Jul 20, 2016


EDGEWOOD - Ship Of Labor (TMI Columbia Records Z 30971, 1972)

Progressiver Rock aus Memphis Tennessee und das in der Blütezeit des Memphis Sound, der für richtige Männermusik, für erdigen Rhythm'n'Blues steht ? Ja, das gab's in der Tat. EDGEWOOD hatten Mut. Sie hatten aber auch eine gute Reputation und die hiess THE GENTRYS. Denn in dieser erfolgreichen Teenie-Band liegen die Wurzeln der Gruppe; ihren Millionseller "Keep On Dancing" von 1965 hatte jede Schülerband im Repertoire ("Shake it, Shake it, Baby!") Weil aber weder die anderen Bandmitglieder, noch das Management etwas am Bopper-Image und damit am Musikstil der GENTRYS ändern wollten, verliessen Keyboarder David Beaver, Bassist Steve Spear und Gitarrist Jim Tarbutton 1970 die Band. Sie waren davon überzeugt, dass THE GENTRYS vielleicht einigermassen Geld, aber auch totalen musikalischen Stillstand bedeuteten. In Gitarrist und Sänger Pat Taylor, zuvor im Ensemble von Ronnie Stoots ("Ashes To Ashes"), Schlagzeuger Joel Williams (zuvor kurzfristig ein Musiker in der Band von Mike Bleecker) und Multi-Instrumentalist David Mayo fanden sie weitere kompetente Mitstreiter. Taylor war es auch, der den Bandnamen EDGEWOOD vorschlug; er wohnte in einer gleichnamigen Strasse.

Progressiver Rock, ganz im Stile britischer Vorbilder wie KING CRIMSON oder YES, das schwebte ihnen ursprünglich vor. Dass im einzigen gemeinsamen Werk letztlich noch einige andere, auch amerikanische Rockgruppen ihre Spuren hinterliessen, wer will es ihnen verdenken. Nach dem die Mannen von EDGEWOOD bereits mehrere Monate lang komponiert und geprobt hatten und das bei den GENTRYS erspielte Geld langsam zur Neige ging, bekamen sie schliesslich einen Vertrag beim kleinen TMI-Label in Memphis. Mit Produzent Jim Johnson hatten sie einen erfahrenen Produzenten und Studioingenieur an ihrer Seite, der sowohl selbst Musiker in der Muscle Shoals Rhythm Section war, als auch schon für Aretha Franklin, The Rolling Stones, Wilson Pickett, Joe Cocker und Cher am Mischpult gesessen hatte.

Erinnert man sich daran, was für eine Art Musik die Musiker von EDGEWOOD zuvor gemacht haben ("Keep On Dancing", "Do You Love Me", "Don't Send Me No Flowers"), hat man schnell Verständnis für den Albumtitel "Ship Of Labor". Wie Galeerenarbeit müssen sie es wohl empfunden haben, sich in die vertrackten Synkopen ihrer neuen Songs einzuspielen, wieder und wieder kurze Sets zu üben, weil das Gitarrenriff nicht in die Tonlage für den richtigen Anschluss an den letzten Keyboardakkord zu bringen war, und so weiter. Zum Glück fanden sie in TMI Label-Chef Steve Cropper (Booker T. & The M.G.'s, Blues Brothers Band) einen Mentor, der oft ins Studio kam und den Musikern mit Rat und Tat zur Seite stand.

Zeitgenössische Kritiker haben die Musik von EDGEWOOD in eine Reihe mit AMBROSIA und KANSAS mit einer Vorliebe für Southern Garage-Rock gestellt; eine Einschätzung, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich denke, die Ameruikaner hatten lange mit Progressive Rock so ihre liebe Mühe, er war ihnen irgendwie zu verkopft. Wenn ich Verweise auf andere Bands einbringe, so will ich damit keinesfalls die Kreativität des besprochenen Albums in Frage stellen oder gar ein Abkupfern unterstellen. Ich versuche bei weniger bekannten Gruppen und Interpreten damit lediglich eine Vorstellung zu vermitteln, wie die entsprechende Passage in etwa klingt. Die Musik von EDGEWOOD lebte davon, in Beaver, Mayo und Taylor mit drei starken Sängern gesegnet gewesen zu sein und fünf verschiedene Gitarristen oder zwei Keyboarder vor die Mikrophone stellen zu können. Und mit Joel Williams verfügten sie über einen klassisch geschulten Schlagzeuger, dem auch vor symphonischen Sequenzen nicht bange war.

Der erste Titel "Ain't Had No Lovin'" eröffnet mit einer westcoast-animierten Gitarre. Das einsetzende Piano wird überraschend von einem Cembalo abgelöst, doch die klassische Einlage ist nur von kurzer Dauer, dann nimmt ein Honky Tonk-Klavier augenzwinkernd den Ernst aus der Sache. Sachte Himmelsklänge, umrahmt von einem an die DOOBIE BROTHERS erinnernden Satzgesang, führen zum von einer Kirmesorgel gesetzten Schlusspunkt. Die Variationsmöglichkeiten der Tasteninstrumente werden auch bei "Why Don't You Listen" voll genutzt. Es geht rhythmisch los, Gitarren und Keyboards liefern ein schneidiges Korsett für die grunzenden Keyboardakkorde, die an "Taurus" von EMERSON, LAKE & PALMER erinnern. In diesem heftigen Wechselspiel bleibt dennoch genügend Zeit, die äusserst virtuose Schlagzeug-Arbeit von Williams zu bewundern. Dass bei "Burden Of Lies" der Schwerpunkt nicht auf der Rhythmusarbeit liegt, kündigt die Folk-Gitarre zu Beginn schon an. Das Ganze erinnert sehr an die frühen HOLLIES, wenn auch die Harmonien immer wieder leicht verkanten und damit Spannung in den Refrain bringen. In den zweiten Teil des Songs führt eine hammondmässig gestimmte Orgel, die sich vom fleissigen Schlagzeug ein bisschen antreiben lässt.

Das Titelgeber-Stück kommt verständlicher Weise nicht als fröhlich pfeifender Junge, sondern als abgearbeiteter, sehr melancholischer alter Mann daher. In den sechseinhalb Minuten für "Ship Of Laabor" spannt ein sphärenhaft klingendes Keyboard mit viel Hall den Himmel, während ein zweites, mehr an ein Mellotron erinnerndes Keyboard den Part des Bösen, Drohenden übernimmt. Beavers voluminös klingende Stimme passt gut zum verlangsamten Geschehen, das alle Instrumente deutlich voneinander trennt. Doch je länger das Stück dauert, umso mehr verschmelzen die Leadgitarren von Taylor und Tarbutton bis zum Einklang. Auch in diesem Song drängen sich einem permanent Erinnerungsfetzen von bei anderen Gruppen Gehörtes auf, ohne dass man sie genau definieren könnte. Das ist bei "Unconscious Friend" ganz anders. Die Gitarren kennt man von den FLYING BURRITO BROTHERS oder der SOUTHER HILLMANN FURAY BAND. Hier weht überhaupt kein Südstaatenwind mehr, hier mischt sich eine kalifornische Brise mit englischem Nebel vielleicht ein wenig à la TRAFFIC: Ein zuerst lockeres Orgelgewebe wird zum Ende hin kräftig in die Rock-Zange genommen. Ähnlich ergeht es dem Keyboarder beim Song "Medieval People". Gleich zwei Leadgitarren fordern die typische Progressive Rock-Orgel zum Wettlauf heraus.

"We Both Stand To Lose" liefert äusserst entspannte Momente. Nicht sehr originell, aber wie der Leadsänger seine stimmlichen Mitstreiter zum Refrain herausfordert, wirkt schon sehr inspirierend. Und man kann endlich auch die Arbeit des Bassisten Steve Spear würdigen "What You See" ist fast so etwas wie ein Unikum auf diesem Album. Die etwas wirre und zerfaserte Melodieführung verschrecken mit hardrockigen Gitarren und zeigen dabei einen deutlichen Trend zur Disharmonie. Passt nicht recht zum Rest des Albums, klingt aber hochinteressant. Indes: Kein Progressive Rock-Album ohne Traum-Sequenz. EDGEWOOD haben sich an diese Vorgabe gehalten und mit "Silent" das entsprechende Stück komponiert. Klar, wieder ein wabernder Orgel-Himmel über allem und eine schauspielerhaft artikulierende Stimme, die uns den Weg durch den Traum weist. Ich weiss, es wird nicht so sein, aber das in kurzen Abständen wiederholte kinderliedartige Thema erinnerte mich schlagartig an Sergej Prokoffiev's "Peter und der Wolf". Als einige Jahre später dann die von Jack Lancaster, Robin Lumley und Dennis McKay produzierte Rockversion des Musikmärchens heraus kam (mit Gary Moore, Gary Brooker, Julie Tippett, Manfred Mann, Cozy Powell, Phil Collins und anderen) war die Ähnlichkeit sogar frappierend: Ente und Katze begleiten Peter durch den Wald. Die letzten zwei der insgesamt sieben Minuten des Songs vergibt EDGEWOOD an die BEACH BOYS. Sie nehmen jetzt das Thema auf und geben es bis zum Schluss nicht mehr her. Also der Satzgesang ist derart similar, da muss Absicht dahinter stecken: Eine - wenn als das gedacht - herrliche Hommage an die Strandjungs.

Nach dem leider einzigen Album unter dem Namen EDGEWOOD kam nichts mehr hinterher. Die Band löste sich auf, genauere Gründe waren nicht zu erfahren. David Beaver spielte und tourte mit den GENTRYS erneut weiter, die nun doch endlich einen Stilwechsel hin zum Americana geschafft hatten, ging mit CACTUS, CHICAGO, DEEP PURPLE, BONNIE RAITT und SURVIVOR jeweils als Gastmusiker auf Tournee und unterstützte Steve Cropper's Studioarbeit. 1973 veröffentlichte er gemeinsam mit David Mayo das Album "Combinations", diesmal sahen die Musikkritiker darin eine Kreuzung zwischen ARGENT und BADFINGER. Dann verliert sich seine Spur. Heute ist Beaver ein erfolgreicher Bankier, spielt aber offenbar immer noch in einer lokalen Band in Memphis. Steve Spear gründete 1974 die Gruppe THE RADIANTS, machte viel Studioarbeit, so etwa für Tony Joe White, B.B. King und Rufus Thomas. Jim Tarbutton arbeitete nach EDGEWOOD für José Feliciano und sein Mother Music Studio in Orange, California. Zurück in Tennessee (1976), engagierte ihn J.J. Cale für sein Crazy Mama Studio und diverse Tourneen. Seit 1993 ist er freier Soundingenieur und Produzent.

Über David Mayo war zu erfahren, dass er später in den Gruppen TRIPLE CROSS, RUBY STARR, THE VILLAGE SOUND, GREY GHOST und JAGUAR gespielt hat. Pat Taylor konnte später im Studio mit Ringo Starr und Al Green arbeiten, noch später findet man ihn als Studio-Ingenieur bei Aufnahmen von Albert King, Stevie Ray Vaughn, Joe Walsh, Jerry Lee Lewis und Stevie Nicks vermerkt. Joel Williams schliesslich arbeitete zuerst als Studiomusiker in Memphis, war dann jeweils kurzfristiges Mitglied von CABOOSE, TARGET, TRIPLE CROSS, RUBY STARR, THE SPENCER DURHAM GROUP und schloss sich 1974 für längere Zeit BLACK OAK ARKANSAS an. Heute spielt er zusammen mit Steve Spear in der Classic Rock-Band DOWN2FIVE sowie hin und wieder in der kalifornischen Psychedelic-Folk-Band THE QUARTER AFTER. EDGEWOOD's Album "Ship Of Labor" ist ein bis heute praktisch unentdeckter Geheimtipp geblieben, der sich auch heute noch unbedingt lohnt, entdeckt zu werden.


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