Sep 17, 2022


DR. Z - Three Parts To My Soul (Spiritus, Manes Et Umbra)
(Vertigo Records 6360 048, 1971)

Dr. Z's Album "Three Parts to My Soul" gilt als das seltenste Album, das damals auf dem legendären Vertigo Swirl Label erschienen war. Es heisst, dass davon lediglich 80 Stück in den Verkauf gelangten, der Rest aufgrund nicht vorhandener Nachfrage vom Plattenlabel wegen Unverkäuflichkeit eingestampft wurde. Sollte Jemand also wie ich im Besitze dieser ultraseltenen Original-Platte sein, deren Marktwert in Top-Zustand mittlerweile bei annähernd 4000 Euro liegt, möge er sie behalten und horten wie einen Schatz, denn er wird sie kaum jemals wieder irgendwo finden. Als spätere Neuauflagen gibt es sie allerdings bis heute zu kaufen, sei es als LP oder als CD. Sicherlich suchenswert dürfte die Platte als Vinyl sein, denn auch spätere Wiederveröffentlichungen wurden teilweise dem originalen Gimmick-Look nachempfunden, zum Beispiel jene Version des italienischen Labels Akarma Records. Dr. Z war die Band des musizierenden Professors Keith Keyes von der University Of North Wales, der als Keyboarder das in jenen Tagen nicht wirklich angesagte Cembalo, sowie Orgel und Klavier spielte. In jenen Tagen des frühen Progressive Rock war eher das Mellotron das Tasteninstrument der Stunde. Als Begleitmusiker fungierten zwei seiner Studenten, nämlich Rob Watson am Bass und Bob Watkins am Schlagzeug. Ein Gitarrist war nicht im Line Up zu finden. Damit reihte sich die Band durchaus in die Reihe einiger damals sehr populärer sogenannter 'Keyboard Only'-Bands ein, wie etwa Refugee (mit dem Schweizer Patrick Moraz) oder Quatermass (John Gustafsson) als vielleicht bekannteste Beispiele.

1970 waren Dr. Z noch zu viert und veröffentlichten auf dem Plattenlabel Fontana eine erste Single mit dem Titel "Lady Ladybird" mit der Rückseite "People In The Street". Diese beiden Songs zeigten noch keinerlei Aehnlichkeit zu der LP, welche im Jahr darauf folgen sollte. die beiden wenig überzeugenden Songs waren eine Art Psychedelik-Pop, der damals, 1970 schon beinahe peinlich wirken musste, da diese Art von britischem Pop inzwischen so gut wie hoffnungslos aus der Mode gekommen war. Trotzdem waren beide Songs durchaus nicht etwa schlecht. Sie waren einfach nicht mehr zeitgemäss. Dies nahmen sich die Musiker dann wohl auch zu Herzen und machten sich bei der Vorbereitung der LP daran, sich an gängigen progressiven Rockbands zu orientieren. Dass ihnen dabei kein Gitarrist mehr zur Seite stand, machte das Ganze nicht etwa schwerer, sondern eher einfacher, denn Keith Keyes musste nun keine Gitarren-Arrangements mehr mit in seine Kompositionen einbeziehen, sondern legte alle für die LP vorgesehenen Songs auf verschiedene Keyboardklänge aus. So erhielt jeder Song, der es schliesslich auf das Album schaffte, fast sein eigenes individuelles Erkennungsmerkmal, indem Keith Keyes mit verschiedensten Keyboard-Arrangements experimentierte. Allen Song lag indes dasselbe, sehr tighte Rhythmus-Fundament zugrunde: Bass und Schlagzeug waren adäquat in die Kompositionen eingewoben worden, sodass man das Ergebnis durchaus nicht in die Nähe von Greenslade und Konsorten stellen musste. Irgendwie klang das Album "Three Parts To My Soul" wie ein Keyboard-Werk, das nicht in aufdringlicher Art und Weise nach Keyboardsounds gierte.

Das Album "Three Parts To My Soul" klang wie der typische britische Progressive Rock jener Tage und enthielt sogar okkulte Textfragmente, wie sie damals ebenfalls gerne in die Songtexte eingebaut wurden, wie beispielsweise von Black Widow auf deren Album "Sacrifice" oder auch von Graham Bond auf dessen beiden 'Holy Magick' Alben, die interessanterweise auch bei Vertigo Records erschienen waren. Produziert wurde das Werk von Patrick Campbell-Lyons, welcher damals so etwas wie der Hausproduzent von Vertigo Records war, in den 60er Jahren mit seiner eigenen Band dem Psychedelik Poprock frönte und 1971 bei Vertigo Records ebenfalls ein Album einspielte ("Local Anaesthetic"). So gesehen war Dr. Z's Album ein durch und durch von Vertigo Records in Szene gesetztes Album, denn auch das fabelhafte und mehrfach ausklappbare Plattencover war eine Arbeit des für Vertigo Records tätigen Designers Barney Bubbles, der aber auch für andere Künstler und Bands spezielle Plattencovers entwarf. Eines seienr bekanntesten Coverdesigns war das ebenfalls mehrfach ausklappbare Cover von Hawkwind's Album "In Search Of Space", das ebenfalls 1971 erschien.

Das neben der wirklich tollen Musik Beachtenswerteste waren ganz bestimmt die Songtexte von Keith Keyes, die sich mit dem Leben nach dem Tod beschäftigten. Darin vertrat der Musiker die Theorie, dass die Seele des Menschen nach dessen Tod nicht einfach entweder in den Himmel oder in die Hölle komme, sondern sich dreiteilt und gleichzeitig in den Himmel und in die Hölle kommt, aber auch weiterhin auf der Welt bleibt, um diese heimzusuchen. Dies, weil keine Seele wirklich gut oder schlecht ist und sich das Verbleiben im irdischen Dasein während seiner Lebenszeit im Grunde verdient hat. Eine etwas seltsam anmutende Thematik vielleicht, aber damals durchaus gängig, insbesondere im Bereich des Underground, des Progressive Rocks und auch im Hard Rock, dessen Untersparte Okkult-Rock auch in jener Zeit entstanden war und dessen bekannteste Vertreter durchaus Black Sabbath waren, die, man ahnt es schon, ebenfalls auf Vertigo Records ihre ersten Platten veröffentlichten.

Der immer leicht symphonisch wirkende Progressive Rock von Dr. Z erinnerte stellenweise an die frühen Genesis oder Yes, insbesondere durch die von den Keyboards dominierte Musik. Andererseits standen Dr. Z kompositorisch auch den Bands Black Widow, Gracious oder Cressida nahe, alle drei ebenfalls entweder stark okkult oder aber sehr symphonisch ausgerichtet. Opulente Arrangements zeichneten die Songs des Album "Three Parts To My Soul" ausserdem aus. Der Opener "Evil Woman's Manly Child", das Stück "Spiritus, Manes Et Umbra", das seine Lauflänge durch ein Schlagzeug-Solo erheblich in die Länge zog, "Summer For The Rose" und "In A Token Of Despair" waren allesamt hochklassige Kompositionen und zeigten ausgefeilte Arrangements, die meilenweit von dem entfernt waren, was die Band nur ein Jahr zuvor noch auf ihrer erstne Single präsentiert hatte. Der Gesang auf den Stücken unterstützte die musikalischen Botschaften perfekt, indem die Stimmen teilweise fremdartig, zumindest aber richtiggehend mysteriös und manchmal etwas nebulös wirkten. Ob das beabsichtigtes Kalkül war, oder ob diese Stimme einfach wirklich echt und so perfekt zu den Songs passte, kann man nur mutmassen. Jedenfalls passte das alles hervorragend zusammen. Das Werk enthielt ja den Untertitel "Spiritus, Manes Et Umbra", was die bereits erwähnten drei Teile der menschlichen Seele nach dessen Tod symbolisieren sollten. 'Spiritus' stand dabei für den Atem des Menschen und dessen Geist, 'Manes' für die Verstorbenen, die an Festtagen aus der Unterwelt emporstiegen und 'Umbra' für den Kernschatten, wie er beispielsweise bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis auftritt.

Eine der erstaunlichsten Geschichten um Dr. Z's Album "Three Parts To My Soul" rankt sich allerdings um deren Verkaufszahlen. Angeblich wurden von dem Album lediglich 80 Stück verkauft, was man angesichts der wunderschönen optischen Aufmachung und vor allem auch der exzellenten Musik kaum glauben mag. Dennoch versäumte es die Plattenfirma, genügend Werbung für das Werk zu machen. Ein Problem dabei war aber sicherlich auch, dass die Band, die ja eigentlich keine war, praktisch keine Live-Auftritte bestritt, da Rob Watson und Bob Watkins weiterhin an der Universität studierten, respektive dozierten (Keith Keyes). Nichtsdestotrotz kann das Album heute als eines der essenziellen Art Rock-Alben jener Zeit angesehen werden und dass es seine rockmusikalische Relevanz bis heute nicht eingebüsst hat, beweisen die zahlreichen Wiederveröffentlichungen, die es von dem Album inzwischen gibt. In Dr. Z's Album reinzuhören, lohnt sich unbedingt, denn hier stimmte eigentlich alles: Musik, Songtexte, instrumentales Können und nicht zuletzt das phantastische Cover-Artwork.















HASIL ADKINS - Out To Hunch (Norton Records ED-201, 1986)

Eigentlich war Hasil Adkins so, wie man sich sich einen leicht verrückten amerikanischen Hinterwäldler vorstellt. Sein ganzes Leben lang wohnte der Musiker in einer Hütte in Boone County, West Virginia, zu seinen grössten Leidenschaften gehörte neben Gitarren, Autos und Frauen vor allem das Essen von Hühnerfleisch und seine Beziehung zum Gesetz war nicht immer ganz unkompliziert. Allerdings war Adkins doch nocht etwas mehr, denn als One Man Rockabilly Band und Psychobilly-Pionier geniesst er heute bei manchen Musikfans einen legendären Status.

Hasil Adkins kam 1937, mitten der Zeit der Great Depression, als jüngstes von 10 Geschwistern zur Welt. Geld gab es in seiner Umgebung zunächst kaum und die Schulzeit des späteren Musikers beschränkte sich einigen Berichte zufolge auf wenige Tage. Damit blieb Adkins Zeit seines Lebens ein Mann mit wenig Bildung aber einer sehr reichen und etwas sonderbaren Phantasie. In seiner Kindheit kam Adkins auch das erste Mal mit Musik in Kontakt, vor allem mit Countrysängern wie Hank Williams und Jimmy Rodgers. Irgendwie nahm der Heranwachsende ganz selbstverständlich an, dass diese alle Instrumente gleichzeitig spielten. Diese Idee sollte er bald selbst umsetzen, denn beim Radiohören beliess es Adkins nicht lange.

Schon als Kind begann er damit, auf Blechdosen zu trommeln. Später ging er dann zur Gitarre über und begleitete sich zunehmend mit diversen Perkussions-Instrumenten beziehungsweise dem Schlagzeug, das er mit dem Fuss spielte. Nach eigener Aussage konnte Hasil Adkins auch noch Klavier und Orgel mit dem Ellbogen bedienen, falls er dies als notwendig betrachtete. In den 50er Jahren begann er damit, die Öffentlichkeit mit seinem Können bekanntzumachen, und musste bald feststellen, dass die grosse Masse noch nicht bereit war für diesen rohen Sound aus einer Hütte in Virginia. Woran es genau lag, dass Hasil Adkins mit seiner Suche nach Plattenverträgen Anfang der 60er Jahre keinen Erfolg hatte, lässt sich schlecht rekonstruieren. Höchstwahrscheinlich war die Zeit einfach noch nicht reif für die punkige Mischung aus Rockabilly und Country, die der passionierte Fleischesser und Frauenheld den Plattenproduzenten in Kaliforninen entgegenschleuderte.

Das galt wohl nicht nur für die Musik von Hasil Adkins, sondern auch für seine Songtexte. Denn der Multi-Instrumentalist sang selten von der Liebe, und wenn dann oft auf seine ganz  eigene Art. So handelten Adkins' Songs beisielsweise davon, auf dem Mond Erdnussbutter zu essen, die eigene Freundin zu enthaupten oder den von Adkins selbst entworfenen "Chicken Walk" zu tanzen. In den 60er Jahren trat Hasil Adkins deshalb hauptsächlich in kleinen Clubs in seiner Heimatregion auf. Platten nahm er in Eigenregie in seinen eigenen vier Wänden auf, diese interessierten allerdings bis in die 80er Jahre hinein nur wenige Hörer. Das galt wohl auch für den jeweils amtierenden Präsidenten der USA, dem Hasil grundsätzlich eine Aufnahme von sich zuschickte. Von Richard Nixon kam immerhin eine Antwort, die lautete: "I am very pleased by your thoughtfulness in bringing these particular selections to my attention".

Dass Hasil Adkins heute zumindest einigen Musikenthusiasten als früher Wegbereiter des Psychobilly bekannt ist, ist vor allem den Cramps zu verdanken. Denn nachdem die amerikanische Punk Rockabilly Band eine von Adkins' Kompositionen, "She Said", zu unverhofftem Ruhm verholfen hatte, entdeckte ein New Yorker Plattenlabel den unermüdlich spielenden Adkins und holte ihn aus seiner Hütte auf eine Tournee durch Amerika. Von da an sollte Atkins eine späte musikalische Hochzeit erleben. Nicht nur wurde sein erstes professionelles Album 1987 in der New York Times zum "Rock Album of the Week" gekürt. Auch ein neuer Vertrag mit dem Blues-Label Fat Possum Records erwies sich als erfolgreich. Sogar eine kleine Karriere als Schauspieler schlug Hasil Adkins auf seine alten Tage noch ein, unter anderem, ganz in Psychobilly-Manier, mit einem kleinen Auftritt in der Zombie-Komödie "Die You Zombie Bastards".

Mittlerweile gehört die Geschichte von Adkins zu einer von Journalisten und Musikkritikern gerne erzählten. Einer von ihnen sorgte für einen Wutanfall bei Sting, als er dem Ex-Police-Bassisten Hasil Adkins als positives Beispiel eines integren Musikers vorhielt. Der Clinch interessierte Adkins selbst wohl kaum. Er schien in seinen letzten Jahren recht glücklich mit der positiven Resonanz, den seine Songs plötzlich erfuhren, auch wenn ihn ein Teil des Publikums mehr als Freak denn als Künstler betrachtete. Leicht war das Leben als One Man Band wohl nicht. Nach diversen Aussagen litt Adkins immer wieder an Depressionen und Schlaflosigkeit. Dass er die Frauen liebte, aber nie die eine fürs Leben fand, führte für den Musiker unter anderem zu einem Gefängnisaufenthalt, nachdem er sich eine Schiesserei mit einem eifersüchtigen Ehemann geliefert hatte. Und auch das Ende des bis auf seine Hahnenkämpfe stets freundlichen Sängers war ein tragisches. Er wurde auf seinem eigenen Grundstück von einem Jugendlichen auf einem Quad überfahren. Bleibt zu hoffen, dass sich einige Musikhörer von den Worten des Kritikers und Journalisten Nick Tosches inspirieren lassen, der meinte: "Like the Bible and toilet paper, the music of Hasil Adkins belongs in every household".



LOCKSLEY HALL - Locksley Hall
(Or Records OR-13, 1996 / Originalaufnahmen von 1969)

Es ist liebevollen Spinnern wie beispielsweise den brettharten Plattensammlern Jade Hubertz, Stan Denski und Rick Wilkerson zu verdanken, dass immer wieder musikalische Perlen das Licht der Welt erblicken, die für immer verschollen geblieben wären, würde es solche zumeist selbstlose, rein der Sache verpflichtete Gönner nicht geben. Die drei überzeugten Psychedelik- und Hippie-Rock Freaks aus Indianapolis USA gründeten 1993 ein Kleinstlabel, das zu dem Zweck gegründet wurde, Platten, die entweder nur in Kleinstauflage oder sogar gar nicht veröffentlicht worden waren, einem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Das Or Records genannte Label brachte in den folgenden Jahren insgesamt 18 Platten und CDs heraus, bevor sich die Firma in Aether Records umbenannte. Von den wenigen veröffentlichten Alben auf Or Records dürfte das unter Sammlern sehr begehrte Gitarren-Psychedelik Album "See ?" von WINDOPANE wohl das Bekannteste sein. Die Band um die später eher im Country-Bereich tätige Sängerin und Gitarristin Beki Brindle konnte ihre beiden Alben auf dem Label herausbringen, neben "See ?" noch das nachfolgende Werk "Lucky Catatonia".

Locksley Hall wiederum war eine der eher bekannteren Psychedelik Bands an der Nordwestküste der USA, die von 1967 bis 1970 existierte und zumeist wesentlich bekanntere Acts dieses musikalischen Bereichs als Supporting Act begleiten durfte. Das Problem, nicht bekannter zu werden lag keinesfalls an mangelnden spielerischen Qualitäten der Musiker, sondern vor allem darin, dass sich für das im Jahre 1969 unter der Leitung des lokal sehr angesehenen Gitarristen Ned Neltner (Mark Five, Gas Company, Junior Cadillac) und vom Sound-Techniker der legendären SONICS Kearny Barton produzierte Album kein Plattenlabel fand, welche das Werk veröffentlichen wollte. So blieben die 11 eingespielten Songs bis 1996 unveröffentlicht, die Band auch weitestgehend unbekannt, bis sich die drei Recken von Or Records der originalen Studiobänder der Songs annahmen und sie restaurierten, um sie in einer limitierten Auflage von gerade mal 300 LP's zu veröffentlichen.

Der äusserst bunte und vielfältige Psychedelik Rock Cocktail von Locksley Hall klingt wie eine herzhafte Mixtur verschiedenster Stilrichtungen. Allen Stücken war allerdings gemeinsam, dass sie über viele typische Elemente des damaligen Psychedelik Rocks und des aufkeimenden Progressive Rocks verfügten. Ein bisschen IT'S A BEAUTIFUL DAY Hipness, etliche JEFFERSON AIRPLANE Versatzstücke, sowie Gitarrenpassagen, die immer wieder an BIG BROTHER & THE HOLDING COMPANY erinnerten. Warum diese Mischung damals bei den Plattenfirmen keinen Anklang fand, bleibt eines dieser grossen Rätsel, für die es keine schlüssige Antwort gibt: Sowohl gesanglich, wie was das instrumentale Können der Musiker anbelangt, brauchte sich die Band nicht unter den ganz Grossen der Szene zu verstecken.
 
Durch den Umstand, dass die Musiker die verschiedenartigsten Musikstile zu einem homogen klingenden Gesamtwerk vereinigen konnten, hörte sich ihre Platte fast wie ein Sampler der ausgehenden 60er Jahre an, auf welchem sowohl die Fans von West Coast Music wie von Psychedelik Rock gewiss ihre Freude gehabt hätten, denn ausser an die bereits Genannten erinnerten ihre Songs durchaus auch an COUNTRY JOE & THE FISH, THE CHARLATANS oder auch an THE ASSOCIATION, denn bei aller hippiesken Vernebelung waren Locksley Hall auch sehr sehr melodiös und bewiesen ein grosses Gespür für tolle Songs. Auch waren die Songs des Albums professionell aufgenommen und abgemischt worden und klingen heute, verglichen mit unzähligen anderen, wesentlich bekannteren Alben aus jener Zeit, mindestens gleichwertig gut. Wer ausserdem mit dem Frühwerk von GRATEFUL DEAD vertraut ist, wird auch einige Gitarren-Stellen auf dem Album finden, durch die schon fast der Geist von Jerry Garcia weht. Toll!

Ausserdem spielten Locksley Hall immer mit einer gewissen Härte im Sound, weniger soft beispielsweise als damals die meisten Psychedelik Bands. Dadurch wirkten ihre Songs wesentlich knackiger und forscher, was sich in einer hör- und spürbaren Dynamik in den Titeln niederschlug. Ein tolles Werk, das man hin und wieder noch finden kann und das sich lohnt, gehört zu werden. Interessant am Rande vielleicht noch, dass das Album damals für das immerhin sehr bekannte Epic Label von Columbia Records aufgenommen wurde, aber leider in den Archiven verschwand. 

Songs

1.Locksley Hall (Poem)
2.Boy
3.Let Me Blow Out Your Candle
4.Baby Blue Eyes
5.D-O-P-E
6.Some Say Love
7.What Does A Lonely Heart Do ?
8.Que-Bell
9.Wake Up (Tubby’s Tune)
10.When Autumn Leaves Turn To Gold
11.Locksley Hall (Poem)

Band Line-Up

Ben Stanley - Gitarre, Gesang
Shannon Svenson - Gesang
Kevin Svenson - Gesang
Roy Castleman - Bass, Gesang
Denny Langdale - Keyboards
Randy Thompson - Schlagzeug







EDGEWOOD - Ship Of Labor (TMI Columbia Records Z 30971, 1972)

Progressiver Rock aus Memphis Tennessee und das in der Blütezeit des Memphis Sound, der für richtige Männermusik, für erdigen Rhythm'n'Blues steht ? Ja, das gab's in der Tat. EDGEWOOD hatten Mut. Sie hatten aber auch eine gute Reputation und die hiess THE GENTRYS. Denn in dieser erfolgreichen Teenie-Band liegen die Wurzeln der Gruppe; ihren Millionseller "Keep On Dancing" von 1965 hatte jede Schülerband im Repertoire ("Shake it, Shake it, Baby!") Weil aber weder die anderen Bandmitglieder, noch das Management etwas am Bopper-Image und damit am Musikstil der GENTRYS ändern wollten, verliessen Keyboarder David Beaver, Bassist Steve Spear und Gitarrist Jim Tarbutton 1970 die Band. Sie waren davon überzeugt, dass THE GENTRYS vielleicht einigermassen Geld, aber auch totalen musikalischen Stillstand bedeuteten. In Gitarrist und Sänger Pat Taylor, zuvor im Ensemble von Ronnie Stoots ("Ashes To Ashes"), Schlagzeuger Joel Williams (zuvor kurzfristig ein Musiker in der Band von Mike Bleecker) und Multi-Instrumentalist David Mayo fanden sie weitere kompetente Mitstreiter. Taylor war es auch, der den Bandnamen EDGEWOOD vorschlug; er wohnte in einer gleichnamigen Strasse.

Progressiver Rock, ganz im Stile britischer Vorbilder wie KING CRIMSON oder YES, das schwebte ihnen ursprünglich vor. Dass im einzigen gemeinsamen Werk letztlich noch einige andere, auch amerikanische Rockgruppen ihre Spuren hinterliessen, wer will es ihnen verdenken. Nach dem die Mannen von EDGEWOOD bereits mehrere Monate lang komponiert und geprobt hatten und das bei den GENTRYS erspielte Geld langsam zur Neige ging, bekamen sie schliesslich einen Vertrag beim kleinen TMI-Label in Memphis. Mit Produzent Jim Johnson hatten sie einen erfahrenen Produzenten und Studioingenieur an ihrer Seite, der sowohl selbst Musiker in der Muscle Shoals Rhythm Section war, als auch schon für Aretha Franklin, The Rolling Stones, Wilson Pickett, Joe Cocker und Cher am Mischpult gesessen hatte.

Erinnert man sich daran, was für eine Art Musik die Musiker von EDGEWOOD zuvor gemacht haben ("Keep On Dancing", "Do You Love Me", "Don't Send Me No Flowers"), hat man schnell Verständnis für den Albumtitel "Ship Of Labor". Wie Galeerenarbeit müssen sie es wohl empfunden haben, sich in die vertrackten Synkopen ihrer neuen Songs einzuspielen, wieder und wieder kurze Sets zu üben, weil das Gitarrenriff nicht in die Tonlage für den richtigen Anschluss an den letzten Keyboardakkord zu bringen war, und so weiter. Zum Glück fanden sie in TMI Label-Chef Steve Cropper (Booker T. & The M.G.'s, Blues Brothers Band) einen Mentor, der oft ins Studio kam und den Musikern mit Rat und Tat zur Seite stand.

Zeitgenössische Kritiker haben die Musik von EDGEWOOD in eine Reihe mit AMBROSIA und KANSAS mit einer Vorliebe für Southern Garage-Rock gestellt; eine Einschätzung, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich denke, die Ameruikaner hatten lange mit Progressive Rock so ihre liebe Mühe, er war ihnen irgendwie zu verkopft. Wenn ich Verweise auf andere Bands einbringe, so will ich damit keinesfalls die Kreativität des besprochenen Albums in Frage stellen oder gar ein Abkupfern unterstellen. Ich versuche bei weniger bekannten Gruppen und Interpreten damit lediglich eine Vorstellung zu vermitteln, wie die entsprechende Passage in etwa klingt. Die Musik von EDGEWOOD lebte davon, in Beaver, Mayo und Taylor mit drei starken Sängern gesegnet gewesen zu sein und fünf verschiedene Gitarristen oder zwei Keyboarder vor die Mikrophone stellen zu können. Und mit Joel Williams verfügten sie über einen klassisch geschulten Schlagzeuger, dem auch vor symphonischen Sequenzen nicht bange war.

Der erste Titel "Ain't Had No Lovin'" eröffnet mit einer westcoast-animierten Gitarre. Das einsetzende Piano wird überraschend von einem Cembalo abgelöst, doch die klassische Einlage ist nur von kurzer Dauer, dann nimmt ein Honky Tonk-Klavier augenzwinkernd den Ernst aus der Sache. Sachte Himmelsklänge, umrahmt von einem an die DOOBIE BROTHERS erinnernden Satzgesang, führen zum von einer Kirmesorgel gesetzten Schlusspunkt. Die Variationsmöglichkeiten der Tasteninstrumente werden auch bei "Why Don't You Listen" voll genutzt. Es geht rhythmisch los, Gitarren und Keyboards liefern ein schneidiges Korsett für die grunzenden Keyboardakkorde, die an "Taurus" von EMERSON, LAKE & PALMER erinnern. In diesem heftigen Wechselspiel bleibt dennoch genügend Zeit, die äusserst virtuose Schlagzeug-Arbeit von Williams zu bewundern. Dass bei "Burden Of Lies" der Schwerpunkt nicht auf der Rhythmusarbeit liegt, kündigt die Folk-Gitarre zu Beginn schon an. Das Ganze erinnert sehr an die frühen HOLLIES, wenn auch die Harmonien immer wieder leicht verkanten und damit Spannung in den Refrain bringen. In den zweiten Teil des Songs führt eine hammondmässig gestimmte Orgel, die sich vom fleissigen Schlagzeug ein bisschen antreiben lässt.

Das Titelgeber-Stück kommt verständlicher Weise nicht als fröhlich pfeifender Junge, sondern als abgearbeiteter, sehr melancholischer alter Mann daher. In den sechseinhalb Minuten für "Ship Of Laabor" spannt ein sphärenhaft klingendes Keyboard mit viel Hall den Himmel, während ein zweites, mehr an ein Mellotron erinnerndes Keyboard den Part des Bösen, Drohenden übernimmt. Beavers voluminös klingende Stimme passt gut zum verlangsamten Geschehen, das alle Instrumente deutlich voneinander trennt. Doch je länger das Stück dauert, umso mehr verschmelzen die Leadgitarren von Taylor und Tarbutton bis zum Einklang. Auch in diesem Song drängen sich einem permanent Erinnerungsfetzen von bei anderen Gruppen Gehörtes auf, ohne dass man sie genau definieren könnte. Das ist bei "Unconscious Friend" ganz anders. Die Gitarren kennt man von den FLYING BURRITO BROTHERS oder der SOUTHER HILLMANN FURAY BAND. Hier weht überhaupt kein Südstaatenwind mehr, hier mischt sich eine kalifornische Brise mit englischem Nebel vielleicht ein wenig à la TRAFFIC: Ein zuerst lockeres Orgelgewebe wird zum Ende hin kräftig in die Rock-Zange genommen. Ähnlich ergeht es dem Keyboarder beim Song "Medieval People". Gleich zwei Leadgitarren fordern die typische Progressive Rock-Orgel zum Wettlauf heraus.

"We Both Stand To Lose" liefert äusserst entspannte Momente. Nicht sehr originell, aber wie der Leadsänger seine stimmlichen Mitstreiter zum Refrain herausfordert, wirkt schon sehr inspirierend. Und man kann endlich auch die Arbeit des Bassisten Steve Spear würdigen "What You See" ist fast so etwas wie ein Unikum auf diesem Album. Die etwas wirre und zerfaserte Melodieführung verschrecken mit hardrockigen Gitarren und zeigen dabei einen deutlichen Trend zur Disharmonie. Passt nicht recht zum Rest des Albums, klingt aber hochinteressant. Indes: Kein Progressive Rock-Album ohne Traum-Sequenz. EDGEWOOD haben sich an diese Vorgabe gehalten und mit "Silent" das entsprechende Stück komponiert. Klar, wieder ein wabernder Orgel-Himmel über allem und eine schauspielerhaft artikulierende Stimme, die uns den Weg durch den Traum weist. Ich weiss, es wird nicht so sein, aber das in kurzen Abständen wiederholte kinderliedartige Thema erinnerte mich schlagartig an Sergej Prokoffiev's "Peter und der Wolf". Als einige Jahre später dann die von Jack Lancaster, Robin Lumley und Dennis McKay produzierte Rockversion des Musikmärchens heraus kam (mit Gary Moore, Gary Brooker, Julie Tippett, Manfred Mann, Cozy Powell, Phil Collins und anderen) war die Ähnlichkeit sogar frappierend: Ente und Katze begleiten Peter durch den Wald. Die letzten zwei der insgesamt sieben Minuten des Songs vergibt EDGEWOOD an die BEACH BOYS. Sie nehmen jetzt das Thema auf und geben es bis zum Schluss nicht mehr her. Also der Satzgesang ist derart similar, da muss Absicht dahinter stecken: Eine - wenn als das gedacht - herrliche Hommage an die Strandjungs.

Nach dem leider einzigen Album unter dem Namen EDGEWOOD kam nichts mehr hinterher. Die Band löste sich auf, genauere Gründe waren nicht zu erfahren. David Beaver spielte und tourte mit den GENTRYS erneut weiter, die nun doch endlich einen Stilwechsel hin zum Americana geschafft hatten, ging mit CACTUS, CHICAGO, DEEP PURPLE, BONNIE RAITT und SURVIVOR jeweils als Gastmusiker auf Tournee und unterstützte Steve Cropper's Studioarbeit. 1973 veröffentlichte er gemeinsam mit David Mayo das Album "Combinations", diesmal sahen die Musikkritiker darin eine Kreuzung zwischen ARGENT und BADFINGER. Dann verliert sich seine Spur. Heute ist Beaver ein erfolgreicher Bankier, spielt aber offenbar immer noch in einer lokalen Band in Memphis. Steve Spear gründete 1974 die Gruppe THE RADIANTS, machte viel Studioarbeit, so etwa für Tony Joe White, B.B. King und Rufus Thomas. Jim Tarbutton arbeitete nach EDGEWOOD für José Feliciano und sein Mother Music Studio in Orange, California. Zurück in Tennessee (1976), engagierte ihn J.J. Cale für sein Crazy Mama Studio und diverse Tourneen. Seit 1993 ist er freier Soundingenieur und Produzent.

Über David Mayo war zu erfahren, dass er später in den Gruppen TRIPLE CROSS, RUBY STARR, THE VILLAGE SOUND, GREY GHOST und JAGUAR gespielt hat. Pat Taylor konnte später im Studio mit Ringo Starr und Al Green arbeiten, noch später findet man ihn als Studio-Ingenieur bei Aufnahmen von Albert King, Stevie Ray Vaughn, Joe Walsh, Jerry Lee Lewis und Stevie Nicks vermerkt. Joel Williams schliesslich arbeitete zuerst als Studiomusiker in Memphis, war dann jeweils kurzfristiges Mitglied von CABOOSE, TARGET, TRIPLE CROSS, RUBY STARR, THE SPENCER DURHAM GROUP und schloss sich 1974 für längere Zeit BLACK OAK ARKANSAS an. Heute spielt er zusammen mit Steve Spear in der Classic Rock-Band DOWN2FIVE sowie hin und wieder in der kalifornischen Psychedelic-Folk-Band THE QUARTER AFTER. EDGEWOOD's Album "Ship Of Labor" ist ein bis heute praktisch unentdeckter Geheimtipp geblieben, der sich auch heute noch unbedingt lohnt, entdeckt zu werden.







Aug 6, 2022


BEAT FARMERS - The Pursuit Of Happiness (Curb Records D2-77501, 1987)

Die Beat Farmers aus Kalifornien wurden im August 1983 von Country Dick Montana und Jerry Raney gegründet und spielten einen sehr vielseitigen Stilmix aus Cowpunk, Roots Rock, Americana und Swamp Rock, der in seinem Abwechslungsreichtum stark an die Long Ryders erinnerte, die zwar eher vom traditionellen Rock'n'Roll kamen, jedoch auch all die typischen Strömungen der 80er Jahre im Bereich Country-Rock in ihre Musik einfliessen liessen wie die Beat Farmers. Letztlich bringt die Bezeichnung eines Musikkritikers den Stilmix der Beat Farmers ziemlich genau auf den Punkt: "Country Rock, Bar-Room Style".

Nachdem die Band für das Rhino-Label 1985 eine erste LP mit dem Titel "Tales Of The New West" veröffentlicht hatte, die von Steve Berlin (The Blasters, Los Lobos) produziert wurde, war der Gruppe zwar ein ziemlicher Achtungserfolg beschieden, was aber leider nicht dazu führte, dass Rhino den lediglich ein Album umfassenden Vertrag verlängern mochte. Stattdessen unterschrieben sie im Jahr darauf bei Curb Records, und dort blieb die Band auch bis fast zum Schluss. Waren auf dem Debutalbum noch auf den ersten Blick unvereinbare Coversongs vertreten, wie zum Beispiel "There She Goes Again" von Velvet Underground neben Bruce Springsteen's "Reason To Believe", so zeigte sich die Band in den Folgejahren eher von der eigenen künstlerischen Seite, was den Gesamtsound der Band allerdings nicht gleichförmiger, sondern eher noch vielfältiger machte. Leadgitarrist Joey Harris zeigte sich in dieser Beziehung als der Haupt-Songschreiber sehr kreativ und sein musikalisches Verständnis reichte vom urwüchsigen Rock'n'Roll mit klar 50er Jahre-Ausprägung bis hin zum aktuellen Cowpunk der 80er Jahre. Eines war seinen Kompositionen aber immer gemein: Sie waren unvergleichlich melodiös und mitsingbar, was die Band mit den Songs auf ihren beiden Folgealben "Van Go" (1986) und "The Pursuit Of Happiness" (1987) eindrücklich unter Beweis stellte.

Für dieses dritte Album, produziert von Dave Jerden, holten sich die Beat Farmers als Gastmusiker den legendären Pianisten Nicky Hopkins ins Studio, ausserdem Steve Berlin für die Saxophon-Parts und die beiden Long Ryders-Musiker Stephen McCarthy und Greg Sowders. Mit dem toll schunkeligen Americana Song "Make It Last" schaffte es die Band, in den Country und Western-Sendern der USA ausgiebig gespielt zu werden, wohingegen der Rest der Platte, der eher dem Rock'n'Roll und dem Swamp Rock/Roots Rock zugewandt war, leider nur wenig Chancen auf Airplay hatte. Das ist sehr schade, denn eigentlich dürfte diese dritte Platte die Ausgereifteste der Beat Farmers gewesen sein. Vielleicht fehlt den darauf enthaltenen Stücken letztlich ein kleines Quentchen Groove, wie er zum Beispiel auf dem Vorgängeralbum "Van Go" noch fast überall zu hören war. "The Pursuit Of Happiness" war alles in allem aber eher eine bodenständige Rock Platte und von daher wesentlich direkter und auch erdiger produziert. Vielleicht könnte etwa so ein Z.Z.Top Album klingen, wenn die bärtigen Texaner mal eine Country Rock-Platte einspielen würden.

Neben den rockenden Eigenkompositionen "Hollywood Hills" mit dieser herrlichen Mundharmonika-Einleitung, die ein bisschen an "Spiel mir das Lied vom Tod" erinnert, dem an die Blasters erinnernden "Dark Light" und dem schwerfälligen Bluesrocker "Key To The World" sind vor allem auch die hier wiederum gezielt ausgewählten Coversongs toll interpretiert: "Rosie" von Tom Waits zum Beispiel, das in seiner Intensität dem Original in nichts nachsteht, oder "Big River" aus der Feder von Johnny Cash, das dieses sehr abwechslungsreiche und hervorragend produzierte Album sanft und elegant ausklingen lässt.

Die Beat Farmers spielten fünf weitere Alben ein, allesamt empfehlenswert. Am 8. November 1995 verstarb Bandleader Country Dick Montana völlig überraschend mitten auf der Bühne während eines Auftritts, als er gerade den Song "The Girl I Almost Married" in seiner Heimat Whistler, British Columbia, zum Besten gab. Damit lösten sich auch die Beat Farmers auf. Ein Jahr später veröffentlichte Curb Records eine CD von Country Dick Montana mit Songs, die er für sein erstes Soloalbum aufgenommen, aber noch nicht herausgegeben hatte ("The Devil Lied To Me"). Neben seinen Bandkumpels spielten bei diesen Solo-Songs auch Rosie Flores, Katie Moffatt, Dave Alvin von den Blasters und Mojo Nixon mit.







LEVON HELM - Levon Helm And The RCO All Stars
(ABC Records AA 1017, 1977)

Der Musiker Levon Helm spielte ab 1958 bei den Hawks, der Begleitband des Rockabilly-Sängers Ronnie Hawkins, später war er Gründungsmitglied von The Band. Levon Helms Hauptinstrument war das Schlagzeug, er spielte aber auch Gitarre und Mandoline. Sein Gesang verlieh vielen Klassikern der Formation The Band eine unverwechselbare Stimme. Levon Helm war ein Sohn des amerikanischen Südens, er wuchs auf einer Farm im Mississippi Delta auf und wurde schon in seiner Kindheit von der reichen Musiktradition dieser Region beeinflusst. Im Gegensatz zu vielen Rockmusikern seiner Zeit waren die Stilrichtungen Country, Blues, Gospel und Folk für ihn keine Sehnsuchtsmotive, sondern ein Teil seiner frühen musikalischen Eindrücke. Nachdem er Elvis Presley live gesehen hatte, wollte Levon Helm selbst Rock'n'Roll spielen. Zu seinen Vorbildern gehörten auch Bo Diddley und Peck Curtis, der Schlagzeuger bei Sonny Boy Williamson II And The King Biscuit Boys. Nach seinem Umzug nach Memphis wurde der 17-jährige Levon Helm im Jahre 1957 von Ronnie Hawkins entdeckt und in dessen Band integriert. Helm spielte in der Folge bei den Aufnahmen der Hawkins-Hits "Mary Lou" und "Forty Days" Schlagzeug. Obwohl er die Schule noch nicht abgeschlossen hatte, folgte er Hawkins 1958 nach Toronto. 1963 verliess er gemeinsam mit seinen kanadischen Mitmusikern Rick Danko, Garth Hudson, Richard Manuel und Robbie Robertson den Bandleader Ronnie Hawkins, um zuerst als Levon And The Hawks und später als The Band in die Geschichte der Rockmusik einzugehen.

Bob Dylan heuerte Mitte des Jahres 1965 The Hawks als Begleitband an, nachdem er kurz zuvor den Gitarristen Robbie Robertson und Levon Helm kennengelernt hatte. Zermürbt von den Anfeindungen vieler Dylan-Fans, die dessen neue, elektrisch verstärkte Musik als Verrat an den Folkidealen betrachteten, verliess Levon Helm jedoch kurz darauf Bob Dylan. Er kehrte nach Arkansas zurück und wollte das Musikbusiness endgültig hinter sich lassen. Mitte 1967 holten ihn jedoch Bob Dylan und seine Begleitmusiker, die sich nun The Band nannten, wegen der Aufnahmen für die später legendären "Basement Tapes" zurück. Sie benötigten Helms Stimme und seine Perkussion. Nach den Aufnahmen zu den "Basement Tapes" trennte sich The Band von Dylan und nahm ihr erstes eigenes Studioalbum "Music From Big Pink" auf. Stücke wie "The Weight" und "The Night They Drove Old Dixie Down", bei denen Helm die Lead-Stimme sang, wurden zu den bekanntesten Titeln von The Band. Nach ihrem letzten Studioalbum "Islands" und ihrem Abschiedskonzert "The Last Waltz" im Jahre 1976 löste sich die Gruppe auf. Um Levon Helm blieb es nicht lange ruhig. Bereits 1977 nahm er sein erstes Solo-Album "Levon Helm And The RCO All Stars" auf.

Die All Stars waren eine Traumgruppe von Levon Helms Lieblingsmusikern, darunter Namen wie Mac Rebennack (alias Dr. John), Paul Butterfield, Booker T. Jones, Donald 'Duck' Dunn, Steve Cropper, Tom Malone, Alan Rubin und die beiden Oldtimer Henry Glover und Fred Carter aus der Hawks-Zeit. Nur ein Track, "Blues So Bad", wurde von Levon selbst geschrieben. Die Songs, die teilweise in Shangri-La und teilweise in Levons eigenem RCO-Studio in Woodstock aufgenommen wurden, waren hauptsächlich fröhlich aufgebaute, zeitlos unterhaltsame Blues-Stücke, denen die Musiker zumeist sehr laidback gehaltene und unaufgeregte Arrangements verpassten. Der erhoffte kommerzielle Erfolg blieb jedoch aus, denn die Platte hinterliess mehrheitlich enttäuschende Fans der Formation The Band, die noch auf ähnliches Material, wie das auf früheren The Band-Alben zu hören gewesen war, hofften. "Levon Helm And The RCO All Stars" wurde trotz der bemerkenswerten Mannschaft, die auf dem Werk spielte, kein grosser Erfolg, ein insgesamt eher enttäuschender Rang 142 in den Album-Chart war die höchste Platzierung, die das Album erreichte, ausserhalb der USA wurde die Platte ebenfalls kaum wahr genommen. Trotz mehrerer innovativer Versuche, das Album zu promoten, scheiterte auch die Aufgabe, eine längere Konzertreihe auf die Beine zu stellen. Hauptsächlich lag das an den vollen Terminkalendern der beteiligten Musiker, die allesamt mit ihren eigenen Projekten unterwegs waren.

Levon Helm liess sich von dem moderaten Erfolg der Platte nicht irritieren und veröffentlichte ein Jahr später sein zweites Studiowerk "Levon Helm". 1980 und 1982 folgten zwei weitere Soloalben und eine Reunion von The Band mit Jim Weider, der Robbie Robertson ersetzte. 1993 gründete er sein eigenes Plattenstudio in Woodstock und es erschien seine Autobiographie 'This Wheel’s On Fire'. Ende der 90er Jahre wurde bei Levon Helm Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Er unterzog sich einer langwierigen Radiotherapie. Wie durch ein Wunder kehrte seine verloren geglaubte Gesundheit und seine Tenor-Stimme soweit zurück, dass er mit der gesanglichen Unterstützung seiner Tochter Amy, des Multi-Instrumentalisten und Produzenten Larry Campbell und dessen Frau Teresa Williams im Jahre 2002 eine Konzertreihe starten konnte. Diese Konzerte fanden zunächst unter dem Namen 'Midnight Ramble' mit einer Reihe von illustren Gästen wie etwa Elvis Costello, Donald Fagen, Jon Herrington, Emmylou Harris, Dr. John und Kris Kristofferson regelmässig in seiner Scheune bei Woodstock, New York statt. Mit den Einnahmen konnte Levon Helm seine hohen Behandlungskosten begleichen. Mit der Kernbesetzung der wöchentlichen 'Midnight Rambles' veröffentlichte Levon Helm drei Alben: "Dirt Farmer" (2007), "Electric Dirt" (2009) und das Live-Album "Ramble At The Ryman" (2011). Alle drei Alben wurden jeweils mit einen Grammy ausgezeichnet.

Levon Helm hatte 2005 in dem Film 'Three Burials - Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada' eine Rolle als alter blinder Mann, der nur mexikanisches Radio hört. Später folgten weitere Rollen in grösseren Hollywood Produktionen wie 'Shooter' (2007) und 'In the Electric Mist' (2008). Bei den Grammy Awards 2008 erhielt Levon Helm die Auszeichnung in der Kategorie des besten traditionellen Folk Albums für seine Platte "Dirt Farmer". Im Februar 2009 wurde Levon Helm auf Platz 91 der 100 grössten Sänger aller Zeiten des Rolling Stone Magazins gewählt, My Morning Jacket-Sänger Jim James schrieb in seiner Würdigung über Helm: "Nachdem Papa Garth Hudson ja nicht wirklich sang, empfand ich immer Levon als die gesangliche Vaterfigur in The Band. Er wirkt stark und selbstbewusst, eben wie ein Vater, der einen nach Hause ruft oder auch mal ausschimpft. Levons Stimme ist wie ein robustes altes Bauernhaus". Dasselbe Magazin listete Helm 2016 auf Platz 22 der 100 besten Schlagzeuger aller Zeiten. Der Song "Levon" auf dem Album "Madman Across The Water" von Elton John war nach Levon Helm benannt. Am 19. April 2012 verstarb Levon Helm im Alter von 71 Jahren infolge seiner Krebserkrankung.






ROCCO - Rocco (20th Century Records T-505, 1976)

Der neuseeländische Maori-Soulsänger Leo De Castro, der sich vom progressiven Rock seiner früheren Band Friends abwandte, begann als Solokünstler mit einer bunten musikalischen Mixtur, die aus Elementen des Funk, des Soul, des Rock und auch dem Blues einen ziemlich interessanten und abwechslungsreichen Cocktail servierte. Es war ein Stil, den der Musiker für den Rest seiner Karriere verfolgen würde. Das De Castro Line-Up wurde von Steve Webb und Rob Gray (beide Keyboards), dem ehemals bei den Bands Carson und der australischen Rock'n'Roll-Legende Daddy Cool tätig gewesenen Lan 'Willy' Winter (Gitarre) und John Young (Bass) komplettiert. Später zog Leo De Castro nach Sydney, wo er sich der Funk Band Johnny Rocco anschloss. Die Band benannte sich nach dem gleichnamigen Bösewicht, den der Schauspieler Edward G. Robinson im Film 'Key Largo' aus dem Jahre 1948 spielte. Diese in Sydney ansässige Gruppe von Jazz- und Funk-Musikern spielten eine LP ein, zusammen mit einem der wenigen Maori-Sänger, die sich in den 70er Jahren in australischem Soul-Funk und anderer Musik einen Namen machen konnte. De Castro spielte in einigen weiteren Bands mit, aber mit relativ wenig Erfolg.

Wie viele urbane indigene Musiker auf der ganzen Welt, die von der europäischen Kultur beeinflusst wurden, hatten auch Maori-Musiker oft eine Heimat in der afrikanischen Musik-Diaspora gefunden:Soul, Funk, Reggae und seit einigen Jahren auch Hip Hop. De Castro's Einflüsse waren jedoch wesentlich bodenständiger und folgten dem damals gerade in Australien sehr populären Boogie Rock, der seine Wahlheimat ziemlich fest im Griff hatte. Die ursprüngliche Version der Johnny Rocco Band, die im Februar 1974 gegründet wurde, bestand aus Mark Punch (Gitarre, Gesang; Ex-Mother Earth), Tony Buchanan (Saxophon; Ex-Daly Wilson Big Band), Tim Partridge (Bass; Ex-King Harvest, Mighty Kong) und Russell Dunlop (Schlagzeug; Ex-Levi Smiths Clefs, SCRA, Mother Earth). Sie waren eine der ersten australischen Bands, die Funk und Soul in das Pub Rock-Format integrierten. Leo und Mick Kenny (Keyboards; Ex-Levi Smiths Clefs) traten Ende 1974 zusätzlich der Gruppe bei. Die Band nahm eine erste Version des Stücks "Heading In The Right Direction" auf, die gemeinsam von Mark Punch und Garry Paige geschrieben worden war. Die Sängerin Renée Geyer machte das Lied später durch eine eigene Version berühmt.

Die Johnny Rocco Band war vor allem live eine ziemliche Attraktikon. Das ergab sich zuerst einmal aus dem Umstand heraus, dass die Gruppe zeitweise mit einiger personeller Verstärkung auftrat, bei deren Gelegenheit sie manchmal fast schon ein veritables Big Band Format angenommen hatte, was dazu führte, dass bekannte und weniger bekannte Titel öfters mal zu richtig ausgedehnten Jam-Variationen ausuferten. Insbesondere Bläsersätze und viele Keyboard-Einlagen prägten den Live-Sound und verliehen ihren Songs dadurch einen sehr breit gefächerten Charakter. Besonders auch De Castros Live-Stimme hatte es dem immer zahlreicher werdenden Publikum angetan - auf Tracks wie "Baby's Gonna Make It" klang er beispielsweise schon fast tiefschwarz und brauchte sich vor Konkurrenten aus den USA überhaupt nicht zu verstecken.

Zu der Zeit trat die Gruppe oft auf, sammelte so auch viele Erfahrungen und bereitete sich lange darauf vor, dieses Album aufzunehmen. Der Original-Gitarrist Mark Punch war gerade zu Renée Geyers Band gegangen, aber er war noch bei der Johnny Rocco Band geblieben, um mindestens zwei der Tracks für das spätere Album mit aufzunehmen - Songs, die er mitgeschrieben hatte: "Heading In The Right Direction", das bald eine Hit-Single für Renée Geyer auf deren Soloalbum "Ready To Deal" wurde, sowie "Sweet Kisses", das Geyer später ebenfalls aufnehmen würde (für ihr Album "Winner"). Das hervorragend produzierte Album präsentierte auch ein paar tighte Instrumental Funk-Workouts mit Jazz-Touch, toller Flöte und ein früher Talkbox-Klassiker mit dem Titel "Number 43", sowie grossartige Percussion-Einlagen von Sunil De Silva. Das später schlicht "Rocco" betitelte Werk wurde ein ganz formidables und stilistisch sehr breit ausgelegtes Album.

Während das Album in Australien auf dem Kleinlabel The Ritz Gramophone Company veröffentlicht wurde, kam auch ein internationaler Deal mit dem amerikanischen Plattenlabel 20th Century Records zustande. Die Band wurde in der Folge schlicht in Rocco umbenannt, und es wurde ein Vertriebs- und Managementvertrag mit der Reizner Music Corporation unterzeichnet. Die Singleauskopplung "Heading In The Right Direction" mit der B-Seite "Funky Max" erschien im August 1975. Harris Campbell hatte Punch abgelöst, der später ebenfalls zur Renée Geyer Band wechselte. Die Johnny Rocco Band veröffentlichte das Album "Rocco" im Mai 1976, das eine zweite Single "Gonna Have A Good Time" mit der B-Seite "Who's This Guy" abwarf. Trotz etlicher weiterer toller Songs auf dem Album wie "Funky Max" oder "Rocco" blieb der Gruppe jedoch der grosse Durchbruch verwehrt, wohl auch, weil die grosse Funk-, Soul- und Disco-Welle zu jenem Zeitpunkt insbesondere in den USA bereits am abklingen war. Rocco kamen wohl einfach etwas zu spät mit ihrem Album, was angesichts der tollen Musik und der absolut tighten und fetten Produktion wirklich schade ist. Weil sich somit ein weitreichender Erfolg nicht abzuzeichnen schien, trennte sich die Gruppe Rocco schliesslich Ende 1976. 

Leo De Castro gründete in der Folge die Kiwi-Band Cahoots mit Tui Richards (damals Ex-Powerhouse), Billy Rylands (Gitarre, Ex-Freshwater und Stevie Wright Band), Phil Pritchard (Gitarre; Ex-Highway und Miss Universe), George Limbidis (Bass, Ex-Highway und Miss Universe) und Doug McDonald (Schlagzeug, Ex-Powerhouse). Im Mai 1977 wurde die Band als 'Leo De Castro And Rocco' aktiv. Am Ende des Jahres war es dann die Leo De Castro Band. Es folgte eine erneute Umbenennung in Heavy Division im Jahre 1978 mit Richards, Russell Smith (Gitarre, Ex-Firma Caine, Mighty Kong, Billy T), Tim Partridge (Bass,  Ex-Kevin Borich Express) und John Watson (Schlagzeug). Nennenswerte und zählbare Erfolge blieben jedoch aus, weshalb der hervorragende Sänger Leo De Castro im Endeffekt ein rein australisches und neuseeländisches Phänomen blieb.





FARON YOUNG - This Time The Hurtin's On Me (Mercury Records SR-61376, 1972)

Wie die Rockmusik kannte auch die Countrymusik viele Stars, die auf ihre Weise einzigartig und unverwechselbar waren. Manche wurden zu Legenden, manche gerieten rasch in Vergessenheit, nachdem sie verstorben waren. Ein Künstler, der auch zu Lebzeiten nie den Stellenwert erreichte, den er eigentlich verdient gehabt hätte, war Faron Young. Zumindest in Europa konnte er sich nie etablieren. Dabei war dieser aus Shreveport, Louisiana stammende Vollblutsänger so facettenreich wie ein Chamäleon. Faron Young vereinigte so manche der Eigenschaften in seiner Person, die man eher einem Rock- oder Filmstar zugedacht hätte, als einem Countrysänger der 50er, 60er und 70er Jahre. Das galt für seine Musik, sein Privatleben und seine Persönlichkeit. Kaum ein anderer seiner zeitgenössischen Kollegen hatte musikalisch soviel versucht wie der Mann, den man auch den singenden Sheriff nannte. Und er war erfolgreich damit. Mehr noch, Faron Young war einer der ersten und wenigen Country-Stars der sich im Aufbruch befindenden und neu orientierenden Countrymusik, die auch als Geschäftsmann kräftig mitmischten.

Ausgestattet mit einem starken Ego, einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein und dem richtigen Instinkt ging er konsequent seinen Weg, der ihn an die Spitze der amerikanischen Countramusik brachte. Dabei nutzer er jede sich bietende Chance. Faron Young lebte sein Leben in vollen Zügen. Er war alles andere als ein Kind von Traurigkeit. Wer wie er das Schicksal immer wieder einmal herausforderte, der musste auch Niederlagen verdauen und Rückschläge einstecken. Getreu dem Motto Wein, Weib und Gesang lebte er ein Leben, das auch einem Rockstar alle Ehre gemacht hätte. Alkohol, Pillen und Frauen spielten oft und immer wieder Hauptrollen in seinem Leben. Faron Young stand im Ruf eines Schürzenjägers, der es mit der Treue nicht so genau nahm. Handgreiflich konnte er durchaus auch mal werden. Er liess kaum eine Gelegenheit aus, sowohl wenn es galt, über die Stränge zu schlagen aber auch in künstlerischer Hinsicht. Wenn er eine Chance sah, als Sänger ein Stück voran zu kommen, zögerte Young nicht lange. Selbst wenn er eine Art von Musik machen musste, die er eigentlich ablehnte. Die Karriere des Faron Young geriet so auf eine Art Achterbahnkurs und machte aus ihm einen Künstler, der nie ein Superstar wurde, der aber in vielen Aspekten Anderen vormachte, wie man in der seinerzeit noch bescheidenen Country Szene auch wirtschaftlich zu Wohlstand kommen konnte. Da passte dann auch das Ende zum Gesamtbild dieses Mannes: Faron Young beging Selbstmord. All die menschlichen Schwächen wurden allerdings überstrahlt vom Künstler Faron Young.

Als Faron Young am 25. Februar 1932 geboren wurde, war Shreveport noch nicht das Country Mekka, zu dem es nach dem Ende des zweiten Weltkriegs werden würde. Die Jugend verlief unauffällig, Country Music spielte für Young keine Rolle. Einzig ein angeborener Drang danach, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, fiel schon sehr früh auf. In der Musik schien dies am einfachsten möglich. Zugute kamen dem Jugendlichen dabei, dass er am rechten Ort lebte und nicht lange zögerte, wenn ein Angebot sich lukrativ genug anhörte. Dazu brauchte man schon damals eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und die Entschlossenheit, unbedingt sein Ziel erreichen zu wollen. Erster wichtiger Schritt wurde Webb Pierce, der seinerzeit bereits ein Star war. Pierce erkannte das Talent von faron Young und holte ihn in seine Band, wo er die Gelegenheit bekam, im Schatten seines Bosses auf sich aufmerksam zu machen. Er trat 1951 beim legendären Louisiana Hayride in seiner Heimatstadt auf und machte eine 15-minütige Sendung bei der Radiostation KWKH. Auch erste Platten konnte er aufnehmen, mit einer Art Rockabilly, den er zwar nicht mochte, der aber ausreichte, das Interesse der Plattenfirma Capitol Records zu wecken.

Ken Nelson holte ihn dorthin und machte aus ihm rasch einen Plattenstar. 1953 landete Faron Young mit der Single "Goin‘ Steady" seinen ersten Hit. Man holte ihn in die Grand Ole Opry, aber auch zum Militär. Auch diese Zeit, die oft eine Karriere zumindest verzögerte, nutzte Young zu seinen Gunsten. Er machte viele Sendungen und Aufnahmen für die Army und bekam im Gegenzug Gelegenheit, weiter Platten aufzunehmen und live aufzutreten. Das hielt ihn im Geschäft und führte zum nächsten wichtigen Hit "If You Ain’t Lovin'". Damit hatte er seinen eigenen Stil gefunden, eine spezielle Mischung aus Honky Tonk, Rockabilly, Boogie und traditionellem Country. Faron Young avancierte in der Folge zu einem der beliebtesten Countrysänger der 50er und 60er Jahre. In jenen Jahren legte er sich auch den Beinamen 'The Singin‘ Sheriff' zu, ausgehend von einem der Filme, in denen er mitwirkte, der betitelt war mit 'The Young Sheriff'. Exzentrisch wie er war, machte er nie einen Hehl daraus, dass er das singen würde, was erfolgreich wäre. Deshalb behielt er seinen Sound so lange bei wie er sich verkaufte, wobei sich viele seiner Aufnahmen sowohl inhaltlich als auch sonst kaum voneinander unterschieden. Es fiel auf, dass Young sich nicht in etwas hinein zwängen liess, doch immer bereit zu Experimenten war. Auch wenn er selbst nicht hinter dem Sound stand, den er manchmal produzierte, gab er stets sein Bestes und brachte sein Talent voll ein.

So wie er bei Webb Pierce seine Chance erhielt, gab Young jungen Musikern ihre Möglichkeiten. Legendär wurde sein Gespür für grosse Talente: Roger Miller, Johnny Paycheck, die Wilburn Brothers, Gordon Terry und sogar Willie Nelson gehörten seiner Band an. Letzterer schrieb den Song, mit dem Faron Young 1961 seinen vierten Nummer 1 Hit feiern konnte und damit einen wichtigen Beitrag zu dem lieferte, was schon kurze Zeit später als der typische 'Nashville Sound' Furore machen sollte: "Hello Walls". Danach hielt Young sich zwar in den Charts, aber ein weiterer Top Hit stellte sich erst 1969 wieder ein mit "Wine Me Up". Er arbeitete viel, kümmerte sich wenig um seine Zukunft und musste viel Lehrgeld zahlen. Zu lange vertraute er Menschen, die mit seinem Geld wirtschafteten, nicht unbedingt zu seinem Vorteil. Young sagte einmal: "Eines Tages wurden mir die Augen geöffnet. Ich erkannte, dass ich mich selbst betrog. Mir hätte es besser gehen müssen, ich konnte mehr Geld verdienen, ich konnte mich selbst wieder in die Spur bringen und der Industrie Einiges zurück geben. Das habe ich dann auch getan". Faron Young krempelte sein gesamtes Umfeld um. Mit Billy Deaton fand er die Vertrauensperson. Mit ihm arbeitete er viele Jahre zusammen. Young gab seiner Band The Deputies ein neues Outfit und machte sie zu einer der besten Bands im Nashville der 60er und 70er Jahre. Und er stieg auch als Geschäftsmann ein. Nicht alle Investitionen freilich erwiesen sich als glücklich, sein bekanntestes zweites Standbein wurde Music City News, eine über viele Jahre sehr populäre Zeitschrift, die Faron Young gründete und mit viel Geschick steuerte. Auch im Hotelgeschäft war er aktiv, ihm gehörten Musikverlage und er machte mit Immobilien Geschäfte.

Mit "Wine Me Up" deutete sich noch nicht unbedingt eine Kehrtwendung in seiner Musik an, die aber schon bald anstehen sollte. Mit einem im Honky Tonk Sound gehaltenen Remake seines ersten Hits "Goin' Steady", mit "Step Aside" und "Leaving And Sayin' Goodbye" startete er wie gewohnt in die 70er Jahre. Dann gelang ihm 1971 mit "It’s Four In The Morning" ein weiterer Nummer 1 Hit, der ihn endgültig als 'Nashville Sound Star' etablierte und als Balladensänger hoffähig machte. Das eröffnete ihm lukrative Pfründe. Als Live Entertainer blieb er jahrelang sehr gefragt. Aber der Song sollte auch sein letzter grosser Hit bleiben. Nach den so erfolgreichen Jahren bei Mercury Records versuchte es Faron Young ab Ende der 70er Jahre bei MCA Records und ein weiteres Jahrzehnt später bei Step One Records. Mehr als Achtungserfolge sprangen nicht mehr heraus. Für einen Mann mit seinem Ego, seinen Ansprüchen, seiner Karriere war es schwer, sich daran zu gewöhnen, dass ihn die Entwicklung überrollte und ihn nicht vor dem Schicksal verschonte, das fast all seine Kollegen ereilte. Die sich immer mehr kommerzialisierende Country Music mit ihren nahezu grenzenlosen Möglichkeiten, Künstler zu Stars zu machen, brauchte einen in die Jahre gekommenen Faron Young nicht mehr. Auch geschäftlich lief es nicht mehr ungetrübt und wie gewohnt. So musste er Music City News verkaufen, wenig später gab es sie nicht mehr. Mit dieser für ihn desillusionierenden Situation ging Faron Young anders um als einige seiner Leidensgenossen. Offenbar hatte das Leben für ihn seinen Sinn verloren. Am 10. Dezember 1996 setzte er seinem Leben selbst ein Ende.

Was war geblieben von diesem schillernden Künstler, der kein Trendsetter war ? Kein Künstler, der Neues in die Country Music einbrachte, sondern ein Charakter, der wusste, wohin er wollte. Er zeigte, dass man mit starkem Willen und der Bereitschaft, die Mechanismen einer Industrie zu nutzen und dabei eigene Vorlieben zu ignorieren, Berge versetzen konnte. Hinterlassen hatte Faron Young schliesslich eine ganze Menge von Aufnahmen unterschiedlicher Machart, die ihn allesamt als einen begnadeten Sänger auswiesen. Völlig zu Recht wurde er deshalb auch in die Country Music Hall of Fame aufgenommen.







Jun 16, 2022


NEIL YOUNG - This Note's For You (Reprise Records 9 25719-2, 1988)

"This Note's For You" war das siebzehnte Studioalbum des kanadischen Musikers Neil Young, veröffentlicht am 11. April 1988 auf Reprise. Es wurde ursprünglich als 'Neil Young & The Bluenotes' vermarktet. Ein Teil des Konzepts des Albums konzentrierte sich auf die masslose Verkommerzialisierung des Rock'n'Roll und insbesondere auf Tourneen (der Titelsong ist ein zynischer sozialer Kommentar zum übermächtigen Sponsorentum, das oft aufgrund der Mitfinanzierung grosser Kulturanlässe in den Vordergrund drängt). Die Musik auf dem Werk fiel vor allem durch den Einsatz einer Bläsergruppe auf, die konstant präsent war. Die Platte markierte Young's Rückkehr zu der kurz zuvor reaktivierten Plattenfirma Reprise Records. Im Jahre 2015 veröffentlichte Young ein Live-Album einer Tour, auf welcher er unter dem Titel 'Bluenote Café' Konzertadaptionen der Songs des Albums von 1988 präsentierte.

"This Note's For You" gilt als Neil Youngs gelungenstes Stil-Experiment und war seine erste Platte bei seinem alten Label Reprise Records, nachdem Neil Young seine vor allem aus seiner Sicht enttäuschende Zusammenarbeit mit dem Label Geffen Records beendet hatte. Young setzte sich einen Fedora-Hut und eine Sonnenbrille auf, reduzierte seinen Verstärker-Park auf einen alten, abgenutzten Silvertone Amplifier und scharte eine neunköpfige Band namens The Bluenotes um sich, welcher allein sechs Bläser angehörten, darunter Young's Gitarrentechniker Larry Cragg und der Multi-Instrumentalist Ben Keith. Die zweite Gitarre spielte Frank "Poncho" Sampedro, Young's alter Kumpel aus der Zeit mit der Band Crazy Horse, und auf die Rhythmusgruppe aus Chad Chromwell und Rick Rosas griff er in der Zeit nach "This Note's For You" immer wieder gerne zurück.

"Ten Men Working", der Opener, machte unmisverständlich klar, wohin die musikalische Reise bei diesem Werk gehen sollte: Authentischer Rhythm & Blues mit prägnanten Bläsersätzen. Man fühlte sich nicht nur wegen Young's Sonnenbrille an die Blues Brothers erinnert. "Well we work all day, then we work all night. We got to keep you dancin', gotta make you feel alright". Neil Young klang hier richtig bodenständig und vermied jedwelche countyaffinen Klänge oder gar experimentelle Elemente. Diese Musik klang nach einer eleganten versierten Band, die noch einmal voll Fahrt aufnehmen wollte: Eine vom technischen Standpunkt aus gesehen sehr gute Altherrentruppe. Die optimal dazu passende Pose des zwielichtigen Bandleaders Shakey Deal, Neil Young's Pseudonym für diese Rolle, passte wie die Faust auf's Auge und sorgte schon mal für eine wohldosierte Prise Humor. Bei aller Ernsthaftigkeit war Neil Young auch imemr ein sarkastischer Künstler, der zynische Momente gerne und oft in seine Werke einbaute, nur um oftmals eine Musikindustrie zu entlarven, bei der sich um mehr Schein als Sein dreht.

Dazu dann die passenden Songs: Manchmal fast emotionslose, aber perfekt inszenierte Blues-, Rhythm'n'Blues- und Rocknummern, die stellenweise in ihrer Machart etwas an sein ebenso leicht vergackeierndes Rock'n'Roll-Experiment "Everybody's Rockin'" erinnerten, aber handwerklich geriet "This Note's For You" ungleich besser. Vor allem Young's Gitarrenspiel versetzte den geneigten Hörer bisweilen in Erstaunen. Frank Sampedro sagte im Musik-Dokumentarfilm 'Year Of The Horse' an einer Stelle, dass Neil Young bei Crazy Horse nicht so gut zu sein brauchte wie bei anderen Line-Ups, und das war gut beobachtet. Auf "This Note's For You" spielte Young fast cleane bis leicht angefahrene Sounds und klang für seine Verhältnisse ziemlich vintage und klassisch, was letztlich viel zur Authentizität der gebotenen Musik beitrug.

Natürlich spielte Neil Young auch auf "This Note's For You" seinen unverwechselbaren Stil, und der basierte auch hier auf Tonleitern, aber das musikalische Konzept gestattete ihm, seine introspektive, zurückgenommene, durchaus auch kontrollierte Seite viel mehr auszuspielen als auf anderen seiner Platten. Mit dieser Vortragsweise dürften auch jene Hörer klar gekommen sein, die sonst eher auf die Gediegenheit eines Eric Clapton standen. Ob man solcherlei allerdings von Neil Young hören wollte, war letztlich natürlich auch wieder Geschmackssache, aber die Schönheit des Einfachen, von Anfang an Merkmal seiner gesamten Kunst, strahlte auf "This Note's For You" sehr pur, sehr unverrostet, stellenweise lyrisch durch die Lücken, die von den ganzen gute Laune verbreitenden Trompeten gelassen wurden. Bemerkenswert war das bei einer eher kühl kingenden Platte, auch wenn Neil Young's Intentionen hier nicht weniger aufrichtig waren als sonst.

Die besten Momente der Platte waren "Coupe De Ville", in seiner Machart fast eine Jazz-Ballade, was man Neil Young wohl doch eher nicht zugetraut hätte, das dynamisch rockende "Life In The City", und bei "Can't Believe Your Lyin'" oder "One Thing" kam eine bluesige Moodyness ins Spiel, deren verrauchte Glaubwürdigkeit einen richtiggehend in ihren Bann zog. Die eigentlichen Highlights sollten aber gar nicht auf dem Album, sondern auf den unter Fans hoch gehandelten Bootlegs der damaligen Tourneen zu finden sein. Das vitriolische "Sixty To Zero" tauchte immerhin ein Jahr später auf "Freedom" auf, und "Ordinary People" fand seinen Weg auf "Chrome Dreams II".

Das Titelstück erlangte einige Berühmtheit, weil es Sponsoring im Rock-Business kritisierte. MTV setzte das Video, in welchem ein Whitney Houston-Lookalike per Bierdusche einen brennenden Michael Jackson rettete, wegen seines satirischen Umgangs mit diversen Marken auf die rote Liste. "What does the M in MTV stand for: Music or Money ?" fragte Young daraufhin in einem offenen Brief. Mit dieser Aktion handelte er sich wahrscheinlich mehr Sympathien ein, als mit all seinen seit Ende der 70er Jahre veröffentlichten Platten zusammen. Am Ende gewann "This Note's For You" sogar einen Award als "Video Of The Year". Und Youngs Karriere nahm wieder Fahrt auf. Kleine interessante Randnotiz: Als der Bandleader Harold Melvin, der Gründer der Rhythm'n'Blues-Band 'Harold Melvin And The Blue Notes', eine Klage vor Gericht einreichte, weil Neil Young den Bandnamen 'Bluenotes' verwendete, wurde das Werk später als Neil Young-Platte vermarktet - der Name Bluenotes stand dann nicht mehr auf dem Plattencover. Er nannte seine Begleitband hierauf Ten Men Workin', nach dem gleichnamigen Opener des Albums.