Sprechen Musikfans über progressive Rockmusik aus den frühen 70er Jahren, so machen zumeist die Namen Genesis, Yes, King Crimson, Jethro Tull oder Pink Floyd die Runde. Fast alle dieser heute noch weltbekannten Bands veröffentlichten ihre ersten Alben im oder ums Jahr 1971. Eine weitere Band, die nie auch nur annähernd an den Erfolg der eben erwähnten herankam, waren Krokodil. Sie gehören für viele Kenner des Genres zu den wichtigen Namen des frühen Progressive Rock. Krokodil war indes nicht etwa eine englische oder amerikanische Truppe, sondern stammte aus der Schweiz. Eine Progressive Rock Band aus Zürich. Ihre Wurzeln hatten Krokodil im Blues, Folk und Rock'n'Roll, sprangen dann während der aufkommenden Progressive Rock-Welle schnell auf den Zug auf. Ihr drittes Album "An Invisible World Revealed" erschien dann ebenfalls 1971 und überzeugte mit gekonntem Songwriting und den für das Genre typischen abgefahrenen Arrangements. Auch wenn Krokodil der internationalen Szene nie das Wasser reichen konnten, wurde das Werk "An Invisible World Revealed" letztlich doch zu einem der wichtigsten Schweizer Klassiker der Rockmusik. Es war im Januar 1969, als einige schon recht bekannte Musiker in Zürich die 'Supergroup' Krokodil gründeten. Bei den Gründungsmusikern der Band handelte es sich um Hardy Hepp, Düde Dürst undMojo Weideli, und ihre Vorstrellung war, auch der braven Schweiz endlich einen international ausgerichteten Sound im Stile ihrer musikalischen Helden zu präsentieren. Innerhalb relativ kurzer Zeit wurden sie ziemlich populär und konnten nicht nur in der Schweiz, sondern in vielen anderen Ländern, gerade auch in Deutschland, eine Menge Lorbeeeren ernten. Als Vorgruppe von Bands wie etwa Pink Floyd, Uriah Heep, Free, East Of Eden oder im Verbund mit Krautrock-Grössen wie Amon Düül, Can und Guru Guru stellten sie ihr Können auch auf den Bühnen eindrücklich unter Beweis. 1971 erschien ihr drittes und erfolgreichstes Album "An Invisible World Revealed" ('Eine unsichtbare Welt offenbart'), auf dem sie verschiedene Stilrichtungen von Blues über Hardrock, Progressive Rock und Folkrock zu einem teilweise überzeugenden und ab und zu auch mal eher verwirrenden Schmelztiegel verbanden. Dass sie beim Spielen zumeist bekifft waren und auch anderen, psychedelischen Drogen wie LSD nicht völlig abgeneigt waren, war kein Geheimnis und dürfte so manchem Song einen entsprechenden Stempel aufgedrückt haben. Der relativ sanfte Opener "Lady Of Attraction" überzeugte gleich zu Beginn mit einer musikalischen Mixtur aus den Moody Blues in deren Blütezeit Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre und einem verfremdet aufgenommenen Gesang, den fünf Jahre später die englische Progressive Rock Band Camel für deren wunderbaren Song "Spirit Of The Water" auf dem Album "Moonmadness" adaptieren sollte. Dazu muss man vielleicht wissen, dass die erste Veröffentlichung von Krokodil 1969 eine mit einem Kamel bebilderte Schallfolie mit ihrem Song "Camel Is Top" darstellte, mit der eine bestimmte Zigarettenmarke beworben wurde, und die zum Beispiel in Diskotheken kostenlos verteilt wurde. Das Cover des zweiten Camel-Albums "Mirage" ähnelte dem Bild auf jener Krokodil Flexi-Disc in auffälliger Weise. Auch der akustische Feinstaub des nächsten Songs, des kurzen "With Little Miss Trimmings" mit seinem Crosby, Stills & Nash-Harmoniegesang täuschte über das hinweg, was den Hörer später noch erwarten sollte. So schreckten die beiden Longtracks "Odyssey In Om" mit seinen knapp 15 1/2 Minuten Lauflänge und das über 14 minütige "Looking At Time" mit ihren ständigen, unerwarteten musikalischen Wendungen vor nichts mehr zurück: Der Gitarrist Walty Anselmo eröffnete zum Beispiel "Odyssey In Om" mit einem sich über vier Minuten erstreckenden Sitarsolo, lediglich untermalt von Düde Dürst's Congas, bevor das Stück in wunderbar schwebende Synthesizer- und Flötenklänge überging, was eine stilistische Nähe zu den damals ebenfalls noch jungen Tangerine Dream durchaus erkennen liess. Dann bediente Mojo Weideli die Mundharmonika, die dem weiteren Verlauf durchaus etwas vom frühen Art Rock der späteren Supertramp vermittelte, Walti Anselmo präsentierte später mit seiner Gitarre schon beinahe Hardrock ähnliches Riffen, ehe nach gut neun Minuten ein spaciges Artrock-Intermezzo folgte, das man später wiederum von Klaatu kannte. Nach gut zehn Minuten rockten dann wieder die Gitarre und die Mundharmonika, bevor erneut das Artrock-Intermezzo einsetzte. Dies im weiteren Verlauf als ständiges repetitives Spiel. Insbesondere der Einsatz der Mundharmonika wirkte als etwas sehr Verführerisches auf dieser enorm experimentierfreudigen Platte, denn stilistisch war es kein wirklich auf eine Mundharmonika zugeschnittenes Programm. Gerade dadurch aber erhielt dieses eher dem Blues zugeordnete Instrument jedoch einen wichtigen Stellenwert, und sie konnte die Musik enorm aufwerten und vor allem richtiggehend 'erden'. Wer also dem Einsatz einer bluesigen Mundharmonika zugeneigt ist, dem dürfte dieses Album ganz viel Freude bereiten. Mojo Weideli, 'the man with the harmonica', bekam hier nämlich wirklich viel Fläche. Und wen die zumeist nicht sonderlich beeindruckenden Gesangsleistungen der drei Solovokalisten nicht störten, hatte dann endgültig freie Bahn. Schlagzeuger Düde Dürst äusserte sich in einem Interview von 2014 dazu wie folgt: "Der Hardy war gut, und die beiden anderen waren speziell". Das klingt recht diplomatisch ausgedrückt, trifft es aber tatsächlich ausgezeichnet, denn wo eine Stimme prägnant in Erscheinung trat, wirkten die anderen beiden aufgrund ihrer Eigenheiten nicht etwa nur als gesangliches Beiwerk, sondern werteten den Gesamtsound ebenfalls entscheidend auf. Man muss im Falle dieser Krokodil-Platte unbedingt als Tipp die remasterte CD-Version von 2009 empfehlen: Auf dieser fabelhaft restaurierten Ausgabe, erschienen auf dem deutschen Second Battle Label, finden sich mit der als "Krokodil-Session Pt. 1 & Pt. 2" betitelten Studiosession zwei rein instrumental gehaltene Jams von zusammen 23 Minuten Länge, bei denen man kaum glauben mag, dass es sich hier tatsächlich um dieselbe Band handelt. Mit einer atemberaubenden Eleganz tänzelten die versierten Musiker hier nämlich durch eine atmosphärisch dichte Mixtur aus lockerem Westcoast-Rock mit leichten Jazz- und Progressiv-Einflüssen, die in angenehmster Weise an den Allman Brothers Band-Klassiker "In Memory Of Elizabeth Reed" erinnert, und zwar vor allem an die Live-Version von deren Album "Wipe The Window, Check The Oil, Dollar Gas". Die Gruppe Krokodil löste sich bereits Ende 1974 auf und fand danach tatsächlich nie wieder zusammen, obwohl sie inzwischen längst zur Legende geworden waren und bei Reunion-Shows sicherlich Tausende von Fans hätten versammeln können. Doch es sollte nicht sein.
Jun 20, 2017
CONCRETE BLONDE - Bloodletting (I.R.S. Records EIRSA1028, 1990)
Ich bin fest davon überzeugt, dass es Platten gibt, die einem irgendwann im Leben begegnen wollen. Zu diesen gehört - spät, aber nicht zu spät - eindeutig "Bloodletting" (zu deutsch 'Aderlass') von Concrete Blonde, einer Band aus Los Angeles, deren einziger grösserer Erfolg in ihrem Heimatland eben dieses Album (Platz 49 der Billboard-Charts) und die daraus ausgekoppelte Single "Joey" (Platz 19) wurde. Ihr erstes Album "Concrete Blonde" erschien 1986 und ihr bis dahin letztes, "Mexican Moon" 1993. Anfang der 2000er Jahre kamen sie noch einmal zusammen und rockten danach bis heute weiter. Die eindeutige Chefin von Concrete Blonde war und ist Johnette Napolitano (geboren 1957), Leadsängerin, Bassistin und Songschreiberin. Der fabelhafte Gitarrist James Mankey begleitete sie von Anfang an. Schlagzeuger Harry Rushakoff wurde wegen seiner Drogenabhängigkeit für die Aufnahmen zu "Bloodletting" von dem ehemaligen Roxy Music-Schlagzeuger Paul Thompson ersetzt. "Bloodletting" präsentierte zehn Songs, von denen keiner wie der andere klang, und die zusammen doch eine faszinierende Einheit ergaben. Ko-Produzent Chris Tsangarides (Judas Priest, Thin Lizzy, Gary Moore, Killing Joke, Japan, Depeche Mode und viele andere) gelang es, die Stärken des Trios auf einzigartige Weise hervorzuheben, und zwar insbesondere die Stimme von Johnette Napolitano, deren Fähigkeiten vom sanften Hauchen bis hin zu heiserem Fauchen er grossartig in Szene setze, ihr glasklares Bass-Spiel und die in jedem Song aufs neue begeisternden Fähigkeiten von Gitarrist Mankey. Nach dem glam-rockenden Auftakt und Titelsong "Bloodletting (The Vampyre Song)", der ein wenig an T. Rex um 1972 herum erinnerte, und dem fast punkig-schnellen "The Sky Is A Poisenous Garden" folgte mit "Caroline" ein unfassbarer Ohrwurm, der sich sehr gut auf Fleetwood Mac's legendärem Album "Rumours" hätte befinden können. Obwohl als Single veröffentlicht, hatte der seinerzeit jedoch keinerlei Erfolg. Das ebenso herzergreifende "Darkening Of The Light" war ebenfalls ein Geniestreich, auf welchem der Musiker Peter Buck von R.E.M. die Mandoline spielte. Das schleichende "I Don't Need A Hero" schloss sich fast nahtlos an, während "Days And Days" an eine Mischung aus R.E.M., Patti Smith und 'Til Tuesday um die grossartige Aimee Mann erinnerte. "The Beast" rockte gradlinig und eingängig im Stil der Gruppe Heart in den späten 70er Jahren, und "Lullabye" hätte wiederum 'Til Tuesday zur Ehre gereicht. Der Ohrwurm "Joey" war, wie erwähnt, ein Top 20 Hit in den USA und hätte weltweiten Erfolg verdient gehabt, doch trotz seines Einsatzes in dem Schimanski-Film 'Zabou' sollte es auch in Deutschland irgendwie nicht sein. Das abschliessende, tragische "Tomorrow, Wendy", das von einem Mädchen handele, welches an AIDS starb, war die einzige Fremdkomposition des Albums, geschrieben von Andy Preboy (ehemals Wall Of Voodoo). Napolitano interpretierte diesen Song auf unvergleichlich beeindruckende Weise. Das einerseits äusserst sensible, andererseits rockende, streckenweise zwischen den Lautsprecherkanälen hin- und her pendelnde Gitarrenspiel von James Mankey verstärkte die Wirkung dieser Nummer noch um ein vielfaches. Auf "Bloodletting" fügte sich für Concrete Blonde alles zueinander; es war gleichsam ihr persönliches "Rumours" und hätte es verdient gehabt, zu einem der ganz grossen Alben der Rockgeschichte zu werden. Nummern wie "Caroline", "Darkening Of The Light", "Joey" und "Tomorrow, Wendy" kann man sich immer wieder anhören, ohne jemals genug davon zu bekommen. Warum diese Songs nicht längst im ewigen Gedächtnis der Musikgeschichte lagern, kann man im Grunde nicht nachvollziehen. Selbstverständlich gab es auch auf ihren anderen Alben den einen oder anderen grossartigen Titel, doch mit "Bloodletting" ergriffen Concrete Blonde einmalig den Rockzipfel der Unsterblichkeit. Nur weiss leider kaum jemand davon. Künstlerschicksal. "Bloodletting" war das dritte Album der US-amerikanischen Alternative Rock Band. Insbesondere die Songtexte zeichneten für einen gehörigen Gothic-Einschlag verantwortlich. Dank der Radioeinsätze des Songs "Joey" wurde "Bloodletting" letztlich zum erfolgreichsten Album von Concrete Blonde. Der kleine Hit vermochte es aber nicht, der Gruppe zum nachhaltigen Durchbruch zu verhelfen. An den Aufnahmen wirkte wie bereits erwähnt Andy Prieboy von der befreundeten Gruppe Wall Of Voodoo mit, indem er seine eigene Komposition "Tomorrow, Wendy" auf dem Keyboard begleitete. Ebenfalls eine befreundete Gruppe war Dream Syndicate, deren Kopf Steve Wynn beim Refrain des Titelsongs unterstützend mitsang. 1988 hatte Napolitano mit ihm zusammen den Song "I Have Faith" für das Dream Syndicate Album "Ghost Stories" geschrieben. Die freundschaftlichen Beziehungen zu R.E.M. trugen doppelt Früchte, denn bei "Darkening Of The Light" spielte der auf Saiteninstrumente mit Griffbrett spezialisierte Peter Buck die Mandoline und der neben seiner Hauptaufgabe als Produzent (zum Beispiel für R.E.M.) auch als Musiker tätige John Keane (u.a. Widespread Panic) die Slide Guitar. "Tomorrow, Wendy" verzeichnete ausserdem Bass Credits für Gail Ann Dorsey, welche viele Jahre für David Bowie arbeitete und drei Soloplatten veröffentlichte. "Bloodletting" tauchte in der Thrash-, Death-, Doom- und Black Metal- sowie Gothic-Szene häufig als Album- bzw. Songtitel auf, den Concrete Blonde Song hatten jedoch nur Massacre und Saints Of Ruin gecovert. Die 1991er CD-Single enthielt neben einer für die Radioverwertung geeigneten "Short Version" auch die sechsminütige Albumversion und um eine weitere Minute gestreckte Versionen in Französisch und Deutsch. Die Übersetzungen liess Napolitano nicht von Muttersprachlern anfertigen, was zu einigen Fehlern führte. Ihr Faible für andere Sprachen würde Napolitano auf "Mexican Moon" 1993 zu noch gravierenderen Spanisch-Schnitzern verleiten. Zum weltweiten Achtungserfolg geriet einzig die erste Single-Auskopplung "Joey". Kevin Devine coverte das Lied im Jahre 2007. Napolitano schrieb den Text über eine Liebe, die am Alkohol zu zerbrechen droht, im Taxi auf dem Weg ins Studio zu Ende. Die fünf Monate nach "Joey" in allen möglichen Formaten nachgeschossene zweite Single "Caroline" erfüllte die Erwartungen nicht. Die Single erschien mit "Days And Days" auf der B-Seite, die 12″-Single zusätzlich mit einer Live-Aufnahme des älteren Stücks "Roses Grow", die CD-Variante nochmals erweitert um Live-Mitschnitte von "The Sky Is A Poisonous Garden" und "Tomorrow, Wendy" sowie das bereits für die "God Is A Bullet" Vinyl-Maxi verwendete Jimi Hendrix Cover "Little Wing". Alle diese Aufnahmen bereicherten im Jahre 2010 die Wiederveröffentlichung des Albums als Bonustracks. An der Entstehung von "The Sky Is A Poisonous Garden" war das Wall Of Voodoo-Mitglied Bruce Moreland beteiligt. Inwieweit dessen überwundene Drogensucht den Songtext beeinflusst hatte, liess sich nicht mit Sicherheit sagen, weil darin kein Grund für das Sterben der weiblichen Hauptperson ausgesprochen wurde. Andy Prieboy beschrieb in "Tomorrow, Wendy" eine reale Begebenheit aus seinem Bekanntenkreis: Eine Prostituierte nahm sich aus Angst vor Aids das Leben. Er fragte Napolitano, ob sie das Stück mit ihm für sein Soloalbum im Duett singen wolle. Ihr gefiel es derart gut, dass sie es auch für "Bloodletting" aufnahm. Angesichts dieser Parallelveröffentlichung, noch dazu unter gegenseiter Mitwirkung, wäre eine Etikettierung mit Coverversion unangemessen. Die als introvertiert geltende Johnette Napolitano verfiel traurigen, düsteren, hoffnungslosen Inhalten. Sie bekannte seinerzeit, das Album habe eine trübe Stimmung. Und als sie ihr persönliches Tief überwunden zu haben glaubte, gestand sie sogar, der Vorwurf, es handle sich um 'Suicide Music' (Selbstmord-Musik) sei berechtigt gewesen. Napolitanos Seelenleid drückte am eindringlichsten der Song "The Beast" aus. An einer gescheiterten Liebesbeziehung nagend, bezeichnete sie darin die Liebe als Blutegel, Vampir und eine Herzen herausreissende Bestie, des Weiteren als quälenden Wahnsinn, sich als Freund ausgebenden Killer und als Monster aus der Dunkelheit. Das Plattencover unterstützte diese düstere Stimmung perfekt: Vor schwarzem Hintergrund war ein Strauss roter Rosen abgebildet. Eine weisse Rose war darunter, zwar nicht im Zentrum des Bildes, jedoch ihm nahe. Auf ihrer Blüte, ihrem Stiel und einem Blatt befanden sich Blutstropfen.
Der Gruppenname war in weisser, der Albumname in roter Schrift rechts oben, wo keine der Rosen hineinreichte, angebracht. Das "Joey"-Cover korrespondierte in Objektwahl, Farbgestaltung und Symbolträchtigkeit mit dem des Albums: Auf einem schwarzweissen Schachbrettmuster-Boden war eine weisse Vase mit roten Rosen zerschellt. Der Aufprall verursachte Blutspritzer, die offensichtlich von den Rosen, bekanntlich das Symbol der Liebe, herrührten. Das Rosen-Motiv reichte bereits auf das "God Is A Bullet" Single Cover zurück, auf dem vertrocknete Rosen sinnlose Opfer symbolisierten. Napolitano arbeitete das Konzept mit Hugh Browns und Jim Yousling's Unterstützung aus. Sie widmete das Album ihrem engen Freund Ron Scarselli, dem Cover-Künstler des ersten Concrete Blonde-Albums, der kurz zuvor, fast im selben Alter wie Napolitano, an Aids gestorben war.
Jun 19, 2017
THE MONKEES - The Definitive Monkees
(WEA International Records 8573-86692-2, 2001, Aufnahmen von 1966-1987)
Die Beatles waren an allem schuld: Ihr kometenhafter Erfolg und vor allem Richard Lesters Film 'A Hard Day’s Night' brachten die Hirne der amerikanischen Musik- und Filmindustrie zum Rattern. Dass sich dann ausgerechnet die Durchgeknalltesten davon sammelten, war Zufall und führte zur irrsten, wirrsten, genialsten und schrägsten Geschichte, die die Pop-Welt je erlebt hatte. Bob Rafelson, ehemaliger Trommler einer mexikanischen Jazzband, und Bert Schneider, Sohn des Präsidenten der mächtigen Columbia Pictures, waren von Lesters chaotischer Beat-Komödie so angetan, dass sie ihre lukrativen Jobs im Filmgeschäft hinwarfen und Raybert Productions gründeten, mit dem einzigen Ziel, eine TV-Serie um eine Band zu produzieren, die anders als alles andere sein sollte: 'eine New-Wave-Show, total far out', wie Schneider erklärte. Das Personal, das die - gelinde gesagt - ungewöhnlichen Castings (Frage: "Stell dir vor, du wärst auf dem Mars. Wo würdest du einen Hamburger essen gehen ?") überstand, war ein Garant für Unkonventionalität: Micky Dolenz, ein ehemaliger TV-Kinderstar, der bei den Missing Links schon mal ein bisschen Gitarre gespielt und zuletzt Architektur studiert hatte, bekam die Rolle, indem er Schneider und Rafelson dabei half, einen Turm aus Gläsern, Pappbechern und Flaschen zu bauen. Peter Tork, zu aufgeregt, um irgendetwas zu sagen, wurde ausgewählt, weil er aussah wie Harpo Marx. Tork (eigentlich Thorkelson) hatte zuletzt als Penner in Greenwich Village sein Geld verdient, indem er in Cafes den Hut rumgehen liess. Schon so etwas wie ein Teen-Idol war Davy Jones, der die beiden Tycoons mit unverschämten Fragen in breitem nordenglischen Akzent überzeugte. Mike Nesmith schliesslich wählte man aus, weil er zwar schon verheiratet und Vater war, als einziger der vier aber eine nennenswerte musikalische Reputation vorweisen konnte: Er hatte mit Linda Ronstadt und späteren Mitgliedern der Byrds und den Eagles gespielt und war zu den Auditions nur gegangen, weil ihn sein Kumpel Stephen Stills, der wegen seiner schlechten Zähne abgelehnt worden war, zum Spass hingeschickt hatte. Nach einer seltsamen Art von Schauspielunterricht, während dem die vier sich stundenlang in Zeitlupe bewegen und so tun mussten, als wären sie Krabben, Teekessel oder Giraffen, begannen die Dreharbeiten zu "The Monkees". Die ersten Ergebnisse waren frappierend: Kameras liefen ohne Regisseur, Darsteller unterhielten sich mit Personen hinter der Kamera, Filme wurden unter- oder überentwickelt, umgedreht, liefen rückwärts, die Szenerie verlagerte sich binnen Sekunden von Palm Beach in die Sahara. "Sie liessen uns Szenen so lange spielen, bis sie perfekt waren", erinnerte sich Dolenz. "Dann nahmen sie die Outtakes". Die benebelte Mittsechziger-Filmindustrie war begeistert und drehte den Geldhahn auf. Keinen Tag zu früh: Dolenz war inzwischen arbeitslos, Tork Tellerwäscher, und Nesmith stand auf der Strasse, nachdem sein Bauwagen beschlagnahmt worden war. Der Versuch, die Monkees ihre Musik selbst schreiben zu lassen, erwies sich als Desaster: "Das klang so richtig nach Garagenband", kommentierte Nesmith. Der als musikalischer Direktor hinzugezogene Don Kirshner brachte ein schillerndes Team von Komponisten, Arrangeuren und Produzenten (von denen der erste schon nach sechs Stunden an der Verrücktheit der vier Hauptdarsteller scheiterte) zusammen, sorgte für renommierte Studiomusiker, und schon brach die Hysterie los: Angeheizt durch eine gigantische Werbekampagne, waren die Monkees Ende September 1966 unter Amerikas Teenagern das neue Ding. Die TV-Serie, wohl doch ein bisschen zu unorthodox und verrückt, wurde allerdings nie ein solcher Renner wie die Musik: Das erste Album, eine quirlige Sammlung von Beat-Knallern, ausgeflippten Experimenten und Teenie-Romantik, führte 15 Wochen lang die US-Charts an und wurde erst vom Nachfolger "More Of The Monkees" von der Spitze vertrieben, der sich wiederum 18 Wochen ganz oben hielt. Dieser Nachfolger führte zu ersten Unstimmigkeiten: "Wir waren auf Tour, als das Album erschien", erzählte Tork. "Niemand hatte uns was gesagt, wir mussten die Platte im Laden kaufen, um sie zu hören". Die Folge war eine Sensation: Mit angedrohten Vertragsbrüchen und Prügeln wegen der nicht autorisierten Single "Valleri" (Nesmith: "Der schlechteste Song aller Zeiten!") schafften es die Monkees, nicht etwa selbst rauszufliegen, sondern den Super-Magnaten Kirshner abzuservieren und die Single zurückzuziehen. Ein erster Versuch, die Zügel des Projekts selbst in die Hand zu nehmen, war kurz zuvor gescheitert: Die Jimi Hendrix Experience, auf Betreiben der Monkees ins Vorprogramm ihrer US-Tournee gebucht, schied nach einigen Gigs wieder aus. Die Welt war noch nicht reif für Hendrix, er musste bis Monterey auf seinen Durchbruch warten. Das Album "Headquarters" war die Antwort der vier auf die Vorwürfe, sie wären nur Marionetten, die nicht mal eine Gitarre halten könnten: Nach intensivem Proben spielten die Monkees auf dem Album tatsächlich fast alles selbst, was nicht nur zu grossen Hits und Evergreens wie "Shades Of Gray" führte, sondern auch zu dem völlig entgleisten Versuch, eine Filmmelodie nachzuspielen ("Band 6") und zu einem monumentalen Gemälde, nachdem Micky sich die Langeweile damit vertrieben hatte, die Trennscheibe zwischen Aufnahme- und Kontrollraum mit Ölfarben zu bemalen. "Headquarters" hatte Pech und musste sich nach einer Woche an der Chartsspitze elf weitere Wochen lang mit dem zweiten Platz hinter "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" begnügen. Der Enthusiasmus, in dem Davy Jones während eines Auftritts Tork zurief: "He Mann, wir gründen eine Band!" hielt indes nicht lange, schon beim Album "Pisces, Aquarius, Capricorn & Jones Ltd." hielt die Vernunft in Form einiger Studiomusikern erneut Einzug. Der kurze Moment völliger Freiheit hatte aber das Selbstbewusstsein der Monkees enorm gestärkt, den penetranten Vorwürfen der seriösen Rockpresse, sie seien keine richtige Band, begegneten sie nun souveräner: "Wir waren natürlich nie eine Rockband", stellte Nesmith fest. "Wir waren Schauspieler, wir wussten, was los war und hatten die Dinge trotzdem einigermaßen unter Kontrolle. Wer etwas anderes von uns erwartete, ist ein Blödmann". Das Werk "Pisces, Aquarius, Capricorn & Jones Ltd." trug technischen Neuerungen ebenso Rechnung wie dem neuen musikalischen Anspruch der Monkees und dem Zeitgeist: In einem der ersten Achtspurstudios der Welt sassen die vier in wallenden Fantasiegewändern und mit blumenbemalten Gesichtern und huldigten auch musikalisch dem Summer Of Love, wenn sie nicht gerade Parties gaben oder auf Tour waren. Dem chaotischen Treiben entsprang ein Album, das erstmals einige Kritiker besänftigte und schon nach zwei Wochen auf Chart-Platz 1 stand. Mit der Gruppenarbeit als Band war es danach vorbei: "The Birds, The Bees & The Monkees", das erste von zwei zeitlosen Meisterwerken, entstand in vier verschiedenen Studios, wo jeder der Monkees seine Kumpels versammelte (darunter Grössen wie Buddy Miles, Stephen Stills, Shorty Rogers, Harry Nilsson, komplette Orchester und gigantische Bläsersätze), um seine individuelle musikalische Vision zu verwirklichen. Die Resultate hätten für etwa sechs Alben ausgereicht, auf die eine LP schaffte es noch nicht mal Pete Torks Song "Lady's Baby". Zehn Studiotage lang war dafür ein Baby mit einem Mikrofon verfolgt worden, weil sich Tork, dessen Leben inzwischen hauptsächlich aus Hare Krishna, Naturreis, Wasserbetten und seiner Familie bestand (Jones: "Jeder machte ihn dauernd fertig, dabei war er ein toller Musiker und ein wunderbarer Mensch, das Salz der Erde!"), weigerte, das Kieksen und Blubbern seines neugeborenen Kinds durch eine Geräuschplatte zu ersetzen. Nachdem die TV-Serie gerade abgesetzt worden war, schaffte es "The Birds, The Bees & The Monkees" nicht mehr bis an die Chartsspitze und blieb das letzte vergoldete Monkees-Album. Was folgte, beschrieb eine Zeitung als den geglückten Versuch, eine Karriere zu ermorden: Der Kinofilm "Head", dessen 20 verquirlte Handlungsstränge die Monkees mit einem jungen Schauspiel-Renegaten namens Jack Nicholson entwarfen, war so wirr und ausgeflippt, dass selbst Frank Zappa wie ein Fels der Normalität inmitten von Vietnamkriegszenen, inszeniertem Selbstmord der Bandmitglieder und einem Sammelsurium weiterer Absurditäten wirkte. Die LSD-Schickeria von Hollywood war von der zynisch-chaotischen Selbstentlarvung begeistert: Die Frage 'Ist hier jemand, der 'Head' verstanden hat ?' wurde zum beliebten Partygag. An den Kassen ein katastrophaler Misserfolg, überlebte der wild zusammengeschnipselte Film als Kult-Ikone der 60er Jahre, nicht zuletzt dank dem von der Band produzierten Soundtrack: Goffin/Kings "Porpoise Song", die wunderbare Psychedelic-Ballade "As We Go Along", Jack Nicholsons "Ditty Diego - War Chant" und der Country-Punk-Vorläufer "Circle Sky" (von dem es eine von den Monkees gespielte, atemberaubende Live-Version gibt) aus der Feder von Mike Nesmith machten das Album zu einem Meisterwerk. Dann fiel alles auseinander: Pete Tork ("Ich hatte eigentlich schon die Schnauze voll, als ich bei den ersten Aufnahmen 'Last Train To Clarksville' spielen wollte und die Produzenten sagten: Was willst du Depp mit der Gitarre ?") verabschiedete sich mit dem programmatischen Song "Do I Have To Do This All Over Again". Ein kurz vor seinem Ausstieg Ende 1968 aufgezeichnetes TV-Special ("33 1/3 Revolutions Per Monkee"), nicht weniger bizarr als der Kinofilm, wurde zeitgleich mit der Oscar-Verleihung ausgestrahlt, weshalb es nicht einmal auf den Fernsehern der Monkees lief (Nesmith: "Wir kannten's ja schon"). Die vier, die zu Beginn der Dreharbeiten in einer dem Beatles-Haus aus "Help" nachempfundenen Wohnung zusammengelebt hatten, gingen schon lange getrennte Wege, jetzt hinderte sie niemand mehr daran: Plattenfirmen, Produzenten und Filmbusiness hatten ihr Interesse an den Monkees vollständig verloren, das Album kletterte auf Platz 45, ehe es nach 15 promotionfreien Wochen aus den Charts verschwand. "Instant Replay", der im Februar 1969 veröffentlichte Nachfolger, bestand hauptsächlich aus Resten der "Pisces"-Sessions, die zum Teil neu aufgenommen oder überarbeitet wurden. Das etwas konzeptionslose Album litt unter fehlenden Hitsingles und dem gescheiterten Versuch der drei verbliebenen Monkees, mit Ike und Tina Turners Begleitband Sam & The Goodtimers auf Tournee ein neues Publikum zu finden. "Es war eine tolle Tour, ein Riesenspass", erinnerte sich Nesmith. Aber die Monkees als Hardcore-Rhythm-'n'-Blues-Band mit schwarzen Musikern, das war den Leuten zuviel. "Instant Replay" wurde das letzte Top 40 Album der Band (Platz 32). Die Party war vorbei. Niemand spielte mehr ihre Platten, die Presse tanzte auf ihren Gräbern, stellt Nesmith bitter fest. "Eigentlich wollte ich auch aussteigen, aber da waren noch Dinge, die wir nicht getan hatten. Es gab noch ein paar Sachen zu sagen". Die sagten Nesmith, Jones und Dolenz auf "The Monkees Present", aber schon das ungeschickt gemalte Cover machte klar, dass die Zeit der Innovationen vorbei war. Obwohl Micky Dolenz erstmals als wirklich kompetenter Songwriter auftrat und selbst Jones mit "If I Knew" einen kreativen Höhepunkt erreichte, den dem hübschen Jüngling niemand zugetraut hatte, war der Misserfolg vorprogrammiert: Nesmiths zynische Single "Good Clean Fun" (in deren Text es um etwas ganz anderes ging) blieb ebenso erfolglos wie seine mit grossen Hoffnungen beladene Hymne "Listen To The Band". Der 14wöchige Chartsaufenthalt des Albums führte nicht über Platz 100 hinaus, Nesmith kaufte sich aus seinem Vertrag frei (und ruinierte sich dabei vorübergehend, bis er als Erbe der Tipp-Ex-Millionen ein finanzielles Ruhekissen fand). "Wir waren nur noch damit beschäftigt, Prozesse zu führen", erzählte Dolenz. "Vielleicht hätten wir zusammenbleiben und weitermachen sollen, aber damals schien uns das einfach unmöglich". Für das letzte Album "Changes" schaltete sich der einst gefeuerte Don Kirshner wieder ein: Er setzte Dolenz und Jones den Produzenten Jeff Barry vor, mit dem er inzwischen die Monkees-Nachfolger in der Gunst amerikanischer Teenager, die Zeichentrickband The Archies, kreiert hatte. Deren Song "Sugar Sugar", eine der erfolgreichsten Singles aller Zeiten, hatten sich die Monkees einst aufzunehmen geweigert; jetzt galt es, die verbleibenden vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen: "Die nahmen irgendwelche Songs mit Bobby Bloom auf, löschten die Stimmen wieder und liessen uns singen", lautete Davy Jones' Kommentar zu dem Bubblegum Soul Album, das trotz einigen Stärken und Höhepunkten (etwa der Flopsingle "Oh My My") nicht an die grossen Zeiten der Monkees herankommen konnte. Die Charts sah das Album erst, als es 1986 wiederveröffentlicht wurde. Die Presse prophezeite boshaft, das nächste Album würde nach dem Abgang eines weiteren Bandmitglieds "The Monkee" heißen, aber die Geschichte war definitiv zu Ende. Dolenz und Jones arbeiteten noch für einige Zeit zusammen, Tork war zwischenzeitlich wegen Drogenbesitzes im Knast gelandet und hatte einen Job als Lehrer, ehe er Ende der 70er Jahre als gefeiertes Idol der ersten Punkbands für einige Soloauftritte auf die Bühne des CBGB's trat. Nesmith, dessen Sohn bei den Castings für eine "New Monkees"-TV-Serie abgelehnt wurde, machte sich einen Namen als Produzent, Komponist und Interpret hochkarätiger Country Rock Projekte und war der einzige, der sich diversen Wiedervereinigungen der Monkees stets widersetzte. Mit Bedacht: Das 1986 von Dolenz, Jones und Tork veröffentlichte Monkees Comeback-Album behandelten Publikum und Kritik so, wie es der Titel vorschlug: "Pool It". Die Songs der Monkees indes sind noch immer zeitlos und gut und haben die Zeit bis heute überdauert. Die im Jahre 2001 erschienene Zusammenstellung "The Definitive Monkees" empfiehlt sich als Tipp, um ihre Musik in der Sammlung zu haben, ganz besonders in der sogenannten 'Limited Edition', weil diese neben der originalen Version mit 29 Stücken eine weitere CD enthält, welche mit 31 Raritäten ganz besonders interessant ist. Neben den vielen Hits der Band, wie "Daydream Believer", "Last Train To Clarksville", "I'm A Believer" oder "Shades Of Gray" kann man auf der Bonus CD beispielsweise Songs in italienisch hören ("Tema Dei Monkees"), LP Tracks, unveröffentlichte Stücke oder Songs in alternativen Versionen. Michael Nesmith war später einer der Gründer von MTV. 1997 drehte er einen Revival-Film unter dem Titel 'Hey, Hey, It’s The Monkees', der die originären Bandmitglieder in ihren Fernsehrollen nach 30 Jahren immer noch auf der Suche nach Erfolg zeigte. Dieser einstündige Film war die fiktive Episode 781 der ursprünglichen Serie und den Autoren gingen langsam die Ideen für neue Plots aus. Es wurden drei Musikvideos aus dem Album "Justus" von 1996 gezeigt sowie ein Medley aller bekannten Monkees-Stücke gespielt. Der Regisseur Neill Fearnley verfilmte im Jahr 2000 unter dem Titel 'Vergänglicher Ruhm - Die Monkees-Story' (im Original: 'Daydream Believers: The Monkees Story') die Entstehungsgeschichte der Band als Spielfilm. In einer Szene wurde gezeigt, wie eine Person Noten mit einer Flüssigkeit, die in den USA 'Liquid Paper' genannt wurde (in Deutschland vergleichbar mit Tipp-Ex), übermalte. Die Flüssigkeit wurde von Michael Nesmith's Mutter erfunden. Die Monkees bekamen bei der Adresse 6679 Hollywood Blvd. einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.
Jun 18, 2017
SUICIDE - Suicide (Red Star Records RS1, 1977)
Boruch Alan Bermowitz (alias Alan Vega, Gesang) und Martin Reverby (alias Martin Rev, Keyboards) trafen sich 1969 in New York und gründeten 1970 eine Band mit dem provokanten Namen Suicide. Die ersten Jahre ihrer musikalischen Karriere verbrachten sie in absoluter Armut mit gelegentlichen Konzerten und dem Entwickeln sehr eigenwilliger Kompositionen im Spannungsfeld zwischen 50er Jahre Rockabilly, Velvet Underground-Hommage und 70er Jahre Elektronik. Im Punk Jahr 1977 zeigte endlich eine kleine amerikanische Plattenfirma Interesse an ihnen und veröffentlichte Ende des Jahres ihr Debütalbum "Suicide". Das brutale Cover-Artwork wurde von einem kommunistischen Symbol, dem roten Stern, und dem in zerlaufenes Blut getauchten Bandnamen geprägt. Die simplizistische Musik selbst war hingegen erheblich weniger brutal und trotz ihrer scheinbaren elektronischen Kälte teilweise sogar sehr melodisch und stets ein wenig melancholisch. Damals interessierte das fast niemanden, und als das Album Mitte 1978 endlich in Europa und damit auch in Deutschland erschien, wurden davon höchstens ein paar Hundert Stück verkauft. Während Ihres Vorprogramms des damals schwer angesagten Schmalspursängers Elvis Costello ernteten Suicide neben wenig Applaus vor allem Gleichgültigkeit bis hin zu Ablehnung und blankem Hass. Ihr heute legendärer Auftritt in Brüssel im Juni 1978 führte bei einigen Costello-Fans gar zu tumultartigen Zuständen. Von ihren wenigen damaligen Konzerten in Deutschland (München, Hamburg, Berlin) ist Ähnliches hingegen nicht überliefert. Doch zurück zum Album: Martin Rev bediente sich eines überschaubar kleinen Arsenals an elektronischen Keyboards und eines primitiven synthetischen Rhythmusgerätes, während Alan Vegas Sprechgesang als eine seltsam beeindruckende Mischung aus prähistorischem Rock'n'Roll-Star und verschüchtertem Lou Reed-Imitator daherkam. Hin und wieder garnierte er seine Performance mit Schreien und Stöhnen. Das wirkte seinerzeit offenbar verstörend, ist aber heute mit einem pophistorischen Abstand von fast vierzig Jahren teilweise geradezu romantisch anzuhören. Songs wie "Cheree" und "Girl" huldigten in simplen Versen dem weiblichen Geschlecht. "Ghost Rider", "Rocket USA" und "Johnny" beschrieben den amerikanischen Traum vom einsamen, unabhängigen Outsider mit Motorrad oder schnellem Auto. Marlon Brando und James Dean liessen grüssen. Das mehr als zehnminütige, unterschwellig dräuende "Frankie Teardrop" beschrieb das Drama eines jungen Fabrikarbeiters und Familienvaters, der seine Frau und dann sich selbst richtete, während er offenbar seinen neun Monate alten Sohn verschonte. "Frankie's dead, Frankie's lying in hell, We're all Frankies, We're all lying in hell". Diese Nummer wirkte auf viele offenbar derart verschreckend, dass zum Beispiel der Schriftsteller Nick Hornby ("Fever Pitch", "High Fidelity", "About A Boy") sie 'as something you would listen to only once' bezeichnete. Zum Abschluss zerstörten Suicide in "Che" mal eben das romantische Bild, das sich viele junge Leute in den Siebzigern von dem kubanischen Guerilla und Revolutionsführer Che Guevera gezimmert hatten: 'Che, Che, He's wearing a red star, Smoking his cigar, And when he died, The whole world lied, They said he was a saint, But I know he ain't, Che, Che, Hurray, hurray, Che, Che, Hurray, hurray'. Die remasterte Version des Albums, welche unbedingt empfohlen sein soll enthielt neben dem bereits erwähnten Auftritt in Brüssel weitere Live-Aufnahmen aus dem legendären New Yorker Punkclub CBGB's sowie drei bisher unveröffentlichte Studioaufnahmen, darunter einen Remix von "Cheree" und das liebliche "Keep Your Dreams", das wie ein frühes Stück von Orchestral Maneouvres In The Dark klingt, die aber erst zwei Jahre später die Szene betraten. Das Debütalbum von Suicide beeinflusste ganze Heerscharen von Musikern von The Cars, deren Mastermind Ric Ocasek folgerichtig ihr zweites Album und Alan Vega solo produzierte, über die Deutsch Amerikanische Freundschaft (alias D.A.F.), Sigue Sigue Sputnik und Dutzende andere bis hin zu Bruce Springsteen, der sich als Fan der Band Suicide geoutet hatte. Mit einem von diversen Effekten verzerrten Gesang, der nur von Synthesizer und einem Drumcomputer begleitet wurde, erzeugten die beiden Musiker dramatische, emotional verstörende Songs, in denen neurotisch-unheimliche, albtraumhafte Stimmungen mit teilweise sehr poetischen Texten und vor allem auch mit sehr schönen, einfachen Melodien kontrastierten. Bei Konzerten inszenierte sich das Duo als eine Art Endzeittheater. Bandmitglied Alan Vega sagte in einem Interview zu einem Konzert im New Yorker Musik-Club CBGB's einmal: "Die anderen, die in CBGB's spielten, sagten den Leuten: ‚Da draussen auf den Strassen von New York ist die Hölle‘, wir wollten ihnen sagen: Das da draussen ist eigentlich harmlos, verglichen mit dem, was wir hier treiben. Hier unten ist die Hölle!" Seit jeher zog sich die Auseinandersetzung mit dem Amerikanischen Traum sowie Albtraum durch die Texte des Duos. Die desillusionierende Thematik fand ihre Entsprechung in desillusionierender Musik und einem provokanten Auftreten. Suicide wichen der Konfrontation mit einem in den 70er Jahren noch weitgehend verständnislosen Publikum nicht aus, dennoch mussten einige Konzerte vorzeitig abgebrochen werden. Auch 25 Jahre nach ihrem Debütalbum spielten Suicide noch ihren typischen Stil zwischen Minimal Techno (Martin Revs reduziertes Keyboardspiel) und Rockabilly (Alan Vegas unter anderem von Elvis beeinflusster Gesangsstil), nun jedoch mit Bezügen zu aktueller elektronischer Musik. In dem grossen Aufbruch, der Ende der 70er die Popwelt erschütterte, waren und blieben Alan Vega und Martin Rev, die bis heute als Solokünstler, mit diversen Projekten und sporadisch auch gemeinsam (zuletzt auf dem Werk "American Supreme") aktiv blieben, einsame Vorreiter. Es fragt sich nur, für was, denn während Punk, New Wave und Power Pop sich in Nullkommanichts in Flächenbrände verwandelten, blieb Suicide's enigmatisches, brisantes Erbe zunächst unangetastet liegen. Erst in den 80er Jahren erkannten Synth-Duos und Bands wie Soft Cell, die Chemical Brothers, The Orb, Depeche Mode, Human League, Sigue Sigue Sputnik, The Jesus & Mary Chain, Nine Inch Nails, Prodigy und die keimende Techno-Szene, welch ungeheures Potential in den extrem reduzierten Attacken auf praktisch jede Pop-Tradition lag. Die Wirkung Suicide's aber blieb unerreicht, und ob es ihren Epigonen gelungen ist, daraus Bleibendes zu schöpfen, oder ob dereinst Klassiker wie "Ghost Rider" und "Rocket USA" als einsame schwarze Türme über Wüsten der Vergessenheit ragen, werden wir erst in vielen Jahren wissen. "Wir träumten davon, die Welt zu verändern", schrieb Red Star-"Informationsminister" Roy Trakin (der in Brüssel neben dem Aufnahmegerät sass) später. "Und dann bemerkten wir nicht, dass wir sie verändert hatten".
Jun 17, 2017
ARJEN LUCASSEN'S GUILT MACHINE - On This Perfect Day
(Mascot Records M 7290 2, 2009)
Der niederländische Musikre Arjen Lucassen ist ein umtriebiger und vielfältiger Künstler. Unter der Bezeichnung Guilt Machine präsentierte der Multiinstrumentalist im Jahre 2009 ein weiteres, sein insegsamt fünftes Musikprojekt neben Star One, Ayreon, Stream Of Passion und Ambeon. Später folgte dann auch noch The Gentle Storm mit Anneke van Giersbergen (The Gathering). Arjen Anthony Lucassen war bisher an über 40 Alben beteiligt, arbeitete an mehreren eigenen Projekten und war Bandmitglied bei Vengeance. Bei seinen Solo-Projekten ist er als Komponist, Gitarrist, Bassist, Keyboarder und Produzent tätig und engagiert verschiedenste Musiker für Gastauftritte. Der über 2 Meter grosse Arjen Lucassen wurde in Hilversum geboren, wuchs jedoch in Den Haag auf. Nachdem er die Musik von The Sweet entdeckt hatte, begann er im Alter von 15 Jahren Gitarre zu spielen. Während seiner Highschool-Zeit war er in einer Band, die sich The Flying Potatoes (Die fliegenden Kartoffeln) nannte und Coverversionen von The Sweet und Slade spielte. Später war er noch Gitarrist in diversen kurzlebigen Bands und machte viele neue musikalische Erfahrungen. Allerdings liessen aufgrund seiner Fixierung auf die Musik die schulischen Leistungen dermassen nach, dass er der Schule verwiesen und in eine Einrichtung für Schwererziehbare eingewiesen wurde. Dort schaffte er seinen Abschluss. 1993 veröffentlichte er unter dem Namen "Anthony" seine erste Soloplatte "Pools Of Sorrow, Waves Of Joy", der erst wieder im Jahre 2012 mit "Lost In The New Real" eine zweite unter seinem eigenen Namen folgte. Bodine war die erste professionelle Band, in der Lucassen vollberuflich als Gitarrist tätig war. Am bekanntesten sind seine Alben, die er unter dem Namen Ayreon veröffentlicht hat. Ende Februar 2009 kündigte Lucassen auf seiner Website an, dass er ein weiteres musikalisches Nebenprojekt in Planung habe. Anfang März forderte er seine Fans dazu auf, Sprachfetzen in der eigenen Muttersprache und in Form von kurzen Tonnachrichten einzureichen, die sich inhaltlich um starke Gefühle wie Wut oder Angst drehen. Diese Samples wurden dann später auf dem Album zu Beginn eines jeden Stückes verwendet. Der Musiker gab im Mai 2009 bekannt, dass das Album "On This Perfect Day" bei Mascot Records erscheinen würde. Die Veröffentlichung in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfolgte am 28. August 2009, im restlichen Europa am 31. August und in den USA am 29. September. Ein Kritiker verglich das Album mit Porcupine Tree, deren ehemaliger Schlagzeuger Chris Maitland bei diesem Album von Guilt Machine mitspielte, und führte den Hintergrund der Entstehung des Projektes auf gesundheitliche und persönliche Probleme von Lucassen zurück. Arjen Lucassen beschrieb den Stil seines Projektes als dunkel und schwer bis atmosphärisch und melancholisch. Guilt Machine hatte nichts, wie die meisten anderen Projekte Lucassens, mit Science Fiction oder Fantasy zu tun, sondern bezog sich auf Schuld, Reue und die dunkelste Form von Geheimnissen, jenen Geheimnissen, die der Mensch vor sich selbst verbirgt. Im Gegensatz zu Lucassen's sonstigem Vorgehen, für ein Projekt immer sehr viele Gastmusiker und vor allem Gastsänger zu rekrutieren, blieb er beim Projekt Guilt Machine bei einer feste Besetzung mit lediglich vier Musikern, wenn man von gelegentlichen Violinen- und Cellodarbietungen zweier weiterer Musiker absieht. Lucassen präsentierte auf diesem Werk ausserdem den bis dato relativ unbekannten belgischen Sänger Jasper Steverlinck, der durch eine überaus gefühlvolle, aber auch sehr kräftige und ausdrucksstarke Stimme verfügte und bisweilen etwas an einen variationsreicheren Damian Wilson erinnerte. Steverlinck sang in der belgischen Independent-Rockband Arid, wo er auch Gitarre spielte. An der Leadgitarre vertraute Lucassen auch bei diesem Projekt wiederum der schwedisch-amerikanischen Gitarristin Lori Linstruth, welche auch schon bei seinem früheren Bandprojekt Stream Of Passion mit dabei war und inzwischen auch zu seiner Partnerin und Managerin geworden war. Lucassen selbst lieferte alle weiteren Instrumente und sang auf allen Titeln des Albums.
Musikalisch fanden sich auf "On This Perfect Day" wesentlich mehr atmosphärische Klänge, die manchmal durchaus etwas düster und vor allem auch recht melancholisch wirkten. Sein übliches m,usikalisches Programm, eine Mixtur aus harten, Metal bezogenen Elemente einerseits, oder bombastischer Symphonic Progressive Rock andererseits, waren hier eher weniger vertreten, dafür wirkte die Musik des Guilt Machine Unternehmens eher wie besonders gut austarierter und durchaus exzellent in Szene gesetzter Art Rock, der viele leise, gefühlvolle und getragene Melodien in den Vordergrund stellten. Die bekannten Rockthemen, für die der Name Arjen Lucassen schon immer stand, waren durchaus auch zu hören, sie hielten sich aber hier durchaus eher im Hintergrund und brachen nur sporadisch durch, spielten im musikalischen Gesamtkonzept auch eher eine untergeordnete Rolle. Guilt Machine's "On This Perfect Day" widerspiegelte letztlich eine schwierige persönliche Phase, in welcher sich Lucassen damals befand: Das Ende einer langjährigen Beziehung, der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn und die Diagnose einer Depression waren letztlich der persönliche Hintergrund dieser Arbeit.
"On This Perfect Day" wirkte im Grunde fast schon wie eine irgendwie ausgefallene Arbeit im Vergleich zu Lucassen's bisherigen Veröffentlichungen. Der Musiker verstand und versteht es immer wider, unterschiedlichste Musikprojekte anzugehen und mit viel Ideenreichtum und Originalität umzusetzen. Auf "On This Perfect Day" klang Arjen Lucassen phasenweise fast schon wie Porcupine Tree oder Gazpacho - der Anteil an typischem Art Rock war wesentlich deutlicher hörbar als etwa seine ansonsten bevorzugten Rock-, Prog- und Symphonik-Projekte. Die interessantesten Passagen waren sicherlich der nebulöse, sich im Verlauf stark steigernde Opener "Twisted Coil", der schon die ganze Bedrohlichkeit des sich ankündigenden Seelentrips mit den in deutsch gesprochenen Worten "Wenn man lange genug in den Spiegel schaut, blickt man in die Augen des Teufels" andeutete. Allein: Wer nun irgendeinen brachialen instrumentalen Ausbruch erwartete, sah sich getäuscht. So sehr dieses Statement eine perfekte Ansage für düstersten Stoner Rock hätte sein können, pegelte sich Lucassen langsam und kontinuierlich hoch, liess jedoch der Gesamtdynamik keine Chance und hielt immer wieder kurz vor dem Ausbruch inne, brach in sich zusammen, um sich wiederum aufzubauen, fast schon wie ein Hurricane, der sich ankündigt und dann doch wieder in sich zusammenfällt. Das hörte sich ungemein spannend an und liess "Twisted Coil" - wie im übrigen auch die anderen Songs des Albums, niemals so lange erscheinen, wie sie tatsächlich waren. Neben "Twisted Coil" gerieten auch die weiteren fünf Titel, allen voran "Season Of Denial" und insbesondere der letzte Track: "Perfection ?" zu wahren klanglichen Meisterleistungen, was allerdings nicht bedeutet, dass die anderen Stücke etwa weniger gut geraten waren. Das gesamte Werk war ungewöhnlich, nicht nur in punkto Klang und Musik, sondern vor allem im Hinblick darauf, dass Arjen Lucassen hier eine für seine Verhältnisse sehr neue Art von Musik realisierte. Wem die Bezeichnungen progressiver Hardrock und Art Rock, gerne dicht und düster arrangiert, nicht fremd sind, wer ausserdem gerne mit tollen Melodien, die immer wieder Überraschungen bereithalten, verwöhnt wird, dem wird dieses eigentümlich melancholische und immer wieder auch wunderschön progressive Album viele unterhaltsame Hörmomente bescheren.
Jun 16, 2017
KINGFISH - Trident (Jet Records JZ 35749, 1978)
Kingfish, der Namensbedeutung nach ein 'dicker Fisch'. Leider traf diese Bezeichnung aufdie Band Kingfish nie zu, sie schwamm stets in der zweiten Reihe der Bay Aera Bands mit, Chartserfolge gab es gar keine. Was ist dann der Grund, weshalb sich die Band bis heute eines grossen Bekanntheitsgrades erfreut ? Viele meinen, das dürfte mit dem Umstand zusammenhängen, dass der Grateful Dead Musiker Bob Weir die Band kurzzeitig angeführt hatte, was allerdings erstens so nicht stimmt und zweitens dieser fabelhaften Westcoast-Truppe Unrecht täte, würde man sie bloss auf die Anwesenheit von Mister Weir reduzieren. Die Band Kingfish war sehr viel mehr als nur die Begleitband eines grossen Musikers. Die Geschichte der Band Kingfish begann im Jahre 1967, als der Gitarrist, Mundharmonikaspieler und Sänger Matthew Kelly, der schon seit Beginn der 60er Jahre mit seiner Gruppe St. Matthews Blues Band unterwegs gewesen war, auf die beiden Musiker Dave Torbert (Bass) und Chris Herold (Schlagzeug) traf, die zu der Zeit in einer Band namens The New Delhi River Band spielten, einer Band, in welcher auch David Nelson gespielt hatte. Matthew Kelly trat dieser Band bei, die jedoch bald auseinanderfiel. In der Folge formierten Kelly, Dave Torbert und Chris Herold gemeinsam die Gruppe Shango, welche jedoch dermassen unbekannt und erfolglos blieb, dass sie sich dazu entschloss, als reine Begleitband zu agieren. Sie tat dies als Backing Band für den Sänger und Schauspieler Don Johnson. Unter dem Bandnamen Horses veröffentlichten sie mit Johnson die LP "Album Number One", auf welcher sich bereits einige Nummern befanden, welche später auch ins Repertoire der Band Kingfish Einzug halten sollten: "Cheyenne", "Jump For Joy" (damals noch "Run Rabbit Run" genannt), "Overnight Bag" und "Asia Minor". Als auch das Album der Band Horses erfolglos blieb, trennten sich die Musiker und verteilten sich erst einmal in verschiedene Windrichtungen. Der Bassist Dave Torbert stieg bei den erfolgreichen New Riders Of The Purple Sage ein, Matthew Kelly verliess die USA und versuchte sein Glück in England, wo er der Gruppe Gospel Oak beitrat, einer Countryrock- und Bluesrock-Formation, welche im Jahre 1970 auch ein Album veröffentlichte. Im Jahr darauf verliess er die Band jedoch bereits wieder und kehrte zurück nach Kalifornien, wo er seine alten Kontakte wieder reaktivierte. Zusammen mit Chris Herold gründete er eine neue Band mit Namen Mountain Current, die sich 1972 in Lonesome Janet umbenannte. Bei dieser umbenannten und gleichzeit auch umbesetzten Gruppe spielte später der Gitarrist Robbie Hoddinott mit, der auch gleich den Bassisten Dave Torbert dazu bewog, die New Riders Of The Purple Sage wieder zu verlassen und mit ins neue Boot zu steigen. Als Torbert der Band beitrat, gab sie sich den Namen Kingfish. Diese vielen Aktivitäten der Banmitglieder, noch lange vor der Gründung von Kingfish zeigen, dass die Musiker schon sehr viel Erfahrung mitbrachten, als sie unter dem neuen Banner anfingen, in den Clubs zu spielen. Die erste fixe Besetzung von Kingfish lautete: Matthew Kelly, Chris Herold, Dave Torbert, Robbie Hoddinott und Mick Ward, der ebenfalls von der Band Mountain Current, resp. Lonesome Janet, in welcher er als Keyboarder spielte, gekommen war. Kurz darauf buchten die Musiker auf eigene Rechnung ein Tonstudio, um erste Aufnahmen zu machen. Zeitgleich spielten sie immer mehr Gigs in der gesamten Bay Aera. Ein tragisches Unglück überschattete indes die Aufbruchstimmung in der Band, als Mick Ward 1973 bei einem Autounfall ums Leben kam. Die Band ersetzte den verstorbenen Ward indes nicht, sondern spielte in der Folge als Quartett weiter. Im darauffolgenden Jahr schloss sich der Grateful Dead-Musiker Bob Weir der Gruppe an. Weir war ein langjähriger Freund von Matthews Kelly, die beiden kannten sich seit der Kindheit. Bob Weir's Eintritt in die Band hatte gravierende Folgen für die Band, denn einerseits war die Aufnahme eines so prominenten Musikers bei Kingfish ein Segen, gleichzeitig war es aber auch ein Fluch, wie sich später noch herausstellen würde.
Durch den Zuwachs um Bob Weir stieg unvermittelt auch das öffentliche Interesse an der Band Kingfish, und zwar auch das Interesse der Plattenindustrie. In der Tat unterzeichnete die Gruppe auch bald darauf ihren ersten Plattenvertrag beim Dead-eigenen Label Round Records. Ab jetzt wurde die Band Kingfish allerdings je länger je mehr als blosse Begleitband von Bob Weir wahrgenommen. Weir selbst sah in der Gruppe Kingfish jedoch nie eine blosse Begleitband oder gar einen Grateful Dead Offshot, sondern sah seine Rolle klar als Gitarrist und Sänger in der eigenständigen Band Kingfish, der jedoch das bald folgende Debutalbum auch produzierte und dafür sorgte, dass zumindest mit dem Frontcover der Platte auch ein Bezug zum kunstvollen Coverdesign von Grateful Dead entstand. Das 1976 erschienene Album verkaufte sich sehr gut, auch, weil viele Deadfans das Werk natürlich kauften und auch die Konzerte von Kingfish besuchten. Eine nachfolgende Platte mit einem Konzertmitschnitt, der noch im selben Jahr mitgeschnitten wurde, kam nie offiziell auf den Markt. Erst im Jahre 2015 erschien es als inoffizielle Veröffentlichung unter dem Titel "Live At The Calderone '76" auf Shady Grove Records. Das zweite offizielle Album der Gruppe Kingfish war allerdings ebenfalls ein Live-Werk. Es erschien aber erst nach dem Weggang von Bob Weir, der wieder aus der Band austrat, um sich ausschliesslich seiner Hauptverpflichtung bei Grateful Dead zu widmen. Trotzdem blieb er der Band Kingfish treu erhalten, spielte immer wieder als Gastmusiker, sowohl auf nachfolgenden Platten, als auch auf Konzerten mit. Ende 1976 verliess allerdings nicht nur Bob Weir die Gruppe, auch Robbie Hoddinott verliess Kingfish. Immer schneller drehte sich das Personalkarrussell, sodass schlussendlich der Gründer Matthew Kelly die einzige personelle Konstante bei Kingfish blieb. Selbst Kelly's späteres Soloalbum "A Wing And A Prayer" kann im Grunde als ein Kingfish-Werk angesehen werden, denn darauf spielten fast ausschliesslich ehemalige Kingfish-Musiker. Der Plattenvertrag mit Jet Records, der 1977 bereits das offizielle Live-Album "Live 'N' Kickin'" abwarf, führte 1978 zur Veröffentlichung des dritten Studioalbums "Trident", das einen markanten stilistischen Wandel innerhalb der Band markiete. Die bluesigen Elemente wie noch auf dem Debutalbum und vor allem auf dem Live-Werk präsentiert, waren fast gänzlich verschwunden. Stattdessen zeigten sich Kingfish als eine sehr süffige, sonnige und äusserst laidbacke Westcoast Poprock-Band. Der das Album eröffnende und sehr frische Track "Hard to Love Somebody" war in seiner Coolness und Leichtigkeit meilenweit vom bluesigen Jamming der frühen Jahre entfernt. Ein absolut wundervoller Einstieg in eine ziemlich andere akustische Welt war das. Die beiden nächsten Songs des Albums, "Cheyenne" und "Hurricane", ersterer seit der Frühphase der Band im Repertoire und nun erstmalig auch eingespielt und veröffentlicht, präsentierten lufitg-leichten Westcoast-Sound, während das nachfolgende "Hurricane" dem Titel entsprechend recht (blues-)rockig ausfiel und durchaus an die Allman Brothers erinnerte, vor allem seines Slidegitarren Solos wegen, das von Michael O'Neill gespielt wurde, der den Song auch mitkomponiert hatte. Schönster Moment auf der ersten Seite des Albums war das verträumte und das einzige mit bluesigen Untertönen ausgestattete "Magic Eyes", das mit wundervollem mehrstimmigem Gesag brillierte und ungewöhnlich schöne Sologitarrenklänge präsentierte, die über weite Strecken an Craig Chaquico von Jefferson Starship erinnerten. Bei "Magic Eyes" spielte der Capricorn Records-Scout und Allman Brothers Protége Johnny Sandlin den Bass. Mit der B-Seite zeigten Kingfish ein etwas breiter gestreutes stilistisches Feld, das mit dem Opener "Movin' Down The Highway" und den nachfolgenden Stücken "Hawaii", "You And I", "Feels So Good" und "Take It Too Hard" so ziemlich jede Stimmungslage einfangen konnte, das man von einer typischen Westcoast-Truppe erwartete. Kurzum: die Platte hatte so ziemlich nichts mehr mit dem hippiesken Grateful Dead-ähnlichen Sound der beiden vorangegangenen Werke zu tun. Dank der weiterhin bestehenden intensiven Kontakte zu Bob Weir und Grateful Dead erhielt die Band Kingfish jedoch immer wieder auch die Möglichkeit, weitere Platten zu veröffentlichen, die dann vor allem in den 80er Jahren auf dem Label Relix Records erschienen. Da die Plattenfirma Jet Records nach den relativ schlechten Verkaufszahlen der LP "Trident" ihren Vertrag nicht mehr verlängerte, trennten sich Kingfish, um fast sieben Jahre später dank der Connection zu Bob Weir, Grateful Dead und letztlich Relix Records wieder zusammenzukommen und schliesslich ab 1985 auch wieder Platten zu veröffentlichen. Ein erstes im selben Jahr herausgebrachtes Album mit dem schlichten Titel "Kingfish" umfasste lediglich frühe Aufnahmen der Gruppe, die bis dato noch nicht veröffentlicht worden waren und aus der Zeit zwischen 1973 und 1980 stammten. Eine der ersten Aufnahmen war hier der Titel "Mess Around" von 1973. Bei diesem Album zeigte sich auch, wie viele unterschiedliche Musiker bei der Gruppe im Laufe bei der Band gespielt hatten, denn die Stücke klangen alle recht unterschiedlich, was dem Werk natürlich nicht wirklich einen sogenannten roten Faden beschied. Für Fans aber war diese Veröffentlichung endlich mal wieder ein Lebenszeichen ihrer Lieblinge. "Alive in Eightyfive" folgte sogleich und präsentierte ältere und neuere Liveaufnahmen der Band. Danach waren Kingfish noch einige Zeit aktiv, trennten sich jedoch erneut und für viele Jahre. 1999 kam es zu einer Reunion, in dessen Folge ein neues Studioalbum mit dem Titel "Sundown On The Forest" auf Phoenix Rising veröffentlicht wurde. Hier spielte Matthew Kelly wieder mit vielen seiner ehemaligen Musikkumpels aus der gesamten Bay Aera zusammen ein topmelodisches, hochmotiviertes Album ein, das aber leider trotz der Beteiligung von Jerry Garcia und Bob Weir, sowie Jenni Muldaur, der Tochter von Maria Muldaur, wiederum kein grösseres Medienecho auslöste, weshalb dieser Reunion-Versuch von Kelly auch nicht weiter verfolgt wurde. 2015 folgte dann noch das bereits erwähnte Live-Dokument vom Auftritt im Jahre 1976 in der Calderone Concert Hall, Hempstead, New York vom 27. März 1976, das als inoffizielle Platte bereits vorher kursierte. Nun authorisiert von Matthew Kelly und nachbearbeitet, zeigte es unter dem Titel "Bob Weir & Kingfish - Minglewood Blues" ein Potpurri der herausragenden Kompositionen der frühen Jahre der Gruppe, die leider nie den Erfolg feiern konnte, der ihr zugestanden hätte.
Jun 15, 2017
THE VIBRATORS - V2 (Epic Records EPC 82495, 1978)
Die Vibrators gingen im Jahre 1976 in folgender Besetzung an den rasanten Start: Ian 'Knox' Carnochran (Gesang und itarre), Pat Collier (Bass), John Ellis (Gitarre) und John 'Eddie' Edwards (Schlagzeuger). Für eine waschechte Punkband waren sie eigentlich schon ziemlich alt, zumindest Ian Carnochan, der, geboren 1945, sieben Jahre älter war als Joe Strummer und sogar elf Jahre älter als John Lydon. Aber auch seine Mitmusiker waren breits Mitte 20, also recht unüblich für eine junge Band, die der Punkszene nahestand. Trotzdem waren sie Punkmusiker mit Leib und Seese: Attitüde, Kleidung, Musik oder Text, alles war auf kompromisslosen Punk ausgelegt. Die Songs waren, wie es sich gehört, kurz und griffig. Verglichen mit den Sex Pistols waren die Vibrators wenig nihilistisch und gegenüber The Clash noch weniger politisch. Ihre Songtexte auf dem Debutalbum "Pure Mania" hatten zwar mit Teenager Frustrationen zu tun, aber das ging mehr in die Richtung irgendwelcher Beziehungskisten. Anfänglich wurden die Vibrators als so etwas wie die neuen Rolling Stones gefeiert, was allerdings eher etwas weit hergeholt erscheint. "Pure Mania" ging zweifellos gut ab, und wenn sich die Band in einigen Stücken ein bisschen in die Nähe rüpeliger 60s Garagerockern bewegte, wie etwa bei dem Kracher '"She''s Bringing You Down", dann konnte man durchaus eine gewisse Nähe zu den damaligen Epigonen erkennen. Doch die Vibrators waren wesentlich schneller, dreckiger, härter und im Grunde ein Rock'n'Roll Ueberfallkommando, das wie eine kompromisslose Walze alles niedermähte, was an Restmusikgeschmack noch irgendwo achtlos herumlag. Das allgemein als anerkannt schwereres zweites Album schulterten die Vibrators meisterhaft. Im Gegenteil, sie klangen sogar noch melodischer und abwechslungsreicher als auf ihrem Debutalbum. Zwar nicht so abwechslungsreich wie vielleicht The Clash bie derem "London Calling", aber innerhalb der gesteckten Grenzen des frühen Punks dürfte dies eine der abwechslungsreichsten Platte seiner Zeit gewesen sein. Los ging es mit dem Opener "Pure Mania": Ein Spass, den sich die Band machte, nachdem ihr Debutalbum ja den gleichen Titel trug - bei dem anfangs ein Brummen zu vernehmen war, dann Stille, dann eine Explosion. War das jetzt ein abgestürztes Flugzeug oder eine Bombe ? Egal, nun bretterten die Vibrators richtig heftig in den Song, der von einer reichlich abgedrehten Familie handelte: "You're The Psychotic Daughter Of A Psychotic Mother". Am Schluss waren noch einmal Fetzen von Songs der Erstlingsplatte zu hören. Es war ein perfekter Einstieg in eine schrille und heftige Punkplatte. Gegenüber dem Erstling waren die Vibrators deutlich politischer und sozialkritischer geworden, was man besonders bei dem geradezu hasserfüllten "Destroy" hören konnte, aber auch bei "Wake Up", "War Zone" oder dem abschliessenden "Troops Of Tomorrow", das trügerisch leise begann und sich dann langsam steigerte, zwar nicht an Schnelligkeit, aber an Lautstärke. Der bedrohliche musikalische Unterton, der den Song während seiner gesamten Länge durchzog, fand auch im Songtext seinen Niederschlag: "We Need A New Solution, We Want It Quick". Seltsamerweise erkannte man die Qualität des Songs erst richtig bei der Coverversion der Band Exploited, einer weitaus radikaleren Band. Zwischendrin fanden sich immer wieder musikalische Überraschungen wie die straffen, fast schon disziplinierten "Automatic Lover" oder "Flying Duck Theory", bei welchem man zu Beginn hören konnte, wie Jemand im Radio einen Sender sucht. Das Wort "Berlin" war deutlich herauszuhören. Die Vibrators nahmen die Platte in Berlin auf und vielleicht war das ein Grund, warum "Pure Mania" textlich so düster ausfiel. David Bowie war bei "Heroes" ja auch von der Faszination der Stadt Berlin inspiriert. Genauso dürfte das beim Titel "Nazi Baby" gewesen sein, bei dem sie allerdings nur im Titel mit der deutschen Vergangenheit spielten. Der Text selbst war eher ein Liebeslied. Etwas merkwürdig erschien das schon, zumal die Vibrators sich nach eigener Aussage in Berlin wohlgefühlt hatten. Auf jeden Fall war "Nazi Baby" der vielleicht beste Track der Platte. Schon der Eingangsriff haute einen förmlich vom Hocker, dann folgte ein mörderisches Gitarrensolo, das vielleicht härteste des frühen britischen Punks, und zum Schluss wurde der Zuhörer tatsächlich mit Geigenklängen aus diesem Knallersong entlassen. "Fall In Love" war dann der Versuch, so was wie den heftigen Track "Baby Baby" vom Debutalbum zu wiederholen, der Song kam an dieses kleine Monster aber nicht ganz heran. Und dann gab es noch das winzige "Sulphate", ein fast witziger Song mit himmlischen Chören. Mit dem Zweitling "V2" hatten sich die Vibrators selbst übertroffen, und das Album wurde zu einem Meilenstein des frühen britischen Punks, der zudem immerhin auf Platz 33 der Charts landete, was für eine Punkplatte sehr beachtlich war. Weil sich die Vibrators anderen Musikstilen recht offen zeigten, und ganz besonders hier auf ihrem zweiten Werk "V2" dies auch in ihren Kompositionen deutlich machten, darf man dieses Album durchaus als eines der qualitativ hochwertigsten aus jener Zeit bezeichnen. Als Mittelding etwa zwischen den rüden und amateurhaften Sex Pistols und der Raffinesse der hochklassigen The Clash waren die Vibrators ziemlich genau in der Mitte angesiedelt.
Jun 14, 2017
ANATHEMA - A Fine Day To Exit (Music For Nations CDMFN260, 2001)
Anathema (griechisch für 'das Gottgeweihte', 'die Verfluchung', 'der Kirchenbann', 'das Anathema') ist eine britische Band, die sich vom atmosphärischen Death Doom und dem Gothic Metal zu einer sehr eigenen Form des melancholischen Alternative Rock entwickelt hat. Gegründet wurden Anathema unter dem Namen Pagan Angel im Jahre 1990 als Death Doom Band von Vincent und Danny Cavanagh zusammen mit dem Sänger Darren White, dem Bassisten Duncan Patterson und dem Schlagzeuger John Douglas in Liverpool. In dieser Zusammensetzung entstand im Jahre 1991 das erste Demo "An Iliad of Woes". Besonders im Vorprogramm bekannter englischer Death Metal Bands wie Bolt Thrower und Paradise Lost erlangten sie lokale Bedeutung, die sich durch das zweite Demo "All Faith Is Lost" noch erhöhte. Die nachfolgende Single "They Die" erschien bei dem kleinen Plattenlabel Witchhunt Records in der Schweiz und erregte die Aufmerksamkeit der Plattenfirma Peaceville Records, welche die Band Anathema danach unter Vertrag nahm. 1992 erschien Anathema's "Lovelorn Rhapsody" auf dem einem Peaceville Records Sampler, einen Monat später die EP "Crestfallen". Danach spielten Anathema als Vorgruppe bei der Death Metal Band Cannibal Corpse. 1993 veröffentlichten Anathema dann ihr erstes Album "Serenades", das gute Kritiken erhielt. Auf diesem Album war zumeist tiefes Death Metal-ähnliches Shouting zu hören. Mit Keyboard-Passagen und weiblichem Gesang wies es die später für den Gothic Metal als prägend bezeichneten Elemente auf. Das Video zum Titel "Sweet Tears" wurde auch bei MTV's 'Headbangers Ball' gespielt. Es erschlossen sich für die Band Tourneeaktivitäten mit Cradle Of Filth, Pyogenesis und My Dying Bride. Anfang 1995 folgte mit "Pentecost III" eine weitere EP der Band, im Mai 1994 aufgenommen, die aber mit einer Gesamtspielzeit von über 41 Minuten LP-Länge aufwies. Im gleichen Jahr stieg der Sänger Darren White aus und gründete The Blood Divine, Gitarrist Vinnie Cavanagh übernahm auch diesen Part. Ohne White wurde im selben Jahr das Album "The Silent Enigma" aufgenommen. Der Gesang war auf diesem, wie auch auf der vorangegangenen EP, teilweise als höheres Shouting angelegt, teilweise auch monoton gesprochen. Die Musik war aber immer noch am Doom Metal und mit einigen orchestralen Keyboard-Einsätzen und etwa dem weiblichen Gesang bei "Alone" deutlich am Gothic Metal orientiert. Das 1996 erschienene Album "Eternity" ging einen deutlichen Schritt weiter. Zwar enthielt es noch zum Teil die typischen Gothic Metal Elemente, aber nun erstmals klaren Gesang, die Keyboards dominierten nun die Musik. Eine Tournee mit Trouble und Massacra folgte. Mit "Vision Of A Dying Embrace", einer Sammlung von Videos sowie einem kompletten Konzertmitschnitt, erschien 1997 eine Videokassette. Im selben Jahr verliess John Douglas die Gruppe, kehrte jedoch bereits ein Jahr später, jedoch erst nach den Aufnahmen zu "Alternative 4", zu Anathema zurück. In der Zwischenzeit wurde er durch den früheren Solstice Schlagzeuger Shaun Steels ersetzt. Nach den Aufnahmen von "Alternative 4" verliess auch der Bassist und Songschreiber Duncan Patterson die Band und widmete sich in den folgenden Jahren vorrangig seiner neu gegründeten Band Antimatter. Ersatz für das ausgestiegene Gründungsmitglied fanden Anathema in Dave Pybus. Nach dem Album "Judgement" wechselte Keyboarder Martin Powell, der gerade erst bei My Dying Bride ausgestiegen war und bei Anathema begonnen hatte, zu Cradle of Filth, von diesen stiess dafür Les Smith zu Anathema. Auf dem folgenden Album "A Fine Day To Exit" entwickelten Anathema ihren Stil weiter. Die Songs wurden immer atmosphärischer und die Songstrukturen etwas weniger komplex. Akustische Gitarren und Keyboardeinsätze zeichneten die melodischeren Lieder aus, in die nur gelegentlich kraftvollere Passagen eingestreut wurden. Die nun zugänglicheren Songs erinnerten teilweise eher an Pink Floyd als an die Anfangstage der Band. Dave Pybus blieb bis nach den Aufnahmen zu "A Fine Day To Exit" und wechselte dann ebenfalls zu Cradle of Filth, bald darauf ging auch Gründer Danny Cavanagh und wechselte kurz zu Antimatter, kehrte jedoch wieder in die Band zurück. Produziert wurde dieses Album von Nick Griffith, der auch Pink Floyd und Mansun produziert hatte. "A Fine Day To Exit" war das inzwischen sechste Studioalbum der Gruppe. Es wurde am 9. Oktober 2001 beim Label Music for Nations veröffentlicht. Das Album, mit Nick Griffiths in Liverpool und Lincolnshire aufgenommen und von Colin Richardson abgemischt, war ein Album, das mit der Metal-Vergangenheit der Band nicht mehr in Verbindung zu bringen iwar. Stattdessen dominierten meist ruhige, melodische und atmosphärische, nur selten, wie bei "Panic", durch höheres Tempo unterbrochene Stücke. Einflüsse wurden bei britischen Bands wie Radiohead, Pink Floyd und den Beatles gesehen. Das letzte Stück "Temporary Peace" endete nach sechs Minuten mit dem Geräusch von Wellen, die auf einen Strand rollen. Nach weiteren zwei Minuten waren Schritte zu hören, es begann ein Monolog einer Person, die leise offenbar zu sich selbst sprach. Auch eine andere Stimme war zu hören. Danach folgte ein drei Minuten langer versteckter Song im Country-Stil (!), der auf dem Album nicht betitelt war. Das Album erreichte in Deutschland Platz 95 in den Charts. Alex Henderson von Allmusic schrieb, die Band habe ihre Faszination für die dunkle Seite nicht verloren. Das Album sei nicht das, von dem Headbanger träumten, aber ein zufriedenstellendes Kapitel in der Geschichte von Anathema. Er vergab drei von fünf Sternen. Breda Massmann schrieb im Magazin Rock Hard, Anathema's dicht gewobene Soundscapes schienen auf der Platte noch zerbrechlicher als auf dem Vorgänger "Judgement". Die Band habe ihren Stil sehr detailliert verfeinert und die Intensität ausgebaut. Sie vergab 8,5 von zehn Punkten. Das Plattencover, das laut Booklet von Travis Smith nach einem Konzept von Les Smith, Vincent Cavanagh und einem Glas Guinness gestaltet worden sei, zeigte das Bild eines Strandes und des Meeres aus Sicht der Frontscheibe eines Autofensters. Über den Strand waren Schuhe und Kleidung einer Person verteilt. Vor dem Tacho des Wagens war das Bild einer dreiköpfigen Familie, Mann, Frau, Sohn zu sehen. Am Armaturenbrett klebte ein Memo-Klebezettel mit dem Albumtitel. Auf dem Handy, das neben einer Pistole, Tabletten und einer Flasche Jack Daniels auf dem Armaturenbrett lag, wurde ein Anruf in Abwesenheit angezeigt. Im Rückspiegel war das Augenpaar einer Person zu sehen. Das rückseitige Cover zeigte einen Wagen aus der Innenperspektive auf dunkler Landstrasse. Im Scheinwerferlicht tauchte schemenhaft das Bild eines Kindes auf. Die Songtexte im Booklet waren in einer Collage in gekritzelter Schrift wiedergegeben. Nur eine Nachricht vom 3. Juli 2001: "Hey man, where the fuck are you ?" war in Schreibmaschinenschrift zu lesen. Das siebte Studioalbum von Anathema, im Jahre 2003 beinahe komplett von Danny Cavanagh geschrieben, war danach "A Natural Disaster". Die Bandbesetzung bestand nun und in der Folge nach den vielen Wechseln konstant aus den Gebrüdern Danny, Vincent und Jamie Cavanagh, dem ursprünglichen Schlagzeuger John Douglas und Les Smith. In der Folgezeit hatten Anathema keinen Plattenvertrag, arbeiteten aber dennoch an neuem Songmaterial. Drei neue Stücke standen zunächst auf der Homepage der Band zum Download bereit. Im Herbst 2007 trat die Band als Support einiger Konzerte von Porcupine Tree auf. Am 25. August 2008 wurde das semi-akustische Album "Hindsight" durch das Label K-Scope veröffentlicht. Das Album enthielt eine Zusammenstellung älterer Songs in neuen Versionen sowie ein komplett neues Stück. Im Mai 2010 erschien das nächste Studioalbum der Band, "We’re Here Because We’re Here". Steven Wilson, der Sänger und Songwriter von Porcupine Tree, stand am Mischpult. Am 13. September 2011 gaben Anathema auf ihrer Website den Austritt von Keyboarder Les Smith aufgrund musikalischer Differenzen bekannt. Im April 2012 veröffentlichte die Band das Album "Weather Systems", das den Weg der Band hin zu immer melodiöseren Songs mit ausgeprägt melancholischer Grundstimmung fortsetzte. Nach Erscheinen des Albums begann in Polen eine Tournee durch Europa, welche sich von April bis November 2012 erstreckte und die Band in der Folge auch nach Deutschland, Belgien, die Niederlande, Italien, die Schweiz, Frankreich, England, Schweden, Litauen und Österreich führte. Seit November 2012 war Live-Keyboarder Daniel Cardoso vollwertiges Mitglied der Band. Von der Weather Systems Tour erschien im September 2013 der Livemitschnitt des Konzertes von Plowdiw in Bulgarien. Mit "Distant Satellites" veröffentlichten Anathema im Juni 2014 ihr zehntes Studioalbum. Im Zuge der Veröffentlichung gab es einige Umstrukturierungen in der Band. Daniel Cardoso wechselte ans Schlagzeug. Bei Liveauftritten wechselten sich Daniel Cardoso und John Douglas am Schlagzeug ab. In den Passagen wo Daniel Cardoso am Schlagzeug spielt, übernahm John Douglas die Perkussionsinstrumente. Wenn John Douglas am Schlagzeug spielte, übernahm Daniel Cardoso das Keyboard. Zeitweise übernahm auch Danny Cavanagh das Keyboard. Anathema gelten bis heute wohl auch aufgrund ihrer grossen Personalbewegungen als eine der wandlungsfähigsten und interessantesten neueren Bands im Bereich Progressivem Rock in vielen seiner Schattierungen.