Nov 2, 2026


MOON SAFARI - Blomljud (Blomljud Records BRCD002, 2008)

Wer dermassen unverschämt melodiöse Musik wie dieser schwedische Fünfer macht, der darf sich schon mal des Vorwurf erfreuen, er spiele Dosenöffner-, Verzeihung Frauenversteher-Musik. So einschmeichelnde und schwelgerisch-romantische Klänge hört man - zumindest im Bereich des progressiven Rocks, zu welchem die Band eigentlich gezählt wird - eher selten, und ich schwanke bei der Beurteilung dieser Musik eigentlich zwischen Kuschel- und Sunshine Prog-Pop, aber was es vielleicht ganz gut trifft, ist 'Schmuse-Prog'. Das gibt's nicht ? Okay, dann hab ich das jetzt eben grade erfunden. Manche Passagen dieses Albums erinnern von den mehrstimmigen Gesangs-Arrangements her nicht selten an die Beach Boys, während die Musik, die oftmals alleine durch die Dominanz lieblicher akustischer Gitarren und einem äusserst luftigen Klavier selbst in lebhafteren Passagen an Barclay James Harvest oder - etwas aktueller betrachtet - an den wundervoll romantischen Prog-Sound von The Pineapple Thief erinnert. Aber vor allem sind diese fünf Herren einmal Hippies, und zwar Hippies der ganz alten Schule, die ihre Joints noch selber drehen, textinhaltlich dem Landleben verpflichtet und dabei auch schon mal in einem Song mit dem Titel "Yasgur's Farm" dem Mann Tribut zollen, der 1969 fast einer halben Million Hippies sein Land zur Verfügung gestellt hat, auf welchem dann ein Musik-Festival über die Bühne ging, das unter dem Namen "Woodstock" noch heute Heerscharen von Musikern jüngeren oder älteren Jahrgangs ungebrochen als Quelle der Inspiration dient. Ausserdem ist gerade der Song "Yasgur's Farm" hier auch eine Brücke zwischen dem damaligen 'Uncle Sam' und den Hetzern und Provokateuren von heute, die längst nicht mehr nur mit Waffengewalt Gesinnung in die Köpfe der Menschen trichtern, sondern vor allem durch Worte, denen man sich auch nur mit Worten entgegenstemmen kann: "Mother we'll build a different world, the revolution is here we'll start with words...I'm a messenger of everlasting love".

Die Gruppe Moon Safari besteht aus Simon Akesson (Gesang, Klavier, Hammond Orgel, Moog Synthesizer, Mellotron), Petter Sandström (Gesang, Akustik-Gitarre, Mundharmonika), Pontus Akesson (6- und 12-saitige Akustik-Gitarren, elektrische Gitarre und Percussions), Johan Westerlund (Bass, Gesang) und Tobias Lundgren (Schlagzeug, Percussions und Gesang). Auf ihrem Album "Blomljud" kommen noch einige Gastmusiker hinzu, so die Cellistin Mona Falk, der Geigen- und Flötenspieler Mans Axelsson-Ljung, der Pedal Steel Gitarrist Anders Pettersson, Perkussionist Andreas Persson und Anthon Johansson, der eine zusätzliche elektrische Gitarre im Stück "Yasgur's Farm" spielt. Reizvoll im Sound der Band ist vor allem die öfters arrangierte Kombination von akustischer Gitarre und Moog Synthesizer. In diesen extrem schönen Momenten klingt die Gruppe wie hoffnungslos aus der Zeit katapultiert und man wähnt sich beim Zuhören in der Tat inmitten einer wohlriechenden Blumenwiese, in welcher alles Hektische, Stinkige und Krankmachende, das unsere heutige Gesellschaft so bereithält, um uns innerlich abzustumpfen und kaputt zu machen, durch Moon Safari's sonnige und fröhliche musikalischen Streicheleinheiten komplett ausgeblendet werden kann.

Die Gruppe wurde 2003 gegründet und stammt aus Skelleftea (Schweden), wo sie schon nach relativ kurzer Zeit ihres Bestehens ein Demo Tape aufnahm, das die Aufmerksamkeit von Tomas Bodin der Band The Flower Kings erregte. Dank ihm und seinen Connections konnte die Gruppe 2005 ihr erstes Album realisieren. Unter dem Titel "A Doorway To Summer" lieferte die Band ein Konzeptalbum, das sich im weitesten Sinne mit den beiden Begriffen "Sommer" und "Sonne" und der Hoffnung auf die Vernunft der Menschen in Bezug auf das Sorge tragen zu lebenswichtigen Ressourcen auseinandersetzte. "Blomljud" ("Blumenmusik"), das drei Jahre später als Doppelalbum erschien, knüpfte an diese Art des Konzepts an und nahm sich die Blumen- und Pflanzenwelt zum zentralen Inhalt und deren Wichtigkeit im Zusammenhang mit dem Schutz der globalen Vegetation. Selbst biblischer Themen nimmt sich die Gruppe bisweilen an, vor allem in Bezug auf eine mögliche Apokalypse. Oft aber bedient sich die Band ganz alltäglicher Themen, wie zum Beispiel im Song "The Other Half Of The Sky", in welchem die Band davon berichtet, dass in den Sternen geschrieben steht: "How come people claim they want to live forever, when at work they can't wait for the day to end ? On Friday night you reset you are drinking to forget all the worries of the week. Dead men on their feet, they have pulse but they have no heartbeat, just a shadow on the street." Das ist wahrlich sehr bodenständige Poesie im Hier und Jetzt. Im Zusammenhang mit der Musik wirkt das allerdings alles andere als anstrengend, mahnend oder gar gefährlich. Nein, die Band lullt den Zuhörer musikalisch perfekt ein - der aber gerade dadurch vielleicht intensiver und aufmerksamer die Message der Songtexte verinnerlichen kann.

Am schönsten passt dies im Song "Bluebells" (Glockenblumen) zusammen. Hier kriegt der Zuhörer einen mächtigen Ohrwurm zu hören, der sofort zum mitsingen animiert, lieblich und traumhaft mehrstimmig arrangiert ist, und beim genaueren Hinhören einen Text serviert, der diesen leicht biblischen Hintergrund, jedoch auch wieder eine Art mahnende Poesie offenbart: "Dancing on the feet of a miracle, while winter's growing cold. Life seems almost cynical in the gardens of green and gold, while the apples of eden calling me, I sometimes just can't believe, that man was made a replica of someone else's dream." Und die zentrale Botschaft für das gesamte Doppelalbum liefert sie Band schon im A Capella vorgetragenen Intro zum ersten Song "Constant Bloom": "We promised you gardens made of green, yet we're lost in this tune, just men of the moon, that sing for a world of constant bloom". Die Gruppe schaut also vom Mond herunter auf die Erde und betrachtet und analysiert, wie die Menschen schleichend sich selber kaputt machen, indem sie ihr natürliches Habitat vergiften. Schön gemacht und plausibel erzählt. Dazu noch musikalisch wundervoll verpackt.

Wer es sich vorstellen kann, den sonnigen Pop der Beatles und die mehrstimmigen Gesangs-Arrangements der Beach Boys mit progressiven Rock-Elementen beispielsweise von Genesis, Marillion oder The Pineapple Thief zu vermischen, für den dürfte die Gruppe Moon Safari ein dicker Tipp sein. Wenn zur inneren Grundhaltung noch ein bisschen Hippie sein dazu kommt, umso besser...dann passt das ganz bestimmt.



 

Oct 30, 2026


BLACK BONZO - Lady Of The Light (B&B Records BCD005, 2004)

2004 erstmals veröffentlicht in Schweden, 2012 nochmals international aufgelegt mit Bonustracks ist das erste Album der schwedischen Rock Band Black Bonzo eine der seltenen Perlen des sogenannten "Vintage Rock", der auch wirklich alt klingt, und zwar sowohl vom Instrumentarium der Band bis hin zum finalen analogen Endmix, bei welchem ich eigentlich nur staunen kann, denn analoge Mixdowns werden in der Regel nur noch für Vinyl-Pressungen angefertigt. Dank der vielen technischen Möglichkeiten von heute kann man aber tatsächlich von analogen Master-Bändern fertige Mixdowns absolut verlust- und verfremd-frei digitale Dateien anfertigen, die dann den analogen Sound 1:1 auf die CD bringen. Einziger Wermutstropfen: Es fehlt letztlich das vertraute Knistern, das sich auch nach hundertfachem Anhören der CD nicht einstellt.

Die Band aus dem schwedischen Skelleftea besteht aus Magnus Kärnebro (Gesang), dessen vokalistische Darbietungen bisweilen frappant an den jungen David Byron von Uriah Heep erinnern, Joakim Karlsson (Elektrische und akustische Gitarren, Flöte und Gesang), Anthon Johansson (Bass und Gesang), Mikael Israelsson (Schlagzeug und Gesang), sowie Klas Holmgren (Hammond B3 Orgel, Klavier, Mellotron und ebenfalls Gesang).

Black Bonzo machen musikalisch dort weiter, wo Uriah Heep, Mountain und Deep Purple musikalisch ungefähr 1972 unterwegs waren. Oder sie spinnen den Gedanken von Titanic weiter, die nach dem Debutalbum den ganzen Rock in den Schrank verbannten, um fortan vor allem perkussiven, ziemlich massentauglichen Dancefloor-Lala zu machen. Solchen Kommerz findet man auf Black Bonzo's Debutalbum nicht. Eher - wenn ich mal beim Vergleich zu der norwegischen Band Titanic bleiben will - Sound im Stile von "Searchin'", dem Opener von Titanic's Erstling aus dem Jahre 1970. In der Tat dominiert bei Black Bonzo zumindest auf dieser Debut-Platte erstmal die Hammond Orgel. Daneben sind aber auch die verwendeten Gitarren und vor allem die dazugehörigen Verstärker wahrscheinlich mindestens 40 Jahre alt, denn genau so klangen früher die Gibson Les Paul's über die obligaten Marshall-Türme.

Am allernächsten kommt der Sound von Black Bonzo für mich allerdings an meine heimlichen Rock Helden von Warhorse. Denn wie bei Nick Simper's damaliger Band, wird hier der ganz spärlich in die Kompositionen eingestreute typische Progressive Rock der damaligen Zeit hörbar. Der Kernsound ist aber trotzdem klassischer Hard Rock, der mit besagter Hammond Orgel und dem wuchtigen Sound verzerrter Gitarren und gerne auch mit Mellotron in perfekten, sich nirgends offensichtlich anbiedernden Abläufen oder Schemas erdig und ehrlich und qualitativ exzellent rockt. Auch an die ersten beiden Alben der Hard Rock Band Uriah Heep ("Very 'Eavy Very 'Umble" und "Salisbury") erinnert Black Bonzo's Musik, im wesentlichen aufgrund von Magnus Kärnebro's Gesangslinien und auch wegen der oft zentral eingesetzten Hammond Orgel.

Es ist auch überhaupt keine Platte, die man sich nach zwei-, dreimaligem Hören in den Schrank zurückstellt und vergisst, so wie das bei einem Grossteil der heutigen auf alt getrimmten Rockmusik junger Bands leider der Fall ist, die lediglich an der Rock-Oberfläche kratzen, denen aber die Liebe und Demut und natürlich auch die Athentizität fehlt. Dafür sind die Kompositionen auf diesem Black Bonzo Album einfach zu hervorragend und der Sound wirklich alt, staubig und muffig: Man will sie sich bald wieder auflegen, sobald man wieder Lust auf guten alten Hard Rock hat.

Der Opener, das Titelstück "Lady Of The Light" bietet bei einer Länge von 7 Minuten ein Paradebeispiel für den eingangs erwähnten "Vintage" (Old School) Rock: Eine Nummer, die sich ständig weiterentwickelt, fabelhafte Gitarrenläufe zeigt und insgesamt von einer mächtigen Hammond Orgel getragen wird. Vielleicht nicht der zentrale Song der Platte, jedoch ein erster eindrücklicher Höhepunkt, den die Band jedoch locker als Messlatte der weiteren Titel des Albums setzen kann. Es gibt keinerlei Ausfälle, das Niveau sämtlicher Kompositionen hört sich gleichbleibend hoch an. "Brave Young Soldier", "Fantasyworld" und "Where The River Meets The Sea": Es sind vor allem die langen Stücke, bei denen man eintaucht in eine wundersame Welt der Variationen, Spannungsbögen und Arrangements-Spielereien. Daneben wirken die eher kurzen Songs mit dreieinhalb bis viereinhalb Minuten Lauflänge knackig, kompakt und kompositorisch perfekt umgesetzt - mal mit einem sich in den Gehörgängen festklebenden charakteristischen Refrain, mal gänzlich ohne Chorus. Hier können beispielsweise "New Day", "Freedom", "Jailbait" und "Leave Your Burdens" begeistern.

Alles in allem ist dies ein klasse Erstlings-Album einer Band, die es wie nur Wenige verstanden hat, den typischen Hard Rock von Anfang er 70er Jahe ins Hier und Jetzt zu transportieren, ohne als billige Kopie zu klingen, und vor allem: Ohne alten Helden lediglich nacheifern zu wollen. Die Musiker sind allesamt hervorragende Künstler, die nicht nur hier, sondern auch auf den Folgealben "Sound Of The Apocalypse" (2006) und "Guillotine Drama" (2009) den Traum des Vintage Rock auf gleichbleibend hohem Niveau weiterspinnen konnten. Als die Gruppe danach pausierte, entstand drei Jahre später die Nachfolge-Band GIN LADY, in welcher die meisten der Black Bonzo-Musiker wieder mit an Bord waren, und die 2012 ihr Debut Album präsentierte, das erneut den Vintage Rock von zuvor zelebrierte, vielleicht noch etwas kerniger und mit weniger Anteil an progressiven Elementen wie die Musiker das unter der Black Bonzo Flagge kredenzt hatten, aber ganz genauso unterhaltsam.




Oct 28, 2026


STREETWALKERS - Downtown Flyers (Vertigo Records 6360 123, 1975)

Knorriger, bellender und exaltierter wirkte Roger Chapman weder vorher, noch nachher. Hier auf dem zweiten Longplayer seiner Streetwalkers, zog er 1975 alle Register seines extrem wiedererkennbaren Gesangs, der immer wieder mal an eine bedrohliche Meckerziege erinnert. Nach dem Aus seiner ersten Band FAMILY im Jahre 1973 machte Chapman mit seinem Gitarristen John "Charlie" Whitney weiter, und es entstand schon wenig später ein erstes Album, das den Titel "Streetwalkers" trug und unter dem Namen Chapman/Whitney erschien. Diese Platte war eine Art Uebergangsprodukt, denn eine eigentliche feste Band kam erst Mitte 1974 zustande. Das erste gemeinsame Album hatten die beiden mit gemieteten Studiomusikern eingespielt.

Die Band-Besetzung war komplett, als im Herbst 1974 der Keyboarder Bob Tench gekommen war, der zuvor in der Band von Jeff Beck gespielt hatte, Jonathan Plotel aus der Band Casablanca und schliesslich der Schlagzeuger Nicko McBrain, der spätere Iron Maiden Drummer. In dieser Besetzung spielte die Truppe das Album "Downtown Flyers" ein, das eine rohe und bisweilen wüste Bluesrock-Angelegenheit wurde mit bleischwerem Sound, etwa nachzuhören im Stück "Walking On Waters". Die Aufnahmen des Toningenieurs von Denis Weinreich erhielten einen mächtig voluminösen "Bauch", sodass selbst den nebst schmierigen Bluesrock-Stücken auch den eher balladesk ausgerichteten Songs etwas Bedrohliches anheim fielen. Hier gefällt vor allem das Stück "Gypsy Moon", aber auch "Miller", das etwas leicht Mystisches in der Melodieführung aufweist, das sich wie ein nebliger Schleier über den Gesang von Roger Chapman legt.

Das Album war die Initialzündung zu einer zwar relativ kurzen, jedoch recht erfolgreichen Karriere der Band Streetwalkers, die während der nächsten drei Jahre und mit drei hochkarätigen Studioproduktionen und einem Live-Doppelalbum besonders in Deutschland gern gesehene Gäste auf Bühnen und Open Airs waren, bevor Roger Chapman und Charlie Whitney die Band auflösten und Chappo zu seiner Solokarriere startete, die bis heute andauert.

Obwohl auf dem 1976er Werk "Red Card" mit dem Stück "Run For Cover" das wohl bekannteste und als Single erfolgreichste Stück der Band zu finden ist, kann man dem Debutalbum aufgrund der offenen und vielseitigen musikalischen Grundausrichtung den Vorzug geben. Hier wirkte nichts glattgebügelt, die Musik war roh, von fast livemässigem Charakter und mit enorm viel Druck seitens der Musiker und auch was Chappo's einmaliges Röhren anbetrifft.






STRETCH - Forget The Past (Hot Wax Records WAX1, 1978)

Die Geschichte der britischen Band Stretch ist zuallererst natürlich einmal die Geschichte des Sängers Elmer Gantry. 1967 war der Sänger und Harmonika-Spieler, der mit bürgerlichem Namen Dave Terry heisst, Mitgründer einer britischen Psychedelic- und Spacerock-Band, die ursprünglich Velvet Opera heissen sollte. Aufgrund seiner Kleidung identifizierte die Band ihren Frontmann mit der fiktiven Figur Elmer Gantry aus dem gleichnamigen Spielfilm von 1960, und so wurde der Name in Elmer Gantry's Velvet Opera geändert. Terry behielt diesen Künstlernamen, als er die Band 1969 verliess. 1971 stiess er zur Londoner Jazz-Rock Formation Armada, wo bereits Gitarrist Kirby Gregory (eigentlich Graham Patrick Gregory, jedoch meist nur Kirby genannt), und Bassist Steve Emery aktiv waren. Kirby wiederum wechselte 1972 zu Curved Air und veröffentlichte mit dieser Band im Jahre 1973 das Album "Air Cut". Im selben Jahr veröffentlichten Gantry, Kirby und Emery mit der Hilfe von Clifford Davis, der zu jener Zeit der Manager von Curved Air und Fleetwood Mac war, unter dem Bandnamen Legs die Single "So Many Faces" mit der B-Seite "You Bet You Have".

Ebenfalls 1973 wurden Gantry und Kirby sowie Paul Martinez (Bass), John Wilkinson (Keyboards) und Craig Collinge (Drums) von Davis engagiert, um als Fleetwood Mac durch die USA zu touren. Die ursprünglichen Bandmitglieder hatten die Band bereits verlassen, waren zerstritten und/oder hatten mit Drogenproblemen zu kämpfen und standen deshalb nicht zur Verfügung, es waren aber bereits Konzerttermine angesetzt. Angeblich war auch der originale Schlagzeuger Mick Fleetwood an dieser Vereinbarung beteiligt und sollte während der Tour dazustossen, er erschien jedoch nicht zu den Konzerten, und so war der Skandal um die "falschen" Fleetwood Mac perfekt. Die Tournee wurde abgebrochen und es folgte ein Rechtsstreit um die Rechte am Namen Fleetwood Mac zwischen Manager Davis und den ursprünglichen Bandmitgliedern. Davis verlor den Prozess und wurde entlassen.

Zurück in England gründeten Kirby und Elmer Gantry dann die Band Stretch, und die 1975 veröffentlichte Debütsingle "Why Did You Do It ?" bezog sich direkt auf Mick Fleetwood und die damaligen Ereignisse. Die markanten Bläser des Stücks wurden von Bud Beadle, Chris Mercer, Mick Eve, Mike Bailey und Ron Carthy beigesteuert. Nach diesem vielversprechenden Start - die Single erreichte Rang 16 in den britischen Charts und konnte sich insgesamt acht Wochen dort platzieren - konnten weitere Veröffentlichungen keine nennenswerten Erfolge erzielen. Das zugehörigen Album "Elastique" wurde von Martin Rushent produziert; zunächst spielte Paul Martinez den Bass, aber schon auf dieser LP war bei einigen Stücken sein Nachfolger Steve Emery zu hören. Der Schlagzeuger Jim Russell wurde für das 1976 erschienene Nachfolgealbum "You Can't Beat Your Brain For Entertainment" durch Jeff Rich ersetzt.

Im September 1976 spielten Stretch als Vorband auf den Englandkonzerten der "Rising"-Tour von Ritchie Blackmore's Rainbow. 1977 lösten sich Stretch auf, das vierte und zunächst letzte Album "Forget The Past" wurde 1978 veröffentlicht, mit der zuletzt aktiven Besetzung, allerdings ohne den dominierenden Sänger Elmer Gantry. dieser trat in der Folge als Sänger verschiedener anderer Projekte in Erscheinung, so sang er beispielsweise für The Alan Parsons Project die Titel "May Be A Price To Pay" auf dem Album "The Turn Of A Friendly Card" (1980) und "Psychobabble" auf "Eye In The Sky" (1982). Im selben Jahr sang er "Where are you ?" auf der LP "Before I Forget" des ehemaligen Deep Purple-Keyboarders Jon Lord. Bereits 1981 waren er und Kirby am Album "Tilt" des Schlagzeugers Cozy Powell beteiligt: Gantry sang dort drei von Kirby mitkomponierte Stücke; dieser wiederum spielte auf zweien davon Gitarre; und auch Emery wurde bei einem davon als Co-Autor genannt.


1984 wurde das Stück "Why Did You Do It ?" in einigen europäischen Ländern wiederveröffentlicht, ergänzt um eine fast achtminütige Maxi-Version, gemixt von Fredrik Ramel, der den Titel schon 1975 produziert hatte. In Österreich war die Single 1985 14 Wochen lang in den Charts und erreichte Platz drei, in der Schweiz konnte sich der Titel 7 Wochen lang platzieren, bis hinauf zur 20. Position. Der Schlagzeuger Jeff Rich schloss sich 1986 der Gruppe Status Quo an, bei der bis zum Jahr 2000 blieb. 1992 folgten weitere Veröffentlichungen von "Why Did You Do It ?" mit zusätzlichen Remixen von The Wild Boys und James Black/Mixmaster K/Pekka Witikka.


Doch zurück zum nahen Ende der Band Stretch nach dem Ausstieg von Sänger Elmer Gantry. Kirby produzierte Anfang 1978 ein erstes Soloalbum mit dem Titel "Composition". Nahezu zeitgleich arbeiteteer mit den ehemaligen Stretch-Kumpels auch an einem weiteren Stretch-Album, heuerte dafür auch weitere Musiker an, die zuvor nicht bei Stretch mitgemischt hatten. Von der originalen Band waren nur noch Kirby und Steve Emery übriggeblieben, und da auch der Musikstil der Band ein anderer war, hätten Stretch wahrscheinlichgut daran getan, die Platte unter einem anderen Namen zu publizieren als unter dem Namen Stretch. Neu hinzugekommen war aber schon alleine mit dem Schlagzeuger Nicko McBrain ein absoluter Könner, der zuvor bei den Streetwalkers und der Pat Travers Band in Diensten gestanden hatte und später zu Iron Maiden wechselte. Trotz der qualitativ sehr guten Musik, die nun mit einem ziemlich grossen Schuss Latin Rock daherkam und den rauhen und rollenden Bluesrock von zuvor ausgeklammert hatte, fehlte die Präsenz von Elmer Gantry, weshalb auch die Fans der Band sich von der Combo abwandten. Stretch spielten nach der Veröffentlichung von "Forget The Past" praktisch auch keine Konzerte mehr, wodurch auch das Album schon kurz nach seiner Veröffentlichung  leider in der Versenkung verschwand. Kirby stellte später ziemlich resigniert fest: "Stretch is not really Stretch without Elmer", und das war sehr schade.

"Re-Arranging" war das erste Stück auf der LP und auch das erste Stück, das die 'neuen' Stretch komponiert und eingespielt hatten. Steve Emery hatte die Nummer geschrieben und sie lebte vom dynamischen Schlagzeugspiel von Nicko McBrain, bot aber auch schön arrangierten mehrstimmigen Gesang. Das Titelstück "Forget The Past" rollte noch runder als der Opener, versprühte als erster Track der LP durch die Perkussionsinstrumente einen leichten Latin Touch. Das nachfolgende "Ain't No Good Reason" klang vielleicht nach den vorangegangenen beiden Rhythmus-Granaten etwas beliebig und unspektakulär, war aber ebenfalls wieder eine schöne Steve Emery-Nummer.

Die zweite LP-Seite begann ausserordentlich poppig und sehr viel Mainstrem-freundlicher als alles, was Stretch zuvor präsentiert hatte. Diese Melodie hätte gar charten können, wenn sie nicht einfach zur falschen Zeit gekommen wäre. In dem ganzen Post-Punk- und New Wave-Durcheinander jener Tage hatte eine vom Westcoast inspirierte Hochglanz-Popnummer so gut wie keine Chance. Auch das nachfolgende stark Reggae-lastige "You're Too Late" konnte es nicht reissen, was sicherlich auch an der Komposition an sich lag: Hier zeigten sich schon gewisse Defizite in der Qualität des Songs an sich. Von ganz anderem Schlag waren dann die beiden weiteren Stücke auf der B-Seite der LP: "School Days" und "Fooling Me". Diese beiden Nummern gerieten zum Besten, was es von der Band Stretch zu hören gab. "School Days" war ein formidabler und spritziger Poprock-Song mit Vorwärtsdrang, wiederum dominiert vom taffen und gradlinigen Rocksound des Schlagzeugs von Nicko BrBrain. Ein wunderschöner Refrain zum Mitsingen war auch dabei und ein Rhythmus-Feuerwerk mit viel Salsa- und Latin-Feeling und donnernder Perkussion bildeten den zweiten Teil dieses mehr als 8 Minuten langen Titels. Das finale "Fooling Me" war nach demselben Muster gestrickt: Ebenfalls eine tolle Poprock-Nummer mit anschliessendem, die Platte final ausklingen lassendem Latin-Perkussions-Fieber.

Das Album "Forget The Past" wurde kaum zur Kenntnis genommen zum Zeitpunkt des Erscheinens, landete umgehend in den Billig-Grabbelboxen und wurde schlicht vergessen, nicht nur von den Fans der Band, auch von den Kritikern. Schade, denn das Werk bietet qualitativ guten Poprock und ist vor allem sauber eingespielt und druckvoll anbgemischt worden. Die Platte wurde bis heute offiziell nur ein einziges Mal wiedereröffentlicht, und zwar als remasterte Mini LP CD in Südkorea (!). Es existieren jedoch weitere Bootlegs aus Fernost und nur auf der Stretch-Sammelbox "The Story Of Elmer Gantry", die im Jahre 1996 auf Repertoire Records veröffentlicht wurde, fanden alle Songs des Albums ihren verdienten Platz in der Geschichte dieser ungewöhnlichen Band, die ausser einem einzigen Hit ("Why did You Do It ?") nichts Zählbares für sich verbuchen konnte und trotzdem noch immer von vielen Rockfans auf der ganzen Welt geschätzt wird.






SORROWS - Teenage Heartbreak (Pavillion Records JZ 36369, 1980)

Das Debutalbum der Sorrows, das 1980 erschien und heute leider weitestgehend vergessen ist, kann durchaus als echter Power Pop Klassiker bezeichnet werden, der sehr gut mit beispielsweise der ersten LP der Gruppe THE BEAT von Paul Collins oder dem Frühwerk der Band THE PLIMSOULS verglichen werden kann. Musikalische Reminsiszenzen etwa auch an die KINKS lassen sich genauso gut finden wie auch eine Art veredelter Mod Rock aus den 60er Jahren. Trotzdem klangen die Sorrows damals, 1980, recht frisch und modern, legten eher Wert auf stilvolle Erscheinung und glasklare Produktion bei tollen Kompositionen mit hohem Wiedererknnungswert als punkige Attitüde oder unterkühlte New Wave-Elemente. Die Produktion der Platte war denn auch sehr bodenständig. Produzent John Luongo verpasste den Aufnahmen ein warmes Gewand, das den Songs einen sehr edlen Klang bescherten. John Luongo produzierte auch zahlreiche New Wave Acts in jener Zeit, so etwa die Gruppen VISAGE, BLANCMANGE, CABARET VOLTAIRE und später auch AEROSMITH und THE SILENCERS. Was die Platte der Sorrows so interessant macht ist, dass sie bis heute total zeitlos wirkt, ihre Musik nachwievor aktuell klingt und es die Platte beschämenderweise nie zu einer Wiederveröffentlichung gebracht hat. Das hängt vermutlich mit dem Umstand zusammen, dass angeblich die originalen Studio-Mastertapes der Platte verloren gegangen und bis heute verschollen geblieben sind. Die sogenannten "John Luongo Mixes" sind im Bereich der Discomusik ein Begriff. Luongo hatte zahlreiche 12" Remixe von populären Songs und Hits arrangiert. Beste Beispiele für die tollen John Luongo Remixe sind beispielweise jene de Songs "The Chinese Way (New York Remix)" von Level 42, "Major Tom (Coming Home)" von Peter Schilling oder "Staying Power" von Queen.

Die Sorrows bestanden aus dem Sänger und Gitarristen Arthur Alexander, der später auch als Produzent in Erscheinung trat und dabei Grössen wie Iggy Pop & The Stooges und T-Model Ford betreute. Alexander leistete aber auch als Techniker im Tonstudio exzellente Arbeit beispielsweise auf Platten der WARLOCKS und KING MUD. Ausserdem spielte er bei den MORLOCKS unter dem schlichten Pseudonym 'Arthur' mit. Der singende Bassist Ricky Street und der Schlagzeuger Jett Harris, der zuvor in der Punk Band FLIP YOUR WIG gespielt hatte, bildeten die Sorrows zusammen mit dem vierten Musiker Joey Cola, dem Gitarristen, der vor den Sorrows in der Band von Genya Ravan Gitarre gespielt hatte und auf deren Erfolgsalbum "Urban Desire" zu hören ist.

Der Musikstil der Sorrows (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Band aus den 60er Jahren) wird gemeinhin als Power Pop bezeichnet. Power Pop ist eine Bezeichnung für einen Musikstil zwischen Rock und Pop, der sich durch kurze 3 1/2-Minuten Pop Songs, einfache Arrangements, starke Melodien und markante Riffs auszeichnet und hauptsächlich von der Popmusik der 60er Jahre, der Mods, der Beatmusik und teils von amerikanischem Pop der 60er inspiriert ist. Der Power Pop der 70er und 80er Jahre fiel teilweise mit der Punk- und New Wave-Bewegung zusammen und hatte hörbaren Einfluss auf den modernen Pop-Punk und Indie-Pop. Neben den legendären BEACH BOYS und THE WHO gelten die bereits genannten KINKS, THE MOVE und vor allem die BEATLES als musikalischer Ursprung des Power Pop, auch die EVERLY BROTHERS spielten Mitte der 60er Jahre bereits einen als Power Pop kategorisierbaren Musikstil. Auch Bands der 70er Jahre wie THE EASYBEATS, BADFINGER, Alex Chilton's BIG STAR und die RASPBERRIES mit Phil Carmen wurden nachträglich dem Powerpop zugeordnet. Bis etwa 1978 erfuhr der Begriff Power Pop keine sonderliche Verbreitung, bis er von Musikjournalisten wieder aufgegriffen wurde, die ihn als Euphemismus für poppigere Punk-Gruppen verwendeten, um Punk in kommerziellere Bahnen zu lenken. Zu dieser Zeit wurden Künstler wie ELVIS COSTELLO, DAVE EDMUNDS, NICK LOWE, aus dem direkten Punk-Umfeld stammende Bands wie die RICH KIDS und die BUZZCOCKS ebenso wie Protagonisten des Mod-Revivals wie THE JAM oder THE VAPORS als Power Pop bezeichnet. Auch bei der Kleidung dieser Gruppen zeigte sich häufig der Einfluss der Mod-Szene oder der British Invasion mit ihren einfarbigen Anzügen, schmalen Krawatten und Kurzhaarfrisuren. Einige Bands, wie die ROMANTICS, fielen allerdings auch durch New Wave-Haarschnitte und Leder-Outfits auf. Kleidungsspezifisch passten die Sorrows hier also durchaus perfekt in dieses musikalische Genre.

Mit seiner Eingängigkeit schaffte es der Power Pop, zu einem der sich am längsten haltenden Trends der Popmusik zu werden. Er übt noch heute groSSen Einfluss auf viele Gruppen aus, in untereinander verwandten Genres wie Indiepop (TEENAGE FANCLUB), Alternative Rock (THE CARDIGANS, THE DANDY WARHOLS, FASTBALL, MAXIMO PARK, Pop-Punk (BOWLING FOR SOUP, GOOD CHARLOTTE, JIMMY EAT WORLD, SIMPLE PLAN, WEEZER) und Britpop (BABYSHAMBLES, THE LIBERTINES, SUPERGRASS). Die äusserst erfolgreiche Gruppe GREEN DAY wiederum bekannte sich dazu, seit ihrem Album "21st Century Breakdown" einen vollen Genrewechsel von Punk hin zum Power Pop vollzogen zu haben.

Die Platte der Sorrows, die einen Nachfolger erhielt im Folgejahr, der jedoch leider völlig unterging ("Love Too Late") und auf welchem als ausführender Produzent der legendäre Shel Talmy einen Top-Job machte, bietet 12 herrlich melodiöse und hochkarätige Power Pop Songs, die allesamt in den Gehörgängen hängen bleiben, und die weder durch übertriebene Härte, noch zu weichgespülte Arrangements glänzen. Sehr transparent klingt John Luongo's Produktion, glasklare Gitarren vermittelnm einen tollen Byrds-Twang und die Refrains laden jederzeit zum mitsingen ein. Sei es mit "Teenage Heartbreak" der tolle Einsteiger in das Album oder mit "Can't Go Back" der erste Song der B-Seite: Die Gruppe bietet zumeist herrliche Doppel-Gitarren-Arrangements, die sich gegenseitig stets unterstützen und nebeneinander perfekt harmonieren. Grosse Melodien wie jene von "I Don't Like It Like That", "I Want You Tonight" oder "All You Gotta Say" erfahren vor allem durch die mehrstimmigen Gesangslinien einen jederzeit tollen Pop Appeal, der die Sonne einfangen und festhalten kann.

Erwähnenswert sind diesbezüglich vor allem die Stimmen der Gast- und Chorsängerinnen Ellen Foley, die auch als Solokünstlerin, Schauspielerin und Duettpartnerin von MEAT LOAF bekannt ist, und Karla DeVito, die auch mit Jim Steinman zusammenarbeitete, für BLUE OYSTER CULT sang und auch Soloplatten veröffentlichte. Susan Hall, die später für NEIL YOUNG und MOON MARTIN arbeitete, und die zum damaligen Zeitpunkt bereits legendäre Ellie Greenwich setzten weitere gesangliche Glanzpunkte. "Teenage Heartbreak" ist ein musikalisches Juwel, das heute leider praktisch vergessen ist, das sich aber jederzeit lohnt, entdeckt zu werden. Vor allem wird jedem Musikhörer, der sich die Platte einmal anhört, erstaunt sein, dass die Musik der Sorrows so frisch und unverbraucht klingt, als wäre sie erst unlängst veröffentlicht worden. Dabei hat das Album schon mehr als 35 Jahre auf dem Buckel.




FAMILY - It's Only A Movie (Raft Records RA 58501, 1973)

Die Gruppe Family war eine der besten sogenannten Underground Bands aus England, die ähnlich wie beispielsweise auch die hervorragende Edgar Broughton Band oder Atomic Rooster den Sprung in die 70er Moderne letztlich nicht geschafft haben, obwohl doch eigentlich alles dafür Notwendige vorhanden gewesen war: Qualität, Können, eine sprichwörtliche Vielseitigkeit und ein Gespür für gute Songs. "It's Only A Movie" war das siebte Studioalbum der Progressive Folk- und Rockband Family, die stilistisch hauptsächlich von den beiden Hauptprotagonisten Roger Chapman und Charlie Whitney bestimmt wurde. Es erschien im September 1973 und man würde es kaum glauben, aber noch im selben Jahr fiel die Gruppe auseinander. Dabei hatte sie sich erst einige Monate zuvor neu formiert, und dies zudem mit ausserordentlich tollen neuen Bandmitgliedern, die bereits eine lange musikalische Karriere aufweisen konnten.

Der Pianist Tony Ashton (Remo Four, Ashton, Gardner & Dyke) und der Bassist und Gitarrist Jim Cregan waren bei Family eingestiegen, um die ausgestiegenen Poli Palmer und John Wetton zu ersetzen. Bereits zuvor war auch Jim Weider ausgestiegen, der ehemalige Bandkumpel von Poli Palmer bei der britischen Band The Blossom Toes. John Wetton war bereits zu King Crimson gewechselt, dem der Keyboarder Poli Palmer später folgte. Speziell Tony Ashton sorgte für einen ziemlich frischen Wind im Sound der Gruppe Family, speziell dessen Honky Tonk-ähnlichen Einlagen beispielsweise im Titelstück auf einem herrlichen Schifferklavier zeigten eine völlig neue Seite der Gruppe, die mit ihrem Stück "It's Only A Movie" fast so etwas wie eine Verneigung vor dem grossen alten Hollywood Western präsentierte. Diesen Eindruck vermitteln auch weitere Songs auf diesem Werk, das über weite Strecken tatsächlich fast wie ein Konzeptalbum wirkt, weil einige Songs tatsächlich den typischen Charakter von Film Soundtrack Musik zeigten. Dabei standen manchmal schon fast gesprochene Textpassagen neben mit vielerlei Soundeffekten ausgestattete Lieder, die in einem Film tatsächlich eine gute Figur hätten machen können.

Der hörbarste Unterschied zur Musik von zuvor aber war die klare amerikanische Ausrichtung. Family klangen hier nicht mehr typisch britisch, sondern eher amerikanisch, mit dieser punktgenau eingesetzten Portion Glamour und Unterhaltung, was ihre Musik allerdings keinesfalls schlechter machte. Im Gegenteil: Hätte die Gruppe diese neu eingeschlagene Richtung beibehalten und vielleicht kontinuierlich ausgebaut, hätte es vielleicht doch noch zum grösseren kommerziellen Erfolg gereicht, welcher der Gruppe in ihrer gesamten Karriere leider nie zuteil wurde. In England waren sie immer schon sehr beliebt und recht erfolgreich. Was ihnen immer fehlte, war ein durchschlagender Hit - dieser eine Song, der sie berühmt gemacht hätte. Die im Jahr zuvor aus dem Album "Bandstand" ausgekoppelte Single "Burlesque" war schon ein Schritt in die richtige Richtung. Aber eben: personelle Umbesetzungen bringen auch oft eine stilistische Neuausrichtung, und so konnte die Band keinen adäquaten Single-Nachfolger für das recht erfolgreiche "Burlesque" nachreichen.

Auch dem Album "It's Only A Movie" war kein nennenswerter Erfolg beschieden, weshalb sich das letzte auf der LP befindliche Stück "Check Out", ein bärenstarker, fetter und schleppender Rocker mit einer tonnenschweren Hamondorgel schliesslich als Omen entpuppte: Die Band checkte aus und trennte sich. Charlie Whitney und Roger Chapman arbeiteten weiterhin zusammen und gründeten die Formation Streetwalkers, schafften mit dieser Gruppe den stilistischen Turnaround dann doch und reüssierten mit "Downtown Flyers" im Jahre 1975, nachdem sie bereits im Jahr zuvor mit dem ersten gemeinsamen neuen Album "Chapman/Whitney Streetwalkers" die neue musikalische Ausrichtung in groben Ansätzen präsentiert hatten. Family waren letztlich vielleicht auch das Opfer einer falschen Verkaufsstrategie, respektive einer falsch eingeschätzten Vermarktungspolitik. "It's Only A Movie" hätte gerade in den USA stärker beworben werden müssen, denn der auf dem Album gespielte Rocksound mit etlichen Zitaten der 30er und 40er Jahre, hätte in Amerika bestimmt gepunktet. In den Staaten erschien das Album denn auch auf United Artists: Wiederum Pech für die Gruppe, denn das Label United Artists befand sich dort gerade kurz vor der baldigen Auflösung.

Nichtsdestotrotz befinden sich auf dem Album einige der bemerkenswertetsten Songs der Gruppe überhaupt, denn sie klangen teils frappant frischer als manche zuletzt noch in der alten Besetzung veröffentlichten Titel. Speziell das bluesige,  mit hörbaren Country-Elementen ausgestattete "Leroy",das eine wunderschöne Verschmelzung aus Comedy und warmem Americana-ähnlichem Flair bot. Das geschickt inszenierte "Buffet Tea For Two", eine der typischen Chapman/Whitney-Kompositionen mit einem lässigen Grundgroove und forcierten Zwischenparts. Das recht sexy ausgefallene "Sweet Desirée", ebenfalls ein tolles Chapman und Whitney-Stück, klang wie eine unterschwellig erotische Wiederbelebung des klassischen "Louie Louie"-Themas, während "Boots 'N' Roots" vor allem die herrlich jazzigen, fast Vaudeville-artigen Einwürfe im 30er und 40er-Jahre Glamour-Stil auszeichnete. "Boom Bang" und vor allem das letzte Stück "Check Out" waren dann zünftige und teils mächtige Rock-Nummern, wie sie seit der "Bandstand"-Platte doch auch schon öfters mal ins Repertoire der Band Einzug hielten. Hier kriegte man Meckerziege Roger Chapman in Reinkultur zu hören. Diesen markanten Gesangsstil verwendete Chapman später auch auf den Streetwalkers-Alben, sowie auf seinen Soloplatten immer häufiger. Dieser Gesangsstil wurde zu seinem typischen Markenzeichen und wies einen hohen Wiedererkennungsfaktor auf.

Als beste Stücke auf diesem Album kann ich kaum einen Titel nennen, denn für meinen ganz persönlichen Geschmack ist es das einzige Werk der Gruppe Family, das mit allen Stücken überzeugen kann, wohingegen frühere Werke doch immer mal wieder weniger spektakuläre Songs enthielten, die man schnell vergass oder die einfach zu wenig überzeugten. Vielleicht war das auch mit ein Grund dafür, dass die Band den ganz grossen Durchbruch nicht schaffte. In England war die Gruppe sehr populär, bestritt viele Konzerte und schaffte sich auch in Deutschland so viele Bands, dass davon Roger Chapman später mit seiner eigenen Karriere ganz bestimmt profitierte. Der Shouter mit der Reibeisen-Meckerstimme war hierzulande besonders erfolgreich, wovon gute Plattenverkäufe oder etwa ein legendärer Auftritt auf der Loreley im Rahmen der Rockpalast-Reihe zeugen. "It's Only A Movie" kann ich wärmstens empfehlen. Die Platte begleitet mich schon seit Erscheinen im Jahre 1973.

Das 40-jährige Jubiläum der Bandauflösung beging die Gruppe Family am 1. und 2. Februar 2013 im Londoner O2 Shepherds Bush Empire mit zwei Reunion-Konzerten in der Besetzung Roger Chapman, Rob Townsend, Poli Palmer und Jim Cregan plus einigen Gastmusikern. Zudem waren Family am 16. August desselben Jahres neben Asia und Caravan die Hauptattraktion des Festivals "Rockin' The Park 2013" in Nottinghams Clumber Park.










Aug 16, 2026

 
SAVOY BROWN - Lion's Share (Decca Records SKL 5152, 1972)

Nach dem überraschenden kommerziellen Erfolg des Vorgängers "Hellbound Train" drehte sich das Personalkarrussell bei Savoy Brown nicht wie in den vergangenen Jahren teils drastisch, sondern mit dem Weggang des ehemaligen Chicken Shack-Mitbegründers Andy Sylvester nur moderat. Der Bassist wurde ersetzt durch Andy Pyle, der von Blodywn Pig kam, genauso wie sein Schlagzeug spielender Kumpel Ron Berg, der später auch bei Savoy Brown landen würde. Zu den Aufnahmen zum "Lion's Share" Album spielte am Schlagzeug jedoch noch Dave Bidwell, dessen jahrelanger Drogenkonsum sich leider zunehmends in seiner Gesundheit niederschlug. Ausgestattet mit etlichen Vorschuss-Lorbeeren gelang zwar kein Rang 21 in den amerikanischen Billboard Charts mehr wie im Falle des "Hellbound Train" Albums einige Monate zuvor, trotzdem war auch "Lion's Share", gemessen an den Verkaufszahlen, insbesondere in den USA, eines der erfolgreichsten Alben der Gruppe um Mastermind Kim Simmonds, auch wenn ein enttäuschender Rang 151 als Spitzenposition in den Charts die Euphorie trotz 10-wöchigem Aufenthalt der Platte in den Billboard Hot 200 doch eher dämpfte. Allerdings konnte sich die Band da schon einer treuen und stetig wachsenden Fangemeinde in den USA erfreuen.

Im Juni 1972 verliess der Bassist Andy Silvester die Gruppe, nachdem er anschliessend an seine Aufnahmen zum "Hellbound Train" Album gerade auf einer Platte von Ex-Savoy Brown Produzent Mike Vernon ("Moments Of Madness") mitspielte und auch bei der Produktion des ehemaligen Sängers Chris Youlden, der massgeblich für den Aufstieg der Gruppe, besonders in den USA, verantwortlich war, mithalf. Er landete schliesslich dann in der Band des Ex-Fleetwood Mac Musikers Danny Kirwan und spielte auf dessen bestem Werk "Second Chapter" mit. Indes hatten Savoy Brown keine grosse Mühe, adäquaten Ersatz zu finden. Mit Andy Pyle kam ein Musiker zu Savoy Brown, der bereits jahrelange Erfahrung mit Top-Musikern gemacht hatte, so unter anderem in der Gruppe Blodwyn Pig, bei Rod Stewart und Gerry Lockran. Auch Andy Pyle's Einstieg bei Savoy Brown war interessant. Zuerst stieg er nämlich schon ein Jahr zuvor bei der Band ein, tourte mit Kim Simmonds und Savoy Brown auch durch Amerika, nahm dann allerdings eine Offerte der Band Juicy Lucy an und spielte mit dieser Gruppe das Album "Pieces" ein, welches jedoch wider Erwartens schlecht verkauft wurde und auch keine berauschenden Kritiken erhielt, weshalb der Bassist erneut bei Kim Simmonds vorstellig wurde, um schliesslich doch noch als festes Bandmitglied bei der Gruppe einzusteigen.

Im Juli 1972 wurden die Tracks zum Album "Lion's Share" in den Trident Studios in London unter der Leitung von Neil Slaven aufgenommen. Neun Songs insgesamt und erstmals (und einmalig) auch ein Stück aus der Feder von Sänger Dave Walker ("Denim Demon"), der schon seit der "Street Corner Talking" LP bei Savoy Brown als Nachfolger des ausgeschiedenen Sängers Chris Youlden das Mikrophon in der Hand hielt. Das Album "Lion's Share" überraschte mit einer glasklaren und sehr guten Produktion, die gegenüber dem Vorgänger "Hellbound Train" klar an Transparenz gewinnen konnte. Der Opener "Shot In The Head" war gleich eine Coverversion, und die war ausgezeichnet gewählt. Das Stück aus der Feder von Harry Vanda und George Young war ein Titel aus dem Repertoire der legendären 60's Band The Easybeats, deren Hauptsongschreiber Vanda & Young waren. Zwei rauhe und von der Band sehr rockig arrangierte traditionelle Bluessongs waren ebenfalls für das Album ausgesucht worden: "Howling For My Darling" von Chester Burnett alias Howlin' Wolf, sowie "I Hate To See You Go"  aus der Feder von Walter Jacobs, bekannter unter seinem Künstlernamen Little Walter.

Dazu gesellten sich einine der ansprechendsten Kompositionen von Kim Simmonds ("Second Try", "So Tired" und "Love Me Please") und dem Keyboarder und zweiten Gitarristen Paul Raymond ("The Saddest Feeling", "I Can't Find You"). Besonders der jazzaffine Blues "Love Me Please" dürfte aus heutiger Sicht einer der besten Songs der Gruppe überhaupt sein. Zusammen mit den erwähnten zwei Coverversionen plus dem Rock'n'Roll "Denim Demon" aus der Feder von Dave Walker konnte die Band hier ein Programm zusammenstellen, das in seiner Gesamtheit so ausgewogen und attraktiv kaum auf einem Album zuvor angeboten wurde. Gut möglich, dass das Fehlen einer Singleauskopplung aus dem Album in Amerika mit dazu beitrug, dass sich die Platte nicht so gut verkaufen liess wie ein halbes Jahr zuvor die "Hellbound Train". In Deutschland wurde immerhin die Single "Shot In The Head" mit der B-Seite "Denim Demon" veröffentlicht, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. In England, wo die Band schon länger mit dem Erfolg zu kämpfen hatte, erschien als Alternative die Single "So Tired" mit der B-Seite "The Saddest Feeling" - ebenfalls ohne Resonanz. 

Das Album "Lion's Share" erschien im November 1972 in Amerika und England und verkaufte sich in den Staaten wesentlich besser als im Heimatland der Band, was sicherlich auch mit ein Grund war, weshalb sich Kim Simmonds mit seiner Band schliesslich dauerhaft in den USA niederliess und dort zum Teil in wirklich grossen und renommierten Hallen spielen konnte, so zum Beispiel in den legendären Stätten Fillmore East in New York, dem Fillmore West in San Francisco oder im The Grande Ballroom in Detroit. Savoy Brown waren damals sogar die Headliner an einem Open Air Festival in Boston, wo Fleetwood Mac und Rory Gallagher als Anheizer für die Band spielten (!). Ironischerweise war es genau die Gruppe Fleetwood Mac, zu der Savoy Brown Sänger Dave Walker ein halbes Jahr später wechselte, als Kim Simmonds erneut vor einer grossen US-Tournee stand. Aber ein Nachfolger war - wie schon so oft in der Band-Historie - schnell gefunden. In Jackie Lynton fand die Gruppe einen tollen Rock'n'Roll- und Blues-Haudegen, den der Bandmanager Harry Simmonds (der Bruder von Kim Simmonds) für die Gruppe begeistern konnte. Mit ihm startete die Band dann ab Frühjahr 1973 erneut durch, sowohl mit einer ausgedehnten Tournee, sowie einem weiteren Album, das den Titel "Jack The Toad" (Jack, die Kröte) trug. Dreimal darf man raten, wer mit dieser Kröte gemeint war.

 






LOS SUPER 7 - Heard It On The X (Telarc Records CD-83623, 2005)

"Border Blaster" - so nannte und nennt man die mexikanischen Piraten-Radiosender, die vor allem zwischen den 30er und den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebten und es mexikanischen Radiomachern erlaubte, dank teils enormen Funkleistungen mit bis zu gigantischen 500'000 Watt starken Transmittern von Mexiko aus weit ins US-amerikanische Innere zu senden, obwohl die amerikanische Regierung nur eine maximale Sendestärke von 50'000 Watt erlaubte. Die ersten Piratensender, die jedoch nicht als solche bezeichnet wurden, entstanden in den 1920er Jahren in Mexiko an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. In den USA hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine kommerzielle, auf den Verkauf von Werbung ausgerichtete Radiokultur entwickelt. Sie bediente einen Massengeschmack. Da sie jedoch häufig zum Verkauf fragwürdiger Produkte, politischer Propaganda und anderer Verstösse gegen das US-Recht dienten, wurden die Sendelizenzen einiger Anbieter nicht verlängert. Diese wichen auf extrem leistungsstarke Sender an der mexikanischen Grenze aus, die in englischer Sprache sendeten und grosse Teile der USA erreichten. Als Auslandssender waren sie für die Hörer daran erkennbar, dass die Rufzeichen wie bei allen mexikanischen Sendern stets mit einem X begannen, während US-amerikanische Sender je nach Standort mit einem W oder einem K begannen (und nach wie vor beginnen). In den USA ist es üblich, dass sich Rundfunksender On Air mit ihrem Rufzeichen und nicht mit einem selbstgewählten Sendernamen identifizieren. 

Insbesondere in den frühen 30er Jahren begannen US-amerikanische Country- und Blues-Künstler diese "X"-Sender zu entdecken und kamen so erstmals in Kontakt mit der urtypischen mexikanischen Folklore. Als wenig später der sogenannte Country-Blues entstand, bedienten sich nicht wenige amerikanische Musiker auch dieser mexikanischen Einflüsse, wie zum Beispiel Jimmie Rodgers, einer der berühmtesten Country-Blues Musiker einst bestätigte. Auch Cowboy Slim Reinhart und Hank Thompson, Stars der Szene in den 30er Jahren bestätigten, dass diese Border Radios eine der wichtigen Inspirationsquellen für ihre Musik darstellten. Als Texaner waren sie schon rein geographisch, aber teilweise auch kulturell wesentlich näher an Mexiko als an den Vereinigten Staaten. Einer dieser Sende-Pioniere war der Entwickler John R. Brinkley, der die Stadt Del Rio in Texas berühmt machte mit seinem Border Blaster XER (später umbenannt in XERA). Der ziegenbärtige Arzt nutzte seine Radio Station vor allem für die Werbung und Verbreitung eines von ihm entwickelten Viagras, das Brinkley "Goat Gland Proposition" nannte: Er transplantierte dünne Scheiben von Geschlechtsdrüsen von Ziegenböcken in den männlichen Hodensack, wo sich - so seine Vorstellung - das Ziegenbock-Gewebe mit demjenigen des Mannes assimilieren und ihm eine erhöhte Potenz und verbesserte Zeugungsfähigkeit verleihen sollte.

Diese Sendeanlagen waren manchmal von einer dermassen extremen Leistung, dass fliegende Vögel, die zu nahe an einer entsprechenden Antenne vorbeiflogen, tot vom Himmel fielen, Glühbirnen sich selbst entzündeten und die berühmte Countrymusikerin June Carter Cash meinte einmal, man hätte zu der Zeit überall draussen auf den Kuh-Weiden dem Stacheldraht entlang Countrymusik hören können, die praktisch aus dem Stacheldraht heraus zu spielen schien. Einige dieser Sender waren selbst in Australien und Europa noch zu hören. DJ Paul Kallinger vom Sender XERF, der wohl erste Radio-Marktschreier am Mikrophon sagte beispielsweise einmal, die Leute würden sich sowieso nur für drei Dinge interessieren: Gesundheit, Sex und Religion. Deshalb machte er es zu seinem Markenzeichen, zweiminütige Werbedurchsagen zu halbstündigen reisserischen Vorträgen aufzublähen, nur um vielleicht eine Packung Pillen an den Mann oder die Frau zu bringen oder er machte Werbung für eine sensationelle neue Schellackplatte mit den originalen Tonaufnahmen des letzten Abendmahls und wer sofort beim Sender anrief, erhielt zusätzlich noch eine von Jesus Christus eigenhändig unterschriebene Photographie. Dazwischen lief immer wieder Cowboyromantik im typischen Sound des Grenzgebietes von Texas und Mexiko.

Für die Entwicklung der amerikanischen Countrymusik kommt diesen Piratensendern eine wichtige Rolle zu, denn sie waren eine von vielen Inspirationsquellen für die kulturelle Entwicklung der ruralen amerikanischen Musik, wie wir sie heute kennen, und deren typischen Eigenheiten, welche bis heute in die Musik einfliessen. Die Stilrichtung Tex-Mex zum Beispiel, welche zwischen Anfang und Mitte der 60er Jahre durch Musiker wie Freddy Fender oder Doug Sahm weltweite Popularität erlangte und ihre Blütezeit via Cowpunk in den 80er Jahren und dem Alternative Country bis in die heutige Zeit transportieren half, geht letztlich ein stückweit auf das klassische Border Radio zurück.

Im Jahre 1998 entschlossen sich einige der berühmtesten texanischen und mexikanischen Musiker aus der Country- und Americana-Szene, diese traditionelle Musik wieder aufleben zu lassen.  Auf einem ersten Album, das den Titel "Los Super Seven" trug, spielten Topmusiker wie Freddy Fender, Flaco Jimenez, Joe Ely, Ruben Ramos, Ricardo Ramirez, Rick Trevino, Doug Sahm und eine Abordnung der aktuellen Los Lobos-Besetzung ein erstes Album ein, das sich im Wesentlichen noch darauf beschränkte, klassisches mexikanisches Liedgut, sogenannte Traditionals, neu einzuspielen. Dieses Konzept wiederholten sie drei Jahre später anlässlich des zweiten Albums "Canto", das den Schwerpunkt auf traditionelle mexikanische "Cantos" legte, in der Regel längere, vertonte Gedichte, meist vorgetragen mit typisch mexikanischen (Saiten-)Instrumenten wie Mariachi, Banda, Nortena und Ranchero, sowie mit Violine und Harfe.

Die dritte, 2005 erschienene Platte, war dann den mexikanischen Piratensendern gewidmet, den "X"-Stationen. Dieses Projekt war das eigentlich ambitionierteste Werk der Musiker, da sie für dieses dritte Projekt einige zusätzliche, sehr prominente Musiker von der texanischen Seite des Grenzgebietes rekrutierten, weil sie diesmal auch verstärkt den amerikanischen Anteil am Border Radio Sound abbilden wollten. Dies waren beispielsweise Clarence "Gatemouth" Brown, ein Bluesmusiker, der aufgrund seines Alters noch einer jener Künstler war, der selbst aktiv mithalf, das Border Radio einst zu etablieren und populär zu machen. Dazu gesellten sich die Szene-Superstars Rodney Crowell, Lyle Lovett, Delbert McClinton und Raul Malo, der Sänger der Mavericks, John Hiatt, Augie Meyers und Charlie Sexton, der dieses brilliante Album auch produzierte.

Auf dieser Platte hört man nun sowohl mexikanische als auch amerikanische Musik, wobei hier das Schwergewicht nun auf dem typischen Tex-Mex Sound lag, der vor allem in den 60er und 70er Jahren als der klassische Border Radio Sound bekannt und weltberühmt wurde. Es gibt einige neu interpretierte Klassiker aus der Feder von beispielsweise Willie Dixon oder Blind Lemon Jefferson und Buddy Holly, welche den Sound der 40er bis 60er Jahre reflektieren sollen, dann auch Kompositionen neueren Datums aus der Feder von etwa Doug Sahm (mit dem bis heute berühmtesten Vertreter des Tex-Mex Sounds, dem Sir Douglas Quintet) oder Frank Beard (das Titelstück "Heard It On The X" stammt im Original von Z.Z. Top) und natürlich wiederum traditionelle mexikanische Stücke wie "Ojitos Traidores", "Cupido" oder "El Burro". Eine wunderschöne Hommage an das klassische Border Radio aus dem Grenzgebiet von Texas und Mexiko und ein aus diesem Bereich der populären Musik eher unübliches echtes Konzeptalbum im klassischen Sinne.











Jul 21, 2026


STRING DRIVEN THING - Keep Yer 'And On It (Charisma Records CAS1112, 1975)

Eine stilistische Tour De Force hatte diese schottische Folkrock Band um den Geiger Graham Smith hinter sich, als sie 1975 dieses fünfte Album veröffentlichte. Ursprünglich als reines akustisches Folk-Unternehmen in England gestartet, entwickelte sich diese hervorragende Gruppe zu einer waschechten, stark amerikanisch gefärbten Rockgruppe, die gekonnt und akzentuiert Elemente aus Folk, hartem Rock und Beatles-orientiertem Pop zu eigenen Songs verbaute, die bis dahin auf keinem früheren Album so beseelt rockten. Die Band indes war seit dem Vorgänger "Mind Your Head" nicht mehr dieselbe wie zu Anfang: Das Ehepaar Chris & Pauline Adams, die eigentlichen Gründer der Band, waren weg, ebenso die Backing Band. Mit Graham Smith war nur noch eines der Originalmitglieder übrig geblieben. Die Gruppe präsentierte sich 1975 amerikanischer denn je, und dies nicht nur bezogen auf ihre Musik, sondern weil sie inzwischen ihre Aktivitäten stark auf den amerikanischen Markt konzentrierte, nachdem die beiden Vorgänger-Alben vor allem in ihrer Heimat England nicht sonderlich erfolgreich waren.

Ein Jahr zuvor drehte sich das Personalkarrussell bei der Band immer schneller. Aufgrund des langen Tourens verabschiedeten sich nach und nach die Originalmitglieder der Band. Als Ersatz kamen teils richtig gute Musiker mit interessantem musikalischen Background. So etwa der Schlagzeuger Colin Fairley, der von Beggars Opera kam, oder der Gitarrist Peter Woods, der von Sutherland Brothers & Quiver kam und auch bei Al Stewart in dessen Band mitgespielt hatte und kurz zuvor noch bei der legendären Band Curved Air engagiert war. Als danach auch das Ehepaar Adams ausschied, kamen mit dem Sänger Kim Beacon und dem Bassisten James Exel weitere neue Mitglieder in die Band, die somit bis zum Ausscheiden von Geiger Graham Smith eine völlig neue Gruppe war, in welcher keines der originalen Mitglieder mehr mit dabei war. Die Plattenfirma Charisma erhoffte sich durch die Neuzugänge, die sie selbst ausgewählt hatte, einen zusätzlichen Synergie-Effekt für die Band. Leider war das Gegenteil der Fall. Trotz einem letzten hervorragenden Album konnte die Gruppe keinen Mehrwert erzielen und löste sich nach diesem Album folgerichtig auf.

Dabei bewiesen die neu hinzugekommenen Musiker vor allem kompositorisch grosses Geschick und schrieben für die Band einige der besten Stücke überhaupt. Das forsche, von Graham Smith's Geige wundervoll getragene "Starving In The Tropics" etwa - geschrieben von Exel und Fairley, oder das rock'n'rollige "Call Out For Mercy" aus der gemeinsamen Feder von Roberts und Beacon. Die glänzende Rock-Ballade "Chains (I Wanna Be Just Like Stan Bowles)", das wiederum Exell und Roberts gemeinsam schrieben, genauso wie das forsche und treibende, das Album beschliessende "Stand Back In Amazement". Einer der Höhepunkte dieses Albums war die Lennon/McCartney-Covernummer "Things We Said Today". Sie erhielt ein mit Flöte und Geige wundervoll fluffig verpacktes, gegenüber dem Beatles-Original total neues musikalisches Gewand, das alle typischen Züge eines Jam Stücks trug. Es wurde herrlich perkussiv eingespielt und mit Drumsounds versehen, die wie in Watte eingepackt klangen. Ein grossartiges Stück mit Ueberlänge.

Nach der Veröffentlichung des Albums, welches das Letzte der Band String Driven Thing für lange Zeit war, tourte die neue Band intensiv, spielte unter anderem mit Lou Reed, fiel aber kurz darauf auseinander, als Colin Fairley die Band verliess und die Plattenfirma Charisma die Gruppe nicht mehr weiter unterstützen mochte. Fairley betätigte sich in der Folge als Studio Engineer und Produzent, unter anderem für Elvis Costello und die Gruppe The Bluebells, nebst zahlreichen anderen. Andy Roberts heuerte bei Jeff Beck und Steve Winwood als deren Gitarrentechniker an. Beacon sang auf Tony Banks' Soloalbum "A Curious Feeling". Der stilprägende Geiger Graham Smith seinerseits welchselte zu Van Der Graaf Generator und spielte auf einigen Alben von Peter Hammill mit, bevor er nach Island auswanderte, wo er sich dem Icelandic Symphony Orchestra anschloss und dort auch drei Soloalben veröffentlichte.





FREEDY JOHNSTON - Can You Fly (Bar/None Records A-HAON 024-2, 1992)

Die Lieder des in New York lebenden, ursprünglich aus Kinsley, Kansas stammenden Singer-Songwriters Freedy Johnston handeln oft von melancholischen Einzelgängern und decken Themen wie Liebeskummer, das Gefühl des Entfremdetseins und Enttäuschungen ab. Aufgrund der hohen Kunstfertigkeit seiner Songs wird er als "Songwriter für Songwriter" bezeichnet. Johnstons erstes Album "The Troubled Tree" erschien 1990. Johnston verkaufte einen Teil des Ackerlands seiner Familie, um die Finanzierung seines zweiten Albums "Can You Fly" zu sichern (über dieses Ereignis singt er in seinem Song "Trying to Tell You I Don't Know", dem Opener dieses wundervollen Albums). 1994 erfolgte mit seinem dritten Wer "This Perfect World" seine Debutveröffentlichung bei einem grossen Plattenlabel. Für dieses Album wurde er von der Kritik hoch gelobt und vom Magazin Rolling Stone zum "Songwriter des Jahres" gekürt. Das Album brachte die Single "Bad Reputation" hervor, die in den amerikanischen Billboard Hot 100 Charts Rang 54 erreichte und zu seinen bekanntesten Liedern zählt. Freedy Johnston steuerte auch Songs zu Soundtracks bei ("Kingpin", "Das Leben nach dem Tod in Denver" und "Little Manhattan").

Viele Musikkritiker sind sich indes einig, dass "Can You Fly" ein grosses Werk in der populären Musik darstellt, vor allem in den entsprechenden stilistischen Bereichen Singer/Songwriter, Americana und Roots Rock, in denen sich der Künstler bewegt. Was mich immer ein wenig geärgert hat ist die Tatsache, dass etliche Zeitgenossen ein so grosses Aufheben über die erste Textzeile der Platte gemacht haben: "Well I sold the dirt to feed the band" ("Nun, ich habe den Dreck verkauft, um die Band am leben zu halten"). Eigentlich jedoch eine kluge Entscheidung, wenn man den Sinn dieser Worte versteht: Wie bekannt, bezieht sich die Textzeile auf die Tatsache, dass Freedy Johnston einen Teil des Landes seiner Familie-Farm verkaufte, um als professioneller Musiker weiter arbeiten zu können. Es spielt daher keine grosse Rolle, ob das nun klug formuliert war oder nicht - eine weise Entscheidung war es allemal. Die Zeile bildet lediglich einen Gegensatz zu den traditionellen Werten, die Freedy Johnston in den meisten seiner Songs proklamiert.

Johnston war und ist ein extrem ehrgeiziger Musiker, aber seine Seele würde er niemals verkaufen für ein bisschen Erfolg. Seine Musik ist ein hervorragendes Gemisch aus akustischen und elektrischen Instrumenten, die manchmal interagieren, dann aber auch wieder für sich alleine stehen, und die Produktion bietet viel Raum zwischen den Darbietungen der einzelnen Musiker - Freedy's Musik klingt wie eine leicht schwebende und friedvolle Jam Session mitten in der riesigen Prärie unter einem grauen Himmel, ein bisschen so, wie das auch auf dem Plattencover dargestellt wird und das vielleicht jenen Teil seines Farmlandes im Bild festgehalten hat, das der Musiker damals verkaufte, um unter anderem diese Platte finanzieren zu können. Das ist auch nicht einmal besonders originell, denn engagierte Bands und Musiker tun viel, um ihre musikalische Seele ausleben zu können, warum dann nicht einfach einen Flecken Land verkaufen ? Freedy Johnston machte im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern jedoch etwas Grossartiges daraus.

Freedy Johnston's Stimme gleicht kaum einer anderen Stimme des Americana, die man kennt. Er singt seine Melodien, im Gegensatz etwa zu John Hiatt, mit einer ziemlich hohen Stimmlage, oft und gerne mit Kopfstimme, was zu seinen ätherischen, manchmal leicht über dem Boden schwebenden Kompositionen perfekt passt. Daneben kann er aber auch herzhaft rockig röhren, etwa im Song "Wheels", einem Titel, in welchem er von einem Kaff namens Hoffnungslosigkeit singt ("There really is a town called Hopeless"). Viele von Freedy Johnston's Liedern klingen sehr autobiographisch, und er versteht es ausgezeichnet, die jeweiligen Details seiner kleinen und grossen Geschichten in einer spröden, aber dennoch sehr poetischen Sprache abzufassen, wobei er selbst bei persönlichen Tragödien nicht auf ein kleines Augenzwinkern verzichtet. Er schreibt Lieder über Menschen, die sich Sorgen machen. Lieder über das Altwerden, über den VErlust der Kinder, wenn sie gross sind und gehen. Unabhängig davon, ob Freedy Johnston solche Texte basierend auf persönlichen Erfahrungen geschrieben hat, gelingt es ihm, diese Emotionen immer sehr persönlich wirken zu lassen, was seiner Musik eine grosse Glaubhaftigkeit vermittelt. Es sind letztlich diese Geschichten, die Jeder von uns erleben kann und bestimmt auch schon erlebt hat.

Neben dem wundervollen Titelstück "Can You Fly" überzeugen vor allem das mit einer tollen Hookline versehene "Tearing Down This Place", das zu seinen besten Momenten auf dieser Platte zählt. Hier erreicht seine Musik genau diesen Schwebezustand, den auch das Plattencover suggeriert - ein melancholisches Kleinod, das dank seines Arrangements und seiner musikalischen Darbietung nicht als drückend oder traurig empfunden wird. Im etwas folkigeren "Mortician's Daughter" erreicht Johnston's Musik eine Leichtigkeit, die einen äusserst angenehmen Zustand der Schwerelosigkeit hervorruft. Bemerkenswert schöne vokalistische Akzente schafft auch die Roots-Musikerin Syd Straw als Duettpartnerin beim Stück "Down To Love".

Musikalische Begleiter auf diesem zweiten Album von Freedy Johnston waren unter anderem Mitglieder relativ bekannter Bands, die allesamt kompetent und mit enorm viel Feeling ihren Job erledigt haben. So spielte etwa Graham Maby aus Joe Jackson's Band mit, ausserdem Jared Michael Nickerson von der Band BURNED SUGAR, Brian Doherty von THEY MIGHT BE GIANTS, Kevin Salem von GIANT SAND und DUMPTRUCK, Jimmy Lee, Alan Bezozi von MADDER ROSE und GIANT SAND und Knut Bohn von COWBOY MOUTH. Da Knut Bohn das Album auch gemixt hat, verströmt es stellenweise durchaus den sympathischen Independent-Charme von Cowboy Mouth. Dass mit den Gastmusikern Syd Straw (THE GOLDEN PALOMINOS, THE DB's), Marshall Crenshaw, Kenny Margolis (MINK DeVILLE, LITTLE BOB STORY), Dave Schramm (THE SCHRAMMS, YO LA TENGO), James MacMillan (YO LA TENGO, THE DB's) und Bob Rupe (THE SILOS, CRACKER, SPARKLEHORSE) einige prominente Künstler Schützenhilfe boten, machte dieses Album zu einem wahren Glanzstück des Americana und Roots Rock.

Und wenn das Plattencover dieses schwerelose Gefühl von Traurigkeit vermittelt, dieses wilde, unbearbeitete Stück Acker zeigt, das Freedy Johnston wohl verkauft hatte, um weiter Musik machen zu können und die unbeantwortete Frage "Kannst Du fliegen ?" im Raum stehen lässt, so darf man trotzdem nicht glauben, dass auf diesem hervorragend produzierten und gespielten Werk die Tristesse alle anderen Stimmungsfarben überdeckt. Nein, der letzte Song auf der Platte trägt den ebenso versöhnlichen wie hoffnungsvollen Titel "We Will Shine".