Jan 9, 2018


MOTÖRHEAD - Overkill (Bronze Records BRON 515, 1979)

Die Geschichte von Motörhead ist untrennbar mit der des Sängers und Bassisten Ian 'Lemmy' Kilmister verbunden. Der am 24. Dezember 1945 in Stoke-on-Trent, Staffordshire, England geborene Ian Kilmister, Sohn eines Feldkaplans und einer Bibliothekarin, spielte seit 1971 Bass bei der britischen Space Rock Band Hawkwind. Während einer Nordamerika-Tournee wurde er an der Grenze der USA zu Kanada im Mai 1975 wegen Besitzes von Amphetaminen festgenommen. Die Band stellte die Kaution für Kilmister, flog ihn für den Auftritt nach Toronto ein, weil sie auf die Schnelle keinen Ersatz finden konnte, und feuerte ihn nach dem Konzert. Kilmister kehrte nach England zurück und begann sofort mit der Zusammenstellung einer neuen Band. Gitarrist Larry Wallis kannte er von gemeinsamen Auftritten mit UFO und den Pink Fairies, Schlagzeuger Lucas Fox wurde ihm von einer Freundin empfohlen. Kilmister spielte Bass und übernahm den Gesang. Ursprünglich sollte die Band Bastard heissen, allerdings hielt der damalige Bandmanager Douglas Smith den Namen nicht für medientauglich. Daraufhin wählte Kilmister Motörhead als Bandnamen. Die Bezeichnung stammt aus dem US-amerikanischen Slang, bedeutet 'speed freak' ('geschwindigkeitssüchtig') und steht als Synonym für Konsumenten amphetaminhaltiger Drogen. Zugleich ist "Motorhead" der Titel des letzten Liedes, das Kilmister für Hawkwind geschrieben hatte. Dieses Lied wurde ursprünglich als B-Seite der Hawkwind-Single "Kings Of Speed" veröffentlicht. Die Verwendung des in der englischen Sprache nicht gebräuchlichen Buchstabens ö im Bandnamen geht auf die Gruppe Blue Öyster Cult zurück. Das Motörhead-Logo mit diesem Umlaut stammte vom Grafiker Joe Petagno, der das Cover für das erste Album der Gruppe anfertigte. Dieser sogenannte Heavy Metal-Umlaut findet Verwendung bei den Spitznamen der Musiker sowie in verschiedenen Albumtiteln.

Am 20. Juli 1975 absolvierten Motörhead ihren ersten Auftritt im Londoner Roundhouse im Vorprogramm der Band Greenslade. Im Oktober 1975 eröffnete die Gruppe für Blue Öyster Cult im Hammersmith Odeon. United Artists, das Plattenlabel von Hawkwind, hatte Motörhead unter Vertrag genommen, und im Frühjahr 1976 ging die Band ins Tonstudio, um ihr erstes Album "On Parole" aufzunehmen. Bereits während der Aufnahmen kam es zu Spannungen mit Schlagzeuger Lucas Fox, der mit dem von übermässigem Konsum von Alkohol und anderen Drogen gekennzeichneten Lebensstil der übrigen Musiker nicht mithalten konnte. Durch einen gemeinsamen Freund lernte Kilmister Phil 'Philthy Animal' Taylor kennen. Nach einer Jamsession mit ihm wurde Lucas Fox gefeuert und durch Taylor ersetzt. In dieser Besetzung wurden die Aufnahmen fertiggestellt. Allerdings verhinderte das Plattenlabel die Veröffentlichung des Albums und einer Single, die Motörhead für ihr neues Label Stiff Records im Sommer 1976 aufgenommen hatte. Während dieser Zeit kam Kilmister auf die Idee, die Band mit Eddie Clarke um einen zweiten Gitarristen zu erweitern. Zur ersten gemeinsamen Probe erschien Larry Wallis mehrere Stunden verspätet und verliess danach die Band. Als Hauptgrund für seinen Weggang gab Wallis später an, dass er wegen der Probleme bei den Aufnahmen die Lust an Motörhead verloren und das Gefühl hatte, dass Clarke von Anfang an dazu gedacht war, ihn zu ersetzen.

Ende 1976 entliess United Artists die Band aus dem bestehenden Vertrag. Ohne gültigen Plattenvertrag beschlossen Motörhead im Frühjahr 1977, sich wegen Erfolglosigkeit aufzulösen und ein letztes Konzert zu geben. Während dieses Konzerts war Ted Carroll von Chiswick Records anwesend und bot den Musikern im Anschluss einen Plattenvertrag für eine Single an. Aus den Aufnahmen zur Single wurden Aufnahmen für ein vollständiges Album, das im September 1977 unter dem Titel "Motörhead" erschien. Eingespielt wurde es in der Besetzung Kilmister, Taylor und Clarke und bedeutete mit Platz 43 der britischen Albumcharts den ersten kommerziellen Erfolg der Band. Die 'Beyond the Tresholds of Pain' Tour zum Album mussten Motörhead nach fünf Auftritten abbrechen, weil Phil Taylor sich das Handgelenk gebrochen hatte. Nachdem es Mitte 1978 zum Bruch mit Bandmanager Tony Secunda gekommen war, weil dieser den Vertrag mit Chiswick Records gekündigt hatte, übernahm Douglas Smith wieder das Management und besorgte Motörhead einen Vertrag mit Bronze Records. Im Sommer 1978 nahmen Motörhead in den Wessex Studios in London eine Coverversion von "Louie Louie" und das eigene Stück "Tear Ya Down" auf. Die am 25. August 1978 veröffentlichte Single erreichte Platz 68 der Charts, sodass Bronze den Vertrag um ein Studioalbum erweiterte. Ende 1978 ging die Band für vierzehn Tage in das Roundhouse Studio in London, um das Album "Overkill" einzuspielen. Produziert wurde es von Jimmy Miller, der bereits "Exile On Main Street" und "Goats Head Soup" für die Rolling Stones produziert hatte. Die Titel "Damage Case", "No Class", "I Won't Pay Your Price" und "Tear Ya Down" hatte die Band bereits zuvor an Konzerten gespielt, der Rest der Stücke entstand während der Studioaufnahmen. Das Gitarrensolo zu "Capricorn" entstand zufällig, als Jimmy Miller das Aufnahmeband mitlaufen liess, während Eddie Clarke seine Gitarre stimmte. Den Song "Metropolis" schrieb Kilmister innerhalb von fünf Minuten, nachdem er sich den gleichnamigen Film angesehen hatte, der Text ergab keinen Sinn. Das bereits 1978 für die B-Seite der Single "Louie Louie" aufgenommene "Tear Ya Down" wurde nicht neu eingespielt, sondern gelangte in der Single-Version auf das Album.

Im März 1979 begann in Edinburgh die Tournee zum Album "Overkill" mit Girlschool als Vorband. Nach einem Auftritt beim Punkaharju-Festival im Juni 1979 in Finnland zerstörte die Band aus Wut über den misslungenen Auftritt die Bühnentechnik, zündete einen Wohnwagen an und versenkte ihn in einem See. Daraufhin wurden die Musiker und ihre Tournee-Crew verhaftet und nach einem viertägigen Gefängnisaufenthalt des Landes verwiesen. Jason Birchmeier von Allmusic hielt das Album "Overkill" für das erste einer Reihe von grossartigen Motörhead-Alben, möglicherweise sei es sogar das beste. Der bandtypische Sound habe sich mit dem Album vollständig herausgebildet, es enthalte mit dem Titelstück, "Stay Clean" und "No Class" drei der grossen Klassiker von Motörhead. Das Magazin Rock Hard wählte es auf Platz 340 der 500 stärksten Platten aller Zeiten, Götz Kühnemund schrieb, dass der Band mit "Overkill" der Durchbruch in Grossbritannien als härteste, dreckigste und hässlichste Band gelungen sei. Er wies darauf hin, dass der Titelsong des Albums wegen des Doublebass-Schlagzeugs als 'Speed Metal' bezeichnet wurde. Falk Kollmannsperger vom Onlinemagazin The Metal Observer erklärte das Album zum ultimativen Klassiker: 10 Songs, jeder einzelne ein Hit, die Gitarrenriffs, das Schlagzeug und jede Basslinie träfen volles Rohr auf die Zwölf. Nach Abschluss der Tournee zu "Overkill" nahmen Motörhead das nächste Album auf, das am 27. Oktober 1979 unter dem Titel "Bomber" erschien; es erreichte Platz 12 der britischen Albumcharts und ebenfalls Silber-Status. Damit erzielten die Musiker erstmals Einnahmen, von denen sie leben konnten, und sie investierten einen Grossteil der Tantiemen in die Ausrüstung der Band.

Kurz nach "Bomber" und dem damit verbundenen kommerziellen Erfolg veröffentlichte United Artists Records im Herbst 1979 das bereits 1976 aufgenommene "On Parole". Da die Rechte an dem Album beim Plattenlabel lagen, benötigten sie dafür nicht das Einverständnis der Band. Während der Tournee zu "Bomber" wurden vier Titel live mitgeschnitten und erschienen im Mai 1980 als EP "The Golden Years", die mit Platz 8 die britischen Top Ten erreichte. Die Strapazen des Tourneelebens forderten ihren Tribut, als Kilmister nach einem Konzert in der Stafford Bingley Hall im Juli 1980 kollabierte. Nach einer kurzen Erholungsphase begann die Band Anfang August mit den Aufnahmen zu "Ace Of Spades", das am 8. November 1980 erschien. Das Album war der grösste Erfolg von Motörhead in Grossbritannien mit Platz 4 der Albumcharts und Gold-Status für mehr als 100000 verkaufte Einheiten. Die Single "Ace Of Spades" erreichte Platz 15 der britischen Top 40. Im November begann die 'Ace-Up-Your-Sleeve'-Tour durch Grossbritannien und Nordirland. Nach einem Auftritt in Belfast verletzte sich Phil Taylor an der Halswirbelsäule, sodass die für Anfang 1981 geplanten Auftritte in Europa verschoben werden mussten. Während dieser Zeit nahmen Motörhead gemeinsam mit Girlschool die EP "St. Valentine’s Day Massacre" auf, auf der sich mit "Please Don’t Touch" eine Coverversion von Johnny Kidd & the Pirates befand. Die EP erreichte Platz 5 der Charts. Im März 1981 wurde die Tournee fortgesetzt. Während der Auftritte in Leeds und Newcastle wurden die Aufnahmen gemacht, die auf dem im Juni 1981 veröffentlichten Live-Album "No Sleep ’Til Hammersmith" zu hören sind. Dieses Album stieg in der ersten Chartwoche auf Platz 1 der britischen Albumcharts ein. Für das Album erhielten Motörhead eine Goldene Schallplatte in Grossbritannien.

Nach Abschluss der USA-Tournee mit Ozzy Osbourne kehrten Motörhead nach Europa zurück und begann mit den Aufnahmen zum nächsten Album "Iron Fist". Während dieser Zeit kam es zu Differenzen zwischen dem Management und der Band, da die Mitglieder von Motörhead vermuteten, dass sie in finanzieller Hinsicht betrogen worden waren. Diese Probleme schlugen sich in den Aufnahmen nieder, weil das Management nicht die nötigen 10000 Pfund für die Produktion des Albums zur Verfügung stellte. Daraufhin entschied Kilmister, dass Eddie Clarke das Album produzieren sollte. Nachdem Kilmister während der laufenden Tournee zum "Iron Fist" Album Clarke dazu verpflichtet hatte, auch die Aufnahmen zur "Stand By Your Man" EP mit Wendy O. Williams zu produzieren, kam es im Studio zum offenen Streit zwischen beiden Musikern, in dessen Folge Clarke Motörhead verliess. Zwar spielte Clarke noch zwei ausstehende Shows in New York und Toronto, war aber zu dem Zeitpunkt kein offizielles Mitglied von Motörhead mehr.

Ersetzt wurde Clarke durch Brian Robertson (ehemals Thin Lizzy), den Kilmister bereits seit Jahren kannte. Weil er kurzfristig verfügbar war, liess die Band ihn von Europa nach Kanada einfliegen. Nach einer kurzen Probe spielte er das erste Konzert mit Motörhead in Detroit im Juni 1982. Es folgten weitere Auftritte in Japan und Europa, bevor im März 1983 die Aufnahmen zu "Another Perfect Day" begannen. Das Album galt wegen Robertsons Gitarrenarbeit als Motörhead-untypisch, weil es raffiniertere und extravagantere Melodien als die anderen Alben enthielt. Mit dem im Juni 1983 veröffentlichten Album begann der kommerzielle Erfolg von Motörhead nachzulassen, es erreichte nicht mehr die Top Ten der Albumcharts und erhielt keine Auszeichnung für die Anzahl der Verkäufe. Die Fans von Motörhead mochten "Another Perfect Day" zunächst nicht und warfen der Band vor, eher kommerzielle als musikalische Interessen zu verfolgen; heute gilt das Album als Geheimtipp. Die Zusammenarbeit mit Robertson währte bis zum Herbst 1983. Während der laufenden Tournee weigerte er sich zunächst, alte Motörhead-Lieder zu spielen. Zum Eklat kam es nach einem Konzert in Hannover, bei dem Robertson trotz Ermahnung durch Kilmister dreimal das Lied "Another Perfect Day" anstimmte. Daraufhin feuerte Kilmister ihn und sagte den Rest der Tour ab.

In einem Interview mit der Musikzeitschrift Melody Maker gab Kilmister bekannt, dass Motörhead auf der Suche nach einem neuen Gitarristen seien. Aus der Vielzahl der Bewerbungen wurden Phil Campbell und Michael 'Würzel' Burston ausgewählt. Um sich für einen entscheiden zu können, setzte Kilmister ein Vorspielen an, zu dem Schlagzeuger Taylor jedoch nicht erschien und stattdessen erklärte, aufhören zu wollen. Auf Vorschlag des Bandmanagers wurde er durch Pete Gill (ehemals Saxon) ersetzt, den Kilmister seit einer gemeinsamen Tour 1979 mit Saxon kannte. Weiterhin wurde entschieden, die Band mit zwei Gitarristen fortzuführen. In dieser Besetzung setzten Motörhead im Frühjahr 1984 die im Herbst 1983 unterbrochene Tournee fort. Zur Promotion der neuen Besetzung veröffentlichte Bronze Records im September 1984 das 'Best Of' Album "No Remorse", das neben bereits veröffentlichten Stücken vier in der aktuellen Besetzung aufgenommene neue Titel enthielt. Aufgrund von Problemen mit dem Label, das sich laut Kilmister nicht mehr für die Band interessierte, verliessen Motörhead Ende 1984 Bronze Records, waren aber wegen Rechtsstreitigkeiten bis auf weiteres daran gehindert, ein neues Album zu veröffentlichen. Während dieser Zeit bestritt die Band verschiedene Auftritte, unter anderem zum zehnjährigen Jubiläum im Juni 1985 im Hammersmith Odeon.

Im November 1985 war der Streit mit Bronze Records beigelegt, und Bandmanager Douglas Smith nahm Motörhead bei seinem eigenen Plattenlabel GWR Records unter Vertrag. Das Anfang 1986 aufgenommene Studioalbum "Orgasmatron" erschien am 6. August 1986, gefolgt von einer Tournee. Anfang 1987 fanden die Dreharbeiten zu Motörheads Cameo-Auftritt im Film 'Eat the Rich' statt. Während des Drehs wurde Pete Gill von Kilmister wegen persönlicher Differenzen gefeuert, und Phil Taylor kehrte zur Band zurück. Mit ihm nahmen Motörhead im Juni 1987 das nächste Album "Rock'n'Roll" auf, das im September des Jahres erschien. Die darauf folgende Tournee führte die Band 1988 im Vorprogramm von Alice Cooper in die USA. Im Juli 1988 wurde ein Konzert im finnischen Hämeenlinna beim Giants of Rock aufgenommen und als Live-Album "No Sleep At All" veröffentlicht. Nach einer kurzen Auszeit Anfang 1989 begann die Band mit dem Songwriting für das nächste Album. Dessen Veröffentlichung verschob sich allerdings erheblich, weil sich Motörhead im Herbst 1989 von ihrem Manager und damit auch von dessen Plattenfirma GWR Records trennten. Grund für die Trennung war der Verdacht finanzieller Unregelmässigkeiten, der schliesslich zu einem Vertrauensbruch zwischen Smith und Motörhead führte.

1990 fanden Motörhead mit Phil Carson einen neuen Manager, der bereits für Robert Plant gearbeitet hatte. Carson verschaffte Motörhead einen Plattenvertrag bei WTG Records, einem Sublabel von Sony Music. Der Sitz des Unternehmens war Los Angeles, weshalb Kilmister im Juni 1990 seinen Wohnsitz dorthin verlegte, während die übrigen Bandmitglieder in England blieben. Kurz darauf begannen die Aufnahmen zum Album "1916", das im Februar 1991 erschien. Es erreichte mit Platz 142 die bis dahin höchste Notierung in den US-amerikanischen Billboard 200 Albumcharts. Während der anschliessenden Tournee trennte sich Manager Carson von der Band, weil er ein besseres Angebot bekommen hatte. Das Management übernahm zunächst Sharon Osbourne, die allerdings finanzielle Unregelmässigkeiten während der Japan-Tour der Band anlastete und den Vertrag kündigte. Ohne Management gingen Motörhead auf Tour durch Australien. Darauf folgte die vom Sony-Konzern organisierte 'Operation Rock'n'Roll' Tournee durch Nordamerika. Neben Motörhead nahmen mit Alice Cooper, Judas Priest, Metal Church und Dangerous Toys insgesamt fünf Bands daran teil, die alle bei verschiedenen Labels des Sony-Konzerns unter Vertrag standen. Gegen Ende der Tour fanden Motörhead mit Doug Banker einen neuen Manager. Anfang 1992 begannen die Aufnahmen zum Album "March Ör Die", während der Schlagzeuger Taylor gefeuert wurde. Die Trennung hatte sich bereits abgezeichnet, endgültiger Auslöser war, dass Taylor zu den Aufnahmen erschien, ohne die neuen Stücke einstudiert zu haben.

Als neuer Schlagzeuger wurde der Schwede Mikkey Dee verpflichtet, den Kilmister von einer gemeinsamen Tour mit King Diamond kannte. Dee war erstmals auf "March Ör Die" zu hören, das im August 1992 erschien. Erneut wechselte Motörhead das Management, neuer Manager wurde Todd Singerman. Zu dieser Zeit zeichnete sich zudem der Bankrott des Labels WTG ab. Anfang 1993 wechselte die Band zu dem auf Dance-Musik spezialisierten deutschen Label ZYX Music, weil es das beste finanzielle Angebot machte. Im November 1993 erschien mit "Bastards" das nächste Studioalbum. Nach der Tour zum Album trennten sich Motörhead und ZYX und die Band wechselte zu CBH, dem Label ihres deutschen Promoters Rainer Hänsel. Für das im März 1995 veröffentlichte Album "Sacrifice" konnte mit CMC Records erst im Nachhinein ein Distributor für die Märkte ausserhalb Europas gefunden werden. Kurz darauf verliess Gitarrist Michael 'Würzel' Burston die Band, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Lemmy Kilmister beschuldigte, ihn finanziell auszunehmen. Motörhead beschlossen, keinen Ersatz für Burston zu suchen, und war seitdem als Trio in der Besetzung Kilmister, Campbell und Dee aktiv. Nach einer Tournee erschien im Oktober 1996 das nächste Studioalbum "Overnight Sensation". Die dazugehörige Tournee führte die Band erstmals nach Russland, wo sie vier Auftritte in Moskau, Rostow und Sankt Petersburg bestritt. Im März 1998 erschien das Album "Snake Bite Love". Auf der anschliessenden Tournee wurde ein Auftritt in Hamburg mitgeschnitten und 1999 als Live-Album "Everything Louder Than Everyone Else" veröffentlicht. Ebenfalls im Jahre 1999 wurde während der Pausen der laufenden Tournee das fünfzehnte Studioalbum aufgenommen. Am 16. Mai 2000 erschien "We Are Motörhead", gefolgt von einer gut ein Jahr dauernden Tournee.

Einen Wendepunkt in kommerzieller Hinsicht stellte das im April 2002 veröffentlichte Album "Hammered" dar. Motörhead verkauften von der Platte innerhalb eines Monats mehr Exemplare als von den beiden vorangegangenen Alben bis dahin zusammen. Da die Band wieder für grössere Konzertveranstaltungen gebucht wurde, bedeutete dies einen finanziellen Aufschwung für die Musiker. Es folgte ein Plattenvertrag beim renommierten deutschen Independentlabel SPV und 2004 das Album "Inferno". Weiterhin nahmen Motörhead im Jahr 2004 das Stück "You Better Swim" für den SpongeBob Schwammkopf-Film auf. Für ihren Titel "Whiplash", eine Metallica Coverversion, erhielten Motörhead 2005 den Grammy Award in der Kategorie 'Best Metal Performance'. Am 16. Juni 2005 wurde im Hammersmith Apollo in London das 30-jährige Bandjubiläum gefeiert. Für Motörhead eröffneten die langjährigen Weggefährten von Saxon und Girlschool. Ebenfalls im Jahr 2005 spielten Motörhead auf dem Vaya-con-tioz-Abschiedsfestival der Böhsen Onkelz auf dem Lausitzring. Motörhead hatten seit 2000 mehrmals mit der amerikanischen Wrestling-Promotionsfirma World Wrestling Entertainment (WWE) zusammengearbeitet. So wurden drei Songs aufgenommen ("The Game", "Line In The Sand (Evolution)" und "King Of Kings"), die als Einzugsmusik für den Wrestler Triple H verwendet wurden. Auch waren die Titel auf den verschiedenen CDs der Promotion zu finden. Zudem hatten Motörhead Auftritte bei Wrestlemania 17 (1. April 2001) und Wrestlemania 21 (3. April 2005), wo sie Triple H's Einzüge live begleiteten.

Im August 2006 wurde das Album "Kiss Of Death" veröffentlicht, das erste seit dem Album "March Ör Die", das sich in den britischen Albumcharts platzieren konnte. In Deutschland stieg es in der ersten Chartwoche auf Platz 4 der Albumcharts ein. Im Jahr 2008 erschien das Album "Motörizer". Für einen Teil der Amerika-Tour 2009 wurde als Ersatz für Schlagzeuger Mikkey Dee, der wegen der Teilnahme an der schwedischen Ausgabe des Dschungelcamps nicht verfügbar war, der ehemalige Guns N’Roses Schlagzeuger Matt Sorum verpflichtet. Im Zuge der Vorarbeiten zum 20. Studioalbum "The Wörld Is Yours", das im Dezember 2010 anlässlich des 65. Geburtstages von Lemmy Kilmister und des 35-jährigen Bandjubiläums erschien, gründete die Band ein eigenes Plattenlabel unter dem Namen Motörhead Music. Während der Tournee zum Album "The Wörld Is Yours" wurde ein Auftritt in Santiago de Chile am 9. Juli 2011 mitgeschnitten und im November 2011 als DVD "The Wörld Is Ours Vol. 1: Everywhere Further Than Everyplace Else" veröffentlicht. Aufgenommen wurde das Konzert von Sam Dunns Produktionsfirma Banger Films. Seit 2011 boten Motörhead auch eine eigene Getränkekollektion an. Sie bestand aus dem Rotwein Motörhead Shiraz, einem Rosé und einem Wodka mit dem Namen Vödka. Daneben wurde verschiedenes Zubehör wie Wein- und Whiskygläser angeboten.

Wegen Kilmisters Gesundheitszustandes infolge einer Operation und eines Sturzes sagten Motörhead am 2. Juli 2013 alle folgenden Festivalauftritte des Jahres ab. Dennoch trat die Band beim Wacken Open Air 2013 auf; das Konzert wurde aber wegen Kilmisters Gesundheitszustandes nach 30 Minuten abgebrochen. Zuvor hatten sie schon zwei Auftritte absagen müssen. Die gesundheitlichen Probleme Kilmisters überschatteten zudem die Aufnahmen des 21. Studioalbums "Aftershock", das am 18. Oktober 2013 erschien. Wegen anhaltender gesundheitlicher Probleme musste die für den Winter 2013 geplante Europatour auf das Frühjahr 2014 verschoben werden. Auch diese Europatournee wurde im Januar 2014 abgesagt. Als Grund wurden wieder gesundheitliche Probleme von Lemmy Kilmister aufgrund seiner Diabeteserkrankung genannt. 2014 nahmen Motörhead gemeinsam mit Biff Byford den Song "Starstruck" für ein Ronnie James Dio Tribute Album auf. Es wurde am 1. April 2014 veröffentlicht und hiess "This Is Your Life". Im selben Jahr hatten sie ein Konzert in Birmingham, bei dem sie zum ersten Mal wieder mit Phil Taylor und Eddie Clarke auf der Bühne standen. Diese hatten bei "Ace Of Spades" einen Gastauftritt. Im September 2014 fand die erste Motörhead-Kreuzfahrt unter dem Titel 'The Motörboat Experience' statt.

In einem Interview mit dem Magazin Rock Hard kündigte Kilmister für 2015 ein neues Studioalbum an. Dieses wurde mit dem Titel "Bad Magic" am 28. August 2015 veröffentlicht. Es erreichte in der ersten Woche nach Veröffentlichung Platz 1 der deutschen Albumcharts und war damit das erste Nummer 1 Album der Band nach "No Sleep ’Til Hammersmith", das 1981 Platz 1 der britischen Albumcharts erreichte. Am Vorabend der Albumveröffentlichung mussten Motörhead ein Konzert in Salt Lake City abbrechen, weil Kilmister über Atemnot klagte, das Konzert in Denver am darauf folgenden Tag wurde aus diesem Grund abgesagt. Es folgten Anfang September 2015 weitere Konzertabsagen, begründet wurde dies mit der Höhenkrankheit, die sich Kilmister in Salt Lake City zugezogen haben soll. Am 8. September setzte Motörhead die begonnene Tour in St. Louis fort. Am 28. Dezember 2015 verstarb Lemmy Kilmister an einer Krebserkrankung, deren Diagnose er erst zwei Tage zuvor erfahren hatte. In einem Interview mit der schwedischen Zeitung Expressen sagte der Schlagzeuger Mikkey Dee, dass durch den Tod des Sängers die Band nicht mehr bestehen würde. Künftige Tourneen und neue Alben schloss er kategorisch aus, womit das Ende der Band offiziell besiegelt wurde. UDR Music gab bekannt, am 27. Mai 2016 mit "Clean Your Clock" ein Live-Album der Band veröffentlichen zu wollen. Das Album, welches Material von ihren letzten Shows am 20. und 21. November 2015 im Münchner Club Zenith zeigte, wurde als DVD, Blu-Ray-Disc, CD, Vinyl und als Boxset veröffentlicht.

Motörhead wird zu den Wegbereitern des Speed Metal gezählt. Das Billboard Magazine wies auf den weitreichenden Einfluss von Motörhead hin und schrieb, dass der überwältigende, laute und schnelle Heavy Metal der Band einer der wegweisendsten Stile der späten 70er Jahre war, die Musik der Band sei kein Punk-Rock, vielmehr war sie die erste Metal-Band, die dessen Energien gebündelt und damit den Grundstein für spätere Genres des Heavy Metal legte. So wurden Songs wie "Overkill" oder "Bomber" als Basis für den Thrash Metal angesehen. Dem Album "Overkill" wurde eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der New Wave of British Heavy Metal zugesprochen, das 1980 erschienene Album "Ace Of Spades" als eines der wichtigsten Alben der Rock-Geschichte bezeichnet. Des Weiteren bereitete Motörhead mit der Kombination aus schnellem Tempo und Doublebass-Technik, die erstmals auf "Overkill" zu hören war, den Weg für spätere Schlagzeugtechniken wie den Blastbeat. Mit der Veröffentlichung von "Overkill" definierten Motörhead ihren Stil durch stark verzerrte, um einen Halbton tiefer gestimmte Gitarren, den verstärkten Einsatz der Doublebass-Schlagzeugtechnik, verbunden mit schnellen Sechzehntel-Rhythmen nach dem Vorbild von Gruppen wie Deep Purple neu. Die Musik basierte weitgehend auf zwei statt auf drei Akkorden.

Als typisch für Motörhead wurde der Klang des E-Bass bezeichnet, der weitestgehend eine zweite Gitarre ersetzte. Beim Spielen wurde durchgehend eine Leersaite angeschlagen, die in Kombination mit gegriffenen Saiten einen Klang erzeugte, der den E-Bass die Rolle der Rhythmusgitarre übernehmen liesst. Ein weiteres stilistisches Merkmal war dabei, dass viele Lieder mit einem markanten Bassriff eröffnet wurden. Dies war beispielsweise der Fall bei "Motörhead", "Stone Dead Forever", "Ace Of Spades" und "Overnight Sensation". Die Klangfarbe der Gitarren wurde als stark verzerrt beschrieben und verzichtete ausser bei Soli auf klangformende Effekte wie Wah Wahs. Dadurch war die Klangfarbe der Musik von Motörhead deutlich basslastiger als die vergleichbarer Bands wie etwa AC/DC. Der Schlagzeugklang war unverzerrt und erzeugte durch eine 'Wall of Sound' eine klangliche Konzertsituation. Ausgangspunkt des Schlagzeugspiels war stets ein Backbeat. Der rauhe Gesang von Lemmy Kilmister hatte seinen Ursprung im Shouting, wie es im traditionellen Blues verwendet wurde. Obwohl die Stimmlage Kilmisters als Tenor anzusehen war, wirkte sie durch die gutturalen Elemente tiefer. Motörhead adaptierte seit Bandgründung Elemente der Biker-Szene. Während zeitgenössische Gruppen wie Judas Priest die Verbindung durch das Tragen von Lederkleidung mit Nieten und Ketten dokumentierten, äusserte sich die Verbindung bei Motörhead durch die Adaption des Ethos des Verlierers in den Liedtexten. Durch diese eher einfache und bescheidene Sichtweise erschienen Motörhead wesentlich bodenständiger als andere Bands und sicherten sich so die Sympathien der Punk-Bewegung der späten 70er Jahre.

Lemmy Kilmister schrieb den überwiegenden Teil der Songtexte, die Themen waren breit gefächert. So wurde das Titelstück des Debütalbums "Motörhead" als Rock'n'Roll-Ode an die Droge Amphetamin bezeichnet. Als weiteres Thema fand sich in Songtexten wie "Born To Lose" das Image des Verlierers und Outlaws. Aber auch das Textkonzept gesamter Alben wie "Ace Of Spades" beruhte auf diesem Thema. Auch Kilmisters Faszination für Militärgeschichte spiegelte sich in den Texten wider. So handelte "Bomber" vom Einsatz einer Bomber-Besatzung im Zweiten Weltkrieg, "1916" thematisiert die Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg und "Marching Off To War" handelte von der empfundenen Sinnlosigkeit des Krieges. Kritik brachten Kilmister einige seiner Texte über Frauen wie "Jailbait" oder "I’m So Bad" ein, die als sexistisch und frauenverachtend angesehen wurden. In einigen Texten übte Kilmister Kritik an Missständen in der Gesellschaft und besonders an Religionen ("(Don’t Need) Religion", "God Was Never On Your Side"). Ein besonderer Songtext war jener von "(We Are) The Roadcrew", den Kilmister zu Ehren der Roadies von Motörhead schrieb. Ian 'Lemmy' Kilmister gilt bis heute als die ehrlichste Rock'n'Roll-Haut aller Zeiten.











Jan 6, 2018


LONG JOHN AND THE KILLER BLUES COLLECTIVE - Heavy Electric Blues
(Outlaw Country Records 0797776781133, 2017)

Ich muss gestehen, dass mich Blues Rock in all seinen verschiedenen Klang- und Spielformen nicht mehr wirklich vom Hocker haut, denn viele mir persönlich äusserst wichtige Zutaten sind in diesem musikalischen Bereich im Laufe der Jahre immer mehr auf der Strecke geblieben. Insbesondere fehlt mir bei modernen Produktionen oft das Herz, die Seele, oder auch nur ganz schlicht eine schlüssige Botschaft. Viele der heutigen Protagonisten, die sich beispielsweise bei den klassischen Vertretern aus den 60er oder 70er Jahren bedienen, vergessen oft, dass es mit der sprichwörtlichen Hauruck-Mentalität alleine nicht getan ist, noch irgendwie beeindruckend ein bisschen trockenen Wüstensand in Arizona aufzuwirbeln, sodass noch irgendjemand interessiert hinschauen würde. Genau aus diesem Grund freue ich mich immer wieder, wenn mich eine neue Combo diesbezüglich eines besseren belehrt und meine Begeisterung für Blues Rock für ein unterhaltsames Dreiviertelstündchen zurückzubringen vermag. Long John And The Killer Blues Collective sind nicht einfach eine Haudruff-Kapelle, wie es sie - gestern wie heute - zuhauf gibt, sondern das Resultat einer fühlbaren persönlichen Verinnerlichung einiger Spielarten des Blues, wie beispielsweise der Heavy Blues, der Rock'n'Roll und - als quasi augen- und ohrenfälligstes Merkmal der Alternative Rock.

Hauptprotagonist des Killer Blues Collective ist Namensgeber Long John, der auch schon ohne sein Kollektiv und auch unter seinem mit dem bürgerlichen Nachnamen versehenen Künstlernamen Long John Laundry einige Aufnahmen veröffentlicht hat, die zumeist den Weg auf Genre-Samplers fanden. Der Sänger, Gitarrist und Mundharmonika-Spieler Long John spielte über die vergangenen fünf Jahre immer wieder mit wechselnden Begleitmusikern zusammen, bis sich ein harter Kern gebildet hatte, der schliesslich zum aktuellen Quartett führte, das neben Long John aus dem Lead Gitarristen Danny Page, dem Bassisten Jules Fly Haffegee und dem Schlagzeuger Pip Mailing besteht. Zu den Aufnahmen zum Debutalbum "Heavy Electric Blues" gesellten sich ausserdem noch einige Gastmusiker, wie die beiden Keyboarder Rob Poyton, der eine herrliche und warme Hammond B3 Orgel beisteuerte, sowie Henri Herbert für einige deftige Klaviereinlagen. Der zusätzliche Gesang von Nicky Price und die tollen und perkussiven Congas von Lee Morley runden das Line-Up ab.

Interessant an der Arbeit zu diesem Debutalbum war vor allem, dass den endgültigen Aufnahmen in Bedfordshire in England viele Probesessions voraus gingen, die in London und Umgebung, aber auch in Prag stattfanden. Diese sogenannten 'Pre-Recordings' zogen sich über eine Zeitspanne von mehr als zwei Jahren, bevor dann die für das Album ausgewählten Songs im Mai 2017 in den Lost Boys Studios in Bedforshire eingespielt wurden. Diese Songs, am Ende elf an der Zahl, klangen schliesslich so gar nicht britisch, und auch nicht unbedingt so, wie sich Long John bis dahin präsentiert hatte. Auf "Heavy Electric Blues" (diesbezüglich vielleicht ein eher irritierender Titel für dieses Werk) überraschte der Musiker und seine Mannschaft mit einem eklektischen Mix aus Howlin' Wolf Blues, Captain Beefheart Schrägness und den Louisiana Voodoo Blues Geschichten von Tom Waits. Die Band ist wesentlich näher am traditionsreichen Swamp Blues, als am typisch britischen Blues Rock. Bis dieses Album endlich Gestalt angenommen hatte, dauerte es jedoch eine gewisse Zeit. Long John selbst sagt hierzu: "We began the journey with myself and Jules Fly aiming to create an original sound and vibe digging deep into our own Blues/Soul/Punk backgrounds and tapping into vintage blues vibes and deep musical roots, triggering my own personal lyrical Journey, leading me down a path to exploring my own inner demons and spiritual thoughts. You could say this album is spiritual, honest and straight from my soul".

Für den Hauptakteur war dies eine Reise ins Unbekannte - was letztendlich genau passieren würde im Tonstudio, das wussten weder er noch sein Mitstreiter eigentlich so richtig. Jeder der Beteiligten versuchte letztendlich, seinen ganz persönlichen Stil mit einzubringen, was letztlich perfekt gelang und wohl auch dem Produzenten Nick Mailing zu verdanken war, der die Aufnahmen äusserst geschickt in eine Richtung lotste, welche der Band einerseits die richtige Street Credibility, andererseits aber auch eine ganz persönliche Note verpasste. Nick Mailing hat schon die Quireboys produziert, und eine gute Portion des herzhaften Punch der Quireboys kann man bei Long John's Debutalbum durchaus heraushören, obschon die Band sehr wohl weiss, dass Lautstärke allein nicht das allgemein gültige Rezept sein konnte und sein wird. Der Bassist Jules Fly Haffegee brachte es auf den Punkt: "We knew we could make a killer album and that's what all these other bands been about: making super-heavy-weight electric blues". Wenn man sich dieses hervorragende Debutalbum dann anhört, merkt man, wie sehr sich die Band um Authentizität bemüht hat und sich konsequent auf die eigenen Qualitäten und Vorlieben konzentrieren konnte, ohne auf irgendwelche Klischees vorschnell hereinzufallen. Das machte schliesslich die Stücke des Albums aus, die sich allesamt wesentlich reifer und abgeklärter anhören als von einem Debutalbum einer noch so jungen Band.

Das Werk startet fulminant mit dem Opener "My Soul Rising", einem hypnotisierenden und archaischen Blues, der recht sparsam arrangiert ist und einigen Songs von Savoy Brown der letzten Jahre ähnelt. John Laundry hat die nötige Körnung an seinen Stimmbändern. Ein bisschen geheimnisvolles Voodoo-Flair kann man schon hier heraushören. Der nachfolgende "Holy Moly Blues" klingt dann wie tiefstes Louisiana - ein klassischer Swamp Blues beinahe schon, mit klaren Reminiszenzen an Captain Beefheart und noch klareren an Dr. John, was vor allem der leichtfüssige Funky Bass von Jules Fly Haffegee bewerkstelligt. Das Album nimmt Fahrt auf mit dem nächsten Song "Preacher's House", einem köstlichen und Stimmung verbreitenden Party-Schmetterer im klassischen Boogie Woogie Stil mit einem herrlich scheppernden Klavier. Dann folgt mit dem "Devil's Train" ein klassischer Boogie, zu welchem es auch ein offizielles Videoclip gibt. Ein rasantes Tempo, mit dem dieser teuflische Zug am Hörer vorbeirast. "Lay Me Down" dann knochentrocken und sehr hart. Das Stück "Deep Water" beginnt als eine Art "Rumble" von Link Wray mit der gleichen langsamen, bedrohlichen Atmosphäre. Dieses Stück fungiert als düsterer Ruhepunkt im gesamten Programm der Platte. Der anschliessende, langsame Blues "Cold Blood Blues" ist die Atempause auf diesem Album. Dieser Blues klingt so, wie man es von einem solchen Titel erwartet: Edle Gitarrenarbeit, gemächliches Tempo, sehr feines Feeling - ein elegantes Stück, das auch einem Eric Clapton gut stehen würde. Ganz anders dann die nächste Nummer "Big Man Got A Fat Chicken": Die beginnt jazzig und nimmt langsam ziemlich dynamisch Fahrt auf, um mit messerscharfen Carving-Gitarren zu überzeugen. Der Sound der Rolling Stones, zu Zeiten von "Gimme Shelter" kommt mir schliesslich in den Sinn, als ich dem funkigen "Hell Is Not No Place To Be" lausche und der überzeugende, schillernde Rocker "Tequila" brettert schliesslich mit voller Geschwindigkeit das Finale dieser beeindruckenden Platte herunter.

Long John und sein Killer Blues Collective schauen grinsend, als der Rauch sich langsam über dem Plattenspieler auflöst. Speziell erwähnenswert ist auch das fabelhafte Cover-Artwork des berühmten Künstlers Johnny Stingray, der das Bild der musikalischen Reise mit seinem höllischen Mal-Stil herrlich in Szene setzen konnte und den Raum und die Zeit dieser Platte perfekt einfing. Jules Fly Haffegee hierzu: "Nicht viele Künstler kommen, nur weil sie mit der Band auf Shows herumhängen und den Tag mit Aufnahmesessions verbringen, in den Genuss einer Zusammenarbeit mit solch einem erfahrenen und legendären Cover-Designer. Johnny Stingray ist ein echter Visionär und sein Stil ist originell und dunkel und perfekt auf den Punkt". Live bietet die Band eine beeindruckende Präsenz. Eine Show, die von der überzeugenden Performance von kraftvollen Predigt-Stimmen und schreienden Gitarren lebt, die von einem phantastisch geerdeten Schlagzeug- und Basskraftwerk gehalten werden. Das ist Live Blues der absolut überzeugenden Art. Für mich sind Long John und sein Killer Blues Collective endlich mal wieder ein neuer Act aus dem Bereich Blues Rock, der mich von A bis Z überzeugt, weil er sehr überzeugend Härte und Dynamik mit Herz und Seele zu verbinden versteht. Ein Rosinchen unter Hunderten von stilistisch ähnlich gelagerten Veröffentlichungen, das es wert ist, entdeckt zu werden.




Jan 5, 2018


THE DEAD BROTHERS - Wunderkammer (Voodoo Rhythm Records VR1231, 2006)

Das vierte Album der Dead Brothers (den Soundtrack zum Tatowierer-Film 'Flammend Herz' eingeschlossen) geriet wahrlich zu ihrem besten und ausgereiftesten Album bis dato. Das Label Voodoo Rhythm Records brachte es auf den Punkt und nannte "Wunderkammer" schlicht 'The White Album of the Dead Brothers'. Die Schweizer Band mit Mitgliedern aus Genf, Bern und Zürich und verwandschaftlichen Wurzeln in Nordafrika und Australien, verband in ihrer "Wunderkammer" auf unnachahmliche Weise eine Rock'n'Roll-Herkunft mit Zigeunermusik, Country, Swing und von verschiedenen Blasinstrumenten geprägte Trauermarsch-Musik, welche einer Begräbniskapelle aus vergangenen Jahrhunderten gut gestanden hätte. Neben Songs, die perfekt ins bekannte Dead Brothers-Repertoire passten, gab es zusätzlich einen griechischen Swing, eine wunderschöne Coverversion des durch Marlene Dietrich bekannt gewordenen Friedrich Holländer-Stücks "Wenn ich mir was wünschen dürfte", sowie zwei vom Neueinsteiger Delaney Davidson komponierte Songs, die genausogut der Feder von Leonard Cohen hätten entstammen könnten.

Die Wurzeln der Dead Brothers ziehen sich sehr weit zurück durch die Musikgeschichte. Seit 20 Jahren graben sie an ihren Gräbern. Punk Rock, Country und Blues sind nur ein Teil ihrer komplexen DNA, die ähnlich veranlagt ist wie die, ihrer nahen Verwandten Cab Calloway, Kurt Weill’s Drei Groschen Oper oder den Grössen der Europäischen Folklore-Instrumentalisten. Einige Bandmitglieder beleben seit Ewigkeiten die Schweizer Folk Szene (Landstrichmusig, Patent Ochsner, Echo, d’Giigemaa), andere wiederum stecken tief in der Theater-, Comedy und Film Szene (Stadt Theater Hannover, les Trois Suisses, 9 Volt Nelly) - Einige sind Orchesterleiter oder Italienische Sänger. Und bevor die Dead Brothers überhaupt zusammenfanden, spielte Dead Alain 17 Jahre bei der Genfer Punk'n'Roll-Band Les Maniacs. Alle finden für ihre Sehnsüchte ein Zuhause in der Musik der Dead Brothers. 1998 öffneten sie Pandoras Box in der Blues und Psycho Swing mit ihrer akustischen Wut verschmolzen. Heute ist ihr Sound überall zu finden: Ob in Werbung für Autos, in Fernsehserien oder Filmen und natürlich bei ihren Konzertenreisen, die inzwischen durch mehr als 20 Länder führten. Gründe genug für die toten Brüder und Schwestern, immer noch an die verlorene Welt zu glauben, von der sie träumen.

In der Ferne schlurft, untermalt von Grillenzirpen, ein karger Rhythmus und nähert sich, als eine traurige Hawaiigitarre einsetzt. "Trust in me and close your eyes". Verführend langsam und unnachgiebig entführt die verzerrte Stimme sein Opfer tief in eine absonderliche Zwischenwelt, wo das süsse Gift einlullt, die Trompete aufbellt, die Orgel zwirbelt und eine verlorene Seele sich widerstandslos hingibt. "Slowly and surely your senses will cease to resist". Die Interpretation von "Trust In Me", wie überhaupt das musikalische Drehbuch der Dead Brothers, kennt anders als das Dschungelbuch, aus dem dieses Lied der Schlange im Original stammt, keine Rettung. Leidenschaftliche Hingabe, lieben, schwelgen, weinen, tanzen, trinken und lachen im Angesicht des Sensemanns stehen beim Hörer und Besucher dieser schillernden Welt auf dem Programm. Als Begräbnisorchester starteten die Dead Brothers 1998 mit Heimbasis Genf ihre Reise ins Jenseits im Rahmen der Rock'n'Roll Parade "Electric Circus". Sie vertilgten unterwegs Hank Williams in einer Rumpelkammer, liehen im Pfandladen ihr Instrumentarium, krachten mit rohem Punk, Delta Blues und europäischen Volksmusiken zusammen, enterten mit Gleichgesinnten das Juraschiff an der Expo und drangen bis in die so genannte Hochkultur als Theaterband vor (unter anderem Bertold Brechts Dreigroschenoper in Basel).

Nach den Alben "Dead Music For Dead People", "Day Of The Dead" und dem instrumentalen Soundtrack zum Dokumentarfilm "Flammend Herz" öffnete das fabulöse Quartett zum vierten Mal den Sarg. Ein Sarg freilich, der sich als unaufgeräumte, kuriose, tiefe und arg verwinkelte Wunderkammer herausstellte. "Wunderkammer" war denn auch der fast schon programmatische Titel des dritten regulären Albums der interkontinentalen Dead Brothers. In jeder Ecke und jedem Winkel lauerten neue Falltüren, die tiefer ins Labyrinth einer funkelnden Unterwelt führten. Einer Unterwelt, die so gar nichts Morbides an sich hatte, eher wie ein abenteuerlicher Spielplatz streunender Melancholiker wirkte und allenfalls mit den Phantasien in Tim Burtons wunderbarem Film 'Corpse Bride' vergleichbar wäre. "Wunderkammer" war das bis dato reichste Album der Dead Brothers. Im Kollektiv schrieben Alain Croubalian, Pierre Omer, Delaney Davidson und Christoph Gantert die Songs des Werks, projizierten eigene Visionen in fremdes Liedgut und schufen vielschichtige Arrangements für ihre von verschiedensten Stilen durchzogene, weltumspannende Musik. Wurde "Dead Music For Dead People" der Legende nach mit nur einem einzigen Mikrophon aufgenommen, loten die Vier nun im freien Spiel mit den Möglichkeiten des Studios neue, tiefe Dimensionen ihrer Musik aus.

Ohne die Rohheit der ersten Alben aufzugeben, pflegten sie in ihrer "Wunderkammer" die Liebe zum musikalischen Detail: Windsägen heulten im Hintergrund, exotische Stimmen tauchten auf, Spelunken-Klaviere malten verschwommene Stimmungsbilder und ergänzten das knorrige Stamm-Instrumentarium der Band (Banjo, Akkordeon, Gitarre, Blasinstrumente, Perkussion) aufs vorzüglichste. Traumwandlerisch eingesetzte Studio-Kniffe und Zitate wirkten nie verschwenderisch, nie beliebig, der multi-instrumentale Charakter der einzelnen Musiker wie auch die Band als Kollektiv gewannen deutlich an Tiefenschärfe. Und so labte sich der Hörer am kaputten, knochentrockenen Punk von "My Baby's White", trank im Bistro zu chaotischem Zigeunerjazz à la Django Reinhardt, stand im grossartigen "Just A Hole" lebensmüde an seinem eigenen Grab und landete in "The Story Of Woody And Bush" in einem staubigen Western Saloon, der sich in eine psychedelische Halluzination auflöste. Kurz: Die rauhen und doch zerbrechlichen, melancholischen und doch lachenden, widerspenstigen und doch einladenden Dead Brothers schlugen dem zagen Alltag einmal mehr ein Schnippchen.

Im Januar 2006 wurde überdies der Film 'He Who's Not Busy Being Born Is Busy Dying' lanciert. Der Regisseur M.A. Littler, der bereits für das Portrait über die musikalische Heimat der Band, dem heimischen Voodoo-Rhythm Label, verantwortlich zeichnete, begab sich dabei mit den Dead Brothers auf die Suche nach dem verbindenden Kern des Universums. Eine ewige Suche, die die vier beseelten, rastlosen Musiker mit ihrem Drang zur Kreation vorläufig in die traumhafte, surreale Wunderkammer führte. Zwischen Gorgol Bordello und Tom Waits fanden die Dead Brothers letztlich ihren Stuhl. In minimalistischem Sound machten sie bombastische Hörerfahrungen möglich. Ihr Album "Dead Music For Dead People" war diesbezüglich schon ein Überraschungserfolg, der auch in Punk Kreise eindringen konnte. Beerdigungsmusik gehört in unserem Alter ja mittlerweile zum Leben, und das ist ja jetzt nicht unbedingt die Art von Musik, die auf Teufel komm raus auf der Suche nach unbeackerten musikalischen Weiden nervt, sondern das sind Musiker, die ganz relaxt das tun, woran sie Freude haben. Damit werden sie Generationen von schlechten Plagiaten zum Vorbild dienen, aber die Dead Brothers sind das Original. File under: Garage, Jazz, Country, Gypsy Punk & Rock'n'Roll. Verwirrt ? Das ist gut so.



Jan 4, 2018


CHET ATKINS WITH TOMMY EMMANUEL -
The Day Finger Pickers Took Over The World
(Columbia Records CK 67915, 1997)

Chet Atkins, als Chester Burton Atkins geboren, auch bekannt als 'Mister Guitar', war ein amerikanischer Countrymusiker, Gitarrist, Schallplattenproduzent und Mitbegründer des sogenannten 'Nashville Sound'. Er wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, darunter 'Best Country Instrumental Performance', 14 Grammys und den 'Lifetime Achievement Award', sowie die Aufnahme in die 'Country Music Hall of Fame'. Atkins wuchs nach der Scheidung der Eltern gemeinsam mit den Geschwistern bei seiner Mutter auf. Seine Brüder Lowell und Jim Atkins, die selbst Gitarre spielten, überredeten ihn, sich an der Geige zu versuchen. Mit neun Jahren tauschte er eine alte Pistole gegen eine Gitarre ein und begann auf dieser zu üben. Sein Vorbild war Merle Travis, dessen rollenden Stil er zu imitieren versuchte. Anders als Travis, der für sein sogenanntes 'Travis-Picking' mit Daumen und Zeigefinger bekannt wurde, benutzte Atkins Daumen, Zeigefinger und Ringfinger für den von ihm gespielten Picking-Stil. Nach seinem Schulabschluss 1941 bekam Atkins ein Engagement als Fiddler in der Bill Carlisle Radioshow in Knoxville, Tennessee. In dieser Zeit spielte er erstmals mit dem Country Comedy-Duo Homer and Jethro zusammen. Einige Jahre später zog er nach Cincinnati und arbeitete dort für eine Radiostation. 1946 schloss er sich der Band von Red Foley an und ging mit ihm nach Nashville. Im selben Jahr nahm er bei Bullet Records, einem kleineren Label in Nashville, seine erste Single auf. Atkins wechselte noch mehrmals Stadt und Radiosender, bevor er 1947 von Steve Sholes, dem Chef der Country Abteilung von RCA Victor Records, unter Vertrag genommen wurde. Atkins war bei einigen frühen Elvis Presley-Aufnahmen im Studio verantwortlich.

Nach langen Jahren des Herumziehens liess er sich Ende der 40er Jahre in Nashville nieder. Hier wurde er schnell zu einem der gefragtesten Session-Gitarristen. Er war unter anderem auf frühen Aufnahmen der Everly Brothers, Hank Williams und Don Gibson zu hören. Von 1949 bis 1950 begleitete er Mother Maybelle and The Carter Family bei Auftritten auf Tournee, im Radio und bei der Grand Ole Opry. Aufgrund seiner hervorragenden Arbeiten bekam er von Steve Sholes mehr und mehr Verantwortung übertragen. Er bekam auch die Chance, eigene Singles und LPs einzuspielen. Diese waren zunächst von wenig Erfolg gekrönt. Seine erste Hitparaden-Platzierung erreichte er 1955 mit dem rein instrumentalen Stück "Mr. Sandman". 1957 wurde er Chef des neueröffneten RCA-Studios in Nashville. Dieses Studio wurde weltbekannt als 'Studio B' und gehört heute zur 'Country Music Hall of Fame'. Chet Atkins war damit zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Countryszene geworden.

Als der Rock'n'Roll die Countrymusik zunehmend in den Hintergrund drängte, wurde Atkins auch als Produzent tätig. Er gehörte zu den Wenigen, die sich dem Niedergang mit neuen Ideen entgegenstemmten. Gemeinsam mit Owen Bradley und anderen entwickelte er den typischen Nashville Sound, mit dem breitere Publikumsschichten erschlossen werden konnten. Der harte Countrysound wurde geglättet und durch aufwändige Arrangements fülliger gemacht. Das Konzept ging auf, die Verkaufszahlen zogen wieder an. Kritiker sahen darin einen Verlust an Originalität und Lebendigkeit der Countrymusik. In den 60er Jahren stieg Chet Atkins zum erfolgreichsten Produzenten Nashvilles auf. Er selbst spielte zahlreiche Langspielplatten mit grösstenteils instrumentaler Musik ein. Darunter waren etliche Duett-Alben mit Stars wie Hank Snow oder Jerry Reed und Merle Travis. 1965 hatte er mit "Yakety Axe" seinen grössten Hit. Er gewann insgesamt 14 Mal den Grammy als Instrumentalist des Jahres und zahlreiche weitere Auszeichnungen. George Harrison sagte einmal, dass es in Liverpool in jenen Jahren nur einen einzigen Gitarristen gab (Colin Manley von den Remo Four), der Chet Atkins Stücke nachspielen konnte.

Nach dem Tod von Steve Sholes im Jahre 1968 stieg Atkins zum Vizepräsidenten der Plattenfirma RCA Victor Records auf. Anfang der 70er Jahre tat er sich erneut mit Homer und Jethro zusammen. Unter dem Namen Nashville String Band wurden mehrere Alben veröffentlicht. 1973 wurde er in die 'Country Music Hall of Fame' aufgenommen. In diesem Jahr erkrankte er schwer und beschloss, seine Tätigkeiten bei RCA Victor Records stark einzuschränken und konzentrierte sich wieder mehr aufs Gitarrespielen. Anfang der 80er Jahre wechselte er zu Columbia Records, da RCA  Victor seinen Jazz-Ambitionen ablehnend gegenüberstand. Auch bei seiner neuen Plattenfirma nahm er gelegentlich Countryalben auf; so entstanden gemeinsam mit dem Gitarristen von Dire Straits, Mark Knopfler, 1988 die LP "C.G.P." (ein Akronym für 'Certified Guitar Player') und 1990 die LP "Neck And Neck". Roger Field, ein Freund von Chet Atkins - er wird in Atkins Buch 'Me and My Guitars' erwähnt - sprach 1991 mit Atkins und machte den Vorschlag, dass dieser Aufnahmen mit einer Sängerin machen solle; er dachte dabei an Mary Ford. Atkins stimmte zu und wählte letztlich Suzy Bogguss als Sängerin.

Von der National Academy of Recording Arts and Sciences erhielt er 1993 für sein Lebenswerk den Lifetime Achievement Award - nur insgesamt etwa zehn Countrymusikern wurde diese Ehre zuteil. Chet Atkins war über fünfzig Jahre lang als Musiker und Produzent aktiv. Als Produzent förderte er die Karrieren zahlreicher Stars. Der Begriff Nashville Sound blieb untrennbar mit seinem Namen verbunden. Sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Studioalbum, "The Day Fingerpickers Took Over The World", nahm er 1997 zusammen mit dem australischen Gitarrenvirtuosen Tommy Emmanuel auf. Emmanuel betrachtete dies als grosse Ehre, da Atkins bereits seit früher Kindheit ein grosses Vorbild für ihn war. Als er 1997 erneut stark erkrankte, zog er sich aus dem aktiven Musikgeschäft zurück. Am 30. Juni 2001 erlag Chet Atkins einem langjährigen Krebsleiden. Bis heute trifft sich die von ihm Ende der 80er Jahre initiierte 'Chet Atkins Appreciation Society' (kurz: 'CAAS'), welche hauptsächlich aus Grössen der Fingerstyle-Szene besteht, jährlich in Nashville. Der Rolling Stone listete Chet Atkins im Jahre 2011 auf Rang 21 der 100 besten Gitarristen aller Zeiten.

Nicht unbedeutend war auch Atkins' Zusammenarbeit mit zwei der grossen amerikanischen Hersteller im Gitarrenbau, Gretsch und Gibson. Gretsch nahm Atkins, der in den 50er Jahren auch das Archtop-Modell von John D'Angelico (1905–1964) für sich entdeckte, 1954 unter Vertrag, um mit ihm deren neue Western-Modelle zu promoten. Ähnlich wie zuvor Les Paul bei Gibson war Atkins nicht nur Namensgeber, sondern konnte bei der Entwicklung dieser Instrumente auch Einfluss auf bestimmte Konstruktionsdetails nehmen. Die nach ihm benannten Signature-Modelle waren 1955 die Chet Atkins Hollow Body und die Chet Atkins Solid Body. Sie wurden 1958 durch die Modelle Tennessean und Country Gentleman ergänzt. Auch wenn Atkins diesen Instrumenten stets die Aura der Countrymusik verliehen hatte, wurden sie doch allesamt klassische Rock'n'Roll Ikonen. Namen wie Eddie Cochran, Duane Eddy, Brian Setzer und George Harrison sind untrennbar mit diesen Gitarren verbunden und bescherten Gretsch über Jahre hinweg hohe Absatzquoten. Als Folge der Übernahme von Gretsch durch Baldwin wurde ab 1972 die Produktion von Brooklyn nach Boneville, Arkansas, verlegt. Bei der damit verbundenen Neuorientierung im Programm trat Atkins mit der Super Chet an. Eine etwas schlichtere Version davon hiess DeLuxe Chet sowie die Dauerbrenner Tennessean, Nashville und Country Gentleman, die in angepasstem Design die Atkins-Modellreihe vervollständigten. Die letzte Innovation, die Atkins zusammen mit Gretsch entwickelte, waren die Modelle Atkins Super Axe und Atkins Axe, die 1976 erschienen. Hierbei handelte es sich um Solidbody-Gitarren, die sich darin unterschieden, dass die Super Axe Phaser und Kompressor als batteriebetriebene Effekte eingebaut hatte, während die Axe als Standardversion auf das Effektboard verzichten musste. Nach 25 Jahren äusserst erfolgreicher Zusammenarbeit trennte sich Atkins 1979 von dem Unternehmen.

William Thomas 'Tommy' Emmanuel aus Muswellbrook, New South Wales ist ein australischer Gitarrist, Schlagzeuger, Bassist und Songwriter. Er wurde bisher zweimal für den Grammy nominiert und gilt als einer der weltbesten Vertreter des sogenannten Fingerstyle, einer speziellen Spieltechnik insbesondere für akustische Gitarre. Sein vielseitiges Repertoire lebt von sehr unterschiedlichen musikalischen Einflüssen, die von der amerikanischen Country-, Folk- und Bluesmusik über Jazz, afrikanische und lateinamerikanische Stile bis hin zu spanischen und klassischen Elementen reichen. Tommy Emmanuel entstammt einer sehr musikalischen Familie und trug bereits im Kindesalter als Gitarrist zu deren Lebensunterhalt bei. Wesentlichen Einfluss auf seine musikalische Entwicklung hatte in den frühen 60er Jahren der Musiker Chet Atkins, zu dem sich später eine enge persönliche Beziehung entwickeln sollte. Als Jugendlicher spielte Emmanuel in den Clubs von Sydney und erlangte als Instrumentalist und leidenschaftlicher Entertainer schnell einen entsprechenden Bekanntheitsgrad, der ihn im Laufe der Jahre mit vielen musikalischen Größen zusammenbrachte. Emmanuel gibt jährlich über 300 Konzerte und produziert darüber hinaus regelmässig auch Platten. Er lebt überwiegend in England und den USA, ist verheiratet und hat drei Töchter.

Tommy Emmanuel ist das vierte von sechs Kindern. Er stammt aus einer musikalisch sehr begabten und aktiven Familie und begann im Alter von vier Jahren Schlagzeug und Gitarre zu spielen. Er lernte autodidaktisch nur nach Gehör und hatte weder Unterricht noch Lernmaterialien. Da der Part des Leadgitarristen bereits mit seinem älteren Bruder Phil besetzt war und seine Mutter darüber hinaus eine Begleitung für ihre Lap Steel-Gitarre benötigte, übernahm er die Rolle des Rhythmusgitarristen in der Familien-Band. Schon mit sechs Jahren spielte er die Gitarre auf nahezu professionellem Niveau. Nach eigener Aussage erhielt seine weitere musikalische Entwicklung im Jahre 1962 durch das erstmalige Hören des Titels "Windy and Warm" von John D. Loudermilk in einer Version von Chet Atkins eine entscheidende Richtung. Kurz nach dem Tod des Vaters im Jahre 1966 entdeckte der australische Countrymusik-Star Buddy Williams Emmanuel und seine Geschwister und nahm sie mit auf Tournee. Nach einiger Zeit wurde diese zwar künstlerisch bemerkenswerte, jedoch sehr unstete Lebensweise der Familie von der australischen Kinderwohlfahrt teilweise unterbunden, um den Kindern einen normalen Schulbesuch zu ermöglichen, der durch die ständigen Tourneen und wechselnden Aufenthaltsorte so nicht möglich war und auch durch den Unterricht der Mutter nicht ersetzt werden konnte.

Während dieser Zeit spielte Emmanuel zusammen mit seinen Geschwistern Chris und Virginia an den Wochenenden in der Band The Trailblazers, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. Die Band gewann zwei fernsehübertragene Talentshows und nahm eine EP auf. Noch als Jugendlicher zog Tommy Emmanuel nach Sydney, um sich ausschliesslich seiner Laufbahn als Gitarrist zu widmen. Er spielte in diversen Clubs der Stadt und verschaffte sich dadurch erste Aufmerksamkeit. Recht schnell wurde er ein gefragter Sessionmusiker für andere, weit bekanntere Protagonisten jener Zeit. Zudem nahm er viele Werbe-Jingles auf und spielte bei Aufnahmen der Gruppe Air Supply von Tiny Tim und Roberta Flack. Kompositionen, die er als Co-Autor verfasst hatte, wurden von Musikern wie Olivia Newton-John, Al Jarreau oder Sheena Easton interpretiert. Von 1985 bis 1988 sowie 1995 spielte er bei Dragon, einer der damals populärsten neuseeländischen Bands. Im Jahr 1987 tourten Dragon zusammen mit Tina Turner auf ihrer Break Every Rule-Tour. Im Laufe der Jahre spielte er mit Kollegen wie Eric Clapton (der Emmanuel für den besten Gitarristen hält, den er jemals gesehen hat), Les Paul, John Denver, John Farnham, Doc Watson, Leo Kottke, Paco De Lucía und vielen anderen namhaften Musikern. Er gehörte zu den Wenigen, die gebeten wurden, zu Michael Jacksons posthum veröffentlichtem und bis dahin unvollständigem Album Michael ein Gitarrensolo auf dem Titel "Much Too Soon" beizusteuern.

Tommy Emmanuel's grosses Vorbild war von Kindheit an Chet Atkins. Mit ihm nahm er 1997 das Album "The Day Finger Pickers Took Over The World" auf, was Emmanuel als eine grosse Ehre empfand. Es wurde 1997 veröffentlicht und brachte ihnen eine Grammy-Nominierung ein. 1999 verlieh Chet Atkins ihm den, gewissermassen von Atkins erfundenen Titel 'Certified Guitar Player' ('C.G.P.') für seine lebenslangen Bemühungen um die Kunst der Fingerstyle-Gitarre, eine Auszeichnung, die zu jener Zeit nur zwei weitere Künstler innehatten, nämlich Jerry Reed und John Knowles. Zusammen mit seinem Bruder Phil Emmanuel, mit dem er über die Jahre hinweg immer wieder unterschiedliche Projekte verfolgt und gemeinsame Konzerte gibt, hatte Emmanuel bei der Abschluss-Gala der Olympischen Spiele 2000 in Sydney seinen bislang grössten Auftritt, der weltweit von rund 2,5 Milliarden Fernsehzuschauern verfolgt wurde, ausser von den US-Amerikanern, deren TV-Sender nach Aussage von Tommy Emmanuel exakt zu diesem Zeitpunkt eine Werbepause machte. Ab 2001 wurde Emmanuel auch in Deutschland zunehmend bekannter. 2005 spielte er zum ersten Mal in Korea, Polen und Kroatien, 2006 in Slowenien und Belgien. Bis heute tourt er durch alle Kontinente und spielt dabei regelmässig mehr als 300 Shows pro Jahr. Darüber hinaus veröffentlicht Emmanuel fast jedes Jahr ein neues Album und bringt Konzert- und Lehr-DVDs heraus. Dies führte mit der Zeit zu gesundheitlichen Problemen, Bluthochdruck und Herzbeschwerden, die jedoch nach eigener Aussage medizinisch eingestellt sind.

2011 absolvierte er die Promotion-Tour zum Album "Little by Little", wie die Studio-Produktion auch, erstmals wieder mit eigener Band. Als Solist spielt er in der Regel ohne Setlist, da er jeden Abend ein anderes Programm präsentieren und damit der jeweiligen Stimmung des Publikums gerecht werden möchte. Tommy Emmanuel selbst nennt seine Spieltechnik schlicht Fingerstyle, vergleichbar dem sogenannten Fingerpicking. Die Begriffe verweisen darauf, dass mehrere Finger (Emmanuel benutzt bei Bedarf alle fünf Finger) der Schlaghand zum Spielen der Saiten eingesetzt werden. Als Grundlage für sein Spiel bezeichnet er dabei die vollkommene Unabhängigkeit des Daumens von den anderen vier Fingern. Dazu verwendet er häufig Thumbpicks (Daumenplektren), um den mit dem Daumen gespielten Basstönen mehr Druck und einen akzentuierteren Klang zu verleihen. Er spielt zudem mit Plektren (Flatpicks), die er auch mit dem Fingerpicking der rechten Hand kombiniert. Diese Technik wird als Hybridpicking oder Chickenpicking bezeichnet und ist vor allem in der Countrymusik verbreitet. Besonders bei ruhigen Stücken verzichtet Emmanuel nicht selten ganz auf Plektren und spielt nur mit den Fingern, um den Ton weicher und voller klingen zu lassen.

Häufig ist das Spiel Emmanuels sehr rhythmisch und synkopiert, was den Titeln einen ausgeprägten Groove verleiht. Sein Gitarrenspiel profitiert von seinem präzisen Timing als Schlagzeug, das er auch bei sehr schnellen und komplizierten Taktfolgen im Stande ist beizubehalten und welches durch ein ständiges Taktschlagen seines meist linken Fusses unterstützt wird. Emmanuel ist in der Lage, innerhalb eines Titels bis zu drei unterschiedliche Instrumentalparts gleichzeitig zu spielen. Dabei nutzt er in der Regel den Daumen seiner rechten Schlaghand für einen Basslauf, Zeige- und Mittelfinger für die Sequenz einer Rhythmusgitarre, sowie den Ringfinger und hin und wieder kleinen Finger für den Melodiepart. Gleichzeitig greifen die Finger der linken Hand die entsprechenden Töne und Akkorde. Diese ebenso verblüffende wie komplizierte Spieltechnik erweckt beim Zuhörer oft den Eindruck, das Lied werde von mehreren Gitarristen gespielt. Ähnlich beeindruckend ist Emmanuels gleichzeitiges Spielen zweier unterschiedlicher Titel. Vorzugsweise spielt Emmanuel auf Westerngitarren des australischen Herstellers Maton und nutzt Verstärker des in Recklinghausen ansässigen Herstellers Audio Electric Research GmbH. Zudem setzt er für besondere Sound-Effekte bei Live-Auftritten ein Hall- und Echogerät ein. Er verwendet 0.12er (light) und 0.13er (medium) Saiten, wechselt jedoch ständig den Hersteller, um einen abwechslungsreicheren Sound zu produzieren. Seinen Instrumenten ist oft anzusehen, dass sie als Arbeitsgeräte dienen. Unter Verwendung verschiedener Hilfsmittel wie Plektren oder Besen kratzt, trommelt und klopft er häufig auf den Gitarren oder dem Gesangsmikrophon, um klangliche Vielfalt und Atmosphäre durch perkussive Elemente zu erzeugen. Auch ist Emmanuels 'Schlagzeug-Solo' auf der Gitarre zwischenzeitlich fester Bestandteil seiner Auftritte.

Die leidenschaftliche Bühnenpräsenz und energetische Performance Emmanuels ist allgemein bekannt. Er gilt zudem als humorvoller und charismatischer, gleichwohl bescheidener Entertainer und pflegt eine herzliche, direkte und offene Kommunikation mit seinem Publikum. Er ist bekannt dafür, dass er sein Wissen und seine Fähigkeiten gerne weitergibt und Anderen vermittelt. Nicht selten baut er deshalb für seine Zuhörer kleinere Gitarrenstunden in seine Konzerte ein oder besucht zu diesem Zweck neben seinem Tour-Alltag Musikschulen und ähnliche Einrichtungen. Auch holt er immer wieder interessierte Gäste aus dem Publikum zu sich auf die Bühne, um mit ihnen gemeinsam das ein oder andere Lied zu intonieren. Neben seinen regelmäßigen öffentlichen Aktivitäten in Sachen Gitarrenunterricht engagiert sich Emmanuel in Australien für das Projekt Kids Under Cover, eine Wohltätigkeits-Organisation, die sozial schwachen und Risiko behafteten Jugendlichen ein Zuhause gibt und eine Schulausbildung ermöglicht. Emmanuels Motivation jährlich über 300 Konzerte zu geben und sich auch anderweitig zu engagieren geht über die reine Möglichkeit zum Broterwerb deutlich hinaus. In vielen seiner Interviews und Äusserungen bringt er ein hohes Mass an Empathie und Mitgefühl gegenüber sozial schwachen und benachteiligten Menschen zum Ausdruck. Er sieht seine Bühnenpräsenz und positive Ausstrahlung als einen von ihm persönlich leistbaren Beitrag, optimistische Gefühle und Stimmungen bei seinen Zuhörern zu erzeugen und ihnen ein Beispiel für eine positive Grundhaltung zu sein. Emmanuel plant deshalb ganz konkret, seine Aktivitäten in dieser Richtung durch noch mehr jährliche Konzerte weiter zu verstärken.






Jan 3, 2018


RIVERSIDE - Eye Of The Soundscape (Inside Out Music IOMLP 465, 2016)

Die polnische Progressive Rock Institution Riverside feierte mit ihrem im September 2015 veröffentlichten Album "Love, Fear And The Time Machine" große Erfolge und stürmten die Hitparade in ihrer Heimat bis zur Spitzenposition, und auch in Holland gelang der Band mit diesem Werk ein Top 5 Hit. In Deutschland erreichte das Werk die Top 20 und in vielen weiteren Ländern wie der Schweiz, in Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, England und den USA konnten Riverside damit grossen Erfolg feiern. Zudem hatten die beiden Vorgängerwerke von Riverside in Polen bereits Goldauszeichnungen erlangt und die Band galt inzwischen weltweit als feste Grösse im Progressive Rock. Doch all diese Triumphe ihrer im Jahre 2001 gestarteten Karriere verblassten jäh, als Anfang 2016 der Gitarrist und Gründer Piotr Grudzinski verstarb. Wie sollte es danach weitergehen, das wurde zur zentralen Frage, denn der typische Sound von Riverside wurde von dem Gitarristen massgeblich mitgeprägt. Die Band reagierte im März 2016, einen Monat nach seinem Tod und gab bekannt, an ihren noch zu Piotrs Lebzeiten getroffenen Veröffentlichungsplänen festzuhalten. So erschien schliesslich am 21. Oktober 2016 mit "Eye Of The Soundscape" ein opulentes, instrumentales Album, das einerseits bisherige Bonustracks von älteren Alben sowie vier neue Stücke umfasste. Aufgrund einer Spielzeit von über 100 Minuten, erschien "Eye Of The Soundscape" als Doppel-CD sowie als Dreifach-LP.

Dieses Album geriet musikalisch ganz anders als ihre Vorgänger, das konnte man auch sofort hören. Nach dem überraschenden Tod von Gitarrist Piotr Grudzinski, der an Herzversagen starb, hätte auch das Ende der Band Riverside besiegelt sein können. Nach einer Bedenkphase entschloss sich Mastermind Mariusz Duda jedoch, das Werk Riverside weiterzuführen. Allerdings, so hatte es der Sänger im Kopf, vielleicht nicht mehr in der gleichen Art und Weise, wie dies auf den letzten fünf regulären Studioalben zu hören gewesen war. Mariusz Duda sagte hierzu selbst, dass er irgendwie das Gefühl hatte, dass das sechste Riverside Album das letzte Kapitel einer Geschichte sein könnte. Dass die folgenden Veröffentlichungen anders klingen würden, einen anderen Charakter erhalten würden. Und diese Umschreibung traf bei "Eye Of The Soundscape" denn auch genau ins Schwarze, denn vom progressiven und düster-metallischen Ton der Gruppe war hier kaum mehr etwas zu hören. Was den Hörer indes erwartete, war fast ausschliesslich elektronische Musik, perfekter Ambient Sound in farbenfrohem Gewand. Es war immer schwierig, komplett ohne Gesang gehaltene Alben zu veröffentlichen, da diese häufig langweilig zu werden drohen, aber bei "Eye Of The Soundcape" liess einen die Stimmung nicht in den Schlaf driften, sondern nahm den Hörer seltsam gefangen. Über fast zehn Jahre hatte die Band an den hier zu hörenden Stücken gesammelt, gewerkelt, gefeilt. Teils handelte es sich um Bonus-Tracks älterer Platten, aber auch um vier neue Stücke, die zusammen mit der nur in Polen veröffentlichten Single "Rainbow Trip" auf über hundert Minuten experimenteller, höchst - aber nicht nur - elektronischer Musik kamen.

Gerade Musik-Begeisterte, die bisher mit der Musik von Riverside nichts anfangen konnten, sollten sich dieses Doppelalbum unbedingt zu Gemüte führen. Mit den eher traurigen Solosachen von Mariusz Duda alias Lunatic Soul hatte das hier Präsentierte ebenfalls nichts zu tun. Ich persönlich hätte nicht gedacht, dass mich Musik mit dem Label 'Ambient' einmal so nachhaltig begeistern könnte, denn zu oft sind solche Projekte, wenn sie denn mal nicht von Brian Eno oder anderen - sehr oft deutschen - klassischen Vertretern, respektive Pionieren dieses musikalischen Gebiets stammen, eher schnell einmal langweilig oder driften in esoterische Belanglosigkeiten ab. Ich wurde im Falle dieses Riverside-Werks indes eines besseren belehrt. Gerade im Hinblick darauf, dass es nicht sicher zu sein schien, in welche musikalische Richtung die Band in der Zukunft würde gehen wollen, kam ein Werk wie "Eye Of The Soundscape" als zumindest eine unglaublich hörenswerte Zwischennote daher, die ebenso faszinierend wie ungewöhnlich wirkte.

Das sechste Riverside-Album präsentierte sich wie das letzte Kapitel einer Story. Zukünftige Alben könnten durchaus anders klingen, einen anderen Charakter haben. Inoffiziell nannte Mariusz Duda die letzten drei Riverside Alben "The Crowd Trilogy". Bevor die Band mit einem neuen Kapitel (und vielleicht einer neuen Trilogie) beginnen wollte, hatte er die Idee, eine Art Begleit-Album zu machen. Ein 'Zwischen-Album'. Ein Album, das Riverside immer aufnehmen wollten. Über Jahre hatten die Musiker eine Menge Material angesammelt, von welchem einiges auf Bonus-CDs veröffentlicht wurde. Duda wusste, dass viele Riverside Hörer diese Stücke noch nicht gehört hatten und daher auch vielleicht nicht wussten, dass Riverside von Anfang an mit Ambient und progressiver Elektro-Musik experimentiert hatten. Und das war immer Teil der musikalischen Riverside-DNA. Also hatte er dem Rest der Band diese Idee vorgeschlagen und die Entscheidung war einstimmig: Riverside entschieden, eine Zusammenfassung all ihrer Instrumental-Stücke und Ambient-Songs zu machen und diese auf einem separaten Werk zu veröffentlichen. Einige dieser Songs würden neu abgemischt werden, damit sie besser klingen, und natürlich würden Riverside auch einige ganz neue Kompositionen präsentieren.

Und genau das war "EyeOf The Soundscape" denn am Ende auch geworden. Das Werk enthielt die fünf "Day Sessions" Songs, die Riverside auf der "Love, Fear And The Time Machine" Bonus-CD erstmals präsentiert hatten ("Heavenland", "Return", "Aether", "Machines" und "Promise"). Dazu kamen beide "Night Sessions"-Tracks von der Bonus-CD von "Shrine Of New Generation Slaves", ein neuer Remix des Songs "Rapid Eye Movement", der auf der Bonus-CD zum gleichnamigen Album und auf der "Schizophrenic Prayer" EP enthalten war. Im weiteren legten Riverside einen neuen Remix des Songs "Rainbow Trip" vor, der ebenfalls auf der "Schizophrenic Prayer" EP enthalten war und zur Vervollständigung dieses Werks auch vier brandneue Songs: "Where The River Flows", "Shine", "Sleepwalkers" und "Eye Of The Soundscape". Bei allen Songs handelte es sich also, wie zuvor schon erwähnt, um instrumentale Stücke, ausser einigen sogenannten Singsang- und Summ-Passagen von Mariusz Duda war also kein Gesang vorhanden. Gerade das stellte ein Novum in der Veröffentlichungs-Historie der Band dar. Die Tatsache, dass es sich bei "Eye Of The Soundscape" um ein rein instrumentales Album handelt, führte natürlich dazu, dass sich der sogenannte 'Ambient'-Charakter des Werks noch viel stärker und damit konsequenter hör- und fühlbar machte.

"Eye Of The Soundscape" war selbstverständlich dem Riverside-Gitarristen Piotr Grudzinski gewidmet, der am 21. Februar 2016 im Alter von 40 Jahren durch plötzlichen Herzstillstand verstorben war. Zudem war Mariusz Duda's Vater im Mai 2016 ebenfalls verstorben. Monatelang war nicht sicher, wie es um die Zukunft der Band Riverside bestellt zu sein schien. Doch glücklicherweise hatte Mariusz Duda letztlich verlauten lassen, dass die Band Mitte November 2016 ihre Biographie unter dem Titel 'High Resolution Dream' vorerst nur in polnischer Sprache veröffentlichen würde und die Gruppe ab Ende Februar 2017 auch wieder auf Tournee gehen würde. Im Frühjahr 2017 wurde dann das fünfte Lunatic Soul-Album veröffentlicht, welches laut Duda das emotionalste der Alben werden sollte. "Eye Of The Soundscape" trug den Zuhörer in abwechslungsreiche, atmosphärische und filigrane Klangwelten und überraschte sowohl die langjährigen Fans der Gruppe, wie auch die Musikkritiker rund um den Globus.





Jan 2, 2018


JOHN ZORN - The Big Gundown (Nonesuch Records 979 139-1, 1986)

Der am 2. September 1953 in New York City geborene John Zorn ist ein amerikanischer Komponist und Bandleader. Er spielt Saxophon und Klarinette. John Zorn arbeitet ausserdem als Musikproduzent, ist Inhaber des Plattenlabels Tzadik und des Veranstaltungslokals Stone Music Lab in Manhattan und hat mit vielen experimentellen Musikern, insbesondere im Bereich Neue Musik und im Jazz, zusammengearbeitet. Zorn spielte als Kind Klavier, Gitarre und Flöte. Während seines Studiums am Webster College erlernte er, beeinflusst durch Anthony Braxton und seinen dortigen Lehrer Oliver Lake, das Saxophonspiel. Anfänglich eher an Neuer Musik interessiert, wandte er sich in den 70er Jahren dem Jazz zu. Er brach die formale Ausbildung ab und kehrte auf dem Umweg über die Westküste nach New York zurück, um sich im Umfeld der Musikszene der Lower East Side auf musikalische Projekte zu konzentrieren. Er verdiente sich während dieser Zeit seinen Lebensunterhalt unter anderem mit Arbeit in einem Schallplattenladen.

Zu seinen frühen Einflüssen gehört, neben Braxton, Eugene Chadbourne und Ornette Coleman, auch Karlheinz Stockhausen. Zorns Musik ist charakterisiert durch die Verarbeitung zahlreicher musikalischer Stile aus verschiedensten Quellen, wie etwa Filmmusik zu Zeichentrickfilmen, Free Jazz, Hardcore oder jüdische Folklore. Zorn kombiniert dabei oft kurze musikalische Sequenzen in collagenartiger Form, teilweise in rasanter Abfolge. 1975 gründete er sein Theatre of Musical Optics und begann zunächst die Zusammenarbeit mit Chadbourne, Tom Cora, Wayne Horvitz, Polly Bradfield und LaDonna Smith. Internationale Anerkennung erreichte er in den 80er Jahren. Während des nächsten Jahrzehnts arbeitete er sowohl in New York als auch in Tokio, wo er viele Werke schrieb und aufführte. 1998 produzierte er das Album "1930" des japanischen Noise-Künstlers Merzbow.

Zorn bekennt sich explizit zu seiner jüdischen Herkunft und verarbeitet in einigen seiner Projekte traditionell jüdische Elemente. Er gründete das Plattenlabel Tzadik. Dabei formulierte er eine neue sogenannte Radical Jewish Culture und verabschiedete ein Manifest über das radikale Judentum seiner Musik, in dem er unter anderem erklärte: "Der Jude ist immer Ursprung einer doppelten Infragestellung gewesen: der Infragestellung des Selbst und der Infragestellung des Anderen. Da ihm nie die Möglichkeit gewährt wird, aufzuhören, jüdisch zu sein, ist er gezwungen, die Frage seiner Identität zu formulieren. Daher ist er von Anbeginn mit dem Diskurs des Anderen konfrontiert, und oft hängt sein Leben davon ab. Mir wurde klar, dass ein Jude jemand ist, der naiv glaubt, dass er, wenn er selbstlos zu seiner Gastkultur beiträgt, akzeptiert werden wird. Aber wir sind die Aussenseiter der Welt. Das ist es, was mich am Stamm anzog: die Kultur des Aussenseitertums".

"The Big Gundown" wurde von September 1984 bis September 1985 von Don Hünerburg für Nonesuch Records aufgenommen, zusammengestellt und 1986 veröffentlicht. Das Album war schon im Titel eine Hommage an den italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone. Es enthielt auf eine radikale Weise verarbeitete Coverversionen von Filmmusiken des Komponisten zu Filmen von Claude Lelouch, Gillo Pontecorvo, Bernardo Bertolucci, Elio Petri und besonders Sergio Leone. Ursprünglich vorgesehener Titel war daher auch "Once Upon A Time In The Lower East Side", als Anspielung auf Leones Klassiker 'Es war einmal in Amerika'. Der letztendlich gewählte Titel des Albums bezog sich auf einen Spaghetti-Western aus dem Jahr 1966, 'The Big Gundown', von Sergio Sollima, mit Lee Van Cleef in der Hauptrolle, zu dem Morricone damals die Musik schrieb. Richard Cook und Brian Morton sahen John Zorn in der Rolle eines künstlerischen Puppenspielers und verglichen ihn mit der Rolle George Martins bei den Aufnahmen der Beatles sowie des frühen Frank Zappa. Sie hielten das Album für in jeder Hinsicht bemerkenswert und zählten es zu den wichtigsten Alben der 80er Jahre. Sie bewerteten das Werk mit der höchsten Punktzahl, zusätzlich aufgewertet durch eine Krone. Guy Peters wertete das Album als Genre-sprengend und eines der risikoreichsten der 80er Jahre. Das Album könne als einer der erfolgreichsten Befürworter des vorherrschenden dekonstruktivistischen Ansatzes in der Literatur und der Musik gewertet werden. John Zorn ging beständig auf der schmalen Grenze zwischen Bewunderung und Nachahmung, was auch eine Konsequenz aus der Ausdrucksstärke des Werkes von Morricone selbst war.

John Zorn wählte bewusst neben Musikern seines regulären Umfeldes aus der New Yorker Jazzfusion- und Artrockavantgarde wie Bill Frisell, Arto Lindsay, Fred Frith und Wayne Horvitz zusätzlich eher dem Jazz-Mainstream oder anderen Genres zuzuordnende Musiker wie den Mundharmonikaspieler Toots Thielemans für den Titel "Poverty" (aus 'One Upon A Time In America'), den Organisten John Patton für seine Interpretation von "Erotico" aus dem Film 'The Burglars' sowie die Sängerin Diamanda Galás und den Gitarristen Vernon Reid für "Metamorfosi" aus, ein Thema aus Elio Petris Film 'Die Arbeiterklasse geht ins Paradies' ('La classe operaia va in paradiso'). "The Big Gundown" legte die Grundlage für nachfolgende Konzeptalben Zorns wie "Spillane" 1987 und "Spy Vs Spy" 1988.

Zorn komponierte weitere Film-Soundtracks und arbeitete für Orchester und Ensembles wie zum Beispiel das Kronos Quartet. Auf seinen Musiklabels Tzadik und Avant hat er eine grosse Fülle von Alben eingespielt und produziert. Sehr viele Werke, die unter Zorns Namen veröffentlicht werden, wurden von ihm lediglich komponiert. So schrieb er mindestens vier verschiedene Songbooks: das Mitte der 90er Jahre entstandene erste "Masada"-Songbook (205 Titel), "Book Of Angels" (2004; 316 Titel), "Book Beriah" (2009) und "The Bagatelles" (2015; 300 Titel). Sie werden nach und nach von verschiedensten Musikern vertont, sowohl von Angehörigen der New Yorker Downtown-Szene als auch von Anderen, wie etwa Pat Metheny. Insbesondere das frühe Schaffen von Zorn zeichneten sich durch Maximalismus aus, in expliziter Opposition zum damals in der Konzertmusik vorherrschenden Minimalismus. Zorns Kompositionen aus dieser Zeit bestanden oft aus kurzen, sprunghaft wechselnden Versatzstücken, die auf unterschiedliche Musiktraditionen (einschliesslich Popmusik und von Animationsfilm-Musik inspirierte Elemente) zurückgriffen. Auch kam in seiner Musik bis in die 90er Jahre hinein Melodie als Strukturelement kaum vor, dies änderte sich vor allem durch das Masada-Quartett, mit dem er auch erstmals Jazz spielte.

In der aktuellen Ausgabe des 'Jazzbuch' wird John Zorn als der herausragende und einflussreichste Jazzmusiker der Gegenwart bezeichnet. Diese Einschätzung ist aber sehr umstritten, weil Zorns Musik sich nicht in erster Linie aus der afro-amerikanischen Musiktradition herleitet. Vielmehr stellt diese nur einen Einfluss unter vielen dar. Zorn lehnt die Bezeichnung Jazzmusiker für sich selbst rigoros ab. Eine sehr grosse Rolle in Zorns Schaffen spielt die Verknüpfung von Musik mit visueller Kunst, einschliesslich der Album-Cover, die oft zu Kontroversen führten. Bei der Erstellung der Cover für seine Tzadik-Veröffentlichungen arbeitete Zorn mit der Designerin Chippy (Heung Heung Chin) zusammen.




Jan 1, 2018


HOWLIN' WOLF - The London Howlin' Wolf Sessions 
(Chess Records CH-60008, 1971)

Die Idee war so bestechend wie fulminant: Das renommierte Blues Label Chess Records schickte Chester Arthur Bennett, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Howlin' Wolf, im Mai 1970 nach London, um mit einigen der hervorragendsten Rockmusikern ein Album aufzunehmen. Die daraus resultierenden Sessions bedeuteten letztlich einen absolut gelungenen Schulterschluss zwischen der alten und einer neuen Generation einiger hervorragender vom Blues der alten Schule inspirierter Musiker, was diese Platte zu einem wichtigen Zeitdokument machte. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Chess Records damit einem vorherrschenden Trend Rechnung trug, der seit geraumer Zeit in Europa die Musikszene mitbestimmte: dem sogenannten 'British Blues Boom', der so exzellente Bands wie Fleetwood Mac, Savoy Brown, Ten Years After oder Chicken Shack hervorgebracht hatte.

Mit von der Partie bei diesen in London aufgezeichneten Studiosessions waren die Gitarristen Eric Clapton und Hubert Sumlin, die Pianisten/Keyboarder Steve Winwood, Ian Stewart, Lafayette Leake und John Simon sowie die Rhythmusgruppe der Rolling Stones: Bill Wyman am Bass und Charlie Watts am Schlagzeug, die sich alle in der ersten Woche im Mai 1970 im renommierten Olympic Studio einfanden. Bei den Einspielungen der Titel ging Howlin' Wolf keine Kompromisse ein, es wurden ausschliesslich Stücke aus seiner Feder und derjenigen von Willie Dixon und James Oden, sowie die bekannte Nummer "Highway 49" von Joe Williams aufgenommen. Alles Material also, das Howlin' Wolf im Laufe seiner Karriere bereits einmal veröffentlicht hatte. Dies wiederum gestaltete die Sessions wesentlich einfacher als geplant, da sämtliche involvierten Musiker die Stücke längst kannten, auch, weil sie sie zum Teil selber schon oft gespielt oder gar aufgenommen hatten.

Diesem Umstand war es wahrscheinlich zu verdanken, dass diese Platte bei aller Versiertheit der beteiligten Protagonisten, unheimlich locker klang, dabei stets kompetent wirkte und sehr viel Blues-Authentizität herüberzubringen vermochte, gerade so, als wäre hier ein Genre-Klassiker gerade erst entstanden. Glanzpunkte setzten immer wieder Eric Clapton und Steve Winwood, aber auch ein zum damaligen Zeitpunkt blutjunger Mundharmonika-Spieler mit Namen Jeffrey M. Carp, über den man so gut wie nichts im Vorfeld der Aufnahmen wusste, ausser, dass er von Hubert Sumlin wärmstens empfohlen wurde. Sumlin hatte ihn in Chicago spielen sehen und ihm einen Vertrag mit Capitol Records für seine Band The 43rd Street Snipers ermöglicht. Carp hätte laut Sumlin einer der grössten Mundharmonika Spieler der Welt werden können, wäre er nicht kurz nach den Aufnahmen zu diesem Howlin' Wolf Album unter nie ganz geklärten Umständen im Alter von erst 19 Jahren bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen.

Musikalisch bewegte sich Howlin' Wolf mit seinen Gaststars zurück zu seinen Wurzeln. Seine in den Jahren zuvor veröffentlichten Werke "The Howlin’ Wolf Album" und "Message To The Young" waren eine Kreuzung von Bluesmusik mit psychedelischem Rock gewesen, die nicht nur wenig Resonanz in den Charts fand, sondern auch künstlerisch nicht alle Kritiker und Fans überzeugen konnte. Mit den London Sessions ging der Bluesmusiker deshalb zurück zu den Klangfarben des klassischen Chicago Blues. Die Idee, Howlin’ Wolf auf einem Album mit zeitgenössischen Bluesrockern zusammenzubringen, ging auf den Chess-Produzenten Norman Dayron zurück, der nach einem Auftritt der Paul Butterfield Blues Band, Electric Flag und Cream mit den beiden Top-Musikern Mike Bloomfield und Eric Clapton hinter der Bühne Scherze machte und letzterem dabei offerierte, ein Album mit Howlin’ Wolf aufzunehmen. Als Eric Clapton bewusst wurde, dass das Angebot absolut ernst gemeint war, nahm er sofort an.



Es war dann letztendlich auch Eric Clapton, der die Teilnahme der Rolling Stones Musiker Ian Stewart, Bill Wyman und Charlie Watts arrangierte, während sich der Chess Label-Verantworliche Norman Dayron um weitere Sessionmusiker kümmerte. Interessant war dabei, dass Label-Chef Marshall Chess sich zunächst dagegen gewehrt haben soll, den langjährigen Howlin' Wolf-Gitarristen Hubert Sumlin extra für Session-Aufnahmen nach England einfliegen zu lassen, doch Clapton bestand darauf, dass Sumlin an den Sessions teilnahm. Die eigentlichen Aufnahmen zum späteren Album fanden schliesslich vom 2. bis 7. Mai 1970 statt. Nicht alle Musiker waren an allen Tagen verfügbar, weshalb es immer wieder dazu kam, dass andere Musiker einsprangen, wie etwa Ringo Starr oder Klaus Voormann.

Howlin' Wolf selbst war zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen ebenfalls nicht bei bester Gesundheit, da er seit längerem Probleme mit seinem Herzen und der Leber hatte, weshalb er den Rat zweier Ärzte einholte, die ihn seit einiger Zeit behandelten. Diese meinten, er wäre gesünder, wenn er arbeitete als wenn er nicht musizieren würde, rüsteten ihn darum mit einem Arsenal an Pillendosen aus und gaben grünes Licht für die Reise. Die glasklare Produktion von Glyn Johns machte diese Aufnahmen zu einem Juwel auf Vinyl, das zu keiner Zeit irgendwie konstruiert oder gar durcharrangiert wirkte, sondern lebendig und greifbar klang, als würde hier eine Band direkt und livehaftig vor dem Zuhörer spielen. Dieser Live-Mix war denn auch bewusst so gewollt, da auch viel Live Equipment im Tonstudio zum Einsatz kam, das zwar manchmal etwas arg rauschte oder brummte, den Sound dadurch insgesamt aber lebendiger und fühlbarer machte. Howlin' Wolf brachte damit ein bisschen den verrauchten Blues Club ins heimische Wohnzimmer. Man munkelte, dass zu der Produktion der LP auch Rolling Stones Sänger Mick Jagger mit seiner Mundharmonika einzelne Passagen beisteuerte, dies ist jedoch im Reich der Legenden angesiedelt und konnte nie eindeutig geklärt werden, obwohl offizielle Fotos Jagger und Howlin' Wolf im Studio zeigten.

Howlin' Wolf's London Sessions waren ein kommerzieller Erfolg, weshalb sich im Dezember 1971 auch Muddy Waters, im Folgejahr Chuck Berry und 1973 auch Rock'n'Roll Legende Jerry Lee Lewis nach London aufmachten, um ähnliche "Session"-Alben einzuspielen, allerdings mit weniger zählbarem Erfolg. Howlin' Wolf's letztes Album "The Back Door Wolf" entstand im Jahre 1973. Seinen letzten Auftritt hatte der Bluesmusiker im November 1975 im Chicago Amphitheater, zusammen mit B.B. King, Albert King, O.V. Wright und Luther Allison. Auf dem sehr intensiven Konzert kroch er während des Stücks "Crawling King Snake" über die Bühne, am Ende erhielt er über fünf Minuten stehende Ovationen. Hinter der Bühne wartete ein mehrköpfiges Ärzteteam, um ihn nach dem Auftritt zu versorgen. Zwei Monate später verstarb er bei einer Herzoperation in Chicago. Howlin' Wolf liegt neben seiner Frau Lillie auf dem Oak Ridge Cemetery, Hillside, Cook County (Illinois), begraben. Jedes Jahr findet in West Point, Mississippi, zur Erinnerung an ihn das 'Howlin’ Wolf Memorial Blues Festival' statt.