Jul 8, 2017


THE STEVE MILLER BAND - Book Of Dreams (Capitol Records SO-11630, 1977)

Dem am 5. Oktober 1943 in Milwaukee, Wisconsin geborenen Musiker Steve Miller wurde als Sohn des Arztes George Miller, eines Jazz-Enthusiasten und Amateurproduzenten, und seiner Frau Bertha, einer vom Jazz beeinflussten Sängerin, die Musik quasi in die Wiege gelegt. 1950 zog die Familie nach Texas um. Seine ersten Gitarrenakkorde lernte der kleine Steve Miller im Alter von fünf Jahren vom berühmten Gitarristen Les Paul, der zusammen mit seiner Frau Mary Ford regelmässig im Haus der Millers zu Besuch war. George Miller war ihr Trauzeuge. Auf der St. Mark’s School in Texas gründete Steve Miller seine erste Band namens Marksmen. Miller zeigte seinem Klassenkameraden Royce Scaggs (bekannter unter seinem Spitznamen Boz) einige Gitarrengriffe, damit dieser in die Band einsteigen konnte. Miller machte 1961 seinen Schulabschluss auf der Woodrow Wilson High School, in der Nähe von Lakewood. Während der 60er Jahre besuchte er die University of Wisconsin-Madison, wo er die Band Ardells gründete. Im Jahr darauf schloss sich auch Boz Scaggs dieser Formation an. Ein weiteres Jahr später stiess Ben Sidran als Keyboarder zur Band. Miller war erst sechzehn, als er aufs College ging, wo er mit Absicht durch sein Literaturexamen fiel. Les Paul ermutigte den jungen Miller, sein musikalisches Talent zu nutzen.

Bevor er die Steve Miller Band gründete, war Miller zusammen mit Barry Goldberg in einer Band namens Goldberg-Miller Blues Band, die 1965 gegründet wurde und eine Single veröffentlichte, bevor Miller die Band wieder verliess. Von dieser Formation sind danach noch weitere Songs erschienen, von denen allerdings nur drei von Miller gesungen wurden (zwischenzeitlich auch auf CD erschienen, inzwischen wohl vergriffen). 1967 gründete Miller schliesslich die Steve Miller Band, trat mit ihr beim Monterey Pop Festival auf und steuerte drei Lieder zum Soundtrack für den Hippiefilm 'Revolution' bei (ebenso wie die Gruppe Quicksilver Messenger Service). Bei diesen Songs übernahm Steve Miller selbst den Gesang. 1968 erschien das Album "Children Of The Future", das erste einer Reihe von Alben, die tief im psychedelischen Bluesstil verwurzelt waren, der damals San Francisco's Szene beherrschte. "Sailor", "Brave New World", "Your Saving Grace" und "Number Five" folgten. Diese erste Periode von Millers Musikgeschichte fasste zum Grossteil die Doppelalbum-Kompilation "Anthology" aus dem Jahre 1972 zusammen. Boz Scaggs war in der Anfangsphase ein wichtiges Mitglied der Band, allerdings nur für die ersten beiden Alben, bevor er seine eigene Solokarriere startete.

1970 nahm Steve Miller mit Musikern wie Dave Mason von Traffic einige Stücke für Neil Merryweather's Allstar-Album "Word Of Mouth" auf. Ausserdem kam es zu einem kurzfristigen Zusammenspiel mit John Lee Hooker: Steve Miller nahm mit dem Grossmeister des Blues im Jahre 1970 das Album "Endless Boogie" auf. Die Aufnahmen stammten vom 10., 11. und 12. November 1970. Produzenten waren Bill Szymczyk und Ed Michel. Steve Miller spielte darauf das Electric Piano und die Gitarre auf einigen Titeln. Steve Miller's Album "The Joker" markierte im Jahre 1973 den Beginn einer zweiten Phase von Millers Karriere: obwohl noch immer von Vorläufern inspiriert, bescherte es der Band in Form des Titelsongs einen Nummer 1-Hit in den USA, und einige weitere beliebte Stücke, unter ihnen etwa "Sugar Babe", "Shu Ba Da Du Ma Ma Ma" oder "Something To Believe In". Das Stück "The Joker" wurde 1990 noch einmal aufgenommen und blieb auch in dieser neuen Version länger an der Spitze der englischen Singles-Charts, nachdem es als TV Werbe-Jingle für die Jeans-Firma Levis eingesetzt worden war. Steve Miller liess gut drei Jahre später das Album "Fly Like An Eagle" folgen und 1977 schliesslich "Book Of Dreams". Diese beiden Alben waren der Höhepunkt seiner Karriere. Beide Alben erreichten Spitzenpositionen in den Album-Charts und sorgten für grössere Hit-Singles, darunter "Rock’n Me", "Take The Money And Run", "Jet Airliner", "Swingtown" und "Jungle Love". Die Steve Miller Band wurde im selben Jahr Vorgruppe einer grösseren Stadiontournee mit den Eagles. Nicht nur in den Vereinigten Staaten war Steve Miller inzwischen eine feste Grösse: Weltweit, insbesondere aber auch in Europa, platzieren sich seine Einspielungen hoch in den Charts. Für seinen ganz eigentümlichen und jederzeit wiedererkennbaren speziellen Guitarsound erhielt der Künstler zu dieser Zeit in Fankreisen den Beinamen 'Space Cowboy', der sich auf eine entsprechende Textzeile in seinem Erfolgstitel "The Joker" bezog.

"Book Of Dreams", exakt ein Jahr nach dem Erfolgsalbum "Fly Like An Eagle" veröffentlicht, war weitgehend konform konzipiert wie sein Vorgänger. Informierte Kreise behaupteten gar, dass die Songs von "Fly Like An Eagle" und "Book Of Dreams" während einer langen Studiosession gemeinsam aufgenommen worden seien und auf zwei Alben verteilt wurden, was sich jedoch letztlich als Unsinn erwies. Steve Miller, der ursprünglich ja vom Blues kam, inzwischen jedoch längst auch ein Faible für Folk und Countrymusik entwickelt hatte, präsentierte hier absolut eingängige Rockmusik mit deutlichen Popeinflüssen und versetzte diese zudem mit einem Überzug aus von Synthesizern erzeugten Klängen. Die Zeitschrift 'Musik Express' meinte damals, Steve Miller sei wohl der Rockmusiker, der aus dem Synthesizer die wärmsten, menschlichsten Töne herausholen könne. Zusammen ergab dies alles jedenfalls eine einzigartige, äusserst reizvolle Mixtur. Rückblickend kann man durchaus attestieren, dass Steve Miller hier die stärksten und nachhaltigsten seiner Songs geschrieben und veröffentlicht hatte. Einige davon sind längst zu Evergreens geworden, die noch heute regelmässig am Radio gespielt werden, wie zum Beispiel "Jet Airliner" oder "Swingtown" und "Jungle Love". Genial simple Songs, die mit geheimnisvoll klingenden elektronischen Spielereien ("Threshold", "Electro Lux Imbroglio"), zu Herzen gehenden Balladen ("Wintertime", "Wish Upon A Star") sowie weiteren akustischen Highlights wie "True Fine Love", dem Bluesrock "The Stake", dem wunderbar folkigen "My Own Space" zu einem perfekten Ganzen erweitert wurden. Nicht unbedingt an vorerster Front stehend, überzeugte aber auch das fast schon jazzig wirkende "Sacrifice" mit dem Gastgitarristen Les Dudek sowie das geradezu irisch klingende Instrumental "Babes In The Wood". Fazit daher: Trotz unterschiedlichster Facetten gelang der Steve Miller Band mit "Book Of Dreams" ein absolut harmonisches Album. Dazu kam die angenehm helle, stets optimistisch klingende Gesangsstimme von Steve Miller.

In einem Interview mit dem Rockjournalisten Hermann Haring sagte Landmensch Steve: "I enjoy riding along on my tractor, smoke some dope, have some fun". Genau so entspannt und lebensbejahend klang auch seine Musik. Mit dem Album "Book Of Dreams" hielt die Steve Miller Band erstmalig auch Einzug in die deutschen Albumcharts und stieg dort bis auf Platz 13. Das war zwar für ein Album dieser herausragenden Qualität vielleicht nicht gerade überwältigend, doch immerhin zog es den Vorgänger "Fly Like An Eagle" leicht verspätet mit an die Sonne des Erfolges (Platz 20). Auf dem Höhepunkt seines Erfolges zog sich Steve Miller anschliessend aus dem Aufnahme- und Tourleben zurück, tauchte jedoch 1981 mit dem Album "Circle Of Love", das die Single-Hits "Heart Like A Wheel" und "Circle Of Love" abwarf, wieder auf. Die gesamte zweite Seite jenes Albums bestand aus einem über 18-minütigen Stück, einer Art experimentellem Rapsong, mit dem sich Miller textlich gegen die damalige US-Politik richtete. Die Verkaufszahlen waren allerdings eher enttäuschend. So kehrte er 1982 mit einem weiteren Hit-Album zu seiner Pop-Formel zurück: "Abracadabra". Die gleichnamige Single wurde gleichzeitig in Amerika, Japan und Europa zum Nummer 1-Hit. Auch "Goodbye Love", "Keeps Me Wondering Why" und "Give It Up", sowie die B-Seite von "Abracadabra" mit dem Titel "Never Say No", wurden kleinere Hits in manchen Ländern Europas. Das Album "Abracadabra" war Steve Millers letzter grosser kommerzieller Erfolg; eine Reihe von Best Of-Alben, Live-Kompilationen und Versuche, einen neuen, dem digitalen Zeitalter angepassten Bandstil (Album: "Italian X-Rays", 1984) zu etablieren, folgten sporadisch.

1988 erschien sein erstes Soloalbum mit dem Titel "Born To Be Blue". Steve Miller wollte beweisen, dass sich eine Bluesgitarre ohne weiteres über Standard Jazz-Songs spielen liess. Die Singleauskopplung "Ya Ya", eine Coverversion von Lee Dorsey, floppte jedoch. Ein weiterer Comebackversuch im Jahre 1993 mit dem Album "Wide River" scheiterte trotz passabler Verkaufszahlen vermutlich an der Wahl der Singleauskopplungen und der abermals, im Vergleich zu früheren Releases, undenkbar glatten Produktion. Ausserdem spielte er im selben Jahr für das Muddy Waters Tributealbum "Muddy Water Blues" vom ehemaligen Free-Sänger Paul Rodgers, auf dem sich auch weitere Gitarrenlegenden wie Jeff Beck, Neil Schon, Richie Sambora, Trevor Rabin, Gary Moore, Slash, Brian Setzer, David Gilmour, Brian May und Buddy Guy austoben durften, die Gitarre für den Bluesklassiker "I’m Your Hoochie Coochie Man" ein. Steve Miller nahm seither, nach eigenen Aussagen wegen seines getrübten Verhältnisses zur Musikindustrie, kein Studioalbum mehr auf. Allerdings arbeitete er in der Zwischenzeit mit Paul McCartney für dessen 1997 für den Grammy nominiertes Album "Flaming Pie" zusammen. Dort war er auf einem Song als Leadsänger und an der Gitarre zu hören, eine späte musikalische Danksagung McCartneys in Erinnerung an seine Jam-Session mit Steve Miller zur Zeit von "My Dark Hour" (1969). Während Steve Miller sich in der Zwischenzeit aus dem Bereich der Plattenproduktion fast gänzlich zurückgezogen hatte, schien er seit 1993, mit kleineren Unterbrechungen, ein recht reges Tourleben geführt zu haben, das sich allerdings fast nur auf Konzerte in den USA und Kanada beschränkte.

2006 erschien bei Capitol Records, dem ursprünglichen Stamm-Label Millers, eine CD/DVD-Kopplung des Albums "Fly Like An Eagle", zum 30-jährigen Jubiläum der Platte. Unter dem enthaltenen Bonusmaterial fand sich eine Konzertfilmaufnahme aus dem Jahre 2005 mit Gaststars wie George Thorogood und Joe Satriani. Auch auf dem Les Paul Tributealbum von 2005, "Les Paul & Friends", war der Musiker neben anderen Bekanntheiten wie Eric Clapton, Sting, Sam Cooke, Buddy Guy, Keith Richards, Peter Frampton, Billy Gibbons, Edgar Winter, Rick Derringer, Neil Schon, Richie Sambora, Joe Perry und Jeff Beck mit einer Neuaufnahme seines sozialkritischen Rockklassikers "Fly Like An Eagle", dessen Kultstatus Anfang 1997 der schwarze Sänger Seal durch Neuinterpretation und erneuten Hitstatus weiter untermauerte, vertreten. Nach langjähriger Studiopause wurde im Juni 2010 mit "Bingo!" ein neues Album veröffentlicht, das sofort die Position 1 der amerikanischen Billboard Blues Album Charts eroberte. Im August 2010 begann zudem eine grosse Tournee durch Kanada, die USA und Europa.




Jul 7, 2017


TOM PACHECO - Eagle In The Rain (Round Tower Records TPCD1, 1989)


Während der Singer und Songwriter Tom Pacheco in Europa schon von Anfang an recht erfolgreich unterwegs gewesen war, konnte er in Amerika unerklärlicherweise nie so richtig bekannt werden. Das ist insofern erstaunlich, da er selbst auf den meisten seiner Alben stets typisch amerikanisch klang und andererseits, weil etliche seiner brillianten Songs vor allem von amerikanischen Künstlern und Bands aus dem Folk-, Country- und Rockbereich gecovert wurden, zu denen beispielsweise so illustre Interpreten wie Jefferson Starship, The Band, Rick Danko, Richie Havens, Scott Petito und Leslie Ritter, John Hall und mindestens ein Dutzend europäischer Künstler gehörten, von denen einige bis ganz zuoberst in die Hitparadenränge gelangten, und zwar in England und Norwegen. Alle seine Alben verkauften sich in Europa glänzend, während sie in Amerika zumeist in den Regalen verstaubten, oder dort schon gar nicht erst veröffentlicht wurden. Eines seiner Alben erhielt in Europa Mitte der 90er Jahre gar eine Platin-Auszeichnung. Es erstaunt schon, dass ausgerechnet ein amerikanischer Künstler in seiner Heimat so gut wie nicht wahrgenommen wurde, ausserhalb seiner Heimat jedoch grosses Ansehen genoss und noch immer geniesst.

Tom Pacheco spielte Folkrock in den späten 60er Jahren, tingelte vor allem wie Bob Dylan in Greenwich Village, dem Mekka der Songpoeten und schloss sich auch in den 80er Jahren vor allem in Texas den damals populären Alternative Country-Musikern an. Zu allen Zeiten war Tom Pacheco als exzellenter Songschreiber aufgefallen, konnte viele seiner Songs auch an weitaus berühmtere Musiker weitergeben, blieb selbst aber weitgehend im Hintergrund. Weitere Stationen in seiner Karriere waren auch Nashville, das Nekka der amerikanischen Countrymusik, wo Pacheco sowohl als Songschreiber, als Musiker, aber auch als Produzent und Arrangeur arbeitete. Und schliesslich, als die wahrscheinlich wichtigste Station in seiner Biographie, lebte Tom Pacheco zehn Jahre im irischen Dublin, wo er regelmässig Plattenaufnahmen tätigte und von wo aus er auch immer wieder Tourneen begann, die ihn kreuz und quer durch Europa's Clubs führten. Inzwischen lebt Tom Pacheco wieder in den USA, und zwar in Woodstock New York und gibt Konzerte sowohl in den Vereinigten Staaten, als auch in Europa. Längst gilt er als einer der herausragenden Singer/Songwriter aus dem Folk- und Folkrock-Bereich. Seine Geschichten, die viel persönlich Erlebtes reflektieren, treffen immer wieder den Zeitgeist oder sind ganz einfach erlebbar für Jeden und mitten aus dem Leben gegriffen. Pacheco war und ist ein Kritikerliebling und wird von zahlreichen bedeutenden Musikern immer wieder gelobt für seine Qualitäten als Komponist, Künstler und Mensch. Der Musiker Andy Hardin, Tom Russell's langjähriger Gitarrist, bezeichnete ihn als 'the best solo performer I've ever seen'.

Tom Pacheco erblickte am 4. November 1946 in New Bedford Massachusetts als Sohn des Jazzgitarristen Tony Pacheco das Licht der Welt. Bereits im Alter von zehn Jahren eiferte er seinem Vater an der Gitarre nach und mit 19 Jahren veröffentlichte er bereits sein erstes Album mit eigenen Songs unter dem Titel "Turn Away From The Storm". Nachdem er dieses erste, noch recht folkorientierte Studiowerk kurz vor dem Ausbruch der Hippie-Generation veröffentlicht hatte, gründete er die Psychedelik-Folkband The Ragamuffins, mit welcher er einige Singles veröffentlichte, bevor er in der Band Euphoria von Sharon Alexander einstieg. Mit Euphoria veröffentlichte Tom Pacheco im Jahre 1969 ein selbstbetiteltes Album bei der Plattenfirma Heritage Records. Danach tourten die beiden Musiker unter dem Banner Pacheco & Alexander und veröffentlichten 1971 bei CBS Records ein Album mit demselben Titel.


Danach unterschrieb Tom Pacheco bei RCA Victor Records einen Vertrag über zwei Soloalben, die beide im selben Jahr, nämlich 1976 erschienen. Sie trugen die Titel "Swallowed Up In The Great American Heart" und "The Outsider". Zwei Jahre später übersiedelte der Musiker zum erstenmal nach Woodstock New York, wo er eine lokale Band gründete, um im weiteren Umfeld von New York Konzerte zu bestreiten. Diese Band trug den Namen The Hellhounds, blieb aber ohne Plattenveröffentlichung. Die Konzerte waren immer sehr beliebt, ein nachhaltiger Erfolg sollte sich aber trotz relativ grosser Bühnenpräsenz nicht einstellen, weshalb Pacheco das Projekt beendete und im Jahre 1981 nach Austin in Texas übersiedelte, wo er eine weitere Band ebenfalls The Hellhounds nannte, die jedoch auch nicht reüssieren konnte. Immer stärker als ein Reisender in Sachen Folk und Songwriting unterwegs, waren seine musikalischen Stationen danach zuerst Nashville und schliesslich das irische Dublin, wo er seine erste längere Heimat fand. Zehn Jahre war er in Irland und veröffentlichte in diesen Jahren eine Menge wunderbarer Alben, unter ihnen das hier vorgestellte Album "Eagle In The Rain" als erstes, das im Jahre 1989 erschien, gefolgt von den Werken "Sunflowers & Scarecrows" (1991), "Tales From The Red Lake"  (1992), ein Duettalbum mit dem norwegischen Sänger Steinar Albrigtsen mit dem Titel "Big Storm Comin'" (1993) und "Luck Of The Angels" (1994).

Tom’s erstes europäisches Album "Eagle In The Rain" wurde von Arty McGlynn, einer irischen Folklegende produziert und präsentierte elf hervorragende Folkrock-Songs, die einerseits irisches Feeling aufwiesen, andererseits aber auch die typische amerikanische Singer/Songwriter-Kunst auf beeindruckende Art und Weise herüberbringen konnten. Arty McGlynn spielte selbst bei den Aufnahmen mit und zeigte sich mit seiner Rickenbacker 12 String Guitar, der Mandoline, der Steel Guitar und der elektrischen Lead- und Rhythmusgitarre als Hauptakteur, der den Kompositionen von Tom Pacheco das jeweils perfekte akustische Kleid verpassen konnte. Als weitere Studiomusiker agierten der Gitarrist und Mundharmonikaspieler Peter O'Hanlon, der Bassist James Blennerhasset, der Schlagzeuger Brendan McFarritty, der Keyboarder Rod McVey, Fiddler Nollaig Casey, der Perkussionist Dave Early und der Cellist und Dudelsackspieler Neil Martin. Dazu gesellten sich mit Leon McCruen, Eric Woods, Collette O'Hanlon und Maura Donaghy auch noch eine Vokalistengruppe, die bestechend schöne mehrstimmige Gesangseinlagen präsentierten.

Das in den Homestead Studios in Randalstown und den Ringsend Road Studios in Dublin eingespielte Werk zeigte elf verschiedene Stories über verschiedene Charakteren, die schicksalshafte Erlebnisse zu meistern hatten und manchmal vom Glück nicht verwöhnt wurden. Die Liebesgeschichte von "Robert And Ramona" eröffnete das Album. Die zwei verlorenen Seelen, die einen Laden überfallen und dann flüchten und nicht glücklich werden können. Der bemerkenswerteste Track des Albums folgte schon als Nummer zwei auf dem Album: "She Always Thought He'd Come Back" erzählte in wunderbarer Grahame Greene-Manier die Geschichte einer Frau, die verlassen wurde und von ihrem Mann jahrelang immer Postkarten bekam, wie gut es ihm ginge und wie sehr er in Florida, am Strand von Key West, wo er als eine Art Kerouac leben würde. Die Realität sah indes anders aus. Als sein Sohn, den er ebenfalls verlassen hatte, alt genug war, um seinen Vater zum erstenmal alleine zu besuchen, war dieses Treffen enttäuschend. Der Vater entpuppte sich nicht als Bohème, sondern als abgehalfterter Alkoholiker, der todkrank war. Der Sohn reiste enttäuschend wieder nach hause, als nicht einmal eine schlichte Umarmung des Vaters etwaige Vatergefühle hätten vermitteln können. Später erlag der Vater seiner Trunksucht und kam schliesslich doch wieder nach hause zurück: in einem Sarg mit dem Zug, wo ihn seine Frau am Bahnhof in Empfang nahm.

Solche ergreifenden und mitten aus dem Leben gegriffene Geschichten fand und findet man bei Tom Pacheco zuhauf. Er sang und singt über die Verlierer, die vom Schicksal Gezeichneten und zeichnet immer wieder ein Bild der Hoffnungslosigkeit, aber gleichzeitig schrieb er auch über schöne Begebenheiten, über hoffnungsvolle und schicksalshafte Ereignisse und Begegnungen, aus denen viel erwachsen kann. "All Because Of You" war so ein hoffnungsvoller Song. Am anderen Ende der Skala jedoch prangerte Pacheco in seinen Songtexten immer wieder auch schonungslos offen Misstände an: "Made In America" über die Gesichter, die einem immer etwas vormachen, "The Last Blue Whale In The Ocean" über das Aussterben vieler Lebewesen wegen eines allzu gedankenlosen Treibens der Menschen. Dann beschreibt er den "Jesus In A Leather Jacket", singt von "Donna Marie" und beendet sein erstes europäisches Album mit dem Titel "Just A Little Bullet", in welchem der Musiker am Beispiel einer simplen Pistolenkugel davon singt, wie die Welt kaputt geht. Das Album "Eagle In The Rain" war ein insgesamt ebenso trauriges wie schönes Album, dem Tom Pacheco nie ein wirklich mittelmässiges Werk folgen liess. Alle seine Platten verdienen es, gehört zu werden.

Pacheco kehrte im Jahre 1997 zurück nach Woodstock New York, produzierte dort das Album "Woodstock Winter" mit dem Musiker und Produzenten Jim Weider. Das Album gilt heute als sein bestes Werk und es wurde im Tonstudio des Schlagzeugers Levon Helm (The Band) aufgenommen. Neben Levon Helm spielte auch Rick Danko von The Band darauf mit. Leider war dieses Album genauso wenig erfolgreich in Amerika wie alle seine Werke zuvor, weshalb er später wieder zurück nach Europa ging, auch wenn er sich den Status des Kultmusikers in den Vereinigten Staaten inzwischen erarbeitet hatte. Pacheco nahm weitere Alben in Europa auf, unter ihnen beispielsweise "Bare Bones And Barbed Wire", ein reines Akustikalbum, "The Lost American Songwriter", sowie ene weitere Kollaboration mit dem Norweger Steinar Albrigtsen mit dem Titel "Nobodies". Bis heute konnte Tom Pacheco in den Vereinigten Staaten nie den Erfolg feiern, der ihm im Grunde schon seit ewigen Zeiten gebühren würde, verströmen doch seine Stimme, seine Lieder und insbesondere seine Songtexte auf beeindruckende Weise den Geist des uramerikanischen Woodie Guthrie.




Jul 6, 2017


BARCLAY JAMES HARVEST - Baby James Harvest 
(Harvest Records SHSP 4023, 1972)


Barclay James Harvest sind eine britische Progressive-Rockgruppe, die vor allem durch ihren orchestral geprägten Stil bekannt wurde. Gegründet wurden sie 1967 von John Lees, Woolly Wolstenholme, Les Holroyd und Mel Pritchard, die alle aus der Stadt Oldham in Greater Manchester (North West England) stammen. Seit 1998 gibt es zwei Bands dieses Namens, die zur Unterscheidung den Namen des federführenden Mitglieds einerseits als Präfix (John Lees' Barclay James Harvest) und andererseits als Suffix (Barclay James Harvest featuring Les Holroyd) tragen. 1964 gründeten John Lees und Woolly Wolstenholme, beide Studenten an der Oldham Art School, die Band The Sorcerers, aus denen die Bluesgruppe The Keepers wurde. Zur gleichen Zeit gründeten Les Holroyd und Mel Pritchard, die sich bereits seit dem Vorschulalter kannten, die auch aus Oldham stammende Schulband Heart And Soul And The Wickeds, auch nur (The) Wickeds genannt. Nachdem der Leadgitarrist der Wickeds ausgestiegen war, gründeten alle vier 1966 die Band The Blues Keepers, die einige kleinere Konzerte gaben und aus der 1967 die professionelle Gruppe Barclay James Harvest hervorging.

Im Sommer 1967 entschied man sich, vollberuflich als Band zu arbeiten, und folgte Manager John Crowther nach Lancashire auf einen alten Bauernhof des 18. Jahrhunderts, um dort zu arbeiten. Nachdem zwei der damals sechs Mitglieder die Band verlassen hatten, einigte man sich auf einen neuen Namen Barclay James Harvest. Einer (womöglichen) Legende nach wurde dieser durch ein Assoziationsspiel gefunden: Jedes Mitglied schrieb für ihn wohlklingende Namen auf ein Kärtchen. Danach wurden die Karten eingesammelt und schrittweise durchgegangen. Zurück blieben Barclay, James und Harvest. 2009 erzählte Les Holroyd in einem Interview allerdings, dass dies alles Quatsch sei: "Wir wollten einfach nicht so einen kurzen, typisch englischen Namen, wie The Who, The Kinks oder so ähnlich. Wir fanden die längeren amerikanischen Band-Namen wie Jefferson Airplane oder Buffalo Springfield einfach schöner und wollten eine englische Version davon. Da wir auf dem Land in einer Farm geprobt haben, war Harvest (Ernte) schon vorgegeben, und irgendwie wurde eben Barclay James Harvest daraus".

1968 erschien die erste Single der Band mit dem Titel "Early Morning" auf dem zu EMI Records gehörenden Parlophone-Label; ihre beiden Lieder stammten von 1966. Der relative Erfolg dieses Songs führte zu einem längerfristigen Vertrag mit dem von der EMI neugegründeten Progressive Rock-Label Harvest Records. 1969 konnte die zweite Single "Brother Thrush" an den Erfolg der Debütsingle anknüpfen. Die Band nahm 1970 ihr erstes Studioalbum "Barclay James Harvest" in den Abbey Road Studios in London auf. Dafür arbeitete sie erstmals mit einem grossen Orchester, dem Barclay James Harvest Symphony Orchestra (zuvor The London Symphonia genannt, einem Orchester bestehend aus Musikstudenten) zusammen. Trotz des sehr grossen finanziellen Aufwands gab sie im selben Jahr und in den folgenden Jahren viele Konzerte mit diesen und anderen Orchestern. Das Album enthielt unter anderem den Titel "Mother Dear" und das zwölf Minuten lange Mammutwerk "Dark Now My Sky".

1971 erschien das zweite Studioalbum "Once Again", das auch in den Abbey Road Studios mit dem Barclay James Harvest Symphony Orchestra aufgenommen wurde. Es enthielt zum Beispiel das lange Stück "She Said" und ausserdem die Lieder "Song For Dying", "Galadriel", "Mocking Bird" und "Ball And Chain". Insbesondere "Galadriel" und "Mocking Bird" sollten später zu Dauerbrennern an Konzerten werden und zu zwei von den Fans favorisierten Titeln. In diesem Jahr wurde auch das dritte Studioalbum veröffentlicht, das im selben Studio mit demselben Orchester aufgenommen wurde: "Barclay James Harvest And Other Short Stories", das weitere spätere Highlights der Band enthielt, wie zum Beispiel die Stücke "Medicine Man", "The Poet" und "After The Day". Unter enormem Zeitdruck entstand das 1972 erschienene vierte Studioalbum "Baby James Harvest", das am 10. November erschien. Während Lees, Holroyd und Pritchard den Grossteil der Songs in Stockport in den Strawberry Studios einspielten, arbeitete Wolstenholme allein in den Londoner Abbey Road Studios an dem quasisymphonischen Stück "Moonwater", das wieder mit dem Barclay James Harvest Symphony Orchestra aufgenommen wurde. Zu den Liedern des Albums gehörte auch das lange Stück "Summer Soldier". Ein Mitschnitt eines Konzertes, das die Band am 16. November mit demselben Orchester im Paris Theatre in London gab, erschien erst im Jahre 2002 als "Barclay James Harvest BBC in Concert 1972".

"Baby James Harvest" wirkte gegenüber den Vorgängern eher straff arrangiert, die orchestralen Arrangements hielten sich eher begrenzt, stattdessen konnte man beispielsweise im auch als Single veröffentlichten Stück "Thank You" einen ordentlich rockenden, verzerrten Gitarrensound hören, den damals beispielsweise auch die Gruppe Frijid Pink in deren Erfolgstitel "House Of The Rising Sun" eingesetzt hatten. Diese leicht rockigere, aber sehr wohl deutlich hörbare musikalische Veränderung tat der Band indes nicht gut. Die Kritiken waren durchwachsen und auch die Fans goûtierten das Werk nicht so wie die vorher veröffentlichten Platten. Eigentlich unerklärlich, denn auch auf "Baby James Harvest" finden sich ausschliesslich hervorragende Songs, die nur einfach etwas anders ausgerichtet waren und nicht nur dem bis dato praktizierten Symphonik-Sound folgten. Aber offenbar war genau dies die Vorgabe der Plattenfirma Harvest und auch die Vorstellung der Fans, dass die bis anhin präsentierte musikalische Mixtur beibehalten werden sollte. Das hatte für die Band Barclay James Harvest letztlich weitreichende Folgen: Nachdem "Baby James Harvest" letztlich also überwiegend negative Resonanz hervorgerufen hatte, sah sich die Band 1973 ohne Plattenvertrag. Obwohl sie als Liveband einen guten Ruf genossen, waren Erfolge in den Charts ausgeblieben. Hinzu kam, dass das Orchester sehr kostspielig für die Band wie auch für die Plattenfirma war, weshalb man sich entschloss, zukünftig, sowohl für Studioarbeiten als auch für Konzerte, auf das Orchester zu verzichten.

1974 unterzeichneten Barclay James Harvest einen neuen Vertrag bei Polydor Records und veröffentlichten noch im selben Jahr das fünfte Studioalbum "Everyone Is Everybody Else", das auf Anhieb bessere Verkäufe erzielte als seine Vorgänger, obgleich grosse Erfolge ausblieben. Es enthielt zum Beispiel die Titel "Child Of The Universe", "Negative Earth", "The Great 1974 Mining Disaster", "Crazy City" und "For No One". Am 19. Juni 1974 trat die Band vor einem Kleinpublikum im Golders Green Hippodrome auf, wovon neun Lieder für die Serie BBC Radio 1 in Concert aufgenommen wurden, und ausserdem am 1. August in den Maida Vale Studios auch für Radio One jeweils in einer Peel Session und Bob Harris Show Session; 2008 wurden von diesen drei Londoner Auftritten insgesamt 14 Lieder auf der Kompilation "After the Day - The Radio Broadcasts 1974–1976" veröffentlicht. Nach der Tour zum Studioalbum "Everyone Is Everybody Else" liess die Band noch im selben Jahr ihr erstes Livealbum, schlicht "Live" betitelt, folgen, das bei Konzerten in London am 30. Juni und in Liverpool am 31. August aufgenommen wurde und den insgesamt ersten Charterfolg der Band brachte: Im Vereinigten Königreich stieg es auf 40. Platz der Album-Charts, und es erhielt Silber. Mit dem 1975 erschienenen sechsten Studioalbum, "Time Honoured Ghosts", das zum Beispiel das Lied "Titles" als musikalische und lyrische Hommage an die Beatles enthielt, wiederholte die Band ihren Erfolg, und sie tourte zum ersten Mal durch Deutschland, Belgien und die Niederlande.

1976 ging die Band erstmals in Kanada und in den USA (März und April) auf Tournee. Auch mit dem in diesem Jahr veröffentlichten siebten Studioalbum "Octoberon", das unter anderem die Songs "Ra" (Ra ist der altägyptische Sonnengott) und "Suicide ?" beinhaltete, verbuchten die vier Engländer einen grossen Erfolg. Am 20. Januar trat die Band in Manchester in den BBC TV Studios für Show The Old Grey Whistle Test auf, und am 14. Oktober gaben sie ein Konzert im Liverpool Empire, aus dem vier Lieder im Rahmen der BBC-Serie 'Rock Around The World' aufgenommen wurden; während der zwei Auftritte spielte sie insgesamt 6 Lieder, die 2008 auf der Kompilation "After the Day - The Radio Broadcasts 1974–1976" veröffentlicht wurden. 1977 folgte in kommerzieller Hinsicht das bis dahin erfolgreichste Jahr für die Band: Besonders in Deutschland hatten sie mit dem achten Studioalbum "Gone To Earth", das im September erschien, und der daraus ausgekoppelten Single "Hymn" hohe Chartplatzierungen. Mit Humor konterte die Band auf dem Album Kritikerstimmen, welche die Band wegen ihrer Musik als 'The Moody Blues für Arme' titulierten: Sie verfassten darauf prompt den auf dem Album befindlichen Song "Poor Man’s Moody Blues", der deutlich dem Moody Blues-Hit "Nights In White Satin" nachempfunden war. Wie "Hymn" gehört dieses Stück bis heute zu den bekanntesten Songs von Barclay James Harvest. Im selben Jahr veröffentlichte John Lees sein Soloalbum "A Major Fancy" (Juli), und Barclay James Harvest-Konzerte waren fast überall ausverkauft.

1978 folgte mit dem Doppelalbum "Live Tapes" das zweite Livealbum der Band. Die Songs wurden in mehreren Konzerten von 1976 und 1977 aufgenommen, darunter "Child Of The Universe", "Rock 'N' Roll Star", "Poor Man’s Moody Blues", "Mockingbird", "Suicide ?", "For No One" und selbstverständlich ihren grössen Hit "Hymn". Im selben Jahr erschien mit "XII" Ende September das neunte Studioalbum der Band. Es war ihr letztes Album mit ihrem Gründungsmitglied Woolly Wolstenholme und enthielt neben dessen Songs "In Search Of England" und "Harbour" beispielsweise die weithin bekannten Titel "Loving Is Easy", "Berlin" und "Sip Of Wine". Woolly Wolstenholme verliess die Band im Sommer 1979, weil er mit dem sich verändernden Musikstil von Barclay James Harvest nicht mehr einverstanden war und sich auf seine Solokarriere konzentrieren wollte. Der Rest der Band machte weiter und veröffentlichte noch im selben Jahr das zehnte Studioalbum "Eyes Of The Universe". Auf der anschliessenden Tournee gab die Band am 30. August 1980 ein Gratiskonzert auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin, laut offizieller Zählung der Polizei vor etwa 175'000 Zuschauern. Die Single "Life Is For Living" entwickelte sich in Deutschland (2. Platz) und in der Schweiz (1. Platz) zum Chartbreaker und begründete den weiter voranschreitenden Aufstieg der Band.

Der Erfolg wurde 1981 dank des elften Studioalbums, Turn of the Tide (Mai), bestätigt; es kletterte in Deutschland auf den 2. Platz. Darauf enthalten sind unter anderem die Songs Highway For Fools, Echoes And Shadows, Life Is For Living und In Memory Of The Martyrs. 1982 erschien das ebenfalls erfolgreiche dritte Livealbum, Berlin – A Concert for the People (Januar), das Auszüge des 1980er Konzerts vor dem Reichstagsgebäude enthält – unter anderem die Lieder Sip of Wine, In Memory Of The Martyrs, Life Is For Living, Child Of The Universe, Berlin und Hymn; es triumphierte in Deutschland auf dem 1. Platz und erreichte in Österreich den 9. Platz.

1983 erschien das zwölfte Studioalbum "Ring Of Changes" (16. Mai), zum Beispiel mit den Liedern "Waiting For The Right Time" und "Paraiso Dos Cavalos". Es erreichte in Deutschland den 4. Platz. 1984 wurde das 13. Studioalbum "Victims Of Circumstance" (April) veröffentlicht, es erreichte ebenfalls den 4. Platz in Deutschland und triumphierte auf dem 1. Platz in der Schweiz. Nach der Tournee von 1984 durch Europa gönnten sich die Bandmitglieder eine kreative Pause. Das 1985 erschienene Best Of-Album "The Compact Story Of Barclay James Harvest" erreichte in Deutschland Gold-Status. 1987 veröffentlichten Barclay James Harvest ihr 14. Studioalbum "Face To Face", unter anderem mit den Titeln "Alone In The Night", "Guitar Blues", "African", "Panic" und "Kiev". Das Werk erreichte den 9. Platz in Deutschland und den 7. Platz in der Schweiz. Bei der folgenden Tour kam es zum nächsten Live-Highlight in der Geschichte der Band: Am 14. Juli 1987 wurde der Gruppe die Ehre zuteil, als erste westliche Rockband ein Freiluftkonzert in der DDR zu geben, als sie vor schätzungsweise 130'000 bis 170'000 Zuschauern im Treptower Park in Ost-Berlin auftraten. Als Konzertauszug davon erschien 1988 das vierte Livealbum der Band, das den bezeichnenden Titel "Glasnost" erhielt.

1990 kam das 15. Studioalbum, Welcome to the Show (5. März), auf den Markt; es kletterte auf den 10. Platz in Deutschland und auf den 7. Platz in der Schweiz. Das Album enthält unter anderem die Songs Lady Macbeth, Cheap the Bullet, Halfway To Freedom, Psychedelic Child und If Love Is King sowie das Lied John Lennon’s Guitar, dessen Text auf dieser Begebenheit fußt: Im Herbst 1970, als die Band in den Abbey Road Studios an ihrer LP Once Again arbeitete, spielte John Lees eine Gitarre von John Lennon, welche dieser dort hatte stehen lassen. Mit diesem Album gab es die für lange Zeit letzte Tour durch England, die 1990 und – nach einem Jahr Pause – 1992 stattfand. Zwischendrin erschien 1991 die Kompilation Best of Barclay James Harvest (3. Oktober), die den 9. Platz in Deutschland und den 13. Platz in der Schweiz erreichte.

1993 erschien das 16. Studioalbum "Caught In The Light", das zum Beispiel die Songs "Who Do We Think We Are", "Cold War" und "Once More" enthielt. Es erreichte den 5. Platz in Deutschland. Mit dem Album "River Of Dreams" erreichten Barclay James Harvest noch einmal den 3. Platz in Deutschland. Beide Alben wurden von Tourneen mit vielen Konzerten abgerundet. Im März 1998 verkündeten die Bandmitglieder eine Pause der Band, was aber zum endgültigen Ende von Barclay James Harvest in ihrer Originalbesetzung (John Lees, Woolly Wolstenholme, Les Holroyd und Mel Pritchard) wurde. Die Band zerfiel in zwei Hälften, die jeweils durch weitere Musiker, welche Barclay James Harvest teils schon in den zurückliegenden Jahrzehnten begleiteten, ergänzt wurden. John Lees und Woolly Wolstenholme bildeten seit 1998 das erste durch weitere Musiker verstärkte Duo, das anfangs Barclay James Harvest Through The Eyes Of John Lees genannt wurde; auch nach Wolstenholme's Tod im Jahre 2010 existiert die Band weiterhin. 1999 erschien das Remake- und Studioalbum "Nexus", das neu arrangierte Lieder aus der Zeit von 1970 bis 1978 und neue Songs enthielt. Mit einer solchen Songmixtur ging die Band von 1999 bis 2001 erfolgreich auf Tournee. Es gab Konzerte in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich und Griechenland und seit langer Zeit erstmals wieder in Grossbritannien. 2001 begann das Duo sein zweites Studioalbum mit dem Arbeitstitel "North". Die Arbeit daran wurde aber nach wenigen Tagen wieder eingestellt, weil Lees sich nach dem Tod von David Walker, der unter anderem Manager von Barclay James Harvest, John Lees’ Barclay James Harvest, The Sweet, Status Quo, Pepsi & Shirlie und Adrian Gurvitz war, nicht in der Lage sah, das Album fertigzustellen, und somit wurden die Arbeiten am Album für lange Jahre eingestellt.

Die Band, die seit 2005 John Lees’ Barclay James Harvest heisst, tourte nach fünf Jahren Pause im Herbst 2006 durch England und Griechenland und gab vier Unplugged-Auftritte in Italien. Dabei präsentierte sie insbesondere Titel aus der Frühphase von Barclay James Harvest. Der Auftritt vom 5. November im Londoner Shepherds Bush Empire wurde gefilmt, und dieser Livemitschnitt wurde 2007 unter dem Titel "Legacy - Live At The Shepherds Bush Empire, London 2006" auf CD und DVD veröffentlicht. 2009 und 2010 tourte die Band durch England und Europa und spielte auch diesmal wieder besonders alte Titel. Am 10. Juli 2010 trat die Band in Gaia (Portugal) auf, was zum letzten Konzert von Wolstenholme wurde, der am 13. Dezember 2010 Suizid beging. Die anderen Musiker entschieden sich dazu, ohne Wolstenholme weiterzumachen. Die Band gab nach ein paar weiteren Shows im Herbst 2010, bei denen sie erstmals den neuen Song "Ancient Waves" präsentierte, auch 2011 einige Konzerte, wieder besonders mit alten Songs. Dabei trat sie am 4. Dezember 2010 in den Londoner Metropolis Studios auf, was gefilmt wurde und 2011 unter dem Titel "Classic Rock Legends - Filmed Live at Metropolis Studios" auf DVD erschien. Zudem wurde das Konzert vom 23. Juli 2011 beim High Voltage Festival im Londoner Victoria Park aufgenommen und noch im selben Jahr als "(Live at) High Voltage" veröffentlicht. Les Holroyd und Mel Pritchard bildeten seit 1998 das zweite durch weitere Musiker verstärkte Duo Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd, auch nach Pritchards Tod (2004) existiert die Band weiterhin.

Im Frühjahr 2006 fand eine Tournee durch Deutschland, Frankreich und Belgien statt, während der man mit dem Prague Philharmonic Orchestra musizierte und damit erstmals seit 1973 wieder mit einem Orchester auftrat. Davon erschienen die Live-CD und DVD "Classic Meets Rock - Live with Prague Philharmonic Orchestra", die am selben Tag beim Konzert im französischen Amnéville aufgenommen wurde und direkt anschliessend als limitierte Erstauflage erhältlich war. Nach ein paar Auftritten bei Sommerfestivals ohne das Orchester gab die Band weitere Konzerte mit ihm im Dezember 2006 in Deutschland. 2007 tourte die Band wiederum durch Europa und stellte dabei zwei neue Songs vor: "Fly Away" und "Tonight Is Gonna Be The Night". Auch 2008 bis 2013 gab es zahlreiche Konzerte. Zwischendrin, im Jahre 2009, gab die Band einige Shows mit dem City of Prague Philharmonic Orchestra. Auch 2014 bis 2016 gab die Band Konzerte, und sie tritt auch heute immer noch live auf.



 

Jul 5, 2017


BLACK STONE CHERRY - Between The Devil & The Deep Blue Sea
(Roadrunner Records RR7724-2, 2011)

Die Southern Rocker Black Stone Cherry stammen aus Edmonton im US-amerikanischen Bundesstaat Kentucky. Die Band wurde im Jahre 2001 gegründet und entnahm ihren Namen von einer in den Vereinigten Staaten populären Billig-Zigarettenmarke. Schon während ihrer gemeinsamen Zeit in der High School lernten sich der Sänger und Gitarrist Chris Robertson und der Bassist Jon Lawhon kennen. Ihre Freizeit verbrachten die Musiker mit Jam Sessions, bei denen teilweise sogar ihr Schuldirektor mitwirkte. Wenig später komplettierten der Gitarrist Ben Wells und der Schlagzeuger John Fred Young, der Sohn des Kentucky Headhunters-Gitarristen Richard Young, die Band. Die Proben fanden in einer alten, unbeheizten Scheune statt, in der schon seit den 60er Jahren auch die Kentucky Headhunters geprobt hatten. 2006 wurde über Roadrunner Records das selbstbetitelte Debütalbum veröffentlicht, welches bis auf Platz 90 der US-amerikanischen Albumcharts stieg. Black Stone Cherry wurden von John Fred Youngs Vater produziert und von Kevin Shirley, der bereits mit Bands wie Aerosmith oder Iron Maiden zusammengearbeitet hatte, abgemischt. Alleine in den USA verkaufte sich das Album über 160'000 mal.

Die Band spielte in Nordamerika im Vorprogramm der Black Label Society und in Europa als Vorgruppe von Whitesnake und Def Leppard. Im Rahmen dieser Europatournee wurde der Auftritt im Londoner Astoria als Doppel Live-Album veröffentlicht, auf der, neben eigenen Kompositionen, auch diverse Coverversionen, zum Beispiel der "Hoochie Coochie Man" von Muddy Waters oder "Voodoo Child" von Jimi Hendrix, gespielt wurden. Am 19. August 2008 wurde das zweite Studioalbum "Folklore And Superstition" (zu deutsch 'Folklore und Aberglaube) veröffentlicht. Das Album schaffte es bereits auf Platz 28 der US-amerikanischen und gar auf Platz 23 der britischen Charts. Auch in Deutschland konnte die Band mit Platz 54 erstmals eine Chartplatzierung erreichen. Produziert wurde das in Nashville aufgenommene Album "Folklore And Superstition" von Bob Marlette. Viele Lieder thematisierten darauf die Folklore der US-amerikanischen Südstaaten. Black Stone Cherry spielten mehrere Tourneen im Vorprogramm von Seether, Theory Of A Deadman und Nickelback.
War das Debütalbum noch stärker am Hard- und Southern Rock orientiert, so waren auf "Folklore And Superstition" vermehrt auch Einflüsse anderer Musikrichtungen zu hören. Nach eigenen Angaben kamen etwa Elemente aus dem Classic Rock, dem Blues, dem klassischen Motown-Sound, Country, Soul und Rhythm & Blues hinzu, aber auch Elemente aus Jazz oder Reggae und aus der in den Südstaaten verbreiteten Bluegrass-Musik waren herauszuhören. Tatsächlich war spätestens beim zweiten Album der Band eine eindeutige Kategorisierung kaum mehr möglich, jedoch lag eine Einordnung im Bereich des Southern- oder Hard Rock relativ nahe. Oft wurden Black Stone Cherry deswegen mit Lynyrd Skynyrd, den Black Crowes und Led Zeppelin aufgrund ihrer Musikrichtung sowie mit AC/DC oder auch Guns N’ Roses wegen ihres speziellen und harten Musikcharakters verglichen.

Nachdem die Gruppe bereits Ende 2009 mit den Vorbereitungen für ihr drittes Album begonnen hatte, kam es durch weitere Tourneen, unter anderem mit Motörhead, immer wieder zu Verzögerungen. "Between The Devil & The Deep Blue Sea" erschien schliesslich am 31. Mai 2011 in den USA. Das von Howard Benson produzierte Album erreichte Platz 13 der britischen und Platz 22 der deutschen Albumcharts. Nach einer US-Tournee mit der Band Alter Bridge trat die Gruppe im Sommer 2011, wie bereits 2009, bei den deutschen Festivals Rock am Ring und Rock im Park auf.  Während die Band auf ihren ersten zwei Alben wahre Geschichten in ihren Texten verarbeitet hatten wandten sich die Songtexte auf dem dritten Werk "Between The Devil & The Deep Blue Sea" den Gefühlen und Impressionen von Geschehnissen zu, die einem Menschen in seinem Alltag begegnen. Die Band bewies beispielsweise eine sehr offene Haltung in Bezug auf Religion, die wohl vor allem auf die Herkunft der Band aus dem sogenannten 'Bible Belt' zurückzuführen war. "Between The Devil & The Deep Blue Sea" erschien erneut über das Plattenlabel Roadrunner Records. Erstmals in der Bandgeschichte fanden die Aufnahmen nicht in den Südstaaten, sondern in den Bay 7 Studios in Los Angeles statt. Für das Album schrieb die Band insgesamt zwischen 45 und 50 songs, von denen letztlich zwölf auf der regulären Version des Albums landeten. Drei weitere wurden für eine limitierte Version der CD berücksichtigt.

Produziert wurde das Album von Howard Benson. Als Gastmusikerin war die Sängerin Lzzy Hale von der Band Halestorm aufden Titeln "Such A Shame" und "Won’t Let Go" zu hören. "Can’t You See" war eine besonders schön gelungene Coverversion eines Top-Tracks von Toy Caldwell (Marshall Tucker Band). Für die Songs "White Trash Millionaire" und "Blame It On The Boom Boom" wurden auch Musikvideos gedreht. Der Albumtitel ging auf eine alte englische Redensart zurück. Matrosen mussten häufig auf hoher See über die Reling klettern, um Arbeiten an den Schiffsseiten oder am Rumpf zu erledigen. Diesen Vorgang nannte man 'Working between the Devil and the Deep Blue Sea', was soviel bedeutet wie 'zwischen dem Teufel und dem tiefen blauen Meer arbeiten'. 
Zur Veröffentlichung des Albums brachte die Firma Evan Williams Kentucky Bourbon in den Vereinigten Staaten 450'000 Flaschen mit dem Logo der Band in die Läden. Katharina Neuert vom Onlinemagazin 'The Pit' beschrieb das Album "Between The Devil & The Deep Blue Sea" als Zitat 'wirklich geile Platte, die man sich immer, überall und in jeder Stimmung anhören kann und sollte'. Sie bewertete das Album mit 8,5 von zehn möglichen Punkten. Michael Edele vom Onlinemagazin laut.de bezeichnete Black Stone Cherry als Partyband und lobte das Album als die Musik für den kommenden Sommer. George Heaney vom Onlinemagazin Allmusic schrieb in seiner Kritik, dass die Band 'ein bisschen Dreck zu einem normalerweise so polierten Sound bringt' und sah die Band insgesamt näher an Kid Rock als an Lynyrd Skynyrd. Kritisch äusserte sich hingegen Lutz Koroleski vom Onlinemagazin Musikreviews.de. Er kritisierte, dass das Album hörbar nach dem Erfolg schiele und in jeder Hinsicht schwächer als die Vorgänger ausfiel und gab dem Album acht von 15 Punkten.

Black Stone Cherry hatten sich trotzdem langsam aber sicher zu Lieblingsschwiegersöhnen der Southern Rock-Szene gemausert. Nach den ersten zwei Alben hatten sich die vier Musiker eine derartig grosse Fangemeinde erspielt, dass mit dem dritten Werk eigentlich nicht viel schiefgehen konnte. Der Sänger Chris Robertson, der Gitarrist Ben Wells, Bassist Jon Lawhon und der Schlagzeuger John Fred Young wussten inzwischen zweifellos, wie man guten Rock'n'Roll mit Southern Rock-Gewand spielen musste. Neben Robertson's grandioser Stimme, die immer leicht zwischen souligen Passagen und Whiskey-geschwängertem Kneipengesang schwankte, brillierte insbesondere der Gitarrist Ben Wells mit grossartigen Riffs, Soli und einem Power-Shredding, das bei Rockern wie "Change" besonders beeindruckend zur Geltung kam. Überhaupt bot dieses Album trotz seines recht ausgefallenen Titels keine verschrobenen Frickeleien, stattdessen gingen die meisten Songs entweder straight nach vorne los oder wanden sich balladesk durch die Platte und hinterliessen dieses süffige 'Lonesome Rider'- oder auch 'Outlaw'-Feeling, wie beispielsweise im letzten Track der Platte mit dem Titel "All I’m Dreamin’ Of", bei welchem man sich nur allzu gut vorstellen konnte, wie Chris Robertson auf einer Veranda sitzen und sich selbst diesen traurigen Song auf der akustischen Gitarre vorspielen könnte.

Das Album wurde mit einem Track eröffnet, der sich als Opener perfekt eignete, um den Zuhörer gleich richtig gut in Laune zu versetzen: "White Trash Millionaire" war dieser schwitzige Rock'n'Roll mit viel Southern Flair, den Black Stone Cherry schon auf ihren beiden Vorgänger-Alben zelebrierten. Der Rocker bestach durch eine kochendheisse Gitarre und ein punktgenaues Drumming. "Such A Shame" erinnerte textlich ein bisschen an Seethers "Love Her": in beiden Fällen handelte der Songtext von einem Mädchen, das auf verschiedene Art misshandelt wird und am Ende stirbt; ob durch Selbstmord oder Mord, sei dahingestellt. Bei der Zeile 'They found her body, face down dead in the rain, such a shame. Such a pretty face never should’ve felt this pain' konnte es einem schon kalt den Rücken herunter laufen. Ein grossartiger, vor allem aber ziemlich berührender Song, bei welchem Robertson's Stimmfarbe einen wesentlichen Teil zur traurigen Stimmung beitrug. "Like I Roll" erinnerte vom Aufbau her ein wenig an die frühen Matchboy Twenty, als diese sich noch nicht der Generation Radio-Rock verschrieben hatten und beschwörte, wie es viele Southern Rock-Songs schon taten, das Bild heraus, wie ein alter Cadillac oder eine Corvette über die endlosen Highways rast. "Shake" dagegen präsentierte sich als ein wahrer  Partyhammer, der ziemlich gut groovte. Auffallend war, dass dieser Song, ebenso wie "Blame It On The Boom Boom", zwei Nummern waren, die wesentlich einfacher strukturiert klangen als so manch andere Titel der Band. Die Musiker boten ansonsten eben schon recht anspruchsvolle Stücke, weshalb zwei solch simple Partynummern natürlich etwas herausstachen. "Change" war dann wieder eher ein sehr typischer Black Stone Cherry Rocker.


Am 5. Mai 2014 wurde dann das nächste Studioalbum der Band mit dem Titel "Magic Mountain" veröffentlicht, welches sich auf Anhieb auf Platz 5 der britischen Albumcharts festkrallte. Aus diesem Album wurden die Singles "Me And Mary Jane" und "Remember Me" ausgekoppelt. Mit diesem Album ging die Band ausserdem auf eine ausgedehnte Welttournee, unter anderem zusammen mit der Formation Theory Of A Deadman als Support Act. Am 30. Oktober 2015 wurde eine Live-DVD mit dem Titel "Thank You: Livin' Live" veröffentlicht. Diese enthielt die Aufzeichnung eines Konzertes in Birmingham genau ein Jahr vorher. Wenige Tage zuvor wurden Arbeiten am fünften, noch unbenannten Studioalbum bekannt gegeben. Für dieses verliess die Band ihr bisheriges Plattenlabel Roadrunner Records und wechselte zu Mascot Records, bei dem unter anderem auch Volbeat unter Vertrag stehen. Black Stone Cherry kündigten gleichzeitig eine Rückkehr zu ihren Wurzeln an, weshalb dieses nächste Album auch am selben Ort wie das Debütalbum aufgenommen wurde, und zwar in Glasgow (Kentucky). Im Dezember wurde dann auch der Name "Kentucky" für das fünfte Album bekannt gegeben. Im Januar und Februar 2016 absolvierten Black Stone Cherry im Rahmen des Carnival of Madness mit den Bands Highly Suspect, Halestorm und Shinedown eine gemeinsame Tournee durch Grossbritannien. Ausserdem war eine Europatournee angekündigt, bei der anfangs Theory Of A Deadman als Vorband auftrat. Die letzten Konzerte wurden allerdings mit der britischen Band Toseland durchgeführt. Black Stone Cherry sind nachwievor viel unterwegs, im Mai und Juni 2017 beispielsweise auf gemeinsamer Tournee mit der amerikanischen Rockband Letters From The Fire.







Jul 4, 2017


MARK-ALMOND - Rising (Columbia Records KC 31917, 1972)

Zum Zeitpunkt, als das von Jazz, Pop und Folk Music inspirierte Duo Jon Mark und Johnny Almond dieses, ihr drittes Studioalbum veröffentlichten, waren sie schon weltweit bekannt. Ihre grossen Nummern "The City", "The Ghetto", "Love" und natürlich die herrliche und variantenreiche "Sausalito Bay Suite", die sie auf den ersten beiden Alben präsentiert hatten, fanden ihren Weg zu Musikliebhabern auf der ganzen Welt. Ihre einzigartige Stilmixtur aus ziemlich laidback gespieltem Jazz, dem sehr oft richtiggehend verträumt anmutenden Folk, der insbesondere durch Jon Mark's akustische Gitarreneinlagen immer wieder gefühlvolle Akzente setzte und die richtige Portion Poprock definierten einen in sich einmaligen Stil, an welchem man das Duo immer wieder erkennen konnte. 1972 tourte die Band regelmässig und trat auch in amerikanischen Fernsehshows wie etwa den populären "In Concert" oder "Midnight Special" auf. Für ihr drittes Album "Rising" wählten die beiden Musiker ein eher ruhigeres Gesamtkonzept, das in seinen jazzigen Momenten wesentlich zurückhaltender klang als auf den beiden Alben davor.

Als äusserst stimmungsvoll präsentierten sich leicht nostalgisch wirkende Songs wie etwa "Organ Grinder" und "The Little Prince", welche klar die Handschrift des eher introvertierten Jon Mark aufwiesen. Solche zumeist akustisch belassene Titel mit nur marginalem instrumentalen Beiwerk kannte man schon von Simon & Garfunkel: Durch den spärlichen Einsatz der Instrumente erhielten diese beiden Tracks eine wohlige und intime Atmosphäre, die in krassem Gegensatz zu den jazzig und recht opulent arrangierten Titeln der ersten beiden Alben standen. Jon Mark war eindeutig der Träumer in diesem Duo, das konnte man schon in den ersten beiden Platten heraushören, jedoch nicht so klar und eindeutig wie hier bei "Rising". Die instrumentale Zurücknahme als hauptsächliches und stilbestimmendes  Stilelement war eine neue Ausdrucksform dieser Gruppe. Einnehmend war das allemal genauso wie der üppig in Szene gesetzte Jazzrock, den die Band an anderer Stelle des Albums natürlich ebenfalls spielte. "I'll Be Leaving Soon", ein weiteres zurückgenommenes Song-Statement, entsprach dem allgegenwärtigen Spirit von "Baby, I've got to earn my living on the road", dem hektischen Leben während der Tourneen der Gruppe und sorgten bei Jon Mark zunehmends für Unmut, weshalb er in der kompositorischen Reduktion und einer natürlichen, dem amerikanischen Folk entnommenen Stille seine neuen Inspirationen holte.

Auf der anderen Seite präsentierten Mark-Almond hier mit dem Rocksong "Riding Free" fast schon so etwas wie ihr eigenes "Born To Be Wild", das auch musikalische Parallelen zum Song "Vehicle" der Band The Ides Of March aufwies. Hier wurde klar, dass sich Mark-Almond nicht etwa nur leise und intim geben wollten, nein, hier zeigten sie auch grosse Dynamik in perfektem Arrangement-Kleid. Auch die Melodie, die diesem Rocksong inne liegt, gehörte zum Standardrezept von Mark-Almond. Mit Dynamik-Spielereien, diesen vielen laut/leise-Variationen hatten sie schon seit Beginn begeistert und zu überzeugen vermocht. Gerade wenn die Band in eine leichte Jazzrichtung tendierte, konnte sie manchmal schon fast in die Nähe der ersten Chicago Transit Authority Platte kommen. Vieles lief bei den Jazzrockern aus Chicago genauso wie bei Mark-Almond über die Rhythmik-Schiene, und da besonders über die eingesetzten Perkussionsinstrumente, die bei Chicago Transit Authority noch prägnanter zum Einsatz kamen, bei Mark-Almond zwar spärlicher eingesetzt wurden, jedoch gleichsam für viel Groove sorgten.

Das musikalische Highlight der Platte war aber eine dieser folkorientierten Nummern, nämlich das elegante und sehr verträumte Folkrock-Stück "What Am I Living For", das die Band ein Jahr später auf ihrem Live-Werk "Mark-Almond '73" auch noch in einer ebenso schönen Konzert-Variante präsentierte. "What Am I Living For" wurde sehr oft im Radio gespielt, erreichte aber dennoch nicht die Popularität, die der Song verdient gehabt, und so die Band in punkto Erfolg entscheidend weitergebracht hätte. Es war vielleicht das Schicksal von Jon Mark und Johnny Almond, dass ihr qualitativer Anspruch höher war als die Bereitschaft zu einem Zugeständnis hinsichtlich kommerzieller Popmusik, was im nachhinein natürlich vor allem für und nicht gegen diese aussergewöhnliche Band sprach. Das atmosphärisch dichte und äusserst poetisch vorgetragene Stück "The Phoenix", der Titel, der auch zum wundervollen Artwork der Plattenhülle inspirierte, zeigte sich am Ende des Albums deutlich rockiger und hätte so in dieser Form durchaus auch auf einem guten und härteren Rockalbum jener Tage erschienen sein können. Mark-Almond zeigten sich also bis zum letzten Song imemr noch als musikalisch Suchende, die ihr definitives Ufer nachwievor nicht gefunden zu haben schienen. Dies sollte auch die weitere Karriere der Band bestimmen und vermutlich auch zu deren ständigen Personalwechseln und Neuausrichtungen führen, die idealerweise dem Gespann Jon Mark und Johnny Almond bis zuletzt kaum schadeten, sondern im Gegenteil immer wieder neu inspirierten.

Melancholische Eleganz dürfte letztlich das prägende Element dieses dritten Mark-Almond Albums gewesen sein. Im Vergleich zur Schallplatte konnte sich das erst in den 90er Jahren in Japan erschienene CD-Remaster und inzwischen sehr rar und teuer gehandelte Scheibchen mehr als behaupten. Mehr Prägnanz im Sound und ein deutlich hörbarer Dynamikgewinn, jedoch mit einer eher etwas zu stark eingesetzten Rauschunterdrückung wirkte die Musik so lebendig wie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der LP. Ein rundum erneuertes Remastering fand indes bis heute nicht statt, sodass Klang-Puristen nachwievor die originale Vinylplatte bevorzugen dürften. Musikalisch bleibt die Aufnahme "Rising" von Jon Mark und Johnny Almond noch immer ein Highligh. Freunde von melancholischen, mitunter leicht jazzigen Songs wählen diese Platte am besten für einsame Stunden, denn sie versprüht viel akustische Wärme und ist der ideale Partner für eine stille Gedankenreise.

Der "Monday Bluesong" entpuppte sich dabei als der vielleicht traurigste Moment auf diesem Album. Es handelte - natürlich - vom Verlust der Geliebten und war der sanftmütigen und leicht abgehobenen Stimme Jon Mark's wie auf den Leib geschrieben. Einige Kritiker bemängelten indes (nicht nur bezüglich dieses Albums, sondern ganz allgemein), dass sich Jon Mark stets einer gewissen Weinerlichkeit ergab, und dass seine Musik, insbesondere seine Soloplatten, eher für depressive Zeitgenossen geschaffen waren. Dem möchte ich widersprechen. Ich persönlich hörte immer enorm viel Feingefühl in seiner Stimme, die zusammen mit seinen Songtexten eine grosse Aufrichtigkeit in sich trug, wie ich sie bis heute von nicht allzu vielen Sängern und Songschreibern gehört habe.


Jul 3, 2017


McGUINNESS FLINT - Happy Birthday Ruthie Baby 
(Capitol Records IE 062 80838, 1971)

McGuinness Flint waren eine englische Folkrock- und Popband, die in den frühen 70er Jahren einigen Bekanntheitsgrad erreichten, vorwiegend mit Singles, zu denen "When I'm Dead And Gone", "Happy Birthday Ruthie Baby" und "Malt And Barley Blues" zählten, die auch hierzulande recht erfolgreich waren und häufig im Radio gespielt wurden. Nach der Auflösung der ersten (Pop-)Band von Manfred Mann im Jahre 1969 gründete der Musiker Tom McGuinness zusammen mit Hughie Flint, der zuvor bei John Mayall' Bluesbreakers gespielt hatte, mit dem Sänger Dennis Coulson und den beiden weiteren Musikern Benny Gallagher und Graham Lyle die Gruppe McGuinness Flint. Schon sehr bald übernahmen letztere die Hauptrolle in punkto Songwriting, was dazu führte, dass bereits die 1970 erschienene erste Single "When I’m Dead and Gone" zum internationalen Bestseller avancierte, der die Hitparaden weltweit erklimmen konnte und bis heute der erfolgreichste song der Band geblieben ist. Im darauffolgenden Jahr kam mit dem vom zweiten Album "Happy Birthday Ruthie Baby" gezogenen Single-Output "Malt And Barley Blues" ein weiterer Titel hinzu, der als Single ebenfalls recht erfolgreich war, jedoch nicht mehr ganz die Verkaufszahlen der Debutsingle erreichen konnte.

Beide Singles waren von Gallagher und Lyle geschrieben worden, und auch eine Vielzahl weiterer Songs steuerten hauptsächlich Gallagher & Lyle bei, was schlussendlich dazu führte, dass die beiden Multi-Instrumentalisten die Gruppe verliessen, um ab 1972 als Duo weiterzumachen. Als Ersatz für die beiden Abgänge kam Dixie Dean neu in die Gruppe. Nunmehr als Quartett operierend, nahmen McGuinness Flint 1972 das dritte Album "Lo And Behold" auf und interpretierten darauf ausschliesslich Lieder aus der Feder von Bob Dylan. 1973 brachte schliesslich auch der Sänger Dennis Coulsen eine Soloplatte mit dem schlichten Titel "Dennis Coulsen" heraus, für welche die beiden zuvor ausgestiegenen Gallagher und Lyle fünf Songs beisteuerten. Die beiden waren inzwischen als Duo ziemlich erfolgreich geworden, vor allem in England, und das nicht nur als Musik-Duo, sondern vor allem auch als Songschreiber, welche erfolgreich Lieder für andere Künstler und Bands komponierten. 1976 hatten Gallagher & Lyle mit "I Wanna Stay With You" und "Heart On My Sleeve" auch selbst jeweils einen Top Ten-Hit in England.

Die Band McGuinness Flint, weiterem Personalwechsel unterlegen, legte mit zwei weiteren Alben nach, die unter den Titeln "Rainbow" (1973) und "C'est La Vie" (1974) erschienen waren. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Platte "Rainbow" waren mit Lou Stonebridge an den Keyboards und Jim Evans an der Gitarre zwei weitere neue Bandmitglieder hinzugekommen. Leider waren beide Alben nicht erfolgreich, trotz guten Songs und hervorragendem Zusammenspiel der Musiker. Als Konsequenz daraus trennten sich McGuinness Flint dann im Jahre 1975. Eine nur kurzlebige Splittergruppe mit dem Namen Stonebridge McGuinness entstand einige Zeit später, die mit der Single "Oo-Eeh Baby" 1979 sogar einen kleineren Hit in England verzeichnen konnte. Die Single erreichte Platz 54 in den britischen Charts. Der Single folgte im Jahr darauf auch ein beim Plattenlabel RCA Victor Records veröffentlichtes Album mit dem Titel "Corporate Madness", welches jedoch weitgehend unbeachtet blieb, worauf auch diese Band schon kurz darauf die Segel wieder strich. Danach trafen sich Tom McGuinness und Hughie Flint erneut, und zwar in der später sehr erfolgreichen Gruppe The Blues Band, in welcher auch der ehemalige Manfred Mann-Sänger Paul Jones gelandet war. Lou Stonebridge seinerseits liess in den 80er Jahren noch einmal kurz auf sich aufmerksam machen mit seiner neuen Combo The Dance Band, einer Art Soul Revival Band, die ebenfalls Platten veröffentlichte (bei Double D Records).

Tom McGuinness, als ehemaliger Bassist und Gitarrist bei Manfred Mann lernte schon zu Mitte der 60er Jahre viel von seinem Mentor in punkto Songwriting, insbesondere im Pop-Bereich. Diese Erfahrungen brachte er dann in die Gruppe McGuinness Flint mit ein. Hughie Flint, der zuvor in den Bluesbreakers bei John Mayall Schlagzeug gespielt hatte, brachte seinerseits auch Blues- und Rock-Elemente in die Musik mit ein. Zusammen mit dem sehr variablen und facettenreichen Sänger Dennis Coulsen und den beiden Multi-Instrumentalisten Benny Gallagher und Graham Lyle erarbeitete sich die neue Band McGuinness Flint innert kürzester Zeit so ein stattliches Repertoire an qualitativ hervorragenden Kompositionen, sodass es nicht weiter verwunderte, dass gleich das Debutalbum "McGuinness Flint" (mit dem tollen und in schwarz/weiss gehaltenen Beerdigungs-Cover) für einen grossen Erfolg sorgte. Solange die beiden Hauptkomponisten Gallagher und Lyle noch mit dabei waren, kamen auch immer wieder weitere, hervorragende Kompositionen hinzu, weshalb auch das nachfolgende, etwas weniger erfolgreiche Album "Happy Birthday Ruthie Baby" zu einem ganz formidablen Werk geriet, das stilistisch sogar noch etwas vielseitiger als das Debutalbum ausgefallen war. Hier fanden sich auch durchaus rockigere Titel, die teilweise auch etwas bluesgefärbt klangen.

Nachdem die Debütsingle "When I'm Dead And Gone" noch in England bis auf Platz 2 der Hitparade stieg, erreichte die aus dem neuen Werk ausgekoppelte Single "Malt And Barley Blues" immerhin noch den fünften Rang. Die Gruppe war nun immer mehr einem Erfolgsdruck unterlegen, die Plattenfirma machte Druck in die entsprechende Richtung. Ausserdem misslangen etliche Konzertauftritte der Gruppe infolge verschiedener krankheitsbedingter Ausfälle der Stamm-Mitglieder, was dazu führte, dass Gallagher und Lyle schliesslich demissionierten. Auslöser dafür waren nicht unbedingt nur die teils wirklich schlechten Auftritte, sondern auch der Umstand, dass die Musiker McGuinness, Flint und Coulsen hauptsächlich live spielen und daher soviel wie möglich auftreten wollten, während Gallagher und Lyle sich vor allem auf das Komponieren von Songs und die Arbeit im Tonstudio fokussieren wollten. Der Titelsong, der auch als Single ausgekoppelt wurde, war nicht erfolgreich, ebenso das gesamte Album, obwohl sich darauf unter anderem die von Gallagher und Lyle geschriebene wunderschöne Nummer "Sparrow" fand, die später von einigen Musikern gecovert wurde.

Gallagher und Lyle's späterer Erfolg als Duo und als Songschreiber für andere, zu denen unter anderen auch Tina Turner ("Private Dancer") zählte, wundert nicht. Ihre Songs wirkten ausgereifter und ausgeklügelter und waren einfach kommerzieller. McGuinness und Flint starteten ab 1979 mit Paul Jones, Dave Kelly und Gary Fletcher in The Blues Band, die auch heute, allerdings mittlerweile ohne Hughie Flint, noch aktiv ist. Erwähnenswert dürfte aber uach noch die 1972 erschienene Single "Let The People Go" sein. Erwähnenswert deshalb, weil der Song von der BBC und den englischen Radiostationen gebannt wurde, weil er sich mit der damaligen 'Ulster Crisis' befasste, ein Schicksal, das die Band auch mit Paul McCartney's Wings und deren Titel "Give Ireland Back to the Irish" teilte, der damals auch aus den Radiostationen verbannt wurde.

Zu einer kleinen 'Beinahe'-Reunion von McGuinness Flint kam es im Jahre 1983, als Tom McGuinness zusammen mit Graham Lyle das Band-Projekt Lyle McGuinness Band ins Leben rief. Die im Bereich Folkrock agierende Gruppe veröffentlichte ein sehr ansprechendes und unterhaltsames Album mit dem Titel "Acting On Impulse" und mit "Elise" auch eine Single, die damals sehr oft im Radio gespielt wurde, die Hitparade aber leider nicht erklimmen konnte. Sowohl die LP als auch die Single erschien in England auf dem kleinen Independent Label Cool King Records, während die LP in Deutschland auf Polydor Records erschien. Die Band existierte nicht sehr lange, auch, weil Graham Lyle unverhofft mit "What's Love Got To Do With It ?" einen Welthit für Tina Turner komponiert hatte und sich fortan nur noch auf das Songschreiben für andere Künstler beschränkte. Tom McGuinness blieb bei der Gruppe The Blues Band und trat auch der 60's Revival Band The Manfreds bei, welche als Nostalgieband die Songs und Hits von Manfred Mann aus den 60er Jahren nachspielte. die Gruppe tritt häufig an Oldies-Festivals in ganz Europa auf. Der ehemalige McGuinness Flint-Sänger Dennis Coulson starb am 15. Januar 2006.



Jul 2, 2017


THE MOTHERS OF INVENTION - Absolutely Free 
(Verve Records V/V6-5013X, 1967)

"Absolutely Free" lautete der Titel des zweiten Albums von Frank Zappa und seinen Mothers Of Invention. Es erschien 1967 auf dem Verve Label und wurde dem Progressive Rock-Genre zugerechnet. Das Album geriet musikalisch wesentlich vielschichtiger als sein Vorgänger, das Debutalbum "Freak Out!", bot bis dahin ungehörte Klangexperimente und Collagen in Hülle und Fülle und übte ironisch und satirisch Kritik an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Bei den Stücken auf "Absolutely Free" handelte es sich um Auszüge aus dem Rockmusical 'Pigs and Repugnant: Absolutely Free' (Schweine und Widerlinge: Völlig umsonst), welches The Mothers Of Invention etwa ein halbes Jahr lang mehrmals täglich im New Yorker Garrick Theatre aufführten. Verglichen mit dem Debütalbum "Freak Out!" war das musikalische Geschehen komplexer und auch beziehungsreicher. Nicht weniger als zehn der insgesamt 15 Titel enthielten Musikzitate.

Besonders häufig fanden sich Passagen aus Werken von Igor Stravinsky, und zwar aus dessen "Le sacre du printemps", "L’oiseau de feu" (aus der Feuervogel-Suite) und aus dem Ballet "Petrushka". Aus klassischen Gefilden stammte auch das Zitat aus "Jupiter: The Bringer Of Jollity" aus der Orchestersuite "Die Planeten" von Gustav Holst. Zeit seines Lebens besonders häufig, auf seinen Plattenveröffentlichungen insgesamt 22 Mal, zitierte Frank Zappa einen Rhythm'n'Blues-Klassiker aus den späten 50er Jahren: "Louie Louie" von Richard Berry & The Pharaohs. Weitere angespielte Rhythm'n'Blues- und Soulhits waren "Duke Of Earl" von Eugene Dixon alias Gene Chandler, "Baby Love" von The Supremes, "Little Sally Walker" von Don & Dewey oder auch "Little Deuce Coupe" von den De-Fenders. In "Soft-Sell Conclusion" griff das Sopransaxophon die Melodie von "God Bless America" auf, der Gesang stimmte "America The Beautiful" an und der Bass zitierte den Marsch "Marine’s Hymn". Weitere bekannte Melodien, die kurz aufgegriffen wurden, waren "Entry Of The Gladiators" von Julius Fučík sowie "White Christmas" von Irving Berlin, welches dieser für den Film 'Holiday Inn' geschrieben und das Bing Crosby im Jahre 1942 weltberühmt gemacht hatte.

Hinsichtlich der technischen Produktion wurde das Album mit einem Aufwand erstellt, der zur damaligen Zeit seinesgleichen suchte. Beispielsweise waren alleine für den atmosphärischen Hintergrund der Satire "America Drinks & Goes Home" vier verschiedene Ereignisebenen sorgfältig miteinander verschachtelt worden. Für seine Musikcollagen benutzte Frank Zappa intensiv Klangschnipsel, Geräuschexperimente, Gesprächsfetzen, Musikbruchstücke, Passagen mit den übereinander geschichteten Soli verschiedener Instrumente oder rhythmisch komplexe Strukturen, die er ironisch zusammenwob.

Auf der Textebene knüpfte das Album an das auf dem Vorgänger "Freak Out!" Gebotene an: Satirisch, ironisch und teils auch zynisch kommentierten die Mothers Of Invention den American Way of Life. Das Motiv des Plastiks als Symbol für die zunehmende Künstlichkeit im Technologiezeitalter und den Verlust der Natürlichkeit wurde mehrfach aufgegriffen. In "Uncle Bernies Farm" wurden die Vereinigten Staaten als Land charakterisiert, das von einem Plastik-Präsidenten und einem Plasik-Kongress regiert wurde. Im Stück "Plastic People" wurde zunächst auf Plastik-Schminke ('plastic goo', wörtlich Plastikschmiere) und Plastik Teenager am Sunset Boulevard verwiesen um schliesslich den Zuhörer direkt anzusprechen: "Go home and check yourself. You think we're talking about someone else" (Geh nach Hause und prüfe dich selber - Du glaubst wir sprechen über jemand anderen). Indirekt stellten damit die Mothers Of Invention bewusst ihre eigene Authentizität in Frage und weckten schliesslich Ängste, dass in der Plastikgesellschaft der Vereinigten Staaten keine wahre Liebe mehr möglich sei ("I know true love can never be. A product of plasticity").

"Absolutely Free" enthielt spätere Frank Zappa-, respektive Mothers Of Invention-Klassiker wie die Stücke "Plastic People", "Call Any Vegetable" oder das Minimusical "Brown Shoes Don’t Make It". Eine weitere Besonderheit: "Absolutely Free" erschien ohne Titelstück. Zappa hatte den Titel verärgert weggelassen, nachdem die Plattenfirma den Produktionsetat gegenüber dem Debütalbum halbiert hatte. Der US-amerikanische Musikjournalist Robert Christgau sah in "Absolutely Free" eine mässig amüsante Neuheiten-Schallplatte. Zwar lobte er echte Popmusiker, die die andere Seite betrachten würden, dennoch sei das Album viel zu offensichtlich in seiner Satire, mit Harmonien und Tempowechseln, die Yes und Jethro Tull ankünden. Im Urteil des Zappa-Biografen Barry Miles mischte sich Kritik und Lob. Wenn Frank Zappa im Song "Plastic People" Hippie-Demonstranten als Plastikmenschen brandmarkte, so hätten sich viele Fans gefragt, was Zappa denn jetzt schon wieder von ihnen wollte. Andererseits lobte Miles unter anderem das Stück "Brown Shoes Don’t Make It" als Meisterwerk, das Zappa in Höchstform zeige.

Der deutsche Journalist Volker Rebell hob die musikalische Komplexität des Albums, die Dichte seiner thematischen Gliederung, das umfassende Spektrum der zitierten Musikstile und die von Zappa weiter perfektionierte Technik der Musikcollage hervor. Rebell gab auch die Spannbreite damaliger Reaktionen auf die Liveshows der Mothers im Garrick Theatre am Beispiel zweier US-amerikanischer Medien wider. Einerseits habe ein (nicht genanntes) Blatt diese Auftritte, unter offenkundiger Bezugnahme auf das Lakehurst-Unglück, als grösste Ansammlung heisser Luft seit Hindenburgs Zeiten pauschal abgekanzelt. Andererseits sei die New York Post in ihrem Urteil weniger pauschal gewesen. Nach dem Aufzählen von Details aus der Show, miniberockte Nummerngirls, psychedelische Lightshows, reichlich Fäkalspässe und Brechmittel-Humor, Angriffe gegen Ronald Reagan, Parodien der Supremes, oberflächliche Kenntnis von Strawinsky, urteile der Rezensent: "Dessen ungeachtet sind die Musik und das Können der Musiker brillant bis grossartig-fantastisch". Aus Sicht des Sparifankal-Mitbegründers, Schriftstellers und Journalisten Carl-Ludwig Reichert bot das Album inhaltlich wenig Neues, auch wenn die Musik aufregend gespielt sei. Reichert schlussfolgerte, dass für Viele das Album "Absolutely Free" damals schon viel zu weit weg vom Underground gewesen sei.

Wie oft bei Alben von Frank Zappa und The Mothers Of Invention, weigerten sich die meisten amerikanischen Radiosender, Stücke von "Absolutely Free" zu spielen. Dennoch kletterte das Album in den US-Charts bis auf Position 41, was letztlich die zehntbeste Platzierung bedeutet, die je ein Album Frank Zappa's erreichte. Das Album hatte sich zu einem gefragten Sammlerobjekt entwickelt. Noch zu Zeiten der Vinyl-Schallplatten gab es mehrere offizielle Neuauflagen. Selbst Schwarzkopierer wollten von der Nachfrage profitieren und brachten die Erstveröffentlichung als Bootleg auf den Markt. Auch als CD wurde es - fast 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung - noch drei Mal herausgebracht.








Jul 1, 2017


BUCKETHEAD - Slaughterhouse On The Prairie (Not on Label / Self Release, 2009)

Buckethead ist der Künstlername des US-amerikanischen Gitarristen Brian Patrick Carroll. Buckethead arbeitet vorwiegend als Solist, hat aber auch mit einer Reihe bekannter Musiker zusammengearbeitet, darunter Guns N’ Roses (von 2000 bis 2004) sowie Bill Laswell, Bootsy Collins, Les Claypool und Serj Tankian. Wolf Kampmann zufolge gilt er als einer der schnellsten Gitarristen der Welt, der unter rasenden Endlosläufen waghalsigste Fusionen von Speed Metal, Techno und Jazz herstellt. 1988 reichte der junge Brian Carroll einen Demosong namens "Brazos" beim amerikanischen Guitar Player Magazine ein. Der Journalist Jas Obrecht wurde so auf das Talent aufmerksam und die beiden freundeten sich an. Im Haus von Obrecht entstanden bald die Aufnahmen zu "Young Buckethead" und "Acoustic Shards", die jedoch erst 15 Jahre später erscheinen sollten. Nach einigen selbst veröffentlichten Demos, Auftritten mit seiner Band Deli Creeps und Mitwirkungen an Veröffentlichungen von unter anderem Henry Kaiser, Will Ackerman sowie dem Improvisationsprojekt Company 91 von Derek Bailey erschien 1992 auf dem Label Avant von John Zorn das Debütalbum "Bucketheadland".

Dies brachte ihn in den Dunstkreis von Bill Laswell, der mit ihm und dem Schlagzeuger Bryan Mantia (Limbomaniacs, später bei Primus und Guns N' Roses) das Speeddubprojekt Praxis startete. Bis zum Jahre 2000 arbeitete Buckethead teils mit Laswell, teils mit Mantia oder anderen an diversen Soloprojekten und dem Sideprojekt Death Cube K (Anagramm für Buckethead) und wirkte auf einer Vielzahl von Veröffentlichungen aus dem Umfeld Laswells mit, darunter Alben von Bernie Worrell, Tony Williams, Julian Schnabel, Anton Fier, Jonas Hellborg und Jon Hassell. Höhepunkte waren neben den Auftritten und Studioaufnahmen von Praxis die Zusammenarbeit mit Bootsy Collins am Projekt Zillatron 1993 sowie sein bislang bestverkauftes Album "Monsters & Robots" 1999, das mit vergleichsweise aufwändiger Promotion veröffentlicht wurde. Gegen Ende des Jahrzehnts begann auch eine sehr fruchtbare Freundschaft mit dem Schauspieler und Musiker Viggo Mortensen. Erwähnenswerte Veröffentlichungen der beiden sind "Pandemoniumfromamerica" und "Intelligence Failure", welche sich unter anderem mit dem Irakkrieg und der amerikanischen Regierung unter George W. Bush auseinandersetzten.

Nachdem Buckethead bereits 1992 als Nachfolger von John Frusciante bei den Red Hot Chili Peppers im Gespräch war, erreichte er schlagartig eine grössere Bekanntheit, als ihn Axl Rose im Jahre 2000 als Ersatz für Slash zu Guns N’ Roses rief. Die Verzögerung des Albums "Chinese Democracy" sowie ausbleibende Auftritte bewegten den Gitarristen 2004 zum Ausstieg. Wenig später erwog Ozzy Osbourne eine Zusammenarbeit, konnte sich aber mit der Maskierung Bucketheads nicht anfreunden. Stattdessen intensivierten Buckethead und Les Claypool die Gruppe Colonel Claypool’s Bucket of Bernie Brains, welche schon 2002 als Ersatz für Praxis mit Claypool anstatt Laswell am Bass einige Konzerte gespielt hatte. Nach dem Album "The Big Eyeball In The Sky" und der anschliessenden Tour unterschrieb Buckethead einen Vertrag beim Label Serjical Strike von Serj Tankian, dem Sänger von System Of A Down, wo 2005 das Album "Enter The Chicken" erschien. Vertreten waren so unterschiedliche Musiker wie Serj Tankian selbst, Laswells Frau Gigi, Saul Williams, Efrem Schulz, Azam Ali sowie Maximum Bob, der Sänger von Bucketheads alter Gruppe Deli Creeps. Eine erste reguläre CD namens "Dawn Of The Deli Creeps" erschien ebenfalls 2005.

Die Grosszahl von Buckethead's Veröffentlichungen im neuen Jahrtausend wurde jedoch von Keyboarder Travis Dickerson übernommen, mit dem der Gitarrist in Projekten wie der Jazz Rock-Formation Thanatopsis, den kurzlebigen Gorgone und Cobra Strike oder auch der von Bill Moseley angeführten Band Cornbugs zusammenarbeitete. Über den Webshop von TDRS (Travis Dickerson Recording Studios) sind neben neuen Alben auch vergriffene Veröffentlichungen als Download erhältlich. Ausserdem werden einige ältere CD's von Death Cube K oder Arbeiten mit Shin Terai im Vertrieb angeboten. 2006 überarbeitete Buckethead seinen Song "Jordan" für das Computerspiel Guitar Hero 2, die Urversion mit Sprachsamples von Michael Jordan namens "Jump Man" erschien bereits 1999 auf "Monsters & Robots". Eine grosse Zahl an Veröffentlichungen gab es im Jahr 2007: Neben den regulären Alben wie "Pepper's Ghost" und "Decoding The Tomb Of Bansheebot" veröffentlichte Buckethead im Februar eine streng limitierte Edition namens "In Search Of The", die aus 13 CD's mit vom Künstler selbst bemalten Hüllen bestand. In ähnlicher Form erschienen auch "DCK" (von Death Cube K), die Wiederveröffentlichung des 1991 aufgenommenen Demos "Bucketheadland Blueprints" sowie "Cyborg Slunks", welches stilistisch eine Fortsetzung von "In Search Of The" darstellt. Kevin's Noodle House, eine Zusammenarbeit mit Bryan Mantia und das 5 CD's umfassende Set "Monolith" (von Death Cube K) rundeten das Jahr ab, bevor am 1. Januar in Japan "Profanation (Preparation For A Coming Darkness)", das neue Album von Praxis, erschien. Darauf vertreten waren, Enter The Chicken nicht unähnlich, verschiedene Gastsänger wie Iggy Pop, Mike Patton, Serj Tankian und Maximum Bob.

Im Februar 2008 gab Buckethead die ersten regulären Konzerte seit 2006 und tourte über weite Strecken des Jahres durch die Vereinigten Staaten. Am 16. Februar kündigte Jas Obrecht im offiziell anerkannten Forum von Buckethead.tk die Veröffentlichung der CD "From The Coop" an, einer Sammlung von Demos aus dem Jahre 1988, die am 9. März erschien. "Running After Deer" von Alix Lambert und Travis Dickerson, auf dem auch Buckethead zu hören war, wurde am 15. August veröffentlicht. Im September erschienen drei weitere CD's, darunter ein an das Bandprojekt Thanatopsis erinnerndes Album mit Mantia und Dickerson ("The Dragons of Eden"), eine experimentelle Kooperation mit dem Tourpartner That 1 Guy als Frankenstein Brothers ("Bolt On Neck") sowie eine Solo-CD ("Albino Slug") im Stile der Vorgänger "Pepper's Ghost" und "Decoding The Tomb Of Bansheebot". "Bolt On Neck" und "Albino Slug" waren bis Dezember nur bei den Konzerten erhältlich. Ende Oktober folgte "Junkyard Waltz" von Freekbass mit Beteiligung des Gitarristen sowie das Debütalbum von Science Faxtion (unter anderem mit Brain und Bootsy Collins), zuerst als Download. Am 23. November folgte die Veröffentlichung von "Chinese Democracy", dem lange verzögerten sechsten Studioalbum von Guns N’ Roses. Buckethead war hier auf zwölf der Titel zu hören, obwohl er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits mehr als vier Jahre kein Mitglied der Band mehr war. Ausserdem wirkte der Gitarrist an dem von Bootsy Collins initiierten Sampler "Fallen Soldiers Memorial" zugunsten der Fallen Heroes Foundation mit.

Am 30. Januar 2009 erschien das 25. Soloalbum "Slaughterhouse On The Prairie", produziert von Dan Monti. Im März 2009 wurde das bereits 2001 aufgenommene Album "A Pleasant Fiction" von Meridiem, ein Projekt des Sängers Percy Howard, auf dem englischen Label Voiceprint wiederveröffentlicht. Ende April 2009 wurde auf der Webseite von TDRS das 26. Soloalbum "A Real Diamond In The Rough" für Mai angekündigt. Wenig später begann die Auslieferung. Schlagzeuger Bryan Mantia war auf drei Stücken zu hören. Am 5. Juli wurde 10 Tage nach dem Tod von Michael Jackson ein Tribute-Song mit dem Namen "The Homing Beacon" auf Buckethead's Homepage veröffentlicht. Das im Januar veröffentlichte 25. Album "Slaughterhouse On The Prairie" präsentierte insgesamt 13 eher kürzere Songs, die allesamt aufgrund ihrer kompakten Kompositionsweise relativ gut konsumierbar klangen. Entgegen Buckethead's öfters angewandtes Stilmittel der teils ellenlangen und ausufernden Soloeinlagen, beschränkte er sich hier auf sogenannte Miniaturen, die jedoch keineswegs an Gehalt vermissen liessen. Im Gegenteil: Hier zeigte sich Buckethead von einer in dieser Konsequenz eher ungewöhnlich songorientierten Seite, was dieses Werk zu einem der interessantesten im schier unüberschaubaren Oeuvre des Gitarristen macht. Die Stücke "Lebron" und "Lebron's Hammer", auch "Blood Bayou" und "Robot Checkerboard" gehörten zu den Highlights hier, wobei man bei diesem Werk auf jeden Fall von einem Album von grosser Dichte sprechen konnte, nicht unbedingt nur zusammenhangslos wirkende Jams wie das öfters mal in einer Vielzahl seiner anderen Veröffentlichungen der Fall war und ist. "Slaughterhouse On The Prairie" würde ich jedem Interessierten zu einer ersten Tuchfühlung mit diesem aussergewöhnlichen und sehr talentierten Gitarristen empfehlen.

Das Jahr 2010 begann Buckethead mit der Veröffentlichung des Albums "Shadows Between The Sky". Im gleichen Monat veröffentlichte der renommierte Gitarrenhersteller Gibson die "Buckethead Signature Les Paul". In den Folgemonaten wurde es krankheitsbedingt ruhiger um Buckethead. Auf seiner Webseite verkündete er, dass es sich um einen Bandscheibenvorfall handelte. Dennoch veröffentlichte er bereits im Juli das 5-teilige, limitierte CD-Set "Best Regards", auf dem er zusammen mit Brain und Melissa Reese zu hören war. Im Oktober 2010 erschien sein 29. Soloalbum "Captain EO's Voyage", welches musikalisch an "A Real Diamond In The Rough" anknüpfte. Mit dem Titel und dem Cover des Albums bezog er sich auf sein Idol Michael Jackson und dessen Film 'Captain EO'. Im März 2011 veröffentlichte Buckethead die Single "The Rising Sun", die ausschliesslich als Download erworben werden konnte und deren gesamte Einnahmen an die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Japan gespendet wurden. Ab Mai 2011 wurden dann mehrere Soloalben im Rahmen der neuen Buckethead Pikes-Serie veröffentlicht, die (als CD-Version) ausschliesslich über die dazugehörige Website bezogen werden konnten. Bei Buckethead Pikes handelte es sich um einen fiktiven Kioskladen in Bucketheadland. Bisher (Stand: Juni 2017) umfasst die Buckethead Pikes-Serie bereits weit über 250 Studioalben, von denen die ersten fünf noch 2011 veröffentlicht wurden. Ausserdem wirkte Buckethead 2011 zusammen mit Lawson Rollins an dessen Album "Elevation" mit.

Im Dezember 2011 wurde das Album "Electric Sea" als direkte Fortsetzung des "Electric Tears" Albums von 2002 angekündigt. Das Album erschien am 21. Febru ar 2012 und enthielt neben Eigenkompositionen auch Cover-Versionen von Johann Sebastian Bach ("La Gavotte") und Alfredo Catalani ("La Wally") sowie das bereits zuvor veröffentlichte Stück "The Homing Beacon". Des Weiteren folgten im Jahre 2012 fünf weitere Buckethead Pikes Alben. Das 11., 12. und 14. Album der Pikes-Serie wurden am 26. März und am 13. und 30. April 2013 jeweils in limitierter Auflage als handsignierte CD-R veröffentlicht. Eine reguläre Veröffentlichung der drei Alben war angekündigt. Am 13. Mai folgte die gemeinsame Veröffentlichung des 13. und 15. Pikes Albums, wobei letzteres wiederum zunächst in limitierter Auflage (handsignierte CD-R) erschien. Eine Besonderheit der zunächst ausgelassenen Pikes-Ausgabe Nr. 13 war das Cover-Motiv, welches Buckethead, beziehungsweise Brian Carroll erstmals offiziell unmaskiert zeigte. Es handelte sich dabei um ein Foto des jungen Brian Carroll gemeinsam mit dessen Vater. Die reguläre Version des 11. Pike-Albums wurde am 4. Juni 2013 unter dem Titel "Forgotten Library" veröffentlicht. Ausserdem wurden das 15., 16. und 17. Album Album der Pikes-Serie wiederum zunächst in limitierter Auflage (handsignierte CD-R) veröffentlicht. Ab da veröffentlichte Buckethead Schlag auf Schlag ein Pike-Album nach dem anderen. Nr. 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25 und 26 kamen innerhalb eines halben Jahres auf den Markt. Unklar ist bisher, warum von den neuen Pikes-Alben zunächst nur die Alben Pike 23, 24, 25 und 26 einen Titel und ein Cover erhielten. Die Alben Pike 12-22 wurden nur mit von Buckethead selbst gezeichneten Covern in limitierter Form unters Volk gebracht. Eine Ausnahme bildete einzig das 13. Pike-Album. Bis heute hat Buckethead an dieser Veröffentlichungsstrategie festgehalten und so eine unglaubliche Menge an Songs unter die Leute gebracht. Für den Nicht-brettharten Fan des Musikers eine schier unübersichtliche Fülle an Musik.

Über das Privatleben von Brian Carroll ist nahezu nichts bekannt. Eine offizielle Biografie gibt es nicht, zu seinem Gesamtkunstwerk gehört die Behauptung, er sei in einem Hühnerstall geboren und von Hühnern aufgezogen worden. In der Öffentlichkeit tritt er fast ausschliesslich mit einer weissen Maske auf. Dazu trägt er einen umgedrehten Pappeimer auf dem Kopf. Meist ist dieser von der Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken. Kombiniert mit einem Aufkleber mit der Aufschrift 'Funeral' soll so auf die grausamen Schlachtungsmethoden bei Kentucky Fried Chicken aufmerksam gemacht werden. Alternativ trägt er hin und wieder auch andere Maskierungen, etwa wenn er bei Proben oder Aufnahmen gefilmt wird. Das lange Zeit einzige bekannte Foto von ihm ohne Maske stammt aus dem Guitar Player Magazine, das 1988 den Beginn seiner Karriere einläutete. Auf der 'Young Buckethead (Volume 1)' DVD ist ein Clip enthalten, der den jungen Brian Carroll mit einer transparenten Maske bekleidet zeigt und somit sein Gesicht nahezu unverschleiert erkennen lässt. Interviews gibt der umtriebige Workoholic nur sehr selten und spricht dann meist über eine Handpuppe namens Herbie (selten Albert) in dritter Person von sich. Dies sorgte besonders während seiner Zeit mit Guns N' Roses für Verwirrung bei einigen Journalisten. Sein Vater ist Tom Carroll, welcher als Athletic Director an der Damien High School in La Verne tätig war. Dieser starb im September 2014, im Alter von 84 Jahren, nach langer Krankheit. Brian hat drei Schwestern (Lynn, Lisa und Laurie) sowie einen Bruder (John). Buckethead gehört zu den interessantesten, gleichzeitig mysteriösesten und unberechenbarsten Musikern unserer Zeit.