Oct 27, 2017


MONKS - Black Monk Time (Polydor International  249 900, 1966)

Es gibt wohl kaum einen Superlativ, der in Zusammenhang mit der Wichtigkeit der Musik der Monks für die Entwicklung des Beat nicht schon genannt worden ist. Richtig ist bestimmt, dass es zuerst die Beatles gab. Schon kurze Zeit später aber auch die Anti-Beatles. Bleibt man bei diesem kurzen Statement, ist man in der Tat schon ziemlich schnell bei den Monks. Sie waren der krasse Gegenpol zur Beatbewegung. Ihre Songs waren kaum tanzbar, nicht mitsingbar und schon gar nicht melodieselig. Die Monks waren wild, unkontrolliert, dadaistisch und noch lange bevor Pete Townshend seine erste Gitarre auf der Bühne zerschlug und Jimi Hendrix seine Axt in Feuer aufgehen liess, besorgten die Monks die nötige Aufmerksamkeit auf der Bühne durch ihr provokantes Outfit als Mönche mit echten Mönchskutten und Tonsuren, und anstelle von dünnen Schlipsen, wie das bei so mancher Beatband üblich war, trugen sie Galgenstricke um den Hals.

1961 kamen die fünf späteren Musiker als amerikanische Soldaten in die hessische Garnisonsstadt Gelnhausen. Sie begannen schon bald in der örtlichen Militärkapelle miteinander Musik zu machen. In ihrer Freizeit entstand die Coverband The Five Torquays, zunächst noch in verschiedenen Besetzungen, aber ab 1964 mit den fünf Musikern, die später die Monks bilden sollten. Nach der Entlassung aus der US-Armee spielten die Five Torquays 1964 für ein Jahr in süddeutschen Clubs. Bei einem dieser Auftritte in der Stuttgarter Rio Bar wurden sie von Walther Niemann und Karl-H. Remy angesprochen. Niemann und Remy waren seit geraumer Zeit auf der Suche nach einer Band, die sie nach ihren Vorstellungen modellieren konnten. Kurze Zeit später begannen die fünf Musiker unter Anleitung ihrer beiden Manager an einem neuen Sound zu arbeiten. Im September wurde im Ludwigsburger Bauerstudio ein zehn Songs umfassendes Probeband aufgenommen. Mit diesen Probeaufnahmen versuchten die Manager bei den grossen deutschen Plattenfirmen einen Vertrag zu bekommen. Diesen unterzeichneten sie schliesslich bei Polydor, weil dort der junge Produzent Jimmy Bowien, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Franz-Josef Degenhardt, in ihnen die „Musik der Zukunft“ erkannte. Niemann und Remy arbeiteten an der weiteren Entwicklung ihres Gesamtkonzepts. Die noch recht zahmen Texte der Probeaufnahmen wurden zu scharfen dadaistischen Anklagen gegen den Vietnam-Krieg. Ästhetisch ging man neue Wege, indem man statt der weichen, langhaarigen, blumenkinderhaften Popaufmachung die schwarzweissen Kontraste des Kalten Krieges wählte. Dazu passte das Mönchs-Outfit perfekt und musste auf Puristen wie blanke Bigotterie wirken.

Die Musik, die auf ihrem einzigen Album zu hören ist, darf in jeder Hinsicht mit wild, hart, schnell und oft nur auf einem einzigen Akkord basierend als Blaupause des späteren Trash, des Garage Rocks und auch der dadaesken Avantgarde angesehen werden, welche erst zwei Jahre später unter anderem durch Bands wie beispielsweise Velvet Underground erneut aufgegriffen wurde. "Black Monk Time", das im Mai 1966 veröffentlicht wurde und bis in die 90er Jahre hinein nie mehr nachgelegt wurde, bedeutete  ähnlich wie das erste Album von Velvet Underground einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der bis dato eher adretten, gestylten und vom Rhythm'n'Blues und Blues beeinflussten Popmusik. Erstmals begegnete eine Band diesen Einflüssen bewusst mit Ablehnung und es entstand eine Art von Gegenmusik, die heute - rückblickend bewertet - den Punk der 70er Jahre, den Trash und den Heavy Metal vorweg nahm.

Bild unten: Die CD Version der Platte, die gegenüber der ursprünglichen Langspielplatte um drei Songs erweitert wurde, konnte ich anlässlich eines Auftritts der Monks in Zürich im Jahre 2006 zur Kinopremiere des Monks-Dokumentarfilms "The Transatlantic Feedback" von den zu dem Zeitpunkt noch lebenden Bandmitgliedern signieren lassen. Von den originalen Mitgliedern starben danach der stilbestimmende Banjo-Spieler Dave Day im Jahre 2008 und Bandleader Gary Burger im Jahre 2014.



Zu dem Konzert der Monks am 21. Oktober 2006 in Zürich's Club Mascotte (mit den Schweizer Garage Rockern Reverend Beat-Man & The Monsters als Supporting Act) anlässlich der Filmpremiere des Dokumentarfilms "The Transatlantic Feedback" hatte ich auch eine Konzert-Kritik geschrieben:

 Saints And Sinners - THE MONKS meet THE MONSTERS

Für mich waren The Monks natürlich das Live-Event des Jahres, ging doch mit dem Gig ein Bubentraum in Erfüllung. Noch drei der ursprünglich 5 Original-Bandmitglieder waren's. Der Keyboarder mochte nicht mehr, er wurde ersetzt, und der Drummer war bereits verstorben, und wurde daher auch durch einen Jungspund ersetzt. Aber Leader Gary war noch frisch wie eh und je, und auch Banyospieler Dave spielte sich die Finger wund. Den Abend läutete Kaplan Grau ein, er bereitete das Publikum mit herzhaften Hallelujah's auf das kommende Inferno vor. Begleitet wurde seine Ansprache durch sakrale Lieder auf einer kleinen Kirchenorgel, die extra dafür in den hoffnungslos überfüllten Club Mascotte geschleppt wurde. Anstelle von biblischen Klängen spielte der Herr in der Pfarrers-Robe allerdings Kamellen aus den 60er Jahren, von "Whiter Shade of Pale" über "You Really Got Me" (echt!), bis zu "My Generation". Das muss man sich mal vorstellen. Da hingen die Knabberleisten schon ungläubig herunter.

Dann der Auftritt von den Schweizer MONSTERS, vom verrückten Reverend Beat-Man angeführt. Die spielten so laut, dass alles pumpte und vibrierte: Die Wand, an der man lehnte, das Hemd, das man trug und die Schuhe, in denen man stand. Zwei Schlagzeuger, die einander gegenüber sassen, hauten wie manisch drauf, einander immer wieder anpeitschend. Horror- Rock'n'Roll vom Feinsten. Es folgte eine unwirklich anmutende Umbauphase, während der sich erneut Kaplan Grau ans Mikrophon stellte, und das Publikum zu Hallelujah-Rufen anfixte, währenddem nunmehr Reverend Beat-Man mit drei Ordensschwestern (in gottesfürchtigen Nonnen-Gewändern) einen Kelch mit Wein herumreichte und eine Hostie (mit aufgedrucktem Bandlogo der Monsters!!) den Gläubigen in den Mund steckte. Wichtig: Der Reverend verteilte die Hostie mit dem Spruch "Gesegnet sei der Rock’n’Roll", was die Gläubigen mit "Amen", oder "Hallelujah!" quittieren mussten.

Danach kamen die Monks, die zwar nicht mehr so laut spielten wie die Monsters, aber dafür viel mehr Dynamik an den Tag legten. Die Präsenz der Band war schlicht enorm, und mir schossen immer wieder diese surrealen Bilder ihres legendären Auftritts im Beat Club von anno dunnemals durch den Kopf. Sänger Gary aktualisierte den Text von "It’s Monk Time" ganz zu Anfang des Sets natürlich auf die momentan die Welt bewegenden Themen wie Bush, Irak und Afghanistan, was das Publikum mit Begeisterungsstürmen quittierte. Gemessen am Umstand, dass die Band nach 1966 keine weiteren neuen Songs komponiert hat, spielten sie ein auffallend langes Set, und den einen oder anderen Titel spielten sie in bis zu 10 Minuten gestreckten Versionen, inklusive Banyo- Drum- und ausufernden Gitarrenexzessen, wobei sie auch auf die schon im Beat Club praktizierte Dreimann-Gitarrenbearbeitung am Boden nicht verzichten mochten. Man muss sich das vorstellen: Was Pete Townshend später mit seinen Gitarren machte, hatten die Monks schon drei Jahre früher praktiziert. Als Dave und Gary dann auch noch ihre Instrumente gegenseitig malträtierten (Banyo schrammt an Gitarre) war die Stimmung auf dem absoluten Höhepunkt angelangt. Mit viel Feedback-Gedröhn und pfeifendem Lärm, dazu dem manischen, monotonen Draufhauen des Drummers, inklusive dem mit dem Kopf auf die Tasten der Farfisa-Orgel hämmernden Keyboarders (!!) war ich mir bewusst: Diese Band ist zurecht bis heute legendär. Man kann die Musik und die Performance der Monks auch heute noch als durch und durch avantgardistisch bezeichnen, denn nicht ein einziger Song ihres Repertoires kann, auch an heutigen Kriterien gemessen, als normal strukturiert angesehen werden: Chöre, wo keine sein sollten, Breaks, die keine sind, Stops, wenn andere durchspielen - herrliche Soundcollagen, die auch heute noch fremdartig wirken.

Kurz vor Ende des Sets kamen dann die drei Nonnen wieder auf die Bühne und tanzten ekstatisch zur Monks-Mucke. Dabei hielt jede der Ordensschwestern eine grosse Schere in der Hand. Da fingen die Schwestern an, einander gegenseitig die Nonnen- Roben auseinander zu schnibbeln. Natürlich grossartig anzusehen, eine tolle Show-Einlage. Erstaunlich auch die Durchmischung des Publikums. Vom schlohweissen Sixties-Opa bis zum blutjungen Neo-Punk war alles zu sehen, auch auffallend viele Damen, was ich angesichts des gebotenen Sounds kaum für möglich gehalten hätte. Natürlich waren die meisten schwarz gekleidet, und ausserdem trugen viele ein Monks T-Shirt (wie ich auch). Nach drei Zugaben, nicht enden wollenden Standing Ovations und einer längeren Abschlussrede des Banyospielers Dave dislozierte sich fast der gesamte Pulk in die Innenstadt, wo um Mitternacht dann noch der grossartige Dokumentarfilm über die Monks gezeigt wurde, bei welchem die Band anwesend war und nach der Vorführung willig CD’s und LP’s signierte. Dabei habe ich dann noch länger mit Gary diskutiert an der angrenzenden Bar, und er hatte grosse Freude, als mein Freund aus seiner Plastiktüte dann noch das horrend teuer gehandelte Original Vinyl der Monks LP von 1966 auf Polydor hervorzog, um es (nur von den drei übriggebliebenen Original- Mitgliedern!) signieren zu lassen. Dabei sagte Gary auch, er könne es sich selbst auch heute noch nicht erklären, warum seine Monks so lange so hartnäckig in den Köpfen der Leute Bestand haben konnten. Ich erklärte ihm dann, dass er mit seinen Monks eben etwas geschaffen hat, das man nicht kopieren könne, und dass man seine Art von Musik auch in vielen Jahren noch als "outstanding" bezeichnen werde.

Fazit: Selbst wenn man kein grosser Fan der Monks ist, strahlt ein Auftritt dieser Band so viel Magie, manischen Exzess und Faszination aus, dass man weiss, hier war man Zeuge von etwas ganz Besonderem. Dies gilt selbstverständlich auch für ihr leider einziges Studioalbum, das bis heute als eines der herausragendsten Pop-Werke der 60er Jahre bezeichnet werden darf. Ohne die Monks wäre der Beat vielleicht nie aus sich herausgebrochen, der Rüpelrock nicht entstanden, der Jam-Rock ohne seine klar strukturierten Melodiebögen nicht erfunden worden und - wer weiss - vielleicht auch der Punk nur ein aufmüpfiges Hüsteln geblieben.


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