Mar 24, 2017

REFUGEE - Refugee (Charisma Records CAS 1087, 1974)

Nach der Auflösung der Gruppe The Nice durch den Keyboarder Keith Emerson gründeten Lee Jackson und Brian Davison die Bands Jackson Heights und Brian Davison's Every Which Way, mit denen sie allerdings beide den Erfolg von The Nice nicht fortsetzen konnten. 1973 wurde Jackson auf den Schweizer Keyboarder Patrick Moraz aufmerksam, der zuvor in der Gruppe Mainhorse tätig gewesen war. Deren einziges Album erschien 1971 und galt damals als ein gut gehüteter Geheimtipp unter den keyboardlastigen Progressive Rockplatten. Patrick Moraz war Keith Emerson in spielerisch-technischer Hinsicht ein absolut ebenbürtiger Virtuose, wenn auch stilistisch dem Jazz noch ein wenig weiter zugeneigt als Emerson. Bei Moraz waren von Anfang an auch deutliche Einflüsse von Bill Evans, Jan Hammer und Maurice Ravel zu hören, bei Keith Emerson eher solche von Oscar Peterson und Alberto Ginastera. Lee Jackson sah in Patrick Moraz ein grosses künstlerisches Potenzial, weshalb sie gemeinsam begannen, Material für das nächste Jackson Heights Album zu schreiben. Schnell wurde jedoch klar, dass die neuen Kompositionen für Jackson's Band zu heavy waren, und sie traten an Brian Davison heran, der ihnen der Richtige für ein gänzlich neues Projekt zu sein schien. Gemeinsam mit ihm wollten sie das Konzept des Keyboard-Trios weiterführen, und an die besseren Tage von The Nice anknüpfen.

Die drei Musiker hätten bereits früher zusammenkommen können, denn Keith Emerson, der Moraz anlässlich eines Konzerts von The Nice in der Schweiz kennengelernt hatte, hatte diesen als Ersatz für sich selbst vorgeschlagen, nachdem er The Nice verlassen hatte. Doch Jackson und Davison waren nicht bereit gewesen, sofort weiterzumachen. Einen Vertrag bei Tony Stratton-Smith zu bekommen, war für alle Beteiligten überraschend einfach und sofort wurde in den Island Recording Studios die Arbeit an einem Album namens "Refugee" aufgenommen. Die Aufnahmen erwiesen sich nicht immer als leicht, denn zwischen den Aufnahmesessions spielte die Band bereits erste Konzerte; das erste davon im renommierten Londoner Roundhouse, am 2. Dezember 1973. Patrick Moraz, der wenig Studioerfahrung hatte, legte Keyboardtrack über Keyboardtrack, was es dem Produzenten John Burns äusserst schwer machte, das Album abzumischen. Zudem litt Davison an einem starken Alkoholproblem. Das Album erschien bei Stratton-Smith's Progressive Rocklabel Charisma Records. Die 1974 veröffentlichte LP blieb allerdings, dem herausragenden Material und dem Erfolg der Platte (sie war auf Platz 28 in die englischen "Melody Maker"-Charts eingestiegen) zum Trotz, ein einmaliges Projekt.

Refugee absolvierten eine erfolgreiche Konzerttournee und hatten sogar ein Angebot, mit Eric Clapton zu touren. Zudem war ein zweites Album bereits in Planung. Doch nach einem letzten Konzert am 13. August 1974 im Roundhouse verliess Moraz überraschend die Band. Der Grund war absolut nachvollziehbar: Er hatte Anfang des Monats die Nachfolge von Rick Wakeman bei Yes angeboten bekommen, ein Angebot, das er angesichts des Erfolges dieser Band nicht ausschlagen konnte. Moraz ist auf dem Yes-Studioalbum "Relayer", veröffentlicht am 5. Dezember 1974, zu hören. Auf der Tour zu diesem Album spielte er im Rahmen seines Keyboard-Solos noch einige Ausschnitte aus dem "Refugee"-Album (aus den Stücken "Papillon" und "Grand Canyon"). Einiges an Material, das eventuell auf einem zweiten Refugee-Album erschienen wäre, arbeitete er im nächsten Jahr für sein erstes Soloalbum "The Story Of I" um, weitere Stücke sind erst 2007 auf dem Refugee Livealbum erschienen. Jackson und Davison (Letzterer nach einem kurzen Gastspiel bei Gong, als Ersatz für Bill Bruford) beendeten bald darauf ihre Musikerkarrieren, bis Keith Emerson The Nice im Jahre 2002 für kurze Zeit wiederbelebte.

Seinen kommerziellen Durchbruch als Rockmusiker feierte Moraz danach als Keyboarder der britischen Progressive Rockband Yes, deren Keyboarder Rick Wakeman er im August 1974 zunächst nur widerwillig ersetzte. Er wollte Jackson und Davison, die soeben noch vor einem Neuanfang gestanden hatten, eigentlich nicht vor den Kopf stossen. Die Weiterentwicklung der damaligen elektronischen Tasteninstrumente und die finanzielle Situation einer internationalen Top-Band ermöglichten ihm jedoch ganz neue Spielweisen, die Moraz auf dem Album "Relayer" auf einzigartige Weise einbrachte. Nach Abschluss der Arbeiten ging die Band auf Tour (Relayer-Tour, 8. November 1974 bis 23. August 1975, 89 Shows).

1976 spielten alle Mitglieder der Gruppe Yes Soloalben ein. Moraz steuerte auf den Alben von Steve Howe und Chris Squire sein Keyboardspiel bei. Sein eigenes, teilweise in Südamerika, teilweise in der Schweiz, unter anderem mit dem Bassisten Jeff Berlin mit der Hilfe von Jean Ristori aufgenommenes Soloalbum, ein Konzeptalbum, das weitgehend in brasilianischen Rhythmen und mit entsprechenden Instrumenten produziert wurde, betitelte er "The Story Of I". Es enthält eine gelungene Fusion von Pop, Progressive Rock, von der Romantik geprägter Neoklassik, Musical und Jazz, wurde aufgrund dieser stilistischen Breite als das erste Album der Weltmusik bezeichnet und erhielt grossen Beifall bei Musikerkollegen. Peter Gabriel fragte Moraz nach der Telefonnummer seiner brasilianischen Rhythmusgruppe.

Das von Jean Ristori abgemischte Yes-Album "Relayer" war jedoch das einzige Yes-Album, auf dem Patrick Moraz mitwirkte. Nach der Relayer-Tour und der Soloalbum-Tour (28. Mai 1976 bis 22. August 1976, 53 Auftritte) wurde er im November 1976 mitten in der Arbeit am Nachfolgealbum von "Relayer", betitelt "Going For The One", von seinem Vorgänger Rick Wakeman ersetzt, als Yes die Möglichkeit sahen, diesen wieder in die Band zurückzuholen. Nach seinem zweiten, stilistisch ähnlichen Soloalbum "Out In The Sun", das 1977 erschien, ersetzte der mittlerweile in Brasilien lebende Moraz den Musiker Michael Pinder bei der reformierten Band The Moody Blues, zunächst als Sessionmusiker. Die Reise zum Vorspiel nach England hatte er durch einige Konzerte in der Schweiz, darunter beim Montreux Jazz Festival 1978, finanziert. Das erste gemeinsame Album mit den Moody Blues, "Long Distance Voyager", wurde das zweite und letzte der Moody Blues, das in den USA die Spitze der Charts erreichte. Moraz blieb bis 1991 bei der Band, seit 1979 als Vollmitglied (nach der Trennung vertraten die anderen Bandmitglieder vor Gericht jedoch die Position, Moraz sei lediglich "a hired keyboard player" gewesen - diese Uneinigkeiten hatten vor allem finanzielle Hintergründe).

Nebenbei arbeitete Patrick Moraz aber weiter an verschiedenen Projekten, vorwiegend Soloaufnahmen, mal mit Band, seit den 90er Jahren vorwiegend solo am Flügel. Moraz' stilistisches Spektrum reichte dabei von brasilianischen Musikstilen über Klassik und Jazz bis hin zum New Age, letzteres nachzuhören auf seinem Album "Human Interface" von 1987. Stilrichtungen, die er meist in verspielten, im besten Sinne als poppig zu bezeichnenden Motiven und Phrasen zu einem sehr einheitlichen, eigenständigen Stil zu vereinen verstand, kredenzte er ebenso. Die beiden "Future Memories"-Alben enthielten überdies weitgehend improvisierte Musik, die Patrick Moraz "Instant Composition" nannte, die anlässlich einer Fernseh-Liveübertragung im Studio entstand und im Falle von "Future Memories Live On TV" 1979 nur wenige Tage nach der Aufnahme in den Regalen der Plattenläden stand.

Nach seinem Ausstieg bei den Moody Blues und der Veröffentlichung seines ersten Solo Piano-Albums "Windows Of Time" im Jahre 1994 ging Patrick Moraz in den USA auf eine kleine Tournee in Kirchen und kleinen Konzerthallen. Auf dieser Coming Home America Tour (C. H. A. T.) spielte er ausgewählte Stücke und berichtete von einigen Erlebnissen aus seiner Karriere. Eines dieser Konzerte ist 1995 unter dem Titel "PM In Princeton" auf CD erschienen. Danach wurden Moraz' Konzerte spärlicher.

Im März 2007 ist bei der englischen Plattenfirma Voiceprint Records eine Konzertaufnahme aus der Newcastle City Hall von 1974 veröffentlicht worden, die neben einigen Stücken vom Studioalbum zwei stark umkomponierte The Nice Coversongs und zwei bislang unbekannte Stücke von Refugee enthält. Im Zusammenhang mit dieser Veröffentlichung hatte sich der Kontakt zwischen Moraz, Jackson und Davison wieder intensiviert. Eine zeitlang waren Reunion-Konzerte in Europa im Gespräch. Am 15. April 2008 erlag Brian Davison jedoch im Alter von 65 Jahren einem Hirntumor. Im Jahre 2010 erschien beim englischen Plattenlabel Floating World Records ein Set mit zwei CDs, das sowohl das 1974er Studioalbum, als auch den 1974er Konzertmitschnitt enthält. Das Booklet dieses Sets enthält ausführliche Liner Notes von Martyn Hanson, der unter anderem mehrere Bücher zu den Gruppen The Nice und Emerson Lake & Palmer veröffentlicht hat.


No comments:

Post a Comment