Dec 30, 2016

RY COODER - Paradise And Lunch (Reprise Records MS 2179, 1974)

Mit "Paradise And Lunch" hatte Ry Cooder im Juni 1974 ein feines Roots-Album veröffentlicht, das sich in wesentlichen Merkmalen recht deutlich von seinen bisherigen drei Alben unterschied. Seine vierte LP, welche zwar keine Charts-Erfolge verbuchen konnte, geniesst dennoch unter den Ry Cooder Fans ein hohes Ansehen. Der Grund dürfte in der relativen Vielseitigkeit dieser Platte liegen. Ry Cooder präsentierte sich hier nicht nur als der begnadete Slidegitarren-Spieler, als den man ihn bis anhin kannte, sondern er zeigte seine Fähigkeiten auch an der akustischen Gitarre und insbesondere an der Mandoline. Durch diese zusätzlichen Saiteninstrumente erhielt "Paradie And Lunch" einen wesentlich stärkeren Tex-Mex Appeal als seine bisherigen Alben. Dazu passten dann auch die entsprechenden Songs wie etwa die Coverversion des von Burt Bacharach geschriebenen "Mexican Divorce", das ein herrlich träumerisch-trauriges Stück Mariachi-Musik zeigte, oder auch das nicht minder romantische Eingangsstück "Tamp 'Em Up Solid", einem uralten traditionellen Blues, den Cooder mit einem schönen Eisenbahner-Tramp-Groove versah. 

Doch das Hauptmarkenzeichen dieser wunderbaren Platte war die Reise durch das Land Amerika und die Musik seiner Bewohner. Die neun Songs repräsentierten nämlich ausschliesslich alte Traditionals, alte Bluesnummern und Ausflüge in Gospel und traditionellen Folk. Die Reise ging dabei auch bis nach Mexiko und wieder zurück über den Mississippi in die Weiten der amerikanischen Landschaften. Die verwendeten Instrumente passten dazu perfekt, die Bilder von Feldarbeitern, alten Männern auf der Veranda und alten Autos, also den typischen Klischees zu Blues und Folk, entstanden damit unweigerlich im Kopf des Hörers. Kein Anderer als Ry Cooder konnte dieses Flair entstehen lassen, diesen relaxten Sound, der so tief in der amerikanischen Roots-Musik verwurzelt war.Cooder bewies auch mit der Wahl seiner Coversongs ein sicheres Händchen. Er schielte nicht auf sattsam bekannte Nummern, um sie zum x-ten mal zu covern, sondern entschied sich für teils eher weniger bekannte Titel und gab diesen auch seine unverwechselbare stilistische Note, die manchem Song am Ende ein völlig neues Gesicht gab. Die Arrangements waren mit vorwiegend akustischen Instrumenten und einer ganzen Reihe von Sängern inszeniert, die im Chorus den Blues- und Gospel-Faktor eindrücklich und authentisch zu unterstreichen verstanden. Der musikalische Höhepunkt dürfte dabei die letzte Nummer der Platte gewesen sein, auch wenn es sich hierbei nur um ein Duett handelte: "Ditty Wa Ditty" mit Ry Cooder an der Gitarre und dem 71-jährigen Bluesveteran Earl Hines am Klavier. Ein wunderschöner Ragtime, der das Herz berührte.

Sehr herzlich geriet auch das von Bobby und Shirley Womack komponierte Soul-Stück "It's All Over Now", das einen leicht verschleppten Reggae-Rhythmus aufwies, der mit leichtem Calypso-Feeling eine tolle Urlaubsstimmung verbreiten konnte, dabei aber auch sehr elegant und keinesfalls nach Billigreisen schmeckte. Der bekannte Bluesmusiker Ronnie Barron setzte bei dem Stück mit seinem lüpfigen Klavierspiel prägnante Akzente. Ueberhaupt zeigten alle beteiligten Musiker hier eine perfekte Performance. Cooder war in den Staaten bereits etabliert genug, dass er eine Reihe hochklassiger Musiker aufbieten konnte, wenn er sich ins Tonstudio begab. Hier waren neben den bereits erwähnten Ronnie Barron und Earl Hines auch der Bassist Chris Etheridge, die Schlagzeuger Jim Keltner und Milt Holland, der Saxophonist Plas Johnson, der Kornett spielende Oscar Brashear und die Background-Sänger und -Sängerinnen Bobby King, Gene Mumford, Bill Johnson, George McCurn, Walter Cook, Richard Jones und Karl Russell dabei. Die von Russ Titelman, der auch bei einigen Stücken den Bass spielte und ebenfalls mitsang und Lenny Waronker produzierte Platte überzeugte neben den Songs und den Arrangements auch durch die brilliante und transparente Produktion.

Das Album vereinte letztlich geliehene Songs verschiedenster Stilrichtungen, präsentierte dabei Jazz, Blues und Rootstitel, alte Standards aus dem grossen amerikanischen Songbook, wie auch kleine Obskuritäten, die weitgehend unbekannt waren, von Ry Cooder aber perfekt in Szene gesetzt wurden. So war zum Beispiel auch die eher wenig bekannte Nummer "The Tattler" von Washington Phillips auf dem Werk zu finden. Der Song erhielt erst durch die Version von Ry Cooder überhaupt ein grösseres Airplay, das später sogar noch grösser wurde, als die Country- und Rock-Sängerin Linda Ronstadt diesen Titel 1976, also zwei Jahre nach Ry Cooder, für ihr Album "Hasten Down The Wind" berücksichtigte. Bobby Miller's "If Walls Could Talk" war auch so eine eher wenig populäre Nummer, der Ry Cooder ein wunderschönes Country-Flair verpasste. Daneben fanden sich aber zum Beispiel mit den wesentlich populäreren Songs wie dem Gospel-Klassiker "Jesus On The Mainline" oder dem Blues Traditional "Fool For A Cigarette" auch Songs, die weitherum bekannt waren und sind. Cooder gab diesen Titeln jedoch stilistisch in ein völlig neues Gewand, ungewöhnlich arrangiert und instrumental von Feinheiten dominiert, klangen diese Songs hier wesentlich ausgeklügelter und differenzierter als die ursprünglich eher monotonen Traditionals.

Das ungewöhnliche Arrangieren seiner Songs hat Ry Cooder allerdings in seiner ganzen Karriere immer wieder ausgezeichnet. Im Verbund mit den Produzenten Russ Titelman und Lenny Waronker hatte dieses Zusammenspiel einen wirklichen Höhepunkt generiert, sodass es ausserordentlich schade ist, dass es diese brilliante Platte damals nicht in die amerikanischen Top 100 schaffte. Heute geniesst dieses Werk einen wesentlich höheren Stellenwert, nicht nur im Werk des Künstlers Ry Cooder, sondern ganz allgemein auch in dem musikalischen Bereich der Rootsmusik. Kritiker sehen in dem Album heute rückwirkend betrachtet einen ersten bedeutungsvollen Höhepunkt eines Musikstils, der sich erst Jahre später zu etablieren begann. Sich so auf die uramerikanischen Musik-Wurzeln zu besinnen, und diesen musikalischen Wurzeln ein ebenso passendes wie zeitgenössisches Aussehen zu verpassen, gelang damals niemandem so nachhaltig wie Ry Cooder. Insofern ist "Paradise And Lunch" nicht nur ein hervorragendes Stück Musik, sondern auch ein Wegbereiter für einen Musikstil, der erst einige Jahre später den grossen Durchbruch erlangte.











Dec 29, 2016

MC5 - Kick Out The Jams (Elektra Records EKS-74042, 1969)

Die Vorlage für den Punkrock der späten 70er Jahre lieferten neben The Stooges auch die rüpelhaften und wilden MC5 aus Detroit. Wer sich einmal "Kick Out The Jams" angehört hat, der weiss auch warum. Dass nicht alle Errungenschaften der vermeintlichen Zivilgesellschaft, wie sie in den Vereinigten Staaten von Amerika permanent propagiert und versuchweise auf die deutsche Lebensphilosophie adaptiert werden, ihre guten Seiten haben, ist wohlbekannt. So ist der Wunsch nach einem zügellosen und sorgenfreien Dasein ausserhalb der normierten Reihenhäuser mit ihren auf den Zentimeter genau geschnittenen Rasenflächen und den uniformierten Denkstrukturen der dort wohnenden, amerikanischen Mittelschicht, bereits vor etlichen Jahren auf Grenzen gestossen und lässt sich auch im 3. Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung ohnehin nur mittels kreditierter Kreditkarte unter Zuhilfenahme des unerschütterlichen Glaubens an den patriotischen Zeitgeist ansatzweise realisieren. Wer einst, in den nach alternativen Lebensformen suchenden und experimentierfreudigen 60er Jahren in den USA einen Platz im populären Showbusiness einnehmen wollte, der musste sich schon etwas Besonderes einfallen lassen.

Diese Bedingungen galten auch zu jener Zeit, in der sich einige Musiker, von diversen anderen Musikformationen kommend, im Jahre 1964 zusammentaten, um die Band MC 5 (Motor City Five in Ahnlehnung an die Automobil-Industrie der Stadt Detroit) ins Leben riefen. Obwohl der Weg zu den Ruhmeshallen der Rockmusik nicht nur sehr weit, sondern zudem auch steinig war, half ihnen ihr selbstzweifelsfreier Wille und ihr kaum zu brechender Glaube an die gerechte Sache, um aus dem unerschöpflichen Reservoir des amerikanischen Musik-Schmelztiegels herauszustechen. Ihr damaliger Manager, ein gewisser John Sinclair, hatte diese Eigenschaften sehr schnell erkannt und diesen hemmungslosen, auf individuelle Freiheiten basierenden Lebenstil auch auf die musikalische Ebene gehievt: Freie Liebe, freier Drogenkonsum, freie Musik, so in etwa lauteten die Parolen der sogenannten Trans Love Energies-Kommune in Ann Arbor, einer Stadt im Bundesstaat Michigan. Von hier aus sollte die weisse Revolution gestartet werden, deren Transmitter die brachiale Musik der Gruppe MC5 sein sollte.

Dank eines lukrativen Plattenvertrages bei der amerikanischen firma Elektra Records kam 1969 das Live-Album "Kick Out The Jams" auf den Markt und liess sich über 100000 mal verkaufen. Die Gruppe um Rob Tyner erhielt ob ihres aggressiven Sounds und der durchaus unkonventionellen Songtexte eine zunehmende Fan-Gemeinde, einen entsprechenden Bekanntheitsgrad und ein grosses Medienecho. Diese Kombination ermöglichte es der Band, auf die selbst inszenierten Provokationen gegen den American Way of Life selbst dann noch zu reagieren, als der Plattenvertrag bereits wieder gekündigt und ihr Manager wegen Drogenbesitzes verurteilt und eingesperrt worden war. 1964 gründeten Wayne Kramer und Fred 'Sonic' Smith in Lincoln Park die Bounty Hunters, als Bassist kam Rob Tyner (bürgerlich: Bob Derminer) zur Gruppe, der dann bald zum Sänger der Gruppe wurde. Mit dem Bassisten Michael Davis und dem Schlagzeuger Dennis Thompson formten sich aus den Bounty Hunters die Motor City Five, abgekürzt MC5.

Die Gruppe lebte in einer Kommune in der Universitätsstadt Ann Arbor, Michigan, die sich durch ihr liberales, politisch linksstehendes Umfeld auszeichnete. Aufgrund ihrer hochenergetischen Auftritte, deren Intensität durch James Brown beeinflusst war, erwarb sich die Gruppe schnell einen Ruf im Mittleren Westen. Danny Fields, der A&R-Manager bei Elektra Records, flog nach Detroit, sah einen Auftritt von MC5 und nahm die Band nach Absprache mit Präsident Jac Holzmann für 20000 $ unter Vertrag. Wayne Kramer wies Danny Fields auf die jüngeren, bis dato nur regional bekannten The Stooges mit Iggy Pop als Sänger hin. Nachdem er einen Auftritt der Stooges gesehen hatte, nahm Fields diese Band ebenfalls für 5000 $ (!) unter Vertrag. Das Debütalbum von MC5 wurde am 30. und 31. Oktober 1968 im Grande Ballroom in Detroit live aufgenommen. Auf Drängen ihres Plattenlabels Elektra Records mussten sie die Zeile "Kick out the jams, motherfuckers" in „"ick out the jams, brothers and sisters" ändern. Das Album schloss mit dem Song "Starship", der Coverversion eines Songs von Sun Ra. Als erste Elektra-Veröffentlichung erschien im Januar 1969 die Vorab-Single "Kick Out The Jams" (mit der bereinigten Textzeile "brothers and sisters" statt "motherfuckers"). Aufgrund der guten Resonanz veröffentlichte Elektra Records am 7. April 1969 das Album "Kick Out The Jams" mit Linernotes von John Sinclair. Das Album schoss unerwartet bis auf Platz 30 der Billboard-Charts. Der Titelsong erschien dabei in der eigentlich zensierten "motherfuckers"-Version. Erst spätere Versionen des Albums erschienen mit der bereinigten "brothers and sisters"-Textzeile und einem simplen LP-Cover, wohingegen das erstveröffentlichte Original noch ein FOC-Album zum aufklappen war.

Verärgert über einige Ladengeschäfte, die MC5's Album nicht vertreiben wollten, schaltete die Gruppe eine ganzseitige Anzeige mit dem Logo von Elektra Records in der Publikation Argus (Ausgabe vom 13. - 27. Februar 1969), einer Underground-Zeitschrift in Ann Arbor, in der die Bandmitglieder einige Plattenhändler beschimpften, und stellten die Anzeigenkosten ihrem Plattenlabel Elektra Records in Rechnung. Trotz relativ guten Verkaufszahlen und der Top 30-Platzierung des Albums "Kick Out The Jams" trennte sich Elektra Records daraufhin im April 1969 von der Gruppe aufgrund 'unprofessionellen Verhaltens' (!).
Eine Reihe von musikhistorischen Abhandlungen sahen in dem Album "Kick Out The Jams" und der Gruppe selbst, die Vorläufer der Punk-Bewegung. Es mag dahin gestellt bleiben, ob nun Johnny Rotten (John Lydon) und seine Sex Pistols überhaupt Gehör gefunden hätten, wären MC5 am Leben geblieben. Fakt ist jedoch, dass ihre musikalischen Möglichkeiten für den auf klangliche Harmonie und exzessiver Darbietung einzelner Instrumente verwöhnten Rock-Anhänger, eher bescheiden wirkten. Auch wenn das zweite Album der Band mit dem Titel "Back In The USA" jenen rüpelhaften, als Garage Rock zu bezeichnenden harten Rock'n'Roll nicht mehr so exzessiv wie noch auf dem Debutalbum herüberbringen konnte, blieben MC5 weiter im Gespräch. Der kommerzielle Einbruch hinderte die Band auch nicht daran, im Jahre 1970 eine ausgedehnte Europa-Tournee zu bestreiten. Beflügelt von der positiven Resonanz der dortigen Auftritte vor allem in England, produzierte die Formation 1971 mit "High Time" ein drittes Album, das wieder eher dem musikalischen Konzept der ersten LP "Kick Out The Jams" folgte und ging mit diesem neuen Album im Gepäck ab Februar 1972 erneut auf ausgiebige Europatournee.


Kurze Rückblende: Als der Bandmanager John Sinclair wegen des Besitzes von zwei Marihuana-Zigaretten zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde (!), spielten MC5 in zahlreichen Benefizkonzerten gemeinsam mit anderen Detroiter Bands Geld für die Prozesskosten ein, das aber teilweise statt für den Prozess für Propaganda der Bürgerrechtsorganisation White Panther Party ausgegeben wurde. Als Sinclair im Gefängnis war, trennte sich die Gruppe von ihm. Im Sommer 1969 nahm Atlantic Records die Gruppe unter Vertrag. Am 15. Oktober desselben Jahres erschien die Vorab-Single "Tonight". Ihr zweites Album "Back In The USA" wurde im Sommer 1969 in den GM Studios in East Detroit von Jon Landau produziert, jenem Produzenten, der später Bruce Springsteen betreuen sollte und dadurch weltberühmt wurde. Das Werk "Back In The USA" war textlich wesentlich unpolitischer, in Tempo und Härte aber durchaus der ersten Platte ebenbürtig, auch wenn der Stilfokus nun eher auf traditionellem Rock'n'Roll lag. So waren auf der Platte unter anderem das von Chuck Berry stammende Titellied und "Tutti Frutti" von Little Richard, aber auch sowie Klassiker wie "Looking At You" zu finden. Das Album "Back In The USA" erschien am 15. Januar 1970, erreichte jedoch lediglich Platz 137 in den Billboard Hitlisten.

Über ihren kommerziellen Misserfolg trösteten die Fünf sich mit schnelleren Autos, grösseren Villen und riesigen Verstärkerbergen. Mit dem auf Kredit gekauften Glamour entsprachen sie nicht mehr ihren eigenen früheren Vorstellungen, oder wie John Sinclair später sinnierte: "Ihr wolltet grösser sein als die Beatles, und ich wollte, dass ihr grösser werdet als Mao". Angesichts der Zustimmung in Europa gingen MC5 im Juli 1970 erstmals auf Europa-Tournee. So spielten sie mit guter Resonanz am 25. Juli 1970 auf dem Phun City Festival in Worthing, England, zusammen mit den Bands The Pink Fairies und Demon Fuzz, am 26. Juli 1970 im Roundhouse, London, mit Matthews Southern Comfort und am 31. Juli 1970 im Marquee Club, ebenfalls in London. Für ihr drittes Album "High Time" ging die Gruppe mit Geoff Haslam im Oktober 1970 in die Landsdown Studios in London, sowie in die Head Sound Studios in Michigan. Im Juli 1971 erschien das Album, das nicht in die Hitparade kam. Im Februar 1972 erfolgte eine weitere Europatournee, während welcher Michael Davis aufgrund persönlicher Differenzen die Gruppe verliess. Im selben Monat arbeitete die Gruppe im Herouville Castle Studios an weiteren Songs fpr ein allenfalls geplantes viertes Album, das jedoch nicht mehr erschien.

Zermürbt durch ihre anhaltenden Management-Probleme, der mangelnden Unterstützung seitens der Plattenfirma, grossen Drogenproblemen und immer grösser werdender persönlicher Differenzen innerhalb der Gruppe stiegen schliesslich auch Rob Tyner und Dennis Thompson aus. Im Herbst 1972 gingen Fred 'Sonic' Smith und Wayne Kramer auf eine weitere Europatournee. MC5 bestanden zu diesem Zeitpunkt aus Smith und Kramer, Derek Hughes am Bass und einem bezahlten Session-Schlagzeuger. Am 31. Dezember 1972 erfolgte schliesslich der letzte Auftritt der Band an ihrer alten Wirkungsstätte, dem Grande Ballroom, bevor die Gruppe endgültig das Handtuch warf.


Rob Tyner spielte 1977 eine Single mit Eddie & the Hot Rods als Begleitband ein und trat mit der Rob Tyner Band auf. Er starb aufgrund eines Herzanfalls am 18. September 1991. Fred 'Sonic' Smith gründete mit Scott Morgan (The Rationals), Gary Rasmussen (The Up) und Scott 'Rock Action“'Asheton (The Stooges) die Gruppe Sonic's Rendezvous Band. Sie spielen viele Konzerte, veröffentlichen aber nur 1977 eine Single mit dem Titel "City Slang". Ohne Morgan ging die Gruppe mit Iggy Pop 1978 auf Europa-Tournee. Nach dem Ende der Gruppe arbeitete Smith mit seiner Gattin Patti Smith zusammen und veröffentlichte mit ihr ein Album. Er verstarb am 4. November 1994 aufgrund Herzversagens. Wayne Kramer ging in den 70er Jahren wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Nach der Heilung von seiner Drogensucht brachte er mehrere Soloalben heraus, gründete mit Johnny Thunders das Projekt Gang War, arbeitete mit Was (Not Was), Scott Morgan und dessen Gruppe Dodge Main, in der auch Dennis Thompson spielte, Pere Ubu und Henry Rollins zusammen und war mit seiner eigenen Plattenfirma Muscle Tone Records auch aussermusikalisch aktiv. Michael Davis ging ebenfalls für diverse Delikte ins Gefängnis. Musikalisch betätigte er sich 1973 in der Gruppe Ascension mit Fred 'Sonic' Smith und Dennis Thompson, mit Ron Asheton in der Gruppe Destroy All Monsters. In den 90er Jahren spielte er mit Rich Hopkins in dessen Band The Luminarios. Dennis Thompson schliesslich spielte mit Deniz Tek (Radio Birdman) und gründete mit Tek, Ron Asheton (The Stooges) sowie Rob Younger und Warwick Gilbert (Radio Birdman) die Gruppe New Race. Weitere Gruppen, in denen er spielte, waren The New Order, Sirius Trixon, Motor City Bad Boys sowie Dodge Main (mit Scott Morgan, Wayne Kramer und Deniz Tek).

Am 22. Februar 1992 spielten Fred 'Sonic' Smith, Wayne Kramer, Michael Davis und Dennis Thompson ein Tributkonzert für Rob Tyner. 2003 spielten die verbliebenen Band-Mitglieder Kramer, Davis und Thompson ein Konzert im 100 Club in London, England. Als Sänger fungierten Nicke Andersson von The Hellacopters, Lemmy von Motörhead, Dave Vanian von The Damned und Ian Astbury von The Cult. Ab Sommer 2004 gingen Wayne Kramer, Michael Davis und Dennis Thompson als DKT/MC5 auf Welttournee. Je nach Land, in dem sie tourten, fungierten relativ bekannte Sänger und erklärte Fans der Band als Ersatz für Rob Tyner als musikalische Gäste, so etwa Nicke Andersson (The Hellacopters), Mark Arm (Mudhoney) und Evan Dando (The Lemonheads). Der Bassist Michael Davis verstarb am 17. Februar 2012 in Chico, Kalifornien.


MC5 waren neben The Stooges, Bob Seger, den Pleasure Seekers (mit Suzi Quatro), Savage Grace und anderen Gruppierungen ein wichtiger Teil der musikalisch höchst aktiven Detroiter Rock-Szene der 60er Jahre. MC5 gelang als erster dieser Bands der Durchbruch zu überregionaler Bekanntheit. Der energiegeladene Hardrock von MC5 stand auch für eine musikalische Radikalisierung. Kritiker merkten allerdings bei der ersten Platte an, dass die Live-Aufnahmen sich anhörten, als ob rohe Gewalt ein Ersatz für Originalität sein solle. Das nicht mehr so erfolgreiche zweite Album erhielt bessere Kritiken und war mit der Kürze der Lieder und der harten, kompromisslosen Darbietung einflussreich auf die spätere Punk-Bewegung. Bands wie The Damned, Eddie & The Hot Rods, Plan 9, Ducks Deluxe und The Boys übernahmen beispielsweise das Stück "Looking At You" und andere Songs von MC5 in ihr Repertoire auf. Später orientierten sich Bands wie The Hellacopters, The White Stripes, The Miracle Workers oder Teengenerate musikalisch an der Gruppe, die vor allem mit den Songs ihres Debutalbums wie etwa "Ramblin' Rose", dem legendären "Kick Out The Jams", "Rocket Reducer No 62", "Motor City Is Burning" und vor allem dem sich über knapp acht einhalb Minuten erstreckenden hochenergetischen "Starship" nachkommende Garagenrock Bands nachhaltig beeinflusste und bis heute als Stilikone einer Zeit des politischen Aufbruchs und des Einreissens festgefahrener sozialer Strukturen steht.



Dec 28, 2016

STRIDER - Misunderstood (GM Records GML 1012, 1974)

"Misunderstood" war 1974 das zweite und bereits letzte Lebenszeichen von Strider, einer der vielleicht besten bluesigen Hardrock-Bands der 70er Jahr, die niemand kannte. Dieses, auch von Sammlern häufig übersehene Werk, blieb bis heute nahezu unbekannt, verkaufte sich damals auch ausserordentlich schlecht. Man kann das angesichts der gebotenen Musik auf dieser LP kaum nachvollziehen. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass man es bei Strider mit einer regelrechten Supergroup zu tun hatte, deren Mitglieder ausnahmslos hochkarätige Musiker mit prominenter Vergangenheit waren. "Misunderstood" halte ich wie einige wenige Rockfans für einen echten Meilenstein des 70er Jahre Rock. Die Band, die aus Gary Grainger, Tony Brock, Ian Kewley, Lee Strzelczyk und Rob Elliott bestand, darf man durchaus als ein einmaliges Stelldichein von Top-Musikern bezeichnen.

Die 1972 in London gegründete Truppe bestach durch glanzvolle instrumentale Leistungen und einen markanten, sehr guten Leadsänger. Rob Elliott war der vormalige Sänger auf dem legendären Album "Death May Be Your Santa Claus" der Gruppe Second Hand. Elliott komponierte praktisch sämtliche Songs auf jenem herausragenden Rock-Werk, das längst Kultstatus erlangt hat. Elliott schloss sich später der Band Seventh Wave an. Zu dem hervorragenden Sänger gesellte sich bei Strider der Gitarrist Gary Grainger, der zu dem Zeitpunkt ebenfalls längst kein Unbekannter mehr war. Grainger, der später der Band Strapps beitrat und danach Gitarrist in Rod Stewart's Band wurde, spielte bereits für Roger Daltrey und Roger Entwistle auf deren Solo-Tourneen und auch auf deren Soloplatten. Seine Vielseitigkeit und stilistische Unvoreingenommenheit machten ihn zu einem gut gebuchten Studiogitarristen. Er spielte Blues, Rock, Funk und Jazz gleichermassen exzellent. Der Keyboarder Ian Kewley, der auch den zweiten Gesang beisteuerte, stand nach seiner Zeit bei Strider unter anderem in den Diensten von David Gilmour (LP "About Face"), wirkte auf Platten von Limey, Paul Young, The Alarm und auch von Stan Webb's Chicken Shack mit, bevor er zur Gründungsmannschaft der Manic Street Preachers gehörte.

Der Strider-Bassist Lee Strzelczyk ersetzte den zuvor aus der Band ausgschiedenen Lee Hunter, kam von National Flag und der originale Schlagzeuger Jimmy Hawkins war auf dem zweiten Album auch nicht mehr mit dabei. An seine Stelle trat Tony Brock, der ehemalige Schlagzeuger der Gruppe Spontaneous Combustion, der später Mitbegründer der sehr erfolgreichen Power Pop-Band The Babys wurde. In ihren frühen Tagen spielten Strider oft als Support Acts für berühmte Rock-Bands wie etwa Humble Pie, Status Quo und Deep Purple. Ihr Debutalbum ''Exposed" wurde 1973 auf Phillips Records veröffentlicht und präsentierte als Gastsängerin die ehemalige Background- und Lead-Sängerin Jennie Haan von Babe Ruth. Zusammen boten Strider einen hervorragenden musikalischen Mix aus Blue-, Heavy- und Hardrock, stets angereichert durch leise und recht anspruchsvolle Klänge, die recht typisch für die damalige Zeit waren. Man konnte schon musikalische Gemeinsamkeiten etwa mit April Wine oder den späteren Nutz heraushören, jedoch auch leicht Glamrock-artige Momente in Richtung frühe Mott The Hoople. 

Die Platte beginnt recht spannend mit einer leisen Gitarre, der Rhythmus wird untermalt von wabernden Spährenklängen des Keyboarders und verhaltenem Zischen der Becken, der Bass setzt ein und nimmt den Rhythmus der Gitarre auf. Der Sänger singt zwei Zeilen einer verhaltenen Melodie, bis die Band mit voller Breitseite losrockt. Sänger Rob Elliott schreit einem mit gewaltiger Nebelhorn gleicher Stimme sein "Open Your Eyes" unerwartet in die Gehörgänge und macht dies in den folgenden 40 Minuten ohne Unterlass. Krachender, vom Blues beeinflusster harter Rock, der ohne dumpfes Geballer auskommt und mitunter klingt, als wäre eine Pubrock Band der harten Gangart verfallen. Gary Grainger spielt eine aussergewöhnlich beseelte, zupackende Gitarre. Das fand dann schliesslich auch Rod Stewart, der schon kurz nach der Veröffentlichung des Albums "Misunderstood" den Gitarristen Grainger für seine eigene Band verpflichtete, was letztlich auch das Ende von Strider bedeutete. Der Schlagzeuger Tony Brock war aus meiner Sicht so etwas wie der Prototyp des Hard Rock Drummers mit seinem knappen, harten, präzisen und technisch anspruchsvollen Spiel. Er war nach dem Aus der Gruppe Strider Mitglied der erfolgreichen Power Pop Gruppe The Babys und ersetzte nach deren Auflösung immerhin keinen Geringeren als den legendären Carmine Appice in Rod Stewart's Band.

Ian Kewley spielt zurückhaltend aber songdienlich, der Bassmann mit dem herrlichen Namen macht seinen Job, fällt aber nicht weiter auf. Der unbestrittene Star der Band ist aber zweifelsfrei Rob Elliott mit seiner überaus kraftvollen Stimme. Der Mann kann echt singen,
auch die schwierigen Passagen auf der Ballade "Wing Tips", mit den herzzerreissenden Falsett-Einlagen meistert er souverän. Eigentlich sehr eigenartig, dass man nie vorher und auch nicht nach seinem Engagement bei Strider je wieder etwas von ihm gehört hat. Elliott entsprach eben auch nicht dem fast schon gängigen Cliché des in Whiskey badenden Shouters mit der Reibeisenstimme. Bei mir haben sich über all die Jahre viele der Songs festgehakt, ich weiss nicht ob der Begriff Ohrwurm negativ besetzt ist, aber anders als bei vielen Platten von populäreren Bands kann ich von der "Misunderstood" jedes Stück durchaus mit diesem Etikett versehen.

Die besten Titel dieses zweiten Strider Albums sind auf jeden Fall das auch als Single veröffentlichte "Seems So Easy", das damals ab und zu auch im deutschen Radio zu hören war, die Charts aber nicht mal annähernd schaffte; das bereits erwähnte "Wing Tips" mit der grossartigen Falsett-Stimmeinlage von Rob Elliott. Aber auch die Brecher "Open Your Eyes" und "Crossed Line" dürfen als Highlights bezeichnet werden. Nicht zu vergessen das Funk Rock Brett "Already Monday", das schon ähnlich klingt wie Mick Moody's Band Snafu zur selben Zeit, mit dem tollen Sänger Bobby Harrison. Es ist echt schade, dass die Musiker nicht länger durchgehalten haben. Es wäre bestimmt mehr aus der Band zu machen gewesen, hätte sie sich nur selbst ein bisschen mehr Zeit gegeben. Aber wenn aufgrund von hohen musikalischen Qualitäten natürlich Offertanfragen eines Rod Stewart kommen, kann man natürlich schlecht neine sagen. Für jeden Musiker kann es einen Karrierekick bedeuten, wenn er mit einem Weltstar musizieren darf. Um die Band Strider ist dies aber auf jeden Fall jammerschade.




Dec 27, 2016

NEIL YOUNG - This Note's For You (Reprise Records 9 25719-2, 1988)

"This Note's For You" war das siebzehnte Studioalbum des kanadischen Musikers Neil Young, veröffentlicht am 11. April 1988 auf Reprise. Es wurde ursprünglich als 'Neil Young & The Bluenotes' vermarktet. Ein Teil des Konzepts des Albums konzentrierte sich auf die masslose Verkommerzialisierung des Rock'n'Roll und insbesondere auf Tourneen (der Titelsong ist ein zynischer sozialer Kommentar zum übermächtigen Sponsorentum, das oft aufgrund der Mitfinanzierung grosser Kulturanlässe in den Vordergrund drängt). Die Musik auf dem Werk fiel vor allem durch den Einsatz einer Bläsergruppe auf, die konstant präsent war. Die Platte markierte Young's Rückkehr zu der kurz zuvor reaktivierten Plattenfirma Reprise Records. Im Jahre 2015 veröffentlichte Young ein Live-Album einer Tour, auf welcher er unter dem Titel 'Bluenote Café' Konzertadaptionen der Songs des Albums von 1988 präsentierte.

"This Note's For You" gilt als Neil Youngs gelungenstes Stil-Experiment und war seine erste Platte bei seinem alten Label Reprise Records, nachdem Neil Young seine vor allem aus seiner Sicht enttäuschende Zusammenarbeit mit dem Label Geffen Records beendet hatte. Young setzte sich einen Fedora-Hut und eine Sonnenbrille auf, reduzierte seinen Verstärker-Park auf einen alten, abgenutzten Silvertone Amplifier und scharte eine neunköpfige Band namens The Bluenotes um sich, welcher allein sechs Bläser angehörten, darunter Young's Gitarrentechniker Larry Cragg und der Multi-Instrumentalist Ben Keith. Die zweite Gitarre spielte Frank "Poncho" Sampedro, Young's alter Kumpel aus der Zeit mit der Band Crazy Horse, und auf die Rhythmusgruppe aus Chad Chromwell und Rick Rosas griff er in der Zeit nach "This Note's For You" immer wieder gerne zurück.

"Ten Men Working", der Opener, machte unmisverständlich klar, wohin die musikalische Reise bei diesem Werk gehen sollte: Authentischer Rhythm & Blues mit prägnanten Bläsersätzen. Man fühlte sich nicht nur wegen Young's Sonnenbrille an die Blues Brothers erinnert. "Well we work all day, then we work all night. We got to keep you dancin', gotta make you feel alright". Neil Young klang hier richtig bodenständig und vermied jedwelche countyaffinen Klänge oder gar experimentelle Elemente. Diese Musik klang nach einer eleganten versierten Band, die noch einmal voll Fahrt aufnehmen wollte: Eine vom technischen Standpunkt aus gesehen sehr gute Altherrentruppe. Die optimal dazu passende Pose des zwielichtigen Bandleaders Shakey Deal, Neil Young's Pseudonym für diese Rolle, passte wie die Faust auf's Auge und sorgte schon mal für eine wohldosierte Prise Humor. Bei aller Ernsthaftigkeit war Neil Young auch imemr ein sarkastischer Künstler, der zynische Momente gerne und oft in seine Werke einbaute, nur um oftmals eine Musikindustrie zu entlarven, bei der sich um mehr Schein als Sein dreht.

Dazu dann die passenden Songs: Manchmal fast emotionslose, aber perfekt inszenierte Blues-, Rhythm'n'Blues- und Rocknummern, die stellenweise in ihrer Machart etwas an sein ebenso leicht vergackeierndes Rock'n'Roll-Experiment "Everybody's Rockin'" erinnerten, aber handwerklich geriet "This Note's For You" ungleich besser. Vor allem Young's Gitarrenspiel versetzte den geneigten Hörer bisweilen in Erstaunen. Frank Sampedro sagte im Musik-Dokumentarfilm 'Year Of The Horse' an einer Stelle, dass Neil Young bei Crazy Horse nicht so gut zu sein brauchte wie bei anderen Line-Ups, und das war gut beobachtet. Auf "This Note's For You" spielte Young fast cleane bis leicht angefahrene Sounds und klang für seine Verhältnisse ziemlich vintage und klassisch, was letztlich viel zur Authentizität der gebotenen Musik beitrug.

Natürlich spielte Neil Young auch auf "This Note's For You" seinen unverwechselbaren Stil, und der basierte auch hier auf Tonleitern, aber das musikalische Konzept gestattete ihm, seine introspektive, zurückgenommene, durchaus auch kontrollierte Seite viel mehr auszuspielen als auf anderen seiner Platten. Mit dieser Vortragsweise dürften auch jene Hörer klar gekommen sein, die sonst eher auf die Gediegenheit eines Eric Clapton standen. Ob man solcherlei allerdings von Neil Young hören wollte, war letztlich natürlich auch wieder Geschmackssache, aber die Schönheit des Einfachen, von Anfang an Merkmal seiner gesamten Kunst, strahlte auf "This Note's For You" sehr pur, sehr unverrostet, stellenweise lyrisch durch die Lücken, die von den ganzen gute Laune verbreitenden Trompeten gelassen wurden. Bemerkenswert war das bei einer eher kühl kingenden Platte, auch wenn Neil Young's Intentionen hier nicht weniger aufrichtig waren als sonst.

Die besten Momente der Platte waren "Coupe De Ville", in seiner Machart fast eine Jazz-Ballade, was man Neil Young wohl doch eher nicht zugetraut hätte, das dynamisch rockende "Life In The City", und bei "Can't Believe Your Lyin'" oder "One Thing" kam eine bluesige Moodyness ins Spiel, deren verrauchte Glaubwürdigkeit einen richtiggehend in ihren Bann zog. Die eigentlichen Highlights sollten aber gar nicht auf dem Album, sondern auf den unter Fans hoch gehandelten Bootlegs der damaligen Tourneen zu finden sein. Das vitriolische "Sixty To Zero" tauchte immerhin ein Jahr später auf "Freedom" auf, und "Ordinary People" fand seinen Weg auf "Chrome Dreams II".

Das Titelstück erlangte einige Berühmtheit, weil es Sponsoring im Rock-Business kritisierte. MTV setzte das Video, in welchem ein Whitney Houston-Lookalike per Bierdusche einen brennenden Michael Jackson rettete, wegen seines satirischen Umgangs mit diversen Marken auf die rote Liste. "What does the M in MTV stand for: Music or Money ?" fragte Young daraufhin in einem offenen Brief. Mit dieser Aktion handelte er sich wahrscheinlich mehr Sympathien ein, als mit all seinen seit Ende der 70er Jahre veröffentlichten Platten zusammen. Am Ende gewann "This Note's For You" sogar einen Award als "Video Of The Year". Und Youngs Karriere nahm wieder Fahrt auf. Kleine interessante Randnotiz: Als der Bandleader Harold Melvin, der Gründer der Rhythm'n'Blues-Band 'Harold Melvin And The Blue Notes', eine Klage vor Gericht einreichte, weil Neil Young den Bandnamen 'Bluenotes' verwendete, wurde das Werk später als Neil Young-Platte vermarktet - der Name Bluenotes stand dann nicht mehr auf dem Plattencover. Er nannte seine Begleitband hierauf Ten Men Workin', nach dem gleichnamigen Opener des Albums.









Dec 24, 2016

CANNED HEAT - Christmas Album (Ruf Records Ruf 1135, 2007)

Alle Jahre wieder röhrt der Elch, jingeln die Bells, hat man wegen des vielen Stresses bald nicht mehr alle Nadeln an der Tanne und denkt sich: Heilige Nacht, bin ich froh, wenn das vorüber ist. Gegen diesen durchaus vermeidbaren Stress hilft eine gezielte und intensive Boogie-Behandlung. Die akustische Medizin hierfür gibt es als Hitze in praktischen Dosen zu kaufen. Diese hocheffiziente Rezeptur gibt es seit neun Jahren, und die Behandlung mit dem Präparat hat sich mannigfach bewährt. Natürlich gibt es auch wie bei jedem anderen Medikament gewisse lärmige Nebenwirkungen, allergische Reaktionen und bisweilen auch stilistische Unverträglichkeiten. Die sind aber im Vergleich zum Weihnachtsstress vergleichsweise als gering zu bezeichnen, weshalb sich die Wahl dieser akustischen Therapie an den drei Weihnachtstagen als äusserst wohltuend erweist. Bluesallergiker sollten allerdings doch eher auf das Produkt 'Bing' aus dem Hause 'Crosby' zurückgreifen, wenn allenfalls eine Stromgitarrenallergie vorliegt oder der Verdacht auf unkoordinierte Rhythmikbewegungen besteht. Auch wenn zugegeben seltene Ohrenempfindlichkeiten gegenüber Blues- und Rockmusik bekannt sind, sollte man eher auf besinnliche und traditionelle Weihnachtslieder zurückgreifen, von denen man in der Regel noch nicht mal eine Platte erwerben muss, sondern sich im Rahmen einer Selbsttherapie mittles der eigenen Stimme und deren gesanglichen Möglichkeiten heilen kann. Es empfiehlt sich allerdings, zuvor mit den Nachbarn gewisse Vorkehrungsmassnahmen zu treffen, etwa die Fenster geschlossen zu halten, etwa bei bekanntem Stimmlagenleiden oder bei atonalen Flatulenzen.

Allen unempfindlichen und für alles gewappneten Weihnachtskämpfern empfehle ich Canned Heat's "Christmas Album". Die auf diesem wundervollen Tonträger zusammengefasste akustische Rezeptur verleiht jedem Weihnachtsfest eine herzliche Stimmung und sorgt für Partystimmung noch unter widrigsten Umständen wie dem brennendsten Tannenbaum, der plärrendsten Kinder oder der verbranntesten Festtagsbraten. Seien es zwei verschiedene Versionen des "Christmas Blues", von denen die eine noch mit Dr. John am Piano und beide in der originalen Besetzung von Canned Heat im Jahre 1968 mit Bob "The Bear" Hite, Alan "Blind Owl" Wilson, Larry "The Mole" Taylor, selbstverständlich Fito De La Parra und Henry Vestine eingespielt wurden, oder der herzhaft gewürzte "Christmas Boogie", der die Baumkugeln bei entsprechender Lautstärke mit einem herrlich 'paff' platzen lässt, oder die dritte Variante des "Christmas Blues" mit Eric Clapton und John Popper als tollen Gast-Santas: Hier stampfen die Rehe und der Schlitten dreht sich um die eigene Achse. Schliesslich auch "The Christmas Song" mit den Chipmunks: ein besonders originelles akustisches Weihnachtsgeschenk, das man nicht mehr so schnell aus den Ohren raus kriegt.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen, die Ihr mich hier seit nunmehr einem Jahr treu lesend begleitet, ein paar besinnliche Weihnachtstage und danke Euch ganz herzlich für Euer Interesse an meinen alternativen Meisterwerken.

Mit rockigem Gruss
Beatnik


Ach so ja...was Festliches auf die Ohren gibt's natürlich auch noch:

 




Dec 23, 2016

LITTLE FEAT - Waiting For Columbus (Warner Brothers Records 2BS 3140, 1978)

Der am 13. April 1945 in Los Angeles geborene Musiker Lowell George spielte ab 1966 bei der Folkrock Band The Factory, mit der er das von Frank Zappa produzierte Demo "Lightning Rod Man" aufnahm, das allerdings erst 1993 veröffentlicht wurde. Aus The Factory entwickelte sich die Gruppe The Fraternity of Man, bei welcher Lowell George allerdings nie festes Mitglied war, mit der er jedoch zusammenspielte. Zwei Monate war er Leadsänger der Standells. 1968 schloss er sich den Mothers of Invention als Ersatz für Ray Collins an, zunächst als Sänger, später spielte er zunehmend Rhythmusgitarre. Er ist beispielsweise auf dem Mothers-Album "Hot Rats" zu hören. In dieser Zeit schrieb Lowell George viele Songs. "Truck Stop Girl", ein Titel aus dieser Zeit, wurde unter anderem von den Byrds gecovert. Dadurch bekam er einen Plattenvertrag bei Warner Brothers Records, worauf im Folgejahr dann seine Band Little Feat entstand, benannt nach einer Bemerkung von Jimmy Carl Black über George's Fussgrösse. Nachdem Frank Zappa Lowell George's Song "Willin'" wider Erwartens abgelehnt hatte, verliess Lowell George zusammen mit Roy Estrada die Mothers of Invention, um gemeinsam das neue Unternehmen Little Feat zu starten. Bill Payne und Richard Hayward waren die weiteren Musiker, welche zur Startformation von Little Feat gehörten. Russ Titelman produzierte das Debütalbum "Little Feat" 1971. Auf dem Album war der Gitarrist Ry Cooder als Gastmusiker zu hören. Weder die Single "Hamburger Midnight", noch das Album verkauften sich gut, trotz sehr guter Kritiken. Auch das zweite Album "Sailin' Shoes" von 1972 ging weitgehend unbeachtet unter, obwohl es von der Kritik hoch gelobt wurde. Auf beiden Alben war eine Kombination aus verschiedenen Musikstilen aus dem Süden der USA zu hören.

Roy Estrada stieg in der Folge noch 1972 aus. Für ihn kamen gleich drei Musiker neu in die Gruppe, nämlich Kenny Gradney, Sam Clayton und Paul Barrère. Die folgenden zwei Alben "Dixie Chicken" (1973) und "Feats Don’t Fail Me Now" im Jahr darauf brachten schon mehr Umsatz für die Band. Auf "Dixie Chicken" spielte die Band Countryrock. Auf einer Europa-Tournee mit den Doobie Brothers 1975 konnte man eindeutig erkennen, wie professionell die Band spielte. Die Genres reichten dabei von Country über Blues bis Boogie. Mit "The Last Record Album" (1975) gelang der Band dann endgültig der Durchbruch. Im folgenden Jahr tourten Little Feat erneut durch Europa, unter anderem auch im Vorprogramm der Rolling Stones. Auf der LP "Time Loves A Hero", welche 1977 erschien, waren Jazz Rock-Anklänge zu hören. Im selben Jahr musste sich Lowell George einer Drogen-Entzugskur unterziehen. Das Doppelalbum "Waiting For Columbus" aus dem Jahre 1978 präsentierte danach die hohen Qualitäten von Little Feat als Live-Band. Es gilt bei Musikkritikern bis heute als eines der besten Live-Alben der 70er Jahre und erreichte mit Verkäufen von über einer Million Exemplaren erstmals eine Platin-Auszeichnung für die Band.

"Waiting For Columbus" war das erste Livealbum, das von Little Feat veröffentlicht worden war und es präsentierte eine spielerisch unglaublich abgeklärte, hochprofessionelle, dabei nicht minder gefühlvolle und rhythmisch einmalige Rockband, die mit einer unfassbaren Selbstverständlichkeit mit den musikalischen Stilen spielte, als wäre dies das Einfachste der Welt. Seien es harte Rockklänge, Latin-Rhythmen, Countrymusik oder tief gehende Bluesnummern: Little Feat zeigten ein Füllhorn an exzellenten Songs, gespielt mit einer unglaublichen Verve, die manch andere Rockband schlicht alt aussehen liess. Die Aufnahmen für das originale Doppelalbum fanden im Jahr zuvor, 1977, statt, veröffentlicht wurde es im Februar 1978. Nachdem sich Little Feat sich im Laufe ihrer bisherigen Bandkarriere einen soliden Ruf bei Fans und Kritikern hart erarbeitet hatten, genossen sie spätestens nach der Veröffentlichung dieses Live-Dokuments Superstar-Status, und das nicht nur in den USA. Mit jedem Studioalbum wurden sie langsam aber stetig kommerziell erfolgreicher. Die Gruppe entschloss sich aber erst gegen Ende ihres Bestehens zu einem Livealbum, als sich die Streitigkeiten zwischen Lowell George und Bill Payne über die musikalische Entwicklung bereits bemerkbar machten. "Waiting For ColumbusW wurde bei vier Konzerten im Rainbow Theatre in London und bei drei Konzerten im Lisner Auditorium der George Washington University in Washington, D.C. aufgenommen. Bei diesen Konzerten wurde genug Material für eine Dreifach-LP aufgenommen, aus Kostengründen wurde jedoch nur eine Doppel-LP veröffentlicht. Die Originalaufnahmen gab es nur als Doppel-Langspielplatte. Erst in einer erweiterten CD-Ausgabe von 2002 wurden Teile des weiteren Materials veröffentlicht.

Was von Beginn der Live-Aufnahme an sogleich auffiel, war die scheinbar lockere und rhythmisch packende Art und Weise, mit welcher Little Feat an den Konzerten, die zu diesem Werk führten, an ihre Songs herangingen. Jede noch so scheinbar untanzbare Nummer aus ihrem grossen Repertoire wurde zu einem Fest für Bauch und Beine. Viel perkussive Sounds, sehr lockere und schmissige Gitarrenläufe und ein trotz seines Alkohol- und Kokain-Missbrauchs hervorragender Bandleader sorgten für ein musikalisches Feuerwerk allererster Güte. Auch hierzulande blieb bis heute der Live-Auftritt anlässlich ihres Rockpalast-Konzertes unvergessen. Fast jede ihrer Nummern erhielt live ein wesentlich mehr funkiges Gesamtbild, das über weite Strecken wesentlich anmachender und packender klang als die entsprechenden Studioversionen derselben Songs auf ihren originalen Alben oder Singles. Nnicht zuletzt dafür wurde die Gruppe weltweit geschätzt: Ihre Auftritte waren immer Parties, hochexplosiv rhythmisch und von einer unglaublichen Qualität. Zu den Höhepunkten auf "Waiting For Columbus" gehören zweifellos ihre Live-Adaptionen von "Fat Man In The Bathtub", "Time Loves A Hero", das auf neun Minuten gestreckte "Dixie Chicken" oder das urgemütliche "Sailin' Shoes", das in seiner Live-Variante gegenüber der originalen Studioversion wesentlich offener und direkter wirkte und in der Interaktion mit dem Publikum perfekt funktionierte.

Der lange "Tripe Face Boogie" und das Mitte der 80er Jahre auch von Wishbone Ash gecoverte "Rocket in My Pocket" groovten genauso lässig und unbekümmert und einzelne, heute längst zu Klassikern gewordene Titel wie "Spanish Moon" oder "Willin'" waren die unbestrittenen Publikumslieblinge, die beide hier auch in wundervollen Versionen zu hören waren. Sind es in der Regel die originalen Alben, die ihren besonderen, weil authentischen Reiz haben, muss man im Falle von "Waiting for Columbus" allerdings eher die sogenannte "Deluxe Edition" in Form einer Doppel-CD empfehlen, welche im Jahre 2002 erschien. Diese Ausgabe enthielt nicht nur die digital aufbereiteten Titel der Originalausgabe, sondern auch zusätzliche Stücke, die nicht auf der Original-LP enthalten, aber während der Aufnahmen für die LP entstanden waren. Insgesamt waren auf dieser Version zehn zusätzliche Titel zu hören, von denen eigentlich alle eine offizielle Veröffentlichung verdient gehabt hätten. Auch hier zeigte sich, dass die Band eigentlich keine "Füllnummern" präsentierte, die man vielleicht hätte weglassen müssen mangels hoher Qualität. Ganz im Gegenteil, auch bei diesen dankenswerterweise doch noch zugänglich gemachten Songs gab es wundervolle Nummern, wie zum Beispiel das herrliche "Teenage Nervous Breakdown", der sich über 12 Minuten erstreckende Long Jam "Day At The Dog Races" oder das von Allen Toussaint geschriebene "On Our Way Down", sowie das vor allem bei den Fans sehr populäre "Rock'n'Roll Doctor".

Lowell George betätigte sich neben seinem Engagement bei Little Feat auch als Studiomusiker, zum Beispiel für Maria Muldaur, Robert Palmer, Linda Ronstadt, John Sebastian, Bonnie Raitt, Mick Taylor, Bill Wyman, Jackson Browne und James Taylor. 1977, also noch zu dem Zeitpunkt der Konzertreisen, die letztlich zu dem Werk "Waiting For Columbus" führten, musste er sich einer Entziehungskur unterziehen, um von seiner Kokainsucht loszukommen. 1978 war Lowell George dann auch noch der ausführende Produzent des Albums "Shakedown Street" der Gruppe Grateful Dead. 1979 kehrte er Little Feat wenig überraschend den Rücken, um sich einer Solo-Karriere zu widmen. Noch im gleichen Jahr erschien sein einziges Solo-Werk "Thanks I’ll Eat It Here", mit dem er noch auf Tournee ging, aber bald darauf verstarb. Am 29. Juni 1979 erlitt der an Hepatitis und starkem Übergewicht leidende Lowell George in Arlington, Virginia einen Herzinfarkt. Seine Asche wurde ins Meer gestreut.

1981 wurde das Doppelalbum "Hoy-Hoy!" veröffentlicht, das sowohl Live-Aufnahmen als auch Studio-Produktionen bot, die noch mit Beteiligung von Lowell George eingespielt worden waren, bislang aber unveröffentlicht blieben. 1988 kam es zu einer Reunion von Little Feat mit Barrère, Clayton, Hayward, Payne, Gradney, Craig Fuller und Fred Tackett. Fullers Gesangsqualitäten konnten auf der LP "Let It Roll" von 1988 zwar nicht mit jenen von Lowell George mithalten, es fehlte der Platte auch insgesamt eine gewisse Eigenwilligkeit, dennoch war es ein gutes Werk, das sich auch recht gut verkaufte, weshalb die Gruppe auch weiterhin musizierte. Auf dem Album "Representing the Mambo" (1990) präsentierte Little Feat wunderbare Slidegitarren-Klänge. Die Sängerin Shaun Murphy war bereits auf dem Vorgänger "Let It Roll" zu hören gewesen. 1993 ersetzte sie Craig Fuller schliesslich als festes Mitglied der Gruppe. Die Live-Qualitäten der Band hatten auch nicht nachgelassen, wie das 96er Album "Live From Neon Park" bewies. Ausserdem wurden noch die Studio-Alben "Under the Radar" (1998), "Chinese Work Songs" (2000), "Kickin' It At The Barn" (2003) und "Join The Band" (2008) veröffentlicht. Im Februar 2009 verliess Shaun Murphy die Band. Der Schlagzeuger Richie Hayward wurde im August 2009 mit der Diagnose Leberkrebs konfrontiert, er verstarb im Jahr 2010. Haywards Schlagzeug-Techniker Gabe Ford spielt seitdem Schlagzeug. 1997 erschien auch ein Lowell George Tribute Album, betitelt "Rock And Roll Doctor", auf dem unter anderem Bonnie Raitt, Little Feat, Taj Mahal, Randy Newman und Jackson Browne spielten.