Aug 31, 2016

MARILLION - Script For A Jester's Tear (EMI Records EMC 3429, 1983)

Fast inmitten der Zeit der Plastikmusik, in welcher es chic war, mit digitalen Schlagzeugen und bombastischen Synthesizern zu spielen, verhalf eine britische Gruppe namens Marillion mit ihrem furiosen Debutalbum um ihren charismatischen Frontman Fish dem dahinsiechenden Progressive/Art-Rock zu neuem Glanz. Genauso wie ihre künstlerischen Vorbilder Genesis und deren ausgeschiedenem Sänger Peter Gabriel setzten auch Marillion auf grosse Gefühle und theatralische Posen. Der ständige Wechsel von intimer Erzählung und gigantischer Soundstruktur, von Minnesang und Predigt faszinierte von Beginn weg. Die endlos epischen Stücke der Band wirken mal tieftraurig und erzählen von tragischen Figuren (etwa im Titelstück "Script For A Jester's Tear"), mal ausgesprochen lieblich und romantisch wie im Stück "Chelsea Monday", mal dezidiert politisch wie im Song "Forgotten Sons", dann aber auch wieder typisch britisch komödiantisch wie bei der "Garden Party", dabei blieb die Gruppe aber stets äusserst kreativ und phantasievoll. Die exzentrischen und exzellenten Texte aus der Feder des kreativen Kopfes Fish und die bombastisch melodischen Musikbilder der Musiker Steve Rothery, Mick Pointer, Mark Kelly und Pete Trewavas machten die Platte zu einem Klassiker des Genres, der in seiner Kreativität und Komplexität eigentlich bis heute seinesgleichen sucht.

"So here I am once more, in the playground of the broken hearts."

So hörten sich die ersten Zeilen einer heute legendären Band aus dem Bereich des Neo Progressive Rocks an, als diese ihr erstes Album musikalisch eröffnete. Schon von den ersten Takten an war klar, dass diese Band etwas Besonderes darstellte. Von diesem beinahe geflüsterten ersten Satz bis hin zum letzten Ton von "Forgotten Sons", bewies die damals alle Fans des Genres überraschenden Marillion, dass sie tatsächlich die legitimen Nachfolger grosser Bands aus dem Bereich der progressiven Musik sein könnten, wie etwa Genesis zu Zeiten von Peter Gabriel. Aber Parallelen und musikalische Anknüpfungspunkte bedeuten ja nicht automatisch, dass es sich um dieselbe Art des Musizierens ging. Vielmehr konnte man Marillion von Beginn weg attestieren, dass Genesis, aber auch andere Bands wie etwa Yes einen grossen Eindruck auf die Musiker der Band ausgeübt haben mussten, wie die Formation schliesslich selber die Eckpunkte ihrer eigenen Vorstellung von hochmelodischem Progressive und Art Rock setzte. Getragen wurde ihre Musik von den sphärisch-elegischen Keyboards von Mark Kelly, den lyrisch-verträumten Gitarren von Steve Rothery, dem akzentuierten, präzisen und stets melodischen Bass-Spiel von Pete Trewavas über dem etwas zurückhaltenden Schlagzeug von Mick Pointer.


Darüber thronte die Stimme von Derek Dick alias Fish, der noch heute zu den ausdrucksstärksten und emotionalsten Sängern dieses musikalischen Genres zählt. Auch von seiner sehr extrovertierten und farbenfrohen Art ähnelte er dem Genesis-Ursänger Peter Gabriel. Und auch seine Songtexte erinnerten in ihrer phantasievollen Art an die frühen Genesis. Die Texte erschlossen sich dem Zuhörer häufig nicht offensichtlich und auf Anhieb und boten damit individuelle Möglichkeiten der Interpretation. Die Themen bedienten die gesamte Palette der menschlichen Emotionen wie Selbstzweifel, Entfremdung, Herzschmerz aber auch die Folgen des Drogenmissbrauchs, die Probleme eines Soldaten und eine augenzwinkernde Betrachtung des Standeswesens.

Die Musik dieses Albums indes war nicht progressiv im Sinne von allzu komplexen Rhythmen oder vertrackten Metren, auch die einzelnen Instrumentalisten legten in ihren Soli keinen Wert auf technische Kabinettstückchen, sondern waren immer songdienlich und blieben dabei auffallend bodenständig. Bei Marillion stand von Anfang an stets der Song als solcher im Vordergrund, dem alles andere untergeordnet wurde. Darüber ging aber nie die Spielfreude verloren und es war in diesem Rahmen immer auch Platz für schöne, manchmal auch gedankenverlorene Soli und minutenlange rein instrumentale Passagen. Der Produzent Nick Tauber und sein Soundtechniker Simon Hanhart verschafften Marillion schon bei diesem fabelhaften Debutalbum einen wunderbaren warmen und erdigen Sound, der hervorragend zu den instrumentalen Eigenschaften der Musiker passte und dem Ganzen damit zu einem wohlig-warmen Gefühl der Intimität beim Anhören führte.


Ihren Namen borgten sich Marillion übrigens vom Fantasyautor J.R.R. Tolkien, ("Herr der Ringe") und dessen Buch "Das Silmarillion", das die Vorgeschichte zu "Herr der Ringe" bildet. Auch hier konnte man, was die Ideenvielfalt, die lyrische Ausdruckskraft, die ausgesprochene Detail-Verliebtheit, die epische Breite, den Humor und die Freude anbetrifft, grosse Parallelen feststellen. Schliesslich wurde auch im Cover-Artwork für das Album, das von Mark Wilkinson designed wurde, bereits eine Konstante für die folgenden Alben gelegt: der traurige Narr (The Jester), den Fish live oft auch selbst darstellte mit Make-up und Verkleidung, sollte dabei zentraler Ausgangspunkt sein. Doch die Farben seines Kostüms verblassten bereits, so dass eher eine düstere Figur zurückblieb, was auch eher zu der düsteren Stimmung vieler Songs passte.

Marillion genossen von Beginn weg vor allem wegen der theatralischen Performance ihres charismatischen Frontmannes Fish an Konzerten einen ausgezeichneten Ruf, aber natürlich auch, weil Sie allesamt hervorragende Musiker waren, die ihre Studioaufnahmen im Konzert auch packend darbieten konnten. Fish’s Songwriting und die Emotionalität, mit der er seine Texte vorbrachte, war der von Peter Hammill durchaus ähnlich, der musikalische Unterbau wiederum erinnerte oft und gern an die bereits zitierten Yes oder die frühen Genesis, dennoch hatten Marillion schon zu Beginn ihren eigenen unverwechselbaren Stil entwickelt und klangen zu dem Zeitpunkt des Erscheinens ihres Debutalbums auch moderner als die grossen Vorbilder.


Mit nur 6 Songs bei einer Gesamt-Spielzeit von fast 47 Minuten merkte man diesem Album schon ohne es zu hören an, dass es sich hier nicht um die üblichen Strophe/Refrain Kompositionen handelte, allerdings verlor sich die Band nie in unnötig langen Instrumentalpassagen, sondern setzte mehr auf Dramaturgie und Aufbau. Marillion waren für die damalige Zeit erfrischend anders und reihten sich mit Fish als ihrem Sänger und Komponisten schon von Anfang an unter die ganz grossen und bekannten Vertretern des britischen Progressive und Art Rock ein. Alle 6 Songs des Albums erzählten an sich eine eigene, abgeschlossene Geschichte, dennoch gehörten sie alle irgendwie zusammen, und man nahm beim Anhören das gesamte Werk auch als ein Ganzes wahr. Das gelang vor ihnen nur wenigen anderen Bands. So boten einem Marillion die Möglichkeit, ein komplettes Album als Ganzes zu empfinden, aber auch einzelne Songs als in sich geschlossen zu erleben. Vor allem dieser Umstand lässt keinen der Songs als "Hauptsong" oder "wichtigsten Titel" des Werks erkennen. Jeder Song steht zwar für sich, ist aber auch ein Teil eines wirklich überwältigenden Ganzen.

Wer sich auf Marillion einlassen will, sollte viel Zeit mitbringen, denn viel zu häufig wird die Band auf ihren grössten Hit "Kayleigh" vom Album "Misplaced Childhood" reduziert, der zu den erfolgreichsten Pop-Songs der 80er-Jahre gehörte, aber nicht wirklich repräsentativ für das musikalische Schaffen der Band ist. Vielmehr braucht man als Hörer Geduld, um die Musik der Band in all ihren Schichten zu erfassen. Aber Freunde von Bands wie Pink Flody und den bereits mehrfach erwähnten früheren Genesis oder aber eines Peter Gabriel können hier ein reichhaltiges Gourmetvergnügen für ihre Sinne finden - und das 1983er Debutalbum "Script For A Jester's Tear" ist dafür der beste Einstiegspunkt. Selbst Musikfans, welche mitdem klassischen Progressive oder Art Rock sonst nicht viel anfangen konnten, freundeten sich damals mit Marillion an, spätestens nach ihrem grössten Hit "Kayleigh" von 1985, der eben auch über die nötigen Pop-Qualitäten verfügte. Steve Hogarth, Fish's Nachfolger ab 1988, machte seine Sache dann auch recht ordentlich. An die Intensität von Fish kam er aber meiner Meinung nach nicht ganz heran.

1997 wurde dieses Werk in Form einer digital remasterten Doppel-CD wiederveröffentlicht. Dieses phantastische Package enthielt neben dem originalen Album in restaurierter Form eine Bonus CD, auf welcher unter anderem die Single "Market Square Heroes" in zwei verschiedenen Versionen präsentiert wurde und auf welcher ihr furioses "Three Boats Down From The Candy", sowie das fantastische, überlange "Grendel" in der "Fair Deal Studio-Version" enthalten war. Das 19 Minuten lange meisterlich in Szene gesetzte Epos "Grendel" ist die beste und längste Nummer, welche die Band je einspielte. Die Single und ihre B-Seiten waren auf dem Debutalbum nicht enthalten. Sie wurden damals bereits vor der Veröffentlichung des Albums auf den Markt gebracht. Mit "Chelsea Monday", "He Knows You Know" und einer weiteren Single B-Seite ("Charting The Single") wurden noch drei Demosongs in Rohform für die Bonus CD berücksichtigt. Neben ihren grandiosen Studio-Veröffentlichungen "Misplaced Childhood" und "Clutching At Straws" legten Marillion mit ihrem fantastischen Debutalbum ein dramatisches und lyrisches Kunstwerk vor, das in jeder anspruchsvollen Rock-Sammlung einen Ehrenplatz einnehmen sollte.



Aug 30, 2016

ROY BUCHANAN - You're Not Alone (Atlantic Records SD 19170, 1978)

Für sehr stilvollen, eleganten Blues mit viel Feeling, dafür stand der Gitarrist Roy Buchanan Zeit seines Lebens. Zumeist etwas im Schatten der grossen Meister dieses Genres verstand es der Musiker stets zu begeistern. Ob im eher ruhigeren Blues, oder im währschaften Blues Rock: Buchanan war überall zuhause. Trotzdem war sein Wiedererkennungswert sehr hoch. Der Gitarrist war immer unter Vielen seiner Zunft klar herauszuhören. Deshalb überraschte dieses 1978 veröffentlichte Album nicht wenige Fans, die zum Teil auch recht konsterniert auf die Veröffentlichung reagierten. Hier hatte Roy Buchanan in den USA mit einigen hochkarätigen Studiomusikern ein Experiment gewagt, das er mit seiner Tourband wohl so konsequent nicht hätte umsetzen können. Roy Buchanan klang auf dem Werk "You're Not Alone" ziemlich ähnlich wie Pink Floyd. Sehr sphärisch, was dem zeitweise üppigen Einsatz von spacigen Synthesizerklängen geschuldet war, auf der anderen Seite aber auch mit teils frappant an David Gilmour erinnernden Gitarrenläufen, die der Musiker aber eigentlich auch sonst schon immer als sein Markenzeichen präsentierte, nur eben nicht in dieser stilistischen Art. Bei manch einem der fast überwiegend langen Songs, hört man Mitt-Siebziger Klänge von Pink Floyd, was die Blues-Puristen damals wohl zugegebenermassen wenn nicht verschreckte, dann doch zumindest überrascht haben dürfte. Allein: Wenn man wie ich dieses Werk als das erste von Roy Buchanan kennengelernt hat, dann hat man wohl einen etwas objektiveren Bezug zu diesem Ausnahmekünstler. Ich kannte Roy Buchanan vor dieser Veröffentlichung in der Tat bloss dem Namen nach. Seine Werke kannte ich bis dahin nicht.

Ungewöhnlich wie diese Platte war auch der Lebensweg von Roy Buchanan. Der am 23. September 1939 in Ozark, Arkansas geborene spätere Meister und Pionier der Fender Telecaster Gitarre, zog im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Pixley in Kalifornien, wo sein Vater Arbeit auf einer Farm gefunden hatte. Mit neun Jahren bekam er von seinen Eltern seine erste Gitarre. Trotz mehrerer Jahre Unterricht lernte Buchanan nie Noten zu lesen, sondern spielte rein nach Gehör. Als die am perfektesten zu ihm passende Gitarre entpuppte sich die legendäre Fender Telecaster. Mit 12 Jahren bekam Buchanan sein erstes Engagement in einer örtlichen Band, den Waw Keen Valley Boys. Mit 16 zog er zu seinen älteren Geschwistern nach Los Angeles, wo er bei den Heartbeats spielte, zusammen mit Spencer Dryden, der später bei Jefferson Airplane und den New Riders Of The Purple Sage als Schlagzeuger bekannt wurde. Höhepunkt der Heartbeats war der Auftritt in dem Film "Rock Pretty Baby". Seine nächste Band war Oklahoma Bandstand in Tulsa, bevor er drei Jahre in der Begleitband von Dale Hawkins spielte, der 1958 mit "My Babe" seinen grössten Hit feiern konnte. Danach war Roy Buchanan unter anderem für Ronnie Hawkins, The Coasters, Frankie Avalon und Eddie Cochran tätig.

1961 heiratete Buchanan Judy Owens und wohnte mit ihr zunächst in der Nähe von Washington, D.C. In den folgenden Jahren war er nicht im Musikgeschäft aktiv. Erst ab 1969 trat er wieder in kleineren Clubs im Grossraum Philadelphia/Washington auf. 1970 fand er in verschiedenen Zeitungen und schliesslich im Magazin Rolling Stone Erwähnung, nicht zuletzt, da er 1969 angeblich als Nachfolgemusiker für den Rolling Stones-Gitarristen Brian Jones gehandelt wurde, ein Angebot, das er allerdings ablehnte. 1971 machte ihn eine Fernsehsendung mit dem Titel "Introducing Roy Buchanan" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Erst in den 70er Jahren erschien dann eine Reihe von Alben, die teilweise recht erfolgreich waren, überzeugen konnte er aber nur als Gitarrist, nicht als Sänger. Er galt bei manchen als der "beste unbekannte Bluesgitarrist". Es folgten zahlreiche Tourneen und Konzerte, bis Buchanan sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre aus dem Plattengeschäft zurückzog. Zuvor allerdings verblüffte er seine Fans noch einmal mit einem ebenso grossartigen, wie ungewöhnlichen Werk, der Platte "You're Not Alone".


Unter den Fittichen von Produzent Raymond Silva ging Roy Buchanan 1978 ins Atlantic Studio in New York und griff auf zwei der damals bereits hochkarätigsten Sessions- und Studiomusiker zurück, nämlich auf den Top-Bassisten Willie Weeks, der zuvor beim ersten Soloalbum von Steve Winwood beschäftigt war und früher auch in der Band von Donny Hathaway mitgespielt hatte und auf den Schlagzeuger Andrew Newmark, dessen Künste zuerst bei Sly & The Family Stone aufgefallen waren, und der später unter anderem von Eric Clapton, George Harrison, Pink Floyd (sic!) und David Gilmour verpflichtet wurde. Als zweiter Gitarrist wurde Ray Gomez aufgeboten. Gomez startete seine musikalische Karriere ursprünglich als Perkussionist, wechselte danach aber zur Gitarre und lernte Jazz. Er spielte unter anderem auf dem bekannten Album "School Days" von Stanley Clarke mit. Als einflussreichster Beteiligter darf allerdings Jean Roussel genannt werden. Der Producer und Arrangeur steuerte sämtliche Keyboard-Arrangements bei und verlieh der Platte diesen sphärischen und das Werk dominierenden Touch. Mit solchem Instrumentarium hatte Buchanan zuvor noch nie gearbeitet und hat es auch danach nicht mehr gemacht. Darum ist diese Platte so einzigartig im Gesamtwerk dieses Gitarristen.

Der Einstieg in das Album war denn auch sehr sphärisch, nannte sich "The Opening...Miles From Earth" und leitete nach zwei Minuten über in den ersten Song "Turn To Stone", der eine Ueberraschung darstellte: Er klang richtig hart rockend und war eine Neuauflage des bekannten Titels aus der Feder von Joe Walsh, dem Roy Buchanan neben dem eher nahe am Original gehaltenen Grundriff eine herrlich bluesige und sphärische, fast jazzig wirkende Solierung folgen liess, die diesem Titel zwar irgendwie den Rock-Groove nahm, den Song insgesamt jedoch ganz klar aufwertete gegenüber dem Original von Joe Walsh. Das nachfolgende "Fly Night Bird" war dann Pink Floyd pur. Hier dominierte Buchanan's Leadgitarre mit langgezogenen Solo-Klängen ganz in der Tradition von David Gilmour. Hier meinte man zum erstenmal, einer bislang nicht bekannten Floyd-Nummer zu lauschen, so nahe war dieses Stück an Gilmour's Band gehalten. Der die erste LP-Seite beschliessende Kracher "1841 Shuffle" indes zeigte dann eher wieder den typisch forschen Buchanan-Bluesrock Stil.

Die B-Seite der Platte eröffnete mit einer absolut meisterhaften Coverversion des Neil Young Titels "Down By The River". Von dem Song gibt es zahlreiche Coverversionen anderer Bands und Musiker, und wenn mir persönlich bis dato jene Variante der Band Majic Ship am besten gefallen hatte, so kam nun auf jeden Fall dicht dahinter und noch vor dem Original von Neil Young diese Version von Roy Buchanan. Eine wundervoll gefühlvolle Inszenierung dieser Nummer, die mit aussergewöhnlich gutem und für Roy Buchanan eher untypischem Gesang ausgestattet war, für den die Sänger und Sängerinnen Gary St. Clair (Leadstimme), David Lasley, Krystal Davis, Alfa Anderson und Schmusemeister Luther Vandross verantwortlich zeichneten. Grossartig bei diesem Stück dann auch wieder die schier endlos in die Länge gezogene Solo-Reise von Roy Buchanan. Das anschliessende "Supernova" darf eher als kürzeres Zwischenspiel angesehen werden, bevor es mit dem letzten Longtrack "You're Not Alone" das Titelstück zu hören gibt, das wieder gänzlich Pink Floyd-Flair verströmt. Dieser wiederum sehr sphärisch ausgelegte Song beschliesst mit einem langen Ausklang ein ebenso stimmungsvolles, wie verträumtes und hochklassiges Album, das in der Discographie von Roy Buchanan einzigartig blieb, was eigentlich schade ist. Viele Fans des Musikers konnten erst nach Jahren mit dem Werk ihren Frieden schliessen, weil der Gitarrist darauf stark von seinen eigenen Wurzeln abwich. Es gibt aber auch die anderen, weniger puristischen Musikfans, welche dieses Werk schlicht für das Beste halten, was Roy Buchanan überhaupt veröffentlicht hat. Ich gehöre eindeutig zu Letzeren, auch wenn ich Buchanan's sonstiges Oeuvre gleichermassen schätze.

Nach diesem Album war Buchanan nicht mehr so produktiv. In den gesamten 80er Jahren veröffentlichte er nur vier, allerdings recht erfolgreiche weitere Alben. Auf dem 1981 veröffentlichten "My Babe" war als Schlagzeuger Danny Brubeck, ein Sohn von Dave Brubeck zu hören. 1985 erschien das Album "When A Guitar Plays The Blues", das sich 13 Wochen in den Billboard-Charts hielt und für einen Grammy nominiert wurde. Buchanan kam des Öfteren mit dem Gesetz in Konflikt und hatte grosse Alkoholprobleme. Am 14. August 1988 wurde der Musiker nach einem schweren Streit mit seiner Frau wegen Trunkenheit festgenommen. Später wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden, laut offiziellem Bericht hatte er sich mit dem eigenen Hemd erhängt. Bis heute sind die Umstände seines Todes Gegenstand zahlreicher Spekulationen. "You're Not Alone" ist bis heute mein Lieblingsalbum dieses Musikers geblieben, auch wenn ich viele seiner Werke inzwischen für unverzichtbar halte, wie etwa die beeindruckenden Live-Alben "Live Stock" und "Live In Japan". Neben der "You're Not Alone" würde ich als Studioalben seine Platten "Second Album" von 1973 und die bereits erwähnte LP "When A Guitar Plays The Blues" von 1985 empfehlen.












Aug 29, 2016


WAYDOWN - Greek Street (Vicksboro Records VBCD003, 2005)

Eine kleine Sensation war das schon, als der ehemalige Savoy Brown-Sänger Chris Youlden im Jahre 2005 plötzlich mit einer neuen Band wieder auftauchte, nachdem er ausser mit zwei heute zwar in Sammlerkreisen relativ gesuchten, damals aber leider weitgehend erfolglos gebliebenen Soloplatten nach seinem Ausstieg bei Kim Simmonds' Band ("Nowhere Road" 1972 und "City Child" 1974), sowie einem wenig beachteten, allerdings hervorragenden Comeback Album 1992 ("Second Sight") und einem Werk mit seiner Band The Big Picture 1993 (CD "Matico") leider weitgehend im Verborgenen weiterhin Musik gemacht hatte. Leider sollte es auch seiner neuen Band Waydown ähnlich ergehen. Bereits drei Jahre zuvor hatte Chris Youlden zusammen mit den späteren Musikern von Waydown eine Maxi-CD mit vier Songs unter dem Bandnamen Maxwell Street veröffentlicht. Das Echo war gleich Null, und die besagte EP mit dem Titel "Movin' Along" wurde ausschliesslich an den spärlichen Konzerten verkauft. 2005 wagte dieselbe Band dann unter dem neuen Bandlogo Waydown einen Neustart mit einem ganzen Album.

In der Band Waydown, wie zuvor bei Maxwell Street, spielte Chris Youlden mit dem Mundharmonika-Urgestein des British Blues Revivals, Shakey Vick zusammen. Der hatte im Jahre 1969 für Pye Records ein legendäres 'British Blues' Album aufgenommen, das bis heute als einer der grossen Geheimtipps unter Liebhabern gilt. Der auf der Platte präsentierte Sound, der stark an dem Boogie-Bluesrock der Gruppe Canned Heat angelehnt war, und einige tolle Songs präsentierte, wie etwa den Cream-Klassiker "Crossroads Blues", erreichte auch Chris Youlden. In den vielen Jahren seit dieser Platte sind Chris Youlden und Shakey Vick einander immer mal wieder über den Weg gelaufen. Auch als die beiden Musiker sich in der Mick Pini Band für eine Albumaufnahme wieder begegneten, diskutierten sie bereits über die Möglichkeit einer gemeinsamen Band.

Neben Shakey Vick als bekanntestem Musiker in Youlden's neuer Band spielte im weiteren der Gitarrist Bernie Pallo, der Bassist Andy Cleveland und der Schlagzeuger Mel Wright. Als Gastmusiker trat auch Bassist Peter Moody in Aktion, der bei Fleetwood Mac zwischenzeitlich den 4-Saiter zupfte, aber auch in der Begleitband der Bluesmusikerin Jo-Ann Kelly und in der Band von Pianist Bob Hall, einem weiteren British Blues Urgestein, mitspielte. Aber auch der Schlagzeuger Mel Wright war kein Unbekannter. Insider kennen ihn von der legendären Brunning Sunflower Blues Band mit Dave und Jo-Ann Kelly. Man kannte sich eben schon seit damals und kam immer wieder mal für ein gemeinsames Projekt zusammen.

Produziert wurde das Album "Greek Street" von Mick Wigfall, der später unter anderem auch Alben der Bluesmusiker Imelda May und Jim Carlisle produzierte. "Greek Street" präsentiert 13 ganz hervorragend interpretierte Blues-Titel, die einerseits streng traditionell im British Blues von Ende der 60er Jahre gehalten sind, was eine Nähe zu Fleetwood Mac, Chicken Shack und auch Savoy Brown bildet, ausserdem wählten Chris Youlden und Shakey Vick einige ganz tolle Nummern aus, die sie für dieses Album coverten. Abwechslungsreich klang dieses Werk vor allem auch deshalb, weil sich Youlden und Vick gegenseitig am Mikrophon ablösten, sich praktisch zu gleichen Teilen den Leadgesang teilten.

Neben der tollen bluesigen Einleitung "Can't Sleep, Can't Dream", gesungen von Chris Youlden, glänzte auch gleich das nachfolgende, von Shakey Vick gesungene "Wandering Heart". Neben der exzellenten Gitarrenarbeit des unbekannten Gitarristen Bernie Pallo (über den ich weder davor noch danach irgendwelche musikbiographischen Infos habe recherchieren können) begeistert auch Shakey Vick mit seiner zumeist leicht verzerrten Mundharmonika. Blues und Boogie mit dieser Soundkonstellation hatte man zuvor von Chris Youlden noch nicht gehört, ausser, wenn er früher ab und zu einmal mit Shakey Vick zusammengearbeitet hatte. Es wäre bestimmt interessant gewesen, sich die Gruppe Savoy Brown mit Shakey Vick an der Mundharmonika und mit Chris Youlden am Mikrophon vorzustellen.

Alle folgenden Titel, die von Chris Youlden in seiner wundervoll zart-brüchigen souligen Stimme vorgetragen wurden, klangen einfach klasse: "Movin' Along", der Titel, den die Musiker schon zuvor als Maxwell Street eingespielt und veröffentlicht hatten, der "Bad Mood Blues" oder das brilliante Stück "Can't Lose My Love For You". Dazwischen gab es ein überraschendes und sehr gefühlvolles Gitarren-Intermezzo von Gitarrist Bernie Pallo zu hören ("Bernie's Bounce - Instrumental"), das den Hörer unwillkürlich zu seligen "Albatros"-Zeiten zurückversetzte, schön gemacht und alles andere als abgekupfert.

Auch die Titel, die von Shakey Vick gesungen waren, konnten durchaus ein hohes Niveau erreichen, besonders jene, in denen er auch gleich mit der Mundharmonika die entscheidenden Akzente setzte. "Just Can't Lose The Blues" oder etwa "You Can Count On Me" seien hier genannt. Seine beste Vorstellung lieferte er aber im forcierten "When My Baby's Found", wo Shakey Vick seinen typischen Boogie herzhaft ablieferte. Befeuert von Bernie Pallo's Leadgitarre klang das wie Canned Heat, allerdings ohne deren verzerrte Gitarrensounds, sondern recht clean gerockt.

Insgesamt überraschte das leider nur wenig verkaufte Album mit einem wunderbaren "vintage" Sound, der zugegebenermassen - man verzeihe mir diesen Hinweis - auch von "vintage" Musikern gespielt wurde. Das völlig aus der Zeit gefallene Album katapultierte den Hörer sofort zurück in die Zeit von Ende der 60er Jahre. Retro-Boogie ? Na, warum nicht ? Wer das Glück hat, diese eher selten zu findende CD ergattern zu können, sollte nicht lange zögern.


Aug 28, 2016


HOKUS POKE - Earth Harmony (Vertigo Records 6360 064, 1972)

Der musikalische Gemischtwarenladen mit Namen Vertigo Swirl Records bot Anfang der 70er Jahre ein paar exotische Früchte, die so gar nicht in die progressive Underground-Menukarte des Labels passen wollten. Eine dieser exotischen Früchte hiess Hokus Poke und war im Bereich des Poprock und Bluesrock unterwegs. Stilistisch durchaus an damals bekannte Bands wie etwa Wishbone Ash oder frühe Bad Company angelehnt, zeigte die Gruppe allerdings keinen herausragenden Sänger oder - dank den beiden Gitarristen - Twin Guitars mit einem relativ hohen Wiedererkennungswert. Das war vermutlich auch das Problem der Band. Solide Handwerkskunst bot damals eine breite Zunft aus Musikern und Bands. Wer aus diesem ganzen Potpurri besonders herausstrahlen wollte, der brauchte ein typisches Markenzeichen, mit dem eine Assoziation zum Künstler hergestellt werden konnte. Und da waren Hokus Poke eben leider benachteiligt. Weder konnten sie mit herausragenden Songs, die auch Hitpotential besassen, brillieren, noch mit einem charismatischen Sänger oder Gitarristen aufwarten, der sich entsprechend zu exponieren wusste. Und auch die Präsenz ging über eine wunderschöne optische Aufmachung ihrer einzigen Platte nicht hinaus. Wenn man das alles zusammenrechnet, dann erhält man unter dem Strich eine Band und eine Platte, die völlig zu Unrecht vergessen wurde - damals wie heute.

Nun ist es ja immer schade, wenn ein äusserlich vielleicht nur durchschnittliches Erscheinungsbild hervorragende Qualität im Verborgenen bereithält, die sich nur Demjenigen offenbart, der sich auf das entsprechende Kunstprodukt bewusst einlässt. Wer sich mit dieser Gruppe und diesem einzigen Album einmal näher befasst, dem fallen erst beim Anhören die vielen kleinen Finessen in der Musik auf, bis der Hörer dann feststellt: Wow! Das hätte eigentlich was geben müssen. Mangelnde Promotion, fehlendes Interesse seitens der Plattenfirma, die sich zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung bereits in ihrem kreativen Endstadium befand, was ihren Status im Untergrund-Bereich anbetrifft, und letztlich fehlende finanzielle Mittel führten dazu, dass diese Platte sang- und klanglos unterging, und mit ihr auch gleich diese tolle Gruppe, die eigentlich alles richtig gemacht hat, nur eben keine charismatische Ausstrahlung besass und auch trotz ausschliesslich hochkarätiger Songs keinen Hit aus dem Aermel zaubern konnte.

Das Quartett Hokus Poke bestand nur kurze Zeit, und setzte sich zusammen aus dem Sänger und Gitarristen Clive Blenkhorn, dem zweiten Gitarristen Roger Clark, der in einigen Songs, die sich an der Countrymusik orientierten, auch eine besonders schöne Steel Guitar beisteuerte, dann aus dem Bassisten Smith Campbell und dem Schlagzeuger Johnnie Miles. Weshalb sich der Phonogram Konzern dazu entschloss, die Gruppe ausgerechnet unter dem für seine mitunter recht unkommerziellen Underground-Veröffentlichungen bekannten Vertigo Swirl Label unterzubringen, kann heute wohl nicht mehr schlüssig erklärt werden. Das ebenfalls zum damaligen Phonogam-Konzern gehörige Mercury Label hätte sich bestimmt besser geeignet für die Art von bluesgefärbter Rockmusik, die Hokus Poke gespielt haben.

Mit dem astreinen und in jeder Hinsicht brillianten "H.P. Boogie" eröffnete die Band ihr Album, und schon alleine mit dieser Nummer hätte sie grosse Aufmerksamkeit erregen müssen, denn das Stück enthielt sämtliche Zutaten eines grossartigen Songs, der unter dem Banner etwa von Bad Company bestens angekommen wäre. Aber eben, dieses "wäre": Es gab offenbar innerhalb von Vertigo Records Niemanden, der diese offensichtliche Qualität des Songs für besonders födernswert befunden hätte. Auch die nachfolgenden "Sunrise Sunset ((The Sunset)" mit seinen äusserst geschmeidigen und sehr atmosphärischen Doppel-Gitarrenläufen, das recht kommerziell ausgerichtete "Big World Small Girl" oder das die A-Seite der LP beschliessende "Down In The Street" brauchten Vergleiche mit grossen Bands überhaupt nicht zu scheuen. Die Gruppe stand bedeutend erfolgreicheren Bands aus diesem musikalischen Bereich in nichts nach. Lediglich dieser eine zündende Song, der sich vielleicht über ein grösseres Radio-Airplay auch in viele Hörerherzen hätte spielen können - der fehlte der Band.

Auch die zweite Seite dieser tollen Platte eröffnete mit "Hag Rag", einem weiteren klasse Blues- und Boogie-Titel aus der Feder von Schlagzeuger Johnnie Miles, dem einzigen Song auf dem Album, den der Schlagzeuger alleine komponierte und arrangierte. Die anderen Lieder stammten grösstenteils aus der Feder von Sänger und Gitarrist Clive Blenkhorn, wobei meistens auch die anderen Bandmitglieder an den Kompositionen beteiligt waren. Nur "Living In Harmony", das vielleicht schönste Stück der Platte, stammte von Clive Blenkhorn als alleinigem Songschreiber. Dieses ebenso beeindruckende wie zuckersüsse Beispiel für perfekt in Szene gesetzte britische Countryrock-Musik hätte genauso gut auch auf einer Platte von Brinsley Schwarz untergekommen sein können. Das chillige "Time And Space" und das unspektakuläre, aber ebenfalls wundervoll inszenierte "The Poke" zeigten auch auf der zweiten Album-Seite keinerlei Qualitäts-Abfall: Alle Stücke waren auf hohem Niveau eingspielt.

Besonders erwähnenswert ist die perfekte Klangqualität der Aufnahmen. Am Mischpult sass kein Geringerer als der Meister John Punter (Quatermass, Roxy Music), der die Platte sehr clean, dafür umso druckvoller und ohne jegliche Raumakustik-Hallatmosphäre eingespielt hatte. Der dadurch kompakt wirkende Sound kam dem rockigen Grundsound der Gruppe sehr entgegen. Der ganze Sound wirkte trocken und enorm knackig. Auch dadurch kam die Musik sehr in die Nähe der ersten Bad Company-Platte, die ebenfalls diesen trockenen Bluesrock Sound präsentierte. Die Platte präsentierte sich in einem sogenannten "Die Cut"-Cover, wie damals etliche Bands und Künstler ihre Musik auch verpackungstechnisch effektvoll kredenzten. Das von Kenny Lynch hervorragend produzierte Album "Earth Harmony" blieb trotz dieser ansprechenden äusserlichen Aufmachung und trotz der wundervollen Musik praktisch unverkäuflich und landete sehr schnell in den Grabbelboxen der Plattenläden. Das Album gilt heute als eine der seltensten und teuersten Platten des Vertigo Swirl Labels. Für Originale in Top-Zustand bezahlen Sammler heute locker zwischen 500 und 1000 Euro.



Aug 27, 2016


THE LONELY BOYS - The Lonely Boys (Parlophone Records PRO 4176, 1996)

Nun ja, was versteht der Laie denn nun unter Garage eigentlich genau ? Vielleicht wäre man - allein von der Bezeichnung her - bald einmal versucht zu sagen, dass Garage Sound eben deswegen Garage Sound heisst, weil er klingt, als wäre er in einem vermutlich eher schäbigen 100 $ Kosten pro Tag Garagenstudio aufgenommen worden, und die Band hat ihre Songs schludrig und live auf ein schon zig-fach benutztes abgewetztes Band geklatscht. Also wenn diese Definition am ehesten glaubwürdig erscheint, dann haben wir ja den Sound der Lonely Boys schon ziemlich passend umschrieben. Echt schade, dass die Musikhörer so einen weiten Bogen um die Gruppe, die eigentlich keine war, gemacht haben. Denn die Lonely Boys hat's imgrunde nicht wirklich gegeben. Die einsamen Jungs waren lediglich ein Fun- und Freizeitvergnügen eines gestandenen Musikers. Nun hat in der ehrlichen Rockfraktion eben genau dieser Herr ein relativ schlechtes Image, weil er halt in seinem angestammten Beruf die ständige Begleitung von Marie Fredriksson ist. Heissen tut er Per Gessle und die Band, mit deren Kohle er sich dieses Freizeitvergnügen leistete, nannte sich Roxette und war weltberühmt.


Nun ist es natürlich nicht so ganz einfach, einem Musiker aus einer Popband den rohen und ungeschliffenen 60er Jahre Rock'n'Roll abzunehmen, denn die Pop-Fans machen einen weiten Bogen und die 60's Fans hören gar nicht erst rein, wenn sie wissen, wer da dahinter steht. Daher mein ganz persönlicher Aufruf hier. Liebe Freunde der echten Bauch-, Bein- und Herzmusik: Bitte hört hier mal eben kurz rein und vergesst dabei den Namen Roxette! Hier empfehle ich Euch echt eine feine Platte. Sie erschien bereits im Jahre 1996, und ich denke jetzt mal, man findet das Teil nicht mehr grad an jeder Ecke. Wühl- und Grabbeltische dürften aber noch ab und an ein unabgegriffenes Exemplar freilegen, bei welchem auch höchstens brettharte Sammler mit einer Affinität zu nach 60er Jahren stinkenden Coverbildern zugreifen.

Der Musiker Per Gessle erklärte 1996 seine Lonely Boys-Platte auf die Frage eines Musikjournalisten, wer die Lonely Boys denn wären, folgendermassen: "Who are The Lonely Boys ? Good question. The Lonely Boys was from the beginning the name of a novel written by the Swedish writer Mats Olsson. The story was about a young rhythm'n pop band located in the south of Sweden circa 1965. Mats asked me and a mutual friend Nisse Hellberg if the two of us could provide a soundtrack for this book, writing and recording what could in fact be The Lonely Boys' debut album. What a wonderful idea. A soundtrack to a book. It must be a first."

Na also, zumindest einmal eine schlüssige Erklärung für ein eher ungewöhnliches musikalisches Projekt: Ein Buch vertonen. Zumal eines, dessen Geschichte in einer Zeit spielt, in welcher der Rock fröhliche Urständ feierte. Natürlich ist so eine Idee auch im Jahre 1996 nicht mehr neu, aber wenn sie gut gemacht ist, ist sie doch immer wieder unterhaltsam. Darum ging Per Gessle hin, trommelte einige Musikerfreunde zusammen und nahm mit ihnen innerhalb von sechs Tagen und Nächten 14 selbstverfasste Songs auf, die verdammt authentisch nach dem klassischen 60's Mod Rock klangen und wählten als einzigen zusätzlichen Titel, der nicht aus eigener Feder stammte, den Jagger/Richards-Titel "So Much In Love". Diesen Titel spielten die Rolling Stones selber nie ein, dafür die Rock'n'Roll-Combo The Inmates, deren Sound durchaus bei dem Lonely Boys-Projekt von Per Gessle Pate stand.


Der Authentizität geschuldet, verwendeten die beteiligten Musiker ausschliesslich Equipment aus den 60er Jahren. Von überall her trommelten sie Instrumente zusammen aus den 60er Jahren, bis sie sich soweit eingedeckt hatten, dass sie anfangen konnten zu musizieren. Das ging weit über die eingesetzten Instrumente wie Gitarren oder Bässe hinaus bis zu originalen Mikrophonen, Verstärkern, Echo- und Hallgeräten und einer rein analogen Aufnahmetechnik mit dem Einsatz von herkömmlichen Mehrspur-Bandmaschinen und einem alten, ausgeleierten Mischpult. Wer nun befürchtet, dass das Ganze eher schlecht klingt, hat verdammt recht. Aber was bedeutet denn jetzt schlecht, wenn der Musikhörer staunend vor seiner Musikanlage Stücke hört, von denen er im Leben nicht glauben würde, dass sie nicht mindestens 50 Jahre auf dem Buckel haben ?

Gemäss Per Gessle sollte das Ganze am Ende klingen wie das Debutalbum einer schwedischen Rhythm'n'Pop-Band 1965. Also das kann man hundertprozentig bestätigen: Genauso klingt dieses Album. Finanziert hat Per Gessle dieses Projekt übrigens ausschliesslich mit seinen Einkünften aus der Arbeit mit Roxette. Da legt er grossen Wert drauf, denn es entsprach wohl exakt seinen Vorstellungen, wie das Ganze zu klingen hat, falls er wirklich mal die Zeit aufbringen kann, sich an ein Solowerk heranzuwagen. So ist das dann ein Werk geworden, das quasi mittels Zeitmaschine in der Vergangenheit realisiert und in der Gegenwart veröffentlicht wurde: "We planned it to stay that way. This was a one-off project that we enjoyed enormously. Lots of laughs, lots of beer and a lot of love for the '60s" (Per Gessle im März 1996 in Stockholm)

So klingt denn diese CD wirklich und echt wie eine jahrzehntelang verschollen gebliebene Langspielplatte von 1966. Und es passte wirklich alles perfekt zusammen: Tolle, vor allem recht kurze Songs, eingespielt und aufgenommen unter Verwendung von ausschliesslich antiquarischem Equipment und abgemischt auf rohe, ungeschliffene und süffige 60's Art. Die Stilbandbreite der Songs auf dem Album würde ich in etwa so umschreiben: The Kinks (einen Kaffeelöffel voll), The Yardbirds (eine Prise), The Beatles (wenig), The Rolling Stones (etwas mehr), The Who (noch etwas mehr). Erschienen war das Werk standesgemäss auf Parlophone (Danke an EMI - so wirkt sogar das Cover authentisch!), und mit viel Liebe für's Detail im Booklet hergerichtet. Ein Festschmaus also - nicht nur für Garage-Fans. Zum Schluss aber doch noch mein ganz persönlicher Anspieltipp: "Pretty Little Devil". Tja, früher wusste man halt noch, wie man der Liebsten huldigt...you're my pretty little devil with angel eyes. Herrlich!




Aug 25, 2016


KAIZERS ORCHESTRA - Evig Pint (Big Dipper Records BDRLP028, 2002)

Wenn eine Band mit Oelfässern und Radfelgen perkussive Elemente in ihren Rock'n'Roll einbaut und live mit  Gasmasken und Alarmsirenen arbeitet, wirkt das auf den ersten Blick vielleicht sehr verschroben, aber bei näherer Betrachtung ist es das gar nicht. Das Kaizers Orchestra ist bloss ein bisschen "anders". Anders im durchgeknallten Sinne. Da oben im hohen Norden sind die Musiker halt bisweilen etwas "komisch" (siehe zum Beispiel die finnischen Leningrad Cowboys mit ihren Haartollen, fünfmal spitzer als jene aller Möchtegern-Elvisse dieser Welt). Die Band wurde 1998 in der norwegischen Musikmetropole Bergen gegründet, nachdem die beiden Musiker Jan Ove und Geir Zahl zuvor in der Formation GNOM zusammen musiziert hatten. Die Ausrichtung an den musikalischen Veränderungen durch den Einsatz von Ölfässern und Autofelgen bedingte dabei den neuen Bandnamen Kaizers Orchestra und die Aufnahme von weiteren Musikern. Es folgten einige Demoaufnahmen und eine EP, bestehend aus dem noch aus GNOM-Zeiten stammenden Song "Bastard" und drei neuen Titeln, von denen die beiden "Bon Fra Haelvete" und "Dekk Bord" später auch auf dem offiziellen Debutalbum erschienen. Im Sommer 2000 wurde mit Terje Vinterstøder der sechste Mann in die Band aufgenommen, um die energetische Bühnenshow mit einem erweiterten Percussion-Part zu verstärken.

Nach zahlreichen Konzerten wurden daraufhin für das kleine Independent-Label Broiler Farm Records noch im selben Jahr innerhalb von nur sechs Tagen 16 weitere Songs eingespielt und davon zwölf auf "Ompa Til Du Dor" verewigt, welches mit 100000 verkauften Exemplaren die erfolgreichste Veröffentlichung in norwegischer Sprache aller Zeiten werden sollte. Die weitere Etablierung der Band erfolgte durch viele Preise und Auszeichnungen, zu einem Grossteil aber durch ihr unermüdliches Touren. 2003 wurde der Erstling des obskuren Sextetts über den Plattenvertrieb Pias auch in Deutschland veröffentlich, wo sich die Band bei zahlreichen Auftritten eine überschaubare, aber begeisterte Anhängerschaft erspielte. Nur wenig später, im März 2004 erschien mit einem Jahr Verspätung zur norwegischen Veröffentlichung der Nachfolger "Evig Pint", welcher trotz einer morbideren Grundstimmung Kritiker wie Fans überzeugen konnte.

Bis in ihre Seele hatte sich das Fegefeuer vorgefressen, das beim Kaizers Orchestra schon auf ihrem Debütalbum im Polka-Hintern loderte. Verräterisch und peinigend war es, paarten sich doch in ihren Texten klägliche Angst und ehrenhafter Tod mit Russischem Roulette und dem elektrischen Gitarren-Flehen nach der Gnade vor dem Herrn. Wie also sollte man es in Worte fassen, dass der Kaizers' Kampf zwischen Himmel und Hölle auf ihrem zweiten Album noch abgründiger und schwärzer geworden war ? Ausweglosigkeit, Mord und Totschlag, Schwermut und Grausen beherrschten erneut die musikalische Kraft der Norweger. Dabei zeigten dunkle Orgelwände, Bratsche und Trompete, abtrünniges Glockenspiel und Gesang aus voller Seele, dass die Kaizers ebenso gut Rockband wie Begräbniskapelle sein konnten. Mit "Evig Pint" hatten sie jedenfalls das bemerkenswerteste Testament des Polka-Rock für das Jahr 2004 geschrieben.

Aufgenommen wurde das zweite Album "Evig Pint" (zu deutsch: "auf ewig gepeinigt") im November und Dezember 2002, veröffenlicht am 3. Februar 2003. Ihr bis dahin live von den Fans so geliebte Song "Die Polizei" wurde nicht für das Album berücksichtigt, da dieser Song in den Augen der Band nur n den Konzerten richtig funktionierte, weshalb man ihn keinesfalls als Studiovariante veröffentlichen wollte. Dieser imgrunde fast am meisten geliebte Song wurde erst im Jahre 2006 auf Platte aufgenommen, und zwar dann ebenfalls in einer Live-Version auf dem Doppelalbum "Live At Vega". Die Studioversion gelangte erst 2009 auf einem Sampler mit dem Titel "Våre Demoner" in den Handel. Aber natürlich war vieles bei dieser Band immer schon ungewöhnlich. Als würden es die Kaizers darauf anlegen, für die Fans stets als absolut eigenwillige, eigenbrötlerische und recht exzentrisch in Erscheinung tretende Truppe aufzufallen, was im Endeffekt natürlich perfekt gelang und einen grossen Teil der Anziehungskraft dieser Gruppe ausmachte.

Von all den 12 Songs auf diesem Album gibt es eigentlich überhaupt keinen "Hit" in dem Sinne, respektive keinen absoluten Ueberflieger, den man jetzt besonders hervorheben wollen würde. Nein, die komplette Platte begeistert den Zuhörer, nimmt ihn mit auf eine ebenso ungewöhnliche, wie exaltierte Reise. Als grosser Pluspunkt erweist sich übrigens auch die Tatsache, dass Kaizers Orchestra in norwegisch singen, selbst in den international veröffentlichten Versionen ihrer Platten bleibt das so. Und das ist gut so, denn so schräg manche Stücke auch gar nicht mal scheinen: Der so eigentümlich fremdartig wirkende Gesang macht den ganzen exotischen Reiz dieser Musik vermutlich erst aus. Natürlich spielt die Band nicht reinen Polka, aber sie bauen dieses Rhythmik-Element fast überall immer wieder mal ein. Letztlich bezeichnet sich das Orchestra selbst aber als Rock Band. Wenn man sich mal durch die einzelnen Titel des Albums hört, dann stellt man das auch schnell einmal fest. Insgesamt wirkt ihre Musik allerdings extrem dynamisch, klug inszenierte, hervorragend auskomponierte Songs, von denen ein jeder immer dieses eine nicht zu erwartende Schnipsel enthält, das den Song besonders macht.

"Min kvite russer" (Mein weisser Russe) ist zum Beispiel so ein wundervoller Song, der den Zuhörer in die Tiefen Sibiriens lockt, in die kalte, graue und düstere, neblige und geheimnisvolle Landschaft, die man sich geradezu bildlich vorstellen kann. Oder das genial arrangierte "Salt & Pepper", das es auch auf Single schaffte und in Norwegen viele Käufer fand. Die kurze und leicht verstörende "Veterans klage" oder der geheimnisvoll und sehr spannend aufgebaute Longtrack "Drøm hardt (Requiem part I)" (Träum hart) am Ende des Albums möche ich persönlich vielleicht herausheben, aber lediglich, weil das meiner subjektiven Einschätzung nach die Titel sind, die zumindest bei mir am besten funktionieren.

Obwohl das zweite Album der Gruppe kein wirklicher Verkaufsschlager in Norwegen zum Zeitpunkt des Erscheinens war, gilt die Platte inzwischen über all die Jahre als eine der am kontinuierlichsten verkauften Rock-Platten Norwegens. Noch heute findet das hervorragende Werk begeisterte Käufer innerhalb und natürlich auch ausserhalb Norwegens, denn längst sind fast alle Platten des Kaizers Orchestra auch international aufgelegt worden. Das Album Design zeigt den Organisten der Band, Helge Risa mi seinem Markenzeichen, der Gasmaske, die er an Konzerten trägt. Wer dem Kaizers Orchestra eine Chance gibt, der wird schnell süchtig nach dieser Musik. Etwas so Aussergewöhnliches, das ganz für sich alleine steht, haben höchstens Magma für ein ausgewähltes Publikum kredenzt, deren überzeugte Fans ziemlich mit den dem Kaizers Orchestra verfallenen Jüngern vergleichbar sind. Ich gehöre auf jeden Fall auch zu diesen Jüngern (übrigens auch zu jenen von Christian Vander's Magma).







Aug 24, 2016


DEMOLITION STRING BAND - Pulling Up Atlantis
(Okra-Tone Records OKRA 4964, 2001)

Die Brücke zwischen Tradition und Moderne im alternativen Country Bereich schlägt diese New Yorker Band um Sängerin Elena Skye traumwandlerisch sicher. Jeder einzelne Song zeugt von handwerklichem Können und einer Vorliebe für einen urwüchsig-kantigen Sound, schwarze, tiefgründig-bluesige Balladen sind ebenso überzeugend wie ihre knochentrockenen Roots-Rock Songs, die speziell bei Boo Reiners’ ausgedehnten, psychedelischen Soli an andere in der Grosstadt verwurzelten Folk Rock-Künstler wie Jerry Garcia und Neil Young erinnern. Messerscharf produziert von Eric "Roscoe" Ambel, der mit seiner Gitarre das eine oder andere Mal für ordentlichen Druck sorgt, der nicht selten an seine Band The Del-Lords erinnert. In der alternativen Country-Szene in und um New York schon seit 1995 aktiv, veröffentlichte die Gruppe, oder vielmehr das Duo Skye / Reiners plus Gastmusikern ihr zweites Album "Pulling Up Atlantis" im Jahre 2001 und überraschte darauf mit einer wunderbaren Mixtur aus besagtem Alternative Country (was immer das letztlich auch sein mag) und einer gehörigen Prise Soul-Rock und Rhythm'n'Blues, wofür vor allem die Stimme von Elena Skye verantwortlich zeichnete. Die Sängerin glänzte auf dem Album mit ihrer swingenden Stimme, die den Songs sehr viel eigenen Charakter verlieh, was die Platte von vergleichbaren Veröffentlichungen anderer Künstler und Bands deutlich abhob. Der typische Bakersfield Honky Tonk Style sorgte hingegen, ausgehend von den instrumentalen Arrangements, für die der Gitarrist Boo Reiners sorgte, für wohlklingenden, ab und an recht rockigen Country-Sound.

Was die Musik auf der Platte so interessant macht ist die Verschmelzung so vermeintlich unvereinbarer musikalischer Einflüsse wie Honky Tonk und Punk Rock, traditioneller Bluegrass und wehmütiger Country Blues, wobei festzuhalten ist, dass die eher punkig-rockigen Akzente eindeutig von Produzent Eric Ambel ausgehen. Er sorgt praktisch bei jedem Song, sei er auch noch so traditionell ausgerichtet, stets für die nötige Portion Dreck, sodass selbst wimmernde und den gemütlichen sogenannten "Old Time String Bands" nachgezeichnete Country-Stücke noch irgendwie rockig klingen. In diesen Momenten erinnert der Sound der Demolition String Band ab und zu an Gram Parsons' Flying Burrito Brothers, oder auch an eine rockige Variante der Ozark Mountain Daredevils. Die Biographien der beiden Hauptakteure Elena Skye und Boo Reiners ähneln sich und es war wohl irgendwie logisch, dass sie sich irgendwann über den Weg laufen mussten. 

Als Tochter eines Professors an der Universität von Chicago, der in seiner Freizeit gerne mal auf die Bühne stieg, um mit lokalen, zumeist schwarzen Folk- und Blues-Musikern zu spielen, lernte Töchterchen Elena bereits mit 14 Jahren die Mandoline zu spielen. Innert weniger Monate spielte sie bereits in lokalen Bluegrass Bands mit, gefördert und gelehrt von Jethro Burns, dem bekannten Mandolinenspieler des Duos Homer & Jethro. Als zu Zeiten des Colleges dann ihre Liebe für die Ramones entflammte, startete Elena Skye nacheinander zwei Bands, zuerst die Gruppe Minx, danach die Combo BelleSkye, ein Power-Trio, in welchem elena den elektrischen Bass spielte. Zusammen mit ihrer damaligen Gitarristin Caren Belle, komponierte sie auch später zusammen Songs, unter anderem auch solche für die spätere Demolition String Band. Gemeinsam komponierten sie auch Songs für andere Künstler, kamen in dieser Eigenschaft auch zu einem Vertrag mit dem renommierten Musikverlag Peer International in Los Angeles, bevor Skye nach Hoboken umzog um dort einen sehr populären Buchladen zu eröffnen, in welchem regelmässig Musiker spielten.

Einer dieser Musiker war dann der Gitarrist Boo Reiners, der Sohn eines Predigers aus North Carolina, der quasi auf musikalische Weise Psalme verbreitete. Er spielte traditionellen Bluegrass, war ausgebildet am Banjo und spielte ebenfalls schon Konzerte seit er 14 Jahre alt war. Während seine Einflüsse vor allem die Gruppen Grateful Dead und die Nitty Gritty Dirt Band, insbesondere wegen deren Gebrauch des Banjos, waren, wechselte auch er zu College-Zeiten die Musikrichtung und spielte in einer Band mit, die eher dem locker swingenden Bluesrock etwa der Band NRBQ verpflichtet war. In dieser Band spielte Boo Reiners die Leadgitarre und legte das Banjo einige Zeit beiseite. Auch er siedelte nach Hoboken um, nachdem er in und um San Francisco einige Jahre in lokalen Bluegrass und Rhythm'n'Blues Bands gespielt hatte. In Hoboken schloss er sich einer relativ verrückten Truppe an, die sich Sweet Lizard Illtet nannte, die auch ein Album für Warner/Reprise Records veröffentlichte. Die Band spielte eine abstruse Mixtur aus Last Poets-inspiriertem Rap und arbeitete mit Samples aus dem Jazz-Bereich, während Boo Reiners dazu sein Banjo spielte (!). 

Unter dem Namen The Demolition String Band begannen Elena Skye und Boo Reiners als ein Akustik-Duo, das hauptsächlich an speziellen Anlässen, auf Vernissagen oder Lesungen aufspielte, zumeist im East Village, mit einer Schlüsselrolle in Greg Garing's gefeierter Alphabet City Opry Show. Zeitweise wuchs das Akustik-Duo zu einer richtigen Band, und da spielte die um einige Musiker erweiterte Truppe dann in Clubs und Kneipen als veritable Honky Tonk Band, ebenfalls unter dem Namen The Demolition String Band. Skye und Reiners waren ausserdem in ein Side Project involviert, das den Namen "Blackwater Shoals" trug, mit Buddy Woodward von der Band Nitro Express. 1998 nahm das neu lancierte Independent Label North Hollow Records das Duo unter Vertrag und ermöglichte die Veröffentlichung der ersten Platte mit dem Titel "One Dog Town", mit welcher die Gruppe danach auf Tournee durch ganz Amerika ging. Ein Jahr später veröffentlichte die Demolition String Band ein süffiges Country Remake von Madonna's "Like A Prayer" als Single, gefolgt vom im Oktober 2001 veröffentlichten zweiten Album "Pulling Up Atlantis".

Für die Aufnahmen zum Album "Pulling Up Atlantis" konnte das Label Okra-Tone Records erneut den renommierten Eric "Roscoe" Ambel als ausführenden Produzenten verpflichten, das bekannte Roots Rock Schwergewicht, der schon das Debut-Werk der beiden Musiker produziert hatte. Zu den für die Studioaufnahmen verpflichteten Gastmusikern auf "Pulling Up Atlantis" gehörten unter anderem der dynamische Pedal Steel-Virtuose Robert Randolph, ausserdem gehörten neu zur Stammformation auch Louie Appel, der zuvor in der Band von Southside Johnny, den Asbury Jukes, spielte sowie Michael Smith, der ehemalige Schlagzeuger der Gruppe Husband, sowie Winston Roye aus der Band von Alana Davis am Bass. Das Werk bietet eine tolle Mixtur aus Rock, bluesigen Balladen, pulsierenden City Grooves und ländlichen traditionellen Liedern gleichermassen und leben voe allem von der ausdrucksstarken Stimme von Elena Skye. Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Gruppe insbesondere mit diesem zweiten Album nicht den Durchbruch geschafft hat.

Denn neben der bereits erwähnten Neuauflage von Madonna's "Like A Prayer" im Bluegrass-Stil bietet das Album etliche weitere musikalische Trouvaillen, so etwa den Opener "Garden Of Love", der vor allem die Handschrift des Produzenten Eric Ambel trägt: Der Song ist fett und rockig produziert und könnte genauso gut auch auf einem Album der Georgia Satellites oder Tom Petty zu finden sein. Es ist genau diese Balance, die das Werk so interessant macht. Auf der einen Seite beseeltes Rocken, auf der anderen Seite die traditionelle Country- und Americana-Ausrichtung. Man kann aber trotzdem nicht von einem klassischen Roots Rock-Album sprechen, denn der Anteil an Rock ist so punktgenau eingesetzt, dass er zumeist nur für's berühmte Tüpfelchen auf dem i sorgt, aber nie durchwegs durch die Platte fetzt. Auf jeden Fall hat die Demolition String Band mit diesem Album, das weltweit vertrieben worden ist, doch eine gewisse Resonanz erhalten, sodass die beiden Musiker Elena Skye und Boo Reiners bis heute mit der Demolition String Band aktiv sind und auch nachwievor schöne Platten veröffentlichen und viele Konzerte bestreiten. Trotzdem ist das Duo hierzulande immer ein Geheimtipp geblieben.






Aug 23, 2016


RUSS BALLARD - Russ Ballard (EMI America Records EJ 2401331, 1984)

Russ Ballard startete seine lange musikalische Karriere bereits Mitte der 60er Jahre in den Formationen The Roulettes (der Formation von Adam Faith) und Unit 4+2, mit welchen er im Februar 1965 den Top Hit "Concrete And Clay" landen konnte, einer klassischen Eintagsfliege, wie sich schon kurze Zeit später herausstellen sollte. Bekannt wurde Russ Ballard schliesslich als Lead Gitarrist und Sänger der Gruppe ARGENT, bei der er sich während sieben Jahren und etlichen tollen Kompositionen als begabten Musiker und Songschreiber profilieren konnte. Seine Komposition "Liar" etwa wurde für die amerikanische Soulrock-Band Three Dog Night zu einem Millionen-Hit. Dieser Erfolg motivierte Russ Ballard dazu, die Gruppe ARGENT zu verlassen, um eine Solokarriere ins Auge zu fassen. Im Februar 1974, nach der Veröffentlichung der Argent-Platte "Encore" stieg er aus der Band aus und startete noch im selben Jahr mit dem ersten Soloalbum "Russ Ballard", um praktisch sang- und klanglos unterzugehen. Zwar schuf sich der Musiker nach und nach einen immer besseren Ruf als hervorragender Entertainer und Songschreiber, doch seine Soloplatten hingen wie Blei in den Regalen. Zu sehr verliess sich Ballard auf den Rock und Pop-Bereich, schrieb dafür allerdings nicht die hundertprozentig zündenden Songs, weshalb es lange dauerte, bis er überhaupt einmal in den Charts auftauchte mit einem seiner Werke. Dazu muss man sagen, dass keines seiner Werke wirklich unterdurchschnittlich war, allerdings reichte es eben auch nicht, nur mittelprächtige Alben herauszubringen, auf welchen nicht wenigstens ein zündender Hit zu finden war.

Russ Ballard lieferte während vieler Jahre guten, aber durchschnittlichen Poprock ab, sauber und eingängig komponiert und arrangiert, aber ohne den speziellen Hit-Charakter, den ein Charts-Stürmer gebraucht hätte. Russ Ballard's Platten überraschten dabei immer wieder mit prominenter Beteiligung. So spielten auf seinen Alben etwa die grossartige Sängerin Madelaine Bell mit, oder auch der amerikanische Top-Saxophonist Tom Sott, der britische Keyboarder Rabbit Bundrick, der Saxophonist Chris Mercer und sogar die beiden Toto-Brüder Mike und Jeff Porcaro an Bass und Schlagzeug. An hervorragenden Mitmusikern mangelte es Russ Ballard daher in der Tat nie. Da es mit einer steilen Karriere als Solokünstler nicht so richtig vorwärts ging, verlagerte Russ Ballard sein Tätigkeitsfeld und begann, andere Künstler zu produzieren und dabei nicht selten auch als Studiomusiker auf deren Werken mitzuwirken. Seine zweifellos hervorragende Stimme und seine sehr guten Gitarrenkünste lieh er dabei unter anderem dem Who-Sänger Roger Daltrey für dessen Produktion, ebenso wie Colin Blunstone oder Leo Sayer. Nur seine eigenen Platten blieben weitgehend erfolglos. Trotz seiner langjährigen Erfahrung blieb ihm der Durchbruch versagt.

Nach fünf Alben, zwei davon mit seinen Barnet Dogs, unterzeichnete Ballard nach einer vierjährigen Veröffentlichungs-Pause einen Plattenvertrag mit EMI America. Zwei Alben in zwei Jahren sollte dieser Vertrag vorerst umfassen. Nachdem er Anfang der 80er Jahre nebst seiner Tätigkeit als Studiotechniker und Produzent nur noch als Background-Sänger für Graham Bonnet oder die Bands Phoenix und America in Erscheinung getreten war, stellte das erste Album für EMI America im Jahre 1984 eine echte Ueberraschung dar. Russ Ballard war zurück und überraschte mit einer zeitgemässen, sehr transparenten und äusserst trocken produzierten Rockplatte, die gleichermassen Rock- wie Dancefloor-Fans bedienen sollte. Mit der brillianten instrumentalen Unterstützung etwa der beiden Jazzmusiker David Sancious und Mo Foster, sowie dem harten und knochentrocken hämmernden Schlagzeuger Simon Phillips präsentierte Ballard ein Album mit acht Songs der Extraklasse, die nun endlich einmal durchgängig hochkarätig gerieten und mit dem leicht hypnotisch wirkenden, stoisch wie eine Lokomotive vorwärts stampfenden und etwas geheimnisvoll arrangierten "Voices" auch einen Hit abwarf, der sowohl in den Rockbars, wie auch in den Tanzschuppen immer und immer wieder gespielt wurde.

Besonders auffallend waren bei dem wiederum nur als "Russ Ballard" betitelten Album die breiten Keyboardflächen, für welche Greg Sanders verantwortlich war. Mit seinen zumeist wenig solistisch arrangierten Flächen bot er Russ Ballard viel Freiraum für dessen tolle Leadgitarre, und sein Gesang stand dadurch auch stets treffsicher im Mittelpunkt. Aufgenommen vom renommierten David DeVore, der auch Scheiben von Santana, REO Speedwagon, Fleetwood Mac, Foreigner, Alice Cooper, ja gar von Grateful Dead aufgenommen hatte, abgemischt vom für seine Arbeiten an zahlreichen Alben von Bruce Springsteen bekannten Bob Clearmountain und gemastert vom legendären Sterling Sound-Master Bob Ludwig aus New York, geriet Russ Ballard ein fetter und dennoch total transparent klingender Dampfhammer, der vor allem mit dem bereits erwähnten "Voices" ziemlich grosse Wellen schlug. Das Album wurde weltweit vertrieben und auch sehr gut verkauft.

Neben "Voices" waren vor allem der Opener, das zäh rockende "I Can't Hear You No More", das nachfolgende, elegant und sehr rhythmisch rockende "In The Night" oder das im Tempo forcierte "Two Silhouettes" eine vier Songs umfassende A-Seite der LP, die einfach grossen Spass bereitete. Entgegen früherer Jahre, in welchen Russ Ballard schon auch mal den einen oder anderen Durchhänger auf seinen Platten bereithielt, wartete hier auch die zweite Seite der LP ausschliesslich mit grossartigen Songs auf. "A Woman Like You" geriet wiederum zu einem relativ schnellen, kommerziell absolut ansprechenden Rocker, ähnlich dem Stück "Two Silhouettes" auf der A-Seite der Platte. "Day To Day" überzeugte durch seine gemütliche, aber genauso trockene Grundstimmung, während beim forcierten "Playing With Fire" der Titel Programm war. Das letzte Stück "The Last Time" war als Rockballade einem entsprechenden Song etwa von Survivor nicht unähnlich aufgebaut, klang zwar einerseits recht pathetisch, glänzte aber auf der anderen Seite noch einmal mit einem äusserst transparenten Sound, der überhaupt nicht üppig oder überladen wirkte, wie das manchmal bei entsprechenden Rockballaden der Fall ist.

Russ Ballard legte im Folgejahr mit der zweiten Platte für EMI America mit dem Titel "The Fire Still Burns" nach und erreichte noch einmal einen recht guten Erfolg. Auch dort fanden sich mit "Once A Rebel", "Hey Bernadette", "Searching", "Time" und "Dream On" wiederum sehr gut produzierte Songs, die zwar den Künstler selbst als Multi-Instrumentalisten präsentierten, der gleichwohl die Gitarre, die Tasteninstrumente und den Bass beherrschte, auf der anderen Seite jedoch leider im Schlagzeuger Peter Van Hooke aus der Band von Van Morrison ein für die damalige Zeit typisches digitales Schlagzeug einsetzte, das vielen Stücken den erdigen Groove raubte, was die Platte letztlich wesentlich dünnbrüstiger anhören liess als den selbstbetitelten Vorgänger.

Das Album "Russ Ballard" von 1984 aber gehört zu den richtig guten Rockproduktionen der 80er Jahre, weil es einerseits auf bewährte Kompositionen setzte, stilistisch und klangmässig jederzeit aktuell wirkte, sich aber trotzdem nicht im sterilen und glattpolierten 80er Jahre Sound verlor. Russ Ballard verlor danach mangels höherer Verkaufszahlen seinen Plattenvertrag erneut, meldete sich erst acht Jahre später mit dem ansehnlichen "The Seer" zurück, das sich aber ebenfalls nur schlecht verkaufte. Danach dauerte es sogar 13 Jahre, bis er 2006 mit der Platte "Book Of Love" noch einmal einen wiederum nur wenig beachteten Versuch wagte. Seither ist es etwas still geworden um diesen Musiker, der während seiner gesamten Karriere wohl nie die Reputation erhalten hat, die ihm eigentlich zustehen würde, denn eines hat Russ Ballard keinesfalls je gemacht: Schlechte Musik. Zwei Reunions 2010 und 2013 seiner ehemaligen Band ARGENT brachten immerhin seinen Namen etwas zurück ins Bewusstsein der Rockfans, und 201aktuell präsentiert er mit "It's Good To Be Here" neues Songmaterial, das der mittlerweile über 70 jährige Musiker allerdings im Moment nur online über www.umumusic.com als Musikdatei oder als CD demnächst verkaufen wird. Darauf wird er auch ein Re-Make des Titels "Voices" präsentieren.




Aug 22, 2016


DAVE SHARP - Downtown America
(Dinosaur Entertainment 76401-84504-2, 1996)

Dieses hervorragende, wenn auch leider nur kaum beachtete zweite Solo-Album des ehemaligen Frontmann der britischen Band THE ALARM ist eine totale Abkehr vom hymnischen Anglo-Rock seiner ehemaligen Band. Wie der Titel schon verrät, ist hier die amerikanische Musik  des kleinen Mannes am Start, eine Art Bob Dylan, vermischt mit dem wundervollen Flair des Heartland Rock, der aber trotzdem mit einem ausgeprägten europäischen, streckenweise an Billy Bragg erinnernden Kern ausgestattet ist. Die Anwesenheit von ACE-Gitarrist David Grissom (John Mellencamp, James McMurtry, und viele andere) zementiert die betonte 'rootsy' Atmosphäre zusätzlich. Quasi-politische Statements über Amerika und all dessen Unzulänglichkeiten, vor allem von einem Ausländer dargeboten, ist oft schwer zu nehmen, aber zum Glück singt Sharp, den man durchaus als vollendeten Liedermacher bezeichnen kann, mit einem untrüglichen Blick und messerscharfen Verstand aus Überzeugung, mit viel Ehrlichkeit, sodass er am Ende mit seinen Geschichten immer glaubwürdig klingt. Eigentlich wünschte man sich einmal ein Bob Dylan-Album, das genau so in Szene gesetzt wird. Musikalisch ist Dave Sharp's Universum natürlich kein wirkliches Neuland, aber die versammelten Musiker hier spielen einen unbändigen und hemdsärmligen, nichtsdestotrotz extrem melodischen Roots-Rock, der vor allem dank der hervorragenden und taffen Produktion von Prairie Prince über viel Dynamik verfügt, kombiniert mit Sharp's Whiskey getränkter Stimme jederzeit einen gewissen Gemütlichkeitsfaktor erhält, den manchmal Bob Seger mit seiner Silver Bullet Band in dessen besten Momenten zelebrierte.

Nachdem sich die Band THE ALARM in den frühen 90er Jahren splittete, zog Dave Sharp nach New York. Er traf die Rockabilly-Band Barnstormers, und diese arbeitete mit ihm an seinem ersten Solo-Album "Hard Travellin'", das im Jahre 1991 erschien. Produziert von Bob Johnson, der mit Bob Dylan auf den klassischen Alben wie "Blonde On Blonde", "John Wesley Harding" und "Nashville Skyline" gearbeitet hatte, führte den britischen Musiker Sharp weg vom bisweilen recht hymnisch klingenden Sound seiner ehemligen Gruppe, hin zu typisch amierkanischen Roots-Rock und Folk-Mustern. "Hard Travellin'" wurde von Kritikern gelobt und die stilistische Nähe zu Dylan explizit erwähnt. Von 1991 bis 1993 tourte Dave Sharp die Vereinigten Staaten, sein zweites Album "Downtown America" erschien dann drei Jahre später.

Mit seinen Barnstormers machte sich Dave Sharp auf den Weg nach Grossbritannien. Die Tour wurde sehr gut aufgenommen, weshalb er sich Gedanken zu einem weiteren Album machte. Er beschloss, sofort nach dieser Tournee in die USA zurückzukehren, um mit der Arbeit an seinem zweiten Album zu starten. Der Musiker reiste nach New Orleans, das schien ihm der perfekte Ort zu sein, um an dem Nachfolger für "Hard Travelin'" zu arbeiten und obwohl nur geplant war, in New Orleans an den Songs für das Album zu arbeiten, liess sich Dave Sharp in der Stadt nieder, was dazu führte, dass er viel von der Geschichte und dem typischen Lebensgefühl der Menschen dort in seiner Musik und den Songtexten berücksichtigte. Nachdem die Aufnahmen im Kasten waren, ging Sharp mit den Bändern nach Kalifornien, um die Stücke mit seinem Produzenten Bob Johnston fertigzustellen. Die Arbeit mit den Barnstormers auf "Hard Travellin'" und mit Bob wieder auf "Downtown America" war erneut eine sehr inspirierende Erfahrung für den Musiker.

Sharp war lange Zeit von der Arbeit von Woody Guthrie inspiriert worden, und das politische Element seines Songwritings war mit den Jahren immer wichtiger für ihn geworden. Die Auflösung der Band ALARM wirkte daher sehr befreiend für den Musiker, der sich nun voll und ganz auf seine eigene künstlerische Ausdrucksform konzentrieren konnte und keinerlei kreative Kompromisse schliessen musste. Es war ihm durchaus bewusst, dass ihn dadurch eine Menge Arbeit erwarten würde, um sich als eigenständiger Singer/Songwriter profilieren zu können, zumal die Konkurrenz in diesem Bereich vor allem in Amerika ja nicht gerade klein ist. Die ganze amerikanische Landschaft, die bewegende und turbulente Geschichte dieses Landes, sowie seine Politik hat ihm letztlich dabei geholfen, sich auf relativ kritische Art mit allem auseinanderzusetzen, was ihn beschäftigte und was er damals fühlte. Zu Dave Sharp's persönlichen Highlights zählten die Farm Aid Konzerte und die sogenannten "Earth Day" Feiern, bei welchen er mit seiner Band gefeiert wurde. Sharp spielte auch in New York City im Juli 1992 vor 25000 Leuten im Central Park, die sich dort versammelt hatten, um den achtzigsten Geburtstag der  Folk-Legende Woody Guthrie zu feiern.

Die Platte "Downtown America", aufgenommen im selben Tonstudio, in welchem die legendären Credence Clearwater Revival ihre Aufnahmen gemacht hatten, warf unverhofft zwei Underground-Hits ab: "The Ghost Of Preacher Casey" und "Give Me Back My Job". Beide Songs wurden im amerikanischen Radio oft gespielt und führten zu Fernsehauftritten zumeist in Country-Sendungen mit Connections nach Nashville. Neben den beiden populärsten Songs des Albums bot die Platte jedoch ein Füllhorn phantastischer Songs, die immer im Bereich Roots Rock, Country-Rock und Americana angesiedelt waren und nicht selten, wie etwa im wunderschönen "Twistin' Wind"  an die guten alten Eagles erinnerten. Doch auch John Hiatt war zumindest stilistisch allgegenwärtig. Einige Songs wie zum Beispiel "It's A Mean Mean Hand" oder "The Last Fair Deal" könnten sich gut und gerne auch auf einem Hiatt-Album wiederfinden. Das leichte, durch die Perkussion von Tony Menjevar unterstützte "Road To Mexico" zeigte gar Latin Flair und vor allem konnte sich der weltberühmte Pianist Pete Sears (Quicksilver Messenger Service, Hot Tuna, Jefferson Airplane und Starship) perfekt in Szene setzen. Seine Piano- und Orgellinien verliehen allen Songs einen perfekten Glanz. Jimmy Pugh an der Hammond B3 setzte weitere bemerkenswerte Akzente, beispielsweise im tollen Roots Rocker "Drive These Blues Away" oder in "Give Me Back My Job". Pugh spielte in der Robert Cray Band und bei John Campbell, John Lee Hooker und B.B. King in deren Bands.

Der ausführende Produzent Prairie Prince, mit bürgerlichem Namen Charles Lenprere Prince Jr., der auf dem Album "Downtown America" auch Schlagzeug spielte, konnte seinerseits schon zu dem Zeitpunkt der Aufnahmen zum Album auf eine lange Karriere zurückblicken. Er sang und spielte beispielsweise bei den Tubes, bei der Surf Legende Dick Dale, bei XTC und im breiteren Umfeld von Grateful Dead. Er war mit den uramerikanischen Sound-Traditionen bestens vertraut und Dave Sharp hatte daher für sein zweites Werk die optimale Crew zusammengetrommelt. Eigentlich ist es aus heutiger Sicht nur schwer zu verstehen, warum dieses brilliante Album, das zudem noch erstklassig klingt, nicht eine breitere Resonanz gefunden hat.

Dave Sharp hat sich damit allerdings nie schwer getan. Er spielt nachwievor seine hervorragende 'rootsy' Musik und hat über seine eigene Webseite auch immer mal wieder limitiert gepresste CDs für seine Fans nachgelegt mit Musik, die einfach Freude macht. Nur ein grösserer Deal mit einer Plattenfirma blieb ihm leider versagt.

https://soundcloud.com/ian-francis-7/09-twistin-wind-dave-sharp-downtown-america