Jun 15, 2023


CHARLIE WATTS - Charlie Watts Meets The Danish Radio Big Band
(Impulse Records 0602557264609, 2017)

Im Vergleich zu Mick Jagger und Keith Richards hielt sich der Rolling Stones-Schlagzeuger Charlie Watts schon immer meist diskret im Hintergrund. Aber der Musiker war nicht nur für den strammen Rhythmus der Rolling Stones verantwortlich, sondern ganz nebenbei auch noch ein hervorragender Jazz-Schlagzeuger, was er in der Vergangenheit schon des öfteren ausserhalb seiner Stammband unter Beweis stellte. Im Frühling 2017 kam ein erneuter Beweis seines hervorragenden Schlagzeugspiels in Form einer swingenden Bigband-Aufnahme mit einem Hauptakteur, der sich offensichtlich am Schlagzeug solch eines grossen Ensembles mindestens so wohl fühlte wie bei seiner Hauptband. Die Aufnahmen zu dem Werk hatte der Rolling Stone sein Swing-Album im hohen Norden mit der hervorragenden Danish Radio Big Band, welche erst vor kurzem auch ein exzellentes Live-Album mit dem Jazzsänger Curtis Stigers aufgenommen hatte. Das Ergebnis war Watts' bislang gelungenster Seitensprung ins Jazzfach. Neben bekannten Jazzstandards und einer Suite aus der Feder von Watts wurden auch die drei Rolling Stones-Klassiker "Satisfaction", "You Can’t Always Get What You Want" und "Paint It Black" zum swingen gebracht. Heraus kam ein echtes Meisterwerk moderner, groovender Bigband-Musik für Jazz- wie für Rolling Stones-Fans gleichermassen.

Als Charlie Watts vor vielen Jahren von Kollegen einer neuen Band gebeten wurde, etwas Rhythm'n'Blues-artiges zu spielen, stand er zunächst einmal auf dem Schlauch. "Ich wusste nicht, was das war", erinnerte er sich Jahrzehnte danach. "Ich dachte, ich sollte etwas Charlie Parker mässiges spielen, nur mit angezogener Handbremse". Denn Watts, der später als einer der grössten Schlagzeuger in die Annalen der Rockmusik eingehen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch ein etwas verbohrter, mit Scheuklappen versehener Jazzmusiker. Er war mit der Musik von Jelly Roll Morton, Charlie Parker und Thelonious Monk aufgewachsen und wurde durch eine Aufnahme mit Chico Hamilton dazu inspiriert, sich selbst ein Schlagzeug zuzulegen. Natürlich wurde er später dann doch auch für Rockmusik offen - der Rest ist Geschichte. Und seit nunmehr über fünfzig Jahren ist er aus den Rolling Stones ebenso wenig wegzudenken wie Mick Jagger und Keith Richards. Seine Liebe zum Jazz hat sich Charlie Watts trotzdem immer bewahrt. Das zeigt er besonders schön mit ungemein viel Verve und Leidenschaft auf dem Album "Charlie Watts Meets The Danish Radio Big Band", das er für das traditionsreiche Jazzlabel Impulse! Records aufgenommen hat. Und bei dem hatten bekanntlich auch seine Idole Chico Hamilton und Elvin Jones einst einige ihrer besten Soloalben herausgebracht.

Für Charlie Watts bedeutete dieses Album jedoch bei weitem nicht der erste Rückfall zum Jazz. Schon zu Mitte der 80er Jahre hatte er eine eigene Bigband mit prominenten Jazzmusikern wie Stan Tracy, Evan Parker und Courtney Pine gegründet, die durch die ganz Welt tourte. Dann bildete er Anfang der 90er Jahre ein Quintett mit dem Bassisten und Jugendfreund David Green, dem Altsaxophonisten Peter King, dem Pianisten Brian Lemon und dem Trompeter Gerard Presencer. Letzterer, ansonsten bekannt für seine Zusammenarbeit mit  US3, The Brand New Heavies, Matt Bianco, Zero 7, Incognito, Ray Charles, Joni Mitchell und Chick Corea, initiierte 2010 auch das Charlie Watts-Projekt mit der Danish Radio Big Band. Der Trompeter Gerard Presencer war ein Jahr zuvor nach Kopenhagen gegangen, um ein Engagement bei eben dieser Band anzutreten. Als Charlie davon hörte, rief er ihn an und liess nebenbei im Gespräch fallen, dass er selbst auch einige Monate lang als Grafik-Designer in Dänemark gearbeitet und sich in seiner Freizeit in die dortige Jazz- und Bluesszene gestürzt hatte. Das brachte Presencer spontan auf die Idee zu dem Projekt, das nach jahrelanger Feinarbeit im April 2017 endlich das Licht der Welt erblickte. Als Gastmusiker mit von der Partie war auch Charlie's alter Freund Dave Green.

"Bei der Auswahl des Programms war es wichtig, sich auf den Groove zu konzentrieren", erläuterte der Projekt-Leiter Gerard Presencer. "Wir entwickelten Material mit einem Feeling für Rhythm’n’Blues, Jazz im Stil der 60er Jahre, der an die tanzbaren Blue Note Tracks jener Zeit erinnerte, afrikanische Rhythmen und auch ein bisschen Bossa Nova. Das waren alles Stile, die ich mit Freude schon in verschiedenen Bands mit Charlie und Dave gespielt hatte. Dave Green am Bass als Special Guest dabeizuhaben, war essenziell, weil er und Charlie als Jugendfreunde (sie wuchsen Tür an Tür in Wembley im Norden Londons auf) diese stillschweigende psychische Verbindung hatten, die Bassisten und Schlagzeuger brauchen. Mit ihrem unglaublichen Einfühlungsvermögen ermöglichten sie bei diesen Aufnahmen dem Rest der Band manchmal  so ungezwungen zu sein, dass sie sich wirklich austoben und etwas riskieren konnten. Wenn eine Band von diesem Niveau so richtig Gas gibt, ist sie unwiderstehlich!" Unter dem Strich resultierte daraus eines der am schönsten swingenden Jazzalben der letzten Jahre. Da die Rolling Stones jedoch noch immer ungebrochen die Aufmerksamkeit der Rockmusikwelt erhalten, möchte ich unbedingt auf dieses hervorragende Werk aufmerksam machen, damit es nicht vergessen gehen wird.

Charlie Watts besuchte die Fryant Way Infants School in Kingsbury. Seit 1952 ging er auf die Tylers Croft Secondary Modern School. Mit 13 Jahren kaufte er sich ein Banjo, verlor aber schnell die Lust am Spielen und funktionierte es zu einer Trommel um. Zu Weihnachten 1955 bekam er von seinen Eltern Linda und Charles ein einfaches Schlagzeug geschenkt und fand Gefallen am Instrument. Zu dieser Zeit war er von Schlagzeuger Chico Hamilton beeinflusst. 1960 verliess Watts die Kunstschule Harrow Art School und arbeitete für eine Werbeagentur. 1961 entwarf er mit 'Ode To A High Flying Bird' ein Kinderbuch über Charlie Parker, welches erstmals 1965 veröffentlicht wurde. Seit 1960 spielte Charlie Watts in der Band Blues By Five. Auf ihn aufmerksam geworden, bot Alexis Korner ihm 1961 an, seiner Band Blues Incorporated als Schlagzeuger beizutreten, doch Watts musste beruflich bis Februar 1962 nach Dänemark. Nach seiner Rückkehr nach England spielte er im Trio des Komikers und Pianisten Dudley Moore, doch kurz darauf trat er Blues Incorporated bei. Bei einem Auftritt im Ealing Club 1962 traf Watts erstmals Brian Jones. Dieser wurde nun ebenfalls als Gitarrist Mitglied bei Blues Incorporated. Nach einem Auftritt im April 1962 wurde der junge Mick Jagger als Sänger der Band engagiert.

Im Juni 1962 trennten sich Brian Jones und Mick Jagger von Blues Incorporated und gründeten mit Keith Richards, Dick Taylor, Ian Stewart und Mick Avory die Rolling Stones. Im Dezember 1962 verliess dann auch Charlie Watts Blues Incorporated, da er sich für nicht gut genug hielt, um mit so ausgezeichneten Künstlern zusammenzuspielen. Zur gleichen Zeit wurde bei den Rolling Stones der Bassist Dick Taylor durch Bill Wyman ersetzt. Da auch Mick Avory die Rolling Stones verliess, um bei den Kinks einzusteigen, trat die Band kurzzeitig ohne Schlagzeuger auf. Nach einem Aufnahmegespräch zwischen Ian Stewart und Charlie Watts traten die Rolling Stones am 12. Januar 1963 erstmals mit Charlie Watts am Schlagzeug auf, eine Besetzung, die Jahrzehnte Bestand haben sollte. Auf Grund seines trockenen, direkten Schlagzeugstils gilt er als das rhythmische Fundament der Band und wurde 1989 mit dieser in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. In den 70er und 80er Jahren war Watts lange alkoholabhängig, konnte sich aber durch Selbstdisziplin und Konsequenz erfolgreich von dieser Sucht lösen. In den 80er Jahren tourte er mit einer eigenen Big Band, der Musikerkollegen wie Jack Bruce, Evan Parker und Courtney Pine angehörten. 2001 war er in Japan mit einem Tentett, das sich auf Jazz konzentrierte.

Seit 2010 war Charlie Watts vermehrt mit der 2009 gegründeten Band The ABC&D of Boogie Woogie unterwegs. Die Buchstaben A, B, C und D standen dabei für die Anfangsbuchstaben der Vornamen der Bandmitglieder. Neben Watts waren an dem Boogie Woogie- und Swing-Projekt die beiden Pianisten Axel Zwingenberger und Ben Waters sowie der Kontrabassist Dave Green beteiligt, mit dem Charlie Watts seit dem fünften Lebensjahr befreundet war. Sie spielten unter anderem Konzerte in Monaco, Paris, in der Londoner Royal Festival Hall, in Hamburg, München, Prag, Monte Carlo, Graz und Bad Ischl. Ende Oktober 2010 folgte ein weiterer Auftritt im Rahmen des Festivals Steinegg Live in Steinegg bei Bozen. Auch 2011 und 2012 ging die Band auf kleinere Tourneen, 2012 trat sie dabei erstmals ausserhalb Europas in New York auf. Das 2017 veröffentlichte Album mit der Danish Radio Big Band war bereits das zwölfte Werk von Charlie Watts ausserhalb seiner Stammformation, der Rolling Stones.





JILTED JOHN - True Love Stories (EMI/Rabid Records INS 3024, 1978)

In jenen Tagen, da Punk in Grossbritannien in aller Munde war, krochen selbst die unbedarftesten und dilettantischsten Möchtegern-Musiker aus ihren muffigen Löchern hervor und ballerten ihre zwei bis maximal drei Minuten langen Krachsalven in Richtung Publikum ab, und nicht wenige dieser Salven entpuppten sich als hohles Gegröle angesoffener Rüpel, die mit ihrer Urschreitherapie einfach nur Aufsehen erregen wollten. Es gab darunter aber auch immer wieder Künstler, die vielleicht nicht eben ihre drei Minuten 'Fame' erhielten, dafür später gerne zitiert wurden, wenn es um Originalität oder Relevanz ging. Und dann gab es diese Typen, die eigentlich nicht dazu geboren waren, sich auf einer Platte zu verewigen, weil ihnen jedwelche Talente abgingen, es aber trotzdem taten. Zu diesen Figuren gehörte der damals 18 Jahre alte Drama-Student am Polytechnikum in Manchester mit Namen Graham Fellows. Wie so viele Andere nutzte auch er die Gelegenheit und die Gunst der Stunde. Alles war erlaubt, eine Single-Einspielung kostete nicht viel und die Erfolgsaussichten waren aufgrund des allgemeinen Hypes auch gegeben: Dank der Punkwelle konnte so ziemlich Jeder einen Song aufnehmen und per Single für knappe drei Minuten zum Star werden. Graham Fellows nahm gleich ein paar Songs auf, schickte sie an das Plattenlabel Rabid Records in London, das neben dem Szene-Star Stiff Records das zweite Independent-Label war, das sich recht erfolgreich und engagiert dem Punk angenommen hatte und durfte eine Single veröffentlichen. Die Firma nannte ihren neuen Künstler Jilted John, denn so war die Rückseite der Single betitelt, aber diverse Radiostationen verliebten sich sofort in den naiven Pop-Knaller, so dass die Seiten eilig vertauscht wurden.

Was folgte, war eines jener Märchen, wie sie vor den Punkwirren nicht wirklich denkbar gewesen waren. Die Verkaufszahlen stiegen kontinuierlich und das Musikmagazin New Musical Express ernannte die Single "Jilted John" von Jilted John zur Platte der Woche, die grosse Plattenfirma EMI Records sicherte sich die Rechte, und als die Single schliesslich auf Platz vier der britischen Charts stand, waren bereits eine halbe Million Exemplare des Scheibchens verkauft worden. In einigen Interviews spielte Graham Fellows die 'Jilted John'-Rolle des Chips süchtigen Anorak-Losers, dem die Mädchen reihenweise wegliefen und der gerade seine letzte Flamme an den rücksichtslosen Aufreisser Gordon, der von seinem musikalischen Partner Bernard Kelly dargestellt wurde, verloren hatte, mit Verve und Überzeugung. Die Zeitungen druckten den ganzen Quark, den Jilted John ihnen erzählte, und als im Dezember 1978 sogar ein ganzes Album mit den fröhlich-traurigen Blödel-Geschichten über Kumpels, Partys, Chips und Mädchen erschien, war auf der ganzen Welt nur einer enttäuscht: Graham Fellows selbst, der die Platte für überproduziert hielt und in seinen Ohren überhaupt nicht mehr Punk war. Heutige Ohren mögen ihm da teilweise durchaus recht geben. Die Songs auf dem Album "True Love Stories" hatten mit den Rüpeleien von Sham 69, Sex Pistols oder Angelic Upstarts nichts zu tun, es klang viel eher wie ein gemeinsames Party-Demo von Blur und Pulp. Und es hatte durch den Zahn der Zeit nichts von seiner überwältigenden Qualität eingebüsst. Noch immer schwankte man beim Hören zwischen spontaner Solidarität mit dem armen naiven Kerl, schenkelklopfendem Lachen über seine melancholische Trotteligkeit und kopfschüttelndem Staunen über die totale musikalische wie textliche Unpeinlichkeit des gesamten Albums.

An der Naivität aller Beteiligten musste die ganze Sache schliesslich auch scheitern. Eine Woche vor Weihnachten erschienen, ging die Platte "True Love Stories" in der Flut der ganzen Weihnachtsplatten unter wie ein Stück Gold in einem Ozean von Gülle. Da half auch eine flammende Lobeshymne der für das Gegenteil berüchtigten Julie Burchill nichts. Als im Januar 1979 die zweite Single erschien, war Graham Fellows schon wieder Student und Jilted John vergessen, abgesehen von 1.000 glücklichen Käufern des Albums, die es über die Jahre hüteten wie einen Schatz. Dass Damon Albarn und Jarvis Cocker, obwohl beide nur im Besitz einer Kassetten-Kopie, ebenso zu Fellows' Verehrern gehörten wie Carter USM, musste man nach dem Hören des inzwischen auch auf CD erschienenen, liebevoll verpackten und kommentierten Klassikers (inklusive der Original-Version von "Jilted John" und der 'Antwort-Single' von Gordon The Moron) gar nicht mehr erwähnen. Das hörte man ebenso schnell, wie man Fellows' unwiderstehlichem Charme erlag: sofort.

Wer ist eigentlich dieser liebevoll naive Querkopf ? Graham David Fellows, geboren am 22. Mai 1959 in Sheffield England ist eigentlich ein Comedykünstler und Musiker, der bis heute in England vor allem in seinen Rollen als Comedy-Künstler unter dem Pseudonym John Shuttleworth und als Musiker unter dem Namen Jilted John bekannt ist. Die Single "Jilted John" machte ihn über Nacht bekannt. Mit dieser naiven Lovestory im autobiographischen Stil, in welcher er seine geliebte Julie an den Macker Gordon verliert "just 'cause he's better lookin' than me, just 'cause he's cool and trendy" traf er die Herzen der jungen Briten. Fellows sagte später zu seinem ersten Erfolg: "I'd written a couple of songs and I wanted to record them. So I went into a local record shop and asked if they knew any indie or punk labels. They said there were two, Stiff in London and Rabid just down the road. So I phoned Rabid up, and they told me to send in a demo. We did the demos with the late Colin Goddard of Walter & the Softies on guitar, and the drummer and bass player of the Smirks. I took it along to Rabid, who loved it. So we re-recorded it a few days later, at Pennine Studios, with John Scott playing guitar & bass and Martin Zero (aka Martin Hannett) producing". Das Stück "Jilted John" lancierte der populäre Radio-DJ John Peel in seiner Show auf BBC Radio One als nächstes grosses Ding und sprach bereits von einem grossen Hit, und dass eine namhafte und grosse Plattenfirma hinter dem Künstler stehen würde. Was später ja auch eigentlich stimmte, als EMI Records sich die Rechte an Fellows' Songs sicherte und sie noch einmal neu einspielen liess und veröffentlichte.

Als der Song in der bekannten TV-Sendung 'Top Of The Pops' vorgestellt wurde, kündigte der Sendungs-Moderator David Jensen den Song als "one of the most bizarre singles of the decade" an und verhalf dem Song dadurch noch zusätzlich zu Reputation. Nachdem "Jilted John" so erfolgreich war, haute EMI Records kurz darauf zwei weitere Singles raus, die aber floppten, auch weil sie wesentlich naiver als der Hit klangen und vom Publikum inhaltlich wohl bereits als müde Kopien seines Hits wahrgenommen wurden. Die nachgereichte LP, die quasi ein Pseudo-Konzeptalbum war und unter dem Titel "True Love Stories" ausschliesslich Songs mit Texten aus Fellows' eigenem Loser-Tagebuch präsentierte, verkaufte sich für Major Company-Verhältnisse natürlich genauso miserabel, weshalb das Kapitel 'Jilted John' damit eigentlich bereits wieder abgeschlossen war. In späteren Jahren erinnerte man sich allerdings immer wieder mal an den verschrobenen Musiker, der inzwischen vor allem als Comedy-Künstler in England bekannt geworden war. Fellows holte die 'Jilted John'-Figur erstmals im Jahre 2008 am Big Chill Festival noch einmal aus der Mottenkiste, präsentierte zusammen mit Bernard Kelly einen neuen Song über Keira Knightley's ultradünne Figur. Im Dezember 2014 gewann Fellows als 'Jilted John' den 'One Hit Wonder World Cup' in der BBC Radio 6 Music Steve Lamacq Show. 2015 kündigte Fellows ausserdem an, dass er sein Alter Ego 'Jilted John' für das Rebellion Festival 2016 in den Winter Gardens in Blackpool noch einmal aufleben lassen würde.

Bereits im Jahre 1986 kreierte Graham Fellows die Figur John Shuttleworth, einen Singer-Songwriter aus Sheffield, South Yorkshire, einen stillen Künstler mit abstrusen Ansichten. Seine ganzen musikalischen Fähigkeiten entsprangen einem billigen Yamaha PSS Alleinunterhalter-Keyboard, mit dem er hirnverbrannte Elaborate wie etwa den Titel "Pigeons In Flight" zum besten gab: Einen Song, den Shuttleworth als seinen Beitrag zum European Song Contest sah. Eine Fake-Dokumentation, die auch im englischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, hatte seine ernsten Absichten bezüglich des European Song Contests zum Inhalt. Er nannte diese Dokumentation "Europigeon" und liess in ihr vergangene ESC-Künstler wie Clodagh Rogers, Lynsey De Paul, Bruce Welch, Katrina Leskanich (bekannt als Katrina And The Waves), Johnny Logan, Cheryl Baker und die Gruppe Brotherhood Of Man auftreten und zu Wort kommen. Unter diesem Pseudonym, also John Shuttleworth hat Graham Fellows bis heute zahlreiche Alben und Singles veröffentlicht mit mehrheitlich Comedy-Inhalt. Der Comedybereich war auch für zwei weitere Figuren, die Fellows ins Leben rief, verantwortlich: Er spielte Brian Appleton, einen Rockmusik Historiker, der mit seiner Freundin Wendy zusammenlebt, eine Aromatherapeutin, die tragischerweise allergisch auf ihre eigenen Essenzen reagierte, zusammenlebte. Ebenso erfand er die Figur Dave Tordoff, einen Tüftler, der ein neuartiges Gerät zur Teppichreinigung erfunden hat, dessen grösster Wunsch es war, eines Tages so gut als Conferencier auftreten zu können wie der ehemalige Fussballstar Kevin Keegan. Im Jahre 1982 spielte Graham Fellows die Rolle des Paul McCartney in der Theateraufführung "Lennon" von Bob Eaton im Crucible Theatre in Sheffield. Unter seinem richtigen Namen veröffentlichte er 1985 ausserdem ein weiteres Album mit dem Titel "Love At The Haçienda". Es erhielt hervorragende Kritiken, verkaufte sich aber praktisch gar nicht, nur in Japan gilt es inzwischen schon fast als Kult-Album.








 
THE RED CRAYOLA - The Parable Of Arable Land
(International Artists IA-LP-2, 1967)

Red Krayola (vormals The Red Crayola, später The Red Krayola) waren eine Psychedelic-und Avantgarde-Rockband aus Houston, Texas. Die Band wurde 1966 von Sänger, Gitarrist und 'Visual Artist' Mayo Thompson gegründet. Sie gehörte zu den am längsten aktiven Independent Rock Bands. Ihr experimenteller Stil nahm stilistisch die Musik der Punk- und der No Wave Szene der 80er Jahre in New York City vorweg. Zur ersten Besetzung gehörten neben Thompson auch der Schlagzeuger Frederick Barthelme (der Bruder des Schriftstellers Donald Barthelme) und Steve Cunningham. Die drei Gründungsmitglieder studierten Kunst an der University of St. Thomas in Texas. Das Trio begann, live aufzutreten, und spielte überwiegend Coverversionen, daneben füllten sie ihre Auftritte mit experimentellen Jams. Rasch erspielte sich die Gruppe eine kleine Fangemeinde innerhalb der Hippie-Szene, die sich selber 'The Familiar Ugly' nannte. Lelan Rogers, der Bruder von Kenny Rogers und Inhaber des Plattenlabels International Artists, sah die Band bei einem Auftritt in einem Einkaufszentrum und ermöglichte ihr, ein erstes Album aufzunehmen. An den Aufnahmen war neben den Bandmitgliedern auch der damals bereits sehr bekannte und erfolgreiche Roky Erickson beteiligt, der zu zwei Songs die Harmonika- und Orgel-Passagen einspielte. Ebenfalls auf dem Album zu hören waren die Familiar Uglies, von denen die als "Free-Form Freak Out" bezeichneten Zwischenspiele zwischen den einzelnen Songs stammten.

Das Album wurde damals praktisch live und in einem Durchgang an einem einzigen Tag aufgezeichnet. Neben der von Mayo Thompson an der Gitarre und dem Gesang, Steve Cunningham am Bass und Rick Barthelme am Schlagzeug gespielten psychedelischen Songs lieferten mehr als fünfzig Freunde der Band die sogenannten "Free Form Freak-Out" Tracks, die zwischen den Songs auf dem Album platziert wurden. Die wurden von der Band angewiesen, zu spielen, was sie wollten. Die Liner Notes eines gewissen 'General Fox', der vermutlich der Produzent Lelan Rogers war, da dieser bei der Aufnahme-Session anwesend war, erklärte, wie die ganze Aufnahme zustande kam und wie die Musiker und ihre vielen Hippie-Freunde zusammen dieses durchaus schräge und experimentelle 'Projekt' realisierten. Roky Erickson von den beim selben Plattenlabel ihre Alben veröffentlichenden 13th Floor Elevators spielte auf allen Titeln die Orgel und auch das Solo auf dem ersten Track des Albums "Hurricane Fighter Plane".

Während die Songs den typischen Stil von Mayo Thompson vorstellten, war es indes die Einbeziehung der "Free Form Freak-Outs", für die das Album später bekannt wurde und auch blieb. Sie wurden von vielen Kritikern als eine direkte Vorstufe zur Industrial-Musik gesehen, die sich in den 70er Jahren zu etablieren begann. Während das Album damals als psychedelisches Werk vermarktet wurde, hatte es auch viel mit modernen Komponisten des 20. Jahrhunderts und der Avantgarde gemein, vergleichbar mit Frank Zappa's damaligen Arbeiten. Thompsons Texte, die sich in den oft surrealen Ton typischer psychedelischer Texte aus den 60er Jahren einfügten, zeigten tatsächlich einen wesentlich literarischeren und künstlerischeren Ansatz als das, was in der Rockmusik zu jener Zeit üblich war. Auf der anderen Seite argumentierte der Musikkritiker Richie Unterberger, dass "Hurricane Fighter Plane" eine der spannendsten amerikanischen Annäherungen an Syd Barrett von Pink Floyd gewesen sei. Das Non-Traditional und avantgardistischste der sechs Stücke war der Titelsong. Es war instrumental gehalten und bot imgrunde nur eine spärliche und exotisch klingende Perkussions-Schleife mit minimaler Improvisation, die sich intensiv entwickelte und sich dann im Laufe von etwa drei Minuten wieder beruhigte. Dies war nicht Teil der "Free Form Freak-Outs", da es etwas orchestriert zu sein schien. Dieser Track implizierte insbesondere die eklatante minimalistische und nicht-kommerzielle Natur ihrer Musik.

In späteren Rezensionen nannten viele Kritiker das Werk eines der visionärsten Alben des Jahres 1967. Alle Tracks wurden von Rick Bartholme, Steve Cunningham und Mayo Thompson geschrieben. Das Debutalbum erfüllte leider nicht die kommerziellen Erwartungen der Plattenfirma, weswegen diese sich zunächst weigerte, ein weiteres Album zu veröffentlichen. Der Schlagzeuger Barthelme verliess daraufhin Red Krayola und wurde durch Tommy Smith ersetzt. Das in dieser Besetzung eingespielte Album "God Bless The Red Krayola And All Who Sail With It" erschien dann 1968 trotzdem bei International Artists. Die Verkaufszahlen waren jedoch erneut sehr schlecht und Red Krayola trennten sich wenig später. Thompson verfolgte anschliessend eine Solokarriere. In den 70er Jahren verlegte er deswegen seinen Wohnsitz nach London und kollaborierte mit Art & Language und Pere Ubu. 1976 erschien das zusammen mit Art & Language aufgenommene Album "Corrected Slogans", auf dem unter anderem frühe Versionen von Stücken wie "Keep All Your Friends" und "The Mistakes Of Trotsky" zu hören sind, die 1981 für das Album "Kangoroo" erneut aufgenommen wurden.

1979 erschien das vierte Album "Soldier Talk", die Schreibweise des Bandnamens musste wegen rechtlicher Belange in Red Crayola geändert werden. 1981 folgte "Kangaroo", das unter dem Namen The Red Krayola with Art & Language erschien und an dem bekannte Experimentalmusiker wie Allen Ravenstine (Synthesizer), Gina Birch und die Musiker der Formation Epic Soundtracks mitwirkten. Das Album thematisierte den Kommunismus in der damaligen UdSSR mit Liedern wie "A Portrait of V. I. Lenin In The Style of Jackson Pollock" oder "The Mistakes Of Trotsky". Ravenstine sowie Art & Language waren auch an dem 1983 veröffentlichten Album "Black Snakes" beteiligt. Nach dessen nur wenig beachtetem Release widmete sich Thompson wieder mehr der Arbeit als Musikproduzent. Nachdem er seinen Wohnsitz nach Düsseldorf verlegt hatte, nahm er mit einer Begleitband um den deutschen Musiker Rüdiger Carl das Album "Malefactor, Ade" auf, das 1989 veröffentlicht wurde. In den 90er Jahren zog er zurück in die USA nach Chicago. Beim Plattenlabel Drag City erschienen die 12″-Single "Three Songs on a Trip to the United States" (1993) mit fünf Live-Aufnahmen sowie mit "Red Krayola" (1994), "Hazel" (1996) und "Fingerpainting" (1999) drei weitere Studioalben, auf denen er mit Jim O’Rourke, John McEntire und der Gruppe Tortoise zusammenarbeitete. Anlässlich des 40-jährigen Bandbestehens veröffentlichte Thompson 2006 das Album "Introduction", 2007 "Sighs Trapped By Liars" und 2008 das Remix-Album "Fingerpointing". 2010 erschien das bislang letzte Album "Five American Portraits" unter dem Bandnamen The Red Krayola with Art & Language.

Im Frühjahr 2012 nahm Red Krayola aktiv am dreimonatigen Ausstellungsbetrieb der Whitney Biennial 2012 teil. Der Ansatz der Band war zunächst, der British Invasion etwas Eigenes und Neues entgegenzusetzen. Dabei entwickelten Red Krayola eine Form der experimentellen Rockmusik, die nicht wie bei anderen Experimentalgruppen wie etwa The 13th Floor Elevators oder The Electric Prunes auf Rhythm'n'Blues, Jazz oder klassischer Musik basierte. Das Debütalbum "The Parable Of Arable Land" war geprägt von Thompsons Gitarrenspiel, das weniger durch Rhythmik und mehr durch Texturen geprägt war und später als Vorreiter für den Post-Punk galt. Das zweite Album "God Bless The Red Krayola And All Who Sail With It" war wesentlich songorientierter und bestand aus kurzen, eingängigen Stücken, die ausschliesslich mit Gitarre, Bass und Gesang instrumentiert waren. Später näherte sich die Musik dem Post Punk und der No Wave an. Mit den Veröffentlichungen der 90er Jahre gelang es Thompson, seine musikalischen Ideen durch die Beteiligung junger Avantgarde-Musiker wie Jim O’Rourke, John McEntire oder David Pajo (Slint) in zeitgemässem musikalischen Sound zu präsentieren.







Mar 30, 2023


DREAM THEATER - Octavarium (Atlantic Records 83793-2, 2005)

Nachdem die Progmetaller von Dream Theater mit dem eher harten Vorgängeralbum "Train Of Thought" in Richtung Trash Metal gefahren waren, kehrten sie mit ihrem achten Album "Octavarium" wieder zu einem deutlich progressiveren Stil zurück, der in mancherlei Hinsicht auch ein grosser Schritt vorwärts bedeutete. Zum einen arbeiteten Dream Theater für dieses Album erstmals mit einem kompletten Orchester zusammen, was für die Band noch ungewöhnlich, im progressiven Rock allerdings durchaus bekannt war und ist. "Octavarium" war auch das letzte Album, das Dream Theater auf dem Plattenlabel Atlantic Records herausbrachte, nachdem die Gruppe während insgesamt 14 Jahren bei der Firma unter Vertrag gestanden hatte. Zu guter Letzt war es auch das letzte Werk, das die Band im Hit Factory-Studio in New York aufgenommen hatte, denn kurz nachdem die Band die Aufnahmen beendet hatte, wurde dieses geschichtsträchtige Studio für immer geschlossen. Gemessen an den üblichen kommerziellen Erfolgen von Veröffentlichungen einer progressiven Rockband war Dream Theater's "Octavarium" nachgerade ein Ueberflieger: Das Album erreichte in vielen Ländern Spitzenpositionen in den Charts, so etwa die Top 5 in Finnland, in Italien und in Schweden, sowie die Top Ten in Polen, den Niederlanden, in Norwegen und in Japan. Ein Thema, das sich auf verschiedenen Ebenen durch das gesamte Album "Octavarium" zog, war die Oktave, und damit zusammenhängend die Zahlen 8 und 5. Eine Oktave ist ein Intervall von acht Tonstufen, und Fünf ist die Anzahl der Halbtöne innerhalb einer Oktave (die schwarzen Tasten auf dem Klavier). Der Grund für dieses Konzept könnte darin liegen, dass es sich bei "Octavarium" um das achte Studioalbum der Band handelte.

Auf die Acht, respektive auf die Oktave wurde schon im Albumtitel angespielt, aber auch die Anzahl der Songs in dem Album betrug acht. Die Tonarten, in denen die Songs geschrieben worden waren, sämtliche im übrigen in der Tonart Moll, umfassten ebenfalls genau eine Oktave: Der Beginn erfolgte in "f", daraufhin erklangen in aufsteigender Reihenfolge "g", "a", "h", "c", "d", "e" und schliesslich wieder "f". Dazu passend war auf der Rückseite der CD-Hülle ein mit "f" beginnender Abschnitt einer Klaviertastatur angedeutet, der eine Oktave umfasst, und auf der die Songtitel auf die jeweils dem Grundton der Tonart entsprechenden Taste gedruckt sind. Auch die acht Kugeln und die fünf Vögel auf dem Albumcover liessen sich als weisse und schwarze Klaviertasten deuten, die von einem "f" zu dem darüberliegenden "f" gingen. Zahlreiche weitere, mehr oder weniger versteckte Hinweise auf die Oktave, respektive auf die Zahlen Acht und Fünf wurden in die Stücke selbst, in ihre Songtitel und in die Illustrationen im Booklet eingebaut. Ein weiteres Thema des Werks war die Zirkularität aller Dinge: Der Gedanke, dass sich die Geschichte im Kreis bewegt und alles irgendwann wiederkehrt, so wie der Endpunkt eines Oktavenintervalls zugleich der Anfangspunkt des nächsten ist. Dies drückte sich unter anderem im Tonartenschema des Albums aus, das von "f" zu "f" führte, oder darin, dass das Album mit derselben Note begann, mit der auch das Vorgängeralbum "Train Of Thought" endete. Neben expliziten Erwähnungen des Themas in den Texten fanden sich auch zahlreiche textuelle und musikalische Anspielungen auf frühere Songs von Dream Theater selbst und von anderen Bands. Auch in den Illustrationen kam dieses Thema vor, unter anderem im immer wieder zurückschwingenden Kugelstosspendel auf dem Cover.

Ursprünglich sollte das Album "Octave" betitelt werden, aber als die Progressive Rockband Spock’s Beard Anfang 2005 ihr ebenfalls achtes Album "Octane" herausbrachte, beschloss Dream Theater den Albumnamen mehr von diesem zu differenzieren. Nach Ankündigung des Namens "Octavarium" gab es unter den Fans viele Spekulationen, was dieser Titel bedeuten könnte. Sprachwissenschaftlich betrachtet handelt es sich bei "Octavarium" um ein lateinisches, respektive aus dem Lateinischen entlehntes Wort, bestehend aus dem Wortstamm Octav- (von octavus = "der achte" bzw. octava = "die achte", davon abgeleitet "die Oktave") und dem Suffix -arium (Neutrum von -arius), dessen Grundbedeutung "...betreffend" ist. Die wörtliche Bedeutung von "Octavarium" kann also ungefähr mit "das Achte betreffend" oder "Oktaven betreffend" umschrieben werden, was gut zum Konzept des Albums passt. Mit dem erwähnten Suffix gebildete Wörter sind im Lateinischen Adjektive, die aber auch oft substantiviert werden. In letzterem Falle wird das Hauptwort nicht genannt, sondern muss aus dem Kontext geschlossen werden (hierzum Beispiel "... betreffendes Album" oder ähnlich). Das Wort "Octavarium" existierte schon im nachklassischen (spätantiken) Latein und bezeichnete damals eine Steuer in Höhe von 1/8 (wörtliche Bedeutung in diesem Fall: "den achten Teil betreffende Steuer"). Als Werktitel kam das Wort auch im "Octavarium Romanum" ("Römisches Octavarium") vor, einem die katholische Liturgie behandelnden Buch aus dem Jahr 1628 ("liturgische Oktaven betreffendes Buch"). Ob diese zeitlich weit zurückliegenden und inhaltlich abgelegenen Verwendungen des Wortes einen Einfluss auf den Namen des Dream Theater Albums hatten, sei dahingestellt. Die auf Internetforen weit verbreitete Auflösung des Namens in octa + varium mit der angeblichen Bedeutung "acht Variationen" ist grammatikalisch jedenfalls nicht korrekt (was natürlich nicht ausschliesst, dass Dream Theater theoretisch auch eine solche Deutung vorgeschwebt haben könnte).

Denkt man nun musikalisch betrachtet beispielsweise an die sehr gute, aber eher untypische Platte "Six Degrees Of Inner Turbulence" (CD 1), oder das zuvor veröffentlichte Album "Train Of Thought", oder aber das kitschige Gesamtwerk der zweiten CD von "Six Degrees Of Inner Turbulence", so fiel einem immer wieder die Variationsfähigkeit der Gruppe Dream Theater auf. Auch hier liess sich die Gruppe neben dem bedeutungsschwangeren inhaltlichen Gesamtkonzept in musikalischer Hinsicht etwas spektakulär Neues einfallen, insbesondere durch die Mitarbeit eines kompletten Orchesters. Aber nicht nur das. Auch immer mehr und deutlich hörbare Reminiszenzen an die Mitt-70er Pink Floyd Sphärenmusik hielten Einzug in die Arrangements der Songs. Insbesondere der überlange Einstieg in das sich über 24 Minuten erstreckende Titelstück "Octavarium" erinnerte an die Einleitung von Pink Floyd's "Shine On You Crazy Diamond"-Thema der Platte "Wish You Were Here". Aehnlich wie die Entwicklung bei anderen progressiven Rockbands wie etwa der Flower Kings, konnte man auch bei Dream Theater einen immer stärker werdenden Hang hin zum symphonischen Wohlklang vernehmen, der gerade hier auf "Octavarium" erstmals so üppig zum tragen kam.

Das erste Stück des Albums, "The Root Of All Evil" folgte den thematischen und auch musikalischen Konzepten der früher veröffentlichten Songs "The Glass Prison" und "This Dying Soul". Letzteres wurde sogar auch im Song zitiert. Gleich am Anfang gab die Band um John Petrucci alles: Mike Portnoy spielte ein absolut dynamisches, vorwärtspreschendes hartes Drumming, Keyboarder John Myung lieferte erstklassige Keyboard-Passagen und JohnPetrucci leistete gitarristische Schwerstarbeit. James LaBries' Stimme war dem Song deutlich besser angepasst als bei den beiden zuvor veröffentlichten Alben der Gruppe. "The Answer Lies Within" war die Ballade des Albums und meiner Meinung nach die beste seit dem Werk "Scenes From A Memory". Aufgelockert wurde der Song deutlich durch den leichten orchestralen Bombast. "These Walls" war unbestritten der grosse Ohrwurm des Albums: So locker und eingängig hatte man die Band bis dato eher weniger gehört, doch inzwischen gehörten eingängige, fast schon poppige Melodien fest zum Repertoire der Gruppe. Schnell fiel indes auf: Wenn Dream Theater versuchten Bombast einzubauen, gelang ihnen das grundsätzlich immer. Besonderes Lob galt in diesem eher verklärten, leicht melancholisch wirkenden Song deutlich Rudess und seinem Keyboard, aber auch James LaBrie sang hier so schön wie selten zuvor. Besonders bei der sich stetig aufbauenden Bridge, die in einem wohlarrangierten Amalgam aus den Zutaten Petrucci, Rudess und vor allem Portnoy endete, war Gänsehautstimmung garantiert.

Der nächste Song "I Walk Beside You" reihte sich in Werken wie "Innocence Faded" oder "You Not Me" ein, schlug aber vor allem Zweitgenanntes mühelos. Eine Nummer, die auch locker als Single hätte erscheinen können, doch Dream Theater wären nicht Dream Theater, wenn man nicht etwas mehr als simple Radiokost erwarten durfte. Besonders Jordan Rudess gab diesem Track kurz vor den Refrains einen sehr schönen Touch und John Petrucci verstand es grandios, mit seinem einladenden Gitarrenspiel hervorzustechen, selbst wenn ein anderes Instrument oder James LaBrie im Vordergrund standen. Insgesamt eine für Dream Theater eher untypische, radiotaugliche Nummer. "Panic Attack" wiederum fing mit Myung's Bass-Spiel an und mündete in ein brachiales Gewitter, das durch das kraftvolle Schlagzeugspiel von Mike Portnoy dominiert wurde. Hört man diesen Song, wird man wieder an die früheren Progmetall-Zeiten der Gruppe erinnert, die noch immer da waren, wenn auch nicht mehr hauptstilbildend, jedenfalls nicht auf "Octavarium". "Panic Attack" war eines der technischsten Lieder des Albums, erneut dominiert von Myung's Bass, dem pfeilschnellen Schlagzeugspiel Portnoy's und einem selten so aggressiv aufspielenden John Petrucci. Immer wieder drängelte sich Rudess in den Song ein, bombardierte den Hörer mit schnellen Keyboardpassagen. Und, was ganz schön ist, es gab ein superbes Petrucci-Solo. Insgesamt eines der wutentbranntesten, verrücktesten Werke der Gruppe Dream Theater. Der Titel "Never Enough" begann mit einem gedämpften Bass, bevor Petrucci und Portnoy einstiegen. Rudess und eine leicht verzerrte LaBrie-Stimme folgten. Der Song gewann mit der Zeit immer mehr an Dramatik, bevor er nach dem Refrain wieder von der Gitarre und dem Schlageugspiel auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. "Never Enough" war eine weitere Uptempo Nummer, allerdings nicht so hämmernd wie "Panic Attack".

"Sacrified Sons" begann ähnlich wie damals "The Great Debate" mit einigen Stimmfetzen, während sich im Hintergrund langsam etwas anbahnte. Doch statt dem erwarteten Ausbruch von Portnoy oder Petrucci, begann der Song eher recht ruhig und balladesk mit Rudess und LaBrie. Eine Spannung lag aber deutlich spürbar in der Luft. Und tatsächlich: Myung zupfte hart am Bass und zusammen mit Petrucci liessen sie den zweiten Teil des Songs schon ganz anders aussehen. Auch Portnoy wurde etwas wilder, während Rudess kaum noch und LaBrie gar nicht mehr zum Zuge kam. Dann setzte auch wieder das Orchester ein und trieb "Sacrificed Sons" in Höhen wie man sie von Dream Theater erwartet hatte. Etwas in dieser Art hatte man zuletzt auf dem Album "Scenes From A Memory" hören können. Am Ende kam noch einmal James LaBrie zum Einsatz, und der trieb zusammen mit dem Orchester und dem gesamten Team den bereits gehörten ersten Teil des Songs zum Ende. Ein episches Werk, in der Tat.

Mit dem 24 Minuten langen Titelstück "Octavarium" stand am Ende dieses berauschenden Werks noch der Longtrack und insgesamt sicherlich auch der Höhepunkt des Albums auf dem Programm. Ein zweites "A Change Of Seasons" durfte man nicht erwarten, aber auch glücklicherweise kein "Six Degrees Of Inner Turbulence" (CD 2), auch wenn „Octavarium" oftmals an die Ouverture jenen Albums erinnerte. Zu sagen gab es hier eigentlich nur: ein musikalisches Abenteuer, das trotz seiner Länge und der Tatsache, von Dream Theater in Szene gesetzt worden zu sein, flott ins Gedächtnis ging, kurzweilig und eingängig geriet, ein quasi 24 Minuten langer Ohrwurm, wie ihn eigentlich nur Dream Theater präsentieren konnten. Das fing beim elegischen Gilmour-inspirierten Gitarrenintro an, endete irgendwann in einem Mix aus perfekter Instrumentbeherrschung und Orchester, und brachte zwischendurch auch mal ein "Scenes From A Memory" Zitat, nämlich eines aus "The Dance Of Eternity". Insgesamt war dieser lange Titeltrack zwar facettenreich, doch es überwogen deutlich die balladesken Aspekte. Das passte LaBrie natürlich gut, war er doch eher für die ruhigen Töne geeignet. Es war fast schon so, als wollten Dream Theater ihren perfekten Song schaffen und keine Risiken eingehen. Das war ihnen am Ende hervorragend gelungen, aber ob es perfekt war, sollte man nicht zu diskutieren brauchen. "Octavarium" war ein absoluter Ueber-Song, der einem am Ende sprachlos hinterliess. Und noch eines fiel auf: Wenn der Titelsong zu Ende ging, hatte man nicht den Eindruck, einem 24 Minuten langen Stück gelauscht zu haben. Ein ganz besonderes Hörerlebnis. Für Dream Theater Fans war dieses Werk ohnehin Pflicht. Zu schön um wahr zu sein: weder Fans der ersten Stunde, noch "Train Of Thought"-Neulinge wurden hier enttäuscht. Doch "Octavarium" war letztlich kein zweites "Images And Words" oder gar ein "Awake". "Octavarium" war schlicht "Octavarium" und reihte sich mit seiner Eigenständigkeit, seiner Modernität und den musikalischen Innovationen perfekt in die Reihe ihrer Meisterwerke ein.


Mar 12, 2023


DADA - American Highway Flower (I.R.S. Records 7243 8 27986 20, 1994)

Dada waren eine hierzulande leider nur wenig bekannte Rockband, die als Trio einen ganz fabelhaften und aussergewöhnlich vielseitigen Alternative Rock mit allerlei Westcoast- und Beatles-Einflüssen gespielt hatte. Die Gruppe stammte aus Kalifornien und ihre Stücke trugen die kalifornische Sonne buchstäblich in sich. Das hervorragende Trio bestand aus Michael Gurley (Gitarre und Gesang), Joie Calio (Bass und Gesang) und Phil Leavitt (Schlagzeug). Den Hauptgesang wechselten sich Gurley und Calio immer wieder ab, sodass ihre Songs auch durch die unterschiedlichen Leadstimmen stets sehr abwechslungsreich wirkten. Ihre hoch melodischen Songs, die perfekt arrangierten mehrstimmigen Gesangs-Arrangements und vor allem ihre wirklich perfekten Rocksongs hätten eigentlich eine grundsolide Basis für einen nachhaltigen Erfolg sein müssen. Und in ihren Anfagstagen sah es auch wirklich so aus, als würde der Gruppe ein grosser Erfolg bald bevorstehen: Ihre Fan-Base wuchs beständig, ihre Konzerte wurden immer erfolgreicher, länger und vor allem auch immer besser besucht. Zumindest reichte dies, um im Jahre 1991 einen Plattenvertrag mit dem Label I.R.S. Records an Land zu ziehen. Das von den Fans und den Kritikern sehnsüchtig erwartete und mit vielen Vorschusslorbeeren versehene Debutalbum erschien dann im Frühjahr 1992 und bestätigte auf beeindruckende Weise alle Qualitätserwartungen in die Band. Das Album bot eine hervorragende Mixtur aus klar alternativ ausgerichteten Rocksongs, blütenreinen Popnummern der Marke Westcoast und immer wieder überraschend professionellen Gesangsharmonien, die mit viel Verve und vor allem einer grossen Verneigung vor den Fab Four arrangiert wurden.


Das Debutalbum "Puzzle" warf eine erste Single ab mit dem Titel "Dizz Knee Land" , und diese Single wurde in den gesamten USA zu einem veritablen Radio-Hit und selbst im fernen Australien wurde die Nummer in den Radiostationen rauf und runter gespielt. Das blieb nicht ohne Folgen: Die Single platzierte sich in den Billboard Charts gleich dreifach: Sie erreichte bei den neuen Acts den zweiten Platz, den sogenannten 'Billboard Heatseekers', in den 'Modern Rock' Charts erreichte das Stück Platz 5 und in den Mainstream Rock Charts, dem nationalen Hit-Barometer in den USA, kam die Single immerhin auf Rang 27. Das Debutalbum "Puzzle" wiederum erntete nach einer halben Million verkaufter Exemplare einen verdienten RIAA Gold Record Award. Die Gruppe Dada promotete ihr Album und die Single mit einer ausgedehnten Tournee, in deren Verlauf sie unter anderem mit Crowded House und Izzy Stradlin & the Ju Ju Hounds, ebenso wie mit dem Ex-Police Musiker Sting auftrat. Gegen Ende dieser ausgedehnten Konzertreise gesellte sich dann mit dem Rhythmusgitarristen Gig McKell ein weiterer Musiker zum Trio, danach arbeitete die Band allerdings wieder zu dritt.

Der Single "Dizz Knee Land" folgten drei weitere Singles, die jedoch nicht über den Status von Promo-Singles hinauskamen: "Dorina", der geniale Opener des Debutalbums, das hippieske und stark anpsychedelisierte "Here Today Gone Tomorrow", sowie der nicht auf der ersten LP vorhandene zusätzlich aufgenommene Titel "My Baby Fell For Ol' St. Nick". Einzig die nach dem überraschenden Erfolg der Debutsingle "Dizz Knee Land" eilig nachgeschobene zweite Single "Dog", auf welcher sich auch eine akustische Variante des Stücks "Dizz Knee Land" befand, wurde offiziell veröffentlicht, erreichte aber bei weitem nicht den Erfolg der Debutsingle. Ganz anders die Vorab-Single zum zweiten Album "American Highway Flower", die mit dem Titel "All I Am" erschien. Die Single wurde zeitgleich in den USA, in Europa und in Australien veröffentlicht und enterte flux die amerikanischen Single-Charts. Acht Wochen war das Stück in den Billboard Modern Rock Charts und es darf davon ausgegangen werden, dass hier bei der nötigen Management-Arbeit sehr viel herauszuholen gewesen wäre, wenn nicht tragischerweise exakt zu dem Zeitpunkt das Plattenlabel I.R.S. Records kollabierte.


Infolge fortdauernden Mismanagements und dem Verlust einiger namhafter und verkaufsträchtiger Acts wie beispielsweise der englischen Gruppe The Alarm, die sich aufzulösen begann, versickerten die benötigten Gelder schnell, um die Künstler und Bands weiterhin im vollen Umfang zu fördern, was zur Folge hatte, dass "American Highway Flower" ein sträflich unterbewertetes Album blieb, das kaum richtig promotet werden konnte. Dabei befanden sich hier auf diesem zweiten Album der Band praktisch alles grosse Rockperlen, die sowohl kompositorisch, wie auch spielerisch auf allerhöchstem Niveau waren. Die Gruppe hatte ihren bereits auf dem Debutalbum präsentierten Sound schon hier perfektioniert, was Stücke wie "Ask The Dust", "Real Soon", "S.F. Bar '63" oder "Pretty Girls Make Graves" eindrücklich unter Beweis stellen konnten. Mit "Feet To The Sun" wurde erneut ein Stück als Promo-Single ausgekoppelt, das jedoch nicht offiziell veröffentlicht wurde, und auch die offizielle zweite Single des Albums mit dem Titel "Feel Me Don't You" erleidete dasselbe Schicksal. Leider schien sich der Erfolg der Debutsingle "Dizz Knee Land" nicht zu wiederholen, was für die Musiker extrem frustrierend gewesen sein muss, denn sämtliche Zutaten ihrer Musik waren hochklassig.

Die Band raffte sich dennoch dazu auf, auch noch ein drittes Album einzuspielen für I.R.S. Records, da sie nachwievor vertraglich gebunden war. Dieses dritte Album mit dem Titel "El Subliminoso" geriet um einiges rockiger als die beiden Alben zuvor, war aber genauso hochwertig in punkto Qualität und Spielfreude. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Jahre 1996 war das Label allerdings beim finanziellen Grounding angekommen. Dada unterzeichneten dann 1997 einen neuen Plattenvertrag beim renommierten Label MCA Records und gingen voller Enthusiasmus daran, neue Stücke für ein weiteres Album vorzubereiten und schliesslich auch einzuspielen. Das Ergebnis war das simpel "Dada" bezeichnete vierte Werk, das im Folgejahr erschien. Es enthielt mit "Information Undertow", "California Gold", "Spinning My Wheels" und "This Thing Together" erneut etliche Titel, die eigentlich hätten charten müssen, so hervorragend, wie sie komponiert, arrangiert und gespielt waren. Doch erneut geschah kaum etwas. Die mangelnde Resonanz auch auf dieses vierte Album bewog die Gruppe dazu, erst einmal eine Bandpause einzulegen. 1999 spielten Dada ihren letzten Gig vor der Pause in Norfolk Virginia vor 14000 begeisterten Fans. Die Musiker nutzten diese Pause, um anderen Aktivitäten nachzukommen. So heuerte Joie Calio als Talentscout bei der Plattenfirma MCA Records an, schrieb ein Buch und veröffentlichte kurze Zeit später das Soloalbum "The Complications Of Glitter".

Michael Gurley und Phil Leavitt gründeten eine neue Band mit dem Namen Butterfly Jones und veröffentlichten ein Album, betitelt "Napalm Springs". Phil Leavitt trat während dieser Aktivitäten auch für kurze Zeit mit der Blue Man Group auf. 2003 markierte die Rückkehr von Dada. Die Band begann, wieder gemeinsame Konzerte zu geben und einer dieser Auftritte in Santa Ana Kalifornien wurde auch als Live-CD veröffentlicht als "Dada Live: Official Bootleg (Vol. 1)". Während sieben Wochen war die Band danach in ganz Amerika unterwegs, um die neue Live-CD zu promoten. Das gab ihnen die Möglichkeit, ein weiteres Studioalbum aufzunehmen, das sie im Jahr darauf einspielten und unter dem Titel "How To Be Found" veröffentlichten. Das Album "How To Be Found" beinhaltete indes keine neu komponierten Songs, es war aber auch keine Art 'Best Of'-Veröffentlichung. Vielmehr war es eine Art Resteverwertung, bei der man allerdings den üblicherweise eher negativen Beigeschmack solcher Veröffentlichungen ausser Acht lassen muss. Denn die Songs, welche die Gruppe für dieses Album ausgewählt hatte, waren allesamt klasse und fanden einfach nicht den Weg auf das 1998 veröffentlichte Debutalbum. Weil sich Dada auf kommende Aufnahmen zu einem weiteren neuen Studioalbum konzentrieren wollten, spielten sie im November 2005 lediglich drei Konzerte, sowie an der amerikanischen Ostküste einige Gigs von Februar bis April 2006.

Ein weiteres neues Album erschien dann aber nicht mehr. Lediglich eine EP mit dem Titel "A Friend Of Pat Robertson" erschien im November 2006, vertrieben von der Band selber über deren Webseite. Es folgten im Jahre 2007 noch gefeierte Auftritte etwa im legendären Whisky a Go Go in Los Angeles, sowie einige Shows in Milwaukee, Chicago und Minneapolis im April. Danach legten Dada erneut eine Bandpause ein. Im Juni 2008 veröffentlichte Joie CAlio ein weiteres Soloalbum unter dem irritierenden Pseudonym X Levitation Cult, das den Titel "Happiness In Hell" trug, gefolgt im Jahre 2010 von einem weiteren Album mit dem Titel "Black Art Of Blue" unter demselben Namen. Am 3. Mai 2010 verkündete Joie Calio auf seiner Facebook-Seite, dass die Band Dada inzwischen wieder zusammenspiele und sich derzeit auch gerade im Entstehungsprozess eines neuen Studioalbums befinde: "Dada is actually recording a new record - really! It's sounding good too. We've decided to stay focused on the writing and recording of this new record for now and hold off on any big tour plans". Die Gruppe gab auch tatsächlich wieder vereinzelte Konzerte, aber aus nicht bekannten Gründen geriet die Arbeit an dem in Aussicht gestellten neuen Studioalbum ins stocken und bis heute kam es nie auf den Markt.

Irreführend war dann, als im darauffolgenden Jahr Joie Calio und Phil Leavitt zusammen ein Tonstudio buchten, um neue Aufnahmen einzuspielen, was viele Fans hoffen liess, dass doch noch ein neues Dada-Album folgen würde. Die beiden Musiker veröffentlichten zur Ueberraschung Aller jedoch ein Album unter einem neuen Bandnamen: 7Horse. Das Album "Let The 7Horse Run" wurde auf einem kleinen Independent Label veröffentlicht und mit Konzerten in den Jahren 2011 und 2012 auch live vorgestellt. 2013 verwendete der Fimregisseur Martin Scorsese den 7Horse Song "Meth Lab Zoso Sticker" in seinem Film 'The Wolf of Wall Street'. Das Stück war auch in den Trailern zu diesem Film zu hören, ebenso war es auf dem Soundtrack zum Film zu finden. 2014 veröffentlichten 7Horse ihr zweites Album "Songs For A Voodoo Wedding". In diesem Jahr spielten sie einige Konzerte als Opener für Kenny Wayne Shepherd und später für die Band Whiskey Meyers. 2016 folgte gar ein drittes Album mit dem Titel "Living In A Bitch Of A World". 7Horse gaben wieterhin Konzerte in ganz Amerika. Schliesslich informierten die Musiker ihre Fans darüber, es würde ab Januar 2013 eine weitere Tournee geben, auf welcher die Musiker unter dem Namen Dada ihre alten Songs spielen, und gleichzeitig als 7Horse jeweils das Vorprogramm bestreiten würden. Diese Tournee wurde ein grosser Erfolg. Im Februar 2017 lancierten Dada dann eine weitere Tournee unter dem Namen "25th Anniversary Tour", auf welcher die Gruppe dann wiederum quer durch die Staaten reiste.











Mar 1, 2023


THE CURE - Seventeen Seconds (Fiction Records FIX 004, 1980)

1976 gründete Robert Smith im Alter von 17 Jahren zusammen mit seinen Klassenkameraden Michael Dempsey (Bass), Lol Tolhurst (Schlagzeug) und Porl Thompson (Gitarre) von der St. Wilfrid's Catholic Comprehensive School in Crawley, Sussex, die Band Malice. Im Jahr 1977 spielte die Band als Easy Cure bei der Plattenfirma Hansa Records vor und erhielt einen Vertrag zur Aufnahme einer Single, die jedoch nie erschien. Im Jahre 1978 trennte sich Porl Thompson aufgrund künstlerischer Differenzen von der Band. Die Band benannte sich in The Cure um und unterschrieb einen Vertrag bei dem gerade gegründeten Label Fiction Records. Die erste Single "Killing an Arab" erschien im Dezember zunächst auf dem kleinen Independent Label Small Wonder und wurde 1979 von Fiction Records neu aufgelegt. Auch wenn sich die Band aufgrund des Titels teils starken Anfeindungen ausgesetzt sah, hat das Stück keinerlei ausländerfeindlichen Bezug, sondern entstand nach der Lektüre von 'Der Fremde' des Existenzialisten Albert Camus. Die Single (B-Seite: "10:15 Saturday Night") wurde von der Musikzeitschrift New Musical Express zur Single der Woche erhoben und machte den BBC-DJ John Peel auf die Band aufmerksam.

1979 veröffentlichten The Cure ihr erstes Album "Three Imaginary Boys", welches stilistisch zwischen dem Punk der 70er Jahre und dem New Wave der 80er Jahre steht. Dieses Album erreichte nach der Veröffentlichung Platz 44 der englischen Charts und erntete gute Kritiken in den englischen Musikzeitschriften. Der Melody Maker betitelte seine Kritik mit der Überschrift "The 80's start here". Die Band selbst war mit dem Album nicht zufrieden, da sie relativ wenig Kontrolle über die Zusammenstellung der Lieder und das Artwork hatte. So ist auf dem Album die Coverversion des Jimi Hendrix Stücks "Foxy Lady" zu finden, welches eigentlich nur als Soundcheck aufgenommen wurde. Auf "Three Imaginary Boys" folgten als Einzelveröffentlichungen die Singles "Boys Don’t Cry" und "Jumping Someone Else's Train". Ausserdem erschien die Single "I’m a Cult Hero" des Nebenprojektes Cult Hero mit Frank Bell als Sänger. "Boys Don’t Cry" war in den USA ein kleinerer Hit, sodass Anfang 1980 Fiction Records in den USA das Album "Boys Don’t Cry" herausbrachte, welches eine Wiederveröffentlichung von "Three Imaginary Boys" mit leicht veränderter Tracklist und anderem Artwork darstellte. So sind auf dem Album die zuvor erwähnten Singles zu finden, sowie "World War", ein Lied, das Robert Smith später als "a terrible piece of rubbish" bezeichnete.

Für das nächste Album hatte Robert Smith Pläne, die bei dem Bassisten Dempsey auf Widerstände stiessen, woraufhin dieser zu den Associates wechselte, die beim gleichen Label und mit The Cure auf Tour waren. Dafür kamen Simon Gallup am Bass sowie Mathieu Hartley am Keyboard als neue Mitglieder in die Band. Anfang 1980 erschien das Album "Seventeen Seconds". Es war erfolgreicher als "Three Imaginary Boys" und erreichte Platz 20 in den englischen Charts. Die Single-Auskopplung "A Forest" stieg bis auf Platz 31 der Singles Charts und wurde später live immer wieder gegenüber der Studioversion ausgedehnt und mit Improvisationen angereichert. Live verwendete Sänger Smith inzwischen Lippenstift, was von nun an zu seinem Markenzeichen wurde. Ausserdem half Smith bei der Band Siouxsie And The Banshees als Gitarrist aus.

"Seventeen Seconds" war ein gnadenlos gutes Album, das zuerst einmal dadurch Furore machte, dass es mit minimalstem Budget aufgenommen werden musste: Es erschien im April 1980 und wegen der finanziellen Mittel von lediglich zwischen 2000 und 3000 Pfund wurde das Album in nur sieben Tagen mit Produzent Mike Hedges aufgenommen. Viele Stücke waren dominiert vom Keyboardsound des neu in die Band eingetretenen Mathieu Hartley, wiesen einen eher minimalistischen Gesang mit viel Hall auf. Besonders das als Single ausgekoppelte "A Forest" entwickelte sich zu einem Hit und wurde vielfach gecovert. Das Album bot neben dem fabelhaften "A Forest" weitere musikalische Highlights der Band, die bis heute zu den essenziellen Stücken von Robert Smith und seinen Musikern gehören, etwa das geniale und mystisch wirkende "M", ausserdem die subtilen und sehr geheimnisvoll wirkenden Titel "A Reflection", "The Final Sound" und vor allem das Titelstück "Seventeen Seconds", das den Gothic Sound vermutlich am eindringlichsten vorwegnahm. Robert Smith hat viele Jahre später in einem Interview einmal gesagt, er wolle mit seiner Band die 'Pink Floyd der 90er Jahre' werden. Vermutlich war er schon 1980 mit dem Album "Seventeen Seconds" am allernächsten am frühen Pink Floyd Sound dran. So nahe kam er jedenfalls auf späteren Platten nicht mehr an die mystisch-verwobene Psychedelik heran, welche die frühen Syd Barrett-Jahre von Pink Floyd definierte.

1981 erschien das Nachfolger-Album "Faith". Der Keyboarder Hartley hatte die Band inzwischen verlassen. Der Tod und der Glauben waren wiederkehrende Themen des Werks, nach Angaben von Smith waren es Todesfälle in seinem Umkreis, die zur depressiven Grundstimmung des Albums führten. Die Single "Primary" war ein poppiger, treibender Song über Unschuld und das Älterwerden. Seit dieser Zeit prägte ein sechssaitiger Fender-Bass (Fender VI, eine um eine Oktave tiefer gestimmte Gitarre) viele Stücke von The Cure. 1982 erschien dann das Gothic-Album "Pornography" Die depressive Stimmung wurde besonders verdeutlicht durch die erste Zeile des ersten Lieds "One Hundred Years": "It doesn’t matter if we all die". Adam Sweeting, Journalist der Zeitschrift Melody Maker, umschrieb die Musik von "Pornography" seinerzeit mit den Worten "It’s downhill all the way into ever-darkening shadows". Der fortdauernde Drogenmissbrauch und das anstrengende Tour-Leben forderten schliesslich ihren Tribut: Es kam zum Streit. Simon Gallup schied aus der Band aus und gründete die Gruppe Cry, aus der später Fools Dance hervorging. 1985 erschien unter diesem Namen eine gleichnamige EP, die sich stilistisch an den frühen Werken von The Cure orientierte.

Robert Smith selbst wandte sich in den Folgejahren immer stärker dem Mainstram Poprock zu und konnte sowohl in den 80er wie in den 90er Jahren so manch grösseren Hit feiern. Da war er allerdings schon sehr weit weg vom düster-morbiden und nebelverhangenen Mystik-Rock der "Seventeen Seconds" Platte, die ich bis heute als die Interessanteste der Gruppe bezeichnen würde, auch, weil sie sich zu keinem Zeitpunkt an irgendwelchen Modetrends anbiedert, weder eindeutig mit Punk, noch mit New Wave assoziiert werden kann und somit recht schubladenlos vor sich hin schwebt. Aus heutiger Sicht ist es eine sogenannte Low Budget Platte, der man allerdings ihr schmales zur Verfügung stehendes Budget zu keinem Zeitpunkt anhört. Inzwischen gilt die Platte als ein typischer Vertreter es sogenannten Post-Punk.





PHAROAH SANDERS - Karma (Impulse Records AS-9181, 1969)

"The New Wave Of Jazz" - so warb das Impulse Plattenlabel damals für diese und etliche weitere Jazz-Platten, und das trifft es wahrscheinlich ziemlich genau. Eine neue Welle ging durch die Jazz-Musik, als ab Mitte der 60er Jahre etliche Musiker sich mit experimentellen Facetten in ihrer Musik beschäftigten. Allen voran natürlich Miles Davis, doch auch ein Herbie Hancock stand schon in den Startlöchern. Pharoah Sanders nahm an nur zwei Aufnahmetagen dieses Meisterwerk auf, ging zusammen mit Spitzenmusikern wie dem Sänger Leon Thomas (der für den Text des fast albumfüllenden Stücks "The Creator Has A Master Plan" verantwortlich zeichnete), dem Pianisten Lonnie Listen Smith Jr. und dem Flötisten James Spaulding ins RCA Studio in New York und nahm ein über eine Lauflänge von 32:45 Minuten sich immer wieder aufbauendes und dann wieder in reinster Kakophonie in sich zusammenbrechendes Jam-Meisterwerk auf, das in seiner Intensität noch ein wenig an ähnliche Ausbrüche von John Coltrane erinnern mochte, aber eigentlich schon eine Weiterentwicklung im Bereich Free-Jazz darstellte, weil es neu neben dem Saxophon als tragendes, bestimmendes Instrument, auch Gesang als gleichwertige Ausdrucksform zuliess. Hatte ich bislang als Jung-Jazzer noch ausschliesslich gute Jazz-Alben in meiner eher bescheidenen Jazz-Sammlung, so hatte ich nun den ersten Ueberflieger - quasi das Jazz-Album meines Herzens gefunden. "Karma" erlebte ich beim Hören als unglaublich intensive Musik, mantragleich erst, dann wieder extrem fordernd, wenn die Jams zusammenbrachen. Eine für mich sehr emotionale Hör-Erfahrung und ich begann halbwegs zu begreifen, wie offen und frei neben den popseligen Hippies auch etliche Jazzmusiker in ihren musikalischen Gedanken in den ausgehenden 60er Jahren dachten.

"Karma" enthielt die erste, sehr lange Version von sanders' Meisterwerk "The Creator Has a Master Plan". Das Stück gilt sowohl als die späte Hymne des New Thing in Jazz, als auch als die Beschwörung von Peace und Happiness nach Hippie-Art. "Karma" war das dritte Album von Sanders unter eigenem Namen. Seit dem Tod von John Coltrane 1967 war er vor allem mit Alice Coltrane und dem Jazz Composer’s Orchestra in Erscheinung getreten. Zu Beginn des Jahres 1969 war ihm angeboten worden, seinem Album "Tauhid" von 1966 ein weiteres Album auf dem Impulse!-Label folgen zu lassen. Nachdem er einen Monat vorher das Album "Izipho Zam" in einer grossformatigen Besetzung für das kleine Label Strata-East Records eingespielt hatte, nahm er das Album "Karma" mit einem Nonett beziehungsweise Septett in zwei Aufnahmesessions am 14. und am 19. Februar 1969 auf. Aufgenommen wurde neben den beiden veröffentlichten Stücken noch eine dritte Komposition, "Light Of Love", die jedoch nicht auf dem Album veröffentlicht wurde. Die Musik des Albums geriet teils tonal, teils modal, ging stellenweise in die Tonsprache des freien Jazz über und wies zugleich auch Eigenarten anderer Musikkulturen auf: In den zeitgenössischen Besprechungen wurde besonders auf von der orientalischen Musik angeregte Beschwörungsformeln verwiesen, insbesondere aber auf Afrikanismen: die damals noch ungewöhnliche afrikanisch gefärbten perkussiven Akzentuierung und das afrikanisch geprägte Singen von Thomas. Leidenschaftliche Ausbrüche aus konventionellen musikalischen Strukturen und ein überraschend friedliches, spirituelles und freundliches Spiel wechselten sich ab.

Das Album bewegte sich zwischen den beiden Polen der damaligen Jazzproduktionen: Einerseits orientierte es sich an den relativ (nur wenig im Studio bearbeiteten) spontanen Jam-Session artigen Aufnahmen, wie sie für Alben wie "Free Jazz: A Collective Improvisation" oder "Ascension" typisch waren und die nur wenig im Studio nachbearbeitet wurden; andererseits strukturierte Sanders den Aufbau des Stückes vor und kalkulierte sehr bewusst die Bearbeitungstechniken, die Alben wie "The Black Saint And The Sinner Lady" oder "Bitches Brew" auszeichneten, ein. Nach Ansicht von Trevor MacLaren war "The Creator Has A Master Plan" einer der feinsten und bestausgeführtesten und nachbearbeiteten Jams, die je auf Platte aufgenommen wurden, auch wenn Sanders später Kritik an der Spur-Belegung der Aufnahme äusserte: Saxophon und Bass lagen übereinander und konnten daher nur schwer getrennt wahrgenommen werden. Daher war es zum damaligen Zeitpunkt auch kaum möglich, bei der Nachbearbeitung das Saxophon deutlicher herauszustellen. Leon Thomas wies darauf hin, dass dieses Album eine neue Qualität in den Free Jazz brachte: "Bis dahin waren es die Blasinstrumente, die neue Dimensionen in Klang und Ausdruck erkundeten". Hier jedoch wäre eine Gesangsstimme dem Saxophon gleichgestellt. Sehr früh hat die Kritikerin Gudrun Endress darauf verwiesen, dass erstmals im neuen Jazz der Reichtum der menschlichen Stimme präsentiert wurde: "Die Platte "Karma" zeigt das ganz deutlich im Miteinander und Gegeneinander von Instrument und Stimme".

Im Zentrum von "Karma" stand das am 14. Februar 1969 aufgenommene halbstündige Stück "The Creator Has A Master Plan". Das ausgedehnte Stück hatte Sanders 1968 gemeinsam mit Sänger Leon Thomas, der für den Text verantwortlich zeichnete, geschaffen. Das Thema der Komposition wurde zunächst 1968 von Sanders bei seinen eigenen Auftritten in New York als Erkennungsmelodie gespielt und hiess "Pisces Moon". Teilweise kann die Komposition als eine Variante von John Coltrane's Album "A Love Supreme" begriffen werden, zumal dessen Anfang in dem Stück, das auf den gleichen Harmonien beruht, teilweise aufgenommen wurde. Als Sanders 1968 in Brooklyn Leon Thomas begegnete, der damals mit Randy Weston arbeitete, bat er ihn, für das Stück einen Text zu schreiben. Der ursprüngliche Text von Thomas sagte Sanders jedoch nicht zu, und er bat ihn, etwas Spirituelleres zu schreiben. Angeblich gab es hinsichtlich der Urheberschaft auch Streit und Zerwürfnis. Nach Angaben von Christian Broecking reagierte Pharoah Sanders empfindlich auf die Frage, wer von beiden nun der eigentliche Creator vom Masterplan war. Für "Karma" wurde das Stück zum ersten Mal (am 14. Februar 1969) eingespielt. Das Stück begann direkt mit einer hymnischen Stimmung und intensiven Saxophonausbrüchen, die an Coltrane erinnerten. Dann setzte der Bass ein und spielte ein Riff, das aus dem ersten Teil von "A Love Supreme" stammte. Die Flöte stellte das auf zwei Akkorden beruhende Thema von The Creator vor, über das dann das Saxophon, getragen von den weiteren Instrumentalisten improvisierte.

Erst nach beinahe acht Minuten setzte die Stimme von Leon Thomas ein, der einzelne Zeilen des Liedtextes wie ein Mantra vortrug und dann in Jodeltechnik Scat sang, bevor Sanders wieder eine hymnische Stimmung erzeugte. Dann begann ein zweiter Durchgang durch das Stück mit einigen Ausbrüchen von Sanders in seinen emotionell betonten Improvisationen. Ab der Mitte des Stücks entwickelte sich dann eine freie und sehr intensive Improvisation, bei der auf durchlaufende Harmonien verzichtet wurde. Der Jodelscat von Leon Thomas entwickelte sich zu beeindruckend wilden Fluktuationen von Knacklauten und dahinfliessenden Worten. Auf der zweiten Plattenseite, auf der das Stück fortgesetzt wurde, entwickelte sich eine typische Free Jazz-Climax, aus der Sanders mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit für musikalische Übergänge zurück in den Bereich der Ruhe und Ausgeglichenheit führte, wenn etwa vier Minuten vor Schluss nach Art einer Reprise das Thema wieder auftauchte: Ein Sturm ebbt langsam ab und zurück bleibt der Mensch in einer veränderten Welt. Es ist der Wille des Schöpfers, dass jeder in Glück und Frieden lebt. Trotz der Nonettbesetzung und Leon Thomas’ warmen Gesangs war Sanders der eigentliche Solist, der beinahe die gesamte Länge des Stückes über die Hauptlast von Melodieführung, Struktur und Improvisation trug. Mit seinem Ensemble erzeugte er ein breites Stimmungsspektrum, das über weite Strecken sehr lyrisch ist und viele Anklänge an Coltrane's spirituelle Phase enthielt, andererseits aber auch Ausbrüche aufwies. Sanders schien der Sekretär der Geister zu sein, der bescheidene Umspanner ihrer Energien.

Das zweite Stück "Colors", für das ebenfalls Sanders und Thomas als Urheber zeichneten, wurde am 19. Februar 1969 aufgenommen; das Ensemble war kleiner, weil auf die Klangfarben von Flöte und zusätzlicher Perkussion verzichtet wurde, und es gab auch Abweichungen in der Besetzung der Rhythmusgruppe. Trotz des naiven Textes wirkte diese Komposition wie eine glaubhafte Fürbitte, was die spirituelle Grundströmung des Albums weiter unterstrich: "Gott schickt uns seinen Regenbogen, und ich sehe seine Farben. Ohne ihn gibt es keine Harmonie", hiess es im Songtext von Leon Thomas. Dieses Stück wurde wohl mit Bedacht als besinnlicher Ausklang als zweites Stück angefügt; auch bei der Interpretation dieses Stücks wurden die Ausdrucksmittel gewählt, die schon John Coltrane gebrauchte. Das Album erreichte Platz 5 der US-amerikanischen Jazz-Charts und Platz 188 der amerikanischen Billboard-Charts im Bereich der populären Musik. "Karma" verkaufte sich besser als manches Rockalbum. Der ökonomische Erfolg von "Karma" brachte Sanders einen festen Plattenvertrag mit ABC-Paramount Records ein, der Mutterfirma von Impulse Records. Das Musikmagazin Rolling Stone wählte das Album 2013 in seiner Liste 'Die 100 besten Jazz-Alben' auf Platz 4.

 "The Creator Has A Master Plan" läuft bei mir immer über die volle Lauflänge, und es kommt mir nie so vor, als hätte ich am Ende grad tatsächlich über eine halbe Stunde Musik gehört. Ich höre hin, ich höre weg, und wieder hin und dann wieder weg...das Stück vereinnahmt mich völlig - bis zu dem Moment, wo ich merke, dass dieses ganze Aufbauen und wieder zusammenbrechen in gewaltigem Getöse ein bisschen vielleicht auch den Zustand unserer Welt reflektiert. Der Mensch baut ohne Unterlass auf, treibt sich selbst unaufhaltsam vorwärts und wie von Sinnen und ohne zu hinterfragen alles auf die Spitze - und am Ende fällt alles mit gewaltigem Getöse auseinander. Immer und immer wiederholt sich das, Jahrtausende lang schon. "The Creator Has A Master Plan". Vermutlich hofft er, dass der Mensch irgendwann einmal zur Vernunft kommt. 

The creator has a master plan
peace and happiness for every man.
The creator has a working plan/peace and happiness for every man.
The creator makes but one demand
happiness through all the land.

Der Schöpfer hat einen Meisterplan:
Friede und Glück für Jedermann.
Der Schöpfer hat einen Arbeitsplan:
Friede und Glück für Jedermann.
Der Schöpfer stellt nur eine Forderung auf:
Glück soll sein im ganzen Land.

Musik, die nicht von dieser Welt ist, und ein bemerkenswertes Album, das zeigt, was alles möglich und erlebbar wird, wenn man sich selbst als Künstler keine kreativen Schranken auferlegt.



Feb 22, 2023


WARHORSE - Red Sea (Vertigo Records 6360 066, 1972)

Die Hard Rock Gruppe Warhorse war das Bandprojekt des ehemaligen Deep Purple Bassisten Nicholas John "Nicky" Simper, das in der Blütezeit des aufkeimenden Hard Rocks für leider nur knapp vier Jahre von April 1970 bis Anfang 1974 existierte, in dieser Zeit aber zwei hervorragende Alben produzierte, die noch heute zu den Pionieralben dieses damals neuen Musikstils gehören. Zum Zeitpunkt der Gründung von Warhorse war Nicky Simper längst ein alter Hase, der in den 60er Jahren bereits mit etlichen Musikern und Bands zusammengearbeitet hatte, die sehr erfolgreich unterwegs waren. Den Anfang machten Buddy Britten & The Regents, mit denen er die Single "She's About A Mover" einspielte, die nur knapp die Charts verfehlte. Seine nächste Station waren Johnny Kidd's neu formierten Pirates, denen er beitrat, als diese auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen. Dieser Höhepunkt erhielt ein jähes Ende, als Johnny Kidd am 7. Oktober 1966 bei einem Autounfall starb, bei welchem auch Nicky Simper Verletzungen davon trug, aber überlebte.

Eine zeitlang spielten die Pirates noch weiter ohne ihren Frontmann, bevor Simper dann zum exaltierten Screaming Lord Sutch wechselte, wo er bereits mit späteren Deep Purple Musikern erstmals in Kontakt kam. Er blieb indes nicht lange beim dekadenten Lord, wechselte zu den Flowerpot Men und feierte dort seinen bis dato grössten Hit "Let's Go To San Francisco" im September 1967. Bei den Flowerpot Men spielte der ehemalige Keyboarder der Artwoods, Jon Lord, mit. Nach einer Tournee im Februar 1968 stiegen Simper und Lord aus und gründeten eine experimentelle Band namens Roundabout, aus welcher nach dem Zuzug von Gitarrist Ritchie Blackmore im darauffolgenden Monat März die erste Inkarnation von Deep Purple, bekannt als "Mark I", entstand. Obwohl schon deren erste Single "Hush" ein grosser Erfolg wurde, blieb Nick Simper nicht lange in der Band und stieg schon nach wenigen Monaten aus, zum selben Zeitpunkt übrigens wie Sänger Rod Evans, die beide dann ersetzt wurden durch Roger Glover und Ian Gillan, dem Line-Up, das Deep Purple danach zu einer der berühmtesten Hard Rock Bands machen würde.

Nick Simper spielte in der Folge in der Begleitband von Marsha Hunt und betrieb nebenbei seine eigene noch namenlose Band. Die Zusammenarbeit mit Marsha Hunt endete, als diese schwanger wurde und ihre Bandaktivität auf Eis legte, was Nick Simper dazu nutzte, seinen Hauptfokus nun auf seine eigene Band zu legen. Er komplettierte diese mit den Musikern Ged Peck und Mac Poole aus Marsha Hunt's Band sowie mit dem Sänger Ashley Holt zur ersten Stammbesetzung der nun neu benannten Formation Warhorse. Im April 1970 empfahl Sänger Ashley Holt den Keyboarder Rick Wakeman für die ersten Aufnahme-Sessions, welche zum Debutalbum führen sollten. Dieser konnte jedoch wegen anderer Verpflichtungen nicht bei den gemeinsamen Sessions teilnehmen und nach nur einem kurzen Studio-Intermezzo (das später auch nicht auf dem ersten Album der Gruppe zu hören war) wurde er durch Frank Wilson ersetzt. Nachdem die erste LP "Warhorse" im August 1970 erschienen war und gute Kritiken, aber mangelhafte Werbung seitens der Plattenfirma erhielt, tourte die Band über ein Jahr lang intensiv in ganz Europa, was dazu führte, dass Gitarrist Ged Peck infolge des permanenten Tour-Stresses die Band verliess. Er wurde ersetzt durch den exzellenten Peter Parks kurz vor einer weiteren Europa-Tournee, welche kurz darauf in die Aufnahmen zu diesem zweiten Album mündete.

Als erfahrene Tour-Band und mit dem hervorragenden neuen Gitarristen Peter Parks spielten Warhorse im Frühjahr 1972 das exzellente Album "Red Sea" ein, das den neuen Gitarristen als versierten Songschreiber auswies und ihm entsprechend viel Freiraum bei den Song-Arrangements bot, ohne dass der Gruppensound jedoch zu gitarrenlastig wurde. Im Gegenteil: Die auf dem Debutalbum über weite Strecken dominierenden Orgel-Sounds kamen auch hier wieder zum tragen und drückten manchem Song wie beispielsweise "Back In Time" oder "Sybilla" (mit Twin Guitar Sounds) den Stempel auf. Von den sieben ausgezeichneten Stücken auf der LP ist auch der Coversong "I (Who Have Nothing)" von Shirley Bassey ein Highlight.

Mit dem Album entstand in den Augen mancher Kritiker so etwas wie eine Blaupause des Heavy Metal, denn einige für den späteren Metal typische Merkmale im Sound von "Red Sea" weisen darauf hin, was vor allem an Peter Parks attackenartigen Gitarrensalven liegt, die bei späteren Metal-Platten etwa von Judas Priest typisch waren. Neben all dem Hard Rock, den Nicky Simper's Warhorse spielten, gab es doch auch immer wieder sehr melodiöse Momente, nachzuhören etwa beim Stück "Feeling Better", einer Band-Komposition, die stark an ähnliche Songs etwa von Elton John aus jener Zeit erinnert. Auf der anderen Seite aber gibt es auch mit "Mouthpiece" einen fast 9-minütigen Hard Rock Ueberflieger, der mit einem energetischen und speedigen Schlagzeug-Solo in etwa eine Brücke bildet zwischen Buddy Rich und Ian Paice. So gesehen ist "Red Sea" auch ein ungemein vielseitiges Hard Rock Album.

Mit dieser tollen Platte waren Warhorse mit den damaligen Helden des Hard Rocks wie Deep Purple oder Black Sabbath jederzeit auf Augenhöhe. Was fehlte, war Werbung und ein zündender Single-Hit, der den Musikern leider verwehrt blieb. Weil die Verkäufe des Albums unter den Erwartungen der Plattenfirma zurückblieben, bot sie der Band keinen weiteren Vertrag an und in der Folge verliess Schlagzeuger Mac Poole die Band, um bei der Hippie-Band Gong mitzuspielen. Nick Simper versuchte, mit Warhorse und dem neuen Schlagzeuger Barney James eine etwas mehr funkige Richtung einzuschlagen, was jedoch nicht den gewünschten Kick brachte. Die Band fiel dann auseinander, als Rick Wakeman für sein zweites Soloalbum "Journey To The Center Of The Earth" die beiden Warhorse-Musiker Ashley  Holt und den neuen Drummer Barney James rekrutierte, was Anfang 1974 das Ende für Warhorse bedeutete.

Nick Simper und Peter Parks blieben weiterhin zusammen, gründeten erst die Band "Nick Simper's Dynamite", mit welcher sie eine Single veröffentlichten, um 1977 mit dem ehemaligen Warhorse Schlagzeuger Mac Poole die Band Fandango zu gründen. Nick Simper ist bis heute aktiv, spielt seit einigen Jahren mit einer österreichischen Band namens Nasty Habits zusammen und hat mit dieser 2015 das Album "De La Frog Conspiracy" veröffentlicht.