Apr 30, 2020


SUSTO - & I'm Fine Today (Rocksnob Records SNOB004, 2017)

Nach dem im Jahre 2014 veröffentlichten, schlicht "Susto" betitelten Debutalbum und einem Live-Nachfolger mit dem Titel "Live From The Australian Country Music Hall Of Fame", der nur als Download und als limitierte Compact Cassette (!) vertrieben wurde, legten Susto mit ihrem zweiten Studioalbum "& I'm Fine Today" 2017 nach. Die über den Atlantik hinaus weitgehend unbekannte Band aus Charleston, South Carolina, die sich anschickte, mit "& I'm Fine Today" die Welt zu erobern, präsentierte hier einen sehr originellen Americana-Mix aus Modern Indie Pop und Alternative Country/Songwriter Rock. So reihte das Quintett um die beiden Masterminds Justin Osborne und Johnny Delaware elf selbstgeschriebene Songs aneinander, die aufs erste Hören kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können, sich am Ende aber zu einem spannenden, abwechslungsreichen Album zusammenfanden, das in den USA durchaus für Furore sorgte.

Susto bestach auf dem Werk mit einer enorm frischen, dynamischen Aufbruchsmusik, in der mutig viele Elemente miteinander verknüpft wurden, die zunächst vermeintlich gar nicht zwingend zusammenpassen wollen, schliesslich aber etwas ganz Eigenes ergaben, in dem zwar klassisch der Song, beziehungsweise das Songwriting als Basis stand, die formale, instrumentelle und klangliche Umsetzung allerdings viele Ausrufezeichen setzte.

Nach mehreren regional erfolgreichen Jahren mit seiner Band Sequoyah Prep School und deren drei Alben, welche zwischen 2005 und 2008 veröffentlicht wurden, gönnte sich Justin Osborne eine längere Auszeit in Kuba, liess sich in den vielen Latin Music Clubs den Kopf durchpusten und schöpfte neue Inspiration und Kreativität. Zurück in Charleston begann er an einem groben Konzept für Susto zu arbeiten, als ihn sein Produzent Ryan Wolfgang Zimmerman (Brave Baby, Jordan Igoe, Grace Joyner, Band Of Horses) mit dem aus Austin Texas hergezogenen Sänger, Songschreiber und Gitarristen Johnny Delaware bekannt machte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und bildeten ab sofort den künstlerischen Kern der Band.

Susto bedeutet in etwa ein Fachausdruck für eine vorwiegend in Lateinamerika vorkommende psychische Massenkrankheit, die in Panik mündet, wenn die Seele den Körper verlässt. Derart furchterregend musste man sich die Musik von Susto allerdings nicht vorstellen. So begeisterte ihr gleichnamig betiteltes Debütalbum aus dem Frühjahr 2014 die musikalischen Medien in den USA noch sehr mit einer fast konventionell gestrickten, dabei hervorragend gelungenen Mischung aus Singer/Songwriter-Musik auf Folk- und Country Rock-Basis mit spaceigen Cosmic Americana-Ausflügen.

Auch Band Of Horses-Leader Ben Bridwell wurde zu einem grossen Susto-Fan und beeinflusste Osborne und Delaware eventuell indirekt in ihrer Experimentierfreudigkeit und Kreativität im Studio und bei den aufwändigeren Songarrangements für "& I'm Fine Today". Schon der Opener "Far Out Feeling" wartete mit locker pulsierenden Rhythmen, perlenden Keyboards, opulenten Streichereinsätzen, clever angeordneten Blasinstrumenten sowie weiblichen Backingstimmen auf. Im starken Kontrast dazu folgte der melodische, harmonieselige Country Rock von "Hard Drugs" mit einem schonungslosen Songtext über Trennung und Einsamkeit. Oft wurden unbequeme Themen verhandelt, etwa im selbsterklärenden, riffstarken "Gay In The South" oder im eingängigen, mit intelligenter Instrumentierung ausgestatteten Schlüsselsong "Cosmic Cowboy" das Infragestellen von Gott, und das in den amerikanischen Südstaaten, wohlgemerkt. "Havana Vieja" packte kubanische Motive in einen von aufregenden Soundlandschaften durchzogenen Kurzfilm, das folkig-akustisch beginnende "Diamond's Icaro" lebte später von psychedelischen Orgelschüben und verklärten Gesangskulissen.

Die komplexe, im Zentrum des Albums positionierte Powerballade "Mountain Top" entwickelte sich zum Ende abrupt zu einem vehementen Alternativrocker mit heftigen Rhythmen und plakativem Sprechgesang. Das vertrackte, beat-heftige, mit Synthesizerschleifen durchzogene "Jah Werx" bildete dann den kurzen, fulminanten Schlusspunkt in allerfeinster Bon Iver-Manier. Andere Koordinaten, die den endlos scheinenden musikalischen Susto-Kosmos wenigstens annähernd beschreiben können, sind Wilco, Band Of Horses, The Head And The Heart, Delta Spirit, Lumineers, Blitzen Trapper, Okkervil River, Bon Iver, The National, Elliott Brood, The Low Anthem, Califone und My Morning Jacket. Seit diesem brillianten und äusserst vielfältig-spannenden Werk haben Susto im Jahre 2019 mit "Ever Since I Lost My Mind", inzwischen beim renommierten Plattenlabel Rounder Records im Vertrieb, den Nachfolger für "& I'm Fine Today" veröffentlicht.



SHURMAN - East Side Of Love (Blue Rose Records BLU DP0677, 2016)

Shurman, das ist in erster Linie der Musiker Aaron Beavers. Seit 2001 veröffentlicht der Sänger, Songschreiber und Gitarrist unregelmässig Alben unter dem Bandnamen Shurman, oft mit wechselnden Musikern, aber immer mit einer gradlinigen Rock'n'Roll-Ausrichtung, die mal mehr, mal weniger mit Guitar Rock, Country Rock und Alternative Americana-Zutaten durchsetzt ist. Der in Texas geborene, später in Hawaii und Georgia aufgewachsene Beavers lebte bis Ende des vorigen Jahrzehnts in Los Angeles und produzierte dort anfangs einige Minialben auf privater Basis - zunächst noch in reiner Triobesetzung mit Johnny Davis am Bass und seinem Schulfreund aus Georgia, Damon Allen, am Schlagzeug. Für das 2005 veröffentlichte Album "Jubilee", das beim legendären Label Vanguard Records erschienen ist, enthielt in weiten Teilen Neueinspielungen früher Songs. Zu dem Zeitpunkt wurde die Band Shurman zu einem veritablen Quartett mit Beavers, Allen, einem zweiten Gitarristen (Jason Moore) und dem neuen Bassisten Keith Hanna (Rosavelt, Tim Easton). In einer professionellen Produktion von Dusty Wakeman wirkten dazu zahlreiche Gäste wie Ben Peeler, Doug Pettibone, Skip Edwards und Garrison Starr mit - Namen, die man auch auf Platten von Lucinda Williams, den Jayhawks, Dwight Yoakam, Jim Lauderdale, Roger Clyne & The Peacemakers finden kann. Darauf folgten die erste Liveplatte "A Week In The Life" (2006) und eine weitere Studioproduktion: "Waiting For The Sunset" (2008). Die Aufnahmen fanden diesmal in Nashville statt. Der Gitarrist Jesse Duke und der Schlagzeugeer Nick Amoroso stiessen neu zur Band und Studio-Asse wie Al Perkins (Flying Burrito Brothers, Manassas), Ken Coomer (Uncle Tupelo) und Robert Reynolds (The Mavericks) bereicherten etliche der vielen hervorragenden Songs wie "Small Town Tragedy'", "Lonesome L.A. Blues" oder "I'm Not Crazy".

Im Dezember 2008 beendete Aaron Beavers seinen kalifornischen Lebensabschnitt und zog nach Austin. Mit komplett neuen, anfangs öfter ausgetauschten Musikern startete er das nächste Shurman-Kapitel. Wie zuvor in Los Angeles wurden Shurman schnell ein heisser Liveact, der locker auf 200-plus Shows pro Jahr kam. Regelmässige Abende in traditionellen Austin Clubs wie dem Saxon Pub und umjubelte Auftritte während der alljährlichen SXSW-Messe steigerten die Reputation der Band und führten zu einem Deal mit dem jungen Label Sustain Records, auf dem sich bereits lokale Hochkaräter wie Ray Wylie Hubbard, Bruce Robison und Jason Boland befanden. In einer fragwürdigen Aktion veröffentlichte Sustain Records das letzte Shurman-Album fast zwei Jahre später einfach nochmal, via Universal-Vertrieb sogar weltweit: als "Still Waiting For The Sun", mit abgeändertem Cover sowie einem einzigen neuen Song ("Is It True") und einer Neueinspielung des Titels "Country Just Ain't Country".

Aber da war Aaron Beavers eigentlich schon viel weiter, arbeitete an frischem Material und hatte zum ersten Mal ein festes Lineup mit dauerhaftem Potenzial etabliert: Harley Husbands als bis dato bester und vielseitigster Shurman-Gitarrist für akustische und elektrische Gitarren, Lap Steel, Banjo usw., den Bassisten und Sänger Mike Therieau (Loved Ones, Mover, Dave Gleason's Wasted Days) aus Oakland sowie den Schlagzeuger Craig Bagby (Dead End Angels, Austin Collins & The Rainbirds), ein erfahrener Musiker aus Austin. Gemeinsam begannen sie 2010 die Arbeiten an den neuen Songs, die die Basis für das nächste Album "Inspiration" bildeten. Unterbrochen wurden die Sessions allerdings von einem ganz anderen Event. Im Vorprogramm zu einer Blues Traveler-Tour hatte die Gruppe Shurman die Aufmerksamkeit von Blues Traveler-Frontman John Popper geweckt. Daraus entstand 2011 kurzfristig eine neue kleine Supergroup, John Popper & The Duskray Troubadours, mit einer gleichnamigen Platte, unter Mithilfe von Aaron Beavers, zwei weiteren Gitarristen, darunter Jono Manson aus dem Blues Traveler und Warren Haynes-Umfeld, plus Begleitgruppe. Insgesamt ein international vielbeachtetes Projekt von musikalischer Topqualität, das Beavers nach eigener Aussage einen weiteren Motivationskick gab.

Danach hatte Bandgründer Beavers einige dramatische Veränderungen in seinem Leben mitgemacht und brauchte Zeit, diese zu verarbeiten. Das Gefühl des Verlusts und Beavers' Wiederkehr als stärkerer, selbstbewussterer und besserer Songschreiber wurde dann in den Songs des Nachfolgers "East Side Of Love" vielfach zu spüren. Mag sein, dass diese Geschichte schon mal erzählt wurde, aber noch nie mit diesem Mut und in diesem Stil. 2013 hatte die Band bereits mit den Aufnahmen mit dem langjährigen Partner Jono Manson in Santa Fe begonnen, als Beavers wegen seiner anstehenden Scheidung nach Austin zurückkehren musste. Das Album, das die Band bei Jono Manson anfing, war ein komplett anderes. Nur drei oder vier dieser Songs landeten schliesslich auf diesem Album, er selbst wurde komplett durchgeschüttelt. Er hatte während dieser Zeit weiter Songs geschrieben, aber die waren introspektiver und düsterer. Als die Songs für "East Side Of Love" schliesslich von Beavers und seinen Musikern ausgesucht wurden, wählten sie viele der neuen Stücke, weil sie den Musikern wirklich viel bedeuten.

Die Aufnahmen gingen 2014 in den legendären Cedar Creek Studios in Austin weiter, aber im August entschied sich Beavers, von der Band und der Musik eine Auszeit zu nehmen. Damals sah es nicht gut um Shurman aus. Auf Anregung der langjährigen Freundin Shilah Morrow, Gründerin des Sin City Social Clubs, fand sich die Band wieder zusammen, um im März 2015 einige Auftritte beim SXSW Musikfestival zu spielen. Die Band spielte sieben Shows. Der echte Wendepunkt kam im Juni 2015 nach ihrem Auftritt beim Circus Mexicus Festival. Es war der insgesamt zehnte Auftritt der Band bei dem Festival in Mexiko, das von Shurmans früheren Tourkollegen, den befreundeten Rootsrockern von Roger Clyne & The Pacemakers, veranstaltet wurde. Die Band spielte dort vor 6000 Zuschauern. Die Leute im Publikum hatten Shurman-Tattoos oder trugen die alten Tour-T-Shirts und sangen bei jedem Song mit. Das fühlte sich besser an als Erfolg auf einem Major Label zu haben oder auf dem Cover des Rolling Stone zu landen. Nach dem Festival, bei dem die Band ihre mitgebrachten Merchandise-Artikel komplett ausverkaufte, setzten sich die Mitglieder zusammen und beschlossen, das nächste Album "East Side Love" zu veröffentlichen.

Es erschien in den USA auf dem bandeigenen Label Teltone Records, in Europa auf Blue Rose Records. Es wurde ein starkes Album mit elf emotionalen Songs, die die Geschichte einer verlorenen Beziehung und einer wieder gewonnenen Band erzählten. Von dem hymnischen Titelsong als Album-Opener über die Soulnummer "You Don't Have To Love Me", die bewegende Akustikballade ""I Don't Know Why" bis zum optimistischen Schluss-Song "Time To Say Goodbye" zeigte dieses Album Spuren der nie versiegenden Live-Energie der Band und schien doch das klarste und ehrlichste Album in der langen Band-Historie zu sein. Die vorherigen Alben der Band waren eher gemacht für Freitag- oder Samstagnacht, "East Side Of Love" geriet perfekt für einen Sonntagnachmittag. Es nahm die Zuhörer mit durch die Höhen und Tiefen des Lebens und erinnerte daran, dass Erlösung immer möglich ist, egal, was hinter einem liegt.




Apr 27, 2020


JOE KING CARRASCO - Concierto Para Los Perros En La Ruta Maya
(Anaconda Records MVC4901, 2011)

Joe 'King' Carrasco, mit bürgerlichem Namen Joseph Teutsch, in Dumas, Texas geboren, ist ein amerikanischer Gitarrist und Rockmusiker, der mit seiner 'Nuevo Wavo' genannten Musikmischung aus Tex-Mex, Rock'n'Roll, New Wave und Garagenrock bekannt wurde. Nachdem Carrasco bereits seit Ende der 60er Jahre in diversen Bands gespielt hatte, gründete er 1976 seine erste eigene Gruppe El Molino, der unter anderem auch Augie Meyers und Mitglieder der West Side Horns angehörten. Das Debütalbum "Joe King Carrasco & El Molino", veröffentlicht 1978, liess Carrasco selbst pressen und nannte das Label Lisa Records, benannt nach seiner damaligen Freundin. Schnell wurde die auf 5000 Stück limitierte Platte, die den Tex-Mex Sound des Sir Douglas Quintet wiederbelebte und mit Garagenrock verband, zu einem begehrten Objekt des Undergrounds.

1979 gründete Carrasco die nächste Band The Crowns und trat vor allem in der Clubszene von New York City auf. Seine Musik nannte er nun offiziell 'Nuevo Wavo'. Auf der Bühne trug Carrasco meist Mantel und Krone. Als eine der ersten amerikanischen Bands wurden Joe King Carrasco And The Crowns 1980 vom englischen Label Stiff Records unter Vertrag genommen. In der Folgezeit konnte Carrasco mit seiner Band auf ausgedehnte Tourneen in Europa sowie Nord- und Südamerika gehen. Auf seinem vom Reggae beeinflussten Album "Synapse Gap" aus dem Jahre 1982, mit dem er zum Major-Label MCA Records wechselte, sang ein gewisser Michael Jackson die Background-Harmonien.

Sowohl "Synapse Gap" als auch der Nachfolger "Party Weekend" von 1983 schafften es leider nicht in die Charts und so nahm Carrasco nun wieder für kleinere Labels auf. Nachdem Carrasco Mitte der 80er Jahre einige Zeit in Nicaragua gelebt hatte, wurde der Latin-Einfluss auf seinen folgenden Platten "Border Town" (1985) und "Bandido Rock" (1987) grösser. Seine neue Mischung nannte Carrasco nun 'Tequila Reggae'. Die Begleitband hiess inzwischen Las Coronas.

Seit den 90er Jahren wurde es ruhiger um Joe 'King' Carrasco. Er nahm nur noch sporadisch auf und veröffentlichte seine Alben im Eigenvertrieb. 1995 veröffentlichte MCA Records die 18 Songs umfassende Kompilation "Anthology", die allerdings nur die beiden LPs "Synapse Gap" und "Party Weekend" berücksichtigte. 1996 tauchte Carrasco als Gastmusiker auf der CD "Four Aces" der Texas Tornados auf, die sein Stück "Tell Me" coverten. Zuletzt war er mit einer Coverversion von "Adios Mexico" auf dem Doug Sahm-Tribute Album "Keep Your Soul", veröffentlich im Jahre 2009 auf Vanguard Records, zu hören.

Zuvor, im Jahre 2008, spielte Joe King Carrasco ein Benefiz-Konzert zugunsten heimatloser Hunde. Die Platte hierzu, betitelt "Concierto Para Los Perros En La Ruta Maya" erschien jedoch erst drei Jahre später. Sehr sympathisch: Aus den Verkäufen in Amerika ging die Hälfte der Einnahmen an eine Hunde-Rettungsorganisation in den Staaten (Utopia Animal Rescue Ranch, während von den Verkaufserlösen auf mexikanischer Seite die Hälfte der Einnahmen an die dortige Organisation Puerto Vallarta SPCA ging. An diesem Konzertabend spielte Joe King Carrasco unter anderem den Texas Tornados-Song "Adios Mexico", aber auch Freddy Fender's Welthit "Wasted Days And Wasted Nights", sowie J.J. Light's Baby Let's Go To Mexico", das sich auch im Repertoire von Doug Sahm wiederfand. Der selbsternannte "King Of Tex-Mex" ist auch als Filmemacher tätig und veröffentlichte 2008 seinen Film 'Rancho No Tengo', in dem er als Produzent, Regisseur, Hauptdarsteller und Soundtrack-Komponist ein Erscheinung trat, auf DVD. Joe King Carrasco tritt auch heute noch mit seiner Partymusik regelmässig auf. Meist in der Nähe seiner Wahlheimat Puerto Vallarta.





THE PSYCHO SISTERS - Up On The Chair, Beatrice
(RockBeat Records ROC-3242, 2014)

Hinter den Psycho Sisters verbergen sich zwei sehr verdiente und äusserst beliebte Musikerinnen, die seit langem bestens befreundet und inzwischen sogar verschwägert sind. Als erfahrene Mittfünfzigerinnen haben sie sich jetzt an ihre gemeinsamen Anfänge erinnert, über 20 Jahre alte Songs aus der Schatzkiste hervorgeholt und in ein zeitgemässes Indie Pop/Rock-meets-Americana/Roots-Gewand gekleidet. Susan Cowsill und Vicki Peterson heissen die beiden Protagonistinnen - für ihr (tatsächlich!) allererstes Duoalbum haben sie auf genau den klangvollen Markennamen zurückgegriffen, mit dem sie zu Beginn der 90er Jahre in der Szene von Los Angeles bekannt wurden: The Psycho Sisters. Ihr spätes Debütwerk heisst "Up On The Chair, Beatrice" und bedeutet für die beiden Frauen die Vollendung eines offenen Kapitels, bietet aber auch realistische Chancen auf mehr in der Zukunft.

Susan Cowsill gehörte bereits als Kinderstar mit 8 Jahren zu den Cowsills, einer Familienband (mit 5 Brüdern und der Mutter), die in den 60er Jahren etliche Hits verbuchen konnte, wie zum Beispiel "The Rain, The Park And Other Things", "Indian Lake" und eine Version von "Hair". Allerdings sollte es bis zum Beginn der 90er Jahre dauern, bis sie musikalisch auf eigenen Beinen stand und ihre Karriere selbstbewusster plante. Vicki Peterson wiederum gründete Anfang der 80er Jahre zusammen mit ihrer Schwester Debbi und Leadsängerin Susanna Hoffs die legendären Bangles - eine der erfolgreichsten und langlebigsten Girl Groups überhaupt mit Welthits für die Ewigkeit von "Manic Monday" bis "Walk Like An Egyptian". Nach deren Auflösung trafen sich Cowsill und Peterson eher zufällig und merkten sofort, dass sich ihre beiden Stimmen geradezu traumhaft ergänzten - eben wie bei richtigen Schwestern. Fortan agierten sie unter dem geheimnisvollen Namen Psycho Sisters, gehörten schnell zum Inner Circle der angesagten Indie Rock / L.A. Scene und sangen auf Alben von Steve Wynn, Chris Cacavas, Giant Sand, Jolene, The Kennedys, Jules Shear und vielen weiteren. Mit Steve Wynn und Howe Gelb's Truppe tourten sie sogar durch die Staaten und Europa. Zuviel Action jedenfalls für eine eigene Karriere und so blieb es zunächst beim Planen, Träumen, Songs schreiben und gemeinsamen Singen. Psycho Sisters-Auftritte beschränkten sich auf wenige Club Dates und exklusive Einzel-Gigs.

Die Jahre 1992 bis 1994 waren geprägt von grossen Veränderungen. Cowsill heiratete Peter Holsapple (Ex-dB's) und wurde zusammen mit Peterson festes Mitglied seiner kultigen Supergroup, den Continental Drifters. Gemeinsam siedelte die potente Band von Kalifornien nach New Orleans und trat einen, wenn auch nicht gerade kommerziellen, so doch in jedem Fall künstlerischen Siegeszug besonders in Europa an. Zwischen 1995 und 2001 veröffentlichten die Continental Drifters fünf Alben - sie alle waren gespickt mit überragenden Beiträgen von Susan Cowsill und Vicki Peterson, die nicht selten zu den Highlights zählten, wie "Desperate Love", "Spring Day In Ohio", "Way Of The World", "The Rain Song", "Watermark" und "Who We Are, Where We Live".

Kurz vor dem internationalen Durchbruch lösten sich die Continental Drifters Ende 2001 überraschend auf. Doch interne Dissonanzen, die Scheidung von Holsapple und Cowsill und allgemeine Depressionen wegen 9/11 waren Gründe, weshalb die Band das Handtuch warf. Susan Cowsill widmete sich in New Orleans ihrer Solo-Laufbahn, ihre beiden Studioalben "Just Believe It" (2004) und "Lighthouse" (2010) waren nur mässig erfolgreich. Vicki Peterson war in gleich mehrere Bangles-Reunions involviert, musikalisch ambitioniert, aber längst nicht mehr so erfolgreich wie zuvor. Seit 2012 bildeten die beiden Musikerinnen dann aber wieder ein festes Team, nach einem Bandnamen mussten sie nicht lange suchen: Die Psycho Sisters waren zurück, um ihre angefangene Arbeit von damals endlich zu vollenden.

Die 10 Songs von "Up On The Chair, Beatrice" bilden eine clevere Mixtur aus nostalgischer Retrospektive und dem Zeitgeist von heute. Ihre Musik aus der Ära von Anfang der 90er Jahre zu reanimieren bedeutete für Cowsill und Peterson eine spannende Rolle rückwärts in die Lebensphase von Frauen Mitte 30, gespielt und gesungen mit der geballten Erfahrung von weiteren 22 Lebensjahren obendrauf. 2014 begaben sie sich ins legendäre Dockside Studio in Maurice, Louisiana unter die Fittiche von Recording Engineer Tony Daigle, der in einschlägigen Kreisen wohlbekannt ist und Platten von Beauloseil, den Holmes Brothers, der Derek Trucks Band, B.B. King und auch Sonny Landreth aufgenommen hatte - was formal also dieselben Rahmenbedingungen ausmachte, wie schon beim letzten Continental Drifters-Album "Better Day". Die Begleitmusiker im Studio wurden demokratisch ausgewählt: Keyboarder Janson Lohmeyer und die Craft-Brüder (Sam/Geige, Jack/Cello) spielten bei der Susan Cowsill Band, Bassist Derrick Anderson kam von den Bangles. Vicki Peterson übernahm alle wichtigen Gitarrenparts, elektrisch und akustisch. Den Job als Drummer teilten sich Cowsill's Gatte Russ Broussard und ihr Bruder John Cowsill, gleichzeitig Peterson's Ehemann.

Blieb also alles ganz harmonisch in der Familie, was sich deutlich hörbar auf die sehr organisch zusammengestellte Musik auswirkte. Eingerahmt von den Coversongs "Heather Says", geschrieben von von Judi Pulver und Waddy Wachtel, aus dem Cowsills-Album "On My Side" von 1971 und Harry Nilsson's Titel "Cuddlin' Toy" von der 1967er Monkees-LP "Pisces, Aquarius, Capricorn & Jones Ltd." präsentierten die beiden Frauen ein sehr dynamisches, abwechslungsreiches Programm zwischen Post Paisley Underground, 60s Garage Beat, Folk Rock, Louisiana Roots und Power Pop. Auf "Timberline" hörte man klassischen Indie Pop mit einer härteren Note, "Never Never Boys" bot herrlichen Jingle Jangle Rickenbacker Sound und "Numb" sumpfig-flirrenden, von Fiddle und Cello getriebenen Electric Folk Rock. Bei "Gone Fishin'" kam deutliches Louisiana Big Easy-Feeling auf, während "Wish You" mit seinen komplizierten Streicherarrangements düsteren, vertrackten Indie Rock/Pop transportierte. Auch "This Painting" wurde vehement von Sam Craft's rockiger Geige bestimmt, "Fun To Lie" bott 60s infiltrierten Mitsing-Beat. Und der schnelle, quirlige Pop von Peter Holsapple's Stück "What Do You Want From Me" wirkte wie eine erfrischende Sommerbrise.

"Up On The Chair, Beatrice" ist sicher eine der ganz besonderen Platten aus dem Bereich Singer/Songwriter. Es ist auch ein absolut zeitloses und perfekt gelungenes Comeback-, resp. Reunion-Album zweier hervorragender Musikerinnen.




Apr 5, 2020


THE SONICS - Introducing The Sonics Featuring The Witch And Psycho
(Jerden Records JRL-7007, 1967)

The Sonics sind eine US-amerikanische Rockband aus Tacoma im US-Bundesstaat Washington. Die 1960 gegründete Band gehört zu den Pionieren des Garage Rocks und nahm mit ihrer schnellen und rohen Spielweise Elemente des Punk vorweg. Die Band gründete sich im Jahr 1960 und spielte instrumentalen Rock'n'Roll. In den ersten Jahren gab es verschiedene Umbesetzungen, bis sich 1963 eine feste Besetzung aus Andy Parypa (Bass), Gerry Roslie (Gesang & Keyboards), Bob Lind (Saxophon), Larry Parypa (Gitarre) und Bob Bennett (Schlagzeug) ergab. Da der rein instrumentale Rock'n'Roll langsam aus der Mode kam, wurde Gerry Roslie, der vorher nur elektrisches Piano spielte, zum Sänger. Alle Bandmitglieder hatten schon in anderen Musikgruppen Erfahrungen gesammelt, daher gab es genügend Potential an Professionalität, was der Band Auftrittsmöglichkeiten in verschiedenen Clubs der Pacific Northwest Gegend der USA verschaffte.

Im Jahre 1964 wurde die Band vom Bassisten der Lokalmatadore The Wailers für deren eigenes Label Etiquette Records entdeckt. Die erste Single der Sonics namens "The Witch" wurde noch im November 1964 veröffentlicht und ein lokaler Erfolg, obwohl Radiostationen aus der Befürchtung, damit die öffentliche Ruhe zu gefährden, sich vereinzelt weigerten, die Single zu spielen. Man muss sich die Grösse der USA vor Augen halten, um zu verstehen, dass ein lokaler Erfolg durchaus gute Verkaufszahlen bedeutete. Also beeilte sich die Band, die zweite Single mit dem Titel "Psycho" zu veröffentlichen. Auch diese wurde ein grosser lokaler Erfolg.

Die Band veröffentlichte ihr erstes Album "Here Are The Sonics" im Jahre 1965. Ein Jahr später folgte das zweite Album "Boom". Beide Schallplatten waren geprägt von einem energiegeladenen Klang, der durch das Übersteuern der Instrumente während der Aufnahme entstand. Es ergab sehr rohe und aggressiv klingende Aufnahmen. Der Sänger, der mehr schrie als sang, hatte eine dynamische, kraftvolle Stimme. Nach wie vor war die Band stark vom Rock'n'Roll beeinflusst, mit einer Neigung zu Kompositionen afroamerikanischer Musiker und damit einer Neigung zum Rhythm'n'Blues. Die Eigenkompositionen "Witch", "Psycho", "Strychnine", "Cinderella" und "He’s Waitin'" gelten als Klassiker und Paradebeispiele für den Garagerock der 60er Jahre.

Mit der Veröffentlichung der beiden Alben bekam die Band bessere und landesweite Auftrittsmöglichkeiten. Sie spielte unter anderem als Vorgruppe für die Beach Boys, The Kinks, The Lovin' Spoonful und The Byrds. Die Band wechselte 1966 zum grösseren Label Jerden Records und nahm ihr drittes Album "Introducing The Sonics" auf, das 1967 veröffentlicht wurde. Bei den Aufnahmen musste die Band jedoch diverse Kompromisse eingehen, die vom Label aus kommerziellem Interesse verlangt wurden. Das Album sollte massentauglicher werden. Die Folge war ein recht kraftloses Album, mit dem die Band selbst unzufrieden war. Gerry Roslie verliess in der Folge die Band und es kam ein neuer Sänger, der auch den Stil der Band völlig veränderte. Es wurden noch ein paar Singles aufgenommen, die sehr poppig klangen, aber völlig floppten. 1968 löste sich die Band schliesslich komplett auf. Zu spätem Ruhm gelangten The Sonics während der Punk-Explosion in den späten 70er Jahren und wurden dort unter der Bezeichnung Garage Punk oder Sixties Punk vermarktet. Tatsächlich gibt es musikalisch Parallelen, weshalb die Band von vielen als eine der ersten Punkbands überhaupt eingestuft wird. Das legendäre Plattenlabel Bomp Records schaffte es 1979, die Originalbesetzung für ein weiteres Album ins Studio zu holen.

Im Herbst 2007 trat die Band zum ersten Mal gemeinsam im Club Warsaw in Brooklyn, New York, wieder auf. Von der Originalbesetzung waren Gitarrist Larry Parypa, Saxophonist Rob Lind und der Songschreiber Gerry Roslie dabei, drei weitere Musiker mussten ersetzt werden. Es war das erste Konzert von überregionaler Bedeutung in der Geschichte der Band, die erst nach ihrem Ende weltweite Bekanntheit erreicht hatte. Der Journalist Bodo Mrozek schrieb in einer Konzertkritik aus New York: "Über dem historischen Moment liegt eine gewisse Tragik. Das Problem der Band war niemals ihre Musik, sondern ihr Timing. Damals, in den Sechzigern, waren die Sonics ihrer Zeit um mindestens zehn Jahre voraus. Heute, im 21. Jahrhundert, ist es für sie gut dreissig Jahre zu spät".