Apr 11, 2018


DAILEY & VINCENT - Brothers From Different Mothers
(Rounder Records 11661-0617-2, 2009)

Bluegrass Music gilt als die vielleicht traditionellste Klangfarbe unter dem grossen Schirm, den man Country Music nennt. Da fällt es umso schwerer, neue Einflüsse oder Spielarten zu kreieren. Einem Duo und seiner Band, dem man Solches zu recht nachsagt, sind Dailey & Vincent. Seit 2008 kennt man sie, da sind sie pausenlos unterwegs zu Festivals und sonstigen Veranstaltungen. In jenem Jahr wurden sie so reichlich mit Awards bedacht wie noch kein neuer Bluegrass-Act zuvor. Kenner der Szene mögen beim Namen Vincent aufgehorcht haben. Richtig, Darrin Vincent ist der jüngere Bruder von Rhonda Vincent, einer längst zum Superstar von Country und Bluegrass gewordenen Sängerin. Das allein deutet darauf hin, dass Dailey & Vincent als Duo zwar neu in der Szene waren, als Musiker jedoch schon reichlich Erfahrung auf dem Buckel hatten als sie sich zusammen taten. Ein nach reiflicher, beinahe fünf Jahre benötigter Überlegung und Feilen an ihrer Musik vollzogener Schritt, der sich sofort als richtig erwiesen hatte.

Schon das erste gemeinsame Album, schlicht betitelt mit "Dailey & Vincent", war eine Granate. Die gesamte Szene schien darauf gewartet zu haben, denn das Album stand in nahezu allen Bluegrass-Charts ganz oben und wurde folgerichtig als bestes Bluegrass Album des Jahres 2008 ausgezeichnet. Es bedeutete aber auch eine Bürde für das Duo, die sie danach allerdings problemlos bewältigen konnten. Bis sich die Wege von Darrin Vincent und Jamie Dailey so nachhaltig kreuzten, dass es klickte, ging manches Jahr ins Land. Zwar bewegen sie sich in der grossen Gesangs-Tradition der Country und Bluegrass Music, die von Geschwistern geschrieben wurde aber wie das Album "Brothers From Different Mothers" verrät, sie sind keine Bluts- sondern Seelenverwandte. Woher diese Tradition stammt, kann heute nur noch vermutet werden. Danach hat sie in den armen Familien auf dem Land ihren Ursprung. Da es keine Unterhaltungsmöglichkeiten gab, sorgten selbst gebastelte Instrumente und gemeinsamer Gesang in den Familien für Abwechslung.

In der frühen Phase der kommerziellen Country Music kristallisierten sich Duos von Brüdern als sehr erfolgreich heraus wie die Monroe Brothers, die Delmore Brothers, die Blue Sky Boys, oder die Stanley Brothers. Dieses Phänomen zieht sich wie ein roter Faden bis heute durch die Country und Bluegrass Music. Man denke an die Maddox Brothers, die noch heute sehr populären Louvin Brothers, die Wilburn Brothers, ja auch die Everly Brothers, Jim & Jesse, die Bluegrass-Superstars Osborne Brothers, die Glaser Brothers, die Gatlin Brothers oder schliesslich auch die Bellamy Brothers. Dazu gesellten sich Brüder, die nicht miteinander verwandt waren, von Johnnie & Jack über die Statler Brothers, Brooks & Dunn bis zu Big & Rich. Auffallend war und ist bei all diesen Acts ein besonders dicht aufeinander abgestimmter Harmoniegesang.

Sowohl Dailey als auch Vincent kommen aus sehr musikalischen Familien, allerdings aus ganz unterschiedlichen Gegenden. Darrin Vincent stammt aus Kirksville, Missouri und wurde in eine Musik praktizierende Familie geboren. Schon mit 6 Jahren gehörte er der Sally Mountain Show an, zu der neben seinen Eltern auch seine Schwester und sein Bruder gehörten. Im Laufe der Jahre lernte er neben einem ausgefeilten Harmoniegesang auch die Instrumente Mandoline, Bass und akustische Gitarre. Er hat mit solch unterschiedlichen Künstlern wie Bruce Hornsby, Vince Gill, Emmylou Harris und Norah Jones im Studio gearbeitet, um nur einige zu nennen. Zudem gehörte er den Bands unter anderem von John Hartford, seiner Schwester Rhonda Vincent und zehn Jahre der Begleittruppe von Ricky Skaggs an.

Jamie Dailey kommt aus Tennessee und hatte dort nicht nur in der Familie sondern auch ausserhalb von Kindesbeinen an mit Country und Bluegrass Music zu tun. Seine wichtigste Station bevor er sich mit Vincent zusammen tat, war die legendäre Gruppe Doyle Lawson & Quicksilver. Lawson holte ihn 1998 in seine Band, wo Dailey sowohl die Leadstimme übernahm als auch für Harmoniegesang zuständig war. Zunächst spielte er den Bass, ehe eine personelle Veränderung in der Band ihn zur Gitarre wechseln liess. Ins Studio holten ihn unter anderem Rhonda Vincent und Dolly Parton. Bei Doyle Lawson war es nicht zuletzt Jamie Dailey, der seinen Anteil an den zahlreichen Auszeichnungen für die Gruppe in den Jahren 2001 bis 2007 hatte. Seit 2008 ist Dailey also mit Vincent unterwegs. Kennen gelernt hatten sie sich schon 2011 anlässlich der wichtigsten Award Show der Bluegrass Music in Louisville, Kentucky. Und auch schon festgestellt, dass ihr Stimmen auf natürliche Weise miteinander harmonierten.

Diese Zeit der Vorbereitung zahlte sich aus. Nicht nur, dass es bereits vier brillante Alben (alle auf Rounder Records) gab, bevor das Duo "Brothers From Different Mothers" veröffentlichte, sondern Dailey & Vincent gehörten da schon längst zum festen Bestandteil aller namhaften Bluegrass Festivals. Sie hatten sich deutlich weiter entwickelt, was man sowohl an den Alben als auch an ihren Auftritten leicht feststellen konnte. Dailey & Vincent bewegten sich voll und ganz in der Tradition der klassischen Bluegrass Music und dazu gehörten als fester Bestandteil auch Gospel Songs. Aber sie bezogen ständig auch Elemente anderer Stilrichtungen ein und sprachen dadurch ein neues, breiteres Publikum an. Dafür suchten sie nach geeigneten eigenen oder älteren Songs, die sie für ihre Zwecke neu bearbeiteten. Vincent sagte dazu: "Wir wollten den Charme und die Faszination des traditionellen Bluegrass erhalten und pflegten aber auch mit der Zeit zu gehen, um die Musik aktuell aber unverfälscht zu halten".

Für dieses Unterfangen hatten sie sich die passenden Musiker in die Band geholt: Christian Davis (Gitarre, Bass-Stimme), seit 1998 Berufsmusiker und zuvor in verschiedenen Gospel Gruppen unterwegs. Joe Dean Jr. (Banjo, Gitarre, Bass-Stimme), mit 22 Jahren jüngstes Bandmitglied, er stammte aus St. Louis, wo er seit dem 12. Lebensjahr Bluegrass Music machte. Seit 2007 war er bei Dailey & Vincent. Jeff Parker (Mandoline, Gitarre, Harmonie-Gesang) spielte von Kindesbeinen an mit Familienmitgliedern Gospel Music. Die Mandoline war seit dem 12. Lebensjahr sein Instrument. Im Laufe der Jahre gehörte er diversen Gruppen an, darunter die Lonesome River Band. Nach einem eigenen Album war er mit so bekannten Künstlern wie Larry Sparks, Tony Rice und Dale Ann Bradley im Studio. Bei Dailey & Vincent seit 2007. Jesse Stockman (Fiddle) stammte aus dem fernen New Mexico. Der Musiker erspielte sich schon als Kind diverse Meriten mit seiner Fiddle. Über diverse andere Bands kam er 2002 zu Doyle Lawson. 2005 wechselte er zu den Isaacs. Stars wie George Jones, Vince Gill und Josh Turner holten ihn ins Studio. "Brothers From Different Mothers" gehört zum feinsten, was aktueller Bluegrass zu bieten hat und ist eine dicke Empfehlung.






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