Jun 16, 2022


NEIL YOUNG - This Note's For You (Reprise Records 9 25719-2, 1988)

"This Note's For You" war das siebzehnte Studioalbum des kanadischen Musikers Neil Young, veröffentlicht am 11. April 1988 auf Reprise. Es wurde ursprünglich als 'Neil Young & The Bluenotes' vermarktet. Ein Teil des Konzepts des Albums konzentrierte sich auf die masslose Verkommerzialisierung des Rock'n'Roll und insbesondere auf Tourneen (der Titelsong ist ein zynischer sozialer Kommentar zum übermächtigen Sponsorentum, das oft aufgrund der Mitfinanzierung grosser Kulturanlässe in den Vordergrund drängt). Die Musik auf dem Werk fiel vor allem durch den Einsatz einer Bläsergruppe auf, die konstant präsent war. Die Platte markierte Young's Rückkehr zu der kurz zuvor reaktivierten Plattenfirma Reprise Records. Im Jahre 2015 veröffentlichte Young ein Live-Album einer Tour, auf welcher er unter dem Titel 'Bluenote Café' Konzertadaptionen der Songs des Albums von 1988 präsentierte.

"This Note's For You" gilt als Neil Youngs gelungenstes Stil-Experiment und war seine erste Platte bei seinem alten Label Reprise Records, nachdem Neil Young seine vor allem aus seiner Sicht enttäuschende Zusammenarbeit mit dem Label Geffen Records beendet hatte. Young setzte sich einen Fedora-Hut und eine Sonnenbrille auf, reduzierte seinen Verstärker-Park auf einen alten, abgenutzten Silvertone Amplifier und scharte eine neunköpfige Band namens The Bluenotes um sich, welcher allein sechs Bläser angehörten, darunter Young's Gitarrentechniker Larry Cragg und der Multi-Instrumentalist Ben Keith. Die zweite Gitarre spielte Frank "Poncho" Sampedro, Young's alter Kumpel aus der Zeit mit der Band Crazy Horse, und auf die Rhythmusgruppe aus Chad Chromwell und Rick Rosas griff er in der Zeit nach "This Note's For You" immer wieder gerne zurück.

"Ten Men Working", der Opener, machte unmisverständlich klar, wohin die musikalische Reise bei diesem Werk gehen sollte: Authentischer Rhythm & Blues mit prägnanten Bläsersätzen. Man fühlte sich nicht nur wegen Young's Sonnenbrille an die Blues Brothers erinnert. "Well we work all day, then we work all night. We got to keep you dancin', gotta make you feel alright". Neil Young klang hier richtig bodenständig und vermied jedwelche countyaffinen Klänge oder gar experimentelle Elemente. Diese Musik klang nach einer eleganten versierten Band, die noch einmal voll Fahrt aufnehmen wollte: Eine vom technischen Standpunkt aus gesehen sehr gute Altherrentruppe. Die optimal dazu passende Pose des zwielichtigen Bandleaders Shakey Deal, Neil Young's Pseudonym für diese Rolle, passte wie die Faust auf's Auge und sorgte schon mal für eine wohldosierte Prise Humor. Bei aller Ernsthaftigkeit war Neil Young auch imemr ein sarkastischer Künstler, der zynische Momente gerne und oft in seine Werke einbaute, nur um oftmals eine Musikindustrie zu entlarven, bei der sich um mehr Schein als Sein dreht.

Dazu dann die passenden Songs: Manchmal fast emotionslose, aber perfekt inszenierte Blues-, Rhythm'n'Blues- und Rocknummern, die stellenweise in ihrer Machart etwas an sein ebenso leicht vergackeierndes Rock'n'Roll-Experiment "Everybody's Rockin'" erinnerten, aber handwerklich geriet "This Note's For You" ungleich besser. Vor allem Young's Gitarrenspiel versetzte den geneigten Hörer bisweilen in Erstaunen. Frank Sampedro sagte im Musik-Dokumentarfilm 'Year Of The Horse' an einer Stelle, dass Neil Young bei Crazy Horse nicht so gut zu sein brauchte wie bei anderen Line-Ups, und das war gut beobachtet. Auf "This Note's For You" spielte Young fast cleane bis leicht angefahrene Sounds und klang für seine Verhältnisse ziemlich vintage und klassisch, was letztlich viel zur Authentizität der gebotenen Musik beitrug.

Natürlich spielte Neil Young auch auf "This Note's For You" seinen unverwechselbaren Stil, und der basierte auch hier auf Tonleitern, aber das musikalische Konzept gestattete ihm, seine introspektive, zurückgenommene, durchaus auch kontrollierte Seite viel mehr auszuspielen als auf anderen seiner Platten. Mit dieser Vortragsweise dürften auch jene Hörer klar gekommen sein, die sonst eher auf die Gediegenheit eines Eric Clapton standen. Ob man solcherlei allerdings von Neil Young hören wollte, war letztlich natürlich auch wieder Geschmackssache, aber die Schönheit des Einfachen, von Anfang an Merkmal seiner gesamten Kunst, strahlte auf "This Note's For You" sehr pur, sehr unverrostet, stellenweise lyrisch durch die Lücken, die von den ganzen gute Laune verbreitenden Trompeten gelassen wurden. Bemerkenswert war das bei einer eher kühl kingenden Platte, auch wenn Neil Young's Intentionen hier nicht weniger aufrichtig waren als sonst.

Die besten Momente der Platte waren "Coupe De Ville", in seiner Machart fast eine Jazz-Ballade, was man Neil Young wohl doch eher nicht zugetraut hätte, das dynamisch rockende "Life In The City", und bei "Can't Believe Your Lyin'" oder "One Thing" kam eine bluesige Moodyness ins Spiel, deren verrauchte Glaubwürdigkeit einen richtiggehend in ihren Bann zog. Die eigentlichen Highlights sollten aber gar nicht auf dem Album, sondern auf den unter Fans hoch gehandelten Bootlegs der damaligen Tourneen zu finden sein. Das vitriolische "Sixty To Zero" tauchte immerhin ein Jahr später auf "Freedom" auf, und "Ordinary People" fand seinen Weg auf "Chrome Dreams II".

Das Titelstück erlangte einige Berühmtheit, weil es Sponsoring im Rock-Business kritisierte. MTV setzte das Video, in welchem ein Whitney Houston-Lookalike per Bierdusche einen brennenden Michael Jackson rettete, wegen seines satirischen Umgangs mit diversen Marken auf die rote Liste. "What does the M in MTV stand for: Music or Money ?" fragte Young daraufhin in einem offenen Brief. Mit dieser Aktion handelte er sich wahrscheinlich mehr Sympathien ein, als mit all seinen seit Ende der 70er Jahre veröffentlichten Platten zusammen. Am Ende gewann "This Note's For You" sogar einen Award als "Video Of The Year". Und Youngs Karriere nahm wieder Fahrt auf. Kleine interessante Randnotiz: Als der Bandleader Harold Melvin, der Gründer der Rhythm'n'Blues-Band 'Harold Melvin And The Blue Notes', eine Klage vor Gericht einreichte, weil Neil Young den Bandnamen 'Bluenotes' verwendete, wurde das Werk später als Neil Young-Platte vermarktet - der Name Bluenotes stand dann nicht mehr auf dem Plattencover. Er nannte seine Begleitband hierauf Ten Men Workin', nach dem gleichnamigen Opener des Albums.










TEDESCHI TRUCKS BAND - I Am The Moon (Fantasy Records, 2022)

Da der wunderschöne Song "Hear My Dear" dieser Tage gerade mein aktueller Lieblings-Titel ist, der mich sanft in den beginnenden Sommer begleitet, möchte ich gerne das Projekt "I Am The Moon" der Tedeschi Trucks Band, aus welchem dieser Song stammt, etwas näher beleuchten. Eine vierteilige Albumserie mit mehr als zwei Stunden Musik und zwei Dutzend Liedern, die von einem alten persischen Gedicht inspiriert sind ? Mit einem Begleitfilm für jeden Teil ? Das ist fast schon kühn zu nennen. Aber auch ganz im Zeichen der Tedeschi Trucks Band. "I Am The Moon" ist ein episches Unterfangen in vier Alben mit 24 Original-Songs. Inspiriert von einer mythischen persischen Geschichte über ein unglücklich verliebtes Paar und emotional getrieben von der Isolation und Abgeschiedenheit der Pandemie-Ära, umfasst das thematische "I Am The Moon" mehr als zwei Stunden Musik, die das geschätzte amerikanische Ensemble in neues und aufregendes kreatives Territorium führen.

Susan Tedeschi und Derek Trucks demonstrierten ihre Kühnheit bereits 2010, als sie das 12-köpfige Kollektiv gründeten, das in der grossen organischen Tradition der Allman Brothers Band (in der Derek Trucks, der Neffe ihres verstorbenen Schlagzeugers Butch Trucks, von 1999 bis 2014 spielte) stand. Grateful Dead, The Band, Leon Russell's Hello People und andere dieser Sorte bestimmen schon seit einigen Jahren den musikalischen Weg der Tedeschi Trucks Band. Sie sind in den vier vorangegangenen Studioalben nicht vom Weg abgewichen, aber mit "I Am The Moon" verdoppeln sie ihren kreativen Ehrgeiz und reissen alle Mauern ein, die vielleicht noch vor ihnen stehen. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Aber die Kombination aus musikalischer Exzellenz und Wagemut der Gruppe wird nicht geleugnet, was "I Am The Moon" in all seiner unmissverständlich nachsichtigen Grösse zu einem karriere-bestimmenden Werk macht.

Das Projekt bietet eine epische musikalische Interpretation von "Layla & Majnun", einem Gedicht aus dem 12. Jahrhundert von Nizami Ganjavi, das auch Ausgangsmaterial für "Layla" von Derek und den Dominos war. (Trucks tourte mit Eric Clapton, und die Tedeschi Trucks Band veröffentlichte letztes Jahr eine wundervolle Live-Version von "Layla And Other Assorted Love Songs" auf "Layla: Revisited (Live at Lockin')" als Live-Spektakel erster Güte. "I Am The Moon" taucht noch tiefer in die 90 Seiten des Gedichts ein, um Themen zu erkunden von zwischenmenschlichen Beziehungen (romantischen und anderen), Glauben, Sehnsucht und der Suche nach Höherem. Die erste Musikreihe auf "I Am the Moon - I. Crescent" folgt diesem Beispiel, mit akribisch ausgearbeiteten Arrangements und die immer noch locker genug sind, um sich wie beseligende Improvisationen anzufühlen.

Die fünf Songs von "Crescent" sind mit 36 Minuten der zweitlängste der vier Teile von "I Am the Moon", von denen jeder wie ein eigenständiges Album aus der ursprünglichen Vinyl-Blütezeit wirken soll. Das eröffnende "Hear My Dear" gibt den Ton an, mit einem gefühlvollen Groove, der in Susan Tedeschi's Gesangs-Melodie eindringt (und auf den gleichnamigen Song und das gleichnamige Album von Marvin Gaye anspielt), während Derek Trucks und Keyboarder Gabe Dixon daneben Füllungen tauschen. Die Blechbläser sind sanft, und der Song baut sich auf und schwillt an, als würden sich die Musiker langsam an den Song ran tasten.

Das von Mike Mattison gesungene "Fall In" ist ein verspielter New Orleans Second-Line-Marschsong, der von Trucks’ National Steel-Slide getragen wird, während das titelgebende Stück "I Am The Moon" ein schwebendes, elegisches Feeling à la Bob Dylan's "Knockin' On Heaven's Door". "Circles 'Round The Sun" findet Susan Tedeschi in einem unruhigen, fragenden Modus ("Sag mir, was hat Liebe verdient ?"), während Gitarre und Blechbläser in das Arrangement ein- und ausstechen, was zu einem fröhlich formlosen Jam führt, der den Track zu seinem Ende leitet.

Dann gibt es noch das über 12 Minuten lange "Pasaquan", ein Epos im Epos und das einzige Instrumentalstück auf "I Am The Moon"-Projekt. Benannt nach einem Folk-Gelände in Georgia in der Nähe des Hauses der Trucks, breitet es sich durch Sumpfrock, Free Jazz (einschliesslich eines Schlagzeugsolos) und Psyhedelica aus, eine Klangküche, die bei aufeinanderfolgendem Hören neue Klänge und Texturen hervorbringt. Selbst in seiner kurzen Laufzeit ist "Crescent" ein reichhaltiges Eintauchen und eine Art Spiessrutenlauf, der dem Hörer viel zu glauben gibt, und einen Hinweis darauf, wie viel noch vor ihm liegt. Es erfordert sicherlich eine Investition von Zeit und Aufmerksamkeit, man wird aber mit einem Sommer voller musikalischer Abenteuer belohnt.

"I Am The Moon" besteht aus den vier Teilen:

• I. Crescent
• II. Ascension
• III. The Fall
• IV. Farewell

die zwischen Anfang Juni und Ende August veröffentlicht werden.

Vorerst wird es die vier Teile nur als CD's zu kaufen geben. Alle Vinyl-Varianten, einschliesslich einzelner LP's und der 4-LP "I Am The Moon"-Deluxe Box werden dann am 9. September veröffentlicht.







RY COODER - Paradise And Lunch (Reprise Records MS 2179, 1974)

Mit "Paradise And Lunch" hatte Ry Cooder im Juni 1974 ein feines Roots-Album veröffentlicht, das sich in wesentlichen Merkmalen recht deutlich von seinen bisherigen drei Alben unterschied. Seine vierte LP, welche zwar keine Charts-Erfolge verbuchen konnte, geniesst dennoch unter den Ry Cooder Fans ein hohes Ansehen. Der Grund dürfte in der relativen Vielseitigkeit dieser Platte liegen. Ry Cooder präsentierte sich hier nicht nur als der begnadete Slidegitarren-Spieler, als den man ihn bis anhin kannte, sondern er zeigte seine Fähigkeiten auch an der akustischen Gitarre und insbesondere an der Mandoline. Durch diese zusätzlichen Saiteninstrumente erhielt "Paradie And Lunch" einen wesentlich stärkeren Tex-Mex Appeal als seine bisherigen Alben. Dazu passten dann auch die entsprechenden Songs wie etwa die Coverversion des von Burt Bacharach geschriebenen "Mexican Divorce", das ein herrlich träumerisch-trauriges Stück Mariachi-Musik zeigte, oder auch das nicht minder romantische Eingangsstück "Tamp 'Em Up Solid", einem uralten traditionellen Blues, den Cooder mit einem schönen Eisenbahner-Tramp-Groove versah. 

Doch das Hauptmarkenzeichen dieser wunderbaren Platte war die Reise durch das Land Amerika und die Musik seiner Bewohner. Die neun Songs repräsentierten nämlich ausschliesslich alte Traditionals, alte Bluesnummern und Ausflüge in Gospel und traditionellen Folk. Die Reise ging dabei auch bis nach Mexiko und wieder zurück über den Mississippi in die Weiten der amerikanischen Landschaften. Die verwendeten Instrumente passten dazu perfekt, die Bilder von Feldarbeitern, alten Männern auf der Veranda und alten Autos, also den typischen Klischees zu Blues und Folk, entstanden damit unweigerlich im Kopf des Hörers. Kein Anderer als Ry Cooder konnte dieses Flair entstehen lassen, diesen relaxten Sound, der so tief in der amerikanischen Roots-Musik verwurzelt war.Cooder bewies auch mit der Wahl seiner Coversongs ein sicheres Händchen. Er schielte nicht auf sattsam bekannte Nummern, um sie zum x-ten mal zu covern, sondern entschied sich für teils eher weniger bekannte Titel und gab diesen auch seine unverwechselbare stilistische Note, die manchem Song am Ende ein völlig neues Gesicht gab. Die Arrangements waren mit vorwiegend akustischen Instrumenten und einer ganzen Reihe von Sängern inszeniert, die im Chorus den Blues- und Gospel-Faktor eindrücklich und authentisch zu unterstreichen verstanden. Der musikalische Höhepunkt dürfte dabei die letzte Nummer der Platte gewesen sein, auch wenn es sich hierbei nur um ein Duett handelte: "Ditty Wa Ditty" mit Ry Cooder an der Gitarre und dem 71-jährigen Bluesveteran Earl Hines am Klavier. Ein wunderschöner Ragtime, der das Herz berührte.

Sehr herzlich geriet auch das von Bobby und Shirley Womack komponierte Soul-Stück "It's All Over Now", das einen leicht verschleppten Reggae-Rhythmus aufwies, der mit leichtem Calypso-Feeling eine tolle Urlaubsstimmung verbreiten konnte, dabei aber auch sehr elegant und keinesfalls nach Billigreisen schmeckte. Der bekannte Bluesmusiker Ronnie Barron setzte bei dem Stück mit seinem lüpfigen Klavierspiel prägnante Akzente. Ueberhaupt zeigten alle beteiligten Musiker hier eine perfekte Performance. Cooder war in den Staaten bereits etabliert genug, dass er eine Reihe hochklassiger Musiker aufbieten konnte, wenn er sich ins Tonstudio begab. Hier waren neben den bereits erwähnten Ronnie Barron und Earl Hines auch der Bassist Chris Etheridge, die Schlagzeuger Jim Keltner und Milt Holland, der Saxophonist Plas Johnson, der Kornett spielende Oscar Brashear und die Background-Sänger und -Sängerinnen Bobby King, Gene Mumford, Bill Johnson, George McCurn, Walter Cook, Richard Jones und Karl Russell dabei. Die von Russ Titelman, der auch bei einigen Stücken den Bass spielte und ebenfalls mitsang und Lenny Waronker produzierte Platte überzeugte neben den Songs und den Arrangements auch durch die brilliante und transparente Produktion.

Das Album vereinte letztlich geliehene Songs verschiedenster Stilrichtungen, präsentierte dabei Jazz, Blues und Rootstitel, alte Standards aus dem grossen amerikanischen Songbook, wie auch kleine Obskuritäten, die weitgehend unbekannt waren, von Ry Cooder aber perfekt in Szene gesetzt wurden. So war zum Beispiel auch die eher wenig bekannte Nummer "The Tattler" von Washington Phillips auf dem Werk zu finden. Der Song erhielt erst durch die Version von Ry Cooder überhaupt ein grösseres Airplay, das später sogar noch grösser wurde, als die Country- und Rock-Sängerin Linda Ronstadt diesen Titel 1976, also zwei Jahre nach Ry Cooder, für ihr Album "Hasten Down The Wind" berücksichtigte. Bobby Miller's "If Walls Could Talk" war auch so eine eher wenig populäre Nummer, der Ry Cooder ein wunderschönes Country-Flair verpasste. Daneben fanden sich aber zum Beispiel mit den wesentlich populäreren Songs wie dem Gospel-Klassiker "Jesus On The Mainline" oder dem Blues Traditional "Fool For A Cigarette" auch Songs, die weitherum bekannt waren und sind. Cooder gab diesen Titeln jedoch stilistisch in ein völlig neues Gewand, ungewöhnlich arrangiert und instrumental von Feinheiten dominiert, klangen diese Songs hier wesentlich ausgeklügelter und differenzierter als die ursprünglich eher monotonen Traditionals.

Das ungewöhnliche Arrangieren seiner Songs hat Ry Cooder allerdings in seiner ganzen Karriere immer wieder ausgezeichnet. Im Verbund mit den Produzenten Russ Titelman und Lenny Waronker hatte dieses Zusammenspiel einen wirklichen Höhepunkt generiert, sodass es ausserordentlich schade ist, dass es diese brilliante Platte damals nicht in die amerikanischen Top 100 schaffte. Heute geniesst dieses Werk einen wesentlich höheren Stellenwert, nicht nur im Werk des Künstlers Ry Cooder, sondern ganz allgemein auch in dem musikalischen Bereich der Rootsmusik. Kritiker sehen in dem Album heute rückwirkend betrachtet einen ersten bedeutungsvollen Höhepunkt eines Musikstils, der sich erst Jahre später zu etablieren begann. Sich so auf die uramerikanischen Musik-Wurzeln zu besinnen, und diesen musikalischen Wurzeln ein ebenso passendes wie zeitgenössisches Aussehen zu verpassen, gelang damals niemandem so nachhaltig wie Ry Cooder. Insofern ist "Paradise And Lunch" nicht nur ein hervorragendes Stück Musik, sondern auch ein Wegbereiter für einen Musikstil, der erst einige Jahre später den grossen Durchbruch erlangte.











Jun 4, 2022


ROY BUCHANAN - You're Not Alone (Atlantic Records SD 19170, 1978)

Für sehr stilvollen, eleganten Blues mit viel Feeling, dafür stand der Gitarrist Roy Buchanan Zeit seines Lebens. Zumeist etwas im Schatten der grossen Meister dieses Genres verstand es der Musiker stets zu begeistern. Ob im eher ruhigeren Blues, oder im währschaften Blues Rock: Buchanan war überall zuhause. Trotzdem war sein Wiedererkennungswert sehr hoch. Der Gitarrist war immer unter Vielen seiner Zunft klar herauszuhören. Deshalb überraschte dieses 1978 veröffentlichte Album nicht wenige Fans, die zum Teil auch recht konsterniert auf die Veröffentlichung reagierten. Hier hatte Roy Buchanan in den USA mit einigen hochkarätigen Studiomusikern ein Experiment gewagt, das er mit seiner Tourband wohl so konsequent nicht hätte umsetzen können. Roy Buchanan klang auf dem Werk "You're Not Alone" ziemlich ähnlich wie Pink Floyd. Sehr sphärisch, was dem zeitweise üppigen Einsatz von spacigen Synthesizerklängen geschuldet war, auf der anderen Seite aber auch mit teils frappant an David Gilmour erinnernden Gitarrenläufen, die der Musiker aber eigentlich auch sonst schon immer als sein Markenzeichen präsentierte, nur eben nicht in dieser stilistischen Art. Bei manch einem der fast überwiegend langen Songs, hört man Mitt-Siebziger Klänge von Pink Floyd, was die Blues-Puristen damals wohl zugegebenermassen wenn nicht verschreckte, dann doch zumindest überrascht haben dürfte. Allein: Wenn man wie ich dieses Werk als das erste von Roy Buchanan kennengelernt hat, dann hat man wohl einen etwas objektiveren Bezug zu diesem Ausnahmekünstler. Ich kannte Roy Buchanan vor dieser Veröffentlichung in der Tat bloss dem Namen nach. Seine Werke kannte ich bis dahin nicht.

Ungewöhnlich wie diese Platte war auch der Lebensweg von Roy Buchanan. Der am 23. September 1939 in Ozark, Arkansas geborene spätere Meister und Pionier der Fender Telecaster Gitarre, zog im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Pixley in Kalifornien, wo sein Vater Arbeit auf einer Farm gefunden hatte. Mit neun Jahren bekam er von seinen Eltern seine erste Gitarre. Trotz mehrerer Jahre Unterricht lernte Buchanan nie Noten zu lesen, sondern spielte rein nach Gehör. Als die am perfektesten zu ihm passende Gitarre entpuppte sich die legendäre Fender Telecaster. Mit 12 Jahren bekam Buchanan sein erstes Engagement in einer örtlichen Band, den Waw Keen Valley Boys. Mit 16 zog er zu seinen älteren Geschwistern nach Los Angeles, wo er bei den Heartbeats spielte, zusammen mit Spencer Dryden, der später bei Jefferson Airplane und den New Riders Of The Purple Sage als Schlagzeuger bekannt wurde. Höhepunkt der Heartbeats war der Auftritt in dem Film "Rock Pretty Baby". Seine nächste Band war Oklahoma Bandstand in Tulsa, bevor er drei Jahre in der Begleitband von Dale Hawkins spielte, der 1958 mit "My Babe" seinen grössten Hit feiern konnte. Danach war Roy Buchanan unter anderem für Ronnie Hawkins, The Coasters, Frankie Avalon und Eddie Cochran tätig.

1961 heiratete Buchanan Judy Owens und wohnte mit ihr zunächst in der Nähe von Washington, D.C. In den folgenden Jahren war er nicht im Musikgeschäft aktiv. Erst ab 1969 trat er wieder in kleineren Clubs im Grossraum Philadelphia/Washington auf. 1970 fand er in verschiedenen Zeitungen und schliesslich im Magazin Rolling Stone Erwähnung, nicht zuletzt, da er 1969 angeblich als Nachfolgemusiker für den Rolling Stones-Gitarristen Brian Jones gehandelt wurde, ein Angebot, das er allerdings ablehnte. 1971 machte ihn eine Fernsehsendung mit dem Titel "Introducing Roy Buchanan" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Erst in den 70er Jahren erschien dann eine Reihe von Alben, die teilweise recht erfolgreich waren, überzeugen konnte er aber nur als Gitarrist, nicht als Sänger. Er galt bei manchen als der "beste unbekannte Bluesgitarrist". Es folgten zahlreiche Tourneen und Konzerte, bis Buchanan sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre aus dem Plattengeschäft zurückzog. Zuvor allerdings verblüffte er seine Fans noch einmal mit einem ebenso grossartigen, wie ungewöhnlichen Werk, der Platte "You're Not Alone".


Unter den Fittichen von Produzent Raymond Silva ging Roy Buchanan 1978 ins Atlantic Studio in New York und griff auf zwei der damals bereits hochkarätigsten Sessions- und Studiomusiker zurück, nämlich auf den Top-Bassisten Willie Weeks, der zuvor beim ersten Soloalbum von Steve Winwood beschäftigt war und früher auch in der Band von Donny Hathaway mitgespielt hatte und auf den Schlagzeuger Andrew Newmark, dessen Künste zuerst bei Sly & The Family Stone aufgefallen waren, und der später unter anderem von Eric Clapton, George Harrison, Pink Floyd (sic!) und David Gilmour verpflichtet wurde. Als zweiter Gitarrist wurde Ray Gomez aufgeboten. Gomez startete seine musikalische Karriere ursprünglich als Perkussionist, wechselte danach aber zur Gitarre und lernte Jazz. Er spielte unter anderem auf dem bekannten Album "School Days" von Stanley Clarke mit. Als einflussreichster Beteiligter darf allerdings Jean Roussel genannt werden. Der Producer und Arrangeur steuerte sämtliche Keyboard-Arrangements bei und verlieh der Platte diesen sphärischen und das Werk dominierenden Touch. Mit solchem Instrumentarium hatte Buchanan zuvor noch nie gearbeitet und hat es auch danach nicht mehr gemacht. Darum ist diese Platte so einzigartig im Gesamtwerk dieses Gitarristen.

Der Einstieg in das Album war denn auch sehr sphärisch, nannte sich "The Opening...Miles From Earth" und leitete nach zwei Minuten über in den ersten Song "Turn To Stone", der eine Ueberraschung darstellte: Er klang richtig hart rockend und war eine Neuauflage des bekannten Titels aus der Feder von Joe Walsh, dem Roy Buchanan neben dem eher nahe am Original gehaltenen Grundriff eine herrlich bluesige und sphärische, fast jazzig wirkende Solierung folgen liess, die diesem Titel zwar irgendwie den Rock-Groove nahm, den Song insgesamt jedoch ganz klar aufwertete gegenüber dem Original von Joe Walsh. Das nachfolgende "Fly Night Bird" war dann Pink Floyd pur. Hier dominierte Buchanan's Leadgitarre mit langgezogenen Solo-Klängen ganz in der Tradition von David Gilmour. Hier meinte man zum erstenmal, einer bislang nicht bekannten Floyd-Nummer zu lauschen, so nahe war dieses Stück an Gilmour's Band gehalten. Der die erste LP-Seite beschliessende Kracher "1841 Shuffle" indes zeigte dann eher wieder den typisch forschen Buchanan-Bluesrock Stil.

Die B-Seite der Platte eröffnete mit einer absolut meisterhaften Coverversion des Neil Young Titels "Down By The River". Von dem Song gibt es zahlreiche Coverversionen anderer Bands und Musiker, und wenn mir persönlich bis dato jene Variante der Band Majic Ship am besten gefallen hatte, so kam nun auf jeden Fall dicht dahinter und noch vor dem Original von Neil Young diese Version von Roy Buchanan. Eine wundervoll gefühlvolle Inszenierung dieser Nummer, die mit aussergewöhnlich gutem und für Roy Buchanan eher untypischem Gesang ausgestattet war, für den die Sänger und Sängerinnen Gary St. Clair (Leadstimme), David Lasley, Krystal Davis, Alfa Anderson und Schmusemeister Luther Vandross verantwortlich zeichneten. Grossartig bei diesem Stück dann auch wieder die schier endlos in die Länge gezogene Solo-Reise von Roy Buchanan. Das anschliessende "Supernova" darf eher als kürzeres Zwischenspiel angesehen werden, bevor es mit dem letzten Longtrack "You're Not Alone" das Titelstück zu hören gibt, das wieder gänzlich Pink Floyd-Flair verströmt. Dieser wiederum sehr sphärisch ausgelegte Song beschliesst mit einem langen Ausklang ein ebenso stimmungsvolles, wie verträumtes und hochklassiges Album, das in der Discographie von Roy Buchanan einzigartig blieb, was eigentlich schade ist. Viele Fans des Musikers konnten erst nach Jahren mit dem Werk ihren Frieden schliessen, weil der Gitarrist darauf stark von seinen eigenen Wurzeln abwich. Es gibt aber auch die anderen, weniger puristischen Musikfans, welche dieses Werk schlicht für das Beste halten, was Roy Buchanan überhaupt veröffentlicht hat. Ich gehöre eindeutig zu Letzeren, auch wenn ich Buchanan's sonstiges Oeuvre gleichermassen schätze.

Nach diesem Album war Buchanan nicht mehr so produktiv. In den gesamten 80er Jahren veröffentlichte er nur vier, allerdings recht erfolgreiche weitere Alben. Auf dem 1981 veröffentlichten "My Babe" war als Schlagzeuger Danny Brubeck, ein Sohn von Dave Brubeck zu hören. 1985 erschien das Album "When A Guitar Plays The Blues", das sich 13 Wochen in den Billboard-Charts hielt und für einen Grammy nominiert wurde. Buchanan kam des Öfteren mit dem Gesetz in Konflikt und hatte grosse Alkoholprobleme. Am 14. August 1988 wurde der Musiker nach einem schweren Streit mit seiner Frau wegen Trunkenheit festgenommen. Später wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden, laut offiziellem Bericht hatte er sich mit dem eigenen Hemd erhängt. Bis heute sind die Umstände seines Todes Gegenstand zahlreicher Spekulationen. "You're Not Alone" ist bis heute mein Lieblingsalbum dieses Musikers geblieben, auch wenn ich viele seiner Werke inzwischen für unverzichtbar halte, wie etwa die beeindruckenden Live-Alben "Live Stock" und "Live In Japan". Neben der "You're Not Alone" würde ich als Studioalben seine Platten "Second Album" von 1973 und die bereits erwähnte LP "When A Guitar Plays The Blues" von 1985 empfehlen.










May 27, 2022


COSMIC TRAVELERS - Live! At The Spring Crater Celebration
Diamond Head Oahu Hawaii (Volcano Records CT 00004, 1972)

"We are travelers on a cosmic journey, Stardust, swirling and dancing in the eddies and whirlpools of infinity. Life is eternal We have stopped for a moment to encounter each other, to meet, to love, to share. This is a precious moment. It is a little parenthesis in eternity." (Paulo Coetho, The Alchemist). The Cosmic Travelers ist ein sehr rares, originales Live Album, das im Jahre 1972 in einer Kleinauflage von nur 1000 Exemplaren auf dem unbekannten Label Volcano Records veröffentlicht worden war. Die brillianten Aufnahmen dieser grossartigen Live Jam wurden an der sogenannten "Spring Crater Celebration in the Diamond Head Volcano" in Oahu, Hawaii am 1. April 1972 aufgezeichnet. Das Happening, bei welchem etliche weitere und vor allem auch bekanntere Bands auftraten, war von drei Geschäftsleuten aus Spass an der Freude organisiert worden: Tom Moffat, Ken Rosene und Herb Brentlinger. Das Interessante an den Cosmic Travelers war, dass die Gruppe als Headliner am Schluss dieses Festivals spielten und es praktisch Niemanden im Publikum gab, der diese Band kannte. Sie war eigentlich auch gar keine richtige Band, sondern ein reines Fun-Projekt einiger - allerdings absolut grossartiger - Studiomusiker, die schon ab und zu mal gemeinsam in diversen musikalischen Projekten gespielt hatten.

Die Musiker der Cosmic Travelers stammten alle aus der näheren Umgebung von Los Angeles, hatten dort auch ihr ständiges Arbeitsumfeld und hiessen Jimmy McGhee, Dale "Mule" Loyola, Joel Christie und Drake Levin. Jimmy McGhee hatte zum Zeitpunkt des Cosmic Travelers Projekts bereits mit Stars wie Gene Redding und Etta James zusammengearbeitet. Dale "Mule" Loyola war an Aufnahmen der Gruppe Hook beteiligt und Joel Christie und Drake Levin waren Begleitmusiker des hervorragenden Musikers Lee Michaels. Drake Levin war aber zuvor auch schon der Lead Gitarrist der legendären Band Paul Revere And The Raiders. Schon seit den frühen Tagen dieser Band war er mit dabei, spielte sich im Laufe der Zeit einen guten Namen auch als Studiomusiker ein und konnte mit den Raiders deren grösste kommerzielle Erfolge feiern - von Auftritten bei Dick Clark's "Where The Action Is", bis zu den Aufnahmen der grössten Hits der Raiders. Nachdem er die Raiders verliess, war Drake auch Mitglied der Gruppe The Brotherhood, bei welcher mit Phillip Volk und Michael "Smitty" Smith zwei weitere ehemalige Raiders-Musiker mitspielten.

Das Festival in Hawaii, von dem diese Aufnahmen stammen, markierte gleichzeitig - man will es kaum glauben angesichts der grossartigen Qualität ihrer Musik - das erste Mal, dass diese vier hervorragenden Musiker überhaupt zusammen auf einer Bühne standen und miteinander spielten. Sie erhielten den Zuschlag als Headliner des Festivals und ihr Auftirtt wurde live mitrgeschnitten, nachdem die vier Musiker lediglich vier Tage Zeit hatten, um sich näher klennenzulernen und sich dabei gemeinsam "einzuspielen". Ihr rockiger Sound, der vor allem von Jimmy McGhee's und Drake Levin's getragenen Gitarren Riffs präsentiert wurde, war absolut meisterhaft und begeisterte das Publikum, das kaum glauben konnte, dass hier eine Band spielen soll, die es eigentlich gar nicht gibt. Es hörte und fühlte sich tatsächlich so an, als wären hier vier eingeschworene Musiker zu Gange, die einander schon seit Ewigkeiten kennen und gemeinsam musizieren. Ausserdem präsentierte die Band einen fast perfekt arrangierten mehrstimmigen Gesang, für den drei der vier Musiker verantwortlich zeichneten: Joel Christie, Jimmy McGhee und Dale "Mule" Loyola. Mit The Cosmic Travelers wählten die vier Musiker auch den absolut perfekt passenden Bandnamen, sowohl zu diesem Festival im perfekten hawaiianischen Sonnenschein, als auch bezüglich der Musik, die sie spielten, welche viele magische Momente bescherte, die nur von höchst spirituellen Charakteren auf diese Art und Weise vermittelt werden konnten.

Das "Live Crater Festival" Album wurde noch im selben Jahr, einen Tag vor Thanksgiving, veröffentlicht. Drake Levin war nach der Veröffentlichung die treibende Kraft hinter dem Projekt. Er sorgte dafür, dass ein kleiner Vertrieb möglich war. Die Platte war allerdings rasend schnell ausverkauft und entwickelte sich schon sehr bald zu einem gesuchten Sammlerobjekt der Begierde. Da alle vier Musiker sehr begehrte Studiomusiker waren und auch weiterhin ihrer Hauptbeschäftigung nachgingen, waren die Cosmic Travelers sehr bald Geschichte. Allerdings blieben alle vier Musiker ein Leben lang Freunde und liefen sich auch später immer wieder als gebuchte Musiker für gemeinsame Aufnahmen über den Weg. Joel Christie erhielt beispielsweise die Rolle des Leadsängers im Musical Jesus Christ Superstar, Jimmy McGhee spielte mehrheitlich als Live-Musiker mit diversen Künstlern und Bands zusammen und Drake Levin konnte sich längere Engagements bei Emitt Rhodes und Ananda Shankar sichern. Der peruanische Schlagzeuger Dale "Mule" Loyola wiederum gründete danach seine eigene Band The Travelers, mit welcher er einige Jahre unterwegs war.

Dieses wunderbare Konzert auf Hawaii, dieser begeisternde Moment, der gottseidank auf Platte verewigt wurde, ist ein einmaliges musikalisches Jam-Dokument, das vom Anfang bis zum Schluss begeistert und vier hochkarätige Musiker vereint, die es verdient gehabt hätten, gemeinsam ein grösseres Publikum zu finden. Es hat nicht sollen sein und so bleibt dieses einmalige Projekt leider das einzige Dokument dieser vier fabelhaften Musiker.






Apr 30, 2022


SHURMAN - East Side Of Love (Blue Rose Records BLU DP0677, 2016)

Shurman, das ist in erster Linie der Musiker Aaron Beavers. Seit 2001 veröffentlicht der Sänger, Songschreiber und Gitarrist unregelmässig Alben unter dem Bandnamen Shurman, oft mit wechselnden Musikern, aber immer mit einer gradlinigen Rock'n'Roll-Ausrichtung, die mal mehr, mal weniger mit Guitar Rock, Country Rock und Alternative Americana-Zutaten durchsetzt ist. Der in Texas geborene, später in Hawaii und Georgia aufgewachsene Beavers lebte bis Ende des vorigen Jahrzehnts in Los Angeles und produzierte dort anfangs einige Minialben auf privater Basis - zunächst noch in reiner Triobesetzung mit Johnny Davis am Bass und seinem Schulfreund aus Georgia, Damon Allen, am Schlagzeug. Für das 2005 veröffentlichte Album "Jubilee", das beim legendären Label Vanguard Records erschienen ist, enthielt in weiten Teilen Neueinspielungen früher Songs. Zu dem Zeitpunkt wurde die Band Shurman zu einem veritablen Quartett mit Beavers, Allen, einem zweiten Gitarristen (Jason Moore) und dem neuen Bassisten Keith Hanna (Rosavelt, Tim Easton). In einer professionellen Produktion von Dusty Wakeman wirkten dazu zahlreiche Gäste wie Ben Peeler, Doug Pettibone, Skip Edwards und Garrison Starr mit - Namen, die man auch auf Platten von Lucinda Williams, den Jayhawks, Dwight Yoakam, Jim Lauderdale, Roger Clyne & The Peacemakers finden kann. Darauf folgten die erste Liveplatte "A Week In The Life" (2006) und eine weitere Studioproduktion: "Waiting For The Sunset" (2008). Die Aufnahmen fanden diesmal in Nashville statt. Der Gitarrist Jesse Duke und der Schlagzeugeer Nick Amoroso stiessen neu zur Band und Studio-Asse wie Al Perkins (Flying Burrito Brothers, Manassas), Ken Coomer (Uncle Tupelo) und Robert Reynolds (The Mavericks) bereicherten etliche der vielen hervorragenden Songs wie "Small Town Tragedy'", "Lonesome L.A. Blues" oder "I'm Not Crazy".

Im Dezember 2008 beendete Aaron Beavers seinen kalifornischen Lebensabschnitt und zog nach Austin. Mit komplett neuen, anfangs öfter ausgetauschten Musikern startete er das nächste Shurman-Kapitel. Wie zuvor in Los Angeles wurden Shurman schnell ein heisser Liveact, der locker auf 200-plus Shows pro Jahr kam. Regelmässige Abende in traditionellen Austin Clubs wie dem Saxon Pub und umjubelte Auftritte während der alljährlichen SXSW-Messe steigerten die Reputation der Band und führten zu einem Deal mit dem jungen Label Sustain Records, auf dem sich bereits lokale Hochkaräter wie Ray Wylie Hubbard, Bruce Robison und Jason Boland befanden. In einer fragwürdigen Aktion veröffentlichte Sustain Records das letzte Shurman-Album fast zwei Jahre später einfach nochmal, via Universal-Vertrieb sogar weltweit: als "Still Waiting For The Sun", mit abgeändertem Cover sowie einem einzigen neuen Song ("Is It True") und einer Neueinspielung des Titels "Country Just Ain't Country".

Aber da war Aaron Beavers eigentlich schon viel weiter, arbeitete an frischem Material und hatte zum ersten Mal ein festes Lineup mit dauerhaftem Potenzial etabliert: Harley Husbands als bis dato bester und vielseitigster Shurman-Gitarrist für akustische und elektrische Gitarren, Lap Steel, Banjo usw., den Bassisten und Sänger Mike Therieau (Loved Ones, Mover, Dave Gleason's Wasted Days) aus Oakland sowie den Schlagzeuger Craig Bagby (Dead End Angels, Austin Collins & The Rainbirds), ein erfahrener Musiker aus Austin. Gemeinsam begannen sie 2010 die Arbeiten an den neuen Songs, die die Basis für das nächste Album "Inspiration" bildeten. Unterbrochen wurden die Sessions allerdings von einem ganz anderen Event. Im Vorprogramm zu einer Blues Traveler-Tour hatte die Gruppe Shurman die Aufmerksamkeit von Blues Traveler-Frontman John Popper geweckt. Daraus entstand 2011 kurzfristig eine neue kleine Supergroup, John Popper & The Duskray Troubadours, mit einer gleichnamigen Platte, unter Mithilfe von Aaron Beavers, zwei weiteren Gitarristen, darunter Jono Manson aus dem Blues Traveler und Warren Haynes-Umfeld, plus Begleitgruppe. Insgesamt ein international vielbeachtetes Projekt von musikalischer Topqualität, das Beavers nach eigener Aussage einen weiteren Motivationskick gab.

Danach hatte Bandgründer Beavers einige dramatische Veränderungen in seinem Leben mitgemacht und brauchte Zeit, diese zu verarbeiten. Das Gefühl des Verlusts und Beavers' Wiederkehr als stärkerer, selbstbewussterer und besserer Songschreiber wurde dann in den Songs des Nachfolgers "East Side Of Love" vielfach zu spüren. Mag sein, dass diese Geschichte schon mal erzählt wurde, aber noch nie mit diesem Mut und in diesem Stil. 2013 hatte die Band bereits mit den Aufnahmen mit dem langjährigen Partner Jono Manson in Santa Fe begonnen, als Beavers wegen seiner anstehenden Scheidung nach Austin zurückkehren musste. Das Album, das die Band bei Jono Manson anfing, war ein komplett anderes. Nur drei oder vier dieser Songs landeten schliesslich auf diesem Album, er selbst wurde komplett durchgeschüttelt. Er hatte während dieser Zeit weiter Songs geschrieben, aber die waren introspektiver und düsterer. Als die Songs für "East Side Of Love" schliesslich von Beavers und seinen Musikern ausgesucht wurden, wählten sie viele der neuen Stücke, weil sie den Musikern wirklich viel bedeuten.

Die Aufnahmen gingen 2014 in den legendären Cedar Creek Studios in Austin weiter, aber im August entschied sich Beavers, von der Band und der Musik eine Auszeit zu nehmen. Damals sah es nicht gut um Shurman aus. Auf Anregung der langjährigen Freundin Shilah Morrow, Gründerin des Sin City Social Clubs, fand sich die Band wieder zusammen, um im März 2015 einige Auftritte beim SXSW Musikfestival zu spielen. Die Band spielte sieben Shows. Der echte Wendepunkt kam im Juni 2015 nach ihrem Auftritt beim Circus Mexicus Festival. Es war der insgesamt zehnte Auftritt der Band bei dem Festival in Mexiko, das von Shurmans früheren Tourkollegen, den befreundeten Rootsrockern von Roger Clyne & The Pacemakers, veranstaltet wurde. Die Band spielte dort vor 6000 Zuschauern. Die Leute im Publikum hatten Shurman-Tattoos oder trugen die alten Tour-T-Shirts und sangen bei jedem Song mit. Das fühlte sich besser an als Erfolg auf einem Major Label zu haben oder auf dem Cover des Rolling Stone zu landen. Nach dem Festival, bei dem die Band ihre mitgebrachten Merchandise-Artikel komplett ausverkaufte, setzten sich die Mitglieder zusammen und beschlossen, das nächste Album "East Side Love" zu veröffentlichen.

Es erschien in den USA auf dem bandeigenen Label Teltone Records, in Europa auf Blue Rose Records. Es wurde ein starkes Album mit elf emotionalen Songs, die die Geschichte einer verlorenen Beziehung und einer wieder gewonnenen Band erzählten. Von dem hymnischen Titelsong als Album-Opener über die Soulnummer "You Don't Have To Love Me", die bewegende Akustikballade ""I Don't Know Why" bis zum optimistischen Schluss-Song "Time To Say Goodbye" zeigte dieses Album Spuren der nie versiegenden Live-Energie der Band und schien doch das klarste und ehrlichste Album in der langen Band-Historie zu sein. Die vorherigen Alben der Band waren eher gemacht für Freitag- oder Samstagnacht, "East Side Of Love" geriet perfekt für einen Sonntagnachmittag. Es nahm die Zuhörer mit durch die Höhen und Tiefen des Lebens und erinnerte daran, dass Erlösung immer möglich ist, egal, was hinter einem liegt.





SUSTO - & I'm Fine Today (Rocksnob Records SNOB004, 2017)

Nach dem im Jahre 2014 veröffentlichten, schlicht "Susto" betitelten Debutalbum und einem Live-Nachfolger mit dem Titel "Live From The Australian Country Music Hall Of Fame", der nur als Download und als limitierte Compact Cassette (!) vertrieben wurde, legten Susto mit ihrem zweiten Studioalbum "& I'm Fine Today" 2017 nach. Die über den Atlantik hinaus weitgehend unbekannte Band aus Charleston, South Carolina, die sich anschickte, mit "& I'm Fine Today" die Welt zu erobern, präsentierte hier einen sehr originellen Americana-Mix aus Modern Indie Pop und Alternative Country/Songwriter Rock. So reihte das Quintett um die beiden Masterminds Justin Osborne und Johnny Delaware elf selbstgeschriebene Songs aneinander, die aufs erste Hören kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können, sich am Ende aber zu einem spannenden, abwechslungsreichen Album zusammenfanden, das in den USA durchaus für Furore sorgte.

Susto bestach auf dem Werk mit einer enorm frischen, dynamischen Aufbruchsmusik, in der mutig viele Elemente miteinander verknüpft wurden, die zunächst vermeintlich gar nicht zwingend zusammenpassen wollen, schliesslich aber etwas ganz Eigenes ergaben, in dem zwar klassisch der Song, beziehungsweise das Songwriting als Basis stand, die formale, instrumentelle und klangliche Umsetzung allerdings viele Ausrufezeichen setzte.

Nach mehreren regional erfolgreichen Jahren mit seiner Band Sequoyah Prep School und deren drei Alben, welche zwischen 2005 und 2008 veröffentlicht wurden, gönnte sich Justin Osborne eine längere Auszeit in Kuba, liess sich in den vielen Latin Music Clubs den Kopf durchpusten und schöpfte neue Inspiration und Kreativität. Zurück in Charleston begann er an einem groben Konzept für Susto zu arbeiten, als ihn sein Produzent Ryan Wolfgang Zimmerman (Brave Baby, Jordan Igoe, Grace Joyner, Band Of Horses) mit dem aus Austin Texas hergezogenen Sänger, Songschreiber und Gitarristen Johnny Delaware bekannt machte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und bildeten ab sofort den künstlerischen Kern der Band.

Susto bedeutet in etwa ein Fachausdruck für eine vorwiegend in Lateinamerika vorkommende psychische Massenkrankheit, die in Panik mündet, wenn die Seele den Körper verlässt. Derart furchterregend musste man sich die Musik von Susto allerdings nicht vorstellen. So begeisterte ihr gleichnamig betiteltes Debütalbum aus dem Frühjahr 2014 die musikalischen Medien in den USA noch sehr mit einer fast konventionell gestrickten, dabei hervorragend gelungenen Mischung aus Singer/Songwriter-Musik auf Folk- und Country Rock-Basis mit spaceigen Cosmic Americana-Ausflügen.

Auch Band Of Horses-Leader Ben Bridwell wurde zu einem grossen Susto-Fan und beeinflusste Osborne und Delaware eventuell indirekt in ihrer Experimentierfreudigkeit und Kreativität im Studio und bei den aufwändigeren Songarrangements für "& I'm Fine Today". Schon der Opener "Far Out Feeling" wartete mit locker pulsierenden Rhythmen, perlenden Keyboards, opulenten Streichereinsätzen, clever angeordneten Blasinstrumenten sowie weiblichen Backingstimmen auf. Im starken Kontrast dazu folgte der melodische, harmonieselige Country Rock von "Hard Drugs" mit einem schonungslosen Songtext über Trennung und Einsamkeit. Oft wurden unbequeme Themen verhandelt, etwa im selbsterklärenden, riffstarken "Gay In The South" oder im eingängigen, mit intelligenter Instrumentierung ausgestatteten Schlüsselsong "Cosmic Cowboy" das Infragestellen von Gott, und das in den amerikanischen Südstaaten, wohlgemerkt. "Havana Vieja" packte kubanische Motive in einen von aufregenden Soundlandschaften durchzogenen Kurzfilm, das folkig-akustisch beginnende "Diamond's Icaro" lebte später von psychedelischen Orgelschüben und verklärten Gesangskulissen.

Die komplexe, im Zentrum des Albums positionierte Powerballade "Mountain Top" entwickelte sich zum Ende abrupt zu einem vehementen Alternativrocker mit heftigen Rhythmen und plakativem Sprechgesang. Das vertrackte, beat-heftige, mit Synthesizerschleifen durchzogene "Jah Werx" bildete dann den kurzen, fulminanten Schlusspunkt in allerfeinster Bon Iver-Manier. Andere Koordinaten, die den endlos scheinenden musikalischen Susto-Kosmos wenigstens annähernd beschreiben können, sind Wilco, Band Of Horses, The Head And The Heart, Delta Spirit, Lumineers, Blitzen Trapper, Okkervil River, Bon Iver, The National, Elliott Brood, The Low Anthem, Califone und My Morning Jacket. Seit diesem brillianten und äusserst vielfältig-spannenden Werk haben Susto im Jahre 2019 mit "Ever Since I Lost My Mind", inzwischen beim renommierten Plattenlabel Rounder Records im Vertrieb, den Nachfolger für "& I'm Fine Today" veröffentlicht.



THE PSYCHO SISTERS - Up On The Chair, Beatrice
(RockBeat Records ROC-3242, 2014)

Hinter den Psycho Sisters verbergen sich zwei sehr verdiente und äusserst beliebte Musikerinnen, die seit langem bestens befreundet und inzwischen sogar verschwägert sind. Als erfahrene Mittfünfzigerinnen haben sie sich jetzt an ihre gemeinsamen Anfänge erinnert, über 20 Jahre alte Songs aus der Schatzkiste hervorgeholt und in ein zeitgemässes Indie Pop/Rock-meets-Americana/Roots-Gewand gekleidet. Susan Cowsill und Vicki Peterson heissen die beiden Protagonistinnen - für ihr (tatsächlich!) allererstes Duoalbum haben sie auf genau den klangvollen Markennamen zurückgegriffen, mit dem sie zu Beginn der 90er Jahre in der Szene von Los Angeles bekannt wurden: The Psycho Sisters. Ihr spätes Debütwerk heisst "Up On The Chair, Beatrice" und bedeutet für die beiden Frauen die Vollendung eines offenen Kapitels, bietet aber auch realistische Chancen auf mehr in der Zukunft.

Susan Cowsill gehörte bereits als Kinderstar mit 8 Jahren zu den Cowsills, einer Familienband (mit 5 Brüdern und der Mutter), die in den 60er Jahren etliche Hits verbuchen konnte, wie zum Beispiel "The Rain, The Park And Other Things", "Indian Lake" und eine Version von "Hair". Allerdings sollte es bis zum Beginn der 90er Jahre dauern, bis sie musikalisch auf eigenen Beinen stand und ihre Karriere selbstbewusster plante. Vicki Peterson wiederum gründete Anfang der 80er Jahre zusammen mit ihrer Schwester Debbi und Leadsängerin Susanna Hoffs die legendären Bangles - eine der erfolgreichsten und langlebigsten Girl Groups überhaupt mit Welthits für die Ewigkeit von "Manic Monday" bis "Walk Like An Egyptian". Nach deren Auflösung trafen sich Cowsill und Peterson eher zufällig und merkten sofort, dass sich ihre beiden Stimmen geradezu traumhaft ergänzten - eben wie bei richtigen Schwestern. Fortan agierten sie unter dem geheimnisvollen Namen Psycho Sisters, gehörten schnell zum Inner Circle der angesagten Indie Rock / L.A. Scene und sangen auf Alben von Steve Wynn, Chris Cacavas, Giant Sand, Jolene, The Kennedys, Jules Shear und vielen weiteren. Mit Steve Wynn und Howe Gelb's Truppe tourten sie sogar durch die Staaten und Europa. Zuviel Action jedenfalls für eine eigene Karriere und so blieb es zunächst beim Planen, Träumen, Songs schreiben und gemeinsamen Singen. Psycho Sisters-Auftritte beschränkten sich auf wenige Club Dates und exklusive Einzel-Gigs.

Die Jahre 1992 bis 1994 waren geprägt von grossen Veränderungen. Cowsill heiratete Peter Holsapple (Ex-dB's) und wurde zusammen mit Peterson festes Mitglied seiner kultigen Supergroup, den Continental Drifters. Gemeinsam siedelte die potente Band von Kalifornien nach New Orleans und trat einen, wenn auch nicht gerade kommerziellen, so doch in jedem Fall künstlerischen Siegeszug besonders in Europa an. Zwischen 1995 und 2001 veröffentlichten die Continental Drifters fünf Alben - sie alle waren gespickt mit überragenden Beiträgen von Susan Cowsill und Vicki Peterson, die nicht selten zu den Highlights zählten, wie "Desperate Love", "Spring Day In Ohio", "Way Of The World", "The Rain Song", "Watermark" und "Who We Are, Where We Live".

Kurz vor dem internationalen Durchbruch lösten sich die Continental Drifters Ende 2001 überraschend auf. Doch interne Dissonanzen, die Scheidung von Holsapple und Cowsill und allgemeine Depressionen wegen 9/11 waren Gründe, weshalb die Band das Handtuch warf. Susan Cowsill widmete sich in New Orleans ihrer Solo-Laufbahn, ihre beiden Studioalben "Just Believe It" (2004) und "Lighthouse" (2010) waren nur mässig erfolgreich. Vicki Peterson war in gleich mehrere Bangles-Reunions involviert, musikalisch ambitioniert, aber längst nicht mehr so erfolgreich wie zuvor. Seit 2012 bildeten die beiden Musikerinnen dann aber wieder ein festes Team, nach einem Bandnamen mussten sie nicht lange suchen: Die Psycho Sisters waren zurück, um ihre angefangene Arbeit von damals endlich zu vollenden.

Die 10 Songs von "Up On The Chair, Beatrice" bilden eine clevere Mixtur aus nostalgischer Retrospektive und dem Zeitgeist von heute. Ihre Musik aus der Ära von Anfang der 90er Jahre zu reanimieren bedeutete für Cowsill und Peterson eine spannende Rolle rückwärts in die Lebensphase von Frauen Mitte 30, gespielt und gesungen mit der geballten Erfahrung von weiteren 22 Lebensjahren obendrauf. 2014 begaben sie sich ins legendäre Dockside Studio in Maurice, Louisiana unter die Fittiche von Recording Engineer Tony Daigle, der in einschlägigen Kreisen wohlbekannt ist und Platten von Beauloseil, den Holmes Brothers, der Derek Trucks Band, B.B. King und auch Sonny Landreth aufgenommen hatte - was formal also dieselben Rahmenbedingungen ausmachte, wie schon beim letzten Continental Drifters-Album "Better Day". Die Begleitmusiker im Studio wurden demokratisch ausgewählt: Keyboarder Janson Lohmeyer und die Craft-Brüder (Sam/Geige, Jack/Cello) spielten bei der Susan Cowsill Band, Bassist Derrick Anderson kam von den Bangles. Vicki Peterson übernahm alle wichtigen Gitarrenparts, elektrisch und akustisch. Den Job als Drummer teilten sich Cowsill's Gatte Russ Broussard und ihr Bruder John Cowsill, gleichzeitig Peterson's Ehemann.

Blieb also alles ganz harmonisch in der Familie, was sich deutlich hörbar auf die sehr organisch zusammengestellte Musik auswirkte. Eingerahmt von den Coversongs "Heather Says", geschrieben von von Judi Pulver und Waddy Wachtel, aus dem Cowsills-Album "On My Side" von 1971 und Harry Nilsson's Titel "Cuddlin' Toy" von der 1967er Monkees-LP "Pisces, Aquarius, Capricorn & Jones Ltd." präsentierten die beiden Frauen ein sehr dynamisches, abwechslungsreiches Programm zwischen Post Paisley Underground, 60s Garage Beat, Folk Rock, Louisiana Roots und Power Pop. Auf "Timberline" hörte man klassischen Indie Pop mit einer härteren Note, "Never Never Boys" bot herrlichen Jingle Jangle Rickenbacker Sound und "Numb" sumpfig-flirrenden, von Fiddle und Cello getriebenen Electric Folk Rock. Bei "Gone Fishin'" kam deutliches Louisiana Big Easy-Feeling auf, während "Wish You" mit seinen komplizierten Streicherarrangements düsteren, vertrackten Indie Rock/Pop transportierte. Auch "This Painting" wurde vehement von Sam Craft's rockiger Geige bestimmt, "Fun To Lie" bott 60s infiltrierten Mitsing-Beat. Und der schnelle, quirlige Pop von Peter Holsapple's Stück "What Do You Want From Me" wirkte wie eine erfrischende Sommerbrise.

"Up On The Chair, Beatrice" ist sicher eine der ganz besonderen Platten aus dem Bereich Singer/Songwriter. Es ist auch ein absolut zeitloses und perfekt gelungenes Comeback-, resp. Reunion-Album zweier hervorragender Musikerinnen.





JOE KING CARRASCO - Concierto Para Los Perros En La Ruta Maya
(Anaconda Records MVC4901, 2011)

Joe 'King' Carrasco, mit bürgerlichem Namen Joseph Teutsch, in Dumas, Texas geboren, ist ein amerikanischer Gitarrist und Rockmusiker, der mit seiner 'Nuevo Wavo' genannten Musikmischung aus Tex-Mex, Rock'n'Roll, New Wave und Garagenrock bekannt wurde. Nachdem Carrasco bereits seit Ende der 60er Jahre in diversen Bands gespielt hatte, gründete er 1976 seine erste eigene Gruppe El Molino, der unter anderem auch Augie Meyers und Mitglieder der West Side Horns angehörten. Das Debütalbum "Joe King Carrasco & El Molino", veröffentlicht 1978, liess Carrasco selbst pressen und nannte das Label Lisa Records, benannt nach seiner damaligen Freundin. Schnell wurde die auf 5000 Stück limitierte Platte, die den Tex-Mex Sound des Sir Douglas Quintet wiederbelebte und mit Garagenrock verband, zu einem begehrten Objekt des Undergrounds.

1979 gründete Carrasco die nächste Band The Crowns und trat vor allem in der Clubszene von New York City auf. Seine Musik nannte er nun offiziell 'Nuevo Wavo'. Auf der Bühne trug Carrasco meist Mantel und Krone. Als eine der ersten amerikanischen Bands wurden Joe King Carrasco And The Crowns 1980 vom englischen Label Stiff Records unter Vertrag genommen. In der Folgezeit konnte Carrasco mit seiner Band auf ausgedehnte Tourneen in Europa sowie Nord- und Südamerika gehen. Auf seinem vom Reggae beeinflussten Album "Synapse Gap" aus dem Jahre 1982, mit dem er zum Major-Label MCA Records wechselte, sang ein gewisser Michael Jackson die Background-Harmonien.

Sowohl "Synapse Gap" als auch der Nachfolger "Party Weekend" von 1983 schafften es leider nicht in die Charts und so nahm Carrasco nun wieder für kleinere Labels auf. Nachdem Carrasco Mitte der 80er Jahre einige Zeit in Nicaragua gelebt hatte, wurde der Latin-Einfluss auf seinen folgenden Platten "Border Town" (1985) und "Bandido Rock" (1987) grösser. Seine neue Mischung nannte Carrasco nun 'Tequila Reggae'. Die Begleitband hiess inzwischen Las Coronas.

Seit den 90er Jahren wurde es ruhiger um Joe 'King' Carrasco. Er nahm nur noch sporadisch auf und veröffentlichte seine Alben im Eigenvertrieb. 1995 veröffentlichte MCA Records die 18 Songs umfassende Kompilation "Anthology", die allerdings nur die beiden LPs "Synapse Gap" und "Party Weekend" berücksichtigte. 1996 tauchte Carrasco als Gastmusiker auf der CD "Four Aces" der Texas Tornados auf, die sein Stück "Tell Me" coverten. Zuletzt war er mit einer Coverversion von "Adios Mexico" auf dem Doug Sahm-Tribute Album "Keep Your Soul", veröffentlich im Jahre 2009 auf Vanguard Records, zu hören.

Zuvor, im Jahre 2008, spielte Joe King Carrasco ein Benefiz-Konzert zugunsten heimatloser Hunde. Die Platte hierzu, betitelt "Concierto Para Los Perros En La Ruta Maya" erschien jedoch erst drei Jahre später. Sehr sympathisch: Aus den Verkäufen in Amerika ging die Hälfte der Einnahmen an eine Hunde-Rettungsorganisation in den Staaten (Utopia Animal Rescue Ranch, während von den Verkaufserlösen auf mexikanischer Seite die Hälfte der Einnahmen an die dortige Organisation Puerto Vallarta SPCA ging. An diesem Konzertabend spielte Joe King Carrasco unter anderem den Texas Tornados-Song "Adios Mexico", aber auch Freddy Fender's Welthit "Wasted Days And Wasted Nights", sowie J.J. Light's Baby Let's Go To Mexico", das sich auch im Repertoire von Doug Sahm wiederfand. Der selbsternannte "King Of Tex-Mex" ist auch als Filmemacher tätig und veröffentlichte 2008 seinen Film 'Rancho No Tengo', in dem er als Produzent, Regisseur, Hauptdarsteller und Soundtrack-Komponist ein Erscheinung trat, auf DVD. Joe King Carrasco tritt auch heute noch mit seiner Partymusik regelmässig auf. Meist in der Nähe seiner Wahlheimat Puerto Vallarta.