Jul 15, 2017


IQ - The Wake (Sahara Records SAH 136, 1985)

IQ ist eine aus Southampton stammende britische Rockband. Neben Marillion, Pendragon, Pallas und Twelfth Night zählt sie zu den typischen Vertretern des Neo-Prog, der in den 80er Jahren entstandenen zweiten Generation des Progressive Rock. IQ lehnte sich anfangs an Vorbilder wie insbesondere Genesis und Yes an, entwickelte aber schnell einen eigenen Stil. Live-Auftritte der Band zeichneten sich aus durch besondere Lichteffekte und Film- und Diaprojektionen, die an die frühen Pink Floyd erinnerten, sowie durch das Auftreten des als charismatisch geltenden Frontmanns Peter Nicholls. Die erste Phase der Bandgeschichte von IQ umfasste den Zeitraum von der Bandgründung Anfang der 80er Jahre bis zum Ausscheiden des Sängers Peter Nicholls. In dieser Zeitspanne entstanden die klassischen Studioalben "Tales From The Lush Attic" und "The Wake" sowie das Live-Album "Living Proof". Als sich Mitte der 80er Jahre ein allgemeines Progressive Rock-Revival abzeichnete, erhielt IQ einen Plattenvertrag bei einem grossen Label, verlor aber im Gegenzug den charismatischen Frontmann Peter Nicholls.

In der zweiten Phase der Bandgeschichte entstanden mit dem neuen Frontmann Paul L. Menel die Alben "Nomzamo", das auch den einzigen Single-Erfolg IQs "Promises" enthielt und "Are You Sitting Comfortably ?". Nachdem die Plattenfirma, die IQ unter Vertrag genommen hatte, ihrerseits von einem anderen Unternehmen übernommen worden war, verlor IQ 1989 wieder den Major-Deal, was zunächst das Ende der Band zu bedeuten schien. P. L. Menel und Bassist Tim Esau verliessen daraufhin die Gruppe, um ein gemeinsames Pop-Projekt zu verwirklichen. Zu Aufnahmen kam es allerdings nicht. Nachdem IQ zunächst einige Zeit brach lag, führte ein durch einen französischen Club-Besitzer initiiertes Reunion-Konzert mit Peter Nicholls schliesslich zu einer erneuten Zusammenarbeit mit dem Frontmann. Die dritte Phase der Bandgeschichte wurde eingeleitet, als 1993 die Platte "Ever" erschien. Musikalisch knüpfte das Album an den Stil der ersten Phase an. Zur Vermarktung ihrer Tonträger gründete die Band das eigene Label GEP.

Mit "Subterranea" veröffentlichte IQ 1997 ein vielbeachtetes Konzeptalbum. Es erzählte die Geschichte eines Mannes, der sich aus Liebe zu einer Frau einer Revolution gegen einen fiktiven Überwachungsstaat anschloss. Letztendlich scheiterte aber beides an der Angepasstheit und Lethargie des Protagonisten. Die Erkenntnis darüber mündete in dem 20-minütigen, sehr emotional gehaltenen Finale des Albums. Basierend auf der Geschichte dieses Konzeptalbums wurde ein Spielfilm gedreht. Der Spielfilm wurde am 5. Juni 2015 beim Reno Film Festival uraufgeführt. Im Sommer 2017 soll eine deutsch synchronisierte Version des Spielfilms veröffentlicht werden. Die Besetzung der Band blieb über die Jahre hinweg zunächst relativ konstant. Sänger Peter Nicholls quittierte seinen Dienst, um Niadem's Ghost zu gründen, wurde während der Alben "Nomzamo" und "Are You Sitting Comfortably ?" von Paul Menel ersetzt und kehrte danach zurück. Wie häufig in der Szene gab es personelle Überschneidungen mit anderen Bands. Beispielsweise gehörten John Jowitt und Martin Orford auch der Neoprogband Jadis an. Martin Orford verliess die Band im Herbst des Jahres 2007. Er wurde durch Mark Westworth, auch Keyboarder der Band Darwin’s Radio, und dieser wiederum 2011 durch Neil Durant ersetzt. Bereits zwei Jahre zuvor gab Gründungsmitglied Paul Cook am Schlagzeug die Stöcke an Andy Edwards ab, kehrte aber 2009 letztlich langfristig zurück, nachdem sich Edwards eine Auszeit nahm. Eine weitere Änderung im Jahr 2011 betraf Jowitts Ausstieg und die Rückkehr von Esau am Bass, sodass die Band bis auf den Keyboarder wieder in der Urbesetzung agierte.

"The Wake" war das zweite Album der Band. Im Gegensatz zum Erstling "Tales From The Lush Attic" fand sich hier kein Werk mit Überlänge wie "The Last Human Gateway" oder "The Enemy Smacks". Die Platte begann mit einer monotonen, synthetisch gespielten Bassline, dann setzten sphärische Klänge ein, welche das Stück in einen 5/4-Takt Mittelteil führten. "Outer Limits" war insgesamt jedoch eher ein wenig anspruchsvoller Titel, es fehlte der Körper, auch dadurch bedingt, dass Peter Nicholls Stimme nicht die kräftigste war. Man mag sich darüber streiten, ob er ein guter Sänger ist oder nicht. Auch ein Mark Knopfler hat keine ausgebildete Stimme; trotzdem passt sie zu seiner Musik und gibt ihr einen unverwechselbaren Touch. So denke ich war es auch bei IQ und Peter Nicholls. Das Stück endete, wie es begonnen hatte, mit monotonem, herzschlagartigen Basspumpen.

Über den Titeltrack, welcher von Beerdigung und Blick auf das zurückliegende Leben handelte, und "The Magic Roundabout", eingeleitet von fetten Synthiklängen wunderbar unspektakulär dahinpulsierte, ging es zu einem langsamen Stück, welches mit Beats begann, die nach einer billigen Orgel-Begleitung klangen. Spärlich wurde "Corners" in der Folge instrumentiert, langsam setzte ein Instrument nach dem anderen ein, Tim Esau spielte eine swingende Basslinie und es setzte schliesslich noch das Schlagzeug mit Paul Cook ein. Im Ausklang des Stückes wurde es fast ein wenig orientalisch. Das Stück war absolut unprogressiv, erzeugte aber irgendwie durch seinen monotonen, fast hypnotisch wirkenden Grundbeat eine tolle Atmosphäre. Mit "Widow's Peak" folgte das meiner Meinung nach beste Stück der Platte. Gitarrist Mike Holmes begann einen spannenden Moll-Akkord, den er in seine Einzelnoten zerlegte und von Synthesizerklängen unterlegt nach einer Weile ins Dur wechselte und so die Spannung auflöste. Das ganze Lied zeichnete sich eigentlich immer wieder dadurch aus, dass eher düstere Klänge eine etwas bedrohliche Stimmung aufbauten, welche dann wieder entspannt wurde. Über einen hektischen Mittelteil führte das Stück ins Finale, welches live (nachzuhören auf IQ's Konzertalbum "Living Proof" von 1985) noch besser klang. Überhaupt war dieser Titel einer der absolut besten der Gruppe IQ. 

Der Song "The Thousand Days" wirkte dagegen eher unspektakulär, doch "Headlong" neben "Widow's Peak" das zweite Highlight des Albums. Hier hörte man, was an der Stimme von Peter Nicholls so charakteristisch und faszinierend war: Dieses fast weinerliche, zerbrechliche, wehmütige Timbre. Das Stück handelte vom Ablegen des alten Lebens und dem Beginn eines neuen (wohl Lebensabschnittes). So wechselte am Schluss der Grundton der Musik vom anfänglich eher Traurigen, Hoffnungslosen in einen leicht beschwingten, fast Trotzigen über. Ein halbes Jahr nachdem IQ mit der Reggae-Single "Barbell Is In" bewiesen, dass man gleichzeitig Progressiven Rock spielen und lustig sein konnte, schickte man den zweiten Longplayer namens "The Wake" in's Rennen - wenige Tage nachdem auch "Misplaced Childhood" von der Band Marillion in die Läden kam. Man konnte "The Wake" Mitte der 80er Jahre problemlos in den grösseren Plattenläden noch grösserer Städte kaufen. Sahara Records hiess die Plattenfirma, auf welcher das Werk erschien. Peter Nicholls war wie schon beim Debütalbum auch für das Design des Plattencovers verantwortlich. Das dort im Mittelpunkt stehende Gesicht entlehnte er dem Film 'Am Anfang war das Feuer' (im Original 'Quest for Fire') während der Rest der Band anfänglich davon ausging, Nicholls hätte sich in dieser Zeichnung selbst gesehen.

"The Wake" war ein Konzeptalbum. Nach der Rückkehr des Sängers zur Band in den frühen 90er Jahren wurde er in einem Interview auf dieses Konzept angesprochen. Die Platte erzählte davon, wie der Protagonist stirbt. Er musste eine Brücke überqueren (der Arbeitstitel von "Outer Limits" lautete ursprünglich auch "The Bridge") an deren Ende der Himmel lag. Er stürzte und landete in der Hölle. Musikalisch war "The Wake" eine deutliche Weiterentwicklung gegenüber "Tales From The Lush Attic": die Songs wurden kompakter und der Sound geriet deutlich professioneller, produzierter. "Outer Limits" war ein mitreissender Opener, der schon die Richtung des Albums vorwegnahm. Sowohl Martin Orford an den Keyboards als auch Holmes an der sechssaitigen Gitarre zeigten ein dynamisches und intelligentes Spiel. "Outer Limits" endete mit dem Herzschlag des Sterbenden. Im abschliessenden "Headlong" wurde dieses Motiv wieder aufgegriffen und das Konzept so zu seinem Ende gebracht.











Jul 14, 2017


CHICAGO - At Carnegie Hall (Columbia Records C4X 30865, 1971)

Ende der 60er Jahre trat in der Sendung Beat Club eine amerikanische Band mit dem ungewöhnlichen Namen Chicago Transit Authority auf. Die Gruppe trat mit einer Adaption des Spencer Davis Group Titels "I'm A Man" auf, der allerdings um einige Minuten länger geriet, weil er sich im Mittelteil in einer wahren Perkussions-Orgie ergoss. Ein stampfendes, rhythmisches Stück, das sofort begeisterte, auch wenn es in punkto Gesang der originalen Version der Spencer Davis Group nicht das Wasser reichen konnte. Immerhin bedeutete der Auftritt im Deutschen Fernsehen einen gelungenen Einstieg für die Truppe um die Hauptakteure Terry Kath, Robert Lamm, Danny Seraphine, James Pankow und Peter Cetera und ihrer Band, die aus der namensgebenden amerikanischen Stadt stammte. Die Band besass zu diesem Zeitpunkt in ihrem Heimatland bereits eine beträchtliche Fangemeinde, galt schon bald als die beliebteste Rock-Gruppe an den Colleges und Universitäten. Nach ihrem Debutwerk "Chicago Transit Authority", ungewöhnlicherweise einem Doppelalbum, das 1969 erschienen war und auf welchem sich auch bereits das erwähnte "I'm A Man" befand, veröffentlichte das Quintett in den beiden nachfolgenden Jahren die LP's "Chicago II" (wiederum ein Doppelalbum) und "Chicago III", ehe Anfang April 1971 im Rahmen der sechs hintereinander folgenden Auftritte in der New Yorker Carnegie Hall Aufnahmen mitgeschnitten wurden, die später in einer Box mit vier Langspielplatten zusammengefasst wurden: "Chicago At Carnegie Hall", welche dann im Sommer des Jahres 1971 erschien.

Chicago war eine der ersten Bands, die eine Bläsergruppe integrierte und damit dem rockigen Basisklang eine jazzige Klangfarbe hinzufügte. Eine weitere Besonderheit der Band lag in dem Umstand begründet, dass alle Bandmitglieder komponierten und somit individuelle musikalische Vorlieben in den Gesamtklang einfliessen konnten. In den 70er und 80er Jahren hatten Chicago etliche Erfolge, neben "I'm A Man" auch die weiteren, als Singles veröffentlichten Titel "25 or 6 to 4" (1970), "Saturday In The Park" (1972), "Feelin' Stronger Every Day" (1973), "If You Leave Me Now" (1976), "Hard To Say I'm Sorry" (1982) und "You're The Inspiration" (1984), um nur die erfolgreichsten zu nennen. Nach anfänglichen Erfolgen in Chicago unter dem ursprünglichen Namen The Big Thing ging die Gruppe 1968 nach Los Angeles und veröffentlichte dort 1969 unter dem Namen Chicago Transit Authority (kurz CTA) ihr Debütalbum. Auf Druck der gleichnamigen Verkehrsbetriebe nannte sich die Band bald darauf jedoch nur noch schlicht Chicago. Im Lied "Someday" aus demselben Album verarbeiten sie die Ereignisse, die zur Anklage der Chicagoer Verkehrsbetriebe geführt hatten.

Die erste Platte begann mit mehrminütigen Ein- und Abstimmungsgeräuschen der Instrumente, bevor der Carnegie Hall-Ansager unter anschwellendem Applaus die feierlichen Sätze formulierte: "Good evening. I'm going to opening Carnegie Hall with Chicago". Es folgte das erste Stück "In The Country", dem sich der peppige Titel "Fancy Colours" direkt anschloss. Ein einleitendes Piano-Solo, das dem Folgetitel "Does Anybody Really Know What Time It Is ?" thematisch zuzuordnen war, beendete die erste Plattenseite dieses opulenten Werks. Sie war hauptsächlich gekennzeichnet von den bekannten, melodisch einschwingenden Bläsersätzen und einer abgerundeten Gitarrenbegleitung als eine gelungene Mixtur von jazzigem Soft Rock, der genauer gesagt als Brass Rock definiert wurde. Wer nun davon ausging, dass dieser Musikstil sich auch auf der B-Seite der ersten LP fortsetzte, wurde mit "South California Purples" doch ziemlich überrascht. Gitarren-Virtuosität allererster Güte, präsentiert von dem genialen Terry Kath, erging sich auf über 15 Minuten, eingeleitet und abgeschlossen von den unnachahmlichen Bläsersätzen. Kath zeigte sich hier in bestechender Form, holte mittels seiner Fingerfertigkeit ein wahres Klangfeuerwerk aus seinem Instrument heraus, zeigte tolle Einwürfe mit dem Wah-Wah Pedal und erntete hierfür frenetischen Beifall. Die erste Platte endete schliesslich mit dem Single-Hit "Question 67 And 68", in welchem auch die vokalen Qualitäten von Chicago zum Ausdruck kamen.

Die dritte LP-Seite wies in ihrer Abfolge ähnliche Strukturen auf. Mit dem Titel "Sing A Mean June Kid" präsentierte Terry Kath wiederum sein imposantes Gitarrenspiel auf allerhöchstem Niveau, ehe das gesangsorientierte "Beginnings" die dritte LP-Seite ausklingen liess. Seite 4 machte dann unmisverständlich deutlich, dass die Musiker eine klassische Ausbildung im Gepäck hatten und ein breites Instrumenten-Repertoire beherrschten. Das epische "It Better End Soon" befasste sich thematisch mit einer kritischen Anti-Kriegshaltung, nicht ungewöhnlich zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Titels, der auf die ausgehende 68er-Bewegung zurückging. Das insgesamt fünfteilige Set beinhaltete neben einem Flöten- auch ein Gitarrensolo und endete folgerichtig mit dem Untertitel "Preach", was sinngemäss mit einer Moralpredigt gleichgestellt wurde. Das war einer der bemerkenswerten Eckpunkte dieser Gruppe: Chicago offenbarten und verhehlten in den ersten Jahren ihres Schaffens nie ihre Herkunft, die dem links-intellektuellen Spektrum Amerikas zuzuordnen war und aus dem sich bereits eine Vielzahl von weiteren Polit-Musikgruppen rekrutierten.

Auf der dritten Vinylplatte dieses Sets fanden sich neben der weiteren Konzertansage, die in einem eher instrumental-orientierten, sehr rockigen "Introduction", eingebettet war, zwei weitere, jedoch sehr unterschiedliche Titel. Während "Mother" einen Hauch Funk-Jazz herüberwehen liess, zeigten sich die Musiker beim Stück "Lowdown" von ihrer später weiter entwickelten sanften Seite, die der Formation einige Zeit später zum kommerziellen Durchbruch in den internationale Charts-Listen verhalf. Die Rückseite begann mit dem Stück "Flight 602", einem ebenfalls kriegsverneinden Song, ehe sich "Motorboat To Mars" anschloss, gefolgt von dem frühen Hit "Free", dem sich ein sanftes, klavierlastiges Stück mit dem Titel"Where Do We Go From Here" anreihte. Die LP Nummer 3 endete mit " I Don't Want Your Money". Auch auf dieser Platte zeigten Robert Lamm, Terry Kath und ihre Mitstreiter, dass sie über ein breites musikalisches Spektrum verfügten, das sich keineswegs nur über die späteren kommerziellen Hitsongs in den Hitparaden definieren liess.

Die vierte und letzte LP schliesslich enthielt neben "Happy 'Cause I'm Going Home" ein interessantes und abwechslungsreiches Potpourri von Songs, das durch die nahtlosen, im Mittelpart kaum mehr als nur angespielten Titel fliessenden Übergänge, einem klassischen sogenannten 'Medley' ähnelte. Unter dem Haupttitel "Ballet For A Girl In Buchanon" verbarg sich ein rhythmischer, von fetzigen Bläsersätzen begleiteter Vortrag, der erneut einen tieferen Einblick in die damalige Schaffensperiode der Gruppe ermöglichte. Die dazu gehörende B-Seite, also die achte Plattenseite insgesamt, zeigte nochmals den politischen Hintergrund des Brass Rock-Stils der Band, indem mit dem angriffigen "For Richard And His Friends", eine eindeutige Kritik an der Kriegswirtschaft des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon geübt wurde. Die schrillen, verzerrten Gitarrensound waren deshalb auch in diesem Kontext zu sehen und mussten als Anti-Haltung zu der die Zivilisation zerstörenden US Kriegsmaschinerie in Vietnam bewertet werden. Was mit Misstönen begann, endete auf dieser Seite in den Single-Auskoppelungen "25 Or 6 To 4" und "I'm A Man", die den krönenden Abschluss eines frenetisch gefeierten, sechs Tage währenden Auftritts der Gruppe in der legendären Carnegie Hall bildeten.

Ab den frühen 70er Jahren waren Chicago auf vielen Festivals ein fester Bestandteil. Später tourte die Gruppe durch Amerika, Europa und Japan, wobei sie auf diesen Konzertreisen jeweils auch Live-Alben produzierte. In der zweiten Hälfte dieser Dekade vollzog die Truppe einen musikalischen Richtungswechsel und pflegte eher einen Soft Rock-Stil. der ihr dann zunehmenden kommerziellen Erfolg mit diversen Single-Auskoppelungen bescherte.
Nachdem sich der Gitarrist Terry Kath am 23. Januar 1978 selbst tötete, drohte die Band auseinanderzubrechen. Bis dato hatten Chicago bereits elf offizielle Alben eingespielt. Der Verlust des Gitarristen liess die Band in der Folgezeit nicht davon abhalten, weiter Musik einzuspielen. Nach einigen Umbesetzungen existierte die Gruppe schliesslich über 40 Jahre und hat mittlerweile auch mindestens so viele Alben herausgebracht, wobei ihr Gesamtwerk noch weitaus mehr Platten umfassen dürfte, denn es sind unzählige Raub- oder Bootleg-Alben bekannt, die teilweise Konzerte in überraschend guter Qualität präsentierten. Auch wenn die Band bis heute weiterhin live zu erleben ist, dürfte sie von ihrer einstigen musikalischen Explosivität inzwischen doch so Einiges verloren haben.






Jul 13, 2017


UFO - Lights Out (Chrysalis Records CHR 1127, 1977)

UFO wurde 1969 in London unter dem anfänglichen Namen Hocus Pocus gegründet. Gründungsmitglieder waren Sänger Phil Mogg, Gitarrist Mick Bolton, Bassist Pete Way und Schlagzeuger Andy Parker. Kurz nach der Gründung wurde der Bandname nach einem Londoner Club in UFO umgewandelt. 1970 wurde das nach dem Bandnamen betitelte Debütalbum über Decca Records veröffentlicht. Der Stil dieses ersten Albums war, ähnlich wie bei den frühen Deep Purple, mehr dem harten Boogie zuzuordnen. Darüber hinaus waren Anleihen an Psychedelic und Space Rock vorhanden. Dennoch war der grösste Erfolg des Albums das als Single ausgekoppelte Eddie Cochran-Cover "C’mon Everybody", welches teilweise auch heute noch auf Konzerten der Band als Zugabe gespielt wird. Das zweite Album "Flying" dagegen trug in einigen Fassungen den programmatischen Untertitel "One Hour Space Rock" und präsentierte die Band von ihrer psychedelischen Seite. Herausragend war die lange Spieldauer von fast einer Stunde sowie die sehr langen, teilweise psychedelisch und improvisiert klingenden Songs wie "Star Storm" oder der Titelsong.

Den grössten Erfolg hatten die ersten beiden UFO-Alben in Japan, so dass die Band bereits 1971 eine Tournee dorthin unternahm. Ergebnis dieser Reise war das Livealbum "UFO Lands In Tokyo", welches ausserhalb Japans unter dem schlichten Titel "UFO Live" erschien. Dennoch erschien der Band der Stil als zu limitiert, weshalb Mick Bolton 1972 die Band verliess und diese nun nach einem neuen Gitarristen suchen musste. Zunächst fand man in Larry Wallis einen Ersatz für Bolton. Dann folgte Bernie Marsden, dem vor einer Konzertreise durch die Bundesrepublik Deutschland wegen eines vergessenen Reisepasses die Einreise verweigert wurde. Vorband von UFO bei diesen Konzerten waren die Scorpions. Bei dieser Tournee wurde die Band auf den erst 17 Jahre alten Michael Schenker aufmerksam, der in der Folge als Gitarrist bei UFO auftrat. Anschliessend wurde er Ende 1973 wegen seines spielerischen Könnens als neues Mitglied anstelle von Marsden in die Band geholt. Gleich nach seiner Aufnahme in die Band reiste Schenker nach England, um dort am neuen Album "Phenomenon" mitzuwirken. Dieses Album erschien 1974 beim Plattenlabel Chrysalis Records und bot einen wesentlich mehr dem damaligen Hard Rock ähnelnden Stil, der vom kompetenten Sologitarristen und Komponisten Schenker profitierte. Klassiker dieses Albums waren das überaus erfolgreiche und auch als Single ausgekoppelte "Doctor Doctor" und "Rock Bottom".

Mit dem Einstieg von Michael Schenker konnte die Band in den folgenden Jahren ihren Stil festigen und auch in kommerzieller Hinsicht erfolgreich werden. 1975 und 1976 erschienen die Alben "Force It" und "No Heavy Petting", die die Beliebtheit von UFO steigen liessen. Der endgültige Durchbruch gelang jedoch erst mit dem 77er Album "Lights Out", welches in den US-amerikanischen Billboard Charts Platz 23 erreichte. Zudem war zu diesem Album Paul Raymond als zweiter Gitarrist in die Band eingestiegen, welcher nebenbei auch als Keyboarder fungierte und so das Klangspektrum von UFO erweiterte. Paul Raymond war zuvor lange Jahre bei Kim Simmonds' Band Savoy Brown als Gitarrist und Keyboarder tätig gewesen.

Jedoch traten schon zu dieser Zeit erste persönliche Spannungen zwischen Phil Mogg und Michael Schenker auf. 1978 erschien das Album "Obsession", welches den Erfolg seines Vorgängers in den USA nicht wiederholen konnte, dafür aber in Grossbritannien Platz 26 der Charts erreichte und mit der Singleauskopplung "Only You Can Rock Me" einen weiteren Klassiker enthielt. Das Livealbum "Strangers In The Night" von 1979 avancierte dagegen zum grössten Erfolg von UFO und erreichte mit Platz 8 in den britischen Albencharts eine Top Ten-Platzierung. Bald nach diesem Album trennte sich der von Drogenproblemen geplagte Michael Schenker wegen Differenzen mit Sänger Phil Mogg von UFO. Schenker gründete dann nach einer kurzen Rückkehr zu den Scorpions seine eigene Band, die Michael Schenker Group, kurz MSG. In Paul Chapman, der bereits 1974 kurzzeitig Mitglied der Band war, fanden UFO schnell einen Nachfolger für Michael Schenker. Das erste Album dieser Phase, "No Place To Run" aus dem Jahre 1980, bei dem Beatles-Produzent George Martin an den Reglern sass, erreichte Platz 51 in den Billboard-Charts und Platz 10 in den britischen Charts. UFO erlangten in dieser Zeit vor allem in ihrem Heimatland Kultstatus unter den Anhängern der New Wave of British Heavy Metal. Diese nahmen auch das 81er Album "The Wild, The Willing And The Innocent" begeistert auf. Während die Plattenverkäufe in den USA rückläufig waren, zogen sie im Heimatland der Band an.

Auch das Album "Mechanix" von 1982 floppte in den USA, während es in Grossbritannien erneut ein Hit wurde. Bassist Pete Way stieg im selben Jahr aus, schloss sich kurzzeitig Ozzy Osbourne an und gründete wenige Monate später zunächst Fastway und dann Waysted. Sein Nachfolger wurde der spätere Bassist von David Lee Roth und Mr. Big, Billy Sheehan. Paul Gray von der Punkband The Damned löste für die Abschiedstour 1983 Billy Sheehan ab. Im selben Jahr erschien das Album "Making Contact". Das Album wurde in Grossbritannien ein relativer Flop, da erstmals in der Ära mit Paul Chapman die Top 20 verfehlt wurden. Der Waliser und Neil Carter teilten sich die Bass-Parts auf diesem Album, das zu stark auf amerikanischen AOR-Rock ausgerichtet war. Zwei Jahre währte ab 1984 der Versuch des Sängers Phil Mogg, unter dem Namen UFO eine neue Band zusammenzustellen. Das Album "Misdemeanor" fiel bei den alten Fans der Band ebenso durch wie beim Rest des Publikums. Erst 1992 fanden Pete Way und Phil Mogg wieder zueinander und beschlossen, UFO wieder in Erscheinung treten zu lassen. Mit Laurence Archer an der Gitarre und Clive Edwards am Schlagzeug entstand das Comeback-Album "High Stakes & Dangerous Men" und noch im selben Jahr der Livemitschnitt "Lights Out In Tokyo". Das neue Material stellte eine Reminiszenz an die 70er Jahre dar, wodurch das öffentliche Interesse an der Band wieder auflebte. 1993 kam es schliesslich zu einer Reunion der erfolgreichen Schenker, Mogg, Way, Raymond und Parker-Besetzung der 70er Jahre. Nachdem in dieser Besetzung 1995 das Album "Walk On Water" veröffentlicht wurde, traten jedoch auch die alten Spannungen zwischen Schenker und Mogg wieder auf. Noch während der Welttournee verliess Schenker die Band, sodass UFO erneut vor dem Aus standen.

Unter der Bezeichnung Mogg/Way arbeiteten Phil Mogg und Pete Way bis zum Ende des Jahrzehnts an zwei weiteren Alben, bevor im Jahr 2000 Schenker wieder in die Band einstieg. In diesem Jahr wurde das Album "Covenant" aufgenommen und veröffentlicht. 2002 wurde das Album "Sharks" veröffentlicht. Beide Alben konnten die Kritiker wieder für die Schenker-Besetzung begeistern, jedoch zeigte sich Schenker erneut wenig bereit, weiterhin mit der Band zu kooperieren. Zu dieser Zeit erfuhr auch die Paul Chapman-Ära eine späte Würdigung, als das Album "The Wild, The Willing And The Innocent" in der Liste 'Top 300 - Die besten Scheiben aller Zeiten' der Zeitschrift Rock Hard Platz 127 belegte. Schenker verliess die Band erneut im Jahr 2003, seinen Gitarrenposten übernahm Vinnie Moore. Zudem wurde im selben Jahr Jason Bonham als Schlagzeuger in die Band aufgenommen. In dieser Besetzung entstand 2004 das erneut traditionell orientierte Album "You Are Here". Auf der Tour zu diesem Album schnitt die Band am 13. Mai 2005 ihren Auftritt in Wilhelmshaven mit, welcher Anfang 2006 unter dem Titel "Showtime" auf CD und DVD veröffentlicht wurde. Zwischenzeitlich war Bonham aus der Band ausgestiegen und wurde durch Originaldrummer Andy Parker ersetzt. Die Band ist immer noch aktiv und tourt regelmässig. Auch beim 20. Wacken Open Air-Jubiläum im Jahr 2009 traten sie auf.

Im November 2013 wurde bekannt, dass Pete Way, der bereits seit 2008 aufgrund von Leberproblemen durch Alkoholkonsum nicht mehr an Bandaktivitäten teilnahm, an Prostatakrebs erkrankt sei. Er ist jedoch inzwischen von dieser Krankheit wieder genesen. 2014 begann die Band in England an ihrem neuen Album zu arbeiten. Erstmals arbeitete sie mit Produzent Chris Tsangarides zusammen, der unter anderem schon mit Judas Priest und Black Sabbath arbeitete. Dieser war bereits 1974 bei den Aufnahmen zu "Phenomenon" beteiligt. Vermittelt wurden beide Seiten von Quireboys-Sänger Spike, der in dieser Band früher mit Phil Moggs Neffe Nigel Mogg spielte. Das neue Album "A Conspiracy Of Stars" erschien am 20. Februar 2015 in Deutschland. Die Musik von UFO war insgesamt stets geprägt von Michael Schenkers Gitarre. Als Begleitung zum Gesang spielte er meist Powerchords, seine Soli waren von grosser Präzision bei hohem Tempo gekennzeichnet. Paul Raymond spielte die Rhythmusgitarre und die Keyboards, wobei letztere aber, ausser bei den Balladen, musikalisch eher etwas im Hintergrund standen. Bassist Pete Way begleitete mit eher einfachem Bassspiel. Der Schlagzeuger Andy Parker verwendete im Gegensatz zu anderen frühen Hardrock-Bands auch die Doublebass. Die Bandmitglieder benutzten Verstärker der Marke Engl, das Schlagzeug stammte von Premier Percussion.



Jul 12, 2017


CREED - My Own Prison (Wind-Up Records 60150-13049-2, 1997)

1995 gründeten der Sänger Scott Stapp, der Gitarrist Mark Tremonti, der Bassist Brian Marshall und der Schlagzeuger Scott Phillips in Tallahassee die Band Creed. Zwei Jahre später veröffentlichte die Band unter Eigenregie ihr Erstlingswerk "My Own Prison" und sendete die Platte an verschiedene Radiostationen in Florida. Durch die CD und ihre Liveauftritte weckte die Band das Interesse des Plattenlabels Wind-Up Records, unter dem sie schliesslich eine überarbeitete Fassung des Albums auf den Markt brachten. Nach Angaben ihres Managers Jeff Hanson hatten zuvor bereits vierzehn Labels einen Plattenvertrag mit Creed abgelehnt, mit der Begründung, dass Rockmusik inzwischen grösstenteils als unzeitgemäss und nicht erfolgversprechend galt. Creed's musikalische Mixtur aus Härte und Melodie, Melancholie und Euphorie war von Beginn weg sehr stark durch Mark Tremontis markante Gitarrenriffs und die Stimme von Sänger Scott Stapp mit seinen häufig metaphorischen Songtexten geprägt. Creed waren später insbesondere in den USA äussert erfolgreich, fanden aber auch viele Kritiker. Vor allem wurde der Band immer wieder vorgeworfen, musikalisch sehr stark bekannten Grunge Bands wie zum Beispiel Pearl Jam oder Soundgarden zu ähneln, so dass sie häufig als Post Grunge Band bezeichnet wurden. Einige Kritiker konstatierten der Band auch zu viel Pathos.

Trotzdem wurde das erste Album "My Own Prison" zu einem beachtlichen Erfolg in den USA. Bis zur Auflösung der Band im Jahre 2004 verkaufte es sich über sechs Millionen mal, obwohl es zunächst nur geringe Aufmerksamkeit in den Medien erhielt, da Creed damals noch so gut wie unbekannt waren. Bei dem Quartett handelte es sich nicht um missionarisch beseelte Bibelfanatiker, sondern um eher spirituell veranlagte Zeitgenossen. Allen voran ihr Frontmann Scott Stapp mit seinen voller Verzweiflung, Schmerz, Zerrissenheit und Schwermut, aber auch Inbrunst, Pathos, Glaube und Hoffnung vorgetragenen lyrischen Ergüssen. Dass Scotts eindringlich-melancholischer Gesang dabei ein ums andere Mal an Eddie Vedder (Pearl Jam), Scott Weiland (Stone Temple Pilots) und Layne Staley (Alice In Chains) erinnerte und auch in punkto Songwriting Parallelen zu den genannten Grunge Grössen nicht von der Hand zu weisen waren, verzieh man einer so jungen Band, die dermassen unter die Haut gehende, nostalgische Musik zu kreieren wusste, gerne. Und da Creed mit Songs wie der tieftraurigen Ballade "What's This Life For", der nicht minder beklemmenden ersten Hit-Single "My Own Prison", die Erinnerungen an Pearl Jams vielleicht besten Track "Black" aufkommen liess, dem gefälligen Rocker "One" und dem an die Gruppe Alice In Chains erinnernden groovenden "Ode" zudem noch einige superbe Gassenhauer geschrieben hatten, verdiente es das Debutwerk von Creed sogar, in einem Atemzug mit so fabelhaften Originalen wie Pearl Jams "Ten", dem Debüt der Stone Temple Pilots, aber auch dem Album "Dirt" von Alice In Chains und der legendären Temple Of The Dog-Platte genannt zu werden. "My Own Prison" wurde weiterhin von der RIAA mit 6-fach Platin ausgezeichnet und zählte am Ende gar zu den 100 meistverkauften Alben in den USA.

Als die Musiker am 7. September 1999 ihr zweites Album "Human Clay" herausbrachten, verkaufte sich ihr erstes Album immer noch hervorragend. Durch diese zwei Alben wurden Creed als Rockband in Amerika bekannt und erfreuten sich ebenfalls wachsender Beliebtheit in Europa, wo sie zu Jahresende auch beim tragischen 'Air & Style Contest' auftraten, nach welchem fünf Menschen starben. Singles wie "Higher", "What If" (aus dem 'Scream 3'-Soundtrack) oder vor allem "With Arms Wide Open" trugen zu ihrem grossen Erfolg bei. Mittlerweile hatte das zweite Album elffachen Platinstatus (Diamant-Status) in den USA erreicht und gehörte damit ebenfalls zu den 100 meistverkauften Alben der amerikanischen Musikgeschichte. Im Jahr 2000 trennten sich Creed von ihrem Bassisten Brian Marshall, die Gründe dafür wurden nie vollständig klar. Brett Hestla wurde nun Livebassist, während der Gitarrist Mark Tremonti den Bass für weitere Studioaufnahmen einspielte.

Creeds drittes Album "Weathered", das 2001 erschien, wurde wie die beiden Vorgänger ein grosser kommerzieller Erfolg. Das Album hielt sich acht Wochen lang auf Platz eins der amerikanischen Albumcharts, ein Rekord den Creed mit den Beatles teilten. Bei der dazugehörigen Tournee im Jahre 2002 mussten allerdings einige Konzerte aufgrund gesundheitlicher Probleme seitens des Sängers Scott Stapp abgesagt werden. Bei einem der Konzerte in Chicago zeigte Stapp zudem eine chaotische Show, die der Band eine Anzeige durch Fans bescherte. Am 4. Juni 2004 verkündete die Band nach über 24 Millionen verkauften Alben ihre offizielle Auflösung. Der Grund dafür dürften vor allem bandinterne Konflikte während der 'Weathered'-Tour gewesen sein. Zudem hatten sowohl Sänger Scott Stapp als auch Gitarrist Mark Tremonti Nebenprojekte geplant. Als die Band dennoch ein viertes Studioalbum ins Auge fasste, scheiterte das Vorhaben an der kreativen Zusammenarbeit.

Mark Tremonti, Scott Phillips und Brian Marshall bildeten wenig später zusammen mit dem Sänger und Gitarristen Myles Kennedy, der zuvor bei The Mayfield Four mitgewirkt hatte, die Nachfolge-Band Alter Bridge. Die Musik ihres ersten Albums "One Day Remains" wirkte insgesamt etwas härter und war mit vielen Gitarrensoli bestückt. Ein in der Grössenordnung von Creed vergleichbarer Erfolg blieb jedoch aus. Scott Stapp fing ein Soloprojekt an und brachte Ende November 2005 sein erstes Album "The Great Divide" auf dem US-Markt heraus, welches im April 2006 auch in Europa erschien. Im April 2009 erschien auf dem Internetauftritt der Gruppe ein Video, in dem die Rückkehr der Band, inklusive ihres ehemaligen Bassisten Brian Marshall, für den Sommer 2009 angekündigt wurde. Auch eine offizielle Presseerklärung war dort zu finden, in der die Band eine US-Tour und ein neues Album mit dem Namen "Full Circle" bekannt gab, das im Oktober 2009 erschien. Die erste Single namens "Overcome" wurde vorab Ende August als Downloadsingle veröffentlicht. Noch im selben Jahr erschien ausserdem die erste Konzertaufzeichnung Creeds auf DVD, welche mit 239 verwendeten Kameras den Weltrekord für die meisten im Einsatz befindlichen Kameras bei einer Musikaufführung darstellte.

Häufig wurde der musikalische Stil Creeds als Post Grunge bezeichnet, wobei dieser Begriff selbst nicht eindeutig definiert ist. Trotz verschiedener Grunge-Elemente besassen gerade spätere Titel der Band hohe Anteile aus dem Alternative Rock, dem Metal oder auch dem Hard Rock, wie man ihn von Bands wie zum Beispiel Led Zeppelin kennt. In erster Linie waren ruhigere Creed-Songs die kommerziell erfolgreichen gewesen, dennoch gab es eine Fülle von Metal-Anleihen in der Musik von Creed. So kommentierte der Plattentests.de-Redakteur Armin Linder das Album "Weathered": 'Als Opener feuern sie eine wuchtige ‘Bullet’ ab, die in punkto Härte alles im Creed-Kontext bislang dagewesene übertrifft, und den folgenden, nicht minder kraftvollen "Freedom Fighter" hätte auch Metallicas James Hetfield nicht schöner brüllen können.' Bekanntheit erreichte die Band auch mit dem Song "What If", das Teil des musikalischen Soundtracks zum Film 'Scream 3' war und ebenfalls in die härtere Seite der Band zeigte.

Die Musik von Creed wurde oftmals als hymnenhaft oder stadiontauglich beschrieben. Charakteristisch waren auch die Texte, die sich insbesondere mit spirituellen Themen auseinandersetzten, und die markanten Gitarrenparts von Gitarrist Mark Tremonti. Ruhigere Rockballaden wie etwa "With Arms Wide Open" sahen einige als wegweisend für die jüngeren Entwicklungen von Modern Rock Bands, da viele Stilmittel davon in deren Songs wieder aufgegriffen oder sogar verstärkt eingesetzt wurden. Ausserdem verschafften die Musiker gemeinsam mit anderen Rockgruppierungen durch ihre Erfolge der Rockballade insgesamt einen deutlichen kommerziellen Schub, von dem etwa Bands wie Nickelback profitierten. Die Metal-Einflüsse von Creed waren darüber hinaus, zusammen mit der äusserst wuchtigen Produktion durch John Kurzweg, vor allem in den USA ein wichtiger Grund dafür gewesen, dass härtere Stilrichtungen des Rocks wieder eine höhere Medienpräsenz erhielten. Später sah sich die Band jedoch zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt, bewusst kommerzielle Musik für ein Massenpublikum zu schreiben. Sänger Scott Stapp fasste dies in einem Interview zusammen: "Creed was going against the mainstream, but then we became the mainstream. But I’m at peace with the critics and all of that kind of stuff".

Aufgrund einer streng christlichen Erziehung durch seine Eltern floh Scott Stapp als Jugendlicher von zu Hause. Er holte anschliessend Erfahrungen nach, die ihm seine Eltern durch Verbot vorenthielten. Dabei fand er in dem Sänger Jim Morrison sein persönliches Idol und kam in Kontakt mit Drogen. Seine religiöse Erziehung beschäftigte ihn jedoch weiterhin sehr stark, was sich in verschiedenen Texten von Creed widerspiegelte, wie zum Beispiel im Titelsong des Debutalbums "My Own Prison". Während ältere Texte von starken Schuldgefühlen und Zweifeln geprägt waren, wirkten spätere hingegen positiver in Hinsicht auf Glaubensthemen. Creed selbst stritten in Interviews ab, eine christliche Band zu sein. Vielmehr seien sie eine Band, die sich auch mit diesem Thema auseinandersetzen würde, in der die einzelnen Bandmitglieder jedoch keine einheitliche Glaubensauffassung vertraten. Sänger Scott Stapp bekannte sich nach der Auflösung von Creed jedoch eindeutig zum Christentum, was sich auch an den Texten seines Soloprojekts und den Texten nach der Wiedervereinigung Creeds deutlich zeigte. In aktuelleren Interviews beschrieb er seinen Werdegang, der ihn letztendlich zu einem überzeugten Christen werden liess. Bei der Nachfolgeband Alter Bridge waren zum Teil ebenfalls Referenzen zu Glaubensthemen erkennbar, wenn auch in wesentlich begrenzterem Umfang.









Jul 11, 2017


THE TANGENT - A Spark In The Aether / The Music That Died Alone Volume Two
(Inside Out Music IOMSECD 419, 2015)

Als ich so um 1971 herum zum erstenmal mit Progressive Rock konfrontiert wurde, gab es für mich diesen Stilbezeichnungs-Wahn noch gar nicht. Da gab es einfach nur gute Musik, die auch mal in den Charts vertreten war und deren Protagonisten Black Sabbath, Free, aber auch Yes oder Emerson Lake & Palmer hiessen. Erst als sich die Rockmusik zu verifizieren begann, trennte man sich vom gemeinsamen Radio-Airplay und Yes und andere Progrock-Institutionen wurden fortan der Kopfmusik beschuldigt, die kompliziert aufgebaut ist und nicht für ein Massenpublikum bestimmt ist. Soweit, so gut. Das Radio stellte sich bald auf bunten Glam Rock und noch später auf den aus den Staaten herüberschwappenden Discosound ein. Was blieb, war der in sich isolierte Progressive Rock, den man sich aus zwei Gründen nicht mehr anhörte: Erstens, weil sich deren Vertreter gerne als musikalische Elite ohne die Verbindlichkeit zu einer klar strukturierten Bodenhaftung päsentierten oder den vorrangig experimentellen Habitus verkörperten, der tunlichst darauf verzichtete, so etwas wie eine mitsingbare Melodie in die Musik einzubauen. Yes als die Aushängeschilder des Stils indes entwickelten sich genau in die Gegenrichtung, wobei sie als eine der ersten Bands schon früh mit einprägsamen Melodien glänzten, die im ersten Ansatz noch so kompliziert erscheinen mochten, sie konnten trotzdem problemlos mitgesummt werden. Yes waren stets kompliziert, ohne kompliziert zu wirken. Bei ihnen klangen komplexe Arrangements luftig leicht, und man hatte kaum je das Gefühl, einer verkopften Band zu lauschen.

Wo stehen wir heute ? Nun, heute ist es wesentlich einfacher: Es gibt die unterhaltsamen Langweiler, die nach mehr klingen wollen als sie sind (das sind meist Klone von Klassikern des Genres), ich nenne sie gerne "Bands des aufgeblähten Nichts" und es gibt die verkopften Musiker, die denken: Je komplizierter, desto mehr Beweis für Talent und Qualität der gebotenen Musik. Beides funktioniert nicht, denn für beides gab es schon eine Vorlage, und dass Vorreiter meist besser sind als Nachahmer, das wissen wir nicht erst seit heute. Denn heute fehlt es etlichen Vertretern des Progressive Rock wieder wie damals an wiedererkennbaren Melodien. Bands und Musiker, für die eine gute Melodie als Grundpfeiler eines Songs an erster Stelle steht und das bis heute konsequent auf ihre Musik anwenden, begeistern mit jeder neuen Platte - wie zum Beispiel die Aushängeschilder dieser Musikrichtung Riverside, Spock's Beard oder The Tangent.

Die Band The Tangent um Andy Tillison lieferte auch 2015 wieder ein musikalisches Highlight erster Güte ab. Im Titel ihrer Veröffentlichung nahm sie Bezug auf ihr 2003 erschienenes  Debutalbum "The Music That Died Alone" und gab damit nicht nur die Umschreibung der musikalischen Richtung vor, sondern schloss auch stilistisch einen grossen Kreis, der für die Gruppe eine Rückkehr zu den musikalischen Anfangstagen bedeutete: Am Anfang hatten The Tangent den Canterbury-Stil in ihrem Progrock noch sehr hoch gehalten. Schon sehr bald jedoch entschied sich die Gruppe, auch Pop, Jazz oder harten Rock (nur bedingt) in ihren Sound einfliessen zu lassen, was sie schon sehr bald zu einer der stilistisch vielseitigsten und somit auch interessantesten Band werden liess. Fortan wurden alle möglichen musikalischen Mauern eingerissen, da konnte in einer einzigen Komposition der Spirit von 30 Jahren Rockmusikentwicklung herausgehört werden, was zumindest für mich dazu führte, dass ich fast jeden Song von ihnen mochte, weil ich in jedem Arrangement etwas sehr Vertrautes (und dann auch wieder völlig Unbekanntes) heraushören konnte. So etwas mochte ich schon immer sehr, denn so macht es mir eine Band recht einfach, sie zu mögen.

Auch ihr Album "The Music That Died Alone Volume Two" machte da keine Ausnahme. Es klang vielfältig, präsentierte etliche Glanzlichter und schloss einen grossen Kreis zwischen dem eigenen Debutalbum und dem Hier und Jetzt. Ein phantastisches Werk in einer langen Reihe exzellenter Platten, das sich Versatzstücken früher Pink Floyd ebenso bediente wie zum Beispiel dem lockeren Groove von Donald Fagen und der Coolness von Ian Anderson's Querflöte. Daneben aber auch immer das Ausholen zum grossen Chaos, wenn beispielsweise wie im Stück "Aftereugene" (meinem Lieblingsstück der Platte) ein psychedelisches Grundgerüst schon fast atonal zerlegt wurde durch ein brüllendes, kreischendes, quäkendes Saxophon Solo, das mich unweigerlich an den verrückten Jazzmusiker Rahsaan Roland Kirk erinnerte, der in den 70er Jahren ähnlich intensive Saxophon-Salven abfeuerte.

Andy Tillison und seine brillianten Mitmusiker indes vereinten im die 20 Minuten Laufzeit sprengenden "The Celluloid Road" all das, wofür die Band, aber auch exzellenter Progressive Rock schon immer stand: Hohe Musikalität, beschwingte Rhythmik, unverkopfte Melodien und ein tolles und stimmiges Konzept: Das Stück vereinte die amerikanische Tradition der Filmmusik der 70er Jahre, erinnerte einerseits an "Shaft"-Zeiten, aber auch an die einsamen Helden in den Krimi-Serien aus jener Zeit. So wurde in dem Mammut-Stück sowohl schwarzer Soul und Funk der 70er Jahre verbaut, aber auch der gegen Ende der 70er Jahre aufkeimende Synthesizer-Sound à la Rheingold oder La Düsseldorf war über einige Strecken herauszuhören. Trotzdem war "A Spark In The Aether" ein klassisches Progressive Rock Album, das über sämtliche Ingredienzen verfügte, die ein hochwertiges Album aus diesem musikalischen Bereich haben musste. Es rockte, es verfügte über zahllose sich im Gehirn festklebende Melodien und es war absolut brilliant gespielt. Ein Genuss.





WYCKHAM PORTEOUS - Looking For Ground (Bohemia Beat Records 0006, 1995)

Geboren im kanadischen Victoria in British Columbia, und nur selten weg von der Westküste Kanadas ("The sole pinprick of temperate weather in all of Canada"), wusste Wyckham Porteous schon seit seiner frühesten Jugend, dass seine Berufung die eines Schriftstellers war, aus dessen Wunschtraum aber schon ziemlich bald auch der Ehrgeiz erwuchs, Lieder und Songtexte zu verfassen. Er selbst erklärte das in einem Interview folgendermassen: "I knew I had to be a songwriter. I knew I wanted to sing. But, where I was living, there was no Nashville, no Tin Pan Alley, no L.A., there was really no place to put your focus". Der Musiker spielte auf zahlreichen Festivals, in vielen Clubs und Bars und reiste kreuz und quer durch Kanada. Hängen blieb er schliesslich in Vancouver, als er dort in dem Club ?Joe's Café' seinen bis dato erfolgreichsten Gig absolvieren konnte und auch gleich nach dem Auftritt sofort wieder gebucht wurde. Das attraktivste Venue vor Ort, das Arts Club Theatre verpflichtete den Singer/Songwriter ebenfalls für mehrere Konzerte. Kurze Zeit später, mehr einem Sinn für Romantik folgend als aus geschäftlichem Interesse, bearbeiteten Porteous und seine langjährige Partnerin Patty Fraser, die zum damaligen Zeitpunkt schon recht erfolgreich im Theaterbereich tätig gewesen war, eine Radiosendung für die CBC (Canadian Broadcasting Company), in welcher seine vielen musikalischen Reisen auf unterhaltsame Weise dokumentiert und mit eigener Musik angereichert wurden. Diese Sendung wurde in ganz Kanada ausgestrahlt und brachte dem Künstler eine grosse Resonanz.

Letztlich war es dieser erfolgreichen Sendung zu verdanken, dass sich ein Sponsor meldete, der sich bereit erklärte, mit Wyckham Porteous die Aufnahmen für ein Album zu finanzieren. Ein sehr prominentes Management nahm sich dem Unternehmen an. Das Management betreute zu jener Zeit auch den Top-Star Bryan Adams. Es gab schliesslich ein nur in geringen Stückzahlen erhältliches Album, von dem allerdings nicht wenige abgesetzt werden konnten und in Kanada's Radiostationen war Wyckham Porteous ein viel gehörter Künstler. Ein kleines Independentlabel zeigte Interesse, die handgefertigte CD auch industriell zu fertigen und zu veröffentlichen, doch dazu kam es schliesslich doch nicht. Stattdessen folgte eine Einladung zu einem Auftritt auf Rod Kennedy's Kerrville Festival, das den Musiker nach Texas führte. Dort blieb er erst einmal hängen, lehrte an einer lokalen Songwriting School in Kerrville zusammen mit Austin's Country-Grösse Christine Albert. Nicht nur bei seinen Musikschülern erntete der Lehrer aus dem fernen Kanada grosse Bewunderung, auch der Promoter Rod Kennedy war begeistert von Porteous' Musik, weswegen er über einen Co-Instruktor ein Demotape von Wyckham Porteous in das Handgepäck des Country- und Bluesrockers Jimmy LaFave schmuggelte. Dieser wiederum war gerade an dem Festival aufgetreten und auf dem Weg nach Denver, um den Chef der Plattenfirma Bohemia Beat, Mark Shumate zu treffen. Als Jimmy LaFave während der Fahrt nach Denver das Tape mit der schlichten handgeschriebenen Aufschrift 'Porteous' hörte, war er sofort total begeistert, sowohl von der darauf zu hörenden Musik, aber insbesondere auch von Wyckham Porteous' sonorer und warmer Stimmfarbe.

Als sich dann Jimmy LaFave und Mark Shumate das Tape gemeinsam angehört hatten, meinte der Labelchef Shumate, dass man diese Musik eventuell als ein von Jimmy LaFave zu produzierendes Album veröffentlichen könnte. So kam es dann auch. Als Jimmy LaFave wieder zurück in Texas war, begannen sogleich die gemeinsamen Aufnahmen in den Cedar Creek Studios in Austin. Die Stimme aus dem Regen hatte einen Platz in der Sonne gefunden. Für die Aufnahmen verpflichtete Wyckham Porteous zuerst seine angestammte Band, der er den Namen The Band Of Tennesseeans verpasst hatte. Zu den Tennesseeans gehörte zu jener Zeit auch die Hammond B3-Legende Ian McLagan, der mit den Rolling Stones, Bob Dylan und vielen weiteren Topstars zusammengearbeitet hatte. Dazu gesellten sich im Verlauf der Aufnahmen einige weitere Musiker, wie zum Beispiel Paul Sweeny (Mandoline), Gene Elders (Violine), der Gitarrist Mitch Watkins und der Mundharmonikaspieler Randy Glines. Für Chorgesang kamen neben einigen anderen auch die Countrysängerin Abra Moore, Christine Albert und natürlich auch Jimmy LaFave hinzu, der das Album auch produzierte und ihm einen ungemein warmen, gefühlvollen und trotzdem knackigen Sound verpasste.

Das Album "Looking For Ground" geriet zu einem wahren Meisterwerk des Americana und zu einem Meilenstein in Wyckham Porteous' Schaffen, den er in den nachfolgenden Jahren leider nicht mehr würde toppen können. Die Platte erschien im September 1995 und erhielt fabelhafte Kritiken in den Musikmagazinen in Kanada, den USA und selbst im fernen Europa. Der einhellige Tenor lautete 'a roots rock masterpiece'. Das Album erreichte kurz nach seiner Veröffentlichung die Top Ten in den Americana Charts und wurde 1997 bei der jährlichen West Coast Music Awards Show der Pacific Music Industry Association in der entsprechenden Kategorie mit dem Preis 'Best Roots Traditional Album' ausgezeichnet. Das musikalische Programm des Albums, das wahlweise an John Hiatt, aber auch an The Band erinnern mochte, begeisterte und überzeugte mit ausgefeilten Songs, reifen und wunderbaren Melodien, die so gar nicht zu einem Debutalbum passen wollten. Wyckham Porteous verband in seinen Kompositionen gleich dreierlei stilistische Mittel, in dem er Country, Folk und Rock gleichermassen in jede seiner Kompositionen legte. Kritiker hörten beispielsweise ein Amalgam aus Robert Earl Keen, Guy Clark und John Prine heraus, und fast an jeder Stelle konnte man die typischen Songmerkmale von John Hiatt herausfiltern. Das tat der Eigenständigkeit der Musik jedoch trotzdem keinen Abbruch, weil es vor allem die einmalige und mit einem grossen Wiedererkennungswert ausgestattete Stimme von Wyckham Porteous war, die den Songs auf dem Album die Seele gaben.

Angefangen mit dem Titelstück "Looking For Ground", einem lässigen und unbeschwert lockeren und coolen Westcoast-Poprock Titel, über "Back On That Train" und den atmosphärischen "Cumberland Waltz" bis zur einschmeichelnden Americana-Ballade "Glory", welche Wyckham Porteous gemeinsam mit Julianne Banks im Duett sang, präsentierte der talentierte Musiker insgesamt 13 hervorragende Titel, die allesamt auf einem gleichbeibend hohen musikalischen und kompositorischen Niveau angesiedelt waren und die es locker mit jedem erfolgreichen Act in diesem musikalischen Bereich aufnehmen konnten. Nicht zuletzt die grosse Vielseitigkeit in instrumentaler Hinsicht, die vielen kleinen Arrangement-Finessen machten das Album zu einem abwechslungsreichen und spritzigen Hörgenuss. Ein textliches Hauptaugenmerk warf Wyckham Porteous auf das Reisen und die Eindrücke während langer, selbst erlebter Trips quer durch den ganzen amerikanischen Kontinent, beschrieb dabei etwa eine lauschige Sommernacht auf einer kleinen Insel an der kanadischen Westküste im Song "Please Don't Call Me", sinnierte über sein eigenes Leben in Hundejahren während einer Reise nach North Saskatchewan im Song "Seven Years" und schrieb in "I Would Stay Here" einen Liebesbrief an die Prärie. Am ergreifendsten aber waren die Worte, die er im Song "Cumberland Waltz" wählte. Es handelte sich dabei um die letzten Gedanken des Pazifisten Ginger Goodwin, bevor dieser in den Hügeln über Cumberland erschossen wurde.

Dem exzellenten Album "Looking For Ground" folgte "In This World", das Porteous bei Ragged Pup Records veröffentlichte. Morris Tepper, der in Los Angeles ansässige Gitarrist und Produzent, der vor allem für seine Arbeiten mit Captain Beefheart, Tom Waits, Frank Black und P.J Harvey bekannt war, wurde Wyckham's neuer Produzent, der ihn musikalisch zu anderen Orten führen wollte. Dies gestaltete sich allerdings ausserordentlich schwierig, denn der Schritt vorwärts sollte auch ein Schritt rückwärts sein. Will heissen: Wyckham Porteous wählte für sein nächstes Album alte Songs, die e bis dato noch nicht veröffentlicht hatte und wollte diese etwas moderner und zeittypischer arrangieren, sodass sie einen Touch Alternative Rock erhalten sollten. Als die beiden jedoch im Nomad Studio auf Saltspring Island mit den entsprechenden Aufnahmen, zusammen mit dem Schlagzeuger Pat Steward (von der Band Odds) aund dem Bassisten Rob Becker (der für Patricia Conroy spielte) begonnen hatten, wurde diese Idee wieder verworfen. Trotzdem gelang es diesem Team, in nur fünf Tagen zehn neue Basic Tracks einzuspielen. An zwei weiteren Lokationen wurden weitere Arrangements an diesen neuen Songs vorgenommen, und zwar in Vancouver und in Victoria. Als nächstes wurde ein Mixing Engineer gesucht, der dem Ganzen einen professionellen Sound geben sollte. Hierzu verpflichteten Morris Tepper und Wyckham Porteous den renommierten Toningenieur Joe Chiccarelli, einen persönlichen Freund der Teppers und ein Veteran in diesem Bereich, der schon für die Künstler Beck, Frank Zappa und U2 an den Reglern gesessen hatte. Trotz allem Aufwand fand sich am Ende jedoch keine Plattenfirma, welche diese Aufnahmen veröffentlichen wollte.

Erst 12 Jahre später erschien Wyckham Porteous' Nachfolger der Platte "Looking For Ground", das Alternative Rockalbum "sexanddrinking", aufgenommen für das kleine Plattenlabel Cordova Bay Records. Es klang wesentlich straffer und rockiger, und Porteous experimentierte darauf auch mit seiner Stimme: Sprachfetzen, verschiedenartige Vokaleffekte und gar Spoken Word Elemente fanden sich in den teils recht abgedrehten Songs, die allesamt ziemlich weit von dem weg waren, was er auf seinem Debutalbum an Harmonieseligkeit und locker-leichtem Feeling gezeigt hatte: Piano Lounge Tracks mixte er mit Folk, Rap, Rock, Jazz, Country und Blues, und schaffte es dennoch, das alles unter einen Hut zu bringen und sogar noch zusammenhängend zu präsentieren. "sexanddrinking" wurde nominiert als 'Best Indie Release' und 'Best Folk Release' im Jahre 2002 bei den West Coast Music Awards. Wyckham war in jenem Jahr noch zusätzlich nominiert als 'Musician of the Year'.




Jul 10, 2017


DOKKEN - Lightning Strikes Again (Frontiers Records FR CD 349L, 2008)

Der Sänger Don Dokken begann seine Karriere Ende der 70er Jahre in Deutschland, wo er mit verschiedenen amerikanischen Musikern zusammenspielte. Die erste Dokken-Besetzung 1978 bestand neben dem Namensgeber aus dem ehemaligen Vic Vergat-Bassisten Juan Croucier und dem Schlagzeuger Greg Pecka. Letzterer wurde schon kurze Zeit später durch Gary Holland ersetzt. Weitere Mitglieder der frühen Phase der Band Dokken waren die beiden Bassisten Jeff Tappen und Gary Link sowie der frühere Quiet Riot-Gitarrist Greg Leon. Mit dem Xciter-Gitarristen George Lynch fand Don Dokken schliesslich einen passenden Songwriting-Partner. Die Titel "Paris By Night" und "I Can’t See You Anymore" erweckten relativ schnell das Interesse  einiger Plattenfirmen. Dokken nahmen im Jahre 1978 die auf 500 Exemplare limitierte Single "Hard Rock Woman" auf, welche der Band einen Plattenvertrag mit dem in Stommeln bei Köln ansässigen Studio des Produzenten Dieter Dierks sicherte.

Als die Scorpions 1982 ihr Album "Blackout" in diesem Studio aufnahmen, war Don Dokken als Backgroundsänger von den Scorpions engagiert worden und daher an dem späteren Erfolgsalbum beteiligt. Das erste eigene Werk von Don Dokken mit dem Titel "Breaking The Chains" erschien ein bisschen früher, und zwar noch 1981 beim Plattenlabel Carrere Records, erweckte alsbald aber das Interesse des Majorlabels Elektra Records und wurde dort im Jahre 1983 mit einer veränderten Song-Reihenfolge noch einmal neu aufgelegt. Ebenfalls 1982 spielten Dokken mit Udo Lindenberg einige Songs für dessen Album "Keule" ein. Nachdem die Platte "Breaking The Chains" 1983 auch in Amerika erschienen war, tourte die Band mit Blue Öyster Cult und Aldo Nova durch die Vereinigten Staaten. Ende des Jahres spielten sie im Vorprogramm von Rainbow auf deren USA-Tour, wurden allerdings nach ein paar Konzerten aus der Tour geworfen, angeblich, weil der Rainbow-Gitarrist Ritchie Blackmore keinen so starken Gitarristen wie George Lynch in einer Vorband akzeptieren wollte. Im gleichen Jahr wurde George Lynch erneut zu einer Audition bei Ozzy Osbourne eingeladen. Lynch bekam den Job zunächst zugesprochen, wurde allerdings in letzter Minute noch von Jake E. Lee ausgebootet.

Im Jahre 1984 wechselte der Bassist Juan Croucier zur kalifornischen Band Ratt und wurde durch Jeff Pilson ersetzt. Dokken begleiteten als Vorgruppe für die USA-Tournee die legendäre britische Heavy Metal-Band Judas Priest durch Amerika, später Dee Sniders Band Twisted Sister und spielten anschliessend eine Europatournee im Vorprogramm der deutschen Heavy Metal-Band Accept. Mit dem 1987 erschienenen Album "Back For The Attack" erreichten Dokken den Höhepunkt ihrer Karriere. Das Album schaffte es bis auf Platz 13 der amerikanischen Charts, und die Band ging erneut auf eine ausgedehnte Amerikatour, diesmal im Vorprogramm von Aerosmith. Im selben Jahr steuerten Dokken zwei Songs zum neuen Freddy Krueger Film 'Nightmare on Elm-Street Part 3' bei. 1988 tourte die Band in England als Vorgruppe von AC/DC und war Teil der amerikanischen Version des Monsters of Rock Festivals. Auf einer Japantour schnitt die Band ein Livealbum mit, das 1988 unter dem Titel "Beast From The East" erschien. 1989 gaben Dokken nach internen Streitigkeiten jedoch unverhofft ihre Trennung bekannt.

Don Dokken stellte nach der Trennung eine neue Band zusammen, die er nach einer Klage der ehemaligen Mitglieder nicht Dokken nennen durfte. Die nunmehr Don Dokken Band genannte Truppe bestand neben ihm aus dem ehemaligen Europe-Gitarristen John Norum, dem Ex-Watchtower Gitarristen Billy White, dem ehemaligen Accept-Bassisten Peter Baltes und dem Ex-King Diamond Schlagzeuger Mikkey Dee. Man konnte bei dieser neuen Formation durchaus von einer Supergroup sprechen. Das 1990 erschienene Album "Up From The Ashes" erreichte in den USA trotz der grossen Erwartungshaltungen, insbesondere der Band selbst, nur noch den 50. Platz in den Charts und blieb das einzige der Band. Der Gitarrist George Lynch und der Schlagzeuger Mick Brown gründeten in der Folge die Band Lynch Mob und nahmen mehrere Alben auf. Bassist Jeff Pilson gründete die Gruppe War And Peace und stieg 1993 bei Dio ein. Zuletzt arbeitete er als Bassist bei den weltberühmten Foreigner.

1994 reformierte sich die Band Dokken noch einmal, und zwar nach einem Angebot aus Japan und spielte für den dortigen Markt das Album "Dokken" ein, das ein Jahr später unter dem Namen "Dysfunctional" auch im Rest der Welt erschien. Das Album erreichte in den US-Charts Platz 47. 1996 veröffentlichte die Band mit "One Live Night" ein akustisches, sogenanntes 'unplugged' Live-Album. Das 97er Album "Shadowlife" erreichte nur noch die Top 200 der Billboard Charts. Touren durch die USA und Japan folgten, unter anderen mit Alice Cooper. Im Oktober 1997 verliess George Lynch jedoch erneut die Band und wurde durch John Norum ersetzt. Für das nächste Studioalbum "Erase The Slate" holte Don Dokken den Ex-Alice Cooper und Winger Gitarristen Reb Beach in die Band. Im Sommer 2000 tourten Dokken zusammen mit Poison, Cinderella und Slaughter. Ein Jahr später war Jeff Pilson im Kinofilm 'Rock Star' als Bassist der fiktiven Band Steel Dragon zu sehen.

2001 kehrte John Norum zurück, und neuer Bassist wurde das Ex-Yngwie Malmsteen und Michael Schenker Group Mitglied Barry Sparks. In dieser Besetzung spielte die Band das Album "Long Way From Home" ein. Im Sommer desselben Jahres tourte die Band als Teil der Metal Edge Rockfest-Tour mit den L.A. Guns, Ratt, Firehouse und Warrant durch die USA. Noch während der laufenden Tournee verliess John Norum die Band wegen einer Verletzung am Arm. Sein Ersatz wurde der italienische Gitarrist Alex DeRosso. Der Schlagzeuger Mick Brown schied wegen Erschöpfung kurze Zeit später ebenfalls aus und wurde bei einem Konzert in Tucson, Arizona durch den L.A. Guns-Bassisten Adam Hamilton ersetzt, welcher kurzfristig am Schlagzeug einsprang. Die Tour wurde daraufhin abgebrochen. Im Januar 2003 tourte die Band als Vorgruppe für die Scorpions und Whitesnake durch die Stadien Amerikas. 2004 erschien ein neues Dokken Album namens "Hell To Pay". Neuer Gitarrist war mittlerweile der Ex-Doro Gitarrist John Levin, doch das Album geriet zum Misserfolg.

Im April 2008 erschien erneut ein Album mit dem Titel "Lightning Strikes Again" in derselben Besetzung wie das Vorgänger-Werk "Hell To Pay" auf Frontiers Records. Das Album präsentierte 12 neue Kompositionen, die mehrheitlich von Don Dokken, zusammen mit Jon Levin geschrieben wurden. Ein Bonustrack in einer der zahlreichen Veröffentlichungs-Varianten war "Sunset Superstar". Auf "Lightning Strikes Again" fanden sich viele hervorragend produzierte und arrangierte Titel, wie etwa der Opener "Standing On The Outside" oder der treffsichere Rocker "Judgment Day". Es fanden sich hier auch mehrere Glanzlichter, die ich persönlich zu den besten Momenten im SChaffen des Don Dokken zähle, wie etwa "Give Me A Reason", "Heart To Stone", das brilliante "Point Of No Return" oder auch "Disease" und "How I Miss Your Smile". Dokken klangen auf "Lightning Strikes Again" gereift und abgeklärt, aber keineswegs zu routiniert oder gar uninspiriert. Das Album war das letzte Studiowerk von Dokken, die sich mit neuem Soundmaterial erst vier Jahre später in Form des Albums "Broken Bones" zurückmelden sollten.

Im November 2009 tourten Dokken durch die USA, Vorgruppe war Lynch Mob, die Band des ehemaligen Gitarristen George Lynch. Am 29. November 2009 kam es im House of Blues in Anaheim zu einer Reunion, als Lynch und Jeff Pilson gemeinsam mit Mick Brown und Don Dokken für den Zugabenteil auf die Bühne gingen und das Stück "In My Dreams" vom Album "Under Lock And Key" spielten. Im Anschluss an dieses Ereignis wurde in Fankreisen über eine bald anstehende Neuformierung der Gruppe in Originalbesetzung spekuliert, die im Mai 2010 auf der Dokken-Website durch die Frage, ob es in Kürze zu einer grossartigen Ankündigung kommen würde, angeheizt wurde. Am 8. Dezember 2010 erklärte Lynch auf seiner Website jedoch, dass es diese Wiedervereinigung nicht geben werde, obwohl er und Jeff Pilson sich wirklich darum bemüht hätten. Dass diese Reunion nicht zustande kam, sei alleine Don Dokkens Entscheidung gewesen. Wörtlich schrieb Lynch: "We feel it’s important to let folks know there will be no Dokken reunion in the foreseeable future, if ever. This is Don’s decision, despite Jeff’s and my best intentions and efforts over the past few years to make this happen in good faith. My apologies to VH1, Eddie Trunk, Steve Strange and all the fans who were pulling for this to happen". ("Wir glauben, dass es wichtig ist die die Leute wissen zu lassen, dass es in absehbarer Zeit, wenn überhaupt, kein Wiedersehen mit Dokken geben wird. Dies ist Don's Entscheidung, trotz Jeff's und meiner besten Absichten und Bemühungen in den letzten Jahren. Dies taten wir auch mit besten Gewissen. Ich entschuldige mich bei VH1, Eddie Trunk, Steve Strange und allen Fans, die an eine Wiedervereinigung geglaubt hatten".

Dokken verband in frühen Jahren einiges mit den deutschen Heavy Metal Pionieren Accept. So hatte die Band ihren Plattenvertrag mit Carrere Records nicht zuletzt durch das Zutun von Accept-Managerin Gaby Hoffmann (damals noch Gaby Hauke) ergattert. Darüber hinaus hatte der Accept Bassist Peter Baltes als Studiomusiker alle Bassspuren des Albums "Breaking The Chains" eingespielt und 1986 begleiteten Dokken die Solinger als Vorband auf ihrer 'Russian Roulette'-Europatournee.









Jul 9, 2017


ROBIN GIBB - Robin's Reign (Polydor Records 583 085, 1970)

Ende 1968 gehörten die Bee Gees, bestehend aus den Brüdern Barry, Maurice und Robin Gibb, dem Gitarristen Vince Melouney sowie dem Schlagzeuger Colin Petersen mit bis zu diesem Zeitpunkt drei veröffentlichten Studioalben und diversen Hitsingles zu den erfolgreichsten Bands der Welt. Alles hätte perfekt sein können, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Den drei Brüdern, alle noch unter zwanzig Jahre alt, war der frühe Ruhm zu Kopf gestiegen, sie stritten sich untereinander heftig, und jeder glaubte, er wäre der Star der Band. Der brillante Vince Melouney, der den oftmals orchestralen Songs der Bee Gees das eine oder andere opulente, in jedem Fall aber prägende Arrangement verpasst hatte, störte sich an den zunehmenden menschlichen Problemen innerhalb der Gruppe und stieg in der Folge aus. Zu viert machten sich die Verbliebenen an die Arbeit zu ihrem nächsten Album, das laut Barry und Maurice "Masterpiece" hätte genannt werden sollen, ehe Robin Gibb intervenierte und beschloss, dass der Titel "Odessa" lauten soll. Die internen Reibungen nahmen noch einmal zu.

Als die Plattenfirma entschied, für die A-Seite der ersten Single aus dem neuen Album "Odessa" das aus der Feder von Barry Gibb stammende "First Of May" anstelle von Robins monumentales "Lamplight" zu wählen, das schliesslich auf der B-Seite landete, war der schon länger drohende Augenblick gekommen: Robin Gibb verliess die Band und entschied sich für eine Solokarriere. Und so nahm Robins Rache vorerst seinen geplanten Verlauf. Die von ihm und Bruder Maurice ursprünglich als Bee Gees-Song konzipierte Bombastballade "Saved By The Bell" wurde im Sommer 1969 als erste Single von Robin Gibb veröffentlicht (auch als Mitkomponist wurde Maurice unterschlagen) und geriet prompt zu einem internationalen Hit. Unter anderem Nummer 2 in England und 5 in Deutschland waren die beeindruckenden Platzierungen des sich anbahnenden Erfolges. Die USA verweigerten sich hingegen, denn dort landete der Song lediglich auf Platz 87.

Während seine Brüder zunächst verdrossen, dann aber unverdrossen als Bee Gees weitermachten, begab sich Querkopf Robin an die Arbeit zu seinem ersten eigenen Album, auf dessen Cover er sich in der roten Uniform eines britischen Wachsoldaten vor einem knallblauen Hintergrund präsentierte. Dazu riesengross sein Name und der sehr selbstbewusste Albumtitel "Robin's Reign" ("Robins Regierung"). Musikalisch setzte Robin Gibb genau da an, wo er mit seinen versponnen-romantischen Songs für die Bee Gees aufgehört hatte: grosse Melodien, häufig orchestrale Arrangements und Texte, die erneut Liebesleid und jugendlicher Weltschmerz zum Inhalt hatten. Da kämpfte letztlich auch Jemand mit sich selbst und der Welt. Seine Verletzungen wurden in Zeilen wie "No more room to roam, I have lost my hope. Stars have all gone in. Which way have I been ? I'm too rich to learn, and far too cold to burn" ("Gone Gone Gone") oder "Most of my life, I've had to run away. Life was a game and I just had to play. The friends that I thought I had were never there. You look for love, but you don't know where" ("Most Of My Life") mehr als deutlich.

Das Album war letztlich voll von jenem wunderbaren Kitsch, den der Musiker so liebte, und der seine Songs für die Bee Gees so einmalig und aussergewöhnlich gemacht hatte. Da spukten die Walker Brothers ("The Sun Ain't Gonna Shine Anymore") ebenso herum wie die Beatles, wenn jene ihre klassischen Einflüsse ins Spiel brachten ("Eleanor Rigby", "She's Leaving Home", "A Day In The Life"), oder auch der damals gerade aktuelle Bombast-Grossmeister Barry Ryan ("Eloise", "Love Is Love"). Songs wie der äusserst eingängige Auftakt "August October", der, als Single ausgekoppelt und breit lanciert, seltsamerweise nur mässig erfolgreich war, "The Worst Girl In This Town", "Down Came The Sun", "Most Of My Life" oder das schleppende "One Million Years", das ebenfalls als Single ausgekoppelt wurde, machten mehr als deutlich, wer in den frühen Erfolgsjahren der wichtigste Songschreiber und Sänger der Bee Gees gewesen sein dürfte.

Dazu gab es zur Auflockerung durchaus auch Easy Listening-Pop zu hören, etwa im Song "Mother And Jack", ausserdem die tragische Mär von "Farmer Ferdinand Hudson" oder das reduzierte, aber spannende "Lord Bless All" mit seinem dräuenden Orgelklang. Robin Gibb hatte hier tatsächlich fast alles selbst gemacht: Kompositionen, Texte, Gesang, Chöre, Instrumente, Produktion. Bis auf das Orchester natürlich. Also ein Soloalbum im wahrsten Sinne des Wortes. Interessant war dabei die Verwendung einer Art frühen Drumcomputers, den Robin angeblich selbst entwickelt hatte, wobei ein echtes Schlagzeug dem Album bestimmt noch mehr positive Akzente hätte vermitteln können.

Die Platte "Robin's Reign" wurde nicht besonders erfolgreich. Im Bee Gees-Lieblingsland Deutschland reichte es zwar immerhin zu Platz 19 und das Album konnte sich auch während acht Wochen in den Charts halten, noch wichtigere Märkte wie England und die USA blieben allerdings vollkommen unbeeindruckt. Und so kam es, wie es kommen musste: Robin kehrte schliesslich in den Schoss seiner Brotherhood zurück. Der Rest war dann schlicht Popgeschichte. Ich persönlich mochte dieses Album schon immer sehr, weil es so einzigartig, so wunderbar verblasen und zugleich so voller Bee Gees-Reminiszenzen war.