Feb 27, 2018


SCREAMING LORD SUTCH - Lord Sutch And Heavy Friends 
(Cotillion Records SD 9015, 1970)

Der Musiker und Exzentriker David Edward Sutch wuchs im Arbeiterklassenmilieu im Norden Londons auf. Sein Vater, ein Reservepolizist, war bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Zusammen mit seiner Mutter lebte er in ärmlichen Verhältnissen in Kilburn, später in Harrow. Seine Mutter schlug sich als Verkäuferin und Putzfrau durch. Sutch verliess im Jahre 1956 die Schule und nahm eine Arbeit als Fensterputzer an. Durch Bill Haleys "Rock Around The Clock" wurde er motiviert, selbst Musiker zu werden. Seine ersten Auftritte absolvierte er im Ace Cafe, einer von Motorradfahrern besuchten Bar in der Londoner Harrow Road. Sein Gesangsstil wurde mit dem von Screamin' Jay Hawkins verglichen. Er nahm in der Folge den exzentrischen Künstlernamen und Fantasietitel Screaming Lord Sutch, Third Earl of Harrow, an. Um 1960 erregte Sutch durch seine Auftritte, so in der 2i’s Coffee Bar in London, zunehmend Aufmerksamkeit: einerseits durch seinen 'Wild Wan of Borneo look', bestehend aus einer Leopardenfelljacke seiner Tante und einem Hut mit Büffelhörnern, durch den er aus der Masse der Elvis Presley-Kopien hervorstach; vor allem aber durch seine ausgefallene Bühnenshow, die er als einer der ersten mit Schock- und Horrorelementen anreicherte. Requisiten waren Äxte, Messer, Totenschädel und ein Sarg, der zu Konzertbeginn auf die Bühne getragen wurde. Diesem entstieg er als Spukgestalt, mit weiss geschminktem Gesicht und schwarz-rot umrandeten Augen, um eine grüne Flüssigkeit ins Publikum zu spucken. Sutch fiel ausserdem als einer der ersten langhaarigen Musiker auf, sein Haar soll 18 Zoll (etwa 45 Zentimeter) lang gewesen sein.

1961 wurde der Musikproduzent Joe Meek auf ihn aufmerksam, erste Platten entstanden. Sutch legte sich eine feste Band zu, The Raving Savages ('Die tobenden Wilden'), bestehend aus Bernie Watson (Gitarre), Rick Brown (Bass), Carlo Little (Schlagzeug) und Nicky Hopkins, der später Session-Keyboarder der Rolling Stones werden sollte. Die Besetzung wechselte häufig, auch Ritchie Blackmore, Matthew Fisher, Tony Dangerfield und Andy Wren gehörten zeitweise zur Band. Das Ensemble wurde später bekannt als Screaming Lord Sutch And The Savages. Die in Meeks Heimstudio in Islington produzierten Platten wurden häufig von der BBC boykottiert, was die Öffentlichkeitswirkung der Band jedoch eher erhöhte. Lord Sutch, der von 1962 bis 1966 von Manager Reg Calvert betreut wurde, erweiterte seine Bühnenshows und bot nun auch Themenshows an, so traten er und seine Band als Steinzeitmenschen oder Römer kostümiert auf, auch die Bühnendekorationen wurden entsprechend angepasst. Eigens für die letztere Show benannte Sutch die Band in Lord Caesar Sutch & The Roman Empire um, teilweise fuhr er dabei in einem von Pferden gezogenen Streitwagen vor.

Eines seiner bekanntesten Stücke wurde "Jack The Ripper" (1963), das von dem gleichnamigen Serienmörder handelte. Auf der Aufnahme waren Schritte und Schreie eines fliehenden Ripper-Opfers zu hören. "Jack The Ripper" wurde häufig im Radio und in Diskotheken gespielt. Trotz seiner Auftritte in namhaften Clubs wie dem Star Club in Hamburg, seinen später berühmt gewordenenen Musikern wie Blackmore, Hopkins oder Fisher, und seiner relativ hohen Bekanntheit blieb der kommerzielle Erfolg aus. Sutchs Alben erreichten keine nennenswerten Umsatzzahlen. Die 1970 erschienene LP "Lord Sutch And Heavy Friends" erzielte in den USA eine Chartplatzierung, wurde aber bei einer BBC-Umfrage 1998 zur schlechtesten Platte aller Zeiten gewählt, ein Titel, den sie auch im Buch 'The Top 1000 Albums of All Time' errang. Dies, obwohl auf dieser Platte anerkannte Musiker wie Jimmy Page, John Bonham, Jeff Beck, Noel Redding und Nicky Hopkins mitwirkten. Anfang der 90er Jahre feierte Sutch ein Comeback in der Psychobillyszene, wo er auch auf einigen Festivals unter anderem mit The Meteors zu sehen war. In den letzten Jahren vor seinem Tod absolvierte er noch bis zu 250 Auftritte im Jahr europaweit.

Lord Sutch veröffentlichte vor allem in den 60er Jahren eine Vielzahl von Singles, die sowohl Eigenkompositionen als auch Coverversionen von bekannten Rockstandards enthielten. In den 70er Jahren entstanden zwei Langspielplatten. Zu Lebzeiten als auch nach seinem Tod erschienen mehrere "Best of"-Alben. Lord Sutch war eine skurrile Persönlichkeit. Genau genommen würde man ihn heute wohl als profilneurotischen Exzentriker beschreiben. Er war Musiker, weite Teile seines Lebens Künstler und mehrmaliger Bewerber um einen Sitz im englischen Oberhaus. Der Zusatz 'Heavy Friends' war bei seiner LP "The Hands Of Jack The Ripper" durchaus nicht übertrieben, denn David Sutch hatte sich wirklich einige musikalische Schwergewichte ins Studio geholt. Darunter befanden sich Noel Redding, Nicky Hopkins, Jeff Beck und die beiden Led Zeppelin Musiker John Bonham und Jimmy Page. Gleichzeitig stammte die Häfte des Songmateriales aus der Feder von Lord Sutch und Jimmy Page.

Ein Songmaterial, das zudem einen sehr hohen Wiedererkennungswert aufwies, denn es erwies sich als nicht besonders schwierig, einen Teil der verwendeteten Melodien ihren Originalen zuzuordnen. So wurde grosszügig bei den Kinks abgekupfert, die Beach Boys zitiert, ein bisschen "Roll Over Beethoven" eingestreut und sehr viel bekanntes Blues-Repertoire angezapft. Musikalisch bewegte man sich gekonnt im Spät-60er Hardrock. Dennoch zeigte das Resultat, die LP, durchaus einige Höhepunkte, wie zum Beispiel die Titel "Wailings Sounds", "Flashing Light", "Union Jack Car", "Smoke And Fire" oder "Baby Come Back". Das Endergebnis war zwar nicht unbedingt spektakulär, aber es hatte einen stark skurrilen Kult-Charakter, der letztendlich den Reiz dieses Albums ausmachte. Und mal ehrlich, eigentlich war das absolut geniale Albumcover-Artwork alleine schon den Kaufpreis wert, auf welchem sich Screaming Lord Sutch in bester englischer Dekadenz präsentierte.

Sutch wandte sich 1963 der Politik zu, als infolge der Profumo-Affäre Nachwahlen zum britischen Unterhaus in Stratford-upon-Avon notwendig geworden waren, dies zunächst wohl nur auf Initiative seines Managers Calvert, der eine Chance sah, die Popularität Sutchs zu erhöhen. Die unermüdliche Teilnahme an Wahlen, grösstenteils mit satirischen Wahlkampagnen und abstrusen Forderungen, blieb jedoch bis zu Sutchs Tod eine Konstante. Bereits 1963 hatte Sutch die National Teenage Party (NTP) gegründet, deren Programm zahlreiche absurde Forderungen enthielt, daneben aber auch die Herabsetzung des Wahlalters auf 18 Jahre, die Zulassung gewerblicher Rundfunksender und die Liberalisierung der Pub Öffnungszeiten, Forderungen, die Realität geworden sind.

In den 70er Jahren lebte Sutch teilweise in den USA, verliess aber, von der Politik Ronald Reagans desillusioniert, das Land in den frühen 80er Jahren. Wieder in England angekommen, gründete er, an seine NTP anknüpfend, 1983 die Official Monster Raving Loony Party. Die Partei forderte in Anspielung auf die Agrarüberschüsse in der EG, die teilweise aufwendig vernichtet wurden, den Bau einer Skipiste aus dem Butterberg und die Züchtung von Speisefischen in Weinseen, damit diese beim Fang gleich eingelegt seien. Er selbst trat als Kandidat in rund 40 Wahlen an. Er hatte nie eine Chance, einen Sitz zu gewinnen, erreichte aber oft erstaunlich hohe Stimmanteile. Nachdem er Margaret Thatcher in ihrem Wahlkreis 1983 mehrere hundert Stimmen gekostet hatte, erhöhte die konservative Regierung den Geldbetrag, den ein Kandidat als Pfand hinterlegen musste, von 150 auf 500 britische Pfund. Sutch liess sich aber dadurch nicht von seinen Kandidaturen abbringen. Da die Kautionen nach den verlorenen Wahlen verfielen, hatte Sutch ständig einen hohen Kapitalbedarf. 1995 stand er vor dem Bankrott, als seine Bank auf der Rückzahlung eines Darlehens von 194'000 Pfund bestand. Erst nach der Intervention eines Geldgebers war die Bank bereit, das Darlehen weiterhin zu stunden, sodass Sutch seine politischen Aktivitäten fortsetzen konnte. In den 90er Jahren stellte die Heineken Brauerei in ihrer Werbung Sutch als britischen Premierminister in der Downing Street Nr. 10 dar. Der Werbeslogan lautete: 'Das schafft nur Heineken' ('Only Heineken can do this'). 

David Edward Sutch beging 1999 Suizid durch Erhängen, zwei Jahre nachdem für ihn überraschend seine Mutter gestorben war. Seine Lebensgefährtin gab an, er habe bereits seit vielen Jahren an Depressionen gelitten. Sein letzter Tagebucheintrag soll gelautet haben: 'Depression, Depression, Depression ist einfach zuviel'. Ein Nachruf lautete: 'Ein Komödiant mit Tragik in seinem Herzen. Die Öffentlichkeit sah das öffentliche Gesicht, einen fröhlichen, offenen Charakter, aber in der Zurückgezogenheit seiner Kammer kam seine wahre Traurigkeit zum Vorschein'. Ein britischer Regierungssprecher erklärte, Sutch habe über viele Jahre hinweg einzigartige Beiträge zur britischen Politik geleistet. Ohne ihn würden die Wahlen nie wieder so sein, wie sie waren. David Edward Sutch wurde auf dem Pinner Cemetery, London, an der Seite seiner Mutter bestattet.





Feb 26, 2018


BRANFORD MARSALIS - Random Abstract (Columbia Records C 44055, 1988)

Für all jene, die nach einem Album suchen, das nur ein Vehikel ist, um ihre technischen Fähigkeiten zu zeigen, ist dies nicht das passende Album. Für jene Leute aber, die nach einem Album suchen, das das höchste Niveau der Musik darstellt, die zu jener Zeit produziert wurde, ist "Random Abstract" etwas vom qualitativ besten, was man aus dem Bereich Jazz finden kann. 1987 aufgenommen, zu der Zeit, als die Jazzmusik für längere Zeit in eine andere Richtung ging, konzentrierte sich "Random Abstract" auf das, was einige heute als Mainstream bezeichnen würden. Als das dritte von Branford Marsalis veröffentlichte Jazz-Album gab es Hinweise darauf, dass inzwischen ein über einige Jahre gereifter Künstler entstanden war. Nicht nur der Klang, sondern auch seine Fähigkeit, Melodien zu kreieren, die ganz für sich stehen konnten, ohne die Hilfe einer Band, die sie unterstützen würde, strahlten die Titel auf diesem Album.

Branford Marsalis wurde als der angesehenste lebende amerikanische Jazz-Instrumentalist genannt. Während er vor allem für seine Arbeit im Jazz als Leiter des Branford Marsalis Quartetts bekannt ist , tritt er auch häufig als Solist mit klassischen Ensembles auf und hat die Gruppe Buckshot LeFonque angeführt. Marsalis wurde in Breaux Bridge, Louisiana als Sohn von Dolores (geb. Ferdinand), einem Jazzsänger und Ersatzlehrer, und Ellis Louis Marsalis, Jr., einem Pianisten und Musikprofessor, geboren. Seine Brüder Jason Marsalis , Wynton Marsalis , Ellis Marsalis III und Delfeayo Marsalis und Vater Ellis sind ebenfalls Jazzmusiker. Mitte der 80er Jahre, während er noch Student an der Berklee College of Music war, tourte Marsalis in einem grossen Ensemble unter der Leitung von Schlagzeuger Art Blakey als Alt- und Baritonsaxophonist. Weitere Big Band Erfahrungen mit Lionel Hampton und Clark Terry folgten im Laufe des nächsten Jahres, und Ende 1981 schloss sich Marsalis am Altsaxophon seinem Bruder Wynton in Blakey's Jazz Messengers an . Weitere Auftritte mit seinem Bruder, darunter eine Japan-Tournee 1981 mit Herbie Hancock führten zur Gründung des ersten Quintetts seines Bruders Wynton, wo Marsalis seinen Schwerpunkt auf Sopran- und Tenorsaxophone legte. Er arbeitete weiterhin mit Wynton bis 1985, eine Zeit, in der auch seine erste eigene Aufnahme, "Scenes In The City" veröffentlicht wurde, sowie Gastauftritte mit anderen Künstlern wie Miles Davis und Dizzy Gillespie.

1985 schloss er sich Sting, dem Sänger und Bassist der Rockband Police, zu dessem ersten Soloprojekt "The Dream Of The Blue Turtles" an, neben den Jazz- und Session-Musikern Omar Hakim am Schlagzeug, Darryl Jones am Bass und Kenny Kirkland am Keyboard. Er wurde Stammgast in Stings Line-Up, sowohl im Studio als auch bis zur Veröffentlichung von "Brand New Day" im Jahre 1999. 1994 erschien Marsalis auf der CD "Stolen Moments: Red Hot & Cool" der Red Hot Organization. Das Album, das auf die AIDS-Epidemie in der afroamerikanischen Gesellschaft aufmerksam machen sollte, wurde von der New York Times zum Album des Jahres gewählt. Im Jahre 1988 spielte Marsalis in dem Spike Lee Film 'School Daze', präsentierte auch mehrere musikalische Zwischenspiele für die Musik in dem Film. Seine geistreichen Kommentare hatten ihn an viele denkwürdige Einzeiler im Film gebunden. Von 1992 bis 1995 war Branford der Leiter der Tonight Show Band in der Tonight Show mit Jay Leno. Anfangs lehnte er das Angebot ab, aber später überlegte er und akzeptierte die Position. Er wurde schliesslich als Bandleader der Ersatz für den Gitarristen Kevin Eubanks. Zwischen 1990 und 1994 spielte Branford mehrmals mit der Gruppe The Grateful Dead.

Sein 1988 erschienenes Album "Random Abstract" enthielt mehrere Beiträge zu einigen der wichtigsten Erkennungsmerkmale von Branfords Spielweise. Die zwei denkwürdigsten waren "Crescent City", eine Hommage an John Coltrane's Periode von 1963/1964, und seine "Stare Play Beans" Version von "I Thought About You". Es war offensichtlich, dass Branford in seinem Herzen einen grossen Platz für Ben Webster hat, wenn er ein ganzes Stück spielt, das so detailtreu dem Original folgt. Ausserdem bot das Album eine fabelhafte Version von Wayne Shorters "Yes And No". "Yesterdays" war ebenfalls ein Highlight, nicht nur wegen der Gruppen-Kohäsion als Einheit, sondern auch wegen des ungewöhnlich langsamen Tempos des Titels. "Broadway Fools" swingt von Anfang bis Ende, besonders der Bass des damals aufstrebenden Delbert Felix.

Marsalis veröffentlichte 1997 eine zweite Buckshot LeFonque Aufnahme. Sein Hauptinteresse galt seit 1996 seinem Quartett, seiner klassischen Performance und seiner Ausbildung. Mit dem ursprünglichen Mitglied Jeff 'Tain' Watts am Schlagzeug kam der Bassist Eric Revis Hurst im Jahre 1997, und der Pianist Joey Calderazzo wurde ein Mitglied nach Kirklands Tod im Jahr darauf. Das Branford Marsalis Quartett absolvierte ausgedehnte Tourneen und Aufnahmen und erhielt 2001 einen Grammy für das Album "Contemporary Jazz". Zwei Jahrzehnte lang war Marsalis mit der Plattenfirma Columbia Records verbunden , wo er zwischen 1997 und 2001 als kreativer Berater und Produzent für Jazzaufnahmen tätig war, unter anderem als Saxophonist bei David S. Ware für zwei Alben. Marsalis legte seit der Veröffentlichung seines Albums "Creation" im Jahre 2001 mehr Wert auf klassische Musik. Auftritte mit Symphonieorchestern und Kammerensembles weltweit wurden nach und nach zu einem wichtigen Teil seiner Reiseroute. Im Oktober und November 2008 tourte Marsalis mit der 'Philarmonia Brasileira' durch die USA, wo er Musik des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos vortrug, arrangiert für Solo-Saxophon und Orchester. Dieses Projekt erinnerte an den 50. Todestag des Komponisten.

Im Jahre 2002 gründete Marsalis sein eigenes Label Marsalis Music. Der Katalog umfasste Künstler wie Claudia Acuña, Harry Connick Jr., Doug Wamble, Miguel Zenón und präsentierte Alben von Mitgliedern der Marsalis-Familie. Branford Marsalis hatte sich auch an College-Ausbildung beteiligt, hielt Vorträge an verschiedenen Universitäten in den US-amerikanischen Bundesstaaten Michigan (1996-2000), San Francisco (2000-2002) und an der North Carolina Central University (2005 bis heute). Nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005 gründeten Marsalis und Harry Connick, Jr. in Zusammenarbeit mit dem örtlichen 'Habitat for Humanity' das 'Musicians Village' in New Orleans, wobei das 'Ellis Marsalis Center for Music' das Herzstück bildete. Im Jahre 2012 erhielten Marsalis und Connick den S. Roger Horchow Award für den grössten öffentlichen Dienst von einem privaten Bürger, eine Auszeichnung, die jährlich von 'Jefferson Awards' vergeben wird. Im September 2006 wurde Branford Marsalis vom Berklee College of Music zum Ehrendoktor für Musik ernannt . Während seiner Annahmezeremonie wurde er mit einem musikalischen Tribut-Beitrag  geehrt, welcher die Musik seiner gesamten künstlerischen Karriere zusammenfasste.





Feb 25, 2018


THE HANDSOME FAMILY - Unseen (Milk & Scissors Records M&S001, 2016)

Das Ehepaar Sparks, das sich The Handsome Family nennt, wurde sowohl als Alternative Country Duo, als auch als Traditionalisten bezeichnet, aber ihre oft dunkle Musik liegt wahrlich in einem einzigartigen Raum irgendwo dazwischen und vermischt die Klänge von traditionellem Country und Bluegrass und insbesondere von sogenannten 'Murder Ballads' (Mordballaden) in eine moderne Klanglandschaft. Der Sänger und Komponist Brett Sparks stammt aus Texas, wo er Musik studierte und kurzzeitig an den Ölplattformen arbeitete. Mitte der 90er Jahre lebte er mit seiner Frau Rennie Sparks, einer Romanautorin aus Long Island, in Chicago. Brett überredete Rennie dazu, Songtexte für ihn zu schreiben, was zu der ungewöhnlichen und auffälligen Form der Lieder der Handsome Family führte - evokative Szenen und kurze Geschichten (sowohl Tagtraum- als auch Geistergeschichten) anstelle der Standard 'Strophe-Chor-Strophe' Struktur.

Das Debütalbum der Handsome Family mit dem Titel "Odessa" erschien im Januar 1995 auf dem Independent Label Carrot Top Records. Diese erste im sogenannten 'Home Recording' Verfahren (alle Alben der Handsome Family wurden in ihrem eigenen Wohnzimmer aufgenommen) hatte leichte Punk-Schattierungen, die auf ihren folgenden Alben nicht zu hören waren. "Odessa" hatte leider nur wenige Wellen gemacht, bis auf das Verbot einiger Radiosender, bezogen das zweite Stück "Arlene", das von einer Frau handelt, die zu Tode geprügelt wird. Das nächste Werk kam im Mai des folgenden Jahres heraus, und die Handsome Family machte sich auf den Weg, um ihre neue Veröffentlichung "Milk And Scissors" mit möglichst vielen Live-Auftritten zu promoten. Sie tourten zuerst mit Wilco durch die USA und dann weiter nach Europa für Shows in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Mit "Milk And Scissors" hatte das Duo ihre bisherigen Rock-Kanten gegen traditionelle Country-Sounds eingetauscht. Das resultierende Album wurde von den Kritikern gelobt, erwies sich aber wiederum als nicht sonderlich verkaufsträchtig.

In der folgenden Zeit erlebten die beiden Musiker einige negative Erfahrungen. Brett erlitt während dieser intensiven und kräftezehrenden Zeit des Dauer-Tourens einen emotionalen Zusammenbruch, bei der eine Hospitalisierung die erschütternde Diagnose 'manisch-depressiv' ergab. "The Trees", ebenfalls auf Carrot Top Records im Januar 1998 erschienen, war das dritte Album der Handsome Family, und wurde unter dem Eindruck dieser persönlichen Schwierigkeiten geschrieben und aufgenommen. Die rohe, emotionale Qualität der Texte, die sich mit der Dunkelheit der alltäglichen Tragödie auseinandersetzen, wurde in Bretts trockenem Bariton umgesetzt, der oft von traditionelleren Country-Klängen getragen wird. Mit dieser Aufnahme kam die Handsome Family letztlich zu ihrem individuelle eigenen Sound und erhielt dadurch endlich auch breite Aufmerksamkeit. "Through The Trees" wurde die beste lokale Veröffentlichung und in den Top Ten von 1998 von grossen Chicagoer Zeitungen gewürdigt, aber die Aufmerksamkeit ging weit über die lokale Presse hinaus. Das Album wurde sowohl von Online-Magazinen als auch von Printmedien gelobt.

"Through The Trees" sollte sich als bahnbrechendes Album der Handsome Family erweisen, das in den nächsten Jahren immer beliebter wurde und es Brett und Rennie Sparks ermöglichte, ihre Jobs an den Nagel zu hängen und sich ganz auf ihre Musik zu konzentrieren. Nach der Veröffentlichung des Albums begann das Duo extensiv zu touren, trat regelmässig in Europa auf und tourte zweimal durch die USA - einmal mit den Mekons. Auf der Welle dieses Erfolges erschienen zwei Jahre später die etwas leichteren und natürlicheren Sounds von "In The Air" (Carrot Top Records, 2000), mit Gastauftritten von Jeff Tweedy von Wilco und dem Geiger Andrew Bird, ehemals von Squirrel Nut Zippers. Die Handsome Family unterstützte die Veröffentlichung ihres vierten Albums mit einer einmonatigen Europa Tournee, gefolgt von einer Konzertreise entlang der Westküste der USA. Ein Dokument ihres Sounds zu dieser Zeit findet sich in ihrem 2002 erschienenen Album "Live At Schuba's Tavern".

Das Duo veröffentlichte 2003 "Singing Bones", gefolgt von "Last Days Of Wonder" im Jahre 2006 und dem uncharakteristisch fröhlichen "Honey Moon" im Jahre 2009. Die 2013er Veröffentlichung "Wilderness" widmete die Handsome Family der Natur. 2014 erlebte die Handsome Family einen unerwarteten Glücksfall, als ihr Stück "Far Away From Any Road" vom Album "Singing Bones" als Titelmusik für die gefeierte TV-Dramaserie 'True Detective' ausgewählt wurde und der Gruppe ein grösseres Publikum bescherte als je zuvor. Das Lied wurde später auch in einer Episode der 'Simpsons' gezeigt, und Guns N 'Roses verwendeten es als Ouvertüre für eine Konzertreise von 2014, die aber auch das Einzige darstellt, was die beiden Gruppen gemeinsam haben. Im Jahre 2016 veröffentlichte die Handsome Family ihr elftes Studioalbum "Unseen" über ihr inzwischen lanciertes eigenes Milk & Scissors Label.

"Unseen" geriet wieder recht dunkel und erinnerte etwas mehr an ihre Anfangszeit, enthielt wieder einige bemerkenswerte, in bester Nick Cave Tradition ausgearbeitete 'Murder Ballads', aber insgesamt pendelte der Sound sehr ausgewogen zwischen persönlicher Alltags-Tragik und sehnsuchtsvoller Americana-Lockerheit, die manchmal auch schon mal eine Steel Guitar wimmern liess oder die Düsterheit der anderen Songs für einige Minuten vergessen liess. Die Handsome Family blieb allerdings bis heute leider vom grossen Publikum unentdeckt, was sich aber in den nächsten Jahren vielleicht noch ändern kann. Die Handsome Family lohnt sich unbedingt, entdeckt zu werden.









Feb 24, 2018



SAVOY BROWN - Looking In (Decca Reords SKL 5066, 1970)

Die britische Blues Band Savoy Brown, angeführt von Gitarrist Kim Simmonds, verlor Mitte 1970 ihren Leadsänger Chris Youlden, mit welchem die Band einen extravaganten und charismatischen, auch Jazz-affinen Frontmann in ihren Reihen hatte. Youlden wurde vorderhand nicht ersetzt und die Band machte als Quartett weiter, indem der zweite Gitarrist Lonesome Dave Peverett den zusätzlichen Part des Sängers übernahm.

War der Vorgänger von Anfang 1970 noch recht jazzlastig ausgefallen ("Raw Sienna"), so fiel dieser zusätzliche musikalische Input hier fast gänzlich weg. Praktisch ohne grössere Verzögerung nahm Kim Simmonds mit den drei verbliebenen Musikern dieses Werk im Sommer 1970 in Angriff und es dauerte nicht lange, als die Band die vorbereiteten Songs im Recorded Sound Studio in London unter der Regie von Paul Tregurtha in Angriff nahm. Mit Tregurtha war derselbe Tontechniker mit der Aufnahme betraut worden, der schon den Vorgänger "Raw Sienna" aufgenommen hatte, und der zuvor schon für die Band Steamhammer am Mischpult sass.

Das Album "Looking In" erschien am 6. November 1970 in England, nachdem es zuvor bereits Anfang Oktober in Amerika auf den Markt kam. Eigentlich ein Kuriosum, da Savoy Brown eine englische Band war. Angesichts der Tatsache aber, dass sie in Amerika weitaus grösseres Ansehen genoss, durchaus nachvollziehbar. Die wachsende Popularität in Amerika und das kaum beachtet werden im eigenen Land verstärkte sich in späteren Jahren noch zusätzlich, weshalb die Gruppenmitglieder ihr Domizil denn auch in die Staaten verlagerten.



Die Platte bot nur noch wenige Jazz-Anleihen, etwa im Titelstück, das einen recht perkussiv angelegten leichten Funk-Groove präsentierte, wohingegen Stücke wie "Leavin' Again" oder "Poor Girl" auch mit der reinen Blues-Ausrichtung brachen und vermehrt Rockmustern folgten. Das Werk kann in der langen Historie der Gruppe um Kim Simmonds als eine Art Uebergangswerk bezeichnet werden, da nach dieser Platte nach Chris Youlden auch die hier mitwirkenden Musiker ihren Leader verliessen, um in Amerika die später äusserst erfolgreiche Blues Rock Band Foghat zu gründen.

Kim Simmonds richtete seine Musik in der Folge einmal mehr neu aus und fand in ehemaligen Mitgliedern der Bands Chicken Shack und Idle Race neue Mitstreiter, mit welchen er zur kommerziell erfolgreichsten Phase seiner Band Savoy Brown starten konnte, die ihm mit den weiteren Alben "Street Corner Talking", "Hellbound Train" und "Lions Share" insbesondere in den USA grosse Popularität bescherte. Kim Simmonds zog daraufhin konsequenterweise den Stecker in seiner Heimat und siedelte nach Amerika über.

Aus dem "Looking In" Album wurde das Stück "Poor Girl" als Single ausgekoppelt (Decca Records DL 25444) und erhielt kurioserweise mit "Master Hare" als B-Seite einen Titel, der noch vom Vorgänger-Album "Raw Sienna" stammte. Es handelte sich dabei um einen Instrumental-Titel ohne den Gesang von Chris Youlden oder Lonesome Dave Peverett und erinnerte noch einmal an die kurze jazzige Phase der Gruppe.


Feb 23, 2018


XTC - Oranges & Lemons (Virgin Records V 2581, 1989)

XTC waren eine englische Rockband, die 1972 in Swindon gegründet wurde und bis 2006 aktiv war. Angeführt von den Songwritern Andy Partridge und Colin Moulding gewann die Band in den 70er Jahren Popularität mit dem Aufkommen von Punk und New Wave und spielte später in verschiedenen Stilen von kantigen Gitarrenriffs bis hin zu aufwändig arrangiertem Pop. Zum Teil, weil die Gruppe nicht in die aktuellen Trends passte, konnten sie den kommerziellen Erfolg in Grossbritannien und den USA leider nicht nachhaltig genug aufrechterhalten. Sie haben seitdem eine beachtliche Fangemeinde angezogen und sind für ihren Einfluss auf Britpop und später Power Pop- Acts bekannt. Partridge (Gitarre, Gesang) und Molding (Bass, Gesang) trafen sich Anfang der 70er Jahre in einem Plattenladen und gründeten anschliessend mit dem Schlagzeuger Terry Chambers eine Glitterrock-Band. Der Name und das Line-Up der Band änderten sich häufig und sie wurden erst 1975 als XTC bekannt. 1977 debütierte die Gruppe bei Virgin Records und war in den nächsten fünf Jahren für ihren ironischen Punkrock und energische Live-Auftritte bekannt. Sie strebten danach, völlig originell zu sein und weigerten sich, der Punk-Doktrin zu folgen, sondern brachten Einflüsse aus dem Pop der 60er Jahre, der Dub-Musik und der Avantgarde zusammen. Partridge, XTC's Frontmann und primärer Songwriter, bestand darauf, dass die Band nur Popmusik mache. Einen erweiterten künstlerischen Anspruch stellte er in Abrede.

Nach 1982 stoppte die Band das Konzertreisen und wurde zu einem Studio-basierten Projekt, das sich auf Partridge, Molding und den Gitarristen Dave Gregory konzentrierte. Sie produzierten zunehmend idiosynkratische Aufnahmen, darunter "The Big Express" (1984), "Skylarking" (1986), "Oranges & Lemons" (1989), "Nonsuch" (1992) und "Apple Venus Volume 1" (1999). Eine Spin Off Gruppe, die Dukes Of Stratosphear, wurde als einmalige Exkursion in die Psychedelia der 60er Jahre erfunden, aber als sich die Musik von XTC weiterentwickelte, nahmen die Unterschiede zwischen den beiden Bands ab. Von 1993 bis 1997 befand sich die Gruppe in rechtlichen Schwierigkeiten und weigerte sich, Musik aufzunehmen für Virgin Records, unter Berufung auf einen schlechten Plattenvertrag . Im Jahre 2006 gab Partridge bekannt, dass seine kreative Partnerschaft mit Moulding aufgelöst wurde und XTC in der Vergangenheitsform verbleiben würde. Im Jahre 2017 hatten sich Molding und Chambers dann doch als Duo TC & I wiedervereint. Partridge und Gregory blieben musikalisch aktiv. Das bekannteste Album von XTC, "Skylarking", galt allgemein als das beste seiner Art. Sie hatten insgesamt 18 Alben in den englischen Top 40, einschliesslich der Singles "Making Plans For Nigel" (1979) und "Senses Working Overtime" (1982), sowie die Alben "Black Sea" (1980) und "English Settlement" (1982). In den USA wurden sie auch mit dem Titel "The Ballad Of Peter Pumpkinhead" von 1992 bekannt.

Für ihr Album "Oranges & Lemons" reisten XTC nach Los Angeles, um einen preiswerten Studio-Preis zu nutzen, der von Paul Fox arrangiert wurde, der von der Band für seinen ersten Produktionsauftritt rekrutiert wurde. Um das Album zu unterstützen, trat Partridge XTC für eine amerikanische Akustikgitarren-Tour bei, die im Mai zwei Wochen dauerte. Gregory: "Es war eine interessante Art, auf die Platte aufmerksam zu machen, aber es war unglaublich harte Arbeit, da wir Gitarren und Gepäck über drei Wochen in bis zu vier Radiosender am Tag schleppten. Es gab ausserdem ein Live Acoustic-Set für MTV vor einem Publikum, sowie einen Auftritt in der berühmten Late Night Show von David Letterman. Eine ähnliche akustische Tournee war für Europa geplant, aber wieder abgesagt worden. "Oranges & Lemons" war das elfte Studioalbum von XTC, veröffentlicht im Jahre 1989. Der Name des Albums entstammte einem alten englischen Kinderreim, der auch in dem Song "Ballet For A Rainy Day" auf ihrem vorherigen Album "Skylarking" zitiert worden war. "Oranges & Lemons" war XTC's zweites Doppelalbum nach "English Settlement" von 1982.

Die Band wurde nach Los Angeles geschickt, um das Album aufzunehmen, und Paul Fox wurde für seinen ersten Produktionsauftritt rekrutiert. Das Album warf drei Singles ab: "Mayor Of Simpleton", "King For A Day" und "The Loving". Das Albumcover, entworfen von Andy Partridge mit Dave Dragon und Ken Ansell von 'The Design Clinic', war direkt von einem 1965er WOR-FM 98.7 Radio-Werbeplakat von Milton Glaser inspiriert. Während "Oranges & Lemons" häufig mit der Musik der 60er Jahre verglichen wird, insbesondere mit den Beatles (in den Worten eines Rezensenten: "Die Melodien verbiegen normalerweise Beatles-artigen Pop in kantige Asymmetrien"), waren viele weitere stilistische Einflüsse auf dem Album zu hören, beispielsweise Trommelklänge aus dem Nahen Osten zu jazzigen Trompeten und Zairischen Soukous. Der psychedelische Opener "Garden Of Earthly Delights" zeigte arabische Muster, "Poor Skeleton Steps Out" dagegen einen Samba- artigen Rhythmus, Glockenspiel und zahlreiche verlangsamte Stimmen. "Hold Me My Daddy" beinhaltete ebenfalls einen Samba-artigen Rhythmus, ebenso wie südafrikanisch anmutende Chor-Teile und eine Afro-Pop-Attitüde. "Miniature Son" wurde als Jazz Fusion- Track beschrieben, während weitere Songs klassischen Psychedelic Pop im Jangle Stil boten.

Das Album war auch als limitierte 3-Mini-CD- Box (CDVT2581) erhältlich, mit einer etwas anderen Titel-Reihenfolge (Wechsel der Positionen von "Cynical Days" und "Across This Antheap"). Ausserdem, weil "Poor Skeleton Steps Out" die zweite CD dieser Ausgabe eröffnete, begann der Song sauber und nicht überblendet vom vorherigen Song "The Loving". Ein Mobile Fidelity Sound Lab vergoldetes "Ultradisc" CD-Remaster (UDCD 682) wurde 1997 veröffentlicht. Auf der 2001 remasterten CD-Ausgabe war "Garden Of Earthly Delights" neu bearbeitet worden, "King For A Day" erhielt einen alternativen Mix (mit mehr Low End-Effekten) und "One Of The Millions" hatte eine kürzere Einleitung."Oranges & Lemons" wurde ausserdem im Jahre 2015 von Steven Wilson für Stereo und 5.1-Surround-Sound von den ursprünglichen analogen Bändern remixed. "Oranges & Lemons" war mit einem Rang 28 in den britischen LP-Charts das kommerziell erfolgreichste Album der Band, allerdings auch das am kontroversesten diskutierte. Viele Fans und Kritiker bemängelten die stilistische Ueberdosis und hielten das Werk einerseits für überambitioniert, aber auch für überproduziert. Mancher Musikkritiker wies auch auf die Alben von The Dukes Of Stratosphear hin: Unter diesem Pseudonym veröffentlichten XTC ebenfalls eine musikalisch ähnliche Mixtur, vielleicht noch etwas stärker auf psychedelische Elemente fokussiert. Viele Fans betrachteten die Dukes-Alben insgesamt als interessanter. Der Schriftsteller Chris Dahlen bezeichnete den Stil von XTC als 'Punk trifft Buddy Holly auf Amphetamin.




Feb 22, 2018


MIKE OLDFIELD - Hergest Ridge (Virgin Records V2013, 1974)

"Hergest Ridge" war das weitgehend instrumentale Nachfolgewerk, das von Mike Oldfield nach seinem überwältigenden Erfolg mit dem Debutalbum "Tubular Bells" im Frühjahr 1974 komponiert, produziert und grösstenteils wieder selbst eingespielt hatte. Das Album erreichte auf Anhieb Platz eins der britischen Charts und wurde nach drei Wochen von seinem Vorgänger "Tubular Bells" abgelöst, was ausser ihm nur den Beatles und Bob Dylan gelang. Nachdem Mike Oldfield mit dem wegweisenden Erfolg von "Tubular Bells" eher zu seinem Unbehagen im Rampenlicht stand, zog sich der Zwanzigjährige aufs Land zurück, um an seinem nächsten Werk zu arbeiten. Das Resultat war "Hergest Ridge", benannt nach einem Hügel im Grenzgebiet zwischen Herefordshire und Wales in Sichtweite seiner Unterkunft.

Um dem doppelseitigen Medium LP gerecht zu werden, war auch "Hergest Ridge" wie zuvor schon "Tubular Bells" in zwei Parts unterteilt. Anders als der Vorgänger baute die Komposition allerdings nicht auf einer Vielzahl von Themen auf, die im schnellen Wechsel nacheinander vorgestellt wurden, vielmehr wurden Themen sparsam eingesetzt und ausgiebig durchgeführt, das heisst variiert. Kennzeichnend für den Klang des Albums war gegenüber anderen Oldfield-Werken eine besonders wäldlich-idyllische Ausrichtung, die durch die behutsame Themenvariation sowie die überwiegend akustische Instrumentierung begünstigt wurde. Einen Kontrastpunkt zum Idyll stellte der hektische Thunderstorm-Part im zweiten Satz dar, bei dem angeblich über 60 Gitarrenspuren gleichzeitig zu hören waren.

Bei der Einspielung wandte Oldfield insbesondere zur Realisierung von repetitiven Klangtexturen innovative Aufnahmetechniken an. So setzten sich einige dieser Texturen aus Gitarrenspuren zusammen, welche, um einen orgelähnlichen Sustain-Effekt zu erhalten, mit hoher Lautstärke eingespielt und dann mit Hilfe von Overdubbing-Technik bei reduzierter Lautstärke übereinandergelagert wurden. Weitere Klangtexturen basierten auf verschiedenen Orgel-Sounds und Chorgesang. Laut dem Co-Produzenten Tom Newman wurden Teile des Albums in den Manor Studios in Chipping Norton eingespielt, in denen bereits das Album "Tubular Bells" aufgenommen worden war. Gemixt wurde die ursprüngliche Fassung des Albums in den Air Studios in London.

1976 wurde "Hergest Ridge" von Mike Oldfield für das vierteilige LP-Set "Boxed" Quadrofonie-fähig gemacht und im Zuge dessen editiert und neu abgemischt. Ein Abschnitt des Thunderstorm-Teils im zweiten Satz sowie einige Tonspuren mit Instrumenten wurden entfernt, dafür erhielten andere im Gesamtpegel eine Aufwertung. Im Anschluss äusserte Mike Oldfield den Wunsch, dass diese Version fortan auf allen weiteren Veröffentlichungen des Albums verwendet werden sollte. Das hatte zur Folge, dass neben späteren Neupressungen auf LP und Kassette auch sämtliche Veröffentlichungen auf CD die Boxed-Version enthielten. Eine remasterte Bootleg-Version des Original-Mixes befand sich nach einiger zeit hauptsächlich im Internetumlauf. Nachdem David Bedford, ein Vertrauter Oldfields aus der Canterbury-Szene, bereits eine Orchesterfassung zu "Tubular Bells" erarbeitet hatte, arrangierte und dirigierte er auch die Orchestralversion zu "Hergest Ridge", die zwar mehrfach aufgeführt, aber im Gegensatz zu "The Orchestral Tubular Bells" niemals offiziell veröffentlicht wurde. Allerdings wurden Auszüge daraus im Dokumentarfilm 'The Space Movie' verwendet.

Am 11. Juni 2010 erlebte die ursprüngliche Version von 1974 eine Wiederveröffentlichung auf CD und auf LP. Gleichzeitig wurde die 2010 neu abgemischte Version in der Deluxe Edition in Stereo und Dolby Surround veröffentlicht. Auch das damals darauf folgende Album "Ommadawn" wurde an diesem Termin neu veröffentlicht. Während die neue Version von "Ommadawn" das alte Cover beibehielt, bekam 2Hergest Ridge" ein neues, welches den gesamten namensgebenden Berg aus der Vogelperspektive zeigte. Der Landstrich um den Hügel Hergest Ridge an der englisch-walisischen Grenze entwickelte sich mit der Zeit zu einem beliebten Reiseziel für Mike Oldfields Fangemeinde. Das Haus, in dem er zeitweise lebte, 'The Beacon', ist heute ein Gasthaus. Das Coverbild zeigte ein von Trevor Key angefertigtes und effektverfremdetes Foto von Hergest Ridge. Der darauf abgebildete Irish Wolfhound trug den Namen Bootleg. "Hergest Ridge" stand später immer ein wenig im schatten der beiden wesentlich bekannter gebliebenen Alben "Tubular Bells" und "Ommadawn", steht den beiden Werken qualitativ allerdings in kaum etwas nach.


Feb 21, 2018


THE QUIREBOYS - Twisted Love (Off Yer Rocka Recordings OYR035, 2016)

Den Grundstein für die Quireboys legte der damals 17-jährige Sänger Jonathan 'Spike' Gray bereits im Jahre 1984, als er von Newcastle Upon Tyne nach London zog und dort auf den Gitarristen Guy Bailey traf. Nächster im Bunde wurde der Bassist Nigel Mogg, ein Neffe von UFO-Sänger Phil Mogg, dem bald der Schlagzeuger Paul Hornby (der wenig später The Dogs D’Amour gründete) und Chris Johnstone am Klavier folgten. The Queerboys, wie sie sich zuerst nannten, starteten ihre Karriere im renommierten Marquee Club und bauten sich in London und Umgebung mit ihrem stark vom Rhythm & Blues beeinflussten Hard Rock schnell eine treue und stetig wachsende Fangemeinde auf. Nachdem die Band 1987 das Angebot bekam, auf dem Reading Festival zu spielen, falls sie ihren Namen ändern würde, tauften sie sich in The Quireboys um.

1989 durften sie als Vorband von Guns N’ Roses im Hammersmith Odeon in London spielen. Auch Auftritte als Vorgruppe von Hanoi Rocks und Yngwie Malmsteen wurden absolviert. Als Ozzys Ehefrau Sharon Osbourne wenig später das Management für die Quireboys übernahmen, stand die Band für ihr Debütalbum "A Bit Of What You Fancy" bei EMI Records unter Vertrag. Das Album erschien 1990, nachdem es bereits 1989 durch die Single "7 O'Clock" promotet wurde. Auf der anschliessenden Tournee zu diesem Album spielte die Band unter anderem mit Soundgarden, Iggy Pop und den L.A. Guns Konzerte. Auf ihren Touren rund um den Globus schnitten sie ihr erstes Livealbum "Recorded Around The World" mit und machten sich dann an die Arbeiten zum zweiten Album. Gemeinsam mit dem Produzenten Bob Rock nahmen sie "Bitter Sweet & Twisted" auf, gingen aber in der aufkommenden Grunge-Welle unter. Zwar spielten sie mit Guns N' Roses auf deren 'Use Your Illusion'-Tour, doch dann fiel die Formation 1993 überraschend auseinander.

Zur ersten ernst zu nehmenden Reunion kam es, als Spike, Gitarrist Guy und Bassist Nigel einen Neustart im Jahre 2001 wagten. So folgte das dritte Album "This Is Rock'n'Roll", auf dem Luke Bossendorfer an der Gitarre und Martin Henderson am Schlagzeug debütierten. Das Album wurde jedoch auf dem Label Sanctuary Records veröffentlicht. Für die anschliessenden Auftritte in England sprang der Sohn des verstorbenen Led Zeppelin Schlagzeugers John Bonham, Jason Bonham ein. 2002 folgte mit "100% Live - 2002" ein Live-Album zur Tour. 2004 erschien das Album "Well Oiled", bei dem Paul Guerin (Gitarre), Pip Mailing (Schlagzeug) und Keith Weir (Keyboards) mitspielten. Erneut wurde ein Label-Wechsel vollzogen, denn das Album erschien über SPV Records. Im selben Jahr spielte die Band zum ersten Mal auf dem Wacken Open Air. In der Folgezeit verliess Bassist Nigel Mogg erneut die Band und wurde durch Jimi Cruthley ersetzt. In dieser Besetzung erschien 2008 das Album "Homewreckers & Heartbreakers", das ohne Plattenlabel veröffentlicht wurde. Bereits 2009 folgte mit "Halfpenny Dancer" das nächste Album, diesmal mit Damon Williams am Bass, Phil Martini am Schlagzeug auf dem Plattenlabel Jerkin Crocus. 2009 wurde ihr Debütalbum "A Bit Of What You Fancy" wiederveröffentlicht. Auf der folgenden Tournee trat die Band unter anderem beim Bang Your Head-Festival in Balingen auf. 2010 folgte das Live-Album "Live In London", das jedoch die gleichen Songs enthielt wie das Live-Album "100% Live - 2002". 2012 spielte die Band auf dem Download-Festival.

2013 veröffentlichte die Band über das Label Off Yer Rocka das Album "Beautiful Curse", auf dem Simon Hanson Schlagzeug spielte und kein Bassist angegeben wurde. Dazu spielte die Band im selben Jahr auf dem Sweden Rock Festival. Für das 2014 erschienene Album "Black Eyed Sons" kehrte dann der ehemalige Schlagzeuger Pip Mailing zurück. Neuer Bassist war zudem Nick Mailing. Ein Blues-Set anlässlich eines Auftritts auf dem Ramblin' Man-Festival führte zu der Idee, ein komplettes Album mit Coverversionen von Blues-Klassikern aufzunehmen. Es wurde 2017 unter dem Namen "White Trash Blues" veröffentlicht. Noch ein Jahr zuvor erschien das herzhafte Album "Twisted Love", das, obwohl mit ausgezeichneten Kritiken bedacht, leider wieder nicht den erwünschten Verklaufserfolg generieren konnte. "Twisted Love" war wieder ein richtig hart drauflos rockendes Album, das zwar nicht an die dreckigen, zum Teil mit Glam-Elementen aufpolierten Hymnen der Anfangszeit herankam, dafür aber umso konsequenter den Sound der assoziativ genannten Wegbereiter aus England am Leben erhielt.


Zusammen hatten sie für das Album zehn neue Songs aufgenommen, mit kleinen ausnahmen allerdings, denn beim Stück "Gracie B, Pt. 2" coverte die Band sich nämlich selbst. Der Titel, der bereits auf dem Vorgänger "St. Cecilia And The Gypsy Soul" vertreten war, hüllten Spike und seine Mitmusiker auf "Twisted Love" in ein neues elektrisches Gewand. Ansonsten blieben sich The Quireboys auf ihrem inzwischen zehnten Album treu, sowohl was ihre Qualität anging als auch ihrem Signaturesound, der irgendwo zwischen Glam- und Hardrock, Americana und Country lag und bis heute liegt. Nur auf eines verzichtete die Band beim Album "Twisted Love" komplett: Irgendwelche Balladen. Stattdessen kredenzten sie hier satten Rock'n'Roll soweit das Auge, respektive das Ohr reichte.

 Bis heute stehen hauptsächlich Spike und Gitarrist Guy Griffin hinter der Band. Bis zu dem Album "Well Oiled" von 2004 war Bassist Nigel Mogg ebenfalls einer der führenden Köpfe in der Band. Die Band ist bekannt für viele Besetzungswechsel. An das Debütalbum von 1990, das in Grossbritannien Platz 2 der Charts erklomm, konnte die Band jedoch nicht mehr anknüpfen. Mit Paul Guerin und Keith Weir hat die Band jedoch inzwischen wieder zwei langfristige Mitglieder gefunden.


Feb 19, 2018

 
MURDER IN THE CATHEDRAL - Afraid Of
(Soleil De Gaia Records, Soleil De Gaia 02, 1999)

Stéphane und Pascal Moru, die künftigen Gründer der Psychedelic Rockband Murder In The Cathedral teilten sich mit einem nahen Freund ein Appartement in Caen, Frankreich. Die engen Mauern der drei Zimmer garantierten eine marihuanaschwangere Atmosphäre, getragen von einem musikalischen Eklektizismus, bedingt durch das Fieber, die Kraft, die Energie und eine gewisse Art der Vergeistigung. Auf die Hymnen der Magmaiens folgen die psychedelischen Auswirkungen der Musik der 13th Floor Elevators oder der Collectors, der jugendliche Aufstand der Liberty Bells oder der Chocolate Watch Band, die politische Ausrichtung der Deviants und der Edgar Brougthon Band, die unerbittliche Kritik der Mothers Of Invention sowie weitere musikalische Ausdrucksformen, die jegliche Zugeständnisse an stetig steigende Ansprüche formatierter Produkte ablehnten. John Coltrane, Henry Cow, Joy Division und The Residents waren weitere wesentliche Bestandteile dieser höchst explosiven musikalischen Sammlung. Die Musikbesessenheit der Jungs konnte zunächst nur durch das Sammeln der entsprechenden Vinyl-Scheiben befriedigt werden. Sie lösten innere Prozesse aus, die auch den Tag überdauerten. Auch wenn sich die Jungs dessen nicht so ganz bewusst waren, letztlich wünschten sie, die bewusstseinserweiternden Werke ihrer Helden wieder aufleben zu lassen. Alain Lebon, künftiger Gründer der Labels Soleil de Gaia und Soleil Zeuhl beteiligte sich regelmässig an diesen musikalischen Ausdrucksformen, die mehr den Beschwörungs-Delirien von Amon Düül 1 als einem Professionalismus folgten, mit allen Mitteln zum Erfolg zu gelangen. Bestimmte Themen, die keinen zeitlichen Aufschub erlaubten, wurden zu einem eigenständigen Ergebnis in den Titeln "Dogs Of The Streets" oder "Polizei" verarbeitet. Nach einem Jahr des Lebens in einem selbst geschaffenen, parallelen Universum ging jeder seinen Weg, die Brüder Moru kehrten in ihre kleine Geburtsstadt Vire zurück. 

Ihre Leidenschaft Schallplatten zu sammeln, liess sie fast schon zwanghaft in die Angebotslisten amerikanischer, englischer, holländischer und deutscher Verkäufer abtauchen. Ihre Begeisterung und Leidenschaft liess sie ihre Suche mit der Intensität ähnlich der Recherche für eine Doktorarbeit, durchführen. Ihre Suche führte sie über den Folkrock der Byrds oder The Leaves, den Psychedelic Rock von Music Emporium oder HP Lovecraft, dem Punk der Bands Wig oder Lollipop Shoppe, dem Westcoast Sound von Jefferson Airplane oder Quicksilver Messenger Service zur Acidmusik von Third Power und dem Rhythm'n'Blues der Shadows Of Knights. Die Recherchen drehten sich um obskure Labels, führten sie aber auch zu neuen geographischen Horizonten: Holland, Australien, Südamerika. Sehr schnell wurde die Idee geboren, diese Leidenschaft mit mehr als nur ein paar Freunden und Hardcore-Sammlern zu teilen. 1984 erschien das Fanzine 'Everlasting Tribute'. Es erschien zu dieser Zeit jährlich und enthielt LP-Kritiken aus der Zeit des Psychedelic Rocks, beschäftigte sich aber auch mit der aufkommenden Neo Psychedelic-Szene. In der ersten Ausgabe waren Interviews mit Mick Farren von den Deviants, Gregg Provost von den Chesterfield Kings, Gary Danner von den Vogues und mit Georges Bringman zu lesen. Das französischsprachige Fanzine wurde international für seine Detailgenauigkeit und ausführlichen Recherchen gelobt. Mangels finanzieller Mittel kam es allerdings nicht mehr zu einer weiteren Ausgabe. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Beiträgen liegt noch heute in den Schubladen, darunter ein Interview mit Little Phil And The Nightshadows, sowie ein Interview mit Mike Korbik, anerkannter Musiksammler und darüber hinaus Manager der Beatitudes. 

Das Entstehen des Neo Psychedelic Rock mit Bands wie den Slickee Boys, Plasticland, Les Lyres und The Prisoners führte dazu, dass sich eine beträchtliche Anzahl von Fans vom Punk Rock ab- und dem Neo Psychedelic Rock zuwandten. In der Wohnung von Pascal Moru trafen sich die Liebhaber dieses neuen Musik-Genres, tauschten ihre musikalischen Vorlieben aus und schufen Freundschaften, menschlich und musikalisch. Das nach wie vor bestehende Verlangen der Brüder Moru, ihren kleinen Stein am Gebäude der Hall of Fame of Rock einzusetzen, führte schliesslich zur Gründung einer fünfköpfigen Band: Pascal Moru (Bass), Stéphane Moru (Gitarre), Gilles Lepron (Schlagzeug), Pascal Lebois (Gitarre) und Pascal Simonin (Gesang). Als erstes suchten die Musiker nach einem geeigneten Gruppennamen, der sowohl die Aufmerksamkeit wecken als auch die musikalische Orientierung der Mitglieder charakterisieren sollte. Als erstes kam dabei der Name Ultimate Orgasm ins Gespräch, was der provozierenden Haltung der Gruppe entsprach, aber wegen der Befürchtung, Ablehnung angesichts zu erwartender vereinfachender und negativer Bilder, mit der die Rockmusik belegt ist, zu wecken, verworfen wurde. Nach vielen Diskussionen einigte man sich auf den Bandnamen Heretic Dreams.

Im Folgenden probte die Band an 5 bis 6 Abenden pro Woche unermüdlich, um ihre persönliche Identität zu finden. Die Atmosphäre brodelte und im Überschwang ihrer noch jugendlichen Energie, beschloss die Band, in ein Aufnahmestudio zu gehen, um in Eigenproduktion eine Single mit den Titeln "Like Adam With Eva In Hell" und "Deathchild" aufzunehmen. Das Cover der Single sollte einem Originalcover der Jahre 1966 bis 1969 entsprechen (Foto als Negativ, Fischaugen-Perspektive und sinusförmig eingefärbt). Christian Fontaine, genannt 'Baby', ein Freund der Band, kreierte das Cover. Robert Peccoraro steuerte einen Text im reinen Geist der 60er Jahre bei: 'Es erwartet Euch ein Rocksound von verruchter Unschuld und ungezügelter Lust, der Euch nicht mehr loslässt. The Heretic Dreams haben eine Platte mit dem heute so seltenen Rocking Fucking-Sound aufgenommen. Wünscht, dass der Rubel rollt und die Band ein Rocking Tripping-Album aufnehmen kann. Die Heretic Dreams sind gekommen, um zu bleiben'. Diese letzte kleine Zeile war eine direkte Referenz an die Slickee Boys.

Trotzt aller Bemühungen erwies sich die Single als Misserfolg. Der Produzent zeigte eine starke Abneigung gegen die Band, die seine Ansprüche an einen gesättigten, dem Mainstream angepassten Gitarren- und Rocksound nicht erfüllte. Die Band liess allerdings nicht zu, dass er ihr seine Vorstellungen aufdrängen konnte, woraus sich ein äusserst gespanntes Verhältnis zwischen Produzent und Band ergab. Bezeichnend für die Auseinandersetzungen war auch, dass das Label der Single noch nicht einmal die korrekte Schreibweise des Bandnamens enthielt, sondern Eretic Dreams zu lesen war. Das traf die Band hart, für die die Aufnahme einer Single eine mystische Dimension bedeutete. Dieses Ereignis zerstörte jedoch nicht das Feuer der Band, vielmehr wurde ein weiterer Anlauf unternommen und zunächst die Anzahl der Konzerte vervielfacht. Als erstes spielte die Band im Vorprogramm der französischen Rockheroen Little Bob Story auf dem Festival Bas-Normand. Anschliessend wurden zahlreiche Auftritte in der Region Basse Normandie und Mayenne absolviert. Danach wurden ihnen Konzerte mit den Roadrunners, Innocents und Valentinos angeboten. Das Programm der Band setzte sich zu diesem Zeitpunkt zu 3/4 aus eigenen Titeln zusammen. Eigenkompositionen mit einer ungestümen aber auch verbindenden Energie, die die Band von anderen Formationen unterschied. Eine Musik, angesiedelt zwischen Punk und hartem Rock und vom Gesang englischer Mod-Bands (The Who, Action) beeinflusst, wobei Strukturen verwendet wurden, die auf den überraschenden Rhythmuswechseln des Garagen- und Psycho-Punk der 60er Jahre aufbauten. Auch bei Coverversionen, wie von den Remains "Don’t Look Back", der Moving Sidewalks ("99th Floor"), der Inmates ("Shaking"), Elmer Gantry’s Velvet Opera ("Flames"), Hangmen’s "What A Girl Can Do", Steppenwolfs "Born To Be Wild" oder Flamin Groovies' "Shake Some Action" behielt die Band ihren unverwechselbaren Sound bei. Die Gruppe gewann an Erfahrung und stand im Konkurrenzkampf auf Augenhöhe mit den angesehensten Bands der Region. 

Die Erinnerungen an die ersten Studioaufnahmen waren längst verblasst, als sich Heretic Dreams wieder mit dem Gedanken beschäftigten, erneut in ein Tonstudio zu gehen. Glücklicherweise tryafen sie auf Lucas Trouble, den Organisten der Vietnam Veterans, der sich bereit erklärte, vier Titel zu produzieren. Die Band bewies erneut ihre schöpferische Kraft, aber auch ihre ausgeprägte Fähigkeit, Melodien zu erfinden. Ihre Einflüsse reichten vom Psychedelic Rock ("Will I Ever Find My Baby" und "Deathchild") über Folk Rock ("Little Sunny Annie") bis zum Garagen-Punk ("I Got A Face"). Die zuvor vorhandene Sorge, nicht mit studiofähigen Gitarren ausgerüstet zu sein, erledigte sich, da die Band im Studio auf dort vorhandene Instrumente zurückgreifen und die Aufnahmen, wie gewünscht, einspielen konnte. Zwischenzeitlich waren Heretic Dreams vom französischen TV-Sender FR3 angesprochen worden, um an einer Fernsehsendung namens Rocking Chair teilzunehmen; einer Sendung, die von Jean Lou Janeir präsentiert wurde. Christian Fontaine, der schon für das Cover der ersten Single verantwortlich gezeichnet hatte, stellte für den Fernsehauftritt ein Bühnenbild her, auf dem die Band als Pharaonen auf einer Fläche von 4 x 2 Metern abgebildet war. Durch diese Fernsehsendung wurde der Bekanntheitsgrand der Band weiter gesteigert. Das Pariser Label Lolita Records, welches für seine Vorliebe für Neo Psychedelic Bands bekannt war, hatte von den zuletzt vier aufgenommen Titeln gehört, wünschte aber eine Ausweitung des Repertoires, ehe ein Plattenvertrag in Betracht kam. Die Band sollte wenigstens über ein Repertoire von 10 Titel verfügen.

Leider werden die günstigen Aussichten auf einen Plattenvertrag mit Lolita Records durch technische Probleme gestört. Um das geforderte Repertoire von zehn Titeln zu erreichen, standen nur vier Studiotage, unter der Leitung von Lucas Trouble, zur Verfügung. Dieser war nicht in der Lage, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, die notwendig waren, qualitativ hochwertige Aufnahmen einzuspielen. Erste Hörproben ergaben, dass die Aufnahmen total verhallt waren. Später sollte sich zeigen, wie sie sich tatsächlich hätten anhören können. Andere Titel erfüllten jedoch die Erwartungen, wie "Secret Noise" oder "Four Sides". Nach dieser erneuten negativen Erfahrung fiel die Gruppe zunächst in ein Loch. Die Proben beschränkten sich auf das Wochenende und das Verständnis unter den Bandmitgliedern verschlechterte sich zusehens. Die Band war müde und Stéphane, einer der beiden Gitarristen und der kreative Kopf, schien die Aufmerksamkeit der anderen Bandmitglieder nicht mehr wecken zu können. Gilles, der Schlagzeuger, ging berufsbedingt ins Ausland und liess die lethargisch erscheinende Gruppe zurück. Die Brüder Moru und der Sänger hielten den Anschein, dass die Band weiter existierte, aufrecht und produzierten zwei Titel, die auf eine neue und entscheidende Wende hoffen liessen: "I`m Just Insane", welches eine neue Facette der Band zeigte, Eleganz und Spiritualität zu verbinden, sowie "Ceremon"“, in welchem die Spielweise der Sologitarre für besondere Power sorgte. Das fehlende Schlagzeug wurde durch Rhythmusmaschinen ersetzt. Der zweite Gitarrist war mit der neuen Entwicklung nicht einverstanden und hatte Zweifel, den Sound auch live bringen zu können. Die Gruppe driftete weiter auseinander, da sich jeder mit seinen persönlichen Vorlieben beschäftigte. Das Ende der Band wurde allerdings nie offiziell erklärt, so als wollte man sich die Möglichkeit offen lassen, sie eines Tages wieder aufleben zu lassen. Ironie des Schicksals war, dass die Aufnahmen, die mit Lucas Trouble einspielt wurden, nie beim Label Lolita Records ankamen. 

Robert Peccoraro, Musikfreund erster Stunde und besorgt darüber, dass die Band bald vergessen sein würde, schlug vor, die Aufnahmen auf Kassette für die Nachwelt irgendwie festzuhalten und zu veröffentlichen. Die Band war einverstanden und erlaubte ihm, die Titel für die Kassette auszuwählen. Die Kassette erschien 1995 in luxuriöser Ausführung, eine Ehrbezeugung nicht nur für die Band, sondern auch für alle Fans, die an die Band geglaubt hatten. Die Kassette mit dem Titel "The Secret Noise Of Heretic Dreams" bedeutete jedoch das offizielle Ende der Band. Die Brüder Moru verfolgten jedoch weiter ihren musikalischen Weg und sichteten in ihrem kleinen Heimstudio das von Stéphane, dem Gitarristen, angelegte Archiv. Das Zusammenspiel als Duo hatte den Vorteil, die gemeinsamen Einflüsse, sozusagen zweigeteilt, zu verarbeiten. Pascal, der Bassist kümmerte sich um die Aufnahmetechnik, wodurch Stéphane sich in erster Linie auf die Musik konzentrieren konnte. Robert Peccoraro hörte die allererste Aufnahme und schlug vor, diese als Zusatztitel einer Compilation zuzuführen, die dem amerikanischen Psychedelic Rock gewidmet war. Die Compilation-Kassette nannte sich "Psychedelic Wizzards" und das Stück hiess "Over The Bridge". Es zeigte eine musikalische Neuorientierung der Band mit bis dahin unüblichen Verzerrungen von Tönen bis hin zu einem Eastern Touch. Mehrere Gitarrenspuren wurden im Wege des Overdubbings zusammengelegt und erzeugten eine grössere Komplexität des Sounds. In dieser neuen Form hiess die Band nun Murder In The Cathedral. 

Es folgten weitere Aufnahmen im Homestudio und die Idee, erneut eine Schallplatte zu veröffentlichen, reifte. Gilles, der Schlagzeuger der Heretic Dreams, kam zurück und beteiligte sich an den Aufnahmesessions, die in wenigen Tagen erledigt waren. Das Album bestand schliesslich aus acht Titeln, wobei im Wechsel auf ein Instrumentalstück jeweils ein Titel mit Gesang folgte. Die Titel räumten dem Gitarrenspiel erste Priorität ein. Deutlich festzustellen war der pychedelische Einfluss. Die Kritiker beschrieben die Musik als eine Mischung aus Plastic Cloud, Morgen und Grateful Dead. Nach Anlaufschwierigkeiten erschien das Album bei Dig Records, einem Label, welches auf die Veröffentlichungen und den Verkauf von Garage Rock der 90er Jahre spezialisiert war, sowie auf Wiederveröffentlichungen aus den 50er und 60er Jahren. Das Album wurde in die USA, nach England, Deutschland, Belgien, Holland, Schweden, Korea, Japan und Spanien verkauft. Es wurde sehr positiv im Neo Pychedelic Underground aufgenommen. Das von Jimmy Peccoraro gestaltete Cover bezog sich auf das klassische 60s Psychedelic Artwork und enthielt ein Einlegeblatt, auf dem die historischen Verbindungen zum Bandnamen Murder In The Cathedral ausgeführt waren. 

Anschliessend nahm die Band verstärkt die Arbeit für ihr zweites Album in Angriff, welches "Afraid Of" heissen sollte. Aufgrund der schlechten Erfahrungen mit Dig Records musste die Band sich erneut auf die Suche nach einem Label begeben. Im Gespräch waren dabei die US-Labels Rockadelic und Aether Records, das Label von Stan Denski, der auch Interesse zeigte, aber die Band letztlich zu lange warten liess. Zu diesem Zeitpunkt kam wieder ein Kontakt mit Alain Lebon, einem Freund aus der Anfangszeit, zustande, der mittlerweile die Labels Soleil de Gaia und Soleil Zeuhl etabliert hatte. Lebon hatte verschiedene Bands der Musikrichtung Zeuhl sowie einige herausragende Alben des französischen Progressive Rock veröffentlicht. Alain Lebon und Murder In The Cathedral teilten gemeinsame Einflüsse, aber auch eine gemeinsame Geschichte, was dazu führte, dass man sich zum einen gegenseitig schätzte und andererseits auch die gegenseitigen Erwartungen in Einklang bringen konnte. Dies bewies sich schon beim Abhören der Bänder und die Band entschloss sich, das zweite Album in Zusammenarbeit mit Alain Lebon zu veröffentlichen. Es erschien 1999, erneut mit einem von Jimmy Peccoraro kunstvoll gestalteten, den Traditionen der psychedelischen Kunst folgenden Cover. Es stellte ein düsteres Universum dar, in dem die Laufbahn der kreisenden Monde in eine rätselhafte Verästelung geriet. Das Cover war aus verstärktem Karton. Das Label der Schallplatte entsprach den einschlägigen Vorgaben aus den 60er Jahren und das Inserat enthielt ein Foto der Band. Die Musik war wesentlich strukturierter als auf dem ersten Album und enthielt wesentlich weniger Jam-artige Passagen. Die Kritiker bezeichneten die wesentlichen Soundeinflüsse in einer Bandbreite, die von den Byrds bis zu The Bevis Frond reichte und den San Francisco Acid-Sound der 60er Jahre und orientalische Sounds verband, zudem lobten sie die Weiterentwicklung der Band bezüglich ihrer instrumentalen Ausdrucksformen. 

In der Folge wurde die Band angefragt, mögliche Songs zu zwei Samplern beizutragen. Dafür spielten sie zwei neue Titel ein. "World In Flame" für den Sampler "Floralia Vol.4" vereinte die verschiedensten Einflüsse der Band mit einer allgegenwärtigen Gitarre, die von einlullend bis verwüstend alle Soundfacetten abdeckte. Der zweite neue Titel erschien auf einer Compilation des US Labels Aether Records mit dem Titel "Pull Up The Paisley Covers - A Psychedelic Omnibus". Konzept des Samplers war es, von verschiedenen Bands ganz spezielle Versionen bekannter Titel der 60er Jahre einspielen zu lassen. Murder In The Cathedral entschieden sich für einen Titel des ersten Albums der Who: "The Good’s Gone". Die Band interpretierte den Titel aus den Anfängen des Psychedelic Pop auf minimalistische Art. Sie veränderte das Arrangement und die Struktur, einschliesslich des Instrumentalteils dergestalt, dass die Beat-Einflüsse der Originalversion nicht mehr zu hören waren. Die anderen Künstler auf dem Sampler interpretierten Titel der Master Apprentices, Carolyn Hester, Kilburn Rovers, The Pretty Things und The Churchills neu. Neben Murder In The Cathedral waren unter anderem The Bevis Frond und Mushroom auf dem Sampler zu hören. Leider erschien danach keine weitere Musik mehr von Murder In The Cathedral. Da die Band aber bis heute offiziell nicht aufgelöst wurde, könnte es durchaus sein, dass irgendwann wieder eine neue Platte erscheint, oder zumindest ein Beitrag an ein mögliches weiteres Tribute-Album. Stéphane Moru, der Gitarrist der Band, hütet mit Hingabe das musikalische Erbe der Band, denn wer weiss, ob nicht der Tag kommt, dem Drang der latent schlummernden Leidenschaft wieder nachzugeben. 



Feb 18, 2018


THE BAND - Jubilation (River North Records 51416 1420 2, 1998)

The Band starteten ursprünglich als Levon And The Hawks und waren die Begleitgruppe des kanadischen Rockmusikers Ronnie Hawkins. The Band vereinten eine perfekte gleichberechtigte Mixtur aus fünf meist multi-instrumentellen Musikern: Den vier Kanadiern Garth Hudson, Richard Manuel, Rick Danko und Robbie Robertson, sowie Levon Helm aus Arkansas in den US-Südstaaten. Ronnie Hawkins liess sich zu Ende der 50er Jahre von dem damals noch jungen Levon Helm eine ebenso junge Begleittruppe zusammenstellen. Gemeinsam mit Hawkins tingelten die Musiker durch Bars und Absteigen, Juke Joints und Honky Tonks. Hier lernten sie alle Genres der amerikanischen Populärkultur kennen: Country, Blues, Rock’n’Roll und mehr. Ab Herbst 1963 gingen die Musiker dann ohne Hawkins auf Tournee. Aber erst 1965 begegneten sie dem Mann, der nicht nur ihre eigene Karriere, sondern die Richtung der gesamten amerikanischen Musik Mitte des Jahrzehnts schier revolutionierte.

Bob Dylan hatte gerade erst die Folk-Puristen mit seinem elektrifizierten Auftritt in Newport gegen sich aufgebracht und suchte für eine Konzertreise durch Kanada und die USA dringend eine Begleitcombo. Wirkten in ihr anfangs nur Robertson und Helm mit, waren schon bald alle Hawks mit an Bord. Die gemeinsamen Auftritte entpuppten sich jedoch bald als eine wahre Tour de Force gegen die Puristen im Publikum, die sich mit der Dylan’schen Wende zum Rock einfach nicht abfinden wollten. Jedes Konzert glich einem Ausnahmezustand mit lautstarken Pöbeleien und deftigen Schmähungen. Während Bob Dylan gleichsam Honig aus diesen Konfrontationen zu ziehen schien, war das Levon Helm's Sache nicht. Entnervt stieg er Ende 1965 aus und wollte sich gar ganz aus dem Musikgeschäft zurückziehen. Dylan und der Rest der Hawks zog 1966 dann durch die Welt, bis Dylan mit seinem Motorradunfall den vorübergehenden Ausweg aus dem Rockzirkus fand.

Als dann die Hawks und Dylan von Frühjahr bis Herbst 1967 im Keller von 'Big Pink' unzählige Standards aus Country, Blues, Gospel und Folk sowie eine ganze Reihe von gemeinsame Eigenkompositionen spielten, war Levon wieder da. Man wollte und konnte einfach nicht auf ihn verzichten. Dies war die eigentliche Geburtsstunde von The Band. So nannten sie sich nun selbstbewusst, als sie 1968 ihr Debütalbum "Music From Big Pink" vorlegten. Die Platte veränderte die Richtung des Rock: Den damals aktuellen Psychedelic-Klängen setzten sie eine ruhigere, aber umso kraftvollere, durch Country, Blues und Folk geerdete Art der Rockmusik entgegen. Mit dem Album "The Band" gelang ihnen dann 1969 auch kommerziell der Durchbruch. Von vielen wurde es aufgrund seiner Bedeutung und in Anlehnung an die Beatles auch als 'The Brown Album' genannt. Grösster Hit daraus wurde "The Night They Drove Old Dixie Down". Geschrieben hatte das Stück Robbie Robertson, der als Songwriter für einige der bekannten Songs der Band stand.

Im selben Jahr gaben sie in San Francisco im legendären 'Winterland ihr Live-Debüt als The Ban“. Beim Isle Of Wight Festival traten sie nochmals als Bob Dylan's Begleitgruppe auf, und sie waren beim legendären Woodstock Festival dabei. The Band waren auf dem ersten Höhepunkt ihres Schaffens. Die Musiker waren Anfang der 70er Jahre ständig auf Tournee, ein eindrucksvolles Zeugnis davon legte der Film 'Festival Express' (1970) von einer gemeinsamen Tour mit Janis Joplin und den Country-Rockern von The Flying Burrito Brothers ab. Die Bühne war ihre Berufung und dort schienen sie viel stärker sie selbst zu sein, als im Plattenstudio. Und so war denn auch ihr Live-Album "Rock Of Ages" von 1971 in den Augen vieler Kritiker und Fans ihre beste Platte der frühen 70er Jahre. Es steht exemplarisch für Live-Kunst der Gruppe, für das Gesamtkunstwerk The Band, als perfekt aufeinander abgestimmte Einheit von Einzelkönnern. 1973 erschien dann "Moondog Matinee", ihre Hommage an ihre Vorbilder und den Songs der 50er und frühen 60er Jahre. Doch ihre eigene Entwicklung als kreative Songschreiber schien in einer künstlerischen Sackgasse zu stecken.


Wieder einmal war es die Zusammenarbeit mit Bob Dylan, die von dieser Situation zumindest ablenkte. 1973 hatten the band mit ihm bereits die Platte "Planet Waves" eingespielt, Anfang 1974 starteten sie mit ihm auf seine grosse Comeback-Tournee, die erste USA-Konzertreise Dylans seit Ende 1965. Sie wurde ein rauschendes Fest, dokumentiert auf dem Live-Mitschnitt "Before The Flood". Dylan & The Band zeigten sich hier in absoluter Bestform. Im Studio aber stagnierte The Band in diesen Tagen weiter. Die beiden Alben "Northern Cross, Southern Lights" und "Islands" waren keine grossen Würfe. Stattdessen arbeitete beispielsweise Robbie Robertson als Produzent von Neil Diamond. Robertson war es auch, der den Deal mit dem Abschiedskonzert einfädelte. Was unter dem Namen "The Last Waltz" später als bester Konzertfilm aller Zeiten in die Rockgeschichte eingehen sollte, war hinter den Kulissen nichts anderes als das Auseinanderbrechen von The Band in seiner bisherigen Form. Nicht The Band verabschiedeten sich von der Bühne, sondern Robertson von The Band. Levon Helm schilderte in seiner Autobiographie 'This Wheel’s On Fire' über die unangenehmen Kontroversen zwischen Robertson und ihm. Doch er und die anderen Mitglieder der Band fügten sich. Robertson holte den Filmemacher Martin Scorsese und den Konzert-Impresario Bill Graham ins Boot. Heraus kam ein eindrucksvoller Film mit einem absoluten Staraufgebot. Tolle Auftritte von Joni Mitchell, Neil Young, Van Morrison, Eric Clapton und Bob Dylan sowie eine eindrucksvolle gemeinsame Performance von The Band mit Country-Star und Bluegrass-Queen Emmylou Harris ("Evangeline"). Der Film wies nur einen Schönheitsfehler auf: Robertson wurde als eine Art Bandleader inszeniert, der er so nicht war.

Wie auch immer, vorerst war die Geschichte von The Band zu Ende. Robertson sollte nie mehr in den Schoss der Gruppe zurückkehren, da wurde wohl rund um "The Last Waltz" zu viel Porzellan zerschlagen. So beklagte sich beispielsweise Levon Helm später darüber, dass Robertson sie um gemeinsam erarbeitete Copyrights gebracht habe. Die Solopfade der einzelnen Band-Mitglieder verliefen unterschiedlich. Am erfolgreichsten waren sicherlich die beiden Antipoden der Gruppe. Robbie Robertson arbeite weiterhin als Produzent, wagte sich als Schauspieler und Komponist ins Film-Metier und festigte mit den drei Soloplatten "Robbie Robertson" (1987), "Storyville" (1991) sowie "Contact From The Underworld Of Redbo" (1998) seinen Ruf als intellektueller Songwriter. Darüber hinaus beschäftigte er sich als Sohn eines Juden und eine Mohawk-Indianerin verstärkt mit seinen indianischen Wurzeln. Levon Helm, der imgrunde immer nur der Südstaaten-Junge sein wollte, der ehrliche bodenständige Musik machte, veröffentlichte einige Soloplatten und liess aufhorchen, als auch er ins Filmgeschäft strebte. An der Seite von Sissy Spacek spielte er in 'Coal Miners Daughter' und neben Sam Shepard in 'The Right Stuff'. Auch Rick Danko und Garth Hudson arbeiteten weiter im Plattenstudio, während Richard Manuel am meisten unter der Trennung litt und so recht kein Ziel mehr im Leben fand. Tragischerweise setzte er nur wenige Wochen nach Beginn einer The Band Comeback-Tour (ohne Robertson) am 4. März 1986 seinem Leben durch Selbstmord ein Ende. Es war auch das zweite vorläufige Ende von The Band.

Auslöser für die zweite Band-Reunion war wohl das 30-jährige Plattenjubiläum von Bob Dylan 1992 im Madison Square Garden. Hudson, Helm und Danko schlossen sich nun mit dem Gitarristen Jim Weider, dem schlagzeuger Randy Cialante und dem Pianisten Richard Bell zu einer neuen Formation unter dem Namen The Band zusammen. Mit "Jericho" (1993), "High On The Hog2 (1996) und "Jubilation" (1998) veröffentlichte diese Gruppe dann noch drei Alben, die eindrucksvoll durch jede Rille Americana atmeten, die zeigten, welch stilsichere und spielfreudige amerikanische Musikanten da am Werk waren. Doch auch diese Reunion endete tragisch. 1999 verstarb Rick Danko, deutlich sichtbar vom Drogenkonsum gezeichnet, den er zuletzt nicht mehr in den Griff bekommen hatte. Das Kapitel The Ban“ war damit endgültig beendet und "Jubilation" geriet dadurch zum Schwanengesang. Während Robbie Robertson später hauptsächlich als Produzent, Talent-Scout und Repräsentant in der Plattenindustrie tätig wurde
, kümmerte er sich daneben weiterhin um die Situation der nordamerikanischen Indianer und versuchte, auf deren zum Teil prekäre Lage aufmerksam zu machen. Garth Hudson blieb als Studiomusiker aktiv, hatte 2001 seine erste Soloplatte veröffentlicht und danach auch eine Liveplatte mit seiner Frau Maud. Daneben erteilte er auch Musikunterricht.

Levon Helm genoss wahrscheinlich die stärkste öffentliche Präsenz. Nachdem er 1996 an Kehlkopfkrebs erkrankte, verlor er seine Stimme. Doch es gelang ihm, die Krankheit zu besiegen und das Singen wieder zu lernen. Umso eindrucksvoller geriet 2007 sein Comeback mit dem Album "Dirt Farmer", einer Hommage an seine Heimat Arkansas mit viel Country, Folk und Old Time Music. Die Platte bekam einen Grammy für das beste traditionelle Folk-Album. Zudem hatte er in seinem Wohnort Woodstock ein Plattenstudio und einen kleinen Konzertraum errichtet, in welchem er befreundete Musiker zu gemeinsamen Sessions vor Publikum einlud, den sogenannten 'Midnight Rambles'. Und er war weiterhin immer wieder live unterwegs, zu seiner Tourband gehörten unter anderem seine Tochter Amy sowie Larry Campbell, der jahrelang mit Bob Dylan getourt war. Auch das Filmen konnte er nicht lassen, so wirkte er 2005 in 'Three Burials - Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada', 2007 in 'Shooter' und zuletzt 'In The Electric Mist' (2008) mit. Unter dem Strich hatten The Band und jeder Einzelne von ihnen Grossartiges für die amerikanische Populärmusik geleistet. Sie hatten den Rock der 60er Jahre mit Country-Einflüssen geerdet und alle musikalischen Traditionslinien immer wieder gebündelt. Es war keine Übertreibung, sie als die Urväter des Americana zu bezeichnen.






Feb 17, 2018


THE BLACKBIRDS - No Destination  (Saga Fid Records STFID 2113, 1968)

Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und die sich anschliessenden 50er Jahre erlebten die Bewohner des Saarlandes, im Südwesten von Deutschland gelegen und mit Ausnahme der Stadtstaaten das kleinste Bundesland, als Gegenstand eines politischen Gezerres, was den nationalen Status betraf. 1950 erfolgte die politische Trennung von Deutschland. Das Saarland erhielt einen autonomen Status und überliess Frankreich die aussenpolitische Vertretung. 1955 lehnte die Saarbevölkerung das europäische Saarstatut, das die politische Trennung des Landes von Deutschland und den wirtschaftlichen Anschluss an Frankreich sanktionierte, mit einer überwältigenden Mehrheit der Stimmen ab. So wurde das Saarland am 1. Januar 1957 das zehnte Land der damaligen Bundesrepublik Deutschland. Um Frankreich allzu grosse Verluste zu ersparen, erfolgte die wirtschaftliche Rückgliederung erst zweieinhalb Jahre später, am 5. Juli 1959. Die sich anschliessenden 60er Jahre waren geprägt von den ersten Erfolgen im neuen Wirtschaftswunderland Deutschland und dem Wunsch, die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs nun endlich hinter sich zu lassen. Die Arbeit in den Steinkohlebergwerken, den Hüttenwerken sowie im Weinanbau gab der Bevölkerung Brot. Zerstreuung und Vergnügen lieferten Kino, Fernsehen und Radio. 

Dem Zeitgeist entsprechend altbacken und konservativ konnte dies allein natürlich nicht die Jugend und die Junggebliebenen befriedigen. So war es kein Wunder, dass der Rock'n'Roll und die anrollende British Invasion auch die jungen Saarländer beeindruckte und zum Nachahmen motivierte. So auch in Püttlingen, einem kleinen Ort unweit von Saarbrücken, wo sich 1963 die ersten Bands gründeten und zunächst mit einfachsten Mitteln versuchten, ihren stetig bekannter werdenden englischen Vorbildern nachzueifern. Turnhallen, Schulaulen, Hintersäle in Wirtschaften, Gemeinde- und Kolpingsäle waren die Orte, an denen die öffentlichen Auftritte, oft nach nur kurzer Probenzeit und entsprechend holprig stattfanden. Die Geburtsstunde der Blackbirds schlug Anfang März 1965, als vier Freunde den Entschluss fassten, sich ihrem Hobby Musik durch die Gründung einer Band noch intensiver zu widmen. Das musikalische Quartet von damals setzte sich zusammen aus Werner Breinig (Gitarre und Gesang), Klaus Althmeyer (Gitarre), Siggi Burda (Bass) und Helmut Vigneron (Schlagzeug).

Geprobt wurde in einem kleinen Saal der örtlichen Peter Wust-Schule, wo die Band nicht gestört wurde und vor allem auch selbst niemand stören konnte. Das damalige Equipment bestand aus selbstgebauten Verstärkern, zusammengestückelten Gitarren und prähistorisch anmutenden Schlagzeugteilen. Dies motivierte die Musiker jedoch um so mehr, da es galt, sich mit einem ansprechenden Bühnenprogramm eine Fan-Gemeinde zu erspielen, mit der Folge stetig steigender Auftrittsmöglichkeiten und damit verbundener Geldquellen, die wiederum der Verbesserung der technischen Ausrüstung zu Gute kommen konnten. So liess denn der erste Auftritt auch nicht lange auf sich warten, und am 1.Mai 1965 starteten die Blackbirds ihre erste Jugendtanz-Veranstaltung. Die Gruppe setzte alles daran, die musikalische Qualität ständig zu verbessern. Jeden Sonntag wurde in einem Püttlinger Tanzlokal eine Veranstaltung angesetzt. Der Grundstein für die späteren Erfolge wurde in diesem Saal gelegt. Gespielt wurden Hitparadentitel aus England und Frankreich. Band-Leader Werner Breinig hatte eine erstklassige gesangliche Ausbildung als Solist im Chor der Regensburger Domspatzen erhalten. Seine klare, durchdringende Stimme war das Markenzeichen der Band. Ein nächster wichtiger Abschnitt in der Laufbahn der Gruppe erfolgte im Sommer 1965, als sich Hubert Koop (Orgel) dem Quartet anschloss. Durch den Orgelsound wurde die musikalische Qualität der Formation stark verbessert. 

Im Januar 1966 verdienten sich die Blackbirds dann die ersten überörtlichen Meriten, als sie als erste saarländische Band eine Aktion Sorgenkind-Veranstaltung starteten. Kurz darauf erfolgte der erste Fernsehauftritt der Band im Rahmen der Saarmesse im Messestudio des Saarländischen Fernsehens. Im April 1966 verliess dann der Bassist Siggi Burda aus beruflichen Gründen die Band und wurde dauerhaft Ende 1966 durch Heinz-Peter Koop ersetzt. Klaus Althmeyer hatte zwischenzeitlich ebenfalls die Band verlassen. 1967 war dann das erste richtig erfolgreiche Jahr der Blackbirds: Ende Mai 1967 wurden sie Sieger der Beat-Gruppen beim Bundesfestival 'Chance 67' in Bochum in der Ruhrlandhalle. Im Juli belegten sie den zweiten Platz in der Sparte 'Beat-Gruppen' beim 'Festival de l'Européen' in Belgien. Am 11. September 1967 hatten sie einen viel beachteten Auftritt in der Sendung 'Talentschuppen' im Regionalprogramm des Südwestfernsehens. Aufgrund der Nähe zu Frankreich fanden auch viele Konzerte im Nachbarland statt. Dort gab es in vielen so genannten Tanzpalästen ideale Auftrittsmöglichkeiten. Die Franzosen standen besonders auf die langsamen Titel der Band und so hiess es häufig 'jouez un slow'. Problematisch war die Ein- und Ausreise. Die Band musste stets eine Inventarliste des gesamten Equipments bei Zoll vorlegen und abstempeln lassen. Entsprechende Kontrollen konnten schon mal etwas dauern. 

Die Rundfunk- und Fernsehauftritte sowie die zahlreichen Konzerte verschafften der Band eine erhebliche Reputation, so dass es nur noch eine Frage der Zeit war, die erste Schallplatte zu veröffentlichen. Entsprechend dem Ehrgeiz der Band wurde nicht zunächst eine Single veröffentlicht, sondern die Gruppe versuchte es auf Anhieb mit einer Langspielplatte. Die Aufnahmen fanden Anfang 1968 im Studio Horst Jankowski in Stuttgart statt. Die Aufnahmebedingungen (Vier-Spur) waren für heutige Verhältnisse kaum vorstellbar: Die gesamte Langspielplatte wurde an einem einzigen Tag eingespielt und abgemischt. In der Nacht vor dem Aufnahmetermin mussten im Hotel in aller Eile noch einige Songs auf Wunsch der Plattenfirma geschrieben werden, um eine vollständige LP abliefern zu können. Beeinflusst von der allseits herrschenden Müdigkeit entstanden die Titel "Sandman's Bound" und "She". Andere Titel wie beispielsweise "Something Different" entstanden im Rahmen von Improvisationen. Trotz der nicht wirklich optimalen Bedingungen bezüglich der Aufnahmen schaffte es die Band, eine durchaus international konkurrenzfähige LP-Produktion auf die Reihe zu kriegen. Bemerkenswert war, dass die LP zuerst in England veröffentlicht wurde.

Die Songs auf dem Album waren durchaus zeitgemäss und ansprechend arrangiert. das Stück "Golden Sun" besang die Vergänglichkeit der Gelegenheiten, die laue Sommernächte boten und hoffte auf den nächsten Sommer. "Space" atmete den Geist der Raumpatroullie Orion und hob langsam aber zuverlässig ab. "No Destination", titelgebender Song der LP und weltschmerzklagende Hymne, war eine Art 'No Future'-Song à la 1968. "Sandman's Bound" trug den Wünschen der Band Rechnung, endlich Ruhe zu finden und schlafen zu dürfen, anstatt sich für den Plattenproduzenten noch mit einem geforderten Titel für die LP abquälen zu müssen. "That's My Love" widmete sich der Verflossenen, die den Liebesschwüren nicht mehr traute. "Girl I'm Wondering" und "Show Me That You Love Me" waren zeitgemässe Popnummern mit Songtexten über junge Liebe und "Something Different" schliesslich war eine grosse Wiese, auf der sich der Organist Hubert Koop austoben durfte. "She" liess die Hoffnung auf positive weibliche Einflüsse weiterleben, auch wenn der junge Mann keine Arbeit hatte und ihn alle nicht so wirklich mochten.

Leider litt der kommerzielle Erfolg der Langspielplatte unter dem unzulänglichen Engagement der kleinen Plattenfirma. In der Region allerdings und insbesondere bei den Auftritten konnte die Platte so gut verkauft werden, dass die Musiker selbst später kein Exemplar mehr besassen. Von der LP ausgekoppelt wurde die Single "No Destination" mit der B-Seite "Space". Einer der Konzerthöhepunkte war "Sherry Baby", eine Coverversion des Hits der Four Seasons. Ende 1968 wurde dieser Titel mit der B-Seite "Lead On Light" als Single veröffentlicht. Bei der B-Seite handelte es sich um einen Titel, den ein Komponisten-Team der Plattenfirma Saga Records zur Verfügung gestellt hatte. "Space" und "Golden Sun" wurden auf einer Split 7" EP mit der Gruppe Bing & The Birds als Freebie im Rahmen einer Messe für Freizeitgestaltung in Köln veröffentlicht. Geld hat die Band dafür nicht gesehen. Geld gab es auch nicht für die Verwendung von fünf Titeln der "No Destination" LP auf einem Sampler mit dem Album-Titel "Hot And Sweet With Beat". Die restlichen sieben Titel stammten wohl von einer englischen Band, die offenbar die frühen Small Faces als Vorbilder hatten. Eine empfehlenswerte Platte, aber eben kein Blackbirds Album unter falschem Namen, wie vielfach angenommen wurde. 

Wie beliebt die Blackbirds gegen Ende der 60er Jahre war, zeigte die eintausendste 'Hallo Twen' Sendung von Manfred Sexauer in der Saarlandhalle mit Grössen wie Joy Unlimited, Jeronimo und John Mayall, in deren Verlauf die besten Saarländischen Bands ausgezeichnet wurden. Zum damaligen Zeitpunkt unterhielten die Blackbirds allein zehn Fanclubs in Deutschland und vier in Frankreich und Belgien. Die Stadt Püttlingen ehrte ihre berühmten Söhne mit dem 'Anker in Silber'. Das Ende der ersten erfolgreichen Blackbirds-Formation läutete dann die Einberufung von Organist Hubert Koop im Jahre 1969 zur Bundeswehr ein. Zudem waren auch musikalische Veränderungen notwendig, da Beat- und Psychedelic-Pop langsam aus der Mode kamen und immer mehr Bands sich dem Progressiv- und Krautrock zuwandten. 1982 erfolgte eine Neuaufnahme des Titels "Sherry Baby" mit der B-Seite "Burn Out For Rock'n'Roll ", allerdings in geänderter Besetzung. Die B-Seite, eine Werner Breinig Komposition, rief vor allem in den Strophenteilen Erinnerungen an den Psych-Pop der späten 60er Jahre in Erinnerung.