Oct 5, 2017

 
THE SOFT MACHINE - The Soft Machine (ABC Probe Records CPLP 4500 X, 1968)

Die britischen Soft Machine zählen zu den Pionieren des Canterbury Sound zählt. Die Band entstand ursprünglich im Jahre 1966 in Canterbury in England und spielte dort anfangs eine zentrale Rolle in der Musikszene. The Soft Machine war der Titel eines Romans von William S. Burroughs, nach dem sich die Gruppe benannte. Sie bestand in ihrer ersten Inkarnation aus dem australischen Beatnik Daevid Allen (Gitarre), zwei Mitgliedern der Gruppe Wilde Flowers, und zwar der später auch solo sehr erfolgreiche Kevin Ayers (Bass), sowie Robert Wyatt (Schlagzeug, Gesang) und Mike Ratledge (Keyboards), der schon 1962 mit Allen, Wyatt und den Brüdern Brian und Hugh Hopper musiziert hatte und live aufgetreten war. Daevid Allen hatte den Schriftsteller William S. Burroughs in Paris kennengelernt und von diesem die Erlaubnis zur Verwendung des Gruppennamens erhalten.

Von Anfang an setzten The Soft Machine auf ein eigenes künstlerisches Konzept. Sie experimentierten mit Lightshows und Tonband-Collagen. Es entstanden erste Demoaufnahmen, die erst 1981 auf dem Album "At The Beginning" veröffentlicht wurden. Die zu dieser Zeit entstandenen Aufnahmen bewegten sich musikalisch noch sehr im kompakten Format üblicher Popsongs. Kurzzeitig spielte auch der Gitarrist Andy Summers mit, er verliess die Band aber bald wieder. Als nach einem Engagement in Frankreich Daevid Allen die Wiedereinreise nach Grossbritannien verweigert wurde, blieb er in Frankreich und gründete die Band Gong und The Soft Machine nahmen als Trio ihre erste LP auf, "The Soft Machine" (1968). The Soft Machine gehörten in den Jahren 1967 und 1968 zu den Hausbands des legendären UFO Club in London, wo sie oft gemeinsam mit Pink Floyd auftraten, die ebenfalls in der dortigen Lokation als Geheimtipp galten und regelmässig ihre psychedelischen Shows ablieferten.

Nach einer ausgedehnten Tournee durch die Vereinigten Staaten, auf der sie als Vorgruppe von Jimi Hendrix auftraten, stieg Kevin Ayers aus der Band aus. Es wurde Ersatz gesucht und gefunden: Hugh Hopper, der bisher als Roadie der Band aktiv war. Dazu kam als Saxophonist sein Bruder Brian, ebenfalls ein Mitglied der Wilde Flowers. Hugh's ausdrucksstarkes Spiel am Bass und seine Qualitäten als Komponist sollten die Band für längere Zeit prägen. In dieser Besetzung wurde 1969 dann auch das zweite Album aufgenommen, schlicht "Volume Two" betitelt. Charakteristisch gegenüber dem vorangegangenen Album traten nun noch stärker typische Jazzharmonik, ungerade Metrik und durch Hugh Hopper eine dichtere Rhythmussektion in den Vordergrund. Etwa zur gleichen Zeit legten Soft Machine auch das vormals im Bandnamen verwendete 'The' ab.

Kurzzeitig wurde die Gruppe durch den Jazzpianisten Keith Tippett und drei Musiker seiner Band verstärkt: Mark Charig (Trompete), Nick Evans (Zugposaune) und Elton Dean (Alto Saxophon), der schliesslich auch zum vierten ständigen Mitglied der Gruppe Soft Machine wurde. In dieser Formation wurden einige Konzerte bestritten und ein Teil des dritten Albums "Third" aufgenommen. Dieses Doppelalbum wurde von der Kritik hochgelobt und zeigte auch die Entwicklung der Gruppe in Richtung komplexerer Rhythmen und ausgedehnter Instrumentalstücke. Es galt schliesslich zusammen mit Miles Davis' "Bitches Brew" als eines der bedeutendsten frühen Dokumente der Fusion von Jazz und Rock und als die beste Platte von Soft Machine. Im Jahre 2007 veröffentlichte die Plattenfirma Sony BMG Records eine restaurierte CD-Version mit überarbeitetem Klang und mit einer Live Bonus CD mit BBC-Aufnahmen, die zuvor schon 1988 unter dem Titel "Live At The Proms" im Jahre 1970 erschienen waren. Während diese erste frühe Phase von Soft Machine zweifellos als die innovativste und anspruchsvollste der Gruppe galt, veränderte sich ihre Musik auf den weiteren Alben zunehmends in eine jazzigere Richtung, was zu internen Kontroversen führte.

Robert Wyatt, der gerne mehr Gesang eingebracht hätte, verliess nach dem vierten Album, das den schlichten Titel "4" trug, ausschliesslich im Studio entstand und nur Instrumentalstücke beinhaltete, 1972 die Band. Für die Aufnahmen waren wieder Charig und Evans dazugekommen, aber auch noch Roy Babbington (Kontrabass), Jimmy Hastings (Alt-Flöte und Bass-Klarinette) und Alan Skidmore (Tenor-Saxophon). Das Ergebnis war fast eine Art Big Band Sound mit Einflüssen aus John Coltrane's Musik und dem europäischen Free Jazz. Auch dieses Album fand bei der Musikkritik hohe Anerkennung. Wyatt hingegen gründete 1971 sein Unternehmen Matching Mole. Mit dem Namen, einer französisierenden Verballhornung ('machine molle') von Soft Machine, artikulierte er zugleich den alten Anspruch der Band, Musik und Gesang nicht voneinander zu trennen. Die beiden LP-Seiten des fünften Albums "5" wurden mit zwei verschiedenen Schlagzeugern aufgenommen: Zuerst kam Phil Howard, mit dem Soft Machine im Herbst 1971 bei den Donaueschinger Musiktagen auftraten. Er verliess die Gruppe aber bereits nach kurzer Zeit und als Nachfolger kam John Marshall. Mit diesem Album gingen Soft Machine den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Alle Stücke waren ausschliesslich instrumental gehalten und mit zum Teil komplizierten Rhythmus- und Harmoniewechseln versehen.

Durch John Marshall entwickelte sich die Musik in Richtung Jazzrock, das wiederum war nicht im Sinne von Elton Dean, und dieser verliess daher die Gruppe 1972. Seinen Platz nahm der Oboist, Saxophonist und Keyboarder Karl Jenkins von Ian Carr's Nucleus ein. Das daraufhin entstandene Doppelalbum "Six" zeigte bereits starken Einfluss von Marshall und dem neu hinzugekommenen Jenkins. 1973 verliess auch Hugh Hopper das Ensemble. Sein Nachfolger Roy Babbington, der schon beim 4. Album zusätzlich zu Hopper's E-Bass als Kontrabassist mitgewirkt hatte, war jetzt ab den Aufnahmen des siebten Albums "Seven" als einziger Bassist dabei. Der Wandel in Richtung Fusion war nun endgültig vollzogen, die Stücke waren wieder kürzer und rhythmisch geradliniger. Mit dem nächsten Album "Bundles" (1975) ergänzte Allan Holdsworth mit seinem energischen Gitarrenspiel Soft Machine's Sound um ein weiteres Melodie-Instrument. Das Album erinnerte streckenweise an John McLaughlin's Mahavishnu Orchestra. Auf dem nachfolgenden Werk "Softs", veröffentlicht 1976, wurde Holdsworth durch John Etheridge und Jenkins durch Alan Wakeman ersetzt. Nach Erscheinen dieses Albums verliess mit Mike Ratledge auch das letzte bei Soft Machine noch übrig gebliebene Gründungsmitglied die Gruppe. Soft Machine lösten sich offiziell niemals auf, die Aktivitäten wurden aber immer sporadischer. 1978 erschien "Alive And Well", das aus Konzerten mit demselben Titel entstand, doch nach der reinen Studioaufnahme "Land Of Cockayne" (1981), die trotz prominenter Beteiligung  mit unter anderem Jack Bruce am Bass, weder bei der Kritik noch beim Publikum Anklang fand, stellten Soft Machine den Betrieb endgültig ein.

Nach langer Pause reformierte sich die Band jedoch im Jahre 1999 unter dem geänderten Bandnamen Soft Ware in der Besetzung Elton Dean, Hugh Hopper, John Marshall und Keith Tippett. 2002 stieg Tippett wieder aus und Allan Holdsworth kam, worauf sich die Band den Namen Soft Works gab. Nach einer weiteren Umbenennung in Soft Machine Legacy spielte die Band seit Herbst 2004 in der Besetzung Elton Dean, Hugh Hopper, John Marshall und John Etheridge und veröffentlichte drei Alben: "Live In Zaandam" (2005) und das Studioalbum "Soft Machine Legacy" (2006) sowie die Live-DVD "Live At The New Morning" (2006). Nach dem Tod von Elton Dean im Februar 2006 spielte Theo Travis mit. Diese Besetzung veröffentlichte im August 2007 das im Dezember 2006 im Studio von Jon Hiseman aufgenommene Album "Steam". 2008 spielte Roy Babbington wegen Hugh Hopper's Erkrankung vertretungsweise Bass, nach Hopper's Tod im Jahre 2009 ersetzte er ihn. Der deutsche Fernsehsender WDR produzierte anlässlich der 26. Leverkusener Jazztage am 22. November 2005 einen Mitschnitt, ein halbstündiger Ausschnitt davon wurde Mitte Januar 2006 in der Reihe 'Jazzline' gesendet. Obwohl es sich bei Soft Machine Legacy eigentlich um Soft Machine handelte und die Band von Konzert- und Festivalveranstaltern (etwa auf der Zappanale 2006) meist auch unter diesem Namen angekündigt wurde, verzichten die Mitglieder auf ihren alten Namen.



Oct 4, 2017


VINEGAR JOE - Six Star General (Island Records ILPS 9262, 1973)

Vinegar Joe war eine britische Rhythm'n'Blues-Band um die begnadete Sängerin Elkie Brooks und den nicht minder talentierten Sänger und Gitarristen Robert Palmer. Die Gruppe wurde 1971 gegründet und löste sich nach drei Studioalben 1974 wieder auf. Obwohl Vinegar Joe als hervorragende Live-Band galt, verkauften sich die Alben leider nur mässig. Elkie Brooks' musikalische Karriere begann bereits, als sie 15 Jahre alt war. Mit der Aufnahme des Etta James-Titels "Something’s Got A Hold On Me" gab sie 1964 bei Decca Records ihr Plattendebüt. Den grössten Teil der 60er-Jahre verbrachte sie in der britischen Jazz-Szene. Mit ihrem späteren Ehemann Pete Gage trat sie der kurzlebigen Jazz Rock-Band Dada bei, bevor Brooks, Gage und Robert Palmer schliesslich Vinegar Joe gründeten. Nach drei Alben löste sich die Band 1974 auf, und Brooks und Palmer gingen ihre eigenen Wege. Nach einer Zeit als Background-Sängerin für die amerikanische Southern Boogie-Band Wet Willie kehrte sie nach England zurück. Ihr Solo-Debütalbum "Rich Man’s Woman" von 1975 wurde von der Kritik gelobt, blieb aber kommerziell erfolglos. Der kommerzielle Durchbruch gelang ihr mit dem von Jerry Leiber und Mike Stoller produzierten Nachfolger "Two Days Away" (1977), dem ersten von mehreren Hitalben in Folge, sowie den Hits "Pearl’s A Singer" und später "Sunshine After The Rain" und "Lilac Wine". Ihre Langspielplatten "Shooting Star" (1978), "Live And Learn" (1979), "Pearls" (1981), die überwiegend aus Cover-Versionen bestehende "Pearls II" (1982), "Minutes" (1984) und "Screen Gems" (1985) waren allesamt erfolgreich. Mit "Fool If You Think It’s Over" (1981) von Chris Rea und mit "No More The Fool" (1986) gelangen ihr erneut Hitparadenerfolge. Seither ist Elkie Brooks eine gefragte Live-Interpretin geblieben. Mit "Nothin' But The Blues" kehrte sie 1994 noch einmal zu den Wurzeln ihrer Musikalität zurück.

Robert Palmer's Eltern zogen mit dem dreijährigen Robert nach Malta, wo er seine Kindheit verbrachte. Musik von Künstlern wie Nat King Cole bis Otis Redding übte den Haupteinfluss auf seine musikalische Karriere aus. In England gelangte Palmer als Sänger verschiedener Bands zu regionaler Bekanntheit. Unter anderem war er zu dieser Zeit mit der Band Vinegar Joe erfolgreich, in der er an der Seite von Elkie Brooks als Lead-Sänger fungierte. Nach der Auflösung von Vinegar Joe begannen die beiden Künstler ihre Solokarrieren. Robert Palmer schloss mit Island Records einen ersten Plattenvertrag ab. Sein Debüt "Sneakin’ Sally Through The Alley" im Herbst 1974 beeindruckte allerdings nur die Kritiker und wurde ein kommerzieller Misserfolg. Auch das zweite Album "Pressure Drop" vom Herbst 1975 (unter Mitwirkung des Motown Bassisten James Jamerson und einem Grossteil der Band Little Feat) verkaufte sich nur mässig. Daher änderte Palmer für das Album "Some People Can Do What They Like" die musikalische Richtung und mischte Rock mit Reggae. Damit begann langsam der kommerzielle Erfolg. Mit dem Album "Double Fun" und der daraus ausgekoppelten Singles "Best Of Both Worlds" und "Every Kinda People" gelang ihm im Frühjahr 1978 der Durchbruch. Das Letztere und die erste Single "Bad Case Of Loving You" aus dem Nachfolgealbum "Secrets" waren Mitte 1979 beides Top 20-Erfolge in den US-Charts. 1980 und 1981 hatte Palmer dann seine grössten Erfolge auf dem europäischen Kontinent. Das Stück "Johnny And Mary" war ein Top Ten-Hit in den deutschsprachigen Ländern und ein Dreivierteljahr in den deutschen Charts. Es war in Deutschland eines der bekanntesten Lieder des Briten, obwohl es in seiner Heimat und in den USA kaum zur Kenntnis genommen wurde. Das Album "Clues" und die zweite Single "Looking For Clues" erreichten ebenfalls die Top 10.

Ende 1984 gründete Robert Palmer zusammen mit John Taylor und Andy Taylor von der Band Duran Duran sowie Tony Thompson von Chic die Band Power Station, die im Frühjahr und Sommer 1985 ein paar Hits mit den Titeln "Some Like It Hot", "Get It On" oder "Communication" hatte. Die Band wurde vom Chic-Mastermind und Bassisten Bernard Edwards produziert. Seinen grössten Hit hatte Palmer im Frühjahr 1986, als sein Song "Addicted To Love" es als einzige seiner Singles an die Spitze der Billboard Hot 100 schaffte, die sich dort eine Woche halten konnte und ihm 1987 sogar einen Grammy einbrachte. Im Video dazu sah man Robert Palmer mit einer Band aus fünf Models in schwarzen Miniröcken, die bewusst so ausgewählt wurden, dass sie nicht glaubhaft das Spielen ihrer Instrumente vortäuschen konnten. Ursprünglich hätten die hohen Passagen des Songs von Chaka Khan gesungen werden sollen, was aber durch Differenzen mit ihrer Plattenfirma nicht möglich wurde. Das zugehörige Album "Riptide" verkaufte sich alleine in den USA über zwei Millionen Mal. "I Didn’t Mean To Turn You On" war im Sommer 1986 ein zweiter grosser Hit aus dem Album. Mitte 1988 erschien das Album "Heavy Nova". Palmer gewann einen weiteren Grammy für seinen Song "Simply Irresistible" und mit diesem Album und dem folgenden "Addictions Volume 1", seinem ersten Best Of-Album, hatte er zwei weitere Millionenseller in den USA.

1987 zog Palmer nach Lugano in die Schweiz. Ab Herbst 1990 war er dann wieder in Europa erfolgreich: Zusammen mit der Reggae-Band UB40 hatte er den europaweiten Hit "I'll Be Your Baby Tonight". Sein Song "Life In Detail" gehörte zum Soundtrack des Erfolgsfilms 'Pretty Woman'. Im Frühjahr 1991 hatte er mit einem Medley aus den Hits "Mercy Mercy Me" und "I Want You" von Marvin Gaye seinen letzten grossen internationalen Hit. Im Mai 2003 veröffentlichte Palmer sein letztes Album "Drive", das eine Sammlung von Blues-Interpretationen beinhaltete. Robert Palmer starb am 26. September 2003 im Alter von 54 Jahren in einem Pariser Hotel an einem Herzinfarkt. Er hinterliess fünf Kinder.

Nachdem Elkie Brooks im Februar 1971 Pete Gage geheiratet hatte, änderte sich auch das Leben der Eheleute. Teil dieser Neuordnung war auch das Ende der Jazzrock-Band Dada, in der beide spielten. Chris Blackwell von der Plattenfirma Island Records hatte seinerzeit den Kontakt zwischen Robert Palmer und den Musikern von Dada hergestellt und verfolgte nach dem Ende von Dada das Ziel, eine neue Begleitband für Palmer zu formieren. Dieser setzte sich gegen Blackwell's Pläne durch und Elkie Brooks wurde neben ihm die zweite Sängerin. Mit Gitarrist Pete Gage und Bassist Steve York waren zwei weitere ehemalige Mitglieder von Dada in der neu gegründeten Gruppe. Vervollständigt wurde die erste Besetzung mit Keyboarder Tim Hinkley und Schlagzeuger Conrad Isadore. Namensgebung und musikalische Ausrichtung wurden von Chris Blackwell und Ahmet Ertegün von Atlantic Records vorgegeben. Mit der Unterstützung von Island Records erspielte sich Vinegar Joe bald den Ruf, eine hervorragende Live-Band zu sein. Die Band spielte regelmässig im Marquee Club in London, trat in Fernsehsendungen bis nach Deutschland auf und spielte im Februar 1972 eine Peel Session ein. Unter dem Eindruck des Erfolges beim Publikum nahm die Band das erste Album "Vinegar Joe" auf, das 1972 bei Island Records erschien. Brooks bezeichnete es in ihrer Autobiografie als Schnellschuss, der die Plattenfirma kaum Geld gekostet habe und kaum von ihr beworben wurde. Nur kurz darauf folgte das zweite Album "Rock'N Roll Gypsies", nun mit Mike Deacon als Keyboarder sowie den Schlagzeugern John Woods und Keef Hartley.

1973 folgte das dritte Album "Six Star General". Der Titel war Blackwell's Idee und sollte eine Anspielung auf General Joseph Stilwell sein, dessen Spitzname 'Vinegar Joe' war. Mit 'six star' ('sechs Sterne') sollte auf die Anzahl der Bandmitglieder angespielt werden, den Rang eines Sechs Sterne-Generals gibt es nicht. Trotz der Veröffentlichung dreier Alben innerhalb von weniger als zwei Jahren blieb der kommerzielle Erfolg aus und die Band lebte von den Konzertgagen. Höhepunkt war im Frühjahr 1973 eine USA-Tournee als Vorband von Wishbone Ash. Als später die Popularität der Band abzunehmen drohte, beschlossen Brooks und ihr Ehemann Gage, einen Raubüberfall auf Brooks vorzutäuschen, um so auf die Titelseiten zurück zu gelangen. Doch innerhalb der Band kam es zu Spannungen zwischen Robert Palmer und Elkie Brooks. Beide hielten sich gegenseitig vor, eine Solokarriere anzustreben und die Band nur als Sprungbrett nutzen zu wollen. Laut Brooks war es allerdings Robert Palmer, der mit Hilfe von Chris Blackwell und ohne das Wissen der anderen Bandmitglieder Pläne für seine eigene Karriere machte. Als diese Pläne den anderen Bandmitgliedern bekannt wurden, löste sich Vinegar Joe Ende 1973 auf.

Sängerin Brooks und die anderen ehemaligen Mitglieder stammten aus dem Jazz der späten 1960er Jahre. Doch Chris Blackwell wollte die Musik der Band in Richtung zeitgenössischer Rockmusik und Rock'n'Roll entwickeln, um die kommerziellen Chancen von Vinegar Joe zu erhöhen. Beim Gesang wechselten sich Brooks und Palmer ab, sang Palmer die Leadstimme, fungierte Brooks als Background-Sängerin und umgekehrt. Der Allmusic-Guide nannte Vinegar Joe die Antwort von Island Records auf die amerikanischen Bands wie The Allman Brothers Band. Insbesondere das dritte und letzte Album "Six Star General" beinhaltete etliche akustische Perlen, von denen das vor allem gesanglich beeindruckendste wohl der Rocker "Proud To Be (A Honky Woman)" war, in welchem Elkie Brooks ihre ganze stimmliche Klasse in einem grandiosen Rock'n'Roll-Feuerwerk unter Beweis stellte.







Oct 3, 2017

 
DONALD FAGEN - The Nightfly (Warner Brothers Records 9 23696-1, 1982)

Donald Jay Fagen, geboren am 10. Januar 1948 in Passaic, New Jersey, war der Sänger und Keyboarder des US-amerikanischen Duos Steely Dan. Donald Fagen und Walter Becker lernten sich in den 60er Jahren am Bard College, Annandale on Hudson (New York), kennen. 1972 gründeten sie die Gruppe Steely Dan. Fagen und Becker waren der Kern der Gruppe, und schrieben gemeinsam alle Titel. Bei Studioaufnahmen und Konzerten spielte Walter Becker den Bass und später die Leadgitarre. Donald Fagen spielte die Tasteninstrumente und war in der Regel der Sänger der Gruppe. Die beiden Musiker entwickelten einen sehr eigenen, anspruchsvollen Stil mit Elementen aus Rock, Funk und Blues (unter anderem amerikanisches Songwriting der 30er- und 40er-Jahre). Auch ein ausgeprägter Jazzeinfluss war zu hören, etwa im Stück "Rikki Don’t Lose That Number" (1974), das im Intro den Pianisten Horace Silver zitierte. Im Stück "Parker’s Band" nahmen Steely Dan explizit Bezug auf den Jazzmusiker Charlie Parker. Fast alle Songs waren von Walter Becker und Donald Fagen als Duo geschrieben worden.

Nachdem Becker und Fagen zwischen 1968 und 1971 zahlreiche Demoaufnahmen von Eigenkompositionen, teilweise auch unter Beteiligung von Denny Dias, eingespielt hatten, formierte sich Steely Dan im Jahr 1972 mit folgender Besetzung: Donald Fagen (Gesang und Keyboards), Walter Becker (Bass), Denny Dias (Gitarre), Jeff 'Skunk' Baxter (Gitarre), Jim Hodder (Schlagzeug, Gesang) und David Palmer (Gesang). Auf ihrem ersten Album "Can’t Buy A Thrill" wirkte Elliott Randall als Gastgitarrist mit. 1974 ging die Band auf Tournee. Verstärkt wurde sie hierbei von Michael McDonald (Gesang, Keyboards), Jeff Porcaro (Schlagzeug) und Royce Jones (Gesang und Percussion). 1974 wurde nach der Support-Tour für ihr Album "Pretzel Logic" das Projekt Steely Dan von Fagen und Becker als Duo nur noch im Studio fortgesetzt, wobei sie von einer zunehmenden Anzahl von Studiomusikern bei der Einspielung ihrer Alben unterstützt wurden. Aus der alten Band wurde lediglich Denny Dias gelegentlich als bezahlter Studiomusiker eingesetzt. Auch McDonald und Porcaro wirkten noch vereinzelt mit. McDonald folgte deshalb Baxter zu den Doobie Brothers, Porcaro wurde 1977 neben David Paich, der auch Steely Dan Songs mit eingespielt hatte, einer der Mitbegründer von Toto. Von 1975 bis 1980 produzierten Steely Dan vier von der Kritik hoch bewertete Alben. Nach der Veröffentlichung des Albums "Gaucho" im Jahre 1980 lösten Becker und Fagen ihr gemeinsames Projekt Steely Dan vorerst auf. Ihr grösster gemeinsamer Erfolg war das Album "Aja" von 1977, das Platin-Status erreichte. Das Magazin Rolling Stone listete Donald Fagen und Walter Becker im Jahre 2015 auf Rang 71 der 100 besten Songwriter aller Zeiten. Fagen's Duopartner Walter Becker starb am 3. September 2017.

Zwischen der Auflösung der Band und ihrer Wiedervereinigung brachte Donald Fagen zwei Soloalben heraus, später noch zwei weitere. Fagen erhielt (ebenso wie Becker) 2001 die Ehrendoktorwürde für Musik des Berkley College of Music. Im Oktober 2012 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ein Interview mit Donald Fagen, in welchem es unter anderem um seine neue Platte "Sunken Condos" ging. Besonders sein erstes Soloalbum aber, das 1982 erschienene, von Gary Katz produzierte Konzeptwerk "The Nightfly" erlangte grosse Popularität und erreichte damals Platz 11 in den US-Charts. Das Konzeptalbum war ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Sämtliche Songs des Albums befassten sich mit tatsächlichen oder fiktiven Ereignissen aus der Jugend, die einen jungen Mann in den späten 50er und frühen 60er Jahren beschäftigen, und dem Zeitgeist jener Zeit. Das Albumcover zeigte dazu absolut passend und stilvoll in Szene gesetzt ein Schwarz/Weiß-Foto des Interpreten als Chesterfield King-Zigaretten rauchenden Radiomoderator neben einem Plattenspieler. Das auf dem Tisch liegende Cover einer Sonny Rollins Platte verwies auf den fiktiven Zeitpunkt der Aufnahme in den späten 50er Jahren und die musikalischen Vorlieben des Moderators. In dieser Rolle als Nacht-DJ einer fiktiven Radiostation namens WJAZ in Baton Rouge, der merkwürdige Höreranrufe entgegennahm und einer verflossenen Liebe nachtrauerte, präsentierte sich Donald Fagen auch auf dem Titelsong des Albums.

Die Platte enthielt ausserdem den in den 80er Jahren viel gespielten Song "I.G.Y." über das Internationale Geophysikalische Jahr 1957/58, das Fagen als Symbol wählte, um in halb nostalgischer, halb parodistischer Weise den in seinen Augen naiven Optimismus und die Technologie-Gläubigkeit dieser Zeit darzustellen; der Titel erreichte Platz 26 der amerikanischen Singles-Charts. Ebenfalls populär wurde das mehr als sechs Minuten lange "New Frontier", das eine Prägung John F. Kennedys als Titel trug, der sich damit auf die Grenze ("Frontier") des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts bezog - den nordamerikanischen Westen, den Wilden Westen jener Zeit mit seiner Verheissung von Chancen und Gelegenheiten, die einem Mann noch gestatten sollten sein Glück zu suchen, zu machen in der Konfrontation nur mit der ursprünglichen Natur. Die störenden Ureinwohner mit ihren offensichtlich älteren Ansprüchen fanden keine Aufnahme in diesen, den alten Mythos vom Leben an der Grenze zur Natur, die im Wesentlichen leer imaginiert wurde. Fehlender Realismus im Begriff von der alten wiederholte sich im Begriff der neuen Grenze. Die "New Frontier", die Kennedy der bedürftigen Öffentlichkeit der USA empfahl, war nicht geeignet, die Wünsche und Ansprüche derer zu erfüllen, welche von den Versprechungen der kommerzialisierten Welt wundersam enttäuscht zurückgelassen worden waren, noch konnte eine Versöhnung der tiefen Klüfte im soziologischen Profil, die Rassengegensätze und die Versuche sie notdürftig zu vertuschen durch die NASA und ihre teilweise spektakulären Bemühungen an der neuen "Frontier" im Weltall befördert werden.

Die Boom-Jahre von Krieg und Nachkriegszeit liefen aus und es begann sich die Welt dahinter abzuzeichnen, der diese Schallplatte letztlich gewidmet war. Der Song deutete die Szene einer alkoholseligen Party in einem privaten Atomschutzbunker der Zeit an und ironisierte Verhalten und Ansichten der Teenager damals. In "The Goodbye Look" skizzierte Donald Fagen einen Militärputsch auf einer karibischen Insel, wie sie in Süd- und Mittel-Amerika während der 50er und 60er Jahre wiederholt vorgekommen waren. Mit der Coverversion des Stücks "Ruby Baby" der Drifters war ein Lied auf dem Album enthalten, das aus der thematisierten Zeit stammte (1956). Mitglieder des Studio-Ensembles für dieses Album waren unter anderem Greg Phillinganes (Piano), Jeff Porcaro (Schlagzeug) sowie die Brüder Randy (Trompete) und Michael Brecker (Tenorsaxophon). Donald Fagen benutzte auf "The Nightfly" musikalische Motive des Jazz der 50er Jahre, im Songtext von "New Frontier" heuchelte der Protagonist Bewunderung für den Pianisten Dave Brubeck. Das Material aus der Musik jener Zeit transformierte Donald Fagen in zeitgemässe Popmusik der 80er Jahre. Fagen's Musik klang dabei nicht unerwartet ähnlich wie die von Steely Dan, er arbeitete solo aber mehr mit elektronischen Mitteln und setzte die auch von Steely Dan bekannten komplexen Bläserarrangements ausgiebig ein. Ausserdem handelte es sich beim Album "The Nightfly" um eines der ersten rein digital aufgenommenen Studioalben.









Oct 1, 2017


ENO - Taking Tiger Mountain (By Strategy) (Island Records ILPS 9309, 1974)

Der britische Musiker Eno, mit vollem Namen Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, begann seine musikalische Karriere bei Roxy Music und trat neben seiner Tätigkeit als innovativer Musiker auch als Musikproduzent, Musiktheoretiker und bildender Künstler in Erscheinung. Eno besuchte das St. Joseph’s College Birkfield in Ipswich, die Ipswich Art School und die Winchester School of Art, die er 1969 abschloss. In der Kunstschule begann er Kassettengeräte als Musikinstrumente zu benutzen und spielte zum ersten Mal in Bands. Dabei wurde er von einem seiner Lehrer, dem Maler Tom Phillips, ermutigt. Dieser vermittelte ihm auch den Kontakt zu Cornelius Cardew's Scratch Orchestra. Die erste veröffentlichte Aufnahme, an der Eno beteiligt war, entstand für die Deutsche Grammophon, die Cardew's "The Great Learning", im Februar 1971 aufgenommen, herausbrachte. Eno war 1971 schliesslich einer der Mitbegründer von Roxy Music, für die der selbsternannte 'Nicht-Musiker' Keyboards und Synthesizer spielte. Besonders auffällig war seine an den Glam Rock-Chic angelehnte campige Aufmachung mit Federboa, Plateauschuhen und Glitzertüchern, die er mit exaltierten Bewegungen auf der Bühne kombinierte. Gleich nach dem zweiten Album "For Your Pleasure" im Jahre 1973 stieg er bei Roxy Music wieder aus und nahm eine Reihe von eigenen Alben auf, die zunächst vom Glam Rock, dann jedoch immer mehr von der Ambient Musik geprägt waren.

Zu dieser Zeit war er auch Mitglied der Portsmouth Sinfonia, einem ironisch ernsthaften Projekt, bei dem Nichtmusiker Instrumente spielten und Musiker Instrumente, die sie nicht beherrschten. Eno spielte dort Klarinette. Eno's Soloalben von 1973 bis 1977, "Here Come The Warm Jets", "Taking Tiger Mountain (By Strategy)", "Another Green World" und "Before And After Science" zeigten ihn als experimentierfreudigen und innovativen Popmusiker, der beinahe keine Grenzen ausserhalb seiner jungenhaften Stimme kannte. "Here Come The Warm Jets" war das erste Soloalbum von Brian Eno und wurde 1974 bei Island Records veröffentlicht. Stilistisch war "Here Come The Warm Jets" ein Hybrid zwischen Glam Rock und Artrock, ähnlich den vorherigen Alben mit Roxy Music, die Stücke gerieten jedoch experimenteller. Auf dem Album traten verschiedene Gastmusiker auf, so zum Beispiel Robert Fripp von King Crimson sowie Mitglieder von Roxy Music, Hawkwind, Matching Mole und den Pink Fairies. Bei der Produktion des Albums nutzte Eno ungewöhnliche Methoden. Er tanzte zum Beispiel vor den Bandmitgliedern und forderte sie auf, dazu Musik zu machen, wobei er Unsinnswörter vor sich her sprach, aus denen er später die Songtexte entwickelte. "Here Come The Warm Jets" erreichte Platz 26 in den britischen Charts und Platz 151 in den US Billboard Charts. Die Kritiker bewerteten das Album überwiegend positiv.

"Taking Tiger Mountain (By Strategy)", zu deutsch etwa 'mit taktischem Geschick den Tigerberg erobern' war Eno's zweites Soloalbum und erschien noch im selben Jahr, im November 1974 ebenfalls auf Island Records. Im Gegensatz zu seinem Debutalbum nutzte Eno erstmals eine Kernband mit fünf Stammmusikern und wesentlich weniger Gastmusikern. Während der gleichen Periode produzierte Eno Robert Calvert's Album "Lucky Leif And The Longships". Die meisten Musiker spielten auf beiden Alben, darunter auch der Gitarrist und Co-Texter Phil Manzanera, der mit Eno schon bei Roxy Music zusammengespielt hatte. "Taking Tiger Mountain (By Strategy)" war ein loses Konzeptalbum mit Themen von Spionage bis zur chinesischen kommunistischen Revolution. Die Musik des Albums war Artrock mit einem schrägen Pop-Appeal, ähnlich der Musik der Sparks vielleicht, und mit einem schwankenden Sound und dunklen Texten. Das Album war weder in den Vereinigten Staaten noch in England in den Charts, erregte aber grosses Interesse in der Rockpresse.

Das Album war inspiriert durch eine Serie von Postkarten über die chinesische Modelloper mit dem Titel 'Taking Tiger Mountain by Strategy'. Eno beschrieb sein Verständnis des Titels als Bezugnahme auf die Gegensätzlichkeit zwischen dem Archaischen und dem Progressiven. Halb den Tigerberg erobern, das mittelalterliche, körperliche Gefühl der Erstürmung einer militärischen Stellung - und halb durch Strategie, das sehr dem zwanzigsten Jahrhundert entsprechende Mentalkonzept eines taktischen Zusammenspiels von Systemen. Eno und sein Freund Peter Schmidt entwickelten für die Aufnahmen sogenannte 'Oblique Strategies', ein Deck von Karten, wobei jede Karte einen Aphorismus oder Strategie beinhaltete, die Künstlern helfen sollte, kreative Blockaden zu beseitigen, indem sie zum Querdenken anregten. Mit diesen Karten wurde während der Aufnahme des Albums die jeweils nächste Aktion ausgelöst. Eno und Schmidt, die die Worte auf dem Album als Ausdruck eines idiotischen Glücksgefühl beschrieben, dehnten die 'Oblique Strategies' schliesslich auf über 100 erstrebenswerte Dilemmas aus, die beinahe in allen zukünftigen Aufnahmen und Produktionen angewendet wurden. Schmidt entwarf auch das Albumcover, das aus vier Drucken seiner Edition von über fünfzehnhundert einzigartigen Lithografien stammte, sowie aus Polaroid Aufnahmen von Eno, die auf den Liner Notes Lorenz Zatecky zugeschrieben wurden.

Phil Manzanera, der mit Eno schon bei Roxy Music zusammen gespielt hatte, äusserte sich positiv über die Erfahrungen während der Aufnahmen: "Wir taten nur das, was wir zu der Zeit tun wollten. Der Ingenieur, den wir nutzten, Rhett Davies, nahm auch schon "Diamond Head", "801 Live" und "Quiet Sun" auf, es war wie eine Familie. Es gab eine Menge zu experimentieren und viele Stunden verbrachten Brian Eno, ich und Rhett im Studio, um all die Dinge zu tun, aus denen sich schliesslich diese Karten entwickelten, die 'Oblique Strategies', und es war eine Menge Spass". Anders als auf dem vorherigen Album "Here Come The Warm Jets" arbeitete Eno mit einer Kerngruppe von Musikern. Die Gruppe bestand aus Phil Manzanera, Brian Turrington und Freddie Smith von The Winkies und dem früheren Sänger von Soft Machine, Robert Wyatt. Verschiedene Gastmusiker spielten auf ausgewählten Stücken des Albums, darunter Andy Mackay von Roxy Music und die Portsmouth Sinfonia, ein Orchester, bei welchem Eno einst Klarinette gespielt hatte. Das Orchester vertrat die Philosophie, dass jeder dem Orchester beitreten konnte, solange er keinerlei Erfahrung mit dem Instrument hatte, das er im Orchester spielen wollte. Mit dem Auftritt von Phil Collins revanchierten sich Genesis für Eno's Hilfe bei der Aufnahme von "The Lamb Lies Down On Broadway".

Der Sound des Albums wurde als peppiger und vergnügter als das vorherige Album beschrieben, während die Songtexte eher düstere Themen zum Inhalt hatten. Die Texte wurden als bemerkenswert gebildet und humorvoll mit schnellen, feurigen, teilweise exzentrischen Reimen und mitleidslosen Aussagen wahrgenommen. Eno kreierte die Songtexte, indem er die instrumentalen Tracks abspielte, dazu Unsinnssilben sang, diese zu richtigen Wörtern und Ausdrücken mit Sinn umformte. Der Bezug zu China erschien in den Stücken "Burning Airlines Give You So Much More", "China My China" und "Taking Tiger Mountain". Der Kritiker Steve Huey beschrieb das Album durch diese so zusammengefassten Themen als ein loses Konzeptalbum, oft rätselhaft, aber doch spielbar, über Spionage, die chinesische kommunistische Revolution und Traumassoziationen. Auf die politischen Themen in den Songtexten und im Albumtitel angesprochen, erklärte Eno, er sei kein Maoist oder irgend so etwas, wenn überhaupt, sei er ein Anti-Maoist. Das Album befasste sich mit verschiedenen esoterischen Themen. "Burning Airlines Give You So Much More" basierte beispielsweise auf dem Unfall des Turkish Airlines Flug 981, einem der bis dahin schwersten Flug-Unfälle der Geschichte. "The Fat Lady Of Limbourg", das Eno selbst einen William S. Burroughs-typischen Song nannte, war ein Stück über eine psychiatrische Anstalt im belgischen Limbourg. "The Great Pretender" beschrieb die Vergewaltigung einer Vorort-Hausfrau durch eine durchdrehende Maschine. Das Stück "Third Uncle" wiederum wurde als ein früher Vorläufer des Punkrock angesehen.

Mit seinen ersten Ambient-Arbeiten popularisierte Brian Eno eine vom King Crimson Gitarristen Robert Fripp entwickelte und als 'Frippertronics' bezeichnete Methode zur Klangerzeugung, mittels dieser völlig unterschiedliche Tonbandaufnahmen diverser Musiker, vor allem aus der Minimalszene, modifiziert wurden. Es handelte sich hier um zwei Tonbandmaschinen, die in einem Rückkopplungs-System wie ein Bandecho miteinander verbunden waren, wobei die Entfernung der Maschinen zueinander die Frequenz des Echoimpulses bestimmte. Zusammen mit Robert Fripp veröffentlichte er die Alben "No Pussyfooting" im Jahre 1973 und "Evening Star" 1975. Mit seiner Veröffentlichung "Ambient 1: Music for Airports" im Jahre 1978, die angeblich unter anderem von einem negativen Hörerlebnis am Flughafen Köln/Bonn inspiriert worden sein soll, hatte Eno  den Musikstil Ambient getauft und fortan geprägt. Diesen Stil führte er überwiegend bis heute fort. Seine zuvor in Richtung Artrock und Artpop tendierenden Alben der Frühphase hatte er damit komplett hinter sich gelassen.

Eno arbeitete als Musiker und Produzent auch immer wieder mit verschiedenen anderen Künstlern zusammen. So war er etwa auf der Berlin-Trilogie, den Alben "Low" (1977), "Heroes" (1977) und "Lodger" (1979) von David Bowie zu hören. 1978 produzierte er Devo's "Q: Are We Not Men? A: We Are Devo" und die legendäre Kompilation der New Yorker No Wave-Szene "No New York". Er produzierte drei Alben der Talking Heads mit "Remain In Light" (1980) als Höhepunkt. Sein Album mit dem Talking Heads Kopf David Byrne mit dem Titel "My Life In The Bush Of Ghosts" von 1981 war eines der ersten Nicht Rap-/Hip Hop-Alben, das umfangreiches Sampling enthielt. Im Jahre 1984 produzierte Eno auch U2's Erfolgsalbum "The Unforgettable Fire" und arbeitete später noch weiter für die Band als Produzent auf "The Joshua Tree" (1987), "Achtung Baby" (1991), "Zooropa" (1993), "All That You Can’t Leave Behind" (2000) und "No Line On The Horizon" (2009). In den 90er Jahren produzierte Eno so unterschiedliche Künstler wie den Real World-Künstler Geoffrey Oryema bis zur Band James, ebenso die Sängerin Jane Siberry und die Performance-Künstlerin Laurie Anderson, mit der er auch die Ausstellung 'Self Storage' gestaltete. 1994 und 1995 arbeitete Eno wieder mit David Bowie an dessen Album "Outside". Seit dieser Zeit war Eno auch Visiting Professor am Londoner Royal College Of Art. 1994 wurde Eno von Entwicklern des Microsoft Chicago Projekts gebeten, die Startmelodie für Windows 95 zu komponieren. Dies geschah dann ironischerweise auf seinem Apple Macintosh. Im Jahre 1996 gehörte Brian Eno zu den Gründern der 'Long Now Foundation', die ein Bewusstsein für die Wichtigkeit langfristigen Denkens fördern wollte. Er trat 1998 eine Honorarprofessur an der Berliner Universität der Künste an. Im August des gleichen Jahres trat Eno anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung 'Brian Eno: Future Light - Lounge Proposal' in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zweimal auf, und beide Auftritte wurden per Webcast live übertragen.

Brian Eno gründete Anfang 2004 gemeinsam mit Peter Gabriel die 'Magnificent Union of Digitally Downloading Artists' (Mudda). Er war zudem Co-Produzent des 2006 erschienenen Albums "Surprise von Paul Simon. 2006 veröffentlichte Brian Eno die DVD "77 Million Paintings" mit einem generativen Computerprogramm. Er nutzte den Computer, um, basierend auf realen Gemälden, 77 Millionen visuelle Darstellungen als Originale mittels Überblendungen zu generieren und kombinierte diese mit ebenfalls aus Sound-Layern generierter Musik. Als Produzent begann er 2006 seine Arbeit am vierten Album "Viva La Vida Or Death And All His Friends" der Band Coldplay, welches im Frühjahr 2008 erschien und von Eno zusammen mit Markus Dravs und Rik Simpson produziert wurde. U2 meldeten Anfang Juni 2007 auf ihrer offiziellen Website, dass sich Eno zusammen mit Daniel Lanois zur Aufnahme eines neuen U2-Albums im Studio in Marokko eingefunden habe. Das aus dieser Zusammenarbeit entstandene Album "No Line On The Horizon" wurde im Februar 2009 veröffentlicht. 2006 gestaltete Eno exklusiv für Nokia die Klingel- und Signaltöne des Mobiltelefons 8800 Sirocco Edition. Zusammen mit dem Musiker und Softwaredesigner Peter Chilvers entwickelte er auch die beiden Programme 'Bloom' und 'Trope' für das iPhone. Beide Programme sowie das von Chilvers auf Basis von Eno's Ideen entwickelte 'Air' erzeugten zufallsbasierte unendliche Musikstücke wie bereits "77 Million Paintings".

Im Mai und Juni 2009 gestaltete er das zweite Sound and Light Festival, in dessen Rahmen unter anderem das Sydney Opera House angestrahlt wurde. 2009 lieferte er den Soundtrack zu Peter Jackson's Film 'In meinem Himmel (The Lovely Bones)'. 2010 veröffentlichte die Indietronic Band MGMT ein Lied mit dem Titel "Brian Eno". Im November 2010 erschien Eno's Album "Small Craft On A Milk Sea" beim Plattenlabel Warp Records. Anfang Juli 2011 erschien das in Zusammenarbeit mit dem britischen Dichter Rick Holland entstandene Album "Drums Between The Bells" ebenfalls bei Warp Records. Im November 2012, wiederum bei Warp Records, erschien mit dem Album "Lux" Brian Eno's erstes Solowerk nach sieben Jahren. Die knapp 75-minütige Komposition wurde original konzipiert im Rahmen einer Installation im 'Reggia di Venaria Reale' nahe Turin und war dort auch erstmals zu hören, ehe sie wenige Tage vor ihrer kommerziellen Veröffentlichung (und in Anspielung auf "Music For Airports") im Tokioter Flughafen Haneda gespielt wurde. Das Album erhielt überwiegend positive Kritiken und es wurde auf Parallelen zu Eno's frühen Ambient-Werken, insbesondere "Thursday Afternoon, hingewiesen". Brian Eno ist Mitglied der 2016 gegründeten Bewegung 'Demokratie in Europa 2025'.








Sep 30, 2017


MASTODON - Once More 'Round The Sun (Reprise Records 543021-1, 2014)

Mastodon ist eine im Jahr 2000 gegründete US-amerikanische Metalband aus Atlanta (Georgia), die verschiedene Musikstile von Progressive Metal über Sludge und Math- bis Hardcore in sich vereint. Typisch für Mastodon sind lange Instrumentalteile, anspruchsvolle Rhythmusvariationen und komplexe Gitarrenriffs. Der Schlagzeuger Brann Dailor und der Gitarrist Bill Kelliher spielten bis 1999 zusammen in der experimentellen Death Metal Band Lethargy. Nachdem die Band auseinander brach, gaben die Musiker ein kurzes Gastspiel bei der Band Today Is The Day, mit der sie das Album "In The Eyes Of God" einspielten. Anfang 2000 lernten Dailor und Kelliher bei einem Konzert der Band High on Fire in Atlanta den Gitarristen Brent Hinds und den Bassisten Troy Sanders kennen. Hinds und Sanders kannten sich bereits seit 1993 und waren zum damaligen Zeitpunkt gerade von Rochester nach Atlanta umgezogen. Die Musiker fanden schnell heraus, dass sie die gleichen Bands wie etwa Neurosis, die Melvins oder Thin Lizzy mochten. Nach zwei Jam Sessions im Januar 2000 wurde die Band dann offiziell gegründet.

Der Bandname stammt von den Mastodonten, einer Familie der Rüsseltiere. Die Idee dazu kam Brent Hinds, der eines Tages auf eine seiner Tätowierungen zeigte und fragte, wie dieses Tier hiesse, welches wie ein prähistorischer Elefant aussehe. Die gleiche Tätowierung trägt Bill Kelliher auf seinem Oberarm. Das Motiv stammt aus dem Film Krieg der Sterne und ist auf den Rüstungen der Figur Boba Fett zu sehen. Mit dem Sänger Eric Saner war die erste Besetzung komplett. Im Juni 2000 nahm die Band ein Demo mit neun Liedern auf. Saner verliess die Band nach wenigen Monaten aus persönlichen Gründen, kurz bevor Mastodon auf eine fest gebuchte Tournee gehen wollten. Aus Zeitgründen übernahmen Hinds und Sanders den Gesang. Mastodon tourten mit Bands wie Cannibal Corpse, Morbid Angel und Queens Of The Stone Age an der Ostküste der USA. Anfang 2001 wurde über Reptilian Records die EP "Slick Leg" veröffentlicht, bevor die Band von Relapse Records unter Vertrag genommen wurde.

Im Frühjahr 2001 folgte eine weitere Tournee an der US-amerikanischen Ostküste zusammen mit den Bands Eyehategod, Keelhaul und Burnt By The Sun sowie Auftritte beim Milwaukee Metal Festival. Im August 2001 erschien mit der EP "Lifesblood" die erste Veröffentlichung über Relapse Records. Kurze Zeit später wurde in den Zero Return Studios in Atlanta das Debütalbum "Remission" aufgenommen. Nach der Veröffentlichung im Mai 2002 konnten Mastodon einige kleine Erfolge im Untergrund verbuchen. Ende 2002 tourten Mastodon zusammen mit Darkane und High on Fire durch Japan, bevor die Band 2003 zusammen mit The Haunted und Hatesphere die ersten Konzerte in Europa spielten. Weitere Konzerte in den USA zusammen mit Clutch folgten. Ebenfalls 2003 nahm Mastodon für eine Split-EP mit der Band American Heritage eine Coverversion des Thin Lizzy Songs "Emerald" auf. Mitte 2004 nahm die Band in Seattle ihr zweites Studioalbum "Leviathan" auf, welches im August veröffentlicht wurde. "Leviathan" war ein Konzeptalbum, das sich lose auf Herman Melville's Roman 'Moby Dick' bezog. Mit etwa 8000 verkauften Einheiten in der ersten Woche schafften Mastodon zum ersten Mal den Sprung in die Charts und erreichten in den USA Platz 139. Die britischen Rockmagazine Kerrang! und Terrorizer kürten "Leviathan" zum Album des Jahres.

Mastodon tourten mit Fear Factory und Sworn Enemy durch Nordamerika, bevor sie zusammen mit Killswitch Engage an der 'Jägermeister Music Tour' von Slayer teilnahmen. Nach einer Europatournee mit den Bands Dozer und Extol wurden Mastodon von Reprise Records, einer Tochterfirma des Major-Labels Warner Music unter Vertrag genommen. Im Sommer 2005 nahmen Mastodon an der Ozzfest-Tour durch Nordamerika teil und teilten die Bühne mit Bands wie Black Sabbath und Iron Maiden. Ende des Jahres begann die Band mit den Aufnahmen für ihr drittes Studioalbum. Relapse Records veröffentlichten im Januar 2006 unter dem Titel "Call Of The Mastodon" eine neu gemasterte Version des Demos. Später folgte mit "The Workhorse Chronicles" die erste DVD, die Konzertmitschnitte und Interviews enthielt. Im September 2006 erschien mit dem von Matt Bayles produzierten "Blood Mountain" das dritte Album Mastodons. Das Konzeptalbum über das Element Erde, nach Feuer ("Remission") und Wasser ("Leviathan") das dritte Album über die vier Elemente, bot neben Gastauftritten von Neurosis-, The Mars Volta- und QOTSA-Musikern den bislang massenkompatibelsten Zugang zur Musik der Band: Der Anteil extremen Metals wurde zurückgeschraubt und dafür vermehrt auf melodische Bögen und Progressive Rock Elemente Wert gelegt. Musikkritiker hoben erneut die instrumentalen Fähigkeiten der Bandmitglieder positiv hervor, so seien die Hochgeschwindigkeits-Licks und gitarristische Akrobatik brillant, nahezu unglaublich und setzten neue Genre-Standards. Vermehrt wurden Vergleiche mit Bands wie Rush und King Crimson bemüht.

Im Herbst 2006 spielten Mastodon im Vorprogramm der Europatour von Tool, Anfang 2007 folgten Shows unter anderem mit Slayer und Converge. Das Stück "Colony Of Birchmen" erhielt in der Kategorie 'Best Metal Performance' eine Grammy Nominierung. Der Preis ging jedoch an Slayer. Im März 2007 spielten Mastodon beim Dubai Desert Rock-Festival ihr erstes Konzert im Nahen Osten. Am 9. September 2007 spielten Mastodon zusammen mit Josh Homme das Stück "Colony Of Birchmen" bei den MTV Video Music Awards. In der Nacht legte sich Brent Hinds in betrunkenem Zustand mit dem System Of A Down-Bassisten Shavo Odadjian an. Es kam zu einer Schlägerei, bei der Hinds schwere Kopfverletzungen, eine gebrochene Nase, zwei blaue Augen und Hirnblutungen erlitt. Hinds musste daraufhin für längere Zeit im Krankenhaus behandelt werden. Nach Hinds Genesung machte sich die Band an die Arbeiten zu ihrem vierten Studioalbum "Crack The Skye", das von Brendan O’Brien produziert und am 24. März 2009 veröffentlicht wurde. Es komplettierte die Elemente-Serie der Vorgängerwerke. Zwischenzeitlich tourte die Band Ende 2008 zusammen mit Slayer, Trivium und Amon Amarth im Rahmen von Slayers 'Unholy Alliance'-Tour durch Europa. Nach der Veröffentlichung von "Crack The Skye", das eher an den Progressive Rock der 70er Jahre angelehnt war und mit positiven Kritiken ausgezeichnet wurde, folgten Nordamerika-Touren mit den Bands Dethklok, Between The Buried and Me und Baroness sowie Auftritte in Europa mit Metallica. Bei den ausgiebigen Touren für "Crack The Skye" entstand Mastodon's erste Live-DVD "Live at the Aragon" mit einer kompletten Aufführung des Albums. Es erschien im März 2011.

Im Jahre 2010 schrieben Mastodon auf Anfrage von Jimmy Hayward einen instrumentalen Soundtrack zu dessen auf dem gleichnamigen DC Comics-Helden basierenden Film 'Jonah Hex'. Brent Hinds bekam zusätzlich einen Cameo-Auftritt in diesem Film. Zwei Wochen nach dem Filmstart in den Vereinigten Staaten wurde die EP "Jonah Hex: Revenge Gets Ugly" digital über Reprise Records veröffentlicht. Ein Jahr später steuerten Mastodon zum offiziellen Soundtrack des Science Fiction Films 'Transformers 3 - Die dunkle Seite des Mondes' mit "Just Got Paid" eine Coverversion des gleichnamigen ZZ Top-Titels bei. Anschliessend begann die Band mit dem Songwriting für ein fünftes Studioalbum. Seit Ende April wurden auf der offiziellen Facebook Seite von Mastodon Fotos veröffentlicht, die die vier Musiker bei Aufnahmen zeigen. Unter anderem war auch Dave Grohl von der Band Foo Fighters zu sehen, der jedoch nicht auf dem Album zu hören war. Mit Mike Elizondo arbeiteten Mastodon mit einem neuen Produzenten, der zuvor hauptsächlich mit Hip Hop-Künstlern wie Dr. Dre oder Eminem gearbeitet hatte. Das Album mit dem Titel "The Hunter" wurde am 23. September 2011 veröffentlicht. Erstmals konnte sich die Band in den Top 10 der US-amerikanischen Albumcharts platzieren. Die Single "Curl Of The Burl" wurde im Jahre 2012 für den Grammy in der neu geschaffenen Kategorie 'Best Hard Rock/Metal Performance' nominiert. Der Preis ging jedoch an die Foo Fighters.

Ende 2012 begann die Band mit dem Schreiben neuer Musik. Mitte des folgenden Jahres nahm die Band zusammen mit Rob Zombie, Five Finger Death Punch und Amon Amarth an der Rockstar Energy Drink Mayhem-Festivaltournee teil. Im Dezember 2013 später kam das Livealbum "Live At Brixton" heraus, das am 11. Februar 2012 in der Londoner Brixton Academy mitgeschnitten wurde. Gleichzeitig begannen die Aufnahmen für das sechste Studioalbum, das von Nick Raskulinecz produziert wurde. Das Album trug den Titel "Once More ’Round the Sun" und erschien am 20. Juni 2014. Das Album erreichte Platz sechs der US-amerikanischen Albumcharts und erreichte in Finnland gar die Spitzenposition.

"Once More ’Round the Sun" war das inzwischen sechste Studioalbum. Die Single "High Road" wurde für den Grammy in der Kategorie 'Best Metal Performance' nominiert. Die Musiker begannen im Herbst 2012 mit den Arbeiten am neuen Album. Gitarrist Brent Hinds erklärte in einem Interview mit MTV, dass er an unheimlich-gespenstischer Musik arbeitet, die in G-Moll gehalten sei und an Radiohead erinnere. Die ersten Arbeiten zogen sich in einer Tourpause bis Mai 2013, bevor die Band die durch Europa und Nordamerika tourte. Bis dahin hatten die Musiker 18 oder 19 neue Songs fertig geschrieben. Die Unterbrechung hatte laut Schlagzeuger Brann Dailor keine negativen Auswirkungen auf die Arbeit. Die Musiker liessen sich während des Songwritings von Filmen wie '2001: Odyssee im Weltraum', 'Shining' oder 'Rosemarie's Baby' inspirieren.

Die 15 aufgenommenen Titel brachten es auf eine Spielzeit von rund 90 Minuten. Davon wurden rund 30 Minuten Musik nicht auf dem Album verwendet, da die Band eine Albumlänge von einer Stunde anstrebte. In einem Interview erklärte Sänger und Bassist Troy Sanders, das die nicht verwendete Musik als EP veröffentlicht werden könnte. Brann Dailor ergänzte, dass die für die EP vorgesehene Musik düsterer klingen und mehr Elemente des Doom Metal enthalten würde als die Titel, die auf dem Album veröffentlicht wurden. "Es hört sich einfach mehr nach Winter an. So haben wir die Songs auch aufgeteilt. Auf dem Album findest du diejenigen, die mehr nach Sommer klingen. Natürlich kannst du das Album auch im Winter hören, aber wenn es jetzt rauskommt, rockt es noch mehr". Das Albumcover wurde von dem aus Oakland stammenden Künstler Skinner entworfen. Die Musiker wollten, dass das Leben und der Tod von gigantischen Monstern auf der linken und der rechten Seite des Covers dargestellt werden soll. Alles, was dazwischenliege, stelle den im Album behandelten Zyklus von Leben und Tod dar. Für die Songs "High Road", "The Motherload" und "Asleep In The Deep" wurden auch Musikvideos gedreht. Das Video zu "The Motherload" brachte der Band aufgrund der in dem Video gezeigten halbnackten Frauen, die Twerking tanzen, Sexismusvorwürfe ein.

Wie schon beim Vorgängeralbum "The Hunter" handelte es sich bei "Once More Round The Sun" nicht um ein eindeutiges Konzeptalbum. Laut Brann Dailor beschrieb der Albumtitel, dass ihm und seinen Bandkollegen im letzten Jahr grosse Ereignisse passiert seien. Da es um persönliche Dinge ging, wollte sich Dailor in einem Interview mit dem Magazin Spin nicht weiter dazu äussern, beschrieb aber das Album als eine Art Exorzismus. Gitarrist Bill Kelliher erklärte in einem Interview, dass das Album in loser Form auf dem Leben und den Erlebnissen der einzelnen Bandmitglieder im letzten Jahr beruhe. Im Jahre 2013 hatten die Musiker einige Menschen verloren und weitere Tiefschläge wie Nahtod-Erfahrungen, Krankheiten oder Sucht einstecken müssen. "Aber gerade weil es uns alle zur gleichen Zeit getroffen hat, war es kathartisch, darüber zu schreiben. Wir haben es uns von der Seele geschrieben und hinter uns gelassen. Wir haben diese schlechten Kräfte gebündelt und kehrten sie in etwas Positives um".

Der Titel des Songs "Tread Lightly" war eine Anspielung auf die Fernsehserie 'Breaking Bad'. "Aunt Lisa" und "The Motherload" bezogen sich auf die Tante, respektive die Mutter von Brann Dailor. Das Titellied enthielt ein Sample des Thin Lizzy Titels "Cowboy Song". "Ember City" bezog sich auf eine Situation, in der Brann Dailor auf der Intensivstation eines Krankenhauses neben dem Bett seiner Mutter sass und nicht wusste, was er tun sollte, ausser Musik zu schreiben. Die deutschen Magazine Metal Hammer und Rock Hard kürten "Once More ’Round The Sun" zum Album des Monats Juli 2014. Laut Lothar Gerber vom Metal Hammer präsentierte sich die Band noch nie fokussierter und noch nie wäre ihr Songwriting so auf den Punkt gekommen. Darüber hinaus würde die Band die wärmende Gewissheit festigen, dass sie keine schlechten Alben aufnehmen könne, wofür Gerber sechs von sieben Punkten vergab. Michael Rensen vom Rock Hard schrieb, dass Mastodon endgültig da angekommen wären, wo sie künstlerisch schon länger hinwollten und dabei auf allerhöchstem Niveau durch ihre eigenen, schön garstigen Teil der Gitarrenlärm-Galaxis donnern würden. Rensen bewertete das Album mit 8,5 von zehn Punkten. Peter Kubaschk vom Onlinemagazin Powermetal.de lobte die gemässigtere Ausrichtung ohne Sludge-Anteil und hob die bärenstarken Hooklines hervor. Er bewertete das Album mit 8,5 von zehn Punkten.

Das Album verkaufte sich in der ersten Woche nach der Veröffentlichung in den USA rund 34000 Mal. Damit erreichte das Album Platz sechs in den US-amerikanischen Albumcharts. Das Vorgängeralbum "The Hunter" verkaufte sich in der ersten Woche mit 39000 Exemplaren zwar besser, erreichte seinerzeit aber nur Platz zehn. Im Vereinigten Königreich erreichte das Album Platz zehn und in der Schweiz Platz 13. In Deutschland platzierte sich das Album auf Platz 16 und in Österreich auf Platz 23. Das US-amerikanische Onlinemagazin Artistdirect kürte "Once More 'Round The Sun" zum Rockalbum des Jahres. Im deutschen Magazin Metal Hammer wurde "Once More 'Round The Sun" zum zweitbesten Album des Jahres und besten Progressive-Album des Jahres gewählt. Produziert wurde das Album von Nick Raskulinecz. Die Band entschied sich für ihn, weil sie Raskulineczs Arbeit mit befreundeten Bands wie den Deftones, Alice In Chains oder Queens Of The Stone Age vom Klang her mochten. Die Aufnahmen begannen im November 2013 in den Rock Falcon Studios in Franklin bei Nashville und endeten im Februar 2014. Es war der bis dato längste Entstehungsprozess der Bandgeschichte. Als Gastsänger war Scott Kelly von der Band Neurosis bei dem Titel "Diamond In The Witch House" zu hören. Bei dem Stück "Aunt Lisa" steuerte die rein weibliche Punkband The Coathangers Hintergrundgesänge bei, die an Gesänge von Cheerleadern erinnerten. Gastmusiker bei dem Titel "Asleep In The Deep" waren Vailent Thorr Sänger Vailent Himself (Gesang) sowie Isaiah Owens (Keyboard).

Die vorab ausgekoppelte Single "High Road" wurde für den Grammy in der Kategorie 'Best Hard Rock/Metal Performance' nominiert. Der Preis ging jedoch an Tenacious D. James Christopher Monger vom Onlinemagazin Allmusic bezeichnete Mastodon als eine der herausragendsten Metalbands des frühen 21. Jahrhunderts. Laut der BBC schreibt die Band zwar beknackte Texte, zeigt aber seit ihrem Debütalbum verblüffende Resultate. Mastodon wären die ambitionierteste, furchtloseste und lustigste Heavy Metal Band, seit das Genre in den 70er Jahren seinen Weg aus den Midlands sickerte. Für das US-amerikanische Magazin Alternative Press gehören Mastodon zu den grössten Hard Rock Bands aller Zeiten, während das Magazin Rolling Stone Mastodon für die beste Metalband ihrer Generation hält. Keine andere Band würde ihnen Nahe kommen. Laut Peter Kubaschk vom Onlinemagazin Powermetal.de würden Mastodon ohne Rücksicht auf Verluste Musik schreiben, mit jedem Album einen eigenständigen Sound kreieren und so auch in Zukunft wohl ein Unikat bleiben werden. Ein viel grösseres Kompliment könne man einer Band wohl nicht machen.









Sep 29, 2017

 
BADGER - One Live Badger (Atlantic Records K 40473, 1973)

Nachdem Tony Kaye, der vormals erste Keyboarder der Progressive Rock Legende Yes die Gruppe Flash, die er zusammen mit Peter Banks, der zuvor ebenfalls ein Originalmitglied von Yes war, gegründet hatte, bereits nach relativ kurzer Zeit wieder verliess, lancierte er Anmfang des Jahres 1972 zusammen mit dem Bassisten David Foster, der bereits zusammen mit dem Yes-Sänger Jon Anderson bei The Warriors gearbeitet hatte, die Band Badger als seine eigene 'Progressive Supergroup'. Die Band wurde ergänzt durch den Schlagzeuger Roy Dyke, ein ehemaliges Mitglied der Gruppen Remo Four, Family und Ashton, Gardner & Dyke, mit denen er 1971 den Welthit "Resurrection Shuffle" aufnahm. Das vierte Mitglied wurde Brian Parrish, ehemals Medicine Head (wo er bereits mit Roy Dyke zusammentraf), Three Man Army und Paul Gurvitz.

Das Debütalbum der neu formierten Gruppe, betitelt "One Live Badger" aus dem Jahre 1973 enthielt, ähnlich wie bei den ersten Yes-Alben, lange instrumentale Stücke. Das Interessante und mithin auch Besondere an diesem Debutalbum war indes, dass es keine Studioaufnahmen präsentierte, sondern ein Live-Mitschnitt war. Das Album wurde co-produziert von Jon Anderson und Geoffrey Haslam und die Aufnahmen stammten von zwei Auftritten der Gruppe am 15. und 16. Dezember 1972, als sie für die Band Yes das Vorprogramm bestreiten konnte im legendären Londoner Rainbow Theatre. Die Verbindung zur Gruppe Yes zahlte sich in mancherlei Hinsicht für Badger aus: Nicht nur durfte die Gruppe Badger über das Live-Equipment der Band Yes spielen - ihre Performance konnte dadurch über eine hervorragende Technik auf Band aufgenommen werden - sondern es gab auch eine direkte Connection zum Künstler Roger Dean, welcher einige der Yes Plattencovers designed hatte. So bekam die erste Platte von Badger (übersetzt: Dachs) ein wunderschönes Cover von Roger Dean verpasst, das zwei Dachse in einer Schneelandschaft zeigte.

Insgesamt präsentierten Badger auf diesem Debutalbum sechs Songs, sämtlich aus eigener Feder, von denen fünf von der ganzen Band gemeinsam geschrieben worden waren, sowie ein weiterer Titel aus der Feder von Brian Parrish stammte ("The Preacher"). Der Gesamtsound auf diesem Livealbum war sehr ausgewogen, mal dominierte die Gitarre von Brian Parrish, dann wieder die Keyboards, zumeist die Orgel, gespielt von Tony Kaye. Schon der Opener "Wheels Of Fortune" liess aufhorchen, denn der Track war von einer energetischen Dynamik und verfügte sowohl über eine prägnante Grundmelodie, als auch über einen nachhaltigen kompositorischen Anspruch. Dabei klangen Badger jedoch keineswegs kopflastig oder gar an Yes erinnernd, sondern ziemlich forsch und recht rockig. Auch das nachfolgende "Fountain" setzte auf diese Formel, allerdings mit etwas gebremsterem Tempo. "Wind Of Change" erhöhte dann den Dynamikpegel wieder. Auch die restlichen Songs "River", "The Preacher" und das finale "On The Way Home", das als das rockigste und härteste Gitarrenstück des Auftritts in Erscheinung trat, wussten zu überzeugen. Das Besondere an diesen teils exzellenten Stücken dürfte der Umstand gewesen sein, dass alle Songs zuvor nicht als Studioversionen verfügbar waren, sondern von der Band geschrieben und live aufgeführt wurden und auf dieser Live-Platte zum ersten und einzigen Mal veröffentlicht wurden.

Als die Gruppe im Jahr darauf die Möglichkeit erhielt, ein Studioalbum aufzunehmen, hatte sich das Band Line-Up geändert: Auf der Suche nach neuen musikalischen Inspirationen fanden Tony Kaye und Roy Dyke den Ex-Stealers Wheel Gitarristen Paul Pilnick, der David Foster ersetzte. Gleichzeitig wurde Roy Dyke's alter Wegbegleiter Kim Gardner als Bassist verpflichtet. Die Suche nach einem Frontmann und Songwriter endete bei Jackie Lomax aus Liverpool, der sich zuvor mit The Undertakers und als Soloartist auf dem Beatles Label Apple Records verdient gemacht hatte. Lomax transformierte Badger von einer progressiven Rockband zu einer Soul-orientierten Rhythm & Blues-Band und schrieb alle Songs für die zweite LP der Band. Das Album "White Lady" wurde in New Orleans im Tonstudio des renommierten Produzenten Allen Toussaint aufgenommen, jedoch löste sich die Band nach einem Auftritt in der Croydon's Fairfield Hall als Vorgruppe des Electric Light Orchestra auf. Es muss dabei angemerkt werden, dass dieses Studioalbum in keinerlei Hinsicht mit der Qualität und der Dynamik des Debutalbums mithalten konnte. Natürlich war die Musik eine komplett andere als jene, welche Badger live ein Jahr zuvor präsentiert hatte. In qualitativer Hinsicht war es aber eine mittlere Katastrophe, denn auch die von Jackie Lomax geschriebenen Songs konnten in keinster Weise überzeugen.

Nach dieser ernüchternden Erfahrung kehrte Jackie Lomax zurück zu seiner Solokarriere und nahm weitere Alben für Capitol Records und Warner Brothers auf. Als Studiomusiker arbeitete er zusammen mit Rod Stewart auf dessen "Foolish Behaviour"-LP. Roy Dyke fand man an Projekten im Cafe Society zusammen mit Pat Travers und Chris Barber, während Tony Kaye Mitglied nach kurzen Auftritten bei Detective (mit Michael Des Barres) und Badfinger im Jahre 1983 zu Yes zurückkehrte. Paul Pilnick war bei der Gruppe Deaf School und bei Joe Egan aktiv, Kim Gardner wurde Session-Bassist bei der Dwight Twilley Band. "One Live Badger" blieb ein Unikum in der Rockgeschichte: Eine Band veröffentlichte eine denkwürdige Liveplatte eines mitreissenden Konzertauftritts im Vorprogramm einer der herausragendsten Progressive Rock Bands (Yes), um nach einer absolut faden und uninspirierten Studioplatte den Bettel wieder hinzuschmeissen. Auch nicht eben eine alltägliche Geschichte aus den Annalen der Rockgeschichte. "One Live Badger" aber gehört zu den richtig guten Konzertalben der 70er Jahre.









Sep 28, 2017

 
GARY BURTON & KEITH JARRETT - Gary Burton & Keith Jarrett
(Atlantic Records SD 1577, 1971)

Keith Jarrett ist der älteste von fünf Söhnen einer christlich geprägten Familie. Er hatte seit dem dritten Lebensjahr Klavierunterricht und stand als Siebenjähriger zum ersten Mal auf der Bühne. Als Wunderkind spielte er weitere Konzerte, auch 1962 ein eigenes zweistündiges Klavierkonzert, ohne jemals Orchestrierungs- oder Kompositionsunterricht erhalten zu haben. Seine Mutter und er schlugen ein Angebot zur Ausbildung bei Nadia Boulanger in Paris aus. Jarrett verbrachte ein Jahr am Berklee College of Music in Boston, dem er aber, ausserordentlich begabt und spieltechnisch versiert, wenig abgewinnen konnte. Schon zuvor begann er als Barpianist seine Laufbahn als Live-Musiker. Anschliessend arbeitete er ab 1963 mit bekannten Jazzmusikern wie Chet Baker, Lee Konitz und für längere Zeit mit Art Blakey zusammen. Im Jahr 1966 engagierte ihn der Saxophonist Charles Lloyd für seine Band, mit der er mehrere Europatourneen und auch Auftritte beim Monterey Jazz Festival und im Fillmore West absolvierte. Mitte 1968 gründete er mit dem Bassisten Charlie Haden und dem Schlagzeuger Paul Motian ein eigenes Trio, das er von 1971 bis 1976 um den Saxofonisten Dewey Redman ergänzte (so genanntes amerikanisches Quartett).

Der Durchbruch jedoch gelang Jarrett als Mitglied der Jazz Rock Formationen von Miles Davis, wo er zwischen 1969 und 1971 vor allem Piano und Orgel spielte. Erst im Anschluss trat er auch als Solokünstler auf und spielte Soloplatten ein. Unter anderem veröffentlichte er im Jahre 1971 zusammen mit Gary Burton ein gleichnamiges, gemeinsames Abum für das Plattenlabel Atlantic Records ein. Die gewagte Kombination funktionierte hervorragend und brachte eines der wenigen Alben hervor, das Musik an der Schnittstelle zum Fusion Sound präsentierte, als dieser Begriff vorsichtig ausgedrückt noch in den Kinderschuhen steckte. Der stilistische völlig offene Gitarrist Gary Burton und der von allen Eckpfeilern stets getrennte Keith Jarrett erarbeiteten gemeinsam aus allerlei losen Jams ein paar ganz hervorragende Stücke, die zuletzt ein hervorragendes und aller noch jazzig zu nennenden Konventionen beraubtes Album hervorzauberten. Dabei gelang es den beiden Künstlern, mit Elementen aus schier endlos zu scheinenden Ideenfetzen verschiedenster moderner Musikstile ein ebenso homogenes, wie unprätentiöses Werk zu vollbringen, das man so auf die Art in der Tat noch nicht gehört hatte. Waren bei Keith Jarrett stets die unvorhersehbaren Solo-Schwünge Pflicht, so diente er nun im Zusammenspiel mit Gary Burton dem schier unerschöpflichen Musik-Reichtum der vergangenen 30 Jahre an, und brachte dabei so Gegensätzliches wie unterschwellig immer spürbare Rock'n'Roll-Reminiszenzen, aber auch Pop, Rock, Country gar und - natürlich - jede Menge Jazz-Avantgarde meist gleichzeitig zum strahlen.

Das gemeinsame Werk wurde unterstützt durch den hervorragenden Bass von Steve Swallow und dem Schlagzeug von Bill Goodwin. Das Studio-Quartett spielte insgesamt vier Originalsongs ein, welche die beiden Jazzmusiker gemeinsam geschrieben hatten, ausserdem präsentierten sie mit dem Stück "Como en Vietnam" eine Komposition aus der Feder von Steve Swallow. Gerade Letztere gab dem gesamten Programm eine weitere wunervolle stilistische Note, insbesondere natürlich durch Swallow's lockeren Swing in seinem Basspiel und auch dank seiner recht aussergewöhnlichen Art des Spiels am Bass. Swallow spielte insbesondere den sogenannten 'Double Bass', den er im Laufe der Jahre und seiner Erfahrung in zahlreichen Jazz-Combos präsentiert und angewendet hatte, so beispielsweise bei seinen Engagements zusammen mit Jimmy Guiffre, Paul Bley oder Art Farmer. Ab 1960 hörte er in Yale mit dem Studium auf, wo er zeitgenössische Komposition studiert hatte. Erst in den 70er Jahren wechselte er dann mehrheitlich und schliesslich vorwiegend zum elektrischen Bass. Steve Swallow war mit Carla Bley verheiratet. Swallow war einer der ersten Musiker, welche das hohe 'C' am Bass einsetzten. Auch mit dem Jazzgitarristen John Scofield hatte Steve Swallow zusammengearbeitet.

Der Schlagzeuger Bill Goodwin wiederum war ein Paradebeispiel für einen offenen Musiker, der nicht nur ein offenes Ohr hatte für allerlei Rock-Spielarten, sondern seinen einzigartigen Groove auch in den Dienst der hervorragendstgen Jazz- und Rockmusiker stellte. Seine professionelle Musikkarriere begann er während der 60er Jahre an der Seite von Charley Lloyd, Mike Melovin, Art Pepper, Paul Horn, Gabor Szabo und vielen anderen. Nachdem er von Gary Burton 1969 rekurutiert worden war und diesen drei Jahre lang begleitete, war er im Jahre 1974 einer der Mitbegünder des Phil Woods Quartet. Ihm blieb Goodwin fast 40 Jahre treu und erhielt während dieser langen Zeit insgesamt drei Grammy Awards. Sein Renommée als Schlagzeuger war immens. Neben klassischen Jazzmusikern, wie beispielsweise Bill Evans, Dexter Gordon, Jim Hall, Bobby Hutcherson, June Christy, Joe Williams, Tony Bennett, Mose Allison, sowie The Manhattan Transfer wurde er auch immre wieder von Rockmusikern gebucht. So war er unter anderem auf Tom Waits's Album "Nighthawks At The Diner" von 1975, sowie auf Jefferson Airplane's Werk "Crown Of Creation" zu hören, wo er das sogenannte 'Talking Drum' spielte.

Die vier Kompositionen "Grow Your Own", "Moonchild / In Your Quiet Place", "Fortune Smiles" und "The Raven Speaks" waren zwar offiziell von Keith Jarrett komponiert worden, jedoch in gemeinsamer Arbeit mit Gary Burton und nicht zuletzt veredelt durch die beeindruckende Rhythmusgruppe entstanden. Noch heute steht dieses Werk im Schaffen von Keith Jarrett ziemlich alleine da. So nahe an die 'Contemporary Pop & Rock Music' hat er sich später nie mehr gewandt. Deswegen ist dies eine hervorragende Alternative zu seinem übrigen und extrem vielfältigen und qualitativ überragenden Werk. Er gilt als schwieriger Mensch, der fast wie ein Choleriker agieren kann. Auf der anderen Seite ist er aber auch unbestritten eines der grössten musikalischen Genies unserer Zeit. Bis zum Jahre 1975 spielte Keith Jarrett rund 50 Solokonzerte in aller Welt. Aufnahmen wie "Solo Concerts Bremen/Lausanne" (1974) und "The Köln Concert" (1975) dokumentieren dies. Die Aufnahmen von fünf Soloauftritten in Japan vor 40000 Zuhörern wurden 1979 unter dem Titel "Sun Bear Concerts" in einer Kassette mit zehn LPs veröffentlicht.

Ungefähr zur gleichen Zeit brachte ihn sein Produzent Manfred Eicher zu Projekten wie seinem sogenannten 'Europäischen Quartett' mit dem Saxofonisten Jan Garbarek und der aus Palle Danielsson und Jon Christensen bestehenden Rhythmusgruppe ("Belonging", 1974, "My Song", 1978). Während der frühen 70er Jahre arbeitete Jarrett aber auch mit anderen Musikern wie Freddie Hubbard, Airto Moreira, Kenny Wheeler ("Gnu High", 1975) und Charlie Haden ("Closeness") zusammen. Neben den Aktivitäten im Konzertsaal begann Keith Jarrett auch, sich für klassische Musik und im Jazz unübliche Instrumente zu interessieren. Die Alben "Hymns" , "Spheres" und "Invocations - Moth And The Flame" entstanden an der Riepp-Kirchenorgel in Ottobeuren, die Aufnahme "In The Light" brachte ihn 1973 mit dem Deutschen Südfunk-Sinfonieorchester zusammen, "Book Of Ways" präsentierte ihn am Clavichord; die während der folgenden Jahre entstandenen, mehrfach preisgekrönten, bei der Kritik umstrittenen Einspielungen von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen (1989) und seines Wohltemperierten Klaviers (1987/90) spielte er zum Teil auf dem Cembalo.

Zu Beginn der 80er Jahre, nach einer ersten grossen persönlichen Krise, belebte er mit der 1983 einsetzenden Serie von Standards-Einspielungen das Broadway- und Tin Pan Alley-Repertoire wieder und gab im Trio mit Gary Peacock am Kontrabass und Jack DeJohnette am Schlagzeug auch dem Klaviertrio-Format neue Impulse. Seitdem folgten zahlreiche, überwiegend live aufgenommene Einspielungen dieser Gruppe, wobei die Schallplattenfirma allerdings auf eine abwechselnde Veröffentlichung mit Solo-Darbietungen (aus Paris 1988, Wien 1991 und Mailand 1995) achtete. Jarrett litt seit Mitte der 90er Jahre am chronischen Erschöpfungssyndrom. Erst 1998 konnte er wieder mit dem Klavierspiel beginnen. Nach der Genesung nahm er das Soloalbum "The Melody At Night, With You" auf, das zunächst nur ein privates Weihnachtsgeschenk für seine zweite Frau Rose Anne war. In einem Interview äusserte Jarrett, jedes Solokonzert sei für ihn etwas ganz Besonderes, weil ihm diese Krankheit klargemacht habe, dass jedes Konzert sein letztes sein könnte. Das höre man auch seiner Musik an. Er gebe sich sichtlich Mühe, bei seinen neuen Konzerten vollkommen zu spielen und nicht mehr einfach drauflos wie bei seinen berühmten Aufnahmen aus den 80er Jahren. Ausserdem setzte er seine internationale Konzerttätigkeit mit seinem Trio fort. Zu seinen wichtigsten Aufnahmen der neuesten Zeit gehören "Always Let Me Go" (2001), "Up For It" (2002) und die Solo Doppel-CD "Radiance" (2005).

Die Musik von Keith Jarrett ist, wie er in einem Fernsehinterview 2005 berichtete, geprägt durch die Philosophie und Lehre Georges I. Gurdjieffs, dessen "Sacred Hymns" (ECM) er bereits 1980 veröffentlichte, sowie durch die Beschäftigung mit verschiedenen aussermusikalischen Themenbereichen. Keith Jarretts jüngerer Bruder Chris Jarrett ist ebenfalls Pianist und lebt in Deutschland. Sein Bruder Scott Jarrett ist als Singer-Songwriter und Produzent tätig. Keith Jarrett gehört zu den erfolgreichsten und stilprägenden Musikern der vergangenen vier Jahrzehnte und hat vor allem durch seine frühen Solokonzerte massgeblich die Vorstellung vieler Menschen von zeitgenössischer Improvisation beeinflusst. Dabei baute er ein leicht verständliches, transparentes Prinzip des freien Flusses motivisch geprägter Improvisationen aus und kultivierte es. Der grosse Durchbruch kam 1975 schlagartig mit der Veröffentlichung seines legendären, eigentlich unter unglücklichen Umständen stattfindenden "The Köln Concert", das von der damals achtzehnjährigen Konzertveranstalterin Vera Brandes organisiert wurde. Bei Kritikern und beim Publikum war das Köln Concert ein grosser Erfolg. Die Platte bekam den Preis der Deutschen Phono-Akademie und wurde vom Time Magazine zu einer der 'Records of the Year' gewählt. Die Verkaufszahlen liegen bei rund 3,5 Millionen verkaufter CDs und Schallplatten. Die Platte mit ihrem markanten weissen Cover war in vielen Haushalten zu sehen und zierte die Plattenschränke jener Zeit wie die Poster von Che Guevara in Studentenbuden ein Jahrzehnt zuvor. Es ist nach wie vor Jarrett's bekannteste Plattenaufnahme.