Sep 23, 2017


COLIN SCOT - Colin Scot (United Artists Records UAG 29154, 1971)

Manchmal gibt es in der rockmusikalischen Welt interessante und wohl auch völlig unbekannte Perlen zu entdecken, die entweder ausgezeichnete Musik bieten, an der die Fans und Kritiker achtlos vorübergegangen waren, oder es gab reiche Schnösels oder mit finanziellen Polstern ausgestattete Möchtegern-Künstler, die im Grunde nicht wirklich was konnten, aber durch ihren immensen Geldsegen so manchen Topmusiker bezahlen konnten, um durch professionelle Hilfe im Tonstudio wenigstens eine sogenannt amtliche Platte aufzunehmen. Im Falle von Colin Scot war es ein Mix aus beidem: Er war ein grosses Gesangstalent und scharte ein schier unglaubliches Qualitäts-Team um sich herum, das ihn bei den Aufnahmen zu einem Album unterstützte. Aus heutiger Sicht kann man durchaus sagen: Hier waren die besten Progressive Rock-Musiker der damaligen Zeit gemeinsam im Studio, von denen die meisten in späteren Jahren eine Weltkarriere hinlegen konnten. Colin Scot selbst verfügte über eine enorm schöne Stimme und spielte auch moderat Gitarre. Zu seinen eigenen Gesangskünsten holte er sich dennoch Begleitsänger und -Sängerinnen, die heute noch wohlbekannt sind. So teilten sich das Mikrophon mit Colin Scot etwa der Yes-Sänger Jon Anderson, der Van Der Graaf Generator Sänger Peter Hammill, der Rare Bird Sänger Steve Gould, die Genesis-Musiker Peter Gabriel und Phil Collins, die begnadete Linda Hoyle (Affinity), Jane Relf von Renaissance, Ann Steuart von der britischen Folkband Tudor Lodge und Alan Hull, der Sänger von Lindisfarne.

Von dieser alleine am Mikrophon besetzten All Star Crew konnte man ja einiges erwarten. Dennoch blieben die Leistungen der Top-Sänger und Sängerinnen überschaubar. Colin Scot selbst hätte sie nicht unbedingt gebraucht, denn schon alleine seine eigene Stimme war grandios schön. Dennoch setzten die Gastsänger natürlich wundervolle Akzente, auch wenn man sie stimmlich vielleicht nicht unbedingt heraushören konnte, da sie zumeist im Chor agierten und nur spärlich Sologesänge lieferten. Nicht anders sah es auch bei den Instrumentalisten aus: Auch hier stiess man auf ein unglaubliches Stelldichein der damaligen Crème de la Crème im Progressive und Folk Rock Bereich. An den Gitarren spielten Brinsley Schwarz, Robert Fripp (King Crimson), Davey Johnstone aus Elton John's Band. Am Saxophon war David Jackson von Van Der Graaf Generator zu hören. Die Keyboards teilten sich wiederum einige hochkarätige Musiker wie Bob Andrews von Brinsley Schwarz, David Kaffinetti von Rare Bird und Rick Wakeman von Yes. Dazu gesellten sich noch die beiden Bassisten Nic Potter (ebenfalls von Van Der Graaf Generator) und Rod Clements von Lindisfarne, sowie die beiden Schlagzeuger Guy Evans (Van der Graaf Generator) und Billy Rankin (Brinsley Schwarz).

Keinen grösseren Bezug gab es auf dem Debutalbum von Colin Scot zum progressiven Rock, trotz einiger bedeutender Musiker aus dem progressiven Umfeld. Stattdessen lag das Hauptgewicht auf folkigem Rock, gelegentlich etwas akustischer, manchmal auch in Richtung Country Rock tendierend. So konnte man erkennen, dass wohl die Musiker der Bands Rare Bird, Tudor Lodge, Lindisfarne und Brinsley Schwarz mehr Anteil am Gesamtsound hatten, als diejenigen Musiker aus dem Progressive Rock Umfeld. Eine nächste Frage, die sich heute rückblickend vielleicht der eine oder andere Musikkenner fragen dürfte: Was brachte so viele berühmte und versierte Musiker dazu, mit einem so gänzlich unbekannten Sänger gemeinsam eine Platte einzuspielen ? Nun, so gänzlich unbekannt war Colin Scot damals nicht. Im Gegenteil: Er galt eine zeitlang als grosse Gesangshoffnung, und den Verantwortlichen der Plattenproduktion schien kein Budget zu gross, um das erwiesenermassen begnadete Gesangstalent entsprechend zu fördern und mit grossem Trara auf den Markt zu bringen. Ausserdem spielten einige der beteiligten Musiker auch an Colin Scot's Liveauftritten ab und zu mit. Das war vor allem John Anthony zu verdanken, der den jungen Künstler von Anfang an förderte und ihm sämtliche Türen zu öffnen versuchte. Er verfügte über hervorragende Beziehungen zu den angesagten Künstlern und Bands jener Tage und ermöglichte auch den Deal mit der Plattenfirma United Artists Records.

Absolut hörenswert waren auch die insgesamt elf Songs auf dem Album, von denen die meisten aus der Feder von Colin Scot selbst stammten. Allerdings fanden sich auf dem Album auch vier Coversongs, von denen ein jeder wirklich fabelhaft gelungen war. Das vom Folkmusiker Harvey Andrews geschriebene "Hey Sandy" zum Beispiel, das mit der immensen Leistung von Colin Scot an der akustischen Gitare brillierte und einen gutgelaunten Yes-Sänger Jon Anderson im Duett präsentierte. Dass Colin Scot auch über eine gute Portion Humor verfügte, bewies er in der von Neil Innes (Monty Phyton, The Bonzo Dog Doo-Dah Band) komponierten akustischen Humoreske "Lead Us". Das von Folkmusiker Mickey Newbury geschriebene "Baby In My Lady" war wundervoller Folkrock der verträumten Art und schliesslich die von Davey Johnstone geschriebene Nummer "The Boatman", welche der damalige Gitarrist in Elton John's Band zwei Jahre später auch für sein leider einziges Soloalbum noch einmal einspielte. Doch auch Colin Scot's eigene Songs brauchten sich nicht zu verstecken, waren nicht nur instrumental hervorragend in Szene gesetzt, sondern bewiesen auch ein grosses Können des Musikers in punkto Kompositionen. 

Hier soll als herausragendes Beispiel etwa "Do The Dance Now, Davey" genannt werden, das an das später von Genesis präsentierte "The Musical Box" erinnerte, und welches mit den beiden Genesis-Musikern Phil Collins und Peter Gabriel auch zusammen arrangiert worden war. Oder die Nummer "Here We Are in Progress", bei welcher der King Crimson Gitarrist Robert Fripp wunderbare Gitarren-Akzente setzte, die so typisch für ihn waren und dem Song, der eher im Progressive Folkrock angesiedelt war, einen unverkennbaren King Crimson-Touch gaben. Von stilistisch grosser Bandbreite geprägt, wussten auch das countryeske "My Rain", das herrlich rockende "Take Me Away" und das etwas versponnene, leicht psychedelisch wirkende "Nite People" zu überzeugen. Auf der europäischen LP-Version prangten seinerzeit gross die Namen der beteiligten Stars auf dem Plattencover. Originaltitel: "Colin Scot And / With Friends". Scot's Gesang war manchmal verblüffend ähnlich zu dem von Peter Gabriel. Beim Song "Take Me Away" beispielsweise konnte man tatsächlich leicht irritiert sein, ob da jetzt nicht Peter Gabriel die Hauptstimme sang. Das Album gab also letztlich auch genügend Raum für allerlei Spekulationen. Diesem Debutabum folgten in den nächsten Jahren zwei weitere Alben, und zwar das auf Warner Brothers Records zwei Jahre später veröffentlichte "Just Another Clown", das von Tom Newman im legendären Rockfield Studio in Monmouth eingespielt wurde, sowie die im Jahre 1974 veröffentlichte Platte "Out Of The Blue", die den Sänger Colin Scot in einem stilistisch stark veränderten Umfeld zeigte: Mit Hilfe von Phillip Goodhand-Tait, Ray Glinn und Barry DeSouza geriet das Werk eher zu einem recht drögen, mit sehr viel Streichern zugekleistertes Popwerk, das stark an den frühen Chris DeBurgh erinnerte, jedoch ohne dessen ansprechenden Songs der ersten beiden Alben.

Das Debutalbum jedoch war einzigartig, sowohl in punkto der beteiligten Musiker, als auch im Hinblick auf die kompositorische Leistung von Colin Scot und insbesondere aufgrund seiner wundervollen Stimme. Freunden von Bands wie den Strawbs, Fairport Convention oder Lindisfarne würde diese Platte ganz bestimmt sehr gut gefallen. Eine Entdeckung lohnt sich unbedingt.









Sep 22, 2017


LIGHTHOUSE - One Fine Morning (Evolution Records 3007, 1971)

Lighthouse waren eine kanadische Rockband, die 1968 gegründet wurde. Mit Bläser- und Streicher-Musikern mischten sie Rock, Jazz und klassische Elemente. Sie gewannen zwischen 1972 und 1974 drei Juno Awards. Nachdem sich die Gruppe 1976 aufgelöst hatte, trat sie ab 1992 wieder auf. Lighthouse wurden von Skip Prokop (Schlagzeug, Gesang) und Paul Hoffert (Keyboard) in Toronto gegründet. Ihre Idee war ein Rock-Orchester, bestehend aus drei verschiedenen Bandabteilungen: einer Rock-Rhythmusgruppe, einer Jazz-Bläsergruppe und einer klassischen Streichergruppe. Die ursprüngliche Formation bestand aus nicht weniger als 13 Mitgliedern. Ihren ersten Auftritt bestritt die Band am 14. Mai 1969 in Toronto, ihrer Heimatstadt. In ihrem ersten Jahr spielten sie unter anderem auch in der Carnegie Hall, im Fillmore East, im Fillmore West, beim Atlantic City Pop Festival sowie dem Monterey und dem Newport Jazz Festival. 1970 spielten sie beim Strawberry Fields Festival und dem Isle of Wight Festival. Bis zur Veröffentlichung ihres am besten verkauften Albums "One Fine Morning", spielten Lighthouse indes eher nur in der zweiten Reihe der sogenannten Brass Rock Bands, zu denen damals etwa die Bands Blood, Sweat And Tears, The Electric Flag und - als wohl die Bekannteste dieser musikalischen Stilrichtung - Chicago Transit Authority (später schlicht als Chicago bekannt).

Die Gruppe entstand, nachdem einige andere zumeist lokale, aber auch US-bekannte Gruppen ihre Segel gestreckt hatten. Der Schlagzeuger und Songschreiber Skip Prokop beispielsweise kam von der relativ bekannten 60s Band The Paupers, der zum Zeitpunkt der Bandgründung auch als Studio- und Sessionmusiker bereits über ein grosses Ansehen verfügte. So spielte er beispielsweise auf Platten, respektive bei Studiosessions von Steve Miller, Carlos Santana und Al Kooper mit. Während eines Aufenthalts in New York kam er mit dem Keyboarder Paul Hoffert zusammen, der seinerseits in der Jazz-Szene New York's bei Sessions mitspielte und ausserdem auch in einigen Broadway Musicals gespielt hatte. Die beiden Musiker suchten nun weitere Mitglieder für eine eigene Band und waren vor allem auf der Suche nach einem geeigneten Gitarristen. Sie fanden ihn in der Person des Ralph Cole, der zuvor bei der aus Ann Arbor, Michigan stammenden und recht bekannten Gruppe The Thyme mitgewirkt hatte, welche einige Psychedelic Rock-Singles auf dem Plattenlabel A-Square Records veröffentlicht hatten.

Das erste, selbstbetitelte Album erschien 1969 bei RCA Victor Records und warf die Single "Eight Miles High" mit der B-Seite "If Ever There Was A Time" ab, die jedoch beide keinen Erfolg brachten. Nicht anders erging es den beiden nächsten Alben, welche die Band in insgesamt lediglich knapp zwei Jahren veröffentlichte: "Suite Feeling" (ebenfalls 1969) und "Peacing It All Together" (1970). Kamen ihre beiden drei Alben "Lighthouse", "Suite Feeling" und "Peacing It All Together" noch bei RCA Victor Records heraus, so wechselte die Band danach zum wesentlich kleineren und lokaler operierenden Label GRT Records, das allerdings auch mit einem Vertriebspartner in Europa zusammenarbeitete. Einhergehend mit einigen personellen Umbesetzungen brachten Lighthouse dann im Jahre 1971 wiederum gleich zwei Alben auf den Markt: "One Fine Morning" und "Thoughts Of Movinʼ On", die in Kanada beide Goldstatus erreichten. In Europa erschienen diese beiden Alben auf dem legendären Vertigo Swirl Label und sind heute sehr gesucht. Ihr früheres Label RCA profitierte von dem nun einsetzenden Erfolg der Gruppe und veröffentlichte ein Best Of-Album namens "One Fine Light" auf der Basis der drei ersten Alben. Mit dem Top-Produzenten Jimmy Ienner, der zuvor schon die Chamber Brothers und die Raspberries produziert hatte, realisierten Lighthouse in den nächsten Jahren insgesamt sechs Alben, die auch einige Hits in Kanada und den USA abwarfen, so unter anderem die Titel "Hats Off (To The Stranger)", "One Fine Morning" (das es bis auf Rang 13 in den kanadischen Charts und auf Rang 24 in den US-Billboard Charts schaffte), sowie "Sunny Days" mit einem Platz 10 in Kanada und Platz 34 in den Billboard’s Top 40 in den USA.

Noch erfolgreicher war das Album "One Fine Morning" selbst, das es in Kanada's LP-Charts bis auf Platz 2 schaffte und damit auch das erfolgreichste Album dieser Band wurde. Die auf diesem Album versammelten zehn Songs konnten allesamt überzeugen und waren geprägt von der einmaligen Mixtur aus Rock mit Brass-Elementen und radiotauglichen Pop-Hooklines, die sich dann folgerichtig auch in den entsprechenden Single-Hits manifestierten und die Gruppe damit um ein wichtiges Element herausstellte im Vergleich zu manch anderen Bands, die mit üppigem Instrumentarium und Bläsergruppe operierten: Lighthouse konnten auch radiotaugliche Stücke komponieren. "Love Of A Woman", "Old Man", "Sing Sing Sing", das längere "1849" oder "Step Out On The Sea" bewiesen dies eindrücklich. Die zumeist von Skip Prpkop geschriebenen Songs zeigten sich auch recht variantenreich und einige der Stücke schrieb er zusammen mit dem Gitarristen Ralph Cole. Da Skip Prokop als Bandleader fungierte und diese Rolle als Schlagzeuger inne hatte, war es letztlich nicht verwunderlich, dass seine Songs insbesondere von einer sehr rhythmischen Grundstruktur geprägt waren.

"One Fine Morning" erhielt in Europa einen besonderen Stellenwert, da das Album hier auf dem Sammler-Label Vertigo Swirl Records erschienen war und auch ein komplett anderes Plattencover erhielt, für das der bekannte Designer Roger Dean das Artwork beisteuerte. Insbesondere dieses europäische Frontcover wirkte damals leicht irritierend, war es doch den Plattenhüllen der Progressive Rock Gruppe Yes nicht unähnlich, was nicht wenige Käufer ansprach, das Album zu kaufen, um danach eher enttäuscht zu sein vom Gehörten. Da die Stückzahlen der in Europa veröffentlichten Platte in England und Deutschland relativ gering waren, mutierte diese Version der LP-Ausgabe zu einem wesentlich begehrteren Sammelobjekt als das Original aus Kanada. An der Qualität der begotenen Musik ändert dies aber nichts. Lighthouse befanden sich zu dem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Phase. Die Gruppe war zu dieser Zeit fast 300 Tage im Jahr permanent und weltweit auf Tournee. Daneben waren Lighthouse auch die erste Rockband, die mit Symphonieorchestern auftrat, darunter die 'Royal Winnipeg Ballet Company', ein Projekt, das in Kanada auf Tournee ging und sich 'Ballet High' nannte.

Nachdem die Gruppe noch im selben Jahr ein weiteres Studioalbum veröffentlicht hatte ("Thoughts Of Movin' On"), erschien mit "Lighthouse Live!" im Februar 1972 ein Konzertmitschnitt, der in der legendären Carnegie Hall aufgenommen wurde. Es war das erste kanadische Album, das einen Platin Award erreichte. Mit dem nächsten Studioalbum, "Sunny Days", erhielten Lighthouse erneut eine Gold-Auszeichnung. Danach verliess Paul Hoffert 1973 die Band, blieb aber ihr Produzent. Nach dem Album "Good Day" im folgenden Jahr ging jedoch auch der Gründer und Bandleader Skip Prokop. Die restlichen Bandmitglieder spielten noch einige Zeit zusammen, bevor sie sich 1976 ebenfalls trennten und die Band auflösten. Skip Prokop veröffentlichte ein Soloalbum mit dem Titel "All Growed Up" im Jahre 1977 und arbeitete später bei einem Radiosender als DJ.

Im September 1982 gab es eine Wiedervereinigung von Lighthouse für vier Konzerte in Ontario. Prokop wollte die Gruppe wieder aufleben lassen, scheiterte aber und zog sich für viele Jahre aus dem Musikbusiness zurück. Im Jahre 1990 versuchte er es erneut, Lighthouse zu reaktivieren, zusammen mit seinen früheren Mitmusikern Paul Hoffert und Ralph Cole. Doch mehr als ein gemeinsamer Auftritt wurde nicht daraus. Erst 1993 spielten sie wieder regelmässig an Konzerten, nunmehr als Quintett mit den neuen Musikern Dan Clancy als Leadsänger und Donald 'Quan' Paulton als zweitem Keyboarder. Dies mündete 1996 in ein weiteres Studioalbume mit dem Titel "Song Of The Ages", erschienen beim kanadischen Independent Label Breaking Records. Die daraus ausgekoppelte Single "Remember The Times" schaffte es noch einmal in die Top 30 in Kanada.










Plattencover der europäischen Ausgabe von Designer Roger Dean:
"One Fine Morning" (Vertigo Records 6342 010, 1971)





Sep 21, 2017


THRESHOLD - March Of Progress (Nuclear Blast Records NB 2342-1, 2012)

Threshold wurden Ende der 80er Jahre von Karl Groom (Gitarre), Jon Jeary (Gesang, Bass) und Nick Midson (Gitarre) im Süden Englands gegründet. Tony Grinham (Schlagzeug) und Richard West (Keyboard) vervollständigten das Line-Up. Nach einer wachsenden Zahl der Auftritte beschloss Jon Jeary, sich ganz dem Bass zu widmen und Damian Wilson wurde als Leadsänger in die Band geholt. 1993 unterschrieben Threshold einen Plattenvertrag mit dem Independent Plattenlabel GEP und veröffentlichten ihr Debütalbum "Wounded Land". Traditionsgemäss stand jedes Threshold-Album unter einem bestimmten übergreifenden Thema. Bei "Wounded Land" ging es um den Umgang des Menschen mit der Natur. 1994 wurde mit "Psychedelicatessen" das zweite Studioalbum veröffentlicht. Damian Wilson hatte mittlerweile die Band verlassen, um sich mehr auf seine Rollen im Musical-Theater konzentrieren zu können. Als Ersatz wurde Glynn Morgan gefunden. Es folgte eine ausgedehnte Tournee im Vorprogramm von Dream Theater, die den Bekanntheitsgrad von Threshold erhöhte. Ausserdem wurde ihr erstes Video zum Song "Innocent" produziert.

Nach einer längeren Pause und erneuten Wechseln am Mikrophon (Damian Wilson kehrte in die Band zurück) und am Schlagzeug (Mark Heaney kam für Nick Harradence) gingen Threshold erneut ins Studio, um ihr drittes Album "Extinct Instinct" aufzunehmen, welches als Thematik den Verfall der geistigen Werte behandelte. 1998 veröffentlichten Threshold das vierte Studioalbum "Clone". Inspiriert vom Klon-Schaf 'Dolly', dem ersten offiziell geklonten Säugetier, hatten die Musiker ihr erstes Konzeptalbum geschrieben. Im Text ging es um ein Mädchen, das DNA-manipuliert zur Welt kommt und mit der Zeit herausfindet, dass es übersinnliche Kräfte besitzt. Mit Andrew McDermott wurde bereits für die Aufnahmen der vorerst letzte Sänger gefunden, und auf der anschliessenden Tournee zum Album stiess auch Johanne James zur Band hinzu. 1999 spielten Threshold auf dem Wacken Open Air, in dessen Umfeld Mac vom Publikum zum besten Frontmann des Festivals gekürt wurde. Nach dem Auftritt verliess Richard West für sechs Monate die Band.

Im Jahr 2000 wechselte die Gruppe von GEP zu dem Plattenlabel Inside Out Music. Unter diesem wurde 2001 das Werk "Hypothetical" veröffentlicht, das der Band einige 'Album of the Month' Awards in zahlreichen Magazinen wie Rock Hard und Metal Hammer einbrachte. 2002 folgte das progressivere "Critical Mass". Während der Sommer-Tournee 2003 wurde die Live-DVD "Critical Energy" aufgenommen, auf der ein Set mit den grössten Hits der Band zu sehen und hören war. 2004 wurde mit "Subsurface" das inzwischen siebte Studioalbum veröffentlicht. Dieses brachte die Band unter anderem in den deutschen Charts erstmals unter die Top 30. Jon Jeary wurde mittlerweile fest durch Steve Anderson ersetzt, einem langjährigen Freund der Band. Da man aus den Problemen der Tournee zu "Critical Mass" gelernt hatte, wurden auf der CD sämtliche Konzertdaten für die 'Subsurface'-Tour angegeben. Diese Tour (mit der Band Deadsoul Tribe als Support) wurde eine der erfolgreichsten von Threshold.

Seit Herbst 2006 stand die Band bei Nuclear Blast unter Vertrag und genoss damit die Vorteile eines Marktführers im Metal-Segment. Nick Midson war nun vorläufig nicht mehr dabei, da er, als einziges Mitglied der Band mit einem anderen Hauptberuf, pausieren musste. Unter Nuclear Blast veröffentlichte die Band am 23. März 2007 ihr achtes Studioalbum "Dead Reckoning". Im Sommer 2007 verliess Sänger Andrew McDermott die Band während der laufenden Tournee und wurde für den Rest der Tour durch den früheren Sänger Damian Wilson ersetzt. Nachdem Damian Wilson auch auf dem Tourabschnitt im Frühjahr 2008 als Frontsänger der Band agierte, war er inzwischen wieder festes Mitglied der Band. Andrew "Mac" McDermott verstarb am 3. August 2011 an Nierenversagen. Am 24. August 2012 (Europa) und 11. September 2012 (Nordamerika) erschien ihr neuntes Studioalbum "March Of Progress" schliesslich nach einer fünf Jahre langen Wartezeit.

"March Of Progress" wurde als Mixtur aus den episch-bombastischen Frühwerken der Band und den Alben der Ära mit Andrew McDermott gesehen. Wilsons Stimmlage wurde als etwas sanfter und weicher charakterisiert als die McDermotts. Als Threshold mit "Dead Reckoning" ihr bis dato vielleicht reifstes und zugleich massentauglichstes Album veröffentlicht hatten, glaubten nicht Wenige daran, dass die Band um Gitarrist Karl Groom endgültig vor dem breiten internationalen Durchbruch stand. Der für viele völlig überraschende Ausstieg von Sänger Andrew "Mac" McDermott kurz nach der Veröffentlichung durchkreuzte diese Pläne vorübergehend, und als die Band anschliessend dem Ex-Sänger Damian Wilson das Ex- strich und wieder in Lohn und Brot stellte, sahen viele Fans eine erneute Phase der Instabilität bei Threshold heraufziehen. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Band absolvierte mit Wilson am Mikrophon so viele Konzerte wie noch nie, und mit ihrem achten Album "March Of Progress" gelang dem Sextett das beste Album ihrer bisherigen Karriere, und diese Aussage hatte angesichts des Bandkataloges schon eine ganze Menge an Gewicht. Zehn Songs lang (elf auf einer limitierten Digi-Pak Variante), zelebrierten Threshold eine Kombination aus musikalisch hochwertigen Songs, denen man zu keiner Sekunde auch nur irgendeine Angestrengtheit anmerken konnte, und traumwandlerisch schönen Melodien. Diesen Mix aus Kunst und Kommerz, aus Härte und Melodie, aus Anspruch und Genuss, schafften nur wenige Bands.

Es gab sicherlich nicht wenige Fans, die skeptisch waren, ob Damian Wilson den 2011 viel zu früh verstorbenen "Mac" adäquat ersetzen könnte. Er konnte, und Wilson lag nicht nur auf Augenhöhe mit seinem Vorgänger, sondern passte mit seiner etwas sanfteren und weicheren Stimmlage den entscheidenden Tick besser in den warmen und umschmeichelnden Sound seiner Mitmusiker. Der Schlüssel zur überwältigenden Qualität von "March Of Progress" hiess letztlich: Balance. Die Musiker schafften es, stets in jedem Song, zu jeder Sekunde, die perfekte Balance zu finden. Dort, wo satt riffende Gitarren gefragt waren, rifften die Gitarren auch so. Dort hingegen, wo dominante Keyboardsounds passten, waberten die Keyboards dominant im Vordergrund. Dort, wo melancholische Parts mit sparsamer Instrumentierung für einen stimmungsvollen Background sorgen sollten, traten genau diese Effekte auch ein. Das alles in Verbindung mit dem bandtypischen Hybrid aus Progressive Metal und fast schon AOR-kompatibler Melodik, insbesondere in den zum Niederknien schönen Refrains, führte dazu, dass "March Of Progress" zu einem der besten europäischen Metal-Alben des Jahres 2012 wurde und in punkto Prog Metal mit Hitcharakter ein echtes Referenzwerk darstellte und das beste Genre-Songmaterial seit Dream Theater's "Scenes From A Memory" bot. Und besagtes Album hatte immerhin schon 13 Jahre auf dem Buckel.

Das Album wurde im Magazin Rock Hard zum 'Album des Monats' gewählt. Der Kritiker Michael Rensen vergab zehn von zehn möglichen Punkten. Michael Edele von Laut.de vergab vier von fünf Sternen und bemerkte: "Man weiss gar nicht, welchen Song man zuerst nennen mag, denn den Briten ist es gelungen, jede Nummer mit ein paar Hooks zu versehen, die direkt ins Ohr gehen, ohne dabei kitschig oder allzu poppig zu wirken". Mit ihren Alben "Extinct Instinct", "Hypothetical", "Critical Mass", "Subsurface", "Dead Reckoning" und "March Of Progress" konnte die Band Threshold bereits sechs Auszeichnungen zum 'Album des Monats' im deutschen Rock Hard Magazin für sich verbuchen. 









Sep 19, 2017


GENTLE GIANT - Octopus (Vertigo Records 6360 080, 1973)

Die drei Brüder Ray (Bass, Gitarre, Violine, Gesang), Derek (Gesang, Bass, Saxophon) und Phil Shulman (Gesang, Saxophon, Trompete) begannen ihre musikalische Karriere unter dem Bandnamen The Howling Wolves, aus denen danach The Road Runners wurden. Sie traten in der Gegend um Portsmouth auf und spielten wie viele andere Bands zu der Zeit auch einen britisch gefärbten Rhythm And Blues. Anfang 1966 benannten sie sich dann erneut um, diesmal in Simon Dupree And The Big Sound und spielten einen zeittypischen psychedelischen Poprock. Die weiteren Bandmitglieder waren Peter O’Flaherty (Bass), Eric Hine (Keyboards) und Tony Ransley (Schlagzeug). Die neue Gruppe konnte einen Plattenvertrag bei Parlophone Records unterzeichnen. Die ersten Singles, welche die Band dann auf diesem Label veröffentlichten, blieben weitgehend unbeachtet. Erst als sie sich auf Drängen ihres Managements noch stärker in Richtung Psychedelic Rock bewegten, konnten sie Ende 1967 mit der Single "Kites" einen Top-Hit landen, der aber leider ihr einziger bleiben sollte. Für eine kurze Zeit hatten Simon Dupree And The Big Sound einen gewissen Reginald Dwight als Keyboarder mit auf Tournee, der später als Elton John Karriere machen sollte.

Ende 1968 veröffentlichten die Shulman Brüder unter dem erneut geänderten Bandnamen The Moles die Single "We Are The Moles", ein langes Stpck, verteilt auf zwei Singles-Seiten als "Part One" und "Part Two". Bald gab es Gerüchte, hinter dem Pseudonym würden die Beatles stecken, mit Ringo Starr als Leadsänger. Doch Syd Barrett deckte auf, Simon Dupree And The Big Sound seien die Moles. Schon nach kurzer Zeit löste sich auch diese Gruppe wieder auf, um 1970 als Gentle Giant mit einem radikalen Stilwechsel wieder aufzutauchen. Gentle Giant prägten innerhalb des Progressive Rock eine eigene Richtung, gekennzeichnet durch experimentelle Klänge, komplexe Rhythmusstrukturen und avancierten Kompositionsprinzipien aus der klassischen Musik (zum Beispiel Kontrapunkt). Gentle Giant verbanden Rock, Klassik, Jazz und Pop. Die Band spielte im Studio und auf der Bühne über dreissig Instrumente und alle fünf Musiker sangen auch. Neben dem gewöhnlichen Rock-Instrumentarium Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards wurden Instrumente wie Violine, Violoncello, Blockflöte, Trompete, Saxophon, Vibraphon und Glockenspiel verwendet, zudem waren Passagen mit bis zu fünfstimmigem Chorgesang in den Kompositionen enthalten.

Als einer ihrer Meisterstreich dürfte das 1972 veröffentlichte Album "Octopus" bezeichnet werden, obwohl dieses Werk bereits viele gehörfreundlichere Elemente beinhaltete als die beiden teils als etwas sperrig wahrgenommenen Vorgänger "Gentle Giant" (1970) und "Acquiring The Taste" (1971). Trotzdem frönten die Musiker auch hier wieder völlig hemmungslos und ohne Rücksicht auf kommerzielle Verwertbarkeit einem ebenso beeindruckenden wie verwirrenden Gemisch aus Progressivem Rock, Jazz, Klassik, dissonanten Experimenten und jener knuffigen Verschrobenheit, die man damals so wohl nur in England finden konnte. Die atemberaubenden instrumentalen und stilistischen Kapriolen wurden jedoch immer wieder von wunderschönen, unkonventionellen Gesangsmelodien unterwandert, die gerne auch mal als vierstimmige Chöre auftauchten und den Hörer wieder auf einen irdischen Fixpunkt einnordeten. "The Advent Of Panurge" oder "Raconteur, Troubadour" besassen durchaus Ohrwurmqualitäten, insgesamt präsentierten sich Gentle Giant aber auch mit "Octopus" immer noch wesentlich sperriger als jede andere Progressive Rock Band der damaligen Zeit.

In durchaus relativ kurzen Songs von zumeist kaum mehr als vier Minuten Lauflänge mehr progressive Elemente hineinzustopfen, als andere Bands dies in 20 Minuten Longtracks bewerkstelligen konnten, zeichneten auch dieses Album aus. Eine wilde und anspruchsvolle Achterbahnfahrt der Instrumente, gleichwohl durchdacht und einen Sinn ergebend, liess den Zuhörer einfach nur staunen. Fast lieblich zu nennendem Mittelalterlichen Minnesang folgte ein Ausbruch von dissonantem Jazzgefrickel. Funkig angehauchtem Rock Groove folgten Passagen lieblichster Melodieseligkeit. Das alles immer wieder variierend duch die Hammond Orgel, die Geige, das Cello, eine Blockflöte, dem Xylophon, mehrstimmiger Acappella Gesangsakrobatik, dazu Trompete, sich unabhängig voneinander umgarnenden Melodien, sparsam eingesetzter elektrischer Gitarre, einem stoisch pumpenden Bass und einem sehr akzentuierten Schlagzeug-Spiel im besten Bill Bruford-Stil. Hier und da schimmerten trotz aller Komplexität die Beatles durch mit Melodien, die sich im Klangdschungel herauskristallisierten und zum mitsingen einluden.

Der Opener des Albums "The Advent Of Panurge" sei als herausragendes Beispiel für die enorme Kreativität der Musiker genannt, der so ziemlich alle eben genannten Elemente in sich vereinte. Eingeleitet von einer halsbrecherischen Gesangsakrobatik, der man kaum folgen kann, setzte bei diesem fulminanten Eintiegs-Song ein sehr dezentes, jazziges Gitarrenspiel ein, verpackt in ein veworrenes Rhythmus-Gerüst, sodass man bereits hier von einer Stilmélange sprechen konnte, die Jazzmusik mit Mittelalterlichem Minnesang verband. Auch "The Boys In The Band" war ein halsbrecherisches Stück, diesmal ein Instrumental, welches beim ersten Hören den Hörer eher abschreckte, sich bei intensiven Hördurchgängen aber immerweiter zu steigern vermochte. Hier spielten scheinbar alle aneinander vorbei und doch alle zusammen. Heute würde man das einen fabelhaften Jam ohne stilistische Schranken nennen, eine Art Strawinsky-Dissonanz, welche auf Progressiven Rock trifft.

"Think Of Me With Kindness" war ein Liebeslied, in welchem Kerry Minnear mit zartmelacholischer Stimme das Ende einer Beziehung besang. Balladenhafte Strophen wechselten sich ab mit orchestral-hymnischen sowie schmerzlich-quälenden Passagen und bewirkten so in typischer Gentle Giant-Manier ein übriges dazu, dass kein Kitsch, aber auch kein Charts-Hit entstand. Dagegen gerieten Titel wie "Knots" vertrackt bis an die Grenze der Erträglichkeit und Aufnahmefähigkeit, obwohl die Kompositionen auf "Octopus" insgesamt griffiger und kompakter wirkten als jene der vorherigen Veröffentlichungen. Musikalisch knüpfte "Octopus" aber an "Acquiring The Taste" an, der zweiten Platte der Gruppe aus dem Jahre 1971. Während das einige Monate zuvor ebenfalls im Jahre 1972 veröffentlichte Album "Three Friends" ein Konzeptalbum mit einer durchgängigen Thematik war, zeigte der achtarmige "Octopus" ein buntes Kaleidoskop von perfekten musikalischen Bravourstücken, ungemein unterhaltsam, abwechslungsreich und virtuos. Gentle Giant brillierten zwischen madrigaler Musik, Klassik, Jazz, Rock und Blues und zeigten, was sie auf unzähligen Instrumenten und in vielfältigen Kompositionstechniken konnten.Esfehlte vielleicht, jedenfalls nach meinem persönlichen Geschmack, im Vergleich zu "Three Friends" ein bisschen die Kohäsion zwischen den acht Songs, so wie es auf den beiden Folgealben, "In A Glass House" (1973) und "The Power And The Glory" (1974), wieder gelang.

Für viele Fans war und ist "Octopus" jedoch das beste Album von Gentle Giant, und ganz sicher eignet es sich hervorragend als Einstieg in das Oeuvre dieser erstklassigen und einmaligen Band. "Octopus" war das wohl gradlinigste Werk er Gruppe, die sich mit den ersten drei Platten, welche an Komplexität und Abwechslungsreichtum kaum zu überbieten waren, einen exzellenten Ruf in der Musikwelt erarbeitet hatten. Die Shulman Brüder gingen hier vielschichtig und kontrollierter zu Werke, als auf ihrem 1970 erschienen Debütalbum, dafür ungemein stringenter und klavierlastiger, als auf den vorangegangenen Veröffentlichungen. Den Hörer erwartete ein variantenreiches, aber gradliniges Songkonzept, das mit den Ideen-Overkills der ersten Platten konform ging, ohne jedoch die klare, straighte Linie aus den Augen zu verlieren. Schöne, feine Klänge fanden sich hier zuhauf, dazu rockige Melodiebögen und dezente Schlagzeug-Arrangements. Die Songs waren weniger vertrackt, aber dennoch sehr progressiv und hochwertig. "The Advent Of Panurge" war beispielsweise ein Song voller Tiefgang, leichter Komplexität und sparsamem Instrumentarium. Ein Stück, welches dem Prädikat stringent am meisten gerecht wurde und in der Gentle Giant Diskographie diesen am eloquentesten definierte. Weitere Höhepunkte dieses fast epischen Gebildes, welches sich durchaus auf eine Stufe mit dem Debütalbum stellen lässt, waren auch die Titel "A Cry For Everyone", "Dog's Life" und "River". Die Kompositionen benötigten immer viel Zeit, bis diese sich dem Hörer erschliessen konnten, doch dann offenbarte sich ein exzellentes Progressive Rock Album voller Tiefgang und akrobatischer Höhenflüge, die einer fesselnden Achterbahnfahrt gleichkamen. Trotz des direkten Konzepts strotzte "Octopus" voller Ideen: ein Album, das man richtiggehend erforschen konnte und das noch heute beim erstmaligen Anhören einfach sprachlos macht.

Obwohl Gentle Giant gegen Ende der 70er Jahre ihren Stil auf Drängen ihrer damaligen Plattenfirma Chrysalis Records vereinfachte und verstärkt Elemente des Rock aufnahm, konnte sie den von Punk und New Wave, aber auch von der Disco-Musik geprägten musikalischen Zeitgeist der Popmusik nicht mehr treffen. Trotz ihrer hohen musikalischen Kompetenz erreichten Gentle Giant niemals eine mit anderen Bands dieser Zeit vergleichbare Popularität und blieben vorrangig für ein spezialisiertes Publikum von Interesse. Dennoch prägten sie eine Reihe späterer Bands, die dem Genre des Neo Progressive Rock zugeordnet wurden. So nannte beispielsweise die kanadische Band Saga die Gruppe Gentle Giant als einen wichtigen Einfluss. Bei Kritikern und Fans genossen vor allem die Alben "Three Friends" (1972), "Octopus" (1972), "In A Glass House" (1973), "The Power And The Glory" (1974) und "Free Hand" (1975) hohes Ansehen. Im Jahre 1980 erschien mit "Civilian" das letzte Album der Band, auf dem sie sich bereits völlig vom Stil der frühen Jahre gelöst hatte. Seit 2008 traten Malcolm Mortimore und Gary Green mit einigen weiteren Musikern als Rentle Giant auf; diese Band wurde mit dem Einstieg von Kerry Minnear in Three Friends umbenannt. Minnear stieg im Oktober 2009 wieder aus.











Sep 18, 2017


PAUL KELLY AND THE MESSENGERS - So Much Water So Close To Home
(A&M Records 395266-2, 1989)

Der australische Singer und Songwriter Paul Maurice Kelly wurde am 13. Januar 1955 in Adelaide, South Australia geboren. Nach seiner Schulzeit zog Kelly quer durch seinen Heimatkontinent und verdiente sich sein Geld mit Gelegenheitsjobs. Ausserdem begann er schon sehr früh mit dem Gitarrespielen und mit 19 Jahren hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt in Tasmanien. Im Jahre 1976 zog es ihn schliesslich nach Melbourne, wo er sich zuerst als Sänger einer Band anschloss und dann mit Paul Kelly & The Dots seine erste eigene Band gründete. Anfang der 80er Jahre nahm er mit dieser Band auch zwei Alben auf und konnte mit Billy "Baxter" und dessen B-Seite "Hard Knocks" einen ersten kleineren Single-Hit verbuchen, bevor er die Gruppe jedoch auflöste. Nach knapp zwei Jahren ging er erneut mit einer eigenen Band an den Start, allerdings ohne einen Plattenvertrag und auch ohne Management. Er übersiedelte schliesslich im Jahre 1984 nach Sydney und spielte dort auf eigene Kosten ein weiteres Album ein, das er "Post" nannte und unter seinem eigenen Namen Paul Kelly, ohne Bandzusatz veröffentlichte.

Die auf diesem Werk präsentierte Abkehr vom gitarrenlastigen Bandrock hin zur melancholisch-akustischen Songwriter-Musik war sofort von Erfolg gekrönt. Das Album wurde von der Musikpresse gelobt und konnte sich auch in den australischen Charts platzieren. Dies ermutigte Paul Kelly, wieder eine Begleitband zusammenzustellen, der er den Namen Coloured Girls gab, aus denen später die Messengers wurden, und es folgte das Album "Gossip". Diese Platte bedeutete den ersehnten Durchbruch in kommerzieller Hinsicht und wurde mit Gold ausgezeichnet. Das Album erreichte in Australien die Album Top 10. Ausserdem wurde diese Platte als erste des Künstlers überhaupt auch in den USA veröffentlicht, wo Paul Kelly & The Messengers zuerst als Vorgruppe von Crowded House und dann auf einer eigenen Tournee Auftritte absolvierten konnten. Von den drei Singles, welche aus dem Album ausgekoppelt wurden, konnte sich "Darling It Hurts" auch in den US-Rockcharts platzieren (Platz 19). Noch erfolgreicher war das nachfolgende Platin-Album "Under The Sun", das mit der daraus ausgekoppelten Single "To Her Door" Paul Kelly's bislang einzigen Top 10-Singlehit hervorbrachte. Der Song "Dumb Things" wurde in den Soundtrack der australischen Filmkomödie 'Einstein Junior' aufgenommen und war ihr zweiter Hit in den USA, der es, wohl auch dank dem Erfolg des Films 'Einstein Junior' bis auf Platz 16 schaffte.

Musikalisch entwickelte sich Paul Kelly zunehmends zum Geschichtenerzähler, der auch australische Themen aufnahm und sich mit den Ureinwohnern des Kontinents, den Aborigines, befasste. Der Nachfolger von "Under The Sun" wurde zunächst in Australien auf Mushroom Records veröffentlicht, kam einige Wochen später aber wiederum auch weltweit bei A&M Records heraus. "So Much Water So Close To Home" erschien erstmals auch in Deutschland und bescherte dem Musiker mit der Singleauskopplung "You Can't Take It With You" einen kleineren Single-Erfolg. Das Stück wurde regelmässig in deutschen Radiostationen gespielt. In seiner Heimat Australien entschied sich das dortige Plattenlabel, das Stück "Careless" als Single zu veröffentlichen, was für ihn dort erneut ein grösserer Hit bedeutete. "So Much Water So Close To Home" erhielt seinen Namen nach einer Kurzgeschichte des Schriftstellers Raymond Carver. Der amerikanische Erzähler genoss seinen Ruhm sieben Jahre lang. Ausgelöst wurde die Begeisterung 1981 durch den Storyband 'Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden'. Carver avancierte zur Kultfigur eines neuen lakonischen Stils, er war der Porträtist des armen weissen Amerika, dessen Helden sprachlos gegen Scheidungen, Suff, Verzweiflung und unbezahlte Rechnungen ankämpfen. Es war die Welt, der Carver selbst entstammte und der er nur durch Schreiben entfliehen konnte. 1988 starb der Autor, fünfzigjährig, an Krebs. Als Huldigung verstand Paul Kelly daher nicht nur den gewählten Albumtitel, sondern auch ein Stück, das er diesem Schriftsteller widmete: "Everythings Turning To White".

Aufgenommen in den Ocean Way Studios in Hollywood, spielte Paul Kelly dieses Album mit seiner Stammformation, bestehend aus dem Gitarristen Steve Connolly, dem Keyboarder Peter Bull, dem Bassisten Jon Schofield und dem Schlagzeuger Michael Barclay ein. Zu den Aufnahmen gesellten sich allerdings einige absolut hochkarätige US-amerikanische Studio- und Sessionmusiker, von denen der Bariton-Saxophonist Steve Berlin, die beiden Perkussionisten Paulinho Da Costa und Lenny Castro, sowie der Mundharmonika-Spieler John "Juke" Logan die bekanntesten waren. Das von Scott Litt gemeinsam mit Paul Kelly produzierte Album begeisterte mit einer überaus lockeren typisch US-amerikanisch gefärbten Rootsrock und Folkrock-Mischung, die dank der erlesenen Schar an Gastmusikern auch arrangementmässig viel Abwechslung zu bieten hatte. Paul Kelly erzählte in den Songs des Albums erneut viele kleine Geschichten von Menschen, denen es nicht allzu gut geht, und er erwies sich dabei als ausgezeichneter Beobachter des Lebens der weniger Privilegierten. In seinem Song "South Of Germany" stellte er auch einen Bezug zu Deutschland her, er beschrieb darin seine Eindrücke eines Aufenthaltes im Schwarzwald, als er in Europa auf Tournee war.

Bis 1991 entstanden insgesamt fünf Alben mit den Messengers, die sich alle in den australischen Top 40 platzieren konnten. Nach fünf Jahren löste Kelly die Band auf, weil er befürchtete, sich musikalisch auf Dauer auf eingefahrene Wege zu begeben. Noch im selben Jahr arbeitete er mit Aborigine-Musikern wie Archie Roach zusammen und war an der ursprünglichen Version des späteren weltweiten Hits "Treaty" von Yothu Yindi beteiligt. Im Jahr darauf schrieb er Musik für eine Theateraufführung, an der er auch selbst als Schauspieler teilnahm. Weitere Musik für Film und Fernsehen folgte. Daneben erschienen zwei Live- und zwei Solo-Studioalben, die auch in Neuseeland erfolgreich waren. Zudem versuchte er auch als Solist in den USA Fuss zu fassen und lebte längere Zeit in den USA. Das erste Greatest Hits-Album "Songs From The South" erschien 1997 und war mit Platz 2 in Australien und Doppel-Platin für mehr als 140000 verkaufte Exemplare seine erfolgreichste Platte. Im selben Jahr wurde er bei den ARIA Awards, dem Musikpreis der australischen Plattenindustrie, als bester männlicher Künstler ausgezeichnet und in die ARIA Hall of Fame aufgenommen.

In den folgenden Jahren veröffentlichte er zahlreiche weitere Soloalben und immer wieder auch Platten mit anderen Musikern zusammen. Daneben schrieb und produzierte er auch für andere Künstler. Unter anderem war er auch am 7. Juli 2007 auf dem Live Earth-Konzert in Sydney vertreten. Erstmals 1993 und seitdem in aktualisierten Neuauflagen erschienen seine gesammelten Songtexte auch in Buchform.








Sep 17, 2017


THE ALLMAN BROTHERS BAND - Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas
(Capricorn Records 2CX 0177, 1976)

Gegründet 1969, bestand die Allman Brothers Band ursprünglich aus Duane Allman (Gitarre), Gregg Allman (Gesang und Keyboards), Richard 'Dickey' Betts (Gitarre), Berry Oakley (Bass), Butch Trucks (Schlagzeug) und Jai Johanny 'Jaimoe' Johanson (Perkussion). Die eigentlichen Allman-Brüder, Duane und Gregg, spielten zuvor in verschiedenen Gruppen wie den Escorts, den Allman Joys und zuletzt Hour Glass. Als Hour Glass ihren Plattenvertrag verloren, gründete Duane die Allman Brothers Band. Als das Debutalbum "The Allman Brothers Band" im November 1969 veröffentlicht wurde, gab es die Band gerade mal ein paar Monate. Die erste Bandkonstellation hielt bis zu Duane Allmans tragischem Motoradunfall 1971 und brachte drei Platten hervor, die auch heute noch als Blaupausen für das spätere Genre des Southern Rock galten. Die Allman Brothers spielten dabei einen bluesigen, flüssigen Rock mit leichten Country-Elementen und man könnte sie genauso der Frühphase des harten Rocks oder Hardrocks zuordnen. Die akustische Nähe war durchaus vorhanden.

Mit "Eat A Peach" veröffentlichten die Allman Brothers nach dem durchschlagenden Erfolg ihres Live-Doppelalbums "At Fillmore East" ein weiteres ein Doppelalbum mit Studio- und Liveaufnahmen. Es erschien im Februar 1972 und war das letzte Album mit dem kurz zuvor verstorbenen Duane Allman. Das Album war denn auch ihm gewidmet. Mit dem Album "At Fillmore East", das im Juli 1971 erschienen war und Platz 13 der US-Charts erreichte, war den Allman Brothers der kommerzielle Durchbruch gelungen. Die Band hatte in den Criteria Studios in Miami drei Titel für ein nächstes Album aufgenommen, als Duane Allman am 29. Oktober 1971 bei einem Motorradunfall starb. Darunter war auch das Stück "Little Martha", das einzige Lied der Band, das Duane Allman alleine komponiert hatte. Für "Eat A Peach" wurden zusätzlich Liveaufnahmen aus dem Fillmore East verwendet, vor allem die legendäre "Mountain Jam", die über eine halbe Stunde dauernde Improvisation über Donovans Thema "There Is A Mountain", sowie drei Stücke, welche die Band nach Duane Allmans Tod aufnahm. Das von Gregg Allman geschriebene erste Stück des Albums, "Ain't Wastin' Time No More" reflektierte dabei das trotzige Weitermachen nach dem Verlust seines Bruders. Das Album erreichte Platz 4 der Billboard 200, die Singles "Ain't Wastin' Time No More" Platz 77, "Melissa" Platz 86 und "One Way Out ebenfalls" Platz 86 der Billboard Hot 100. Wurden die Allman Brothers zumindest in ihrer Frühphase vor allem als Liveband hoch geschätzt, so änderte sich dies mit der Veröffentlichung des nächsten Studioalbums, dem ersten Werk, auf welchem Duane Allman nicht mehr zu hören war: "Brothers And Sisters".

Während der Arbeiten an dem Album "Brothers And Sisters" verunglückte der Bassist Berry Oakley mit dem Motorrad, er war deshalb nur auf den ersten beiden Stücken des Albums zu hören. Da zur gleichen Zeit drei Tourneetechniker ebenfalls verunglückt waren, wurde der ursprünglich geplante Albumtitel "Lighnin' Rod" (Blitzableiter) geändert in "Brothers And Sisters". Das Album war kommerziell überaus erfolgreich und blieb fünf Wochen auf Platz 1 der US-amerikanischen Albumcharts Billboard 200. Die Singleauskopplung "Ramblin' Man" von Dickey Betts stieg bis auf Platz 2 der Billboard Hot 100. Betts schrieb auch den beschwingten Instrumentalklassiker "Jessica", welcher als Singleauskopplung Platz 65 der Billboard Hot 100 erreichte, sowie die Songs "Southbound" und "Pony Boy". Das Frontcover zeigte eine Fotografie von Vaylor Trucks, dem Sohn des Schlagzeugers Butch Trucks, die Rückseite Brittany Oakley, die Tochter des Bassisten Berry Oakley. Die Innenseite zeigte ein grosses Foto von Bandmitgliedern, Roadies, Ehefrauen, Freundinnen und Kindern der Musiker. Die RIAA zeichnete das Album bereits kurz nach Erscheinen mit Gold und im Winter 1995 mit Platin aus. Vor Beginn der Aufnahmen zum nächsten Studiowerk "Win, Lose Or Draw" gab es Spekulationen über eine Trennung der Gruppe. Sowohl Gregg Allman als auch Dickey Betts hatten mit "The Gregg Allman Tour", beziehungsweise "Highway Call" im Jahre 1974 ein Album ihres jeweiligen Soloprojektes veröffentlicht. Die Aufnahmen zu "Win, Lose Or Draw" waren geprägt von den Spannungen und personellen Problemen innerhalb der Band. Es war das letzte Studioalbum der Gruppe vor ihrer ersten Trennung im Jahre 1976 und wurde von Johnny Sandlin und der Band selbst produziert. Im Jahr der Veröffentlichung kam es zu Auftritten im Rahmen der Präsidentschaftskandidatur Jimmy Carters. Das Album erhielt gemischte Kritiken. Bruce Eder schrieb auf Allmusic, dass "Win, Lose Or Draw" eine unerwartet arme Vorstellung wäre und dass ausser dem Stück "Can't Lose What You Never Had" kaum etwas Erstklassiges enthalten wäre. Hingegen schrieb etwa Tony Glover im Rolling Stone Magazin, dass die Gruppe die mit dem ersten Album begonnene Tradition fortsetzen und hier weitere und bessere Lieder ergänzen würde. Es würde mit jedem Hördurchgang neue Feinheiten zu vernehmen sein und das Zusammenspiel wäre so gut wie immer.

Es war einerseits abzusehen, letztlich aber auch nur logisch, dass sich die Band und ihre Plattenfirma Gedanken machen mussten, wie es weitergehen würde. So entschloss man sich, ein weiteres Livealbum zu veröffentlichen, denn trotz aller Spannungen innerhalb der Band und relativ vielen Diskussionen über eine kreative Zukunft der Gruppe wussten alle um die grossen Live-Qualitäten der Allman Brothers Band. "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" wurde ursprünglich als Doppel-LP ein halbes Jahr nach der Trennung der Band im Mai 1976 aufgrund immer grösserer persönlicher Differenzen veröffentlicht. Es war historisch betrachtet das zweite reine Livealbum der Gruppe nach "At Fillmore East" und wiederholte bis auf "In Memory Of Elizabeth Reed" keine von jenem Album bekannten Songs, sondern zeigte grösstenteils Livematerial der letzten beiden Studioalben. Im Gegensatz zum ersten Livealbum fehlte hier der verstorbene Duane Allman als zweiter Gitarrist, der auch nicht durch eine neue Besetzung an der Gitarrenposition ersetzt wurde. Dies führte zu einer Neuausrichtung des Bandsounds, der schon auf den beiden vorangegangenen Studioalben "Brothers And Sisters" und "Win, Lose Or Draw" vorweggenommen wurde. Daher erhielt "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" nie die gleichen herausragenden Bewertungen und Verkaufserfolge wie "At Fillmore East". Der Titel des Livealbums war dem Song "Too Much Monkey Business" von Chuck Berry entlehnt worden. Viele Fans der Livemusik der Allman Brothers erachten die hier präsentierte Version des Bandklassikers "In Memory Of Elizabeth Reed" als die atmosphärischste und gefühlvollste Version dieses Jams. Auch ich bin ein grosser Fan dieser Version, jedoch nicht nur dieses Titels. Entgegen den eher gemässigten damaligen Plattenkritiken konnte ich bis heute kein in sich stimmigeres Livealbum der Allman Brothers ausmachen als "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas". Der Grund lag vielleich darin, dass sich die Band hier in einem stilistischen Umbruch zeigte und einen Gesamtsound vorlegte, den sie weder vorher noch später wieder präsentierten.

Das Live-Album wurde von Capricorn-Chef Phil Walden Ende 1976 als nächstes Doppelabum der Band veröffentlicht, die sich bereits Mitte des Jahres vollkommen zerstritten aufgelöst hatte. Gregg Allman hatte in einem Prozess gegen einen Beschäftigten der Band wegen Drogenhandels ausgesagt und diesen schwer belastet, anstatt sich auf den "Fifth Amendment" der amerikanischen Verfassung zurückzuziehen und die Aussage zu verweigern. Der Rest der Band hatte dies als starken Affront gegen sich selbst gewertet und jegliches weiteres Spielen mit Allman abgebrochen. Der Plattenfirma Capricorn Records ging es zu dieser Zeit sehr schlecht, besonders weil nun auch das Flaggschiff in Form der Allman Brothers Band untergegangen war und damit keine weiteren Alben mehr zu erwarten waren. Von dem Album "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" erhoffte sich Walden starke Verkäufe und damit noch einmal schnelles Geld.

Die Band selbst hatte sich einer Veröffentlichung zunächst verweigert, konnte ihn aber nicht verhindern. Zudem unterstellten Kritiker dem Album durch nur mässigen Mix einen schlechten Sound. Der Schlagzeuger Jaimoe sagte in der Duane Allman Biographie 'Skydog - The Duane Allman Story', dass er das Album die ersten Jahre nach 1976 nicht einmal angehört habe. Nachdem er dies dann auf Rat eines Bekannten irgendwann doch tat, wer er allerdings überrascht, wie gut doch die Aufnahmen waren, die aus fünf Konzerten aus dem Zeitraum von 1972 bis 1975 kamen: dem Winterland in San Francisco (26.11.1973), The Warehouse, New Orleans (31.12.1972), der Summer Jam in Watkins Glen New York (28.7.1973), Bakersfield (22.10.1975) und dem Oakland Coliseum (24.10.1975). Tatsächlich erreichte das Album nur Rang 75 der Billboard Pop Charts und verschwand nach 10 Wochen ganz. Der Jam "In Memory Of Elizabeth Reed" erschien als dritte Live-Version, hier allerdings deutlich mehr keyboardlastig durch das Piano von Chuck Leavell in einem längeren Solo, was ungewohnt klang, wenn man die beiden Versionen aus den Alben "Idlewild South" und "At Fillmore East" kannte. Insgesamt war die teilweise sehr schlechte Kritik über das Album "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" bestimmt nicht gerechtfertigt, auch wenn die Kritik an der Plattenfirma sicher stimmte, dass diese mit der aufgelösten Allman Brothers Band noch einmal das schnelle Geld machen wollte; und das, obwohl die Band sich gegen eine Veröffentlichung des Albums ausgesprochen hatte. Wenn man sich dieses Doppelalbum heute anhört, so kann man sich darauf wahrscheinlich keinen vernünftigen Reim mehr machen, denn die Aufnahmen klingen wunderschön, sehr relaxed und lassen keinen Moment lang den Gedanken aufkommen, hier wäre eine zerstrittene Band am musizieren gewesen.








Sep 15, 2017


GOLDEN EARRING - Eight Miles High (Polydor Records 656 019, 1969)

Denkt man an die Gruppe Golden Earring, denkt man natürlich zuallererst einmal an ihren grossen Hit "Radar Love", an dem kaum ein Rockfan vorbeikommt. Doch die Geschichte dieser Formation geht sehr weit zurück: Bereits im Jahre 1961 in Den Haag als The Tornadoes von George Kooymans und Rinus Gerritsen, gerade 13 und 15 Jahre alt, gegründet, änderte man den Bandnamen im September 1962 wegen des Erfolgs der gleichnamigen englischen Band The Tornados. Nach einem Lied von Marlene Dietrich aus dem Jahre 1948 nannten sie sich zunächst The Golden Earring“, später vereinfacht Golden Earring. Ihre erste LP "Just Earrings" brachte 1965 bereits den frühen Durchbruch. Die Platte enthielt nicht weniger als drei Top 10-Hits, darunter den Top 2-Hit "That Day". Drei weitere Hits brachte das nur ein Jahr später veröffentlichte Album "Winter-Harvest" für die Band. Musikalisch orientierten sich Golden Earring in den Anfangsjahren an der klassischen 'British Invasion'. Ihre Songs schrieben sie selbst, Hauptsongschreiber war Kooymans zusammen mit Gerritsen.

Vor dem dritten Album gab es dann einige wesentliche Veränderungen. Der Sänger, Gitarrist und Flötist Barry Hay stiess 1967 zu der Gruppe und ersetzte Leadsänger Frans Krassenburg. Gitarrist Peter de Ronde verliess die Band. Stilistisch folgte man auf dem Werk "Miracle Mirror" dem Trend zum Psychedelic Rock. Die Golden Earrings konnten damit ihren Erfolg noch steigern. Mit dem ohne Album veröffentlichten Song "Dong-Dong-Di-Ki-Di-Gi-Dong" hatten sie 1968 ihren ersten Nummer Eins-Hit. Bemerkenswertester Ausdruck dieser Periode war eine 19-minütige Version des Byrds-Titels "Eight Miles High", einem ihrer wenigen Coversongs, das zusammen mit fünf eigenen Songs auf dem gleichnamigen Album enthalten war. "Eight Miles High" offenbarte erstmals das enorme qualitative Potential dieser Gruppe, die bis dahin eher im traditionellen Kurzsong-Schema gespielt hatte. Der überlange Titelsong war vielleicht einer der wenigen Jam-Titel der Band, der in seiner lockeren Spielweise gar entfernt an Bands wie Man, The Grateful Dead oder Sweet Smoke angelehnt war und viele Fans überraschte.

Die kommenden Jahre brachten erneut einige Änderungen. Der Gründungsschlagzeuger Jaap Eggermont verliess die Band - er wurde später ein international erfolgreicher Produzent. Dafür wechselte 1970 Cesar Zuiderwijk, der Schlagzeuger und Perkussionist der Gruppe Livin' Blues zu Golden Earring. Mit Kooymans, Gerritsen, Hay und Zuiderwijk hatte die Band ihre endgültige Besetzung somit gefunden und neben Kooymans wurde Hay zum wichtigsten Songschreiber. Der Bandname verlor das 's' am Ende und so hiess das 1970 veröffentlichte Album nach dem neuen Bandnamen "Golden Earring". Es war ein Nummer Eins-Album und enthielt mit "Back Home" ihren zweiten Nummer 1-Hit. Erstmals hatten sie mit diesem Titel aber auch einen Charts-Hit im Nachbarland Deutschland und in der Schweiz erreichten sie Platz 6. Nachdem der Psychedelic Rock seinen Höhepunkt überschritten hatte, orientierten sich die Niederländer mit diesem Album in Richtung Progressive und Hard Rock und setzten diese Entwicklung und den internationalen Erfolg mit den Alben "Seven Tears" und "Together" fort. 1972 wurden sie von The Who eingeladen, auf ihrer Europatour als Vorgruppe zu spielen. Das Label, bei welchem The Who unter Vertrag waren, verhalf der Band auch zu Aufmerksamkeit über den europäischen Kontinent hinaus.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung und der grösste Erfolg in der Karriere von Golden Earring war dann 1973 das Album "Moontan". Der Hit "Radar Love" machte sie weltweit bekannt. Der von George Kooymans und Barry Hay gemeinsam geschriebene Song kam nicht nur in Deutschland auf Platz 5 und in Grossbritannien auf Platz 7, er wurde auch in den USA veröffentlicht und erreichte Platz 13 der Hot 100. Das Album verkaufte sich dort über eine halbe Million Mal und kam auf Platz 12. Für die Doobie Brothers und Santana wurden sie als Vorband für US-Tourneen engagiert. Der Erfolg machte sie nicht zu internationalen Stars, er war aber nachhaltig und brachte ihnen drei weitere Platzierungen in der unteren Hälfte der US-Albumcharts mit den folgenden Alben. In dieser Zeit experimentierte die Band mit Hard- und Progressive-Rock und versuchte sich auch in Richtung Artrock. Auch versuchten sie es zeitweise mit einer Erweiterung des Line-Ups mit dem Keyboarder Robert Jan Stips von Supersister und mit Eelco Gelling als zweitem Gitarristen.

Die zweite Hälfte der 70er Jahre waren geprägt von den Liveauftritten der Band. Golden Earring etablierte sich als begehrte Liveband, die mit ihrer extrovertierten Bühnenshow und knalligen, auf grossen Effekt abzielenden Soli besonders in den USA beliebt war. Bereits 1969 war Golden Earring die erste bedeutendere europäische Band, die eine grosse Tour durch die Vereinigten Staaten absolvierte. Bis 1984 gingen sie 13-mal für mindestens drei Monate auf Tournee und spielten in über 40 Staaten. In ihrem Vorprogramm traten Bands wie Kiss und Aerosmith auf. Mit Musikerkollegen wie Santana, Led Zeppelin, den Doobie Brothers, Eric Clapton, Pink Floyd und The Who hatten sie gemeinsame Auftritte oder Tourneen. Besonders erfolgreich waren in dieser Zeit die beiden Livealben "Live" und "2nd Live". Obwohl sie sich bei ihrem Studioalbum "Grab It For A Second" mit US-Produzent Jimmy Iovine zusammentaten, liess das internationale Interesse an der Band nach. Er gab ihnen jedoch einen mehr Pop-orientierten Stil vor, den sie auch bei ihren nächsten Studioalben beibehielten. Insgesamt waren die Alben aber nicht mehr so erfolgreich wie in den Jahren zuvor und "Weekend Love" war 1979 der einzige Top 10-Hit in dieser Zeit.

Erst 1982 gelang Golden Earring ein zweiter Höhepunkt. Dank des Musiksenders MTV, der zu der Zeit seinen Durchbruch erlebte, wurde der Song "Twilight Zone" zu einem Top 10-Hit in den USA und damit zu ihrem grössten Hit dort. In ihrer Heimat war es der vierte ihrer fünf Nummer 1-Hits. Das zugehörige Album "Cut" erreichte ebenfalls Platz 1 und in den US-Charts Platz 24. Das nachfolgende Nummer 1-Album "N.E.W.S". mit dem Nummer 1-Hit "When The Lady Smiles" konnte sich, ebenso wie die zwei folgenden Alben, auch in den US-Charts platzieren. Danach endete jedoch Ende der 80er Jahre endgültig die Zeit der grossen internationalen Erfolge der Band. 1991 erschien das Album "Bloody Buccaneers", das ebenso Platz 3 erreichte wie die Singleauskopplung "Going To The Run". Damit waren sie im vierten Jahrzehnt in Folge eine Topband in den Niederlanden. Im Jahr darauf begann mit "The Naked Truth" eine weitere erfolgreiche Serie mit Livealben. Das bei einem Auftritt in Amsterdam aufgezeichnete Album erreichte Platz 2 der Charts und blieb über zwei Jahre in den inzwischen auf die Top 100 erweiterten niederländischen Albumcharts und gehört damit zu den erfolgreichsten Alben der neueren Zeit in ihrer Heimat. Mit "Naked II" (1997) und "Naked III" (2005) und zwei erweiterten Versionen von "The Naked Truth" sowie mit "Last Blast Of The Century" zum Jahrhundertwechsel war die Band bis in die 2000er Jahre hinein mit Liveaufnahmen erfolgreich.

Insgesamt gingen die Albumveröffentlichungen von Golden Earring in den 2000er Jahren aber deutlich zurück. Insbesondere dauerte es acht Jahre, bis 1999 mit "Paradise In Distress" wieder ein Album mit eigenen Studioproduktionen erschien. 2003 wurde "Millbrook U.S.A." veröffentlicht, das im gleichnamigen Ort im US-Bundesstaat New York aufgenommen wurde und Platz 2 der Albumcharts erreichte. Neun Jahre später erschien das bislang letzte Studioalbum "Tits 'n Ass", welches das neunte Nummer 1-Album der Band seit 1969 war. Damit hatten die Niederländer im sechsten Jahrzehnt in Folge mindestens ein Top 5-Album. In den Top 40 Singles-Charts hatten sie fünf Jahrzehnte in Folge ihre Hits platziert. Heute treten Golden Earring, die als Band ein Jahr älter sind als die Rolling Stones, hauptsächlich in den Niederlanden oder auf europäischen Festivals auf, beispielsweise 2006 auf dem Tollwood Festival in München und im Dezember 2006 in Basel. Zur Feier des 45-jährigen Bestehens erschien 2005 ein 350 Seiten umfassendes Buch im LP-Format. 2007 spielte Golden Earring zum zweiten Mal im Rockpalast des WDR in Köln, am 21. März 2009 in Hamburg und am 6. Februar 2010 in Bocholt in ausverkaufter Halle. Im Juni 2012 hatten sie einen Gastauftritt bei der Konzertreihe "Groots met een zachte G" von Guus Meeuwis im Philips-Stadion in Eindhoven. Im Rahmen ihrer 2013-Tournee gaben sie ihr einziges Deutschland-Konzert am 26. Oktober 2013 in der Euregium-Halle im niedersächsischen Nordhorn.

Das Komponistenpaar Kooymans / Hay gründete mit Ring Records ein eigenes Plattenlabel und entwickelte sich zu Produzenten. Sie schrieben und produzierten einige Songs für andere Interpreten, etwa für den Jazzpianisten Jasper van’t Hof oder Anouk. "Radar Love" gilt als Rockklassiker. Die Band White Lion hatte 1989 damit einen Charts-Hit in den USA. Daneben gab es zahlreiche weitere Coverversionen. Das Stück wurde als Hommage an die Band auch von Musikern wie U2 auf deren Konzerten in den Niederlanden gespielt. 2005 wurde "Radar Love" zum beliebtesten Song der Trucker in England und den USA gewählt und war Favorit bei den Lesern von The Washington Post. Ihr Song "Kill Me (Çe soir)" wurde von der britischen Metalband Iron Maiden für die Single-B-Seite von "Holy Smoke" gecovert und erreichte Platz 3 in den britischen Charts.



Sep 14, 2017


THE ORDER OF ISRAFEL - Wisdom (Napalm Records NPR 549, 2014)

Die Geschichte der schwedischen Doom Metal Band aus Göteborg begann 2012 mit dem Gitarristen und Sänger Tom Sutton, der anfangs noch in Japan lebte und mit der Formation Church Of Misery aktiv war. Allerdings strebte er an, in einer traditionellen Doom Metal Band zu spielen. Während Sutton als Gitarrentechniker für für die Band Pentagram arbeitete, lernte er den schwedischen Musiker Patrik Andersson Winberg kennen, der in der Band Doomdogs spielte, die zusammen mit Pentagram auf Tournee war. Beide freundeten sich an und beschlossen, gemeinsam die neue Gruppe The Order Of Israfel zu gründen. Zu diesem Zweck siedelte Sutton nach Göteborg um, da er Japan als ein ungeeignetes Umfeld für eine Doom Metal Band einschätzte. Mit Andersson Winberg am Bass wurde die Besetzung durch den Schlagzeuger Hans Lilja und den Gitarristen Staffan Björck ergänzt. Den Bandnamen bezog Sutton von einem Freund, der Israfel den Gott der Musik nannte. Im Jahre 2014 erschien das Debütalbum "Wisdom".

Der Ueberlieferung zufolge hielt Israfil als einer der vier Erzengel im Islam stets eine Trompete bereit, wenn vom Tod und der Auferstehung verkündet wurde. Der angeblich schönste aller Erzengel ging auch als der Engel der Musik in die Religionsgeschichte ein. Grundsätzlich orientierten sich The Order Of Israfel stilistisch an der ehemaligen Doom Metal Truppe Church Of Misery, erweiterten aber die musikalischen Einflüsse um einige interessante und höchst hörenswerte Stilelemente. Auch griff auf dem Debutalbum "Wisdom" die Geschichte um Tod und Auferstehung. Das Album zeichnete sich jedoch nicht nur durch majestätische Gitarenriffs und pastorale Gesangslinien aus, wie sie Jahre zuvor etwa die Gruppen Candlemass oder Cathedral zelebriert hatten, sondern zeigte vielerlei zusätzliche Einflüsse: Hard Rock im klassischen Sinne genauso wie etwa Folk britischer Ausprägung. Viele hervorragende Alben aus dem Doom Bereich belehnen sich dieser mehrschichtigen stilistischen Hilfsmittel, doch schufen The Order Of Israfel hier dank einem grossen Ideenreichtum und vor allem hervorragender Songarrangements streckenweise eine gewisse Annäherung etwa an das Debutalbum von Black Sabbath.

In einem Interview gab Bandleader Tom Sutton an, dass er versucht hatte, mit "Wisdom" einen Doom Metal zu spielen, der variabler sei, als etwa jener der Band Cathedral. In den Songtexten versuchte er Dinge, die er in seinem Leben gelernt hatte, zu vermitteln. Im Interview mit Tobias Klüter von legacy.de gab Sutton als seine grössten musikalischen Einflüsse die Bands Black Sabbath, Cathedral, Reverend Bizarre, Place Of Skulls, Krux sowie Metallica, Entombed Thin Lizzy, Pentangle, Enya und Soundtracks an. Die Songtexte könne man in zwei Kategorien einteilen: Zum einen fiktive Geschichten und zum anderen Texte mit spirituellen und weltlichen Erfahrungen. Und so unterschiedlich wie die genannten Einflüsse, so weitreichend und stilistisch breit geriet auch das Debutalbum "Wisdom". Eines der Hauptmerkmale des Albums war auch, dass es entgegen des Genre-typischen Merkmals in der Umsetzung, kein Zeitlupentempo-Werk war. Der vielschichtige Charakter des Werks stand auch im Gegensatz zu allem, was Tom Sutton zuvor gemacht hatte. Für ihn waren Cathedral die erste Doom Metal Band, die er gehört hatte und die ihn nachhaltig inspirierte. Cathedral spielten sehr langsame und teilweise unmelodiöse Musik, wohingegen diese aber immer wieder auch durchbrochen wurde von eingängigen und rockigen Momenten mit progressiven Elementen.

Letztendlich war es für die Musiker Sutton und Winberg auch der Glaube an die Kraft, die aus der Vielfalt erwächst, die dazu beitrug, dass sich die beiden Musiker nach einer langen Zeit des sich gegenseitigen Abtastens zusammengetan hatten, um ihre musikalischen Visionen gemeinsam umzusetzen. Zukunftsorientiert meinte Tom Sutton dazu: "Hinter unserem Namen steckt die Idee, dass wir uns der Musik als der höchsten Macht, die Gutes unter die Menschen bringt, verschrieben haben. Jeder Musikfan kann Teil dieser Familie sein, egal ob Metalhead, Klassik- oder Jazzliebhaber. Das Album "Wisdom" belegte auf jeden Fall, dass es sich lohnt, manche Dinge reifen zu lassen. Musikalisch bot "Wisdom" wie bereits erwähnt, keinen klassischen Doom Metal. Zwar atmeten die schweren, dramatischen Zeitlupen-Riffs und der mitunter pastorale Gesang durchaus den Geist von Szene-Ikonen wie Candlemass und anderen. Doch der Sound reichte weit über jenen Rahmen hinaus, der dieses Genre normalerweise zusammenhielt. Etwa mit auffälligen, aber keineswegs aufdringlichen Hardrock-Anleihen. Zudem deutete das schwedisch-australische Quartett schon zu Beginn des Openers "Wisdom" ein feines Gespür für folkige Arrangements an, das sich in der mehr als acht Minuten langen Nummer "The Earth Will Deliver What The Heaven Desires" voll entfaltete. Mit beschwörend düsteren Chorälen und akustischen Gitarren lud die Band hier zum Tanz ums imaginäre Lagerfeuer.

Es gab auf diesem Werk auch viele Tempowechsel, Dynamik, wiedererkennbare, unterscheidbare, perfekt durcharrangierte Songs. Die Wiederholung war hier nicht das zentrale oder alleinige Mittel, um die volle Wirkung zu erzielen. Dem bösen "On Black Wings, A Demon" zum Beispiel wurde durchgängig der harte und kompromisslose Rock gegeben und auch der "Noctuus" mit den Augen einer Ratte und den Flügeln einer Fledermaus versteckte tief in seinen neun Minuten einen aggressiven Ausbruch, der zusammenzucken liess. Bei aller musikalischen Grösse der Geschichtensammlung um Gut und Böse, um Menschen und ihre Dämonen, um Träume und Realitäten, Bewahrung und Zerstörung war das Herzstück auf "Wisdom" jedoch das viertelstündige "Promises Made To The Earth". Das Plädoyer für Mutter Natur präsentierte Ohrwurm-Melodien in ungewöhnlich grosser Menge und im besten Sinne des Wortes und schwang sich zu einem durchgängig spannenden Opus auf, das in seiner Vielseitigkeit ruhigen Gewissens als progressiv bezeichnet werden konnte. Und zum Schluss wurde die Apokalypse verhandelt. Nach der von Tom Sutton eindrucksvoll nachgesprochenen unchristlichen Tirade des Damien Thorn, seines Zeichens des Teufels Sohn aus dem Film 'Omen III', schloss "Morning Sun (Satanas)" dieses Statement in Sachen Rock eindrucksvoll ab. 2016 erschien das zweite Werk der Gruppe The Order Of Israfel unter dem Namen "Red Robes". Während dieser Zeit war die Band auch live zu sehen, wie etwa Mitte 2015 mit den Bands Pentagram und Lucifer in Berlin oder gegen Ende des Jahres in Würzburg auf dem zehnten Hammer Of Doom Festival.