Jun 23, 2021


THE DEL-LORDS - Based On A True Story (Enigma Records D2-73326, 1988)

Der Name Eric "Roscoe" Ambel fällt mir erstmals Ende der 70er Jahre auf, als ich an eine Single der Band Dirty Dogs mit dem Titel "Sonority Girl" gelange, die musikalisch in etwa dem entspricht, was ich zu der Zeit am liebsten höre: Punkig trashiger Power-Pop. Ich behalte den Namen einigermassen in guter Erinnerung und werde dadurch auf die Band Accelerators aufmerksam, die in Wirklichkeit nur die Vorgänger-Band unter neuem Namen ist. Von ihnen kaufe ich mir eine LP, die mir zwar in punkto Gitarrenarbeit (Eric Ambel) sehr gut gefällt, aber die Songs sind nicht unbedingt das Gelbe vom Rock-Ei, weshalb ich die Band ad acta lege. Zeitgleich mit seinen Accelerators arbeitet "Roscoe" auch als Gitarrist in Joan Jett's Blackhearts, und bei Joan Jett überzeugt mich das Gitarrenspiel von Eric Ambel auf dem Album "I Love Rock'n'Roll".

Anfang der 80er Jahre gründet Eric Ambel die geniale Band The Del-Lords zusammen mit Scott Kempner, der zuvor bei den Dictators schon abrockte, und die mir natürlich auch ein Begriff waren. Die Del-Lords waren eine unglaublich tolle Roots Rock Band, die leider ziemlich übersehen wurde. Ihr Album "Based on a True Story" gehört für mich zum Besten, was in den 80er Jahren erschienen ist, und gänzlich ohne synthetische Mittel auskam. Der Band gehörte auch der spätere Drummer von Cracker an (Frank Funaro). Die Songwriter-Qualitäten von Scott Kempner waren enorm. Er schrieb für die Platte vom taffen Wüstenrock ("Crawl in Bed"), über leidenschaftlich vorwärtspreschende Blues-Rocker ("A Lover's Prayer", "River of Justice") bis zu ohrwurmigem Power-Poprock ("I'm Gonna Be Around" oder "Whole Lotta Nothing Going On") hervorragende, zeitlos gute Songs und mit der Ballade "Poem of the River" im Duett mit Pat Benatar ein Akustik gewordener Traum der absoluten Ausnahmeklasse. Auf dem Album darf sich auch Reverend Mojo Nixon am Rande etwas austoben und die Platte profitiert zusätzlich durch Gast-Contributions von Jimmy Powers, Curtis James, Syd Straw und Lenny Castro. "Roscoe" hat später weiter Roots-Rock gemacht, aber die Klasse dieses Albums hat er meiner Meinung nach nie mehr ganz erreicht.

Noch als er die Band Del-Lords am Leben erhielt, spielte Eric Ambel schon mit einer weiteren Band, seiner "Roscoe's Gang" zusammen. Mit dieser Band spielte er mehrheitlich Roots Rock der eher gemässigten Sorte, sprich: eher countryinfiszierter Americana Sound. Da er sich inzwischen auch als Produzent unter anderem für die Bottle Rockets, die Blood Oranges oder Nils Lofgren einen Namen gemacht hatte, konnte er die Sache mit der eigenen Mucke natürlich lockerer angehen. So erstaunt es nicht, dass Eric Ambel immer mal wieder ziemlich nicht-chartsorientierte Songs aufnahm, mit dener er unter Insidern natürlich einen hohen Status erreichte, kommerziell aber in der Regel immer floppte. "Loud And Lonesome" ist zum Beispiel ein absolutes Klasse-Album (mit seiner "Roscoe's Gang"), aber leider ging die Platte völlig unter. Da halfen nicht mal ausgezeichnete songs aus den Federn von Dan Baird (Ex-Georgia Satellites), Terry Anderson oder Greg Trooper. Es folgten Produzenten-Jobs für Freedy Johnston (einen hervorragenden Songwriter, von dem ich praktisch alles besitze), Blue Mountain, The Backsliders (total geniale Band!!), Go To Blazes (texanisch angehauchter Roots-Rock - toll!!!), Tammy Faye Starlite und Mary Lee's Corvette.

1996 dann der Ueberhammer: Eric Ambel gründet zusammen mit dem ehemaligen Satellites-Frontmann Dan Baird die Haudrauf-Kapelle "The Yayhoos", Bassist Keith Christopher und Drummer Terry Anderson sind auch dabei. Die Band veröffentlicht ein hervorragendes, staubig-trockenes Holzfäller-Rockalbum, betitelt "Fear Not The Obvious", das ebenso wie fast alle Vorgänger-Alben von Eric Ambel, bei uns leider praktisch überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird (Bloodshot Records, 2001). 1999 baut er mit "Cowboy Technical Services" sein eigenes Tonstudio und gelangt damit - sowie seinem Ruf als hervorragendem Produzenten - zu grossem Erfolg. Zu seiner aufnehmenden Klientel gehören etwa Ryan Adams, Robert Randolph & The Family Band, Steve Wynn, Marshall Crenshaw, Laura Cantrell, The Silos, The Damnwells und Martin's Folly. Im darauffolgenden Jahr tourt er mit der Band von Steve Earle ("The Dukes") und ist zu einem Grossteil verantwortlich für den Erfolg von Earle's Album "Jerusalem". Zu absoluten Produktions-Highlights von Eric Ambel zähle ich auch die Alben "Perfect City" von Florence Dore und das Klasse Rock-Album"The Knitter" von Cheri Knight. Diese beiden Ladies-Alben gehören eigentlich in jede Sammlung. Für mich gilt daher: Wo Eric "Roscoe" Ambel draufsteht, ist immer tolle Mucke drin! Denn überall, wo Eric "Roscoe" Ambel produziert, spielt er in der Regel auch Gitarre, komponiert und singt mit.

Meine persönlichen Eric Ambel-Empfehlungen, ausser der "Based On A True Story" mit den Del-Lords:

ERIC AMBEL & ROSCOE'S GANG - Loud And Lonesome (1994 Survival Records)
11 Songs, Anspieltipps: "Song for The Walls", "Way Outside", "Downtown At Midnight", "Autumn Rose"

THE YAYHOOS - Fear Not The Obvious (2001 Bloodshot Records)
12 Songs, Anspieltipps: "What Are We Waiting For", "Monkey With A Gun", "Bottle And A Bible", "For Crying Out Loud", "Oh Chicago!" und das Abba-Cover (!!!) "Dancing Queen".

Zwei empfehlenswerte Platten, die Eric Ambel produziert hat:

CHERI KNIGHT - The Knitter (1995 East Side Digital Records)
11 Songs, Anspieltipps: "The Knitter", "Monolith", "Wishing Well", "Very Last Time"

FLORENCE DORE - Perfect City (2002 Slew Foot Records)
10 Songs, Anspieltipps: "Easy World", "No Nashville", "Framed", "Postcard".




THE BEAU BRUMMELS - The Beau Brummels
(Warner Brothers Records BS 2842, 1975)

Nachdem die für meinen Geeschmack amerikanischste aller den Beatles angelehnten 3 Minuten Song-Bands zwischen 1965 und 1968 insgesamt 5 Langspielplatten und zahlreiche Singles, von denen einige sehr erfolgreich waren, veröffentlicht hatte, danach leider aber auseinanderfiel, war ich sehr überrascht, als es 1974 zu einer Reunion der Gruppe um den Songschreiber Ron Elliott kam. Noch überraschter war ich, als im folgenden Jahr auch eine Reunion-LP auf Warner Brothers erschien. Nicht einmal so sehr der Umstand, dass es eine der vielen, in den 60er Jahren erfolgreichen Bands, später noch einmal auf die Bühnen wagte, war das Besondere. Es war vielmehr die enorm hohe Qualität der Musik, mit der die Band nach sieben Jahren auf ihrem ersten Album seit 1968 überraschte. Eingeleitet von einem Remake eines ihrer Hits ("You Tell Me Why" von 1965), präsentierten die Jungs auf diesem aus heutiger Sicht leider viel zu kurz geratenen Album 10 absolute Songperlen, die in demselben melodieseligen Muster gestrickt waren, wie ihre in den 60er Jahren veröffentlichte Musik. Nun kam noch hinzu, dass das renommierte Produzenten-Team Lenny Waronker und Ted Templeman, das kurz zuvor das viel zu unterschätzte Album "Paradise & Lunch" von Ry Cooder hervorragend produziert hatte, diese Reunion-Platte der Beau Brummels ausgezeichnet und mit einer enorm klaren und druckvollen Einspielung in Szene gesetzt hatten. Natürlich hatten sich die qualitativen Möglichkeiten in den Tonstudios seit den 60er Jahren entscheidend weiterentwickelt, aber man konnte auch zu Mitte der 70er Jahre keine Hochglanz-Produkte veröffentlichen, wenn nicht schon die Songs an sich spitze sind. Die Technik diente damals wie heute lediglich dazu, perfekte Songs auch klanglich optimal aufzubereiten.

Die Beau Brummels wurden im Jahre 1964 in San Francisco als Antwort auf die sogenannte "Britische Invasion" gegründet. Damit war die Modewelle gemeint, die zu dieser Zeit massenhaft Beatbands aus Grossbritannien über den Atlantik in die USA schwappte. Gründungsmitglieder der Band waren der Songschreiber Ron Elliott und der Leadsänger Sal Valentino (eigentlich Salvatore Willard Spanpinato). Die erste Single der Beau Brummels erschien Ende 1964 bei der Plattenfirma Autumn Records und trug den Titel "Laugh Laugh". Produziert wurde die Single von Tom Donahue und Sylvester Stewart, der später als Sly Stone in die Musikgeschichte eingehen sollte. Der Song "Laugh Laugh" erreichte bei den Hot 100 von Billboard Platz 15 und war somit natürlich schon der perfekte Einstieg der Gruppe in den Musikmarkt. Die Rechnung, eine amerikanische Version der Beatles erfolgreich zu lancieren, schien bereits mit der erstne Singleveröffentlichung aufzugehen. Später wurde der Song in die Liste der 500 Songs, die den Rock & Roll am meisten geprägt haben, der "Rock & Roll Hall Of Fame" aufgenommen. Nach dieser Aufnahme musste der Gitarrist Declan Mulligan wegen arbeitsrechtlicher Schwierigkeiten die Gruppe verlassen und die Formation machte als Quartett weiter. Nach fünf Singles bei Autumn Records, mit denen es die Beau Brummels jeweils in die Hot 100 schafften, wechselte die Band 1966 zur Plattenfirma Warner Brothers, wo bis 1969 weitere sieben Singles produziert wurden. Von diesen Singles war der Titel "One Too Many Mornings" in den Charts am erfolgreichsten.

1966 zerfiel die Gruppe zum ersten Mal. In der Besetzung Elliott, Valentino und Meagher versuchten The Beau Brummels mit den beiden komplexeren, sich vom Beat-Format hörbar lösenden Alben "Triangle" (1967) und "Bradley's Barn" (1968) ein Comeback. Obwohl beide Platten sowohl bei den Kritikern, wie den Kennern der Szene gut aufgenommen wurden und auch heute noch als Referenzplatten gelten, blieben die Verkaufszahlen im Keller und die Band trennte sich erneut. Erst 1975 kamen die Beau Brummels, diesmal in Originalbesetzung noch einmal für das schlicht "The Beau Brummels" betitelte Reunion-Album zusammen. Aber das Dilemma wiederholte sich ein weiteres und diesmal leider letztes Mal: trotz wohlwollender Kritiken blieb der Erfolg aus. Die ganze aufwändige und perfekte Produktion, die wundervollen Songs und die hervorragende instrumentale Qualität nützte letztlich nichts. Das Album ging unter. Schuld daran könnte höchstens der Musikmarkt an sich gewesen sein. 1975 war nicht mehr viel Raum vorhanden für eine Band, die zwar noch vielen bekannt war aus den 60er Jahren. Aber inzwischen war in den USA eher die Disco-Welle erfolgreich, und bald darauf sollte der Punk noch die letzten, am Folkrock orientierten Beat- und Pop-Bands hinweg fegen.

Mit dem Reunion-Album "The Beau Brummels" bewies die Gruppe allerdings noch einmal eindrücklich ihre hohe Qualität. Ausser dem noch einmal eingespielten "You Tell Me Why" präsentierte Songschreiber Ron Elliott neun neue Songs, die zwar noch immer den Geist der seligen 60er Jahre in sich trugen, jedoch auch an damals aktuellen, besonders dem US-amerikanischen Folkrock entlehnten Elementen orientiert waren. Typischstes Merkmal auch dieser neuen Songs war, dass sie allesamt mitsingbar waren, sehr bemerkenswert eingängige Melodien präsentierten und hervorragend arrangiert waren. Ganz bestimmt hatten die ausführenden Produzenten Lenny Waronker und Ted Templeman entscheidenden Einfluass auf den finalen "Sound" der neuen Beau Brummels genommen, denn die Platte trug die typische Handschrift der beiden Klang-Perfektionisten, die es ausgezeichnet verstanden, Ron Elliott's an sich eher simplen Melodien eine gewisse Erhabenheit, einen hörbaren Glanz zu verleihen, indem sie die Songs einerseits sehr transparent arrangiert (weniger ist mehr!) und andererseits instrumental schon fast audiophil abgemischt hatten.

Highlights sind nebst dem bereits erwähnten herrlich flockigen und mitsingbaren "You Tell Me Why" auf die Songs "Wolf" mit einem vorwärts treibenden Westcoast-Rhythmus mit tollem Chor-Arrangement, das sehr leise, trist-traurige "Down On The Bottom", dem durch die hervorragende Gitarre des Gastmusikers Ronnie Montrose ein ganz spezieller Glanz verleiht wird, das countryeske "First In Line" und vor allem auch das recht melancholische "Goldrush". Der "Singing Cowboy" war kein Country-Song, sondern wiederum ein sehr schöner flockiger und folkrockiger Westcoast-Song mit viel Sonne und dem Feeling von Cabriofahren an der kalifornischen Küste, der schon fast das typische lockere Steely Dan Flair erreichte. Insgesamt auf jeden Fall ein absolut tolles Werk, das es verdient gehabt hätte, mehr Käufer zu finden. Allerdings darf man sagen, dass die Platte später doch noch von vielen Fans nachträglich entdeckt wurde, als es die Band allerdings schon längst nicht mehr gab. Die gab nämlich endgültig auf, nachdem sich auch dieses Reunion-Album nur schlecht verkaufte.

Ron Elliott verdingte sich später als Musiker bei Van Morrison, Randy Newman oder den Everly Brothers, bevor ihn eine Diabetes-Erkrankung zwang, seine musikalische Karriere weitestgehend zu beenden. Sal Valentino sang einige Jahre bei der Gruppe Stoneground, später in lokalen Bands und veröffentlichte erst im Jahre 2006 ein Solo-Album ("Come Out Tonight"), das ebenfalls nur wenige Käufer fand.











IAN MATTHEWS - Journeys From Gospel Oak 
(Mooncrest Records CREST 18, 1974)

Das Album "Journeys From Gospel Oak" war noch im selben Jahr, als Ian Matthews sich mit seiner neuen Band namens Plainsong zurückmeldete, eingespielt worden, sogar weitgehend mit denselben Musikern. Plainsong entpuppte sich als nicht sonderlich vielversprechend in kommerzieller Hinsicht, weshalb sich Ian Matthews schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Konzeptalbums "In Search Of Amelia Earhart" wieder seiner Solokarriere zuwandte, die er zuvor mit zwei Alben für das Vertigo Swirl Label begonnen hatte. Der Musiker war in dieser Zeit zwischen 1971 und 1974 enorm kreativ und spielte die unterschiedlichsten Alben sein, von denen das 72er Werk "Journeys From Gospel Oak" sein wohl romantischstes, mit Sicherheit aber bislang am meisten von der amerikanischen Countrymusik beeinflusste Album war. Dies machte sich vor allem in den für das Album ausgewählten Fremdkompositionen bemerkbar, beispielsweise im von Ex-Byrds Gene Clark geschriebenen "Polly", oder in "Things You Gave Me" und "Tribute To Hank Williams", beides Titel aus dem Repertoire von Tim Hardin, "Mobile Blues" aus der Feder von Mickey Newbury und "Met Her On A Plane" vom legendären amerikanischen Songwriter Jimmy Webb. Ausserdem berücksichtigte Matthews die Nummer "Bride 1945" von Paul Siebel, ein wundervolles und nur angenehm zurückhaltend instrumentiertes, das sehr fluffig klang, sowie das sehr bekannte Countrystück "Sing Me Back Home" des US-amerikanischen Country-Superstars Merle Haggard. Aus der Feder von Ian Matthews stammten hier lediglich zwei Songs, nämlich "Franklin Avenue" und das erste Stück der Platte mit dem Titel "Knowing The Game", das sehr jenen Songs ähnelte, die Matthews danach auch auf dem Plainsong Album präsentieren würde. Das Album "Journeys From Gospel Oak" erschien jedoch erst über ein Jahr später, als Ian Matthews nur noch die Vertragsbedingung einhielt, und die Platte nachschob, obwohl er bereits beim nächsten Plattenlabel unter Vertrag stand.

Ian Matthews wuchs in Scunthorpe auf, wo er bei den lokalen Bands The Classics und The Rebels seine ersten Erfahrungen als Musiker sammelte. Später zog er nach London, um sich 1966 der Surfband Pyramid anzuschliessen, die er jedoch bald wieder verliess. Nachdem Ashley Hutchings auf ihn aufmerksam geworden war, wurde er Mitte 1967 Mitglied von Fairport Convention und änderte nach Veröffentlichung des ersten Albums seinen bürgerlichen Nachnamen von MacDonald zu Matthews, um Verwechslungen mit dem King Crimson-Musiker Ian MacDonald zu vermeiden. Ian Matthews hiess mit bürgerlichem Namen eigentlich Iain Matthew MacDonald und erblickte am 16. Juni 1946 in der Grafschaft Lincolnshire das Licht der Welt. Doch auch bei Fairport Convention hielt es den Sänger und Gitarristen nicht lange. Während der Aufnahmen zum Fairport Convention Album "Unhalfbricking" im Frühjahr 1969 kehrte er der Band den Rücken. Noch im selben Jahr versammelte Matthews die Band Matthews Southern Comfort um sich, deren erste Single "Colorado Springs Eternal" im November 1969 veröffentlicht wurde. Die LP "Matthews Southern Comfort" erschien dann im Januar 1970. Musiker der Band waren Gordon Huntley (Pedal Steel-Gitarre), Carl Barnwell (Gitarre und Gesang), Mark Griffiths (Gitarre), Andy Leigh (Bass) und Ray Duffy (Schlagzeug). Matthews Southern Comfort nahmen im Jahre 1970 noch zwei weitere Alben auf: "Second Spring" und "Later That Same Year". Ausserdem brachte die Band am 31. Oktober 1970 eine Coverversion von Joni Mitchell's Song "Woodstock" auf Platz 1 der britischen Singles Charts. Trotz der Popularität der Band trennte sich Matthews im November des Jahres von ihr, indem er während eines Auftrittes kurzerhand die Bühne verliess. Die Band machte als Southern Comfort weiter und veröffentlichte in den Jahren 1971 und 1972 ohne Ian Matthews drei weitere Alben ("Frog City", "Southern Comfort" und "Stir Don't Shake").

Ebenfalls 1971 und 1972 erschienen zwei weitere Soloalben von Matthews auf Mercury Records: "If You Saw Thro' My Eyes" und "Tigers Will Survive". Anfang 1972 gründete er die Folkband Plainsong. Allerdings verpflichtete der Vertrag mit Mercury Records Matthews zur Aufnahme eines weiteren Soloalbums. So wurde innerhalb von nur fünf Tagen "Journeys From Gospel Oak" aufgenommen. Danach setzte sich Matthews mit Plainsong für Elektra Records ins Studio und nahm "In Search of Amelia Earhart" auf. Nur wenig später trennte sich Matthews auch von Plainsong wieder, da sich Elektra weigerte, das Folgealbum zu veröffentlichen. Matthews zog daraufhin nach Kalifornien und konnte Michael Nesmith als Produzenten für seine zwei nächsten Solowerke gewinnen. Die 1973er Produktion "Valley Hi" und "Some Days You Eat The Bear, Some Days The Bear Eats You" von 1974 erschienen beide auf Elektra Records, verkauften sich aber so schlecht, dass das Label Matthews fallen liess. Seinen nächsten Vertrag, als Folge dessen die sehr am amerikanischen Westcoast-Sound orientierten Alben "Go For Broke" (1976) und "Hit And Run" (1977) auf den Markt kamen, konnte er dann bei Columbia Records unterzeichnen. Doch auch dieser Vertrag hielt nicht lange, und Matthews startete eine Zusammenarbeit mit Produzent Sandy Roberton. 1978 erschien "Stealin’ Home" auf Roberton's eigenem Plattenlabel Rockburgh Records. Das Album wurde ein Erfolg und enthielt Matthews’ grössten Single Hit in den USA, "Shake It". Der Titel erreichte den respektablen Platz 13 in den Charts. Die Folge-Alben "Siamese Friends" von 1979 und "Spot Of Interference" von 1980 waren jedoch wieder so grosse Misserfolge, sodass Rockburgh Records schliesslich pleite ging.

Mit den letzten beiden Alben für Rockburgh Records kamen indes zwei Alben auf den Markt, die auch inhaltlich den Musiker Matthews enttäuscht gehabt haben, denn anders liesse sich sein folgendes Bandprojekt nicht erklären, das musikalisch auf einer ganz anderen Schiene lief. Zusammen mit dem Sänger David Surkamp von Pavlov's Dog gründete Ian Matthews die leider nur kurzlebige Gruppe Hi-Fi, deren Fokus auf zeittypischem, von der New Wave inspirierten Rock gelegt war. Die Band war richtig klasse und es ist sehr schade, dass das Projekt mangels Erfolg so schnell das Zeitliche segnete, dass davon nur eine Mini-LP und ein einziges reguläres Album ("Moods For Mallards") herausschaute.

In den Achziger und Neunziger Jahren brachte Ian Matthews enorm viele Platten heraus, und nicht alle waren super, aber immerhin folgten nun alle seine Scheiben einem bestimmten Stil, was wiederum Beständigkeit (und keineswegs je Langeweile) bedeutete. Heute ist meiner Meinung nach eine Ian Matthews Platte (oder Iain wie er sich heute aufgrund seiner irischen Wurzeln nennt) wenn nicht einen Kauf, so doch immerhin einen Hörtest wert. Denn eine richtig schlechte Platte hat er nie gemacht. Neueren Datums und äusserst empfehlenswert finde ich "Excerpts From Swine Lake", "A Tiniest Wham" und "Skeleton Keys". Wer sich den alten Klassikern widmen will, kommt aber an "Valley Hi", den vorgenannten Alben "Journeys From Gospel Oak" und "Some Days You Eat The Bear, Some Days The Bear Eats You" nicht vorbei. Von den beiden auf Vertigo Swirl veröffentlichten Platten "If You Saw Thro' My Eyes" und "Tigers Will Survive" ist ersteres gesamtheitlich betrachtet wohl eher empfehlenswert, da die "Tigers" Platt- zumindest einige mittelmässige Songs enthält, die nicht restlos zu überzeugen vermögen. Die meiner Meinung nach interessantesten und lohnenswertesten Alben von Ian/Iain Matthews sind aus meiner Sicht

Ian Matthews - Journeys From Gospel Oak
Ian Matthews - If You Saw Thro' My Eyes
Matthews Southern Comfort - Second Spring
Ian Matthews - Some Days You Eat The Bear And Some Days The Bear Eats You
Ian Matthews - Excerpts From Swine Lake
Hi-Fi - The Complete Recordings (mit David Surkamp)
Plainsong - In Search Of Amelia Earhart

Ganz persönlich gefällt mir die "Journeys From Gospel Oak" am besten. Sie vereint einige hochkarätige amerikanische Country- und Country-Folk Songs, die das Muster des Hobos, also des rastlosen Trampers illustrieren. Konzeptionell wunderschön, in der Ausführung absolut authentisch und mit einer erlesenen Auswahl hochkarätiger Musiker absolut zeitlos eingespielt, hat die Platte bis heute auch klanglich ohne jegliche Patina überdauert.












JOHNNY RIVERS - L.A. Reggae (United Artists Records UAS-5650, 1972)

Erst einmal zur Klärung: Hier wird keine Reggae Musik gespielt, auch wenn das der Plattentitel vielleicht suggerieren will. Auch zur landläufigen Meinung, Johnny Rivers wäre ein Rock'n'Roller gewesen, gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich würde eher meinen, dass es Johnny Rivers schon zu einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere verstanden hat, amerikanische Musik in ihrer Gesamtheit aufzusaugen und in seiner Musik einfliessen zu lassen. Wenn man sich heute sein Platten-Oeuvre näher betrachtet, dann findet man in seinem Schaffen vom Rhythm'n'Blues über Soul, Pop, Rock'n'Roll, Folk und Countrymusik bis zu Blues so ziemlich alles, was Amerika in den 60er und 70er Jahren an musikalischer Vielfalt präsentierte.

John Henry Ramistella, wie Johnny Rivers' gebürtiger Name lautet, kam 1942 in New York zur Welt, zog mit seinen Eltern aber schon früh nach Baton Rouge im amerikanischen Bundesstaat Louisiana, was seinen späteren Musikstil sicherlich mit beeinflusste, auch wenn er sich strengen stilistischen Vorgaben stets verweigerte und sich allen möglichen Richtungen gegenüber offen zeigte.

Nach mindestens zwei grossen Hits mit dem Popsong "Mountain Of Love" im Jahre 1964 und "Secret Agent Man" im Folgejahr wurde es im Laufe der Zeit eher ruhiger um ihn, obwohl er weiterhin exzellente Platten veröffentlichte, von denen auch immer wieder recht erfolgreiche Singles ausgekoppelt wurden. Der richtig grosse Hit kam dann erst 1972, als er das von Huey "Piano" Smith geschriebene Stück "Rockin' Pneumonia And The Boogie Woogie Flu" für sein Album "L.A. Reggae" einspielte, mit dieser Single weltweit erfolgreich war und insgesamt über eine Million Exemplare davon verkaufen konnte. Die Single erreichte Platz 6 der amerikanischen Billboard Charts. Auch das Album "L.A. Reggae" war sehr erfolgreich in Amerika.

Für das Album hatte Johnny Rivers sich eine komplett neue Band zusammengestellt, die fast ausschliesslich aus der damaligen Crème de la Crème der kalifornischen Sessionmusiker-Szene bestand. Top-Gitarrist Larry Carlton, Pianist Larry Knechtel, Bassist Joe Osborn und Schlagzeuger Jim Gordon bildeten die Basis Band bei den Aufnahmen. Das Team wurde ergänzt durch Beiträge von Michael Omartian, Jim Webb, Dean Parks, Bobbye Hall, Jim Horn, Chuck Finley, Jackie Kelso, Herb Pedersen und Michael Georgiades.

Wie es bei Johnny Rivers durchaus üblich war, hielt er sich mit eigenen Kompositionen auch bei diesem Album wiederum eher zurück und setzte stattdessen auch bei diesem Album weitgehend auf ausgewählte Coversongs, denen er seinen ganz eigenen, zumeist fröhlichen und herzlichen Stempel aufdrückte. Van Morrison sagte zum Beispiel, dass sein von Johnny Rivers gecovertes "Brown Eyed Girl" die schönste Version sei ausser seiner eigenen. Morrison hielt Rivers für den besten Musiker, der seine Songs nachspielte, weil er den Kompositionen einen neuen Glanz verpasste ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verwässern.

Rivers spielte hier auch Songs von Paul Simon ("Mother And Child Reunion"), J.J. Cale ("Crazy Mama"), Eddie Floyd ("Knock On Wood") sowie Chuck Berry ("Memphis Tennessee", das hier in "Memphis '72" umbenannt wurde) ein. Daneben hat er aber auch ganz wunderbare eigene Songs beigesteuert, wie zum Beispiel das soulig rockige "Stories To A Child" oder das recht patriotisch angehauchte "Come Home America".

Das originale Album, das 1972 erschien, enthielt insgesamt 12 hochkarätige Songs, wohingegen während der gesamten Studio Session eine Vielzahl an zusätzlichen Songs eingespielt wurde. Einige davon plus in einer weiteren Studio Session eingespielte Nummern fanden ihren Weg schliesslich auf das nur wenig später Anfang 1973 erschienene Album "Blue Suede Shoes", das nur noch Coversongs enthielt, genauso toll klang wie "L.A. Reggae", aber von der Plattenfirma United Artists leider zu wenig gut beworben wurde, was sich in wesentlich geringeren Verkaufszahlen niederschlug. Die an den Aufnahmen beteiligten Musiker und das hohe Niveau der Qualität der Songs waren aber identisch, und so kann man eigentlich beide Platten nur wärmstens empfehlen. Auf "Blue Suede Shoes" finden sich klasse Songs aus der Feder von Carl Perkins (das weltberühmte Titelstück, das Elvis zum Hit machte), den Coasters, Cliff Richard, den McCoys ("Hang On Sloopy"), Neil Diamond ("Solitary Man") oder die drei Bluesklassiker "Got My Mojo Working", "Turn On Your Lovelight" und "Willie And The Hand Jive".





May 25, 2021


STEVE GIBBONS BAND - Down In The Bunker (Polydor Records 2391 358, 1978)

Der englische Musiker Steve Gibbons wurde öfters mal als die britische Antwort auf Bob Seger bezeichnet. Mit seinem hemdsärmligen Rock der frühen Jahre, seinem Faible für kernigen und urwüchsigen Rock'n'Roll und weil er sich ausser als Musiker auch als Produzent und Songschreiber profilieren konnte, wuchs sein Bekanntheitsgrad sukzessive. Gibbons wurde am 13. Juli 1941 in Harborne, Birmingham geboren. Er trat mit zahlreichen Grössen der Branchen auf und wurde von den Kritikern stets hoch gelobt. Dennoch blieben ihm letztlich grössere Erfolge versagt. 1982 war er der erste westliche Rockmusiker, der in der ehemaligen DDR auftreten durfte. Ausserdem trat er 1979 auf dem Nürnberger Openair auf dem Zeppelinfeld im Vorprogramm von The Who auf. Der aus der Arbeiterklasse stammende bodenständige Gibbons absolvierte zuerst eine Klempnerlehre in Harborne, bevor er ab 1960 als Gitarrist und Sänger Mitglied von The Dominettes war, einer lokal bekannten Gruppe, die Rhythm and Blues-Standards spielte.

1963 benannten sich die Dominettes in The Uglys um. 1965 veröffentlichten diese bei Pye Records die Single "Wake Up My Mind", eine Eigenkomposition von Gibbons und seinen Bandkollegen Burnet und Holden. Weitere Singles folgten in der Zeit von 1965 bis 1967, darunter der Song "It’s Allright", mit dem die Gruppe auch in der Fernsehsendung 'Ready Steady Go!' auftreten konntet, sowie "End Of The Season", die Coverversion eines Songs von Ray Davies (The Kinks). Keine dieser Singles konnte sich indes in den Hitparaden platzieren. Die Besetzung der Uglys wechselte häufig. Einige Mitglieder, die die Gruppe verliessen, spielten später bei wesentlich bekannteren Bands mit. Dave Pegg etwa zog danach zur bekannten Folkrock-Gruppe Fairport Convention, Jimmy O’Neil wechselte zu The Mindbenders und Richard Tandy landete beim Electric Light Orchestra. 1968 formierte Steve Gibbons eine neue Gruppe namens Balls, zu der Trevor Burton (Gitarre), der Sänger und Gitarrist Denny Laine (früher Moody Blues, später Wings) und der frühere Schlagzeuger der Uglys, Keith Smart angehörten. 1971 verliess Gibbons, der inzwischen ein erstes Solo-Album aufgenommen hatte, die Band und schloss sich der Band The Idle Race an, aus welcher bald die Steve Gibbons Band entstehen wollte.

1975 übernahm Peter Meaden, der damalige Manager von The Who, das Management der Steve Gibbons Band. Infolge dessen veröffentlichte die Band im selben Jahr mit "Any Road Up" ein erstes Album für Polydor Records und ging 1976 als Vorgruppe mit The Who auf Tournee in Grossbritannien, Europa und den USA. Hierbei traten sie bei verschiedenen Gelegenheiten auch zusammen mit Little Feat, Lynyrd Skynyrd, Electric Light Orchestra, The J. Geils Band und Nils Lofgren auf. Das Nachfolgealbum "Rollin’ On" enthielt mit der klassischen Rock'n'Roll Nummer "Tulane" aus der Feder von Chuck Berry auch die meistverkaufte Single der Gruppe. Mit dem sehr amerikanisch klingenden Rockalbum "Down In The Bunker" gelang Steve Gibbons schliesslich sein wohl perfektestes Werk, das im weitesten Sinne urtypisch britischen Pubrock mit Elementen des klassichen amerikanischen Melody Rock verband und damit eine ebenso unterhaltsame wie zeitlose Platte präsentierte. Während Gibbons mit seinen Anfangsformationen, ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend auch psychedelischen Pop in einem ähnlichen Stil wie manche frühen Stücke von Status Quo (z. B. "Pictures of Matchstick Men") spielte, wechselte er später zu klassischem Rock'n'Roll, der insbesondere den Einfluss von Chuck Berry nicht verleugnen konnte, kombiniert mit gefühlvollen Balladen.

Das von Tony Visconti hervorragend produzierte Werk "Down In The Bunker" stellte 1979 so etwas wie den musikalischen Höhepunkt im bisherigen Schaffen des Steve Gibbons dar. So konsequent melodiebezogen und dem Kommerz geschuldet klang der Musiker bislang nicht. Ganz wichtig hierbei war die Tatsache, dass dieses Album sich dennoch nicht dem Geschmack des Massenpublikums anbiederte, das war auch nie Steve Gibbons Ambition. Er wollte stets der ehrliche Rock'n'Roll Musiker sein, was ihm hier auf diesem Album meisterlich gelang. Vor allem war es Tony Visconti zu verdanken, dass diese Produktion so herrlich opulent und warm ausfiel, ohne jedoch irgendwie überbordend oder gar overproduced zu wirken. Visconti verlieh den Songs ganz einfach einen grossen zusätzlichen Glanz, indem er etwa auf die bei Steve Gibbons' ohnehin gerne arrangierten mehrstimmigen Gesangsarrangements einen Hauptfokus legte und tolle Vokalinszenierungen erarbeitete. Ausserdem spielte Visconti auch als aktiver Musiker auf dem Album mit, etwa im grandiosen Titelstück "Down In The Bunker", wo er den Moog beisteuerte. Das Titelstück klang am Ende schon fast wie eine Nummer der erstren Dire Straits-LP, angereichert mit einer tollen Lap Steel Guitar, gespielt von Dave Carroll plus Visconti's fülligem Arrangement.

Bei anderen Songs wirkte Tony Visconti ebenfalls als fast schon stilbestimmender Musiker und Produzent mit, indem er beispielsweise für den Titel "Down In The City Street" zugunsten der Authentizität mit einem Rekorder raus auf die Strasse ging, um typische Stadtgeräusche aufzunehmen, mit welchen der Song danach angereichert wurde. Oder er verlieh der sanften und sehr gemütlich schunkelnden Countryrock-Nummer "Big JC" mit einem Electric Double Bass eine seidenweiche Tiefe. Neben Visconti war einer der auffälligsten Musiker auf der Platte auch der Saxophonist Nick Pentelow, der zuvor in Roy Wood's Band Wizzard gespielt hatte. Er steuerte nicht nur wundervolle Saxophon-Klänge bei, sondern wirkte in einigen Songs gar als klangbestimmender Instrumentalist, beispielsweise in "Chelita", der tieftraurigen Geschichte über ein gestrandetes Mädchen., das im Leben ganz unten angekommen war: "Oh Chelita, don't throw your life away, don't let the devil take you, find a new way". Wer ebenfalls schöne Akzente setzen konnte, war schliesslich der Bassist Trevor Burton, der auch akustische Gitarre spielte. Burton kam ebenfalls von Wizzard, war aber bereits bei Roy Wood's erster Band The Move mit dabei.

Zu den stärksten Songs des Albums zählten neben den bereits erwähnten sicherlich auch der groovige Opener "No Spitting On The Bus", der nachfolgende Quasi-Shuffle "Any Road Up", der Rock'n'Roll Song "Eddie Vortex" und in diesem Zusammenhang sicherlich auch "When You Get Outside". Besonders, wenn sich Gibbons einiger typischer Stilelemente der 50er Jahre bediente, klang er einfach unwiderstehlich, wie etwa eingebaute "Shoop-Shoop"-Chöre oder eine Twang Gitarre der Marke Duane Eddy. Ein Ueberraschungstrack war schliesslich auch die Nummer "Grace", für die Tony Visconti nicht nur selber Hand anlegte (er spielte hier ein Vibrapiano), sondern auch gleich noch das weltberühmte Londoner Symphonie Orchester aufbot, welches von David Katz dirigiert wurde. Trevor Burton spielte bei diesem Stück gar eine hervorragende elektrische Leadgitarre. Dieser Song geriet zum opulentesten Titel der ganzen Platte, war aber - auch das ganz sicher Tony Visconti's Verdienst - der einzige Song in so einem umfangreichen Arrangement-Kleid, was ihn umso mehr auf der Platte erstrahlen liess. Tony Visconti setzte Steve Gibbon's musikalische Ideen mit Sicherheit am ausgeklügeltsten um, "Down In The Bunker" wirkt als Ganzes sehr viel verspielter, sehr viel abwechslungsreicher und vor allem professioneller produziert als Gibbons' andere Alben.

In späteren Jahren verbreiterte Steve Gibbons bei seinen Liveauftritten seine musikalische Ausgangsbasis zunehmend. Neben Elementen des Blues und Rock ’n’ Roll fanden sich in seinen Interpretationen immer mehr auch Elemente aus Country, Rockabilly, Rhythm'n'Blues, Bebop oder Tex-Mex. Der Musiker baute in seine eigenen Songs häufig Zitate aus der Rockgeschichte ein, etwa von den Beatles, Jimi Hendrix oder auch nicht ganz stubenreine Zoten aus dem Punk. Ein besonderes Markenzeichen waren jedoch immer seine mit britischem Humor vorgetragenen Einleitungen und Erzählpartien während der Songs. Stimmlich kam Steve Gibbons einem Bob Dylan mitunter recht nahe. Er schnodderte sich teilweise durch seine Songs, dass man vielleicht nicht mehr wirklich von exzellentem Gesang sprechen konnte, aber in seinen manchmal im Erzählstil vorgetragenen Stücken wirkte er dadurch fast noch glaubwürdiger. Irgendwie machte seine Schnoddrigkeit ihn als Sänger auch fast schon aus, es gibt nicht sehr viele Sänger, die sich so sehr um anspruchsvolle Songtexte bemühen und sie dann mit einer gewissen phonetischen Nachlässigkeit fast schon unbekümmert herauslassen.

Viele seine Lieder erzählten, insoweit den Kinks nicht unähnlich, Geschichten aus dem Leben der britischen Working Class in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Häufige Themen waren darüber hinaus Motorräder, sowie die Musik und das Leben als Musiker grundsätzlich. Stefan Radlmaier, der Feuilleton-Chef der Nürnberger Nachrichten, charakterisierte den künstlerischen Stellenwert von Gibbons wie folgt: "Die Welt ist ungerecht. Wenn's anders wäre, hätte ein Mann wie Steve Gibbons längst einen Ehrenplatz in der Ruhmeshalle des Rock'n'Roll und würde in Riesenarenen auftreten".
Nach einigen Umbesetzungen seiner Band veröffentlichte Steve Gibbons 1981 das Album "Saints & Sinners" bei RCA Records. Im Anschluss daran tourte die Band als erste westliche Rockband durch die ehemalige DDR, was ihm wohl doch noch für alle Zeiten eine einzigartige Besonderheit zukommen lässt. die Steve Gibbons Band
war die erste englischsprachige Rockband, die durch die DDR touren durfte. In Berlin, Rostock, Weimar, Erfurt, Cottbus, Halle und anderen Orten bot sich stets dasselbe Bild: das Publikum strömte nicht nur in die Konzerte, sondern sie interessierte sich auch intensiv für die Beschallungsanlage der Band, die auf einem eigenen Truck mit durchs Land reiste. Ähnliches an Licht- und Soundsystemen hatte es in der DDR vorher noch nicht zu bestaunen gegeben. Für Steve Gibbons war die DDR-Tour eine "revelation on both sides", die er im nächsten Jahr gleich wiederholen durfte. Was machte gerade Gibbons zur ersten westlichen Rocklegende in der DDR ? Vielleicht waren es seine unprätentiösen und stellenweise humorvollen Kurzgeschichten im Rockformat, die immer dicht an der sozialen Realität blieben, eine spannende Mischung aus Bob Dylan und Dashiell Hammett.
Ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere war schliesslich 1986 der Auftritt beim Birmingham Heart Beat Charity Concert, bei dem auch George Harrison spielte.




WALTER EGAN - Hi-Fi (Columbia Records JC 35796, 1979)

In der langen und oftmals ebenso skurrilen wie tragischen Geschichte der Rockmusik stösst man immer wieder auf Figuren, die so originell wie erfolglos, so hoffnungsvoll wie enttäuscht, so engagiert wie frustriert waren. Eine dieser Figuren heisst Walter Egan. Der hatte in den späten 70er Jahren die Idee, für die in seinen Augen schönste Rockmusikerin der Welt, nämlich Fleetwood Mac's Stevie Nicks, einen Song zu schreiben. Dieser Song hiess "Magnet And Steel" und Egan's Idee war, dass seine Angebetete auf dem Stück auch singen möge. Also lud er die Musikerin ins Tonstudio ein, und siehe da: Stevie Nicks fand den Song gut und trällerte munter mit. Nach dieser Aufnahme ging Walter Egan verliebt wie ein Teenager und glücklich wie auf Wolke Sieben nach hause, wohlwissend, dass er das Privileg hatte, mit der schönsten Rock-Frau der Welt Musik gemacht zu haben. Und es kam, wie es kommen musste: Der Song wurde zu einem der grossen Hits in Amerika im Jahre 1978. Das Stück "Magnet And Steel" verkaufte sich nicht zuletzt dank der Mithilfe von Stevie Nicks ausgezeichnet und Walter Egan konnte seinen Plattenvertrag mit Columbia Records festigen. Egan datete Stevie Nicks später, als diese sich von Lindsey Buckingham getrennt hatte, doch ihre Affäre war von kurzer Dauer: Der Song "Magnet And Steel" war wesentlich nachhaltiger erfolgreich als die Liebschaft der beiden. Leider endete mit der Beziehung zu Stevie Nicks auch Egan's musikalischer Erfolg, trotz einiger weiterer hervorragender Alben, von denen ich persönlich das 1979 erschienene Werk "Hi-Fi" für das Beste halte - besser noch als die LP "Not Shy" von 1978 mit dem grossen Hit "Magnet And Steel".

Walter Egan kam in New York City zur Welt und lebte dort auch während seiner Kindheit. Nach der Schule absolvierte er ein Studium der Bildhauerei und erlangte den Bachelor Of Fine Arts an der Georgetown University in Washington D.C. als einer bereits in jungen Jahren sehr angesehenen Künstler der Gegend. Egan startete seine Karriere daher in der Kunst, konzentrierte sich dabei auf Kunstdrucke und das Malen, ausserdem begann er auch, sich für die Musik zu interessieren. Anfang 1969 begann er, semiprofessionell Gitarre zu spielen und Songs zu komponieren. Weil er seinen College-Abschluss noch nachholen wollte, ging er zurück auf's College und gründete dort mit College-Kumpeln seine erste Band, genannt Sageworth and Drums, auch bekannt als Sageworth. Die Gruppe entstand aus einer Gruppe von Leuten, die sich an den Wochenenden mit Parties organisieren und technischem Gerät zur Verfügung stellen ein kleines Zubrot verdienten. Die Gruppe erarbeitete sich innert relativ kurzer Zeit einen höchst professionellen Status, spielte auch als Headliner an Konzerten in und um Washington D.C. und wurden immer häufiger für Auftritte gebucht. Ausser Walter Egan an der Leadgitarre wpielten bei Sageworth auch Peter Barry Chowka als zweiter Gitarrist und Leadsänger, John Zambetti als weiterer Gitarrist und Background Sänger, Tom Guidera als Bassist und Background Sänger, sowie Matthew Sheppard als Schlagzeuger. Im Herbst 1971 zogen Sageworth nach Boston um und spielten dort während der nächsten zwei Jahre von dort aus im gesamten Nordwesten der USA, bevor sie sich 1973, ohne den erhofften Durchbruch erlangt haben zu können, trennten. Walter Egan zog danach um nach Los Angeles, wo er sich kurz darauf auf eine angestrebte Solokarriere konzentrierte.

1977 ergab es sich, dass Egan einen Plattenvertrag mit Columbia Records ergattern konnte, aufgrund der Begeisterung der Talentscouts für Demoaufnahmen, die Egan dem Label präsentiert hatte. Aufgrund der musikalischen Stilrichtung, die einen lockeren Westcoast-Poprock mit einer guten Portion Power Pop zeigte, wählte das Label den Fleetwood Mac Gitarristen Lindsey Buckingham, um das erste Album "Fundamental Roll" mitzuproduzieren, um den typischen sonnigen Poprock-Sound der damals äusserst erfolgreichen Fleetwood Mac einzufangen. Das Resultat war eine hervorragend produzierte LP, die jedoch noch nicht nennenswerten Erfolg brachte, bis zu dem bereits erwähnten Versuch, mit Stevie Nicks den Song "Magnet And Steel" aufzunehmen. Dieser Song katapultierte ihn nach ganz oben. Egan betätigte sich nebenbei auch als Songschreiber für andere Künstler, zum Beispiel den Titel "Hearts On Fire", den Gram Parsons auf seinem Album "Grievous Angel" präsentierte, oder auch "Hot Summer Nights", das zum ersten Hit der Band Night avancierte, auf welchem so bekannte Sessionmusiker wie Nicky Hopkins oder Robbie McIntosh mitspielten. Egan selbst konnte neben dem grossen Hit "Magnet And Steel" auch mit seiner eigenen Version von "Hot Summer Nights" einen kleineren Erfolg feiern, ebenso wie mit den Singles "Only "he Lucky" und "Fool Moon Fire". Ein weiterer grosser Hit gelang ihm aber nicht mehr.

Sein drittes Album "Hi-Fi" spielte Walter Egan mit seiner eingespielten Begleitband The Professional Band" ein. Diese bestand aus dem Bassisten John Selk, dem Schlagzeuger Mike Huey, dem zweiten Gitarristen Monte X Moncrieff, dem Keyboarder Skip Edwards und Walter Egan als Leadgitarrist und Sänger. Die Basing Tracks der neuen Platte wurden am 15. November 1978 aufgenommen, und zwar in Stevie Nicks' inzwischen leergeräumtem alten spanischen Haus am El Contento Drive in Los Angeles. Die Musiker nwohnte dort, zog dann um und überliess das riesige Haus dem Musiker als Jam-Room, bis es verkauft werden sollte. Die endgültigen Aufnahmen der Songs zogen sich immer wieder hinaus, dies, weil Egan immer wieder auf Tournee gehen musste, auch nach Europa. Ende Januar 1979 beispielsweise spielte er mehrere Konzerte in England und den Niederlanden, sodass die neue Platte erst im Juni 1979 erscheinen konnte. Die Platte wurde ein Opfer seiner Zeit: Power Pop der Extraklasse war inzwischen nicht mehr stark gefragt, und der grösste Fan der Musik von Walter Egan, der bei Columbia Records für den Künstler verantwortliche Manager Don Ellis, wechselte seinen Arbeitgeber, ging zu RCA Records und wurde durch einen Marketing-Angestellten namens Jack Crago ersetzt. Dessen erste Frage war dann: "Wo sind Stevie Nicks und Lindsey Buckingham ?". Der neue Betreuer ging wohl davon aus, dass es das Fleetwood-Doppelgespann schon richten würde mit dem Erfolg und er nicht viel dafür arbeiten müsste. Egan reagierte mit Verärgerung darauf. Schliesslich war er es, der bei Columbia Records den Plattenvertrag erhalten hatte, nicht dank irgendwelcher Beziehungen zu prominenten Musikern. Auch war er Alleinverantwortlicher für die ganzen Aufnahmen der neuen Platte "Hi-Fi".

Als Single wurde zunächst "You're The One" ausgewählt, der Song mit der in Egan's Augen prägnantesten Hookline zum mitsingen. Der Titel kam auch in die Charts, war aber weit vom Erfolg der Single "Magnet And Steel" entfernt. Egan ging nach der Veröffentlichung des Albums auf US-Tournee und war letztlich enttäuscht über die teils geringe Nachfrage nach Tickets in den Vorverkaufsstellen. Er war auch zunehmends frustriert über die mangelnde Promotionsarbeit von Columbia Records durch ein offensichtlich überfordertes Team aus der zweiten Reihe, das seiner Meinung nach viel zu wenig tat, um das Album zu pushen. Da ist bestimmt ziemlich viel Wahrheit dahinter, denn das Album sprüht vor tollen Songs. "Hi-Fi" ist bestimmt das ausgewogenste Album von Walter Egan - die sonnigen Poprock-Songs und die catchy Power Pop-Titel klingen allesamt hochkarätig. Die Kompositionen sind hervorragend und die Arrangements punktgenau und wohldurchdacht. Egan zeigte sich besonders mit den ersten drei Songs von seiner perfekten Songschreiber-Seite. Der Rocker "I Can't Wait", das nachfolgende "That's That" und die dritte Nummer "Little Miss It's You" gehen sofort in den Kopf und ins Herz und bleiben dort fest verankert. Das Titelstück "Hifi Love" beendet die LP A-Seite mit einer Melodie, die genauso in der Erinnerung hängen bleibt wie praktisch alle Songs der B-Seite des Werks. Dass er die ausgewählte Single "You're The One" erst als zweitletztes Stück der Platte insgesamt präsentiert, spricht dafür Bände. Selbst noch der letzte der zwölf Songs, "Bad News T.F." zeigt Egan's gesamtes Talent: Perfektes Songwriting, hervorragendes Arrangement und eine taffe und kompetente musikalische Umsetzung.

Walter Egan landete später bei Polydor Records, veröffentlichte weiter gute Alben und tourte kurzzeitig auch mal als Live-Mitglied der Gruppe Spirit. In jüngeren Jahren hat er beispielsweise Eminem's Hit-Single "We Made You" mitkomponiert. Der Produzent Dr. Dre sagte, der Song wäre von der Basslinie des Egan-Stücks "Hot Summer Nights" inspieiert gewesen und hätte deshalb Samples dieses Stücks von Walter Egan verwendet. Walter Egan ist der Musik treu geblieben, tritt immer noch regelmässig auf und hat 2014 das Werk "Myth America" veröffentlicht, auf welchem sich der Musiker teils sehr melancholisch gibt, etwa in Songs wie "Faith Comes Crashin' Down", "What Lurks Inside A Heart", "Nothing Can Save Us Now" oder "Can't Cry No More". Walter Egan's Platte "Hi-Fi" gehört zu den grossen vergessenen Alben aus einer Zeit, als es in der Musik zu grossen Umbrüchen kam. Das ist sehr schade, denn mit Walter Egan hatte die Poprock-Welt einen grossartigen Songschreiber, der hier zwölf seiner schönsten Kompositionen präsentierte, die so zeitlos geblieben sind, dass man sie sich heute noch mit viel Genuss anhören kann.






NEON ROSE - Two (Vertigo Records 6316 251, 1974)

Die Geschichte der schwedischen Hard Rock Gruppe Neon Rose beginnt im Jahre 1972, als Sänger Roger Holegard, Gitarrist Piero Mengarelli, dessen Bruder Benno am Bass und Schlagzeuger Kenneth Dahlgren den Probenraum des schwedischen Top 40 Sängers Carl-Erik Thörn zum jammen benutzen dürfen. Die Band nennt sich zu diesem Zeitpunkt SPIDER und rockt mit grosser Leidenschaft den Musikstil, den die gerade angesagten Bands DEEP PURPLE, BLACK SABBATH und LED ZEPPELIN spielen. Trotzdem versuchen die Musiker hier bereits, einen möglichst eigenständigen Sound zu entwickeln, verbinden dazu beispielsweise waghalsige Rock-Riffs mit eher melancholischen Grundstrukturen und ihr Grundtenor lautet dabei: Sobald einer ihrer Songs zu sehr wie ein Titel einer bekannten Rock Band klingt, wird er sofort über Bord geworfen. Nach und nach entwickelt die Band so einen eigenen Stil, der noch zusätzlich an Qualität gewinnt, als im Frühjahr 1973 der Keyboarder Kenneth Grafström zur Truppe stösst, nachdem die Bandmitglieder diesen an einer Fete Klavier spielen gehört haben und total begeistert waren.

Durch den Einzug eines Keyboarders veränderte sich die Musik der Gruppe noch einmal dramatisch. Dieses hochmelodische neue Instrumentarium liess den Rock-Anteil in SPIDERS' Musik markant schrumpfen, weshalb in der Folge der Schlagzeuger Kenneth Dahlgren die Band verliess. Stanley Larsson ersetzte den Ausgeschiedenen und der spielte weniger tough als Dahlgren, dafür mit wesentlich mehr Finesse, imho verspielter und perkussiver. Zu diesem Zeitpunkt entschliesst sich die Band, ihren Namen in Neon Rose umzuändern. Auf diesen Namen kommt die Band, weil sie zwei Gegensätze miteinander kombinieren möchte, so wie das zum Beispiel auch Iron Butterfly gemacht haben. Das "Neon" verkörpert dabei das Grelle und Grosse, die geheimnisvolle, dunkle und kalte Stadt und die "Rose" repräsentiert alles Schöne und Anmutige, die Eleganz. Mit der neuen musikalischen Ausrichtung und dem Hang zu opulenten Arrangements, vor allem durch die Keyboards einerseits und dem noch immer präsenten knackigen und harten Rock andererseits begibt sich die Gruppe voller Enthusiasmus auf Achse. Viele Konzerte später wird ein Talent-Scout von CBS Records auf die Band aufmerksam, verspricht ihr Aufnahmen und lukrative Verträge, aber am Ende passiert nichts. Zu allem Uebel verlässt nach dieser enttäuschenden Erfahrung auch noch der stilmitbestimmende Keyboarder Kenneth Grafström die Band, just in der Zeit, als die Band eigentlich schon ihren typischen Sound gefunden hat.

Erst einige Zeit später zeigt nunmehr Polygram Interesse an der Band und jetzt klappt es auch mit den Aufnahmen und der Veröffentlichung der ersten LP mit dem Titel "A Dream Of Glory And Pride". Die Single "Sensation" erscheint vorab in Schweden in einer minimalen Auflage von gerade einmal 500 Exemplaren, weshalb diese auch kein grösseres Airplay auslösen kann. Die B-Seite der Single ist ein Cover von Eddie Cochran's "C'mon Everybody", das bei der Band schon seit langer Zeit zum Live-Repertoire gehört. Weil der Keyboarder weg ist, fragt die Band ihren Roadie, der in jeder freien Minute irgendwo in einer Ecke Gitarre spielt, ob er nicht als zusätzliches festes Bandmitglied einsteigen wolle. Der sagt natürlich sofort zu, und mit nunmehr zwei Gitarristen wird der Sound der Band natürlich wieder härter. Die Aufnahmen zum ersten Album im Oktober 1973 finden noch ohne den Neuen statt, jedoch spielt er dann bereits live mit, als die Band ihre erste LP an Konzerten präsentiert.

Im September 1974 beginnen die Aufnahmen zum zweiten Album, schlicht "Two" genannt. Insgesamt werden 7 Songs im Ljudkopia Studio in Stockholm auf einer nagelneuen 16 Spur-Maschine eingespielt. Schon einen Monat später erscheint die Platte, klingt wesentlich straighter als der Erstling und profitiert davon, dass die Stücke fast live im Studio innert kürzester Zeit eingespielt worden sind. Die Band spielt fast alle Songs bereits seit längerer Zeit auch an Konzerten, weshalb viel Zeit fürs Komponieren und Arrangieren entfallen. Auf "Two" finden sich klassische Hard Rock Titel wie "Waiting For The Train" und "False Star", ebenso leicht balladeske Rocktitel wie "Thoughts" oder das überlange "My Lady". Die beiden Paradestücke sind aber das fast 10 Minuten lange "Bloody Welfare" und der Rock'n'Roll-Opener "I'm An Entertainer".

Nun wären die Weichen eigentlich gestellt gewesen, die Zeichen auf Durchstarten gesetzt. Leider aber kam es ganz anders. Durch den Umstand, dass alle Bandmitglieder im selben Haus unter einem Dach in einer Art Rock-Kommune lebten und sich auch gegenseitig die Freundinnen ausspannten, gab es immer wieder persönliche Dispute, vor allem zwischen dem Sänger Roger Holegard und dem Gitarristen und Bandleader Piero Mengarelli, die eines Tages leider darin gipfelten, dass Sänger Roger und der Schlagzeuger Stanley Larsson die Band abrupt verliessen. Da sich Neon Rose gegenüber ihrer Plattenfirma Vertigo Schweden jedoch noch in vertraglicher Verpflichtung befanden, lenkte Sänger Roger Holegard ein und die Band spielte im Frühjahr 1975 in einem Tonstudio in Solna (Schweden) ihr finales Album "Reload" mit dem neuen Schlagzeuger Thomas Wiklund ein. Eine finale Single "A Man's Not A Man" ging leider ebenso unter wie im Grunde genommen alles, was diese hervorragende Rock Band gemacht hat, die eigentlich alles besass, um weitaus besser ins Geschäft zu kommen: Sie waren kompetente Musiker, hatten tolle Songs und eine grosse Plattenfirma im Rücken. Zwischenmenschliche Probleme durch das gemeinsame Zusammenleben jedoch führte zum Scheitern der Band.





M CLAN - Sin Enchufe (3 Cipreses / DRO Records 8573869032, 2001)

'Es un buen momento'...es ist eine gute Zeit. Carlos Tarque, Sänger der spanischen Band M Clan, gebürtiger Chilene, singt es auf diesem am 23. November 2000 aufgezeichneten Konzert im gleichnamigen Stück und bringt damit die Stimmung des gesamten Anlasses perfekt auf den Punkt. Tarque verfügt über eine warme Reibeisenstimme, jener von Rod Stewart nicht unähnlich, und hat ein Faible für Musik im Stile von AC/DC, Led Zeppelin, den Georgia Satellites, Deep Purple oder Status Quo - fühlt sich also im klassischen Rock zuhause, welche auch die Roots der Musik von M Clan bilden. Auf den ersten drei Studioalben zelebrierten sie bereits eine hervorragende Mixtur aus klassischem Rock, gewürzt mit typisch spanischen Folklore-Elementen, was besonders in den Stücken mit akustischer Gitarre stets durchschimmerte. Die Fan-Gemeinde wuchs rasch und M Clan waren äusserst erfolgreich sowohl mit eigenen Stücken, die auch immer in die spanischen Charts gelangten, aber auch mit Fremdkompositionen, denen die Gruppe jeweils einen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken vermochte, nachzuhören etwa bei "Llamando A La Tierra" vom Album "Usar Y Tirar" aus dem Jahre 1999, welches eine Adaption des Songs "Serenade" der Steve Miller Band ist und das die Band sowohl spanisch, wie auch original in englisch aufgenommen und veröffentlicht hat. Oder die hier auf der "Sin Enchufe" vertretenen unplugged-Varianten "Maggie Despierta" (Rod Stewart's "Maggie May") und "Todo Negro" (Rolling Stones' "Paint It Black").

Die Band M Clan wurde im März 1993 in Murcia (Spanien) von Carlos Tarque, dem Gitarristen Santiago Campillo, dem Bassisten Pascual Saura und dem Schlagzeuger Juan Antonio Otero gegründet. Etwas später kam dann noch der Gitarrist Ricardo Ruipérez hinzu, und bis heute sind Sänger Tarque und Gitarrist Ruipérez die einzigen beiden Konstanten in der Band. Mit enormen Vorschusslorbeeren ausgestattet, ermöglichte die Plattenfirma DRO den Musikern, die Aufnahmen zu ihrem ersten Album "Es Un Buen Momento" in Memphis, Tennessee einzuspielen. Das Ergebnis war genauso, wie es sich alle Beteiligten erhofft hatten: Ein hervorragendes Rock-Album mit hörbaren Reminiszenzen an den amerikanischen Rock'n'Roll, gewürzt mit typisch spanischen Flamenco-Elementen und zahlreichen Folkrock-Arrangements. 1995 erschienen, bescherte es der Band gleich drei erfolgreiche Singles-Auskopplungen: "En mis Manos", "Perdido en la Ciudad" und "Donde el Río Hierve". Zwei Jahre später nahmen M Clan ihr zweites Album "Coliseum" in Kanada auf, und die Platte klang über weite Strecken gestraffter, kann durchaus als Hard Rock Album bezeichnet werden. Nach der dritten Studio-Veröffentlichung "Usar Y Tirar" 1999 mit den Singles-Hits "Llamando A La Tierra" und "Quédate A Dormir" spielte die Gruppe im November 2000 diesen unplugged-Abend im Studio El Alamo in Madrid, der live aufgezeichnet und sowohl als CD, als auch auf DVD veröffentlicht wurde und zum grössten Erfolg der Band avancierte.

Betitelt "Sin Enchufe" (ohne Stecker), spielte die hier siebenköpfige Band mit insgesamt 10 weiteren Musikern (inklusive Chor und Bläser-Satz) 17 prächtig arrangierte Stücke, von denen etliche zuvor nicht auf irgendwelchen Tonträgern in Studio-Versionen zu hören waren. So zum Beispiel der Opener "Carolina", der sich als grosser Hit entpuppte, als Live-Single auch veröffentlicht wurde und bis heute das bekannteste Stück der Band geblieben ist. Gitarrist Santiago Campillo spielt auf allen Stücken hervorragend akustische Gitarre und alle Songs des Abends erhalten in diesen ungestöpselten Versionen eine viel stärkere spanische Note als die jeweiligen Originale. Rod Stewart's "Maggie May" ("Maggie Despierta") sticht dabei besonders hervor. Die Gruppe spielt dann an dem Abend auch immer wieder perfekt gestylten Rhythm'n'Blues, der vor allem geprägt ist von den beherzten Bläsern und mit "Usar Y Tirar" ihren musikalischen den Höhepunkt bietet.

Dazwischen gibt es dank der Instrumentierung, die immer mal wieder wechselt, auch mal französisches Flair zu hören, etwa wenn das Akkordeon als tragendes Instrument eingesetzt wird. Folkrock der Marke The Waterboys ist ebenfalls zu hören und insgesamt gerät der die Jahre zuvor gespielte härtere Rock hier zusehends in den Hintergrund, was natürlich auch der akustischen Grundausrichtung geschuldet ist. Man hört den Songs ihren ursprünglichen Charakter nicht an, sie funktionieren aber genauso toll in ihren steckerlosen Versionen. Musikalische Highlights sind neben "Carolina" besonders auch die erstmalig an diesem Konzert gespielten Titel "Souvenir", "Los Periódicos de Mañana", "Qué está pasando", "Sin equipaje", "El Tren que nunca cogimos" und vor allem auch das Rolling Stones-Cover "Todo Negro" ("Paint It Black").

Das Album wurde von Alejo Stivel produziert, einem der erfolgreichsten und bekanntesten Produzenten im spanischsprachigen Raum, der auch selber singt und Platten veröffentlicht, als Produzent jedoch auch für Projekte von Carlos Nunez, Rubia oder Airbag verantwortlich zeichnete. Für M Clan wurde er zum sogenannten Hausproduzenten. Er hat einige ihrer Platten produziert, zuletzt den Studio-Nachfolger dieses unplugged-Albums im Jahre 2004 mit dem Titel "Sopa Fria" (kalte Suppe).

"Sin Enchufe" ist eines der ganz wenigen unplugged Alben, die ich wirklich von A bis Z toll finde. Es gibt hier keine Durchhänger zu hören und vor allem auch keine müden Variationen irgendwelcher Rocksongs, welche auf zahlreichen anderen solchen Platten ja doch leider sehr oft geboten werden. Die Songs der Band um Carlos Tarque und Ricardo Ruipérez überzeugen durch ihre hohe kompositorische Qualität, ihre Arrangement-Finessen und letztlich einfach dadurch, dass sie schlicht kompetent und packend gespielt sind.





May 15, 2021


TEXAS TORNADOS - 4 Aces (Reprise Records 9 46197-2, 1996)

Mit der Verschmelzung von Country, Rock, Blues and Tejano Einflüssen avancierten die Texas Tornados zu einer Art Supergroup des Tex-Mex und/oder Roots Rock. Mit den legendären Musikern Doug Sahm (Sir Douglas Quintet), Freddy Fender als perfekter Tejano Crooner, dem Vox Orgel-Spieler Augie Meyers und dem The King of Conjunto höchstselbst, Flaco Jiménez, waren die Weichen für ein fantastisches Line-Up gestellt. Man durfte zwar durchaus mutmassen, dass die Karrieren aller an diesem gemeinsamen Band-Projekt beteiligten Musiker vielleicht einen neuen Schub brauchten, doch waren alle vier Musiker auch als Solokünstler nachwievor sehr gut im Geschäft, sodass man letztlich auch die Texas Tornados als reines 'Spass an der Freud'-Ding betrachten konnte. Was zu dem Zeitpunkt der Gründung nicht unbedingt zu erwarten war: Die Band hatte wirklich Erfolg. Sogar noch mehr ausserhalb der Vereinigten Staaten, zum Beispiel in Europa und ganz speziell auch in Deutschland, wo sich ihre Platten ausgezeichnet verkaufen konnten.

Die Texas Tornados entstanden im Jahre 1989 aus der Idee, im Zuge des Erfolgs der Traveling Wilburys eine ähnliche Supergroup im Tex Mex-Stil zu gründen. Sowohl Doug Sahm und Augie Meyers vom Sir Douglas Quintet als auch der legendäre Country-Sänger Freddy Fender und die Akkordeon-Legende Flaco Jiménez konnten zum Zeitpunkt der Bandgründung auf jahrzehntelang Karrieren zurückblicken. Folglich konnten die Texas Tornados auf ein breites Repertoire an Hits aus Rock, Blues, Country und Conjunto zurückgreifen. Ihr erster Auftritt fand noch unter dem Namen 'Tex-Mex Revue' statt. Auf der Bühne und im Studio wurden die Texas Tornados von Musikern aus dem Umfeld von Doug Sahm begleitet. Meist waren Louis Ortega (Gitarre), Speedy Sparks (Bass), Ernie Durawa (Schlagzeug) und Oscar Tellez (Bajo Sexto) mit von der Partie. Gelegentlich kamen auch die West Side Horns um den Saxophonisten Rocky Morales dazu. Die Texas Tornados sangen ihre Songs in Englisch und Spanisch und wechselten die Sprache oft innerhalb eines Songs. Ihr Debüt-Album erschien für den spanischsprachigen Markt auch als rein Spanisch gesungene Ausgabe.

Der musikalisch-biographische Background der vier Cracks war beeindruckend: Freddy Fender genoss weltweiten Erfolg, insbesondere in den 60er und 70er Jahren und er konnte uach weltweite Hits verbuchen, wie etwa die Titel "Before the Next Teardrop Falls" und "Wasted Days And Wasted Nights". Flaco Jiménez spielte mit den Grössten der Popgeschichte, so unter anderem mit dne Rolling Stones und dem Country-Star Dwight Yoakam. Er gilt ausserdem als der Vater der Conjunto Music. Flaco spielt das sogenannte Conjunto Akkordeon. Augie Meyers teilte die Bühne unter anderem mit der Allman Brothers Band und Bob Dylan, nebst zahllosen weiteren Top Acts. Er ist auch ein Mitglied der Texas Music Hall of Fame. Doug Sahm und Augie Meyers waren die führenden beiden Köpfe des in den 60er Jahren weltweit populären Sir Douglas Quintets, das mit Hits wie "She's About A Mover", "Mendocino", "Nuevo Laredo" oder "Dynamite Woman" in vielen Ländern Top-Platzierungen in den Hitparaden feiern konnte. Dabei war Augie Meyer's Vox-Orgel mit ihrem typischen Sound das Markenzeichen des Sir Douglas Quintet. Doug Sahm, Augie Meyers und Flaco Jiménez stammten alle ursprünglich aus der Region um San Antonio.

Das Debutalbum "Texas Tornados", im Jahre 1990 erschienen, kam als englische und als spanische Variante auf den Markt (Spanische Version "Los Texas Tornados"). Die Band gab schon nach dem beachtenswerten Erfolg des ersten Albums weltweit Konzerte, darunter waren etwa eine persönliche Einladung von Bill Clinton zu dessen präsidialer Vereidigung oder auch ein Auftritt am Montreux Jazz Festival. Für den Song "Soy De San Luis", eine Komposition von Santiago Jimenez Sr., dem Vater von Flaco Jimenez, aus ihrem Debütalbum, wurden die Texas Tornados mit dem Grammy in der Kategorie Best Mexican-American Performance ausgezeichnet. Weitere Nominierungen folgten für die Alben "Zone Of Our Own" (1991) und "Hangin’ On By A Thread" (1993) und auch für den Song "A Little Bit Is Better Than Nada" (1997), der auch als Titelsong der Filmkomödie 'Tin Cup' mit Kevin Costner verwendet wurde.

Obwohl durch die Zusammenarbeit auch die Solo-Karrieren der beteiligten Musiker neuen Auftrieb bekamen, trennten sich die Texas Tornados 1993, weil der erhoffte grosse kommerzielle Erfolg ausblieb. 1996 kamen sie allerdings wieder zusammen und nahmen mit "Four Aces" ein weiteres Studioalbum auf. Diesmal rückte der Gesang von Freddy Fender ins Zentrum. 1999 folgte mit "Live From The Limo Vol. 1" auch ein erstes Konzertdokument. Zu einem zweiten Teil kam es allerdings nicht mehr, denn der frühe Tod von Doug Sahm im November 1999 beendete das Kapitel Texas Tornados vorzeitig. Ein letzter gemeinsamer Song erschien im Jahre 2000 im Rahmen des Soundtracks zum Film 'Price of Glory', eine spanische Version des Johnny Cash-Hits "Ring Of Fire", gesungen von Freddy Fender.

2005 veröffentlichte das Label New West Records in seiner Reihe mit Archivaufnahmen aus der TV-Sendung Austin City Limits unter dem Titel "Live From Austin, Texas" einen Konzertmitschnitt der Texas Tornados aus dem Jahr 1990 auf CD und DVD. Im November 2005 waren die übrig gebliebenen Texas Tornados Fender, Meyers und Jimenez noch einmal gemeinsam im Studio, um zwölf neue Titel einzuspielen. Das geplante Comeback-Album wurde aber wegen Freddy Fenders schlechtem Gesundheitszustand nicht mehr veröffentlicht. Freddy Fender starb im Oktober 2006 an Lungenkrebs. Im April 2010 veröffentlichten die verbliebenen Bandmitglieder Augie Meyers und Flaco Jiménez zusammen mit Sahms Sohn Shawn das Album "Esta Bueno!". Es enthielt einige der letzten Aufnahmen Freddy Fenders. Der Titelsong handelte von den Folgen des übermässigen Verzehrs von Jalapeños.





ULURU - Imaginary Sun (Tonzonen Records TON 018, 2016)

Der Uluru, hierzulande vor allem als Ayers Rock bekannt, ist ein Inselberg in der zentralaustralischen Wüste, der sich 350 m über sein Umland erhebt. Aufgrund seiner spirituellen Relevanz für die Traumzeit-Erzählungen gilt er den lokalen Aborigines, den Anangu, als Heiliger Berg. Der einheimische Name Uluru wurde bis in die 90er Jahre ausschliesslich von Aborigines verwendet. Um den Uluru ranken sich Legenden der australischen Ureinwohner, die Begebenheiten der Traumzeit erzählen und dadurch einige vorhandene Unregelmässigkeiten im Aussehen der Felsen zu erklären versuchen, die für sie heilig sind. So beschreibt der Uluru-Mythos die Entstehungsgeschichte der Landschaft: Auf der Sonnenseite des Uluru wohnten die Mala, die Hasenkänguru-Menschen, und auf der Schattenseite die Kunia, die Teppichschlangen-Menschen, in Harmonie und Frieden. Die entfernten Windulka luden die Mala zu einer Initiation ein, doch die Mala sagten ab, da sie selbst Initiationen durchführen wollten und die Kunia nahmen gerne an und verliebten sich auf ihrer Anreise in die Sleepy Lizard-Women (blauzüngige Tannenzapfenechse) und reisten nicht weiter. Daraufhin wurden sie durch einen Kulpunya bestraft, einen Hund mit riesigen Zähnen und ohne Haare, der bösartiger als ein Krokodil war, aber auch die Mala wurden durch die Liru, die Giftschlangen-Menschen und weitere Kämpfer bestraft.

In der fürchterlichen Schlacht mit Toten, Schwerverletzten und Feuer bebte die Erde und der Uluru hob sich aus der damals ebenen Erde hervor und damit wurde der Geist der Mala und Kunia zu Stein; die Spuren und die Geschichte des Kampfes können die Anangu am Uluru ablesen und erzählen. Es gibt mehrere beeindruckende Felszeichnungen in mehreren Höhlen am Uluru, die diese und andere Legenden erzählen. Sie wurden im Laufe der Jahrtausende viele Male immer wieder durch Übermalen erneuert. Was würde nun näher liegen, als eine Band aus Australien, möglicherweise sogar aus Aboriginies, die isch hinter dem mystischen Namen Uluru verbergen könnte ? Weit gefehlt: Das Kosmonauten-Trio Uluru stammt aus Istanbul und vereint einen psycho-spaceigen Trip zwischen Doom und Stoner Rock. Das Album "Imaginary Sun" überzeugt durch den improvisierten Klangcharakter mit fünf harmonisch aufeinander abgestimmten Songs. Vielschichtig und stets treibend jammen die Tracks aus den Lautsprechern, glänzen mit Momenten purer Intensität. Dazu wird alles miteinander verwoben und die Chemie zwischen den Musikern stimmt. Im Sound herrschen elektrische Verzerrungen in der Nähe zu den Stoner Rock Vertretern Earthless vor.

Uluru bestehen aus dem Gitarristen
Ege Çaldemir, dem Bassisten Ogulcan Ertürk und dem Schlagzeuger Ümit Büyükyüksel. Bereits der Opener "Uluru" klingt wie eine schwere psychedelische Reise zwischen traumhafter Atmosphäre und tiefgestimmter Gitarre, die eine klangliche Illusion von Bewegung schafft. Der Titel erzeugt ein Gefühl von Abdriften und sich selbst verlieren. Ein wahres Bollwerk von einem Song. Die perfekte Abstimmung der elektrischen Gitarre mit dem Schlagzeug, unterstrichen durch dezente, harmonische und nicht zu aufdringlich wirkende Basstöne überzeugen sofort. Vor allem fällt schon bei diesem Opener auf, dass das Trio wesentlich voller und runder klingt, als es die minimale Besetzung vermuten liesse. Das liegt vor allem an der vollmundigen Gitarre, die vielleicht über zahlreiche Effektschlaufen gejagt wird, in seinem fetten und erdigen Klang jedoch hundertprozentig zu überzeugen vermag. Die bleierne Schwere, die der übliche Stoner Rock manchmal zum Markenzeichen hat, erhält bei Uluru und vor allem gleich schon im ersten Titel "Uluru" allerdings auch viel psychedelische Unterschwelligkeit. "Demon Spirit" bedeutet ein äusserst spannendes Spiel zwischen Vorahnung, Spannung und Freisetzung. Aber es bedeutet zudem eine Steigerung gegenüber dem ersten Titel, mit meisterhaft verzehrendem Groove und einem fast schon apokalyptisch wirkenden Gefrickel.

Das nachfolgende "Elegy", ein ziemlich verkiffter Track, lässt den virtuellen Raum gleichsam mit der Welt da draussen verschmelzen. Mit den Wellen der Musik und der teils flirrenden Gitarre zielt das Stück direkt in die Gehörgänge: Eine recht angenehme Erfahrung. Und das beste an dem Track ist, dass er trotz des mehr oder weniger gemächlichen Tempos sehr abwechslungsreich und erfrischend herüberkommt. Das fast elf minütige Killerstück "Dazed Hill" ist eine lange, gemächliche Reise, aber nicht ganz frei von eigenwilligen und unheilvollen Stimmungen. Überwiegend in schleppende Beats und schleifende Riffs getaucht, gibt sich dieser Longtrack vibrierend, elektrisierend und druckvoll, aber in keinem Augenblick vorhersehbar oder langweilig. Der Song zieht immer mehr an und entwickelt sich sukzessive zum ganz grossen Ohrenkino. Bei dem Titel "Blind Camel" fühlt man sich wie verloren in einer stürmischen Wüste und versucht dort seinen Weg zurück zu finden. Im mittleren Part des Stücks gibt es einen kleinen Lichtblick der Hoffnung, der sich aber schnell als ein Trugschluss herausstellt. Das blinde Kamel verliert nach und nach all seine Hoffnung, legt sich von den Strapazen geschwächt in den staubigen Wüstensand nieder und wartet auf sein Ende.

Mit ihrem nach zwei EP's veröffentlichten ersten Fulltime Studioalbum "Uluru" ist dieser türkischen Rockband ein ganz grosser Wurf gelungen. Eine absolut hörenswerte, psychedelische und neblig-spaceige Reise mit ebenso betörendem wie geheimnisvollem Gitarrensound und mit einer wahrhaft erdigen Produktion.
Für das Album wurden die besten Tracks der beiden EPs "Imaginary Sun" und "Dazed Hill" neu gemastert. Zuständig hierfür war der Klangexperte Eroc (Grobschnitt). Das Cover des Albums "Imaginary Sun" wurde von Kadir Kayserilioglu entworfen, das Foto auf dem Rückcover stammt von Sibel Engingök. Erschienen ist das Werk am 7. Oktober 2016 beim deutschen Label Tonzonen Records als limitierte Auflage von 300 Exemplaren auf rotem, sowie 200 Kopien auf schwarzem 180 Gramm Vinyl. Eine Entdeckung, die sich mehr als lohnt.