Jul 21, 2026


STRING DRIVEN THING - Keep Yer 'And On It (Charisma Records CAS1112, 1975)

Eine stilistische Tour De Force hatte diese schottische Folkrock Band um den Geiger Graham Smith hinter sich, als sie 1975 dieses fünfte Album veröffentlichte. Ursprünglich als reines akustisches Folk-Unternehmen in England gestartet, entwickelte sich diese hervorragende Gruppe zu einer waschechten, stark amerikanisch gefärbten Rockgruppe, die gekonnt und akzentuiert Elemente aus Folk, hartem Rock und Beatles-orientiertem Pop zu eigenen Songs verbaute, die bis dahin auf keinem früheren Album so beseelt rockten. Die Band indes war seit dem Vorgänger "Mind Your Head" nicht mehr dieselbe wie zu Anfang: Das Ehepaar Chris & Pauline Adams, die eigentlichen Gründer der Band, waren weg, ebenso die Backing Band. Mit Graham Smith war nur noch eines der Originalmitglieder übrig geblieben. Die Gruppe präsentierte sich 1975 amerikanischer denn je, und dies nicht nur bezogen auf ihre Musik, sondern weil sie inzwischen ihre Aktivitäten stark auf den amerikanischen Markt konzentrierte, nachdem die beiden Vorgänger-Alben vor allem in ihrer Heimat England nicht sonderlich erfolgreich waren.

Ein Jahr zuvor drehte sich das Personalkarrussell bei der Band immer schneller. Aufgrund des langen Tourens verabschiedeten sich nach und nach die Originalmitglieder der Band. Als Ersatz kamen teils richtig gute Musiker mit interessantem musikalischen Background. So etwa der Schlagzeuger Colin Fairley, der von Beggars Opera kam, oder der Gitarrist Peter Woods, der von Sutherland Brothers & Quiver kam und auch bei Al Stewart in dessen Band mitgespielt hatte und kurz zuvor noch bei der legendären Band Curved Air engagiert war. Als danach auch das Ehepaar Adams ausschied, kamen mit dem Sänger Kim Beacon und dem Bassisten James Exel weitere neue Mitglieder in die Band, die somit bis zum Ausscheiden von Geiger Graham Smith eine völlig neue Gruppe war, in welcher keines der originalen Mitglieder mehr mit dabei war. Die Plattenfirma Charisma erhoffte sich durch die Neuzugänge, die sie selbst ausgewählt hatte, einen zusätzlichen Synergie-Effekt für die Band. Leider war das Gegenteil der Fall. Trotz einem letzten hervorragenden Album konnte die Gruppe keinen Mehrwert erzielen und löste sich nach diesem Album folgerichtig auf.

Dabei bewiesen die neu hinzugekommenen Musiker vor allem kompositorisch grosses Geschick und schrieben für die Band einige der besten Stücke überhaupt. Das forsche, von Graham Smith's Geige wundervoll getragene "Starving In The Tropics" etwa - geschrieben von Exel und Fairley, oder das rock'n'rollige "Call Out For Mercy" aus der gemeinsamen Feder von Roberts und Beacon. Die glänzende Rock-Ballade "Chains (I Wanna Be Just Like Stan Bowles)", das wiederum Exell und Roberts gemeinsam schrieben, genauso wie das forsche und treibende, das Album beschliessende "Stand Back In Amazement". Einer der Höhepunkte dieses Albums war die Lennon/McCartney-Covernummer "Things We Said Today". Sie erhielt ein mit Flöte und Geige wundervoll fluffig verpacktes, gegenüber dem Beatles-Original total neues musikalisches Gewand, das alle typischen Züge eines Jam Stücks trug. Es wurde herrlich perkussiv eingespielt und mit Drumsounds versehen, die wie in Watte eingepackt klangen. Ein grossartiges Stück mit Ueberlänge.

Nach der Veröffentlichung des Albums, welches das Letzte der Band String Driven Thing für lange Zeit war, tourte die neue Band intensiv, spielte unter anderem mit Lou Reed, fiel aber kurz darauf auseinander, als Colin Fairley die Band verliess und die Plattenfirma Charisma die Gruppe nicht mehr weiter unterstützen mochte. Fairley betätigte sich in der Folge als Studio Engineer und Produzent, unter anderem für Elvis Costello und die Gruppe The Bluebells, nebst zahlreichen anderen. Andy Roberts heuerte bei Jeff Beck und Steve Winwood als deren Gitarrentechniker an. Beacon sang auf Tony Banks' Soloalbum "A Curious Feeling". Der stilprägende Geiger Graham Smith seinerseits welchselte zu Van Der Graaf Generator und spielte auf einigen Alben von Peter Hammill mit, bevor er nach Island auswanderte, wo er sich dem Icelandic Symphony Orchestra anschloss und dort auch drei Soloalben veröffentlichte.





FREEDY JOHNSTON - Can You Fly (Bar/None Records A-HAON 024-2, 1992)

Die Lieder des in New York lebenden, ursprünglich aus Kinsley, Kansas stammenden Singer-Songwriters Freedy Johnston handeln oft von melancholischen Einzelgängern und decken Themen wie Liebeskummer, das Gefühl des Entfremdetseins und Enttäuschungen ab. Aufgrund der hohen Kunstfertigkeit seiner Songs wird er als "Songwriter für Songwriter" bezeichnet. Johnstons erstes Album "The Troubled Tree" erschien 1990. Johnston verkaufte einen Teil des Ackerlands seiner Familie, um die Finanzierung seines zweiten Albums "Can You Fly" zu sichern (über dieses Ereignis singt er in seinem Song "Trying to Tell You I Don't Know", dem Opener dieses wundervollen Albums). 1994 erfolgte mit seinem dritten Wer "This Perfect World" seine Debutveröffentlichung bei einem grossen Plattenlabel. Für dieses Album wurde er von der Kritik hoch gelobt und vom Magazin Rolling Stone zum "Songwriter des Jahres" gekürt. Das Album brachte die Single "Bad Reputation" hervor, die in den amerikanischen Billboard Hot 100 Charts Rang 54 erreichte und zu seinen bekanntesten Liedern zählt. Freedy Johnston steuerte auch Songs zu Soundtracks bei ("Kingpin", "Das Leben nach dem Tod in Denver" und "Little Manhattan").

Viele Musikkritiker sind sich indes einig, dass "Can You Fly" ein grosses Werk in der populären Musik darstellt, vor allem in den entsprechenden stilistischen Bereichen Singer/Songwriter, Americana und Roots Rock, in denen sich der Künstler bewegt. Was mich immer ein wenig geärgert hat ist die Tatsache, dass etliche Zeitgenossen ein so grosses Aufheben über die erste Textzeile der Platte gemacht haben: "Well I sold the dirt to feed the band" ("Nun, ich habe den Dreck verkauft, um die Band am leben zu halten"). Eigentlich jedoch eine kluge Entscheidung, wenn man den Sinn dieser Worte versteht: Wie bekannt, bezieht sich die Textzeile auf die Tatsache, dass Freedy Johnston einen Teil des Landes seiner Familie-Farm verkaufte, um als professioneller Musiker weiter arbeiten zu können. Es spielt daher keine grosse Rolle, ob das nun klug formuliert war oder nicht - eine weise Entscheidung war es allemal. Die Zeile bildet lediglich einen Gegensatz zu den traditionellen Werten, die Freedy Johnston in den meisten seiner Songs proklamiert.

Johnston war und ist ein extrem ehrgeiziger Musiker, aber seine Seele würde er niemals verkaufen für ein bisschen Erfolg. Seine Musik ist ein hervorragendes Gemisch aus akustischen und elektrischen Instrumenten, die manchmal interagieren, dann aber auch wieder für sich alleine stehen, und die Produktion bietet viel Raum zwischen den Darbietungen der einzelnen Musiker - Freedy's Musik klingt wie eine leicht schwebende und friedvolle Jam Session mitten in der riesigen Prärie unter einem grauen Himmel, ein bisschen so, wie das auch auf dem Plattencover dargestellt wird und das vielleicht jenen Teil seines Farmlandes im Bild festgehalten hat, das der Musiker damals verkaufte, um unter anderem diese Platte finanzieren zu können. Das ist auch nicht einmal besonders originell, denn engagierte Bands und Musiker tun viel, um ihre musikalische Seele ausleben zu können, warum dann nicht einfach einen Flecken Land verkaufen ? Freedy Johnston machte im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern jedoch etwas Grossartiges daraus.

Freedy Johnston's Stimme gleicht kaum einer anderen Stimme des Americana, die man kennt. Er singt seine Melodien, im Gegensatz etwa zu John Hiatt, mit einer ziemlich hohen Stimmlage, oft und gerne mit Kopfstimme, was zu seinen ätherischen, manchmal leicht über dem Boden schwebenden Kompositionen perfekt passt. Daneben kann er aber auch herzhaft rockig röhren, etwa im Song "Wheels", einem Titel, in welchem er von einem Kaff namens Hoffnungslosigkeit singt ("There really is a town called Hopeless"). Viele von Freedy Johnston's Liedern klingen sehr autobiographisch, und er versteht es ausgezeichnet, die jeweiligen Details seiner kleinen und grossen Geschichten in einer spröden, aber dennoch sehr poetischen Sprache abzufassen, wobei er selbst bei persönlichen Tragödien nicht auf ein kleines Augenzwinkern verzichtet. Er schreibt Lieder über Menschen, die sich Sorgen machen. Lieder über das Altwerden, über den VErlust der Kinder, wenn sie gross sind und gehen. Unabhängig davon, ob Freedy Johnston solche Texte basierend auf persönlichen Erfahrungen geschrieben hat, gelingt es ihm, diese Emotionen immer sehr persönlich wirken zu lassen, was seiner Musik eine grosse Glaubhaftigkeit vermittelt. Es sind letztlich diese Geschichten, die Jeder von uns erleben kann und bestimmt auch schon erlebt hat.

Neben dem wundervollen Titelstück "Can You Fly" überzeugen vor allem das mit einer tollen Hookline versehene "Tearing Down This Place", das zu seinen besten Momenten auf dieser Platte zählt. Hier erreicht seine Musik genau diesen Schwebezustand, den auch das Plattencover suggeriert - ein melancholisches Kleinod, das dank seines Arrangements und seiner musikalischen Darbietung nicht als drückend oder traurig empfunden wird. Im etwas folkigeren "Mortician's Daughter" erreicht Johnston's Musik eine Leichtigkeit, die einen äusserst angenehmen Zustand der Schwerelosigkeit hervorruft. Bemerkenswert schöne vokalistische Akzente schafft auch die Roots-Musikerin Syd Straw als Duettpartnerin beim Stück "Down To Love".

Musikalische Begleiter auf diesem zweiten Album von Freedy Johnston waren unter anderem Mitglieder relativ bekannter Bands, die allesamt kompetent und mit enorm viel Feeling ihren Job erledigt haben. So spielte etwa Graham Maby aus Joe Jackson's Band mit, ausserdem Jared Michael Nickerson von der Band BURNED SUGAR, Brian Doherty von THEY MIGHT BE GIANTS, Kevin Salem von GIANT SAND und DUMPTRUCK, Jimmy Lee, Alan Bezozi von MADDER ROSE und GIANT SAND und Knut Bohn von COWBOY MOUTH. Da Knut Bohn das Album auch gemixt hat, verströmt es stellenweise durchaus den sympathischen Independent-Charme von Cowboy Mouth. Dass mit den Gastmusikern Syd Straw (THE GOLDEN PALOMINOS, THE DB's), Marshall Crenshaw, Kenny Margolis (MINK DeVILLE, LITTLE BOB STORY), Dave Schramm (THE SCHRAMMS, YO LA TENGO), James MacMillan (YO LA TENGO, THE DB's) und Bob Rupe (THE SILOS, CRACKER, SPARKLEHORSE) einige prominente Künstler Schützenhilfe boten, machte dieses Album zu einem wahren Glanzstück des Americana und Roots Rock.

Und wenn das Plattencover dieses schwerelose Gefühl von Traurigkeit vermittelt, dieses wilde, unbearbeitete Stück Acker zeigt, das Freedy Johnston wohl verkauft hatte, um weiter Musik machen zu können und die unbeantwortete Frage "Kannst Du fliegen ?" im Raum stehen lässt, so darf man trotzdem nicht glauben, dass auf diesem hervorragend produzierten und gespielten Werk die Tristesse alle anderen Stimmungsfarben überdeckt. Nein, der letzte Song auf der Platte trägt den ebenso versöhnlichen wie hoffnungsvollen Titel "We Will Shine".






DENNIS COFFEY - Back Home (Westbound Records WB 300, 1977)

Als Dennis Coffey diese hervorragende Platte 1977 einspielte, war er schon fast eine ganze Dekade vor allem als gefragter Studiogitarrist bekannt, der so mancher Platte mit seinem unverkennbaren und glasklaren Sound seinen Stempel aufdrückte. Als ein Mitglied der "Funk Brothers" arbeitete Coffey seit den 60er Jahren als Sessiongitarrist für das renommierte Motown Label und nahm dabei an Aufnahmen mit den Temptations und den Isley Brothers teil. Dennis Coffey's Markenzeichen war stets das Wah Wah Pedal, welches er beispielsweise auch bei Studioaufnahmen für Marvin Gaye oder David Ruffin und die Jackson Five einsetzte.

Erste eigene Aufnahmen spielte er für das Label Sussex Records ein. Dabei gelang ihm sein einziger Hit, ein Instrumentaltitel namens "Scorpio", mit welchem er bis auf Rang 6 der US-Charts vordrang. Die Single konnte sich über eine Million mal verkaufen und steigerte Coffey's Renommée zusätzlich. 1972 war er zeitgleich mit zwei Soloalben in den LP Hitparaden ("Evolution" und "Goin' For Myself").

1975 wechselte er zu Westbound Records und veröffentlichte dort in der Folge mehrere Singles, unter anderem das Stück "Wings Of Fire", bevor er 1977 mit seiner Solo LP "Back Home" vor allem in England's Jazz-Funk-Szene für Furore sorgte und er durch seine dort gestiegene Popularität die Gruppe C.J. & Co. produzieren und mit dem Stück "Devil's Gun" einen weiteren Hit verbuchen konnte. Für sein anstehendes LP-Projekt "Back Home" holte sich Dennis Coffey exzellente und äusserst versierte Studiomusiker, mit denen er 7 Songs einspielte, die alle im laidbacken Jazz-, Funk- und Soul-Bereich angesiedelt waren. Als Rhythmusgitarristen wirkten Bruce Nazarian und Eddie Willis mit. Am Klavier spielten abwechselnd Rudy Robinson und Garry Schunk, als Bassist wurde Roderick Chandler verpflichtet und am Schlagzeug spielte Lee Nathan Marcus. Eine Bläsertruppe unter der Leitung von Trompeter Johnny Trudell und der Perkussionist Lorenzo Brown vervollständigten das Studio Line Up.

Besonders Rhythmusgitarrist Bruce Nazarian sorgte für ständige Bodenhaftung, denn er spielte zuvor bei Brownsville Station, einer eher rockigen bluesinspirierten Band. Aber auch der besonders vielseitige Gitarrist Eddie Willis, der unter anderem mit Chet Atkins im Country-Bereich, für Wes Montgomery im Jazz und in der Begleitband von Bluesmusiker Albert King arbeitete, sorgte bei den Aufnahmen für einen interessanten musikalischen Touch, der dadurch auch viel Lockerheit erfuhr, wie sie sonst im Funk-Bereich nicht allzu oft anzutreffen ist. Highlights der Platte sind sicherlich der Einsteiger "Funk Connection" mit einem unwiderstehlich lockeren funky Groove, das laidbacke "High On Love" sowie das bereits zuvor als Single veröffentlichte "Wings Of Fire", das auf der LP in seiner Gesamtlänge von 7 1/2 Minuten brillierte.

"Back Home" ist ein sehr zeitloses musikalisches Werk, das man sich auch heute noch anhören kann, als wäre es ein aktuelles Album. Dennis Coffey spielte nur dieses eine Album für Westbound Records ein. Danach produzierte er in den 80er Jahren noch ein Album für High Fashion und arbeitete mit Mike Theodore (mit dem er schon seit 1971 arbeitete) und Kashif zusammen. Coffey's letztes Album "Under The Moonlight" erschien 1989 auf Orpheus Records und präsentierte den Gitarristen einmal mehr als laidbacken und äusserst lockeren Gitarristen, der inzwischen leider ziemlich in Vergessenheit geraten ist.


JEFFERSON AIRPLANE - Bark (Grunt Records FTR-1001, 1971)

Als die Musiker, die einst als letzte offizielle Besetzung der Band Jefferson Airplane agierten, dieses Album 1971 veröffentlichten, war die Band bereits stark zerrissen, woran auch die Lancierung eines eigenen Plattenlabels nichts änderte. Geplant war dieses Album bereits im Herbst 1970, und zwar als Mix aus Studio- und Live-Stücken. Am 4. Oktober 1970, als die Band auf einer Tournee war, stiess die Gruppe auf den Violinisten Papa John Creach und hievten ihn mit ins Boot. Er spielte darauf an einigen Konzerten der Band mit und wurde zum festen Mitglied. Sein Geigenspiel stellte eine Bereicherung für den Bandsound dar, stiess aber nicht bei allen Mitmusikern auf Gegenliebe. Gründungsmitglied, Sänger und Komponist Marty Balin gab seinen Ausstieg aus der Band noch während der Tournee bekannt, und auch zu bereits geplanten Aufnahmen zu einem neuen Album steuerte er nichts mehr bei, obwohl aus seiner Feder einige der Stücke stammten, die eigentlich hätten eingespielt werden sollen. Ausserdem stiess mit Joey Covington ein neuer Schlagzeuger zur Gruppe, welcher den bisherigen Drummer Spencer Dryden ablöste. Covington trat bereits auf dem Vorgänger Album "Volunteers" als Gastmusiker in Erscheinung, indem er zu zwei Stücken die Congas beisteuerte.

Das musikalisch auffälligste Merkmal der späteren Platte "Bark" war, dass diesmal alle Bandmitglieder kompositorisch in Erscheinung traten, was sich in einer relativ hohen stilistischen Vielfalt der Musik manifestierte. Da der Leadgitarrist Jorma Kaukonen zusammen mit Bassist Jack Casady zuvor bereits mit der Band Hot Tuna aktiv war, erfuhren ihre Beiträge zur "Bark" LP einen unterschwellig bluesigen Touch, was neben den eher psychedelischen Songs aus der Feder von Grace Slick (Beispiel "Never Argue with a German If You're Tired or European Song") oder Joey Covington (die A Capella Nummer "Thunk") für frischen Wind sorgte und die Platte wesentlich interessanter und bodenständiger klingen liess, als dies beispielsweise bei den beiden vorherigen Studiowerken der Gruppe der Fall war. Ausserdem boten Jorma Kaukonen mit seinem Song "Wild Turkey" und Paul Kantner mit "War Movie" auch dem Neuzugang Papa John Creach eine ausgezeichnete Plattform, sein Geigenspiel akkurat einzubringen und sich als gute Wahl und grosse Bereicherung in Szene zu setzen.

Geplant waren etliche Songs für das Album, die letztlich jedoch nicht eingespielt, oder wenn, dann schlussendlich nicht für die endgültige Fassung des Albums berücksichtigt wurden. So zum Beispiel eine Live-Version eines im Sommer 1970 als Solo-Single von Sängerin Grace Slick veröffentlichtes Stück mit dem Titel "Mexico", das als Single allerdings kein Erfolg war, weshalb die Band diese Idee schon bald verwarf. Ebenso wurde eine Live-Version des Titel "Have You Seen The Saucers ?" verworfen (die B-Seite dieser Single). Das Stück wurde später in einer anderen Live-Variante auf dem Live-Album "Thirty Seconds Over Winterland" berücksichtigt. Beide Stücke, "Mexico" und "Have You Seen The Saucers" kann man in diesen Live-Versionen lediglich auf der erwähnten 45er von Grace Slick hören, weshalb diese Single heute recht gesucht ist. Interessant ist auch, dass Marty Balin zwei Songs zum Album beitragen sollte, nämlich "You Wear Your Dresses Too Short" und "Emergency", die ebenso nicht realisiert wurden wie Peter Kaukonen's Titel "Up Or Down" (den Balin singen sollte), sowie die beiden Songs "Whatever The Old Man Does (Is Always Right)" und "The Man (The Bludgeon of the Bluecoat)". Bei Letzterem handelte es sich um einen Rhythm'n'Blues-Titel als Hommage an Rubén Salazar, einem Journalisten, der sich vehement gegen den Vietnam-Krieg einsetzte und der von einem Polizisten während einer Kundgebung erschossen wurde.

Stattdessen lieferten die beteiligten Musiker einige neue, teils hervorragende Songs für das Album, von denen vor allem die beiden aus der Feder von Paul Kantner stammenden Titel "When The Earth Moves Again" und "Rock And Roll Island" einen bemerkenswert offenen und lockeren Bezug zum melodiösen Rock, resp. Rock'n'Roll zeigten, wohingegen das aus der gemeinschaftlichen Feder von Covington, Kaukonen und Casady stammende "Pretty As You Feel", das auch als Single veröffentlicht wurde, klar die Handschrift des Latin Rocks von Carlos Santana trug, welcher bei dem Stück auch mitspielte, zusammen mit seinem Santana-Mitmusiker Michael Shrieve. Erwähnenswert ist auch das von Grace Slick geschriebene, äusserst merkwürdige und ziemlich schräge Stück "Never Argue with a German If You're Tired or European Song", das in seiner Grundstruktur klar dem psychedelischen Poprock der vergangenen Jahre huldigt, aufgrund seiner teilweise doch ziemlich misslungenen pseudo-deutschen Sprachfetzen eher belächelt werden kann. Auf der anderen Seite liefert aber gerade Grace Slick mit einer zweiten Nummer mit dem Titel "Crazy Miranda" auch einen stillen Höhepunkt dieses Albums - das ist diese typische leicht verträumt-säuerliche Folk-Psychedelik, für welche die Sängerin seit Jahren gschätzt wurde.

"Bark" war in den Augen der Kritiker einerseits ein zerrissenes Album mit wenig zusammenhängenden Strukturen, andererseits aber auch gefeiert als das angeblich innovativste Album seit "After Bathing At Baxter's" (Kommentar zum Album vom legendären Musikkritiker Lester Bangs). Für mich war es stets ein Album, das die psychedelische Zeit perfekt reflektierte und als spätes Werk noch einmal aufzeichnet, wie locker und unangestrengt Hippiemusik sein konnte. Auf der anderen Seite hat das Album aber auch aufgezeigt, dass sich nicht nur innerhalb der Musikszene in Kalifornien, sondern auch innerhalb der Band Jefferson Airplane musikalische Veränderungen ankündigen. Nach einer weiteren, leider eher wenig berauschenden Platte mit dem Titel "Long John Silver" (1972), welche im Grundsatz der Vielseitigkeit der "Bark" LP folgte, jedoch über wesentlich weniger kompositorische Highlights verfügte, sowie einem nachgereichten Live-Album im Jahre 1973 ("Thirty Seconds Over Winterland"), das leider nicht ganz die Reputation erhielt, das es eigentlich verdient gehabt hätte (denn live war die Gruppe auch in jenen Tagen noch immer ein Garant für tolle Musik), stieg im Jahre 1974 mit der neu formierten Band Jefferson Starship ein neues Sternen-Vehikel auf, das über wesentlich mehr Bodenhaftung verfügte als das manchmal doch etwas verschwurbelte Luftschiff Jefferson Airplane. Aber das ist eine andere Geschichte.