Feb 27, 2018


SCREAMING LORD SUTCH - Lord Sutch And Heavy Friends 
(Cotillion Records SD 9015, 1970)

Der Musiker und Exzentriker David Edward Sutch wuchs im Arbeiterklassenmilieu im Norden Londons auf. Sein Vater, ein Reservepolizist, war bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Zusammen mit seiner Mutter lebte er in ärmlichen Verhältnissen in Kilburn, später in Harrow. Seine Mutter schlug sich als Verkäuferin und Putzfrau durch. Sutch verliess im Jahre 1956 die Schule und nahm eine Arbeit als Fensterputzer an. Durch Bill Haleys "Rock Around The Clock" wurde er motiviert, selbst Musiker zu werden. Seine ersten Auftritte absolvierte er im Ace Cafe, einer von Motorradfahrern besuchten Bar in der Londoner Harrow Road. Sein Gesangsstil wurde mit dem von Screamin' Jay Hawkins verglichen. Er nahm in der Folge den exzentrischen Künstlernamen und Fantasietitel Screaming Lord Sutch, Third Earl of Harrow, an. Um 1960 erregte Sutch durch seine Auftritte, so in der 2i’s Coffee Bar in London, zunehmend Aufmerksamkeit: einerseits durch seinen 'Wild Wan of Borneo look', bestehend aus einer Leopardenfelljacke seiner Tante und einem Hut mit Büffelhörnern, durch den er aus der Masse der Elvis Presley-Kopien hervorstach; vor allem aber durch seine ausgefallene Bühnenshow, die er als einer der ersten mit Schock- und Horrorelementen anreicherte. Requisiten waren Äxte, Messer, Totenschädel und ein Sarg, der zu Konzertbeginn auf die Bühne getragen wurde. Diesem entstieg er als Spukgestalt, mit weiss geschminktem Gesicht und schwarz-rot umrandeten Augen, um eine grüne Flüssigkeit ins Publikum zu spucken. Sutch fiel ausserdem als einer der ersten langhaarigen Musiker auf, sein Haar soll 18 Zoll (etwa 45 Zentimeter) lang gewesen sein.

1961 wurde der Musikproduzent Joe Meek auf ihn aufmerksam, erste Platten entstanden. Sutch legte sich eine feste Band zu, The Raving Savages ('Die tobenden Wilden'), bestehend aus Bernie Watson (Gitarre), Rick Brown (Bass), Carlo Little (Schlagzeug) und Nicky Hopkins, der später Session-Keyboarder der Rolling Stones werden sollte. Die Besetzung wechselte häufig, auch Ritchie Blackmore, Matthew Fisher, Tony Dangerfield und Andy Wren gehörten zeitweise zur Band. Das Ensemble wurde später bekannt als Screaming Lord Sutch And The Savages. Die in Meeks Heimstudio in Islington produzierten Platten wurden häufig von der BBC boykottiert, was die Öffentlichkeitswirkung der Band jedoch eher erhöhte. Lord Sutch, der von 1962 bis 1966 von Manager Reg Calvert betreut wurde, erweiterte seine Bühnenshows und bot nun auch Themenshows an, so traten er und seine Band als Steinzeitmenschen oder Römer kostümiert auf, auch die Bühnendekorationen wurden entsprechend angepasst. Eigens für die letztere Show benannte Sutch die Band in Lord Caesar Sutch & The Roman Empire um, teilweise fuhr er dabei in einem von Pferden gezogenen Streitwagen vor.

Eines seiner bekanntesten Stücke wurde "Jack The Ripper" (1963), das von dem gleichnamigen Serienmörder handelte. Auf der Aufnahme waren Schritte und Schreie eines fliehenden Ripper-Opfers zu hören. "Jack The Ripper" wurde häufig im Radio und in Diskotheken gespielt. Trotz seiner Auftritte in namhaften Clubs wie dem Star Club in Hamburg, seinen später berühmt gewordenenen Musikern wie Blackmore, Hopkins oder Fisher, und seiner relativ hohen Bekanntheit blieb der kommerzielle Erfolg aus. Sutchs Alben erreichten keine nennenswerten Umsatzzahlen. Die 1970 erschienene LP "Lord Sutch And Heavy Friends" erzielte in den USA eine Chartplatzierung, wurde aber bei einer BBC-Umfrage 1998 zur schlechtesten Platte aller Zeiten gewählt, ein Titel, den sie auch im Buch 'The Top 1000 Albums of All Time' errang. Dies, obwohl auf dieser Platte anerkannte Musiker wie Jimmy Page, John Bonham, Jeff Beck, Noel Redding und Nicky Hopkins mitwirkten. Anfang der 90er Jahre feierte Sutch ein Comeback in der Psychobillyszene, wo er auch auf einigen Festivals unter anderem mit The Meteors zu sehen war. In den letzten Jahren vor seinem Tod absolvierte er noch bis zu 250 Auftritte im Jahr europaweit.

Lord Sutch veröffentlichte vor allem in den 60er Jahren eine Vielzahl von Singles, die sowohl Eigenkompositionen als auch Coverversionen von bekannten Rockstandards enthielten. In den 70er Jahren entstanden zwei Langspielplatten. Zu Lebzeiten als auch nach seinem Tod erschienen mehrere "Best of"-Alben. Lord Sutch war eine skurrile Persönlichkeit. Genau genommen würde man ihn heute wohl als profilneurotischen Exzentriker beschreiben. Er war Musiker, weite Teile seines Lebens Künstler und mehrmaliger Bewerber um einen Sitz im englischen Oberhaus. Der Zusatz 'Heavy Friends' war bei seiner LP "The Hands Of Jack The Ripper" durchaus nicht übertrieben, denn David Sutch hatte sich wirklich einige musikalische Schwergewichte ins Studio geholt. Darunter befanden sich Noel Redding, Nicky Hopkins, Jeff Beck und die beiden Led Zeppelin Musiker John Bonham und Jimmy Page. Gleichzeitig stammte die Häfte des Songmateriales aus der Feder von Lord Sutch und Jimmy Page.

Ein Songmaterial, das zudem einen sehr hohen Wiedererkennungswert aufwies, denn es erwies sich als nicht besonders schwierig, einen Teil der verwendeteten Melodien ihren Originalen zuzuordnen. So wurde grosszügig bei den Kinks abgekupfert, die Beach Boys zitiert, ein bisschen "Roll Over Beethoven" eingestreut und sehr viel bekanntes Blues-Repertoire angezapft. Musikalisch bewegte man sich gekonnt im Spät-60er Hardrock. Dennoch zeigte das Resultat, die LP, durchaus einige Höhepunkte, wie zum Beispiel die Titel "Wailings Sounds", "Flashing Light", "Union Jack Car", "Smoke And Fire" oder "Baby Come Back". Das Endergebnis war zwar nicht unbedingt spektakulär, aber es hatte einen stark skurrilen Kult-Charakter, der letztendlich den Reiz dieses Albums ausmachte. Und mal ehrlich, eigentlich war das absolut geniale Albumcover-Artwork alleine schon den Kaufpreis wert, auf welchem sich Screaming Lord Sutch in bester englischer Dekadenz präsentierte.

Sutch wandte sich 1963 der Politik zu, als infolge der Profumo-Affäre Nachwahlen zum britischen Unterhaus in Stratford-upon-Avon notwendig geworden waren, dies zunächst wohl nur auf Initiative seines Managers Calvert, der eine Chance sah, die Popularität Sutchs zu erhöhen. Die unermüdliche Teilnahme an Wahlen, grösstenteils mit satirischen Wahlkampagnen und abstrusen Forderungen, blieb jedoch bis zu Sutchs Tod eine Konstante. Bereits 1963 hatte Sutch die National Teenage Party (NTP) gegründet, deren Programm zahlreiche absurde Forderungen enthielt, daneben aber auch die Herabsetzung des Wahlalters auf 18 Jahre, die Zulassung gewerblicher Rundfunksender und die Liberalisierung der Pub Öffnungszeiten, Forderungen, die Realität geworden sind.

In den 70er Jahren lebte Sutch teilweise in den USA, verliess aber, von der Politik Ronald Reagans desillusioniert, das Land in den frühen 80er Jahren. Wieder in England angekommen, gründete er, an seine NTP anknüpfend, 1983 die Official Monster Raving Loony Party. Die Partei forderte in Anspielung auf die Agrarüberschüsse in der EG, die teilweise aufwendig vernichtet wurden, den Bau einer Skipiste aus dem Butterberg und die Züchtung von Speisefischen in Weinseen, damit diese beim Fang gleich eingelegt seien. Er selbst trat als Kandidat in rund 40 Wahlen an. Er hatte nie eine Chance, einen Sitz zu gewinnen, erreichte aber oft erstaunlich hohe Stimmanteile. Nachdem er Margaret Thatcher in ihrem Wahlkreis 1983 mehrere hundert Stimmen gekostet hatte, erhöhte die konservative Regierung den Geldbetrag, den ein Kandidat als Pfand hinterlegen musste, von 150 auf 500 britische Pfund. Sutch liess sich aber dadurch nicht von seinen Kandidaturen abbringen. Da die Kautionen nach den verlorenen Wahlen verfielen, hatte Sutch ständig einen hohen Kapitalbedarf. 1995 stand er vor dem Bankrott, als seine Bank auf der Rückzahlung eines Darlehens von 194'000 Pfund bestand. Erst nach der Intervention eines Geldgebers war die Bank bereit, das Darlehen weiterhin zu stunden, sodass Sutch seine politischen Aktivitäten fortsetzen konnte. In den 90er Jahren stellte die Heineken Brauerei in ihrer Werbung Sutch als britischen Premierminister in der Downing Street Nr. 10 dar. Der Werbeslogan lautete: 'Das schafft nur Heineken' ('Only Heineken can do this'). 

David Edward Sutch beging 1999 Suizid durch Erhängen, zwei Jahre nachdem für ihn überraschend seine Mutter gestorben war. Seine Lebensgefährtin gab an, er habe bereits seit vielen Jahren an Depressionen gelitten. Sein letzter Tagebucheintrag soll gelautet haben: 'Depression, Depression, Depression ist einfach zuviel'. Ein Nachruf lautete: 'Ein Komödiant mit Tragik in seinem Herzen. Die Öffentlichkeit sah das öffentliche Gesicht, einen fröhlichen, offenen Charakter, aber in der Zurückgezogenheit seiner Kammer kam seine wahre Traurigkeit zum Vorschein'. Ein britischer Regierungssprecher erklärte, Sutch habe über viele Jahre hinweg einzigartige Beiträge zur britischen Politik geleistet. Ohne ihn würden die Wahlen nie wieder so sein, wie sie waren. David Edward Sutch wurde auf dem Pinner Cemetery, London, an der Seite seiner Mutter bestattet.





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