STRING DRIVEN THING - Keep Yer 'And On It (Charisma Records CAS1112, 1975)
Eine stilistische Tour De Force hatte diese schottische Folkrock Band um den Geiger Graham Smith hinter sich, als sie 1975 dieses fünfte Album veröffentlichte. Ursprünglich als reines akustisches Folk-Unternehmen in England gestartet, entwickelte sich diese hervorragende Gruppe zu einer waschechten, stark amerikanisch gefärbten Rockgruppe, die gekonnt und akzentuiert Elemente aus Folk, hartem Rock und Beatles-orientiertem Pop zu eigenen Songs verbaute, die bis dahin auf keinem früheren Album so beseelt rockten. Die Band indes war seit dem Vorgänger "Mind Your Head" nicht mehr dieselbe wie zu Anfang: Das Ehepaar Chris & Pauline Adams, die eigentlichen Gründer der Band, waren weg, ebenso die Backing Band. Mit Graham Smith war nur noch eines der Originalmitglieder übrig geblieben. Die Gruppe präsentierte sich 1975 amerikanischer denn je, und dies nicht nur bezogen auf ihre Musik, sondern weil sie inzwischen ihre Aktivitäten stark auf den amerikanischen Markt konzentrierte, nachdem die beiden Vorgänger-Alben vor allem in ihrer Heimat England nicht sonderlich erfolgreich waren.
Ein Jahr zuvor drehte sich das Personalkarrussell bei der Band immer schneller. Aufgrund des langen Tourens verabschiedeten sich nach und nach die Originalmitglieder der Band. Als Ersatz kamen teils richtig gute Musiker mit interessantem musikalischen Background. So etwa der Schlagzeuger Colin Fairley, der von Beggars Opera kam, oder der Gitarrist Peter Woods, der von Sutherland Brothers & Quiver kam und auch bei Al Stewart in dessen Band mitgespielt hatte und kurz zuvor noch bei der legendären Band Curved Air engagiert war. Als danach auch das Ehepaar Adams ausschied, kamen mit dem Sänger Kim Beacon und dem Bassisten James Exel weitere neue Mitglieder in die Band, die somit bis zum Ausscheiden von Geiger Graham Smith eine völlig neue Gruppe war, in welcher keines der originalen Mitglieder mehr mit dabei war. Die Plattenfirma Charisma erhoffte sich durch die Neuzugänge, die sie selbst ausgewählt hatte, einen zusätzlichen Synergie-Effekt für die Band. Leider war das Gegenteil der Fall. Trotz einem letzten hervorragenden Album konnte die Gruppe keinen Mehrwert erzielen und löste sich nach diesem Album folgerichtig auf. Dabei bewiesen die neu hinzugekommenen Musiker vor allem kompositorisch grosses Geschick und schrieben für die Band einige der besten Stücke überhaupt. Das forsche, von Graham Smith's Geige wundervoll getragene "Starving In The Tropics" etwa - geschrieben von Exel und Fairley, oder das rock'n'rollige "Call Out For Mercy" aus der gemeinsamen Feder von Roberts und Beacon. Die glänzende Rock-Ballade "Chains (I Wanna Be Just Like Stan Bowles)", das wiederum Exell und Roberts gemeinsam schrieben, genauso wie das forsche und treibende, das Album beschliessende "Stand Back In Amazement". Einer der Höhepunkte dieses Albums war die Lennon/McCartney-Covernummer "Things We Said Today". Sie erhielt ein mit Flöte und Geige wundervoll fluffig verpacktes, gegenüber dem Beatles-Original total neues musikalisches Gewand, das alle typischen Züge eines Jam Stücks trug. Es wurde herrlich perkussiv eingespielt und mit Drumsounds versehen, die wie in Watte eingepackt klangen. Ein grossartiges Stück mit Ueberlänge. Nach der Veröffentlichung des Albums, welches das Letzte der Band String Driven Thing für lange Zeit war, tourte die neue Band intensiv, spielte unter anderem mit Lou Reed, fiel aber kurz darauf auseinander, als Colin Fairley die Band verliess und die Plattenfirma Charisma die Gruppe nicht mehr weiter unterstützen mochte. Fairley betätigte sich in der Folge als Studio Engineer und Produzent, unter anderem für
Elvis Costello und die Gruppe The Bluebells, nebst zahlreichen anderen. Andy Roberts heuerte bei Jeff Beck und Steve Winwood als deren Gitarrentechniker an. Beacon sang auf Tony Banks' Soloalbum "A Curious Feeling". Der stilprägende Geiger Graham Smith seinerseits welchselte zu Van Der Graaf Generator und spielte auf einigen Alben von Peter Hammill mit, bevor er nach Island auswanderte, wo er sich dem Icelandic Symphony Orchestra anschloss und dort auch drei Soloalben veröffentlichte.
FREEDY JOHNSTON - Can You Fly (Bar/None Records A-HAON 024-2, 1992)
Die Lieder des in New York lebenden, ursprünglich aus Kinsley, Kansas stammenden Singer-Songwriters Freedy Johnston handeln oft von melancholischen Einzelgängern und decken Themen wie Liebeskummer, das Gefühl des Entfremdetseins und Enttäuschungen ab. Aufgrund der hohen Kunstfertigkeit seiner Songs wird er als "Songwriter für Songwriter" bezeichnet. Johnstons erstes Album "The Troubled Tree" erschien 1990. Johnston verkaufte einen Teil des Ackerlands seiner Familie, um die Finanzierung seines zweiten Albums "Can You Fly" zu sichern (über dieses Ereignis singt er in seinem Song "Trying to Tell You I Don't Know", dem Opener dieses wundervollen Albums). 1994 erfolgte mit seinem dritten Wer "This Perfect World" seine Debutveröffentlichung bei einem grossen Plattenlabel. Für dieses Album wurde er von der Kritik hoch gelobt und vom Magazin Rolling Stone zum "Songwriter des Jahres" gekürt. Das Album brachte die Single "Bad Reputation" hervor, die in den amerikanischen Billboard Hot 100 Charts Rang 54 erreichte und zu seinen bekanntesten Liedern zählt. Freedy Johnston steuerte auch Songs zu Soundtracks bei ("Kingpin", "Das Leben nach dem Tod in Denver" und "Little Manhattan"). Viele Musikkritiker sind sich indes einig, dass "Can You Fly" ein grosses Werk in der populären Musik darstellt, vor allem in den entsprechenden stilistischen Bereichen Singer/Songwriter, Americana und Roots Rock, in denen sich der Künstler bewegt. Was mich immer ein wenig geärgert hat ist die Tatsache, dass etliche Zeitgenossen ein so grosses Aufheben über die erste Textzeile der Platte gemacht haben: "Well I sold the dirt to feed the band" ("Nun, ich habe den Dreck verkauft, um die Band am leben zu halten"). Eigentlich jedoch eine kluge Entscheidung, wenn man den Sinn dieser Worte versteht: Wie bekannt, bezieht sich die Textzeile auf die Tatsache, dass Freedy Johnston einen Teil des Landes seiner Familie-Farm verkaufte, um als professioneller Musiker weiter arbeiten zu können. Es spielt daher keine grosse Rolle, ob das nun klug formuliert war oder nicht - eine weise Entscheidung war es allemal. Die Zeile bildet lediglich einen Gegensatz zu den traditionellen Werten, die Freedy Johnston in den meisten seiner Songs proklamiert. Johnston war und ist ein extrem ehrgeiziger Musiker, aber seine Seele würde er niemals verkaufen für ein bisschen Erfolg. Seine Musik ist ein hervorragendes Gemisch aus akustischen und elektrischen Instrumenten, die manchmal interagieren, dann aber auch wieder für sich alleine stehen, und die Produktion bietet viel Raum zwischen den Darbietungen der einzelnen Musiker - Freedy's Musik klingt wie eine leicht schwebende und friedvolle Jam Session mitten in der riesigen Prärie unter einem grauen Himmel, ein bisschen so, wie das auch auf dem Plattencover dargestellt wird und das vielleicht jenen Teil seines Farmlandes im Bild festgehalten hat, das der Musiker damals verkaufte, um unter anderem diese Platte finanzieren zu können. Das ist auch nicht einmal besonders originell, denn engagierte Bands und Musiker tun viel, um ihre musikalische Seele ausleben zu können, warum dann nicht einfach einen Flecken Land verkaufen ? Freedy Johnston machte im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern jedoch etwas Grossartiges daraus. Freedy Johnston's Stimme gleicht kaum einer anderen Stimme des Americana, die man kennt. Er singt seine Melodien, im Gegensatz etwa zu John Hiatt, mit einer ziemlich hohen Stimmlage, oft und gerne mit Kopfstimme, was zu seinen ätherischen, manchmal leicht über dem Boden schwebenden Kompositionen perfekt passt. Daneben kann er aber auch herzhaft rockig röhren, etwa im Song "Wheels", einem Titel, in welchem er von einem Kaff namens Hoffnungslosigkeit singt ("There really is a town called Hopeless"). Viele von Freedy Johnston's Liedern klingen sehr autobiographisch, und er versteht es ausgezeichnet, die jeweiligen Details seiner kleinen und grossen Geschichten in einer spröden, aber dennoch sehr poetischen Sprache abzufassen, wobei er selbst bei persönlichen Tragödien nicht auf ein kleines Augenzwinkern verzichtet. Er schreibt Lieder über Menschen, die sich Sorgen machen. Lieder über das Altwerden, über den VErlust der Kinder, wenn sie gross sind und gehen. Unabhängig davon, ob Freedy Johnston solche Texte basierend auf persönlichen Erfahrungen geschrieben hat, gelingt es ihm, diese Emotionen immer sehr persönlich wirken zu lassen, was seiner Musik eine grosse Glaubhaftigkeit vermittelt. Es sind letztlich diese Geschichten, die Jeder von uns erleben kann und bestimmt auch schon erlebt hat. Neben dem wundervollen Titelstück "Can You Fly" überzeugen vor allem das mit einer tollen Hookline versehene "Tearing Down This Place", das zu seinen besten Momenten auf dieser Platte zählt. Hier erreicht seine Musik genau diesen Schwebezustand, den auch das Plattencover suggeriert - ein melancholisches Kleinod, das dank seines Arrangements und seiner musikalischen Darbietung nicht als drückend oder traurig empfunden wird. Im etwas folkigeren "Mortician's Daughter" erreicht Johnston's Musik eine Leichtigkeit, die einen äusserst angenehmen Zustand der Schwerelosigkeit hervorruft. Bemerkenswert schöne vokalistische Akzente schafft auch die Roots-Musikerin Syd Straw als Duettpartnerin beim Stück "Down To Love". Musikalische Begleiter auf diesem zweiten Album von Freedy Johnston waren unter anderem Mitglieder relativ bekannter Bands, die allesamt kompetent und mit enorm viel Feeling ihren Job erledigt haben. So spielte etwa Graham Maby aus Joe Jackson's Band mit, ausserdem Jared Michael Nickerson von der Band BURNED SUGAR, Brian Doherty von THEY MIGHT BE GIANTS, Kevin Salem von GIANT SAND und DUMPTRUCK, Jimmy Lee, Alan Bezozi von MADDER ROSE und GIANT SAND und Knut Bohn von COWBOY MOUTH. Da Knut Bohn das Album auch gemixt hat, verströmt es stellenweise durchaus den sympathischen Independent-Charme von Cowboy Mouth. Dass mit den Gastmusikern Syd Straw (THE GOLDEN PALOMINOS, THE DB's), Marshall Crenshaw, Kenny Margolis (MINK DeVILLE, LITTLE BOB STORY), Dave Schramm (THE SCHRAMMS, YO LA TENGO), James MacMillan (YO LA TENGO, THE DB's) und Bob Rupe (THE SILOS, CRACKER, SPARKLEHORSE) einige prominente Künstler Schützenhilfe boten, machte dieses Album zu einem wahren Glanzstück des Americana und Roots Rock. Und wenn das Plattencover dieses schwerelose Gefühl von Traurigkeit vermittelt, dieses wilde, unbearbeitete Stück Acker zeigt, das Freedy Johnston wohl verkauft hatte, um weiter Musik machen zu können und die unbeantwortete Frage "Kannst Du fliegen ?" im Raum stehen lässt, so darf man trotzdem nicht glauben, dass auf diesem hervorragend produzierten und gespielten Werk die Tristesse alle anderen Stimmungsfarben überdeckt. Nein, der letzte Song auf der Platte trägt den ebenso versöhnlichen wie hoffnungsvollen Titel "We Will Shine".
DENNIS COFFEY - Back Home (Westbound Records WB 300, 1977)
Als Dennis Coffey diese hervorragende Platte 1977 einspielte, war er schon fast eine ganze Dekade vor allem als gefragter Studiogitarrist bekannt, der so mancher Platte mit seinem unverkennbaren und glasklaren Sound seinen Stempel aufdrückte. Als ein Mitglied der "Funk Brothers" arbeitete Coffey seit den 60er Jahren als Sessiongitarrist für das renommierte Motown Label und nahm dabei an Aufnahmen mit den Temptations und den Isley Brothers teil. Dennis Coffey's Markenzeichen war stets das Wah Wah Pedal, welches er beispielsweise auch bei Studioaufnahmen für Marvin Gaye oder David Ruffin und die Jackson Five einsetzte. Erste eigene Aufnahmen spielte er für das Label Sussex Records ein. Dabei gelang ihm sein einziger Hit, ein Instrumentaltitel namens "Scorpio", mit welchem er bis auf Rang 6 der US-Charts vordrang. Die Single konnte sich über eine Million mal verkaufen und steigerte Coffey's Renommée zusätzlich. 1972 war er zeitgleich mit zwei Soloalben in den LP Hitparaden ("Evolution" und "Goin' For Myself").
1975 wechselte er zu Westbound Records und veröffentlichte dort in der Folge mehrere Singles, unter anderem das Stück "Wings Of Fire", bevor er 1977 mit seiner Solo LP "Back Home" vor allem in England's Jazz-Funk-Szene für Furore sorgte und er durch seine dort gestiegene Popularität die Gruppe C.J. & Co. produzieren und mit dem Stück "Devil's Gun" einen weiteren Hit verbuchen konnte. Für sein anstehendes LP-Projekt "Back Home" holte sich Dennis Coffey exzellente und äusserst versierte Studiomusiker, mit denen er 7 Songs einspielte, die alle im laidbacken Jazz-, Funk- und Soul-Bereich angesiedelt waren. Als Rhythmusgitarristen wirkten Bruce Nazarian und Eddie Willis mit. Am Klavier spielten abwechselnd Rudy Robinson und Garry Schunk, als Bassist wurde Roderick Chandler verpflichtet und am Schlagzeug spielte Lee Nathan Marcus. Eine Bläsertruppe unter der Leitung von Trompeter Johnny Trudell und der Perkussionist Lorenzo Brown vervollständigten das Studio Line Up. Besonders Rhythmusgitarrist Bruce Nazarian sorgte für ständige Bodenhaftung, denn er spielte zuvor bei Brownsville Station, einer eher rockigen bluesinspirierten Band. Aber auch der besonders vielseitige Gitarrist Eddie Willis, der unter anderem mit Chet Atkins im Country-Bereich, für Wes Montgomery im Jazz und in der Begleitband von Bluesmusiker Albert King arbeitete, sorgte bei den Aufnahmen für einen interessanten musikalischen Touch, der dadurch auch viel Lockerheit erfuhr, wie sie sonst im Funk-Bereich nicht allzu oft anzutreffen ist. Highlights der Platte sind sicherlich der Einsteiger "Funk Connection" mit einem unwiderstehlich lockeren funky Groove, das laidbacke "High On Love" sowie das bereits zuvor als Single veröffentlichte "Wings Of Fire", das auf der LP in seiner Gesamtlänge von 7 1/2 Minuten brillierte. "Back Home" ist ein sehr zeitloses musikalisches Werk, das man sich auch heute noch anhören kann, als wäre es ein aktuelles Album. Dennis Coffey spielte nur dieses eine Album für Westbound Records ein. Danach produzierte er in den 80er Jahren noch ein Album für High Fashion
und arbeitete mit Mike Theodore (mit dem er schon seit 1971 arbeitete)
und Kashif zusammen. Coffey's letztes Album "Under The Moonlight" erschien 1989 auf Orpheus Records und präsentierte den Gitarristen einmal mehr als laidbacken und äusserst lockeren Gitarristen, der inzwischen leider ziemlich in Vergessenheit geraten ist.
JEFFERSON AIRPLANE - Bark (Grunt Records FTR-1001, 1971)
Als die Musiker, die einst als letzte offizielle Besetzung der Band Jefferson Airplane agierten, dieses Album 1971 veröffentlichten, war die Band bereits stark zerrissen, woran auch die Lancierung eines eigenen Plattenlabels nichts änderte. Geplant war dieses Album bereits im Herbst 1970, und zwar als Mix aus Studio- und Live-Stücken. Am 4. Oktober 1970, als die Band auf einer Tournee war, stiess die Gruppe auf den Violinisten Papa John Creach und hievten ihn mit ins Boot. Er spielte darauf an einigen Konzerten der Band mit und wurde zum festen Mitglied. Sein Geigenspiel stellte eine Bereicherung für den Bandsound dar, stiess aber nicht bei allen Mitmusikern auf Gegenliebe. Gründungsmitglied, Sänger und Komponist Marty Balin gab seinen Ausstieg aus der Band noch während der Tournee bekannt, und auch zu bereits geplanten Aufnahmen zu einem neuen Album steuerte er nichts mehr bei, obwohl aus seiner Feder einige der Stücke stammten, die eigentlich hätten eingespielt werden sollen. Ausserdem stiess mit Joey Covington ein neuer Schlagzeuger zur Gruppe, welcher den bisherigen Drummer Spencer Dryden ablöste. Covington trat bereits auf dem Vorgänger Album "Volunteers" als Gastmusiker in Erscheinung, indem er zu zwei Stücken die Congas beisteuerte. Das musikalisch auffälligste Merkmal der späteren Platte "Bark" war, dass diesmal alle Bandmitglieder kompositorisch in Erscheinung traten, was sich in einer relativ hohen stilistischen Vielfalt der Musik manifestierte. Da der Leadgitarrist Jorma Kaukonen zusammen mit Bassist Jack Casady zuvor bereits mit der Band Hot Tuna aktiv war, erfuhren ihre Beiträge zur "Bark" LP einen unterschwellig bluesigen Touch, was neben den eher psychedelischen Songs aus der Feder von Grace Slick (Beispiel
"Never Argue with a German If You're Tired or European Song") oder Joey Covington (die A Capella Nummer "Thunk") für frischen Wind sorgte und die Platte wesentlich interessanter und bodenständiger klingen liess, als dies beispielsweise bei den beiden vorherigen Studiowerken der Gruppe der Fall war. Ausserdem boten Jorma Kaukonen mit seinem Song "Wild Turkey" und Paul Kantner mit "War Movie" auch dem Neuzugang Papa John Creach eine ausgezeichnete Plattform, sein Geigenspiel akkurat einzubringen und sich als gute Wahl und grosse Bereicherung in Szene zu setzen. Geplant waren etliche Songs für das Album, die letztlich jedoch nicht eingespielt, oder wenn, dann schlussendlich nicht für die endgültige Fassung des Albums berücksichtigt wurden. So zum Beispiel eine Live-Version eines im Sommer 1970 als Solo-Single von Sängerin Grace Slick veröffentlichtes Stück mit dem Titel "Mexico", das als Single allerdings kein Erfolg war, weshalb die Band diese Idee schon bald verwarf. Ebenso wurde eine Live-Version des Titel "Have You Seen The Saucers ?" verworfen (die B-Seite dieser Single). Das Stück wurde später in einer anderen Live-Variante auf dem Live-Album "Thirty Seconds Over Winterland" berücksichtigt. Beide Stücke, "Mexico" und "Have You Seen The Saucers" kann man in diesen Live-Versionen lediglich auf der erwähnten 45er von Grace Slick hören, weshalb diese Single heute recht gesucht ist. Interessant ist auch, dass Marty Balin zwei Songs zum Album beitragen sollte, nämlich "You Wear Your Dresses Too Short" und "Emergency", die ebenso nicht realisiert wurden wie Peter Kaukonen's Titel "Up Or Down" (den Balin singen sollte), sowie die beiden Songs "Whatever The Old Man
Does (Is Always Right)" und "The Man (The Bludgeon of the Bluecoat)". Bei Letzterem handelte es sich um einen Rhythm'n'Blues-Titel als Hommage an Rubén Salazar, einem Journalisten, der sich vehement gegen den Vietnam-Krieg einsetzte und der von einem Polizisten während einer Kundgebung erschossen wurde. Stattdessen lieferten die beteiligten Musiker einige neue, teils hervorragende Songs für das Album, von denen vor allem die beiden aus der Feder von Paul Kantner stammenden Titel "When The Earth Moves Again" und "Rock And Roll Island" einen bemerkenswert offenen und lockeren Bezug zum melodiösen Rock, resp. Rock'n'Roll zeigten, wohingegen das aus der gemeinschaftlichen Feder von Covington, Kaukonen und Casady stammende "Pretty As You Feel", das auch als Single veröffentlicht wurde, klar die Handschrift des Latin Rocks von Carlos Santana trug, welcher bei dem Stück auch mitspielte, zusammen mit seinem Santana-Mitmusiker Michael Shrieve. Erwähnenswert ist auch das von Grace Slick geschriebene, äusserst merkwürdige und ziemlich schräge Stück "Never Argue with a German If You're Tired or European Song", das in seiner Grundstruktur klar dem psychedelischen Poprock der vergangenen Jahre huldigt, aufgrund seiner teilweise doch ziemlich misslungenen pseudo-deutschen Sprachfetzen eher belächelt werden kann. Auf der anderen Seite liefert aber gerade Grace Slick mit einer zweiten Nummer mit dem Titel "Crazy Miranda" auch einen stillen Höhepunkt dieses Albums - das ist diese typische leicht verträumt-säuerliche Folk-Psychedelik, für welche die Sängerin seit Jahren gschätzt wurde. "Bark" war in den Augen der Kritiker einerseits ein zerrissenes Album mit wenig zusammenhängenden Strukturen, andererseits aber auch gefeiert als das angeblich innovativste Album seit "After Bathing At Baxter's" (Kommentar zum Album vom legendären Musikkritiker Lester Bangs). Für mich war es stets ein Album, das die psychedelische Zeit perfekt reflektierteund als spätes Werk noch einmal aufzeichnet, wie locker und unangestrengt Hippiemusik sein konnte. Auf der anderen Seite hat das Album aber auch aufgezeigt, dass sich nicht nur innerhalb der Musikszene in Kalifornien, sondern auch innerhalb der Band Jefferson Airplane musikalische Veränderungen ankündigen. Nach einer weiteren, leider eher wenig berauschenden Platte mit dem Titel "Long John Silver" (1972), welche im Grundsatz der Vielseitigkeit der "Bark" LP folgte, jedoch über wesentlich weniger kompositorische Highlights verfügte, sowie einem nachgereichten Live-Album im Jahre 1973 ("Thirty Seconds Over Winterland"), das leider nicht ganz die Reputation erhielt, das es eigentlich verdient gehabt hätte (denn live war die Gruppe auch in jenen Tagen noch immer ein Garant für tolle Musik), stieg im Jahre 1974 mit der neu formierten Band Jefferson Starship ein neues Sternen-Vehikel auf, das über wesentlich mehr Bodenhaftung verfügte als das manchmal doch etwas verschwurbelte Luftschiff Jefferson Airplane. Aber das ist eine andere Geschichte.
Jan 26, 2026
GENTLE GIANT - Unburied Treasure (Madfish Records SMABX 1091, 2019)
Die drei Shulman Brüder Derek, Ray und Philip starteten ihren musikalischen Werdegang unter dem Namen Simon Dupree And The Big Sound im Jahre 1966 mit drei weiteren Mitstreitern. Unter diesem Namen veröffentlichten sie zwischen 1966 und 1969 insgesamt neun Singles 9 Singles plus eine weitere, für die sie zwischenzeitlich ihren Bandnamen in The Moles änderten. Auch ein Album entstand in dieser Zeit. Wie die Singles erschien auch diese LP beim Parlophone Label. Stilistisch pendelte diese Band zwischen Rhythm'n'Blues und Soul und versuchte sich auch im damals angesagten psychedelischen Pop-Umfeld. Nach der Auflösung Ende 1969 gründeten die Shulman Brüder im Februar 1970 die Gruppe Gentle Giant zusammen mit dem Schlagzeuger Martin Smith, der Anfang 1969 zu Simon
Dupree And The Big Sound gestossen war. Kerry Minnear, der 1969 mit einem Abschluss in
Komposition an der Academy of Music studiert hatte, schloss sich der neu gegründeten Band ebenfalls an. Er bediente die Keyboards und sang auch, des weiteren wurde Gitarrist Gary Green im März 1970 als weiteres Bandmitglied verpflichtet, worauf die Gruppe Gentle Giant komplett war. Es dauerte nicht lange, konnten die Musiker einen Vertrag beim progressiven Label
Vertigo unterschreiben.
Ihr erstes Album ("Gentle Giant") überraschte mit fabelhaften Arrangements. Die Musiker verwendeten Kontrapunkte und Polyphonie, wie es bis dahin noch keine andere Gruppe innerhalb der Rockmusik präsentiert hatte. Ihre ausgeklügelten Gesangsarrangements, gepaart mit dem Einsatz von klassischen Instrumenten standen zwar im Einklang mit dem aktuellen Musikverständnis jener Zeit, nur dass Gentle Giant diese Aspekte viel weiter vorantrieb. Die Gruppe
tourte ausgiebig, hauptsächlich in Grossbritannien und baute sich innert kürzester Zeit eine grosse Fangemeinde auf, welche diesem "neuen" Sound sehr zugetan war. Das Album hingegen war kommerziell nicht sonderlich erfolgreich, gilt aber heute als Meilenstein progressiver Musik. Ihr nächstes Album "Acquiring the Taste" (1971),
erweiterte erneut die kreativen Grenzen und tauchte ein in ein wundersames Gebilde aus Jazz, Folk, komplizierten Harmonien und Akkordfolgen, erneut wie schon beim Debütalbum durch eine Art satirische Plattencover-Kunst und der eigenen Definition und Einschätzung ihrer Musik, welche die Gruppe stets als experimentell bezeichnete und gewissermassen auch als unpopulär galt, was die Musiker als ihr grundsätzliches Erkennungszeichen verstanden haben wollten. Diese Art von Selbsteinschätzung verwehrte der Band indes den grossen kommerziellen Erfolg schon per se, und nicht wenige Musikfans fanden dieses Selbstbild der Band irgendwie befremdlich. Die Fans hingegen, und das waren nicht Wenige, feierten die drei Shulman Brüder genau deswegen, weil sie sich nicht einordnen liessen und Kreativität und stilistische Freiheit nach ihrem eigenen Gutdünken auslebten.
Anfang 1972 begleiteten Gentle Giant als Support Act die Gruppe Jethro Tull auf deren Europatournee, nachdem Ian Anderson von Jethro Tull von Gentle Giant's Musik begeistert war. Diese Tournee machte Gentle Giant schliesslich auch ausserhalb Englands sehr bekannt und die Gruppe konnte zahllose neue Fans gewinnen. Der Schlagzeuger
Martin Smith verliess nach dieser Tournee die Band, Malcolm Mortimore ersetzte ihn und das nächste Album "Three Friends" wurde
aufgenommen. Es war das erste Konzeptalbum der Gruppe mit einem deutlich rockigeren Ansatz und auch längeren Kompositionen. Als die Gruppe sich im Frühjahr 1972 auf eine weitere Konzertreise begab,
hatte Mortimore einen Motorradunfall und John Weathers wurde geholt, um ihn
dauerhaft zu ersetzen. Nach der Erholung spielte Mortimore weiterhin
professionell und erzielte immer noch eine solide Grundlage für die Komplexität
der Gruppe und sie erreichte vor allem in Deutschland und Italien enorme
Popularität. Das nächste Album "Octopus", ihr letztes Album für Vertigo,
mit dem berühmten Roger Dean Cover, wurde veröffentlicht und aus der Sicht vieler Kritiker und Fans war dies ihr kreativ bestes Album: Es überzeugte mit einer grossen Vielseitigkeit und vermischte die verschiedenen Stile, welche Gentle Giant bislang auf ihren Alben präsentierten, auf diesem hochprogressiven Album. Gentle Giant begaben sich dann auf ihre allererste US-Tournee mit
Black Sabbath, um Werbung für das neue Werk "Three Friends" zu machen, weches in den USA von Columbia Records veröffentlicht wurde. Das Label zeigte sich wenig überzeugt von dieser Musik, zumal auch die Live-Kombination von Black Sabbath und Gentle Giant nicht wirklich überzeugend war und eher schlecht gewählt war, standen sich diese beiden Bands doch zumindest stilistisch diametral entgegen.Es war erneut Ian Anderson von Jethro Tull, der die Band auch in den USA stark promotete, worauf sich schliesslich auch dort eine immer grösser werdende Fangemeinde aufbauen konnte.
Die Gruppe ging danach zurück in ihre Heimat England, um zusammen mit der Gruppe The Groundhogs zu spielen und dort ebenfalls die Werbetrommel für ihr aktuelles Album "Octopus" zu rühren. Leider
entschied sich die Plattenfirma in den USA dafür, das Roger Dean Cover nicht zu verwenden und veröffentlichte die Platte erst im folgenden Jahr. Zeitgleich gab Philip Shulman
seinen Austritt aus der Band bekannt. Er war zehn Jahre älter als der Rest der Band und obwohl er als quasi musikalischer Leiter der Gruppe fungierte, gewichtete er seine Familie stärker als das Musikgeschäft und verliess die Musikbranche ganz. Ihr fünftes Album, "In A Glass House" von 1973, war und ist
immer noch grossartig und unter den Fans als ihr bestes Album angesehen,
obwohl der Verlust von Phil auch bedeutete, dass die sanftere Seite der Musik und der Einsatz akustischer Instrumente nachliessen. In den USA weigerte sich die
Plattenfirma, das Album mit der Begründung zu veröffentlichen, dass es zu
vielseitig und unverdaulich sei, verkaufte dann aber trotzdem eine Viertelmillion Exemplare über Import. Die
Gruppe absolvierte nunmehr einige Konzertreisen in Amerika als Haupt-Act und wurde besonders an der Westküste und
in Kanada gefeiert. Die ausgedehnte Tour ging weiter und das nächste
Album "The Power And The Glory" brachte ihr komplexes rhythmisches und atonales
Experimentieren qualitativ auf ein neues künstlerisches Level. Dieses Album wurde in den USA von Capitol Records veröffentlicht und verkaufte sich gut.
1975 spielten Gentle Giant die meisten ihrer Konzerte als Headliner und
veröffentlichten mit "Free Hand" ihr nächstes Album, das nun beim Label Chrysalis Records erschien. Das Album war ein sehr grosser Erfolg, schaffte es in den USA in die Top 50 und in ihrer Heimat in die Top 30, was "Free Hand" zu ihrem meistverkauften Album überhaupt machte. Das Album repräsentiert wahrscheinlich den Höhepunkt ihrer
ausgeklügelten Techniken, die Atonalität war weiter zurückgenommen worden und das teils äusserst komplexe Zusammenspiel wurde auf ein Minimum reduziert. Insgesamt klangen Gentle Giant nun deutlich rockiger und konkreter. Manche Fans bemängelten das, dafür kamen neue Fans hinzu, denen der nunmehr wesentlich konkretere Musikstil besser gefiel als die aus ihrer Sicht eher zu komplizierte Musik auf den bisherigen Werken. Ein Live-Doppelalbum "Playing The Fool" folgte 1977 und präsentierte Auszüge aus ihrer Herbsttournee desselben Jahres. Es war überraschend komplex gespielt, eher wie früher und zeigte noch einmal, wie unglaublich kreativ und spontan die Gruppe vor allem live spielte. Das
Album präsentierte die Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer
Popularität, und in der Folge trafen sie die Entscheidung, neu komponierte Musik erst einmal live zu spielen, bevor sie sie aufnehmen wollte.
Zu dieser Zeit hatten viele progressive Bands aufgegeben
oder einem kommerzielleren Stil nachgegeben. Die Shulman Brüder entschieden
sich auf halbem Weg dafür, ihrem nächsten Album einen einfacheren,
AOR-orientierten Ansatz zu verpassen, um dem musikalischen Trend zu folgen. Das Album "The Missing Piece", das Ende 1977 veröffentlicht wurde, enthielt ihre letzten
progressiven Aufnahmen und ihren ersten Single Versuch, der natürlich den
erwarteten Eindruck auf die Jungen nicht machte. In der Zwischenzeit gaben
andere progressive Rock-Acts entweder auf oder gaben nach und das gleiche
passierte auch Gentle Giant. Die Band hörte auf zu touren und nahm mit einem weiteren Album mit dem Titel "Giant For A Day" ein Werk auf, das relativ kurze Songs enthielt, um auf der neuen Rockwelle mitzuschwimmen und neue Fans zu generieren, während die Cover-Kunst früherer Alben ebenfalls stark in den Hintergrund geriet und mit voller Absicht unprogressiv wirkte, um die neue Richtung auch optisch umzusetzen. Die Platte, die
1978 veröffentlicht wurde, und ihr schlecht durchdachtes Cover zeigten leider
ihren Mangel an Verständnis für den grundlegenden Rock'n'Roll und entsetzte ihre Fans, während sie gleichzeitig keine neuen Fans anziehen konnte. 1979 unternahm die Gruppe einen
letzten Versuch, mit dem fast schon am klassischen Hard Rock angebiederten "Civilian" kommerziellen
Erfolg zu erzielen. Es wurde 1980 veröffentlicht, scheiterte aber erneut und die Gruppe löste sich nach einer letzten Tournee auf.
Viele Versuche, die Band wieder zusammenzubringen, scheiterten, abgesehen davon, dass sie immerhin zu Wiederveröffentlichungen
des gesamten Werks auf CD und der gründlichen Veröffentlichung von bisher
unveröffentlichtem Material geführt haben. Der Anstieg des Interesses an
progressiver Rockmusik in den 90er Jahren führte allerdings zu einem wiederaufflammenden Interesse an Gentle Giant und eine neue Generation erlebte ein weiteres Mal, wie einzigartig Gentle Giant waren, was die kreative Umsetzung klassischer
Kompositionstechniken innerhalb der Rockmusik anbetrifft. Ihre
instrumentalen Fähigkeiten haben Gentle Giant längst zu einer der grössten Progressive Rock Bands gemacht und
sie konnte insbesondere in den 90er Jahren eine grosse Anzahl von Bands im
Progressive Rock Kontext beeinflussen und inspirieren.
Die umfangreiche Veröffentlichung "Unburied Treasure" von 2019 fasst das gesamte Studioschaffen der Gruppe zusammen und wird angereichert durch zahlreiche Liveaufnahmen, die alle bislang wenn überhaupt nur partiell zugänglich waren. Es ist das ultimative Gentle
Giant Box Set und eines der üppigsten Archiv Sets, das jemals
veröffentlicht wurde. Zum einen bekommt man alle originalen Studioalben,
zusammen mit "Playing The Fool", dem einzigen Livealbum, das die Band während ihrer Existenz veröffentlicht hat. Darüber hinaus entpuppt sich diese Box als eine wahre Schatzkammer von sorgfältig restaurierten Liveaufnahmen. Diese Aufnahmen reichen von
Material, das offiziell veröffentlicht wurde (ob von der Band von Anfang an
unterstützt oder als Neuauflage von Material, das zuvor als Bootlegs in
einer "Beat The Boots" herausgebracht wurde), zusammen mit
einigen der absolut traumhaften Bootlegs wie beispielsweise das gnadenlos gute "Gargantua", doch die Box enthält auch Liveaufnahmen, der zuvor nie das Licht der Welt erblickten. Hörenswert ist erstens einmal Es eine BBC-Radio One Session von 1972, die bislang nie zu hören war, in einer ausgezeichneten Klangqualität. Es gab BBC Aufnahmen verschiedenster Sessions früher schon auf Veröffentlichungen wie "Totally Out Of The Woods" oder auch "Out Of The Fire" zu hören, doch diese Aufnahmen wurden erst für diese einmalige Box ausgegraben und klanglich aufbereitet. Ein riesen Hörgenuss. Auch die Aufnahmen einer Show im amerikanischen New Orleans sind fabelhaft anzuhören, auch wenn daraus nur partiell Songs zu hören sind.
Die Aufnahmen eines Auftritts im italienischen Vicenza von Anfang 1973 klingt, obwohl original ein
Publikums-Bootleg, ebenfalls sehr gut und man kann hören, wie begeistert auch das itralienische Publikum von Gentle Giant's Live-Darbietungen war. Selbst bei dieser eher im Low Fidelity Bereich angesiedelten Aufnahme kann man die Feinheiten von Gentle Giant's Musik gut heraushören und es ist ein weiteres Zeugnis dafür, wie gut die Musiker ihre Musik auf der Bühne vermitteln konnten. Auch die ursprünglichen Tonbänder des Auftritts vom Oktober 1973 im italienischen Turin (Torino) sind allererste Sahne. Sie stammen von der damaligen "In A Glass House" Tour. Diese Aufnahmen gab es schon früher einmal als MP3 Files zu hören, und zwar als spezielle Beilage in Form einer MP3-CD, welche zum Lieferumfang des "Scraping The Barrel" Box Sets gehörte. Hier gibt es diese Aufnahmen nun als offizielle CD mit restauriertem Klang, der deutlich über den üblichen Zuschaueraufnahmen anzusiedeln ist und die Band selbst in absoluter Topform zeigt. Eine weitere ziemlich umfangreiche Liveaufnahme stammt
aus dem Schweizerischen St. Gallen aus dem Jahre 1974. Hier spielte sich die Gruppe hauptsächlich durch ihr "Power And The Glory" Repertoire. Die ein Jahr später wiederum in der Schweiz aufgenommene Show in Basel 1975 ist
angeblich auch eine Aufnahme aus dem Publikum, aber sie klingt unglaublich gut. Es ist nicht verbrieft, ob es sich dabei um eine Soundboard-Aufnahme handelt, aber die Aufnahmen klingen extrem sauber und differenziert. Gentle Giant spielten hier vor allem Musik aus ihrem damals aktuellen Werk "Free Hand".
Die wunderbarsten Liveaufnahmen in dieser üppigen Box sind jedoch die
vollständigen Sets aus den vier Konzerten von Düsseldorf, München, Paris und
Brüssel, aus welchen später das offizielle Livealbum "Playing The Fool" zusammengeschnitten wurde. Keines dieser Konzerte hätte vermutlich den Qualitätsansprüchen sowohl der Band, wie ihres Labels genügen können, weshalb daraus nur partiell Somngs für das "Playing The Fool" Album ausgewählt wurden. Wie immer aber, liegt das natürlich im Auge des Betrachters, respektive im Ohr des Hörers, denn alle Aufnahmen dieser vier Konzerte sind berauschend. Diese vier Konzerte, hier komplett in die Box integriert, stellen eine grossartige Zusatzpackung zum ebenfalls in die Box inkludierte "Playing The Fool" Platte dar, die neben den vier kompletten Konzertaufnahmen keinesfalls überflüssig wirkt, sondern absolut logisch erscheint. Insofern könnte man diese vier Auftritte aus der Sicht des typischen Gentle Giant Humors quasi als eine Art "Playing The Complete Fool" bezeichnen.
Neben weiteren interessanten Liveaufnahmen, die teilweise mit Studioequipment in brillianter Qualität aufgezeichnet wurden, gibt es aus den späteren Jahren der Band nur noch relativ wenige Aufnahmen zu hören. Genial zum Beispiel der Auftritt in Chester von der "Missing Piece" Tournee, oder die Liveaufnahme aus dem Roxy am Sunset Boulevard in West Hollywood: Eine Traum-Performance, die schon früher einmal unter dem Titel "The Last Steps" veröffentlicht worden waren. Für die "Unburied Treasure" Box wurden die Aufnahmen jedoch noch einmal komplett neu remastered. Ein kleines, aber sehr schönes Giveaway ist auch die CD mit dem Titel "Pinewood Studios Rehearsal", Studioaufnahmen aus dem Jahre 1977, auf welcher tolle alternative Versionen von Songs wie "The Runaway/Experience", "As Old As You're Young", "On Reflection", "Just The Same/Playing The Game", "Funny Ways" oder "So Sincere" und "Free Hand" zu hören sind.
Wie jedes immer sehr liebevoll und kompetent zusammengestellte Box Set aus dem Hause Madfish, das mit vielen Devotionalien angereichert worden ist, wie zum Beispiel hier durch zwei Bücher, Nachdrucke einiger besonders schöner Konzertplakate oder gar einem Puzzle, dem ein letztes einzelnes Stück fehlt (quasi "The Missing Piece" - der typische Gentle Giant Humor!): Wer diese Band liebt, erhält hier eines der schönsten Box Sets, das er sich wünschen kann. Leider war die Box auf weltweit 2000 Exemplare limitiert. Diese Sets waren innerhalb weniger Wochen bereits ausverkauft. Einige Monate später gab es in Absprache mit den Bandmitgliedern noch einmal eine Nach-Auflage, wiederum weltweit limitiert auf 1000 Stück. Auch diese waren in Windeseile ausverkauft. Die Box taucht ab und zu bei Ebay oder Amazon in gebrauchtem Zustand auf. Die Preise dafür variieren (Stand Januar 2026) mittlerweile zwischen 1000 und 3500 Euro, was man durchaus als einzigen Makel dieser wunderbaren Gentle Giant Vollpackung nennen kann. Essenziell!