Apr 9, 2018


HARMONIUM - Les Cinq Saisons (Celebration Records CEL-1900, 1975)

Die kanadische Band Harmonium aus Québec startete anfänglich als Folk-Gruppe mit französisch gesungenen Liedern, bevor sie sich stärker dem progressiven Rock zuwandte und 1975 mit ihrem zweiten Werk ein Konzeptalbum vorlegte, das im weitesten Sinne als Progressiver Folkrock bezeichnet werden kann. Vom ursprünglich akustischen Trio zur fünfköpfigen Gruppe erweitert, kreierten die Musiker um Sänger und Songschreiber Serge Fiori eine akustische Welt, die aus fünf Jahreszeiten besteht. Dabei widmeten sie jeder der bekannten vier Jahreszeiten je einen Song, sowie einer fünften Jahreszeit namens "Harmonium" fast eine ganze LP-Seite im Longtrack "Histoires sans Paroles".

Das Album "Les Cinq Saisons", das auch unter dem etwas längeren Titel "Si On Avait Besoin d'Une Cinquième Saison" bekannt ist, startet mit "Vert" (grün), das logischerweise den Frühling akustisch begrüsst. Und das tut der Song mit einer verhaltenen Flöte, die im Verlaufe des Songs weitere intrumentale Unterstützung erhält durch die weiteren Instrumente der Band, und dieser Einstieg ist sehr natürlich, fröhlich unbekümmert und wiederspiegelt den Frühling gekonnt und harmonisch. Der Sommer-Song "Dixie" geht dann in eine leicht jazzige Richtung, erinnert ein bisschen an den typischen Vaudeville-Sound der 40er Jahre, swingt auf sehr lockere Weise und ist zwar eher untypisch für die Band, jedoch sehr "summerlike" und man spürt das Flirren der Hitze förmlich aus den Noten. Der Herbst heisst hier "Depuis L'Automne" und ist ein Longtrack, der es auf über 10 Minuten Lauflänge schafft, all die abwechslungsreichen Stimmungen des Herbstes gekonnt abzubilden, angefangen vom noch lieblichen Spätsommer über die sich ändernden Farben der Natur bis hin zum kalten, feuchten und grauen Novembermorgen. Den Spannungsbogen kredenzen die Musiker hier gekonnt mit Arrangementspielereien und erzeugen damit abwechslungsweise September-Unbekümmertheit, über erste Oktober-Melancholie bis hin zur November-Depression, die man auch wirklich spüren kann. Der Winter schliesslich heisst dann "En pleine Face" (im ganzen Gesicht) und lässt einem die Kälte an den Backen spüren, aber auch die Schönheit einer verschneiten Winterlandschadft vor dem geistigen Auge erkennen.

Das Paradestück dann Harmonium's selbst erdachte fünfte Jahreszeit, dokumentiert und spürbar gemacxht im Longtrack "Histoires sans Paroles", das eine über 17 Minuten lange akustische Reise durch viele unterschiedliche klimatische Erfahrungen bietet: Von heiss über kalt, von trocken bis verregnet: Hier erlebt die Seele des Hörers alle Höhen und Tiefen gleichzeitig, nicht hinter- oder nacheinander, sondern bunt und wild zusammengenommen. Die Band spielt hier gekonnt mit Gefühlen, mit Stimmungsschwankungen und mit gefühlvoll inszenierten Wechseln im musikalischen Gesamtbild, die trotz manchem vertrauten Klangbild wie zum Beispiel einem klar bei Mike Oldfield belehnten instrumentalen Thema, das auch auf dessen LP "Tubular Bells" hätte sein können, trotzdem immer kompakt und harmonisch bleiben und den Zuhörer am Ende in wundervoller Behaglichkeit zurücklässt, nachdem eine Tour de Force der Empfindungen nach etwas mehr als einer Viertelstunde das Seelenwetter wieder zur Ruhe kommen lässt. Für die erhabensten Momente nicht nur hier, sondern bei allen Stücken dieser wundervollen LP sorgen die Flöte, das Mellotron und die akustische Gitarre, die bei diesem Werk sehr stark eingesetzt werden. Der Gesang ist eher verhalten, hilft meist vor allem die Stimmungen mit Worten zu bekleiden und ist insgesamt äusserst spärlich vorhanden. Den grössten Teil der Platte hört man instrumentale Musik, was es dem Hörer erlaubt, seine eigenen Gefühle in der gehörten Musik zu suchen und zu finden, was eine sehr schöne Erfahrung ist bei diesem Werk.

Diese LP hat das gewisse Etwas. Dieses bestimmte Element an Nachhaltigkeit, das es fühlbar, spannend und unvergessen macht. Vielleicht ein bisschen wie Jethro Tull's "Thick As A Brick", auch wenn Harmonium den folkigen Anteil in ihrer Musik noch stärker gewichtet als der manchmal doch eher rockige Ian Anderson mit seiner Truppe. Das Musikmagazin Rolling Stone listete 2015 das Werk auf Rang 36 der 50 besten, je veröffentlichten Progressive Rock Platten.


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