noch sehr viel mehr nach Iggy Pop als nach The Cars, gaben sich noch keiner grossen Anstrengung hin, ausgefeilte Arrangements in ihre Songs zu legen, sondern spielten einfach ziemlich locker und ziemlich gut drauflos, was den Titeln des Albums auch sehr gut stand. Zufälligerweise sass damals noch David Robinson bei The Pop am Schlagzeug, jener Trommler, der später bei The Cars landen sollte, und auch eben jener David Robinson, der zuvor bei den genialen Modern Lovers zumindest auf deren frühen EPs und Singles zu hören gewesen war. Von Allan Rinde kernig in Szene gesetzt und von den beiden Vokalisten David Swanson und Roger Prescott hinreissend besungen, mutierte das Debutalbum, das auf dem Automatt Label erschienen war, sehr schnell zum Genre-Klassiker. Das zweite Album "Go" wurde dann wesentlich glatter gebügelt, verlor indes nichts von der Attraktivität, die von der Gruppe The Pop ausging: Das zweite Album war halt einfach poppiger und massentauglicher in Szene gesetzt. Die Songs waren genauso fabelhaft wie beim Debütalbum, da gab es nichts zu bemängeln. Nur die Art, wie die neuen Songs produziert wurden, liess darauf schliessen, dass die Gruppe erwachsen werden und ein etwas breitgefächerteres Zielpublikum erreichen wollte. Das Zweitwerk wurde von Earle Mankey produziert, und der besass vor allem ein umfangreiches Melodic Pop-Portfolio, das weit in die 60er Jahre zurückreichte. Zu Earle Mankey's Produktionen gehörten etwa Alben von den Sparks, den Runaways und von The Dickies, den Long Ryders und insbesondere von Concrete Blonde, von deren Alben er die meisten produziert hatte. Seine stilistische Bandbreite deckte dabei also hauptsächlich den Power Pop, die New Wave und durchaus auch den Post Punk ab, wobei er insbesondere durch seine Arbeit mit den Long Ryders auch immer ein starkes Melodiegefühl zeigte, von welchem The Pop unbedingt profitierten. Das Album "Go" war vor allem recht powervoll abgemischt und ähnelte vom Gesamtsound ein bisschen den Produktionen von Ron Nevison, der in jener Zeit Alben von Eddie Money, UFO, Jefferson Starship und der Michael Schenker Group in Szene gesetzt hatte. Dieser kraftvolle Mixdown zeichnete praktisch alle auf dem Album befindlichen Songs aus, angefangen vom Opener "Under The Microscope", der gleich eine kraftvolle Marke setzte, die sich letztendlich durch das gesamte Album zog. "Shakeaway" schloss hier nahtlos an den Opener an, zeigte eine bärenstarke Band mit einem fabelhaften Groove und tollen gesanglichen Leistungen. Das nachfolgende "Beat Temptation" erinnerte mit seinem Groove und seinem schönen Arrangement ein bisschen an die frühen Jahre der Band A Flock Of Seagulls und pendelte angenehm zwischen New Wave und hochmelodiösem Power Pop. Zu den Höhepunkten des Zweitlings gehörte zweifellos auch der Song "Go". Die Titelnummer des Albums war im Grunde eine exakte Kopie der britischen Band The Clash. Das Stück besass alle Zutaten britischen Post Punks, zeigte einen harten Beat, eine grandiose Mitgröhl-Melodie und jede Menge kraftvolle Gitarrensounds. Auf der anderen Seite wandelte die Gruppe aber auch stilsicher zwischen den typischen 60s- und 70s-Mustern, griffen etwa im Titel "I Want to Touch You" jene Merkmale auf, derer sich später auch die Cars und insbesondereThe Romantics oder The Fixx bedienten. Bisweilen waren sogar typische Muster des Poprocks von Bryan Adams herauszuhören, etwa im Titel "She Really Means That Much to Me". Und noch eine weitere musikalische Reminiszenz war herauszuhören: In "Waiting For The Night" erinnerten The Pop fast schon frappant an eine der frühen und ganz fabelhaften Power Pop Bands: The Dwight Twilley Band. Die Nummer bestach durch eine tolle mehrstimmige Gesangsarbeit und das Stück zeigte einen herrlichen Flow. Warum es die Band The Pop letztlich nicht schaffte, kommerziell den erhofften Durchbruch zu schaffen, lag möglicherweise im Umstand begründet, dass sich die damalige Musikwelt extrem rasch veränderte: Kaum waren Power Pop und Punk in aller Munde, wich die Power der Gitarren der Synthesizer-Landschaften der zweiten Generation der New Wave, nachdem die ursprüngliche New Wave kaum da auch schon wieder weggefegt worden war. Der Rest der 80er Jahre war dann geprägt von vielen stilistischen Wandlungen, von denen einige auf traditionellem Musikgut fussten und Bands wie eta Frankie Goes To Hollywood Tür und Tor öffneten, andere Gruppen und Solisten jedoch ergaben sich der digitalen Oberflächlichkeit und hantierten zumeist glück- und manchmal auch talentlos mit digitalen Schlagzeug-Computern und Synthesizer-Software, die sie zwar nie ganz verstanden, aber klanglich offenbar als sehr innovativ und zukunftsweisend verstanden. Der ganze synthetische Kram wich allerdings schon gegen Ende der 80er Jahre wieder dem bodenständigen und kreativen Sound selbstgespielter Instrumente, und das war gut so. Leider waren damit aber Bands wie The Pop letztlich entweder zu früh, oder aber zu spät mit ihrer Musik. Oder anders formuliert: Hätte die Band gegen Ende der 80er Jahre einen weiteren Versuch mit einem dritten Album unternommen, hätte sie mit ihrem powervollen Pop-Rock womöglich ein starkes Comeback feiern können. Doch das sollte nicht sein. Schade ist auch, dass es das Album "Go", ebenso wie das Debutalbum, bis heute nicht als CD gibt. Beide Platten wurden später nicht mehr neu aufgelegt. Die originalen LPs sind jedoch bis heute problemlos und recht günstig auf dem Gebrauchtmarkt zu finden.
BEAT FARMERS - The Pursuit Of Happiness (Curb Records D2-77501, 1987)
Die Beat Farmers aus Kalifornien wurden im August 1983 von Country Dick Montana und Jerry Raney gegründet und spielten einen sehr vielseitigen Stilmix aus Cowpunk, Roots Rock, Americana und Swamp Rock, der in seinem Abwechslungsreichtum stark an die Long Ryders erinnerte, die zwar eher vom traditionellen Rock'n'Roll kamen, jedoch auch all die typischen Strömungen der 80er Jahre im Bereich Country-Rock in ihre Musik einfliessen liessen wie die Beat Farmers. Letztlich bringt die Bezeichnung eines Musikkritikers den Stilmix der Beat Farmers ziemlich genau auf den Punkt: "Country Rock, Bar-Room Style".
Nachdem die Band für das Rhino-Label 1985 eine erste LP mit dem Titel "Tales Of The New West" veröffentlicht hatte, die von Steve Berlin (The Blasters, Los Lobos) produziert wurde, war der Gruppe zwar ein ziemlicher Achtungserfolg beschieden, was aber leider nicht dazu führte, dass Rhino den lediglich ein Album umfassenden Vertrag verlängern mochte. Stattdessen unterschrieben sie im Jahr darauf bei Curb Records, und dort blieb die Band auch bis fast zum Schluss. Waren auf dem Debutalbum noch auf den ersten Blick unvereinbare Coversongs vertreten, wie zum Beispiel "There She Goes Again" von Velvet Underground neben Bruce Springsteen's "Reason To Believe", so zeigte sich die Band in den Folgejahren eher von der eigenen künstlerischen Seite, was den Gesamtsound der Band allerdings nicht gleichförmiger, sondern eher noch vielfältiger machte. Leadgitarrist Joey Harris zeigte sich in dieser Beziehung als der Haupt-Songschreiber sehr kreativ und sein musikalisches Verständnis reichte vom urwüchsigen Rock'n'Roll mit klar 50er Jahre-Ausprägung bis hin zum aktuellen Cowpunk der 80er Jahre. Eines war seinen Kompositionen aber immer gemein: Sie waren unvergleichlich melodiös und mitsingbar, was die Band mit den Songs auf ihren beiden Folgealben "Van Go" (1986) und "The Pursuit Of Happiness" (1987) eindrücklich unter Beweis stellte.
Für dieses dritte Album, produziert von Dave Jerden, holten sich die Beat Farmers als Gastmusiker den legendären Pianisten Nicky Hopkins ins Studio, ausserdem Steve Berlin für die Saxophon-Parts und die beiden Long Ryders-Musiker Stephen McCarthy und Greg Sowders. Mit dem toll schunkeligen Americana Song "Make It Last" schaffte es die Band, in den Country und Western-Sendern der USA ausgiebig gespielt zu werden, wohingegen der Rest der Platte, der eher dem Rock'n'Roll und dem Swamp Rock/Roots Rock zugewandt war, leider nur wenig Chancen auf Airplay hatte. Das ist sehr schade, denn eigentlich dürfte diese dritte Platte die Ausgereifteste der Beat Farmers gewesen sein. Vielleicht fehlt den darauf enthaltenen Stücken letztlich ein kleines Quentchen Groove, wie er zum Beispiel auf dem Vorgängeralbum "Van Go" noch fast überall zu hören war. "The Pursuit Of Happiness" war alles in allem aber eher eine bodenständige Rock Platte und von daher wesentlich direkter und auch erdiger produziert. Vielleicht könnte etwa so ein Z.Z.Top Album klingen, wenn die bärtigen Texaner mal eine Country Rock-Platte einspielen würden.
Neben den rockenden Eigenkompositionen "Hollywood Hills" mit dieser herrlichen Mundharmonika-Einleitung, die ein bisschen an "Spiel mir das Lied vom Tod" erinnert, dem an die Blasters erinnernden "Dark Light" und dem schwerfälligen Bluesrocker "Key To The World" sind vor allem auch die hier wiederum gezielt ausgewählten Coversongs toll interpretiert: "Rosie" von Tom Waits zum Beispiel, das in seiner Intensität dem Original in nichts nachsteht, oder "Big River" aus der Feder von Johnny Cash, das dieses sehr abwechslungsreiche und hervorragend produzierte Album sanft und elegant ausklingen lässt.
Die Beat Farmers spielten fünf weitere Alben ein, allesamt empfehlenswert. Am 8. November 1995 verstarb Bandleader Country Dick Montana völlig überraschend mitten auf der Bühne während eines Auftritts, als er gerade den Song "The Girl I Almost Married" in seiner Heimat Whistler, British Columbia, zum Besten gab. Damit lösten sich auch die Beat Farmers auf. Ein Jahr später veröffentlichte Curb Records eine CD von Country Dick Montana mit Songs, die er für sein erstes Soloalbum aufgenommen, aber noch nicht herausgegeben hatte ("The Devil Lied To Me"). Neben seinen Bandkumpels spielten bei diesen Solo-Songs auch Rosie Flores, Katie Moffatt, Dave Alvin von den Blasters und Mojo Nixon mit.
GREG KIHN - Next Of Kihn (Beserkley Records JBZ-0056, 1978)
Die Greg Kihn Band wurde von Frontmann Greg Kihn und Bassist Steve Wright Mitte der 70er Jahre ins Leben gerufen. Nach den ersten beiden Alben "Greg Kihn Band" (1976) und "Greg Kihn Again" (1977), die noch in die englische Punk und New Wave Phase fielen, stellten sich 1981 mit "The Breakup Song" und 1983 mit "Jeopardy" zwei ausgemachte Radiohits ein. Kihn war auch ein populärer Radio DJ von Classic Rock Radiostationen wie etwa KFOX. Der Musiker wurde im Jahre 2007 in die Rock'n'Roll Hall Of Fame aufgenommen. Greg Kihn tat sich ebenfalls als Autor hervor, schrieb in dieser Eigenschaft mehrere Romane und editierte einen Band von Kurzgeschichten mit dem Titel "Carved in Rock: Short Stories by Musicians". Dieser enthielt Beiträge von ihm selbst sowie von Pete Townshend, Graham Parker, Joan Jett und Ray Davies. Geboren wurde Greg Kihn am 10. Juli 1949. Greg Kihn's frühesten musikalischen Einflüsse waren zweifellos die Beatles, insbesondere deren legendärer Auftritt in der Ed Sullivan Show. Der Musiker selber kommentierte das wie folgt: "Just about every rock and roll musician my age can point to one cultural event that inspired him to take up music in the first place: the Beatles on Ed Sullivan. If you were a shy 14 year old kid who already had a guitar, it was a life-altering event. In a single weekend everything had changed. I'd come home from school the previous Friday looking like Dion. I went back to class on Monday morning with my hair dry and brushed forward. That's how quickly it happened." Greg Kihn begann seine musikalische Laufbahn in seiner Heimatstadt Baltimore als Singer/Songwriter, wechselte aber bald zur Rockmusik, speziell zum gradlinigen Rock'n'Roll der frühen 60er Jahre und zog im Jahre 1972 nach San Francisco um. In der ersten Zeit nach seinem Umzug spielte er in Kaffee Bars und kleinen Musiklokalen in der kalifornischen Metropole, während er in Baltimore noch immer die High School absolvierte. Als Greg Kihn 17 Jahre alt war, reichte seine Mutter einen seiner selbst geschriebenen Songs bei einem Talentwettbewerb der lokalen Radiostation WCAO ein. Mit diesem Song erreichte der junge Musiker den ersten Platz in dem Contest und erhielt als Siegesprämie drei Dinge: Eine Schreibmaschine, einen Stapel Schallplatten und eine elektrische Vox Gitarre. Nach der High School wurde er in San Francisco sesshaft und arbeitete zunächst als Anstreicher. Gleichzeitig sang und spielte er an Strassenecken und hielt sich bevorzugt in Berkeley in einem Plattenladen auf, dem Rather Ripped Records. Zu diesem Zeitpunkt spielte er zumeist mit dem späteren Bandkumpel und Earthquake Gitarristen Gary Phillips, den er in San Francisco kennengelernt hatte. Bereits ein Jahr später erhielt er ein Angebot von Matthew King Kaufman, eine Platte für dessen später legendäres Plattenlabel Beserkley Records aufzunehmen. Auf dem Label veröffentlichten unter anderem auch Jonathan Richman, Earth Quake und die Rubinoos ihre Platten. Greg Kihn war damals einer der ersten Musiker, die bei Kaufman's Beserkley Records einen Plattenvertrag unterzeichneten. Mit seinen ersten beiden Alben verhalf er dem noch jungen Label rasch zu einem grossen Renomée und ebnete den bereits genannten Acts den Weg in den kommerziellen Erfolg. Dabei sollten Greg Kihn's nach und nach verfeinerte Kompositionen hauptsächlich zum bekannten Beserkley Sound beitragen: Melodischer Poprock mit starken Reminiszenzen an die 60er Jahre. 1976, nachdem einer seiner Songs für einen Beserkley Label-Sampler verwendet worden war ("Beserkley Chartbusters"), spielte Greg Kihn sein Debutalbum auf. Die erste Version der Greg Kihn Band setzte sich zusammen aus Greg Kihn (Gesang und Gitarre), Robbie Dunbar (Gitarre), Steve Wright (Bass) und Larry Lynch (Schlagzeug). Robbie Dunbar, der auch bei Earth Quake mitspielte und bei Beserkley Records unter Vertrag stand, wurde kurze Zeit später allerdings durch Dave Carpender ersetzt, welcher dann auf dem nächsten, dem zweiten Album, betitelt "Greg Kihn Again" zu hören war. Nicht mehr dabei war auch Kihn's frühester Musikerkumpel Gary Phillips, der jedoch später als Sessionmusiker gelegentlich wieder mitmachte, so beispielsweise auf dem 1980 erschienenen Werk "Glass House Rock". Danach wurde er festes Bandmitglied ab dem Album "Rockihnroll" (1981). Das zweite Lineup der Band, bestehend aus Kihn, Wright, Lynch, Phillips und Carpender hielt bis 1983, als Greg Douglass für Dave Carpender in die Band kam.
"Next Of Kihn" war Gerg Kihn's drittes Album, es erschien im Jahre 1978. Es war das letzte Werk, welches Greg Kihn ohne den Zusatz 'Band' veröffentlichte und es hob sich inhaltlich teils deutlich von seinen beiden Vorgängern ab. Das Album geriet wesentlich dunkler, mysteriöser und erhielt eine leicht geheimnisvolle Note. Auch wurden die Songs länger, ausgefeilter und wesentlich kompositorisch komplexer. Der Höhepunkt des Werks, das Stück "Remember" spielte die Gruppe allerdings live und in einem einzigen Take im Studio ein. Der Song wurde später auch nicht nachbearbeitet. "Next Of Kihn" wurde im CBS Coast Recorders, einem Top-Tonstudio an der Folsom Street in San Francisco eingespielt. Das Studio wechselte später den Namen zu 'The Automatt' und wurde berühmt, weil einige hochkarätige und weltweiterfolgreiche Platten in dem Tonstudio aufgenommen wurden, etwa von The Clash, Herbie Hancock, Santana, Van Morrison, Journey und Jefferson Starship, um nur einige zu nennen. Der Toningenieur Glen Kolodkin nahm die neuen Songs für das Album "Next Of Kihn" auf, Labelboss Matthew King Kaufman produzierte es und Greg Kihn's alter Freund Gary Phillips wirkte als Co-Produzent mit. Die Aufnahmen zeigten eine Greg Kihn Band auf ihrem bisherigen musikalischen und kreativen Höhepunkt. Alleine das leicht jazzig klingende, akustisch mit tollem Fingerpicking gezupfte Stück "Remember" begeisterte und war etwas völlig Losgelöstes. Der Schlagzeuger Larry Lynch spielte das Stück mit Jazzbesen. Die spezielle Wisch- oder Rührtechnik bewirkte einen sustainen, beziehungsweise beständigen, rhythmisch rauschenden Klang. Dazu bewegt sich eine Hand kreisförmig auf der Snare Drum, während die andere Hand phrasiert, oder zum Beispiel einen durchgehenden Rhythmus wie etwa einen klassischen Swing spielt. Dies variiert in Technik und Rhythmik je nach gewünschter Stilistik. Mit Besen kann man wie mit Sticks auch schlagend arbeiten, jedoch ist das Klang- und das Schlagverhalten ein völlig anderes. Die Becken können wahlweise mit dem Schaft (Griff), als auch mit den Drähten gespielt werden. Diese Technik verhalf dem Song "Remember" zu einer einzigartig coolen Rhythmik, und der Song wurde zu einem der vom Publikum am meisten gewünschten Songs an Konzerten. Ausserdem spielte bei "Remember" der Bassist Steve Wright einen bundlosen ('fretless') Bass. Doch "Remember" war bei weitem nicht das einzige Glanzlicht auf diesem ungewöhnlich schönen Album. Schon der Opener "Cold Hard Cash" liess die Professionalität, welche sich die Band mittlerweile erarbeitet hatte, erkennen: Der straighte Rock'n'Roll, der ganz klar vom grassierenden Punk-Urfieber inspiriert worden war, wusste ebenso zu überzeugen wie etwa das nicht übertrieben als 'Edelpop' zu bezeichnende "Everybody Else", das mit seinem Jangle-artigen Gitarrenspiel fast schon an die glorreichen Zeiten der Byrds erinnerte. Dazu gab es einen mit einem veritablen Kanon ausgeschmückten Song mit dem Titel "Understander", ebenfalls wie das in Moll gehaltene "Remember" ein eher düsteres, aber auch eigentümlich schwebendes Poprock-Stück, das die 5 Minuten-Marke sprengte. Zusammen mit dem lockeren und stark Westcoast-gefärbten, die zweite LP-Seite eröffnende "Sorry", dem mit echtem chinesischen Feuerwerk akustisch untermalten "Chinatown" und dem klasse ausgearbeiteten 6-minütigen "Secret Meetings" konnte dieses dritte Greg Kihn Album auf ganzer Länge überzeugen. Das wundervolle Plattencover hatte die Künstlerin Barbara Mendes nach einer Photographie von Greg Kihn gemalt. Das rückseitige Bandfoto entstand im Cosmos Factory Studio, jenem Tonstudio, das dem ehemaligen Creedence Clearwater Revival-Schlagzeuger Doug Clifford gehörte, in welchem Greg Kihn ab und an Probe- und Arbeitsaufnahmen durchführte. Während der ausgehenden 70er Jahre wurde die Greg Kihn Band immer populärer, und es schien eine Frage der Zeit zu sein, wann der erste grössere Hit der Band die Charts erobern würde. Leider war das zum Zeitpunkt von "Next Of Kihn" noch nicht der Fall. Zwar boten sich mit "Sorry" und "Everybody Else" gleich zwei Titel als Singles an, jedoch blieben diese vorderhand noch Achtungserfolge. Was sich aber zu jenem Zeitpunkt schon bemerkbar machte war, dass die Alben der Greg Kihn Band für das Plattenlabel Beserkley Records die höchsten Umsätze generieren konnten, noch vor den Verkäufen etwa des ebenfalls recht erfolgreichen Jonathan Richman und seinen Modern Lovers. Es dauerte noch drei Jahre, bis Greg Kihn schliesslich dann seinen ersten zählbaren Charts-Hit feiern konnte: Die 1981 veröffentlichte Single "The Breakup Song (They Don't Write 'Em)", ausgekoppelt aus dem Album "Rockihnroll" erreichte Rang 15 in den Billboard Charts. Kihn wurde daraufhin zunehmends kommerzieller, erreichte kontinuierlich höhere Chartspositionen auch mit seinen Alben "Kihntinued" (1982), "Kihnspiracy" (1983), "Kihntageous" (1984) und schliesslich "Citizen Kihn" (1985). Seinen grössten Hit konnte Greg Kihn mit der Single "Jeopardy" im Jahre 1983 feiern, mit welcher er es bis auf Platz 2 der US-Charts schaffte (vom "Kihnspiracy" Album). Der Song wurde weltweit populär, besonders in erweiterten sogenannten 'Extended' Versionen, die auf den Dancefloors in den USA, in Europa und auch in Japan rauf und runter gespielt wurden. Auch das zu dem Song "Jeopardy" gedrehte Videoclip geriet zum MTV Favoriten. Greg Kihn war in den 80er Jahren konsequent auf Tournee, spielte als Opener für die Grössten der Rockmusik, wie beispielsweise Journey, The Grateful Dead und die Rolling Stones. Kihn war auch Dauergast im amerikanischen Fernsehen, besonders in den damals populären Musiksendungen Solid Gold, American Bandstand und Saturday Night Live. Am 10. May 1981 spielte Greg Kihn ausserdem zusammen mit Willie Nile live anlässlich einer King Biscuit Flower Hour Show im Savoy Theater in New York City. 1985 brach Greg Kihn mit Beserkley Records und wechselte zu EMI Records. Matthew Kaufman produzierte jedoch weiterhin die Alben des Musikers. Das Werk "Lucky", im Jahre 1985 veröffentlicht, erreichte immerhin noch den Platz 30 in den amerikanischen Hot 100 und präsentierte einen Nachfolger-Clip zum populären "Jeopardy" Video. 1986 trat ein später sehr erfolgreicher Gitarrist anstelle von Greg Douglass in die Band ein, kein Geringerer als Joe Satriani. Gleichzeitig ersetzte Tyler Eng den langjährigen Schlagzeuger Larry Lynch und Pat Mosca ersetzte Gary Phillips an den Keyboards. Dies war das Lineup, welches dann 1986 das Studioalbum "Love And Rock & Roll" einspielte. Joe Satriani verliess die Greg Kihn Band jedoch schon bald nach der Veröffentlichung wieder, um sich einer Solokarriere zu widmen. An seine Stelle trat der ehemals in der Backing Band von Eddie Money tätig gewesene Gitarrist Jimmy Lyon. Greg Kihn kehrte anschliessend zurück nach Baltimore, seiner Heimatstadt und nahm dort einige zumeist eher akustisch gehaltene Soloalben auf, die manchmal auch viel angenehmes Folkrock-Flair verströmten, unter ihnen etwa das Werk "Mutiny" aus dem Jahre 1994 oder das zwei Jahre später erschienene "Horror Show". Ab 1996 begann Greg Kihn mehr und mehr als Radiomoderator zu arbeiten, und gleichzeitig begann er auch zu schreiben. Als Radiomoderator war er unter anderem zu hören bei der San Jose Classic Rock Station KUFX FM 98.5 in der Sendung 'The Fox'. Dort arbeitete er von morgens 7 Uhr bis Mitternacht. Erfolgreich wurde er dann in San Francisco mit einer wöchentlichen Morgensendung beim Sender KUFX, welche Millionen von begeisterten Zuhörern hatte. Als Novellist begann er ebenfalls 1996 und präsentierte noch im selben Jahr sein erstes Buch, die "Horror Show", dem er auch ein gleichnamiges Album folgen liess. Das äusserst erfolgreiche Erstlingswerk wurde für den prestigeträchtigen Bram Stoker Award in der Kategorie 'Best First Novel' nominiert. Es folgten weitere Titel wie "Shade of Pale" (1997), "Big Rock Beat" (1998) und "Mojo Hand" (1999). Kihn publizierte auch etliche Kurzgeschichten während dieser Jahre, einige von ihnen erschienen beispielsweise in der Buchreihe 'Hot Blood'. Kihn schrieb ausserdem zwei Drehbücher und arbeitete mit einigen Produktionsfirmen und Hollywood-Regisseuren sowohl für TV-Serien wie auch für Kinofilme. Die Greg Kihn Band bestreitet noch immer Konzerte, natürlich inzwischen auch wieder in veränderter Besetzung, zu der heute auch Greg Kihn's Sohn Ry als Gitarrist gehört. Dave Danza, der ehemalige Schlagzeuger von Eddie Money, der Keyboarder Dave Medd, der zuvor jahrelang bei The Tubes die Tasten gedrückt hatte, sowie Robert Berry (von der Band Hush) am Bass. Jedes Jahr veranstaltet die Radiostation KFOX ein Konzert im Shoreline Amphitheatre in Mountain View, California, genannt das 'Kihncert' mit der Greg Kihn Band als Opening Act. Ueber die Jahre haben anlässlich dieses 'Kihncert' Top-Rockacts wie Lynyrd Skynyrd, Jefferson Starship, Eddie Money, Boston, Paul Rodgers von Bad Company, The Who, die Steve Miller Band, George Thorogood, John Waite, Pat Travers, Night Ranger, Mickey Thomas’s Starship, Styx, REO Speedwagon, 38 Special, Blue Oyster Cult, Yes und Kansas Konzerte bestritten. Greg Kihn wurde im Jahre 2007 in die 'San Jose's Rock Hall of Fame' aufgenommen.