Sep 19, 2017


GENTLE GIANT - Octopus (Vertigo Records 6360 080, 1973)

Die drei Brüder Ray (Bass, Gitarre, Violine, Gesang), Derek (Gesang, Bass, Saxophon) und Phil Shulman (Gesang, Saxophon, Trompete) begannen ihre musikalische Karriere unter dem Bandnamen The Howling Wolves, aus denen danach The Road Runners wurden. Sie traten in der Gegend um Portsmouth auf und spielten wie viele andere Bands zu der Zeit auch einen britisch gefärbten Rhythm And Blues. Anfang 1966 benannten sie sich dann erneut um, diesmal in Simon Dupree And The Big Sound und spielten einen zeittypischen psychedelischen Poprock. Die weiteren Bandmitglieder waren Peter O’Flaherty (Bass), Eric Hine (Keyboards) und Tony Ransley (Schlagzeug). Die neue Gruppe konnte einen Plattenvertrag bei Parlophone Records unterzeichnen. Die ersten Singles, welche die Band dann auf diesem Label veröffentlichten, blieben weitgehend unbeachtet. Erst als sie sich auf Drängen ihres Managements noch stärker in Richtung Psychedelic Rock bewegten, konnten sie Ende 1967 mit der Single "Kites" einen Top-Hit landen, der aber leider ihr einziger bleiben sollte. Für eine kurze Zeit hatten Simon Dupree And The Big Sound einen gewissen Reginald Dwight als Keyboarder mit auf Tournee, der später als Elton John Karriere machen sollte.

Ende 1968 veröffentlichten die Shulman Brüder unter dem erneut geänderten Bandnamen The Moles die Single "We Are The Moles", ein langes Stpck, verteilt auf zwei Singles-Seiten als "Part One" und "Part Two". Bald gab es Gerüchte, hinter dem Pseudonym würden die Beatles stecken, mit Ringo Starr als Leadsänger. Doch Syd Barrett deckte auf, Simon Dupree And The Big Sound seien die Moles. Schon nach kurzer Zeit löste sich auch diese Gruppe wieder auf, um 1970 als Gentle Giant mit einem radikalen Stilwechsel wieder aufzutauchen. Gentle Giant prägten innerhalb des Progressive Rock eine eigene Richtung, gekennzeichnet durch experimentelle Klänge, komplexe Rhythmusstrukturen und avancierten Kompositionsprinzipien aus der klassischen Musik (zum Beispiel Kontrapunkt). Gentle Giant verbanden Rock, Klassik, Jazz und Pop. Die Band spielte im Studio und auf der Bühne über dreissig Instrumente und alle fünf Musiker sangen auch. Neben dem gewöhnlichen Rock-Instrumentarium Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards wurden Instrumente wie Violine, Violoncello, Blockflöte, Trompete, Saxophon, Vibraphon und Glockenspiel verwendet, zudem waren Passagen mit bis zu fünfstimmigem Chorgesang in den Kompositionen enthalten.

Als einer ihrer Meisterstreich dürfte das 1972 veröffentlichte Album "Octopus" bezeichnet werden, obwohl dieses Werk bereits viele gehörfreundlichere Elemente beinhaltete als die beiden teils als etwas sperrig wahrgenommenen Vorgänger "Gentle Giant" (1970) und "Acquiring The Taste" (1971). Trotzdem frönten die Musiker auch hier wieder völlig hemmungslos und ohne Rücksicht auf kommerzielle Verwertbarkeit einem ebenso beeindruckenden wie verwirrenden Gemisch aus Progressivem Rock, Jazz, Klassik, dissonanten Experimenten und jener knuffigen Verschrobenheit, die man damals so wohl nur in England finden konnte. Die atemberaubenden instrumentalen und stilistischen Kapriolen wurden jedoch immer wieder von wunderschönen, unkonventionellen Gesangsmelodien unterwandert, die gerne auch mal als vierstimmige Chöre auftauchten und den Hörer wieder auf einen irdischen Fixpunkt einnordeten. "The Advent Of Panurge" oder "Raconteur, Troubadour" besassen durchaus Ohrwurmqualitäten, insgesamt präsentierten sich Gentle Giant aber auch mit "Octopus" immer noch wesentlich sperriger als jede andere Progressive Rock Band der damaligen Zeit.

In durchaus relativ kurzen Songs von zumeist kaum mehr als vier Minuten Lauflänge mehr progressive Elemente hineinzustopfen, als andere Bands dies in 20 Minuten Longtracks bewerkstelligen konnten, zeichneten auch dieses Album aus. Eine wilde und anspruchsvolle Achterbahnfahrt der Instrumente, gleichwohl durchdacht und einen Sinn ergebend, liess den Zuhörer einfach nur staunen. Fast lieblich zu nennendem Mittelalterlichen Minnesang folgte ein Ausbruch von dissonantem Jazzgefrickel. Funkig angehauchtem Rock Groove folgten Passagen lieblichster Melodieseligkeit. Das alles immer wieder variierend duch die Hammond Orgel, die Geige, das Cello, eine Blockflöte, dem Xylophon, mehrstimmiger Acappella Gesangsakrobatik, dazu Trompete, sich unabhängig voneinander umgarnenden Melodien, sparsam eingesetzter elektrischer Gitarre, einem stoisch pumpenden Bass und einem sehr akzentuierten Schlagzeug-Spiel im besten Bill Bruford-Stil. Hier und da schimmerten trotz aller Komplexität die Beatles durch mit Melodien, die sich im Klangdschungel herauskristallisierten und zum mitsingen einluden.

Der Opener des Albums "The Advent Of Panurge" sei als herausragendes Beispiel für die enorme Kreativität der Musiker genannt, der so ziemlich alle eben genannten Elemente in sich vereinte. Eingeleitet von einer halsbrecherischen Gesangsakrobatik, der man kaum folgen kann, setzte bei diesem fulminanten Eintiegs-Song ein sehr dezentes, jazziges Gitarrenspiel ein, verpackt in ein veworrenes Rhythmus-Gerüst, sodass man bereits hier von einer Stilmélange sprechen konnte, die Jazzmusik mit Mittelalterlichem Minnesang verband. Auch "The Boys In The Band" war ein halsbrecherisches Stück, diesmal ein Instrumental, welches beim ersten Hören den Hörer eher abschreckte, sich bei intensiven Hördurchgängen aber immerweiter zu steigern vermochte. Hier spielten scheinbar alle aneinander vorbei und doch alle zusammen. Heute würde man das einen fabelhaften Jam ohne stilistische Schranken nennen, eine Art Strawinsky-Dissonanz, welche auf Progressiven Rock trifft.

"Think Of Me With Kindness" war ein Liebeslied, in welchem Kerry Minnear mit zartmelacholischer Stimme das Ende einer Beziehung besang. Balladenhafte Strophen wechselten sich ab mit orchestral-hymnischen sowie schmerzlich-quälenden Passagen und bewirkten so in typischer Gentle Giant-Manier ein übriges dazu, dass kein Kitsch, aber auch kein Charts-Hit entstand. Dagegen gerieten Titel wie "Knots" vertrackt bis an die Grenze der Erträglichkeit und Aufnahmefähigkeit, obwohl die Kompositionen auf "Octopus" insgesamt griffiger und kompakter wirkten als jene der vorherigen Veröffentlichungen. Musikalisch knüpfte "Octopus" aber an "Acquiring The Taste" an, der zweiten Platte der Gruppe aus dem Jahre 1971. Während das einige Monate zuvor ebenfalls im Jahre 1972 veröffentlichte Album "Three Friends" ein Konzeptalbum mit einer durchgängigen Thematik war, zeigte der achtarmige "Octopus" ein buntes Kaleidoskop von perfekten musikalischen Bravourstücken, ungemein unterhaltsam, abwechslungsreich und virtuos. Gentle Giant brillierten zwischen madrigaler Musik, Klassik, Jazz, Rock und Blues und zeigten, was sie auf unzähligen Instrumenten und in vielfältigen Kompositionstechniken konnten.Esfehlte vielleicht, jedenfalls nach meinem persönlichen Geschmack, im Vergleich zu "Three Friends" ein bisschen die Kohäsion zwischen den acht Songs, so wie es auf den beiden Folgealben, "In A Glass House" (1973) und "The Power And The Glory" (1974), wieder gelang.

Für viele Fans war und ist "Octopus" jedoch das beste Album von Gentle Giant, und ganz sicher eignet es sich hervorragend als Einstieg in das Oeuvre dieser erstklassigen und einmaligen Band. "Octopus" war das wohl gradlinigste Werk er Gruppe, die sich mit den ersten drei Platten, welche an Komplexität und Abwechslungsreichtum kaum zu überbieten waren, einen exzellenten Ruf in der Musikwelt erarbeitet hatten. Die Shulman Brüder gingen hier vielschichtig und kontrollierter zu Werke, als auf ihrem 1970 erschienen Debütalbum, dafür ungemein stringenter und klavierlastiger, als auf den vorangegangenen Veröffentlichungen. Den Hörer erwartete ein variantenreiches, aber gradliniges Songkonzept, das mit den Ideen-Overkills der ersten Platten konform ging, ohne jedoch die klare, straighte Linie aus den Augen zu verlieren. Schöne, feine Klänge fanden sich hier zuhauf, dazu rockige Melodiebögen und dezente Schlagzeug-Arrangements. Die Songs waren weniger vertrackt, aber dennoch sehr progressiv und hochwertig. "The Advent Of Panurge" war beispielsweise ein Song voller Tiefgang, leichter Komplexität und sparsamem Instrumentarium. Ein Stück, welches dem Prädikat stringent am meisten gerecht wurde und in der Gentle Giant Diskographie diesen am eloquentesten definierte. Weitere Höhepunkte dieses fast epischen Gebildes, welches sich durchaus auf eine Stufe mit dem Debütalbum stellen lässt, waren auch die Titel "A Cry For Everyone", "Dog's Life" und "River". Die Kompositionen benötigten immer viel Zeit, bis diese sich dem Hörer erschliessen konnten, doch dann offenbarte sich ein exzellentes Progressive Rock Album voller Tiefgang und akrobatischer Höhenflüge, die einer fesselnden Achterbahnfahrt gleichkamen. Trotz des direkten Konzepts strotzte "Octopus" voller Ideen: ein Album, das man richtiggehend erforschen konnte und das noch heute beim erstmaligen Anhören einfach sprachlos macht.

Obwohl Gentle Giant gegen Ende der 70er Jahre ihren Stil auf Drängen ihrer damaligen Plattenfirma Chrysalis Records vereinfachte und verstärkt Elemente des Rock aufnahm, konnte sie den von Punk und New Wave, aber auch von der Disco-Musik geprägten musikalischen Zeitgeist der Popmusik nicht mehr treffen. Trotz ihrer hohen musikalischen Kompetenz erreichten Gentle Giant niemals eine mit anderen Bands dieser Zeit vergleichbare Popularität und blieben vorrangig für ein spezialisiertes Publikum von Interesse. Dennoch prägten sie eine Reihe späterer Bands, die dem Genre des Neo Progressive Rock zugeordnet wurden. So nannte beispielsweise die kanadische Band Saga die Gruppe Gentle Giant als einen wichtigen Einfluss. Bei Kritikern und Fans genossen vor allem die Alben "Three Friends" (1972), "Octopus" (1972), "In A Glass House" (1973), "The Power And The Glory" (1974) und "Free Hand" (1975) hohes Ansehen. Im Jahre 1980 erschien mit "Civilian" das letzte Album der Band, auf dem sie sich bereits völlig vom Stil der frühen Jahre gelöst hatte. Seit 2008 traten Malcolm Mortimore und Gary Green mit einigen weiteren Musikern als Rentle Giant auf; diese Band wurde mit dem Einstieg von Kerry Minnear in Three Friends umbenannt. Minnear stieg im Oktober 2009 wieder aus.











Sep 18, 2017


PAUL KELLY AND THE MESSENGERS - So Much Water So Close To Home
(A&M Records 395266-2, 1989)

Der australische Singer und Songwriter Paul Maurice Kelly wurde am 13. Januar 1955 in Adelaide, South Australia geboren. Nach seiner Schulzeit zog Kelly quer durch seinen Heimatkontinent und verdiente sich sein Geld mit Gelegenheitsjobs. Ausserdem begann er schon sehr früh mit dem Gitarrespielen und mit 19 Jahren hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt in Tasmanien. Im Jahre 1976 zog es ihn schliesslich nach Melbourne, wo er sich zuerst als Sänger einer Band anschloss und dann mit Paul Kelly & The Dots seine erste eigene Band gründete. Anfang der 80er Jahre nahm er mit dieser Band auch zwei Alben auf und konnte mit Billy "Baxter" und dessen B-Seite "Hard Knocks" einen ersten kleineren Single-Hit verbuchen, bevor er die Gruppe jedoch auflöste. Nach knapp zwei Jahren ging er erneut mit einer eigenen Band an den Start, allerdings ohne einen Plattenvertrag und auch ohne Management. Er übersiedelte schliesslich im Jahre 1984 nach Sydney und spielte dort auf eigene Kosten ein weiteres Album ein, das er "Post" nannte und unter seinem eigenen Namen Paul Kelly, ohne Bandzusatz veröffentlichte.

Die auf diesem Werk präsentierte Abkehr vom gitarrenlastigen Bandrock hin zur melancholisch-akustischen Songwriter-Musik war sofort von Erfolg gekrönt. Das Album wurde von der Musikpresse gelobt und konnte sich auch in den australischen Charts platzieren. Dies ermutigte Paul Kelly, wieder eine Begleitband zusammenzustellen, der er den Namen Coloured Girls gab, aus denen später die Messengers wurden, und es folgte das Album "Gossip". Diese Platte bedeutete den ersehnten Durchbruch in kommerzieller Hinsicht und wurde mit Gold ausgezeichnet. Das Album erreichte in Australien die Album Top 10. Ausserdem wurde diese Platte als erste des Künstlers überhaupt auch in den USA veröffentlicht, wo Paul Kelly & The Messengers zuerst als Vorgruppe von Crowded House und dann auf einer eigenen Tournee Auftritte absolvierten konnten. Von den drei Singles, welche aus dem Album ausgekoppelt wurden, konnte sich "Darling It Hurts" auch in den US-Rockcharts platzieren (Platz 19). Noch erfolgreicher war das nachfolgende Platin-Album "Under The Sun", das mit der daraus ausgekoppelten Single "To Her Door" Paul Kelly's bislang einzigen Top 10-Singlehit hervorbrachte. Der Song "Dumb Things" wurde in den Soundtrack der australischen Filmkomödie 'Einstein Junior' aufgenommen und war ihr zweiter Hit in den USA, der es, wohl auch dank dem Erfolg des Films 'Einstein Junior' bis auf Platz 16 schaffte.

Musikalisch entwickelte sich Paul Kelly zunehmends zum Geschichtenerzähler, der auch australische Themen aufnahm und sich mit den Ureinwohnern des Kontinents, den Aborigines, befasste. Der Nachfolger von "Under The Sun" wurde zunächst in Australien auf Mushroom Records veröffentlicht, kam einige Wochen später aber wiederum auch weltweit bei A&M Records heraus. "So Much Water So Close To Home" erschien erstmals auch in Deutschland und bescherte dem Musiker mit der Singleauskopplung "You Can't Take It With You" einen kleineren Single-Erfolg. Das Stück wurde regelmässig in deutschen Radiostationen gespielt. In seiner Heimat Australien entschied sich das dortige Plattenlabel, das Stück "Careless" als Single zu veröffentlichen, was für ihn dort erneut ein grösserer Hit bedeutete. "So Much Water So Close To Home" erhielt seinen Namen nach einer Kurzgeschichte des Schriftstellers Raymond Carver. Der amerikanische Erzähler genoss seinen Ruhm sieben Jahre lang. Ausgelöst wurde die Begeisterung 1981 durch den Storyband 'Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden'. Carver avancierte zur Kultfigur eines neuen lakonischen Stils, er war der Porträtist des armen weissen Amerika, dessen Helden sprachlos gegen Scheidungen, Suff, Verzweiflung und unbezahlte Rechnungen ankämpfen. Es war die Welt, der Carver selbst entstammte und der er nur durch Schreiben entfliehen konnte. 1988 starb der Autor, fünfzigjährig, an Krebs. Als Huldigung verstand Paul Kelly daher nicht nur den gewählten Albumtitel, sondern auch ein Stück, das er diesem Schriftsteller widmete: "Everythings Turning To White".

Aufgenommen in den Ocean Way Studios in Hollywood, spielte Paul Kelly dieses Album mit seiner Stammformation, bestehend aus dem Gitarristen Steve Connolly, dem Keyboarder Peter Bull, dem Bassisten Jon Schofield und dem Schlagzeuger Michael Barclay ein. Zu den Aufnahmen gesellten sich allerdings einige absolut hochkarätige US-amerikanische Studio- und Sessionmusiker, von denen der Bariton-Saxophonist Steve Berlin, die beiden Perkussionisten Paulinho Da Costa und Lenny Castro, sowie der Mundharmonika-Spieler John "Juke" Logan die bekanntesten waren. Das von Scott Litt gemeinsam mit Paul Kelly produzierte Album begeisterte mit einer überaus lockeren typisch US-amerikanisch gefärbten Rootsrock und Folkrock-Mischung, die dank der erlesenen Schar an Gastmusikern auch arrangementmässig viel Abwechslung zu bieten hatte. Paul Kelly erzählte in den Songs des Albums erneut viele kleine Geschichten von Menschen, denen es nicht allzu gut geht, und er erwies sich dabei als ausgezeichneter Beobachter des Lebens der weniger Privilegierten. In seinem Song "South Of Germany" stellte er auch einen Bezug zu Deutschland her, er beschrieb darin seine Eindrücke eines Aufenthaltes im Schwarzwald, als er in Europa auf Tournee war.

Bis 1991 entstanden insgesamt fünf Alben mit den Messengers, die sich alle in den australischen Top 40 platzieren konnten. Nach fünf Jahren löste Kelly die Band auf, weil er befürchtete, sich musikalisch auf Dauer auf eingefahrene Wege zu begeben. Noch im selben Jahr arbeitete er mit Aborigine-Musikern wie Archie Roach zusammen und war an der ursprünglichen Version des späteren weltweiten Hits "Treaty" von Yothu Yindi beteiligt. Im Jahr darauf schrieb er Musik für eine Theateraufführung, an der er auch selbst als Schauspieler teilnahm. Weitere Musik für Film und Fernsehen folgte. Daneben erschienen zwei Live- und zwei Solo-Studioalben, die auch in Neuseeland erfolgreich waren. Zudem versuchte er auch als Solist in den USA Fuss zu fassen und lebte längere Zeit in den USA. Das erste Greatest Hits-Album "Songs From The South" erschien 1997 und war mit Platz 2 in Australien und Doppel-Platin für mehr als 140000 verkaufte Exemplare seine erfolgreichste Platte. Im selben Jahr wurde er bei den ARIA Awards, dem Musikpreis der australischen Plattenindustrie, als bester männlicher Künstler ausgezeichnet und in die ARIA Hall of Fame aufgenommen.

In den folgenden Jahren veröffentlichte er zahlreiche weitere Soloalben und immer wieder auch Platten mit anderen Musikern zusammen. Daneben schrieb und produzierte er auch für andere Künstler. Unter anderem war er auch am 7. Juli 2007 auf dem Live Earth-Konzert in Sydney vertreten. Erstmals 1993 und seitdem in aktualisierten Neuauflagen erschienen seine gesammelten Songtexte auch in Buchform.








Sep 17, 2017


THE ALLMAN BROTHERS BAND - Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas
(Capricorn Records 2CX 0177, 1976)

Gegründet 1969, bestand die Allman Brothers Band ursprünglich aus Duane Allman (Gitarre), Gregg Allman (Gesang und Keyboards), Richard 'Dickey' Betts (Gitarre), Berry Oakley (Bass), Butch Trucks (Schlagzeug) und Jai Johanny 'Jaimoe' Johanson (Perkussion). Die eigentlichen Allman-Brüder, Duane und Gregg, spielten zuvor in verschiedenen Gruppen wie den Escorts, den Allman Joys und zuletzt Hour Glass. Als Hour Glass ihren Plattenvertrag verloren, gründete Duane die Allman Brothers Band. Als das Debutalbum "The Allman Brothers Band" im November 1969 veröffentlicht wurde, gab es die Band gerade mal ein paar Monate. Die erste Bandkonstellation hielt bis zu Duane Allmans tragischem Motoradunfall 1971 und brachte drei Platten hervor, die auch heute noch als Blaupausen für das spätere Genre des Southern Rock galten. Die Allman Brothers spielten dabei einen bluesigen, flüssigen Rock mit leichten Country-Elementen und man könnte sie genauso der Frühphase des harten Rocks oder Hardrocks zuordnen. Die akustische Nähe war durchaus vorhanden.

Mit "Eat A Peach" veröffentlichten die Allman Brothers nach dem durchschlagenden Erfolg ihres Live-Doppelalbums "At Fillmore East" ein weiteres ein Doppelalbum mit Studio- und Liveaufnahmen. Es erschien im Februar 1972 und war das letzte Album mit dem kurz zuvor verstorbenen Duane Allman. Das Album war denn auch ihm gewidmet. Mit dem Album "At Fillmore East", das im Juli 1971 erschienen war und Platz 13 der US-Charts erreichte, war den Allman Brothers der kommerzielle Durchbruch gelungen. Die Band hatte in den Criteria Studios in Miami drei Titel für ein nächstes Album aufgenommen, als Duane Allman am 29. Oktober 1971 bei einem Motorradunfall starb. Darunter war auch das Stück "Little Martha", das einzige Lied der Band, das Duane Allman alleine komponiert hatte. Für "Eat A Peach" wurden zusätzlich Liveaufnahmen aus dem Fillmore East verwendet, vor allem die legendäre "Mountain Jam", die über eine halbe Stunde dauernde Improvisation über Donovans Thema "There Is A Mountain", sowie drei Stücke, welche die Band nach Duane Allmans Tod aufnahm. Das von Gregg Allman geschriebene erste Stück des Albums, "Ain't Wastin' Time No More" reflektierte dabei das trotzige Weitermachen nach dem Verlust seines Bruders. Das Album erreichte Platz 4 der Billboard 200, die Singles "Ain't Wastin' Time No More" Platz 77, "Melissa" Platz 86 und "One Way Out ebenfalls" Platz 86 der Billboard Hot 100. Wurden die Allman Brothers zumindest in ihrer Frühphase vor allem als Liveband hoch geschätzt, so änderte sich dies mit der Veröffentlichung des nächsten Studioalbums, dem ersten Werk, auf welchem Duane Allman nicht mehr zu hören war: "Brothers And Sisters".

Während der Arbeiten an dem Album "Brothers And Sisters" verunglückte der Bassist Berry Oakley mit dem Motorrad, er war deshalb nur auf den ersten beiden Stücken des Albums zu hören. Da zur gleichen Zeit drei Tourneetechniker ebenfalls verunglückt waren, wurde der ursprünglich geplante Albumtitel "Lighnin' Rod" (Blitzableiter) geändert in "Brothers And Sisters". Das Album war kommerziell überaus erfolgreich und blieb fünf Wochen auf Platz 1 der US-amerikanischen Albumcharts Billboard 200. Die Singleauskopplung "Ramblin' Man" von Dickey Betts stieg bis auf Platz 2 der Billboard Hot 100. Betts schrieb auch den beschwingten Instrumentalklassiker "Jessica", welcher als Singleauskopplung Platz 65 der Billboard Hot 100 erreichte, sowie die Songs "Southbound" und "Pony Boy". Das Frontcover zeigte eine Fotografie von Vaylor Trucks, dem Sohn des Schlagzeugers Butch Trucks, die Rückseite Brittany Oakley, die Tochter des Bassisten Berry Oakley. Die Innenseite zeigte ein grosses Foto von Bandmitgliedern, Roadies, Ehefrauen, Freundinnen und Kindern der Musiker. Die RIAA zeichnete das Album bereits kurz nach Erscheinen mit Gold und im Winter 1995 mit Platin aus. Vor Beginn der Aufnahmen zum nächsten Studiowerk "Win, Lose Or Draw" gab es Spekulationen über eine Trennung der Gruppe. Sowohl Gregg Allman als auch Dickey Betts hatten mit "The Gregg Allman Tour", beziehungsweise "Highway Call" im Jahre 1974 ein Album ihres jeweiligen Soloprojektes veröffentlicht. Die Aufnahmen zu "Win, Lose Or Draw" waren geprägt von den Spannungen und personellen Problemen innerhalb der Band. Es war das letzte Studioalbum der Gruppe vor ihrer ersten Trennung im Jahre 1976 und wurde von Johnny Sandlin und der Band selbst produziert. Im Jahr der Veröffentlichung kam es zu Auftritten im Rahmen der Präsidentschaftskandidatur Jimmy Carters. Das Album erhielt gemischte Kritiken. Bruce Eder schrieb auf Allmusic, dass "Win, Lose Or Draw" eine unerwartet arme Vorstellung wäre und dass ausser dem Stück "Can't Lose What You Never Had" kaum etwas Erstklassiges enthalten wäre. Hingegen schrieb etwa Tony Glover im Rolling Stone Magazin, dass die Gruppe die mit dem ersten Album begonnene Tradition fortsetzen und hier weitere und bessere Lieder ergänzen würde. Es würde mit jedem Hördurchgang neue Feinheiten zu vernehmen sein und das Zusammenspiel wäre so gut wie immer.

Es war einerseits abzusehen, letztlich aber auch nur logisch, dass sich die Band und ihre Plattenfirma Gedanken machen mussten, wie es weitergehen würde. So entschloss man sich, ein weiteres Livealbum zu veröffentlichen, denn trotz aller Spannungen innerhalb der Band und relativ vielen Diskussionen über eine kreative Zukunft der Gruppe wussten alle um die grossen Live-Qualitäten der Allman Brothers Band. "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" wurde ursprünglich als Doppel-LP ein halbes Jahr nach der Trennung der Band im Mai 1976 aufgrund immer grösserer persönlicher Differenzen veröffentlicht. Es war historisch betrachtet das zweite reine Livealbum der Gruppe nach "At Fillmore East" und wiederholte bis auf "In Memory Of Elizabeth Reed" keine von jenem Album bekannten Songs, sondern zeigte grösstenteils Livematerial der letzten beiden Studioalben. Im Gegensatz zum ersten Livealbum fehlte hier der verstorbene Duane Allman als zweiter Gitarrist, der auch nicht durch eine neue Besetzung an der Gitarrenposition ersetzt wurde. Dies führte zu einer Neuausrichtung des Bandsounds, der schon auf den beiden vorangegangenen Studioalben "Brothers And Sisters" und "Win, Lose Or Draw" vorweggenommen wurde. Daher erhielt "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" nie die gleichen herausragenden Bewertungen und Verkaufserfolge wie "At Fillmore East". Der Titel des Livealbums war dem Song "Too Much Monkey Business" von Chuck Berry entlehnt worden. Viele Fans der Livemusik der Allman Brothers erachten die hier präsentierte Version des Bandklassikers "In Memory Of Elizabeth Reed" als die atmosphärischste und gefühlvollste Version dieses Jams. Auch ich bin ein grosser Fan dieser Version, jedoch nicht nur dieses Titels. Entgegen den eher gemässigten damaligen Plattenkritiken konnte ich bis heute kein in sich stimmigeres Livealbum der Allman Brothers ausmachen als "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas". Der Grund lag vielleich darin, dass sich die Band hier in einem stilistischen Umbruch zeigte und einen Gesamtsound vorlegte, den sie weder vorher noch später wieder präsentierten.

Das Live-Album wurde von Capricorn-Chef Phil Walden Ende 1976 als nächstes Doppelabum der Band veröffentlicht, die sich bereits Mitte des Jahres vollkommen zerstritten aufgelöst hatte. Gregg Allman hatte in einem Prozess gegen einen Beschäftigten der Band wegen Drogenhandels ausgesagt und diesen schwer belastet, anstatt sich auf den "Fifth Amendment" der amerikanischen Verfassung zurückzuziehen und die Aussage zu verweigern. Der Rest der Band hatte dies als starken Affront gegen sich selbst gewertet und jegliches weiteres Spielen mit Allman abgebrochen. Der Plattenfirma Capricorn Records ging es zu dieser Zeit sehr schlecht, besonders weil nun auch das Flaggschiff in Form der Allman Brothers Band untergegangen war und damit keine weiteren Alben mehr zu erwarten waren. Von dem Album "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" erhoffte sich Walden starke Verkäufe und damit noch einmal schnelles Geld.

Die Band selbst hatte sich einer Veröffentlichung zunächst verweigert, konnte ihn aber nicht verhindern. Zudem unterstellten Kritiker dem Album durch nur mässigen Mix einen schlechten Sound. Der Schlagzeuger Jaimoe sagte in der Duane Allman Biographie 'Skydog - The Duane Allman Story', dass er das Album die ersten Jahre nach 1976 nicht einmal angehört habe. Nachdem er dies dann auf Rat eines Bekannten irgendwann doch tat, wer er allerdings überrascht, wie gut doch die Aufnahmen waren, die aus fünf Konzerten aus dem Zeitraum von 1972 bis 1975 kamen: dem Winterland in San Francisco (26.11.1973), The Warehouse, New Orleans (31.12.1972), der Summer Jam in Watkins Glen New York (28.7.1973), Bakersfield (22.10.1975) und dem Oakland Coliseum (24.10.1975). Tatsächlich erreichte das Album nur Rang 75 der Billboard Pop Charts und verschwand nach 10 Wochen ganz. Der Jam "In Memory Of Elizabeth Reed" erschien als dritte Live-Version, hier allerdings deutlich mehr keyboardlastig durch das Piano von Chuck Leavell in einem längeren Solo, was ungewohnt klang, wenn man die beiden Versionen aus den Alben "Idlewild South" und "At Fillmore East" kannte. Insgesamt war die teilweise sehr schlechte Kritik über das Album "Wipe The Windows, Check The Oil, Dollar Gas" bestimmt nicht gerechtfertigt, auch wenn die Kritik an der Plattenfirma sicher stimmte, dass diese mit der aufgelösten Allman Brothers Band noch einmal das schnelle Geld machen wollte; und das, obwohl die Band sich gegen eine Veröffentlichung des Albums ausgesprochen hatte. Wenn man sich dieses Doppelalbum heute anhört, so kann man sich darauf wahrscheinlich keinen vernünftigen Reim mehr machen, denn die Aufnahmen klingen wunderschön, sehr relaxed und lassen keinen Moment lang den Gedanken aufkommen, hier wäre eine zerstrittene Band am musizieren gewesen.








Sep 15, 2017


GOLDEN EARRING - Eight Miles High (Polydor Records 656 019, 1969)

Denkt man an die Gruppe Golden Earring, denkt man natürlich zuallererst einmal an ihren grossen Hit "Radar Love", an dem kaum ein Rockfan vorbeikommt. Doch die Geschichte dieser Formation geht sehr weit zurück: Bereits im Jahre 1961 in Den Haag als The Tornadoes von George Kooymans und Rinus Gerritsen, gerade 13 und 15 Jahre alt, gegründet, änderte man den Bandnamen im September 1962 wegen des Erfolgs der gleichnamigen englischen Band The Tornados. Nach einem Lied von Marlene Dietrich aus dem Jahre 1948 nannten sie sich zunächst The Golden Earring“, später vereinfacht Golden Earring. Ihre erste LP "Just Earrings" brachte 1965 bereits den frühen Durchbruch. Die Platte enthielt nicht weniger als drei Top 10-Hits, darunter den Top 2-Hit "That Day". Drei weitere Hits brachte das nur ein Jahr später veröffentlichte Album "Winter-Harvest" für die Band. Musikalisch orientierten sich Golden Earring in den Anfangsjahren an der klassischen 'British Invasion'. Ihre Songs schrieben sie selbst, Hauptsongschreiber war Kooymans zusammen mit Gerritsen.

Vor dem dritten Album gab es dann einige wesentliche Veränderungen. Der Sänger, Gitarrist und Flötist Barry Hay stiess 1967 zu der Gruppe und ersetzte Leadsänger Frans Krassenburg. Gitarrist Peter de Ronde verliess die Band. Stilistisch folgte man auf dem Werk "Miracle Mirror" dem Trend zum Psychedelic Rock. Die Golden Earrings konnten damit ihren Erfolg noch steigern. Mit dem ohne Album veröffentlichten Song "Dong-Dong-Di-Ki-Di-Gi-Dong" hatten sie 1968 ihren ersten Nummer Eins-Hit. Bemerkenswertester Ausdruck dieser Periode war eine 19-minütige Version des Byrds-Titels "Eight Miles High", einem ihrer wenigen Coversongs, das zusammen mit fünf eigenen Songs auf dem gleichnamigen Album enthalten war. "Eight Miles High" offenbarte erstmals das enorme qualitative Potential dieser Gruppe, die bis dahin eher im traditionellen Kurzsong-Schema gespielt hatte. Der überlange Titelsong war vielleicht einer der wenigen Jam-Titel der Band, der in seiner lockeren Spielweise gar entfernt an Bands wie Man, The Grateful Dead oder Sweet Smoke angelehnt war und viele Fans überraschte.

Die kommenden Jahre brachten erneut einige Änderungen. Der Gründungsschlagzeuger Jaap Eggermont verliess die Band - er wurde später ein international erfolgreicher Produzent. Dafür wechselte 1970 Cesar Zuiderwijk, der Schlagzeuger und Perkussionist der Gruppe Livin' Blues zu Golden Earring. Mit Kooymans, Gerritsen, Hay und Zuiderwijk hatte die Band ihre endgültige Besetzung somit gefunden und neben Kooymans wurde Hay zum wichtigsten Songschreiber. Der Bandname verlor das 's' am Ende und so hiess das 1970 veröffentlichte Album nach dem neuen Bandnamen "Golden Earring". Es war ein Nummer Eins-Album und enthielt mit "Back Home" ihren zweiten Nummer 1-Hit. Erstmals hatten sie mit diesem Titel aber auch einen Charts-Hit im Nachbarland Deutschland und in der Schweiz erreichten sie Platz 6. Nachdem der Psychedelic Rock seinen Höhepunkt überschritten hatte, orientierten sich die Niederländer mit diesem Album in Richtung Progressive und Hard Rock und setzten diese Entwicklung und den internationalen Erfolg mit den Alben "Seven Tears" und "Together" fort. 1972 wurden sie von The Who eingeladen, auf ihrer Europatour als Vorgruppe zu spielen. Das Label, bei welchem The Who unter Vertrag waren, verhalf der Band auch zu Aufmerksamkeit über den europäischen Kontinent hinaus.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung und der grösste Erfolg in der Karriere von Golden Earring war dann 1973 das Album "Moontan". Der Hit "Radar Love" machte sie weltweit bekannt. Der von George Kooymans und Barry Hay gemeinsam geschriebene Song kam nicht nur in Deutschland auf Platz 5 und in Grossbritannien auf Platz 7, er wurde auch in den USA veröffentlicht und erreichte Platz 13 der Hot 100. Das Album verkaufte sich dort über eine halbe Million Mal und kam auf Platz 12. Für die Doobie Brothers und Santana wurden sie als Vorband für US-Tourneen engagiert. Der Erfolg machte sie nicht zu internationalen Stars, er war aber nachhaltig und brachte ihnen drei weitere Platzierungen in der unteren Hälfte der US-Albumcharts mit den folgenden Alben. In dieser Zeit experimentierte die Band mit Hard- und Progressive-Rock und versuchte sich auch in Richtung Artrock. Auch versuchten sie es zeitweise mit einer Erweiterung des Line-Ups mit dem Keyboarder Robert Jan Stips von Supersister und mit Eelco Gelling als zweitem Gitarristen.

Die zweite Hälfte der 70er Jahre waren geprägt von den Liveauftritten der Band. Golden Earring etablierte sich als begehrte Liveband, die mit ihrer extrovertierten Bühnenshow und knalligen, auf grossen Effekt abzielenden Soli besonders in den USA beliebt war. Bereits 1969 war Golden Earring die erste bedeutendere europäische Band, die eine grosse Tour durch die Vereinigten Staaten absolvierte. Bis 1984 gingen sie 13-mal für mindestens drei Monate auf Tournee und spielten in über 40 Staaten. In ihrem Vorprogramm traten Bands wie Kiss und Aerosmith auf. Mit Musikerkollegen wie Santana, Led Zeppelin, den Doobie Brothers, Eric Clapton, Pink Floyd und The Who hatten sie gemeinsame Auftritte oder Tourneen. Besonders erfolgreich waren in dieser Zeit die beiden Livealben "Live" und "2nd Live". Obwohl sie sich bei ihrem Studioalbum "Grab It For A Second" mit US-Produzent Jimmy Iovine zusammentaten, liess das internationale Interesse an der Band nach. Er gab ihnen jedoch einen mehr Pop-orientierten Stil vor, den sie auch bei ihren nächsten Studioalben beibehielten. Insgesamt waren die Alben aber nicht mehr so erfolgreich wie in den Jahren zuvor und "Weekend Love" war 1979 der einzige Top 10-Hit in dieser Zeit.

Erst 1982 gelang Golden Earring ein zweiter Höhepunkt. Dank des Musiksenders MTV, der zu der Zeit seinen Durchbruch erlebte, wurde der Song "Twilight Zone" zu einem Top 10-Hit in den USA und damit zu ihrem grössten Hit dort. In ihrer Heimat war es der vierte ihrer fünf Nummer 1-Hits. Das zugehörige Album "Cut" erreichte ebenfalls Platz 1 und in den US-Charts Platz 24. Das nachfolgende Nummer 1-Album "N.E.W.S". mit dem Nummer 1-Hit "When The Lady Smiles" konnte sich, ebenso wie die zwei folgenden Alben, auch in den US-Charts platzieren. Danach endete jedoch Ende der 80er Jahre endgültig die Zeit der grossen internationalen Erfolge der Band. 1991 erschien das Album "Bloody Buccaneers", das ebenso Platz 3 erreichte wie die Singleauskopplung "Going To The Run". Damit waren sie im vierten Jahrzehnt in Folge eine Topband in den Niederlanden. Im Jahr darauf begann mit "The Naked Truth" eine weitere erfolgreiche Serie mit Livealben. Das bei einem Auftritt in Amsterdam aufgezeichnete Album erreichte Platz 2 der Charts und blieb über zwei Jahre in den inzwischen auf die Top 100 erweiterten niederländischen Albumcharts und gehört damit zu den erfolgreichsten Alben der neueren Zeit in ihrer Heimat. Mit "Naked II" (1997) und "Naked III" (2005) und zwei erweiterten Versionen von "The Naked Truth" sowie mit "Last Blast Of The Century" zum Jahrhundertwechsel war die Band bis in die 2000er Jahre hinein mit Liveaufnahmen erfolgreich.

Insgesamt gingen die Albumveröffentlichungen von Golden Earring in den 2000er Jahren aber deutlich zurück. Insbesondere dauerte es acht Jahre, bis 1999 mit "Paradise In Distress" wieder ein Album mit eigenen Studioproduktionen erschien. 2003 wurde "Millbrook U.S.A." veröffentlicht, das im gleichnamigen Ort im US-Bundesstaat New York aufgenommen wurde und Platz 2 der Albumcharts erreichte. Neun Jahre später erschien das bislang letzte Studioalbum "Tits 'n Ass", welches das neunte Nummer 1-Album der Band seit 1969 war. Damit hatten die Niederländer im sechsten Jahrzehnt in Folge mindestens ein Top 5-Album. In den Top 40 Singles-Charts hatten sie fünf Jahrzehnte in Folge ihre Hits platziert. Heute treten Golden Earring, die als Band ein Jahr älter sind als die Rolling Stones, hauptsächlich in den Niederlanden oder auf europäischen Festivals auf, beispielsweise 2006 auf dem Tollwood Festival in München und im Dezember 2006 in Basel. Zur Feier des 45-jährigen Bestehens erschien 2005 ein 350 Seiten umfassendes Buch im LP-Format. 2007 spielte Golden Earring zum zweiten Mal im Rockpalast des WDR in Köln, am 21. März 2009 in Hamburg und am 6. Februar 2010 in Bocholt in ausverkaufter Halle. Im Juni 2012 hatten sie einen Gastauftritt bei der Konzertreihe "Groots met een zachte G" von Guus Meeuwis im Philips-Stadion in Eindhoven. Im Rahmen ihrer 2013-Tournee gaben sie ihr einziges Deutschland-Konzert am 26. Oktober 2013 in der Euregium-Halle im niedersächsischen Nordhorn.

Das Komponistenpaar Kooymans / Hay gründete mit Ring Records ein eigenes Plattenlabel und entwickelte sich zu Produzenten. Sie schrieben und produzierten einige Songs für andere Interpreten, etwa für den Jazzpianisten Jasper van’t Hof oder Anouk. "Radar Love" gilt als Rockklassiker. Die Band White Lion hatte 1989 damit einen Charts-Hit in den USA. Daneben gab es zahlreiche weitere Coverversionen. Das Stück wurde als Hommage an die Band auch von Musikern wie U2 auf deren Konzerten in den Niederlanden gespielt. 2005 wurde "Radar Love" zum beliebtesten Song der Trucker in England und den USA gewählt und war Favorit bei den Lesern von The Washington Post. Ihr Song "Kill Me (Çe soir)" wurde von der britischen Metalband Iron Maiden für die Single-B-Seite von "Holy Smoke" gecovert und erreichte Platz 3 in den britischen Charts.



Sep 14, 2017


THE ORDER OF ISRAFEL - Wisdom (Napalm Records NPR 549, 2014)

Die Geschichte der schwedischen Doom Metal Band aus Göteborg begann 2012 mit dem Gitarristen und Sänger Tom Sutton, der anfangs noch in Japan lebte und mit der Formation Church Of Misery aktiv war. Allerdings strebte er an, in einer traditionellen Doom Metal Band zu spielen. Während Sutton als Gitarrentechniker für für die Band Pentagram arbeitete, lernte er den schwedischen Musiker Patrik Andersson Winberg kennen, der in der Band Doomdogs spielte, die zusammen mit Pentagram auf Tournee war. Beide freundeten sich an und beschlossen, gemeinsam die neue Gruppe The Order Of Israfel zu gründen. Zu diesem Zweck siedelte Sutton nach Göteborg um, da er Japan als ein ungeeignetes Umfeld für eine Doom Metal Band einschätzte. Mit Andersson Winberg am Bass wurde die Besetzung durch den Schlagzeuger Hans Lilja und den Gitarristen Staffan Björck ergänzt. Den Bandnamen bezog Sutton von einem Freund, der Israfel den Gott der Musik nannte. Im Jahre 2014 erschien das Debütalbum "Wisdom".

Der Ueberlieferung zufolge hielt Israfil als einer der vier Erzengel im Islam stets eine Trompete bereit, wenn vom Tod und der Auferstehung verkündet wurde. Der angeblich schönste aller Erzengel ging auch als der Engel der Musik in die Religionsgeschichte ein. Grundsätzlich orientierten sich The Order Of Israfel stilistisch an der ehemaligen Doom Metal Truppe Church Of Misery, erweiterten aber die musikalischen Einflüsse um einige interessante und höchst hörenswerte Stilelemente. Auch griff auf dem Debutalbum "Wisdom" die Geschichte um Tod und Auferstehung. Das Album zeichnete sich jedoch nicht nur durch majestätische Gitarenriffs und pastorale Gesangslinien aus, wie sie Jahre zuvor etwa die Gruppen Candlemass oder Cathedral zelebriert hatten, sondern zeigte vielerlei zusätzliche Einflüsse: Hard Rock im klassischen Sinne genauso wie etwa Folk britischer Ausprägung. Viele hervorragende Alben aus dem Doom Bereich belehnen sich dieser mehrschichtigen stilistischen Hilfsmittel, doch schufen The Order Of Israfel hier dank einem grossen Ideenreichtum und vor allem hervorragender Songarrangements streckenweise eine gewisse Annäherung etwa an das Debutalbum von Black Sabbath.

In einem Interview gab Bandleader Tom Sutton an, dass er versucht hatte, mit "Wisdom" einen Doom Metal zu spielen, der variabler sei, als etwa jener der Band Cathedral. In den Songtexten versuchte er Dinge, die er in seinem Leben gelernt hatte, zu vermitteln. Im Interview mit Tobias Klüter von legacy.de gab Sutton als seine grössten musikalischen Einflüsse die Bands Black Sabbath, Cathedral, Reverend Bizarre, Place Of Skulls, Krux sowie Metallica, Entombed Thin Lizzy, Pentangle, Enya und Soundtracks an. Die Songtexte könne man in zwei Kategorien einteilen: Zum einen fiktive Geschichten und zum anderen Texte mit spirituellen und weltlichen Erfahrungen. Und so unterschiedlich wie die genannten Einflüsse, so weitreichend und stilistisch breit geriet auch das Debutalbum "Wisdom". Eines der Hauptmerkmale des Albums war auch, dass es entgegen des Genre-typischen Merkmals in der Umsetzung, kein Zeitlupentempo-Werk war. Der vielschichtige Charakter des Werks stand auch im Gegensatz zu allem, was Tom Sutton zuvor gemacht hatte. Für ihn waren Cathedral die erste Doom Metal Band, die er gehört hatte und die ihn nachhaltig inspirierte. Cathedral spielten sehr langsame und teilweise unmelodiöse Musik, wohingegen diese aber immer wieder auch durchbrochen wurde von eingängigen und rockigen Momenten mit progressiven Elementen.

Letztendlich war es für die Musiker Sutton und Winberg auch der Glaube an die Kraft, die aus der Vielfalt erwächst, die dazu beitrug, dass sich die beiden Musiker nach einer langen Zeit des sich gegenseitigen Abtastens zusammengetan hatten, um ihre musikalischen Visionen gemeinsam umzusetzen. Zukunftsorientiert meinte Tom Sutton dazu: "Hinter unserem Namen steckt die Idee, dass wir uns der Musik als der höchsten Macht, die Gutes unter die Menschen bringt, verschrieben haben. Jeder Musikfan kann Teil dieser Familie sein, egal ob Metalhead, Klassik- oder Jazzliebhaber. Das Album "Wisdom" belegte auf jeden Fall, dass es sich lohnt, manche Dinge reifen zu lassen. Musikalisch bot "Wisdom" wie bereits erwähnt, keinen klassischen Doom Metal. Zwar atmeten die schweren, dramatischen Zeitlupen-Riffs und der mitunter pastorale Gesang durchaus den Geist von Szene-Ikonen wie Candlemass und anderen. Doch der Sound reichte weit über jenen Rahmen hinaus, der dieses Genre normalerweise zusammenhielt. Etwa mit auffälligen, aber keineswegs aufdringlichen Hardrock-Anleihen. Zudem deutete das schwedisch-australische Quartett schon zu Beginn des Openers "Wisdom" ein feines Gespür für folkige Arrangements an, das sich in der mehr als acht Minuten langen Nummer "The Earth Will Deliver What The Heaven Desires" voll entfaltete. Mit beschwörend düsteren Chorälen und akustischen Gitarren lud die Band hier zum Tanz ums imaginäre Lagerfeuer.

Es gab auf diesem Werk auch viele Tempowechsel, Dynamik, wiedererkennbare, unterscheidbare, perfekt durcharrangierte Songs. Die Wiederholung war hier nicht das zentrale oder alleinige Mittel, um die volle Wirkung zu erzielen. Dem bösen "On Black Wings, A Demon" zum Beispiel wurde durchgängig der harte und kompromisslose Rock gegeben und auch der "Noctuus" mit den Augen einer Ratte und den Flügeln einer Fledermaus versteckte tief in seinen neun Minuten einen aggressiven Ausbruch, der zusammenzucken liess. Bei aller musikalischen Grösse der Geschichtensammlung um Gut und Böse, um Menschen und ihre Dämonen, um Träume und Realitäten, Bewahrung und Zerstörung war das Herzstück auf "Wisdom" jedoch das viertelstündige "Promises Made To The Earth". Das Plädoyer für Mutter Natur präsentierte Ohrwurm-Melodien in ungewöhnlich grosser Menge und im besten Sinne des Wortes und schwang sich zu einem durchgängig spannenden Opus auf, das in seiner Vielseitigkeit ruhigen Gewissens als progressiv bezeichnet werden konnte. Und zum Schluss wurde die Apokalypse verhandelt. Nach der von Tom Sutton eindrucksvoll nachgesprochenen unchristlichen Tirade des Damien Thorn, seines Zeichens des Teufels Sohn aus dem Film 'Omen III', schloss "Morning Sun (Satanas)" dieses Statement in Sachen Rock eindrucksvoll ab. 2016 erschien das zweite Werk der Gruppe The Order Of Israfel unter dem Namen "Red Robes". Während dieser Zeit war die Band auch live zu sehen, wie etwa Mitte 2015 mit den Bands Pentagram und Lucifer in Berlin oder gegen Ende des Jahres in Würzburg auf dem zehnten Hammer Of Doom Festival.





Sep 13, 2017


WOOL - Wool (ABC Records ABCS-676, 1969)

Dieses im Jahre 1969 veröffentlichte und absolut hervorragende Album der aus Watertown New York stammenden Band Wool ist ein schönes Beispiel dafür, wie grosses Talent in Verbindung mit exzellentem Songwriting und auch den perfekten Verbindungen zu Plattenfirmen und Managements trotzdem nicht verhindern konnten, dass eine derart hochklassige Band am Ende scheiterte. Die ganze Geschichte des Musikers Ed Wool liest sich wie eine einzige Misserfolgs-Story, die sich über viele Jahre hinzog. Ed Wool gründete die erste Inkarnation seiner Band bereits Anfang der 60er Jahre, zunächst unter dem Namen Ed Wool And The Nomads. Ed Wool, ein ausgebildeter Gitarrist mit Masterabschluss an der Universität und gleichzeitig ein begnadeter Songschreiber, bezeichnete als seine ersten frühen Einflüsse vor allem die schwarzen amerikanischen Soul- und Rhythm'n'Blues-Musiker der 50er und frühen 60er Jahre. Später, gegen Mitte der 60er Jahre orientierte er sich stärker am sogenannten 'British Invasion' Sound etwa der frühen Kinks, The Who und der Animals. Ed Wool And The Nomads waren in New York und der weiteren Umgebung der US-Metropole ein sehr erfolgreicher Live-Act. Die Gruppe spielte sowohl als Headliner, als auch zusammen mit anderen damals populären Weltklasse-Bands wie beispielsweise mit den Rolling Stones, Mitch Ryder & The Detroit Wheels oder den Young Rascals.

1966 konnte Ed Wool einen ersten Plattenvertrag an Land ziehen, er unterschrieb bei RCA Victor Records und veröffentlichte eine erste Single mit dem Titel "I Need Somebody" mit der B-Seite "Please, Please, Please". Beide Stücke schrieb er selbst und arrangierte sie zeitgemäss in einem recht rockigen Soundgewand, das allerdings eher britisch gefärbt klang, und nicht wirklich dem amerikanischen Garage Poprock folgte. Die Single floppte und wurde kaum verkauft, weshalb sich RCA Victor Records sogleich wieder von der Band trennte. Es folgten zahlreiche personelle Wechsel innerhalb der Band, und irgendwann war Ed Wool noch der einzige verbliebene Musiker in seiner Gruppe. Er nannte seine komplett neue Gruppe fortan The Sure Cure. Unter diesem Namen veröffentlichte Ed Wool auf dem Cameo/Parkway Records Label eine weitere Single mit dem Titel "I Wanna Do It", eine Covernummer aus der Feder von Goldstein/Feldman/Gottehrer, aber auch diese zweite Single floppte und liess sich nicht gewinnbringend verkaufen. Wiederum änderte Ed Wool den Bandnamen und auch die Musiker, um sogleich unter dem Namen The Pineapple Heard erneut mit einer Single zu reüssieren: 1967 brachte er den Titel "Valleri", geschrieben von Boyce & Hart heraus, ein Jahr bevor die Monkees denselben Song veröffentlichten und damit einen Hit verbuchen konnten. Leider war der Version von Ed Wool kein Erfolg beschieden: Auch diese Single, auf dem kleinen Independent Label Diamond Records erschienen, floppte.

Im Frühjahr 1968 krempelte Ed Wool seine Band erneut um, spielte praktisch mit einer komplett neuen Mannschaft nunmehr unter dem simplen Bandnamen Wool viele Konzerte in und um New York und begann schon bald damit, sich von seinen Auftritts-Gagen Stunden in diversen Aufnahmestudios zu buchen, um neue Songs aufzunehmen, von denen er hoffte, einige veröffentlichen zu können. Gleichzeitig war Ed Wool auch auf der Suche nach einer neuen Plattenfirma, welche Interesse an seiner neuen Musik zeigen würde. Schliesslich reichte er die bis dahin bereits aufgenommenen paar Demosongs auch bei der Firma ABC Records ein, und die zeigte sich sehr interessiert und war an einer LP-Veröffentlichung interessiert, falls noch einige weitere Songs in derselben Qualität eingespielt werden würden. Durch die Connections mit ABC Records kam ein Zusammentreffen mit dem Musiker und Komponisten Neil Diamond zustande, welcher sich bereit erklärte, mit Ed Wool gemeinsam weitere Songs zu schreiben, ausserdem begann Wool damit, mit dem Songschreiber und Musiker Margo Guryan im Tonstudio zusammenzuarbeiten. Eigentlich hätten diese günstigen Bedingungen nun auch das richtige Rezept sein müssen, um endlich Erfolg zu haben. Stattdessen passierte erneut das, was bereits bei den vielen Versuchen, kommerziell erfolgreich zu sein, eintraf: Nichts. Die Platte wurde nach dem Erscheinen kaum wahrgenommen und dümpelte einige Wochen lang in den hinteren Rängen der Billboard Top 200.

Lokal betrachtet war die Platte "Wool" allerdings ein grosser Hit bei den Fans der Gruppe. Mehrere Songs des Albums wurden konstant in den verschiedenen lokalen Radiostationen vonNew York City, Upstate und Northern NY ohne Unterbruch gesendet und die Platte verkaufte sich in ihrer musikalischen Heimat New York sehr gut. Letztlich war es unverständlich, weshalb sich die Plattenfirma ABC Records nicht um eine grössere Bekanntheit US-weit für das Album einsetzte. Unverständlich war ebenso, dass sich ABC Records nicht dazu hinreissen liess, eine Single zu veröffentlichen und entsprechend zu pushen, denn dafür hätten sich etliche Titel auf dem Werk hervorragend geeignet. Die Platte bot ein reichhaltiges stilistisches Spektrum, angefangen beim typischen Ostküsten-Rock, über leicht psychedelische Elemente, bis hin zu hervorragenden Pop-Ohrwürmern und einer guten Portion Funk-Rhythmik. Alle Songs waren absolut catchy und tough gemixt, kein Song wurde überproduziert, sondern genau richtig in Dynamik und Gefühl dosiert.

Das grösste musikalische Highlight auf dem Album "Wool" dürfte die Coverversion des Songs "Combination Of The Two" gewesen sein, jenem Titel der Gruppe Big Brother & The Holding Company, den Wool mit ihrer eigenen Variante locker toppen konnten. Sowohl die musikalische Darbietung wie auch der exzellente Gesang von Ed Wool liessen Big Brother's Originalversion schlicht alt aussehen. Speziell erwähnenswert ist auch der wilde und anrüchige Gesang von Claudia Wool in dem Stück und selbstverständlich das hochenergetische verzerrte 'Fuzz Bass'-Solo, gespielt von Ed Barrella. Zum zweitbesten Song des Albums geriet Ed Wool's Eigenkomposition "If They Left Us Alone Now", einer fabelhaften, ziemlich versponnenen Psychedelik-Popnummer im Balladenstil, der sich hervorragend als Singleauskopplung geeignet hätte und der mit Sicherheit auch erfolgreich hätte werden können, wäre er entsprechend beworben worden. Auch das an die damals typischen Stücke von Neil Diamond erinnernde "The Boy With The Green Eyes" verfügte über diesen Hit-Charakter und noch eine weitere Coverversion klang in der Version von Wool wesentlich besser als in verschiedenen anderen Varianten: "Any Way That You Want Me", ursprünglich von The Troggs, gespielt auch von The Liverpool Five und später von Evie Sands, rockte von Wool am besten. Das Album erreichte einen weiteren Höhepunkt zum Schluss, als Wool eine knapp 10-minütige Variante des Titels "Funky Walk" präsentierte, einer Nummer, die ursprünglich von der in Buffalo New York beheimateten Band Dyke & The Blazers stammte. Insbesondere bei dieser ausufernden Nummer zeigte Ed Wool sein grosses Können an der Gitarre.

Nachdem Wool dieses Album insgesamt betrachtet eher erfolglos auf den Markt gebracht hatten, konnten sie eine Handvoll Singles für das Columbia Records Label veröfentlichen, die aber alle samt und sonders floppten. Ed Wool gab danach frustriert auf und hängte seine professionelle Musikerkarriere an den Nagel. Er spielte ab und zu weiter Musik, jedoch nicht mehr im professionellen Rahmen. Er lebte fortan in Albany New York und spielte gelegentlich mit Bluesrock-Freunden an Festen und Parties. Im Jahre 2007 reformierte er dann die Gruppe Wool noch einmal für einen Auftritt am populären Bonnie Castle Resort in Alexandria Bay, New York, wo er mit seinen ehemaligen Bandkumpanen einige der alten Songs aus den 60er Jahren, und natürlich auch von dem hervorragenden einzigen Album von 1969. War bis vor wenigen Jahren ein Original dieser tollen LP nur schwer zu bekommen und wenn, dann auch meist recht teuer, so wurde das Werk im Jahre 2006 auch als restaurierte CD noch einmal aufgelegt (auf dem britischen Label Delay 68).







Sep 12, 2017


KROKUS - Krokus (Schnoutz Records 6326 928, 1976)

Nachdem die aus dem Schweizerischen Solothurn stammende Rockband Krokus ihre Karriere mit verspieltem Progressive Rock begonnen hatte, feierte sie nach einer radikalen Stilkorrektur hin zu geradlinigem, rifflastigem Hard Rock ihre grössten Erfolge in der ersten Hälfte der 80er Jahre. Aufgrund dessen fielen nicht selten Vergleiche mit AC/DC, wenngleich Krokus auch Balladen in ihr Songrepertoire aufnahmen. Die Band erlangte mehrere Platinauszeichnungen und bekam 1983 die Ehrenbürgerschaft von Memphis (Tennessee). Noch grössere Erfolge blieben der Formation allerdings nicht zuletzt wegen der unzähligen Besetzungswechsel in der Bandhistorie verwehrt: seit dem Studioalbum "Hardware" von 1981 wurden sämtliche Nachfolger bis heute in einer jeweils anderen Besetzung eingespielt.

Das im Jahre 2003 veröffentlichte Album "Rock The Block" markierte die Rückkehr der Band in die Erfolgsspur und bescherte Krokus das erste Nummer 1-Album in ihrer Heimat. Seitdem und insbesondere mit der 2008 vollzogenen Wiedervereinigung der Urformation konnte die Band ihren zwischenzeitlich verlorenen internationalen Bekanntheitsgrad wieder erheblich steigern. Dies zeigte sich auch dadurch, dass die bekannte barbadische Pop-Sängerin Rihanna bei einem Livekonzert 2014 ein Oberteil mit einem Krokus-Motiv aus den 80er Jahren trug. Mit den nach der Wiedervereinigung veröffentlichten Alben "Hoodoo", "Dirty Dynamite" und "Big Rocks", die ebenfalls auf Platz 1 der schweizerischen Albumcharts stiegen, konnte die Band auch musikalisch an die erfolgreichen Zeiten von Anfang der 80er Jahre anknüpfen.

Die Gruppe Krokus wurde im Juli 1975 im schweizerischen Solothurn, einem Schmelztiegel vieler damaliger Bands wie zum Beispiel Kaktus, Terrible Noise, Montezuma, Lovely Fleas und Inside, auf Initiative von Chris von Rohr gegründet. Der Name Krokus kam Bandgründer Chris von Rohr schon vorher bei einem Spaziergang im Frühling beim Solothurner Hausberg Weissenstein, als ihm ein durch Schnee und Eis hindurchgebrochener Krokus als erste Blume dieses Jahres auffiel. Da ihm ausserdem auch der Bandname Kaktus gefiel - Kaktus war die erste und zudem zu dieser Zeit bekannteste Rockband in Solothurn, der von Rohr für einen Auftritt als zweitem Schlagzeuger neben Duco Aeschbach auch angehörte - und in Krokus passenderweise auch noch das Wörtchen 'rok', wenngleich ohne 'c', enthalten war, war von Rohr überzeugt, den richtigen Namen für seine zukünftige Band gefunden zu haben. Ihre ersten Proben hielt die neu formierte Band im Keller einer psychiatrischen Klinik in Langendorf, einer Vorort Gemeinde von Solothurn, ab. Die ursprüngliche Besetzung bestand aus dem als Schlagzeuger und Pianisten agierenden Chris von Rohr, dem Leadgitarristen Tommy Kiefer, dem Rhythmusgitarristen Hansi Droz und Remo "Cemu" Spadino am Bass. Gitarrist Kiefer und Bassist Spadino gehörten vorher ebenfalls dem Line-Up von Kaktus an. Das erste Konzert absolvierte die Gruppe als Vorband von Nella Martinetti im Saalbau in Gerlafingen, ebenfalls in der Schweiz. Da der bei diesem Auftritt agierende Sänger Peter Richard, ehemaliger Frontmann und Bassist von Terrible Noise, beschloss, der Band nur noch temporär zur Verfügung zu stehen, übernahmen Chris von Rohr und Tommy Kiefer die meisten Gesangsparts beim Debütalbum "Krokus". Richard sang dennoch zwei Kompositionen des Erstlings ein und beteiligte sich zudem als Songwriter.

Das erste, selbstbetitelte Album "Krokus", das von Peter J. Mac Taggart im Sinus Studio in Bern produziert wurde, erschien schliesslich 1976 und hatte stilistisch noch wenig mit dem riffbetonten Hard Rock zu tun, der die Band später berühmt machen sollte. Verspielte, progressive Klänge waren stattdessen darauf zu hören. Der Veröffentlichung folgten uner anderem zwei Konzerte im Vorprogramm der damals ebenfalls noch weniger bekannten Scorpions, die gerade ihr Album "In Trance" veröffentlicht hatten, im Volkshaus in Zürich und im Kulturcasino in Bern sowie ein Festivalauftritt im schweizerischen Kloten. Dabei präsentierte die Band mit Daniel Debrit einen neuen Frontmann, der aber schon bald darauf wieder die Segel streichen sollte. Von ihrem Debütalbum, das aufgrund seiner Covergestaltung auch als das 'Eisbrecher'-Album bekannt war, produzierte und verkaufte die Band Krokus damals insgesamt lediglich 560 Stück, das war die gesamte Menge der damaligen LP-Pressung. Das Album wurde bis zum heutigen Tage nie offiziell oder gar restauriert wiederveröffentlicht.

Das Debütalbum "Krokus" präsentierte einen recht verspielten Progressive Rock, der da und dort auch schon erste zaghafte und bodenständige Rockanteile aufwies. Auch Folkelemente wurden eingebaut und man wusste schon beim ersten Anhören, dass hier eine sehr vielversprechende Gruppe an den Start gegangen war. Wohin ihre musikalische Riese aber letztlich hinführen sollte, das war auf diesem Werk keineswegs abzusehen, und auch nicht einmal ansatzweise zu hören. Auch das Line-Up gestaltete sich noch erheblich anders: Neben Chris von Rohr, der noch am Schlagzeug sass und teilweise den Gesang übernahm, und Gitarrist Tommy Kiefer, der ebenfalls ein paar Gesangspassagen einsang, komplettierten der Rhythmusgitarrist Hansi Droz und der Bassist Remo Spadino die Formation. Da der eigentlich vorgesehene Sänger Peter Richard, der auch beim ersten Auftritt von Krokus überhaupt am Mikrophon stand, nur zeitweise zu Verfügung stand, verpflichtete man für die kommenden Liveauftritte den Sänger Daniel Debrit. Weil dieser allerdings bald wieder ausstieg, wechselte Chris von Rohr für das Nachfolgeralbum "To You All" vom Schlagzeug ganz zum Gesang. Darüber hinaus trennten sich von Rohr und Kiefer vor den Aufnahmen zum zweiten Album von Droz und Spadino. Komplettiert wurde das Line-Up fortan durch drei Mitglieder von Montezuma, nämlich Gitarrist Fernando von Arb, Bassist Jürg Naegeli und Schlagzeuger Freddy Steady. Das im Sinus Studio in Bern aufgenommene und von Peter J. Mac Taggart produzierte, sogenannte 'Eisbrecher'-Album sollte stilistisch einmalig bleiben und wurde wohl auch aufgrund der späteren musikalischen Ausrichtung nicht mehr wiederveröffentlicht.

Anfang 1977 fusionierten Krokus dann aufgrund mehrerer Anwerbungsversuche von Chris von Rohr mit Montezuma, einer weiteren Band aus Solothurn. Von der ursprünglichen Krokus-Besetzung blieben schliesslich nur Tommy Kiefer und Chris von Rohr übrig. Neu hinzu kamen Rhythmusgitarrist Fernando von Arb, der Hansi Droz beerbte, Bassist Jürg Naegeli, der Remo Spadino ablöste, und Schlagzeuger Freddy Frutig, der später unter dem Namen Freddy Steady weitaus bekannter werden sollte. In dieser neuformierten Besetzung bot sich für Krokus die Gelegenheit sowohl ein paar Konzerte im Vorprogramm der Progressive Rock-Band Tea, der damals auch Marc Storace angehörte, zu absolvieren, als auch einen Auftritt als Vorgruppe von Jane im Volkshaus in Zürich zu spielen. Im Anschluss wurde der erste Teil des wiederum von Peter J. Mac Taggart im Sinus Studio in Bern produzierten Albums "To You All" eingespielt, bevor die Band eine Gastspielreise an die Costa Brava in Spanien unternahm.

In Spanien spielte die Gruppe zunächst einen Monat lang an fünf Tagen der Woche als Hausband in einem Club namens 'L’Arto' in El Port de la Selva, ehe einige Auftritte entlang der Küste folgten. Während dieser Konzertreise entstanden dann auch die übrigen für das Album "To You All" benötigten Songs, die schliesslich nach der Rückkehr in die Schweiz wiederum im Sinus Studio in Bern aufgenommen wurden. Die Musik war inzwischen deutlich mehr auf das Wesentliche reduziert und weniger verspielt, was auch "Highway Song", die erste Single der Bandgeschichte und zudem der Eröffnungstitel des zweiten Albums, deutlich zeigte. Dieser Song markierte auch dank eines Videodrehs, wofür extra ein Autobahnabschnitt für den Verkehr gesperrt wurde, den ersten kleinen Hit für die Band in der Schweiz. Nach der Veröffentlichung des Albums folgte eine Tour durch die heimische Alpenrepublik, wiederum als Vorband von Rumpelstilz. Danach etablierten sich Krokus als Riff Rock Band, die weltweite Erfolge feiern konnte und deren Erfolg bis heute anhält.











Sep 11, 2017


QLUSTER - Echtzeit (Bureau B Records BB212, 2016)

Cluster war und ist einer der grossen Namen des deutschen Krautrocks, aber insbesondere auch der elektronischen Musik. Während man stets von der Berliner Schule und in diesem Zusammenhang von Tangerine Dream, Klaus Schulze oder der Düsseldorfer Schule mit Kraftwerk, Neu! oder La Düsseldorf als deren populärsten Vertretern sprach, standen Cluster künstlerisch vollkommen autark daneben. Ihre Musik entzog sich jeder Kategorisierung, und das tut sie in der inzwischen dritten Namensinkarnation bis heute. Ausserdem halfen sie dem Musikstil Industrial, dem typischen Ambient Sound und einigem mehr als die sogenannten 'Godfathers of Elektro' entscheidend auf die Sprünge. 1969 gründeten die drei Musiker Conrad Schnitzler, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius die Band unter dem Namen Kluster. Ihre ersten drei Alben waren vollgepackt mit Experimenten, teils atonalen Klängen, ungewöhnlichen Rhythmen und einer steinzeitlichen Urform des Progressive Rock. Ihre Musik klang avantgardistisch und sowohl der Zeit, als auch der gängigen Musiktrends entgegengesetzt.

Die Musik bürstete radikal alle Hörgewohnheiten gegen den Strich. Ausser Tangerine Dream's "Electronic Meditation" von 1970, an dem neben Klaus Schulze auch Conrad Schnitzler mitwirkte, gab es nichts Vergleichbares. Besonders in Amerika, in England und Japan genossen diese Frühwerke einer musikalischen Revolution der Klänge grenzenlose Bewunderung; egal ob Titel wie "Klopfzeichen", "Zwei-Osterei" oder "Eruption", und diese Bewunderung dauert bis heute an. 1971 jedoch war die Zeit des Trios vorbei. Conrad Schnitzler verliess die Band. Roedelius und Möbius machten im Duo als Cluster weiter. Als heimliches drittes Bandmitglied konnte man ab diesem Zeitpunkt auch Conny Plank bezeichnen. Der legendäre Toningenieur und Produzent brachte bis zu seinem Tod viele Ideen in die Musik der verschiedenen Cluster-Varianten ein. Seine Rolle wuchs weit über den Status eines Produzenten hinaus. Während die deutsche Medienlandschaft sich noch überfordert zeigte, reagierten beispielsweise englische Musikzeitschriften bereits begeistert auf den von Cluster präsentierten "Space Music, Industrial Noise, Proto-Ambient Atmospherics, Feedback-Soundwash".

Ab 1973 fusionierten Cluster mit Michael Rother, der zuvor bei den ebenfalls als Elektronikpioniere gefeierten Kraftwerk und nach einem Gastspiel bei der Gruppe Neu! zur neuen Gruppe Harmonia und entdeckten den Pop für ihre elektronischen Sounds. Neben den beiden in dieser Zeit entstandenen Platten veröffentlichen Cluster 1974 ihren Klassiker "Zuckerzeit". Das Album klang deutlich anders als das, was die Musiker zuvor und danach aufnahmen. Zu einem Motorik Beat, wie ihn Neu! erfanden, gesellten sich zwar fremdartige, aber doch eingängige, durchaus als angenehm empfundene Elektroniksounds. Doch Cluster waren damit längst nicht am Ende ihrer Innovation angelangt. 1977 arbeitete das Duo Roedelius und Möbius intensiv mit dem ehemaligen Roxy Music-Musiker Brian Eno zusammen. "Cluster & Eno" war der erste Teil dieser insbesondere im Ambient-Bereich angesiedelten, äusserst fruchtbaren Zusammenarbeit. Mit Gastmusikern wie etwa Holger Czukay von Can tauchten sie tief in jene sphärischen Klanglandschaften ein, die man heute als Ambient kennt. Die zweite Platte dieses kreativen Gespanns mit dem Titel "After The Heat", wartete sogar mit Gesang von Brian Eno und einer grösseren stilistischen Bandbreite auf.

Für beide Seiten zahlte sich die gemeinsame Arbeit letztlich aus. Der Superstar Eno brachte Cluster deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit. Eno wiederum lernte von den deutschen Kollegen alles, was er kurz darauf mit David Bowie nutzen würde, um dessen Album "Low" zu erschaffen. Neben La Düsseldorf oder Neu! gehörten Cluster zur grössten Inspiration des britischen Musikers. In den folgenden Jahren gab es diverse Platten und unzählige Kollaborationen mit anderen Künstlern. Doch nichts von alledem konnte qualitativ so richtig mit dem bereits so früh Erreichten konkurrieren. Möbius und Roedelius konzentrierten sich immer stärker auf ihre teils grossartigen Soloplatten. Ende 2010 verkündet Roedelius nach einer finalen Show das Ende von Cluster. 2011 erfolgte jedoch bereits eine dritte Umbenennung und Umbesetzung. Als Qluster führten Hans-Joachim Roedelius sowie der Musiker und Tontechniker Onnen Bock die Band fort. Im selben Jahr erschien deren erstes Album "Fragen", dem noch im selben Jahr mit "Rufen" (2011), "Antworten" (2012), "Lauschen" (2013) und "Tasten" (2015) vier weitere Werke folgten. Hans-Joachim Roedelius, Onnen Bock und Armin Metz waren nunmehr Qluster, die inzwischen dritte Inkarnation eines Musikprojekts, das 1969 ins Leben gerufen worden war. Seit 2013 waren Qluster wieder ein Trio: Mit Armin Metz stiess ein Musiker dazu, der als experimentierfreudiger und virtuoser Bassist bekannt ist, bei Qluster aber vor allem Tasteninstrumente spielte. "Echtzeit" war nach dem reinen Piano-Werk "Tasten" (2015) ein Album, auf welchem sich Qluster wieder verstärkt ihrem elektronischen Equipment bedienten. Wobei Roedelius' Lieblingsinstrument, der Flügel, auch zu seinem Recht kam. Weite Teile des Albums wurden in einer Kirche aufgenommen.

Das Prinzip des Schaffensprozesses war und ist bei Kluster, Cluster und schliesslich
Qluster seit je dasselbe: Musikalische Strukturen entstanden aus dem Augenblick heraus. Die Stücke ihrer Alben waren und sind auch heute noch Passagen aus langen Improvisationen, die eine besondere Atmosphäre und stimmige Muster oder Verläufe aufweisen. Das spielerische Experimentieren mit neuen Instrumenten und Effekten oder Klangeinstellungen birgt häufig den kreativen Zündfunken. Trotz der hohen Experimentierfreudigkeit wäre das Wort Experimentalmusik aber fehl am Platz. Dissonanzen, Geräusche oder Glitch-Sounds fehlen weitgehend. Das Werk "Echtzeit" zum Beispiel ist durchgängig harmonischer, zugänglicher als die elektronischen Vorgängeralben.
Bereits ihr 2013 erschienenes Album "Lauschen" zeigte die Richtung an, in die Qluster sich bewegten. "Echtzeit" wurde zu einer kontemplativen, reifen, intelligenten Elektronikmusik, die den Hörerkreis des Trios nach all den vielen Jahren noch einmal deutlich erweitern konnte.











Sep 9, 2017


THE DARKSIDE - All That Noise (Situation Two Records SITU 29, 1990)

Zu Anfang der 80er Jahre kam es im Zuge der Punk-Bewegung zu einem Revival, das als Neo-Psychedelia bezeichnet wurde. Hierzu zählten neben Vorläufern wie der amerikanischen Band Chrome insbesondere auch die britischen Bands The Soft Boys und die Television Personalities. In Deutschland gehörten die 39 Clocks zu den frühesten Vertretern der Neo-Psychedelia. Auslöser des Revivals waren zum einen die Wiederveröffentlichung alter Aufnahmen aus den 60er Jahren auf Kompilationen, wie zum Beispiel der "Nuggets"-Zusammenstellung von 1972, die 1976 in einer neuen Auflage erschienen war. Auch die Zusammenstellungen der "Pebbles"-Serie von 1979 und das damit einhergehende Garagenrock-Revival, bei dem es viele Überschneidungen zum Psychedelic Rock gab, waren Mitauslöser der neuen Musikstilrichtung. Zum anderen waren vor allem in Grossbritannien Revivals wie das Mod-Revival, das Rockabilly-Revival und damit verbunden dessen Neuausrichtung unter dem Begriff Psychobilly oder das Ska-Revival modern geworden. Die Neo-Psychedelia folgte als ein weiteres Revival diesem Trend.

In den 80er Jahren wuchs das Revival des Neo-Psychedelic um unzählige Bands, von denen die meisten von der grossen Rockwelt unbeachtet im Untergrund wirkten. Spezialisierte Fanzines wie das britische 'Bucketful of Brains' oder das deutsche 'Glitterhouse' dokumentierten die Szene. In Los Angeles entstand eine der bekanntesten dieser Szenen, die unter der Bezeichnung Paisley Underground zusammengefasst wurde. Zu deren bekannteren Vertretern gehörten unter anderem die Bands The Dream Syndicate, The Bangles und Green On Red. Weltweit gründeten sich immer mehr Bands, die diesen rundum erneuerten Psychedelic Rock imitierten oder zu einem ihrer Haupteinflüsse machten, darunter Bands wie The Darkside, The Fuzztones, The Flaming Lips, Spacemen 3, Spiritualized und Temples. Aus Australien stammten The Church, in Neuseeland waren es The Chills und in Deutschland waren es die Kastrierten Philosophen, die ein wenig bekannter waren.

The Darkside waren eines der vielen Side Projects der Gruppe Spacemen 3, die zu den interessantesten und wohl auch populärsten Underground Neo-Psychedelic Bands gehörten. Sie waren auch eine der ersten Bands, die als Drone Rockers bekannt geworden waren und somit neben dem Psychedelic Rock auch noch dem später aufstrebenden Drone Rock als wichtiger Ursprung galten. Die Gruppe wurde lanciert vom Spacemen 3 Bassisten Pete 'Bassman' Bain, der die Band in seiner Heimatstadt Rugby in England ins Leben rief. The Darkside hiess die neue Band, die er im Jahre 1989 zusammen mit Sterling "Rosco" Roswell gegründet hatte. Beide waren zuvor bei Spacemen 3 aktiv gewesen, Bain als Bassist, Roswell als Schlagzeuger. The Darkside wurden komplettiert durch den Sänger Nick Hayden und den Gitarristen Kevin Cowen. Die Band erhielt schon kurze Zeit nach der Gründung einen Plattenvertrag mit Situation Two Records angeboten, dem Independent-Sublabel von Beggars Banquet Records. Nach der Veröffentlichung einer ersten EP verliess Hayden die Band während einer Tournee durch England. Der Bassist Pete Bain übernahm daraufhin zusätzlich auch den Gesangspart.

Nach einer weiteren EP erschien im Spätsommer 1990 das Debütalbum "All That Noise", nach dessen Veröffentlichung der Multi-Instrumentalist Roswell vom Schlagzeug an die Keyboards wechselte. Als neuer Schlagzeuger wurde Craig Wagstaff verpflichtet, sodass die Band wieder als Quartett fungierte. In einer Plattenkritik des Debütalbums "All That Noise" sah Ned Raggett auf Allmusic eine handwerklich solide Psych/Noise/Folk-Rock-Platte, die stilistisch sehr eng an Bains und Roswells Vorgängerband Spacemen 3 angelehnt sei und dieser gegenüber keine Eigenständigkeit aufweise. Statt Existierendes musikalisch zu erweitern, ahmte es The Darkside nur nach. Raggett vergab 2,5 von 5 Sternen. Das dürfte manchen Fan und Musiker jedoch nicht sonderlich beeindruckt haben, denn unter Insidern genoss das Werk einen hervorragenden Ruf, den die Gruppe mit einer eher zurückhaltenden und eher versponnenen Psychedelik erreichen konnte, die eher an einen kuscheligen und warmen Flokati-Teppich erinnerte, als an einen kreuzbunten und schwer greifbaren LSD-Trip.

Bereits der lange Opener der Platte "Guitar Voodoo" strahlte eine Art Magie aus, die nur schwer fassbar war. Dieses sich über mehr als 6 Minuten ergiessende Instrumentalstück bot eine herrliche Trip-artige Musik, wie sie vor allem Ausgangs der 60er Jahre von vielen damaligen Vertretern vor allem der amerikanischen psychedelischen Musik präsentiert worden war. Das Stück hätte auch gut von den 13th Floor Elevators oder Bubble Puppy stammen können. Das nachfolgende "Found Love" war ein herrlich poppiges typisch britisches Psychedelik-Popstück, das an die 60er Band Nirvana erinnerte. So richtig atmosphärisch wurde es dann beim dritten Song "She Don't Come" und einer herrlich abgehobenen Melodie, die einerseits sehr prägnant und somit mit hohem Wiedererkennungsfaktor ausgestattet war, andererseits an die psychedelischen Momente der Gruppen The Paisleys oder The Kites erinnerte. Einer der Höhepunkte des Albums folgte mit der Zeitlupen-Geschichte von "Love In A Burning Universe". Hier strahlte der Drone-Stil, allerdings noch in zaghaftem akustischem Kleid ohne die typischen späteren Feedback- und Fuzz-Elemente, sondern in sanften, fast schon in Watte getauchten Doors-Orgeleien. Das Stück wirkte angenehm abgehoben, stressfrei und herrlich fliessend.

Gegen Ende des Albums präsentierten The Darkside schliesslich zwei weitere Highlights, die man vielleicht nicht mehr unbedingt erwartet hätte: das rhythmisch anmachende "Soul Deep", eine forcierte Psychedelik Funky Jam, die sich sehr viel instrumentalen Freiraum gönnte, sowie das wiederum eher träumerisch und versponnen wirkende Zeitlupenstück "Waiting For The Angels", das noch einmal das typische Doors-Feeling deren früher Tage aufblitzen liess. Insgesamt war dieser Einstand äusserst gelungen, denn nicht manche der vielen Neo-Psychedelic Bands orientierten sich dermassen stark am originalen Psychedelic Pop und Rock der ausgehenden 60er Jahre wie The Darkside dies auf ihrem Debutalbum taten. Die Songs wurden im August 1990 im Studio The Abbatoir in Birmingham aufgenommen und von Richard Waghorn und der Band The Darkside produziert.

Für das Nachfolgealbum "Melomania" notierten die Musikkritiker wiederum Anleihen an den typischen Spacemen 3 Sound, jedoch mit deutlich mehr Eigenständigkeit. Die Band kreiere aus einer Vielzahl von Stilen etwas Komplexes und Eigenständiges, statt sie wie beim Vorgänger nur zu kopieren. Der Musikkritiker Ned Raggett bezeichnete das Album als vergrabene frühe 90er Jahre Perle und vergab nun 4 von 5 Sternen. Der Trouser Press-Rezensent Ira Robbins kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Er hob die stilistische Nähe zu den Spacemen 3 hervor, die auf dem ersten Album stärker sei als auf dem zweiten. "All That Noise" sei vor allem eine von den Doors beeinflusste atmosphärische Platte mit kunstlosem Gesang und schwachem Songwriting, dem die obsessive Intensität der Spacemen 3 fehle.

Über "Melomania" schrieb er, das Album sei der zweite vergebliche Versuch Bains, richtig gestimmt zu singen, die Musik der Band sei zusammenhangslos und unüberzeugt und ihre kompositorischen Ideen seien abgenutzt. Obschon die Fans die Musik von The Darkside sehr mochten und auch mir persönlich die Band noch heute als eine der schönsten der damaligen Neo-Psychedelik-Welle in Erinnerung geblieben ist, hielt es die Band nicht lange, bevor sie sich neuen und anderen Projekten widmete. Nach der Veröffentlichung des zweiten Studioalbums "Melomania" verliess der Gitarrist Cowen die Band, woraufhin Bain für Aufnahmen zusätzlich die Gitarrenarbeit übernahm. Ihre Plattenfirma Situation Two Records verweigerte nach Sichtung des Demomaterials die Veröffentlichung eines dritten Albums, woraufhin sich The Darkside auflösten. Laut Pete Bain waren die verbliebenen Mitglieder desillusioniert ob des schlechten Images der Band in der Musikpresse.

Bain und Roswell sind seit der Auflösung von The Darkside als Solokünstler tätig, Bain veröffentlichte ausserdem in der zweiten Hälfte der 90er Jahre mit der Gruppe Alpha Stone vier Alben. Wagstaff war in den 2000er Jahren als Perkussionist auf zwei Alben von Richard Ashcroft zu hören. Im Mai 2017 kündigte Bain in einem Interview an, gemeinsam mit Roswell an einer Retrospektive des Darkside-Schaffens zu arbeiten.